Lade Inhalt...

Der Rebellen-Kurier

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Rebellen-Kurier

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

Der Rebellen-Kurier

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Der Krieg zwischen Nord- und Südstaaten ist beendet. Doch Captain Jayson Brook von der Südstaatenarmee, der nichts von der Kapitulation General Lees weiß, folgt weiterhin seinem geheimen Auftrag, eine Goldmine der Yankees zu sprengen. Um das zu verhindern, wird Clint Jefford, ein Gefangener der Konföderierten und ehemaliger Zureiter des Captains, mit einer Depesche hinter Brook und seinen Männern hergeschickt. Was sich für Jefford als reinstes Himmelfahrtskommando erweist, denn Lieutenant St. John, der Neffe Brooks, ist ein Verräter und verfolgt andere Pläne ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Jayson Brook - befehligt das Himmelfahrtskommando der »Grauen«.

St. John - wünscht seinem Onkel die Pest an den Hals.

Susan McCall - ist weit mehr als ein naives Flittergirl.

Clint Jefford - ist der Kurier.

 

 

1

Vier Stunden nachdem Captain Brooks Abteilung die Postenkette der Yankees durchbrochen hatte, sank der Verwundete auf den Pferdehals.

Sein Nebenmann hielt ihn fest. Dann betteten Sergeant Bannerhan und Corporal Milroy den Kameraden ins Gras. Die Reiter saßen ab.

Nur der Captain blieb im Sattel.

Die Gesichter der Männer waren verkniffen. Die grauen Uniformen klebten an den sehnigen Körpern. Unruhig wanderten die Blicke über die grasbedeckte Ebene. Vor ihnen im Westen drohte eine schwarze Gewitterfront.

Seltsame Helligkeit lag auf den bewaldeten Kuppen der Wachita Mountains weit hinter ihnen.

Der bullige Sergeant hielt dem verletzten Kellond die Canteen Flasche an die rissigen Lippen. Der Verband war mit Blut durchtränkt. Der Schmerz grub Furchen in sein Gesicht.

»Haltet euch nicht auf, Jungs. Ich schaff's nicht mehr.«

Captain Brook lenkte sein Pferd heran. Der Anführer des Sonderkommandos war ein großer, breitschultriger Mann Ende dreißig. Ein Schnurrbart zierte das kantige Gesicht. Die grauen Augen blickten kühl.

»Nur während des Gewitters haben wir ’ne Chance, die Yankees abzuhängen. Der Regen wird die Fährte verwischen. Wir rasten am Antelope Creek.«

»Sir.« Corporal Milroy räusperte sich. »Zwanzig Meilen südlich liegt Kelsington. Es gibt ’nen Doc dort. Wenn wir Kellond auf ’ne Bahre packen ...«

»Das bedeutet einen halben Tag Verzögerung. So viel Zeit haben wir nicht. Dazu darf niemand erfahren, wohin und mit welchem Auftrag wir unterwegs sind. Kellond könnte uns unbeabsichtigt verraten. Sergeant, lassen Sie aufsitzen!«

»Sir«, versuchte Milroy es nochmals, aber der Blick des Offiziers ließ ihn verstummen.

»Ihr habt’s gehört, Leute: In die Sättel und zwar plötzlich!«, schnappte Bannerhan.

Hufe stampften, Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Mit ausdrucksloser Miene blickte der Captain auf den Verwundeten.

»Tut mir leid, Kellond.«

»Schon gut, Sir.« Mühsam setzte der Südstaatensoldat sich auf. »Wozu musste ich auch ’ner verdammten Yankee-Kugel im Weg sein? Alles, was ich brauch, ist mein Gewehr. Dann werden mich die Blauröcke nicht lebend erwischen.«

Brook zog den Enfield-Karabiner aus dem Scabbard am Sattel des reiterlosen Braunen und gab ihn dem Verwundeten.

»Wir werden an Sie denken, Kellond, wenn wir den Burschen von Fort Pecos die Hölle heiß machen.«

»Viel Glück, Captain.«

In der Ferne blitzte und donnerte es. Dämmerung umwob die vierzehn grau uniformierten Reiter.

»Sir, sie kommen!«, meldete der Sergeant.

Dunkle Punkte bewegten sich auf der deutlichen Fährte im Grasmeer. Kellonds Hände pressten sich um das Gewehr. Der Captain grüßte militärisch, dann drehte er den Fuchswallach der von neuerlichen Blitzen durchglühten Wolkenwand zu.

»Abteilung vorwärts!«

 

 

2

Fort Indianhill am Rand der Wachita Mountains war nur mehr ein Trümmerfeld. General Price’ Nordstaaten-Artillerie hatte die Gebäude zerbombt, die Erde gepflügt und mannstiefe Trichter in die Hänge gerissen. Dennoch flatterte die Konföderierten-Fahne über den Schützengräben und behelfsmäßigen Unterständen. Das einzige bis auf einige Risse unbeschädigte Gebäude war der Arrestbau.

Das rostige Quietschen der Türangeln veranlasste den Mann auf der Holzpritsche den Kopf zu wenden. Gewehrläufe funkelten.

»Colonel Gladstone will Sie sprechen, Jefford.«

Der Gefangene streckte sich gähnend.

»Wie wär’s mit ’nem Frühstück zuvor? Spiegeleier mit Speck, Pfannkuchen und ’nen Schuss Whisky im Kaffee. Zudem könnt ihr mir endlich diese lästigen Armbänder abnehmen ...«

»Keine Faxen, Jefford! Kommen Sie!« Ein Kolbenstoß trieb den unrasierten Mann auf die Beine. Er war fünfeinhalb Fuß groß, schlank, aber mit breiten Schultern. Rotblonde Strähnen hingen in die Stirn. Die Augen schimmerten blaugrün. Das scharflinige Gesicht war wettergebeizt.

Clint Jeffords Kleidung bestand aus Wildlederhose, dunkelrotem Hemd und schwarzem Halstuch. Dazu trug er flachsohlige Weichlederstiefel. Coltholster und Messerscheide waren leer.

Fesseln umspannten die kräftigen Handgelenke.

Die vier Südstaatensoldaten nahmen ihn in die Mitte. Der Sergeant stiefelte voraus. Fahlgelb leuchtete die Morgensonne zwischen den aufklaffenden Wolken. Stoppelbärtige Männer in zerschlissenen Uniformen hockten um ein Feuer. Sie brieten an Zweigen aufgespießte Fleischstücke Pferdefleisch.

Die Stellungen des Gegners waren nur eine halbe Meile vom Fuß der Anhöhe entfernt hinter Erdwällen und Baumgruppen verborgen. Seit zwölf Stunden war kein Schuss gefallen. Colonel Gladstone und seine Männer hatten seit Langem die erste ruhige Nacht verbracht.

