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Archibald Duggan und der Tunnel

2020 131 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und der Tunnel

Copyright

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Archibald Duggan und der Tunnel

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Ein Milliardenobjekt der amerikanischen Verteidigung in Gefahr! Organisierte Saboteure schrecken vor keiner Untat zurück. Familien verlieren ihre Ernährer durch Sprengstoffanschläge. Als ein NATO-General die unterirdische Verteidigungsanlage besichtigen soll, befürchtet CIA einen Anschlag auf diesen Offizier. CIA-Agent Archibald Duggan steht vor einer schwierigen Aufgabe.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sam Larsen war auffallend erregt an diesem Abend. Sein Gesicht brannte in heller Fieberröte. Jedem Bauarbeiter, der die Nick-King-Kantine betrat, spähte er argwöhnisch entgegen. Wenn ein Flaschenkorken knallte, zuckte er erschreckt zusammen.

Eben zündete er sich die sechste Zigarette an. Seine Finger zitterten. Das Streichholz versengte ihm die Haut.

„Was hast du?“, fragte Jessy Moon, die buntfarben wie ein Paradiesvogel neben ihm saß. „Ist wieder was passiert an der Baustelle? Du musst dich daran gewöhnen, Sam! Jeder Tag bringt etwas Neues. Mal erwischt es einen Bauführer, dann einen Maschinisten. Du lebst noch. Das ist die Hauptsache.“

„Fragt sich nur, wie lange“, grübelte Sam Larsen in düsterer Beklemmung. „Heute Nacht wird sich wieder was tun. Ich spüre es.“

Jessy Moon verschränkte lächelnd die Arme hinter dem Nacken. Diese Bewegung straffte ihre Figur um einige Zoll. Das wusste sie. „Was kann‘s dir anhaben? Du hast ja nicht Nachtschicht auf dem Bau. Hier in der Kantine gibt es keine Katastrophen. Solltest du allerdings eifersüchtig sein, weil auch andere sich um mich bemühen …“

Sam Larsen reckte lauernd den Hals vor.

Er sah Nick King, den Kantinenboss, von links her aufkreuzen. Steif kam er auf den Ecktisch zu. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

„Was gibt‘s?“, fragte Sam Larsen mit brüchiger Stimme.

Nick King baute sich drohend vor ihm auf. Er stand da wie ein Gebirge aus Fleisch, Knochen und Fett. Keineswegs war er das, was man unter einem gut aussehenden Mann versteht. Sein lückenhaftes Gebiss hätte jeden Zahnarzt in helles Entsetzen gestürzt. Überdies hatte er sich im Laufe der Jahre einige Warzen zugelegt. Sie waren nicht dafür geschaffen, ihn zu verschönern.

„Hör mal zu, Sam!“, fauchte er. „Ich will nicht, dass die Kantine in Verruf kommt. Wenn ihr ‘nen neuen Streich plant, so macht das draußen. In meinem Lokal …“

„Ich verstehe kein Wort“, muckte Sam Larsen auf.

„Ach? Wirklich nicht? Dann geh zum Telefon. Es will dich jemand sprechen. Die Stimme kenn‘ ich. Verdammte Bande …“

Sam Larsen schlich davon wie eine kranke Schnecke. Seine Hände waren klebrig feucht, als er nach dem abgelegten Hörer griff. Nervös hielt er ihn an sein ungewaschenes Ohr.

„Ich bin‘s, Sam“, keuchte er in den Draht. „Wie oft hab‘ ich euch schon gesagt, ihr sollt mich nicht in der Kneipe anrufen. Nick King mag das nicht. Er lässt uns noch hochgehen. Verlasst euch drauf.“

„Hier ist Ralph persönlich“, klang es kühl durch die Leitung.

Der Name genügte, um Sam Larsen augenblicklich stumm zu machen. Er brachte keinen Ton mehr durch die ausgedörrte Kehle. Finster stierte er auf den schwarzen Kasten.

„Wir haben gelost, Sam“, hallte es aus dem Hörer. „Das Los ist auf dich gefallen. Du wirst es tun.“

Für Sam Larsen ging plötzlich das Licht aus. Es wurde dunkel vor seinen Augen. Er sah nichts mehr. Nur die Gedanken bohrten wie schmerzhafte Stiche im Gehirn.

Warum hab‘ ich mich auch so dämlich auf den Leim locken lassen, dachte er in später Reue. Hätte ich das Geld nötig gehabt? Ich verdiene genug. Die dreckigen Scheine sind sowieso am Spieltisch kleben geblieben …

„Du gehst in zehn Minuten weg, Sam“, peinigte ihn die frostige Stimme aufs Neue. „Den Weg kennst du. Es läuft alles ab wie verabredet. Unser Mann wird sich zum Nachtschalter der Bahnhofspost begeben. Am Turpin Wall fängst du ihn ab. Es ist finster dort. Niemand wird dich sehen. In einer halben Stunde kannst du wieder in der Kantine sein. Sorg rechtzeitig für ein Alibi. Darüber sprachen wir schon.“

Klick machte es. Die Leitung war tot. Sam Larsen blinzelte vom Büfett aus in den verqualmten Raum hinein. Er sah nichts als graue Watte. Unter seinen Füßen schwankte der Boden. Wie ein Betrunkener stolperte er zu seinem Tisch zurück.

„Was war los?“, fragte Jessy Moon neugierig. „Bekommst du Lohnerhöhung? Oder ‘ne Woche Urlaub?“

Sam Larsen leerte sein Schnapsglas, warf drei Dollar auf den Tisch, knöpfte seine Jacke zu.

„Nimm das Geld!“, raunte er verstört. „Ich muss rasch mal weg. Sollte ich nach ‘ner halben Stunde nicht wieder da sein, dann zahlst du die Zeche und verschwindest unauffällig. Komm ich aber zurück, dann bin ich nie weg gewesen. Kapiert?“

„Hast du was mit ‘ner anderen?“, fragte Jessy Moon misstrauisch.

„Dummes Zeug!“, fuhr Sam Larsen dazwischen. „Ist‘n Geschäft, das sich nicht aufschieben lässt. Wenn du keinem erzählst, dass ich weg war, kannst du zehn Mäuse haben.“

„Zehn Mäuse“, gurrte Jessy Moon. „Das lässt sich hören. Mach‘s gut, Kleiner! Ich wart‘ hier auf dich!“

Das kurze Gespräch hatte Sam Larsen etwas abgelenkt. Aber draußen, in der windigen Nacht, fiel die Angst wie ein böses Tier über ihn her. Er konnte kaum richtig atmen. Ein Eisblock schien sich gegen seine Brust zu stemmen.

Es ist Mord, dröhnte es durch sein Hirn, während er in seiner Jackentasche nach dem Revolver tastete. Er spürte den Schalldämpfer zwischen den Fingern. Seine Hände zuckten zurück. Es ist schäbiger Mord. Der Mann, der jetzt eben zum Nachtschalter der Bahnhofspost geht, hat mir nie was getan. Er kennt mich nicht einmal. Aber er soll sterben, nur weil Ralph Rattigan es beschlossen hat!

Dort lag der Turpin Wall. Eine finstere Straße, die sich wie ein Schlauch zwischen alte Stadtmauern und die kahlen Rückfronten verlassener Fabriken zwängte.

