Lade Inhalt...

Dynamit unter den Hufen

2020 143 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dynamit unter den Hufen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

Dynamit unter den Hufen

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.

 

Sie waren Brüder, mehr noch: Tommy und Jube verstanden sich wie echte Freunde. Gemeinsam fingen sie den Wildhengst Thunderbird, gemeinsam richteten sie das herrliche Tier ab. Dann fasste Tommy ein Ziel ins Auge und ritt mit dem Hengst nach Norden; Jube sollte nachkommen. Jube kam, aber Tommy war da schon tot …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Ein schmaler Pfad führte auf die Höhe hinauf. Rechts fiel der Fels steil ab. Drohend gähnte die Schlucht. Ganz unten schaukelten die Wipfel der Tannen leicht im Wind.

Jube saß ab und führte seinen Falben bergan. Kurz vor der Bergkuppe hielt er an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Pferd knabberte am spärlichen Gras neben dem Pfad.

Die Morgensonne tauchte die Berge in goldenes Licht. Aus den Schluchten, Canyons und Tälern stieg leichter Nebel.

Jube wollte schon weitergehen, als er das Schnauben eines Pferdes hörte. Oben auf der Bergkuppe musste es gewesen sein. Ohne lange zu überlegen, ließ Jube sein Pferd zurück und kletterte hastig bis zur Kuppe empor. Krüppelfichten und klobige Felsbrocken versperrten den Pfad und mussten umgangen werden.

Schließlich hatte er die kleine Hochfläche erreicht. Er sah eine braune Stute, die neben einem Grab graste. Ein junger Bursche drehte ihm den Rücken zu und beugte sich über den Grabstein, als wolle er einen Blumenstrauß ablegen.

Jube verharrte und blickte gebannt auf die Szene. Der junge Bursche richtete sich wieder auf und blieb weiter vor dem Grab stehen. Sein Pferd hatte den Ankömmling längst bemerkt, hob den Kopf und schnaubte. Sein Herr achtete nicht darauf. Versunken in Gedanken stand er vor dem kleinen Hügel.

Erst als Jube schon auf zwanzig Schritt heran war, wurde der junge Mann am Grab aufmerksam. Er drehte sich um.

Jube blieb erschrocken stehen. Zum Teufel, dachte er, das ist ja gar kein junger Kerl – das ist eine Frau! Und was für eine.

Sie mochte zwanzig Jahre alt sein. Das Blau ihrer Augen leuchtete in der Morgensonne. Ihr Gesicht war schmal und von herber Schönheit. Erschrocken blickte sie auf Jube. Dieser trat zögernd näher, lächelte verlegen und zog den Hut. Dichtes Blondhaar quoll hervor. Der Morgenwind zerzauste es.

Jube trug zwei Revolver. Er sah damit wie ein Revolvermann aus, und vielleicht war er sogar einer.

Das Mädchen erwiderte Jubes Lächeln nicht. Sie sah erschüttert in sein Gesicht, wurde blass, und wich bis dicht vor den Steinhügel zurück.

„Hallo, ich tue Ihnen nichts“, sagte Jube rau und drehte den Hut unsicher in den Händen. „Hatte niemanden hier oben erwartet.“

„Mein Gott, wer sind Sie?“, keuchte das Mädchen. Er sah, wie sie zitterte, machte eine linkische Verbeugung. „Ich bin Jube Mills.“

Ihre Erregung steigerte sich. „Jube Mills – Ihr Bruder?“ Sie deutete auf das Grab.

Er nickte. „Ich habe erst vor Kurzem erfahren, wo er liegt. Ja, Tommy ist mein Bruder. Sie kannten ihn?“

Er ging auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. Sein Blick verriet offenes Interesse.

„Man sagt, er sei abgestürzt. Stimmt das?“, fragte er.

Ohne ihn anzusehen, nickte sie und sagte leise: „Ja, ja, es wird schon stimmen.“

Die Art, wie sie das sagte, weckte Zweifel in ihm. „Also stimmt es nicht?“

Sie schwieg.

„Wer sind Sie?“

Sie blickte ihn an. In ihren Augen glänzten Tränen. „Warum quälen Sie mich? Ich habe Ihren Bruder sehr gern gehabt. Er mich auch, glaube ich. Aber nun fragen Sie nichts mehr. Ich muss jetzt gehen.“

Sie wollte an ihm vorbei. Er hielt sie am Arm fest. „Moment, Miss …“

„Lassen Sie mich!“, keuchte sie und machte sich frei. Rasch ging sie zu ihrer braunen Stute.

Er blieb stehen und sah ihr nach. Mehr aus Gewohnheit als aus wirklichem Interesse betrachtete er das Brandzeichen des Pferdes. Diese blauäugige Frau mit dem brünetten Haar gefiel ihm.

Sie wich seinem Blick aus und senkte den Kopf. „Ja“, murmelte sie, „ich habe ihn gekannt.“

Sie saß auf und blickte nochmals kurz zu ihm hin. „Fragen Sie nicht zu viel, ich weiß, wie schädlich das sein kann!“, rief sie ihm zu.

Jube blickte Pferd und Reiterin nach, blieb reglos stehen, bis beide verschwunden waren.

Erst dann löste sich der Bann. Er stülpte sich den Hut wieder auf und trat vor seines Bruders Grab.

Es waren viele Gedanken, die durch sein Hirn zogen, während er auf diesen Hügel aus kantigen Steinen blickte. Als er sich endlich abwandte und sich neben dem Grab niederließ, war fast eine Stunde vergangen.

Er erinnerte sich noch, wie Tommy vor einem Jahr zu Hause auf Thunderbird weg ritt – auf dem Schimmelhengst.

Jube hatte seinem Bruder vor drei Jahren geholfen, aus dem weißen Bronco ein erstklassiges Cowpony zu machen. Der junge Hengst war gelehrig und geschickt. Vor Jahresfrist gab es in Jubes Heimat kein Pferd, das ein Rind so elegant aus der Herde abtrieb wie Thunderbird. Das war nur einer seiner Vorzüge gewesen. Wie hatte Vater bei Tommys Wegritt gesagt: „Ein Mills auf so einem Pferd wie Thunderbird erobert die Weit.“

Gut, dass du es nicht mehr erlebt hast, alter Mann, dachte Jube. Tommy war dein Liebling. Obgleich er und ich einander sehr ähnlich waren, hast du ihn immer vorgezogen. Nun, dafür rechte ich nicht mit dir, Vater.

Er musste wieder an das Mädchen denken. Sie hatte Tommy geliebt, so sagte sie doch. Wer war sie? Was wusste sie von Tommys Tod?

Der Verdacht, dass es bei Tommys Unglück nicht mit rechten Dingen zugegangen war, verstärkte sich noch mehr in Jube. Er wusste, dass es in diesen Bergen einen weißen Leithengst gab. Schimmel waren selten in diesem Land, noch seltener in freier Wildbahn.

„Ich fresse meinen Hut, wenn der weiße Leithengst nicht Thunderbird ist“, brummte Jube. „Ich werde das klären, Tommy“, fuhr er mit einem Blick auf den Steigbügel fort. „Wir haben uns gut verstanden, Tommy, und jetzt will ich herausfinden, wie es dir erging, mein Junge. Leb wohl, Tommy, leb wohl! Adios!“

 

 

2

Auf der Spur des Mädchens reitend, kam Jube Mills in dem waldreichen Tal an eine kleine einsame Hütte.

Es war eine Blockhütte, ganz aus Rundhölzern gebaut, grob zusammengesetzt, mit einem Kamin aus Felssteinen. Zwei Pferde standen im Corral. Der Braune des Mädchens und ein Schecke.

Jube zögerte. Bevor er weiter ritt, blickte er in die Runde. Die Hütte lag sehr versteckt. Es war äußerst schwierig, sie zu finden. Nun, er war nicht umsonst ein paar Jahre Scout bei der US-Kavallerie gewesen.

