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Chaco #62: Der Herr von Montana Clay

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Herr von Montana Clay

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Herr von Montana Clay

Chaco #62

Western von Carson Thau

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Sheriff Benton befürchtet in Somers einen Weidekrieg und bitte insgeheim Chaco um Hilfe. Als der eintrifft, gelingt es ihm zunächst nicht, die beiden Rancher von Montana Clay und Jeremiah-Heights zur Vernunft zu bringen, denn der Tod eines der Söhne steht zwischen ihnen. Chaco bemüht sich, die Hintergründe herauszufinden und trifft auf unglaubliche Zustände.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Tom Roberts

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Reed Bowman – Der plötzliche Tod seines Sohnes hat den Rancher völlig verwirrt.

Mort Briskin – Er und seine Familie sind das Opfer eines teuflischen Komplotts.

Sheriff Benton – Vor seinen Augen braut sich ein Unheil zusammen – doch das Gesetz bindet ihm die Hände.

Earl Shasta – Der clevere Vormann schürt die Glut im Verborgenen.

Chaco – Das Halbblut ahnt die Wahrheit – doch die Beweise müssen erst erbracht werden.

 

1

An dem Tag, an dem Chaco in Somers einritt, bereiteten sie eine Lynchparty vor. Als er den Morgan-Hengst die staubige Main Street hinauftrieb, erblickte er zwei Männer, die einen Kastenwagen rückwärts aus der Scheune des Mietstalls bugsierten. Gleich neben ihnen thronte ein Riese von einem Mann auf dem Rücken einer wuchtigen Percheron-Stute, das Gesicht rot angelaufen vor Ungeduld. Chaco zügelte den Hengst vorm General Store, stieg ab und machte ihn am Haltebalken fest.

Ein alter Mann saß auf dem Stepwalk und schnitzte mit einem rostigen Messer an einem Stück Holz herum.

„Was ist hier los?“, fragte Chaco.

Der Alte blickte aus entzündeten Augen zu ihm auf. „‘ne Lynchparty“, sagte er und hobelte mit dem Messer drauflos. „Reed Bowman – das ist der Große da hinten auf der Stute – hat, Briskins Söhne dabei erwischt, wie sie Hackfleisch aus Montana Clay-Vieh machten.“

„Und da hängt er sie einfach auf?“

Der Alte spuckte aus. „Nur einen, Fremder. Jeff ist noch mal davongekommen. Der Montana Clay-Mann, der ihm dabei half, sitzt jetzt vermutlich auf der Jeremiah-Heights-Ranch und versäuft seine Belohnung in Naturalien.“

Chaco blickte die Straße hinauf, wo Bowman noch immer voll Ungeduld das Bugsieren des Wagens befehligte. Aus dem First der Scheune ragte ein Balken hervor. Normalerweise benutzte man ihn, um Heu daran hochzuziehen. Der Wagen wurde genau unter diesen Balken in Position

gebracht.

Der Ehrengast der Party, ein schmaler, ziemlich junger Mann mit zerzausten Haaren, stand unter der Bewachung von drei Montana Clay-Männern. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt.

„Passiert das hier jeden Tag?“, fragte Chaco.

„Nö“, erwiderte der Alte gelangweilt. „Noch nicht mal im Jahresdurchschnitt. Wurde wieder mal

höchste Zeit.“

Er schlurfte den Stepwalk entlang auf die Scheune zu, die kraftlosen Schultern nach vorne hängend.

Chaco holte ihn mit zwei, drei Schritten ein. Sein blauschwarzes Haar glänzte in der Sonne.

„Weiß der Sheriff davon?“

„Man sagt, dass er den anderen Jungen draußen in den Bergen versteckt hält.“ Der Alte kicherte trocken. „Das sagt man zumindest.“

Chaco wich den Menschen aus, die an ihm vorbei zu der Hinrichtung eilten. Er stieg auf den Stepwalk, und seine dunkelbraunen, durchdringenden Augen nahmen an der Menge Maß, die sich ansammelte. Es waren ungefähr fünfzehn. Sechs davon vermutlich Montana Clay-Männer, der Rest sensationsgierige Zuschauer.

Währenddessen stießen die Bewacher den Jungen unsanft auf den Wagen zu, und Bowman warf ein gelbliches Manilahanfseil über den vorstehenden Balken.

Die Sache stinkt, ging es Chaco durch den Kopf.

Er zog seine Winchester aus dem Sattelschuh des Morgan-Hengstes. Dann ging er bis zum Ende des Stepwalks, sprang hinab und überquerte die Seitengasse. Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit; alle starrten sie auf den Jungen, der vor ihren Augen gehängt werden sollte.

Im Schatten des Photogeschäfts blieb Chaco stehen, die Winchester im Anschlag.

„Ihr habt euren Spaß gehabt, Leute“, sagte er ruhig, aber laut genug, dass es jeder hörte. „Geht jetzt nach Hause.“

Einer der Montana Clay-Männer erblickte ihn als erster und richtete sich drohend auf. Bowman, der langsam erfasste, dass in seinem Rücken etwas nicht in Ordnung war, riss seine Stute herum.

Seine Mundwinkel zuckten, als er Chacos Winchester erblickte und die Gefahr begriff, die davon ausging.

„Das ist hier nicht dein Bier, Fremder“, sagte er mit belegter Stimme. „Also spuck nicht rein.“

Chaco bewegte den Lauf der Winchester hin und her. Er glitzerte kalt im Licht der Sonne. Zwei oder drei der Zuschauer machten sich aus dem Staub.

Bowmans grüngraue Augen schienen Funken zu versprühen, als er Chaco musterte – den muskulösen Oberkörper des Halbbluts, seine sehnigen Schultern und schmalen Hüften – den Army-Colt an seiner Seite.