Alle achtzig Yards eine Laterne. Sonst kein Licht. Nirgends eine menschliche Behausung. Kein Lebewesen, so weit man sehen konnte.

Der Mann hat Mut, dachte Sam Larsen schaudernd. Ich würde nicht durch diese Straße gehen, auch wenn ich dadurch den Weg zum Bahnhof abkürzen könnte. Niemals!

Fröstelnd blickte er sich um. Wurde er beobachtet? Lauerte Ralph Rattigan in der Nähe? War er allein? Oder hatte er Helfer dabei?

Natürlich, dachte Sam Larsen beklommen. Natürlich lässt er mich beschatten. Ich bin ja noch ein Anfänger. Man kann mir nicht trauen. Ich muss mich erst bewähren. Verdammt, was ist das für eine Bewährung.

Ihm wurde schlecht. Das Grauen vor ihm selbst packte ihn. Da stand er, ein gedungener Mörder, die Finger am Schaft einer tödlichen Waffe, und wartete auf ein ahnungsloses Opfer.

Warum lief er nicht einfach weg? Es gab doch nicht nur diesen einen Ort in den Staaten. Er würde überall einen Job finden. Was also hielt ihn hier fest?

Schritte klangen auf. Feste, männliche Schritte. Eine straffe, aufrechte Gestalt zeichnete sich vom fahlen Dunstkreis der nächsten Laterne ab. Die Beschreibung stimmte. Das war der Mann. Rasch kam er näher. Zwanzig Yards war er noch entfernt. Zehn … fünf …

Zaudernd nahm Sam Larsen den Revolver aus der Tasche. Mit dem Daumen legte er den Sicherungsflügel um. Die Waffe war schussbereit. Die tödliche Kugel steckte im Lauf.

Sam Larsen hob die Mündung, visierte den Mann an, krümmte den Zeigefinger um den Abzug. Jetzt!

Jetzt musste er schießen. Der andere war auf gleicher Höhe, unmittelbar neben ihm, keine drei Fuß entfernt. Nie konnte die Kugel ihr Ziel verfehlen. In einer Sekunde war alles vorbei. Alles. Dann durfte er weglaufen aus diesem düsteren Winkel, zurück in die Kantine, in die mollige Ecke neben dem Ofen, durfte sich zu Jessy Moon setzen, ihrem albernen Geplapper zuhören, einen Gin trinken, einen Gin …

Sam Larsen sah, wie die Mündung des Revolvers zu schwanken begann, auf und ab, auf und ab.

Er konnte nicht schießen. Der Finger am Abzug war wie gelähmt. Es ging nicht. Auch das Hirn streikte.

Der Fremde aber ging vorüber, er entfernte sich. Seine Schritte hallten hohl von den Mauern zurück. Der Abstand betrug schon fünf Yards … acht Yards … zehn …

Da blitzte es drüben in einer Mauernische rötlich auf. Der Knall war nichts weiter als ein dumpfes „Plum“. Die Wirkung aber war erschreckend.

Der Fremde warf die Arme hoch, sackte zusammen, fiel vornüber. Doch noch ehe sein Körper das Pflaster berührte, wurde er von vier Armen aufgefangen.

Einige Sekunden später war es wieder still und dunkel an der Mauer. Das spukhafte Geschehen hatte die Nacht aufgesogen. Eine gespenstische Vision, weiter nichts.

Dem Wachhund der angrenzenden Fabrik jedoch schien die Witterung ganz und gar nicht zu behagen. Zunächst winselte er unterdrückt, nachher begann er lärmend zu bellen. Das Tor zum Fabrikhof wurde aufgestoßen. Der Hund schoss heraus wie ein grauer Schatten; hinterher folgte der Nachtwächter mit blendender Laterne.

„Ist hier jemand?“, fragte er mit imponierender Intelligenz.

Er hätte wohl nie eine Antwort erhalten, wenn das Tier nicht klüger gewesen wäre. Es schnupperte am Schauplatz der schurkischen Tat umher, nahm die Fährte auf, kehrte zurück, suchte schnüffelnd das Pflaster ab.

Sam Larsen stand steif wie eine Wachsfigur an der Mauerwand. Seine Hände krallten sich in die Steinfugen. Die Augen richteten sich furchtsam auf den Hund. Er kam unaufhaltsam näher. Jetzt schien er den verborgenen Mann gewittert zu haben. Er gab Standlaut, verbellte ihn, richtete steil die Rute auf.

Der Schein der Blendlaterne huschte über das Gemäuer. Eine Sekunde später war das fahle Gesicht Sam Larsens in weißes Licht getaucht. Zu spät!

Oder doch nicht?

Sam Larsen suchte sein Heil in der Flucht. Er hätte stehenbleiben können, denn er war es ja nicht, der geschossen hatte, aber er wollte sich nicht gern einen Mord anhängen lassen.

So rannte er mit klappernden Absätzen über das Pflaster, bog ab vom Turpin Wall, hielt in irrsinnigem Tempo auf die Nick-King-Kantine zu und lief, was die Beine hergaben.

Den Nachtwächter hatte er längst abgeschüttelt.

Aber der Hund blieb ihm hartnäckig auf der Fersen. Das gelehrige Tier war auf Einbrecher dressiert. Es umkreiste den Flüchtling in weitem Bogen, sprang ihn von vorne an, verbiss sich nach einem mächtigen Satz in seiner linken Schulter. Tief gruben sich die scharfen Zähne durch die Jacke in das Fleisch.

Sam Larsen schrie stöhnend auf vor Schmerz. Er ging in die Knie. Vergebens versuchte er, den Biss des wütenden Tieres zu lockern. Die messerscharfen Zähne hielten fest, packten nur noch härter zu, steigerten die Schmerzen ins Unerträgliche.

Von weither hallten die Rufe des Nachtwächters. Er würde die ganze Gegend alarmieren, wenn er noch länger soviel Lärm machte. Nun ging es um Hals und Kragen.

Sam Larsen wusste keinen anderen Rat mehr, als zum Revolver zu greifen. Er war schon halb ohnmächtig, als er den Abzug durchdrückte. Unmittelbar hintereinander bellten drei Schüsse auf.

Der Körper des Hundes wurde schlaff, die Zähne ließen los, Sam Larsen war frei, er konnte seine Flucht fortsetzen. Noch drei Minuten bis zur Nick-King-Kantine.

Die Schüsse waren gehört worden, trotz des Schalldämpfers. In die schrillen Rufe des Nachtwächters mischten sich die Trillerpfeifen einer Konstablerstreife.

Die Alarmsignale setzten sich fort. Aus allen Himmelsrichtungen gellten die Alarmsignale zurück.

Sam Larsen schien hoffnungslos eingekreist zu sein. Aber er gab noch nicht auf. Eine Minute nur bis zur Kantine! Warum sollte er die kurze Strecke nicht mehr schaffen?

Seine Lungen brannten wie Feuer, in seiner Kehle war ein stechender Schmerz, Sehnen und Muskeln zerrissen schier unter der übermenschlichen Anstrengung.

Aber nun glänzten schon die hellen Fenster der Kantine durch die Nacht, tröstlich anzusehen wie die Feuer eines Leuchtturms im Heimathafen.

Sam Larsen schleppte sich mit letzter Kraft durch den Hintereingang der Kneipe, er taumelte am Büfett vorüber, stolperte durch die Tischreihen. Neben Jessy Moon sank er ächzend auf einen Stuhl. Kalter Schweiß bedeckte sein Gesicht.

