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Die Welt der 1000 Reiche #3: Das Reich Norwor

81 Seiten

Zusammenfassung

Sharon Belinda, von den Piraten auf die Welt der 1000 Reiche verbannt, schließt sich der Armee von König Hugh an. Sie erhofft sich, durch ihn erfolgreicher bei der Suche nach Henry, ihrem Roboter, und einem Weg fort von dieser Welt zu sein.
Als Hugh erfährt, dass der Roboter nicht wie alle anderen technischen Dinge auf dieser Welt versagt, will er unbedingt das Geheimnis ergründen, weshalb es sich so verhält. Kurzerhand setzt er Belinda gefangen. Er vermutet, dass der Roboter dessen „Herrin“ sucht und so in seine Hände fällt. Kurz darauf landet er mit seiner Armee in Norwor, um dieses Reich zu erobern, und sieht sich einem beachtlichen Kriegsheer gegenüber. Henry, der sich noch immer Königin Dalinda verbunden fühlt, unternimmt alles, damit sie die Krone von Norwor bekommt.

Leseprobe

Table of Contents

Band 3: Das Reich Norwor

1

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3

4

5

Die Welt der 1000 Reiche

Band 3: Das Reich Norwor

 

 

 

Ein Science Fantasy Roman

von

Roland Heller

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach einem Motiv von Pixsabay, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Sharon Belinda, von den Piraten auf die Welt der 1000 Reiche verbannt, schließt sich der Armee von König Hugh an. Sie erhofft sich, durch ihn erfolgreicher bei der Suche nach Henry, ihrem Roboter, und einem Weg fort von dieser Welt zu sein.

Als Hugh erfährt, dass der Roboter nicht wie alle anderen technischen Dinge auf dieser Welt versagt, will er unbedingt das Geheimnis ergründen, weshalb es sich so verhält. Kurzerhand setzt er Belinda gefangen. Er vermutet, dass der Roboter dessen „Herrin“ sucht und so in seine Hände fällt. Kurz darauf landet er mit seiner Armee in Norwor, um dieses Reich zu erobern, und sieht sich einem beachtlichen Kriegsheer gegenüber. Henry, der sich noch immer Königin Dalinda verbunden fühlt, unternimmt alles, damit sie die Krone von Norwor bekommt.

 

 

***

 

 

1

 

Wenn es etwas gab, das Siffa Nab hasste, dann war es Untätigkeit. In dieser Beziehung stimmte ihm Sigi Murnau völlig zu. Die beiden Piraten saßen in der Zentrale ihres kleinen Raumschiffes und stierten verloren Löcher in die Luft. Zwar hatten sie sich auf eine längere Wartezeit eingestellt, doch die Vorstellung und die Wirklichkeit waren zwei verschiedene Dinge. Siffa hatte sogar ein Kartenspiel mitgebracht, das ihnen helfen sollte, die Wartezeit zu verkürzen, doch nach drei Partien, in denen es zudem um Nichts ging, hatte er Sigi beim Schummeln erwischt. Damit war das Spiel natürlich zu Ende.

Beide konnten sich immerhin so weit beherrschen, dass es zu keiner Prügelei kam. Doch für die nächsten beiden Stunden herrschte Funkstille in der Zentrale. Und auch danach warfen sie sich noch Blicke zu, die tödliche Wunden verursacht hätten, wenn Blicke töten könnten.

In der sicheren Entfernung von einer Lichtminute umkreiste das kleine Schiff der Piraten diese unberechenbare Welt. In dieser Entfernung sollten sie von den Auswirkungen verschont bleiben, die bereits so vielen zum Verhängnis geworden waren. Im Stillen hatte Siffa diese Welt bereits mit einem riesigen Magneten verglichen, der aus allen Richtung des Alls Schiffe magisch anzog und in den Untergang trieb. Die meisten dieser Schiffe, wenn es nicht gerade militärische Einheiten waren, mussten eine wertvolle Ladung mit sich getragen haben, denn nur zum Vergnügen reisten die Wenigsten durch das All. Auf diese Schätze hatte es Siffa vor allem abgesehen.

