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Der Irrtum des Kreuzelhofers

2020 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Irrtum des Kreuzelhofers

Copyright

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Der Irrtum des Kreuzelhofers

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Seit die junge Bäuerin auf dem Kreuzelhof ist, ist es der schönste Hof im Dorf. Sauber und gepflegt ist die Wirtschaft. Die Burga hält Ordnung auf dem Hof. Doch sie und ihr Mann Alois entfremden sich immer mehr. Das Paar ist schon fast fünf Jahre verheiratet und noch immer ist Burga nicht schwanger. Sie hatten sich viele Kinder gewünscht. Er wollte einen Erben für den Hof und als die Kellnerin aus dem Wirtshaus ihm ein Angebot macht, nimmt er ihren Vorschlag an. Irma ist bereit ein Kind für Alois auszutragen und es ihm und Burga für eine stattliche Summe zu überlassen. Für die Bäuerin beginnt eine schlimme Zeit.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Kreuzelhof war der schönste weit und breit. Und das war allein der Bäuerin zu verdanken. Burga hatte die Zügel in der Hand, schaffte von früh bis spät. Sie gönnte sich keine Ruhe und sah überall nach dem Rechten. Sobald die Sonne über den Schafberg kam, war sie schon munter. Der Bauer hingegen nahm es nicht so genau, grunzte in die Kissen und drehte sich auf die andere Seite. Oft stand dann die Burga in der halb dunklen Kammer und blickte auf den Mann. Alois!

Manchmal schrie es in ihrem Herzen. Sie wollte ihn an den Schultern rütteln, ihn anflehen, ist das unser Leben?

Ist das alles, was von unserer Liebe übrig geblieben ist?

Der Kreuzelhofer, in Fuschl schüttelte man den Kopf.

So eine Närrin, die Burga, zum Teufel sollte sie ihn jagen, das faule Mannsbild. Tat den ganzen lieben langen Tag nichts, und abends ging er zum Färbertoni und brachte das Geld durch. Burgas schönes Gesicht mit dem goldblonden Haar und den wasserhellen Augen verdüsterte sich, wenn sie die Reden der Dörfler hörte. Sie kniff die Lippen fest zusammen. Und sie liebte den Alois! War er nicht ihr Mann? Vor Gott und den Menschen? Sie hatte ihn gewollt, und nun durfte sie auch nicht klagen. Ja, sie sah sogar nachsichtig über seine Fehler hinweg, gönnte ihm die Freude, abends ein Gläschen Wein zu trinken. Nie schalt sie ihn aus. Zum Ärger von Tante Resi, die mit im Haushalt lebte.

Damals! Und das war erst fünf Jahre her, da hatte es schlecht um den Kreuzelhof gestanden. Wäre sie da nicht mit ihrer schönen Mitgift gekommen, der Alois hätte sich längst als Knecht verdingen oder als Hilfsarbeiter in die Stadt gehen müssen. Die Urlauber wurden von Jahr zu Jahr mehr, und Arbeitskräfte wanderten ab. Die Jugend wollte nicht mehr auf dem Lande wohnen.

Mit zwanzig hatte sie den Alois geheiratet, nun war sie fünfundzwanzig und voll erblüht. Burga war ein stolzes, schönes Geschöpf. Die Männer im Dorf blickten ihr nach. Ganz andere Partien hätte sie machen können mit ihrem vielen Geld! Aber es musste der Alois, dieser Schlawiner sein. Wer kannte sich bei einem Frauenherz aus?

Jetzt musste das Heu eingefahren werden. Seit Tagen hielt sich das schöne Wetter. Würzig und trocken lag das Heu auf der Wiese. Die Bäuerin stand in der Kammer und zog sich an. Das geschah rasch und mit ein wenig Hast. Ruhig und gelassen das Tagwerk beginnen, das konnte sie nicht. Man hatte bei ihr stets das Gefühl, als würde sie etwas versäumen.

Heute sprach sie den Mann an. „Alois, willst du nicht aufstehen? Das Heu! Ich hab’ das Gefühl, dass bald ein Unwetter aufzieht. Wir müssen uns eilen, jede Kraft wird heute gebraucht!“

„Ja, natürlich, ich komm’ schon. Warum diese Eile? Immer pressiert’s bei dir. Nun wieder das verdammte Heu!“

„Das Vieh ist im Winter darauf angewiesen, das weißt du doch!“

„Bin ich etwa kein Bauer?“, herrschte er sie an. „Das Vieh, jedes Jahr wird es mehr, immer mehr Äcker und Wiesen.“ Mit Spott in der Stimme schleuderte er ihr diese Worte ins Gesicht.

„Glaubst, es macht mir Spaß, den ganzen Tag zu rackern und zu schuften? Für nichts, für rein gar nichts?“

Burga zuckte zusammen. Rasch band sie sich die weiße Schürze um.

„Bleib ruhig liegen, wir schaffen es schon allein“, sagte sie tonlos.

Schleppend ging sie aus dem Zimmer. Sie wischte sich die Augen. Tante Resi sah es und schüttelte den Kopf.

„Will er nicht mit ins Heu?“, fragte sie ziemlich laut.

Burga schrak zusammen und lief schnell zur Treppe.

„Er kommt noch. Ich mach’ derweil das Frühstück.“

„Eine Schande ist es“, sagte Resi, „die Frau arbeitet sich kaputt, und der Bauer liegt im Bett. Wie ein altes Weib, schämen sollte er sich!“, schimpfte sie vor der Tür.

Alois hörte sehr wohl die Worte und knirschte mit den Zähnen. „Es geht dich einen Schmarrn an, was ich mach’!“, schrie er die Tante an.

„Leider“, rief Resi zurück, „leider! Wärst du mein Mann, ich würd’ dir schon die Meinung sagen. Burga ist viel zu gutmütig!“

Vor sich hinbrummend stapfte sie die Holztreppe ins Erdgeschoss hinunter. Sie war schon über sechzig und noch sehr rüstig. Resi hatte niemals geheiratet. Da ihr aber ein Fünftel des Kreuzelhofes gehörte, konnte Alois ihr nicht die Tür weisen. Bis zu ihrem Tode hatte sie ein Wohnrecht auf dem Hof. So stand es im Testament des alten Bauern.

Tante Resi, wie sie allgemein genannt wurde, hätte nicht so zu schaffen brauchen. Sie bekam eine gute Rente und konnte sich gut selbst versorgen. Doch wenn man ein Leben lang rührig war, konnte man jetzt nicht auf einmal die Hände in den Schoß legen.