Er wollte gerade weiterreiten, als ihn eine Männerstimme anrief: „He-ho, junger Freund, dreh deine Flunder um und sause wieder dahin, wo du hergekommen bist!“

Die Stimme kam von einem Fenster der Hütte, durch das der Doppellaut einer Schrotflinte geschoben war.

„Du siehst ganz recht, mein Junge“, tönte es vom Fenster her. „Die Flinte ist mit Hirschposten gepfropft. Reißen schöne Löcher in dein Fell, Sohn!“

„Ist die Frau im Haus?“, fragte Jube unbeeindruckt.

„Verdammt, du bist ein neugieriger Bursche. Setz deinen Kleiderständer auf Gegenkurs.“

„Ich bin Jube Mills. Sag das dem Girl. Und dir würde ich raten, dein Ofenrohr wieder wegzupacken.“

Erst jetzt sah Jube den Kopf des Mannes am Fenster. Ein Kopf mit weißem, schütterem Haar. Das Gesicht wirkte wie geschnitzt, so kantig und rissig. Aus dem Mund des Alten kam es mit Donnerstimme: „Und wenn du zehnmal der übergescheite Jube Mills bist, ich jage dir den Hirschposten zwischen die Rippen, wenn du nicht schleunigst verschwindest!“

Im Fenster tauchte neben dem Kopf des Mannes das Gesicht des Mädchens auf. Jube sah, wie sie auf den Alten einredete, und er grollend antwortete. Dann senkte sich die Flinte.

„Es ist bestimmt eine Dummheit, aber sie will es. Komm bis zum Haus, Kleiner!“

Jube lachte trocken und ritt bis zum Haus. Die Tür wurde geöffnet, der Alte tauchte vor dem Mädchen auf. „Was willst du, Jube Mills? Wenn du etwas über deinen Bruder wissen willst – wir haben keine Ahnung. Noch was?“

„Allerdings, Großvater. Aber ich frage das nicht dich, sondern das Girl.“

Der Alte drehte sich halb herum und knurrte über die Schulter: „Er ist so frech wie sein Bruder. Ich habe dir gleich gesagt, dass wir mit diesem Kerl nur Ärger haben werden. Sag ihm, was du davon hältst!“

Sie schob den Alten beiseite und kam auf Jube zu. „Mister Mills, ich habe nicht geglaubt, dass Sie so leichtsinnig sind, mich zu verfolgen. Sie haben nicht nur sich, sondern auch uns in Gefahr gebracht. Sicher ist Ihre Spur deutlich genug, um andere hierher zu locken.“

Jube grinste spitzbübisch. „Nicht so deutlich wie Ihre Spur, Miss … Äh, wie heißen Sie eigentlich?“

„Es scheint Ihre Art zu sein, Fragen zu stellen. Ich heiße Maud Greenough, und das hier ist mein Großvater. Er ist als Stage-Tim bekannt. Sie befinden sich auf dem Gelände der Hanging-B-Ranch. Ihr Bruder war da einmal Vormann. Es hat ihm kein Glück gebracht. Mir auch nicht. Ich hoffte, es würde einmal besser. Und jetzt sind Sie aufgetaucht, um das wenige Gras wieder aufzuwühlen, das inzwischen über die Geschichte gewachsen ist.“

„Miss Greenough, ich komme nicht als Feind. Ich bin hier, um etwas über den Tod meines Bruders zu erfahren. Dass Sie ihn kannten, sagten Sie selbst. Und ich weiß, dass sein Pferd lebt.“

„Nein, das kann nicht sein!“, entfuhr es ihr.

„Es ist aber so!“, behauptete er, obgleich er es so genau gar nicht wusste.

Sie drehte sich um und blickte den Alten an, der mürrisch in der Tür lehnte. „Gramps, glaubst du, dass sein Pferd noch lebt?“

„Verdammt“, knurrte der Alte verdrossen, „ich weiß es nicht!“ Es klang Jubes Meinung nach nicht sehr überzeugt. Auch Maud zweifelte.

„Gramps, was ist mit seinem Pferd?“ Sie sah ihn scharf an. Er wich ihrem Blick aus.

„Ah, kümmere dich nicht darum“, brummte er mürrisch. „Die Sache hat genug Ärger gemacht.“ Er hob den Kopf und sah wütend auf Jube. „Verdammt, und du wirst dafür sorgen, dass alles noch einmal von vorn beginnt. Siehst du nicht selbst, dass es Maud quält?“

„Es geht nicht darum, was ihr denkt. Es geht um den Tod meines Bruders. Und da scheint eine Menge passiert zu sein, wovon ich gerne was wissen möchte.“ Er trat auf Maud zu. „Miss Greenough, sagen Sie endlich, was geschehen ist!“

„Mister Mills, werden Sie mir versprechen, sofort abzureiten, und nie wieder hierherzukommen, wenn ich Ihnen alles gesagt habe, was ich weiß?“

„Der wird den Teufel tun, Maud!“, brüllte der Alte. „Und wenn er es dir zehnmal verspricht. Er ist ein Dickschädel wie sein Bruder, das sehe ich ihm an. Halte den Mund, Kind!“

„Er hat recht, Miss Greenough, ich werde nicht wegreiten, wenn es Dinge gibt, die noch bereinigt werden müssen. Auch wenn Sie jetzt nichts sagen, werde ich bleiben und auch herausfinden, was ich wissen will.“

Stage-Tim wollte gerade wieder losbrüllen, als Hufschlag erscholl und zwei Reiter zwischen den Tannen auftauchten. Zwei Männer mit harten Gesichtern und eisigen Blicken. Sie ritten langbeinige Pferde, von denen jedes ein kleines Vermögen wert war. Und diese Pferde trugen denselben Brand wie Maud Greenoughs Brauner.

Jube wusste, wie er diese beiden Männer einzustufen hatte. Sie waren älter als er, vielleicht auch härter und ausgekochter. Das war die Sorte Menschen, aus der sich Sheriffs, Revolvermänner, Marshals und Leibwachen rekrutieren ließen. Banditen waren es nicht.

Der alte Stage-Tim wurde nervös. Seine Hände, die den Flintenlauf umspannten, wurden kreideweiß.

Maud stand wie gebannt und starrte die beiden aus weit aufgerissenen Augen an.

Nur Jube bewahrte seine lässige Haltung. Er legte die Hand auf den Sattel seines Pferdes und lehnte sich an das Tier an. „Hallo, Besuch! Hat wohl keiner erwartet, schätze ich“, spöttelte er.

Die beiden sahen ihn kalt an. Und doch meinte Jube, Erstaunen in ihren Augen lesen zu können. Sie warfen sich einen kurzen Blick zu. Der wettergesichtige Schwarzkopf knurrte etwas, das Jube nicht verstand. Der andere nickte.

Nach diesem unverständlichen Zwiegespräch wandte sich der Schwarzkopf an Maud. „Sie sind also wieder hier? Seit wann?“

„Seit zwei Tagen“, erwiderte Maud leise.

Jube sah, wie ihre Lippen bebten.

„Und der da? Ist er mit Ihnen gekommen?“

„Das solltest du mich selbst fragen, Amigo! Ich hin Jube Mills. Mit wem habe ich das zweifelhafte Vergnügen?“

Sie sahen ihn wieder an, abschätzend, misstrauisch.

„Jube Mills also. Vielleicht ein Bruder von Tommy Mills?“, fragte der Schwarzkopf. Er betonte den Namen des Toten, als spräche er über einen Mann, dem er keine Träne nachzuweinen hatte.

„So ist es. Was weißt du von ihm?“ Jube sagte es gereizt.