Gladstone saß in der Kommandantur, einem Lehmziegelbau, dem das halbe Dach und ein Teil der Vorderfront fehlten. Ein Wust von Papier bedeckte den Schreibtisch. Dazwischen dampfte die Kaffeekanne. Auf einem Teller lagen frische Pfannkuchen. Der Kommandant von Fort Indianhill war mittelgroß und kräftig. Graue Strähnen durchzogen den dunklen Vollbart.

Durch das Fenster hinter ihm konnte Clint Jefford den vor drei Tagen errichteten Galgen sehen. Wie durch ein Wunder war er ebenfalls den Granaten der Nordstaatler entgangen. Trotzdem gelang dem Gefangenen ein Grinsen.

»Guten Morgen, Colonel. Sie waren so freundlich, mich zum Frühstück zu bitten. Mit Ihrem Einverständnis ...«

»Schweigen Sie!«, zischte der an der Wand stehende junge Offizier. Die Rangabzeichen wiesen ihn als Lieutenant aus. Im Gegensatz zu Clint, seinen Bewachern und den Soldaten draußen war er glattrasiert. Seine Uniform wirkte bügelfrisch.

Der Colonel blätterte in den Papieren.

»Sie können mit den Männern abtreten, Sergeant. Nehmen Sie Jefford zuvor die Fesseln ab.« Er hob den Kopf, als der Anführer des Bewachungskommandos zögerte. »Das ist ein Befehl, Sergeant Bailey, wenn’s recht ist!«

»Jawohl, Sir!« Der Sergeant salutierte. Gleich darauf fiel die Tür hinter ihm und den vier Soldaten zu. Grinsend massierte Clint die Gelenke. Die Hand des jungen Lieutenant lag am Revolver. Sein Blick war feindselig.

Clint hüstelte.

»Colonel, wenn Sie mich aufknüpfen lassen wollen, bevor die Yankees kommen, tun Sie’s, ehe der Kaffee kalt ist. Es wär’ schade drum.«

Gladstone starrte ihn an.

»Wissen Sie, Jefford, welcher Tag heute ist?«

»Vielleicht Sonntag? In Ihrem Jail bin ich ein bisschen mit der Zeitrechnung durcheinandergekommen.«

»Hören Sie mit dem Blödsinn auf, Mann! Heute ist der fünfzehnte April. Gestern bekam ich Nachricht, dass General Lee am Neunten des Monats bei Appomatox kapitulierte. Das bedeutet, der Krieg ist aus, der Süden geschlagen. Nun wissen Sie auch, weshalb die Yankees nicht mehr schießen. Sie warten drauf, dass wir uns ergeben.«

»Wenn Sie mich fragen, Colonel: Sie sollten sich freuen, dass der Wahnsinn ein Ende hat.«

»Ich frag Sie nicht.«

»Trotzdem nehm ich an, dass ich nun ein freier Mann bin.«

Colonel Gladstone stemmte sich mit verbissener Miene hoch.

»Sie verdanken es allein Captain Brook, auf dessen Ranch Sie vor dem Krieg eine Zeitlang als Zureiter arbeiteten, dass Sie noch leben. Ich hätt Sie sonst neulich wegen Zusammenarbeit mit dem Feind und Diebstahl von Konföderierteneigentum aufhängen lassen.«

»Erstens, Colonel, waren die Pferde nicht gestohlen, und mein ehemaliger Boss, Captain Brook, wusste das. Zweitens, Sir, ist es nicht meine Schuld, dass Price’ Blaüröcke in Little Rock mehr für die Tiere bezahlt hätten als ihr Südstaatler. Und von irgendwas muss ein Mann in diesen sauren Zeiten schließlich leben, auch wenn er keine Uniform trägt.«

Clints Augen funkelten. Seine Stimme klang scharf.

»Um es noch deutlicher zu formulieren, Sir: Dieser Krieg, der nun glücklicherweise ein Ende findet, hat mich zu keiner Zeit interessiert.«

Gladstone ballte die Fäuste.

»Vielleicht interessiert Sie dann der Mann, dem Sie Ihr Leben schulden«, stieß er hervor.

»Colonel, wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben«, mischte sich der Lieutenant ein. Er musterte Clint wie einen Aussätzigen. »Ich bin dafür, dass wir auf diesen Mann verzichten.«

»Brook würde sich auf ihn verlassen, St. John. Ich weiß von ihm, dass keiner hier die Wildnis von Westtexas und New Mexico so gut wie Jefford kennt.«

»Moment mal.« Clint hob die Rechte. »Was, zum Teufel, wollen Sie mir da aufreden, Colonel?«

»Kennen Sie Fort Pecos?«

»Ein ehemaliges Spanierfort im Quellgebiet des Pecos River, sechshundert Meilen westlich von hier. Es heißt, dass die Spanier zu Anfang des Jahrhunderts dort Goldminen besaßen.«

»Stimmt.« Der Colonel warf St. John einen bedeutsamen Blick zu. Dann ging er zu der an der Wand hängenden Landkarte.

»Inzwischen haben die Nordstaatler einen Stützpunkt dort. Sie fördern Gold aus den ehemals spanischen Minen, transportieren es über den Santa Fe Trail nach Missouri und weiter in den Osten. Sie kurbeln ihre sowieso schon hochkarätige Rüstung damit an.«

»Ist das jetzt, sechs Tage nach Lees Kapitulation, noch wichtig?«

»Wichtig für Captain Brook, der einen Tag nach Ihrer Festnahme und Verurteilung Fort Indianhill mit vierzehn ausgesuchten Kavalleristen und dem geheimen Auftrag verließ, das Goldminen-Fort der Yankees zu zerstören.«

»Mit nur vierzehn Mann?«

»Elitesoldaten. Für die meisten ist es nicht der erste Sondereinsatz. Außerdem führen sie genug Sprengpulver mit, Fort Pecos zu den Wolken zu blasen. Wir haben nicht genug Männer, die Minen zu übernehmen. Der Captain steht bei den Yankees ganz oben auf der Schwarzen Liste. Er hat Anweisung, alle Siedlungen und Stützpunkte zu meiden, wird also nicht erfahren, dass der Krieg beendet und sein Auftrag nichtig ist. Wenn er ihn durchführt, werden die Blauröcke nicht ruhen, bis sie ihn als Guerilla-Führer an die Wand gestellt haben. Ich hab die Übergabe verzögert, um einen Kurier hinter Brook herzuschicken, damit er das Unternehmen ablöst: Sie.«

Clints Handrücken schabte über die Bartstoppeln am Kinn.