Knurrig stieß sie die Küchentür auf. Hier war es peinlich sauber und sehr adrett. Burga hatte einen guten Geschmack. Überhaupt, was sie anfasste, gedieh unter ihren Händen. Ob es nun der Rosengarten war, das Vieh, die Wäsche oder Näherei, sie war in allem eine perfekte Hausfrau.

Jetzt deckte sie mit flinken Händen den Tisch. Die bunten Steinguttassen, daneben das frische Brot, die goldgelbe Butter, der Honig, luden zum gemütlichem Morgenmahl ein. Kaffeeduft zog durch den Raum.

Tante Resi schnupperte und setzte sich gemächlich an den runden Bauerntisch. Dabei sah sie die Burga an. Die stand am Herd und brühte den Kaffee auf. Resis scharfe Augen bemerkten die Tränenspur auf den Wangen.

„Du bist ein narrisches Weibsbild, Burga. Predige ich nicht von früh bis spät, du sollst dem Alois härter kommen. Was ist das denn für ein Leben? Schuftest wie eine Magd und was bekommst du dafür? Wenn es nach dem Alois ginge, noch einen Tritt.

Wehr dich doch mal endlich, zeig ihm was in dir steckt. Du kannst ihn doch hundertmal in die Tasche stecken. Der Alois ist doch ein Nichts, ein Faulpelz. Ich versteh’ dich nicht.“

„Lass ihn doch“, sagte Burga müde. „Er ist mein Mann. Und ich reg’ mich nimmer darüber auf. Wir schaffen das Heu auch allein.“

„Davon ist doch jetzt nit die Red’, weißt es doch selbst. Ich kann einfach nicht sehen, wie du dich zu Tode grämst. Ist das noch Liebe? Wie hast du strahlend ausgesehen, als du hier ins Haus kamst. Du hast den ganzen Tag gesungen und gelacht. Es war eine Freude, dir bei der Arbeit zuzusehen. Und jetzt? Still und demütig gehst du einher. Und die Dörfler spotten hinter deinem Rücken.“

Burga stellte die Kanne auf den Tisch und setzte sich.

„Damals“, sagte sie schwach lächelnd, „damals war die Welt für mich auch noch in Ordnung. Und der Alois hat damals auch von früh bis spät geschafft und getan. Kein Wunder, dass ihm jetzt die Lust vergangen ist. Damals, da haben wir noch gehofft, gewartet, und jetzt? Schau, du darfst nicht so hart zum Alois sein. Er hat sein Kreuz zu tragen. Ich kann ihm einfach nicht bös’ sein. Es ist ja meine Schuld.“

„Deine“, sagte die Tante hart. „Geh, du redest dummes Zeug. Ich will dir mal was sagen. Vor Gott und den Menschen seid ihr ein Paar. Ihr habt geschworen, durch dick und dünn zu gehen, gemeinsam. Jedes Leid gemeinsam zu tragen. So habt ihr euch doch vor dem Pfarrer versprochen. So und nicht anders!

Und jetzt sprichst du von Schuld? Hältst du es vielleicht auch noch für ein Verbrechen? Der Alois sündigt schwer an dir, wenn er dir das nachträgt, Burga.“

Als die junge Bäuerin aufbegehren wollte, sprach Resi sofort weiter.

„Natürlich tut er es. Ich bin doch nicht blind, ich habe auch noch Augen im Kopf. Mein Gott, Burga, wenn ich du wäre, ich hätte schon längst meine Sachen gepackt und wäre von dannen gezogen. Keine Minute hätte ich es mehr hier ausgehalten. Und du sollst mal sehen, wenn der Bauer hört, du willst fort, und mit dir dein ganzes Geld was im Hof steckt, dann wird er anders, glaub’ es mir. Dann kriegt er einen Riesenschreck und besinnt sich.“ Burga sagte müde: „Lass, Tante. Ich weiß, du meinst es gut mit mir. Aber du musst es mir schon überlassen, wie ich mein Leben lebe. Und überhaupt, mit dem Fortgehen, wie du dir das so denkst! Dies ist doch meine Heimat. Wo soll ich denn hin? Ich liebe den Kreuzelhof, er ist ein Teil von mir. Besser wäre es, ich würd’ sterben. Dann wäre der Alois wieder frei und könnte sich eine andere Frau suchen.“

„Burga!“, schrie die Tante, „das ist doch nicht dein Ernst!“

„Ich geh’ jetzt ins Heu. Red doch nit soviel, und das am frühen Morgen.“

Die Tante sagte gar nichts mehr. Aber sie hatte Angst vor Burgas Gedanken.

 

 

2

Der Tau lag noch auf den Gräsern, über dem Tal lag ein Dunstschleier. Man konnte den Mondsee nur als blassblauen Fleck ausmachen. Jetzt sah man nichts von seiner Schönheit. Auch der Schafberg lag noch hinter einer hellgrauen Wattewand.

Burga stand mit dem Rechen in der Tennentür und grübelte. Es war noch zu früh. Die Sonne musste erst durchkommen, sonst war das Heu feucht.

Auf dem Hof gackerte und scharrte der Hahn mit seinem Hühnervolk. Hinter der Bäuerin stand die Tante und suchte ihren Rechen hervor. Gestern war es so spät geworden, da hatten sie vor Müdigkeit einfach die Dinge hingeworfen und waren ins Haus gegangen.

Burga hing sich den großen Strohhut an den Arm.

„Hm, ziemlich frisch, was?“

„Bis wir bei den Wiesen sind, ist die Sonne da. Aber du brauchst nicht mitzugehen, Tante Resi.“

„Quatsch, es ist selbstverständlich, dass ich dir helfe.“

Das sagte sie jeden Tag.

Burga ging voran. Gebückt und ein wenig keuchend und nach Luft ringend kam die Tante hinter ihr her. Es ging immer bergan. Als sie die Wegbiegung erreicht hatten, blieb Burga stehen und wartete auf Resi.

„Bist mir jetzt böse?“, fragte diese, als sie Burga erreicht hatte.

„Nein, ich weiß ja, dass du es nur gut mit mir meinst.“

„Ich bet’ jeden Abend für dich und den Alois. Manchmal ist mir, als gäbe es keinen Herrgott mehr da droben.“ Burgas Augen füllten sich abermals mit Tränen. Rasch wandte sie sich um und ging weiter. Und dann musste sie daran denken, als sie und Alois das erste Mal als Mann und Frau diesen Weg zu den Wiesen geschritten waren, voller Frohsinn und Glück. So ganz anders war der Mann gewesen, heiter, tatendurstig, und lachen konnte er, dass es von den Bergen widerschallte.