Die beiden blieben ungerührt. Der Schwarzkopf wandte sich seinem stiernackigem Begleiter zu, zuckte geringschätzig die Schultern und knurrte: „Lohnt es sich?“

Der bullige Mann reckte sich im Sattel. „Sicher ist er von der gleichen Rasse. Ich mag diese bissigen Köter nicht.“

Der Schwarzkopf nickte und saß ab. Langsam, mit steifem Schritt kam er auf Jube zu. „Mein Junge, wie du über deinen Bruder denkst, ist mir egal. Völlig piepegal. Wir jedenfalls sind froh, dass es ihn nicht mehr gibt. Er hat genug Ärger gemacht. Bist du hergekommen, um etwas über ihn zu hören?“

„Allerdings.“

„Gut, das kannst du. Es Ist dein gutes Recht. Mandy Beacher, mein Kollege, und ich wissen eine Menge über den lieben Tommy Mills. Es sind nur verdammt üble Geschichten.“

„Ihr reitet für eine Ranch?“

Der Schwarzkopf nickte. „Ja, ich bin Ferry Daighan und reite für die Hanging-B. Seit fünf Jahren ist das der Fall. Mandy ist sogar schon sechs Jahre bei Steve Greenough.“

Jube blickte auf Maud. Sie wich diesem fragenden Blick aus.

„Ja, du beginnst langsam zu begreifen, Freund. Dieses Mädchen ist seine Tochter. Keine liebe Tochter, und verdammt ungehorsam ist sie. Deshalb sind wir hier. Wir werden sie nämlich wieder zu ihrem Vater bringen, dem sie vor einem Jahr durchbrannte. Und davor bewahrt sie auch der Oldtimer nicht. Du übrigens auch nicht, Jube Mills.“

Ferry Daighan lächelte. In diesem Lächeln war wenig Freundlichkeit. Es war mehr eine Drohung, eine Warnung für Jube.

„Du wolltest über Tommy reden, Daighan!“

Das wetterharte Gesicht wurde wieder glatt. „Ja, das hatte ich vor. Dein Bruder war ein rauer Bursche. Er wollte dieses Mädchen haben. Er glaubte, wenn er auf einem weißen Hengst dahergeritten käme, würde die ganze Welt aufhören, sich zu drehen. Er glaubte auch, wir würden alle hergebrachten Gesetze seinetwegen wegwerfen. Die kleine Maud glaubte ihm jedes Wort. Sie hing an ihm wie eine Klette, und er …“

„Dazu haben Sie kein Recht! Es ist meine Sache! Es geht Sie nichts an!“, fuhr ihn Maud hochroten Kopfes an. Der Zorn verwandelte die Anmut ihres Gesichtes zur Maske des Hasses.

Wenig beeindruckt sprach Ferry Daighan weiter: „In diesem Lande herrscht Frieden, Jube Mills. Steve Greenough bewahrt diesen Frieden mit eiserner Hand. Die Circle-Cross-Ranch und wir haben eine gute Nachbarschaft. Eine sehr gute! Tommy Mills war Vormann bei Vaughn Kreig, der Besitzerin der Circle-Cross. Ihm gefiel der Friede dicht. Er meinte, Greenough wäre zu dick für sein Hemd. Und wenn einer Streit will, bekommt er ihn allerorts. Auch Tommy Mills bekam ihn. Aus dem Frieden wurde Kampf. Circle-Cross gegen Hanging-B. Ein kurzer Kampf. Die Mannschaft der Circle-Cross ist zu klein. Vaughn Kreig hat nur Cowboys, Greenough hat außerdem ein paar Männer wie Mandy Beacher und mich. Das zählte bei dieser Geschichte. Steve Greenough war ein Gentleman. Er ging hin zu Mrs. Kreig und schloss Frieden. Tommy war nicht dabei. Er hatte anderes zu tun. Er lauerte meinem Boss auf. Als Steve Greenough zurückritt, schoss ihn dein Bruder aus dem Sattel. Wir waren dabei, konnten das aber nicht verhüten. So verfolgten wir Tommy. Er hatte einen guten Vorsprung, weil wir Steve Greenough erst verbinden mussten. Aber der Vorsprung war nicht viel wert. Dort oben am Blue Rock stellten wir ihn. Er hatte Glück, denn es wurde Nacht. Ein unseliges Glück für ihn. Er versuchte nämlich aus der Umkreisung im Schutze der Dunkelheit zu entkommen. Dabei stürzte er ab. Das ist die ganze Geschichte. Wir fanden ihn am nächsten Morgen tot in der Schlucht.“

„Und dieses Märchen soll ich glauben?“ Jube lachte bitter auf. „Eine verdammt billige Story.“

„Was glaubst du daran nicht?“, erkundigte sich Ferry Daighan. Er hielt den Kopf nach vorn, als fiele es ihm schwer, Jube zu verstehen.

„Ihr habt gesehen, dass Tommy auf Greenough geschossen hat?“

„Er hat nicht geschossen. Das ist nicht wahr!“, behauptete Maud mit schriller Stimme. „Gehetzt wurde er wie ein wildes Tier. Und weder Daighan noch Beacher wissen, ob es Tommy war, der auf Vater geschossen hat. Tommy hätte das nie getan.“

Ferry Daighan und Mandy Beacher lächelten mitleidig. „Wir sind keine Greenhorns, Miss Greenough. Wenn wir auf einer Spur reiten, verfolgen wir sie bis zum Ziel. Und das Ziel hieß Blue Rock. Es war niemand weiter dort als Tommy Mills. Ebenso sicher, wie er ein paar Stunden vorher hinter der Waldspitze am Eingang zum Evergreen-Canyon auf Ihren Vater gelauert hat. Als er floh, konnten wir ihn sehen. Weiße Pferde sieht man gut, Miss Greenough. Es gab im ganzen County nur einen Schimmel. Und das war der von Tommy Mills. So ist das also, und daran ist nicht mehr zu tippen. Für Sie ändert sich verdammt wenig. – Mandy, sattle ihr Pferd, sie reitet jetzt mit uns zur Ranch. Wo haben Sie sich eigentlich die ganze Zeit über aufgehalten?“

„Das geht Sie nichts an!“, fauchte Maud.

Ferry lächelte nur. „Auch gut. Jedenfalls haben wir gestern Abend erfahren, dass Sie wieder hier sind. Vor uns verbirgt sich niemand in diesem County. Und das gilt auch für dich, Jube Mills. Kehr um und reite nach Hause! Deinen Bruder machst du nicht mehr lebendig. Und hier ist dein Name nicht gern gehört. Um es deutlicher zu sagen, Jube Mills: Verschwinde, wenn wir dich nicht aus dem County jagen sollen. Wir haben genug von einem Mills. Das nächste Mal warten wir nicht so lange.“

„Tommy war ein anständiger Mann!“, rief Maud. „Glauben Sie ihnen nicht, Mister Mills! Und wenn alles für Tommys Schuld spricht, ich weiß es besser!“

„Sie wissen nichts, Miss Greenough“, entgegnete Ferry Daighan scharf. „Als es passierte, waren Sie in Canyon City. Jeder dort kann es bestätigen.“

„Das stimmt, und doch weiß ich, dass Tommy meinen Vater nicht beschossen hat. Er hätte es niemals getan, niemals!“

Ferry Daighan blickte zu Mandy Beacher hin. Der nickte ihm zu.

„Kommen Sie nun jetzt mit uns, Miss Greenough?“, fragte Daighan.

„Sie brauchen nicht mitzugehen, wenn Sie nicht wollen, Miss Greenough“, erklärte Jube.

„Halte die Klappe, Mills!“, knurrte Mandy Beacher. „Solche Kläffer wie dich hängen wir an die Wäscheleine und lassen sie hinter den Ohren trocknen.!“

„Das nenne ich friedlich mit eiserner Faust regieren. Willst du Kummer?“ Jube lachte wild.

„Mit dir werden wir ihn nicht haben, denn solche …“

Mandy Beacher wunde von seinem Kameraden unterbrochen: „Zum Teufel, ich will keinen Streit mit ihm. Er wird hier verschwinden, und mehr wollen wir nicht. Du brauchst ihn nicht zu reizen.“

„Wollen Sie mit denen reiten, Miss Greenough?“, wandte sich Jube an das Mädchen.