„Seien Sie doch vernünftig“, sagte er dann. „Wir haben den Kerl da erwischt, wie er zusammen mit seinem Bruder Montana Clay-Vieh niedergemetzelt hat. Wenn einer meiner Männer nicht so nachlässig gewesen wäre, hätten wir alle beide. Sehen Sie jetzt ein, wieso wir diesen Kerl einfach hängen müssen?“

Chaco blickte durch Bowman hindurch, als ob er aus Glas wäre. Ein schlaksiger Montana Clay-Mann stand hinter Wyatt Briskin.

„Bind ihm die Hände los!“, rief Chaco. „Ja, du! Mach schon!“

Der Mann blickte zu seinem Boss auf, als erwarte er einen Befehl von ihm. Das hätte er nicht tun sollen. Die Winchester glitt kaum sichtbar in Chacos Linke, und nur Sekunden später blitzte der Army-Colt in der Rechten auf. Noch ehe das Echo des Schusses verklungen war, stak die Waffe schon wieder in ihrem Holster. Dem Montana Clay-Mann fehlte sein rechter Absatz. Blass geworden humpelte er zu dem Jungen und schnitt die Stricke durch.

„Komm hier ‘rüber! Neben mich!“, rief Chaco, und der Junge beeilte sich.

In diesem Moment verlor Bowman die Beherrschung. Er stieß wüste Beschimpfungen aus und wollte sich aus dem Sattel fallen lassen, um in der Deckung des Pferdes seine Colts zwischen die Finger zu bekommen.

„Halt!“, schrie Chaco, und eine Kugel aus seiner Winchester riss dem Mann den Hut vom Kopf.

Bowman erstarrte auf halbem Weg. Bewegungslos verfolgte er, wie Chaco und Wyatt Briskin um die nächste Ecke verschwanden. Dann verließ er die Main Street und seine Männer mit ihm.

 

 

2

Das Sheriff-Office war so sicher wie irgendein anderer Platz, und während Chaco vor der Tür Ausschau hielt, ließ sich Wyatt Briskin im Büro erschöpft in einen Sessel sinken.

„Das war verdammt knapp“, sagte er mit immer noch zitternder Stimme.

Chaco brummte etwas Unverständliches und behielt weiterhin die Straße im Auge.

„Da kommt der Sheriff mit drei anderen“, sagte er etwas später.

Wyatt, der neben ihn getreten war, nickte. „Mein Bruder Jeff und Vater. Benton hat ihnen Bescheid gesagt. Als es Jeff gelang, nach Jeremiah-Heights auszureißen, da wusste ich, dass sie mich nicht im Stich lassen würden.“

„Trotzdem wären sie ein bisschen spät dran gewesen“, sagte Chaco und grinste.

Die vier stiegen ab, und es fiel Chaco auf, dass der kleinste der Gruppe, der einen Buscadero-Gurt mit zwei Colts trug, wie ein Kind aussah.

„Dad muss mit dem Schlimmsten gerechnet haben“, sagte Wyatt und lachte. „Er hat sogar Ruby mitgebracht.“

Erst jetzt erkannte Chaco, dass der letzte des Briskin-Trios eine Frau war. Als sie den Haltebalken umging, wölbte sich ihre Bluse über den Brüsten.

Sheriff Benton trat als erster ein. Er blickte Chaco fragend ins Gesicht.

„Das ist Mister – äh – den Namen weiß ich nicht“, sagte Wyatt Briskin. „Aber er hat mir das Leben gerettet.“

„Dann sind Sie gerade im rechten Moment bei uns aufgetaucht.“ Der Sheriff reichte Chaco die Hand. „Willkommen in Somers, Mister …“

„Chaco.“ Das Halbblut ergriff die Hand des Sheriffs.

Die Männer blickten sich in die Augen. Sie kannten sich, ohne sich je gesehen zu haben. Der Sheriff hatte Chaco angeheuert, weil ihm die Probleme in seinem Distrikt über den Kopf wuchsen. Die Anwerbung war indirekt abgelaufen, brieflich und über gemeinsame Freunde. Benton sah Chaco heute zum ersten Mal. Es war Teil ihrer Vereinbarung, dass Chacos Rolle geheimgehalten wurde.

Ruby Briskins Augen waren so braun wie die ihres Bruders. Sie glitten über Chacos Körper, und ihnen gefiel, was sie sahen. Mort Briskin, ihr Vater, schüttelte Chaco die Hand vor lauter Dankbarkeit so lange, bis sie dem Halbblut weh tat.

Wenig später verabschiedete sich die Familie Briskin und machte, wie sie erklärten, noch einige Besorgungen im Ort, um dann auf ihr Anwesen, die Jeremiah-Heights-Ranch, zurückzukehren.

 

 

3

Ein Mann taumelte aus dem Alhambra Saloon, wankte über die Main Street und schlug vor dem Büro des Sheriffs lang auf den Stepwalk.

„Er ist nicht betrunken“, sagte Benton zu Chaco. „Ich hab‘ noch nie erlebt, dass Terry Landry den Hals mal voll gekriegt hätte. Ich glaub eher, dass Bowman ihn durch die Mangel gedreht hat.“

In diesem Moment stolperte der Mann durch die Tür. Sein ganzes Gesicht war verquollen von den Schlägen.

„Montana Clay ist für mich gestorben“, presste er hervor. „Falls Sie ‘nen Deputy brauchen, Sheriff: Vereidigen Sie mich. Wenn ich erst mal fertig bin mit Bowman, dann wird er sich wünschen, er hätte seine Fäuste bei sich behalten.“ Für ein paar Sekunden stand er benommen in der Tür. „Ich kann allerhand über Montana Clay erzählen“, prahlte er dann. „Nehmen wir nur mal …“ Ein Revolverschuss riss ihm den Rest von den Lippen. Er fiel vornüber auf den Boden des Sheriff-Office.

