Lade Inhalt...

Archibald Duggan und die Gefährten in der Hölle

2020 127 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und die Gefährten in der Hölle

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

Archibald Duggan und die Gefährten in der Hölle

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Einen ganzen Landstrich mit Bakterien zu verseuchen – das ist an Gemeinheit kaum zu übertreffen. Aber genau das versucht McGuire und heuert eine Bande von Halbstarken an, um den Zug zu überfallen, in dem die Bakterien zu einem Forschungsinstitut gebracht werden sollen. Der CIA-Agent Archibald Duggan will diesen perfiden Plan vereiteln und folgt McGuire, der sich mit den jungen Männern in einer Mine trifft. Dann stürzt die Mine ein.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Sie waren zu fünft, und ihre Namen waren: Glenn Parker, Wade Bringham, Jesse Thornton, Slim Meehan und José Benfico.

Archibald Duggan kannte diese Namen nicht. Und er wusste auch nicht, dass er sie kennenlernen würde. Er sah die fünf Burschen, als er die Zentralstation von Yuma verließ und nach einem Taxi winkte.

Es ging auf Mitternacht zu. Der heiße, trockene Wüstenwind aus dem Gila Becken traf jäh auf die kühle Luft, die vom Colorado River kam, und schuf eine Schwüle, unter der Duggan zu schwitzen begann. Er war müde, abgespannt und missmutig, aber der Cabby, dem er ein Zeichen gegeben hatte, ließ sich anscheinend Zeit damit, den Motor seines Wagens anzuwerfen.

Die fünf Burschen trugen dunkle Lederjacken und Bluejeans. Sie hatten die Hände in den Taschen und strolchten auffällig unauffällig zum Güterareal der Station hinüber. Ihre Gesichter konnte Duggan nicht sehen.

Sie haben bestimmt etwas vor, dachte Duggan. Vielleicht eine Rauferei mit einer anderen Halbstarkenbande oder etwas mit ein paar Mädchen. Wenn ich Cop hier wäre, würde ich es bald wissen.

Weiter kamen seine Gedanken nicht, weil das Taxi neben ihm hielt. Der Cabby stieß den Schlag auf, und Duggan sagte: „Zum Headquarter der Distriktpolizei!“ Es klang ungeduldig, und er verbarg diesen Ton in seiner Stimme nicht.

„In zehn Minuten sind wir da, Sir.“ Der Cabby maß Duggan mit einem abschätzenden Blick, dann grinste er. „Wer so spät noch in die Polizeizentrale will, hat Ärger. Haben Sie Ärger mit den Cops, Sir?“

Archibald Duggan fing den leichten Stoß beim Anfahren des Taxis ab und lächelte knapp zurück.

„Vielleicht bekomme ich welchen. Fahren Sie zu, mein Freund!“

Der Cabby wendete den Wagen. In der Drehung fing das Licht der Scheinwerfer noch einmal die fünf Burschen ein, und durch das offene Fondfenster hörte Archibald Duggan einen unterdrückten Fluch.

Der Cabby sagte schnaubend: „Glenn Parker und seine Bande! Sir, diese verdammten Burschen da … Na ja, es interessiert Sie sicher nicht, aber diese lausige Bande ist ein Kummer für jeden anständigen Mann. Kerle im besten Alter für eine ordentliche Arbeit – alle höchstens zwanzig oder eben darüber. Aber denken Sie, die arbeiten? Alles Gesindel! Der Teufel weiß, was sie heute wieder vorhaben, aber etwas, worüber sich jemand freuen könnte, ist es bestimmt nicht. Sie haben sich gesucht und gefunden. Parker, Bringham, Thornton und … Aah, zur Hölle mit ihnen! Noch fünf Minuten, und Sie sind am Ziel, Sir.“

Duggan nickte nur. Er sagte nichts. Er gehörte nicht zur Polizei von Yuma und hatte kein Interesse an Burschen, die Parker, Thornton, Bringham oder sonst wie hießen. Er dachte an einen anderen Mann und fluchte im Stillen auf ihn, weil er ihm diese Fahrt verdankte.

Den Namen dieses Mannes nannte er, als er sein Ziel erreicht hatte und Captain Lewis Walburn von der Distriktpolizei gegenübersaß. Er steckte seinen CIA-Ausweis, den er vorgezeigt hatte, wieder ein und sagte: „Captain, mein Auftrag ist top secret und nicht für die Arizona News bestimmt. Das ist klar, wie? Aber ich brauche Ihre Hilfe, im Notfall die Hilfe des Teufels. Ich suche einen Mann namens McGuire … John McGuire. Seine Spuren führen nach hier – in diesen Distrikt und in diese Stadt. Er hat der Abwehr schon einigen Verdruss bereitet. John McGuire! Vielleicht haben Sie diesen Namen schon gehört.“

Captain Walburn hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Er bot Zigaretten an, begann selbst zu rauchen und grinste ziemlich ironisch durch die erste mächtige Qualmwolke.

„Beim CIA wird also auch bloß mit Wasser gekocht, was? Aber dieser Name … McGuire! Nie im Leben gehört. Aber warten Sie, Duggan, wir haben schließlich eine Kartei. Ich erkundige mich gleich nach diesem McGuire.“

Weder Archibald Duggan noch Captain Lewis Walburn konnten wissen, dass der Name McGuire in diesem Augenblick auch anderswo fiel.

 

 

2

Parker, Bringham, Thornton, Meehan und Benfico hockten zwischen den Gleisen des Güterareals. Auf einem der Bahnsteige der Zentralstation fuhr gerade der Gegenzug nach Phoenix ab. Die Gleise begannen zu dröhnen, und Glenn Parker sagte zischend und unterdrückt: „Zwölf Uhr zwanzig – genau! Der Zug nach Phoenix ist immer pünktlich. Wenn jetzt die Ablösung für diese beiden Cops an unserem Güterwaggon schon käme, hörten wir einen Dreck. Dieses verdammte Rattern!“

Slim Meehan sagte in die Dunkelheit hinein, die von den Lichtern der Zentralstation nicht getroffen wurde: „Es könnte aber auch niemand hören, wenn einer der beiden, die zur Ablösung kommen, schreien sollte. Jedes Ding hat zwei Seiten, Glenn.“

Parker warf den Kopf herum.

„Sie sollen erst gar nicht schreien, du Idiot. Schreien sie, sind wir verkauft und können direkt verschwinden. An den Waggon kämen wir dann im Leben nicht heran, nicht einmal auf eine Entfernung von fünfzig Schritt. Sollen uns tausend Dollar durch die Lappen gehen?“

„Hoffentlich zahlt dieser McGuire.“ Wade Bringham hockte rechts von Parker. Er hatte irgend etwas Knisterndes in der Hand, danach klang es wie das Klappern von Streichhölzern in einer halbleeren Schachtel.