„Wie lange braucht sie noch?“, rief Sigi ungeduldig.

Siffa lachte kurz auf. Wenn Sigi ungeduldig wirkte, musste er als oberster Pirat, zumindest dem Schein nach, den überlegen Wartenden spielen. „Ein wenig Zeit musst du ihr schon lassen. Wir haben sie ja erst gestern abgesetzt.“

„Die Landung hätte sie zumindest bestätigen können.“

„Und damit die Chance auf ein weiteres Gespräch riskieren sollen? Verdammt, Sigi, denk doch einmal nach. Du kannst erfahrungsgemäß die Geräte maximal drei Mal benutzen, bevor sie den Geist aufgeben.“

„Und wer behauptet das? Kannst du das wenigstens beweisen?“

„Ich hätte gute Lust, dich ohne Raumanzug die Außenhülle reinigen zu lassen! Natürlich kann ich es nicht beweisen, aber hast du schon einmal erlebt, dass ein Gerät, welches wir auf die Oberfläche runtergeschickt haben, länger funktioniert hat?“

„Heh, Siffa, ich bin kein kleines Kind mehr, dem du alles haarklein erklären musst. Aber wer sagt dir wirklich, dass dort unten alle Geräte versagen?“

„Ich weiß was, Sigi. Ich schicke dich runter. Dann kannst du deine Beweise sammeln. Los, mach dich fertig! In fünf Minuten kannst du unterwegs sein!“

„Ha ha“, machte Sigi, „wenn dir die Argumente ausgehen, wirst du richtig gemein und handelst unüberlegt. Okay, in welches Raumboot willst du mich denn setzten? Wir haben nämlich keines mehr dabei. Da müssen wir schon beide mit dem Boot landen. Na, was sagst du jetzt?“

Siffas rechte Hand fuhr aus und landete klatschend auf Sigis Wange. „Wenn du mehr als meine flache Hand spüren willst, dann mach nur weiter so!“

Sigi wusste, wann er nachgeben musste. Immerhin war Siffa der unumschränkte Herr der Piraten in diesem Raumabschnitt. Selbst wenn er recht hatte, wäre es ihm auf Dauer nicht gut bekommen, wenn er weiterhin auf seiner Meinung bestand.

Er drehte einfach seinen Sitz so, dass er Siffa den Rücken zukehrte. Seinen ersten Impuls, aus der Zentrale zu stürmen und sich irgendwo im Schiff zurückzuziehen, unterdrückte er aus verständlichen Gründen, denn dazu war das Schiff einfach zu klein. Es bot ihm keine Möglichkeit, irgendwo ungestört seine Wut ausrauchen zu lassen.

Siffa seinerseits starrte nur für Sekunden auf Sigis Rücken. Er beruhigte sich relativ schnell. Er nahm es dem anderen nicht übel, denn zu gut kannte er die Anspannung, unter der die meisten Männer im Raum standen, die sie zu Reaktionen verleiten ließ, die unter normalen Umständen unmöglich schienen. Nicht zuletzt diese Fähigkeit der Personenführung hatte ihn zum Boss der Piraten werden lassen.

Er atmete tief durch und blickte auf die Welt hinunter, die sich unter ihm drehte. Ein Geheimnis umgab diese Welt – und dieses wollte er ergründen. Was war dafür verantwortlich, dass die Naturgesetze hier nicht galten? Aus welchem Grund gab es keine Rückkehr von dieser Welt?

Sämtliche bekannten Messgeräte hatten die Welt ausgelotet – umsonst. Niemand wusste, wo er erneut ansetzen musste, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es musste eine Möglichkeit geben, auch dieser Welt ihr Rätsel zu entlocken.

Sie warteten geradezu mit Sehnsucht darauf, dass ihr Kommunikationsgerät einen Kontakt anzeigte.

Als es dann endlich soweit war, wurden sie davon überrascht.

