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Wenn für sie die Welt einstürzt - Sechs Arztromane von A. F. Morland

2020 674 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wenn für sie die Welt einstürzt

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

Dann stürzte die Welt für sie ein

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Ihr letzter Sommer mit Tobias?

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Nur Engel dürfen ewig leben

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

Und morgen beginnt unsere Zukunft

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Was ich in deinen Augen lese

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

Zu spät zur Umkehr?

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

Wenn für sie die Welt einstürzt

 

 

Sechs Arztromane von A. F. Morland

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by A. F. Morland

© Cover: Christian Dörge/Pixabay.

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Dann stürzte die Welt für sie ein

› Ihr letzter Sommer mit Tobias?

› Nur Engel dürfen ewig leben

› Und morgen beginnt unsere Zukunft

› Was ich in deinen Augen lese

› Zu spät zur Umkehr?

 

 

***

 

 

Dann stürzte die Welt für sie ein

 

 

Klappentext:

 

Barbara Klinkenbach war leichenblass und zitterte wie Espenlaub. Aus ihren Augen quollen Tränen. Geistesabwesend starrte sie auf den Boden, stammelte wirres Zeug und war nicht ansprechbar. Die besorgte Pflegerin eilte zu ihr. »Mein Gott, Frau Klinkenbach, was ist denn mit Ihnen?«, fragte sie eindringlich. Und noch eindringlicher rief sie: »Frau Klinkenbach!« Sie nahm Barbaras Kopf zwischen ihre Hände und wollte sie zwingen, sie anzusehen, doch Barbara nahm sie nicht wahr, schaute durch sie hindurch. »Frau Klinkenbach, bitte beruhigen Sie sich! Was ist denn passiert?« Barbara wurde von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt. Sie klammerte sich verzweifelt an die Krankenschwester, presste ihre Wange gegen sie, weinte haltlos und schluchzte: »Es ist alles aus …!«

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Er fährt zu schnell, viel zu schnell, dachte Barbara Klinkenbach und warf ihrem Verlobten einen nervösen Blick zu. Jochen Hagenberg saß voll konzentriert, mit verkniffenem Mund, hinter dem Steuer und sah starr geradeaus. Jede Gelegenheit nutzte er, um jene Autos, die vor ihm fuhren, zu überholen. Aber damit war nichts gewonnen. Es fuhren immer wieder Autos vor ihm. Es war ein schöner Sonntag gewesen. Dementsprechend dicht war nun der Rückreiseverkehr nach München. Sonne, Wärme und strahlendblauer Himmel hatten die Städter ins Grüne gelockt und nun fand das übliche allwöchentliche Wettrennen statt, das unter dem ewig gleich lautenden Motto abgehalten wurde: Wer sitzt als erster daheim vor der Glotze?

Eben überholte Jochen wieder. Vor einer sanften Kurve! Das war riskant! Jochen konnte unmöglich sehen, ob ihm ein Fahrzeug entgegenkam. In Barbara krampfte sich alles zusammen. Sicher, Jochen war ein guter Autofahrer, aber selbst der Beste hatte nicht immer nur Glück. Auch er konnte irgendwann Pech haben. Mit diesem aggressiven, wagemutigen Fahrstil forderte er das Unheil ja geradezu heraus.

Kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve zwängte sich Jochen zwischen zwei Autos. Eine Hupe protestierte hinter ihm, und er wurde ärgerlich angeblinkt.

»Ja, ja«, blaffte er mit einem gereizten Blick in den Rückspiegel. »Schon gut. Reg dich wieder ab, Freund.«

In seinem Wagen ist er ein völlig anderer Mensch, dachte Barbara. Er ist bei Gott kein Einzelfall. Viele Leute verändern sich in ihrem Wesen total, sobald sie in ihr Auto steigen. Welche Ursache mag diesem Phänomen zugrunde liegen?

Gleich nach der Kurve gab Jochen wieder Vollgas. Sein Mercedes sprang förmlich aus der Kolonne und überholte fünf Wagen, ehe der Gegenverkehr ihn zwang, sich wieder einzureihen. Klein und blass saß Barbara neben ihrem Verlobten und schwor sich wieder einmal, nicht mehr bei Jochen mitzufahren. Aber wenn nächstes Wochenende schönes Wetter war, würde sie es doch wieder tun. Wie oft mochte sie diesen Schwur schon gebrochen haben? »Musst du denn so rasen, Jochen?«, kam es heiser über Barbaras Lippen. »Ich rase doch nicht. Ich fahre bloß zügig.«

»Wir haben es doch nicht eilig. Ob wir zehn Minuten früher oder später nach Hause kommen, spielt doch überhaupt keine Rolle«, versuchte Barbara ihren Verlobten zur Vernunft zu bringen.

»Es nervt mich, in der Kolonne zu fahren. Du weißt, wie sehr ich das hasse. Diese Schleicher würden ihr Auto ja am liebsten nach Hause tragen! Da spiele ich doch nicht mit.«

»Ich habe Angst, wenn du so schnell fährst, Jochen«, sagte Barbara eindringlich.

»Quatsch, Liebling. Ich hab’ doch alles bestens im Griff«, behauptete Jochen Hagenberg. »Habe ich dich bisher nicht immer sicher heimgebracht? Ich bin keiner von diesen zaudernden Sonntagsfahrern, die ihren Wagen nur am Wochenende aus der Garage holen. Ich bin jeden Tag mit dem Auto unterwegs. Ich kenne mich aus auf der Straße.« Er riss den Mercedes schon wieder aus der Kolonne und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Herr im Himmel, lass es auch diesmal wieder gut gehen!, flehte Barbara im Geist, während sie die Finger in ihren Sitz krallte. Sie hatte an diesem Sonntag besonders viel Angst. Steckte etwa eine böse Ahnung dahinter? Nie mehr fahre ich mit ihm!, dachte sie aufgeregt. Nie mehr! Diesmal halte ich mein Wort.

Vor ihnen befand sich eine Bodenwelle, die kaum wahrzunehmen war. Es hatte den Anschein, als würde die Straße waagrecht und schnurgerade verlaufen aber plötzlich tauchte aus dieser Senke ein Fahrzeug auf!

Barbara blieb vor Schreck das Herz fast stehen. Entsetzt riss sie die Augen auf. »Jochen!«

Jochen fluchte und bremste. Rechts war die Kolonne so dicht, dass er nicht hineinkam. Diesmal geht es schief! schrie es in Barbara. Der Fahrer des entgegenkommenden Wagens bremste eben falls und versuchte verzweifelt, auszuweichen, einen Frontalzusammenstoß zu verhindern. Jochen blieb nichts anderes übrig, als den Mercedes irgendwie in die Kolonne zu drücken. Hupen plärrten. Bremsen kreischten. Es kam zu einer Massenkarambolage. Die Hölle war los.

Ein harter Aufprall … Ein satter Knall … Ein schmerzhafter Ruck … Die Welt wurde zu einem Kreisel … Der Mercedes über schlug sich mehrmals, verlor die Frontscheibe, staubige Luft stürzte herein … Alles ging rasend schnell, innerhalb weniger Sekunden war’s vorbei … Dann kamen Schwärze und eine tiefe Ohnmacht …

Jochen kam mehrmals zu sich, aber er gelangte nie ganz an die Oberfläche des Bewusstseins, blieb immer knapp darunter. Alles um ihn herum spielte sich hinter seltsam waberndem Nebel ab, und die Stimmen, die er hörte, schienen durch dicke Daunenkissen an sein Ohr zu dringen. Er konnte nicht denken, fühlte nichts, hatte keine Schmerzen. Er konnte nichts tun, musste alles mit sich geschehen lassen. Er wurde gezogen, gezerrt. Hände hielten ihn fest. Arme umklammerten ihn.

»Vorsichtig«, sagte jemand. »Ganz vorsichtig. Er kann innere Verletzungen haben … Verdammt, wo bleibt denn nur der Rettungshubschrauber? Was ist mit der Frau? Ist sie tot?«

Jochens Geist glitt wieder ab ins schwarze Nichts. Als es um ihn herum erneut heller wurde, lag er auf einer Trage, vernahm das laute Flappern eines Rotors, und jemand hielt neben ihm eine Blutkonserve hoch.

Eine Stimme brüllte: »Wo bleibt ihr denn? Her mit der Vakuummatratze für die Frau! Nun macht schon! Herrgott, geht das nicht etwas schneller? Könnt ihr euch nicht etwas mehr beeilen?«

Vier Mann legten Barbara Klinkenbach ganz behutsam auf dieses Transportmittel. Es handelte sich hierbei um einen Plastikbehälter in Matratzenform, der winzige Kunststoffkugeln enthielt. Sobald man Barbara darauf gebettet hatte, wurde die Luft herausgesaugt, wodurch sich die Kugeln formschlüssig und unverschiebbar gegen die Hautoberfläche lagerten, sodass die Matratze wie ein gut anmodelliertes Gipsbett wirkte …

Als nächstes bekam Jochen Hagenberg mit, dass er sich im fliegenden Helikopter befand. Er wollte etwas sagen, doch kein Laut kam über seine Lippen … Wieder Schwärze … Dann helle Leuchtstoffröhren … Ein kleiner Raum … Man untersuchte ihn … Nadelstiche … Eine Platzwunde wurde genäht … Schwärze …

Inzwischen war Barbara Klinkenbach gründlich untersucht und von allen Seiten geröntgt worden. Biegungs-Stauchungs-Bruch der Wirbelsäule, lautete die Diagnose. Zwei Wirbelkörper drückten auf das Rückenmark und verursachten eine Querschnittslähmung der Patientin. Der Unfallchirurg entschied sich zu einer Laminektomie, um das Rückenmark freizulegen, das gegen Sauerstoffmangel ähnlich empfindlich ist wie das Gehirn. Nur wenige Minuten genügen zur Nervenzellenerstickung. Man musste die drückenden Knochenbruchstücke schnellstens entfernen und brachte die Patientin deshalb unverzüglich in den Not-OP. Glück im Unglück für Barbara war es, dass sich die Schädigung nicht oberhalb des vierten Halssegments befand, denn in diesem Fall hätte der Ausfall des Zwerchfellnervs für sie spätestens nach wenigen Tagen tödliche Folgen gehabt.

Laminektomie das ist Millimeterarbeit, nichts für Grobschmiede. Die Operation wird in Seitenlage durchgeführt. Der Chirurg führte einen Längsschnitt über die Dornfortsätze in Höhe der gebrochenen Wirbel und bemühte sich, dem Rückenmark Luft zu verschaffen. Abschließend würde er zur Ableitung der Nachblutung eine Dränage einlegen.

Während man Barbara operierte, kam ihr Verlobter wieder zu sich. Langsam hoben sich seine Augenlider. Da war ein verschwommenes Gesicht. Jochen wollte sich aufsetzen, aber es ging nicht. Seine rechte Schulter war seltsam starr, und diese Unbeweglichkeit setzte sich in seinen Arm fort. Ein Panzer schien seinen Brustkorb zu umschließen. Hatte man ihn eingegipst? Das verschwommene Gesicht wurde allmählich klarer. Jochen erkannte eine Krankenschwester. Sie lächelte ihn freundlich an, mit kleinen Fältchen um die Augen. Er war fünfunddreißig. Die Schwester hätte seine Mutter sein können, und mütterliche Wärme ging auch von ihr aus.

»Ich bin Schwester Dagmar«, sagte sie sanft.

»In welchem Krankenhaus bin ich?«, hörte er sich fragen.

Schwester Dagmar verriet es ihm.

Er wusste, dass er einen Unfall gehabt hatte, und wollte wissen, welche Verletzungen er erlitten hatte. Die Schwester sprach von einer Platzwunde an der Stirn, die genäht werden musste, von einer Nasenbeinfraktur, von Quetschungen und Hautabschürfungen und zuletzt erwähnte sie, dass seine rechte Schulter gebrochen sei. Die Infusion, die er bekam, sollte seine Schmerzen lindern und den Unfallschock bekämpfen.

»Und …« Jochen schluckte. »Wie geht es meiner Verlobten? Ist sie auch hier?«

»Ja, Herr Hagenberg, sie ist auch bei uns«, antwortete Schwester Dagmar.

»Ist sie schwer verletzt?«, fragte Jochen heiser.

»Ich weiß es nicht.«

»Bitte!«, flehte Jochen. »Sie müssen es mir sagen.«

»Ich weiß es wirklich nicht«, beteuerte Schwester Dagmar.

Jochen glaubte ihr nicht. Sie wollte ihm nicht Auskunft geben. Er sollte sich nicht aufregen. Aber er regte sich auf, wenn man ihm die Wahrheit vorenthielt. Es musste sehr schlimm um Barbara stehen, wenn Schwester Dagmar schweigen musste. Begriff man denn nicht, dass seine Fantasie verrücktspielte, wenn man ihn nicht informierte?

»Ist, ist Barbara überhaupt noch am Leben?«, krächzte er.

»Selbstverständlich ist sie das«, antwortete Schwester Dagmar sanft. »Machen Sie sich um Ihre Verlobte keine Sorgen, sie ist in besten Händen, es wird alles getan, was nötig ist. Versuchen Sie zu schlafen. Schlaf ist die allerbeste Medizin.«

»Wann darf ich aufstehen?«

»Morgen.«

»Darf ich dann auch Barbara besuchen?«

»Das wird der Arzt entscheiden«, antwortete Schwester Dagmar und schob ihm eine kleine Pille zwischen die Lippen.

»Was ist das? Was geben Sie mir da?«

»Keine Angst, ich habe nicht die Absicht, Sie zu vergiften.« Schwester Dagmar schob die Hand unter seinen Kopf, hob ihn ein wenig an und setzte ihm eine Schnabeltasse, in der sich Tee befand, an seinen Mund. »Trinken Sie. Sie müssen sich entspannen und ausruhen.« Er schluckte die Pille. »So ist es brav«, sagte die Krankenschwester zufrieden. »Wenn Sie weiter so folgsam sind, wird es Ihnen bald wieder gut gehen.«

 

 

2. Kapitel

 

Tags darauf musste er das Bett verlassen. Jede Bewegung tat ihm weh. Er humpelte. Aber er war wieder auf den Beinen. Und Barbara? Er wusste es nicht. Man sagte es ihm nicht, speiste ihn mit hohlen Phrasen ab, und niemand war zuständig. Ja man schien nicht einmal zu wissen, wo Barbara Klinkenbach lag.

Sie befand sich auf der Intensivstation, doch das verschwieg man ihm. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut, hieß es immer wieder. Den Umständen entsprechend … Das sagte überhaupt nichts aus. Er konnte es schon nicht mehr hören. Mit geschicktem Taktieren konnten sie ihn einen weiteren Tag hinhalten. Dann erschien ein hagerer weißhaariger Arzt und war bereit, mit ihm zu reden.

Zunächst fragte er: »Wie geht es Ihnen, Herr Hagenberg?«

Und diesmal war es Jochen, der antwortete: »Es geht mir den Umständen entsprechend gut.«

»Ich bin Doktor Möhner«, sagte der alte Arzt, der wohl schon viel Leid in seinem langen Berufsleben gesehen hatte. »Ich habe Ihre Verlobte operiert.«

»Barbara musste operiert werden?«

»Sie hat bei dem Unfall eine Wirbelsäulenverletzung erlitten.«

Jochen wurde blass. »O mein Gott. Ist es sehr schlimm? Konnten Sie ihr helfen?«

»Es waren wichtige Gefäßäste blockiert, wodurch die Gefahr bestand, dass die betroffenen Abschnitte abstarben«, sagte Dr. Möhner. »Meinen Kollegen und mir gelang es, diese Gefahr zu bannen …«

»Aber Barbara ist gelähmt, nicht wahr?«, kam es tonlos über Jochens Lippen. »Sie wird nie mehr gehen können, hab’ ich recht, Doktor Möhner?«

»Wir haben getan, was wir konnten, Herr Hagenberg.«

Jochen starrte fassungslos vor sich hin. »Nie wieder gehen laufen tanzen springen …« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Sie hat so gerne Tennis gespielt … Sie war eine sehr gute Tennisspielerin … Wir haben uns auf dem Tennisplatz kennen gelernt …«

»Sie wird wieder Tennis spielen«, sagte Dr. Möhner.

Jochen sah ihn ungläubig an.

»Nach einer umfassenden Rehabilitation«, ergänzte der Chirurg.

Jochens Blick wurde glanzlos. »Im Rollstuhl«, sagte er rau. »Sie wird für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein.«

»Wenn sie sich erst mal damit abgefunden hat, wird ihre Lebensfreude bestimmt zurückkehren«, meinte der Arzt tröstend. »Ich kenne viele Querschnittgelähmte, die trotz ihrer Dauerbehinderung ein ausgeglichenes Leben führen und glücklich und zufrieden sind.«

Jochen schüttelte bitter den Kopf. »Nicht Barbara, Doktor Möhner. Sie wird an diesem Schicksalsschlag zerbrechen.«

»Oh, ich glaube, Sie kennen Ihre Verlobte nicht gut genug, Herr Hagenberg. Sie ist eine sehr tapfere junge Frau, die sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Sie ist fest entschlossen, zu kämpfen, ihr Schicksal zu meistern und das schwere Los, das ihr aufgebürdet wurde, zu tragen. Sie hat damit sogar schon begonnen.«

»Wo ist sie?«

»Auf der Intensivstation«, antwortete Dr. Möhner.

Jochen gab es einen Stich. »Darf ich zu ihr?«

Der weißhaarige Chirurg schüttelte den Kopf. »Nicht heute.«

»Wann?«

»In den nächsten Tagen.« Dr. Möhner verabschiedete sich mit tröstenden Worten und der forschen Aufforderung, den Kopf nicht hängen zu lassen. Dann ging er auf seinen beiden gesunden Beinen hinaus.

So kann man anderen leicht Mut zusprechen, dachte Jochen niedergeschlagen. Er hat darunter ja nicht zu leiden. In ein paar Wochen schiebt er Barbara in ein Rehabilitationszentrum ab und hört nie wieder von ihr. Aus den Augen, aus dem Sinn … Aber wir, wir leiden weiter Barbara und ich. Jawohl, auch ich. Vielleicht sogar noch mehr als Barbara seelisch, denn ich habe diesen folgenschweren Unfall verschuldet. Und Barbara, im Rollstuhl, wird mich immer an diese schwere Schuld erinnern. Sie wird mir nichts vorwerfen. Ihr Anblick wird genügen, um mich zu peinigen.

Er weinte. Und er hörte seinen Vater spöttisch sagen: »Was bist du nur für ein jämmerlicher Schwächling. Heult wie ein Mädchen. Aus dir wird nie ein richtiger Mann. Richtige Männer weinen nicht.«

Richtige Männer … Zum Teufel damit!

Es vergingen vier Tage, bis Jochen zu Barbara durfte. Sein schlechtes Gewissen wollte ihn zu Boden drücken. Seine Füße waren schwer wie Blei. Den eingegipsten rechten Arm wie zum Gruß erhoben, betrat er den großen Aufzug, in dem zwei Krankenbetten Platz hatten, und fuhr einen Stock höher. Barbara befand sich nicht mehr auf der Intensivstation. Sie wurde aber nach wie vor intensiver betreut als leichtere Fälle, weil bei Querschnittsgelähmten die Gefahr eines Dekubitus, einer Druckschädigung des Gewebes, insbesondere der Haut, besteht. Ein Gesunder bekommt ein unangenehmes Gefühl und schließlich Schmerzen, wenn ein gewebsschädigender Hautdruck entsteht. Ein Gelähmter fühlt nichts. Und außerdem kann er sich nicht rühren, um eine Druckentlastung zu erreichen.

Jochen wurde grauenvoll schwer ums Herz, als er das Zimmer betrat, in dem sich Barbara befand. Sie lag in einem Drehbett, das die Pflege der Patientin erleichterte, weil man mit einem raschen Griff jederzeit die Auflagefläche verändern konnte. Barbara wusste, dass er kommen würde. Dr. Möhner und Schwester Dagmar hatten sie auf seinen Besuch vorbereitet. Er schlich wie ein Hund, der Prügel erwartet, zu ihr und wagte ihr kaum in die Augen zu sehen. Was sollte er sagen? Sollte er sie fragen, wie es ihr ging? Das sah er. Es konnte ihr nicht gut gehen und es war seine verdammte Schuld.

Die Frage kam von ihr: »Wie geht es dir?«

Seine Kehle war schmerzhaft trocken. »Na ja …« Er zuckte die gesunde Achsel. »Ich bin wieder auf den Beinen …« Er hätte sich am liebsten kräftig auf den Mund geschlagen. Wie konnte er nur so gedankenlos sein und so etwas sagen? Beine waren doch ein Tabuthema. »Entschuldige«, sagte er zerknirscht.

Sie forderte ihn auf, sich zu setzen. Er betrachtete sie lange schweigend, und das Mitleid zerriss ihm fast das Herz. Er sah sie vor seinem inneren Auge lachen und laufen. Schnell und wendig wie eine Gazelle war sie … Aber das Bild verblasste sehr rasch, und dann hatte Jochen seine Verlobte so vor sich, wie sie heute war durch seine Schuld. Er wäre am liebsten davongerannt. Aber Flucht war keine Lösung.

»Hast du Schmerzen?«, erkundigte er sich. Seine Stimme klang wie die eines Greises.

»Nein«, antwortete Barbara. »Und du?«

»Kaum.«

Sie schwiegen. Jochen wusste wieder nicht, was er sagen sollte. Draußen schien die Sonne.

»Ein schöner Tag«, bemerkte Jochen mit belegter Stimme.

»Ja, sehr schön«, sagte Barbara leise.

Immer diese peinlichen Pausen, dachte Jochen. Als ob wir uns nichts mehr zu sagen hätten.