»Wenn ich alles richtig mitgekriegt hab, reitet Brook mit seinen Männern durch Kiowa- und Comanchenland, obendrein mit zwei Tagen Vorsprung.«

»Sie bekommen die beiden besten Pferde, die wir noch nicht schlachten mussten. In Gainesville südlich vom Red River können Sie sich Ersatztiere besorgen. Mit einigem Glück holen Sie Brook noch vor der Grenze zu New Mexico ein.«

»Das riecht nach ’ner Menge Verdruss.«

»Wenn Sie sich weigern, Jefford, haben Sie Brook und seine Reiter auf dem Gewissen. Grund genug für mich, Sie doch noch baumeln zu lassen, bevor wir die Waffen niederlegen.«

»Sie sind ein wahrer Menschenfreund, Colonel.« Clint grinste rissig. Gladstones bärtige Miene blieb wie aus Stein gemeißelt.

»Ich bin Brooks Freund, das genügt.«

»Das ist ein Argument.«

»Ich trau’ ihm nicht Sir!«, protestierte St. John. »Seine Zustimmung bedeutet keine Garantie, dass er dem Captain auch wirklich folgt. Mit Ihrer Erlaubnis, Colonel, begleite ich ihn.«

»Wenn ich reite, dann allein.«

»Captain Brook ist mein Onkel; der einzige Angehörige, den ich noch besitze. Ich lasse nicht zu ...«

»Sie vergessen eines, Freundchen.« Clint wandte sich mit zusammengekniffenen Augen an den jungen Offizier. »Auf diesem Höllenritt, zu dem der Colonel mich auf seine spezielle Weise überredet, geht’s nicht nur um Jayson Brooks Skalp, sondern auch um meinen. Ich bin für Sie zwar nur ein lausiger Pferdedieb, möchte aber weder von einer Yankee- noch von einer Indianerkugel ins Jenseits befördert werden. Da brauch ich keinen Klotz am Bein.«

»Was bilden Sie sich ein, Jefford! Wenn hier jemand Bedingungen stellt ...«

»Genug!«, befahl Gladstone. »Alles ist vorbereitet. In zwei Stunden reiten Sie, Jefford!«

 

 

3

Zwanzig Meilen südwestlich von Fort Indianhill stieß Clint auf die Spur eines einzelnen Reiters. Er brauchte nicht abzusteigen, um zu erkennen, dass das Pferd des Mannes den linken Vorderhuf leicht nach außen setzte.

Clint war sicher, die Fährte auch aus einem Dutzend anderer wieder herauszufinden. Sie lief in dieselbe Richtung, in der sein Ziel lag: Maxwells Fähre am Red River.

Die Hufabdrücke waren nur wenige Stunden alt. Doch Brooks Vorsprung ließ Clint keine Zeit umzukehren, um festzustellen, von wo sie kamen. Als er weiterritt, beschlich ihn das Gefühl, dass er verfolgt wurde.

Frischbelaubte Busch- und Baumgruppen machten das Gelände unübersichtlich. Die Sonne verschwand immer wieder hinter langgestreckten Wolkenbänken.

Clint lenkte den Braunen auf eine strauchbestandene Hügelkuppe. Der am Sattel festgeleinte Schecke stampfte mit. Ein Henry-Repetiergewehr steckte im Scabbard.

Am Gürtel hingen Colt und Bowieknife. Ein flachkroniger Texashut mit einem Band aus Klapperschlangenhaut vervollständigte Clints Kleidung. Außerdem war er rasiert. Doch kein Kamm vermochte die unter dem Hut hervorlugenden rotblonden Zotteln zu bändigen.

Auf Clints Spur regte sich nichts. Die Wachita Mountains glichen am Horizont dämmernden Wolkerigebilden. Nach Westen und Süden erstreckte sich welliges Busch und Grasland. Über die Ebene im Osten bewegten sich Reiter und Fahrzeuggruppen, flüchtende Konföderierte mit ihrem Tross. Der Rauch brennender Gehöfte stand weit hinter ihnen. In der Ferne grollte Geschützdonner. Das bedeutete, dass es hier im Südwesten von Arkansas noch immer Kämpfe, Widerstand und sinnloses Blutvergießen gab. Ein bitterer Geschmack füllte Clints Mundhöhle.

Er wollte die Kuppe eben verlassen, als er den zweihundert Yard entfernt aufstiebenden Vogelschwarm bemerkte. Seine Spur verlief dort zwischen den Erlen und Cottonwoods.

Sofort zog er die Henry aus dem Scabbard. Der Schatten der Sträucher verbarg ihn. Die Vögel kreisten einmal über der Lichtung, die Clint überquert hatte, dann flatterten sie davon. Gleich darauf sah Clint die Umrisse eines Reiters zwischen den Zweigen.

Sein Verfolger!

Clints Instinkt, der sechste Sinn eines Mannes, der unter Indianern, Büffeljägern und Frontier-Men aufgewachsen war, hatte ihn also nicht getäuscht.

Noch war die Entfernung zu groß, Einzelheiten zu erkennen. Clint spannte sich. Plötzlich krachte der Schuss.

Zerfetzte Blätter und Zweige umwirbelten die Reiter. Männer schnellten aus dem Dickicht. Der Unbekannte warf das Pferd herum.Wieder zuckten Mündungsblitze, Pulverrauch wogte.

Clint sah nur mehr ein wellenartiges Schwanken, das die Büsche durchlief. Dann fielen noch zwei Schüsse, und der Fetzen eines Triumphschreis erreichte den Kurier. Zweige bewegten sich an derselben Stelle. Dann rührte sich nichts mehr.

Es konnte eine Falle sein. Die Spur vor ihm und der Reiter in seinem Rücken erfüllten Clint mit der Ahnung einer unmittelbaren Gefahr. Er musste erfahren, was gespielt wurde. Deshalb ritt er den Hang hinab, band nach hundert Yard die Pferde an einen Cottonwoodstamm und eilte zu Fuß weiter. Wie eine Raubkatze glitt er geduckt durch das Gestrüpp.

Dann sah er die Männer auf der Lichtung, drei verwilderte Burschen in zerschlissenen Südstaatenuniformen. Clint hielt sie für Deserteure. Ihre Gewehre bedrohten einen im Gras liegenden Mann, der ebenfalls eine graue Uniform trug. Es war Clints Verfolger.

Einer der Zerlumpten hielt sein Pferd am Zügel, einen rassigen, rotbraunen Hengst mit breiter Brust und schlanken Fesseln. Jayson Brook züchtete solche Pferde. Sein Brandzeichen war weit über Texas hinaus bekannt. Die drei Deserteure besaßen gemeinsam nur einen knochigen Braunen, dessen hervorstehende Rippen verrieten, dass er lange keinen Hafer mehr gefressen hatte.

