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Grainger, Tammy und ein Haufen Dollars

©2020 121 Seiten

Zusammenfassung


Als Colonel Brady einen Hilferuf von der Bowen Farm bekommt, schickt er Agent Grainger nach Placid Springs um nach dem Rechten zu sehen. Dort empfangen ihn die Menschen mit erheblichem Misstrauen. Als Grainger sich im Saloon ein wenig umhören will, wird er gleich in einen Streit um einen jungen Cowboy verwickelt. Es gibt einen Toten und Grainger hat schon am ersten Tag in Placid Springs den Rinderkönig der Gegend zum Feind.

Leseprobe

Table of Contents

Grainger, Tammy und ein Haufen Dollars

Copyright

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Grainger, Tammy und ein Haufen Dollars

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Als Colonel Brady einen Hilferuf von der Bowen Farm bekommt, schickt er Agent Grainger nach Placid Springs um nach dem Rechten zu sehen. Dort empfangen ihn die Menschen mit erheblichem Misstrauen. Als Grainger sich im Saloon ein wenig umhören will, wird er gleich in einen Streit um einen jungen Cowboy verwickelt. Es gibt einen Toten und Grainger hat schon am ersten Tag in Placid Springs den Rinderkönig der Gegend zum Feind.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Kerle hatten ihm glatt den Gaul unter dem Hintern weggeschossen! Grainger lag flach im Sand. Weit vor ihm, zwischen gewaltigen Felsen, gleißte das Sonnenlicht auf den Gewehrläufen der Heckenschützen. Seine Winchester war unter dem Pferd begraben, und mit dem Revolver konnte er auf diese Distanz nichts ausrichten. Grainger zerquetschte einen Fluch auf den Lippen. Er rechnete damit, dass sie ihn hier ziemlich lange festnagelten. Er musste also unbedingt an seine Feldflasche herankommen.

Vorsichtig schob er sich durch den Sand. Es dauerte lange, bis er sich auf Reichweite genähert hatte. Da geschah es! Als er sich hochwarf und nach der Flasche griff, blitzte es vor ihm grell auf, und heißes Blei raste ihm entgegen...

Grainger prallte auf den Kadaver. Kugeln pfiffen um ihn herum und über ihn hinweg. Einige Geschosse bohrten, klatschten in den Leib des toten Pferdes.

Verbissen arbeitete Grainger daran, den Riemen der Flasche vom Sattel zu lösen. Endlich bekam er sie frei und ließ sich in die Deckung des Kadavers fallen. Dabei schwang die Flasche hoch. Wieder krachten Schüsse. Zwei Kugeln fetzten in das Blech der Feldflasche und rissen sie aus Graingers Hand. Die Burschen schossen sich allmählich ein.

Grainger hechtete zu der Flasche, ergriff sie und rollte sich ab. Flach lag er im Sand. Kugeln furchten neben ihm durch den Boden, prallten gegen Steine und jaulten als Querschläger davon.

Der große Mann drückte sich so tief wie möglich in den Sand. Staubkörner setzten sich auf seinem Gesicht fest. Als die Schüsse nachließen, hob er fast unmerklich den Kopf, leckte sich über die Lippen und spuckte angewidert ein paar Sandkörner aus.

Er bewegte einen Arm.

Nichts passierte.

Die Mistkerle laden nach! Jetzt oder nie!

Er presste die zerschossene Feldflasche an sich und schaffte es in die Deckung des Pferdekadavers zurück, bevor eine Salve zu ihm herüberschwirrte.

Gierig trank er die wenigen Tropfen Wasser, die in der Flasche verblieben waren. Sein Blick fiel auf die Stelle, an der das Wasser im Sand versickert war. Unbändige Wut erfasste ihn. Er kannte sich in dieser Gegend nicht besonders gut aus, war erst gestern hier angekommen. Aber er wusste, dass man ohne Pferd und vor allem ohne Wasser so gut wie verloren war.

Die Gegner konnten sich Zeit lassen. Sie würden ihn mit ihren »Schießübungen« zermürben und ihn ermattet den Geiern zum Fraß überlassen. Er bezweifelte, dass er auf eine gnädige Kugel hoffen konnte.

Ein Schwarm Fliegen ließ sich auf dem Kadaver nieder, und weit über ihm zeigten sich die ersten Bussarde. Vorsichtig spähte er über den Rand des Sattels und wurde von mehreren Kugeln begrüßt.

Grainger hatte längst erkannt, dass eine Flucht nahezu aussichtslos war. Rechts von ihm erstreckte sich eine endlose Weite aus Sand und Geröll. Links wurde die Einöde durch eine dünne, gezackte Linie unterbrochen, die sich kaum von der hellen Farbe des Sandes abhob.

Diese dünne Linie bildete den Rand einer Felsschlucht. Auf seinem Ritt hatte Grainger die Kluft bemerkt, die über viele Meilen das Gelände teilte. Er hatte keine Ahnung, wie tief die Schlucht war. Aber so, wie die Dinge lagen, würde er nicht mal den Abgrund erreichen, bevor ihn die Schüsse trafen.

Nach vorn konnte er auch nicht fliehen, denn dort warteten die Heckenschützen.