Er stieß hervor, was ihn quälte: »Ach, Barbara, wenn ich doch nur auf dich gehört hätte nur dieses eine Mal. Dann wäre dir das erspart geblieben …«

»Es war Bestimmung, Jochen. Es musste passieren.«

»Bitte verzeih mir, verzeih …, verzeih … Ich habe das nicht gewollt … Ich dachte, ich wäre unfehlbar, mir könne einfach nichts passieren … Der Himmel hat mich für diesen Frevel bestraft das geht in Ordnung. Ich beklage mich nicht. Aber warum hat er dich …«

Sie spürte heiße Tränen hochsteigen, schloss kurz die Augen und schluckte. »Ich werde damit fertig, Jochen. Mit deiner Hilfe … Mit deiner Liebe …«

Er berührte behutsam ihre Hand, streichelte sie zärtlich. »Ich, ich werde immer für dich da sein, Barbara. Ich schwöre es. Du kannst auf mich zählen. Nie werde ich dich im Stich lassen. Du und ich wir beide gehören zusammen. Für immer und ewig. Ich werde nie aufhören, dich zu lieben. Wir werden mit diesem grausamen Schicksal fertig. Gemeinsam sind wir stark. Ach, was sage ich? Unschlagbar sind wir!«

Plötzlich gab es keine peinlichen Pausen mehr. Die Worte sprudelten nur so aus Jochen heraus. Er hatte Ideen für die Zukunft. Bisher hatten sie getrennt gewohnt. Er in einem Büro Apartment, sie in einem Haus. Das sollte sich nun ändern. Er würde zu Barbara ziehen, um sich rund um die Uhr um sie kümmern zu können. Außerdem würde er eine Pflegerin für sie einstellen, damit sie auch dann nicht ohne Hilfe und Aufsicht war, wenn er arbeitete. Er war Architekt. Ein Zimmer in Barbaras Haus würde ihm als Büro genügen. Er würde ihr den besten und teuersten Rollstuhl besorgen, den es gab, und ihr Haus rollstuhlgerecht umbauen. Auch Aufzüge würde er einbauen lassen, damit sie sich jederzeit auch allein in den Keller oder ins Obergeschoss begeben konnte, wenn sie es wollte. Er nahm sich ganz fest vor, Barbara das Leben im Rollstuhl so leicht wie nur irgend möglich zu machen …

Von diesem Tag an besuchte er Barbara täglich, und er freute sich, wenn er sah, dass es ihr wieder ein bisschen besser ging.

Als er wieder bei Barbara war, öffnete sich die Tür, und Dr. Felix Riedmann, sein Freund und Anwalt, trat ein.

»Warum lässt du dir dein Bett nicht raufbringen?«, fragte der übergewichtige Rechtsanwalt grinsend. »Dann wärst du Tag und Nacht bei Barbara.«

»Bedauerlicherweise herrschen in Krankenhäusern prüde Sitten«, gab Jochen lächelnd zurück. »Man legt größtes Augenmerk darauf, dass Frauen und Männer in getrennten Abteilungen schlafen.«

»Tatsächlich? Und das hält man für sinnvoll?« Dr. Felix Riedmann zeigte Barbara die Blumen, die er mitgebracht hatte. Ein wunderschöner, großer, farbenprächtiger und geschmackvoll arrangierter Strauß war es, für den er nun eine Vase suchte und auch fand. Nachdem er die Blumen versorgt hatte, machte er Barbara ein paar nette Komplimente, um sie aufzuheitern.

Barbara lächelte dankbar. »Bist ein netter Kerl, Felix.«

»Ist ein Geburtsfehler«, grinste der Anwalt. »Ich kann nicht anders.«

»Deshalb mögen wir dich«, sagte Jochen. »Und deshalb habe ich mir auch noch keinen anderen Anwalt gesucht.«

Felix machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich weiß, du hältst mich für einen lausigen Anwalt, aber das stört mich nicht, solange du pünktlich meine Honorarnoten bezahlst. Hör zu, Barbara, solltest du jemals die Absicht haben, dich von meinem Freund scheiden zu lassen, bin ich dein Mann. Ich vertrete dich sogar kostenlos.«

»He!«, lachte Jochen. »Wir sind ja noch nicht mal verheiratet.«

»Na und? Ich darf doch wohl schon mal mein Angebot in den Raum stellen, oder etwa nicht?«

Dr. Möhner erschien mit zwei Assistenzärzten und bat Jochen und Felix, hinauszugehen. Auf dem Flur schob der Anwalt die Hände in die Hosentaschen und schüttelte langsam den Kopf.

»Das arme Mädchen. Vor ein paar Tagen habe ich sie noch Tennis spielen sehen und nun … Alles aus. Vorbei. Für immer. Man stelle sich das einmal vor: Für immer!«

Die Freunde gingen den Gang entlang.

»Sie ist stark. Sie kommt darüber hinweg«, sagte Jochen.

Felix blieb stehen und sah ihn ernst an. »Ja, sie wird sich irgendwann damit abfinden, nicht mehr laufen zu können. Der Rollstuhl wird zu ihrem Leben gehören wie der weiße Stock zum Blinden. Eine Selbstverständlichkeit für Barbara. Aber was ist mit dir?«

»Mit mir?«

Felix nickte. »Wie stark bist du? Hast du ebenso viel Kraft wie Barbara?«

»Ich denke schon.« Es klang ein wenig unsicher.

»Du liebst sie.«

»Ich wäre nicht mit ihr verlobt, wenn ich sie nicht lieben würde«, sagte Jochen heftig.

Sie gingen weiter.

»Wie lange wirst du sie wohl lieben können?«, fragte Dr. Felix Riedmann düster.

Jochens Augenbrauen zogen sich zusammen. Eine Unmutsfalte bildete sich über seiner Nasenwurzel. »Was soll diese Frage?«

»Ein Jahr? Zwei? Hast du vor, sie zu heiraten? Sie kann dir keine Kinder schenken, Jochen. Sie kann dir nicht einmal Liebe geben, körperliche Liebe, meine ich. Du bist ein gesunder Mann, und sie … Wie lange glaubst du, ihr treu sein zu können? Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was da auf dich zukommt? Bist du willens und fähig, ein Leben in völliger sexueller Enthaltsamkeit zu führen? Eine platonische Ehe …«

»Sei still, Felix!«, sagte Jochen scharf. »Ich will nichts mehr davon hören!«

»Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, mein Freund. Früher oder später wirst du den grausamen Tatsachen ins Auge sehen müssen.«

»Vielleicht. Aber nicht heute, nicht jetzt. Barbara braucht mich meine moralische Unterstützung, meine Zuneigung, meine Liebe. Ich bin schuld daran, dass sie in diesem Drehbett liegt und von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Das werde, das darf ich nie vergessen. Ich habe ihr das angetan ich, ich, ich! Ich hätte einen verdammt miesen Charakter, wenn ich dafür nicht geradestehen würde. Jeden Morgen müsste ich mir beim Rasieren ins Gesicht spucken«, sagte Jochen leidenschaftlich. Er bat Felix, zwei Rollstühle zu besorgen. Einen für zu Hause, mit Elektromotor, und einen für die Straße. »Die besten, die es gibt will ich für Barbara haben«, sagte er. »Lass dich beraten. Und bring in Erfahrung, welches das beste Rehabilitationszentrum für Querschnittgelähmte in unserem Land ist. Wirst du das für mich tun, Felix?«

Der Anwalt nickte. »Aber selbstverständlich.« Er lächelte. »Und ich werde dir nichts dafür berechnen.«

»Deine Großzügigkeit ist überwältigend.«

Dr. Felix Riedmann warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich muss zurück in meine Kanzlei. Vergiss, was ich vorhin gesagt habe, und bestelle Barbara noch einen lieben Gruß von mir.«

»Mach’ ich und danke, dass du uns besucht hast.«

»Ihr seid doch meine Freunde.«

 

 

3. Kapitel

 

Die Platzwunde an Jochen Hagenbergs Stirn war soweit verheilt, dass man die Nähte entfernen konnte. Es tat kaum weh. Es piekste nur ein wenig. Von den Schrammen fielen die Krusten ab. Die Blutergüsse anfangs dunkel und hässlich waren inzwischen verblasst. Jochen war weitgehend beschwerdefrei, und er wäre glücklich gewesen, wenn man das auch von seiner Verlobten hätte sagen können.

Barbara lag nach wie vor in diesem Drehbett, das nach dem Prinzip des (Kohleherd) Waffeleisens funktionierte. Die Patientin konnte damit auf einfache Weise um die eigene Achse gedreht werden. In Schräglage rechts oder links, in Bauchlage und wieder in Rückenlage. Von der Lähmung waren auch Mastdarm und Blase betroffen, sodass man Barbara einen Katheter anlegen musste. Mit der Zeit würde sich eine »Reflexblase« bilden, hatte Dr. Möhner erklärt, und die Blasenentleerung wieder funktionieren.

Seinen Gips trug Jochen noch. Nach wie vor war sein rechter Arm wie zum Gruß erhoben. Er hatte sich an den Gipspanzer gewöhnt, er störte ihn nicht einmal mehr beim Schlafen.

»Du siehst schon wieder ganz passabel aus«, sagte Barbara zu ihrem Verlobten.

Er beugte sich über sie und küsste sie. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

»Wie fühlst du dich?«

»Es geht. Ich muss insgesamt acht Wochen stramm liegen, sagt Doktor Möhner.«

Jochen sah sich im Geist wieder rasen. Jeden Tag verfolgten ihn die schrecklichen Bilder bis in den Schlaf. Wie hatte er sich einbilden können, dass das ewig gut gehen würde? Wie hatte er nur so idiotisch naiv sein können? »Und dann?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Das ist die Bruchheilungsfrist«, erklärte ihm Barbara. »Aber bis derartige Brüche fest genug sind, dass mit Rumpfbewegungen begonnen werden kann, vergeht in der Regel ein Vierteljahr.«

»Sobald die Ärzte es erlauben, machen wir Urlaub irgendwo, wo es schön ist. He, was hältst du von einer Karibikkreuzfahrt?«

»Wir werden sehen.«

Er grinste schief. »Klingt nicht gerade sehr begeistert.«

»Du musst mit mir Geduld haben, Jochen.«

»Aber ja. Hab’ ich. Hab’ ich. Wir brauchen nichts zu überstürzen. Wir haben jede Menge Zeit.«

»Wenn ich hier rauskomme, muss ich auch wieder an meine Arbeit denken.« Barbara war Kinderbuchautorin. Ihre Werke verkauften sich sehr gut. Es gab wohl keinen Buchladen im gesamten deutschsprachigen Raum, der kein Klinkenbach-Buch anbot. »Ich hab’ auch schon eine Idee für ein neues Buch.«

»Darüber wird sich Philip Grothe mächtig freuen«, sagte Jochen sarkastisch.

Grothe war Literatur-Agent und Barbara Klinkenbachs Entdecker. Seit fünf Jahren managte er sie und partizipierte finanziell an ihrem schriftstellerischen Erfolg mit. Barbara fand das völlig in Ordnung. Jochen jedoch nicht. Er mochte Philip Grothe nicht. Der Mann war in seinen Augen ein ausgekochtes Schlitzohr, aalglatt. Für ihn war Grothe ein Kerl, der sich sogar selber übers Ohr gehauen hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Seiner Ansicht nach leistete Grothe zu wenig und kassierte zu viel. Aber Jochen war freundlich zu ihm, weil Barbara ihn darum gebeten hatte. Mehrmals hatte er seiner Verlobten empfohlen, den Agenten zu wechseln. Sie hatte jedes Mal Nein gesagt und nun schnitt er dieses Thema nicht mehr an. Wenn Barbara diese berufliche Verbindung glücklich machte, wollte er ihr nicht im Wege stehen.

»Ich habe Grothe übrigens angerufen«, sagte Jochen nun. Barbara hatte ihn darum gebeten. »Er wird dich besuchen, sowie es ihm zeitlich ausgeht.«

Während Jochen das sagte, fragte sich Philip Grothe bereits im Krankenhaus zu Barbara Klinkenbach durch. Er verpasste Jochen Hagenberg, der auf seine Station zurückkehrte, nur ganz knapp. Gesund, braun gebrannt und vital betrat der Agent das Krankenzimmer, in dem Barbara lag. Sie freute sich, ihn zu sehen. Grothe war geschäftlich in Argentinien gewesen und gestern zurückgekommen. Er hatte seinen Aufenthalt in Übersee mit einem Kurzurlaub verbunden und wusste erst seit vierundzwanzig Stunden, welch grausames Schicksal Barbara ereilt hatte. Er konnte seine Erschütterung nur schlecht verbergen. Zum ersten Mal im Leben war der sonst so wortgewandte Agent sprachlos, als er Barbara in diesem Drehbett liegen sah. Mit einer solchen Situation war er noch nie konfrontiert gewesen. Alles, was er hätte sagen können, kam ihm dünn und banal vor.

Barbara baute ihm eine Brücke, indem sie ihm sagte, dass er ihr mit seinem Besuch eine große Freude mache. Und sie erzählte ihm von ihrer neuen Buchidee. Damit nahm sie ihm die Hemmungen. Er sah, dass sie nicht resigniert, sich nicht aufgegeben hatte, sondern bereits wieder an die Zukunft dachte und große Pläne hatte. Ihr Kampfgeist steckte ihn an. Er empfand Erleichterung, und es fiel ihm nicht mehr schwer, sich mit ihr zu unterhalten. Pechschwarz war sein Haar. Man hätte ihn für einen Italiener halten können. Ein fester, nicht zu großer Bauch wölbte sich über seiner Hose. Er trank zu viel und aß zu üppig. Häufig mit Verlegern oder Verlagsleitern und Lektoren, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass sich die meisten Geschäfte im eleganten Ambiente eines Luxusrestaurants besser anbahnen ließen als in seinem nüchternen Büro.

Er erzählte Barbara, dass ein großer Taschenbuchverlag ihre Bücher in sein Programm aufnehmen wolle. »Im Großen und Ganzen sind wir uns bereits einig«, lächelte er fuchsschlau. »Die Brüder liegen bloß mit ihrem Angebot noch etwas zu tief. Das wissen sie natürlich. Und ihnen ist auch bekannt, dass ich ein sehr zäher Verhandlungspartner bin, deshalb rechne ich in den nächsten Wochen mit einem Angebot, das wir akzeptieren können.«

Barbara fühlte sich von ihm hervorragend vertreten, und sie war froh, dass Jochen kein Wort mehr gegen Philip Grothe sagte. Sie war ein beständiger Mensch. Sie hielt nichts davon, jedes Jahr den Agenten zu wechseln. Philip Grothe verfügte über ausgezeichnete Kontakte, und er vermarktete ihre Werke zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Was wollte sie mehr?

»Ich kann es kaum erwarten, das neue Buch in Angriff zu nehmen«, sagte Barbara voller Tatendrang.

»Sie brauchen nichts zu überstürzen«, erwiderte Grothe. »Wenn es fertig ist, ist es fertig. Ich möchte, dass Sie’s ohne jeden Druck schreiben.«

Begeisterung funkelte in Barbaras Augen. »Es wird mein bestes Buch, das fühle ich.«

»Konzentrieren Sie sich erst mal darauf, so bald wie möglich aus dieser Klinik rauszukommen.«

Barbara lächelte. »Niemand hat daran mehr Interesse als ich selbst.«

Grothe rieb sich die Nase. »Ich weiß, es ist blöd, aber ich habe einen Horror vor Krankenhäusern.«

»Umso mehr weiß ich Ihren Besuch zu schätzen, Philip.«

Der Agent seufzte. »Ich sollte schon lange etwas gegen meine Krampfadern unternehmen, aber ich schiebe es immer wieder auf. Es gibt tausende von Gründen, die mich davon abhalten, ins Krankenhaus zu gehen, und einer ist fadenscheiniger als der andere.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich bin eben feige bis in die Knochen. Die meisten Männer sind feige. Frauen sind viel mutiger. Erstaunlich, dass es trotzdem so viele männliche Helden gibt. Ich denke, ein Großteil von ihnen wurde zum Heldentum gezwungen. Sie hatten gar keine andere Wahl, sonst hätten sie bestimmt gekniffen.« Er wechselte das Thema. »Übrigens, der Verlag, der Ihre Bücher in Frankreich herausbringt, möchte Sie nach Paris einladen.«

»Ich nehme die Einladung gerne an, aber unsere französischen Freunde müssen sich noch ein wenig gedulden.«

»Sicher. Das werden sie. Kein Problem.«

Philip Grothe blieb eine Stunde. Dann brachte Schwester Dagmar das Abendessen: Suppe, geschnetzeltes Kalbfleisch mit Reis und eine Banane. Nach dem Essen fragte Schwester Dagmar ein wenig verlegen, ob sie wohl eine ungewöhnliche Bitte äußern dürfe.

»Was haben Sie auf dem Herzen?«, erkundigte sich Barbara.

»Die Sache ist die«, begann die Krankenschwester umständlich, »meine Nachbarin sie ist seit zwei Jahren geschieden hat eine Tochter von acht Jahren, und die ist ein ganz großer Fan von Ihnen. Susanne, so heißt die Kleine sie ist mir richtig ans Herz gewachsen, besitzt all Ihre Bücher. Sie verschlingt sie geradezu und liest sie immer wieder. Einige hat sie schon viermal gelesen. Als ich ihr gestern erzählte, dass ich Sie kenne … Ich glaube, Sie wissen, was jetzt kommt …«

Barbara lächelte. »Sie möchten mich um ein Autogramm für Susanne bitten.«

»Wenn Sie’s nicht allzu aufdringlich finden.«

»Aber nein. Ich freue mich doch, dass der kleinen Susanne meine Bücher so gut gefallen.«

Schwester Dagmar strahlte. »Ich hole nur schnell einen Schreibblock und einen Signierstift.«

Und Barbara schrieb dann: »Für die treue Leseratte Susanne von Barbara Klinkenbach.«

»Danke«, sagte Schwester Dagmar begeistert. »Susanne wird vor Freude im Dreieck springen, wenn ich ihr das gebe.«

Zum ersten Mal nach dem Unfall war Barbara von einem wunderbaren Glücksgefühl erfüllt. Das Leben geht weiter, dachte sie. Vieles hat sich für mich geändert, aber nicht alles. Ich werde noch immer von Jochen geliebt, und die Kinder mögen nach wie vor meine Bücher. Diese starken Pfeiler werden meine Zukunft tragen.

 

 

4. Kapitel

 

Jochen Hagenberg wurde natürlich früher aus dem Krankenhaus entlassen als seine Verlobte. Er stürzte sich in die Arbeit, und wenn er nicht plante und zeichnete und mit Bauherren, Baumeistern und Behörden verhandelte, war er bei Barbara, um sie zu streicheln, mit ihr zu reden, ihr die Zeit zu vertreiben und in ihrer Nähe zu sein. Zwei Rollstühle standen bereit und warteten auf Barbara. Ihr Haus wurde um und Rollstuhlaufzüge wurden eingebaut. Jochen hatte sogar Wege im Garten anlegen lassen, damit Barbara auch draußen ohne Hilfe überall bequem hingelangen konnte. Er tat alles, um ihr dieses neue Leben im Rollstuhl so leicht und unkompliziert wie möglich zu machen.

Endlich war es dann auch für Barbara soweit. Sie weinte, als Dr. Möhner ihr eröffnete: »Morgen dürfen Sie heim.« Es waren heiße Freudentränen, die ihr über die Wangen rannen.

Heim … Nach Hause … Nach dieser langen Zeit …

Jochen war bei ihr, als sie in den Krankenwagen geschoben wurde. Eine kräftige, resolut wirkende Frau mittleren Alters in Pflegerinnentracht erwartete sie daheim.

»Ich bin Schwester Gertrud«, sagte sie. »Ich werde mich von nun an um Sie kümmern. Ich bin sicher, Sie werden mit mir zufrieden sein.«

»Schwester Gertrud hat große Erfahrung in der Pflege von Q Patienten«, warf Jochen ein. »Und ich bin ja auch noch da, falls es wider Erwarten Probleme geben sollte, mit denen ihr allein nicht fertig werdet.« Er zeigte auf die Tür, hinter der er mit Barbaras Einverständnis sein Büro eingerichtet hatte. Er führte ihr stolz alle Umbauten vor. Sie waren wohl durchdacht und intelligent in die Praxis umgesetzt worden.

Schwester Gertrud brachte Barbara bei, wie man den elektrischen Rollstuhl bediente. Sie betreute sie von morgens bis abends, badete sie, zog sie an, kochte für Barbara und Jochen, war ein echtes Juwel.

Barbara verbrachte einen ganzen Monat zu Hause. Diese Zeit reichte knapp, um das neue Buch zu schreiben. Nachdem ihr Agent es gelesen hatte, rief er an und meinte überschwänglich: »Es ist fantastisch, Barbara. So reif. So klug. So einfallsreich … Rasant, leicht verständlich und doch nicht trivial. Es ist das würdige Werk einer Wiedergeborenen. Ich bin sehr stolz auf Sie.«

Am darauf folgenden Tag brachte Jochen Hagenberg seine Verlobte in ein Reha-Zentrum neunzig Kilometer südlich von München. Er hatte wieder einen Mercedes. Wie er das mit der Verschuldensfrage gedreht hatte, entzog sich Barbaras Kenntnis. Sie wusste nur, dass er einige Leute in einflussreichen Positionen kannte, die ihm schon so manchen Gefallen getan hatten. Natürlich auf Revanche. Eine Hand wäscht die andere.