„Ich bin keine Minute weg gewesen“, würgte er stockend hervor. „Vergiss das nicht! Sag ihnen, dass ich die ganze Zeit an deiner Seite war.“

Jessy Moon nickte stumm. Schräg von der Seite schielte sie in sein ausgehöhltes Gesicht, sie sah seine flackernden Augen, die zerfetzte Jacke, sie hörte seine keuchenden Atemzüge.

Doch noch ehe sie eine Frage stellen konnte, gab es mächtigen Krach in der Kantine. Alle Fußstreifen der Stadt Flint schienen sich bei Nick King vereinigt zu haben. Am Büfett waren nur noch blitzende Uniformen zu sehen. Schon in der nächsten Minute kämmten die Cops mit verbissenen Gesichtern alle Tische durch.

„Ausweise, bitte!“

Sam Larsen hätte sich am liebsten unter den Tisch verkrochen. Wie ein gehetztes Wild spähte er nach einem rettenden Schlupfloch aus. Aber die Treibjagd schnürte ihn unerbittlich ein. Da waren die Jäger schon am Tisch.

„Ihre Papiere, Sir!“

Jessy Moon versuchte zu retten, was noch zu retten war. „Lassen Sie Sam in Ruhe“, fauchte sie wütend. „Er kann gar nichts Schlimmes verbrochen haben, weil er seit sieben Uhr an diesem Tisch …“

„Und was ist das?“, fragte ein Corporal spöttisch.

Sie hatten die Blutflecken entdeckt, die dunkelrot durch den aufgerissenen Jackenärmel sickerten. Sam Larsen konnte nicht verhindern, dass ihm die Jacke abgestreift wurde. Die Bisswunden des Hundes wurden sichtbar. Die scharfen Zähne hatten deutliche Spuren zurückgelassen.

Ein Polizist zog ihm mit triumphierender Miene den Revolver aus der Tasche. Die Mündung war grau von Pulverschleim. Drei Patronen fehlten.

„Das ist er!“, krähte ein gebeugter Mann, der mit brennender Laterne an den Tisch kam. „Ich habe mir sein Gesicht genau eingeprägt. Er versuchte aus dem Turpin Wall zu flüchten, wurde aber von Harro eingeholt und gestellt. Nachher hat der Kerl das brave Tier erschossen.“

„Doch nicht ohne Grund, wie?“, knurrte der Corporal gereizt. „Ein Unschuldiger flüchtet nicht. Was haben Sie auf dem Kerbholz, Mann? Ein offenes Geständnis kann Ihre Lage nur verbessern.“

Sam Larsen griff verzweifelt nach der brennenden Schulter. Seine Gedanken zuckten wie elektrische Stromstöße. Sie marterten ihn. Ich wusste es ja, ging es ihm durch den Kopf. Wo ich hinfasse, geht alles aus dem Leim. Die anderen haben geschossen, aber ich bleibe im Fangnetz hängen. Mich wird man in den Käfig schleppen. Ja, ich wollte es tun. Aber ich hab‘s nicht getan. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

„Wir warten auf eine Antwort!“, schnarrte der Polizist.

Ächzend öffnete Sam Larsen die Lippen. „Lassen Sie sich mal von einem Hund beißen“, stammelte er. „Was werden Sie tun, wenn Sie zufällig einen Revolver in der Tasche haben. Sie werden schießen, nicht wahr, um das rasende Tier loszuwerden. Genau das hab‘ ich getan. Dafür werd‘ ich geradestehen.“

„Warum sind Sie aus dem Turpin Wall geflüchtet“, bohrte der Cop hartnäckig. „Was wollten Sie überhaupt in dieser finsteren Gegend? Noch dazu mit einer Kanone bewaffnet?“

Keine Antwort. Ratloses Achselzucken. Sam Larsen presste finster die Lippen zusammen.

„Mitnehmen!“, entschied der Corporal. „Vielleicht macht er im Polizeigefängnis den Mund auf. Burschen von seiner Sorte plaudern am ehesten, wenn sie in einer vergitterten Zelle sitzen.“

So kam es, dass Sam Larsen nicht einmal mehr die Zeit fand, einen Gin zu trinken oder sich von Jessy Moon zu verabschieden.

Er wurde auf schnellstem Wege in die Polizeihaftanstalt eingeliefert. Dort legte man ihm einen fachgerechten Verband an, man drückte ihm zwei Decken in die Hand, einen Napf zum Wassertrinken, einen Teller samt Kunststoffbesteck – und Sam Larsen marschierte in eine solide Einzelzelle.

Fluchend warf er sich auf die harte Pritsche. Er schloss die Augen und wollte über sein Pech nachdenken, aber die Strapazen der letzten Stunde hatten ihn derart mitgenommen, dass er schon eingeschlafen war, ehe er mit den Überlegungen überhaupt begonnen hatte. Irgendwann weckte man ihn.

Er hätte nicht sagen können, wie viele Stunden er geschlummert hatte. Aber es musste noch Nacht sein. Vor dem vergitterten Fenster hing schwarzgraue Finsternis.

„Was ist los?“, fragte er benommen. „Warum lasst ihr mich nicht bis zum Morgen pennen? Der Tag wird noch lang genug.“

„Sie kommen zum Verhör!“, verkündete der Aufseher.

„Jetzt?“

„Ja, jetzt.“

Sam Larsen spürte ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut. Sein Mund war trocken, die Zunge pelzig. Er hatte bei Nick King zu viel Gin getrunken. Das war‘s.

„Was wollt ihr denn von mir wissen?“, fragte er bedrückt.

„Keine Ahnung. Warten Sie noch fünf Minuten! Dann werden Sie es erfahren.“

Ja, Sam Larsen sollte seine Lektion bekommen. Der vernehmende Sergeant hielt nicht viel von Höflichkeitsfloskeln. Er kam gleich zur Sache.

„Wir haben den Turpin Wall gründlich abgesucht, Mr. Larsen. Nicht ohne Erfolg, wie es scheint. Wir fanden Blutspuren in einer Mauernische, eine Kugel, die aus Ihrem Revolver stammen könnte …“

„Irrtum!“, schrie Sam Larsen dazwischen. „Ich habe nur auf den Hund geschossen.“

„Wie oft?“

„Zweimal. Nein … halt … dreimal. Das muss sich doch feststellen lassen. Sie werden bei dem Hundekadaver die leeren Hülsen und die Kugeln finden. Zählen werden Sie ja noch können.“

„Frechheit steht Ihnen schlecht zu Gesicht“, meinte der Sergeant. „Immerhin wurden Sie wegen Mordverdachts eingeliefert. Wir fanden nur zwei Kugeln bei dem verendeten Tier. Die dritte …“

„Das ist gelogen“, fuhr Sam Larsen auf. „Ihr wollt mich nur weich schmoren. Gebt euch keine Mühe. Mir hängt ihr keinen Mord an den Hals.“

Der Sergeant blieb ungerührt.