»Scheiße! Wenn ich euch in die Finger kriege, wird euch die Lust zum Ballern vergehen, ihr Saukerle!«

Er hasste es, untätig hier rumzuliegen und darauf zu warten, wie ein Weihnachtstruthahn geröstet zu werden. Fieberhaft zermarterte er sich den Kopf nach einem Ausweg.

Immer wieder schweifte sein Blick zu der gezackten Linie des Abgrunds hinüber. Und je öfter er hinschaute, desto mehr wurde er in seiner Überzeugung bestärkt, dass dort die Rettung lag.

Zumindest aber eine Chance.

»He, Großer, hast du Durst? Wir haben jede Menge Wasser! Komm und hol es dir!«

Grainger knirschte mit den Zähnen. Die Kerle machten sich einen Heidenspaß daraus, ihn zu provozieren. Wieherndes Gelächter drang zu ihm herüber, gefolgt von ein paar Schüssen.

Er drehte sich um und legte den Kopf gegen den Sattel. Sollten sie ihren Spaß haben. Noch war er nicht soweit, es ihnen mit gleicher Münze zurückzahlen zu können.

»Mächtig heiß heute, was, Großer? Hier, wir sind ja keine Unmenschen. Fang auf!«

Grainger spähte aus zusammengekniffenen Augen zu den Felsen hinüber und sah eine Wasserflasche in hohem Bogen durch die Luft segeln. Der Werfer hatte gut gezielt. Nur wenige Schritte von dem Pferd entfernt grub sich die Flasche in den Sand.

Jeder andere an Graingers Stelle hätte nun voller Panik die Nerven verloren und sich auf die Flasche gestürzt. Und damit in den Tod.

Aber er hatte seine Erfahrung mit diesen grausamen Spielchen. Er ließ die Gegner schmoren.

Diese Feldflasche konnte ihm zum Verhängnis werden. Sie konnte ihm aber auch einen Vorteil verschaffen...

Grainger zwang sich zur Geduld.

»Warum willst du dich unnötig quälen, Großer? Hol dir das Wasser! Wir lassen dich sogar noch trinken, bevor wir dich...«

Der Hombre hielt inne. Offenbar wollten seine Kameraden verhindern, dass er ihre Pläne verriet.

Grainger wartete, bis er das Gefühl hatte, die Kerle lange genug im Unklaren gelassen zu haben. Der Revolver lag bereits in seiner Faust, als er hochfuhr und mit weiten Sprüngen durch den Sand hetzte.

Sofort begannen die Gegner zu feuern. Aber wie er es erwartet hatte, hatten sie nicht ihn als Ziel gewählt, sondern die Feldflasche!

Sie waren überzeugt gewesen, dass sich Grainger auf die Flasche stürzen würde. Ein Irrtum. Der Blechbehälter hüpfte und tanzte unter dem Einschlag der Kugeln. Wasser spritzte nach allen Seiten davon.

Grainger hatte die Hälfte der Strecke zurückgelegt, bevor die Schützen ihren Irrtum bemerkten. Undeutlich sah er, wie sich die drei Männer zwischen den Felsen erhoben und auf ihn zielten.

Im Laufen fächerte er den Hammer des 38ers zurück und jagte seine Schüsse zu den Felsen, obwohl er auf diese Entfernung unmöglich treffen konnte. Aber er vertraute auf die natürliche Reaktion von Menschen, auf die geschossen wurde. Und er hatte sie richtig eingeschätzt.

Unwillkürlich duckten sich die Heckenschützen, als sie Graingers Mündungsfeuer sahen. Und sie verloren wertvolle Zeit.

Als sie sich auf Grainger eingeschossen hatten, war er nur noch wenige Schritte vom Rand der Schlucht entfernt.

Er wirbelte um die eigene Achse, warf die Arme hoch, stolperte und schlug lang hin.

»Ich hab ihn! Ich hab doch gleich gesagt, dass ich ihn erwische!«, schrie das Großmaul.

»Nein, ich hab ihm das Licht ausgeblasen!«, widersprach ein anderer.

»Ist doch scheißegal, wer es war. Hört auf zu streiten und seht lieber nach, ob er wirklich hin ist!«

Die beiden Streithähne kletterten zwischen den Felsen hervor und schritten langsam auf Grainger zu. Sie wären lieber geritten, aber es hätte zu lange gedauert, die Pferde aus ihrem Versteck zu holen.

Sie waren sich ihrer Sache verdammt sicher und hielten die Gewehre locker in den Händen. Und deshalb waren sie auch nicht vorbereitet, als Grainger in Aktion trat!

Er sprang auf und feuerte wild zu ihnen hinüber, während er zum Graben flitzte.

Die beiden Gewehrschützen wurden überrumpelt, fassten sich aber rasch. Das Großmaul riss die Winchester hoch und hätte Grainger auch voll erwischt, hatte aber vergessen, die Waffe durchzuladen.

Dafür traf Graingers letzte Kugel. Sie schrammte über den Kolben des Karabiners und hieb in die Seite des Schützen.

Der zweite Killer riss den Revolver heraus. Als er auf Grainger feuerte, setzte der große Mann alles auf eine Karte. Er spürte den brennenden, heißen Schmerz an seiner Schulter und stieß sich ab.

Mit einem gewaltigen Satz katapultierte er sich nach vorn und stürzte ins Bodenlose...