Aber von Jahr zu Jahr war er dann stiller und mürrischer geworden. Ich glaube, er hasst mich, dachte sie plötzlich. Manchmal sieht er mich so eigen an. Dann läuft mir eine Gänsehaut den Rücken herunter. Immer sehe ich seinen Blick, durchbohrend und hart.

Seit fünf Jahren waren sie verheiratet, und Burga bekam noch immer kein Kind. Es wollte sich nicht einstellen. Und der Bauer wartete auf den Erben, den Buben, die Mädchen! Als sie jung verliebt waren, da hatten sie davon geträumt. Viele Kinder wollten sie haben. Einen ganzen Stall voll. Der Kreuzelhof war groß und hätte sie alle ernähren können.

Wie viele Ärzte hatte sie schon aufgesucht. Und noch immer kein Kind. Seit dem Frühjahr hatte sie die Hoffnung aufgegeben.

Und darum konnte sie dem Alois auch nicht gram sein. Es war ihre Schuld. Sie taugte einfach nichts. Ein trockenes Schluchzen stieg in ihrer Kehle hoch.

Womit hatte sie das verdient? Sie konnte doch nichts dafür!

Burga und Resi hatten nun die Wiesen erreicht. Aber noch immer war die Sonne nicht durch. Sie setzten sich auf die Bank und stellten die Rechen neben sich. Wenn sie so saß, weit ins Land blicken konnte, über sich nur den Himmel, dann fühlte Burga sich glücklich und froh. Dann konnte sie für einen Augenblick den großen Kummer vergessen.

Stimmen rissen sie aus der Träumerei. Den Weg herunter kam die Schwägerin, und an ihrer Seite vier Kinder. Drei Mädchen und ein Bub von zwei Jahren. Er war das jüngste der vier.

„Grüß dich, Burga!“, rief Lena schon von weitem.

Sie sah zerzaust und schmuddelig aus. Und ein neidischer Blick ging über die Schwägerin hinweg. Es missfiel ihr, dass diese so schmuck und sauber aussah.

Sie kam den Hang herunter und stellte sich vor die Bank.

„Schon so früh ins Heu?“, sagte sie und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Du siehst es“, antwortete Burga ruhig.

„Ja, du hast es gut“, sagte Lena. „Wenn ich da an mich denke. Ich würd’ auch so aussehen wie du, wenn ich nicht für so viel Kroppzeug sorgen müsste. Ja, nicht jeder kann sich alle Tag so fein machen. Und dann erst mal der Stoff, so etwas trag ich höchstens zu Feiertagen. Wenn man Kinder hat, kann man sich nichts mehr leisten. Aber wem sag’ ich das, du verstehst es ja doch nicht. Du bist immer die Feinere gewesen.“

Tante Resi war langsam aufgestanden.

Burga war nicht imstande, auch nur ein Wort zu sagen. In ihrem Herzen war ein wilder Sturm. O dieses Weib, dachte sie und fühlte wie das Blut in ihre Wangen schoss, welches Recht nimmt sie sich heraus, um stets auf meinem Herzen herumzutrampeln? Sie weiß, wie ich unter der Kinderlosigkeit leide, wie schrecklich das für mich ist. Und sie höhnt und spottet.

„Du sollst dich was schämen, Lena“, zischte Tante Resi. „Eine Schlampe bist du! Einer muss es dir ja mal sagen. Im Dorf gibt es Weiber, die noch mehr Kinder haben und eine große Wirtschaft dazu. Jawohl, sieh mich nicht so giftig an, du weißt, welche Frauen ich meine. Sie sind auch schmuck und sauber. Du kannst dein Gift für dich behalten. Der Neid spricht aus deinen Augen. Nichts ist bei dir wie es sein müsste, du nicht, die Kinder nicht, dein Mann und der Hof auch nicht. Alles ist in einem verlotterten Zustand. Und du läufst den ganzen Tag herum und hältst die Leute von der Arbeit ab.“

Tante Resi holte tief Luft.

Lena war sehr rot geworden. Das war ihr noch nicht passiert, dass ihr einer so unverblümt die Wahrheit sagte. Sie riss den Mund auf und wollte eine scharfe Antwort geben. Aber Resi kam ihr zuvor.

„Neidisch bist, jawohl, und darum hackst du auf der Burga herum. Du solltest dich was schämen, ist das Christenpflicht?“

„So“, Lena stemmte die fetten Arme in die Hüften. „Das soll ich mir gefallen lassen? Ausgerechnet von dir? Du, du Jungfer, hast ja nie einen Mann gehabt, weißt ja nicht, was es heißt, Mann und Kinder zu haben! Ich kann hier soviel sagen, wie es mir gefällt. Da lass ich mir von niemand den Mund verbieten! Ich und neidisch, pah“, sie lachte grell auf, „warum sollt’ ich neidisch auf die Burga sein? Ist doch ’ne taube Nuss, schafft es nicht mal, dem Alois ein Kind zu schenken, ich hab’ vier und krieg’ schon wieder eins. Ich soll neidisch sein?“, wieder lachte sie hysterisch auf.

Tante Resi nahm ihren Rechen und jagte damit das Lästerweib fort.

„Lauf, oder ich mach’ dir Beine!“

Die Kinder der Lena stoben auseinander und rannten den Berg hinunter. Lena machte auch, das sie fortkam, doch dann blieb sie in sicherer Entfernung stehen und höhnte weiter.

„Ich werd’ ihr“, sagte die Tante und wollte ihr nachlaufen.

Burga hielt sie zurück. „Lass sie, Tante Resi. Lass sie doch.“

„Ich kann es zum Tod nicht ausstehen, dass sie sich über dich lustig macht. Nachher geht sie ins Dorf und tratscht es herum. Es wurde mal Zeit, ihr die Meinung zu sagen.“

„Mich stört es nicht“, sagte die junge Frau ruhig.

Schwer atmend setzte sich die Tante auf die Bank. „Du solltest es aber trotzdem nicht zulassen, Burga. Sie ist ein Schandweib.“

„Sie ist meine Schwägerin, Resi.“

„Ein nettes Weib, der Johann hat seine Plag’ mit ihr.“

Burga blickte in den Morgenhimmel. Endlich brach die Sonne durch. Sie vergoldete das ganze Tal. Wie ein klarer geschliffener Diamant lag der Mondsee zu ihren Füßen. Es war so schön und friedlich, so still, man spürte nur die lebende Natur um sich herum. Etwas höher auf den Almen grasten schon die Kühe. Sie hörten deren melodisches Glockengeläut.

Taube Nuss hat sie gesagt!