„Der Nachtwächter der Fabrik am Turpin Wall stand gerade am Tor, als ein Schuss fiel. Ein dumpfer Schuss. Also besaß der Revolver einen Schalldämpfer wie der Ihre. Der Nachtwächter öffnete das Tor und trat auf den Turpin Wall heraus. Außer Ihnen sah er keine verdächtige Person. Sie sind geflüchtet, als Sie der Schein seiner Laterne traf. Können Sie mir sagen, warum Sie Fersengeld gegeben haben? Die Antwort dürfte sehr einfach sein. Die zerquetschte Kugel im Gemäuer, das Blut auf dem Pflaster sind erdrückende Indizien …“

Sam Larsen hielt den Atem an. In seine Stirn kerbten sich tiefe Furchen. Er rief sich den raffinierten Plan Ralph Rattigans ins Gedächtnis zurück. Jede Einzelheit des heimtückischen Mordvorhabens. Jede Phase, wie sie am Vorabend der Tat besprochen worden war. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht.

„Wo kein Toter ist, da ist auch kein Mörder“, protestierte er lautstark. „Sie werden nie eine Leiche finden, weil es keine gibt. Es wird sich auch kein Mensch im Land finden, der einen Angehörigen vermisst. Na – dann werden Sie mich wohl laufen lassen müssen.“

Der Sergeant schien keine Silbe verstanden zu haben.

„Sie sind beim Tunnelbau in Flint beschäftigt, wie?“

„Ja.“

„Wo genau?“

„Das ist top secret. Geheime Bundessache! Ich musste einen Schein unterschreiben, dass ich mit niemandem darüber …“

„An welchem Bauabschnitt sind Sie eingesetzt? Das dürfen Sie mir wohl verraten?“

„Abschnitt eins.“

„Ausgerechnet!“, knurrte der Sergeant bissig. „Auf diesem Abschnitt passiert ja allerlei, nicht wahr? Einmal platzt ein Wasserrohr und setzt alles unter Wasser, ein andermal knallt eine Sprengladung vorzeitig los oder ein Querstollen bricht zusammen. Die Toten stehen hier auf einer Liste verzeichnet. Unter ihnen befinden sich der leitende Ingenieur und sein Nachfolger …“

„Was habe ich damit zu tun?“, fragte Sam Larsen achselzuckend.

Der Sergeant nahm eine Brieftasche zur Hand.

„Sie gehört Ihnen, stimmt‘s?“

„Das müsst ihr besser wissen als ich. Ihr habt sie mir ja bei der Einlieferung abgenommen.“

Mit spitzen Fingern holte der Sergeant einen Zettel aus dem aufgetrennten Futter. „Ralph Rattigan“, las er murmelnd. „Dienstag anrufen! Es bleibt beim Turpin Wall. Konnten keine einsamere Gegend in Flint finden. Die Straße ist für geplantes Unternehmen bestens geeignet. Termin wahrscheinlich Donnerstag nachts. Zettel sofort vernichten.“

Der Sergeant machte eine wirkungsvolle Pause. „Es war die heutige Nacht“, raunte er dann. „Am Turpin Wall fiel ein Schuss. Ihr Pech, dass Sie den Zettel nicht vernichtet haben, wie Ihnen befohlen wurde.“

Rasch blickte er auf. Der Pfeil hatte ins Schwarze getroffen. Sam Larsen war kreideweiß im Gesicht. Die verwundete Schulter zuckte. Ein nervöses Beben kam in seine Hände. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme gab keinen Laut.

Der Sergeant spürte, dass seine Stunde gekommen war. Er griff zum Fahndungsbuch. Dreimal musste er umblättern, dann hatte er, was er suchte.

„Wanted: Ralph Rattigan“, las er mit leiernder Stimme. „Gefährlicher Feindagent. Beschreibung seines Äußeren ungenau. Mittelgroß, schmales Gesicht, Haarfarbe wechselnd zwischen aschblond und brünett, besondere Kennzeichen fehlen. Wird gesucht wegen Sabotage, Menschenschmuggels, Einbruchs, Bandenraubs und Mord. Vorsicht bei Festnahme! Genannter trägt stets Schusswaffe bei sich.“

Laut schlug der Sergeant das Fahndungsbuch zu.

„Wer zum Bekanntenkreis Ralph Rattigans gehört“, drohte er, „hat eine dunkle Zukunft. Ich an Ihrer Stelle würde jetzt auspacken, Mr. Larsen. Wenn er Sie erpresst und zu einem Mord genötigt hat, wird Ihnen nicht viel geschehen. Sie werden mit einem blauen Auge davonkommen. Noch ist es Zeit. Später, wenn Sie sich in seinem Auftrag die Hände noch schmutziger gemacht haben, dürfte Ihre letzte Chance vorbei sein. Also reden Sie! Wo finden wir Ralph Rattigan? Nennen Sie mir seinen Schlupfwinkel! Verbirgt er sich hier in Flint? Es liegt doch auch in Ihrem Interesse, wenn er unschädlich gemacht wird. Niemals kann er Sie dann mehr erpressen und bedrohen.“

Wieder wollte Sam Larsen etwas sagen, aber seine Zunge war plötzlich so dick geschwollen, dass er einfach den Mund nicht aufbrachte. Abwesend stierte er ins Nichts.

„Mann!“, herrschte ihn der Sergeant an. „Ich will nicht unbedingt der sein, der Ralph Rattigan zur Strecke bringt. Mir fehlt jeder Ehrgeiz. Aber hier hättest du es leichter. Wenn erst die Geheimen kommen, werden sie dich Mores lehren.“

„Die Geheimen?“, jammerte Sam Larsen kläglich.

„Natürlich. Es ist ein Fall für die CIA. Glaube, du kennst die drei Buchstaben. Gegen diese Leute kannst du nichts ausrichten, Sam! Sie nehmen dich aus wie eine Gans.“

Sam Larsen wand sich, als läge er in Fesseln. Blasiger Schaum lag auf seinen Lippen.

„Selbst wenn ich Ralph Rattigan verzinken wollte“, zeterte er, „könnte ich es nicht tun. Ich weiß zu wenig von ihm. Ich habe keine Ahnung, wo er wohnt. Ich kann Ihnen auch keine Beschreibung von ihm geben. Er sieht jedes Mal anders aus.“

„Kommt er persönlich in die Nick-King-Kantine?“

„Nein. Er ruft immer nur an. Fragen Sie mich nicht weiter!“

„Abführen!“, schrie der Sergeant barsch in den Flur hinaus.

 

 

2

Paul Canada legte gerade ein saftiges Rahmschnitzel in die brutzelnde Pfanne, als Archibald Duggan die kleine New Yorker Wohnung in der Bronx betrat.

Die vollautomatische Küche bot wieder einmal ein unbeschreibliches Bild: Überall lagen offene Tüten mit Mehl, Salz, Eipulver und Gewürzen umher. Auf dem gefliesten Fußboden schwamm eine bräunliche Fettbrühe.

„Eh, Archibald! Du kommst zu früh. Ich bin noch nicht fertig. Der Reis wird auf indonesische Art gekocht. Das dauert eine Weile.“

Archibald Duggan legte das schmale Gesicht in kummervolle Falten. „Hier sieht‘s aus wie auf einem Jahrmarkt in Casablanca. Meinetwegen hättest du dir die Mühe sparen können. Ich muss weg.“

„Weg?“, fragte Paul entgeistert und fuhr mit fünf Fingern durch seinen gesträubten Bart. „Ist‘n Scherz, wie? Wir wollten doch heut‘ Nachmittag mit dem Motorboot zur Yade Insel gondeln.“

„Daraus wird nichts. Der Dienst geht vor.“

„Der Dienst? Hast du ‘nen Auftrag erhalten? Wohin soll diesmal die Reise gehen?“

„Nach Flint“, brummte Archibald Duggan zerstreut.