Maud nickte. „Ich muss, es hat keinen Zweck.“

Bis jetzt hatte der Alte geschwiegen. Nun aber wurde er rege. „Du bleibst hier, Kind! Du hast ein Recht, den zu heiraten, den du dir aussuchst! Dieser vertrocknete, bleichgesichtige Phil Kreig ist kein Mann für dich.“

„Wer ist das?“, fragte Jube.

„Ach, Vaughn Kreigs Sohn. Er ist schon vierzig. Viel zu alt für Maud – und viel zu dumm. Ihr Vater will mit dieser Heirat das ganze Rinderreich im County vereinigen. Er will der König im Lande sein. Der Teufel hole mich, dass ich diesem verdammten Steve Greenough einmal meine Tochter zur Frau gegeben habe. Hölle und Pest!“

Mandy Beacher war schon dabei, den Braunen zu satteln.

„Ich bleibe nicht, Gramps. Ich reite mit ihnen“, erklärte Maud. „Ich will nicht, dass es wieder Kampf gibt.“

Als sie wenig später aufsaß, knurrte der Oldtimer Stage-Tim: „Du solltest auch reiten, aber in eine andere Richtung, mein Junge. Die Luft hier bekommt dir nicht, glaub‘s mir doch!“

„Sie weht mir prächtig durch die Lungen, Alter. Ich glaube, ich werde bleiben“, erwiderte Jube lächelnd. Er winkte Maud zu, doch sie hatte nur einen abweisenden Blick für ihn übrig.

„Du kennst unseren Ratschlag, Jube Mills“, rief Ferry Daighan, bevor er aufsaß. „Wir wollen keine Unruhe. Leute wie du bringen sie aber. Reite!“

Daighan saß auf, dann ritten sie davon, die Männer zu beiden Seiten des Mädchens.

Stage-Tim musterte Jube von der Seite, grinste breit und brummte: „Ich wusste es, und was tust du?“

„Ich suche ein Pferd, Alter. Einen Hengst. Genauer gesagt einen Schimmelhengst mit dem Pfeilbrand.“

Der Alte nickte zufrieden. „Well, damit habe ich auch gerechnet. Es musste alles so kommen. Gehen wir ins Haus. Irgendwo steht noch ein Buddel mit Brandy herum, und ich hatte selten soviel Durst auf einen Schnaps wie jetzt.“

 

 

3

Im Evergreen-Canyon war es noch dunstig vom Nachtnebel. Tau glitzerte wie Silber an den Tannen. Die ersten Vögel trillerten ihren Morgengesang. Blutrot färbte sich der Himmel.

Der alte Stage-Tim und sein Gast Jube Mills waren früh aufgestanden. Ihnen stand eine Kletterpartie bevor, bei der sie kein Pferd gebrauchen konnten. Aber noch war es nicht soweit. Sie gingen noch durch den Dunst auf der Canyonsohle. Rechts und links ragten gigantisch dicke Douglastannen auf. Ein Rudel Wapitihirsche raste vor ihnen aus dem Dickicht und tauchte zwischen den Tannen im milchigen Dunst unter.

Der Alte hustete und spuckte. Seine Lunge rasselte, aber er stapfte mit ausholenden Schritten voran; Jube, das Gehen nicht sehr gewohnt, hatte Mühe, ihm zu folgen. Sie gingen am Rande des Canyons entlang, bogen auf die Berge zu ab und erreichten einen breiten Nebencanyon. Auf seiner Sohle wuchsen nur vereinzelte Bäume, dafür aber um so mehr Büsche und hohes Gras.

Jube und der Oldtimer standen am Rande des Canyons. Ein Wildcreek rauschte gut dreihundert Meter unter ihnen. Verstärkt von den Steilwänden übertönte das Donnern des Wasserfalles jedes andere Geräusch.

„Sie kommen zweimal am Tage hierher. Wenn du eine Chance hast, sie zu beobachten, dann nur an dieser Stelle. Du kannst ihn dir in Ruhe ansehen. Wir haben noch ein paar Stunden Zeit.“

Die Stunden vergingen schnell. Oben auf der Mesa war es noch heiß, die Sonne glühte auf die Männer herab, doch unten im Canyon war Schatten. Jube zog seine dicke Taschenuhr aus der Jacke. Sie zeigte die vierte Nachmittagsstunde.

Stage-Tim nickte. „Gleich“, flüsterte er und blickte mit verkniffenem Gesicht in die Schlucht hinab. Zehn Minuten verronnen träge. Doch da war das Warten zu Ende.

Hinten am Canyonknick tauchte zwischen den Büschen etwas Weißes auf. Dicht dahinter kamen rotbraune, gelbe und schwarze Flecken zum Vorschein.

Die Büsche wurden lichter, und die Pferderemuda war deutlich zu erkennen. Ein Schimmelhengst führte sie. Die Remuda bestand aus rund zwanzig Tieren. Eine kleine Herde. Die meisten Tiere waren Stuten, nur zwei Jungpferde waren darunter.

Der Hengst war jetzt stehengeblieben. Er reckte den Kopf hoch, ließ die Ohren spielen und schaute zum Wasserfall hin. Das Tier war nur an der Stirn und auf dem Rücken makellos weiß. Die Vorderhand, die Flanken und die Hinterhand waren schwarz oder geapfelt. Die Nase war schwarz bis grau. Auch die Mähne war eher grau als weiß.

„Er ist es!“, flüsterte Jube. „Ich erkenne ihn ganz genau. Allerdings ist er etwas heller geworden.“

„Das werden alle Schimmel“, murmelte Stage-Tim. „Sie kommen schwarz bis grauschwarz zur Welt, sind bis zum siebten Lebensjahre stark geapfelt und eher grau als weiß. Je älter sie werden, desto weißer wird ihr Fell. Völlig weiße Schimmel sind meist ältere Tiere. Wie alt ist er denn?“

„Er wird jetzt sieben Jahre werden, wenn ich richtig rechne. Sieh ihn dir nur an, zum Teufel, ist das nicht eine Wucht von einem Gaul?“

„Ich habe ihn schon mehrmals gesehen. Einmal so nahe“, erklärte Stage-Tim, „dass ich den Brand erkennen konnte. Den Pfeilbrand.“

„Wo mag er nur die Stuten aufgegabelt haben?“, wunderte sich Jube.

„Es sind hier mehrere Wildpferdeherden im Gebirge. Vielleicht hat er mit einem anderen Leithengst gekämpft und ihm die Remuda abgenommen. Vielleicht war die Remuda ohne männliches Leittier.“

Der Hengst ging langsam auf den Wasserfall zu. Er war wachsam und ließ die Umgebung keine Sekunde aus dem Auge. Erst als er trompetend wieherte, folgte die Remuda.

Am Felstrichter soff der Hengst wenige Schlucke, trat dann zur Seilte und witterte in die Runde. Indessen soffen die Stuten.

Jube legte die Finger in den Mund. Stage-Tim sah es und sagte hastig: „Verdammt, was hast du vor?“

Ohne auf diesen Einwand zu achten, stieß Jube einen schrillen Pfiff aus. Erst ganz hoch im Ton, dann etwas tiefer, abgehackt und misstönig.

Unten geschah etwas Seltsames. Zuerst ruckte der Kopf des Hengstes wie elektrisiert hoch. Die Stuten machten entsetzte Sprünge. Einige galoppierten davon.

Der Hengst stand stocksteif. Plötzlich wirbelte er herum und raste los. Die Stuten folgten augenblicklich.

„Da hast du deine Dummheit, zum Kuckuck!“, knurrte Stage-Tim wütend.

Jube ließ sich nicht beirren. Noch einmal pfiff er auf diese Weise. Es war so schrill, dass es selbst das Donnern des Wasserfalls deutlich übertönte.

Der Hengst blieb stehen, hob den Kopf und spähte zurück. An ihm vorbei galoppierte die Remuda, wurde langsamer und kam ebenfalls zum Stehen.