Parker schnellte nach rechts und streckte den Arm aus.

„Du Narr – willst du etwa rauchen? Wade, ich werde dir eins auf die Nase geben, dann hast du auch Feuer vor den Augen! Weg mit den Zigaretten! Und das Geld von McGuire … Glaubt ihr, ich ließe mich für ein Geschäft anheuern, ohne eine Anzahlung zu kassieren? Diese Anzahlung ist da, und den Rest haben wir spätestens morgen. Wenn wir die Kiste aus diesem Waggon haben, dann …“

„Achtung, der Zug!“, zischte Slim Meehan. „Geht tiefer mit euren Knallköpfen!“

Der Zug nach Phoenix ratterte in einer Entfernung von zwanzig Schritt vorbei. Durch die erleuchteten Fenster fiel ein gelbes, huschendes Licht auf die schimmernden Gleise und den dunklen Schotter. Ein schwarzer Kellner in einem weißen Jackett trug eben eine riesige Silberplatte durch den Mittelgang des Speisewagens.

José Benfico sagte seufzend, als das Rattern verklang: „Madre mia – alles reiches Volk, was sich da im Zug bedienen lässt. Und wir denken schon, tausend Dollar wären ein mächtiger Happen. Das sind zweihundert für jeden – und was sind schon zweihundert Bucks? Was ist eigentlich in dieser Kiste, die wir aus dem Waggon holen sollen?“

„Keine Ahnung!“, gab Parker verdrossen zurück. „Für McGuire ist es bestimmt tausend Dollar wert.“

„Vielleicht könnte es für uns noch mehr wert sein, Glenn. Denk einmal scharf nach!“

Parker zog die Luft durch die Nase ein und stieß sie hart wieder aus. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, flüsterte Jesse Thornton scharf: „Ich höre Schritte. Ruhig jetzt, verdammt! Da kommt die Ablösung, und ihr quatscht. Ganz ruhig! Glenn, wie teilen wir uns auf?“

Die Schritte kamen näher, und der Schotter knirschte. Irgendwo tanzten die Glutpunkte von zwei Zigaretten durch die vage Dunkelheit.

Ein Mann lachte dunkel, und Parker raunte: „Sie müssen hier vorbei. Genau hier! Neben uns liegen die Bretter zwischen den Gleisen und bilden den Weg. Wade und Slim, ihr geht auf die andere Seite. Schnell jetzt! Ihr nehmt den Mann rechts, Jesse – du und ich, wir nehmen den linken, und José passt auf. José, du verlierst deine Ohren, wenn du etwas bemerkst und nichts sagst. Hau mit Slim ab, Wade!“

Bringham und Meehan glitten lautlos ein paar Schritte weiter. Die beiden Lichtpunkte waren schon ziemlich nah. Dann wuchsen die Schatten der beiden rauchenden Männer aus der Dunkelheit hervor.

Glenn Parker saß in der Hocke. Sein Schatten verschmolz mit dem eines Signalmastes. Als die Männer so dicht heran waren, dass Parker den linken bereits mit der ausgestreckten Hand hätte berühren können, richtete er sich jäh auf.

„Jetzt!“, zischte er scharf. „Gebt es ihnen!“

Er flog nach vorn, und Thornton war gleich hinter ihm. Meehan und Bringham kamen von der anderen Seite. Meehan warf den rechten Arm hoch, und ein kurzer Bleiknüppel zischte durch die Luft.

Die beiden Männer trugen Polizeiuniform. Jeder von ihnen hatte eine Waffe am Koppel, aber die Zeit, nach dem Revolver zu greifen, blieb ihnen nicht mehr.

„Was?“, presste einer der beiden Cops heraus. „Was …“

Aber schon traf Meehans Knüppel. Und Meehan sagte hämisch und gemein: „Leg dich hin! Leg dich nur etwas schlafen, Mister.“

Der Cop drehte sich halb um sich selbst, schwankte und fiel dann nieder. Der Schotter knirschte, als der Mann zwischen die Gleise stürzte.

Die Augen des anderen waren entsetzt aufgerissen. Das Weiße in ihnen leuchtete durch die Dunkelheit. Sein Gesicht war ein grauer Fleck, und Glenn Parker stieß seine Faust mit roher Gewalt in dieses Ziel, als der Mann den Mund öffnen und schreien wollte.

„Schnell jetzt!“, stieß Parker rau heraus. „Bloß schnell! Die Uniformen! Ehe diese Narren in Unterhosen aufwachen, haben wir längst alles hinter uns. Wade, Slim – ihr zieht euch um. Wie ist die Luft, José?“

„Alles klar!“, erwiderte Benfico. „Niemand kommt. Aber beeilt euch bloß! Die zwei am Waggon warten bestimmt schon auf ihre Ablösung, und es wird ihnen verdächtig vorkommen, wenn das zu lange dauert. Bloß schnell, sage ich!“

Parker stieß heiser heraus: „Halt keine klugen Reden, José. Schnell! Zum Teufel, das weiß ich selber. Pass lieber weiter auf!“

Bringham und Meehan arbeiteten keuchend. Sie zogen die Uniformen der beiden niedergeschlagenen Cops einfach über ihre Lederjacken und Bluejeans und stülpten sich die Schirmmützen auf. Bringham lachte glucksend und unterdrückt.

„Wenn das alles hinter uns liegt, werde ich mich freiwillig als Cop melden. So eine Uniform, Jungs, man kann sich darin verlieben, so toll ist die, was? Eine prächtige Uniform. Slim, bist du fertig?“

„Nur noch das Koppel.“

„Nicht so lahm!“, schnauzte Glenn Parker und musste an sich halten, um nicht zu schreien und laut zu fluchen. „Haut schon ab! Slim, das Koppel kannst du unterwegs schließen. Haut ab und macht kräftig Lärm! Wir treffen uns am Waggon wieder. Ihr haltet diese Burschen in Schach, und wir erledigen das andere. José, Jesse – los, kommt mit!“

Die Polizisten bewegten sich nicht. Sie stöhnten nicht einmal, als Parker und Thornton sie von den Gleisen zerrten und sie seitlich davon einfach wieder auf den Schotter mit seinen spitzen, scharfkantigen Steinen fallen ließen. Bringham und Meehan stiefelten geräuschvoll los, und Bringham steckte sich im Gehen die Zigarette an, auf die er kurz vorher hatte verzichten müssen.

Sie gingen knapp hundert Schritt, bis der Schatten eines einzeln abgestellten Güterwaggons vor ihnen aufwuchs. Vor dem Waggon bewegte sich jemand, und der Hahn einer Waffe knackte metallisch. In dieses Knacken hinein fragte jemand scharf und knapp: „He, wer ist da? Wer schleicht da herum, was? Eine Antwort, oder …“

Ein anderer Mann lachte.

