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Beinahe hätte er alles verloren

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Beinahe hätte er alles verloren

Copyright

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Beinahe hätte er alles verloren

Arzt-Roman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Dr. med. Clemens Röhmers, ehemals Chirurg des St. Josefs Krankenhauses, war ein aufstrebender Arzt gewesen, doch Kollegen missgönnten ihm diesen Erfolg. Clemens war nicht stark genug, sich dem zu widersetzen. So fing er an zu trinken und das Unglück nahm seinen Lauf. Seit zwei Jahren arbeitet er nun schon nicht mehr als Chirurg, denn er glaubt, dass er es nicht mehr zurückschafft. Doch dann trifft er Evelyn Marschall und ihre herzkranke Mutter …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Faites votre jeu“, sagt die schläfrige Stimme des bleichen Croupiers. Bitte das Spiel machen“, setzte er hinzu. Dann gähnt er verborgen. Es ist immerhin schon zwei Uhr morgens, und er denkt an sein Bett. Um den Spieltisch sitzen etwa ein Dutzend Spieler. Auch ein paar herausgeputzte Damen mit dicken Schminkschichten auf den erregten, gespannten Gesichtern verteilen ihre Chips auf die Felder.

In dem üppig ausgestatteten Raum herrscht gedämpftes, vornehmes Gemurmel. Die anderen drei Spieltische sind schon verlassen und dunkel.

Jetzt lässt der Croupier mit dem bleichen Gesicht die Elfenbeinkugel kreisen. Hastig werden die letzten Möglichkeiten erwogen, segeln noch ein paar Chips auf Zahlenfelder.

„Rien ne va plus“, verkündet der Croupier.

Unter den männlichen Spielgästen sitzt ein Mann in dunklem Straßenanzug mit nicht mehr ganz sauberem Hemd und schlampig gebundener Krawatte. Er mag etwa Ende der Dreißig sein. Dichtes dunkles, an den Schläfen bereits erheblich weiß schimmerndes Haar bedeckt einen intelligent wirkenden schmalen Kopf. Sein hageres Gesicht, aus dem ein paar hellgraue Augen fasziniert auf die mit Chips bedeckten Zahlenfelder schauen, erscheint vielleicht wegen des verlebten, etwas müden Ausdruckes interessant. Seine auffallend schmalen und kleinen Hände, deren Finger starke Nikotinspuren aufweisen, spielen nervös mit einem Häufchen kleinerer Chips. Auch ein Glas Whiskysoda steht vor ihm. Es ist das achte oder neunte, das er bestellt hat.

Jetzt klappert die Kugel in die Zahl.

„Zwölf“, verkündet der Croupier.

Dr. Clemens Röhmers zuckt die Achseln. Gleichgültig sieht er zu, wie der Rechen an ihm vorbei zusammenrafft und nur ein lächerlich kleines Häufchen Chips übrig lässt, das der silberblonden Alten visavis gehört, die vergnüglich den geschminkten Runzelmund verzieht.

In der Casinobar nebenan sitzen auch noch ein paar Nachtschwärmer auf den Hockern. Jetzt verlässt ein Kellner im Frack die Bar und kommt in den Spielraum. Er schaut sich kurz um und geht auf den Herrn mit den grauen Schläfen zu.

„Pardon, Dr. Röhmers“, sagt er, leicht über die Schulter des Herrn gebeugt, „Sie werden am Telefon verlangt.“

„Danke, Ben“, erwidert der andere und erhebt sich. Er ist groß und sehr schlank, geht mit langen, etwas schlaksig wirkenden Schritten in den Barraum hinüber.

„Hier bitte, Herr Doktor“, sagte der Keeper und hält Clemens den Hörer entgegen.

Clemens nickt dankend und nimmt den Hörer ans Ohr.

„Ja, bitte?“, erkundigt er sich halblaut.

Eine hastige Männerstimme dringt an sein Ohr: „Doktor, sind Sie's?“

„Ja“, wiederholt Clemens mit gerunzelter Stirn.

„Hier ist Charly“, teilt die hastige Stimme mit. „Sie müssen sofort kommen, Doktor. Der Rita ist etwas passiert!“

„Was ist Rita ...?“ Clemens bricht ab und wirft einen Blick auf die Bargäste. Aber es kümmert sich niemand um das, was am Telefon gesprochen wird. Clemens horcht eine Weile, brennt sich umständlich eine Zigarette an, nickt ein paarmal.

„Okay“, murmelt Clemens dann, „ich komme. Lasst sie liegen! Alles aufmachen an ihr. Bin in zehn Minuten da.“ Er legt den Hörer auf den Apparat zurück und greift in die Tasche seines zerknautschten Anzuges, holt ein Bündel Banknoten heraus.

„He, Ben!“, ruft er, mit der Zigarette im Mundwinkel, dem Kellner zu. „Zahlen!“

Der Kellner wedelt heran und zückt den Rechnungsblock.

„Genügt der Lappen?“, fragt Clemens, einen Fünfzigmarkschein zwischen den nikotinbraunen Fingern schwenkend.

„Viel zu viel“, antwortet der Kellner lächelnd.

„Behalt den Rest, Ben“, nuschelt Clemens und schlenkert den Fünfziger fort.

„Verbindlichen Dank, Doktor Röhmers. Gute Nacht!“

Clemens verlässt das Spielcasino. Er denkt an die paar Chips, die noch in seiner rechten Anzugstasche klimpern, aber er will sich nicht mehr die Zeit nehmen, sie einzutauschen.

Die dicke Garderobenfrau reicht ihm seinen kurzen Staubmantel und bekommt ein Markstück zugeworfen.

„Danke, Herr Doktor. Danke vielmals! Wünsch gute Nacht!“

„Nacht, Walli“, murmelt er und eilt hinaus.

Was hat die dumme Ziege wohl angestellt?, denkt er. Etwa Tabletten genommen? Dann muss ich ihr ja zuallererst den Magen leeren. Bah - das mag ich gern!

Die Nacht ist frühlingswarm und voller Düfte. Lack- und chromglänzende Wagen parken vor dem Casinoportal in langen Reihen. Im Park brennen die Lichter.

Clemens wirft die Zigarette weg und geht in seiner schlaksigen, dabei doch irgendwie lässig eleganten Art auf seinen Wagen zu. Es ist ein dunkelgrauer, nicht mehr neuer Sportwagen, aber er bringt immer noch beachtliche Leistungen zustande.

Das Nachtlokal „Bali“ liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums. Clemens fährt, trotz des Brummschädels und etlicher Promille im Blut, vollkommen sicher. Neun Whiskys machen ihm kaum etwas aus. Zwanzig kann er vertragen und mehr noch. Wie viele mag er schon getrunken haben, seit er das Skalpell aus den Händen gelegt hat, als er spürte, dass diese Hände unsicher wurden?

Dieses dumme Ding, denkt er. Sicher hat sie Tabletten gefressen. Aus Liebeskummer! Wegen dieses Kerls - Wie heißt er doch gleich? Tschapek oder so! Der Teppichhändler! - Nee, ich brauche keine Teppiche! Aber wenn er mir einen echten „Kaschmir“ als Honorar gibt? Dann nehm ich ihn natürlich! Warum nicht? Mal sehn, ob sie Tabletten genommen hat, die Ziege!