Und nun geschah es. Der Hengst machte ein paar zögernde, unsichere Schritte zurück, blieb wieder stehen und lauschte.

Jube wiederholte abermals den Pfiff.

Der Hengst wieherte, blähte die Nüstern auf und spähte zum Canyon-Rand hinauf.

Jube stand auf, winkte und pfiff zum vierten Male.

Der Hengst wieherte erneut, ging jetzt rascher zurück, warf den Kopf übermütig herum, wieherte trompetend und blieb genau unter Jube im Canyon stehen.

„Thunderbird!“, rief Jube, die Hände trichterförmig am Munde.

Der Hengst tänzelte auf der Stelle. Die Remuda verhielt sich in sicherer Entfernung abwartend.

„Ich muss zu ihm hinunter. Er wird nicht weglaufen!“, sagte Jube und suchte nach einem Abstieg.

„Lockt ihn bis zum Canyon-Zugang“, riet Stage-Tim.

„Well, aber lass du dich nicht sehen! Bleib hier!“

Jube ging langsam am Rande des Canyons entlang. Ab und zu stieß er den eigenartigen Pfiff aus, und unten folgte der Hengst. Auch die Remuda folgte, wenn auch in weitem Abstand.

Endlich hatte Jube den Abstieg erreicht. Es wurde eine mühsame Kraxelei. Manchmal sah er den Hengst nicht und fürchtete schon, das Tier sei weggelaufen. Doch jedes Mal, wenn er aus dem Felskamin herauskam, sah er ihn wieder. Thunderbird wartete, und mit ihm wartete die Remuda.

Endlich war Jube unten. Es drängte ihn, auf Thunderbird zuzugehen, aber er unterließ es.

Auch der Hengst wartete ab und lauschte mit steil aufgerichteten Ohren, als Jube freundliche Worte murmelte.

Es war eine gute Erinnerung, die Thunderbird an diesen blonden jungen Menschen hatte. Aber trotzdem war er misstrauisch. Ein Jahr in der Wildnis hatte diesen prachtvollen Hengst vorsichtig und wachsam gemacht.

Thunderbird wartete. Sein Ohrenspiel verriet, wie erregt er war. Die Nüstern waren leicht gebläht, in der Beinhaltung lag eine gewisse Spannung.

Leise, in singendem Tonfall, sprach Jube auf ihn ein. Er streckte die Hand vor. Auf dem Handteller lag ein Stück hartes Rosinenbrot. Thunderbirds Leib und Magen Leckerbissen. Wie viele Cowboys, die behaupteten, dass Zucker den Pferden den Magen verderbe, hielt auch Jube nichts von Zucker für Pferde.

Thunderbird wagte einen Schritt nach vorn, wurde wieder unruhig und hielt den Kopf schief. Jube redete ununterbrochen auf ihn ein. Bewusst gebrauchte er Worte, die Tommy immer wieder gebraucht hatte. Er ahmte auch Tommys Tonfall nach, diesen schleppenden, näselnden Tonfall des Südstaatlers.

Das Eis begann zu schmelzen. Thunderbird stakste näher. Seine dunklen Augen waren weit aufgerissen, in den Winkeln leuchtete es rot. Er schnaubte nervös, tänzelte auf der Stelle und schien es sich plötzlich anders überlegt zu haben. Doch da war die vertraute Stimme wieder mit ihrem einschläfernden, beruhigenden Singsang.

Thunderbird ließ sich besänftigen, blickte misstrauisch in die Runde. Hinten wieherte eine Stute.

Jube glaubte nun alles verdorben. Der Hengst hob den Kopf, blickte zurück und schien zwischen Freiheit und Treue zu schwanken. Die Stute wieherte wieder. Der Hengst drehte sich um, wandte Jube die Flanke zu. Langsam ging er zurück.

„Thunderbird, mein Junge, das kannst du mir doch nicht antun“, murmelte Jube. „Komm, mein Freund, komm mal ganz ruhig zu mir. Thunderbird! Nun komm schon, aah, nur ruhig, ganz ruhig!“

Thunderbird blieb stehen, legte den Kopf an die Flanke und sah wehmütig auf Jube. Aber er blieb stehen, und nun kam Jube auf ihn zu. Behutsam, Schritt für Schritt, ohne Hast.

Thunderbird wurde wieder unruhig, doch er wartete, und da war Jube bei ihm. Die Hand mit dem Rosinenbrot streckte sich Thunderbird entgegen, näherte sich dem Maul. Thunderbird schnüffelte am Brot, dann am Handgelenk und schließlich am Hemdsärmel. Jube flüsterte vertraute Worte, und es schien, als erinnere der Hengst sich genau an den Klang und Tonfall. Er hob den Kopf, stupste Jube mit den Nüstern an, rieb seine Unterlippe an Jubes Schulter und schlabberte das Rosinenbrot. Sein Speichel benetzte Jubes Hand.

Der Bann war gebrochen, Thunderbird fraß, stupste mit der Nase an Jubes linke Hosentasche, als wüsste er, dass dort noch mehr Brot steckte. Und er irrte sich nicht. Jube holte es heraus. Thunderbird fraß mit geräuschvollem Kauen.

Als Jubes Hand liebevoll über das seidige Fell am Hals streichelte, wurde der Hengst leicht unruhig. Sein Fell zuckte. Doch bald war er wieder geduldig und ließ es geschehen, dass ihn Jube hinter den Ganaschen kraulte.

„Du bist ein frecher Bursche, Thunderbird. Siehst ziemlich verwildert aus, scheint mir. Ein Jahr ohne Herr ist dir gut bekommen, denke ich, wie?“

Thunderbird stupste wieder an die Hosentasche. Da war aber kein Rosinenbrot mehr.

Jube versuchte nun etwas mehr zu erreichen. „Steh still, Thunderbird!“, sagte er. Und diesmal flüsterte er nicht, sondern sagte es wie einen Befehl. Und es war ein Befehl, an den sich Thunderbird vielleicht noch erinnern konnte.

Thunderbird zuckte bei diesem scharfen Tonfall zusammen. Er wollte schon ausbrechen, doch auf einmal begriff er. Er hob den Kopf, stellte sich gerade hin und rührte sich nicht mehr von der Steile. Als ihm Jube über den Rücken strich, zuckte nur sein Fell am Widerrist, sonst bewegte sich kein Muskel.

Jube drückte auf die Stelle, wo der Sattel lag. Thunderbird tänzelte.

„Steh still, Thunderbird, klar?“

Der Hengst stand wieder ruhig. Ein Jahr Wildnis hatte seinen Gehorsam nicht gebrochen.

Jube fasste den Haarschopf am Widerrist, drehte dem Pferdekopf den Rücken zu und sprang nach Indianer- oder Ulanenart auf das Pferd.

Thunderbird stand wie aus Erz gegossen. Eine Sekunde, zwei Sekunden, doch dann kam es über ihn. Alles, was er gelernt, alles, was vor diesem einen Jahr in der Wildnis war, war vergessen. Jetzt war er der wilde Leithengst, ein Bronco, den scheinbar noch nie ein Mensch berührte.

Mit allen Vieren gleichzeitig sprang er auf. Der Rücken wölbte sich im Sprung wie ein Katzenbuckel. Stahlhart waren die Muskeln an Beinen und Leib.

Als er wieder auf der Erde aufkam, saß Jube noch oben. Mit beiden Händen krampfte er sich am Mähnenhaar des Widerrists fest. Wie eiserne Klammern umschlossen seine Schenkel die Flanken.

„Steh still!“, zischte er.

Thunderbird gehorchte nicht. Wie von der Sehne geschnellt sprang er noch einmal ab, diesmal höher, gefährlicher. In der Luft kippte er seitlich weg. Jube glaubte, der Hengst würde sich auf die Seite werfen oder gar auf den Rücken, doch das geschah nicht. Thunderbird landete wieder auf den Hufen und raste sofort los. Das Tempo war von Anbeginn an mörderisch schnell. Es ging haarscharf an den Graten der Felsen entlang. Und Jube hatte nichts, um den Lauf des Hengstes zu bremsen. Schon wollte er aufgeben, einfach abspringen, als er in seiner Not den schrillen Pfiff ausstieß.