»Verdammter Bastard!« Einer der bärtigen, abgerissenen Burschen versetzte dem Liegenden einen Tritt. »Beinahe hättest du mir das rechte Ohr weggeschossen, du Mistfloh! Wenn ich deine Lieutnant-Spangen seh’, kommt mir die Galle hoch. Vier Jahre habt ihr eingebildeten Lackaffen uns nach eurer Pfeife tanzen lassen. Jetzt dreht sich das Karussell andersrum.«

Wieder folgte ein Tritt. Der Mann, der den Hengst hielt, lachte.

»Reg dich ab, Jack! Sieh dir bloß mal diesen Klassegaul an. Wäre doch verdammt schade, wenn uns der Sonnyboy nicht vor die Knarre geritten wäre. Eigentlich solltest du dich bedanken.«

»Mit ’ner Kugel, ja! Ich hasse dieses herausgeputzte Offizierspack. Steh auf, du Mistfloh! Ich will sehen wie schnell du ohne Pferd bist, wenn dir die Kugeln um die Ohren pfeifen. Komm hoch, schlaf nicht, sonst helf ich nach!«

Schwankend richtete der Überfallene sich auf. Es war Lieutenant St. John. Die sonst makellose Uniform stand vorn halb offen. Einige Knöpfe fehlten. Der graue Feldhut lag im zertrampelten Gras. Die Holster an der verrutschen Koppel war leer.

St. Johns glattrasiertes Gesicht schimmerte bleich.

»Ihr seid verrückt! Sie werden euch erschießen, wenn sie euch mit meinem Pferd erwischen.«

»Wer?« Ein Stoß mit dem Gewehr ließ den jungen Offizier taumeln. »Deine Kameraden vielleicht? Hast du überhaupt welche? Well, sie werden genug zu tun haben, den Blauröcken zu entkommen. Na los, du Mistfloh, zeig wie schnell du hüpfen kannst!« Der Bärtige deutete zum Rand der Lichtung. »Wirf die Hufe, Mann!«

Seine Kumpane warteten grinsend. Der Bursche mit der Krähenfeder an der Mütze trug St. Johns Sechsschüsser im Gurt. Clint konnte nicht schießen, ohne den Lieutenant zu gefährden.

St. John duckte sich.

»Wenn ihr glaubt, dass ich wie ein Hase um mein Leben laufe ...«

»Kannst es gern lassen.« Grinsend hielt der Anführer ihm das Gewehr unter die Nase. St. John schluckte. Seine Gegner wandten Clint den Rücken zu. Da bog Clint einen dichtbelaubten Zweig zur Seite und winkte.

Ein Zucken lief über St. Johns Gesicht.

»Also gut«, murmelte er, schnallte das Koppel ab und zog den Uniformrock aus. Er begriff, dass Clint Zeit brauchte, die Deserteure in der Flanke zu packen. Clint legte den 44er Colt in eine Baumgabel am Rand der Lichtung, gab dem Lieutenant noch ein Zeichen und verschwand lautlos im Schatten.

»Ich zähl bis zehn, wenn du zu laufen anfängst. Danach schießen wir«, verstand er. »Eine echte Chance für dich.«

Die drei Männer lachten. Der Krieg hatte sie verroht. Das Ganze war für sie ein grausamer Spaß. Mit flackernden Augen spähte St. John zu den Bäumen, aber Clint schien vom Erdboden verschluckt. Die Deserteure sahen den Revolver in der Gabelung des Cottonwoodstammes nicht.

»Worauf wartest du, Leuteschinder?« Der Mann mit der Feder an der Mütze spuckte aus. »Keinen Mumm mehr, eh?«

Eine Kugel hieb neben St. John ins Gras. Die Kerle johlten, als der Lieutenant erschrocken zurücksprang.

»Lauf!«, brüllte der Anführer, und St. John schnellte an ihnen vorbei. Er rannte auf den gegabelten Baum zu. Drei Gewehrläufe richteten sich auf ihn.

»Schneller, schneller Mann! Du schaffst es! Zum Teufel, Jack, warum zählst du nicht?«

»Glaubst du im Ernst, ich riskiere, dass er entkommt?«

Der Anführer zielte zwischen St. Johns Schulterblätter.

Da tauchte Clint seitlich von ihnen am Rand der Grasfläche auf. »Ich bin mit von der Partie, Leute!«

Sie ruckten herum. Bevor sie richtig erkannten, mit wem sie es zu tun hatten, spuckten ihre Gewehre Feuer, Rauch und Blei. Die Schüsse zerfetzten den Busch, vor dem Clint eben noch stand.

Clints Henrygewehr blitzte zwei Schritte daneben. Clint stützte sich auf die Knie. Der Repetierbügel schnellte auf und nieder. Der Krähenfedermann fiel mit hochgeworfenen Armen vornüber. Dann brach der bärtige Anführer zusammen.

Der Deserteur schaffte den Sprung auf den Rücken des rotbraunen Hengstes. Blitzschnell vertauschte er das Gewehr mit dem Revolver. Seine Kugeln zwangen Clint in Deckung.

Da feuerte der Lieutenant aus Clints Colt. Er stand wie auf dem Schießplatz da, bolzengerade, die Waffe in beiden ausgestreckten Händen.

Der Treffer schleuderte den Revolverschützen aus dem Sattel. Der Hengst stieg. Clint rannte vorwärts und erwischte die Zügel, bevor das Pferd ausbrechen konnte. Langsam, mit dem noch rauchenden Sechsschüsser in der Hand, kam St. John auf ihn zu. Ihre Blicke kreuzten sich wie Klingen.

»Sie haben also doch Ihren Kopf durchgesetzt«, stellte Clint fest. »Well, vielleicht ahnen Sie jetzt, was Sie erwartet, wenn Sie glauben, dass ich ’nen Aufpasser brauch.«

»Ich komm trotzdem mit.«

»Höchstens bis Gainesville.«

 

 

4

Am nächsten Tag fand Clint wieder die Trittsiegel des Pferdes mit dem leicht nach außen gedrehten linken Vorderhuf. Die Spur lief durch das Lehmbett eines halb ausgetrockneten Creek. Die Luft war warm, von Bienengesumm erfüllt. Ringsum sprießte frisches Grün. Blumen blühten.

Clint bemerkte ein Lauern in St. Johns Augen, als er den Kopf hob. Der Lieutenant wirkte wieder wie aus dem Ei gepellt. Die Stiefel glänzten, die Knöpfe waren angenäht, kein Stäubchen lag auf der Uniform mit dem gelben Kragen und den gleichfarbigen Ärmelaufschlägen. Die Gesichtszüge drückten Härte und Arroganz aus.