 

 

2

Colonel Scott Brady zog in Washington an zahlreichen Fäden, stand aber auch in dem Ruf, ein unwiderstehlicher Charmeur zu sein. Mit seinen vierundfünfzig Jahren machte Brady noch immer eine recht gute Figur, aber so ganz ließ sich das Alter natürlich nicht kaschieren. Er saß mit Grainger in einer Badestube von Fort Lancaster. Sie hatten ihr Wiedersehen ausgiebig gefeiert. Es war schon ein paar Jahre her, seit sie sich zuletzt begegnet waren, und Brady wollte wissen, wie es Grainger ging.

»Stehst du immer noch so gut im Saft?«, fragte er und goss Grainger einen Doppelstöckigen ein.

»Wie du siehst.«

»Also immer noch der hungrige Wolf, der in verschiedenen Revieren schnuppert... Ich erinnere mich an Zeiten, da hast du in einer Nacht ein halbes Dutzend Weiber flachgelegt...«

»Du übertreibst, Colonel. Aber ein Genießer bin ich noch immer. Und du? Hast du dich endlich für eine bestimmte entschieden, oder bist du bei allen aus dem Rennen?«

Brady streichelte seinen Knebelbart. »Lass dich überraschen, Grainger.«

»Was soll das nun wieder heißen?«

»Warte, bis du die Schnecken siehst, die ich für mich reserviert habe. Bei dem Anblick kochen dir die Eier, mein Freund.«

»Wirst du alt? Brauchst du Hilfe.«

»Hättest du wohl gerne... Aber anschauen darfst du sie dir gern.«

»Tue ich, aber du weißt, ich suche mir meine Frauen immer selbst aus.«

Sie tranken bis spät in die Nacht und schwankten dann zu Bradys Quartier. Sergeant Jim Bauchspieß, eine füllige, stiernackige Seele von Mensch und seit Jahren Bradys persönliche Ordonnanz, erwartete sie bereits.

»Hab noch jemanden mitgebracht, Jimmy. Kennst du Grainger noch?«

»Klar doch, Sir. Die Damen warten.

Brady schleppte Grainger in sein Schlafgemach, wo sie von vier bildschönen Mädchen erwartet wurden.

Und was dann geschah, war Brady gar nicht so recht. Die vier »Schnecken« schauten nur in Graingers Richtung! Da war Brady so gut wie abgemeldet. Aber Graingers Typ waren sie nicht, außerdem wollte er dem Offizier nicht das Gefühl geben, zum alten Eisen zu gehören, deshalb wandte er sich ab.

»Auf dass diese Nacht niemals enden möge!«, jubelte Brady und ignorierte die Tatsache, dass er für die Schnecken nur zweite Wahl war...

»Wünsch dir das lieber nicht, Colonel. Das würdest du bestimmt nicht durchstehen.« Grainger leerte sein Glas. »Was kann ich für dich tun, Brady? Du hast vorhin schon ein paar Andeutungen gemacht.«

»Ja, da waren zu viele Leute um uns herum. Lauft mir nicht davon, ihr Liebesschnecken«, gurrte er in die Richtung der Frauen, packte Grainger am Arm und begleitete ihn hinaus. »Es geht um einen alten Freund. Homer Bowen. Hat eine Ranch in der Nähe eines Nestes namens Placid Springs. Homer hat mir einen Brief geschrieben, dass er in Schwierigkeiten steckt. Anscheinend ist eine größere Geldsumme verschwunden, und Homer befürchtet nun, dass er dafür verantwortlich gemacht werden könnte oder sogar seine Ranch verliert. Irgendwas scheint da zu stinken.«

»Um wie viel geht es?«

»Dreihunderttausend. Soll angeblich der Viehzüchtervereinigung gehören.«

»Und was kann ich dabei tun?«

»Ich hab mir gedacht, du könntest dir mal ein Bild von der Situation dort unten machen. Vielleicht kannst du Homer aus seinen Schwierigkeiten helfen. Am Ende findest du sogar das Geld.«

»Ist das nicht eher ein Job für einen Sheriff?«

Brady nickte. »Sicher. Aber mir wäre es doch lieber, du würdest dich um die Sache kümmern. Als Person meines Vertrauens, sozusagen.« Der Colonel wurde rot. »Der Brief war ziemlich lange unterwegs, ehe er mich erreicht hat. Ist bei irgendeinem wichtigtuerischen Schreiberling in Washington hängengeblieben. Ich hab ein schlechtes Gewissen, Grainger. Deshalb wäre es mir lieb, wenn du dich darum kümmern würdest. Mit deinen Vorgesetzten habe ich bereits alles abgeklärt. Der Job gilt als Auftrag, wenn du ihn übernimmst. Dein Ansprechpartner in Placid Springs ist ein gewisser Bannerman. Hat mir volle Unterstützung zugesagt.«

»In Ordnung, ich bin dein Mann, Colonel. Unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Dass du dich heute Nacht nicht übernimmst. Sonst kann ich dir gar nicht berichten, wie die Sache ausgegangen ist.«

Nur zögernd nickte der Offizier.