Siffa blickte zuerst fast ungläubig auf das blinkende Licht, das in schneller Folge in tiefroter Farbe aufblitzte. Begleitet wurde das Lichtzeichen von einem Summton. So war zumindest gewährleistet, dass jemand in der Zentrale darauf aufmerksam werden musste.

„Verdammt, nimm das Gespräch endlich an!“, rief Sigi. „Wer weiß, wie lange ihr Gerät noch funktioniert!“

Siffa nickte und betätigte gleichzeitig einen Regler der Konsole direkt vor ihm. Der Summton erstarb fast augenblicklich, das Lichtzeichen blieb jedoch weiterhin aufrecht. Es würde so lange aktiv bleiben, solange die Verbindung stand.

„Siffa hier!“, meldete er sich. „Bist du es, Sharon?“

„Natürlich bin ich es. Wer sollte es denn sonst auf dieser langlebigen Breitbandfrequenz sein.

Hör mir jetzt gut zu. Und unterbrich mich nicht! Ich weiß nämlich nicht, wie viel Zeit ich noch habe.“

„Also gut, schieß los. Hast du bereits etwas herausgefunden?“

„Wenig, aber es sollte dir helfen können. Ich will nämlich wieder fort von dieser Welt, und dazu brauche ich Hilfe. Es ist offensichtlich leicht möglich, die Oberfläche dieser Welt zu erreichen, aber nach Aussage der Leute hier unmöglich, diese Welt wieder zu verlassen. Das glaube ich jedoch nicht. Es muss einen Weg geben. Diesen Weg musst du finden!

In den oberen Schichten der Atmosphäre muss es eine Anomalie geben, vermutlich in Form einer Strahlung, die bewirkt, dass alles, was mit unserer Technik beschrieben werden kann, sich zersetzt und mit der Zeit den Geist aufgibt.

Auf dieser Welt sind die verschiedensten Völker gestrandet, soweit ich das bislang mitbekommen habe. Durch das Fehlen der Technik haben sie eine eigene Lebensweise entwickelt, die nahezu alles kompensieren kann, aber frage mich keine Einzelheiten …“

„Sharon, verzettle dich nicht!“, schrie Siffa. „Was ist noch wichtig?“

Ein Rauschen, das von Sekunde zu Sekunde stärker wurde, überlagerte ihre Worte, die zuletzt kaum noch verständlich durchkamen. Anfangs war der Empfang klar und deutlich, doch je länger Sharon sprach, umso schwerer verständlich wurden ihre Worte, bis sie zuletzt nicht mehr zu verstehen war.

„Sharon! Bist du noch dran?“

Doch es kam keine Antwort mehr.

Siffa fluchte hemmungslos und machte seiner Enttäuschung Luft. „Verdammte Welt!“, schloss er.

„Du hast dir diese Welt als Schatzkiste ausgesucht“, sagte Sigi unberührt. „Vielleicht sollten wir uns wirklich nicht nur auf diese Welt versteifen.“

„Sie wird mir eines Tages zu Glück und Reichtum verhelfen, und vielleicht sogar zu mehr!“, sagte Siffa mit einer eindringlichen Betonung. „Ich gebe diese Welt nicht auf! Sharon hat immerhin länger durchgehalten als alle anderen vor ihr.“

„Was haben wir Neues erfahren?“, sagte Sigi spöttisch.

„Eine ganze Menge. Wenn du nicht zuhören kannst, ist das nicht meine Schuld. Wir können auf dieser Welt überleben. Sie hat es uns bestätigt, indem sie noch gelebt hat. Das haben wir ja bislang nur vermutet, denn aus dem Gestammel der anderen Verbannten sind wir nicht klug geworden. Außerdem haben wir erfahren, dass es verschiedene Rassen auf diese Welt verschlagen hat. Das ist immerhin interessant.“

„Was du daran so interessant findest, musst du mir noch erklären“, sagte Sigi unwirsch.