„Mensch, Chad, wer soll das schon sein? Es regt mich auf, dass du immer dreihundert-prozentig sein willst. Das ist natürlich unsere Ablösung. Zum Teufel mit deiner übertriebenen Pflichtauffassung, Chad.“

Der Patrolman Chad Robinson knurrte gereizt. Es sollte nichts Besonderes bedeuten. Als er die blanken Mützenschirme und die Sterne an den Uniformen Bringhams und Meehans blitzen sah, war er beruhigt. Er schob den Sicherungsflügel seines 44er Polizeicolts wieder vor und stieß die Waffe ins Holster zurück.

„Schon gut!“, sagte er brummend. „Ben – du und Lee, ihr hättet euch melden können. Warum sagt ihr nichts? Es ist nicht angenehm, mit einem Colt auf zwei Kameraden …“

Er verstummte jäh. Im gleichen Augenblick wusste er, dass es ein Fehler gewesen war, seine Waffe wieder einzustecken. Aber es gab keine Gelegenheit mehr, diesen Fehler wieder zu korrigieren.

Der Patrolman Chad Robinson schluckte nur noch. Er spürte den harten Druck einer Revolvermündung dicht unter der Gürtelschnalle und hörte das höhnische, meckernde Lachen Meehans, der sagte: „Ich mache mir nichts daraus, meinen Colt abzudrücken. Ich würde also schießen, und mein Partner ebenfalls. Das ist kein Spaß. Ruhig, mein Freund, ganz ruhig, oder es knallt gleich, und das ist kein Spaß. Das ist ganz gewiss kein Spaß. Nur immer ruhig! Hoch mit den Händen! Ich sage das nur einmal.“

Meehans Gesicht war nicht zu erkennen. Er hatte den Mützenschirm tief in die Stirn gezogen. Dafür glaubte Robinson die Stimme zu erkennen, aber er wusste nicht, wo er sie unterbringen sollte.

Seine Gedanken jagten sich außerdem. Er schwitzte plötzlich, und seine Nackenmuskeln zogen sich vor Furcht zusammen und schmerzten von der Anstrengung. Langsam hob er die Arme.

„Nein“, presste er mühsam heraus und holte tief Luft. „Nein, das – das ist …“ Seine Lungen rasselten, und er überhörte die Bewegung, die hinter ihm war. Erst am hämischen Aufblitzen der Augen Meehans erkannte er die Gefahr. Er wollte den Kopf herumwerfen, aber der Schlag, der ihn traf, sauste so hart auf ihn herunter, dass er ächzend zusammensackte.

„Du den andern, Jesse!“, kommandierte Parker hastig. „Los – wir haben keine Minute Zeit zu viel. Gib es ihm, aber gib es ihm richtig!“

Parker grinste, als Thorntons Schlag den zweiten Polizisten traf und der Mann fiel. Meehan und Bringham steckten ihre Waffen fort. Sie rannten hinter Parker und Thornton die letzten Schritte zum Waggon, an dessen Plombensicherung José Benfico schon arbeitete.

Es knirschte, und Benfico stieß heiser eine gemeine Verwünschung aus. Aber dann gab es einen harten, kurzen Knack, ein Riegel klirrte, und Benfico sagte: „Offen! Der Waggon ist offen. Glenn, wo soll die Kiste stehen, die dieser McGuire uns beschrieben hat? Klettern wir alle hinein?“

Er stieß die eiserne Rolltür des Waggons zurück. Parker schwang sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit hoch und verschwand in der düsteren Öffnung. Einen Moment später blitzte drinnen der dünne Strahl einer Stablampe auf, die Parker mit einer Hand sicherte. Der Strahl glitt suchend durch den Waggon.

„Herauf mit dir, José!“, befahl Parker dann. „Komm schon und hilf mir! Ihr andern bleibt unten. Ich habe die Kiste, und ihr nehmt sie an. Ich … Aah, die Hölle, ist dieses Ding schwer! Nur knapp dreißig Zoll im Geviert und ebenso hoch, aber schwer wie Blei. José!“ Etwas schrammte über den mit Blech beschlagenen Waggonboden. Parker und Benfico keuchten angestrengt, und Bringham sagte von unten in den Waggon hinein: „Glenn, vielleicht sagst du nicht, dass sie schwer wie Blei ist. Es könnte Gold sein. Auch Gold ist schwer. Manchmal gehen Goldbarren auf so eine Reise, Glenn – tausend Dollar für eine Kiste mit Gold und für dieses Risiko hier … Du lieber Himmel, das wäre ein schlechtes Geschäft. Wenn du mich fragst, dann sage ich, dass dieser McGuire uns gestohlen bleiben kann, wenn Gold in der Kiste ist.“

„Halt’s Maul!“, fauchte Parker. „Ich bestimme hier, und du erfährst noch, was es ist, Wade. José, streng dich mehr an! Achtung, ihr da unten!“

Bringham, Thornton und Meehan sahen nun auch die Kiste. Sie konnten erkennen, dass sie aus Holz war und durch breite Stahlbänder gesichert wurde. Sie scharrte über den Waggonboden, und Parker und Benfico schoben sie ächzend so weit vor, dass sie auf der Kante des Bodens gerade noch im Gleichgewicht blieb.

Thornton stemmte seine Schulter unter den überspringenden Teil der Kiste und spannte die Muskeln. Er pfiff durch die Zähne, als er das Gewicht spürte.

„He, Glenn“, sagte er, „Wade hat recht. Wir sind doch keine Narren, was? Hat dieser McGuire nicht gesagt, wir dürften die Kiste nicht öffnen? Ich erinnere mich genau. Und ich sage dir, dass dieser Kerl genau weiß, warum wir nicht sehen sollen, was in diesem verdammten Ding ist. Goldbarren … Wade, das ist gar nicht so dumm.“

Parker sprang aus dem Waggon auf den Schotter.

„Vielleicht“, murmelte er, „vielleicht ist das richtig. Teufel, ja, das wäre … Aah, Quatsch, dazu haben wir jetzt keine Zeit. Packt mit an, damit wir verschwinden können! Bloß weg von hier! Kommt einer von den Cops zu sich und fängt zu schreien an, haben wir einen mächtigen Verdruss. Und bis zur Mine ist es noch weit.“

Sie arbeiteten keuchend und fluchten abwechselnd. Keiner von ihnen achtete mehr auf Robinson und den anderen Polizisten. Die Nacht nahm sie auf.