Sheriff Benton stand mit gezogenem Colt hinter dem Fenster. Er sah einen Schatten von einem der gegenüberliegenden Häuserdächer gleiten und im Gewirr der Hintergassen verschwinden. Benton legte kurz auf den Flüchtenden an, zögerte und ließ den Colt wieder sinken. Er war nicht der Mann für diese Art Probleme.

Deswegen hatte er Chaco kommen lassen.

Das Halbblut stand von Landry auf. „Er lebt. Passen Sie in Zukunft gut auf ihn auf, Sheriff.“

Aus den Hintergassen erklangen Schüsse. Wenig später stürmte Jeff Briskin mit rauchendem Colt ins Sheriff-Office.

„Wir haben ihn erwischt“, keuchte er. „Den Kerl, der auf Landry geschossen hat. Er ist nicht aus Somers.“

„Das heißt, dass Bowman Revolvermänner anheuert“, sagte Benton besorgt.

„Solange wir mit ihnen fertig werden, macht das gar nichts.“ Grinsend steckte Jeff seinen Colt weg. „Mister Chaco, kommen Sie mit auf unsere Ranch? Vater hat Sie herzlich eingeladen.“

„Ja, tun Sie das doch.“ Benton machte sich offensichtlich Sorgen um die Sicherheit der Briskins und wollte Chaco deswegen in ihrer Nähe wissen. „Ich kümmere mich inzwischen um Landry. Sobald er wieder in Ordnung ist, wird er uns zur Verfügung stehen. Wenn er früher keinen richtigen Grund hatte, gegen Montana Clay zu kämpfen – jetzt hat er ihn.“

 

 

4

Chaco ritt neben Mort Briskin durch den Diamond Snail Creek nach Norden. Die drei jungen Briskins ritten voraus. Dieser Teil des Estacada Valleys war flach und erstreckte sich von den rötlichen Spitzen der Rockys im Westen bis zu den kleineren Chouteau-Hügeln im Osten. Wagen- und Pferdespuren hatten eine Art Trail in dem sonst hüfthohen Gras entstehen lassen.

„Montana Clay liegt drüben bei den Chouteaus“, sagte Briskin mit einer ausladenden Armbewegung. „Bowman gehört so ziemlich der ganze östliche Teil des Tals. Vor zwanzig Jahren besaß er erst ein Viertel seiner heutigen Ranch. Bei mir sieht es ähnlich aus – im Westen. Wir haben uns beide abgerackert und haben‘s zu was gebracht.“ Er biss ein Stück von seinem Kautabakpriem ab. „Trotzdem sind wir nie gute Nachbarn geworden. Reed kann Leute nicht leiden, die es ihm gleichtun.“

„Und deswegen hängt er seine Nachbarn auf?“, fragte Chaco provokativ, denn er glaubte, dass auch Briskins Weste nicht ganz rein war.

Briskin spuckte einen Mund voll Tabaksaft aus. „Reed hatte mal einen Sohn“, erklärte er. „Er hieß Julio.“ Er hob die Schultern und blickte dabei auf die Stelle zwischen den Ohren seines Pferdes. „Der Junge war in Ordnung, ich meine: Wenn man bedenkt, was er für einen Vater hatte. Er hatte sich da so ‘ne Sache mit Ruby in den Kopf gesetzt, und ich zeigte ihm, wo‘s lang ging.“

Die ganze Zeit schwang ein um Verzeihung bittender Ton in Mort Briskins Stimme mit. „Verdammt!“, fuhr er fort. „Als ob ich nicht das Recht hätte, mich darum zu kümmern, wer Umgang mit meiner Tochter pflegt.“

„Was meinte Ruby dazu?“

„Julio war ihr wohl ein bisschen zu wild. Natürlich, manchmal gingen sie zum Tanz oder liehen sich den Wagen aus und fuhren ins Grüne; aber alles in allem glaube ich, dass sie nicht besonders viel für ihn übrig hatte.“

Die Dämmerung kroch über das Tal, der Schatten unter den Bäumen entlang des Creeks wurde purpurn. Das Land vor ihnen war monoton ein ewiges Auf und Ab grasbewachsener Bodenwellen. Die Jeremiah-Heights-Ranch musste sich irgendwo in der Nähe befinden.

„In einer halben Stunde sind wir da“, sagte Briskin, der Chacos Gedanken scheinbar lesen konnte.

„Sie sagten, Reed Bowman hatte einen Sohn. Was ist passiert?“, fragte Chaco.

„Etwas völlig Verrücktes. Julio ritt mit Vorliebe Pferde, die sich wie halbe Berglöwen aufführten. Eines Nachts raste er von Jeremiah-Heights aus heim und brach sich dabei das Genick.“ Briskin zögerte einen Moment. „Wir fanden ihn erst am anderen Morgen Bowman und ich. Er befand sich noch auf Jeremiah-Heights-Land. Reed hat mir das nie verziehen.“

„Vor wie langer Zeit ist das geschehen?“

Briskin rutschte in seinem Sattel hin und her. „Zwei, vielleicht drei Monate. Ich habe ihn nicht umgebracht, Chaco, auch wenn ich ihn nicht leiden konnte.“

„Vielleicht finden wir später raus, wer es war“, erwiderte das Halbblut.

Abrupt brachte er sein Pferd zum Stehen und lauschte. Aus der Ferne drang Hufschlag an seine Ohren, und – zunächst nur ganz schwach – roch er Rauch.