Jochen hatte seinen Fahrstil völlig umgestellt. Er raste nicht mehr, sondern fuhr ein vernünftiges Tempo, überholte kaum und verhielt sich im Straßenverkehr absolut defensiv. Wenn er immer so gefahren wäre …

Es war mit Schwester Gertrud vereinbart, dass sie Barbara wieder zur Verfügung stehen würde, wenn die Rehabilitation abgeschlossen war. Bis dahin würde sie die Pflege anderer Patienten, leichterer Fälle, übernehmen.

Nun begann für Barbara, die inzwischen Blase und Darm wieder kontrollieren konnte, eine harte Zeit. Genau dosierte Bewegungsübungen setzten ein. Barbara musste schwimmen. Man machte mit ihr Beuge und Streckübungen, massierte ihre gefühllosen Beine und versuchte die Nerven mit elektrischem Strom anzuregen.

Barbara machte alles mit großem Eifer mit. Auch die Meerwasserauftriebstherapie, die aus mehreren Gründen mit keiner bekannten Bewegungstherapie im Wasser vergleichbar ist, wie man ihr erklärte. Erstens liegt die konstante Temperatur von sechsunddreißig Grad über dem so genannten Indifferenzpunkt. Die Wärme wirkt entspannend und schmerzlindernd, die Durchblutung wird angeregt, der Patient kann nicht frösteln. Zweitens hat das Meerwasser einen Mineralgehalt von genau null Komma neun Prozent. Bei dieser Konzentration wird das Körpergewicht gerade aufgehoben, ein Gefühl der Schwerelosigkeit entsteht. Das Lösungsverhältnis entspricht drittens haargenau der Zusammensetzung der Serumflüssigkeit im menschlichen Körper. Das bedeutet einen Ausgleich des osmotischen Drucks, auch bei langer Behandlungsdauer tritt kein Austausch ein, keine Nebenerscheinungen wie die sonst übliche runzlige »Waschfrauenhaut«. Viertens gleichen speziell entwickelte Auftriebskörper, die man verschieden stark aufblasen kann, das Gewicht der über Wasser befindlichen Körperteile aus und bewirken eine unwillkürliche, automatische, sozusagen vorprogrammierte Bewegung. Durch häufige Wiederholung lernen auf diese Weise sogar gelähmte Gliedmaßen, die dem Willen nicht mehr gehorchen, bestimmte Bewegungen.

Man untersuchte Barbara immer wieder und war mit den erzielten Fortschritten zufrieden. Das machte Barbara Mut. Sie hoffte auf weitere Fortschritte und verbiss sich geradezu in das mühsame Training. Kein Wort der Klage kam über ihre Lippen. Die Ärzte hatten noch nie eine Patientin so hart arbeiten gesehen. Viel leicht brauchte sie eines Tages keinen Rollstuhl mehr. Vielleicht konnte sie irgendwann auf Krücken gehen oder mit Stöcken. Viel leicht … Vielleicht …

Es gab Wunder. Man hörte hin und wieder von Besserungen oder gar Heilungen, die die Ärzte nicht für möglich gehalten hätten weil sie über vieles noch zu wenig wussten, oder weil sie schlechte Propheten waren und sie ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung gar nicht so selten im Stich ließ. Barbara hatte sich entschlossen, zu hoffen und zu kämpfen, um die winzigste, mikroskopischste Chance zu kämpfen. In erster Linie für sich, aber auch für Jochen.

Er konnte sie hier nicht so häufig besuchen wie im Krankenhaus. Barbara hatte Verständnis dafür. Hin und zurück waren es immerhin hundertachtzig Kilometer. Sie sahen sich an den Wochenenden. Dann schob Jochen sie im Rollstuhl durch den Park, erzählte ihr von seiner Arbeit und war immer sehr lieb zu ihr. Er freute sich ganz irrsinnig über jeden Fortschritt, von dem sie ihm berichtete und brachte ihr stets ein kleines Geschenk mit. Ein handbemaltes Seidentuch, eine Brosche, einen Anhänger für ihr Armband …

»Nächsten Donnerstag muss ich nach Kiel«, eröffnete er ihr im Schatten dunkler Tannen. »Ein Großauftrag. Ich muss bis Dienstag bleiben.«

Das hieß, dass er sie nächstes Wochenende nicht besuchen konnte. Schade.

»Vielleicht schaff’ ich’s, am Mittwoch für eine Stunde runterzukommen«, sagte Jochen.

»Für eine Stunde lohnt sich doch die weite Fahrt nicht«, erwiderte Barbara. »Ich möchte nicht, dass du dir meinetwegen diesen Stress antust. Dann fährst du womöglich wieder zu schnell und … Besser, du rufst mich an.«

»Na, schön.«

Am Wochenende war Barbara sehr einsam. Die meisten Patienten hatten Besuch von Freunden und Verwandten. Barbara war allein und wusste nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollte. Jochen rief nicht an. Weder am Samstag noch am Sonntag.

Erst am Mittwoch meldete er sich. Barbara bemühte sich, ihn ihre Enttäuschung nicht merken zu lassen. »Wie war es in Kiel?«, erkundigte sich mit spröder Stimme.

»Ach, erinnere mich nicht daran«, blaffte Jochen gereizt.

»Hast du den Auftrag nicht bekommen?«

»Diese Leute denken, man hat seine Zeit gestohlen.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Barbara.

»Die ganze Angelegenheit war ein abgekartetes Spiel«, grollte Jochen. »Es stand von vornherein fest, wer den Auftrag bekommen würde. Man hat mich und einige andere Architekten lediglich eingeladen, um den Schein zu wahren.«

Deshalb hatte Jochen am Wochenende nicht angerufen. Er hatte ihr nicht von dieser beruflichen Niederlage erzählen wollen. Die Wunde war wohl noch zu frisch gewesen. Barbara versuchte ihn zu trösten, aber sie wusste nicht, ob sie die richtigen Worte fand. Jochen war sehr ehrgeizig. Und jetzt, wo sie zu körperlicher Liebe nicht mehr fähig war, bekam seine Arbeit natürlich zwangsläufig einen größeren Stellenwert in seinem Leben.

»Kommst du am Samstag?«, fragte Barbara.

»Selbstverständlich, Liebes«, antwortete Jochen. Der Ärger hallte noch in seiner Stimme nach. »Nichts kann mich davon abhalten, dich zu besuchen.«

»Ich freue mich auf dich«, sagte Barbara leise.

»Geht es dir gut?«, erkundigte sich Jochen.

»Ja. Ich übe sehr fleißig.«

»So ist es brav. Ohne Fleiß kein Preis.«

Als Jochen am Samstag im Reha-Zentrum erschien, wirkte er verdrossen. Er hatte Ärger mit säumigen Zahlern und stieß mit seinen Ideen auf baupolizeilichen Widerstand. Er erwähnte das nur ganz kurz und auch nur deshalb, weil Barbara ihn nach dem Grund seiner schlechten Laune gefragt hatte.

»Ich will dich nicht mit meinen Problemen belasten«, knurrte er.

»Ich möchte teilhaben an deinem Leben«, sagte Barbara. »Du darfst mich nicht ausschließen. Hier ist ein Tag wie der andere. Ich erlebe nichts.«

Er lachte. »Da wird man sensationshungrig, nicht wahr?«

Sie saßen auf der überdachten Terrasse. Es regnete leicht, aber das störte die Amseln nicht, fröhliche Lieder zu schmettern.

Barbara lernte in diesem Heim Bogenschießen und Fechten. Sie nahm an verschiedenen Ballspielen teil und spielte mit anderen Querschnittgelähmten Tischtennis. Nach wie vor nahm sie die krankengymnastischen Übungen sehr ernst, und manchmal bildete sie sich nur ganz kurz ein, das Gefühl würde allmählich in ihre Beine zurückkehren. Aber sie freute sich nicht, denn sie wusste, dass es nicht stimmte.

»Ich arbeite jetzt wieder bei mir zu Hause«, eröffnete ihr Jochen bei seinem nächsten Besuch. »Da habe ich einfach bessere Ideen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.«

Sie bat ihn, ihr zu erzählen, woran er gerade arbeitete. Ein Großindustrieller hatte ihn mit dem Umbau einer alten Villa beauftragt.

»Das befriedigt zwar nicht den schöpferischen Menschen in mir«, sagte er, »aber es bringt mir eine Menge Geld ein. Und Geld macht unabhängig.«

Sein Kopf war voll von großen Plänen, die er so bald wie möglich realisieren wollte. Er erzählte Barbara davon, konnte sich für seine neuen Ideen dermaßen begeistern, dass er wie aufgezogen redete. Barbara kam kaum dazu, etwas einzuwerfen. Er führte einen stundenlangen Monolog. Als der Abend kam, verabschiedete er sich von Barbara und fuhr nach München zurück.

»Fahr vorsichtig«, hatte sie leise gesagt, während ihre Hand seinen Fingern entglitten war.

»Hundert auf der Autobahn«, hatte er lächelnd erwidert. »Und keinen Kilometer mehr. Ich bin ein Mensch, der aus seinen Fehlern lernt.«

Als Barbara dann im Bett lag und den Tag Revue passieren ließ, dachte sie: Jochen hat sich verändert. Er ist anders geworden. Oder täusche ich mich? Er spricht wie ein Wasserfall über seine Arbeit, verliert jedoch kein Wort mehr über uns, über unsere gemeinsame Zukunft. Er ist bei mir, aber zwischen uns befindet sich eine unsichtbare Wand. Ich komme nicht mehr an ihn heran. Er ist kühl und manchmal verärgert und gereizt …

Sofort meldete sich in Barbara eine Gegenstimme: Er hat viel zu tun, hat geschäftlichen Ärger, muss berufliche Tiefschläge verkraften. Er kann das alles nicht wie eine Koppel abschnallen und zu Hause lassen, wenn er zu dir kommt. Er bringt seine Sorgen mit und sollte von dir doch wohl erwarten dürfen, dass du dafür Verständnis aufbringst. Auch in Jochens Leben scheint nicht pausenlos die Sonne.

Liebt er mich noch? fragte sich Barbara unsicher. Besucht er mich, weil es ihm ein Herzensbedürfnis ist, mit mir zusammen zu sein, oder erfüllt er damit nur eine von Mal zu Mal lästiger werdende Pflicht?

Eiseskälte raste plötzlich in ihr Herz. Als Jochen sich verabschiedet hatte, hatte er sie zwar innig umarmt, aber er hatte sie nicht geküsst.

Er hatte sie ganz bestimmt nicht geküsst. Hatte er vergessen? Hatte er absichtlich vergessen?

So etwas kann doch mal vorkommen, versuchte ihr die gute Stimme einzureden. Dir ist es doch selbst erst jetzt aufgefallen, dass er dich nicht geküsst hat. Er hat beruflichen Kummer. Du darfst nicht alles, was er tut oder sagt oder nicht tut oder nicht sagt auf die Apothekerwaage legen. Natürlich liebt er dich noch. Warum sollte er dich nicht mehr lieben?

Warum sollte er mich noch lieben? stellte Barbara die Gegenfrage. Was habe ich ihm denn als Frau noch zu bieten?

Du hast nicht nur einen Körper. Du hast auch eine Seele.

Ich bin nennen wir die Dinge doch beim Namen ich bin ein Krüppel, eine ewige Belastung für Jochen, ein Hemmschuh, Ballast, den er eines Tages abwerfen wird. Ich kann meine Beine nicht mehr gebrauchen.

Aber deinen Kopf. Du kannst wunderbare Bücher schreiben.

Ich kann Jochen keine Kinder schenken.

Ihr könnt welche adoptieren.

Um ihn noch mehr zu belasten?

Barbara weinte sich in dieser Nacht in den Schlaf. Sie war sich Jochens Liebe nicht mehr sicher, und das machte sie unendlich traurig.

Diese depressive Phase hielt die halbe Woche an. Erst ein langes Gespräch mit dem Anstaltspsychiater brachte Erleichterung und ließ Barbara wieder positiv denken. Am Ende der Woche war sie wieder obenauf und willens, die Zähne ganz fest zusammenzubeißen und zu kämpfen.

 

 

5. Kapitel

 

Nach vier Monaten kam sie wieder nach Hause. Man hatte sie im Reha-Zentrum seelisch und körperlich so gut wie möglich auf ihr neues Leben eingestellt. Sie war psychisch und physisch fit. Mehr konnte man nicht für sie tun. Nun musste sie selbst sehen, wie sie mit diesem anderen Leben zurechtkam. Bestens gewappnet, war sie bereit, die Herausforderung anzunehmen.

Jochen übersiedelte nicht noch einmal in ihr Haus. Wie bereits erwähnt, habe er in seinem eigenen Heim, in der gewohnten Umgebung, die besseren Ideen, und davon lebe er. Das müsse sie verstehen.

Sie verstand es, und sie hatte auch Verständnis dafür, dass er bis spät in die Nacht arbeitete und dann nicht mehr die Kraft hatte, zu ihr zu kommen. Natürlich musste sein Beruf Vorrang haben.

Sie bemühte sich, verständnisvoll und tolerant zu sein. Schließlich wollte sie Jochen ja nicht vertreiben, aber er machte es ihr nicht leicht. Ihre Beziehung kühlte ab. Aus zwei Menschen, die einander innig geliebt hatten, wurden zunächst gute Freunde und dann nur noch Freunde, die immer weniger Gemeinsames hatten, denn Jochen konnte laufen und Barbara nicht. Und jene, die laufen können, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, ihre Beine zu gebrauchen, haben nun einmal andere Interessen und einen weiteren Aktionsradius als jene, die nicht laufen können.

Jochen ließ sich immer seltener blicken. Als Grund schob er seine Arbeit vor. Barbara wusste, dass es eine Ausrede war, denn wenn sie ihn anrief, hob er nicht ab. Konnte nicht abheben, weil er nicht zu Hause war. Weil er ausgegangen war. Ohne sie. Vielleicht mit einer anderen Frau. Mit einer, die gesunde Beine hatte und in der Lage war, sich ihm hinzugeben. Bitternis erfüllte Barbara. Sie ließ es sich nicht anmerken, obwohl ihr dieses verlogene Spiel zuwider war. Aber sie wollte Jochen ja nicht ganz verlieren.

Einsam war sie nicht. Sie hatte Schwester Gertrud, die immer zur Stelle war, wenn sie sie brauchte, und sie hatte ihre Arbeit, mit der sie sich betäubte. Aber sie vermisste das schöne Gefühl, geliebt zu werden. In ihrem Herzen gähnte eine deprimierende Leere. Manchmal fiel ihr ein, was Jochen nach dem Unfall alles zu ihr gesagt hatte. Nichts von seinen Schwüren und Versprechungen hatte noch Gültigkeit. Jeder lebte sein eigenes Leben. Sie entfernten sich immer mehr voneinander.

Jemand, der seinen Namen nicht nannte, aber betonte, dass er es gut mit Barbara meine, rief an, um sie wissen zu lassen, dass Jochen sie betrog. Sie hatte das schon längere Zeit gespürt, gewusst. Der Anruf war die Bestätigung.

Zuerst fährt er mich zum Krüppel, und dann nimmt er sich eine andere, dachte Barbara verzweifelt. Das Leben war in ihren Augen so ungerecht, dass sie mit dem Gedanken spielte, es freiwillig zu beenden.

An einem trüben Sonntag besuchte Philip Grothe sie. »Sie sind allein?«, fragte er überrascht.

»Wie Sie sehen«, erwiderte Barbara mit dünner Stimme.

»Wo ist Jochen Hagenberg?«

»Ich weiß es nicht.«

Grothe sah sie ungläubig an. »Sie wissen nicht, wo Ihr Verlobter ist?«

»Ich habe keine blasse Ahnung.«

»Er vernachlässigt Sie«, knirschte der Agent.

»Er hat sehr viel zu tun«, sagte Barbara, ohne Jochen verteidigen zu wollen.

»Auch am Sonntag?«

»Natürlich auch am Sonntag.«

»Verdammt, Barbara, dieser Schurke hat Ihre Beine auf dem Gewissen, und nun, wo Sie ihn mehr denn je brauchen, lässt er Sie allein«, polterte Grothe.

»Ich möchte nicht, dass er sich nur aus Mitleid um mich kümmert. Und ich möchte nicht, dass Sie ihn einen Schurken nennen, Philip«, sagte Barbara ernst.

»Aber er ist einer.«

»Behalten Sie Ihre Meinung für sich, sonst müsste ich Sie bitten, zu gehen, und das täte mir sehr leid.«

Doch Philip Grothe konnte nicht still sein. Er war einfach zu empört. »Jochen Hagenbergs Platz wäre jetzt an Ihrer Seite und wo ist er? Sie wissen es nicht einmal.«

Barbaras Halsschlagadern zuckten. »Das ist doch wohl meine Sache, oder?«

»Ich habe Jochen Hagenberg nie sonderlich gemocht. Jetzt kenne ich den Grund. Dieser Mann ist ein skrupelloser Egoist.«

Barbara wollte die Wahrheit nicht hören. Sie tat ihr zu weh. Salzige Tränen rannen ihr über die Wangen, und nun schwieg der Agent endlich.

»Bitte verzeihen Sie mir, Barbara«, sagte er zerknirscht. »Ich wollte Ihnen keinen Schmerz zufügen, aber … Na ja, lassen wir das. Sind Sie ganz allein im Haus? Wo ist Ihre Pflegerin?«

»Sie ist ins Kino gegangen. Ich habe ihr frei gegeben. Ich komme die kurze Zeit auch ohne sie ganz gut zurecht. Darf ich es Ihnen beweisen? Möchten Sie Kaffee?«

»Machen Sie sich meinetwegen keine Umstände«, wehrte der Agent ab.

»Es sind keine Umstände.« Barbara bediente ihren elektrischen Rollstuhl. Sie konnte damit schon sehr gut umgehen, fuhr ein Stück rückwärts, wendete und fuhr in die Küche. Bei Kaffee und Kuchen sagte sie wenig später: »Ich möchte ein neues Buch in Angriff nehmen, Philip.«

»Nur zu«, ermunterte er sie.

»Aber es wird kein Buch für Kinder werden.«

Grothe sah sie überrascht an. »Kein Kinderbuch?«

Barbara schenkte sich Kaffee nach, nahm Milch und rührte um. »Ich möchte mir das, was ich erlebt habe, von der Seele schreiben. Ich brauche das gewissermaßen als Seelentherapie.«

»Ich verstehe.«

Der Agent ließ sich von Barbara ein zweites Stück Kuchen aufdrängen. Er lobte das süße Backwerk und erfuhr, dass Schwester Gertrud es nach einem alten Familienrezept zubereitet hatte.

»Ich bin im Moment als Kinderbuchautorin festgelegt«, nahm Barbara den Gesprächsfaden wieder auf. »Niemand weiß noch, ob ich auch etwas anderes zustande bringe. Ich werde dieses Buch aber trotzdem schreiben, und wenn es niemand haben will, dann wird es eben in einer meiner Schreibtischladen Schimmel ansetzen aber das, was sich in mir angesammelt hat, muss raus, sonst macht es meine Seele krank. Ich muss mich davon frei schreiben.«

»Wenn das Buch fertig ist, werden wir einen Verleger dafür finden«, sagte der Agent zuversichtlich. »Sie können schreiben, verstehen interessant und packend zu erzählen. Das kommt überall an. Ich bin schon sehr neugierig auf Ihre neue Arbeit.«

Schwester Gertrud kam vom Kino zurück. Der Film hatte ihr nicht gefallen. Philip Grothe blieb noch eine halbe Stunde, dann verabschiedete er sich. Kurz danach rief Jochen an.

»Wie geht es dir?«, fragte er mit unpersönlicher Routine, ohne echte Anteilnahme. In Wahrheit interessierte ihn Barbaras Antwort vermutlich gar nicht mehr. Er hörte sich so an, als wäre es ihm ein lästiges Muss, zu fragen.

Barbara hätte am liebsten aufgelegt. Was sollte diese sinnlose Farce noch?

»Gut«, hörte sie sich antworten.

»Ich ersticke mal wieder in Arbeit«, behauptete Jochen.

Natürlich, dachte Barbara gallig. Wir kennen das ja schon.

Jochen lachte trocken. »Ich werde einfach nicht klüger. Immer halse ich mir zu viel auf, und dann weiß ich nicht, wie ich’s bewältigen soll. Du bist mir doch hoffentlich nicht böse, dass ich nicht zu dir kommen konnte.«

»Aber nein.«

»Was hast du gemacht?«, erkundigte sich Jochen.

»Philip Grothe war hier.«

»Oh, dann hattest du ja ohnehin Zerstreuung. Du, ich muss jetzt Schluss machen. Ich erwarte einen wichtigen Anruf. Ich umarme dich.« Es klickte in der Leitung. Jochen hatte aufgelegt.

Früher hatte er nicht »Ich umarme dich« gesagt, sondern: »Ich küsse dich«, oder: »Ich liebe dich«. Aber das war lange her. Jochen war ehrlich geworden. Er belog sie nicht mehr. Oder nicht mehr so oft und nicht mehr so direkt.

Dafür betrog er sie immer ungenierter. Einmal brachte er seine Flamme sogar mit. Oh, nicht in Barbaras Haus, so geschmacklos war er denn doch nicht, aber sie saß immerhin draußen im Wagen Barbara konnte sie vom Fenster aus sehen und wartete auf ihn. Eine aufgedonnerte, grell geschminkte Rothaarige, die lange Zigaretten rauchte.