 

 

3

Der Patrolman Chad Robinson unterdrückte ein wildes Stöhnen, als er den Oberkörper hochstemmte, während die Schritte der fünf Burschen verklangen. Ein scharfer Schmerz lief von seinem Schädel aus durch seinen ganzen Körper. Seine Arme knickten zweimal ein, bevor er sich halb aufrichten konnte.

„Glenn – Wade – José …“ presste er heraus, schluckte und brauchte alle Energie, um nicht wieder auf das Gesicht zu fallen. „Diese Hunde – diese verdammten Hunde! Tim … He, Tim, was ist mit dir?“

Er stützte sich auf den rechten Ellenbogen und streckte die linke Hand nach dem anderen Polizisten aus, der dicht vor ihm lag. Seine Finger krallten sich in den Uniformstoff seines Kameraden, aber er bekam keine Antwort.

„Bist du okay, Tim?“, fragte er noch einmal. „Diese Schufte haben mich erwischt, aber ich war gleich wieder da. Tim, verflucht, sag was!“

Auch diesmal blieb die Antwort aus. Robinson presste die Zähne zusammen. Er strengte sich an, um das letzte Geräusch der sich entfernenden Schritte auf dem Schotter aufzufangen, dann riss er sich mit einer gewaltigen Willensanstrengung hoch. Er taumelte, als er auf den Füßen stand, aber er fiel nicht wieder um.

Er wiederholte die Namen, die er gehört hatte, dann sagte er: „McGuire … Was war mit diesem McGuire? Und dann die Mine … Himmel und Hölle, wo ist bloß das nächste Telefon?“

Schwerfällig torkelte er vorwärts, halb wahnsinnig vor Schmerz und Schwäche, aber in dem Bewusstsein, seine Pflicht tun zu müssen. Er stolperte über die Gleise und fiel ein paarmal, doch er kam immer wieder hoch.

Irgendwo in der Nähe heulte ein Motor auf, und ein Wagen fuhr an. Und der Patrolman Chad Robinson biss die Zähne zusammen. Die Scham, auf den plumpen Trick einiger Eisenbahnräuber hereingefallen zu sein, nagte an ihm. Gleichzeitig trieb sie ihn vorwärts, weil er sofort seine Meldung machen wollte. Er ahnte nicht, was er damit auslöste.

 

 

4

Um diese Zeit nahm Archibald Duggan seinen Hut und erhob sich von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte. Captain Walburn stand gleichfalls auf und zuckte mit den Schultern.

„Tut mir mächtig leid“, sagte Walburn, „aber Sie sehen ja – den Namen McGuire haben wir hier noch nicht gehört. Tut mir wirklich leid.“

Ob das die Wahrheit war, vermochte Duggan nicht zu entscheiden. Er dachte sich sein Teil. Er konnte sich vorstellen, dass Walburn sogar etwas wie Schadenfreude darüber empfand, einen CIA-Mann auf dem toten Gleis zu sehen. Trotzdem lächelte Duggan verbindlich.

„Ich finde schon etwas heraus, Captain“, murmelte er und ging zur Tür. „Wir sehen uns noch, denke ich. Zunächst werde ich mir ein Zimmer in einem Hotel nehmen. So long, Captain!“

Als er die Tür hinter sich schloss, hörte er das Telefon auf dem Schreibtisch Captain Walburns schrillen, und Walburn nahm ab und meldete sich. Duggan kümmerte sich nicht darum. Es interessierte ihn nicht, ob Walburn von seiner Frau oder einem Cop des Streifendienstes angerufen wurde. Er wollte zum Ausgang, drehte sich aber sofort um, als er Walburn seinen Namen brüllen hörte.

Walburn hatte einen hochroten Kopf vor Erregung, als Duggan in das Zimmer zurückkam. Er hielt den Telefonhörer ans Ohr gepresst, und in seinen Augen stand ein Ausdruck, der sofort alles in Duggan anspannte.

Walburn sagte schließlich heiser: „Okay, Robinson! Bleiben Sie, wo Sie sind, das ist ein Befehl. Ich schicke ein paar Leute von der Kriminalabteilung und alarmiere alle Streifenwagen.“

Er legte auf, wählte aber gleich danach neu und gab einige hastige Befehle. Als er eine halbe Minute später Duggan ansah, fragte dieser gespannt: „Was ist? Ein Güterwaggon erbrochen und eine Kiste gestohlen? Fünf Halunken, die vier Beamte niedergeschlagen haben? Mister, was habe ich damit zu tun? Ich dachte schon …“

Walburn ächzte dumpf. Er hatte plötzlich dicke Schweißperlen auf der Stirn.

„McGuire“, murmelte er. „Sie suchen doch einen Mann, der McGuire heißt, wie? Ihre Spur war richtig. Wir müssen ihn finden, wenn nicht …“ Er brach ab, und Duggan erkannte, dass das, was in Walburns Augen stand, nacktes Entsetzen war.

„Wenn nicht … Reden Sie doch schon, Mann!“

Der Captain griff nach den Zigaretten, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Seine Hand zitterte, als er ein Streichholz anriss, um rauchen zu können.

„Ihr McGuire“, sagte er dann, „hat es in der Hand, nicht nur diese Stadt, sondern das halbe Land zum Teufel gehen zu lassen, wenn er will. Er und eine Bande von fünf Halbstarken, die eine Kiste gestohlen haben.“

„Und was ist in der Kiste? Donnerwetter, was …“

Duggan brachte seine Frage nicht mehr ganz heraus. Captain Walburn sagte nur ein einziges Wort. Er flüsterte nur, und es klang doch wie ein heiserer Schrei des Entsetzens. Archibald Duggan spürte, wie seine Haut sich zusammenzog. „Bakterien!“, sagte Walburn.

Fast eine ganze Minute lang war es still. Der Captain drückte die eben erst angerauchte Zigarette im Aschenbecher aus. Gleich darauf zündete er sich eine neue an, aus der er auch höchstens zwei oder drei Züge tat. Archibald Duggan starrte ihn an wie einen, an dessen Verstand er zweifelte.

„Bakterien?“, fragte er dann rau. Seine Stimme klang, als schlüge jemand gegen ein verrostetes Blech. „Bakterien? Großer Vater, und eine Kiste mit diesem Teufelszeug ist …“

„Gestohlen!“, ergänzte Walburn und griff mit zwei Fingern hinter seinen Uniformkragen, der ihm zu eng zu werden schien. „Vor einer knappen halben Stunde aus einem verplombten Güterwaggon. Die Kiste sollte weiter und in die Laboratorien des Carnegie-Instituts. Es geht da um Auswirkungen bei ABC-Strahlung. Jetzt haben fünf verdammte Burschen sie in den Fingern, und dieser McGuire steckt hinter allem.“

„Berichten Sie genau, Captain! Dieses Telefongespräch mit einem Ihrer Leute eben … Der Hergang? Wie war der Hergang?“

Archibald Duggan dachte daran, dass er fünf Burschen an der Zentralstation gesehen hatte, auf die der Cabby geschimpft hatte. Ohne etwas Genaues zu wissen, ahnte er einen Zusammenhang, aber das allein führte zu nichts.