Clint wies mit einer Kopfbewegung auf die Hufabdrücke.

»Sieht aus, als wollte der Bursche unbedingt vor uns die Red-River-Fähre erreichen. Haben Sie ’ne Ahnung, wer das sein könnte?«'

»Wahrscheinlich der Mann, der in Gainesville die Ersatzpferde bereitstellen sollte.«

»Colonel Gladstone hat davon nichts erwähnt.«

»Es war meine Idee, nachdem ich ursprünglich entschlossen war, Captain Brook allein zu folgen.« Vorsichtshalber legte St. John die Rechte an den wieder am Koppel befestigten Armeerevolver, aber Clint grinste nur.

»Wieso haben Sie es sich anders überlegt? Doch nicht aus Dankbarkeit? Das würde nicht zu Ihnen passen.«

»Ich hab mich noch nicht entschieden.« St. Johns Augen funkelten kalt. »Solange Ihre Richtung stimmt, Jefford, warte ich ab bis Gainesville«, fügte er spöttisch hinzu. Er wollte durch den Creek. Da packte Clint den Zügel.

Sofort veränderte sich St. Johns Miene. Er zog.

»Besuch!«, raunte Clint jedoch, drängte die Pferde ins Gebüsch und saß ab. Hufgetrappel näherte sich. Die Reiter zogen am Creek entlang. Clint brach einen Zweig ab und verwischte die Spur. Als er zurückkam, hielt St. John noch immer den Revolver, aber die Waffe zeigte nun an Clint vorbei.

»Yankees ...«

Verwaschenes Blau schimmerte durchs Gestrüpp. Das Hämmern der Hufe schwoll rasch an. Wortfetzen vermischten sich damit. Clint legte seinen beiden Pferden die Hände an die Nüstern, damit sie nicht wieherten.

»Bewegen Sie sich nicht! Wenn die Kerle Ihre Uniform entdecken, sind wir beide dran.«

St. Johns Hengst stampfte unruhig. Der junge Offizier musste den Sechsschüsser wegstecken. Er brauchte beide Hände, das Tier festzuhalten und ebenfalls am Wiehern zu hindern.

»Captain, da ist einer durch den Creek!«, schallte es. Der Hufschlag setzte aus. Schnauben und Klirren drang ins Gebüsch.

Clint spähte durch eine Lücke. Es waren neun Mann, acht schwarze Soldaten, ehemalige, von den Truppen der Generale Grant und Sherman befreite Sklaven. Ein weißer Offizier führte sie. Stampfend bewegten ihre Pferde sich im nur knöcheltiefen Wasser. Die braunen Fäuste umklammerten mehrschüssige Karabiner.

»Weiter!«, befahl der Anführer. »Wir haben keine Zeit für jeden flüchtenden Johnny Reb. Drüben in Westboro sollen noch einige dieser Verrückten Widerstand leisten. Die schnappen wir uns.«

Das Stampfen der Hufe kam näher. Lichtreflexe blinkten auf Metallbeschlägen. Clint gab seinem Begleiter einen warnenden Blick.

Die Nordstaatler ritten nur wenige Schritte an dem Versteck vorbei, so nahe, dass Clint das Brandzeichen der US Cavalry auf dem Fell der stämmigen Tiere erkannte.

»Verdammt!«, ächzte St. John, als die Geräusche endlich leiser wurden.

Dann erstarrte er wieder. Einer der Reiter kam zurück, langsam, den Karabiner quer über dem Sattel. Sein Blick suchte den Boden ab. St. Johns Rechte umkrampfte wieder den Revolver.

»Er hat Verdacht geschöpft«, flüsterte er. »Weiß der Teufel, was ihm ins Auge stach.«

»Warten Sie!«, mahnte Clint.

Der Schwarze hielt. Er war nur sechs Yard entfernt, ungefähr dort, wo Clint und der Lieutenant auf die durch den Creek laufende Spur gestoßen waren. Aus dem Sattel beugte er sich tief hinab und hob etwas auf.

St. John brach, den Hengst am Zügel, aus der Deckung. Zu spät sah er, dass der Soldat sich lediglich nach seinem verlorenen Tabakbeutel gebückt hatte.

Im Krachen des Griswold and Gunnison Revolvers stürzte der Mann vom Pferd, rollte in den Creek und bewegte sich nicht mehr.

»Sie verdammter Narr!«

Clint schwang sich auf den Schecken und zog den Braunen mit.

Der Lieutenant drehte sich. Seine Waffe deutete auf den rotblonden Reiter. Ein wilder Hass, der Clint mehr überraschte als erschreckte, flammte in den sonst kühlen Augen. Dann hörten sie das Trommeln von Hufen. Das Nordstaatler-Pferd floh. Schon saß auch St. John im Sattel.

»Rebellen!«, gellte es. »Sie haben Meritt erwischt!«

Schüsse krachten. Mit verkniffener Miene feuerte St. John auf die Heranjagenden. Dann preschte er neben Clint durch den Creek. Kugeln pfiffen ihnen nach.

 

 

5

Das Fährhaus wirkte verlassen. Kein Rauch stieg aus dem steingemauerten Kamin. Der Korral war leer. Die letzten Sonnenstrahlen blitzten auf dem rasch und gleichmäßig strömenden Fluss. Die Fähre lag an der flachen Böschung, ein massives Floß mit Geländern an den Längsseiten und an einer Seilwinde am Heck. Das Haltetau war an einem tief in die Ufererde gerammten Pfostengerüst verankert. Es lief schräg zum gegenüberliegenden Ufer, so dass die Strömung dem Fährmann das mühsame Übersetzen abnahm. Drüben gab es eine schmale Schneise in der bis zu zwei Yard hohen Buschmauer. Vereinzelte Bäume überragten sie.

Oberhalb von Maxwells Blockhaus reichte die Busch- und Baumwildnis ebenfalls bis ans Wasser. Ein langgezogener, mit Gras und Sträuchern bewachsener Hügelrücken grenzte den Uferstreifen nach Norden ab.

»Worauf warten wir?«, flüsterte St. John. »Wir brauchen Maxwell nicht. Wollen Sie, dass die Blauröcke uns stellen?«

Der Schatten der Weiden, Pappeln und Cottonwoods lag auf den beiden Männern. Sie waren abgesessen. Clint ließ das Blockhaus und den Stallanbau nicht aus den Augen. Die Tür stand halb offen, die Fenster besaßen keine Scheiben. Clints Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte, verstärkte sich.

Er dachte wieder an die Fährte des Reiters, der angeblich Ersatzpferde in Gainesville besorgen sollte. Sie endete zwanzig oder dreißig Yards vor ihnen am Fluss bei der Fähre.