Gleich beim Eintreten sagte Jochen, er habe wenig Zeit. »Ich kann höchstens zehn Minuten bleiben.«

»Du Ärmster. Die Arbeit bringt dich noch mal um.«

Jochen seufzte. »Weißt du, was mein Fehler ist? Ich kann nicht Nein sagen. Jeden Auftrag nehme ich an.«

Er sollte sehen, dass sie zwar gelähmt, aber nicht blind war, deshalb fragte sie und sie war sehr neugierig auf seine Reaktion: »Wer ist die Frau in deinem Wagen?«

Jochen entpuppte sich als eiskalter, abgebrühter Lügner. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er antwortete: »Das ist Verena Koenig, mit ›oe«(als ob das von Bedeutung gewesen wäre) »Frau Koenig ist eine wohlhabende Antiquitätenhändlerin. Sie möchte ein Haus kaufen, dessen Gesamtzustand ich beurteilen soll. Das traut sie sich alleine nicht zu. Sie befürchtet, vom derzeitigen Besitzer übers Ohr gehauen zu werden. Nur ich kann das verhindern, denn ich bin der Fachmann. Mir kann man kein X für ein U vormachen. Und mir fallen auch jene Fehler auf, die ein Laie auf Grund seiner Unwissenheit übersieht.«

»Du solltest die Dame nicht warten lassen«, sagte Barbara kühl.

»Ich rufe dich an«, versprach er. Ein mehr als flüchtiger Kuss auf die Wange. Dann war er weg.

Nun konnte Barbara die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie weinte haltlos. Ihr Körper wurde von tiefen, verzweifelten Schluchzern geschüttelt. Sie hatte alles verloren ihre Gesundheit, ihr Glück und Jochens Liebe. Sie konnte diesen schmerzhaften Zustand nicht länger ertragen. Es musste Schluss sein mit diesem verlogenen Theater. Sie musste es beenden, wenn Jochen es nicht fertig brachte.

Als er zwei Tage später anrief, fragte Barbara: »Na, wie ist es gelaufen?«

Er räusperte sich. »Gelaufen?«

»Mit Verena Koenig mit ›oe‹. Konntest du sie zufrieden stellen?«

Jochen hob die Stimme. »Oh, Frau Koenig, ja, der konnte ich helfen.«

»Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt«, sagte Barbara gallig.

Er schien irritiert zu sein. »Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Barbara?«

»Wieso fragst du?«

»Ich weiß nicht. Deine Stimme klingt so merkwürdig.«

»Das muss am Telefon liegen«, behauptete Barbara. »Ich möchte dich sehen, Jochen. Heute.«

Er lachte gepresst. »Kind, wie stellst du dir das vor?«

»Ich muss mit dir reden«, sagte sie frostig.

Er ächzte. »Aber ich habe zu viel zu tun, Barbara.«

»Es ist sehr wichtig.«

Kurze Pause. Dann: »Kannst du mir nicht am Telefon sagen, was du loswerden willst?«

»Nein. Ich möchte dir dabei in die Augen sehen.«

Er überlegte hastig. »Hör zu, ich checke schnell meine Termine durch und rufe dich dann noch mal an, um dir zu sagen, ob es mir heute möglich ist …«

»Ich erwarte dich in einer Stunde.«

»Aber Barbara …«

Sie legte auf und schickte Schwester Gertrud für zwei Stunden weg. Sie wollte mit Jochen allein sein. Sie war schrecklich aufgeregt, ihr Herz raste. Es muss sein, muss sein, sagte sie sich immer wieder. So darf es nicht weitergehen. Das ertrage ich nicht länger. Lieber ein Ende mit Schmerzen als Schmerzen ohne Ende. Jochen kam früher. Er war schon in einer halben Stunde da. Und er war sehr wütend. Barbara ließ ihn ein.

»Kannst du mir verraten, was das soll?«, rief er zornig und stürmte an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Sie schloss die Tür und fuhr hinter ihm her. »Du bestellst mich hierher wie einen einen …«

»Ich werde es bestimmt nicht wieder tun«, versicherte ihm Barbara, um Fassung bemüht.

»Das lasse ich mir auch nur dieses eine Mal gefallen!«

»Bitte setz dich«, forderte sie ihn auf.

In ihrer Stimme war etwas, das ihn alarmierte. Er nahm auf dem Sofa Platz und musterte Barbara mit schmalen Augen. »Ich hoffe, du wirst dich kurz fassen«, knurrte er. »Ich kann nämlich nicht lange bleiben.«

»Ich werde deine kostbare Zeit nicht lange in Anspruch nehmen«, versprach Barbara und brachte ihm einen Drink. »Ich beherrsche den Rollstuhl schon perfekt, nicht wahr?«

»Ja, du kannst damit schon sehr gut umgehen«, gab Jochen unwillig zu.

»Er ersetzt mir die Beine, ist bequem und einfach zu bedienen.«

Jochen schaute ungeduldig auf seine Armbanduhr.

»Du hast für mich den besten Rollstuhl gekauft, den es gibt«, sagte Barbara.

Jochen trank. Er fühlte sich unbehaglich, fuhr sich mit dem Finger in den Hemdkragen. »Felix hat ihn ausgesucht.«

»Bestell ihm meinen Dank, wenn du ihn siehst.«

Jochen rutschte nervös auf dem Sofa hin und her. »Hör mal, Barbara, würdest du jetzt bitte endlich …«

»Ach ja, entschuldige meine Vergesslichkeit. Du hast es eilig, von hier fortzukommen, kannst meinen Anblick nicht ertragen.«

»Was redest du denn da für einen Blödsinn? Du weißt, dass ich sehr viel zu tun habe.«

Barbara nickte. »Mit Frauen wie Verena Koenig.«

Er zuckte wie unter einem Stromstoß zusammen. »Was willst du damit sagen?«

»Dass ich nicht von gestern bin.«

Seine Augen wurden groß, und er trat die Flucht nach vorn an. »Sag mal, soll das etwa eine lächerliche Eifersuchtsszene werden?«

»Sieh mir in die Augen und sag mir, dass es nicht wahr ist, dass du mich laufend belügst und betrügst!«, verlangte Barbara scharf. »Kannst du das? Geht deine Charakterlosigkeit so weit, dass du mir sogar ins Gesicht lügen kannst?«

Er wich ihrem Blick aus.

»Warum siehst du mich nicht an, Jochen? Ist es dir peinlich, mir deine Untreue einzugestehen? Hast du mich wirklich für dermaßen beschränkt gehalten, dass du annehmen konntest, mir würde das nicht auffallen? Bei diesem Unfall, den du verschuldet hast, wurde mein Rückgrat verletzt, nicht mein Verstand.«

Er wand sich wie ein getretener Wurm, leerte sein Glas und drehte es zwischen den Handflächen hin und her. »Ich, ich war voller guter Vorsätze, das musst du mir glauben. Ich wusste nicht, dass es so schwierig sein würde, mich an sie zu halten …« Jetzt sah er sie mit brennenden Augen an. »Verdammt, Barbara, ich bin ein gesunder Mann und du … Ich hab’ versucht, mich zu beherrschen, habe mich ehrlich bemüht, gegen den Trieb anzukämpfen, aber ich habe seine Stärke unterschätzt.«

»Das werfe ich dir nicht vor. Was ich dir ankreide, ist deine feige Verlogenheit«, entgegnete Barbara kühl.

»Was hättest du denn von mir erwartet?«

»Aufrichtigkeit«, antwortete Barbara leidenschaftlich.

»Hätte ich sagen sollen, ich liebe dich nicht mehr, empfinde nur noch Mitleid für dich?«

»Das wäre wenigstens ehrlich gewesen.«

»Ich wollte dir nicht wehtun«, verteidigte sich Jochen.

»Aber genau das hast du mit deinen durchsichtigen Lügen getan. Du hast damit nicht nur mein Herz verletzt, sondern auch meinen Intellekt beleidigt. Wie lange hättest du dieses billige Schmierentheater fortsetzen wollen?«

Er stellte das Glas weg, beugte sich vor und nahm seinen Kopf zwischen die Hände. »Ich weiß es nicht, Barbara. Ich weiß es wirklich nicht. Warum musste uns das Schicksal so grausam bestrafen? Was haben wir getan?«

»Bitte geh, Jochen«, sagte sie mit belegter Stimme.

Er sah sie erschrocken an.

»Geh und komm nicht wieder!«, sagte Barbara hart.

»Du wirfst mich hinaus? Können wir nicht wenigstens Freunde bleiben?«

»Ich mag keine unaufrichtigen Freunde. Geh! Ich komme ohne dich besser zurecht.«

»Aber ich muss doch …«

»Was?«, fragte sie schroff. »Dein Gewissen beruhigen, indem du mal schnell für zehn Minuten vorbeikommst und deine Geliebte eine Taktlosigkeit sondergleichen draußen im Wagen warten lässt?«

Jochen Hagenberg schlug die Augen nieder. »Ich gebe zu, das war sehr unüberlegt von mir.«

»Es war dermaßen gefühlsroh, dass mir die Worte fehlen, um dir zu sagen, wie verwerflich und verabscheuungswürdig ich das finde. Ich kann nicht glauben, dass ich jemanden wie dich mal geliebt habe.«

Jochen erhob sich schwerfällig. »Barbara, ich …«

»Du findest allein hinaus?«

Er schlich davon.

»Jochen!«, rief sie. Er blieb stehen und drehte sich langsam um. Barbara hatte den Verlobungsring von ihrem Finger gezogen. Sie warf ihn ihm zu. Er fing ihn auf. »Für Verena Koenig mit ›oe‹. Oder für irgendeine andere. Ich habe keine Verwendung mehr dafür.«

 

 

6. Kapitel

 

»Kaffee, Chef?«, fragte Schwester Mathilde und schob ihre wogenden Massen zur Tür herein.

Dr. Lars Janssen, Leiter und Gründer der bekannten Münchner Janssen Privatklinik, ein stattlicher Mann Mitte vierzig, nickte lächelnd. »Da sage ich nicht nein. Weil nämlich niemand besseren Kaffee kocht als Sie.«

Die grauhaarige Frau schmunzelte geschmeichelt. »Ich mach’ ihn auch bloß mit Wasser«, erwiderte sie bescheiden. Aber das war nicht alles. Ihr Geheimnis, das sie niemandem verriet, bestand in der Beigabe eines Löffelchens Kakaopulver und einer Prise Kochsalz.

In zehn Minuten begann die Nachmittagssprechstunde. Dr. Janssen nahm einen vorsichtigen Schluck vom heißen Kaffee. »Köstlich. Wenn meine Sekretärin ihn kocht, schmeckt er immer ein bisschen nach angesengten Schnürsenkeln.«

Schwester Mathilde lachte. »Lassen Sie das bloß nicht Fräulein Berger hören, sonst ist sie ewig böse auf Sie.«

»Traude ist eine ausgezeichnete Kraft. Wenn Sie ihr noch beibringen würden, wie man genießbaren Kaffee kocht, wäre sie perfekt.« Der Chefarzt der Janssen-Klinik erkundigte sich nach dem ersten Patienten.

»Das ist Frau Krawunke«, informierte Schwester Mathilde ihn. Roswitha Krawunke war eine langjährige Patientin von Dr. Janssen. »Hat schon mal besser ausgesehen«, meinte Schwester Mathilde.

»Wir kriegen die meisten Leute ja nur zusehen, wenn sie krank sind«, lächelte Lars Janssen.

Nachdem er Schwester Mathildes großartigen Kaffee getrunken hatte, bat er sie, ihm die Patientin hereinzuschicken. Roswitha Krawunke sah wirklich nicht gut aus. Lars kannte sie fast nicht wieder. Sie war blass und grau und hatte dunkle Ränder um die Augen. Das konnte auch das gekonnte Make-up nicht verdecken. Als der Chef der Janssen-Klinik sie fragte, was denn mit ihr sei, brach sie in Tränen aus, und es dauerte eine Weile, bis sie sprechen konnte.

»Entschuldigen Sie, Herr Doktor«, sagte sie verlegen und putzte sich die Nase.

»Schon gut, Frau Krawunke«, erwiderte Lars Janssen sanft. »Was haben Sie denn für Beschwerden?«

Sie schluchzte noch immer, konnte nicht so schnell damit aufhören. »Eigentlich fehlt mir nichts«, sagte sie leise. »Ich dürfte dem Leben gegenüber nicht so undankbar sein. Ich habe einen Mann, der mich liebt, der geduldig und gut zu mir ist, uns gehört ein schönes Haus, wir haben keine Schulden, keine Sorgen die Kinder sind gut verheiratet … Ich begreife nicht, wieso ich keine Freude am Leben habe. Nachts kann ich nicht schlafen. Ich kann nicht mehr so viel leisten wie früher, bin überaus reizbar und empfindlich. Lothar kann nicht verstehen, wieso ich auf einmal nicht mehr so oft zur Liebe bereit bin. Er hat gesagt, ich würde ihn zwingen, sich eine andere Frau zu suchen. Es sollte ein Scherz sein, aber ich werde seither die Angst nicht los, dass er es wirklich mal tut. Wunder wäre es keines. Ich bin ja nur noch traurig, lustlos und abgespannt.« Neue Tränen rannen ihr übers Gesicht.

Dr. Janssen versuchte sie zu beruhigen. »Das ist kein Grund so verzweifelt zu sein, Frau Krawunke.«

»Lothar und ich haben bisher eine mustergültige, harmonische Ehe geführt, und plötzlich kommt es durch meine Schuld zu einem solchen Misston. Das soll mich nicht deprimieren?«

»Für Ihren Gemütszustand gibt es eine ganz simple Erklärung«, sagte Lars Janssen.

Die Patientin sah ihn gespannt an. Ihre Augen schwammen in Tränen.

»Sie haben seit einem halben Jahr keine Monatsblutungen mehr, befinden sich also mitten in der Krise der Wechseljahre. Wir Mediziner nennen die Zeit nach dem Zyklus die Postmeno-Pause, während die Zeit vor dem Ausbleiben der Regel Prämeno-Pause genannt wird. Beides zusammen zieht sich über mehrere Jahre, sodass das eigentliche Klimakterium in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren abläuft.«

Roswitha Kawunke hörte aufmerksam zu.

»Die Beschwerden«, fuhr Dr. Lars Janssen fort, »unter denen Sie und Millionen anderer Frauen jetzt leiden, sind die Folge hormoneller Störungen durch eine altersentsprechende Eierstockschwäche.«

»Sie meinen, das ist normal?«, fragte die Patientin zaghaft.

»Völlig normal.«

Frau Krawunke seufzte. »Es ist für mich unendlich deprimierend, zu wissen, dass ich jetzt alt werde. Ich habe Angst davor, für Lothar nicht mehr attraktiv zu sein. Diese ständigen Hitzewallungen tragen ja auch nicht gerade zu einem besonders vorteilhaften Aussehen bei.«

»Auch Ihr Mann wird nicht jünger, Frau Krawunke.«

»Das ist schon richtig, aber sie sehen im reifen Alter immer noch gut aus, während wir Frauen … Ach, Herr Doktor, das Leben ist so ungerecht. Obwohl ich mir wünsche, dass Lothar mich begehrt und mich in die Arme nimmt, reagiere ich mit Gereiztheit, wenn er es tut. Ist das nicht widersinnig? Wenn mein Mann nicht so verständnisvoll wäre … Jeder andere Mann wäre mir wahrscheinlich schon davongelaufen. Ich kann nicht mehr so fröhlich und unbeschwert wie früher sein. Ich fühle mich nutzlos, seit die Kinder aus dem Haus sind. Früher hatte ich so viele Pläne für die Zeit, wenn die Kinder mal auf eigenen Füßen stehen und nun habe ich zu nichts mehr Lust.« Frau Krawunke klappte ihre Handtasche fortwährend auf und zu.

»Ihre Stimmungsveränderungen«, sagte Dr. Lars Janssen, »und Ihre mangelnde Leistungsfähigkeit scheinen mir nicht nur mit dem Klimakterium zusammenzuhängen, sondern ihre Ursachen auch in Ihrer sozialen Situation zu haben, Frau Krawunke. Sie kommen sich überflüssig vor, weil Ihre Kinder Sie nicht mehr brauchen. Ihr Mann ist in seinen Beruf eingespannt, und Sie leiden dadurch verstärkt unter den Beschwerden, die der Hormonmangel mit sich bringt.«

»Kann man denn nichts gegen diese Beschwerden tun?«

»Doch, Frau Krawunke, man kann«, antwortete Lars Janssen. »Ihre Beschwerden lassen sich mit einer gezielten Behandlung von Mischhormonen lindern.«

Hoffnung begann in Roswitha Krawunkes Augen zu glimmen.

»Und nicht nur das«, führte der Leiter der Janssen-Klinik weiter aus. »Mit einer Östrogen-Gestagen-Kombination kann man auch die bei Frauen mit Recht so gefürchtete Knochenentkalkung, Osteoporose genannt, verhindern. Allerdings muss die Behandlung über Jahre durchgeführt werden.«

»Sie meinen, ich kann wieder die fröhliche, unternehmungslustige, positive Frau werden, die ich einmal war?«, fragte die Patientin unsicher.

»Davon bin ich überzeugt«, antwortete Lars Janssen. »Ihre Depressionen werden verschwinden, und Sie werden sich wieder stark und leistungsfähig fühlen.«

»Ich bin in Ihren Augen wohl ziemlich hysterisch«, sagte die Patientin verlegen.

»Ganz und gar nicht. Sie können ja nichts für Ihren Zustand«, erwiderte der Arzt und stellte ein Rezept für die Patientin aus. »Noch eins«, sagte Lars Janssen, bevor er der Frau das Rezept aushändigte. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn während dieser Kombinationsbehandlung in der tablettenfreien Phase eine kurze Abbruchblutung einsetzt. Das ist ganz normal.«

»Danke, Herr Doktor«, sagte Roswitha Kawunke sichtlich beruhigt und erleichtert. Mit neuem Mut verließ sie das Sprechzimmer, und Schwester Mathilde schickte den nächsten Patienten herein.

Albert Cress, Bestsellerautor und Freund des Chefarztes. Obwohl erst neununddreißig Jahre alt, hatte er sich in die Janssen Klinik begeben, um sich auf Herz und Nieren durchuntersuchen zu lassen. Nun lagen sämtliche Befunde vor.

Cress drückte seinem Freund kräftig die Hand. »Hallo, Lars. Du siehst gut aus.«

Er hatte bisher einundzwanzig Romane veröffentlicht: »Die Säulen der Nacht«, »Lasst den Wind leben«, »Auf dunklen Straßen« …, um nur einige zu nennen. Fast jedes Buch war ein Volltreffer gewesen. Zwischendurch schrieb er Drehbücher, Hörspiele und Feuilletons für namhafte Zeitungen.

Dr. Janssen forderte ihn auf, sich zu setzen. Albert Cress verzog sein kantiges Gesicht zu einem Grinsen und fuhr sich mit der Hand über die blonde Igelfrisur. »Also, Herr Doktor, wie geht es mir?«

Lars Jansen sah sich noch einmal alle Befunde an. »Du strotzt geradezu vor Gesundheit. Deine Werte könnten nicht besser sein. Kreislauf stabil. Puls bei Belastung hervorragend. Blutzucker, Harnzucker okay. Kein weißes Blutkörperchen zu viel, kein rotes zu wenig. EKG o. B. EEG bestens. Keine erhöhten Blutfettwerte … Wenn alle Leute so topfit wären, müsste ich mir einen anderen Job suchen.«

»Ich bringe dir das Alphabet bei, und du fängst an, Bücher zu schreiben«, stänkerte Albert Cress.

Er hatte Lars Janssen vor zehn Jahren in Havanna kennen gelernt. Damals war Cress noch verheiratet gewesen mit einer schönen, exzentrischen Designerin namens Jutta. Die Ehe war von Anfang an ein großer Irrtum gewesen, deshalb hatte sie auch nicht lange gehalten. Zu unterschiedlich waren die Charaktere von Jutta und Albert gewesen. Heute lebte Jutta, die sich immer als avantgardistische Künstlerin gesehen hatte, in Amerika und war erfolgreicher denn je.

Dr. Janssen klappte die Mappe zu, in der sich die Befunde befanden. »Du lässt uns arme Mediziner nichts verdienen. Wir sollten deine Bücher auf die Schwarze Liste setzen.«

»Ich schicke dir als Ersatz meinen Agenten vorbei«, lächelte Albert Cress. »Vorausgesetzt es gelingt mir, ihn zu einem Arztbesuch zu überreden.«

»Was hat er?«

»Krampfadern«, antwortete Cress.

»Kein Problem. Die machen wir ihm weg.«

»Philip Grothe macht um Krankenhäuser im Allgemeinen einen großen Bogen. Er betritt sie nur, wenn es unbedingt sein muss. Aber kommen wir noch mal auf mich zurück. Mit mir ist also alles in Ordnung.«

Lars Janssen nickte. »Absolut.«

»Du erinnerst dich, dass ich nicht aus lauter Jux und Dollerei zu dir gekommen bin, sondern weil ich einen unerfreulich langen Durchhänger hatte. Ich war müde und abgespannt, hab’ mich ausgelaugt gefühlt, und du warst mit mir der Meinung, dass das doch irgendeine Ursache haben müsste. Und jetzt bejubelst du meine fantastischen Vorzeigewerte.«

»Du bist gesund. Tut mir Leid, dir nichts anderes sagen zu können.«

»Und was ist mit meinen sonderbaren Zuständen? Meinst du etwa, die hätte ich mir eingebildet?«

Dr. Jannsen zuckte die Achseln. »Du hast dich einfach übernommen, das war alles. Termine in Hamburg, Paris und Rom. Eine Talk Show in England. Radio und Zeitungsinterviews. Fernsehauftritte. Zu viel Arbeit. Zu viel Stress. Zu wenig Schlaf. Inzwischen trittst du etwas kürzer und schon bist du gesundheitlich wieder ganz obenauf.«

»Dann brauche ich mir um mich also keine Sorgen zu machen.«

»Nicht die geringsten. Du brauchst nur vernünftig zu leben, dann wird es dir gesundheitlich sehr lange blendend gehen.«

»Besitzt du deine Golfausrüstung noch?«, fragte Albert Cress.