Thunderbird stoppte so hastig, dass es Jube beinahe vom Rücken riss. Und nun geschah etwas Unbegreifliches. Der Hengst, eben noch wie von der Tarantel gebissen, wurde zum lammfrommen Tier. Als sei nichts gewesen, trottete er wie ein alter Wallach weiter. Schließlich blieb er stehen und drehte den Kopf zur Seite, um nach seinem Reiter zu sehen.

Mit Schenkeldruck leitete Jube das Tier wieder zurück. Und Thunderbird gehorchte, obgleich diesmal gleich zwei der aufgeregten Stuten wieherten. Die Kapriolen von vorhin schienen restlos vergessen zu sein.

Als sich Jube umdrehte, sah er, wie das ganze Rudel in weitem Abstand folgte. Am Ausgang des Canyons, nach zwei Meilen, blieb die Remuda zurück. Thunderbird wieherte noch einmal laut und trompetend, als wolle er sich verabschieden. Und von nun an folgte ihm das Rudel nicht mehr. Der Strich war wieder gezogen, der Strich zwischen den wilden Mustangs und dem treuen Freund des Menschen.

 

 

4

Zwei Wochen vergingen. Zwei Wochen, in denen für Thunderbird das alte Leben wieder auferstand. Vieles mochte für ihn anders sein als früher bei Tommy, doch mit Jube verstand er sich gut. Genau genommen war das Verhältnis bald noch inniger als zwischen Tommy und dem Hengst.

Jube hatte vor Jahren aus dem Bronco ein abgerichtetes Pferd gemacht, erst dann ritt Tommy damit. War die Erinnerung noch so stark, oder hatte Jube wirklich mehr „Pferdeverstand“ als sein Bruder besaß, jedenfalls ging Thunderbird unter seinem neuen Herrn zuverlässig und gehorsam. Vieles hatte er halb verlernt und musste wieder dazu erzogen werden. Am schwierigsten fiel es ihm, sich auf Befehl hinzulegen. Doch nach zehn Tagen saß auch das wieder. Und am fünfzehnten Tage ritt Jube Mills mit dem Hengst aus dem Evergreen-Canyon. Sicherheitshalber nahm er seinen Falbenwallach mit. Dieser und der Hengst verstanden sich nicht sonderlich. Thunderbird hatte den Kopf stets voller Dummheiten, biss gerne den Falben oder begann spontan mit ihm zu spielen. Der Falbe liebte solche Scherze nicht, er war fast sechzehn Jahre alt und hasste nichts mehr als unnötige Eile. Als Wallach war er zwar kräftig, dem Hengst aber an Temperament unterlegen.

Als Jube mit den beiden Pferden nach Canyon City ritt, saß er auf Thunderbird und ließ den Falben an langer Leine nachlaufen. Nur so wurden der ständige Streit und die Beißerei vermieden.

Beim Füttern auf halbem Wege ging der Tanz wieder los. Thunderbird beanspruchte nicht nur seine Ration, sondern auch die des Falben. Nur Jubes Hartnäckigkeit konnte ihn davor zurückhalten, den Falben in die Flucht zu schlagen und dessen Hafer zu fressen.

Bei dieser Gelegenheit fasste Jube den Entschluss, den Wallach in Canyon City zu verkaufen.

Am Nachmittag ritt er durch die gelben Getreidestreifen des Farmlandes vor Canyon City. Bald hatte er die Straße erreicht und nach einer weiteren Stunde auch das Stage-Depot der Postgesellschaft. Er ließ den Wallach in der Obhut des Depot-Tenders zurück.

Schon der alte Pferdewärter der Post riss die Augen auf, als er Thunderbird sah, sagte aber nichts. Auf dem weiteren Ritt begegnete Jube Farmern und Farmhands, die entsetzt auf ihn und sein Pferd starrten. Manche liefen erschrocken davon. Hielten sie ihn etwa für Tommy?

Schon näherte sich Jube den ersten Häusern dieser Talstadt. Thunderbird wurde nervös. Welche Überwindung es ihn kostete, nach einem Jahr der Freiheit wieder zwischen vielen Menschen und Häusern zu gehen, konnte Jube nur ahnen. Es schien fast, als vermisse Thunderbird die Gesellschaft des Wallachs. Vielleicht wäre die Nähe eines anderen Pferdes für ihn eine Ablenkung gewesen.

Es kostete Jube große Anstrengung, das dem Leben in menschlicher Gemeinschaft entfremdete Tier zu beruhigen. Er hatte Thunderbird gerade wieder in einem leichten,, federnden Gang, da kamen drei Reiter auf ihn zu. Ferry Daighan, Mandy Beacher und ein grauhaariger Mann in dunklem Anzug. Er wusste nicht, dass dieser Mann Steve Greenough war, aber er ahnte es. So hatte er sich den Rancher vorgestellt. Hakennasig, hager, mit wasserhellen Augen.

„Er führt sich schon recht dreist ein, wie es von einem Mills nicht anders zu erwarten ist“, sagte Daighan laut, damit Jube es nur ja hörte. „Wie lange wollen wir uns das noch mit ansehen, Boss?“

Ferry Daighan bekam keine Antwort. Der Mann, den er mit Boss ansprach, musste also Greenough sein. Jubes Vermutung stimmte.

Als sie alle drei vor Jube anhielten, stützte sich Greenough aufs Sattelhorn und blickte mit verächtlichem Grinsen auf Jube. „Das Pferd ist wunderbar, der Kerl, der draufsitzt, taugt keine zwei Coppers. He, Cowboy, was willst du für diesen Bronco haben?“

„Sie können ihn nicht bezahlen, Rancher“, erwiderte Jube lässig.

Greenough lachte rau. „Es gibt nichts, was ich nicht bezahlen könnte, Kleiner. In diesem County kann ich alles haben. Und ich will deinen Schimmel. Wetten, dass du ihn mir verkaufen wirst?“

„Wetten, dass ich es nicht tue? Er lief frei herum, in diesem County, Mister Greenough. Sie hätten ihn immer haben können. Warum taten Sie‘s nicht? Erinnert Sie das Pferd nicht an jemanden?“

„Klar, aber dieser Jemand interessiert mich keine Sekunde. Auch du nicht, Kleiner. Dein Pferd gefällt mir.“ Greenough beugte sich etwas zurück und blickte interessiert auf den Hengst. „Sieh dir doch nur die Fesseln von ihm an, Ferry. Und diese Stiefel der Hinterhand. Großartig. Erste Klasse.“ Bewundernd betrachtete er das Tier.

„Er gehört Ihnen, Boss!“, meinte Mandy. „Der Bursche sagt selbst, dass er ihn auf unserem Grund gefangen hat.“

„Irrtum, Beacher. Thunderbird hat den Brand mit dem Pfeil. Der Hengst ist kein Wildpferd, sondern das Pferd meines Bruders, der von euch in den Tod getrieben wurde.“

Greenough blickte überrascht auf, schüttelte den Kopf und wandte sich fragend an Ferry Daighan: „Habt ihr ihn noch nicht aufgeklärt?“

Ferry nickte eifrig. „Klar, haben wir, Boss. Aber der ist noch sturer als sein Bruder. Ich werde ihn in die Behandlung nehmen, Boss, wenn Sie wollen, dann …“

„Stopp!“ Greenough hob die Hand. „Hören Sie mal, Mills! Sie haben dieses Pferd auf meinem Grund und Boden gefangen, und ich lasse mir den Anspruch auf den Schimmel nicht bestreiten.“

Jube lächelte. „Well, Sie können es haben. Versuchen Sie doch, es mitzunehmen!“ Er schwang sich aus dem Sattel und streichelte den Hengst am Hals. Thunderbird hatte sich beruhigt. Er war wieder ganz vernünftig, blickte aber misstrauisch auf die Männer und war versucht, Daighans Wallach zu beißen.