Clemens kurvt um ein paar Straßenecken, verlangsamt das Tempo, als er auf dem einsamen Trottoir zwei Polizisten patrouillieren sieht. Fünf Minuten später hält der Wagen vor einem Lokal, dessen Fenster mit bunten, illuminierten Südseebildern verklebt sind. Über dem Eingang ein verschnörkeltes Rotlicht: „Bali“. Schnulzige Musik dringt auf die leere Straße.

Clemens betritt einen engen Raum, in dem die Garderobenfrau zugleich Kassiererin des Eintrittsgeldes ist.

„‘n Abend. Wo ist der Boss?“

Da teilen sich auch schon die dunkelroten Samtportieren, hinter der drei Italiener in Lurex-Jacken schnulzieren, und ein untersetzter, schwammig aussehender Mann im dunklen Anzug kommt aus dem spärlich besetzten Barraum.

„Da sind Sie ja“, lautet die Begrüßung.

Clemens sieht den Mann nur an.

„Oben“, sagt dieser und biegt um ein mit Plüsch verhangenes Eck, hinter dem eine schwindsüchtig schmale Treppe sich aufwärts windet.

Clemens folgt dem Geschäftsführer. Im ersten Stock liegen die Büroräume des Barbetriebes. Hier bewohnt Herr Danzer zwei Zimmer mit Küche und Bad, in denen kapitalstarke und entsprechend alkoholisierte Gäste auf Wunsch und in Damengesellschaft ihre Zeche vergrößern können.

Kein Wort wird gesprochen. Erst als Herr Danzer einen schmalen, dunkel tapezierten und stark nach air fresh riechenden Korridor erreicht, dreht er sich um und sagt besorgt: „Sie muss irgendwas geschluckt haben. Sie ist auf einmal vom Barhocker gekippt und hat grässlich zu stöhnen angefangen.“

Clemens winkt nur mit der großen schwarzen Aktentasche, die er mitgenommen hat. Der Mann vor ihm öffnet eine Tür, in der ein Schlüssel steckt.

Mattes, gefiltertes Animierlicht erhellt einen mit billigen, modernen Möbeln ausgestatteten Raum. Rechts in der Ecke, auf der Couch, krümmt sich ein spärlich bekleidetes Mädchen, dessen aufgebauschtes schwarzes Haar sich kläglich aufgelöst hat und über einen von der Couch herabhängenden Kopf hinwegfließt.

„Rita!“, ruft Herr Danzer, bleibt aber stehen.

Clemens geht rasch zu dem Mädchen, setzt die Aktentasche ab und beugt sich über das arme Ding, das sich zu übergeben versucht.

„Gut so“, murmelt er. „Immer feste alles ausspucken, was du gegessen hast“, sagt er schnell.

Das Mädchen wälzt sich auf den Rücken. Das schwarze Haar gibt ein bleich geschminktes, maskenhaftes Gesicht mit aufgeklebten Wimpern und kohlschwarzen Brauen frei.

„Was hast du genommen?“, fragt Clemens.

„Ferkel“, murmelt Herr Danzer, sich eine Zigarette anbrennend.

„Verschwinden Sie!“, sagt Clemens.

„Aber ich möchte doch ...“

„Verschwinden Sie, bitte ...!“, ertönt es unnachsichtig und scharf. Worauf Herr Danzer, sichtlich ungern, das Zimmer verlässt.

Das Mädchen ächzt und krächzt.

„Ich ... ich kann nicht mehr“, stöhnt das Mädchen, sich schlaff auf den Rücken rollend.

Clemens nimmt den herunterhängenden Arm, prüft rasch den Puls. Er ist stark überhöht und unregelmäßig.

„Was hast du geschluckt, Rita?“, fragt er eindringlich.

Sie murmelt etwas. Er nimmt sein Taschentuch und wischt ihr den Mund ab.

„Na, so sag schon! Schnell! — Tabletten?“

Sie schüttelt den Kopf. Dann bleibt sie reglos liegen.

„Geht's dir besser?“, erkundigt sich Clemens mit Eselsgeduld.

Sie nickt erschöpft, bekommt einen Schluckauf. Betrunken ist sie, denkt Clemens, vielleicht hat sie irgendetwas gegessen, was ihr nicht bekommt.

Er betrachtet das Mädchen. Die linke aufgeklebte Wimper hat sich gelöst. Das sieht absolut komisch aus, aber Clemens kann nicht lachen. Als er die Kunstwimper abzieht und auf das Tischeck legt, sagt das Mädchen endlich:

„Ich ... ich hab‘ von Jiri eine Zigarette geraucht, da ist mir auf einmal übel geworden ... hundeübel, Doktor.“

„Aha.“

Sie blinzelt müde zu ihm auf.

,,‘s war so langweilig, wissen Sie. Da sagte der Jiri, ich sollte mal eine neue Zigarette probieren. ... Aaah ...“, ächzt sie und schweigt, den Arm über die Augen legend.

Clemens sieht jetzt klar. Auf die erste Marihuana wird einem meistens schlecht!

„Wenn dir Jiri noch einmal so was anbietet“, sagt er zu dem Mädchen, „dann hau ihm die Sektflasche auf den Kopf.“ Er steht auf, holt die Decke vom Fußende der Couch und breitet sie über die zitternde Gestalt. „Schau zu, dass du dir einen anderen Job suchst, Rita!“

Sie schläft ein. Clemens betrachtet nachdenklich das Mädchen. Er kennt viele dieser Sorte. Manchmal kommen sie ihm wie Leidensgenossinnen vor, weil jede irgendwie ein höheres Ziel hatte und es doch nicht erreichen wird.

Herr Danzer kommt leise ins Zimmer und fragt: „Na, was ist?“

„Nichts weiter“, erwidert Clemens.

„Hat sie Tabletten geschluckt?“

Clemens nimmt seine Aktentasche.

„Nein. Sie hat ihre erste Marihuana geraucht, davon ist ihr schlecht geworden.“

„Marihuana?“

Clemens sieht den Mann ernst an.

„Das kann ins Auge geh‘n, Herr Danzer. Lassen Sie den Teppichfritzen, der ihre Damen mit Rauschgiftzigaretten in Stimmung bringen will, nicht mehr ins Lokal. Schmeißen sie ihn raus, sonst rückt Ihnen eines Tages die Polizei auf den Leib!“

„Doktor, ich versichere Ihnen, dass ich ...“

„Schon gut, Herr Danzer. Es war nur ein Rat von mir.“

„Was bin ich Ihnen schuldig?“

„Nichts.“

„Dann darf ich Sie wenigstens zu einer Flasche echten Krimsekt einladen?“

Clemens überlegt kurz, wirft einen Blick auf die Armbanduhr und murmelt: „Heut nicht mehr. Danke. Ein andermal vielleicht.“ Er schaut noch einmal auf das Mädchen, dann verlässt er das Zimmer.

Drüben auf der anderen Straßenseite parken nur noch drei Wagen. Der amerikanische Schlitten gehört diesem Tschapek, oder wie er heißt!