Langsam wandte Burga den Kopf und blickte die Tante an. Ihr Gesicht war schon voller Runzeln und Falten. Doch sie hatte gütige und frohe Augen. Sie mochte Resi gern. Und wenn diese nicht auf dem Hof gelebt hätte, wer weiß, vielleicht wäre sie schon längst davongelaufen.

„Tante Resi, hast du schwer darunter gelitten?“, fragte sie leise.

„Du meinst, dass ich ehelos blieb?“

„Das auch. Aber ein Leben ohne Kinder! Wie hast du es ertragen? Hast du dich nie nach so einem kleinen Menschlein gesehnt? Es als dein Eigen haben, im Arm zu wiegen, es liebkosen. Tante Resi, sag’ mir die Wahrheit. Ich muss sie wissen, sonst zerbreche ich.“

Mit bedächtigen Bewegungen strich die Tante ihre Schürze zurecht. „Du hast Fragen, Burga. Ich bin alt, ich weiß es nicht mehr.“

„Erinnere dich doch, bitte!“

„Es war hart“, sagte die Tante ganz leise. „Früher, als mein Blut noch jung und ungestüm war, oh es pochte in meiner Brust, meine Arme schmerzten vor Verlangen. Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich einsam im Bett lag und mit dem Schicksal haderte. Und dann das Glück um sich herum zu sehen, Burga, ich ...“ Sie holte tief Luft. „Du siehst, ich bin nicht daran zerbrochen.“

„So kannst du mit mir empfinden?“ Die alte abgearbeitete Hand legte sich auf die junge. „Ja, mein Mädchen. Ich leide mit dir, fühle mit dir.“

Burga legte den Kopf an die Schulter der Tante.

„Ich kann es nicht mehr ertragen“, flüsterte sie.

Nachdem die Frauen den Hof verlassen hatten, war der Bauer aufgestanden. Er hatte gar nicht mehr geschlafen. Tante Resis Worte spukten ihm im Kopf herum. Zuerst hatte er nur so gelegen und darüber nachgegrübelt. Dann war er aufgestanden.

Er war ein schöner, stattlicher Mann. Eigentlich konnte man es der Burga nicht verdenken, dass sie ihn gewählt hatte. Fesch und ansehnlich wirkte der Alois. Und wenn er am Sonntag seine Tracht trug, dann konnte es wohl vorkommen, dass sich die Fremden drunten im Dorf nach ihm umdrehten.

Alois fand in der Küche alles vor.

Warum, dachte er immer wieder. Warum muss mir das passieren? Mir und der Burga! Ach, sie können gut reden, diese Weiber wie die Resi. Sie sehen nicht die Blicke der Dörfler, die spöttelnden Stimmen. Einen Schlappschwanz nennen sie mich schon, einen Versager.

Nein, Burga wusste nicht, wie sehr er sich ein Kind wünschte. Mit welcher Leidenschaft. Nicht, um den Dörflern das Maul zu stopfen, sondern weil er die Kinder um ihrer selbst willen liebte.

Fast krankhaft sehnte er sich danach. Es brauchte nicht mal ein Bub zu sein, ein Mädchen genügte ihm ja auch schon. Nur ein Kind, ein einziges! Himmel Herrgott, warum nicht?

Mit jedem Jahr sickerte die Hoffnung dahin, bis sie vollkommen erstarb. Er liebte Burga noch immer. Sie war sein Weib, und er hing an ihr. Aber wenn er ihr gut sein wollte, kam es auf, dann sah er sie an, und er dachte, sie ist schuld, und dann konnte er nicht mehr gut zu ihr sein. Musste böse Worte sagen, ihr wehtun. Nachher reute es ihn immer, und sie wehrte sich nie. Er wollte sie herausfordern, sie sollte auch böse mit ihm werden, dann hätte er sich wohl gefühlt. Vielleicht wäre dann alles noch gut geworden.

Aber sie tat es nicht. War immer gleich freundlich, ja, es war ihm, als wolle sie heimlich Abbitte leisten. Hieß das vielleicht, dass sie darum gewusst, es ihm etwas vor der Hochzeit verschwiegen hatte?

Er hatte gefrühstückt und stand auf. Es wurde langsam Zeit, dass er zu den Wiesen ging. Nachher hieß es sonst wieder, die Weiber hätten alles allein geschafft.

„Wozu soll ich arbeiten“, sagte er laut. „Für wen denn?“

Und das war auch der Grund, weshalb er kaum noch etwas auf dem Hof tat. Lax und gleichgültig verrichtete er sein Tagwerk. Und dass es trotzdem nicht mit ihm abwärts ging, das hatte er nur der Burga zu verdanken.

Endlich machte er sich auf den Weg. In dem Hohlweg traf er auf die Lena, die Frau seines Bruders. Die Sonne schien hell und er sah plötzlich, wie schlampig sie war. Kein schöner Anblick. Bis jetzt war ihm das noch nie so richtig aufgefallen. Wenn er da an seine Burga dachte, mit der konnte man Staat machen.

„Ah, sieh an, Schwager Alois“, säuselte die Lena. „Möcht’ grad zu dir. Bin auf dem Weg die Kinder zur Schule zu bringen. Und wollt auf dem Rückweg bei dir reinschauen.“

Alois kniff die Augen zusammen. Er ahnte etwas. Das war nicht das erste mal, dass sie allein zu ihm kam.

„Was willst du?“, fragte er barsch.

Lena kannte keine Scheu, und sagte: „Geld, wie immer!“

„Und wieso glaubst du, dass ich dir immer was geb’? Damit ist Schluss, ich hab’ keine Lust mehr, verstehst?“

„Was denn, was denn?“, tat sie verwundert. „Auf einmal kommst mir so? Geh, Alois, dass ich net lach’. Was willst denn, einmal kriegen wir doch alles. Also, da kannst mir doch jetzt schon was geben. Die Steuer, weißt!“

Vor zwei Wochen war sie schon wegen der Steuer gekommen. Er starrte sie an. Sicher, seit er wusste, dass die Burga keine Kinder bekam, hatte er mal mit dem Bruder darüber gesprochen, dass er wohl eins seiner Kinder zu seinem Erben einsetzen würde. So könnte der Hof nach seinem Tode in der Familie bleiben. Ihm war es ein Grauen, zu denken, dass vielleicht Burgas Familie ihn bekommen könnte. Seit zweihundert Jahren stand nun der Kreuzelhof.

Der Bruder hatte es sofort seiner Frau erzählt. Und diese erkannte sogleich den Nutzen. Alois hatte sich nachsichtig gezeigt, wenn sie immer klagte, dass die Kinder soviel kosten. Und wenn er eins schon als Erbe auserwählte, so könne er doch jetzt schon für sie sorgen.