„Feuer!“, schrie Chaco. „Vor uns brennt es!“

Sie ritten wie Geister: Der Wind drückte ihre Hutkrempen hoch und riss ihnen die Worte vom Mund, bevor sie sie ausgesprochen hatten. Jeremiah-Heights war jetzt in Sicht; zuerst das Dach der Scheune, dann das Blockhaus selbst. Kaum auf dem Hof, glitt Chaco aus dem Sattel, raste zum Wassertrog und holte sich einen Eimer.

Die Ecke des Geräteschuppens brannte – das rettete die Ranch. Bevor Lederzeug und Feldgerät in Flammen aufgehen konnten, hatten Chaco und die Briskins das Feuer gelöscht.

„Es ist gelegt worden“, brummte Briskin wütend. „Eine Kerze. Ist wahrscheinlich von ‘ner Ratte umgekippt worden, bevor der Reiter ganz weg war. Deswegen haben wir ihn auch gehört.“

Chaco kannte den Trick. Eine dreiviertel abgebrannte Kerze, die man auf etwas leicht Entflammbarem anzündete, ließ dem Brandstifter Zeit genug, sich zu entfernen, bevor das Feuer bemerkt wurde.

Gott sei Dank war kein ernsthafter Schaden durch das Feuer angerichtet worden. Sie begaben sich zum Blockhaus, um dort zu Abend zu essen.

 

 

5

Im Laufe des folgenden Vormittags erschien Sheriff Benton auf der Jeremiah-Heights-Ranch. Mit ihm kam, den einen Arm in einer Schlinge, Terry Landry.

„Wenn die Dinge sich zuspitzen, wird auch er nützlich sein“, sagte Benton zu Chaco. „Schließlich ist es nur sein linker Arm, der verwundet ist.“

„Was meinen Sie damit: Die Dinge spitzen sich zu?“, fragte Chaco.

„Wer weiß“, sagte Benton ausweichend. „Auf jeden Fall habe ich Sie nicht kommen lassen, um hier mit Ihnen Händchen zu halten. Pulverrauch liegt in der Luft.“

Chaco blickte über das Flachland zu den Chouteaus hinüber. Ein Reiter trieb sein Pferd über einen der Grate, doch war er zu weit entfernt, als dass man ihn erkennen konnte.

Benton bemerkte Chacos Blickrichtung. „Da hinten stoßen Jeremiah-Heights und Montana Clay aufeinander“, erklärte er. „Sieht ganz so aus, als ob Bowman Posten reiten lässt.“

„Gestern hätte er fast Wyatt erhängen lassen; dann legt er Feuer auf Briskins Ranch. Warum tut er das alles, Sheriff?“

„Sie wissen, was mit seinem Sohn passiert ist?“

Chaco nickte.

„Wenn Sie ihn besser kennen würden, würden Sie ihn auch verstehen. Dazu muss erwähnt werden, dass der alte Briskin nicht gerade zimperlich ist; auch er hat seine Fehler. Er schüttet Öl in Bowmans Feuer. Nehmen Sie nur das abgemetzelte Montana Clay-Vieh.“

„Das ist wirklich passiert?“

„Glaub schon“, erwiderte Benton. „Sie taten es, um Bowman zu reizen. Trotzdem kann ich nicht zulassen, dass er sie deswegen hängt.“ Er legte eine kleine Pause ein, bis Mort Briskin, der an ihnen vorbeiging, wieder außer Hörweite war. „Lassen Sie uns einen kleinen Ritt unternehmen“, sagte er dann zu Chaco. „Ich will Ihnen etwas zeigen.“

Sie überquerten die Niederungen. Das Gras reichte ihnen auf beiden Seiten bis zu den Steigbügeln. Hier und dort standen Gruppen von Anger-Veilchen. Ein Kaninchen schoss hoch und hetzte in wildem Zickzack davon, den weißbäuchigen Schwanz als Zeichen der Gefahr steil aufgerichtet.

Das Gelände wurde rauer, die ersten Ausläufer der Chouteaus streckten sich ins Land. Irgendwo musste jetzt bald Montana Clay anfangen.

Ihr Weg führte sie in einen flachgründigen Einschnitt oder Bruch und wand sich von dort in sanftem Bogen einen der Seitenhänge hinauf, wo er hinter Wermutgestrüpp verschwand. Benton ritt nach oben, stieg ab und schritt vor zu einem Punkt, an dem zwei knorrige Eichen den Trail flankierten.

„Hier haben sie Julio gefunden“, erklärte er. „Ich bin mehr als einmal hierhin zurückgekehrt, konnte aber nichts finden. Man kann nur manches vermuten.“

In Gedanken sah Chaco ein Seil zwischen den beiden Eichen, und wie es Julios Pferd zum Stürzen brachte. Der Junge hatte sich das Genick gebrochen, soweit sich Chaco erinnerte.

„In diesem Fall wäre es Mord“, sagte Chaco.

Der Sheriff nickte. „Das wäre es allerdings. Nur kann ich mir nicht vorstellen, wer es getan haben könnte. Ich traue Mort Briskin so etwas einfach nicht zu – und auch nicht dem Rest seiner Familie.“

„Dann werden wir halt ‘n bisschen im Dreck ‘rumwühlen müssen“, sagte Chaco und grinste. Er war die ganze Zeit über nicht abgestiegen.

Die andere Seite des Hanges war dicht mit Wermut bestanden; nur der Trail formte eine schmale Schneise durch das Dickicht, das sich bis tief in die anschließende Senke erstreckte. Wie aus dem Nichts erschien ein Mann auf dem Trail, zügelte sein Pferd und blickte interessiert zu Chaco und Benton hinauf. Er war ziemlich jung, höchstens ein Jahr älter als Chaco und ebenso kompakt gebaut. Er trug eine Kalbslederweste, einen flachen Grenzer-Hut und zwei Colts mit Perlmuttgriffen.