Die Nacht ist kühl und sternenklar. Clemens verlässt das Haus und steigt in sein Fahrzeug, wirft die Aktentasche auf den Nebensitz und reibt sich mit beiden Händen das Gesicht. Das Dasein widert ihn manchmal an, es stinkt wie der Teppich vor der Couch oben. Vielleicht sollte man auch Marihuana rauchen. Das fehlt noch!

Der Mann im grauen Sportwagen lässt die Hände sinken, wirft einen Blick an der Hausfront hoch. Im ersten Stock brennt noch immer Licht, also ist auch Herr Danzer noch bei Rita. Hoffentlich redet er ihr ins Gewissen! Clemens startet und fährt langsam davon.

Dr. med. Clemens Röhmers, ehemals Chirurg des St. Josefs Krankenhauses, seit zwei Jahren ohne Arbeit, wegen einer Frau zum Trinker geworden, wohnt auf der anderen Seite der Stadt in einem möblierten Zwei-Zimmer-Appartement, das monatlich vierhundert Mark kostet. Er kann die Miete immer zahlen, er verdient gut, aber das Geld, das er ohne große Verantwortung verdient, kommt ihm manchmal genauso dreckig vor wie der Teppich oben in Ritas Zimmer.

 

 

2

Der schneeweiße Luxuswagen gleitet beinahe lautlos die elegant geschwungene Auffahrt empor und hält mit sanftem Ruck vor dem von Säulen gestützten Portal des Kurhotels „Ambassador“. Die Dame am Steuer mag etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein. Sie trägt ein hellblaues Chiffontuch über hellblonden Haaren, eine Sonnenbrille, die das Gesicht beinahe vollkommen verdeckt, und ein helles, knapp sitzendes Jersey Complet. Neben ihr lehnt eine ältere, etwa fünfzigjährige Frau mit einem kleinen Schleierhütchen auf silberweißem Haar; auch sie trägt ein elegantes, auf ihr Alter abgestimmtes Reisekostüm.

Die beide Boys, die an den Wagen stürzen, sind wohl mehr von der rassigen Schönheit des Wagens beeindruckt, aber ihre Menschenkenntnis reicht dennoch aus, die beiden Damen, denen sie beim Aussteigen behilflich sind, in die Kategorie der Oberen Zehntausend einzugliedern.

Jetzt erscheint der Portier, dem sogleich der Geschäftsführer, ein distinguiert aussehender Gentleman, auf dem Fuße folgt.

„Meine Damen, ich begrüße Sie herzlich“, sagt er, zuerst der älteren, dann der jüngeren die Hand küssend und sich erkundigend, wie die Reise gewesen sei.

„Danke“, sagt die Jüngere, „ausgezeichnet.“ Sie nimmt die Sonnenbrille ab, und man kann sehen, dass sie sehr hübsch ist und grünliche Augen mit langen, hellgrauen Wimpern hat.

„Ich bin trotzdem froh, dass wir die Fahrt hinter uns haben“, seufzt die ältere Dame und nimmt den Arm des Geschäftsführers.

„Alles ist bereit, Ihnen einen angenehmen Aufenthalt zu bieten, versichert der Maitre mit verbindlich teilnahmsvollem Lächeln.

Portiers und Boys holen inzwischen das Reisegepäck aus dem Kofferraum: eine Unmenge Lederkoffer und Taschen, dazu noch ein paar Hutschachteln; auch Tennisschläger sind dabei, Regenschirme und ein weißlackierter Spazierstock mit einem Gummischuh. Solche Gäste hat man gern.

Evelyn Marschall und ihre Mutter, die hier einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedenken, sind zufrieden. Die beiden bestellten Appartements liegen zum Kurpark hinaus und bieten von den Fenstern und schmiedeeisernen Balkonen einen geruhsamen Blick über Bäume, gepflegte Rasen, Blumenbeete und schattige Spazierwege.

Herta Marschall nimmt zuerst ihre Tropfen, die ihr Herz nötig hat, dann erst inspiziert sie kritisch Logie und Ausblick. Das adrette Stubenmädchen will wissen, ob es beim Auspacken der Koffer behilflich sein darf.

„Nein, danke, mein Kind“, sagt die alte Dame freundlich, doch ein wenig müde, „das mache ich schon selbst.“

Dann ist Frau Marschall allein. Ihr Blick schweift über die Parkbäume. Sonnenlicht fällt gebündelt auf Grasflächen, ein paar Leute spazieren den schattigen Weg entlang.

Herta Marschall, seit dem Tode ihres Mannes, des Kommerzienrates Ferdinand Marschall, Hauptaktionärin der Marschall AluminiumWerke, Villenbesitzerin im Taunus, kann sich über all das, was ringsum ist, nicht freuen. Sie ist müde. In der Brust sitzt der Tod. Mitral-Klappenfehler! Stenose! Ob man nun in einem Spital liegt oder in einem luxuriösen Kurhotel wohnt - es ist einerlei. Gnädige Frau, versuchen Sie es noch einmal bei Professor Grosch. Vielleicht nimmt er den Eingriff vor. Er ist eine Kapazität!

Der letzte Arzt, den Herta Marschall konsultierte, hat das gesagt. Komm, Mutti, wir versuchen es, hat das Mädl gedrängt. Gib nicht auf! Ich brauche dich doch noch, Mutti!

Deswegen sind sie also da, die beiden Marschall-Frauen. Im schneeweißen Luxuswagen ist Herta Marschall gekommen. Im rabenschwarzen Überführungswagen reist sie vielleicht in den Taunus zurück! Wer weiß?

Die beiden Appartements sind durch eine Tür verbunden. Sie geht auf. Evelyn Marschall kommt herein. Sie hat sich umgezogen und sieht in dem weißen Leinenkleid wie ein junges Mädchen aus. Schlank ist sie wie eine Gerte, schöne Beine hat sie, die in weißen Pumps stecken. Sie trägt das hellblonde Haar hochfrisiert und sieht aus wie die Grace Kelly in ihren besten Filmjahren.

„Du bist ja noch nicht umgezogen, Mutti“, sagt sie ohne Vorwurf. „Nun aber schnell! Oder bist du müde? Willst du dich lieber hinlegen?“

Frau Marschall betrachtet ihre Tochter. Längst könnte sie verheiratet sein. Die Männer umschwärmen sie wie die Bienen einen Kuchen. Ein paar Männer sind sogar ehrlich in Ev verliebt und haben selber Geld. Aber sie weicht jeder Beziehung aus, weil sie nur für die Mutter da ist.

Ich mag nicht heiraten, Mutti, hat sie schon oft gesagt. Wir beide bleiben beisammen, gell?

Verkümmert Ev der Mutter wegen? Schlägt sie deswegen Heiratswünsche aus?

„Ich möchte mich doch ein wenig hinlegen“, gesteht Frau Marschall. „Bist du böse, Ev?“

„I wo.“

Die Mutter küsst die Tochter auf die bronzefarbene Wange. Diese Teinttönung stammt nicht von der Costa Brava oder aus St. Tropez, sie stammt aus dem großen Garten mit dem Swimmingpool im Taunus.