„Wir groß ist das Universum? Wie viele Rassen leben darin? Über wie viele Lichtjahre erstreckt sich der Lebensraum, den eine Rasse durchschnittlich für sich beansprucht? Oder mit anderen Worten, wie dicht ist die Intelligenz im Universum verteilt? Mein Gott, Sigi, denk doch einmal in kosmischen Bahnen und überlege dir, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass auf einem Planeten mehrere Rassen zusammentreffen – auch wenn sie gestrandet sind.“

„Nun ja, sehr gering, würde ich sagen“, gab Sigi zu.

„Da hast du die Antwort. Denk weiter darüber nach. Kommst du darauf, oder muss ich dich darauf stoßen?“

„Lass das Rätselraten. Sag endlich klipp und klar, was dich an dieser Welt so interessiert.“

„Wenn so viele verschiedene Völker diese Welt im Laufe der Zeit angesteuert haben, muss es einen Grund geben. Irgendwie muss dieser Stern einen Lockruf aussenden.“

„Ich verspüre nichts!“, sagte Sigi.

„Aber ich schon. Etwas zieht mich zu dieser Welt. Dieses Etwas verspricht mir etwas, ohne dass ich es genau definieren kann. Der Lockruf ist ständig da, aber er ist nicht zwingend. Solange ich mich in der Nähe dieser Welt aufhalte, empfinde ich absolut keinen Zwang.“

„Gib ihm nach!“, empfahl Sigi.

„Damit du die Piraten übernehmen kannst? Nein, zuerst will ich den Rückweg von dieser Welt sicherstellen.“

„Wir haben ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Messgeräten abgetastet. Wir haben nichts gefunden.“

„Dann suchen wir eben nochmals. In den oberen Schichten der Atmosphäre muss das Geheimnis liegen. Wir können uns darauf konzentrieren.“

„Du glaubst ihr vorbehaltlos? Wer garantiert dir, dass sie dir nicht nur etwas vorschwindelt?“

„Sie will ebenfalls dieser Welt entkommen!“, behauptete Siffa. „Das ist für mich Antrieb genug.“

„Wer so verrückt ist, wegen eines verschwundenen Roboters dieses Wagnis auf sich zu nehmen, handelt auch in anderen Situationen unvorhersehbar. Wenn du mich fragst, Sharon Belinda ist einer dieser Grenzfälle. Sie mag vielleicht genial erscheinen, aber auf sie ist nicht immer Verlass!“

„Trotzdem, es ist interessant, was sie uns mitzuteilen hatte. Konzentrieren wir uns künftig auf die obersten Schichten der Atmosphäre.“

 

*

 

Ostran hielt sein Versprechen ein. Und auch Zella kam wieder mit.

Zusammen erwarteten sie Sharon Belinda vor ihrer Unterkunft.

Alles, was sie bei ihrer Flucht aus dem Schiff hatte retten können, trug sie nun bei sich.

„Wir haben einen langen Tag vor uns“, sagte Ostran zur Begrüßung. „Wenn du zuerst zu deinem Schiff zurück und dann zu König Hugh gebracht werden willst, reitest du am besten auf meiner Schulter, sonst läuft uns die Zeit davon?“

„Wird unser Weg einen ganzen Tag in Anspruch nehmen?“

„Das kommt auf dich darauf an. Je nachdem, wie lange du in deinem Schiff verweilen willst.“

„Nicht sehr lange, aber ich brauche ein paar Sachen.“

Ostran hob Sharon auf seine Schulter hinauf und trabte dann gleich los.

Die meiste Zeit lief er schweigend und Sharon wollte ihn nicht stören, vor allem deshalb nicht, weil sie nicht wusste, wie sehr ihn das ablenken konnte. Aber nachdem sie bereits seit einer Stunde unterwegs waren und keiner der beiden Hurdu irgendwelche Ermüdungserscheinungen erkennen ließ, wagte sie doch eine Frage:

„Ihr seid keine Eingeborenen dieser Welt. Wisst ihr noch, wie ihr hierhergekommen seid?“

„Nein“, übernahm Zella die Antwort. „Unsere Vergangenheit ist ungeklärt. Alles, was wir definitiv wissen, ist die Tatsache, dass vor vielen, vielen Jahren unsere Vorfahren mit ihrem Raumschiff hier abgestürzt sind.“