»Also wirst du drei von den Schnecken so ausbezahlen und heimschicken? Eine reicht doch, in deinem Alter.«

Es dauerte eine Weile, bis Bradys Antwort kam. Doch dann klang sie sogar irgendwie erleichtert. »Hast ja Recht. Auch eine von den Schnecken kann einem ganz schön in die Waden gehen. Wenn sie gut ist«, schränkte er ein. »Und nicht nur in die Waden...«

Männerlachen und der kurze Abschied folgten.

 

 

3

Als Grainger müde, staubig und verschwitzt in Placid Springs eintraf, hatte er sich zuerst ein heißes Bad gegönnt, um dann den Saloon aufzusuchen.

Dabei war ihm die feindselige Atmosphäre in der Stadt aufgefallen. Kaum jemand begegnete ihm freundlich, und so mancher biedere Bürger schleppte eine Waffe mit sich herum. Sogar unter dem schwarzen Frack des Pfarrers zeichnete sich eine Bleispritze ab.

Der Saloon trug den hochtrabenden Namen Placid Springs Palladium, wirkte aber ebenso wenig gastfreundlich, wie die Einwohner der Stadt. Der Schankraum lag im Halbdunkel. Der Keeper staubte das Flaschenregal ab, und an drei Tischen im Hintergrund des Raums warteten gelangweilte Saloongirls auf Kundschaft. Sie brachten die Lenden der liebeshungrigen und einsamen Cowboys zum Glühen, ohne sich groß dabei anzustrengen.

Grainger lud die blonde Anita zu einem Drink ein, um sich mit jemandem unterhalten zu können. Ihre vollen Lippen glitzerten feucht, als sie trank.

»Du bist so ziemlich das einzige freundliche Wesen, das mir in dieser Stadt begegnet ist. Abgesehen von deinen hübschen Schwestern. Kannst du mir erklären, warum hier jeder rumläuft, als stünde das Ende der Welt unmittelbar bevor?«

»Ist ja nicht gerade ein Kompliment, dass du mich mit meinen Freundinnen vergleichst!«, protestierte sie; vielleicht nur deshalb, weil sie Graingers Frage nicht beantworten wollte.

»Ich hab mir doch dich ausgesucht, oder etwa nicht? Das ist doch schon ein Kompliment...«

Sie bedankte sich mit einem Lächeln, senkte den Blick und brachte tatsächlich das Kunststück fertig zu erröten.

»Also, was ist hier los?« Grainger schob ihr verdeckt ein paar Scheine zu und hoffte, damit ihre Zunge zu lösen. Und es schien zu klappen.

»Das liegt an den McKerrans«, sagte die Liebesdame. »Wenn sie in die Stadt kommen und richtig loslegen, kracht es an allen Ecken. Wenn der junge McKerran am Sonntag besoffen hier rausstolpert, veranstalten seine Leute zur Begrüßung sogar Schießübungen auf die Kirche.«

»Deswegen vertraut euer Pfarrer wohl lieber auf Samuel Colt als auf einen Heiligen aus der Bibel, was?«

»Was soll er denn sonst tun? Ihm gehen langsam die Bretter aus, um die Fassade zu erneuern. Aber er ist den MacKarrens schon lange ein Dorn im Auge. Bald werden sie nicht nur auf die Kirche, sondern auch auf den Reverend ballern.«

»Was sagt der Sheriff dazu?«

»Nichts. Sechs Fuß unter der Erde kriegt er nicht allzu viel davon mit.«

»Gibt es keinen Ersatz?«

»Deputy Linus. Aber der lässt sich beim ersten Anzeichen von Ärger zwei Flaschen vom Besten bringen und verkrümelt sich in eine Zelle.« Anita blinzelte. »Sag mal, willst du vögeln oder mir Löcher in den Bauch fragen? Oder stehst du nicht auf Frauen?« Scheinbar interessiert schaute sie an ihm hinab.

Grainger wollte die hübsche Informantin nicht vergraulen und steckte ihr den verlangten Betrag in den Ausschnitt. Da leuchteten ihre Äuglein geschäftsmäßig und sie sagte: »Du wirst mit mir zufrieden sein, Langer.« Das letzte Wort betonte sie besonders. Ja, sie verstand etwas von den Männern.

Als sie Arm in Arm zur Treppe gingen, die zu den Schlafräumen im Obergeschoss führte, betrat ein Mann den Saloon.

Anita erstarrte, und Grainger unterzog den Knaben einer eingehenden Musterung.

»Das ist Tobe Hall«, flüsterte das Girl.

»Müsste ich ihn kennen?«

»Jeder hier kennt Tobe Hall. Er ist der Einzige, der nicht vor den McKerrans kuscht.«

»Ein Wunder, dass er noch am Leben ist.«

»Hat sich noch nie auf eine Schießerei eingelassen. Die McKerrans provozieren ihn, wo sie nur können, aber sie sind keine feigen Mörder. Vor Zeugen wollen sie einen fairen Revolverkampf, um dann fein dazustehen. Sie sind nicht dumm. Wenn sie ihn aus dem Hinterhalt abknallen, fällt der Verdacht sofort auf sie.«

Der Cowboy war verschwitzt und trug staubige Kleidung. Ein kariertes Baumwollhemd, eine dunkle Jeanshose und abgewetzte Chaps. An einem dünnen, schwarzen Gürtel trug er ein Holster mit einem 38er Colt, und aus einer schmalen Lederscheide ragte der Horngriff eines Kessers.