„Schau dir die Stadt an, Kind“, schlägt Frau Marschall vor. „Kauf dir was Schönes!“

Später geht Ev durch die hohe, vornehme Hotelhalle. Ein paar ältere Herrschaften in hellen Frühjahrskleidern sitzen in den tiefen Fauteuils, lesen Zeitungen oder blättern in Illustrierten. Die Verbindungstür zum Speisesaal steht offen; man sieht entzückend gedeckte Tische.

Der Portier verbeugt sich zuvorkommend.

„Darf ich Ihnen den Wagen vorfahren lassen, gnädiges Fräulein? Er steht schon in der Garage.“

„Danke, ich gehe zu Fuß.“

Der Boy reißt vor Ev die gläserne Flügeltür auf. „Wiedersehen, Mademoiselle!“

„Tschüß, mein Herr“ sagt sie gut gelaunt und geht mit leichtem, vollkommen natürlichem Hüftwiegen die breite Marmortreppe hinunter.

Hat die aber Beine, denkt der Boy, und er wünscht sich, älter zu sein und nicht an der Tür stehen zu müssen.

Ev spürt keine Reisemüdigkeit. Die Fahrt hierher ging schnell vorbei und war beinahe ein Vergnügen. Mutter vertrug sie auch ganz gut. Na ja, das Tempo war ja auch nie schneller als hundert!

Was für ein schöner Tag! Kurorte sind immer schön, wenn die Sonne scheint. Man hofft plötzlich, und die Gründe, derenthalben man hierher kommt, müssen schon tiefschwarz sein, wenn man nur an den Arzt oder Professor oder gar an den Operationstisch denkt.

Grosch wird helfen, sagt sich Ev, als sie einen Parkweg entlanggeht. Er hat schon vielen geholfen. Hoffentlich kommt er tatsächlich in acht Tagen aus Amerika zurück! Bis dahin muss sich Mutti akklimatisieren.

Evelyns ganzes Denken und Trachten gilt der Mutter. Seit Vater vor acht Jahren starb, sind sie zusammengewachsen zu einem untrennbaren Ganzen. Ev versorgt mit einem Dienstmädchen und dem Gärtner das Haus, erledigt die wirtschaftlichen Geschäfte, kennt sich mit den Aktien und Börsengeschäften genauso gut aus wie mit dem Staubsauger oder am Küchenherd. Nein, sie ist kein verwöhntes Geschöpf, kein weiblicher Snob. Parties und sonstige gesellschaftliche Verpflichtungen sind ihr ein Gräuel. Und was die Männer angeht — nun ja! Mit dreiundzwanzig Jahren muss jedes Mädchen irgendetwas erlebt haben, aber bei Ev ist nichts hängengeblieben. Gar nichts. Zwei kurze Episoden, eine in Rom und eine in Hamburg — das ist alles, was sie erlebt hat und — erleben wollte. Erwähnenswert wäre vielleicht noch Charles Frings, aber er ist nicht mehr als ein guter Freund.

Auch hier drehen sich die Männer nach ihr um. Ein paar Burschen mit langen Mähnen, in hauteng sitzenden Bluejeans und verlatschten Schuhen pfeifen hinter ihr her.

„Das ist ‘ne Obere“, stellt der eine fest. „Mensch, das siehst du doch auf den ersten Blick.“

„Dufte Figur“, schnalzt der andere.

Ev weiß, dass sie gut aussieht; es macht ihr Spass, in den Scheiben der Auslagen ihr Äußeres zu betrachten. Schade, dass Mutti nicht mitgekommen ist, denkt sie, als sie vor einer Boutique steht und ein paar hübsche Sachen beäugt. Die Bluse dort ist wirklich entzückend und würde ihr gut stehen.

Evelyn Marschall schlendert durch die Stadt, die in der Vormittagssonne glänzt, besucht eine barocke Kirche, wirft ein Geldstück in den Opferstock und betet an der Statue der Muttergottes, dass Professor Grosch helfen kann. Etwas später spaziert Ev am Fluss entlang und bekommt Appetit auf einen Espresso und eine Zigarette.

Weiter vorn, bei der Brücke, befindet sich ein Café. Ein weißer Pavillon, den die Sonne anstrahlt, und ein paar unter gestutzten Platanen aufgestellte Gartenmöbel laden zum Platznehmen ein.

Nur ein Herr sitzt da und liest. Er trägt eine große Sonnenbrille. Das Knirschen des Kieses lässt ihn aufschauen.

Ev nimmt in einer Sonnenecke Platz, legt die weiße Handtasche auf den Tisch und schlüpft aus dem linken Schuh heraus, der schon die längste Zeit am großen Zeh drückt. Das Summen in den Beinen ist angenehm. Und wie warm die Sonne schon scheint! Es sitzt sich gut in der Ecke.

Ev brennt sich eine Zigarette an, und als das Mädchen im dunklen Kleid mit hübscher Servierschürze kommt, bestellt sie einen großen Espresso.

Ev mustert unbewusst den Herrn, der auf der anderen Seite des Cafégartens sitzt. Er lehnt lässig auf dem weißen Stuhl, raucht und blättert in einer Broschüre. Dabei scheint es Ev aber, als seien die dunklen Brillengläser auf sie gerichtet.

Kein Wunder, denkt sie, wenn nur zwei da sind, guckt man sich eben an. Trotzdem schlüpft sie wieder in den Schuh hinein und kontrolliert auch die Beinstellung.

Der Espresso wird überraschend bald gebracht.

„Wünschen Sie ein Stück Kuchen, gnädige Frau?“

„Nein, danke, Fräulein.“

Das Mädchen, eine gut frisierte Blondine mit einem groben Gesicht, geht wieder und verschwindet im Pavillon, aus dem gedämpfte Jazzmusik dringt.

Wie lange war ich nicht mehr tanzen?, fällt es Ev ein, als sie den kohlschwarzen Espresso zuckert und ihm einen Schuss Sahnemilch beigibt. Es ist lange her, stellt sie fest. Bei Konsul Frings habe ich das letzte Mal getanzt. Mit Charles Frings, dem Sohn.

Sie summt unwillkürlich die Melodie mit, die aus dem Pavillon dringt und den Wunsch erweckt, einmal wieder ausgehen zu wollen, in netter Gesellschaft zu sein. Mit jungen Leuten, die vielleicht verheiratet sind! Vielleicht auch mit Charles!

Evs Blick verirrt sich wieder zu dem Herrn hinüber. Sie erschrickt ein wenig, als sie merkt, dass er jetzt ganz offensichtlich herüberschaut. Sie betrachtet ihn unwillkürlich genauer. Seine grauen Schläfen sind deutlich zu erkennen, sein dunkles dichtes Haar könnte — wie Ev im Stillen meint — etwas kürzer sein. Ein Mann im gefährlichen Alter, denkt sie und ärgert sich, weil sie das denkt.

Der Espresso ist ausgezeichnet, und die Zigarette schmeckt. Warmes Wohlbehagen durchströmt Ev, und wenn nicht die Sorgen mit Mutter wären, könnte das Leben wunderschön sein.