Captain Walburn rückte lückenlos mit dem heraus, was er selber wusste. Der Patrolman Chad Robinson hatte ihn knapp informiert.

Walburn sagte zum Schluss: „Himmel, ich sitze hier, und wir reden! Ich sollte da sein, wo alles passiert ist. Ich werde gleich … Kommen Sie mit!“

Er sprang auf und wollte zur Tür, aber Archibald Duggan hielt ihn zurück.

„Ruhe, Captain! Jetzt hilft nur Ruhe, keine Panik. Sie haben Alarm gegeben, und vielleicht ist dieser Hinweis, dass die Burschen von einer Mine sprachen, eine brauchbare Spur. Die Kerle selbst werden wir finden, und sie führen uns zu McGuire. Ihn zu fassen ist mein Spezialauftrag, und ich bin dabei. Fünf Mann, sagten Sie, was? Da waren fünf Burschen, die an der Zentralstation herumstrolchten, und der Cabby, der mich nach hier gebracht hat, kannte ihre Namen.“

Captain Walburn warf den Kopf zu Duggan herum. Zwei Sekunden danach war er am Telefon und bellte einen Befehl in die Sprechmuschel. Es ging darum, den Taxifahrer ausfindig zu machen und auszuquetschen, und Walburn sagte, als der Hörer wieder auf der Gabel lag: „Ein Wagen macht sich sofort auf den Weg zur Zentralstation. Die Namen haben wir bald. Auch diese Mine werden wir finden. Sicher ein alter Bergwerksstollen in den Vorbergen der Gila Mountains. Nur …“

„Was?“

„Es gibt eine Unmenge solcher Stollen in einem Halbkreis von zehn Meilen um die Stadt. Alte Silberbergwerke aus der spanischen und der mexikanischen Zeit.“

„Vielleicht haben wir Glück, wenn alles nach der richtigen Mine sucht.“

„Vielleicht aber auch nicht.“ Captain Walburn presste die Lippen zusammen. Sein Mund stand wie ein schmaler Strich in seinem kantigen Gesicht. „Glück … Mister, wenn wir kein Glück haben und die Burschen oder diesen McGuire, der hinter dieser Schweinerei steckt, nicht fassen, bevor sie die Kiste aufgestemmt und die Bleikammer darin zertrümmert haben, dann, Mister, dann …“

Es erübrigte sich, das auszusprechen, was er dachte. Er tat es auch nicht. Der Gedanke an das, was geschehen konnte und in diesem Augenblick vielleicht sogar schon seinen Anfang nahm, genügte bereits, um die Farbe seiner Haut ins Grünliche spielen zu lassen.

Captain Walburn bückte sich und holte eine Flasche Whisky aus seinem Schreibtisch. Er goss zwei Gläser voll und schob eines davon Archibald Duggan zu. Zweimal goss er sich nach, dann sprang er wieder auf, kaum dass er sich gesetzt hatte.

„Es muss mehr geschehen, als ich von hier aus einleiten kann“, stieß er dumpf heraus. „Das geht über meine Kraft und über meine Möglichkeiten. Duggan – Bakterien, die in ihrer Menge ausreichen, um die halbe Bevölkerung des Staates mit irgendeiner tödlichen Krankheit zu infizieren, und ich soll sie jagen.“

Er stöhnte. Vielleicht wünschte er sich in diesem Moment auf den Mond, und auch Archibald Duggan spürte, dass ihm das kalte Entsetzen über den Rücken kroch. Er kannte den Bericht des Patrolman Robinson und brauchte sich nur vorzustellen, dass die fünf Burschen die Kiste an einem sicheren Ort aufzubrechen begannen, weil sie Gold oder sonst was darin vermuteten. Der Bleiblock, der die Bakterienkultur umschloss, musste sie erst recht reizen.

„Es wäre eine Katastrophe“, sagte er brüchig aus diesem Gedanken heraus. „Das also war es, was diesen McGuire nach Yuma getrieben hat.“

Captain Walburn versuchte ein Lachen. Es war ein Lachen voller Bitterkeit und verzweifelter Hilflosigkeit.

„Den Rest kann ich Ihnen sagen, Duggan. Dafür brauche ich kein CIA-Mann zu sein. Irgendeine ausländische Macht interessiert sich für unser ABC-Programm, und McGuire ist das Schwein, das für die anderen arbeitet. Und Yuma … Du lieber Gott, es gibt bald keinen idealeren Platz für solche dreckigen Geschäfte. Auf der anderen Seite des Colorado River, bloß fünf Meilen flussabwärts, ist Mexiko. So ein Dreck! Aah … So ein verdammter Dreck.“

Archibald Duggan überlegte fieberhaft. Aber Captain Walburn kam seinen Überlegungen zuvor, indem er ans Telefon ging und fragte: „Noch keine Berichte? Zum Teufel, was machen die Besatzungen der Streifenwagen? Was die Kriminalabteilung? Ist der Cabby gefunden, der gesucht werden soll?“

Er horchte für einen Moment in die Muschel hinein, dann knallte er den Hörer hin, dass der Apparat beinahe zersprang.

„Nichts?“, fragte Archibald Duggan.

Walburn schüttelte den Kopf.

„Noch nichts! Es ist zum Verrücktwerden. Ich werde eine Meldung nach Phoenix durchgeben. Ich werde die Zeitungen, die Rundfunkstationen und die TV-Stationen alarmieren. Alles soll vor dem Inhalt dieser tausendmal verfluchten Kiste warnen. Ich werde …“

Er hatte die Hand schon wieder am Telefon, als Duggan ihn stoppte.

„Sind Sie wahnsinnig! Wissen Sie, was Sie auslösen würden? Jetzt jagen wir nach der Kiste – wir und John McGuire. Wenn Sie jetzt in die Welt hinausposaunen, um was es geht, würden tausend fremde Agenten mit uns jagen. Und in Ihrem Distrikt hätten Sie eine Panik, deren Ausmaß Sie sich noch nicht vorstellen können.“

„Agenten – Panik!“ Captain Walburn heulte fast. „Ist das alles, was Sie mir an klugen Ratschlägen geben können?“ Er ballte die Hände und trommelte damit auf die Schreibtischplatte, bis der Schmerz in den Handknochen ihn aufhören ließ. „Wissen Sie nichts Besseres, Mann? Daherkommen und reden und einen Distriktpolizisten für einen Affen halten, und sonst ist alles bloß ein Dreck. O verflucht, o verflucht!“

Pfeifend stieß Walburn den Atem aus den Lungen. Wie ausgepumpt ließ er sich danach auf seinen Schreibtischstuhl fallen.