„Flint? Liegt das nicht …“

„Es liegt zwischen den Seen an der kanadischen Grenze.“

Paul nahm die Pfanne vom Herd und machte runde Augen. „Was ist dort los? Erzähle!“

Archibald zuckte mit den Achseln. „In Flint wird seit Monaten von der US-Verteidigung ein riesenhafter Tunnel mit schwenkbaren Panzerkuppeln, Fernartillerie-Geschütztürmen, Raketenbasen, Munitionsaufzügen, Gleisanlagen und unterirdischen Truppenunterkünften gebaut.

Zweck dieser atomsicheren Anlage soll sein, durchgebrochene Feindraketen oder Atombomber in einer letzten Verteidigungsstellung abzufangen und den Weichteil unseres Landes, das gewaltige Industriezentrum bei Detroit, abzuschirmen.“

,.Du sprichst wie ein Professor“, tadelte Paul ironisch. „Jedes Kind weiß, dass in Flint ein Tunnel gebaut wird, auch wenn die Anlage selbst hermetisch abgeriegelt ist. Es wimmelt dort von Militärposten, FBI-Agenten und Geheimen. Wozu brauchen sie da dich noch?“

„Offenbar reichen die Leute doch nicht aus“, erwiderte Archibald abwesend. „Es tut sich allerhand in Flint. Während der Bauabschnitt zwei so gut wie fertig ist, passieren auf Abschnitt eins die tollsten Dinge: Verschüttungen, Sprengstoffexplosionen und Wassereinbrüche. Der leitende Ingenieur dieses Abschnittes wurde von Felsgestein erschlagen, sein Nachfolger starb unter recht merkwürdigen Umständen.“

„Das kann doch alles Zufall sein“, widersprach der berühmte Erfolgsschriftsteller skeptisch.

„Zufall! Glaubst du wirklich an Zufall?“

„Ist Abschnitt eins denn besonders wichtig?“

„Und ob! Dieser Teil des Tunnels soll die Raketenbasen aufnehmen.“

„Du vermutest also Sabotage?“

„Ja“, sagte Archibald ehrlich.

„Hm. Genaueres haben sie dir bei der CIA nicht gesagt?“

„No.“

„Wie willst du dann in Flint an die richtige Adresse kommen“, ereiferte sich Paul. „Immerhin sind an der Strecke Hunderte von Arbeitern und Maschinisten eingesetzt. Sollten Feindagenten dort ihr Unwesen treiben, so haben sie todsicher unter den Arbeitern Verbündete und Helfer.“

„Eine Kette ist immer so stark wie ihr schwächstes Glied“, sagte Archibald ernst. „Und selbst ein Igel hat nicht überall Stacheln. Am Bauch ist er verwundbar. So wird auch der Agentenring in Flint irgendwo eine weiche Stelle haben.“

„Meinst du?“, fragte Paul zweifelnd.

„Ich hab‘ keine Zeit mehr. Kommst du mit?“

„Nein. Jetzt noch nicht. Vielleicht später. Ich will erst die Schnitzel fertig braten und dann aufräumen.“

„Aufräumen ist gut! Tu das! Solltest du mich in Flint suchen, so erkundige dich nach dem Sprengmeister Archibald Patrick.“

„Bist du das?“, grinste Paul.

„Yeah!“

„Okay.“

„Dann mach‘s gut!“, brummte Archibald Duggan, holte einen kleinen Reisekoffer aus dem Schlafzimmer und empfahl sich.

Paul Canada aber strahlte vor Stolz, als er später das gelungene Festmahl auftischte. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass er allein war. In seinem Magen hatten gut zwei Schnitzel und fünfzig Unzen Schotenreis Platz. Um eine gute Verdauung zu garantieren, stellte er eine Flasche Whisky neben den Teller. Es konnte losgehen.

Eben wollte er zum Besteck greifen, da läutete es an der Tür. Knurrend schob Paul Canada seine Körpermasse in den Flur hinaus. Er öffnete.

„Nanu?“, murmelte er ungläubig.

Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Vor ihm standen ein älterer Mann und ein junges Mädchen. An dem Mann war nichts Besonderes. Aber die junge Dame hatte es in sich. Sie war schlank, biegsam, doch keineswegs mager. Ihr Gesicht glich einem Reklamefoto für kostbare Seife. Sie besaß wundervoll geschwungene Lippen, hellgrüne Augen unter stolzen Brauen und seidige Haare, die dunkelrot schillerten. Alles in allem war sie ein Bild von einem Mädchen.

„Wer sind Sie?“, fragte Paul verwirrt,

„Ich heiße Philip Jefferson“, sagte der Mann, „und war früher Zuchthausaufseher in Alcatraz. Jetzt lebe ich von meiner bescheidenen Pension und gehöre dem Fürsorgeverband für entlassene Strafgefangene an. Sie verstehen mich sicher … wenn man ein Leben lang unter Häftlingen war, will man auch später den Kontakt mit ihnen nicht mehr missen. Deshalb setze ich mich für sie ein, wenn sie ihre Strafe verbüßt haben. Dies hier ist Miss Swanson … Liz Swanson … aber dürfen wir nicht eintreten?“

Paul Canada rechnete rasch die Schnäpse nach, die er während der Kocherei inhaliert hatte. Er kam nur auf drei Doppelte. Also konnte er nicht betrunken sein. Er vertrug gut das Fünffache.

„Bitte, kommen Sie!“, sagte er zögernd. Das ungleiche Paar folgte ihm ins Wohnzimmer. Paul bot den beiden bequeme Polstersessel am Rauchtisch an. Er selbst nahm auf der Couch Platz. Dabei schielte er sehnsüchtig zu seinem dampfenden Teller hinüber. Schade um das lukullische Mahl!

„Sie sind der bekannte Schriftsteller Paul Canada?“, fragte der ehemalige Zuchthausaufseher.

„Ja, der bin ich“, seufzte Paul.

„Können Sie sich ausweisen?“

„Genügt Ihnen mein Pass?“

Das amtliche Dokument wurde sorgfältig geprüft.

„Geht in Ordnung, Mr. Canada“, sagte Philip Jefferson. „Sie wohnen während ihrer Aufenthalte in New York bei Mr. Duggan. Ist auch das richtig?“

„Auch das!“, nickte Paul gequält.

Philip Jefferson zog ein wichtig aussehendes Schriftstück aus seiner Aktenmappe. „Selbstverständlich“, sprach er beinahe feierlich, „hat der Fürsorgeverband für entlassene Strafgefangene Ihre Verhältnisse sorgfältig geprüft, bevor er Ihr Gesuch genehmigte. Sie unternehmen ausgedehnte Studienreisen, schreiben gute Bücher, die auch von den Frauenvereinen gebilligt werden, Sie verfügen über ein ansehnliches Vermögen und kamen nie mit dem Gesetz in Konflikt. Also war gegen Ihr Gesuch nichts einzuwenden.“

„Gegen welches Gesuch?“, fragte Paul mit hervorquellenden Augen.