Halls Gesicht war schmal und knochig. Nach Graingers Schätzung war er höchstens 25 Jahre, doch seine sehnigen Hände zeigten die Spuren harter Arbeit, und unter dem Stoff des Hemdes spannten sich beachtliche Muskeln.

»Können wir jetzt endlich nach oben gehen?«, drängte Anita.

Grainger folgte ihr die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Während sie ihr Kleid abstreifte, trat er ans Fenster und schaute auf die Straße hinunter.

»Hilfst du mir mit diesen verflixten Haken, Langer?«

Er machte sich an den Verschnürungen ihres Mieders zu schaffen, und als es sich von ihrem Körper löste, glitten seine Hände nach vorn und umfasste die üppigen Brüste. Da blieben ihm weitere Fragen glatt im Halse stecken. Die Natur meldete sich mit Kraft, und sofort standen andere wichtige Dinge an. Dinge, die erledigt werden mussten. Ohne die die Rasse Mensch schon frühzeitig ausgestorben wäre.

Anita schmiegte sich nun an ihn und gab sich seinen Berührungen hin. Ihre großen Brustwarzen wurden unter seinen Fingern hart. Nein, das war nicht gespielt. Das konnte der große Mann genau einschätzen. Wie sie sich in seinen Armen räkelte, wie sie atmete, genauso stoßartig, wie sie die strammen Schenkel bewegte, ehe es überhaupt losging.

Grainger spürte, wie sich seine Hose spannte. Mit einer Hand schnallte er den Revolvergurt ab und warf ihn über einen Bettpfosten.

Anita ging zum Bett. Sie trug nur noch ihre dunklen Seidenstrümpfe. Die vollen Brüste schwangen bei jedem Schritt mit. Wenn er jetzt noch nicht auf dieses Rasseweib reagiert hätte, dieser Anblick hätte ihn spätestens für sie begeistert. Grainger lächelte, als er erkannte, dass es sich bei ihr um eine echte Blondine handelte. Der Blondschopf auf ihrem Kopf war also nicht das Produkt von diesem neumodischen Farbzeug, das sich schon viel zu viele Frauen in die Haare schmierten.

Das blonde Girl setzte sich auf das Bett und streifte langsam einen Strumpf ab. Grainger riss sich von ihrem Anblick los und schaute auf die Straße hinunter. Jetzt entdeckte er zwei Männer, die auf der anderen Straßenseite lässig an einer Hauswand lehnten. Einer hatte einen Fuß gegen die Wand gestellt und drehte sich eine Zigarette.

Grainger konnte die Gesichter nicht erkennen, aber er hatte kein gutes Gefühl. Die Revolvergurte der beiden Männer waren tief geschnallt, und der Raucher trug sogar zwei Schießeisen. Grainger spürte, dass er dem Hombre schon mal begegnet war.

Ein Seidenstrumpf flatterte auf Graingers Schulter.

»Du interessierst dich viel mehr für die Straße als für mich«, beschwerte sich Anita.

Grainger ließ den Strumpf durch seine Finger gleiten und hängte ihn über eine Stuhllehne. Er wandte sich zu Anita um und schaute zu, wie sie den zweiten Strumpf auszog.

Sie drehte sich zu ihm um und präsentierte ihm ihre ganze nackte Schönheit. Das pralle Girl war die pure Verheißung, und Grainger genoss es, in ihren Armen zu liegen, ihre feuchten, vollen Lippen zu küssen und ihren weichen Körper zu spüren.

Aber etwas hielt ihn davon ab, sich voll und ganz den Verlockungen dieser Frau hinzugeben. Seine Sicherheit und sein Job gingen vor, und das machte er der Nackten auch indirekt klar.

»Entschuldige mich, mein Engel. Ich bin gleich wieder da. Du kannst ja schon mal die Instrumente stimmen.« Grainger griff nach dem Revolvergurt und warf dabei einen Blick aus dem Fenster. Die beiden Männer, die er unter dem Vorbaudach bemerkt hatte, waren nicht mehr zu sehen.

Durch den schwach erleuchteten Korridor huschte er zur Treppe, die in den Schankraum führte. Vor ihm machte der Gang einen Knick. Und dahinter wartete ein breitschultriges Individuum, das ihm die Hand gegen die Brust drückte und ihn unfreundlich anstarrte.

Grainger erwiderte den finsteren Gesichtsausdruck des Kerls mit einem ergebenen Lächeln, wandte sich ab und schlug aus der Bewegung heraus zu, als im Schankraum ein Schuss krachte...

 

 

4

Tobe Hall starrte in sein Bierglas. Die Brühe war lauwarm und schmeckte abgestanden.

Die Saloongirls im hinteren Teil des Raumes bemühten sich, den Cowboy von seinem Bier abzulenken, doch er schenkte den Girls kaum Beachtung. Er war schüchtern und lief bis über beide Ohren krebsrot an, wenn er eine hübsche Frau auch nur grüßen musste.

Die Pendeltüren des Saloons schwangen nach innen und quietschten leise, aber Tobe achtete nicht darauf.

Auch nicht auf die fünf Männer, die den Saloon betreten hatten.