„Sie habe ich gar nicht bei der Lynchparty gesehen, Shasta“, sagte Benton.

Die merkwürdig farblosen Augen des anderen blickten kurz in Richtung des Sheriffs, wanderten dann aber nervös zu Chaco weiter.

„Nein“, sagte er dann. „Ich hatte auch nicht vor, dabei zu sein.“

Benton lächelte leicht. „Was ist Bowmans Meinung dazu?“

„Er bezahlt mich dafür, dass ich ihm den Laden schmeiße – nicht um an seinen Privatbelustigungen teilzunehmen.“

„Sie tragen zwei Colts“, warf Chaco ein.

Der junge Mann blickte ihn aus gefühlsleeren Augen an. „Und Sie haben zwei Beine“, erwiderte er. „Trotzdem macht Sie das nicht zum Sprinter.“ Er beugte sich ein wenig vor, wobei die Hände auf dem Sattelhorn ruhten. „Am besten, Sie ziehen sich ein wenig zurück, Herrschaften. Sie befinden sich nämlich bereits auf Montana Clay-Land. Nicht, dass es mir was ausmachen würde.“ Er entblößte seine tadellos gewachsenen, schneeweißen Zähne. „Aber der Boss denkt eben anders darüber.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er sein Pferd herum und verschwand im Dickicht. Einige Minuten später sahen sie ihn für kurze Zeit über den Kamm der nächsten Bodenwelle reiten.

„Mächtig gelassen, dieser Shasta“, bemerkte Chaco.

„Mir ist er ein Rätsel“, sagte Benton. „Vor zwei, drei Jahren ist er hier aufgetaucht und arbeitet seitdem für Reed Bowman. Er rackert sich ganz schön ab; man könnte sagen, dass er Bowmans Vormann ist. Im Ort sieht man ihn kaum – außer, wenn mal ein Tanz ist. Bis jetzt hat er noch nirgendwo Ärger gemacht oder gehabt.“

Die Worte des Sheriffs verklangen in der Landschaft. Chaco hatte einen Reiter bemerkt, der sich ihnen vom Jeremiah-Heights-Gebiet her näherte. Sobald er Chaco und Benton erblickte, riss er sein Pferd herum, so als ob er nicht von ihnen erkannt werden wollte, und preschte davon.

Chaco könnte schwören, dass es Ruby Briskin war.

 

 

6

Der jüngere der Briskin-Söhne befand sich im Jeremiah-Heights-Hof, als Chaco und Benton eintrafen und von ihren Pferden stiegen. Wyatt warf mit einem Abhäutmesser nach einem Pfosten, und es fiel Chaco auf, dass der Junge sein Ziel mehr als ein dutzendmal traf.

„Nicht schlecht“, sagte er.

Der Junge blickte ihn nüchtern an. „Irgendwas muss ich eben tun, mich kribbelt‘s in den Fingern. Nicht viel los heute.“

„Nicht soviel wie gestern“, brummte der Sheriff. „Du scheinst schnell zu vergessen, Wyatt.“

„Bowman bellt laut, aber beißt nicht“, sagte der Junge und zog das Messer aus dem Pfosten. „Wer weiß, ob er mich wirklich aufgehängt hätte – ich könnte es nicht beschwören.“ Ohne sich weiter um sie zu kümmern, ging er in den Stall und tauchte auf einem gesattelten Rotfuchs wieder auf, den er wortlos nach Norden lenkte.

„Nerven hat er, das muss man ihm lassen.“ Benton blickte dem Davonreitenden nach.

Ruby Briskin trat aus dem Haus und warf den Männern, besonders Chaco, einen überfreundlichen Blick zu. Ihre Augen wirkten fröhlich, ihr Gesicht heiter. Die Colts hatte sie im Haus gelassen und ihre Reithose gegen ein Kleid getauscht. Ihr Cowboyhut hing im Nacken wie ein verlorener Heiligenschein. Sie ging zum Trog und schöpfte Wasser.

Benton ging auf das Haus zu, doch auf halbem Weg kehrte er um.

„Wo wollen Sie hin, Sheriff?“, fragte das Mädchen.

„Ich muss zurück nach Somers.“

„Es wird am besten sein, wenn ich mitkomme“, sagte Chaco.

Zwischen den Augenbrauen von Benton bildete sich eine Sorgenfalte. „Gestern ist die Sache noch mal glimpflich für Sie abgelaufen. Sie haben Somers unverletzt verlassen können. Warum wollen Sie Ihr Glück nochmals auf die Probe stellen?“

„Es ist nicht mein Glück, das ich auf die Probe stelle“, erwiderte Chaco.

„Es ist meine Aufgabe. Wir reiten.“

„Wie Sie meinen“, sagte Benton und verbarg seine Zufriedenheit hinter einem betont gleichgültigen Gesicht.

 

 

7

Die langen Strahlen der Nachmittagssonne schienen auf Somers hinab. Ein größerer Staubwirbel, erzeugt von erhitztem Wind, tanzte vor Chaco und Benton die Main Street entlang, als sie von Norden her ein ritten.

„Ein schlechtes Zeichen“, meinte der Sheriff. „Die Indianer sagen, dass solch ein Wirbel die Seele eines Mannes ist, die sich ein neues Heim sucht, weil sie ihr altes bald verlassen muss.“

Als sie den Alhambra Saloon passierten, fuhr ein Buggy, auf dessen Ladefläche sich ein Pinienholzsarg befand, an ihnen vorbei, in Richtung Friedhof.