»Natürlich«, antwortete Lars Janssen, »aber ich hab’ bestimmt ein Jahr schon nicht mehr gespielt.«

»Warum nicht?«

»Zu viel zu tun.«

Cress grinste. »Aber mir hältst du vor, dass ich zu viel arbeite.«

»Bei mir ist das etwas anderes. Wenn ein Mensch ärztliche Hilfe braucht, kann ich ihn nicht nach Hause schicken und einfach Feierabend machen. Aber du müsstest nicht Hansdampf in allen Gassen spielen …«

Albert Cress seufzte. »Ich kann so schlecht Nein sagen. Wie wär’s mal wieder mit einer Partie Golf?«

»Würde mir gefallen, aber im Augenblick passt es mir sehr schlecht. Ich melde mich bei dir, sobald ich Zeit habe.«

»Bis dahin werde ich wohl einen Bart haben, der bis zum Golfball hinunterreicht.«

Dr. Janssen schüttelte lächelnd den Kopf. »Du musst immer maßlos übertreiben.«

Albert lachte. »Das ist das Geheimnis meines Erfolgs.« Er erhob sich. »Ich halte dich nicht länger auf, sondern überlasse dich jenen, die dich dringender brauchen als ich. Aber vergiss nicht, dich bei mir zu melden. Behalte die Golfpartie im Auge, okay?«

»Okay.«

Die Freunde reichten sich die Hand.

»Herr van Poelgeest!«, rief Schwester Mathilde den nächsten Patienten auf, als Albert Cress aus dem Sprechzimmer trat. Ein großer, schlanker Mann mit rotblondem Vollbart stand auf, zuckte kurz die Schultern und ging dann zu Dr. Janssen hinein.

»Brauchen Sie einen neuen Termin, Herr Cress?«, erkundigte sich die gewichtige Krankenschwester.

»Zum Glück nicht. Wenn Sie mich wieder sehen wollen, müssen Sie sich von mir zum Essen einladen lassen.«

Die grauhaarige Frau lachte. »Aber nur, wenn ich meinen Mann mitbringen darf.«

»Sind Sie denn so gut verheiratet?«

»Noch besser«, schmunzelte Schwester Mathilde. »Und das seit dreißig Jahren.«

»Dann vergessen Sie das mit der Einladung. Ich möchte keine Musterehe kaputtmachen.« Albert Cress liebte es, mit der fülligen Krankenschwester zu albern. Mathilde war eine humorvolle Person. Sie war ihm sehr sympathisch.

Er verließ die Janssen-Klinik und fuhr zu seinem Agenten. Philip Grothe wohnte in einer ruhigen Siedlung in einem unscheinbaren Haus. Ihm gehörte aber noch ein zweites Haus ganz in der Nähe. Dort waren seine Mitarbeiter untergebracht. Er beschäftigte fünf Lektoren, die neue Manuskripte auf Veröffentlichungstauglichkeit prüften, Gutachten erstellten und, wenn nötig, bearbeiteten, was bei Anfängern zu deren Lasten ging und in eine verlagsgerechte Form brachten. In jenem zweiten Haus wickelte der Agent seine Geschäfte ab. Sein Heim durften nur wenige Auserwählte betreten, und zu dieser kleinen Gruppe gehörte Albert Cress seit Jahren.

Grothe öffnete ihm selbst, als er läutete. »Albert! Schön, dich zu sehen! Komm rein!« Er gab die Tür frei und schüttelte dem Freund, der gleichzeitig auch sein bestes Pferd im Stall war, herzlich die Hand.

»Ich war vorhin in der Janssen-Klinik und da dachte ich, ich komme auf einen Sprung bei dir vorbei.«

»Das war eine großartige Idee. Aber was wolltest du in der Janssen-Klinik? Du bist doch nicht etwa krank?«

»Ich fühlte mich in letzter Zeit ein wenig abgeschlafft und dachte, es könne nicht schaden, mich mal durchchecken zu lassen.«

»Und?«, fragte Philip Grothe. »Was hat dein Freund Lars entdeckt?«

Albert Cress grinste. »Nichts.«

»Das ist erfreulich.«

»Nicht für Lars, deshalb habe ich ihm dich als Ersatz angeboten.«

Grothes Augen weiteten sich. »Mich? Du weißt doch, dass ich zu Ärzten und Krankenhäusern ein gestörtes Verhältnis habe. Außerdem fehlt mir nichts.«

»Du hast Krampfadern.«

Philip Grothe winkte ab. »Eine reine Schönheitssache. Ich trage Stützstrümpfe, und damit hat sich’s.« Der Agent bat Albert Cress, ihm auf die Terrasse hinaus zu folgen.

Cress sah plötzlich langes blondes Haar, das in weichen Wellen auf wohlgerundete Frauenschultern floss. Er blieb stehen und griff rasch nach Grothes Arm.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass du Besuch hast?«, fragte er leise.

»Ist kein Problem.«

»Ich kann ein andermal kommen«, sagte der Autor.

»Ist wirklich nichts dabei. Du störst ganz bestimmt nicht«, erwiderte Grothe. »Komm, ich mache dich mit der Dame bekannt.«

Cress ließ ihn los. Der Agent ging weiter. Albert Cress folgte ihm und so lernte er Barbara Klinkenbach kennen …

 

 

7. Kapitel

 

Jochen Hagenberg saß in einem schummrigen Lokal und trank Bier und Korn und Bier und Korn und … Der Alkohol war ihm bereits zu Kopf gestiegen und benebelte seinen Geist, aber er hörte nicht auf zu trinken. Jedes Mal wenn er die Hand hob, rückte der Wirt mit einer weiteren Ladung an immer Bier und Korn.

»Soll ich Ihnen was verraten?«, sagte er, als der Wirt die nächste Lieferung vor ihn hinstellte. Er sprach mit schwerer Zunge, und sein Blick war glasig.

»Was denn?«, fragte der Wirt ohne jedes Interesse. Diese Betrunkenen waren immer so mitteilsam.

Jochen lehnte sich zurück und zeigte auf sich. »Sehen Sie mich an.«

»Ja und?«

»Was sehen Sie?«, fragte Jochen.

»Was möchten Sie hören?«

»Was sehen Sie?«, wiederholte Jochen Hagenberg.

Der Wirt hob die Schultern. »Ich verstehe Ihre Frage nicht.«

»Ein Schwein sehen Sie!«, sagte Jochen undeutlich. »Jawohl, ich bin ein Schwein. In Ihrem Lokal sitzt ein Schwein und lässt sich volllaufen. Wissen Sie, warum ich das tue? Weil ich’s nicht ertragen kann, ein Schwein zu sein. Möchten Sie meine Geschichte hören? Holen Sie sich was zu trinken. Ich gebe einen aus. Setzen Sie sich zu mir. Ich muss das, was mich schon so lange bedrückt, endlich mal jemandem erzählen.«

Der Wirt holte sich den teuersten Kognak, den er hatte. Wenn er sich schon anjammern lassen musste, dann sollte es sich auch lohnen. Jochen hob sein Bierglas.

»Ich bin Jochen«, sagte er. »Und wie heißt du?«

»Max.«

»Bist du verheiratet, Max?«

»Nein.«

»Warst du schon mal verliebt? So richtig, meine ich. Bis über beide Ohren. Irrsinnig verliebt. So sehr, dass dein Herz in Flammen stand.«

Der Wirt schüttelte den Kopf. »Dafür bin ich nicht der Typ. Ich kann mich für nichts so sehr begeistern, dass ich den Kopf verliere.«

»Ich dachte, das könnte ich auch nicht, aber dann ist mir Barbara begegnet … Barbara Klinkenbach. Vielleicht hast du den Namen schon mal gehört.«

Der Wirt schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht.«

»Sie schreibt Kinderbücher.«

»Ich lese keine Kinderbücher. Ich lese überhaupt keine Bücher bloß Zeitungen und Illustrierte.«

Jochen seufzte schwer. »Wir haben uns verlobt, wollten heiraten ein Leben lang zusammenbleiben …«

»Hat sie dich verlassen?«

»Mich verlassen? Barbara?« Jochen sah den Wirt an, als würde er an seinem Verstand zweifeln. »Das hätte sie niemals getan. Nein, Max, ich habe sie verlassen …«

»Und nun vermisst du sie.«

Jochen fuhr sich mit unsicherer Hand über die glänzenden Augen. »Richtig verlassen habe ich sie eigentlich nicht. Ich habe sie nur ziemlich ungeniert betrogen …«

»Sie ist dir auf die Schliche gekommen und hat dich in die Wüste geschickt.«

Jochen nickte niedergeschlagen. »Genauso war es, Max.«

»Es gibt Männer, die haben mit einer Frau einfach nicht genug.«

»So ist es nicht, Max. Dieser Fall liegt leider völlig anders. Ich habe Barbara beinahe umgebracht. Sie ist durch meine Schuld gelähmt und für immer an den Rollstuhl gefesselt.« Jochen sprach zerknirscht über den furchtbaren Unfall. Er brauchte noch ein Bier und noch einen Korn. »Von der Lähmung sind auch die Geschlechtsfunktionen betroffen, verstehst du?«

»Du hättest nach dem Unfall bis ans Ende deiner Tage wie ein Mönch leben müssen.«

»Und das habe ich nicht geschafft, Max.«

»Ich kann das verstehen, Jochen. Deine Verlobte hätte toleranter sein müssen, in Anbetracht der Tatsache, dass sie nicht mehr fähig ist …«

Jochen schüttelte heftig den Kopf. »O nein, nein, Max, die Schuld liegt ganz allein bei mir, und deshalb finde ich mich zum Kotzen.«

Der Wirt leerte sein Glas. »Ich hol’ mir noch einen«, sagte er, »und dann überlegen wir uns gemeinsam, wie wir die Sache mit Barbara wieder einrenken können.«

Jochen schüttelte unendlich traurig den Kopf. »Das lässt sich nicht reparieren, Max. Ich habe meiner Verlobten zu wehgetan. Ich bin für sie gestorben.«

Der Wirt holte sich trotzdem noch einen Kognak, den er auf Jochens Rechnung setzen würde. In seinen Augen war Jochen kein Schwein, sondern ein Schaf, und das wollte er so gründlich wie möglich scheren.

 

 

8. Kapitel

 

Albert Cress war so fasziniert von Barbara Klinkenbachs Schönheit, dass er den Rollstuhl, in dem sie saß, zunächst übersah. Er starrte ihr minutenlang in ihre großen blauen Augen und fühlte sein Herz wild klopfen. Das war ihm noch nie passiert. Er war völlig durcheinander und so verlegen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Er, der wortgewandte, gefeierte Erfolgsautor, stammelte befangen idiotisches Zeug. Bei ihm hatte der Blitz eingeschlagen und sämtliche Leitungen verschmort. Das also bewirkt sie, die Liebe auf den ersten Blick, durchzuckte es ihn. Er war wie erstarrt, unfähig zu der geringsten Bewegung, und er hatte den Eindruck, dass es ihr genauso erging.

Es stimmte. Albert Cress ging Barbara dermaßen unter die Haut, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte. Noch nie hatte sie so stark empfunden. Ihre Augen klammerten sich förmlich an Alberts Blick und hielten ihn fest, obwohl ihr die Vernunft verbieten wollte, so heftig zu reagieren. Das hat doch keine Zukunft, dachte sie unglücklich. Du darfst keinen Mann mehr an dich binden und zu ewiger Enthaltsamkeit zwingen.

Jetzt erst bemerkte Albert den Rollstuhl, doch er störte ihn nicht. Für ihn war Barbara ein makelloser Engel, dessen strahlende Schönheit sein Herz erwärmte, und er hätte nicht gewusst, wie es weitergegangen wäre, wenn Philip Grothe nicht wissend lächelnd gesagt hätte: »Du trinkst doch sicher einen Kaffee mit, Albert.«

»Wie? Kaffee? Ich? Äh … Oh ja, ja, natürlich«, stotterte der Bestsellerautor.

Barbara fand seine Unsicherheit süß, sie machte ihn unheimlich sympathisch, und es freute sie, dass er ihre Bücher kannte. Dass sie seine Werke kannte, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit. An dem, was Albert Cress schrieb, konnte kein literarisch interessierter Mensch vorbei sehen. Er war einfach zu präsent in allen Buchläden.

Philip Grothe entschuldigte sich kurz, um eine Tasse für Albert zu holen. Es fiel den beiden kaum auf, und sie vermissten ihren Agenten auch nicht. Sie waren viel zu sehr miteinander beschäftigt. Jedes Wort, das der eine sprach, war dem andern unendlich wichtig. Eigentlich störte Grothe nur. Und das in seinem eigenen Haus.

Bedauerlicherweise hatten sie nur eine halbe Stunde füreinander Zeit, denn dann kam Schwester Gertrud, um Barbara wie von dieser gewünscht abzuholen. Barbara hatte ja nicht vorhersehen können, dass sie sich im Haus ihres Agenten so Knall auf Fall verlieben würde. Als die Pflegerin erschien, war Albert geschockt und enttäuscht. Er hätte es gerne gesehen, wenn Barbara noch geblieben wäre, aber er wagte nicht, sie darum zu bitten. Aber er sagte immerhin, wenn auch etwas unbeholfen, dass er sie gerne wieder sehen würde um mit ihr »fachzusimpeln«.

Barbara strahlte ihn an. »Besuchen Sie mich doch mal.«

»Mit dem größten Vergnügen wenn ich darf.«

»Aber rufen Sie vorher an, damit ich auch sicher Zeit für Sie habe. Philip hat meine Adresse und meine Telefonnummer.«

»Ich melde mich bei Ihnen«, versprach Albert hastig. »Und zwar schon bald.«

»Das würde mich freuen.«

Albert küsste ihr galant die Hand. Als seine Lippen sie berührten, kribbelte Strom durch ihren Arm. Schwester Gertrud schob sie aus dem Haus, verfrachtete sie in den Wagen, der davor stand, klappte den Rollstuhl zusammen und legte ihn in den Kofferraum.

»Was für ein wunderbares Wesen«, schwärmte Albert Cress.

Grothe kräuselte die Nase. »Ich weiß nicht, ob es gut war, dass ihr euch kennen gelernt habt.«

»Es war uns bestimmt«, behauptete der Autor selig. »Wieso sitzt sie im Rollstuhl?«

»Sie ist querschnittgelähmt.«

»Ein Unfall.«

»Ja, ein Unfall«, sagte Philip Grothe.

»Du weißt sicher, wie es passiert ist. Erzähl es mir«, verlangte Albert, und sein Agent erzählte ihm die ganze traurige Geschichte. »Dieser Jochen Hagenberg hat einen ganz miesen Charakter«, sagte Albert empört, als Philip Grothe geendet hatte.

»Er hatte nicht die Kraft, ihr treu zu sein.«

»Ich muss Barbara unbedingt wieder sehen.«

»Wozu?«, fragte Philip ernst.

»Ich habe mich in sie verliebt.«

Philip betrachtete den Freund mit sorgenvoller Miene. »Wenn das nur so ein kurzes Strohfeuer ist …«

»Bestimmt nicht. Mein Herz brennt lichterloh.«

»Niemand darf ihr noch einmal so wehtun, Albert«, knurrte der Agent. Es klang wie eine düstere Drohung. »Das lasse ich nicht zu.«

»Ich werde ihr nicht wehtun, Philip. Ich verspreche es. Soll Barbara nicht bloß an den Rollstuhl gefesselt, sondern auch noch zu ewiger Einsamkeit verdammt sein? Ist sie nicht schon genug gestraft?«

Albert lebte allein. Wenn er Lust hatte, ging er mit Frauen aus. Die Damen schätzten sich glücklich, wenn er sie anrief und um ein Rendezvous bat. Sie fühlten sich geehrt. Noch nie hatte ihm eine einen Korb gegeben. Aber Liebe war dabei nie im Spiel. Nur Zuneigung, Sympathie, Begehren … Mal mehr, mal weniger. Nichts, was in die Tiefe ging. Deshalb hatte er gedacht, Liebe wäre etwas, das immer nur den anderen passierte, jedoch niemals ihm. Oh, er konnte großartig über die Liebe schreiben. Er fand sensible Worte und vermochte seine große Leserschar gekonnt zu Tränen zu rühren. Aber wenn er selber lieben sollte, hatte er bisher immer versagt. Doch plötzlich war das anders. Und das überwältigte ihn. Er stand wie ein Kind mit offenem Mund staunend vor diesem großen, unbegreiflichen Wunder und dachte unentwegt: Ich kann es nicht fassen. Dass mir eine so große Gnade zuteilwird, das kann ich einfach nicht fassen.

Philip Grothe musste ihm Barbaras Anschrift geben und ihre Telefonnummer. Für den Agenten war es eine sinnlose Liebe, eine Liebe ohne Zukunft, aber er sah seinem Freund an, dass es sinnlos gewesen wäre, sie ihm ausreden zu wollen.

 

 

9. Kapitel

 

Zu Hause hatte Barbara das Gefühl, Ameisen befänden sich unter ihrer Haut. Sie war dermaßen nervös, dass sie sich nicht konzentrieren konnte. An Arbeit war nicht zu denken, deshalb bat sie Schwester Gertrud, ihr Gesellschaft zu leisten. Die beiden Frauen verband inzwischen bereits ein freundschaftliches Verhältnis. Barbara konnte mit ihrer Pflegerin über alles reden. Schwester Gertrud war nicht nur eine gute Zuhörerin. Sie wusste des öfteren auch intelligenten Rat.

Selbstverständlich war ihr nicht verborgen geblieben, was die Begegnung mit dem bekannten Autor in Barbara angerichtet hatte.

»Was sagen Sie zu Albert Cress, Schwester Gertrud?«, wollte Barbara wissen. »Wie finden Sie ihn?«

»Er sieht sehr gut aus.«

»Das weiß jeder, der schon mal ein Buch von ihm in der Hand gehalten hat. Die Rückseite all seiner Werke ziert ein Foto von ihm.«

»Ich habe ihn mir trotzdem anders vorgestellt«, sagte die kräftige Pflegerin.

»So? Wie denn?«

Schwester Gertrud zuckte die Achseln. »Unnahbarer. Weniger leutselig. Nicht so überwältigend scharmant und sympathisch.«

»Wissen Sie, was mir passiert ist, Gertrud? Ich weiß, ich hätte es nicht zulassen dürfen, weil ich nicht das Recht habe, einen Menschen an mich zu binden, aber es ist nun mal passiert: Ich habe mich in Albert Cress verliebt.«

»Und er sich in Sie.«

»Nein«, sagte Barbara, aber sie hoffte, dass Gertrud Recht hatte.

»Das konnte doch ein Blinder sehen.«

Barbaras himmelblaue Augen strahlten. »Ist das wahr?«

»Haben Sie’s denn nicht bemerkt?«

»Doch«, gab Barbara zu, »aber ich hatte Angst, mich zu irren. Aber wenn es Ihnen auch aufgefallen ist …«

»Er wird Sie ganz bestimmt schon morgen anrufen.«

Barbara legte den Kopf zurück und seufzte selig. »Ich wollte, es wäre schon morgen. Ich werde die ganze Nacht nicht schlafen können.«

»Ich werde Ihnen etwas zur Beruhigung geben.«

»O nein«, wehrte Barbara ab, »es wird mir nichts ausmachen, wach zu bleiben und mit offenen Augen von Albert zu träumen.«

»Wenn Albert Cress im wirklichen Leben so liebt, wie es in seinen Romanen steht, sind Sie zu beneiden. Dann kommt eine ganz wunderbare Zeit auf Sie zu.«

Der Bestsellerautor überraschte die beiden Frauen, indem er bereits eine halbe Stunde später anrief.

»Donnerwetter«, sagte Schwester Gertrud, während sie die Sprechmuschel mit der Hand zuhielt. »Der ist ja noch verliebter als ich dachte.«

Barbara raste mit dem elektrischen Rollstuhl zu ihr und nahm ihr den Telefonhörer aus der Hand. »Hallo!«, meldete sie sich heiser.

»Ich hoffe, Sie finden es nicht aufdringlich, dass ich Sie heute schon anrufe«, sagte Albert verlegen.

»Aber warum denn?«, gab Barbara begeistert zurück. »Ich freue mich über Ihren Anruf.«

»Sie haben so großen Eindruck auf mich gemacht, dass ich Sie so bald wie möglich wieder sehen möchte, Barbara … Ich darf Sie doch Barbara nennen, ja?«

»Natürlich Albert.«

»Arbeiten Sie morgen Vormittag?«

Barbaras Herzschlag beschleunigte. »Nur, wenn ich nichts Besseres zu tun habe.«

»Ich könnte Sie zu einem Spaziergang im Englischen Garten abholen.«

»Zu einem Spaziergang …« Ihre Stimme klang gepresst. Wie wahnsinnig gerne wäre sie spazieren gegangen.

»Es macht mir nichts aus, Ihren Rollstuhl zu schieben.«

O Gott, warum kann ich nicht mehr selber gehen!, dachte Barbara unglücklich, und in ihren Augen glänzten Tränen.

»Barbara!«, rief Albert am andern Ende der Leitung. »Sind Sie noch dran, Barbara?«

»Ja, Albert, ich bin noch dran«, antwortete sie rau.

»Was halten Sie von meinem Vorschlag?«

»Ich finde, er hört sich verlockend an.«

Die nächste Frage platzte sogleich aus ihm heraus: »Wann soll ich bei Ihnen sein? Um neun? Oder ist Ihnen das zu früh? Ist Ihnen zehn Uhr lieber? Ich richte mich ganz nach Ihnen.«

»Sagen wir halb zehn?«

»Halb zehn. Wunderbar. Ich zähle die Stunden bis dahin.«

Barbara legte selig lächelnd auf und sagte zu Schwester Gertrud: »Sie können den morgigen Vormittag verplanen. Ich brauche Sie nicht. Albert Cress fährt mit mir in den Englischen Garten.«

»Hoffentlich haben Sie schönes Wetter«, erwiderte die Pflegerin. Sie freute sich für Barbara, die sie noch nie so glücklich gesehen hatte.