„Ihr habt nie den Versuch gemacht, zurückzukehren?“

„Das werden unsere Vorfahren wohl versucht haben, doch diese Welt gibt einen nicht mehr frei.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Am besten so, wie ich es gesagt habe. Es kommt erstaunlich oft vor, dass hier Raumschiffe buchstäblich vom Himmel fallen. Viel mehr, als eigentlich hier in der näheren Umgebung des Alls manövrieren. Sie fallen einfach herunter. Deshalb auch die Bezeichnung für all jene, die vom Himmel fallen. Wir gehen davon aus, dass ihre Schiffe außerhalb dieser Welt sehr wohl funktionieren, doch wenn sie in die Atmosphäre dieses Planeten eintauchen, muss irgendein Umstand dafür sorgen, dass die Maschinen versagen.“

„Es gibt also keine Technik auf dieser Welt?“

„Nein, zumindest keine hochentwickelte. Dafür funktioniert auf dieser Welt allerdings die Magie.“

Im ersten Augenblick erschreckte dieser Gedanke Sharon, denn das hieß ja gleichzeitig, dass Henry hier keine Überlebenschance besaß – zumindest, wenn man bei einem Roboter von Überlebenschance sprechen wollte.

Ostran beschwichtigte sie etwas. „Zella ist manchmal ziemlich direkt“, meinte er. „Sie hat natürlich recht, aber es ist nicht endgültig so, wie sie es darstellt. Es gibt Gebiete auf dieser Welt, in denen die Technik sehr wohl funktioniert. In unserem Fall haben unsere Vorfahren es längst aufgegeben, erneut eine technische Kultur zu errichten. Und wir haben in der Zwischenzeit sehr viel davon vergessen.“

Danach ging es wieder schweigend weiter.

Dieses Gespräch jedoch bildete die Grundlage des Kontaktes zwischen Siffa und Sharon.

Sie hatte nach allem, was sie bislang über diese Welt erfahren hatte, unterbewusst irgendwie erwartet, dass das Funkgerät nicht allzu lange funktionsfähig bleiben würde, aber die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgeben wollen. Schließlich gab das Kommunikationsgerät nach wenigen Minuten seinen Geist auf.

Siffa wusste zumindest, dass sie noch lebte und darauf hoffte, dass er einen Weg finden würde, wie sie diese Welt wieder verlassen konnte.

Im Anschluss daran durchsuchte sie das Schiff ein weiteres Mal. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde sie nicht fündig. Die Piraten hatten gründliche Arbeit geleistet und alles Wertvolle ausgebaut. Nicht einmal ein simples Überlebensset befand sich mehr in dem kleinen Boot.

Hatten sie eigentlich nie vorgehabt, sie zurückzuholen? Sharon ballte ihre Hände zu Fäusten, und plötzlich durchpulste sie Wut auf die Piraten. In ihren Gedanken malte sie sich ihre Rache aus. Sie wusste plötzlich, dass sie nur mehr auf sich allein gestellt war. Es hing jetzt einzig von ihr ab, wie sich ihr Schicksal entwickelte.

 

*

 

Die Sonne stand schon fast im Mittag, als Sharon Belinda sich endlich zum Aufbruch entschließen konnte. Ostran und Zella war dies ganz recht. Sie hatten stets ein wachsames Auge auf die Umgebung gehabt, aber weder von den Exter noch den Fiscas ließ sich jemand blicken.

Ostran hievte Sharon erneut auf seine breiten Schultern. Ihm oblag es, die Menschenfrau zu tragen, während Zella den Begleitschutz übernahm. Eigentlich war das fast überflüssig, denn die beiden Hurdus boten so einen gewaltigen Anblick, dass es sich jeder Jäger dreimal überlegte, ob er sich mit ihnen anlegen sollte.

Das Lager von König Hugh sollte nun spätestens am nächsten Morgen zu erreichen sein. Zu lange hatte Sharon in dem abgestürzten Boot verweilt.