Das ist der Kerl, der gestern versucht hat, Landry zu erschießen“, sagte Benton nachdenklich. „O‘Loughlin gibt ihm das letzte Geleit.“

„Niemand hat ihn wiedererkannt?“

Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Er war ein Fremder. Das ist alles, was ich mit Bestimmtheit sagen kann. Bowman wird ihn auf Landry angesetzt haben, um sich den Rücken freizuhalten.“

So konnte man es sehen. Landry hatte Jeff Briskin, ob nun aus Dummheit oder mit Absicht, entkommen lassen und so vorm Gelynchtwerden gerettet. Bowman hatte ihm deswegen eine Spezialbehandlung zukommen lassen. Wer konnte dem Rancher garantieren, dass Landry sich nach ein paar Whiskys keine Rachepläne ausdachte und – schlimmer noch – sie auch auszuführen versuchte? Ein bezahlter Revolvermann natürlich. Nur hatte dieser einen sehr schnellen Abgang machen müssen. Ein neuer Charakter war an seine Stelle getreten und beschäftigte Chaco der unergründliche Shasta.

Offensichtlich stand er in der Montana Clay-Hierarchie ziemlich weit oben; doch war er nicht bei der Lynchparty für Wyatt Briskin dabei gewesen. Hatte er in der Zwischenzeit vielleicht eine Kerze im Geräteschuppen von Jeremiah-Heights aufgestellt? Chaco wollte der Sache nachgehen.

„Ich will mal kurz rüber in den Saloon“, sagte er zu Benton, nachdem sie vorm Sheriff-Office abgestiegen waren. „Vielleicht schnappe ich manch Wissenswertes auf.“

Benton schlang die Zügel um den Holm. „Bis später dann“, sagte er. „Ich werde vielleicht nach Montana Clay hinüberreiten und Bowman ins Gebet nehmen. Wer weiß, was dabei ‘rauskommt, könnte erhellend wirken.“

Chaco überquerte die Main Street und stieß die Flügeltüren auseinander. Seine Augen brauchten einige Zeit, um sich an das Zwielicht zu gewöhnen.

Der Barkeeper unterhielt sich im Hintergrund mit einem dicken Cowboy, den Chaco nicht persönlich kannte. Zwei weitere Männer saßen an einem der Holztische, jeder ein Bier vor sich. Nichts deutete darauf hin, dass es Montana Clay-Reiter waren, außer, dass der an der Bar bei der Lynchparty dabei gewesen war. Er stellte sein Glas auf das Mahagoni der Theke und schwenkte herum, als er Chaco eintreten hörte.

„Da ist ja unser großnäsiger Freund“, sagte er und zeigte eine ungleiche Doppelreihe gelber Zähne. „Und diesmal ohne seine Winchester.“

Chaco ließ einen Silberdollar auf die Theke fallen. „Jemanden ohne Verfahren aufzuhängen, verstößt gegen das Gesetz.“

„Vieh abzumetzeln auch“, sagte einer der Männer am Tisch. Chaco bemerkte, dass seine Hände außer Sicht waren.

Chaco kehrte den beiden den Rücken, behielt sie aber im Spiegel hinter der Bar im Auge. Derjenige, der mit ihm gesprochen hatte, war gerade den Kinderschuhen entwachsen, doch waren seine Augen bereits glanzlos wie die eines Killers. Sein Kumpan schien schüchterner zu sein. Auffällig rückte er seinen Stuhl aus der Schusslinie. Der Bulle neben Chaco stand mit dem Rücken zur Bar. Seine Finger hingen nur wenige Inches über den Griffen seiner Colts.

Der Barkeeper wollte sich gerade verdrücken, als die Flügeltür aufgestoßen wurde. Aus den Augenwinkeln nahm Chaco eine bunte Weste wahr.

„So gefällt‘s mir“, sagte Shasta, die Hände wie zufällig auf den Colts. „Schön still und friedlich.“ Er zeigte seine weißen Zähne. „Nur hat Buck immer noch nicht gelernt, dass Arbeit vor dem Vergnügen kommt.“ Er fasste den Bullen an der Bar ins Auge. „Bowman sucht euch drei“, herrschte er die Männer an. „Einer unserer Zäune muss repariert werden.“

Die drei Männer verließen widerspruchslos den Saloon. Nur der junge Killer versuchte, herumzureden, doch Shasta schickte ihn den anderen nach, indem er auf den ausdrücklichen Befehl Bowmans verwies.

„Der Bursche wird mir noch Ärger bereiten“, sagte er, schritt zur Bar und erblickte Chacos Silberdollar auf dem Tresen. Er schob ihn dem Halbblut wieder zu und zog einen Double-Eagle hervor. „Ihr Geld ist heute hier nichts wert, mein Freund. Was wollen Sie haben?“

„Whisky“, sagte Chaco, und der Barkeeper schob ihm ein Glas hin.

„Sie sind nicht von hier“, sagte Shasta. „Vielleicht kennen Sie Al Norton; er ist auch nicht von hier.“

„Nein.“

„Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass er ein ziemlich guter Schütze ist. Er trifft ein Cent-Stück aus 100 Yards Entfernung. Und nicht nur das.“

„Wollen Sie mir Angst machen?“, fragte Chaco.

Al Norton – das war offensichtlich der junge Revolverschwinger, der vorhin am Tisch gesessen hatte. Ein Profikiller also.

„Nein“, erwiderte Shasta höflich und stellte wieder einmal seine schneeweißen Zähne zur Schau.

„Das können Sie nämlich auch gar nicht“, sagte Chaco. „Vielen Dank für den Drink.“ Er begab sich auf den Weg zur Tür.

Shasta folgte ihm, noch immer lächelnd. Benton erkannte sie auf dem Stepwalk und ritt zu ihnen hinüber.