 

 

10. Kapitel

 

Barbara legte Albert die Hände um den Nacken, und er hob sie in seinen Wagen. Er roch den betörenden Duft ihres frisch gewaschenen Haares und konnte der Versuchung, sie zu küssen, nur sehr schwer widerstehen.

»Sitzen Sie bequem?«, erkundigte er sich fürsorglich.

»Ja, danke«, antwortete Barbara.

Er hatte keine Probleme mit dem Rollstuhl, wusste sofort, wie man ihn zusammenklappte, und legte das Gefährt in den großen Kofferraum.

Zwanzig Minuten später befanden sie sich bereits im Englischen Garten. Es war ein wunderschöner, milder Tag. Der Himmel war postkartenblau. Kein Lüftchen regte sich, und in den großen Kronen der alten Bäume zwitscherten die Vögel um die Wette.

»Ich bin oft hier«, sagte Albert, während er den Rollstuhl vor sich herschob. »Manchmal setze ich mich auf eine Bank und denke nach.«

»Worüber?«, wollte Barbara wissen.

»Oh, über alles Mögliche. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug, ohne dass ich es merke. Ich könnte mich auch vor mein Haus in den Garten setzen, aber da kommt niemand vorbei, man ist allein … Ich habe nichts dagegen, allein zu sein. Hin und wieder braucht man das, um mit den Dingen ins Reine zu kommen. Aber es gibt auch Tage, wo ich das Alleinsein unerträglich finde. Sind Sie gerade dabei, ein neues Kinderbuch zu schreiben?«

»Ich habe mich entschlossen, den härtesten Schicksalsschlag meines Lebens zu Papier zu bringen.«

»Darf ich’s lesen, wenn es fertig ist, oder mögen Sie das nicht.«

»Ich überlasse Ihnen das Manuskript sehr gerne. Vielleicht haben Sie den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag für mich. Ich betrete damit immerhin Neuland und kann gute Ratschläge gebrauchen.«

»Immer zu Ihren Diensten.«

»Kann ich mir einen besseren Lehrmeister wünschen?«, sagte Barbara, und sie dachte, dass sie sich noch nie im Leben trotz ihres Gebrechens so großartig gefühlt hatte. Und sie war noch nie glücklicher gewesen. Dieses Glück wäre nicht auszuhalten, wenn ich auch noch gehen könnte, überlegte sie.

Albert schob sie neben eine Bank, drehte den Rollstuhl herum und setzte sich. Nun saßen sie nebeneinander. Albert ergriff Barbaras Hand und streichelte sie sanft.

»Jochen Hagenberg ist ein Vollidiot«, sagte er rau. »Wie konnte er Sie betrügen?«

Barbara schlug den Blick nieder. »Ich kann einem Mann nicht mehr geben, was …«, kam es abgehackt über ihre Lippen. Es fiel ihr unendlich schwer, darüber zu reden, aber es musste sein, damit Albert sich keine falschen Hoffnungen machte. Sie durfte ihm das nicht verheimlichen.

Es war im Moment so still, dass sie weit weg einen Specht klopfen hörten.

Beenden konnte Barbara den schmerzlichen Satz nicht, doch das war nicht nötig. Sie wusste, dass Albert sie auch so verstanden hatte. Jetzt war es draußen, und nun musste Albert wissen, ob es in diesem Fall für ihn einen Sinn hatte, sie öfter als nur dieses eine Mal zu sehen. Die Entscheidung lag ganz allein bei ihm. Niemand konnte sie ihm abnehmen.

Sie schwiegen eine Weile. Albert hörte nicht auf, zärtlich Barbaras Hand zu streicheln.

Sie fragte: »Und was tun Sie, wenn Sie nicht im Englischen Garten sitzen und Händchen halten?«

»Ich feile am Drehbuch eines TV-Dreiteilers, dem eines meiner Bücher zu Grunde liegt. Man spricht von einer hochkarätigen Schauspielerbesetzung, und da das Ganze zusammen mit den Franzosen produziert werden soll, werden wohl auch einige Stars aus Frank reich mit von der Partie sein, aber das ist nicht meine Sache, darum kümmere ich mich nicht. Ich arbeite an und für sich nicht sehr gern fürs Fernsehen.«

»Warum nicht?«

Albert zuckte die Achseln. »Zu viele Besserwisser. Jeder möchte einem dreinreden, und wenn man sich das nicht gefallen lässt, gibt es Ärger und Spannungen.«

»Warum schreiben Sie dann das Drehbuch?«

»Das kann ich Ihnen sagen: Damit kein anderer mein literarisches Kind dermaßen verunstaltet, dass ich, sein geistiger Vater, es nicht wieder erkenne.« Albert drückte ihre Hand und sah ihr fest in die Augen. »Ich muss Ihnen etwas gestehen, Barbara.«

»Was, Albert?«

»Ich, ich habe mich in Sie verliebt. Ich habe Sie gesehen, und schon war’s passiert. Einfach so.« Er schnippte mit den Fingern. »Auf der Stelle. Ein Blitz traf mich aus heiterem Himmel. Sie können mich auslachen, wenn Sie wollen.«

Barbara schüttelte langsam den Kopf. Ihr Blick ließ nicht von Albert ab. »Ich werde Sie nicht auslachen, denn mir erging es genauso. Jetzt dürften Sie lachen.«

Albert schluckte aufgeregt.

»Es ist verrückt«, flüsterte Barbara. »Es ist Wahnsinn.«

»Der wundervollste Wahnsinn, den ich je erlebt habe«, sagte Albert mit belegter Stimme.

»Aber ich habe Ihnen doch so wenig zu geben, das wissen Sie …«

»Sie beschenken mich reicher, als ich es verdiene«, entgegnete Albert, und jedes Wort, das er sagte, klang so wohl tuend ehrlich, dass Barbara davon schwindelig wurde. Plötzlich legte er seinen Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich.

Sie hätte es verhindern können, doch sie ließ es geschehen. Sie wusste, dass er sie gleich küssen würde, und sie fand das wunderbar. Nichts wünschte sie sich mehr, deshalb hob sie auch den Kopf und kam ihm mit ihren weichen, leicht geöffneten Lippen bereit willig entgegen. Ein unbeschreiblicher Taumel erfasste sie, als Alberts Mund behutsam ihre Lippen berührte. Nie war es für sie schöner gewesen, und sie hoffte, wünschte sich ganz fest, dass Albert sich damit begnügen konnte.

»Ich liebe dich, Barbara«, sagte Albert kehlig.

Sie hielt sich zitternd an ihm fest. »Ich ich kann nicht ausdrücken, wie lieb ich dich habe. Mir fehlen einfach die Worte.«

»Es es ist unfassbar, was wir beide erleben«, sagte Albert fassungslos.

Barbara streichelte verliebt seine Wange. »Diese Liebe ist ein Geschenk des Himmels.«

»Du bist die erste Liebe meines Lebens«, behauptete er.

Sie lächelte. »Das kann ich nicht glauben.«

»Wieso nicht?«

»Wie alt bist du?«

»Neununddreißig«, antwortete Albert.

»Ein neununddreißigjähriger Mann, der noch dazu so fantastisch aussieht …«

»Ich weiß, was du sagen möchtest«, fiel er ihr ins Wort. »Selbstverständlich gab es Frauen in meinem Leben aber keine solche Liebe.« Er erzählte ihr ganz offen von seiner Ehe mit Jutta, in der permanenter Kriegszustand geherrscht hatte. »Was haben wir einander für verabscheuungswürdige Gefechte geliefert.« Er schüttelte den Kopf. »Ich schäme mich deswegen noch heute. Und ich bin froh, dass Jutta nach Amerika gegangen ist. Ich hätte sie kein Jahr länger ertragen.«

Er stand auf und schob sie weiter, und er beantwortete ihr ehrlich jede Frage, die sie stellte.

Von da an sahen sie einander fast täglich, und die Liebe wurde für sie immer schöner.

Sie redeten auch ganz offen über Barbaras Behinderung, und Albert fragte: »Bist du sicher, dass die Ärzte alles, wirklich alles für dich getan haben?«

»Ziemlich sicher«, antwortete Barbara.

»Ich weiß von einer Schirennläuferin, die beim Abfahrtstraining mit voller Wucht auf den Rücken krachte und sich den ersten Lendenwirbel brach. Danach war sie vom Nabel abwärts ohne jedes Gefühl. Sie wurde ins nächste größere Krankenhaus geflogen und bekam zur Stabilisierung der Wirbelsäule Stahlfedern eingesetzt. Das Mädchen war erst siebzehn und hatte ein langes Leben im Rollstuhl vor Augen. Da hörte sie von Doktor Lars Janssen und seiner Münchner Privatklinik. Doktor Janssen ist Spezialist für Wirbelsäulenverletzungen. Die junge Sportlerin begab sich zu ihm. Er untersuchte sie und stellte fest, dass die Nerven des Mädchens nicht ganz durchtrennt waren. Er hat sie operiert, und nach drei Monaten konnte sie wieder auf Stöcken gehen. Und nach einer weiteren Operation und weiteren drei Monaten brauchte sie auch die Stöcke nicht mehr.«

»Das klingt wie ein Märchen«, sagte Barbara leise.

»Manchmal werden Märchen wahr.«

Barbara wiegte den Kopf. »Leider nur sehr, sehr selten.«

»Barbara«, sagte Albert, »ich möchte dir keine falschen Hoffnungen machen, aber dieser Doktor Janssen ist zufällig ein sehr guter Freund von mir. Und er ist auf seinem Spezialgebiet eine anerkannte Koryphäe. Lass dich von ihm untersuchen. Lars gehört nicht zu den Ärzten, die wild drauflos schneiden, bloß weil ihnen das Geld einbringt. Wenn er sieht, dass nichts zu machen ist, erspart er dir eine sinnlose Operation. Aber wenn er meint, dass eine Operation etwas bringt, dann kannst du davon ausgehen, dass Lars eine echte Chance für dich sieht, aus diesem Rollstuhl wieder raus zukommen. Was meinst du dazu, Liebling?«

»O Albert, ich würde furchtbar gern wieder gehen können und und mich wie eine richtige Frau fühlen …«

»Aber?«, fragte Albert gespannt.

»Es fiel mir so schwer, mich mit meinem grausamen Schicksal abzufinden, und ich habe manchmal noch immer Probleme damit …«

»Niemand macht dir irgendwelche Versprechungen, Liebes«, sagte Albert ernst. »Du legst dich in die Janssen-Klinik, und Lars untersucht dich und dann wird er dir eine Operation vorschlagen oder nicht. Das ist alles. Möchtest du nicht alle Möglichkeiten, die es gibt, ausschöpfen?«

Es fiel ihr schwer, sich zu entscheiden. Ging sie zu Dr. Janssen, dann hoffte sie auch, dass er ihr helfen konnte, und wenn er feststellte, dass er nichts für sie tun konnte, würde alles noch mal von vorn beginnen. Die Mutlosigkeit. Die Verzweiflung. Die Depression … Sie würde wieder bei Null anfangen. Wollte sie sich das antun?

»Darf ich mit Lars reden, Barbara?«, fragte Albert bettelnd.

Sie nagte schweigend an der Unterlippe.

»Barbara …«, sagte Albert so eindringlich, als würde sie schlafen und er wollte sie wecken.

Ihr Blick kehrte aus einer geistigen Ferne zurück. Sie sah Albert traurig an. Ich hätte wissen müssen, dass ich ihm so, wie ich bin, nicht genüge, dachte sie. Er ist unzufrieden, kann sich nicht bescheiden …

»Bitte lass mir Zeit, Albert«, antwortete sie endlich. »Ich muss erst mal in aller Ruhe darüber nachdenken.«

»Wovor hast du Angst?«

»Davor, dass dein Freund mir eröffnet, in meinem Fall wäre bedauerlicherweise nichts zu machen.«

»Damit würde sich für dich nichts ändern.«

»Doch, Albert. Wenn ich mich zu Doktor Janssen begebe, fange ich wieder an, zu hoffen das lässt sich nicht verhindern , ich müsste meine ganze psychische Kraft zusammennehmen, um mich seelisch aus meinem Rollstuhl hochzustemmen, und ein negativer Bescheid deines Freundes würde mich brutal in den Stuhl zurückstoßen. Ich weiß nicht, ob ich diese bittere Enttäuschung noch einmal überwinden könnte.«

»Du bist stärker, als du glaubst«, versuchte Albert ihr einzureden.

»Ich bin immer noch angeschlagen wenn man mir das auch nicht mehr ansieht«, gestand sie ihm.

Er gab nach. »Gut, denk nach.«

»Du bist unzufrieden mit mir, hab’ ich recht?«

Albert schüttelte erschrocken den Kopf. »Nein. Nein, Barbara. Du unterstellst mir ein völlig falsches Motiv. Ich akzeptiere und liebe dich so, wie du bist. Aber wenn es eine Möglichkeit gibt, dir zu helfen, möchte ich sie auf keinen Fall ungenutzt lassen.«

»Ich möchte bitte nach Hause«, sagte Barbara, und Albert brachte sie heim.

Sie sprach mit Schwester Gertrud über ihr Problem, und die Pflegerin, der sie vertraute wie sich selbst, meinte, eine solche Chance dürfe sie sich nicht entgehen lassen.

»Stellen Sie sich vor, Sie haben Glück, und Doktor Janssen kann Ihnen wirklich helfen«, sagte Schwester Gertrud enthusiastisch. »Wäre das nicht wunderbar?«

»Ich habe Angst, mir das vorzustellen, Gertrud …«, flüsterte Barbara.

»Sie haben doch nichts zu verlieren. Entweder gewinnen Sie oder es bleibt alles, wie es ist.«

Barbara verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Sie hatte Alpträume, sah sich stehen, gehen, laufen. Sie hastete mit hämmerndem Herzen durch einen weißen Irrgarten, war auf der Flucht vor ihrem Rollstuhl, der ein grauenvolles Eigenleben führte und sie gnadenlos verfolgte. Ihr Gesicht war knallrot, schweißgebadet und angstverzerrt. Sie wusste, wenn der Rollstuhl sie einholte, musste sie sich wieder in ihn setzen und für immer darin sitzen bleiben. Doch vielleicht konnte sie ihm entkommen. Sie lief, als ginge es um ihr Leben. Sie war unglaublich schnell. Ihre Füße berührten kaum den Boden. Doch der Rollstuhl war auch nicht langsam. Sie hörte ihn ständig hinter sich surren, scheppern und klappern manchmal so laut, dass sie meinte, er habe sie bereits eingeholt. Enge weiße winkelige Gassen. Immer wieder musste sich Barbara blitzschnell entscheiden, und sie konnte niemals sicher sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Irgendwann war der Rollstuhl auf einmal nicht mehr hinter ihr. Hatte sie es geschafft? War es ihr gelungen, ihn abzuhängen? Die Gasse mit den hohen, weißen, fensterlosen Wänden knickte nach links, und als Barbara um die Ecke bog, winkte ihr das Ende des Labyrinths, die Erlösung, die Freiheit vom Rollstuhl. Aufschreiend stürzte sie darauf zu, doch ehe sie den Irrgarten verlassen konnte, schob ihr Rollstuhl sich vor den Ausgang und blockierte ihn. Barbara fiel nach vorn, drehte sich dabei und landete entsetzlich hart im Stuhl, der sie sofort mit kräftigen Chromarmen umklammerte und für alle Zeiten festhielt …

Schluchzend und mit tränennassem Gesicht erwachte Barbara, und sie lag dann stundenlang wach, weil sie eine Fortsetzung oder Wiederholung dieses grauenvollen Traumes befürchtete, wenn sie einschlief.

Am nächsten Morgen holte Schwester Gertrud sie aus dem Bett und war ihr bei der Toilette behilflich. Dann frühstückten sie zusammen.

»Sie sehen aus, als hätten Sie keine gute Nacht hinter sich«, stellte die Pflegerin fest.

»Hab’ ich auch nicht«, gab Barbara zu und erzählte, wie schrecklich sie geträumt hatte.

»Ich hoffe, Sie betrachten das nicht als Vorahnung. Ihr Unterbewusstsein hat lediglich versucht, das Problem zu bewältigen.«

»Und ist daran gescheitert«, sagte Barbara bitter.

»Aber Träume haben nichts mit der Realität zu tun. Im wirklichen Leben kann sich alles ganz anders abspielen.«

Barbara trank noch einen Schluck Kaffee, betupfte ihre Lippen mit der weißen Stoffserviette, legte sie auf den Tisch und sagte: »Ich muss Albert anrufen.«

Schwester Gertrud musterte sie neugierig. »Darf ich fragen, ob Sie sich entschieden haben?«

Barbara nickte. »Ich werde Albert bitten, mit Doktor Janssen zu reden.«

Die Pflegerin klatschte begeistert und beglückwünschte sie zu dieser Entscheidung. Barbara lenkte den elektrischen Rollstuhl durch das Wohnzimmer. Das Telefon läutete. Barbara hoffte, dass es Albert war, der anrief. Rasch griff sie nach dem Hörer und verlieh ihrer Stimme einen freundlichen Klang, als sie sich meldete. Doch am anderen Ende der Leitung war nicht der Mann, den sie über alles liebte, sondern Jochen Hagenberg.

»Hallo, Barbara«, sagte er freundlich.

»Hallo«, gab sie spröde zurück.

»Wie geht es dir?«, fragte Jochen. Seine Stimme klang zerknirscht.

»Gut.«

»Das freut mich, freut mich wirklich.«

»Was willst du?«, fragte Barbara kühl.

»Ich wollte mal wieder deine Stimme hören.«

»Wozu?«

»Wozu?« Er lachte heiser. »Wir waren mal verlobt. Wir haben einander einmal sehr viel bedeutet.«

»Das ist lange her.«

»Du bist mir noch immer nicht gleichgültig, Barbara. Ich liebe dich noch. Ja, ob du’s glaubst oder nicht, ich liebe dich noch. Und ich vermisse dich sehr.«

»Was ist los? Hat keines deiner liebestollen Püppchen für dich Zeit?« Sie wollte ihm irgendwie wehtun. Aber nichts, was sie hätte sagen können, wäre auch nur annähernd dem gleichzusetzen gewesen, was er ihr angetan hatte.

»Du hast Recht, mich so zu behandeln. Ich habe mich dir gegenüber schäbig benommen, und ich wollte, ich könnte es auf irgendeine Weise wieder gutmachen.«

»Das geht nicht«, erwiderte sie hart. »Das ist unmöglich.«

»Ich würde dich gerne besuchen, Barbara.«

»Ich habe keine Zeit«, sagte sie abweisend.

»Spreche ich mit der Barbara, mit der ich mich einmal so gut verstanden habe?«

»Die du in unverantwortlicher Weise zum Krüppel gefahren und nach völlig ungeniert Strich und Faden betrogen hast, ja, mit der sprichst du.«

Seine Stimme klang enttäuscht. »Du hast dich verändert, bist hart und verbittert geworden.«

»Aber nur, wenn du mich belästigst«, gab sie harsch zurück.

»Du empfindest meinen Anruf als Belästigung.«

»Allerdings.« Barbara war stachelig wie ein Kaktus.

»Dann ist es wohl besser, wir beenden dieses Gespräch.«

»Ich wollte soeben auflegen«, erwiderte Barbara und tat es. Ihre Hand zitterte. »Bitte tu mir den Gefallen und lass mich in Ruhe«, murmelte sie. »Ruf mich nie wieder an. Ich will von dir nichts mehr wissen. Es ist kein Platz mehr in meinem Leben für dich.« Sie schloss kurz die Augen, atmete mehrmals kräftig durch und wählte dann Alberts Nummer.

»Liebling, was ist mit deiner Stimme los?«, fragte er sofort.

»Was soll mit ihr sein?«

»Sie klingt so, als hättest du dich geärgert.«

»Ich hab’ mich geärgert.«

»Worüber?«, wollte Albert wissen.

Sie erzählte von Jochen Hagenbergs unerwartetem Anruf.

»Warum lässt er dich nicht in Ruhe?«, grollte Albert. »Hat er dir noch nicht genug angetan? Ich werde mit ihm reden und ihm klipp und klar sagen …«

»Nein, Albert, das möchte ich nicht«, fiel ihm Barbara ins Wort. »Ich werde mit Jochen schon alleine fertig.«

»Na schön«, sagte Albert und wechselte das Thema. »Was verschafft mir das Vergnügen deines Anrufs?«

»Ich habe mich zu einem Entschluss durchgerungen.«

»Und zu welchem?«

Sie sagte es ihm, und Albert stieß einen Freudenschrei aus. Er versprach, noch heute mit Lars Janssen zu reden. Er sprach es nicht aus, aber natürlich hoffte auch er, dass sein Freund Barbara helfen konnte.

 

 

11. Kapitel

 

»Eigentlich sind es nicht Adern, sondern Venen, die sich ausweiten und ihre Funktion nicht mehr richtig erfüllen können«, er klärte Dr. Lars Janssen dem Mann, der ihm blass und angespannt auf dem Patientenstuhl gegenübersaß. »Venen sind Blutgefäße, die das Blut zum Herzen zurückleiten. In ihnen herrscht nur ein sehr niedriger Druck.«

Philip Grothe, der Literatur-Agent, nickte benommen. Er wusste nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, die Janssen-Klinik aufzusuchen. Als er gestern Abend zu Bett gegangen war, hatte er diese Absicht noch nicht gehabt. Als er heute Morgen aufgewacht war, hatte sein Entschluss auf einmal festgestanden. Wer konnte das begreifen? Er nicht.