Die beiden Hurdus taten alles, um Sharon den Weg so angenehm wie möglich zu gestalten. Da sie auf keine weiteren Hindernisse stießen, näherten sie sich bereits am frühen Vormittag des nächsten Tages dem Lager von König Hugh, das dieser in einer Bucht des Zweiermeeres aufgeschlagen hatte. Seine Schiffe, die er für die Überfahrt hatte bauen lassen, dümpelten am Strand.

Die Geografie der Welt der 1000 Reiche war, was ihre Namensgebung anbelangte, relativ simpel. Kompliziert wurde die Sache nur deshalb, weil es regionale Namen für die einzelnen Gegenden und auch Meere gab, auf welche der Reisende allerdings erst vor Ort stieß.

Für Sharon Belinda waren diese Einzelheiten allerdings nicht von Belang.

So wie auch die Kontinente einfach durchgezählt worden waren, so lag auch das Zweiermeer um Kontinent zwei herum. Wo allerdings die Grenze zwischen Zweier- und Dreiermeer lag, war niemals exakt festgelegt worden. Wenn man, vom Zweiermeer losfahrend, die Küste von Kontinent drei erreichte, befand man sich einfach im Dreiermeer. So einfach verhielt es sich.

Der Tag bot sich, wie üblich auf diesem von der Sonne und vom Wetter verwöhnten Kontinent, herrlich dar. Auch die Temperatur fühlte sich zu dieser frühen Stunde angenehm frisch an, gerade richtig, um nicht zu frieren und auch noch nicht zu schwitzen. Kein Wunder also, dass die Hurdus auf gut aufgelegte Wachen stießen, als sie sich dem Lager näherten.

Bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnten, blieb noch genügend Zeit für ein Schwätzchen.

Die Hurdus waren natürlich bekannt. Man wusste um ihre Friedfertigkeit und dass von ihnen keine Gefahr ausging.

Ihre Annäherung war neben den Wachen auch bei den restlichen Lagerbewohnern nicht unbemerkt geblieben.

Auch König Hugh hatte ihre Ankunft mitbekommen.

„Verdammt, was treiben diese Wachen so lange?“, murrte König Hugh und blickte missbilligend dorthin, wo die beiden Hurdus und die Menschenfrau ganz offensichtlich ein Plauderstündchen abhielten. „Wenn Hurdus unser Lager besuchen, gibt es einen triftigen Grund dafür“, sagte er mehr zu sich selbst als zu den ihn umgebenden Beratern.

Hugh bot eine stattliche Erscheinung. Mit einer Größe von fast zwei Metern überragte er nahezu alle Männer seiner Armee – genau genommen gab es nur zwei, die ihn an Größe überragten, und diese achteten tunlichst darauf, ihm nicht allzu nahe zu kommen. Der Grund dafür lag wohl auf der Hand. Sein Kopf war kugelrund, sein Oberhaupt zierte eine glänzende Glatze, die untere Gesichtspartie war jedoch von einer fülligen Haarpracht regelrecht überwuchert. Manchmal war ein Fremder regelrecht erstaunt, dass sich in diesem Wust von Haaren plötzlich eine Öffnung auftat, die sich als Mund entpuppte und strikte Befehle von sich gab. Hugh konnte man zudem nicht als schlank bezeichnen. Seine übrigen Abmessungen entsprachen in etwa seiner Größe – das hieß, er übertraf auch hier die meisten seiner Krieger. Aber trotz seiner Körperfülle hatte er sich eine erstaunliche Wendigkeit in seinen Bewegungen erhalten und verfügte zudem über eine Kraft, die man ihm kaum zutraute, wenn man ihm unvoreingenommen gegenübertrat.

Zu dieser Zeit wusste er es noch nicht, aber er sollte es bald mit einem Kämpfer zu tun bekommen, der ihm vom Äußeren her verblüffend glich.

„Denen werde ich Beine machen!“, sagte er nach einer kurzen Weile und setzte sich in Bewegung auf die Wachen zu.