»Wie hast du dich entschieden, Milchgesicht?«, fragte der bullige Abel McKerran. Sein rundes Gesicht war zur Hälfte mit einem dichten, schwarzen Vollbart bedeckt. An den Augenwinkeln kerbten tiefe Krähenfüße die Haut und erweckten den Eindruck, als würde sich McKerran ständig über irgendwas freuen. Aber der bullige Rancher war ein äußerst humorloser Mensch, und das wusste jeder in der Gegend.

Hall antwortete nicht.

»Jeder meiner Jungs bekommt vierzig Dollar im Monat. Dir zahle ich achtzig. Also, was ist?« Der Rancher hielt Tobe Hall seine Pranke entgegen.

Der Cowboy starrte weiter in sein Bierglas. »Ich würde das Angebot auch nicht annehmen, Boss. Die Kleine, für die er reitet, besitzt zwar keinen Dollar, aber vielleicht bezahlt sie ihn mit Naturalien. He, Sonny, wie ist sie im Bett? Oder treibt ihr es im Heu?«

Grölendes Gelächter antwortete Link Benson, dem Vormann der McKerran Ranch.

Tobe Hall kroch die Schamröte ins Gesicht.

»Hundert. Mein letztes Wort«, drängte der Rancher.

Und erhielt keine Antwort.

Seine mächtige Pranke legte sich um Tobes Bierglas. »Ich verlange von meinen Jungs, dass sie hart arbeiten. Aber das ist wohl nichts für einen verweichlichten Rotzjungen wie dich. Das Gesöff ist auch nicht das Richtige für dich, Kleiner. Keeper, bring dem Sonnyboy eine Limonade. Oder ein Glas Milch!«

Als ihm der Rancher das Glas abnehmen wollte, hielt Tobe eisern am Henkel fest. McKerrans Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Kerben wurden noch tiefer. Er spannte seine Muskeln an und zerrte an dem Glas, aber der junge Cowboy hielt es ohne sichtliche Anstrengung fest.

McKerran verfügte über gewaltige Kräfte und hätte nie erwartet, dass dieser Jungmann ihm gewachsen sein könnte. Man hatte ihn zwar gewarnt, dass Tobe Hall mit den Fäusten umgehen konnte und so manchem Cowboy der McKerran Ranch die Jacke vollgehauen hatte, aber der Alte hatte die Warnungen nie ernst genommen. Der Mann, der ihm gewachsen war, musste erst noch geboren werden, glaubte er.

Stumm ging das Kräftemessen der beiden ungleichen Männer weiter, und die Umstehenden hielten den Atem an. Sogar der Keeper vergaß, nach seiner abgesägten Schrotflinte zu tasten, die in einem Fach unter der Theke verborgen lag. Noch nie hatte er gesehen, dass jemand dem alten McKerran persönlich die Stirn geboten hatte.

Die Pranke verstärkte den Druck. Klirrend zersplitterte das Glas. Gerstensaft spritzte über McKerrans Hand.

Tobe Hall blieb die Ruhe selbst, legte den abgebrochenen Henkel auf den Tresen und bestellte ein neues Bier.

Der Rancher fing das Glas ab. »Nun sperr mal die Lauscher auf, Jungchen. Abel McKerran bekommt immer, was er will. Noch nie hat jemand gewagt, mir seinen Gehorsam oder seine Dienste zu verweigern. Zum letzten Mal: Ich will dich auf meiner Lohnliste haben oder nicht mehr in dieser Gegend sehen. Und mir ist es dabei scheißegal, ob du reitest, läufst oder ob sie dich mit den Füßen voraus aus dem Saloon tragen. Wenn ich ausgetrunken habe, hast du dich entschieden. Klar?«

»Der Grünschnabel ist dämlich genug und trifft die falsche Wahl, Pa. Ich glaube, wir sollten ihn überzeugen, was am besten für ihn ist.«

Die beiden Männer, die durch die Schwingtüren getreten waren, schienen sehr von sich überzeugt zu sein. Cole McKerran war das krasse Gegenteil seines Vaters. Groß, schlank, gutaussehend, mit pechschwarzem Haar, sonnengebräuntem Gesicht und makellos weißen Zähnen. Er trug ein Seidenhemd, eine maßgeschneiderte Levis und glänzend polierte Stiefel. Seinen Händen sah man an, dass er in seinem jungen Leben kaum gearbeitet hatte. Sein Revolvergurt war mit silbernen Nieten verziert, und aus dem ebenfalls verzierten Holster ragte der Elfenbeingriff eines Sechsschüssers.

Der Mann neben ihm war etwa Mitte Dreißig, einen Kopf größer als Cole und fast mager. Eine ungesunde Blässe lag auf seinem eingefallenen Gesicht. Seine Kleidung war nicht ganz so elegant und unterschied sich auch von der üblichen Kluft eines Rindermannes oder Farmers. Dafür trug er einen tief geschnallten Revolvergurt mit zwei Holstern, die an den Schenkeln festgebunden waren. Die Griffe der beiden schweren 45er waren abgewetzt und ragten nach vorn.

Der Hagere zog langsam die dünnen schwarzen Handschuhe straff und bewegte probeweise die Finger. »Hier stinkts«, sagte er leise.

Das Gemurmel der Cowboys und der Saloongirls verstummte. Die Mädchen zogen sich eilig in die Nähe der Treppe zurück.