Etwa eine halbe Stunde bleibt Ev. Als irgendwo eine Turmuhr elfmal schlägt, winkt sie dem Mädchen, das unter der Pavillontür steht und ein kurzes Sonnenbad nimmt. Sie zahlt, gibt ein gutes Trinkgeld und geht. Sie spürt, dass die Augen des Mannes sie verfolgen — sie spürt, dass er jetzt ebenfalls zahlt und nachkommen wird. Sie beschleunigt ihre Schritte. Aber als sie sich heimlich umschaut, merkt sie, dass sie von dem Mann nicht verfolgt wird.

Evelyn Marschall ahnt nicht, dass sie ihn wiedersehen wird und dass dieses wortlose Zusammentreffen eine Fügung des Schicksals ist, das eine große Liebe nicht als Straßenbekanntschaft beginnen lassen will.

 

 

3

Die Damen Marschall fühlen sich wohl und sind von jenem stillen, vornehmen Luxus umgeben, den sie gewöhnt sind. Alles ist gut im „Ambassador“ — das Essen, das gesellschaftliche Klima, die Bedienung, die ärztliche Betreuung. Frau Marschall ist froh, dass sie Evs Rat befolgt hat und hierhergekommen ist. Wo viele Kranke sind, teilt sich einem das Gefühl mit, nicht so verlassen zu sein.

„Es ist anzunehmen, dass der Herr Professor nächste Woche Montag wieder aus Amerika zurück ist“, hat eine weibliche Stimme mitgeteilt, als Ev anrief.

So bleibt den Damen Marschall zunächst nichts anderes übrig, als sich häufig umzuziehen, die Speisekarten zu studieren, kleine Spaziergänge im Kurpark zu unternehmen, sich vom Personal umsorgen zu lassen, Trinkgelder zu verteilen und viel zu ruhen.

Für Ev ist das nicht mehr langweilig; sie ist daran gewöhnt, den Tagesablauf der Mutter mitzumachen, sie am Arm die Parkwege entlangzuführen, stundenlang auf einer Bank zu sitzen, wenig zu sprechen, Vögel oder zutrauliche Eichkätzchen zu füttern.

Aber hier, in dieser vornehmen Ruhe, schwingt eine heimliche Lockung, die das Ruhen auf der Couch oder in einem Sessel beunruhigt. Besonders abends. Wenn zum Beispiel durch die frühlingswarme Dunkelheit von irgendwo sanfte Musik ertönt, oder wenn man vom Balkon aus unten auf dem Parkweg ein Liebespaar dahinwandeln sieht. Dann kommt Ev sich alt und zurückgelassen vor. Aber nur hier! Daheim nicht! Da hat sie ja ihre Aufgaben und Pflichten.

Frau Marschall scheint die leichte Zerstreutheit, die merkliche Langeweile Evs zu spüren.

„Mädl“, sagt sie, „du brauchst doch nicht andauernd im Hotel zu hocken. Ich komm doch auch mit mir selber zurecht. Geh ins Theater! Das hiesige soll sehr gut sein.“

Und Ev kommt sich verlogen und als schlechte Tochter vor, als sie antwortet: „Aber nein, Mutti — ich bin doch gern bei dir.“

Umso mehr freut sie sich aber, als ihr die Mutter an diesem Nachmittag ein Theaterbillett mit den Worten übergibt: „Hier, ich hab‘ es dir besorgen lassen. Mach dich hübsch und schau dir die Vorstellung an! Leider kann ich dir keine Begleitung mitgeben“, fügt sie lächelnd hinzu. Und dafür erntet sie einen stürmischen, dankbaren Kuss.

Im Theater wird ein Stück von Shaw gegeben.

Der Geschäftsführer ist von Evs Aussehen ebenso hingerissen wie der Portier und der Boy. In einem hautengen, dezent dekolletierten Kleid, die Chinchilla Stola über dem Arm, lässt sie sich vom herbeigerufenen Taxi ins Theater fahren, nicht ohne vorher den Hotelarzt gebeten zu haben, ab und zu nach der Mutter zu schauen.

„Aber das ist doch selbstverständlich, gnädiges Fräulein!“ Und mit diesem Versprechen im Ohr begibt sich Ev in das reizende barocke Theaterchen.

„Helden“ wird uraufgeführt. Den Hauptmann Bluntschli spielt ein prominenter Gast, der entzückend „switzern“ kann und seine Rolle mit Bravour spielt.

Mein Gott, wie schön, wie wohltuend ist es doch, einmal von Herzen zu lachen oder in sich hineinkichern zu können. Das ganze Haus, ausverkauft natürlich, lacht und kichert.

Als der letzte Vorhang niedergeht, empfindet Ev fast ein wenig Traurigkeit darüber, aus einer heiteren Welt entrissen und wieder ins kühle Dasein versetzt zu sein. Dennoch klingt noch etwas von jener Heiterkeit in ihr nach, die das Ensemble den Zuschauern mit auf den Heimweg gegeben hat.

Der späte Abend ist sternenklar und schmeichlerisch warm. Ev will zu Fuß zum Hotel gehen und beschließt, durch den noch belebten Park und vielleicht einen kleinen Umweg zu spazieren. Es gehen ja noch mehrere Theaterbesucher durch den Park. Ihr Gekicher flattert durch die von Parklampen erleuchtete Dunkelheit.

Ev denkt an das Stück. Sie ist entschlossen, sich öfter eine Vorstellung anzusehen. Ich werde in der Hotelhalle noch einen Drink zu mir nehmen, denkt sie, in ein paar Illustrierten blättern oder vielleicht gar mit jemand plaudern. Zum Schlafen bin ich noch zu wach.

Die erleuchtete Fassade eines Gebäudes zieht ihren Blick an. Über dem Portal leuchtet die Schrift: „Spielcasino“.

Wenige Augenblicke später betritt Ev, mit ein wenig Herzklopfen, aber entschlossen, die Halle.

Der Empfangschef nähert sich ihr höflich und weist sie zur Anmeldung. Der Herr hinter dem Schalter verbeugt sich lächelnd.

„Sind Sie schon eingetragen, Madame?“

„Nein.“

„Wir freuen uns, Sie bei uns begrüßen zu können, Madame. Ich darf bitten ...!“ Er schiebt ihr den Anmeldeblock hin.

Ev befindet sich zum ersten Male in einem Spielcasino. Bisher hat sie nie viel von solchen Amüsierplätzen gehalten, wo man sein Geld auf die leichteste Weise verlieren kann. Darum hat sie auch keine Ahnung, was nach der vollzogenen Anmeldung geschehen soll.

Der Empfangschef, der wie ein solider Familienvater aussieht, erklärt ihr alles halblaut und geleitet sie zum Bankschalter.

„Wieviel wollen Sie denn verspielen?“, erkundigt er sich vertraulich.

Ev wechselt hundert Mark in Chips um. Der Mann geleitet sie zu einem der vier Spieltische. Sie sind alle besetzt. Aber jetzt erhebt sich eine Dame im schwarzen Pulli und mit einem knallroten Gesicht.