Als er das Weib nun so vor sich sah, dreist, faul und schmutzig, da durchfuhr ihn ein Schreck. Wenn die Mutter so war, würden die Kinder auch nicht grad schaffensfreudig werden.

„Es ist ja nicht viel“, sagte Lena.

„Du kriegst nix mehr, verstehst? Brauchst dich nicht mehr zu bemühen. Den Weg kannst dir sparen. Ich zahl’ nimmer. Ich hab’ genug von dir.“

„Schwager, bist eingeschnappt. Sieh, ich brauchte neulich das Geld. Krieg wieder ein Kind. Wir haben es nit leicht.“

„Wieso wendest dich da an mich? Mein Bruder soll für seine Brut selbst aufkommen.“

„So“, sagte sie spitz. „Bist wohl neidisch, dass dieser es schafft, während du...“ Vor den drohenden Augen wich sie erschrocken zurück.

„Bestell meinem Bruder viele Grüß’, aber ich weiß jetzt, woran ich bin, und meinen Hof, nun denn, noch ist nicht aller Tage Abend.“

„Wie?“, fragte Lena sprachlos. „Sollte tatsächlich?...“

Wie gern hätte er ihr jetzt das Maul gestopft und ihr gesagt, ja, wir auch.

„Vielleicht nehm’ ich mir ein Adoptivkind, weißt was das heißt? In der Kreisstadt gibt es Heime, hab’ mich erkundigt.“

Lenas Knie wurden weich. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Aber noch hatte sie einen Trumpf im Ärmel.

„Was, a fremdes Kind willst zu dir nehmen? Geh, du machst doch nur Spaß, so narrisch wirst doch wohl net sein. Kinder von Verbrechern und losen Weibern, so eins willst also. Na, da gratulier’ ich dir auch schön.“

Alois ging grußlos weiter. Ihm pochte das Herz. Lena hatte mitten ins Schwarze getroffen. Das war es ja, worüber er die ganze Zeit nachdachte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man Kinder so fortgab. Damit musste etwas sein.

Seit Monaten spukte dieser Gedanke in seinem Kopf herum. Burga hatte er noch nichts davon erzählt. Ein Urlaubsgast hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Drunten beim Färbertoni waren sie darauf zu sprechen gekommen.

Und seither kreisten seine Gedanken immer um diesen Punkt. Ein fremdes Kind als eigen annehmen! Und wenn die Lena recht hatte? Vielleicht hatte es wirklich verderbte Eltern gehabt. Das ganze Dorf würde mit Fingern auf ihn zeigen.

Aber der Urlauber hatte ganz vernünftig gesprochen. Er war da in Deutschland bei so einer Behörde angestellt. Jugendamt nannte sich das. Und er solle doch mal nach Salzburg schreiben, die könnten wirklich eine Auskunft geben.

Viele Eltern würden heute ein Kind annehmen.

Ein Kind!

Er hatte seine Wiese erreicht und sah Tante Resi und Burga das Heu wenden. Die weiße Bluse der Frau leuchtete in der Sonne. Fast schmerzhaft sehnte er sich nach der Frau. Seit Monaten hatte er sie nicht mehr im Arm gehabt.

„Ihr habt ja schon fleißig geschafft“, sagte er freundlich.

Burga hob den Kopf und blickte ihn mit ihren großen klaren Augen still an.

Seine Stimme klang so anders, gar nicht barsch und abweisend. Ihr wurde richtig warm ums Herz. Alois wusste auch nicht warum, aber er musste sie heute ein wenig freundlicher behandeln. Vielleicht kam das daher, dass er sich so über die Lena geärgert hatte. Lena war ein keifendes Weib. Und auf einmal dachte er, mein Gott, ich habe die ganze Zeit nur an mich gedacht. Bestimmt leidet sie auch. Diese kleinen Fältchen um Mund und Nase, früher waren sie noch nicht da.

Wie wenig kenne ich doch meine Frau. Heiße Liebe strömte durch ihn hindurch. Und wenn die Tante nicht dagewesen wäre, vielleicht hätte er ihr dann ein liebes Wort gesagt.

Und wenn ich ihr das sage, das mit dem Kind aus Salzburg?, durchfuhr es ihn.

Burga aber fühlte auch ohne Worte, dass er ihr heute gut war, und sie dankte dem Himmel. Das stille Beisammensein, ohne böse Worte machte sie schon unendlich glücklich. Bergbauern reden nicht viel. Sie wollte ihm ja nur gut sein, mehr nicht.

Den ganzen Tag über schafften sie Seite an Seite. Es wurde sehr heiß und die Arbeit eine Plage. Aber endlich hatten sie das Heu verladen und schwankend setzte sich der Wagen in Bewegung. Nach dem Abendbrot waren sie alle rechtschaffen müde.

Und doch zog sich der Alois um. In der Küchentür stehend sagte er: „Ich geh’ noch runter.“

Ihr schönes Gesicht wurde blass und schmal. Er würde in der Nacht heimkommen und rauschig sein. Burga neigte den Kopf und sagte nichts.

 

 

3

Vor einiger Zeit hatte der Färbertoni eine Bedienung eingestellt, die Irma Zentner, ein loses Frauenzimmer. Im Dorf war sie wohl bekannt. Eine Frau, die für die Wirtschaft geboren war. Seit sie bediente, war der Zulauf recht groß.

Sie war ein vollbrüstiges Weib, mit aufgeworfenen Lippen, einem breiten Lachen und wiegenden Hüften. So manch einer konnte ungeniert in den weiten Ausschnitt der Bluse sehen, und sie wurde noch nicht mal rot. Die Irma war erst zwanzig. Daheim bei der Mutter hatte sie ein Kind, das diese versorgen musste. Wer der Vater war, wusste niemand. Irma schwieg sich darüber aus.

Wahrscheinlich ein Urlaubsgast, und wer das dachte, der kam der Wahrheit ziemlich nahe.

Ihre frechen schwarzen Augen ließen sich schwer im Zaume halten. Irma wusste sehr wohl, was sie wollte. Den tölpelhaften Bauernburschen schlug sie auf die Finger, wenn diese gar zu handgreiflich wurden. Sie hatte sich geschworen, nur einen reichen Mann zu nehmen. Und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht klappte.