»Bleiben Sie hier, Lieutenant! Geben Sie mir Feuerschutz. Ich seh nach.«

Ohne St. Johns Antwort abzuwarten, schlich Clint an der Buschmauer entlang auf das Fährhaus zu. Alles blieb still. Keine Vogelstimme ertönte. Nur der Red River rauschte monoton. Manchmal schwappte eine niedrige Welle über die Floßplanken.

Clints Zeigefinger lag am Abzug des Henry-Gewehres. Sein Tritt stieß die Blockhütte auf. Geduckt sprang er hinein und glitt, auf das Blitzen von Schüssen gefasst, sofort zur Seite. Nichts geschah. Das Gebäude besaß nur zwei Räume. Die Verbindungstür stand offen. Dämmerung umwob die grobgezimmerten Möbel.

Auf der Herdbank saß eine reglose, zusammengekrümmte Gestalt. Clint ließ den Repetierbügel schnappen.

»Maxwell?«

Keine Antwort. Er trat auf den stämmigen Mann zu. Es war tatsächlich der Eigner der Fähre, die das Arkansas mit dem Texasufer verband. Blicklose Augen starrten Clint an. Fliegen krabbelten auf dem bärtigen Gesicht. Das Hemd war blutverkrustet.

Clint kannte Maxwell seit mehr als zehn Jahren. Eine unsichtbare Faust schien ihm die Kehle zu verschließen. Dann schaute er sich um. Es gab keine Spuren von einem Kampf.

Ein Wiehern ertönte vor der Tür. Clint wirbelte herum. Die Henry zeigte auf die drahtige Gestalt am Eingang.

»Die Blauröcke waren hier!«, stieß St. John nach einem Blick auf den Toten hervor.

Clint verzichtete darauf, ihm Vorwürfe zu machen, weil er die Deckung verlassen hatte.

»Keine Blauröcke. Maxwells Wunde stammt von keinem Bajonett oder Säbel, sondern von ’nem Bowieknife.«

Ein Flackern trat in St. Johns Augen. Dann wiederholte sich das Wiehern. Es bekam ein mehrstimmiges Echo vom Hügelkamm.

»Die Yankees!«, keuchte der Lieutenant. Eine Kugel bohrte sich neben ihm in den Türrahmen.

Durch das Fenster sah Clint, dass es drei farbige Soldaten waren, die seit mehreren Stunden auf ihrer Fährte ritten. Wahrscheinlich besaßen sie ausgeruhtere Pferde. Doch der Rest der Patrouille war bestimmt nicht weit entfernt.

Die Gewehre krachten abermals. Trotzdem stürmte Clint hinaus.

»Helfen Sie mir die Pferde aufs Floß bringen.Wir müssen übersetzen!«

Die Tiere scheuten. Immerhin hatte St. John sie zusammengekoppelt. Kugeln pfiffen, als Clint zu ihnen lief. Zum Glück waren die drei Nordstaatler miserable Schützen.

Der Lieutenant folgte Clint. Sein Gewehr steckte im Scabbard, und für den Revolver war die Entfernung zu groß. Gemeinsam zerrten sie die Tiere über die Böschung aufs Floß.

Die Soldaten waren inzwischen abgesessen. Einer hielt die Gäule, kniend eröffneten seine Kameraden ein gezieltes Feuer.

Da packte St. John seinen Karabiner. Während Clint die Pferde festleinte, trieben seine Schüsse die Gegner in Deckung. Die Fähre schaukelte. Dumpf schlugen die Hufe der aufgeregten Tiere auf die Planken. Pulverrauch wogte.

Dann tauchten weitere Reiter in blauen Uniformen auf dem Kamm auf. Es waren der Captain und die restlichen Patrouillenreiter. In fiebriger Eile lud St. John das Gewehr.

»Jefford, kappen Sie das verdammte Tau!«

Clint hielt bereits das Bowiemesser. Ein Schnitt durchtrennte den Strick, mit dem die Fähre vertäut war.

»Absitzen!«, befahl der Patrouillenführer. »Feuer frei!«

Eine Kugel streifte Clints Schecken. Wiehernd riss er an der Leine. Fontänen spritzen neben dem Floß auf. Die Strömung zog es vom Ufer weg. Das Führungsseil spannte sich. Die Fähre glitt schräg über den Red River, ohne das Clint und der Lieutenant die zum Staken bereitliegenden Stangen benutzen mussten. Schneller und schneller spulte die Heckwinde das am Pfostengerüst aufgerollte Tau ab.

Clint durchschnitt es nun ebenfalls, damit die Blauröcke das Floß nicht zurückholen konnten.

Die Fähre erreichte die Flussmitte, die Schüsse fielen spärlicher. Die Nordstaatler eilten mit ihren Pferden zum Ufer herab. St. John ließ das Gewehr sinken und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Im letzten Aufflammen des Sonnenuntergangs glühte der Red River wie ein Lavastrom.

»Teufel, das war knapp! Ich hätte keinen Cent mehr ...«

Die Nordstaatensoldaten begannen wieder zu schießen. Doch St. John starrte nach vorn. Da sah auch Clint die aus der Buschmauer am Texasufer ragenden Gewehre.

Das Floß trieb genau auf sie zu.

Clints Schock dauerte nur einen Sekundenbruchteil. Sein 44er flog aus dem Holster.

»Nicht schießen! Ich bin’s Lieutenant St. John!«, schrie sein Begleiter.

Der Ruf ging im Dröhnen der Salve unter. Eine Pulverdampfwolke legte sich vor die Büsche. Orangefarbene Blitze durchstießen sie. Der Schecke durchbrach das Geländer und stürzte in den Fluss. Blutüberströmt krachte St. Johns Hengst auf die Planken. Die Fähre schlingerte, das Führungsseil vibrierte.

Verblüfft ließen die Soldaten am Nordufer die Waffen sinken.

Clint lag mit dem Sechsschüsser in der Rechten an der Floßkante. Die Hufe des tödlich verletzten Hengstes zuckten wild. Der Braune keilte wiehernd aus. Unaufhaltsam schwamm die Fähre auf das noch vom Pulverqualm vernebelte Dickicht zu. In Clints Ohren lag der Nachhall von St. Johns Schrei.

Er hob den Kopf. Der Lieutenant kniete neben der Seilwinde. Ein Splitter hatte seine rechte Wange aufgerissen. Blut tropfte auf die Uniform.

Der Karabiner deutete auf Clint, statt zum Ufer. Clints Drehung war ein Reflex. Er spürte den Einschlag der Kugel neben sich, sah nach St. Johns hassverzerrtes Gesicht hinter der Rauchfahne und rollte über die Floßkannte.