„Kein Wort von der ganzen Geschichte darf nach draußen!“, sagte Duggan hart. „Walburn, ich habe Ihnen meinen Ausweis gezeigt, und Sie haben gelesen, dass ich Sondervollmachten habe. Jetzt berufe ich mich darauf. Kein Wort nach draußen, das ist ein Befehl. Und Sie werden die Hölle erleben, wenn etwas anderes passiert. Wenn Sie jetzt telefonieren, dann nur, um in Ihrem Distrikt alles auf die Beine zu bringen, was Sie an verfügbaren Leuten haben. Vielleicht haben wir schon viel zu viel Zeit vertrödelt, und der Teufel lacht. Alles auf die Beine – vom Polizeianwärter bis zum Schreibstubenveteran!“

Erst jetzt spürte er, dass der Gedanke an das Entsetzliche, was passieren konnte, seine Entschlusskraft gelähmt hatte. Nun fiel die Lähmung von ihm ab.

Sein Gehirn begann wieder logisch und folgerichtig zu arbeiten.

Eine halbe Stunde vorher hatte er nur den Wunsch gehabt, sich in irgendeinem Hotel ins Bett zu legen und den Rest der Nacht zu verschlafen. Jetzt dachte er nicht mehr an Schlaf.

 

 

5

Es war kurz vor zwei Uhr nachts, als in irgendeinem Hotelzimmer ein Mann den Hörer seines Zimmertelefons abnahm und damit dessen schrilles Klingeln unterbrach. Der Mann hielt den Atem an, als er den Nachtportier des Hotels sagen hörte: „Ein Anruf für Sie, Mister. Ein Anruf von auswärts. Ich stelle durch, wenn Sie annehmen wollen. Oder …“

„Ja“, sagte der Mann hastig und schluckte. „Sicher nehme ich an. Was, zum Teufel, fragen Sie erst noch? Ich habe doch gestern Abend schon gesagt, dass ich einen Anruf erwarte. Los, machen Sie schon!“

„Natürlich, Mister. Ich dachte nur … Ihr Gespräch, Mister.“

Es knackte in der Leitung, und der Mann schluckte wieder. Er griff nach dem Whiskyglas, das neben ihm auf dem Tisch stand, und nahm einen langen Zug. Vom anderen Ende des Drahtes her fragte jemand: „McGuire?“

„Ja?“ Der Mann stellte das Glas so hart auf den Tisch zurück, dass ein Rest von dem Whisky überschwappte. „Ja? – Parker?“

„Erraten!“

„Hat alles geklappt?“, fragte John McGuire und strich sich das dichte Haar aus der Stirn. Er saß vollständig angekleidet neben dem Telefonapparat, obwohl das um diese Zeit einigermaßen seltsam war. „Na los – wie ist das? Alles okay? Ich dachte schon, dieser Anruf wäre nie gekommen.“

Glenn Parker lachte. „Nur die Ruhe! Sicher hat alles geklappt, und wir sind keine Wickelkinder.“

„Wohin soll ich kommen?“ In McGuires Gesicht stand ein wilder Triumph. „Wohin?“

„Hm …“ Parker ließ eine Pause eintreten und räusperte sich. „So ganz einfach ist das nicht mehr, McGuire. Diese Kiste … Nun ja, wir haben sie hier, und ich habe Ihnen etwas von der alten Mine erzählt, in der meine Freunde und ich uns manchmal treffen. Die andern sind da, diese verdammte Kiste auch, aber sonst…“

Wieder machte Parker eine Pause, und McGuires Blick wurde starr.

„Aber?“, fragte er, und seine Frage klang wie ein Schuss. „Was – aber?“

Parker antwortete nicht sofort. McGuire hörte über den Draht das Anschwellen und Abklingen eines Motorengeräuschs und konnte sich unschwer vorstellen, dass Parker von einer öffentlichen Telefonzelle aus sprach. Aber das war alles nichts, worüber er sich in diesem Augenblick Gedanken machte.

„Was – aber?“ Er brüllte jetzt. Seine Stimme klang hoch und schrill. „Mann, was soll das? Wir – wir haben ein Geschäft zusammen ausgemacht, und jetzt …“

Er wurde unterbrochen. Im Zimmer nebenan schlug jemand mit der Faust an die Trennwand und schimpfte heiser und schlaftrunken. Aus dem Raum auf der anderen Seite kam ebenfalls ein gereiztes Knurren, und McGuire bezwang sich. Er zischte: „Parker – du Lausejunge! Du verdammter … Ihr habt meine Anzahlung angenommen, und das Geschäft ist perfekt. Ihr wollt den Rest haben, und ich brauche diese Kiste. Nun gut, vielleicht wollt ihr ein paar Dollar mehr, was? Okay, okay! Ich lege für jeden von euch fünf fünfzig Bucks zu, aber damit ist Schluss, sonst …“

„Keine Drohung, Mister!“, erwiderte Parker kalt und rotznäsig. „Nur keine Drohung! Und fünfzig Dollar für jeden mehr? Über so etwas lache ich bloß. In dieser Kiste wird etwas sein, was zehntausend, zwanzigtausend Bucks oder mehr wert ist. Vielleicht Goldbarren, was? Reines Gold … Vielleicht brechen wir die Kiste auf, damit wir es wissen.“

„Nein!“ McGuire heulte auf wie ein getretener Hund. „Nein – bloß das nicht! Mann o Mann, wenn ihr die Kiste … Du lieber Himmel!“ Der Ton in seiner Stimme war brüchig und verriet Entsetzen. Er musste sich zwingen, um ruhig zu sein, als er fragte: „Wie viel, Parker! Nun los, heraus damit, du kleiner, dreckiger, halbstarker Bandit! Wie viel?“

„Klein – dreckig – halbstark!“ Parker fauchte wütend. „Das verteuert alles. Zehntausend, Mister! Zehntausend Bucks – das ist eine schöne, runde und glatte Summe. Sie können kommen, jetzt noch. Wenn Sie Ihren Wagen nehmen, sind Sie in einer halben Stunde hier. Kommen Sie, wenn Sie wollen – aber wenn schon, dann mit dem Geld. Den Weg habe ich Ihnen schon einmal genannt. Was ist jetzt?“

„Dreitausend!“, presste McGuire heraus, aber Parker lachte nur gemein. „Soll ich auflegen?“

„Viertausend!“

„Zehntausend! Das ist kein Vorschlag, sondern eine Forderung, Mister!“

Nur mit Mühe unterdrückte McGuire einen gemeinen Fluch in Satzform. Er atmete hart, und eine Ader an seiner Schläfe pulsierte wie rasend.