„Ferry, setz dich drauf!“, befahl Greenough. „Und hören Sie, Mills: Ich bin so großzügig, Ihnen Daighans Pferd dafür zu schenken. Sie scheinen doch nicht so stur zu sein, wie Ferry behauptete.“

„Sie werden sich wundern, Boss“, brummte Ferry und saß ab.

Jube machte keine Anstalten, Ferrys Pferd zu übernehmen. Er trat einen Schritt zur Seite, lehnte sich lässig an die Wand eines Hauses und beobachtete Thunderbird.

Der Hengst stand wie ein Lamm. Ferry ließ sich aber nicht täuschen. Vorsichtig näherte er sich dem Schimmel. Als er die Zügel packte, passierte es. Thunderbird bäumte sich, auf, die Vorderhufe wirbelten wie Trommelschläger. Ferry Daighan sprang zur Seite, ein Huf streifte seinen Hut und fegte ihn vom Kopf.

Mandy Beacher trieb sein Pferd heran. Doch der braune Wallach scheute vor dem Hengst, und als Greenough seinen Rapphengst antrieb, war es geschehen, Thunderbird und der Rappe gerieten sich in die Haare, und Greenough flog im hohen Bogen aus dem Sattel.

Mandy Beacher war inzwischen neben Thunderbird. Mit einem Satz sprang er in den leeren Sattel des Hengstes. Für Beacher wurde es hart. Thunderbird vollführte einen Höllentanz. Er bockte, warf sich auf die Seite, wurde den Reiter aber nur dann kurze Zeit los, wenn er sich auf den Boden schmiss. Mandy war immer wieder schnell im Sattel.

Schließlich versuchte Thunderbird etwas anderes. Er ging so heftig hinten hoch, dass er sich fast überschlug. Da hielt sich auch Mandy Beacher nicht mehr im Sattel. Über den Hals des Hengstes rutschte er zu Boden.

Jetzt musste Jube eingreifen, wenn er verhindern wollte, dass Mandy von Thunderbird zerschlagen wurde. Der Hengst bäumte sich wieder auf und wollte mit beiden Vorderhufen auf den am Boden liegenden Reiter losgehen.

Ferry Daighan zog den Revolver. Auch Greenough hatte die Waffe schon in der Hand.

Ein schriller Pfiff. Thunderbird wirbelte zur Seite und galoppierte hinüber zu Jube, der sofort aufsaß, lauthals lachte, und auf dem Schimmelhengst in die Stadt hinein galoppierte. Wütende Flüche wurden ihm nachgeschleudert.

Er lachte darüber. Und Thunderbirds Wiehern erschien ihm ebenfalls wie ein Hohngelächter.

 

 

5

Jube sah Greenough und dessen Begleiter schon bald wieder. Als er im Store stand, kamen sie mit dem Sheriff.

Vor der Tür wartete Thunderbird mit hängenden Zügeln. Es war kein Zufall, dass er die Tür blockierte. Auf der anderen Straßenseite stand eine Menschenmenge, die den Hengst aus respektvoller Entfernung anstarrte. Das Interesse der Zuschauer steigerte sich, als nun Greenough, Sheriff Egan Malon und die beiden Leibwächter des Ranchers herankamen.

Egan Malon war ein kleiner Mann, wenig älter als vierzig Jahre. Man sagte ihm nach, er sei vor zehn Jahren der schnellste Revolverschütze im ganzen Norden gewesen. Und man wusste von ihm, dass er den Verstand eines Fuchses hatte. Er war auch der einzige Mann im County, der sich von Greenough nichts sagen ließ.

„Vorsichtig, das Vieh geht auf einen los!“, warnte Daighan, als der Sheriff sich an Thunderbird vorbeizwängen wollte.

„Steh still, Thunderbird!“, rief Jube aus dem Store.

Thunderbird ließ den Sheriff vorbei. Als aber Greenough und Daighan nachkamen, schnaubte er und warf den Kopf zurück. Dabei legte er die Ohren an und bleckte die Zähne. Greenough und Daighan wichen respektvoll zurück.

„Hallo, Mills“, grüßte der Sheriff und tippte an die Hutkrempe. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu einer Unterhaltung in mein Office einlade, he?“

Jube zuckte die Schultern. „Habe ich jemanden erschossen?“

Der Sheriff grinste. „Ihr Gaul macht einigen Leuten Kummer. Ist das wirklich Tommy Mills Pferd? Greenough sagt, Sie hätten es auf seinem Land eingefangen. Sie wissen sicher, was Pferdediebstahl ist, Mills. Hier in Oregon hat man für Pferdediebe ein hartes Gesetz: den Strang. Begreifen Sie jetzt, in welcher Luft Sie atmen?“

„Sie beginnt mir prächtig zu schmecken, diese Luft, Sheriff“, erwiderte Jube lächelnd. „Ich werde wohl gewissen Deuten unbequem, wie?“

„Ihr Typ ist nicht gerade gefragt, Mister.“

Der Storekeeper blickte erstaunt von einem zum anderen. Er lauschte wie ein Luchs, um nur ja keine Silbe dieses Gesprächs zu versäumen.

„Tja, Mills, wie ist es nun? Werden Sie mich besuchen?“

„Wann?“

„Jetzt!“ Das Lächeln schwand aus Egan Malons Zügen. Die dunklen Augen funkelten. „Pferdediebstahl ist kein Witz, Mills. Und auch sonst habe ich noch ‘n paar kleine Nebensachen mit Ihnen zu klären. Kommen Sie!“

„Und nehmen Sie um Himmels willen dieses Vieh von meiner Ladentür weg!“, rief der Storekeeper.

Jube bezahlte den Proviant und die Munition, die er eingekauft hatte, packte sich das Bündel unterm Arm und ging zur Tür. Draußen warf er Thunderbird die Zügel über das Sattelhorn und raunte: „Komm, mein Junge!“

Ohne geführt zu werden, folgte der Hengst seinem Herrn. Egan Malon knurrte beifällig.

In respektvoller Entfernung folgte Greenough mit seinen Leibwächtern.

„Sie müssen das Pferd in meinen Corral tun, Mills“, erklärte der Sheriff. „Ich beschlagnahme das Tier bis zur Klärung, wem es gehört. Klar, Mills?“

„Ist der Corral leer?“, erkundigte sich Jube.

Der Sheriff nickte.

So kam Thunderbird in den Corral des Sheriffs. Egan Malon zeigte sich großzügig und spendete eine ordentliche Portion Mais und ein paar Gabeln mit frisch gemähtem Flusswiesenheu.

Im Office waren sie wieder beisammen, Greenough, Daighan, Beacher, der Sheriff und Jube.

Egan Malon ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder.

„Also, der Gaul gehört mir“, behauptete Greenough mit dröhnender Stimme.

„Das Pferd hatte keinen Besitzer, nachdem Tommy Mills verunglückte. Und es befand sich auf unserem Land. Also gehört es uns“, unterstützte Daighan seinen Boss.

Egan Malon knurrte: „Weiter!“

„Was heißt weiter, Egan? Du weißt genau, dass es reicht, was wir gesagt haben. Er ist ein verdammter Pferdedieb!“, brüllte Beacher.

Der Sheriff blickte auf und fauchte: „Brüll nicht herum, sonst schmeiße ich dich auf die Straße!“

Jube hätte am liebsten laut gelacht, als er das den kleinen Sheriff zum Hünen Beacher sagen hörte. Aber er staunte, als Beacher kleinlaut sagte: „Na ja, es war ja nicht so gemeint.“

Egan Malon murmelte: „Mills, was haben Sie zu sagen?“

„Nichts, Sheriff. Der Fang von Wildpferden ist frei. Auch auf einem Ranchgebiet. Das wissen Sie auch. Ich habe nichts weiter zu sagen.“

„Es ist kein Wildpferd! Es hat einen Brand!“, ereiferte sich Greenough.