 

 

6

Die Strömung wirbelte Clint herum. Hemd und Hose klebten am Leib. Ein großer, drohender Schatten glitt über ihn – das Floß. Dann füllte nur mehr das Rauschen des eigenen Blutes seine Ohren. Fahle Dunkelheit umgab ihn. Wenn er nach oben blickte, sah er einen matten roten Schimmer. Er schwamm unter Wasser in die Richtung, in der er das südliche Ufer vermutete.

Die Luft wurde ihm knapp. Doch er war überzeugt, dass St. John und die Gewehrschützen im Dickicht die Flussoberfläche beobachteten und sofort wieder feuerten, wenn sie auch nur seinen Schatten entdeckten. Die Zusammenhänge interessierten Clint im Moment nicht. Für ihn ging’s ums Überleben.

Verbissen kämpfte er gegen die Strömung, die ihn vom Ufer wegzerrte. Sein Herz hämmerte, die Lungen drohten zu bersten.

Schließlich riskierte er es, schwamm hoch. Jede Faser in ihm gierte nach Sauerstoff. Der Schatten der Uferbäume nahm ihn auf. Er brauchte nur die Hände auszustrecken, um sich an den ins Wasser hängenden Zweigen festzuhalten.

Nur atmen, das pulsende Leben in den Gliedern spüren!

Allmählich ließ der Druck auf die Schläfen nach. Clint stellte fest, dass er sich in einer Flussbiegung befand. Er konnte zwar das Fährhaus und die Nordstaatler sehen, die unschlüssig über den Fluss spähten, nicht aber die inzwischen am diesseitigen Ufer gelandete Fähre. Nur mehr ein schmaler roter Streifen leuchtete am westlichen Firmament. Der Himmel färbte sich pflaumenblau.

Siebzig oder achtzig Yard entfernt schnaubten Pferde. Dann hörte Clint St. Johns noch halb atemlose Stimme.

»Ich dachte schon, ihr seid völlig übergeschnappt. Fast hättet ihr mich erwischt.«

Ein raues Lachen antwortete.

»Reg dich ab, Amigo. Die Jungs haben dich in der Uniform zwar nicht gleich erkannt, doch sie zielten sowieso nur auf Jefford.«

»Er darf nicht entkommen. Gladstone erfährt sonst, dass ich mit euch zusammenarbeite.«

Das Lachen ertönte abermals.

»Mach dir bloß nicht in die Hosen, Kumpel. Gladstone ist so gut wie erledigt. Als Brooks Auftraggeber verschwindet er garantiert für Jahre in ’nem Yankee-Lager.«

»Der Befehl, Fort Pecos zu zerstören, kam nicht von Gladstone, sondern aus dem Hauptquartier.«

»Was soll’s? Du kennst meinen Draht zu den Blauröcken. Verlass dich darauf, ich dreh das so hin, dass alles passt und wir die Ranch deines Onkels übernehmen. Und Brooks ehemaligen Zureiter, diesen verdammten Pferdedieb, kriegen wir auch, wenn er nicht schon abgesoffen ist. Habt ihr schon ’ne Spur, Clem?«

»Nichts, Boss.« Die Antwort kam von weiter unten am Fluss. Demnach waren die Männer sofort losgehetzt, als Clint von der Fähre verschwunden war.

»Sucht weiter!«, befahl der raue Bass.

Clint kroch aufs Ufer. Zwischen den Sträuchern wuchs hohes Gras. Schlinggewächse rankten sich um die Bäume. Die hereinbrechende Dämmerung verwischte alle Konturen. Clint fröstelte in der nassen Kleidung. Sein Colt lag im Red River. Nur das Bowiemesser war ihm geblieben.

Er dachte über das Gehörte nach. Der Zorn formte sich zu einem heißen Klumpen in seinem Magen. Nun wusste er, dass der Reiter mit der auffälligen Spur nicht in St. Johns Auftrag nach Gainesville geritten war, sondern diesen Hinterhalt vorbereitet hatte. Die Schufte wollten ihn, Clint, erledigen. Damit Jayson Brook mit seinen Männern ins Verderben ritt.

Beim Fährhaus krachte ein Schuss. Die Stimme des Nordstaaten-Captain schallte über den Fluss.

»Keine Aufregung«, beschwichtigte der Anführer der Heckenschützen den Lieutenant. »Die nächste Furt ist zwanzig Meilen entfernt. Bevor die ein Floß zusammenzimmern, sind wir längst über alle Berge.«

Das neuerliche Schnauben und Prusten wirkte auf Clint wie ein Magnet. Vorsichtig kroch er darauf zu. Gainesville lag zwei Tagesritte westlich von Maxwells Fähre. Ohne Pferd holte er Brook nie mehr ein.

Schritte näherten sich. Clint duckte sich hinter einen von Farnen umstandenen Weidenstumpf. Die Männer blieben wenige Schritte vor ihm stehen. Er sah nur die Umrisse.

»Zündet die Fackeln an!«

Es war die gepresst klingende Stimme des Lieutenant. Clint dachte wieder an St. Johns hassverzerrtes Gesicht und den Einschlag der Kugel neben sich. Warum hatte St. John nicht früher auf ihn geschossen? Ein Streichholz kratzte, Licht flammte. Clint sah hartlinige Gesichter, blinkenden Waffenstahl, dann St. John.

Clints Rechte umspannte den Messergriff, aber die Männer gingen vorbei. Sie bewegten sich lauernd. Die Mündungen ihrer Gewehre wanderten hin und her. Ihre Kleidung war abgenutzt wie bei Männern, die lange nicht mehr in einem Bett geschlafen hatten.

»Verteilt euch, sonst findet ihr ihn nie!«, rief der Anführer.

Clint huschte zum nächsten Strauch, kroch durch einen Graben und wand sich durch dichtes Unterholz. Die Pferde standen in der Schneise, die er von Maxwells Hütte aus gesehen hatte. Der Mond lugte über die Baumwipfel. Clint presste sich ins Gras, als er eine heftige Bewegung bei den Tieren erkannte.

»Zum Teufel, wo willst du hin?«, rief der Anführer wütend.

»Lass los, Gorman, du tust mir weh!«

Clint traute seinen Ohren nicht. Es war die Stimme eines Mädchens oder einer jungen Frau. Er kroch einige Yard weiter.

Der Mann, der das Girl am Handgelenk festhielt, war groß und stämmig. Ein Bart umrahmte das grobe Gesicht. Der nach vorn gedrehte Kolben eines Sechsschüssers ragte unter der nicht zugeknöpften, schenkellangen Jacke hervor. Die schweren, über die Knie reichenden Dragonerstiefel betonten die massige Erscheinung.