„Zehntausend!“, sagte Parker noch einmal vom anderen Ende her, dann knackte es in der Leitung. Das Frei-Zeichen war alles, was McGuire noch hörte.

 

 

6

Sekundenlang sah es aus, als wolle McGuire den Hörer in seiner Faust zerquetschen. Sein Gesicht war krebsrot. In seinen Augen stand eine eiskalte Wut. Er bewegte die Lippen, aber es dauerte lange, bis er einen Ton herausbrachte.

„Ratten!“, murmelte er heiser. „Verfluchte, dreckige Ratten!“

Erst danach knallte er den Hörer auf die Gabel. Seine Hand zuckte unter den Revers seines Jacketts. Er wurde ruhiger, als er das kalte Metall seines Revolvers im Schulterholster fühlte.

Er nahm die Waffe heraus, wog sie einen Augenblick in der Hand und sah dann das Magazin nach. Mit einem harten Ruck schob er es in den Kolben zurück und stieß die Luft aus.

„Nun gut!“, sagte er entschlossen. „Pass auf, Parker! Zehntausend Dollar, was? Zehntausend Jahre Hölle für euch alle fünf, das wird dabei herauskommen, weiter nichts. Narren!“

Er ging zum Schrank und nahm einen kleinen Koffer. Ohne sich groß im Zimmer umzusehen, verließ er es. Unten, an der Rezeption, sah ihm der Nachtportier entgegen.

McGuire sagte: „Das eben war ein geschäftlicher Anruf, und ich muss sofort weg. Meine Rechnung, mein Freund! So ist das nun einmal, wenn man Geschäftsmann ist – einmal hier und einmal da, und immer auf dem Sprung! Wie ist das mit der Rechnung?“

Er bezahlte ein paar Dollar mehr, als er zu bezahlen hatte. Anderthalb Minuten später saß er hinter dem Steuer seines Wagens, und dessen Motor heulte. McGuire fuhr in östlicher Richtung aus der Stadt.

Es war genau zwei Uhr.

Um zwei Uhr fünf Minuten erhielt der Nachtportier, der gerade McGuires Trinkgeld eingesteckt hatte, einen Anruf aus dem Headquarter der Distriktpolizei. Der Mann riss die Augen weit auf, als er wusste, worum es ging.

„Mister McGuire – ein Mister John McGuire? Sicher, hier hat ein Mister McGuire gewohnt. Himmel, ist ihm etwas passiert? Ein netter Mann, wirklich! Er hat mir sechs Dollar … Na ja, die Rechnung war auf diese Weise glatt. Sechs Dollar für mich. Leider ist er vor fünf Minuten abgereist. Ein dringender Telefonanruf, verstehen Sie, Sergeant? Geschäftlich! Genau vor fünf Minuten, und ein Ziel hat er nicht genannt.“

Der Polizeisergeant am anderen Ende der Leitung fluchte lästerlich. In den Augen des Nachtportiers war er kein feiner Mann.

 

 

7

Auch Archibald Duggan fluchte.

Er vergaß seine Erziehung und überbrückte auf diese Weise etwas die Kluft zwischen ihm und Captain Lewis Walburn.

Walburn sagte mit einem Anflug von bissigem Humor: „Du lieber Himmel – so ein CIA-Mann ist ja auch ein Mensch, was? Wie ein Gent herumlaufen, große Bogen spucken und kluge Reden halten … Nun ja, so ist das! Jeder Cop denkt so über alles, was aus Washington kommt, aber ganz bestimmt über das, was CIA heißt. Aber eigentlich … Schon gut, ich höre schon auf. So ein Mist, was? Fünf Minuten früher, und wir hätten diesen McGuire gehabt. Jetzt starren wir bloß in den Mond, und alles andere läuft weiter.“

Captain Walburns flüchtig aufgeflammter Humor verflog. Das, worum es ging, war nicht zum Lachen. Er brauchte nur daran zu denken, dass die Kiste mit der Bakterienkultur schon geöffnet war, um die breiten Schweißbäche auf seinem Rücken zu spüren.

Ächzend goss er sich den vierten Whisky ein.

Auch Duggan trank noch einmal, ehe er sagte: „Sicher, wir haben McGuire nicht hier, aber vielleicht ist gerade das eine Chance. Die Besatzungen Ihrer Streifenwagen wissen jetzt Bescheid, und wenn es nicht gerade ausgewachsene Idioten sind, die McGuires Wagen irgendwo sehen, wissen wir bald weiter.“

„Sie sind überzeugt davon, dass dieser sogenannte geschäftliche Anruf mit unserer Sache zu tun hatte?“

„Felsenfest!“

„Und dass McGuire auf dem Weg ist, sich mit Parker, Bringham und diesen anderen Burschen zu treffen? Oh, dieses Gesindel! Gut, dass Ihr Cabby sie an der Station erkannte, Mister. Sie sind das, sie sind das bestimmt.“

„Vielleicht!“, murmelte Archibald Duggan. „Sie kennen Ihre Kunden, denke ich. Und ich denke weiter, dass McGuire wirklich auf dem Weg ist, sein Geschäft abzuschließen. Wenn wir bloß erst mehr wüssten!“

Am schlimmsten war das Warten. Die Unmöglichkeit, etwas anderes zu tun, als zu warten, zerrte auch an Duggans Nerven. Er war schon allerhand gewöhnt, aber das half hier nichts. Es kam nicht darauf an, nur einen Mann aufzuspüren, ihn zu verfolgen und zu fangen. Ein Mann oder sechs – das machte keinen Unterschied aus. Es ging darum, eine Katastrophe zu verhindern, aber das lag nicht einmal in Duggans Macht.

Captain Walburn drückte genau das aus, was Archibald Duggan dachte, als er ächzend sagte „Mann o Mann, warum passiert so ein Mist gerade hier? Warum habe ich damit zu tun? Wenn das vorbeigeht, Duggan, und wir haben Glück gehabt, bin ich reif für ein Sanatorium. Ein paar Schmuggler festzunehmen, ein paar Rowdys irgendwo im County aufzuladen und ihnen Manieren beizubringen und mitten in eine Schießerei zwischen ein paar wild gewordenen Affen zu springen … das ist sicher nichts, worüber man sich zu freuen hätte. Aber das hier? Oha, ich könnte diese ganze verdammte Welt …“

Er sprach das, was er sagen wollte, nicht aus. Was in ihm vorging, sah Archibald Duggan am Flackern seiner Augen und am Zittern seiner Hände.