„Ich reite nach Montana Clay, um mit Bowman zu reden“, sagte er zu Chaco. „Kommen Sie mit?“

Chaco lächelte. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich mich von diesem Gebiet vorläufig fernhalte. Jeremiah-Heights ist sicherer für mich.“

„Wie sieht‘s mit Ihnen aus, Shasta?“

„Ich hab‘ noch ein paar Besorgungen zu machen“, erwiderte der Mann, als ob es ihm leid täte. „Zu dumm – auch ich reite nicht gern alleine. Vielleicht hole ich Sie noch ein, Sheriff.“

Benton überquerte die Main Street und verschwand in einer Seitengasse. Shasta stieg auf sein Pferd, einen Appaloosa-Hengst, der vor dem Saloon am Holm stand.

„Ich bin eben dazwischengegangen, weil mich die Sache zwischen Montana Clay und Jeremiah-Heights nichts angeht“, erklärte er Chaco. „Im Gegenteil, ich wäre der glücklichste Mensch im ganzen Tal, wenn das Kriegsbeil endlich begraben würde; das können Sie mir glauben.“

Seine Colts glänzten im Sonnenlicht, und aus dem Sattelschuh ragte eine Winchester. Er schien auf das Schlimmste vorbereitet zu sein – trotz seiner Worte. Die Hand zum Abschied erhoben, ritt er die Straße hinunter.

Später sah Chaco ihn die Stadt verlassen – ohne erkennbare Eile. Es lag ihm offensichtlich nicht daran, Benton einzuholen.

 

 

8

Es würde Nacht sein, bevor er Jeremiah-Heights erreichte; doch Chaco hatte nichts Wichtiges vor, außer Mort Briskin einige Fragen zu stellen.

100 Yards weiter vorne verließ der Trail den Diamond Snail Creek, um eine Gruppe Weiden und Holunderbüsche, die ein Moor anzeigten, zu umreiten. Das Gras wuchs hier höher, und die Baumstämme wurden fast erstickt von wildem Wein, der sich an ihnen emporrankte. In der Tiefe des Moores selber war es dunkel wie in einer Kohlenmine; doch Chaco wusste, dass es hier und da feste Erdstellen gab.

Plötzlich schoss vor ihm ein langläufiges Sumpfkaninchen hoch und hetzte auf das Dickicht zu, das das Moor umgab. So konnte es geschehen, dass der Schuss aus dem Hinterhalt ihn überraschte.

Er hörte das Bellen einer Waffe und fühlte, wie sich der Morgan-Hengst unter ihm aufbäumte. Dann traf ihn ein wuchtiger Schlag am Kopf. Dunkelheit folgte. Er wusste, dass er fiel, dass sein Gesicht gegen die kalte Erde gepresst wurde.

 

 

9

Sein erster Gedanke war, dass er nicht mehr sehen konnte. Undurchdringliche Finsternis umgab ihn. Er fühlte etwas Nasses auf seinem Gesicht. Es war der feuchte Boden.

Mit dröhnendem Kopf erhob er sich, konnte den Schatten des Moors vor sich ausmachen und das Gurgeln des Creeks in 100 Fuß Entfernung vernehmen. Er erinnerte sich an den Schuss aus dem Hinterhalt und den Schlag auf den Kopf. Unter seinen tastenden Fingern fühlte er verkrustetes Blut im Haar. Eine Wunde zog sich von einer Seite des Kopfes bis fast zur anderen.

Leicht wankend kam er wieder auf die Beine. Er pfiff und hörte, wie sich der Morgan-Hengst durch die Dunkelheit näherte.

Chaco riss ein Zündholz an und untersuchte den Boden. Er wies Pferdespuren auf. Sie verliefen kreuzweise, als ob jemand ins Moor geritten und dieselbe Strecke wieder zurückgekehrt war. Die Spuren, die zum Moor führten, waren älter als die, die davon wegführten. Bevor die Flamme erlosch, erkannte Chaco, dass das Pferd, von dem diese Spuren stammten, frisch beschlagen und das Hufeisen am linken Vorderlauf leicht verbogen war.

Für einen Moment stand er mit dem abgebrannten Streichholz in der Hand im Dunkeln, dann ließ er es fallen und zog sich in den Sattel des Morgan-Hengstes, wobei ihm sein Kopf zu platzen drohte. Jeder Tritt des Pferdes bereitete ihm Schmerzen, trotzdem trieb er es zu einem leichten Trab an. Die Jeremiah-Heights-Ranch konnte nicht mehr weit sein, und er verspürte den dringenden Wunsch nach etwas Essbarem und einem Eimer kalten Wassers über den Kopf.

 

 

10

Mort Briskin saß allein in seinem Wohnzimmer. Das Lampenlicht ließ sein graues Haar silbern erscheinen. Seine Augen weiteten sich, als er Chaco durch die Tür eintreten sah. Ein dunkler Blutfleck überkrustete die rechte Wange des Halbbluts.

„Nächstes Mal ziehen Sie den Kopf besser etwas mehr ein“, sagte er milde und rief nach Ruby, die in der Küche hantierte. Sie erschien kurz in der Küchentür und war schon wieder verschwunden. Wenig später tauchte sie mit einer Schüssel heißen Wassers und einem abgerissenen Stoffstück wieder auf. Mit ihr kam Jeff und ging gleich weiter zur Tür. Chaco konnte hören, wie er draußen den Morgan-Hengst absattelte.

Mort stand auf und blickte auf Chaco hinab, dem Ruby das Blut vom Gesicht wusch.

„Strauchdiebe?“, fragte er.