„Oha, unser König kommt persönlich, dich zu begrüßen“, sagte eine der Wachen zu Sharon. „Es erübrigt sich also, dich zu ihm zu führen.“

„Sehr freundlich blickt er nicht gerade“, meinte Sharon und bemerkte den festen, energischen Schritt des Königs.

„Wenn er nichts auszusetzen hat, ist er nicht zufrieden“, erklärte der andere, „also nimm es nicht zu tragisch, wenn er gleich losdonnert. Wir kennen ihn ja bereits und nehmen seine Ausbrüche mit Gelassenheit entgegen. Aber wenn er erst einmal erfährt, dass du gerade erst vom Himmel gefallen bist …“

„Was höre ich da?“, mischte sich Hugh ein.

„Sie ist vorgestern vom Himmel gefallen“, erklärte die erste Wache. „Und die beiden Hurdus haben freundlicherweise gleich an uns gedacht.“

„Deshalb musstet ihr sie so lange aufhalten?“

„Mitnichten, König. Aber es lag uns daran, ihre Herkunft zu klären, damit wir sie mit sicheren Informationen zu euch geleiten …“

„Ja, ja, ist schon gut. Und jetzt lasst sie endlich in Frieden. Ich werde mich freundlich mit ihr unterhalten, aber nicht hier in diesem Staub am Strand!“

Ganz galant verbeugte er sich vor Sharon Belinda und streckte ihr seine Hand zur Begrüßung hin. „Ich bin König Hugh. Und du bist, wie ich gerade gehört habe, eine weitere Gestrandete auf dieser Welt. So wie sehr viele von uns. Du wirst vermutlich eine Menge von Fragen haben. Ich werde sie nach bestem Wissen zu beantworten versuchen.“ Dann wandte er sich an die beiden Hurdus: „Ich danke euch, dass ihr sie hierher begleitet habt. Wenn ich etwas für euch tun kann, dann sagt es. Wollt ihr in meine Armee eintreten, dann seid willkommen. Krieger von eurem Aussehen sind mir jederzeit willkommen.“

„Wir haben lediglich die vom Himmel Gefallene begleitet. Uns liegt nichts an Krieg und Kampf. Solange man uns in Ruhe lässt …“

Hugh lachte meckernd auf. „Es wird niemand wagen, euch in eurem Land zu überfallen, der nicht lebensmüde ist. Schade, ich hätte gerne ein paar von euch dabei gehabt, wenn ich demnächst in See steche.“

Die beiden Hurdus ließen sich erwartungsgemäß nicht überreden.

 

*

 

Auf einem Tisch war eine großflächige Landkarte ausgebreitet.

König Hugh zeigte mit einem zugespitzten Ast, den er als Hinweisstab verwendete, auf eine bestimmte Stelle.

„Vor circa vierzig Jahren bin ich hier abgestürzt. Eine einsame und wilde Gegend. Dementsprechend lange hat es gedauert, bis ich durchschaut hatte, wie das Leben und der Machtkampf auf dieser Welt abläuft, doch als ich es erst einmal begriffen hatte, dauerte es nicht mehr lange, bis ich mir die besonderen Umstände zu eigen gemacht hatte. Nach zehn Jahren regierte ich einen eigenen kleinen Machtbereich. Meine Nachbarn ließen mich fortan in Ruhe und ich sie ebenfalls.

Irgendwie musste es sich herumgesprochen haben, dass ich die sogenannten „Vom Himmel Gefallenen“ um mich herum sammelte. Die meisten hier in diesem Lager können sich nämlich noch gut daran erinnern, wie es draußen war. Wer einmal den Weltraum durchstreift hat, kommt nicht mehr los davon. Aber diese verfluchte Welt lässt einen ebenfalls nicht mehr los!“

„Die Hurdus vermuten, dass eine Strahlung in den oberen Schichten der Atmosphäre dafür verantwortlich ist, dass Maschinen hier nicht funktionieren.“

König Hugh nickte. „Ja, sie vermuten es, aber sie wissen es nicht. Und jetzt tauchst du auf und erzählst uns, dass du einen Roboter suchst. Weshalb sollte der eigentlich funktionieren? Der ist doch ebenfalls eine Maschine.“