»In den Venen«, fuhr Dr. Janssen fort, »vor allem in den Beinvenen, befinden sich Klappen, die dafür sorgen, dass das Blut nur in eine Richtung, also zum Herzen, fließen und nicht, der Schwerkraft gehorchend, zurückströmen kann. Wenn sich die Venen nun ausweiten, kann dieser Ventilmechanismus nicht mehr richtig funktionieren, und es kommt, wie in Ihrem Fall, Herr Grothe, zu Krampfadern.«

Wieder nickte Philip Grothe, und dann massierte er nervös seine Nase. »Erlauben Sie mir eine Zwischenfrage, Doktor Janssen: Sind Krampfadern nicht eher eine Frauenkrankheit?«

»Sie haben Recht«, stimmte der Leiter der Janssen-Klinik zu. »Nur jeder sechste Krampfadernpatient ist ein Mann.«

»Was hab’ ich doch für ein Glück«, bemerkte Grothe sarkastisch.

»Als Ursache für diese Erkrankung ist in der Mehrzahl der Fälle eine angeborene Gewebeschwäche gegeben«, führte Dr. Janssen weiter aus. »Aber es ist auch unbestritten, dass es durch zu wenig Bewegung oft Ausdruck einer falschen Lebensweise und vor allem Übergewicht zu Beschwerden kommt.«

»Übergewicht«, brummte Grothe in seinen imaginären Bart, während er sich aufrichtete und seinen Bauch einzuziehen versuchte, was ihm jedoch nur mangelhaft gelang. Einziehen wohin? Irgendwann war die Bauchhöhle voll. »Zu wenig Bewegung.« Er nickte seufzend. »Beides trifft auf mich zu.«

»Bei Venenerkrankungen sollte man sich den Satz einprägen: Laufen und liegen ist besser als stehen und sitzen.«

»Wenn man nun aber mal diese schmucken Dinger an den Beinen hat, was dann, Doktor Janssen? Ich nehme an, mit einer bloßen Gewichtsabnahme ist es bei mir nicht mehr getan.«

»Im Frühstadium werden in der Regel Stützstrümpfe empfohlen. Schwerere Krampfadern müssen entweder durch eine Injektionsbehandlung, die so genannte Venenverödung, oder eine Operation beseitigt werden. Sie hätten früher zu mir kommen sollen, Herr Grothe, dann hätte ich Ihnen eine Operation ersparen können.«

Der Agent seufzte schwer. »Der Abend ist immer klüger als der Morgen. Eine Injektionsbehandlung würde bei mir nicht mehr greifen, nicht wahr?«

Lars Janssen schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, Herr Grothe.«

Der Agent fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Operation ist ein Wort, das in mir ganz merkwürdige Gefühle auslöst, wenn ich ehrlich sein darf.«

»Niemand ist davon begeistert, Herr Grothe, aber …«

»…aber wenn es sein muss …« Der Agent nickte langsam. Dann grinste er verlegen. »Sie haben wohl nicht oft mit Patienten zu tun, die so feige sind wie ich, wie? Operation also. Na schön. Irgendwie hab’ ich befürchtet, dass ich nicht darum herumkomme.« Er leckte sich die Lippen. »Wie geht das denn so vonstatten?«

»Schwere Fälle bedingen einen zwei bis dreitägigen Krankenhausaufenthalt, die Operation findet unter Vollnarkose statt. Der Arzt sperrt die Vene völlig ab und zieht sie aus dem Bein heraus.«

»Zieht sie heraus.« Grothe begann zu schrumpfen.

»Wir nennen das strippen.«

»Strippen.« Grothe feixte. »Hört sich lustig an. Man denkt sofort an Striptease.«

»Danach bleiben die Beine sechs Wochen, bis zum Entfernen der Nähte, bandagiert.«

»Und wenn ich abnehme, erhöht sich die Chance, dass sich keine neuen Krampfadern bilden.«

»Wenn Sie abnehmen und mehr Bewegung machen als bisher.«

Grothe dachte nach. Er spitzte dabei die Lippen, als wollte er pfeifen. Und dann überraschte er sich selbst mit den Worten: »Gut, wann soll ich kommen?«

»Lassen Sie sich von Schwester Mathilde einen Operationstermin geben.«

»Er sollte so bald wie möglich sein, sonst verlässt mich die Courage, und ich getraue mich kein weiteres Mal in Ihre Klinik.«

»Ich denke, Sie können mit einem Termin noch in dieser Woche rechnen.«

Grothe schluckte. »Noch in dieser Woche. So eilig wäre es nun auch wieder nicht gewesen.« Als er sich verabschiedete, sagte er lächelnd: »Ich bin froh, dass es eine ärztliche Schweigepflicht gibt.«

»Wieso?«

»So kann ich sicher sein, dass unser gemeinsamer Freund Albert Cress nie erfahren wird, was für ein elender Jammerlappen ich bin.«

Eine knappe Stunde später saß dieser gemeinsame Freund dem Chef der Janssen-Klinik in dessen Büro gegenüber.

»Was hast du diesmal auf dem Herzen?«, erkundigte sich Dr. Lars Janssen.

Sie tranken Kaffee. Einen von der guten Sorte. Schwester Mathilde zeichnete dafür verantwortlich. Traude Berger, Lars’ Sekretärin, platzte zur Tür herein.

»Oh, entschuldigen Sie, Chef, ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben. Guten Tag Herr Cress.«

»Hallo, Traude. Sie werden immer hübscher«, gab Albert lächelnd zurück.

Die junge Frau errötete. Sie wandte sich an Lars Janssen: »Ich sollte Sie erinnern, dass Sie heute mit Direktor Oppenheimer verabredet sind.«

»Danke Traude, das hat sich erledigt«, erwiderte Dr. Janssen. »Ich habe ihn vorhin angerufen und um eine Verschiebung des Gesprächs gebeten. Wir sehen uns morgen.« Traude Berger zog sich zurück, und Lars Janssen sagte zu seinem Freund: »Wieso siehst du so glücklich aus?«

Albert strahlte ihn an. »Ich bin verliebt.«

»Bist du etwa hier, um mich zu bitten, dein Trauzeuge zu sein?«

Albert lachte. »Heute nicht, aber das kommt noch.«

»Wer ist denn die Glückliche?«

Albert geriet sofort ins Schwärmen. »Sie ist die wundervollste, bezauberndste, reizendste, schönste, sympathischste Kollegin …«

»Ach, sie schreibt auch«, sagte Lars.

Albert nickte. »Kinderbücher. Ich habe sie im Haus meines Agenten kennen gelernt. Sie arbeitet ebenfalls mit ihm zusammen.«

»Wie ist ihr Name?«

»Barbara Klinkenbach«, antwortete Albert.

»Hab’ ich schon mal gehört. Dein Agent war übrigens heute bei mir.«

Albert staunte. »Hat er sich endlich dazu aufgerafft, etwas gegen seine Krampfadern zu unternehmen? Wie viele Pferde haben ihn zu dir hineingeschleift?«

»Kein einziges.«

»Der Mann fängt an, mich in grenzenlose Verwunderung zu versetzen.« Albert trank seinen Kaffee. Seine Miene wurde ernst, und er erzählte dem Freund mit rauer Stimme von dem grausamen Schicksalsschlag, der Barbara Klinkenbach getroffen hatte. »Ich weiß natürlich, dass du keine Wunder wirken kannst, Lars«, sagte er abschließend, »aber ich möchte, dass du dir Barbara ansiehst und zweifelsfrei feststellst, ob wirklich nichts mehr für sie getan werden kann oder ob sie doch noch eine ganz, ganz kleine Chance hat, irgendwann einmal wieder auf ihren eigenen Beinen stehen zu können. Du bist auf Wirbelsäulenverletzungen spezialisiert, hast schon einigen querschnittgelähmten Patienten, die von deinen Kollegen aufgegeben worden waren, ein Leben im Rollstuhl erspart. Vielleicht gelingt es dir auch bei Barbara.« Sein Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an. »Verdammt noch mal, warum sollte sie von vornherein keine Chance haben? Ich weigere mich, das zu glauben.«

Alberts Hoffnung wurde für Lars zu einer schweren Last. Der Freund erwartete von ihm wenn er es auch bestritt, dass er Barbara heilte. Es war nicht leicht, unter diesem psychischen Druck sein Bestes zu geben, aber Lars Janssen wollte es, wie schon so oft, versuchen. Das sagte er Albert. Dieser sprang daraufhin auf und schüttelte ihm wie verrückt die Hand.

»He!«, protestierte Lars lächelnd. »Vorsicht! Sachte! Diese Hand wird noch gebraucht!«

Albert ließ sie sofort los. »Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der Barbara helfen kann, dann bist du das, Lars«, sagte er ergriffen.

 

 

12. Kapitel

 

Bevor Lars Janssen Zeit hatte, sich Barbara gründlich anzusehen, kam Philip Grothe unters Messer, und er verkraftete den Eingriff ganz hervorragend.

»Wenn ich gewusst hätte, dass das so eine Lappalie ist, hätte ich es nicht so lange hinausgeschoben«, sagte er, als Barbara und Albert ihn in der Janssen-Klinik besuchten.

»Du wirst noch mal ein Fan von Operationen«, grinste Albert.

»Also das glaube ich weniger«, entgegnete der Agent.

»Wie das Leben so spielt«, lächelte Barbara. »Mal sitzen Sie an meinem Krankenbett, mal sitze ich an Ihrem.«

»Ich finde, wir sollten endlich damit aufhören, Barbara«, sagte der Agent.

»Womit?«

»Uns zu siezen. Wir kennen einander schon so viele Jahre. Wir mögen uns. Wir sind Freunde. Und Freunde duzen sich. Bist du damit einverstanden?«, fragte Philip. Barbara nickte. »Wir haben hier keinen Champagner«, fuhr er fort, »um darauf anzustoßen und Brüderschaft zu trinken, aber das holen wir nach, sobald ich wieder zu Hause bin. Und küssen müssen wir uns auch, darum kommst du nicht herum, denn darauf freue ich mich am meisten.«

»Küssen kann ich dich gleich«, schmunzelte Barbara. »Dafür brauche ich mir keinen Mut anzutrinken.«

»Soll ich hinausgehen, damit ihr ungestört seid?«, erkundigte sich Albert.

»Du kannst uns dabei getrost zusehen«, grinste Philip, und dann besiegelte er mit Barbara das freundschaftliche du mit einem Kuss, den er absichtlich laut schnalzen ließ.

Drei Tage danach gab’s bei Philip Grothe zu Hause den versprochenen Champagner, und der Agent bestand darauf, Barbara noch mal zu küssen, weil sonst das Ritual nicht vollständig gewesen wäre, wie er schlitzohrig meinte.

»Sieh dich vor dem vor«, warnte Albert Barbara im Scherz. »Wenn man ihm den kleinen Finger reicht, will er gleich die ganze Hand. Und wenn du ihm die Hand gibst musst du hinterher nachsehen, ob du noch alle Finger hast.«

Philip drohte lachend mit dem Zeigefinger. »Du, mach mich nicht schlecht, ja?«

Albert sah Barbara an und sagte: »Er ist der gerissenste Halunke, den ich kenne. Er geht hinter dir bei ’ner Drehtür rein und kommt vor dir raus.«

»Und wer profitiert davon?«, fragte Philip. »Ihr, meine Autoren.«

Die Stimmung war an diesem Tag großartig. Erst gegen Abend wurde Barbara etwas stiller und nachdenklich, denn morgen würde Albert sie in die Janssen-Klinik bringen.

 

 

13. Kapitel

 

Die gründlichen Untersuchungen nahmen zwei ganze Tage in Anspruch. Barbara wurde von allen Seiten durchleuchtet, und Lars Janssen forderte ergänzende Schichtaufnahmen. Er zog zwei Neurochirurgen hinzu, Dr. Konrad Tanner und Dr. Hubert Fischer. Falls eine Operation in Frage kam, würden sie ihm assistieren. Er besprach sich mit seinen Kollegen sehr lange, ehe er sich entschied.

Die füllige Schwester Mathilde war bei Barbara, als Dr. Janssen sein Büro verließ, um die Patientin aufzusuchen und von seiner Entscheidung in Kenntnis zu setzen.

»Gott, bin ich nervös«, seufzte Barbara.

»Doktor Janssen wird bald hier sein«, tröstete Schwester Mathilde die Patientin. »Er spannt Sie bestimmt nicht länger auf die Folter, als es unbedingt nötig ist.«

»Wenn ich dieses Gespräch nur schon hinter mir hätte. Wird Doktor Janssen operieren? Wird er nicht operieren? Es ist mir fast egal. Ich möchte nur endlich Bescheid wissen.«

Die Tür öffnete sich, und der Chef der Janssen-Klinik erschien. »Schwester Mathilde«, sagte er ernst. »Würden Sie mich bitte mit der Patientin allein lassen?«

»Selbstverständlich«, antwortete die gewichtige Krankenschwester. »Ich drücke Ihnen die Daumen«, raunte sie Barbara zu und eilte dann aus dem Zimmer.

Lars Janssen schloss die Tür. Seine scharf geschnittenen Züge wirkten wie eine Maske. Kein Muskel regte sich in seinem Gesicht. Mit dieser Miene kann man das aussichtsloseste Pokerspiel gewinnen, dachte Barbara fröstelnd. Der Arzt trat näher. Er wird mir sagen, dass es zwecklos ist, zu operieren, überlegte Barbara. Habe ich einen anderen Bescheid erwartet? Habe ich wirklich auch nur einen winzigen Augenblick lang ernsthaft gehofft, dass er mich heilen kann? Er mag ein hervorragender Chirurg sein, aber er kann nicht zaubern.

Die Spannung wurde ihr unerträglich, deshalb fragte sie mit einer Stimme, die ihr selbst fremd vorkam: »Nun, Doktor Janssen, werden Sie mich operieren?«

»Ja«, antwortete der Chirurg.

Aber Barbara hatte so sehr mit einem Nein gerechnet, dass sie sein Ja auch für ein Nein hielt. Sie fühlte sich wie eine aufblasbare Puppe, aus der die Luft entweicht. Ganz langsam. Pffft … Ihr war, als würde alle Kraft aus ihrem Körper rinnen. Aus. Vorbei. Endgültig. Die allerletzte Hoffnung war dahin. Was blieb, war stumme Resignation. Ich hätte mich nicht dazu überreden lassen sollen, dachte Barbara unglücklich. Ich habe die Antwort doch schon vorher gekannt. Wozu habe ich mir etwas vorgemacht? Warum habe ich mir diese neuerliche Enttäuschung nicht erspart? Ihre Augen füllten sich mit Tränen und quollen über. Salzige Bäche rannen über ihre fahlen Wangen. Wenn jetzt doch nur Albert hier gewesen wäre, um ihre Hand zu halten.

»Wir haben die ossären, also knöchernen, Verhältnisse im Verlaufe der umfassenden Röntgenuntersuchungen abgeklärt und neurologische Ausfälle im beengenden Spinalkanal festgestellt«, er klärte Dr. Janssen. »Man hat unmittelbar nach Ihrem Unfall eine dekompressive, das heißt entlastende, Laminektomie vorgenommen, um den andauernden Druck auf das Rückenmark und die Cauda equina, das sind die Nervenwurzeln unterhalb des Rückenmarks, so schnell wie möglich zu beseitigen. Das war eine sehr wichtige und auch völlig richtige Maßnahme. Wenn wir nun eine zweite Entlastungsoperation wagen …«

Was? Was hatte Dr. Janssen soeben gesagt? Hatte er von einer zweiten Entlastungsoperation gesprochen, die er wagen wollte? Dann musste sie ihn vorhin falsch verstanden haben. Dann hatte er ihre Frage, ob er sie operieren würde, nicht mit nein, sondern mit ja beantwortet. Mit ja! O Gott!

»Sie Sie wollen mich operieren?«, stammelte Barbara völlig durcheinander.

Lars Janssen nickte. »Ja, das habe ich vor.«

»Dann dann meinen Sie, dass ich eine winzige Chance habe …«

»Ja, ich denke, dass eine solche Chance besteht, und meine Kollegen Doktor Tanner und Doktor Fischer, zwei erstklassige Neurochirurgen, sind derselben Meinung. Die medulläre Verletzung, die Sie bei diesem Autounfall erlitten haben und die dafür verantwortlich ist, dass Sie seither Ihre Beine nicht mehr gebrauchen können, hielt sich zum Glück in Grenzen. Wir konnten die erfreuliche Feststellung machen, dass die Nervenleitung durch das Unfallereignis nicht irreparabel geschädigt wurde …«

Operieren!, dachte Barbara wie von Sinnen. Er wird mich operieren! Ich habe eine kleine Chance! Ich werde vielleicht, viel leicht wieder gehen können! Die Gedanken drehten sich wie Mühlräder in ihrem Kopf. Sie hörte kaum noch, was Dr. Janssen sagte. Nur Wortfetzen schnappte sie noch auf: Wirbelkorrektur … Gewindestäbe aus Metall … Streckung und Fixierung eines bestimmten Wirbelsäulenabschnitts … Neuerliche umfassende Rehabilitationsmaßnahmen, diesmal in der Janssen-Klinik … Oh, sie verstand nichts von all diesen Dingen. Es war ihr gleichgültig, was Dr. Janssen mit ihr anstellte. Jeden Schmerz war sie bereit zu ertragen. Jedes Risiko wollte sie akzeptieren. Sie war im Vorhinein mit allem einverstanden, was Dr. Janssen ihr vorschlagen würde. Hauptsache die winzige Chance, die er sah, wurde gewahrt.

Riesige Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie wischte sie nicht weg. Natürlich würde sie nicht wieder Tennis spielen können, das war ihr schon klar. Es würde ihr genügen, nicht mehr im Rollstuhl sitzen zu müssen. Gehen, dachte sie sehnsüchtig. Allein, ohne Hilfe gehen können wie wunderbar … Die Menschen, die dazu in der Lage sind, wissen das gar nicht zu schätzen. Es ist eine Selbstverständlichkeit für sie. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit. Ich weiß es. Es kann damit innerhalb von Sekundenbruchteilen vorbei sein. Ein Verkehrsunfall. Ein Sturz von der Leiter. Ein Sportunfall. Und im nächsten Moment ist man nur noch ein halber Mensch, kann seine Beine nicht mehr bewegen, hat kein Gefühl mehr im Unterleib … Es ist grauenvoll. Aber jeder denkt, ihm kann das nicht passieren. Er schiebt es so weit wie möglich von sich, will nichts davon wissen. Und wird, wenn er Pech hat, ganz plötzlich und ganz persönlich damit konfrontiert.

Dr. Janssen hatte geendet, und Barbara sagte ergriffen: »Ich möchte Sie umarmen.«

Er lächelte, beugte sich vor, sie schlang die Arme um ihn und weinte an seiner Schulter.

»Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns«, sagte Lars. »Und wenn ich wir sage, dann meine ich damit nicht nur uns Mediziner, sondern auch Sie.«

»Ich werde alles, alles tun, was Sie von mir verlangen, Doktor Janssen«, versprach Barbara und gab ihn frei.

»Ich darf Ihnen nicht verschweigen, dass es sich um eine äußerst schwierige Operation handelt.«

»Dessen bin ich mir bewusst.«

»Ohne mich beweihräuchern zu wollen, es gibt nur eine Hand voll Chirurgen in unserem Land, die dazu fähig sind.«

»Ich habe vollstes Vertrauen zu Ihnen, Doktor Janssen. Ich weiß, dass Sie mich nicht enttäuschen werden.«

»Die winzige Chance, die meine Kollegen und ich erkannt haben, kann wie eine Seifenblase zerplatzen.«

»Sie werden Ihr Bestes geben«, sagte Barbara zuversichtlich. »Mehr kann niemand von Ihnen erwarten.«

»Sie möchten also, dass ich Sie operiere.«

Barbara lächelte. Ihr Herz raste vor Freude. »Wann fangen Sie an?«

»Wir sehen uns in zwei Wochen wieder«, antwortete Dr. Lars Janssen und verabschiedete sich.

 

 

14. Kapitel

 

Sie feierten es größer, als es dem Anlass eigentlich zukam. Was war denn schon geschehen? Barbara war noch nicht operiert. Sie konnte nach wie vor nicht gehen, saß immer noch im Rollstuhl. Dr. Janssen hatte lediglich versprochen, zu versuchen, Barbara zu helfen. Ob ihm das auch gelingen würde, stand auf einem anderen Blatt. Aber für Barbara und Albert war es Grund genug, ihr Lieblingsrestaurant aufzusuchen und dort ganz fürstlich zu tafeln.

»Wenn Lars eine Chance sieht, dann gibt es auch eine«, strahlte Albert und hob sein Glas, in dem goldener Moselwein funkelte. »Ich trinke auf meinen Freund Doktor Lars Janssen und auf all das Schöne, das das Leben für uns noch bereithält.«

»Dem schließe ich mich gerne an«, schmunzelte Barbara. Sie stieß mit Albert an. Ihre Gläser klirrten leise, und dann tranken sie.

Dass hässliche Gewitterwolken über ihrem Glück aufzogen, konnten sie nicht ahnen. Obwohl Barbara noch im Rollstuhl saß, schien für sie und Albert die Sonne, aber das sollte sich bald ändern.

Barbara fütterte Albert verliebt mit köstlichen Trüffeln und musste unbedingt von seiner Speise probieren. Sie benahmen sich, wie sich nur frisch Verliebte aufführen, kicherten und alberten, und die Gäste, die es sahen, fanden es amüsant und lächelten heimlich. Niemand missgönnte der jungen, schönen Frau im Rollstuhl ihr großes Glück, und man bewunderte den Mann, der die Kraft hatte, sie trotz ihres schweren Gebrechens so sehr zu lieben.