„Nischt“, sagt sie ärgerlich, „ich hab eben keen Glücke.“

Und damit wäre ein Platz für Ev frei, aber sie zögert, sich zu setzen; sie hat plötzlich wahnsinniges Herzklopfen. Ein paar Männer schauen sie an. Die Croupiers verbeugen sich im Sitzen, der Chefcroupier auf seinem erhöhten Sitz verbeugt sich noch tiefer. Ev weiß auch nicht, wie es kommt, dass sie plötzlich mit am Spieltisch sitzt.

„Guten Abend“, sagt jemand zu ihr, der rechts von ihr sitzt und einen Haufen Chips vor sich liegen hat.

„Guten Abend“, erwidert sie leise und etwas zu hastig. Und jetzt erkennt sie den Herrn neben ihr. Es ist der Mann, den sie unlängst in dem Café gesehen hat. Rasch nimmt sie wahr, dass er gut aussieht, aber dass sein dunkler Anzug abgetragen und das Hemd leicht angeschmutzt wirkt.

„Sie haben noch nie gespielt, wie?“, fragt er.

Dass er so helle Augen hat, hätte ich nie gedacht, geht es ihr durch den Sinn, als sie mit dem Kopf nickt.

„Darf ich Ihnen die Spielregeln erklären?“, erkundigt sich Clemens.

„Ich bitte darum“, sagt sie. Es klingt irgendwie dankbar.

Und er beginnt, ihr die Roulette Regeln zu erklären. Ruhig, sachlich, nicht lauter als notwendig. Und Ev spürt, dass ihre dumme Aufregung nachlässt. Sie interessiert sich plötzlich für das Spiel und wagt den ersten Einsatz.

Während die Kugel klappert, sagt Clemens: „Übrigens, Röhmers ist mein Name.“

Sie nickt nur und verfolgt die Kugel. Jetzt klappert sie auf die Zahl.

„Hab‘ ich gewonnen?“, will Ev von Clemens wissen. Ihre schönen Augen sind weit offen und dunkel vor Erregung.

„Nein“, sagt er lächelnd. „Verspielt.“

„Das macht nichts“, erwidert sie. „Ich habe ja genug Chips.“

Clemens spielt plötzlich nicht mehr. Der Haufen Chips vor ihm, den er mit den Armen abschirmt, stellt einen ganz hübschen Gewinn dar. Etwa zweitausend Mark mögen es sein, die er heute gewonnen hat. Irgendwie hatte er es im Gefühl, dass heute ein guter Tag sei.

Etwa eine Stunde braucht Ev, bis sie ihre Chips restlos dem Bankrechen geopfert hat. In dieser Stunde haben beide von nichts anderem als dem Roulettespiel gesprochen.

Sie steht auf. Auch Clemens erhebt sich; die Chips hat er längst in der Tasche verschwinden lassen.

„Wollen Sie schon heim?“, fragt er.

„Ja.“

„Ich lade Sie zu einem Whisky ein. Darf ich das?“ Seine hellen Augen sehen sie offen und gerade an. Ev überlegt, zögert nur ganz kurz. Dann neigt sie zustimmend den blonden Kopf.

Zwei Croupiers tuscheln miteinander, als das Paar den Spielraum verlässt und in die Bar hinübergeht, aus der leise Tanzmusik dringt.

„Bitte, nicht an die Bar“, sagt Ev, als Clemens auf die Bartheke zusteuert.

Er ändert sofort den Kurs und geht zu einem Tisch, der etwas weiter hinten steht.

Auf der Tanzfläche tanzen ein paar jüngere Paare. Die Tische sind nur spärlich besetzt.

Als Ev Platz nimmt, fängt sie einen Blick Clemens auf.

„Sie sind wunderschön“, murmelt er, ihr den roten Sessel zurecht schiebend. Dann setzt er sich ihr gegenüber. „Was darf ich bestellen?“

„Ein Glas Sekt vielleicht“, sagt sie. „Sie haben sich ja mit mir so viel Mühe gemacht. Jetzt weiß ich, wie man Roulett spielt - und Geld verlieren kann.“

„Tut es Ihnen leid?“

Sie schüttelt den Kopf.

Der befrackte Kellner ist herangetreten und grüßt höflich.

„Eine Flasche Pommery“, sagt Clemens.

„Nein, bitte!“, ruft Ev.

„Dann zwei Gläser Sekt, Ben“, korrigiert Clemens lächelnd. „Und bringen Sie mir ein paar Zigaretten mit. Sie kennen ja meine Sorte.“

„Natürlich, Herr Doktor.“ Der Kellner verschwindet.

„Sie sind — äh — was sind Sie für ein Doktor?“, fragt Ev.

Clemens lehnt sich lässig zurück. Seine Manschetten kommen viel zu weit aus den Ärmeln.

„Mediziner“, sagt er ebenso lässig, wie er dasitzt.

„Arzt also“, stellt sie fest und verzeiht ihm seine etwas allzu lässige Art. Er nickt nur und schaut sich nach dem Kellner um, der die Zigaretten bringen soll.

Ev glaubt, diesen Blick zu verstehen. Sie hält ihm ihr vergoldetes Etui hin.

„Bedienen Sie sich so lange, Herr Doktor! Übrigens, ich habe Ihren Namen vergessen.“

„Röhmers“, murmelt er, sich eine Zigarette nehmend. Auch Ev steckt sich eine zwischen die Lippen. Er reicht ihr das Feuerzeug herüber, und Ev raucht an. Dann tauschen sie einen Blick.

„Dass wir uns hier wiedersehen“, sagt sie lächelnd.

„Ich bin ebenso überrascht wie glücklich“, lautet die Antwort.

Ev betrachtet ihn genauer. Sie sieht, dass sein Gesicht vom Leben gezeichnet ist, aber es ist ein sympathisches Gesicht, ein ausgesprochen kluges, männliches. Es lässt die Saloppheit des Äußeren vergessen.

Der Kellner bringt zwei schäumende Sektgläser und auf einem zweiten Silbertablett die Zigaretten.

„Danke, Ben.“

„Bitte sehr, Herr Doktor. Hatten Sie heute Glück?“

„In jeder Beziehung“, sagte Clemens.

Ev runzelt unmerklich die Stirn. Ihr Blick ruht gelassen und forschend auf ihrem Gegenüber.

„Darf ich nun auch Ihren Namen erfahren?“, fragt Clemens, sich jetzt korrekt hinsetzend.

„Evelyn Marschall“, erwidert sie.

Clemens verbeugt sich dankend. Der Name sagt ihm gar nichts, aber es ist ein schöner Name.

„Zum Wohl, Fräulein Marschall.“

„Zum Wohl, Herr Doktor“, antwortet sie lächelnd.

Sie haben die Gläser genommen und schwenken sie leicht einander zu.

Als Ev trinkt, denkt sie an die Mutter. Nur dieses eine Glas, beschließt sie, dann gehe ich.

Aber sie lässt es zu, dass Clemens noch ein zweites Glas Sekt bestellt, und sie erzählt ihm auch, warum sie in der Stadt weilt. Eine Plauderei nimmt ihren Verlauf, die von leiser Tanzmusik berieselt wird. Clemens ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er stellt ein paar Fragen und registriert die Antworten nur mit einem Kopfnicken. Nähere Einzelheiten, die mit dem Leiden von Evs Mutter zusammenhängen, scheinen ihn nicht sonderlich zu interessieren.