Philip Jefferson lächelte nachsichtig.

„Schriftsteller scheinen etwas zerstreut zu sein. Das kann man verstehen. Sie leben in einer Phantasiewelt, nicht wahr? Sie, Mr. Canada, haben vor etwa acht Wochen um eine Schreibhilfe gebeten, die Ihre Reisenotizen sauber zu Papier bringt und in druckreife Manuskripte verwandelt. Miss Swanson wird …“

„Nie“, schrie Paul Canada erbost, „nie habe ich an Ihren komischen Verband ein solches Gesuch gerichtet. Ich schreibe meine Romane selbst, verstanden?“

Philip Jefferson machte ein erstauntes Gesicht.

„Ihre Unterschrift liegt bei den Akten, Mr. Canada! Ihre beglaubigte Unterschrift! Überdies hat Mr. Duggan als Bürge unterzeichnet. Daran lässt sich nichts mehr anderen.“

„Dies“, ächzte Paul, „ist ein entsetzlicher Irrtum. Was soll ich denn mit der jungen Dame anfangen? Sie ist sehr nett und sieht bezaubernd aus, gewiss, aber …“

„Mr. Duggan meinte, Miss Swanson entspräche genau Ihrem Geschmack und besäße auch die Einfühlungsgabe, die für diesen Beruf erforderlich ist.“

Sekundenlang keimte in Paul ein fürchterlicher Verdacht auf, aber dann ließ er den Gedanken doch wieder fallen.

„Mr. Duggan meinte, dass Sie viele Reiseberichte zunächst ins Tonband diktieren und im Übrigen eine schreckliche Klaue schreiben, wie er sich ausdrückte. Es ist eine Spezialität von Liz Swanson, Tonbanddiktate fehlerfrei zu tippen …“

Der Widerstand Pauls erlahmte. Es ließ sich nicht leugnen, dass er mit der Maschine oft seine Schwierigkeiten hatte. Es stimmte auch, dass seine Reiseberichte manchmal schwer zu lesen waren, so häufig waren Zeilen durchgestrichen, Worte durchkreuzt und mit Tintenkuli verbessert.

Nachdenklich blickte er zu Liz Swanson hin. Ihre Schönheit faszinierte ihn. Ihr bezauberndes Lächeln machte ihn verlegen. Ein Kuss dieser betörend roten Lippen musste ein Geschenk des Himmels … Philip Jefferson unterbrach seine sündigen Gedanken.

„Liz Swanson“, sagte er, „saß zehn Monate im Frauengefängnis Longdale. Sie führte sich gut. Deshalb wurde ihr der Rest der Strafe im Paroleverfahren erlassen.“

Paul Canada verfärbte sich. Seine Blicke wurden starr. „Sie saß im Gefängnis?“, murmelte er stockend. „Wie furchtbar!“

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Mr. Canada!“, wies ihn der ehemalige Aufseher von Alcatraz zurecht. „Liz Swanson war zunächst in der Gefängniswäscherei beschäftigt. Sie ist eine perfekte Büglerin. Später kam sie dann in die Verwaltungskanzlei. Im Maschinenschreiben kann man ihr nur das Urteil Vorzüglich geben. Sie werden zufrieden sein, Mr. Canada.“

„Warum wurde sie denn eingesperrt?“, fragte Paul verwirrt.

„Miss Swanson reist recht gern. Diese Leidenschaft wurde ihr zum Verhängnis. Eben deshalb sehen wir sie gern an Ihrer Seite, Mr. Canada. Mit Ihnen wird sie von Berufs wegen in alle Länder kommen. Wir vom Fürsorgeverband müssen dann keine Sorge haben, dass sie rückfällig wird.“

Paul wollte nochmals protestieren, aber da war Philip Jefferson schon verschwunden.

Liz Swanson aber saß brav in ihrem Sessel. Ihre Haare schillerten wie flüssiges Kupfer. Ihre Augen waren jetzt grasgrün und ähnelten den Lichtern einer Katze.

„Wollen Sie etwas zu essen?“, fragte Paul schüchtern.

„Gern. Was gibt es denn?“

„Rahmschnitzel mit Schotenreis und Windsorsoße.“

„Herrlich. In der Gefängnisküche von Longdale waren sie etwas altmodisch. Meist bekamen wir Hammelfleisch mit grünen Bohnen.“

Paul unterdrückte ein Stöhnen.

Rasch holte er einen zweiten Teller herbei und belud ihn mit den duftenden Köstlichkeiten.

Er bekam einen roten Kopf, als Liz Swanson ihn fragte, wer diese Leckerbissen gekocht habe. Halb verlegen, halb stolz kassierte er ihr Lob.

Nach dem Essen verschwand Liz im Schlafzimmer. Sie kam nicht wieder zum Vorschein.

Paul starrte wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Tür. Was treibt sie denn, dachte er beunruhigt. Zieht sie sich um? Braucht sie dazu eine Stunde? Oder will sie etwa klauen?

Voller Sorge sprang er aus dem Sessel auf und pochte an die Tür des Schlafzimmers.

„Herein!“, sagte ihre schmeichelnde Stimme.

Paul stolperte linkisch über die Schwelle. „Wo bleiben Sie denn so lange?“, fragte er mit vorgerecktem Hals.

Es war leicht festzustellen, was sie inzwischen getan hatte: Sie hatte die Betten gemacht, aufgeräumt und die verstreuten Kleidungsstücke in den Schrank gehängt.

Damit nicht genug: Sie hatte mit weiblichem Instinkt herausgefunden, wo sich Bügeleisen und Bügelbrett befanden, den Stecker in den Kontakt gesteckt und fleißig geplättet, was die Wäscherei nicht schrankfertig geliefert hatte.

Eben nahm sie sich die giftgrün gestreiften Schlafanzüge Paul Canadas vor.

„Gefallen Sie Ihnen?“, fragte er stotternd.

„Ich finde sie wundervoll“, sagte das rätselhafte Wesen. „Mein Mann muss später einmal die gleiche Farbe wählen.“

„Haben Sie denn schon einen Freund?“, fragte Paul mit gesträubtem Bart.

„Ja“, sagte sie.

„Wo ist er … ich meine, wo hält er sich auf … dieser Freund?“

„In Flint.“

„Wie bitte?“, schrie Paul hysterisch.

„In Flint. Er ist schon seit anderthalb Jahren dort.“

Paul deutete energisch auf drei karierte Anzüge. „Packen Sie sofort den großen Koffer. Wir gehen auf die Reise.“

Liz Swanson bekam schmachtende Augen. „Wohin soll‘s gehen, Meister? Nach Feuerland? Indien? Oder zum Nordpol?“

„Nach Flint!“, zischte Paul Canada aufgebracht.

 

 

3

In Flint suchte sich Archibald Duggan zunächst ein Quartier, das er in einem bescheidenen Gasthof fand. In den Baracken am Tunnel wollte er nicht wohnen. Er hatte seine Gründe dafür.

Sein nächster Weg führte ihn zum Polizeigefängnis. Der leitende Inspektor empfing persönlich den berühmten Gast, der ihm durch Fernschreiben angekündigt worden war.