Das Girl wurde halb vom Pferd verdeckt, auf das es sich hatte schwingen wollen.

Clint sah nur, dass es Rock, Bluse und halbhohe Stiefel trug.

»Du wolltest abhauen, was?« Der Bärtige stieß sie gegen das nervös prustende Tier. Das Mädchen keuchte.

»Ich bin nicht deine Sklavin, Gorman. Lass mich fort! Du kriegst auch dein Geld zurück!«

»Komische Ideen hast du.«

»Ich wusste nicht, dass es Tote geben wird – zuerst der Fährmann, nun auch noch dieser Kurier.«

»Vergiss Brook und seine Reiter nicht.« Gorman lachte. »Wie, zur Hölle, hast du denn gedacht, dass unser Freund St. John sich Brooks Riesenranch unter den Nagel reißt? Ein Dutzend Tote sind ein vergleichsweise bescheidener Preis für einen der größten Besitze in Texas, solange wir nicht darunter sind.«

»Ich will nichts mehr damit zu tun haben.«

»Das fällt dir ein bisschen spät ein, Susan. Dann hättest du dich schon abseilen sollen, bevor wir den Überfall auf die Butterfield Stagecoach deichselten. Seitdem ziehst du mit uns am selben Strick. Oder willst du lieber wieder in Ma Rileys Hafenspelunke in Galveston die Schenkel zeigen?«

»Wenn St. John dich hört, Gorman ... er weiß nichts davon.«

»St. John ist ein gieriger Bastard, aber auch ein Dummkopf, sonst hätte er den Braten längst gerochen. Da er aber nun mal Brooks Alleinerbe und außerdem in dich verschossen ist, brauchen wir dich ...«

Ein Schuss peitschte am Fluss. Ein Mann fluchte. Dann schimpfte St. John: »Passt gefälligst auf! Das fehlte noch, dass wir uns gegenseitig über den Haufen schießen!«

Geduckt, immer noch die Hand am Messer, richtete Clint sich auf. Mehrere Yard deckungslose Fläche lagen vor ihm, aber er hatte keine Wahl. Lautlos schob er sich um den Busch. Die Pferde witterten ihn, doch Gorman hielt den Schuss für die Ursache der Unruhe. Drohend brachte er sein bärtiges Gesicht nahe an das der jungen Frau heran.

»Ich warne dich, Susan! Versuch nicht, abzuspringen! Du kennst mich, Mädchen. Ich kann verdammt rau werden, wenn mir irgendwer Steine in den Weg wirft. Sobald Brooks Ranch uns gehört, kannst du machen, was du willst. Bis dahin ...«

Ein Wiehern unterbrach ihn. Eine dunkle Gestalt hetzte über die Schneise, zerschnitt die Zügel des nächsten Pferdes und schwang sich auf seinen Rücken. Susan stieß einen Schrei aus, Gorman griff fluchend zum Colt.

Der Falbe scheute, die Kugel verfehlte Clint. Ein Gewehr steckte im Scabbard, aber Clint brauchte beide Hände für die Zügel. Er warf das Tier herum und hämmerte ihm die Fersen gegen die Flanken.

»Heyah, lauf!«

»Knallt ihn ab!«, brüllte Gorman. Die durcheinanderdrängenden übrigen Pferde nahmen ihm das Schussfeld. Als sein Colt wieder krachte, war Clint schon fünfzehn Yard entfernt.

 

 

7

Brooks Truppe lagerte hundertsechzig Meilen westlich von Maxwells Fähre. Die Männer hockten am Rand eines mit brackigem Wasser gefüllten Tümpels, rauchten und warteten.

Corporal Milroy zerdrückte die siebente oder achte Kippe. Die Stimme des hageren Südstaatlers kratzte.

»Mit Verlaub, Sir, ich versteh nicht, weshalb wir neulich keine Zeit fanden, Kellond zum Doc zu schaffen, während wir hier nun schon ’nen halben Tag vertrödeln.«

Jähe Spannung breitete sich aus. Seit vier Tagen hatte Milroy nur das Nötigste gesprochen. Gelegentlich, wenn er sich unbeobachtet glaubte, belauerte er den Captain mit düsterem Blick.

»Ich schulde Ihnen keine Rechenschaft, Corporal. Wenn ich trotzdem antworte, dann nur weil Kellond Ihr Partner und ein guter Kamerad war. Die Pferde brauchen eine längere Rast, bevor die eigentlichen Strapazen beginnen. Sie sehen ja selbst, dass die Tiere erledigt sind. Außerdem reiten keine Yankees mehr auf unserer Spur. Und noch was, Männer: Von hier aus reiten wir als Zivilisten weiter. Bannerhan!«

Der bullige Sergeant wusste Bescheid.

»Jawohl, Sir!« Er erhob sich, schnallte die Packlast vom Rücken des Braunen, der an seinem Pferd festgeleint war, und öffnete die Verschnürung. Auch die anderen standen nun auf. Sie hatten gedacht, dass das Bündel Decken oder Zeltplanen enthielt. Nun lagen abgetragene Kleidungsstücke, Stiefel und Hüte vor ihnen. Revolvergurte, wie die Cowboys und Büffeljäger sie trugen, fehlten nicht.

»Wir lassen die Uniformen bis zum Rückweg hier«, bestimmte Brook.

Die Männer, eingefleischte Soldaten, die seit Kriegsbeginn der Fahne der Konföderation folgten, schluckten. Bannerhan warf dem Captain einen besorgten Blick zu.

Wieder sprach Milroy aus, was die anderen dachten.

»Wenn die Yankees uns erwischen, stellen sie uns an die Wand.«

»In ein paar Tagen erreichen wir den Santa Fe Trail. Dort wimmelt es von Yankee-Patrouillen. Denen dürfen wir nicht auffallen. Dann nämlich wären auch die Blauröcke in Fort Pecos gewarnt, und wir würden uns samt Sprengstoff und ausgetüfteltem Plan an dieser Yankee-Nuss die Zähne ausbeißen. Wir geben uns als Goldsucher aus. Da haben wir auch eine Erklärung für das Sprengpulver. Glaubt nicht, Leute, dass ich mich gern tarne, aber wir haben keine Wahl.«

»Vielleicht doch, Sir.«

»Ich debattiere nicht«, erwiderte Brook ruhig.

»Ich bin Soldat, Sir, kein Guerillakämpfer. Bei allen Einsätzen hab ich stets die Uniform getragen.«

»Mein Befehl ist auszuführen!«

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937800
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v536395
Schlagworte
rebellen-kurier

Autor

Zurück

Titel: Der Rebellen-Kurier