„Kennen Sie Professor Grosch?“, fragt Ev ihn.

„Dem Namen nach — natürlich“, erwidert er.

Der Sekt hat Ev gesprächig gemacht, und deshalb stellt sie jetzt auch die nächste Frage: „Was sind Sie überhaupt für ein Arzt?“

Clemens zögert; er scheint zu überlegen. Dann kommt die Antwort: „Ich war Chirurg in einem Krankenhaus.“

„Oh“, entschlüpft es ihr überrascht. „Und jetzt?“

Er grinst.

„Jetzt sitze ich mit einer schönen Frau beisammen und bin glücklich.“

Sie sieht ihn prüfend an. Der spöttische Unterton in seiner Antwort ist ihr nicht entgangen. Ihr Interesse für diesen Mann ist wach. Sie möchte gern mehr von ihm wissen, weil sie spürt, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt.

„Haben Sie jetzt eine Praxis?“ fragt sie.

„Nein.“

„Dann sind Sie wohl ...“

„Ich möchte nicht darüber sprechen“, unterbricht er sie schroff. Worauf sie ihn betroffen ansieht.

„Entschuldigen Sie bitte“, murmelt sie verlegen, „ich wollte nicht indiskret sein.“ Sie wirft einen Blick auf ihre mit Brillanten besetzte Uhr. „Oh, jetzt muss ich aber gehen“, sagt sie.

„Darf ich Sie zum Hotel begleiten, Fräulein Marschall?“ Es klingt fast bittend.

Sie sieht ihn kurz an, dann nickt sie zustimmend.

Fünf Minuten später geht Ev an Clemens Arm den Parkweg entlang. Um die Laternenlichter gaukeln Insekten. Ein paar Maikäfer summen im Dunkel und knallen hart gegen die Lampen.

Ev und Clemens schweigen.

Plötzlich fragt er: „Sehe ich Sie wieder?“

„Das ist nicht unmöglich, Herr Doktor.“

Er drückt sanft ihren Arm.

„Ich weiß, dass ich vorhin unhöflich zu Ihnen war. Verzeihen Sie mir bitte!“

Da bleibt sie stehen.

„Wenn wir uns wiedersehen“, sagt sie, „werden Sie mir dann sagen, warum Sie Arzt sind und keine Praxis haben?“

Er überlegt kurz.

„Gut“, sagt er schließlich. „Und wann sehen wir uns?“

„Nachmittags passt es mir am besten. Mutter schläft meistens von zwei bis etwa vier Uhr, da kann ich sie alleinlassen.“

Sie gehen langsam weiter. Weiter vorn tauchen die Lichter des Hotels auf.

„Dann um zwei Uhr“, schlägt Clemens vor. „Ich werde in dem Café sein, wo wir uns unlängst sahen. Einverstanden?“

„Ja“, erwidert sie nur.

Es ist ihr unverständlich, warum sie den Anstoß zu dem Treffen gegeben hat. Ist sie wirklich so neugierig auf seine Lebensgeschichte?

„Sie hängen sehr an ihrer Mutter, nicht wahr?“, fragt er, als sie sich dem Hotel nähern.

„Sehr“, erwidert Ev, ihren Arm aus dem seinen ziehend. „Wir hängen sehr aneinander. Ich mache mir viel Sorgen um sie.“

„Das ist begreiflich“, murmelt er.

„Ich danke Ihnen für Ihre Gesellschaft, Herr Doktor.“ Sie reicht ihm die weißbehandschuhte Hand.

Er küsst sie noch einmal.

„Gute Nacht, Fräulein Marschall.“

„Gute Nacht, Herr Doktor. Bis morgen!“

Clemens sieht der eleganten Gestalt nach. Er freut sich, sie morgen wiederzusehen. Sie geht, ohne sich umzudrehen, auf das erleuchtete Portal zu, steigt langsam die wenigen Stufen hoch und verschwindet.

Clemens sucht die Zigaretten, klopft eine aus der Packung, raucht an. Der Abend dünkt ihm plötzlich leer. Ob ich noch wohin gehe?, überlegt Clemens, als er weiterschlendert. Ins Bali? Fragen, wie es Rita geht?

Ihn widert dieser Gedanke plötzlich an. Jetzt ins Bali zu gehen wäre dasselbe, wie wenn man auf Sekt Buttermilch trinken würde.

In dieser Nacht wandert Dr. med. Clemens Röhmers noch lange durch die menschenleeren Straßen. Es ist etwa zwei Uhr morgens, als er zum Casino zurückkehrt, seinen Wagen sucht, einsteigt und langsam in seine öde Wohnung zurückfährt.

Es ist ganz gut, dass Ev gestern Abend etwas erlebt hat. Jetzt kann sie die Mutter damit unterhalten, und Frau Marschall hört aufmerksam zu, stellt Fragen, will alles ganz genau wissen. Beim Frühstück, beim Spaziergang durch den Kurpark sprechen sie von der Bekanntschaft mit diesem etwas merkwürdigem Arzt, und Ev freut sich, dass Mutter ihr das lange Ausbleiben von gestern Abend nicht übelnimmt, sondern sich dafür interessiert und dadurch von ihrem Leiden abgelenkt wird.

„Du hättest ihn ja auch ins Hotel bestellen können“, meint sie sogar. Worauf Ev lachend erwidert: „Du wirst ihn schon noch kennenlernen.“

Frau Marschall ist auch bereit, sich gleich nach dem Essen, und nicht erst um zwei Uhr, hinzulegen.

„Lass ihn nur nicht warten!“, sagt sie. „Zu spät zum Rendezvous zu kommen, ist gar nicht so vornehm, wie man gern sagt.“ Und sie erzählt, dass sie als junges Mädchen nie zu spät gekommen sei, wenn sie sich mit Ferdinand Marschall verabredet hatte. Überhaupt scheint es Frau Marschall nur recht zu sein, dass Ev sich Zerstreuung sucht und ein bisschen aus ihrer Isoliertheit herausstrebt. Zwischen Mutter und Tochter hat es nie Geheimnisse gegeben, und das ist es auch, was sie zusammenhält. Das gegenseitige Vertrauen ist bedingungslos. Immer schon war Herta Marschall Evs beste Freundin. Darum leidet auch Ev mit ihr und wünscht sich vom Herrgott nichts inbrünstiger als Mutters Gesundung.

Ev wählt das hellblaue Kleid, das ihr besonders gut steht und einen reizvollen Kontrast zu ihrem hellblonden Haar abgibt. Auch etwas mehr Rot legt sie auf die Lippen. Sparsam und von Mutter beraten, wird der Schmuck gewählt.

„Du bist hübsch, du brauchst dir keinen Firlefanz umhängen“, sagt Frau Marschall erstaunlich lebhaft, aber dann sackt sie rasch zusammen. Das bisschen Kraft ist verbraucht. Die Tropfen müssen her.

„Ich lass dich nicht allein, Mutter“, sagt Ev, als Mutter im Bett liegt.

„Sei kein Kindskopf!“, kommt es leise, aber ärgerlich aus dem Kissenberg. „Ich schlafe jetzt. Von mir aus kannst du bis zum Abend wegbleiben. Wenn ich jemand brauche, rufe ich mir schon Hilfe herbei. Bei diesen Preisen ...“, murmelt sie.