„Hoffentlich bringen Sie nichts Unangenehmes, Mr. Duggan. Wir sind hier nicht auf Rosen gebettet und haben Ärger genug. Darf ich den Grund Ihres Besuches erfahren, Mr. Duggan?“

„Bitte, keinen Namen nennen!“, sagte der CIA-Mann mit einem schrägen Blick auf die Tür. „Da wir nicht wissen, wo sich der Gegner verbirgt, wollen wir von allem Anfang an vorsichtig sein. Ich

heiße Archibald Patrick, solange ich mich in Flint aufhalte, und bin als Sprengmeister im Abschnitt 1 beim Tunnelbau eingesetzt.“

„Verstehe!“, lächelte der Inspektor. „Sie wollen anonym bleiben. Beim Geheimdienst ist das so üblich, nicht wahr? Was können wir für Sie tun, Mr. äh … Patrick?“

„Sie werden Sam Larsen laufen lassen.“

Der Inspektor fiel aus allen Wolken. Sein Hals färbte sich dunkelrot. „Wie soll ich das verstehen? Wir bringen Sam Larsen noch heute oder morgen zum Singen. Es ist erwiesen, dass er zu den Helfern Ralph Rattigans gehört. Begreifen Sie, was das bedeutet?“

„Warum nicht!“, entgegnete Archibald Duggan bescheiden. „Ich selbst mache seit einem halben Jahr Jagd auf Ralph Rattigan.“

„Na also! Dann wissen Sie ja, wie schwer dieser Dämon zu fangen ist. Wo er auftaucht, verbreitet er Angst und Schrecken. In Flint ist die Hölle los, seit er auf der Bildfläche erschien. Hier – ganze Berge von Akten registrieren seine blutige Spur.“

„Ralph Rattigan“, meinte Archibald Duggan mit höflichem Lächeln, „fällt unter die Zuständigkeit des Geheimdienstes.“

„Mord gehört auch zum Aufgabenbereich der Polizei“, widersprach der Inspektor energisch. „Wir bemühen uns seit Wochen, die Gewalttaten dieses Schurken aufzuklären. Überdies ist uns die Unterstützung eines FBI-Agenten zugesagt worden.“

Archibald hob überrascht die Brauen.

Aber er sagte nichts. Stattdessen faltete er ein Papier auseinander und legte es auf den Tisch.

Hastig überflog der Inspektor die Zeilen, die Unterschriften, die Siegel.

Enttäuscht erhob er sich. „Gegen die hohen Herren kann ich allein natürlich nichts ausrichten. Wenn sie beschlossen haben, Sam Larsen in Freiheit zu setzen, muss ich mich fügen. Aber mir ist nicht wohl bei dem Gedanken. Sam Larsen steht unter dringendem Mordverdacht. Und da er diesen Mord mit größter Sicherheit im Auftrag Ralph Rattigans ausführte, hätten wir vielleicht endlich eine Spur dieses Schurken aufnehmen können.“

„Nein!“, war die Antwort Archibald Duggans. „Bestimmt nicht. Was weiß diese kleine Null schon über die geheimnisvollen Drahtzieher hinter den Kulissen. Selbst wenn er ein Geständnis ablegen wollte, könnte er Ihnen nicht viel Neues berichten. Anders liegt der Fall, wenn wir Sam Larsen laufen lassen. Dann werden die Hintermänner ans Tageslicht kriechen und … “

„Sam Larsen zu ermorden versuchen.“

„Vielleicht“, grübelte Archibald Duggan nachdenklich. „Daran wird man sie eben hindern müssen. Bestimmt aber werden sie sofort mit Sam Larsen in Verbindung treten und ihn aushorchen, ob und was er der Polizei über diesen mysteriösen Mordfall verraten hat.“

„Übernehmen Sie die Beschattung Sam Larsens?“

„Ja.“

„Gut. Dann will ich seine Entlassung nicht länger verzögern. Auf Wiedersehen, Mr. äh … Patrick.“

 

 

4

Der Mann, über dessen weiteres Schicksal hier eben verhandelt wurde, hockte um diese Stunde auf seiner Pritsche, hatte eine Decke über seine Knie gebreitet und stierte stumpfsinnig auf das nackte Viereck des vergitterten Zellenfensters.

Es mochte etwa fünf Uhr nachmittags sein. Der Abend kündigte sich an. Die hohen Mauern draußen warfen schon lange Schatten.

Sam Larsen gab sich keinen Illusionen hin.

Sie werden mich auspressen wie eine Zitrone, sinnierte er. Wochenlang, monatelang. Dann werden sie Anklage erheben. Anklage wegen Mordes. Wenn ich nicht einen gerissenen Anwalt bekomme, werden sie einen Schuldspruch fällen, auch wenn es gar keine Leiche gibt. Die verdammten Indizien sprechen gegen mich. Bei dem Hundekadaver fehlt eine Kugel, und im Gemäuer am Turpin Wall wollen sie mir aus dieser Kugel einen Strick drehen. Dabei ließe sich doch von Experten leicht feststellen, aus welcher Waffe der Schuss am Turpin Wall abgefeuert…

Ein Schlüssel fuhr rasselnd ins Schlüsselloch. Ein Riegel klirrte. Die Zellentür tat sich auf.

Der Aufseher der Polizeihaftanstalt stand auf der Schwelle. „Kommen Sie!“, befahl er gutmütig.

„Was denn, was denn?“, zeterte Sam Larsen. „Schon wieder zum Verhör. Ich dachte, Sie brächten das Abendbrot. Sagten Sie nicht, dass es heute Abend Zwiebelfleisch mit Röstkartoffeln und Feldsalat gibt …“

„Machen Sie keine Flausen! Der Chef will Sie sprechen.“

Sam Larsen wurde in die Verwaltungskanzlei gebracht. Dort erwartete ihn der leitende Inspektor. Mit abgewandtem Gesicht. Seine Finger trommelten nervös auf das Fensterbrett.

„Auf dem Tisch liegen Ihre Sachen, Mr. Larsen. Brieftasche, Uhr, Geldbörse, Taschenmesser. Unterschreiben Sie die Quittung. Sie können gehen. Sie sind frei.“

In diesem Augenblick fuhr der Inspektor herum. Er hörte eine Stimme, die vor Erregung und Glück schwankte. Zweifelnd und misstrauisch starrten ihn zwei weit aufgerissene Augen an.

„Stimmt das, Sir? Bin ich wirklich frei? Oder soll das eine neue Masche sein, ein Geständnis …“

„Gehen Sie!“, schnaubte der Inspektor. „Sie können selbst nicht begreifen, weshalb wir Sie laufen lassen, wie? Dusel gehabt, Mann! Diesmal reichen die Beweise nicht aus. Aber Sie werden

wiederkommen. Schon bald. Verlassen Sie sich auf mein Wort.“

Sam Larsen hatte weder Lust noch Geduld zu weiterer Unterhaltung. Mit affenartiger Geschwindigkeit raffte er seine Sachen zusammen, er kritzelte seine Unterschrift auf die Quittung, dann waren nur noch seine Absätze zu sehen.

Während er durch die Stadt Flint hastete, hatte er keine Ahnung, dass Archibald Duggan wie sein eigener Schatten an ihm klebte. Nicht für den Bruchteil einer Sekunde verlor er ihn aus den Augen, obwohl es bereits dunkelte und die grauen Massen von Arbeitern der Tagschicht durch die Straßen fluteten.