Just heute Abend, sie stand an der Theke und spülte die Gläser, ging die Tür auf, und der Alois Riesch erschien. Er nickte kurz, legte seinen Hut ab und setzte sich in eine Ecke. Irma ließ ihn nicht aus den Augen. Seit Tagen wollte sie grad’ den Alois sprechen. Jetzt war eine günstige Gelegenheit. Natürlich kannte sie die Burga. und auch ihren Kummer. In so einem kleinen Dorf blieb nichts verborgen.

Der Alois war genau das Mannsbild, das sie sich wünschte. Und dann erst der Hof! Irma war nicht dumm, beileibe nicht. Sie hatte schon so einiges erlebt in ihrem jungen Leben. Diesmal sollte es aber klappen. Sie musste es nur sehr listig anfangen.

Sie nahm das Bier und brachte es dem Alois.

„Danke“, sagte er und tat einen tiefen Zug.

„Wohl schwer geschafft heute, was?“

„Ja, war arg heiß droben, aber nun haben wir das Heu unter Dach und Fach.“

„Es muss eine Freude sein, einen so schönen Hof zu besitzen“, sagte Irma. „Da macht das Arbeiten Spaß. Aber nicht jedem ist es gegönnt. Ich tät auch lieber auf einem Hof arbeiten, als hier den Mannsbildern das Bier ausschenken.“

Alois sah Irma an. Unruhig wich er den schwarzen Augen aus. Ihm war nicht wohl in der Haut. Was wollte sie? Sonst war sie doch nicht so gesprächig.

„Wenn das so ist, kannst dich ja als Magd verdingen“, sagte er schnell.

Sie lachte. „Nein, dann bleib’ ich lieber hier.“

Und dann setzte sie sich plötzlich zu ihm an den Tisch. In der Wirtschaft war im Augenblick nicht viel Betrieb. Der würde später kommen, jetzt musste sie die Gelegenheit wahrnehmen.

„Kreuzelhofer, ich wollt’ schon immer mal ein Wörtchen mit dir reden.“

„So!,“ sagte er zurückhaltend.

„Nun ja, das ist nur so, ich weiß halt nicht wie ich anfangen soll. Sollst nichts Unrechtes denken, weißt. Es ist nur so, du dauerst mich, ehrlich. Und die Burga tut mir auch leid. Wollt’ es schon immer sagen. Ich hab’ gedacht, ihr hättet euch damit abgefunden, aber dann hab’ ich dich neulich mit dem Herrn aus Deutschland sprechen gehört. Weißt wen ich meine?“

Alois sah sie verwundert an. Verdammt, das Mädel sollte endlich sagen was sie wollte. Möglich, dass sie die Unterhaltung mitbekommen hatte. Aber das war doch kein Verbrechen.

„Willst was von mir?“

„Nein, bestimmt nicht. Es ist nur, ich mein’, bevor du den Schritt tust, man muss sich alles überlegen, gründlich. Das ist eine heikle Angelegenheit. Und wenn du erst mal so ein Wurm hast, dann kannst das nicht einfach wieder fortgeben. Dann musst du es behalten. Die Behörden wollen die Kinder loswerden und reden das Blaue vom Himmel. Kreuzelbauer, ich würd’ mir die Sache wirklich gründlich überlegen.“

Alois trank sein Bier und blickte die Irma fest an. Wenn er nur wüsst’, warum sie ihm das sagte. Sie war doch sonst nicht so menschenfreundlich. Ihr sollte es doch egal sein, was er machte. Recht unbehaglich fühlte er sich unter ihrem Blick. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her.

Irma ließ ihn nicht aus den Augen. Sie hatte den ersten Keil ziemlich gut angesetzt. Das andere war jetzt nur noch ein Kinderspiel.

„Es geht dich einen Schmarrn an, was ich will und was ich net will. Und außerdem, unterhalten kann man sich ja wohl, oder? Hast was dagegen? So komm’ ich nit mehr hierher und trink meinen Abendschoppen woanders.“

Irma Zentner legte ihre feste Hand auf den Unterarm des Mannes.

„Seh ich so aus, Bauer? Ich wollt’ doch nur helfen, sonst nix!“

„Ich hab’ selbst Grütze im Kopf. Meinst nicht, dass ich mir den Schritt wirklich gut überleg?“

„Natürlich, aber manchmal, weißt, manchmal denkt man an das was in weiter Ferne liegt, und sieht nicht die Wirklichkeit.“

Der Alois war nicht gerade dumm. Aber was die Irma da redete, das ging wahrhaftig über seinen Verstand.

Irma lächelte. Ihre schwarzen Augen saugten sich an seinem Gesicht fest.

„Warum versuchst es nicht selbst?“ Alois wurde wütend.

„Dirndl, wenn du gekommen bist, um über mich zu spotten, dann ...“

„Aber geh’, seh’ ich so aus, Alois? Ich mein’ es wirklich so!“

Er warf ein paar Geldstücke auf den Tisch.

„Zahlen“, herrschte er sie an.

Irma sah sich schnell nach dem Wirt um. Er hatte nichts bemerkt. Sie beugte sich weit nach vorn.

„Ich hab’ mal einen Mann gekannt, in Wien. Dort war ich ja ein paar Jahre in Stellung. Ein reicher Mann, verstehst, mit Geschäft und allem drum und dran. Und dessen Frau bekam auch nichts Kleines. Er wollt’ aber einen Erben haben. Rein versessen war er darauf. Die Frau tat mir schrecklich leid. Sie litt furchtbar, und sie hätte ja auch so gern so ein Wurm gehabt.

Ja, und eines Tages, da hielt der Mann es nicht mehr aus, er hatte da so ein Liebchen und das kriegte nun ein Kind von ihm. Zuerst war er damisch erschrocken und dachte, die Frau dreht mir den Hals um. Schließlich hat sie sehr viel Geld in meine Geschäfte gesteckt. Wenn die nun weiß? Und er hat gebangt und gezittert und wusste nicht ein und aus. Aber damisch gefreut hat er sich auch. Ein Kind!

Und eines Tages, als es nicht mehr zu verbergen war, da ist er dann zur Frau hin und hat ihr alles gebeichtet. Und weißt was sie gemacht hat? Sie ist ihm um den Hals gefallen, hat ihn geküsst und gesagt, Mann, das ist doch die Lösung. Schau, das arme Dirndl wird froh sein, wenn wir ihr das Kind abnehmen. Vielleicht auch noch ein wenig Bares hinzulegen. Und das Kind, Mann, das Kind ist ja von dir. So hast du deinen Erben. Und ich werd dafür sorgen, als wär’s mein Kind. Bring’ das Mädel zu mir, ich will mit ihr sprechen. Es soll ihr an nix fehlen solange sie nicht arbeiten kann.