„Sie widersprechen sich selbst, Rancher“, meinte Jube lächelnd.

„Was sagen Sie, Sheriff? Nun machen Sie endlich den Mund auf!“, brüllte Greenough.

„Ich setze Sie an die Luft, Greenough, wenn Sie herumschreien.“

„Und ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht wiedergewählt werden!“

„Das versprechen Sie mir seit acht Jahren! Und jedes Mal wunde ich wieder Sheriff von Canyon City. Sie sagen, der Hengst sei ein Wildpferd, Greenough. Ein Gaul ohne Besitzer, wie? Das sagten Sie doch!“

„Aber er hat einen Brand, und darum ist er kein Wild …“

„Ein Pferd, das ein Jahr in der Freiheit wie ein Wildpferd herumspringt, ist einem Wildpferd gleichzusetzen. Wildpferde zu fangen, ist kein Verbrechen. Da die Remuda auf Ihrem Gebiet lebte, haben Sie Anspruch auf … Warten Sie mal, ich muss nachsehen!“

Er blätterte in einem dicken Wälzer, murmelte etwas, und sagte schließlich, als er die richtige Stelle gefunden hatte: „Ganz klar! Hören Sie zu, Greenough! Werden Wildpferde auf dem Gebiet einer Ranch gefangen, und ist dieses Land Eigentum des Ranchbesitzers, dann muss für jedes Wildpferd, gleichgültig ob Alt- oder Jungtier, ob männlichen oder weiblichen Geschlechtes, der Betrag von zehn Dollar vom Fänger an den Rancher entrichten werden. Soweit das Gesetz, Greenough. Ich weiß aber, dass die Schluchten der Blue Mountains nicht Ihr, sondern der Regierung Eigentum sind. Also?“

„Aber er hat es doch …“, Mandy Beacher war wütend.

Der Rancher unterbrach ihn. „Halte die Klappe, du hast noch nicht begriffen. Wir gehen. Es hat keinen Zweck. Er benutzt jedes Mittel, um mir zu zeigen, wie groß seine Stiefel sind.“

Der Sheriff lachte schallend und blickte den drei Männern nach, als sie ergrimmt das Office verließen.

Jube setzte seinen Hut auf. „Da kann ich ja wohl auch gehen, wie?“

„Nein, setzen Sie sich, Mills. Ich bin mit Ihnen noch nicht fertig.“

Als sich Jube gesetzt hatte, fuhr der Sheriff fort: „Warum sind Sie hier? Wegen des Pferdes? Wegen Maud Greenough? Oder wollen Sie sich rächen für Ihren Bruder?“

Jube schüttelte den Kopf. „Ich kam, um das Grab meines Bruders zu finden. Und ich hatte von Thunderbird gehört. Am Grab traf ich Maud Greenough. Es geschah allerlei Merkwürdiges. Ich habe das Gefühl, mit meines Bruders Tod stimmt verschiedenes nicht. Das Märchen, dass er auf Greenough aus dem Hinterhalt geschossen hat, glaube ich keine Sekunde.“

„Sie verkennen die Lage, halten Greenough für einen Banditen und seine Garde für Schurken. Irrtum! Die Burschen sind hart, aber ehrlich. Und Greenough will nur ein riesiges Rinderreich. Der Haken liegt woanders.“

„Wo also?“

Egan Malon nahm das Messer wieder auf, kratzte sich mit dem Schaft auf dem Kopf und brummte: „Wenn ich es wüsste. Ich bin hier allein, Mills. Die Kreigs und Greenoughs sind sich sehr einig geworden. Und jetzt, wo sie von einer Hochzeit zwischen Maud und Phil Kreig sprechen, bilden sie einen Block. In diesem County hängt so gut wie alles an diesen beiden Ranches. Greenough und seine Garde wachen über den Frieden. Sie stören nur diesen Frieden. Es wird mit Ihnen so kommen wie mit Tommy. Deshalb klemmen Sie sich auf Ihren weißen Elefanten und zuckeln Sie in Richtung Heimat. Einen besseren Rat kann ich Ihnen nicht geben.“

„Leider taugt er nichts“, meinte Jube.

Egan Malon stand auf. „Es muss bei Ihnen in der Familie liegen, dass alle von euch vom Felsen abstürzen wollen.“ Er packte Jube an der Hemdbrust und schüttelte daran. „Begreifen Sie nicht, Mills, dass Sie ein Nichts sind gegen das gesamte County? Ich habe mir auch ein paar Dinge zusammengereimt, als Ihr Bruder verunglückte. Und er ist wirklich abgestürzt, daran ist kein Zweifel. Nur wie es dazu kam, das konnte ich bis heute nicht herausfinden. Ich will es auch nicht mehr. Ich bin nicht der Sheriff von irgend einem hergelaufenen Tramp, ich bin der Sheriff dieses Countys. Und hier will man Ruhe. Ich kann Sie nicht schützen, Mills. Und wenn Sie das endlich begriffen haben, könnte es zu spät sein.“

„Vielen Dank, Sheriff. Vielleicht helfen Sie mir doch. Und dann wären Sie nicht mehr allein. Wir sind dann zu zweit, Sheriff. Bald würden sich noch mehr finden. Einer muss den Anfang machen. Ich bin der Anfang.“

„Gehen Sie zum Teufel. Sie machen mir nur Ärger, wahrscheinlich noch mehr als Ihr Bruder.“ Egan Malon drehte sich um, trat zum Fenster. „Hauen Sie ab, Mann! Sie sind zu unerfahren, um zu begreifen, dass Sie verspielt haben, wenn Sie hierbleiben.“

 

 

6

Hinter Felsbrocken, die eine Lawine im Frühjahr von den Bergen heruntergespült hatte, lagen vier Männer. Sie hatten ihre Gesichter durch schwarze Halstücher bis zu den Augen hinauf verdeckt. In ihren Händen hielten sie entsicherte Winchesterbüchsen. Vier Augenpaare starrten wachsam auf die Straßenbiegung.

Von einer ausladenden Tanne kletterte der fünfte Mann dieser Schar herunter. Hastig suchte er sich ein Versteck hinter den Felsbrocken und winkte seinen Kumpanen zu.

Der Reiter, auf den sie warteten, würde gleich um die Felszunge biegen. Sobald er auftauchte, würden die Schüsse fallen. Aus fünf Gewehren, sicherer Tod. Und jetzt hörten die Vermummten den Hufschlag des Pferdes. Dann trabte ein prächtiger Schimmelhengst heran, gesattelt und – ohne Reiter.

Einer der Männer hinter den Felsbrocken fluchte. Aber es nützte nichts. Auf dem Hengst saß niemand, und es war nicht der geringste Trick dabei. Sie sahen das Pferd von vorn. Da hing niemand auf der Seite, nach Indianerart.

Das Tier ging im Schritt weiter. Es hob den Kopf, schnaubte und spähte zu den Felsbrocken hinüber. Es musste die Männer gewittert haben, blieb stehen, tänzelte auf der Stelle, machte kehrt und preschte im Galopp zurück.

Einer der Männer schoss. Andere verfluchten diese voreilige Handlung. Ob der Schuss den Hengst getroffen hatte, konnte keiner der fünf feststellen. Der Schimmel war um die Felszunge verschwunden.

„Ein Satan!“, keuchte einer der Männer.

„Was hat ihn nur gewarnt, diesen Hundesohn?“, fragte ein anderer ratlos.

Zwei von ihnen kletterten auf die Tannen. Der zuerst oben war, rief es den anderen zu: „Er ist verschwunden. Nichts mehr zu sehen!“

Und die Männer begriffen noch immer nicht, was sie verraten hatte. Auch als sie den Berghang hinauf sahen, fiel es ihnen nicht auf.

Details

Seiten
143
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937909
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537074
Schlagworte
dynamit hufen

Autor

Zurück

Titel: Dynamit unter den Hufen