Vor der Nick-King-Kantine verhielt Sam Larsen den Schritt. Anscheinend wollte er einen kurzen Imbiss einnehmen, als Ersatz für die versäumte Gefängnismahlzeit.

Auch in der Kantine rückte ihm Archibald Duggan dicht auf den Pelz. Deutlich konnte er jede Silbe verstehen, als Sam Larsen seine Bestellung aufgab. „Eine Kraftbrühe mit Ei, ein Sandwich und einen dreifachen Gin.“

Während er den belebenden Trank schlürfte, spähte Sam Larsen ruckartig wie eine Henne nach allen Seiten, als würde er jemand erwarten.

Zunächst blieb er jedoch allein.

Erst als er mit Essen fertig war, huschte eine zwielichtige Gestalt an seinen Tisch. Der Mann sprach gedämpft. Monoton sprudelten die Worte über seine Lippen.

Archibald Duggan lauschte angestrengt.

Alles konnte er nicht verstehen. Aber das hörte er: „Du hast heute Nachtschicht, Sam. Ich weiß nicht, wer dich eingeteilt hat, aber du stehst auf der Liste. In einer halben Stunde musst du anfangen.“

„Ich?“, schnaubte Sam Larsen gereizt. „Wieso denn ich? Kein Mensch konnte ahnen, dass ich noch heute aus dem Kasten komme.“

„Vielleicht weiß überhaupt niemand, dass du drin warst. Ich würde es dabei belassen, Sam. Es ist besser für deine Arbeitspapiere.“

Sam Larsen gähnte mürrisch in sein Schnapsglas hinein.

Dann wurde seine Miene plötzlich misstrauisch. „Will mich jemand sprechen im Tunnel?“, fragte er heiser.

Der andere hob die Schulter. „Vielleicht Tim Lincoln. Er muss ja über deine Freilassung berichten. Du findest ihn ihm achten Querstollen.“

Sam Larsen schwenkte rasch noch einen Gin hinunter, nachher stand er auf und stelzte auf die Kantinentür zu.

Archibald Duggan blieb wieder hartnäckig hinter ihm. Während des Marsches griff er in die Tasche und sortierte die Ausweise, die ihm die CIA beschafft hatte. Es waren insgesamt vier: Einer berechtigte zum Betreten der Baustelle, der zweite zur Einfahrt in den Tunnel, Abschnitt eins bis vier, der dritte war ein Dauerpassierschein, der ihm das Verlassen des Tunnels auch während der Arbeitszeit erlaubte, der vierte war ein Sprengmeisterbrief. Sämtliche Ausweise lauteten auf den Namen Archibald Patrick.

An den Papieren fehlte also nichts.

Dennoch blieb das Risiko noch groß genug.

Das sollte Archibald Duggan erfahren, als er den Tunnel zum ersten Male zu Gesicht bekam. Nie zuvor hatte er eine derart riesige Baustelle gesehen.

Überall gewaltige Abraumhalden, Kräne, Bagger, Bulldozer und Lastzüge, die das ans Tageslicht beförderte Gestein und Erdreich wegschleppten, Aufzugtürme, Betonkuppeln und Barackenunterkünfte.

Das war oben.

Unten sah alles noch viel monströser aus. Allein der Bauabschnitt eins war unübersehbar. Wie eine haushohe schwarze Röhre schob sich der Tunnel ins dämmernde Nichts. An den betonierten Gewölbewänden klebten Hunderte von Glühbirnen und Scheinwerfer.

Archibald Duggan kam sich in dem Gewimmel wie eine Ameise vor. Verschwitzte und dreckige Gesichter, wohin man sah. Schwarze, gelbe, braune und weiße Männer. Unzählige gebeugte, schweißnass glänzende Rücken.

In das Geschrei der Streckenaufseher mischte sich das betäubende Dröhnen der Presslufthämmer, Bohrer, Walzen und Schlepper. Ein Inferno! Ein Schlachtfeld der Arbeit!

Archibald Duggan biss sich auf die Lippen. Wie sollte man aus dieser unzählbaren Schar die Schuldigen aufspüren, wie sollte man die Saboteure und Unruhestifter von den Harmlosen trennen?

Es gelang ihm ja kaum, Sam Larsen im Auge zu behalten. Wo war er denn? Hatte er bereits zu einem Werkzeug gegriffen? Oder meldete er sich erst bei seinem Capo?

Dort, zur Rechten, lag Querstollen eins, in dem der leitende Ingenieur Zermatto ums Leben gekommen war. Herabstürzende Felsblöcke hatten ihn und elf Arbeiter erschlagen.

Zwanzig Yards weiter, unter einer riesigen Hebebühne, hatte es seinen Nachfolger erwischt. Ein Halteseil war gerissen und hatte den Chefingenieur wie eine Mücke an die Wand gepeitscht. Damit nicht genug.

Jeder Yard der unterirdischen Strecke war mit Todesopfern gesäumt. Sprengstoffanschläge hatten verheerend unter den Arbeitern gewütet, zahlreiche Wassereinbrüche weitere Menschenleben gefordert und den Ausbau der Strecke stets von neuem verzögert.

Mit geheimem Schaudern dachte Archibald Duggan an die vielen ahnungslosen Männer, die in den gähnenden Tunnel eingefahren waren und nie mehr das Tageslicht erblickt hatten. Wenn ihm das Glück nicht zur Seite stand, würde er eines Tages zu dieser düsteren Schattengruppe gehören. Vielleicht! Wahrscheinlich!

Da war Sam Larsen wieder.

Zwischen Geleisen und Maschinen bewegte er sich vorwärts, immer tiefer in den Tunnel hinein.

Der lärmende Betrieb ließ nach. In den hinteren Querstollen wurde nur in Tagschicht gearbeitet. Um diese Abendstunde krochen nur einige Spezialisten auf den Gerüsten umher.

Im achten Querstollen brannten fast keine Lichter. Finster wie ein Höllenschlund tat sich das Gewölbe auf. Weit entfernt war das hämmernde Rattern der Bohrer.

Sam Larsen blickte sich unruhig um.

Archibald Duggan konnte er nicht sehen, denn der routinierte CIA-Mann hielt sich hinter einem Betonpfeiler verborgen.

Sonst war niemand da.

Doch! Von der Stollenwand löste sich plötzlich ein Schatten. Völlig geräuschlos. Mit katzenhaften Bewegungen. Wie ein verschwommener Schemen kam er näher. Jetzt endlich nahm er Gestalt an. In dunklen Umrissen tauchte er aus dem Zwielicht. Sam Larsen stockte mitten im Schritt.

Seine Augen glühten wie Kohlen. Abwehrend streckte er die Hände vor. „Wer ist da?“, rief er mit flackernder Stimme.

Ein leises Gelächter antwortete ihm. „Hast‘n schlechtes Gewissen, wie? Das kommt davon, wenn man sich nicht an Ralphs Befehle hält. Am Turpin Wall hast du dich ganz schön dämlich benommen. Wenn Ralph nicht noch in letzter Sekunde geschossen hätte …“

Sam Larsen setzte sein finsterstes Gesicht auf. „Ihr habt mich aber auch sauber hängen lassen. Wenn‘s nach euch gegangen wäre, könnte ich im Knast versauern, bis ich schwarz …“

Details

Seiten
131
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937763
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535877
Schlagworte
archibald duggan tunnel

Autor

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Titel: Archibald Duggan und der Tunnel