So war das, Bauer, und du kannst mir glauben. Sie haben einen feschen Buben und alle sind glücklich. Das kleine Madl, das ihr Kind in so guten Händen weiß, der Mann und erst recht die Frau. Sollst mal sehen wie stolz sie den Kleinen ausfährt.“

Alois hatte ihr schweigend zugehört. In Gedanken trank er das frische Bier, dass ihm der Färbertoni hingestellt hatte.

Irma lehnte sich zurück.

„Willst nicht bedienen?“, fragte der Wirt. „Hinten sitzt die Stube voll Gäste, und du tust nix.“

„Ich komm’ schon“, und eilfertig sprang sie auf und lief davon.

Alois saß tiefversunken an seinem Tisch und dachte nach. Wenn einer aus dem Dorf sich zu ihm setzen wollte, so winkte er nur ab. Er musste denken.

Irma hatte die Saat gestreut und sie ging auf. Ein eigenes Kind! Mein Gott, an diese Möglichkeit hatte er wirklich nicht gedacht. War er vielleicht dümmer als der Mann da in Wien? Was der konnte, brachte er auch noch fertig.

Burga!

Er runzelte die Stirn. Was denn, froh sollte sie sein, wie die Frau in Wien. Bestimmt würde sie sich auch über ein Kind freuen. Und dann brauchte man keine Angst zu haben, dass vielleicht ein schlechter Kern in dem Kind steckte. Einen richtigen starken Buben, und er war der Vater. Ordentlich heiß wurde ihm bei diesem Gedanken.

Stunde um Stunde hockte er in der Wirtsstube und trank sein Bier. Gegen Mitternacht wurde der Raum leerer.

Die Gäste hatten sich schon längst in die Betten verzogen. Und die Einheimischen brachen jetzt auch auf.

Und auf einmal stand die Irma wieder vor ihm.

„Muss abrechnen, Alois, wir schließen gleich.“

Er hob seinen Schädel und sah sie an. Er lächelte leicht.

„Ich wart’ draußen“, sagte er und warf ihr ein gutes Trinkgeld zu.

Irma nahm es und lächelte.

Eine halbe Stunde später trat sie aus der Hintertür. Sie hatte sich eine Jacke übergezogen. Es war recht kühl draußen. Schon glaubte sie, der Alois wäre gegangen. Da sah sie ihn unter der Eiche stehen.

„Was willst noch?“, sagte sie ziemlich barsch. „Es ist spät und ich bin müd’. Außerdem, wenn man uns sieht.“

„Grad du musst das sagen“, gab er zurück. „Du kannst ja nix verlieren. Einen Ruf hast ja nicht mehr.“

„Wenn du mich verspotten willst, das lass’ ich mir nicht gefallen“, erwiderte sie scharf.

„Lass, streiten wir uns nicht.“

Sie schritten nebeneinander die Dorfstraße hinunter. Der Mond schien heute Nacht sehr hell.

„Was ich noch fragen wollt’. Was du da geredet hast, vorhin in der Wirtschaft, ist das wirklich wahr?“

„Wenn du mir nicht glaubst, ich kann dir die Adresse von den Leuten geben“, sagte sie spitz.

„Ich denk an die Urkunde“, murmelte er.

„Welche Urkunde?“, gab sie verwundert zurück.

„Den Geburtsschein. Ich mein’ halt, da steht doch nicht, wer der Vater ist, wenn so ein uneheliches Kind geboren wird. Und wie soll ich dann beweisen, dass ich wirklich der Vater bin?“

„Na, du weißt mir ja wirklich eine ganze Menge“, spottete Irma. „Ich will dir mal was sagen. Ein uneheliches Kind kann grad so gut einen Vater haben wie ein eheliches. Ich mein vor dem Gesetz. Verstehst? Wenn die Mutter weiß, mit wem sie verkehrt hat, also nur einer in Frage kommt, dann wird dieser in die Papiere des Kindes eingetragen. Schon wegen der Zahlung, weißt. Da sind die Behörden ganz scharf hinterher. Wenn die Mutter nicht genau weiß, wer der Vater ist, dann ist das schlimmer. Dann schreiben sie, ,Vater unbekannt'.“

„Tatsächlich?“, staunte der Alois.

„Ich muss es ja schließlich wissen.“

Alois dachte an die kleine Maria, Irmas Kind. Und zu gern hätte er jetzt gewusst, ob die Irma einen Vater angegeben hatte. Wie er wusste, sollte sie es damals ganz schön toll getrieben haben.

Aber noch immer hatte der Bauer Bedenken.

„Ich weiß nicht“, murmelte er vor sich hin. „Die Sache, sie ist mir zu verzwickt. Nein, vielleicht ist es doch besser, ich sprech mal mit den Behörden in Salzburg.“

„Na, die warten grad auf dich“, zischte Irma wütend. „Was glaubst, was dort Eltern vorsprechen und ein Kind adoptieren wollen. Durchleuchtet werden sie, ganz gründlich. Nicht jeder kriegt ein Kind, glaubst wohl, du brauchst nur zu kommen, und schon werfen sie dir eins zu, pah! Kannst auch das Nachsehen haben.“

Alois blieb auf der Straße stehen. Er kniff die Augen zusammen.

„Schau mal an, eben hast grad umgekehrt geredet. Sie wären froh, wenn sie die Kinder los wären, und jetzt?“

Irma biss sich auf die Lippen. Da hatte sie sich ganz schön vergaloppiert.

„Sicher ist, dass es wirklich nicht einfach ist. Was glaubst, wie die mir die Bude einrennen, ich soll mein Kind hergeben. Glaubst, die Mütter tun das so einfach? Heute ist das anders, da kann man ruhig ein Uneheliches haben, da zeigt keiner mehr mit dem Finger auf einen. Ich geb meine Maria nit her.“

„So, so, hast mir Flausen in den Kopf gesetzt, Irma. Kannst mir vielleicht auch sagen, wer das macht?“

Irma drehte sich um und sah ihn an. „So ist es schon anders, Alois. Schau, ich wollt’ es nit gleich sagen. Aber weißt, wenn man ein wenig Geld im Hintergrund weiß, ich mein, wenn ich ein wenig Erspartes auf der Kasse hab’, dann ist es für mich und die Maria in Zukunft leichter. Was zahlst, wenn du ein Kind kriegst? Ich mein’, ein Kind das dein Kind ist?“

„Weißt du jemanden, der das wirklich tut?“

„Ja!“

Alois ging nachdenklich weiter. Er überlegte fieberhaft. Stets wollte er die Sache als zu narrisch abtun, aber dann krallte sich der Gedanke immer wieder im Gehirn fest. Es wird dein Kind sein. Du wirst endlich ein Kind haben.