Duggan kniff die Lippen zusammen. „Ich verstehe Sie, Walburn“, murmelte er. „Weiß Gott – ich verstehe Sie gut. Aber etwas anderes als das, was wir tun, bleibt uns nicht. Ihre Befehle waren klar – hoffentlich hat jede Streife sie verstanden und handelt danach. Keine darf selbständig handeln.“

Captain Walburn spuckte angewidert auf den Fußboden; es war ihm egal, ob Archibald Duggan ihn für einen feinen Mann hielt oder nicht.

„Wenn sich nur erst eine der Streifen meldete!“, stöhnte er. „Wie spät ist es? Meine Uhr … Aah!“ Er riss sich die Uhr, die stehengeblieben war, vom Handgelenk und schleuderte sie in eine Ecke seines Büros. Sicher war Lewis Walburn ein untadeliger Polizeioffizier, aber die Verantwortung, an der er jetzt trug, wog für ihn zu schwer.

„Es ist halb drei“, sagte Archibald Duggan. „Walburn, es hat keinen Zweck, dass Sie sich selbst verrückt machen.“

„Sind Sie innerlich ruhig?“, ächzte der Captain. Er stand auf und nahm seine Uhr wieder vom Boden hoch.

Archibald Duggans innerliche Verkrampfung war sicher nicht geringer, aber er brauchte es nicht mehr einzugestehen.

Ehe er etwas sagen konnte, schrillte das Telefon.

Captain Walburn starrte auf den Apparat, als hätte er eine Zeitbombe vor sich auf dem Tisch. Seine Lippen waren trocken und rissig vor Erregung, und er feuchtete sie mit der Zunge an.

„Ob das …“ Er war so heiser, dass seine Stimme sich überschlug.

„Nehmen Sie schon ab!“, verlangte Duggan schrill. „Los – Captain!“

Es klingelte wieder.

Walburn hielt die Luft an, als er nach dem Hörer griff. Seine Augen waren starr.

Duggan konnte von seinem Standort aus nicht hören, wer am anderen Ende der Leitung war. Und er konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde. Aber er sah Walburn aufspringen, dass sein Stuhl scharrend gegen die Wand flog. Walburns Atem setzte pfeifend wieder ein.

„Was ist?“ Duggan war sich selbst dessen kaum bewusst, dass er brüllte und dass seine Stimme einen Unterton von Hysterie hatte. „Nun sagen Sie schon, was …“

„Ein – ein Wagen rast auf die Gila Mountains zu“, presste Walburn heraus und ließ den Hörer einfach fallen. „Eine der Streifen hat sich gemeldet. Der Wagen ist von der Straße abgebogen.“

„Gibt es eine Mine in dieser Gegend? Jetzt reden Sie doch schon! Eine Mine, Mann – gibt es eine Mine da?“

Walburn nickte.

„Ja. Nur eine einzige. Gerade da gibt es nur diese eine. Die Spanier haben früher in dieser Gegend …“

„Zum Teufel mit den Spaniern!“ Archibald Duggan ließ Walburn nicht ausreden. „Wir haben ihn – wir haben McGuire. Das ist kein anderer als er. Können Zeit und Entfernung stimmen?“

„Ja – genau!“

Duggan war schon an der Tür und riss sie auf.

„Dann los! Wir haben keine Zeit zu verlieren! Worauf warten Sie noch, Captain? Lassen Sie eine Meldung an alle Streifenwagen gehen, damit sich Ihre Leute in diesem bestimmten Gebiet sammeln. Aber sie sollen nichts tun – sie sollen um Himmels willen nicht denken, dass es da einen Orden oder eine Beförderung zu verdienen gibt. Nur hinfahren, nichts weiter! Hinfahren und die Augen offenhalten. Verdammt, Walburn, jetzt machen Sie doch schon!“

Walburn telefonierte, dann riss Archibald Duggan ihn mit. Sie rannten nach draußen und rasten eine Minute später im Wagen aus der Stadt.

Der Himmel war hoch und klar. Die Sterne waren herausgekommen, und die Nacht war heller als vorher. Die gezackte Linie der Gila Mountains hob sich scharf gegen den Horizont ab.

Der Fahrtwind trieb Archibald Duggan einen Schwall Luft in die Lungen. Er beugte sich gegen die Windschutzscheibe vor, um dem scharfen Zug zu entgehen, während er nach vorn starrte.

Irgendwo saß der Teufel und lachte!

 

 

8

McGuire stieß eine heisere Verwünschung aus, weil der unebene Weg ihm das Steuerrad fast aus der Hand prellte. Der Wagen bockte und sprang, und McGuire sagte heiser zwischen den Zähnen:

„Diese Ratten jagen mich hier durch die Wildnis und wollen auch noch neuntausend Dollar mehr als abgemacht, was? Die Hölle soll sie fressen, und diesen Schuft Parker zuerst. Na wartet, wir werden schon sehen, was ist!“

McGuires Gesicht war verzerrt von dumpfem Grimm, der innerlich an ihm nagte. Er versuchte sich vorzustellen, wie er mit Glenn Parkers Halbstarkenbande fertig werden konnte, und er grinste, als er dachte, dass wohl keiner unter den fünf Burschen sein würde, der so schnell und genau schoss wie er. Das und die achtschüssige Waffe unter seinem Jackett gaben ihm von vornherein ein beruhigendes Gefühl der Überlegenheit.

Trotzdem blieb seine wahnsinnige Wut. Neben dieser Wut stand eine unbestimmte Angst. McGuire wusste, nach welcher Beute er jagte, und die Haare auf seiner Haut sträubten sich, als er an den Inhalt der Kiste dachte.

Vor ihm gab jemand ein knappes Lichtsignal, und McGuire stoppte seine Fahrt. Im Lichtkegel seiner Scheinwerfer erkannte er Glenn Parker, der auf ihn zurannte, von außen den Schlag aufriss und rau sagte: „Sie Narr, müssen Sie hier mit der ganzen Weihnachtsbeleuchtung herumkutschieren? Das Licht aus – na los! Hier treibt sich normalerweise kein Mensch herum, das weiß der dümmste Hund im ganzen Yuma County.“

McGuire schaltete die Scheinwerfer aus, und die Dunkelheit fiel wie ein Gewicht auf ihn.

„Dein Ton gefällt mir nicht, mein Junge!“, presste er scharf heraus. „Hölle, er gefällt mir gar nicht. Ich habe keinen Menschen gesehen, und wenn hier niemand ist, sieht uns auch keiner. Was ist jetzt? Die – die Kiste … Was ist mit der Kiste? Habt ihr sie …“

Details

Seiten
127
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937770
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535878
Schlagworte
archibald duggan gefährten hölle

Autor

Zurück

Titel: Archibald Duggan und die Gefährten in der Hölle