»Riecht ihr es nicht auch?« Der hagere Zweihandmann rümpfte die Nase und fixierte Tobe Hall mit seinen kalten Augen. »Hier hat jemand die Hosen gestrichen voll. Ich müsste mich schwer täuschen, aber ich habe das Gefühl, dass du hier die Luft verpestest, Sohnemann!«

Cole McKerran grinste und trat zu seinen Männern. Er gab ihnen Zeichen, etwas zurückzuweichen.

Abel McKerran beäugte den Hageren misstrauisch, nahm einige hastige Schlucke und schob sich zum Ende der Bar.

»Er scheint nicht nur einen gestörten Geruchssinn zu haben, er ist anscheinend auch taub.« Der Hagere beförderte mit einem raschen Tritt einen Stuhl zu Tobe hinüber. Das Möbel rammte dem jungen Cowboy gegen die Beine.

Tobe wandte langsam den Kopf und betrachtete den Mann kühl.

»Du verpestest die Luft, Sonny. Ich hab schon viel erlebt, aber an deinen Gestank kommen nicht mal Schweine und Schafe heran. Gleich wird mir übel.«

»Niemand zwingt Sie, hier zu bleiben.«

Die Blässe in dem schmalen Gesicht verstärkte sich. »Willst du mir Vorschriften machen, Söhnchen?«

»Ich wollte Ihnen nur behilflich sein. Frische Luft soll gegen Übelkeit helfen.«

»Entweder bist du verdammt mutig, oder du bist so dämlich, dass du nicht merkst, wenn du unerwünscht bist oder den Mund zu voll nimmst. Ich hab nicht McKerrans Geduld. Er war sogar bereit, einem Schwachkopf wie dir einen Haufen Geld zu bezahlen. Bei mir hast du nur die Möglichkeit, deinen feigen Arsch in Sicherheit zu bringen und dich zuhause bei deiner Kleinen auszuheulen oder zu beweisen, was in dir steckt.«

Tobe zuckte die Schultern und brachte den Revolvermann damit zur Weißglut.

»Gelbschwänzige, feige Ratten wie dich hab ich schon dutzendweise abgeknallt, Jungchen. Ungeziefer muss man sofort ausrotten, wenn man es sieht. Schnall ab und schwing deinen feigen Arsch hier raus, oder zieh!«

Tobe wusste, dass er gegen diesen Mann vom schnellen Eisen nicht die geringste Chance hatte. Aber wenn er sich nicht auf den Revolverkampf einließ, hatte er einen Ruf als Feigling weg, der ihm ein Leben lang anhaften würde. Und das war schlimmer, als zu sterben.

Diesmal hatten die Provokationen der McKerrans wohl Erfolg gehabt. Vielleicht konnte er der Gefahr aber auch anders begegnen...

»Du hörst wohl wirklich schwer, du Feigling! Los, beweg dich! Weg mit der Kanone! Oder versuch mich zu schlagen !«

»Mit Vergnügen, Mister!«

Tobe Halls Schwinger kam so blitzartig, dass die meisten Cowboys davon überrascht wurden. Sein muskulöser Körper flog nach vorn, und die Faust raste auf das Kinn des Hageren zu.

Und daran vorbei!

Der Revolvermann hatte irrsinnig schnell reagiert, seinen Kopf zurückgenommen und einen Colt gezogen. Der Lauf krachte auf Tobes Arm.

Der Schmerz raste bis in die Schulter des Cowboys und von dort weiter zum Kopf. Tobe hatte das Gefühl, die rechte Hälfte seines Körpers würde in Flammen stehen. Er taumelte zur Seite und rieb sich den schmerzenden Arm.

Der Schießer grinste selbstgefällig. »Du willst dich also vor dem Revolverkampf drücken, was? Wie ich schon sagte, feige Ratten sind überflüssig.«

Tobe achtete nicht auf die gezogene Waffe des Hageren, sondern griff erneut an. Der Coltlauf rammte in seine Magengrube. Der Gegner tänzelte zur Seite, gab Tobe den Platz frei und ließ den Cowboy gegen die Theke laufen.

»Zieh endlich, Feigling!«

Tobe warf sich herum und schlug mit der Linken um sich, traf jedoch nicht. Dafür donnerte ihm der Revolver gegen die Faust. Tobe fiel zurück und atmete schwer.

»Das Spiel ist mir zu eintönig, Junge. Wir sollten den Leuten hier ein wenig Vergnügen bereiten. Zum Beispiel mit einem Tänzchen. Ich lasse dich tanzen, bis du dir in die Hose scheißt.«

Der Zweihandmann gab Tobe keine Zeit, sich auf die Situation einzustellen. Seine Linke fächerte über den Colt, und die Kugel raste unter donnerndem Getöse aus dem Lauf, bohrte sich vor Tobes Stiefelspitzen in den Boden.

Rasend schnell jagte der Hagere die Schüsse hinaus und trieb Tobe Hall unter dem grölenden Gelächter der Zuschauer durch den Schankraum.

»Du bist zäh, Sonnyboy. Quäl dich doch nicht unnötig und mach ein Ende.«

Betont langsam lud der Hagere den leergeschossenen Revolver nach. Es war einer seiner Lieblingstricks. Der Gegner würde sich ganz auf die Bewegungen des Schießers konzentrieren und dabei vergessen, dass er noch einen zweiten, schussbereiten Revolver hatte...