„Wie gesagt, ich habe ihn noch nicht gefunden. Vielleicht ist er ebenfalls wie die anderen künstlichen Produkte längst zerfallen. Die beiden Hurdus haben jedoch eine seltsame Geschichte erzählt.“

„Der unbesiegbare Paladin von Königin Lia. Ich weiß, ich habe ebenfalls bereits davon gehört. Niemand weiß, woher er kommt.“

„Wie kommt es, dass sich solche Nachrichten so schnell verbreiten?“

„Du befindest dich auf einer Welt der Magie. Jede ungewöhnliche Nachricht verbreitet sich hier in Windeseile. Es ist schwer, etwas geheim zu halten. Ich wette, auf Kontinent drei wissen sie bereits, dass ich mit einer Flotte ihr Land ansteuere. Jeder Zehnte hier ist empfänglich für Nachrichten, die auf gedanklichem Weg übermittelt werden. Selbst wenn man draußen absolut unbegabt für PSI war, hier entwickelt man mit der Zeit Fähigkeiten, die man sich außer mit Magie nicht anders erklären kann.“

König Hugh deutete mit seinem Stöckchen wieder auf die Landkarte. „Dieser Ausschnitt der Welt der 1000 Reiche zeigte die Kontinente zwei und drei. Wir befinden uns hier auf Kontinent zwei. Mit Ausnahme der Hurdus geht es auf diesem Kontinent nicht so friedlich zu.

Wenn ich hier weiteres Land gewinnen wollte, bräuchte ich eine riesige Armee. Ganz anders schaut es auf Kontinent drei aus. Dort haben sie ein ganz besonderes System entwickelt, und zwar den Zweikampf der Könige beziehungsweise den Kampf zwischen König und Herausforderer. Das ist die Variante, von der wir über Lia und ihren Paladin gehört haben.

Lia als Frau hat nämlich das Recht, einen Kämpfer für sich in die Arena zu senden. Und der hat seine Sache anscheinend gut gemacht.“

„Weshalb benötigst du dann eine Armee, wenn ein Zweikampf die Entscheidung herbeiführt?“

„Jede Regel kann gebrochen werden. Ich gehe davon aus, dass die Reiche auf Kontinent drei über keine großen Armeen verfügen, weil diese nicht gebraucht werden. Wenn ich jetzt in diese Länder einfalle, kann ich nach kurzem Kampf die Könige vor vollendete Tatsachen stellen.“

Wieder deutete das Stöckchen auf eine bestimmte Stelle.

„Hier liegt Gorian, das Reich von Königin Lia. Jenes Land nordwestlich davon ist Romien, das Reich von Königin Dalinda. Es reicht bis fast an das Meer. Nur ein dünner Streifen trennt es davon. Dieser dünne Streifen Land gehört zu Uruk. Das Gebiet ist unbesiedelt und eignet sich wunderbar für eine Landung. Nördlich von Uruk befindet sich Norwor, das Reich von König Ubunja. Uruk und Norwor, diese beiden Reich werden unsere ersten Ziele sein. Wenn das gelingt, steht es dir frei, nach Romien zu Königin Dalinda zu reisen, denn in ihre Dienste hat sich der unbesiegbare Paladin von Königin Lia begeben.“ Hugh blickte Sharon nun ernst an. „Wenn die ersten Schlachten geschlagen sind, lasse ich dich frei.“

„Was heißt das, du lässt mich frei?“, entgegnete Sharon, noch mit einer ruhigen Stimme.

Bevor der König eine Antwort geben konnte, betraten zwei der als Wachen eingeteilten Soldaten den Raum, in dem Hugh und Sharon immer noch über der Karte standen.

„Die Hurdus haben das Lager verlassen!“, meldeten sie in militärischem Ton.

Details

Seiten
81
ISBN (eBook)
9783738937886
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
welt reiche reich norwor
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Titel: Die Welt der 1000 Reiche #3: Das Reich Norwor