Mittlerweile waren sie an der Wegbiegung angekommen. Hier trennten sich ihre Wege. Irma blieb stehen.

„Na?“

„Ich würd’ es mich was kosten lassen“, murmelte er heiser. „Ich bin nicht kleinlich, das nicht. Daran sollt’ es wirklich nit fehlen. Aber das Madl, man müsste wissen, was es dafür will.“

Irma nannte eine ansehnliche Summe. „Darunter wird sie es ganz bestimmt nicht tun. Schließlich gibt sie ja ihr Kind für immer ab. Ich sagte doch schon, wenn ein guter Batzen rausspringt, dann wirst du dein Kind kriegen, so wahr ich Irma Zentner heiße.“

„Das kann ich zahlen“, sagte er langsam. „Und jetzt sag’ mir endlich, welches Dirndl sich dazu bereit erklärt!“

„Ich selber“, sagte die Irma und sah ihn herausfordernd an.

„Du?“

„Ja, hast du die ganze Zeit gedacht’, ich würd’ dir jemand anderen aufreden? Schau her, das ist doch ganz einfach. Und vor allen Dingen, wir brauchen keinen andern einzuweihen. Brauchst keine Sorge zu haben, weißt ja, dass ich Kinder krieg’. Hab’ ja schon die Maria.“

„Du?“, fragte er noch einmal verblüfft. „Es ist kalt und ich frier’. Wenn dir wirklich an dem Geschäft was liegt, dann sprechen wir in aller Ruhe darüber. Verstehst. Muss ja alles abgemacht werden. Morgen hab’ ich meinen freien Tag. Und wenn du willst, so treffen wir uns morgen um vier in der Klamm. Da kann uns keiner belauschen.“

Der Alois wurde von seinen Gefühlen hin und her gerissen. Auch machte sich langsam der Alkohol bemerkbar.

„Gut, ich bin zur Stelle.“

Irma lächelte.

„Na, dann gute Nacht, Alois, schlaf gut, und vergiss es nicht, vier Uhr. Ich wart’ nicht lang’.“

Sie reichten sich die Hände. Irma lief den Weg entlang und war bald verschwunden. Alois stand noch immer unter dem Wegkreuz und blickte ihr nach.

Irgendwo schrie ein Käuzchen und es hörte sich an wie das Weinen eines kleinen Kindes. Langsam stieg er den Berg hinauf. In seinem Haus war kein Licht mehr zu sehen.

„Ist es ein Verbrechen wenn man sich ein Kind wünscht?“, murmelte er vor sich hin. „Ein lebendiges kleines Kind! Mein Gott, mir wird ganz schwindelig wenn ich daran denk’.“

Vorsichtig auf Strümpfen schlüpfte er die Treppe hinauf. In der Kammer lag Burga und tat, als schliefe sie fest. Sie hatte das Bett über den Kopf gezogen und schwere heiße Tränen rannen über ihr Gesicht.

Alois machte möglichst leise, was sonst gar nicht seine Art war. Er blickte zum Weib hinüber und kratzte sich am Kopf. Ob er ihr alles sagen sollte?

Dann setzte er sich auf das Bett und dachte, ist morgen oder übermorgen noch Zeit genug. Erst muss ich mal das Geschäft ins Reine bringen. Was denn, freuen wird sie sich, nichts als freuen.

Und mit diesem Gedanken schlief er bis in den hellen Tag hinein.

 

 

4

Die Klamm war kein ungefährlicher Ort. Eine steile schmale Felsspalte. Unten auf dem Grund floss ein Gebirgsbach. Wenn es regnete, konnte er ganz schön reißend werden. Man hatte vor langer Zeit einen Weg in den Felsen gehauen. Dieser wurde von einem schmalen Holzgeländer abgesichert. Modrig und dunkel war es in der Klamm.

Das war also der Ort, den die Irma als Treffpunkt gewählt hatte. Einheimische gingen nur durch die Klamm, wenn sie mussten. Fremde kamen öfter her, sie wollten das schaurigschöne Naturwunder sehen. Vor der Klamm war eine Bank und hier wartete Irma.

Alois hatte den ganzen Tag über gegrübelt, wiederholt den Plan verworfen, dann wieder von allen Seiten beleuchtet. Während der Arbeit sprach er kein Wort. Burga war heute noch stiller als sonst. Und als er dann um drei Uhr seine Arbeit niederlegte und den guten Rock anzog, da fing die Tante wieder an zu schimpfen.

Doch der Bauer kümmerte sich nicht darum. Mit raschen Schritten lief er den Berg hinab. Burga stand in der guten Stube am Fenster. Mit tränenlosen Augen blickte sie auf die verschwindende Gestalt. Das Herz war ihr wie abgeschnürt. So bang fühlte sie sich.

Irma sah ihn schon von weitem kommen. Sie spitzte die Lippen. Na, dachte sie bei sich. Den hab ich gefangen. Jetzt ist mir um die Zukunft nicht mehr bange. Mit dem Teufel sollte es zugehen, wenn ich den nicht krieg’.

Nun war die Sache so, dass Alois nur an das Kind dachte und sonst nichts. Mit keinem Gedanken an das Mädchen selbst. Schließlich musste er sie ja nehmen wenn er ein Kind zeugen wollte. Und ob ihm das angenehm war, oder prickelnd? Für ihn war nur das Kind wichtig, alles andere besaß weder Form noch Farbe.

„Nun, heut können wir weiterreden, Irma“, sagte Alois. „Ich bin also damit einverstanden. Und das Geld kriegst, wenn ich das Kind hab’. Aber ich will dir was sagen, wir müssen einen Vertrag aufsetzen, weißt?“

„Wie? Du traust mir net? Willst etwa in die Stadt zu einem Anwalt und ihm das erzählen?“

Unter ihren Blicken fühlte er sich nicht ganz wohl.

„Geh, Alois, das wird alles seine Richtigkeit haben. Ich nenn’ dich, ja als Vater, in den Papieren wird es stehen.

Und was soll ich mit noch einem Kind? Die Mutter wird mich fortjagen. Du kannst sicher sein. Ich tu’s ja nur, damit ich was für die Maria hab’.“

„Ja“, sagte er langsam., „Recht hast.“ Und dann saß er lange Zeit still auf der Bank und blickte auf die Klamm. Wie ein großer dunkler Schlund sah sie von hier aus.

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937794
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v536393
Schlagworte
irrtum kreuzelhofers

Autor

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Titel: Der Irrtum des Kreuzelhofers