Tobe Hall leckte über seine Lippen. Sein schmerzender Arm fiel herab, die zitternde Hand schwebte über dem Revolvergriff.

»Wenn du weiter auf einen Tanz scharf bist, nur zu, Sayers. Aber diesmal kommt die Musik von mir!«

Die kalte Stimme ließ den Männern im Schankraum das Blut in den Adern gefrieren. Der Hagere hob langsam den Kopf, bis er den großen Mann auf dem oberen Treppenabsatz entdeckt hatte.

»Grainger!«, murmelte er und schob die letzte Patrone in die Trommel seines Colts...

 

 

5

Der Breitschultrige steckte den Schlag ohne weiteres weg und grunzte nur. Ein wütender Ausdruck lag auf seinem Bulldoggengesicht, als er Grainger abschätzend musterte.

Aus dem Schankraum dröhnten weitere Schüsse herauf, und die Bulldogge griff an. Wie Dreschflegel wirbelten seine Arme durch die Luft.

Grainger unterlief die Schläge, rammte dem Kerl die Waffe gegen die Hüfte und trampelte ihm mit aller Kraft auf die Zehen. Das wirkte bei den meisten schwergewichtigen Schlägern wahre Wunder.

Nicht so bei der Bulldogge. Der Kerl grunzte unwillig und drosch auf Grainger ein, hob ihn hoch und warf ihn wie einen Sandsack gegen die Wand. Grainger schüttelte benommen den Kopf und rutschte langsam zu Boden.

Der Breitschultrige stampfte heran.

Seine Fäuste öffneten und schlossen sich. Er bekam Grainger an den Aufschlägen seiner Jacke zu packen, hievte ihn hoch und hebelte ihn durch die Luft.

Dumpf prallte Grainger auf dem Boden auf, überschlug sich und landete auf allen Vieren. »Scheiße, Mann, kannst du denn nicht mit den Fäusten kämpfen wie jeder normale Schläger? Ich hab keine Lust, fliegen zu lernen!«

Das Doggengesicht zeigte nicht das geringste Verständnis für Graingers Unbehagen. Ihm schien das Spiel großen Spaß zu bereiten. Und er hatte noch lange nicht genug.

Als sich Grainger aufrichtete, erwischte ihn ein gemeiner Tritt und schleuderte ihn gegen eine Tür. Sie gab unter seinem Anprall nach, und er stürzte mit dem gesamten Türblatt in den Raum. Diesmal gelang es ihm, sich hochzustemmen, bevor Bulldogge heran war. Er wirbelte herum und pflanzte dem Hombre die Faust unter das Doppelkinn, ohne jedoch eine entscheidende Wirkung zu erzielen.

Schon sauste Grainger wieder durch den Korridor und krachte gegen eine weitere Tür.

»Was würdest du sagen, wenn hinter einer dieser Türen eine nackte Lady wäre?«, presste er heraus. »Die würde das ganze Haus zusammenschreien, und du wärst der Angeschmierte!«

Bulldogge schien auch dieser Gedanke nicht sonderlich zu beunruhigen. Er wuchs riesengroß vor Grainger auf, stemmte ihn hoch und grunzte ihm seinen stinkenden Whiskeyatem ins Gesicht.

Grainger klatschte beide Hände gegen die Blumenkohlohren des Gegners, machte ihn damit aber nur noch wütender. Der Kerl setzte sich in Bewegung, stampfte den Korridor entlang und rammte Grainger dabei links und rechts gegen die Wand.

Endlich stieß er Grainger von sich. Er hatte wieder auf eine Tür gezielt. Krachend sprang sie auf und gab den Blick auf die nackte Anita frei, die gellend schrie, als Grainger über den Boden rollte und die Bulldogge im Türrahmen erschien.

Der Schläger blinzelte verdutzt. Der Anblick der nackten Schönheit ließ ihn Grainger völlig vergessen. Speichelbläschen blubberten über seine Lippen und tropften herab.

»Können wir jetzt endlich loslegen, Langer?«, fragte Anita geschäftstüchtig. »Oder ich muss deine Zahlung leider als Wartepauschale verbuchen.«

»Gleich. Es dauert nicht mehr lange«, versprach Grainger und stieß sich vom Boden ab. Beide Stiefelabsätze rammten zwischen die Beine der Bulldogge.

Das Grunzen ging in ein hohes Wimmern über. Der Kerl presste dabei die Hände auf den Hosenschlitz.

Grainger drehte den Hombre herum und ließ ihn mit einem wuchtigen Tritt in den Hintern aus dem Zimmer stolpern. Der Kerl knallte mit dem Kopf gegen die Wand, verlor wegen seiner Benommenheit die Orientierung, taumelte durch den Korridor, schien erneut anstürmen zu wollen, geriet dabei auf den Balkon, ohne es zu merken, und durchbrach das Geländer.

Grainger holsterte den Remington und stiefelte zur Treppe, die in den Schankraum führte. Natürlich war er erleichtert, dass diese Bedrohung nun verschwanden war.

Unten war es verdächtig ruhig.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937787
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
grainger tammy haufen dollars

Autor

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Titel: Grainger, Tammy und ein Haufen Dollars