Ev küsst die alte Dame auf Stirn und Wangen.

„Dann schlaf gut, Mutti, ich bin gegen fünf wieder zurück.“

„Frag ihn mal wegen meiner Geschichte“, murmelt Frau Marschall noch, dann dreht sie sich auf die rechte Seite und schläft ein.

Ev kommt sich verantwortungslos vor, als sie auf gleichmäßige Atemzüge wartet. Schon überlegt sie, ob sie sich nicht wieder aus und umziehen und auf die Fortsetzung der gestrigen Bekanntschaft verzichten soll. Aber da dreht sich die Mutter noch einmal um und sagt ziemlich unwirsch: „Du sitzt ja noch immer da! Nun gehst du aber, sonst werde ich wirklich böse! Ich bin doch kein kleines Kind, das man nicht allein lassen darf.“

„Schon gut, Mutti — ich verschwinde ja schon“, erwidert Ev.

Kurz darauf verlässt sie das Hotel. Einen Augenblick lang denkt sie daran, den Wagen zu nehmen, aber dann geht sie doch zu Fuß weiter.

Die Sonne scheint, der Nachmittag ist warm, und im Park singen die Vögel aus voller Kehle. Sommerlich gekleidete Menschen flanieren auf den Wegen.

Das Leben ist doch schön!

Beschwingt und beruhigt geht Ev durch die Stadt, dem Flussufer entlang. Sie zirkelt die Zeit ab, um nicht zu früh, aber auch nicht zu spät beim Café zu sein. Sie freut sich auf das Wiedersehen mit Röhmers.

Wie mag er mit Vornamen heißen, denkt sie. Ob er wieder den ekelhaft lappigen Anzug anhat? Ein frisches Hemd wird er sich aber bestimmt angezogen haben.

Sie lächelt amüsiert. Geschniegelte hat sie oft genug um sich gehabt. Nicht jeder war so vornehm, wie sein Anzug aussah, und - Kleider machen nicht immer Leute.

Clemens steht vor dem Cafégarten. Er geht Ev langsam entgegen. Sie erkennt ihn nicht gleich, da er einen tadellos sitzenden, anscheinend neuen, hellgrauen Anzug trägt, mit Hut und Handschuhen, beides aber in den Händen.

„Hallo!“, ruft er, ihr die Hand entgegenstreckend. „Nett, dass Sie kommen. Ich dachte schon, Sie würden mich aufsitzen lassen. - Wirklich, das dachte ich“, versichert er noch einmal, nachdem er ihre Hand geküsst hat.

„Ich halte das, was ich verspreche“, erklärte sie ihm lächelnd.

Er musterte sie unverhohlen und erfreut.

„Hübsch sehn Sie aus“, sagt er. „Hellblau steht Ihnen gut. Ich bin stolz, mich mit Ihnen zeigen zu dürfen. - Übrigens, wir haben gleich zu Anfang Pech: Café „Pivillon“ hat zu.“

„Ich vermute, dass es in dieser Stadt noch mehrere Cafés gibt.“

„Ich besuche immer dieses.“

„Dann muss ich wieder heimgehen, Herr Doktor.“

„Das würde Ihnen so passen, wie?“ Er lacht und sieht plötzlich wie ein großer Junge aus. Ev stellt auch fest, dass er sich die Haare hat schneiden lassen.

Das heitere Wortgeplänkel hat beide animiert und verkürzt die Distanz.

„Dort drüben steht mein Wagen“, sagt Clemens. „Am besten, wir fahren ein Stück raus. Ich weiß ein Waldlokal, dort sitzt man gemütlich und kann einen guten Tropfen trinken.“

Ev ist einverstanden. Sie lässt einen schnellen Blick über den grauen Sportwagen gleiten. Er ist an verschiedenen Stellen schon rostig. Offen steht er da, so dass man die zersessenen Sitze und das nicht ganz saubere Innere sehen kann.

Dennoch steigt Ev beschwingt und gutgelaunt ein. Röhmers macht heute einen entschieden besseren Eindruck; auch er scheint sich sehr über das Rendezvous zu freuen.

„Wollen wir uns unterhalten oder lieber fahren?“, fragt er, als der Motor aufbrüllt.

„Fahren und unterhalten“, schlägt sie vor. Worauf er lacht, sie anschaut, dann aber die Sonnenbrille aus der Brusttasche nimmt und aufsetzt.

Er sieht gut aus, stellt Ev fest.

Dann muss sie sich festhalten. Der Wagen schießt davon, aber nur bis zur nächsten Kreuzung, dort mäßigt Clemens das Tempo. Es wird, trotzdem er langsam fährt, eine schweigsame Fahrt. Der Fahrtwind streicht warm über die Gesichter. Auch Ev hat die Sonnenbrille aufgesetzt. Sie reckt das Gesicht der Sonne entgegen und denkt an die Mutter. Sie war müde, sie wird gut schlafen. Um spätestens fünf Uhr bin ich ja wieder zurück — spätestens!

Bis zu dem Waldlokal ist es etwa eine halbe Stunde weit. Die Straße führt durch Wald und ein langes Tal aufwärts. Ein paar kleine Ortschaften liegen auf dem Weg. Kinder winken.

„Woran denken Sie die ganze Zeit?“, fragt Ev schließlich.

„An das, was Sie mich fragen werden“, sagt er, den Blick geradeaus gerichtet.

„Fürchten Sie meine Neugier?“

Schweigen.

Der Sportwagen heult die Straßensteigung hinauf. Vielleicht schweigt Clemens Röhmers deswegen. Fahrzeuge kommen entgegen. Der Fahrtwind ist kühler geworden. Aber dann taucht die Hinweistafel auf, die das Waldlokal ankündigt. Es liegt abseits der Straße, auf einem sonnenüberfluteten Hügel, zwischen hohen Fichtenbäumen. Dass schon Gäste da sind, verraten die auf einem Parkplatz abgestellten vielen Fahrzeuge.

Clemens findet noch eine Parklücke, hilft Ev beim Aussteigen und plaudert wieder. Als sie zum Lokal gehen, nimmt er ihre Hand.

Ev ist etwas verwundert darüber, aber sie überlässt sie ihm. Sie hat das Gefühl, als wolle er mit ihr vor den Leuten, die die Köpfe verdrehen, ein bisschen renommieren. Ev ist das gar nicht so unrecht. Auch er sieht gut aus. Sie sind überhaupt ein hübsches, elegantes Paar.

Sie finden einen leeren Tisch. Clemens plaudert mit einem Male unentwegt, erzählt, dass er öfter hierher fahre, etwas esse, einen Schoppen Wein trinke.

„Sind Sie schon lange hier?“, fragt sie ihn zwischendurch.

„Zwei Jahre etwa“, sagt er und erklärt ihr dann die Berghügel, über denen eitler Sonnenschein liegt.

Der Kellner bringt den Kaffee und Obstkuchen mit Sahne.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937855
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v536620
Schlagworte
beinahe

Autor

Zurück

Titel: Beinahe hätte er alles verloren