Chaco grinste. „Ich war mit den Gedanken woanders“, erwiderte er. „Unten im Moor hatte sich einer mit ‘nem Gewehr versteckt.“

Mort Briskin lief im Zimmer auf und ab und dachte angestrengt nach. Chaco fühlte sich schon viel besser, allein durch die Fürsorge Rubys, die nichts zu wünschen übrig ließ.

„Die Montana Clay-Leute können Sie nicht leiden“, sagte Briskin. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich eine solche Deckung für einen Hinterhalt ausgesucht hätten.“

Rubys Arbeit war beendet, und sie erhob sich wieder. „Muss denn Montana Clay für alles verantwortlich sein?“, fragte sie mit unterdrückter Wut. „Meint ihr denn, es wäre nicht auch unsere Schuld? Wir sind keine Engel. Jeff und Wyatt kühlen oft genug ihr Mütchen am Montana Clay-Vieh, und du sitzt auch nicht gerade da und drehst Däumchen, Vater. Vielleicht hat Mister Chaco Feinde, von denen nur er weiß.“ Mitsamt der Schüssel verschwand sie in der Küche und begann dort, das Abendessen vorzubereiten.

„Sie hat recht“, sagte Chaco. „Ich glaube, Bowman hat mit dem hier nichts zu tun.“ Bei diesen Worten berührte er fast zärtlich den weißen Verband an seinem Kopf.

„Er hat sich die Killer besorgt.“

„Er wird seine Gründe gehabt haben.“

„Sie sehen die Dinge nicht ganz so, wie sie sind, Mister Chaco. Bowman hat mit allem angefangen.“

„Ich bezweifle es nicht.“ Dankbar blickte Chaco zu Ruby hinüber, die das dampfende Abendessen hereintrug. „Wir werden schon herausfinden, was dahintersteckt. Doch weil wir gerade von Ärger sprechen – wo ist Wyatt?“

„Schiebt Wache“, sagte Briskin. „Damit in Zukunft kein Geräteschuppen mehr in Flammen aufgeht.“

Chaco nickte. „Nach dem Abendessen werde ich ihn mal suchen gehen. Man kann sich verdammt einsam fühlen – nachts und allein.“

 

 

11

Chaco vermutete Wyatt am Corral. Auf dem Weg dorthin ging er an der Scheune vorbei. Im offenen Tor glühte eine Zigarette auf. Es war Terry Landry, der auf einer umgekippten Kartoffelkiste saß und seinen Arm wieder gesund werden ließ.

„Ja“, sagte er. „Wyatt ist runter in die Ebene, 100 Yards vielleicht. Stöbert da mit ‘nem Gewehr ‘rum. Weiß der Himmel, was er sucht.“

Chaco schwang sich auf einen Heufuder, als ob es der Rücken eines Pferdes wäre. „Wer schmeißt Montana Clay?“, fragte er Landry.

„Das hab ich mich auch schon gefragt“, antwortete dieser. „Seit Julio nicht mehr lebt, geht‘s bergab mit dem Alten. Shasta ist die große Nummer, Earl Shasta. Er schmeißt den Laden – so könnte man sagen.“

„Sind seitdem neue Leute angeworben worden?“

„Mhm“, brummte Landry zustimmend. „Ziemlich harte Brocken, wenn Sie mich fragen. Es sind – warten Sie mal – vier ja, vier Stück. Dann gibt‘s noch vier von den alten – von früher. Damals hat Bowman nicht gleich jeden zusammengeschlagen, der mal ‘nen Fehler machte. Wurde ihm allerdings auch kein Vieh abgemetzelt damals. Es muss ihm mehr an dem Jungen gelegen haben, als wir alle wussten.“

Chaco verstand. Bowman war ein stolzer Mann gewesen, ohne Zweifel. Und der Tod seines Sohnes hatte seinen Stolz in Brutalität verwandelt. Einen Mann dafür zu hängen, dass er Vieh abgeschlachtet hatte, war brutal, was Chaco zu seiner nächsten Frage führte.

„Sie haben ihn laufen lassen, Jeff – was, Landry?“

„Verdammt: Ja! Bowman und drei von uns hatten die beiden auf frischer Tat ertappt und ihnen die Hände auf den Rücken gebunden. Wir setzten sie auf ihre Pferde und ritten mit ihnen nach Somers. Ein gewisser Al Norton ritt gleich hinter Wyatt, wich ihm nicht einen Inch von der Seite. Bowman und der andere ritten als erste. Jeff und ich bildeten die Nachhut. Als das Gelände unübersichtlicher wurde, drüben, bei den Chouteaus, schnitt ich ihm die Fesseln durch und ließ ihn abhauen. Bowman ging der Hut hoch, als ich ihm erzählte, Jeff Briskin wäre mir entkommen.“

Landry lachte, bis das wiederholte Luftholen und die damit verbundenen Bewegungen an seine verletzte Schulter schmerzhaft erinnerten.

Chaco hatte einen verdächtigen Laut aus der Ebene vernommen. Sein gezogener Colt reflektierte das Sternenlicht, als er ins Freie trat und den Corral umrundete. Nichts bewegte sich. Das Licht war spärlich, und das Areal hinter der Scheune lag im Schatten. Doch weiter draußen, halb verborgen durch das Gras, glitzerte etwas.

Chaco ging hin und hob es auf. Es war eine Winchester – kalt vom sich niederschlagenden Tau. Das Gras war flachgedrückt, als ob ein Mann dort gesessen hatte, vermutlich mit der Winchester über den Knien. Wyatt Briskin war hier gewesen, doch war er jetzt nirgends zu sehen. Er war weg, und er hatte so wenig Spuren hinterlassen wie der Wind.

Terry Landry trat hinzu und mit ihm Mort Briskin.

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937916
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537077
Schlagworte
chaco herr montana clay

Autor

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Titel: Chaco #62: Der Herr von Montana Clay