Als Albert Barbara gegen dreiundzwanzig Uhr nach Hause brachte, sagte er: »Danke.«

Sie kicherte, denn sie war ein wenig beschwipst, hatte zu viel Moselwein erwischt. »Wofür denn?«

»Für den wundervollen Abend«, antwortete Albert.

»Davon werden wir noch viele haben«, versprach ihm Barbara.

»Es werden nie zu viele sein.« Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf den Mund. »Gute Nacht, Liebes.«

Sie schlang die Arme um seinen Nacken, hielt ihn fest, drückte ihre Stirn gegen seine und sah ihm aus allernächster Nähe in die Augen.

»Ich lasse das alles nur für dich mit mir geschehen«, gestand sie ihm.

»Du musst es auch für dich wollen.«

»Ja, auch für mich. Aber in erster Linie für dich. Ich glaube, ich hätte ohne dich nicht den Mut dazu. Du gibst mir so viel Kraft. Durch dich bin ich so stark. Ich kann alles ertragen für dich. Ich würde sterben, wenn du mich verlässt.«

»Ich habe nicht die Absicht, dich zu verlassen, mein wunderschöner blonder Engel. Niemals. Ich schwöre jeden heiligen Eid, wenn du möchtest …«

»Das brauchst du nicht. Ich glaube dir auch so. O Albert, ich bin ja so froh, dass es dich gibt.«

Er lächelte sie glücklich an. »Wie konnte ich nur so lange ohne dich leben? Es ist mir unbegreiflich.« Er schloss die Haustür auf, schob sie hinein und half ihr, den Rollstuhl zu wechseln.

»Danke«, sagte Barbara.

»Kann ich sonst noch irgendetwas für dich tun?«, erkundigte sich Albert.

Barbara schmunzelte. »Du könntest mich noch einmal küssen.«

»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.« Er nahm ihr hübsches Gesicht zwischen seine gepflegten, feinnervigen Hände und küsste sie lange und leidenschaftlich. »Gute Nacht, Liebste. Schlaf gut und träum was Schönes.«

Er verließ das Haus. Barbara hörte die Tür seines Wagens zu klappen, dann fuhr Albert los, und sie steuerte ihren leise summenden elektrischen Rollstuhl durch die Halle. Der an der Wand befestigte Schräglift brachte sie nach oben. Sie war allein im Haus, aber das machte ihr nichts aus. Sie kam auch schon ohne Hilfe zurecht, konnte sich selbst ausziehen und waschen und kam auch allein ins Bett. Als ihr Kopf auf den beiden weichen Daunenkissen ruhte, fuhren die Gedanken in ihrem Kopf wieder einmal Karussell. Eine schwere Zeit stand ihr bevor, aber sie fürchtete sich nicht, denn solange es Albert in ihrem Leben gab, konnte sie alles durchstehen.

 

 

15. Kapitel

 

Am nächsten Morgen herrschte ein feindseliges, geradezu aggressives Wetter. Der Himmel war dunkelgrau. Es regnete in Strömen, und ein Ende war nicht abzusehen. Sturmböen peinigten die Pflanzen im Garten und trieben dichte Wasserschleier vor sich her, um sie mit großer Wucht gegen die Fenster zu schleudern. Albert sah in die tobende Natur hinaus. Sein Gesicht spiegelte sich im Glas, an dem die Regentropfen abrannen. Er befand sich in seinem Arbeitszimmer. Der Computer war eingeschaltet und summte leise. Das Telefon, das auf seinem Schreibtisch stand, läutete.

Albert drehte sich langsam um und griff nach dem Hörer. »Hallo!«

»Guten Morgen, Liebster.«

»Barbara.« Es freute ihn, ihre Stimme zu hören. »Wie hast du geschlafen?«

»Wundervoll, und ich habe von dir geträumt. Wir waren auf einer kleinen, paradiesischen Insel. Irgendwo in der Südsee. Nur wir beide. Mutterseelenallein. Es war herrlich. Wir waren unbeschreiblich glücklich.«

»Wir sind unbeschreiblich glücklich.«

»Ja, das sind wir«, gab sie ihm recht. »Ich hätte nichts dagegen, jede Nacht so schön zu träumen. Ich war enttäuscht und traurig, als der Traum zu Ende war.«

Der Regen prasselte laut gegen das Fenster. »Was sagst du zu diesem Wetter?«, fragte Albert.

»An einem solchen Tag muss man arbeiten«, erklärte Barbara. »Da versäumt man nämlich nichts, wenn man zu Hause bleibt.«

Sie kamen überein, einander heute nicht zu sehen. Einer wünschte dem andern gutes Gelingen bei seinem Schaffen, dann legten sie auf, und Albert nahm vor seinem tragbaren Computer Platz. Um den Faden wieder zu finden, las er sich die letzten Zeilen noch einmal durch und schrieb dann mit flinken Fingern weiter.

Eine Stunde später läutete jemand an der Haustür. Albert war gerade wunderbar im Fluss und ärgerte sich über die Störung. Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen und stand auf. Wer immer es war, er würde ihm sagen, er solle sich zum Teufel scheren. Natürlich nicht so grob und direkt, sondern höflich und verschlüsselt, aber mit ebendieser Bedeutung.

Er riss die Tür auf. Ein feuchter Schleier legte sich kalt auf sein Gesicht. Er sah eine schlanke, elegante Frau. Sie trug einen großen, nassen Hut und war von zwei Koffern flankiert. Auch ihr Kostüm war nass. Albert traute seinen Augen nicht. Er hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit.

»Hallo, Albert.« Diese Stimme so fremd und doch so vertraut.

»Ha Hallo, Jutta!«, stammelte er. »Wo wo kommst du denn her?«

»Direkt vom Flugplatz. Darf ich reinkommen, oder möchtest du, dass ich mir hier draußen den Tod hole?«

Er wollte sie nicht ins Haus lassen. Aber er konnte sie ebenso wenig draußen im Regen stehen lassen. Immerhin war sie mal seine Frau gewesen war es noch, denn die Ehe war nie annulliert worden. Sie hatten sich lediglich getrennt. Jutta war nach Amerika gegangen. Aber sie waren immer noch miteinander verheiratet, waren auf dem Papier immer noch Mann und Frau!

 

 

16. Kapitel

 

Barbara kam mit ihrer Arbeit gut voran. Schwester Gertrud klopfte.

»Ja, bitte?«, rief Barbara.

Die Pflegerin balancierte ein Tablett herein. »Zeit für Ihre Medikamente.«

Barbara musste einiges einnehmen damit ihr Blut nicht zu dick wurde, damit ihr Kreislauf trotz des vielen Sitzens stabil blieb, damit ihr Darm nicht träge wurde … Und zum allgemeinen Wohlbefinden bekam sie von ihrer Pflegerin mehrmals am Tag einen speziell für sie gemischten, äußerst aromatischen und wohlschmeckenden Tee und reichlich Vitamine.

Ohne Protest schluckte Barbara die Kapseln und Pillen, die in einem kleinen Schälchen lagen, trank das Vitaminkombinat und ließ sich den Tee auf den Schreibtisch stellen.

»Läuft die Arbeit?«, erkundigte sich die kräftige Krankenschwester.

»Ich bin zufrieden«, antwortete Barbara.

»Möchten Sie zu Mittag einen Broccoli-Auflauf essen?«

»Sie sind nicht nur eine großartige Pflegerin, sondern eine ebenso gute, wenn nicht noch bessere Köchin, Schwester Gertrud. Ich freue mich auf Ihren Broccoli-Auflauf. Mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen, wenn ich mir vorstelle, wie köstlich er duften und wie fantastisch er schmecken wird.«

Schwester Gertrud sah Barbara nachdenklich an.

Barbara schmunzelte. »Was ist?«

»Ich habe schon viele kranke Menschen betreut«, sagte die Pflegerin ernst, »aber noch niemand war so nett wie Sie.«

Jochen Hagenberg hatte eine gute Wahl getroffen. Das war aber so ziemlich das einzige, was Barbara ihm zugutehalten konnte. Mal abgesehen von den rollstuhlgerechten Umbauten, die er in ihrem Haus vorgenommen hatte.

 

 

17. Kapitel

 

Albert war so benommen, als hätte er einen kräftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Er griff nach Juttas Koffern und trug sie ins Haus.

»Komm rein«, sagte er.

Sie trat ein, schloss die Tür und sah sich neugierig um. Sie war sehr lange nicht hier gewesen. So lange, dass Albert schon total vergessen hatte, dass er mit ihr noch verheiratet war. Er hätte das schon längst in Ordnung bringen müssen. Die Scheidung wäre eine reine Formsache gewesen. Eine Angelegenheit von wenigen Minuten. Ich muss das schnellstens nachholen, dachte Albert unruhig. Und ich muss mit Barbara darüber reden. Sie weiß zwar von Jutta, denn ich habe ihr von ihr erzählt, aber sie weiß nicht, dass ich noch immer mit Jutta verheiratet bin. Unbegreiflich, dass man so etwas vergessen kann. Wie konnte mir das nur passieren?

Jutta war aus seinem Leben verschwunden, er hatte seine Freiheit und seine Ruhe wiedergehabt, und das hatte ihm gereicht. Jutta war nach Amerika gegangen. Für ihn war es so gewesen, als hätte sie sich auf einen anderen Planeten begeben. Sie hatte beruhigend weit von ihm entfernt gelebt, und damit war er zufrieden gewesen. Er hatte sich von ihr geschieden gefühlt. Nie hätte er gedacht, sie würde eines Tages wieder vor seiner Tür stehen nass wie ein begossener Pudel. Mit Koffern.

Sie nahm den großen Hut ab. Eine Flut tizianroten Haares fiel auf ihre nassen Schultern. Früher war sie aschblond gewesen. Und sie hatte das Haar auch wesentlich kürzer getragen. Sie ging ins Wohnzimmer. Albert folgte ihr. Die Koffer ließ er in der Halle stehen. Er kam sich wie ein Idiot vor, wusste nicht, was er sagen sollte, hatte die Situation überhaupt nicht unter Kontrolle.

»Wie kommst du hierher?«, hörte er sich heiser fragen.

»Mit dem Taxi«, antwortete Jutta.

Sie hat abgenommen, dachte Albert. Das passt ihr nicht. Früher hat sie besser ausgesehen. Eine bezaubernde Schönheit war sie gewesen. Eine fantastische Figur hatte sie gehabt. Heute ist sie superschlank, um nicht zu sagen mager. Dieses verrückte Amerika mit seinem bescheuerten Schlankheitsfimmel und seinen gefährlichen Diäten. Sie war zu lange drüben, wurde vom American Way Of Life infiziert. Sie ist neununddreißig, wie ich, aber sie sieht älter aus, hat Krähenfüße, und die Lachfalten ziehen sich wie tiefe, dunkle Klammern zu ihrem Mund hinunter, der früher nicht so hart gewesen ist. Sie kann drüben trotz ihrer beruflichen Erfolge als Designerin kein schönes Leben gehabt haben. Das hat sich in ihr Gesicht gegraben. Ich wüsste keinen anderen Grund …

»Hier hat sich einiges verändert«, stellte Jutta fest, nachdem ihr Blick durch das Wohnzimmer geschweift war.

»Leben ist Veränderung«, erwiderte Albert.

»Wohnt eine Frau mit dir in diesem Haus?«

»Nein.« Albert glaubte, ein zufriedenes Aufblitzen in Juttas Augen erkennen zu können. Wenn sie mit gewissen Absichten bei ihm erschienen war, würde er sie enttäuschen. Er wollte sie nicht wiederhaben. Vielleicht hatte sie sich geändert. Vielleicht war sie nicht mehr so durchgedreht wie früher. Vielleicht war sie auch verträglicher geworden. Er wollte sie trotzdem nicht zurück haben. Er liebte sie nicht mehr, hatte sie niemals richtig geliebt, hatte sie nie so irrsinnig gern gehabt wie Barbara.

Barbara … Er musste Klarheit schaffen!

Jutta bat ihn um einen Drink. Sie ließ ihren Hut auf einen Sessel segeln und setzte sich. Effektvoll schlug sie die langen, wohlgeformten Beine übereinander. Sie waren makellos geblieben.

Verdammt, dachte Albert nervös, was ist drüben schief gelaufen? Hat sie in Amerika beruflich Schiffbruch erlitten? Warum ist sie zurückgekommen? Er füllte zwei Gläser mit Kognak. Normalerweise trank er um diese Zeit keinen Alkohol, aber in Anbetracht der ungewöhnlichen Situation war ein Drink durchaus gerechtfertigt, und er hatte ihn auch dringend nötig. Sollte er ihr sagen, dass sie nicht gut aussah, dass sie einen abgezehrten, ausgelaugten, kranken Eindruck machte? Vielleicht später. Nicht sofort. Er gab ihr ihr Glas.

»Hast du keinen Bourbon?«, fragte sie.

»Leider nein.«

Sie hob ihr Glas. »Ich freue mich, dich wieder zu sehen, Albert.«

»Ich freue mich auch«, antwortete er höflichkeitshalber, aber es stimmte nicht. Er war nicht erfreut, sondern verwirrt, restlos verwirrt.

Sie trank. »Ich wollte in München in kein Hotel gehen. Du nimmst mir meinen Überfall hoffentlich nicht übel.«

Genau genommen gehört ihr die Hälfte des Hauses, dachte Albert. Sie ist meine Ehefrau. Wir haben keinen Ehevertrag geschlossen und keine Gütertrennung vereinbart, als wir heirateten. Sie soll bekommen, was ihr zusteht. Ich will sie nicht übervorteilen. Ich möchte von ihr nur die Scheidung, damit ich frei bin für Barbara. So frei, wie ich mich die ganze Zeit gefühlt habe.

»Wieso hast du nicht geschrieben oder angerufen, dass du kommst?«, fragte Albert.

Jutta lächelte. »Ich wollte dich überraschen.«

»Das ist dir gelungen.«

Ihr Glas war bereits leer. Sie bat Albert, es noch einmal zu füllen. Ob sie immer so viel trank, oder nur heute, weil sie vielleicht nervös war? Sie bekam ihren zweiten Drink von ihm.

»Bist du beruflich in Deutschland?«, erkundigte sich Albert.

Jutta schüttelte ihre tizianrote Mähne. »Privat.«

»Doch nicht, um mich nach so vielen Jahren mal wieder zu sehen«, sagte Albert zweifelnd. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass du plötzlich Sehnsucht nach mir bekommen hast.«

»Nicht unbedingt Sehnsucht nach dir obwohl du, was ich nicht wissen konnte, noch besser aussiehst als früher, reifer, männlicher , aber Heimweh … Heimweh hatte ich schon lange.«

»Und als es dich restlos überwältigt hatte, hast du einen Flug nach München gebucht.«

»Könnte man meinen, aber das ist nicht der wahre Grund, weshalb ich hier bin.«

»Und was ist der wahre Grund?«, erkundigte sich Albert.

»Ich habe es in Amerika weit gebracht.«

»Ich weiß. Ich habe hin und wieder Berichte über dich gelesen.«

»Ich habe es drüben zu einigem Wohlstand gebracht.«

»Niemand kann dir absprechen, dass du nicht nur eine sehr produktive und ideenreiche Künstlerin, sondern auch eine tüchtige und intelligente Geschäftsfrau bist, die sich hervorragend zu vermarkten weiß.«

»Ich musste mir den Erfolg hart erkämpfen.«

»Niemandem wird etwas geschenkt«, sagte Albert.

»Und schon gar nicht in Amerika, aber ich beklage mich nicht, denn mir macht mein Beruf nach wie vor Spaß. Aber ich habe mir wohl in letzter Zeit etwas zu viel zugemutet, und nun bin ich gesundheitlich nicht mehr so ganz auf der Höhe.«

»Das ist mir aufgefallen, aber ich wollte nicht gleich darüber reden.«

»Ich bin nach München gekommen, um mich von Lars mal gründlich durchchecken zu lassen«, erklärte Jutta. »Sicher, es gibt eine Reihe renommierter Kliniken in Amerika, aber mein Vertrauen hat nur ein einziger Arzt, und das ist Doktor Lars Janssen.« Sie leerte ihr Glas. »Darf ich mein Domizil bis zu meiner Rückreise in die Staaten hier bei dir aufschlagen?«

Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie ihn nicht darum gebeten hätte. Da sie es aber getan hatte, sah er sich außer Stande, ihr die Tür zu weisen und ihr zu empfehlen, sich doch lieber ein Hotelzimmer zu nehmen. Noch dazu bei diesem furchtbaren Wetter. Er antwortete nicht sofort. Es entstand eine Pause.

»Ich werde dich ganz bestimmt nicht bei der Arbeit stören«, versprach Jutta. »Du wirst überhaupt nicht merken, dass ich da bin, wenn du schreibst.«

Ich habe keine andere Wahl, sagte sich Albert. Er fühlte sich unbehaglich. Ich muss sie im Gästezimmer wohnen lassen.

»Ich habe mir all deine Bücher schicken lassen«, sagte Jutta. »Du hast dich in deinen Werken lange mit unserer missglückten Ehe auseinandergesetzt. In deinen letzten Büchern steht nichts mehr davon. Du scheinst endlich darüber hinweg zu sein.«

»Du hast meine Bücher sehr genau gelesen.«

»Ich habe mich in vielen Figuren wiedererkannt«, bemerkte Jutta lächelnd. »Ich habe dir diese Ehe nicht leicht gemacht, das tut mir heute leid, Albert. Ehrlich.«

Er winkte ab. »Ist nicht mehr wichtig.«

»Ich habe viele Fehler gemacht«, bekannte Jutta.

»Wir haben beide Fehler gemacht.« Er seufzte tief. »Wir haben einfach nicht zueinander gepasst und daran hat sich bestimmt nichts geändert.«

Sie sah ihn an, als würde sie das bezweifeln. »Glaubst du?«

»Bist du anderer Meinung?«, fragte er mit vibrierender Stimme.

»Wenn sich das Rad der Zeit zurückdrehen ließe …«

»Was wäre dann?«

»Ich würde vieles anders machen«, sagte Jutta.

Albert erschrak. Hatte Jutta etwa ihre Liebe zu ihm wieder entdeckt? Himmel, dafür war es zu spät! Er stellte innerlich wie ein Igel die Stacheln auf. Jutta, Jutta, wenn du mit dem Gedanken spielst, unsere tote Ehe wieder zu beleben lass es sein. Das klappt nicht. Mein Herz schlägt nur noch für Barbara.

Er musste ihr endlich von Barbara erzählen. »Hör zu, Jutta«, sagte er rau.

Sie bat ihn um einen dritten Drink. Er brauchte auch noch einen.

»Du möchtest mit mir über etwas Unangenehmes reden«, sagte Jutta. »Da ist ein Ausdruck in deinen Augen, den ich kenne. Deine Augen haben dich immer schon verraten. Deshalb kannst du auch nicht lügen. Deine Augen würden es sofort jeden wissen lassen.«

Es war ihm nicht unangenehm, über Barbara zu reden, aber es behagte ihm nicht, gewisse Dinge klarzustellen. Vielleicht irrte er sich. Es war möglich, dass er Jutta falsch verstanden hatte. Wie stand er dann da, wenn er ihr eröffnete, dass an eine Wiederaufnahme und Fortsetzung ihrer Ehe nicht zu denken sei? Er musste bei der Wahl seiner Worte sehr bedacht sein und ganz genau auf Juttas Reaktion, auf ihr Mienenspiel achten, um sich blitzschnell darauf einzustellen. Er wollte sich schließlich nicht blamieren.

Er trank, und dann holte er sehr weit aus. Es dauerte lange, bis zum ersten Mal Barbaras Name fiel, und er bildete sich ein, zu sehen, wie Jutta unwillkürlich zusammenzuckte. Was hatte sie erwartet? Dass nie wieder eine Frau eine größere Rolle in seinem Leben spielen würde? Er redete sich allmählich warm, kam in Fahrt, und der Name Barbara fiel immer öfter. Jutta sollte wissen, wie viel ihm Barbara bedeutete. Er erzählte ihr, wo er Barbara kennen gelernt hatte und was er für sie empfand.

Jutta hörte ihm mit unbewegter Miene zu. Albert hatte den Eindruck, sie missgönnte ihm sein großes Glück, und das befremdete ihn. Wie kam sie dazu? Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie in den Staaten der Liebe ihres Lebens begegnet wäre. Er hätte sich für sie gefreut. Warum nicht? Ein anderer Mann konnte sie ihm nicht wegnehmen. Sein Anspruch auf Jutta bestand nur noch auf dem Papier. Aber sie schien die Dinge anders zu sehen. Und sie schien nicht begreifen zu können, dass ihm eine Frau im Rollstuhl genügte.

»Lars wird sie operieren«, sprach Albert weiter. »Er meint, sie hat eine kleine Chance, danach wieder gehen zu können. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir uns über diese Eröffnung gefreut haben.«

»Der gute Lars«, sagte Jutta mit spröder Stimme. »Er muss Tag für Tag so viele Hoffnungen erfüllen …«

»Leider gelingt es ihm nicht immer.«

»Wie verkraftet er seine Niederlagen bloß?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Albert.

»Mich würden sie zermürben.«

»Zum Glück überwiegen seine Erfolge bei weitem. Vermutlich geben sie ihm die Kraft, die er braucht, um über die Misserfolge hinwegzukommen.«

Ein TV-Regisseur rief an und bat Albert, ihm aus der Klemme zu helfen. Sie drehten gerade nach einer Vorlage von Albert, kamen mit einigen Szenen aber einfach nicht klar, weshalb Albert sie an Ort und Stelle umschreiben sollte.

Albert kam der Anruf sehr gelegen. Er wollte fort von Jutta. Es gab so vieles, worüber er ungestört nachdenken musste. Ihr unverhofftes Erscheinen hatte Probleme aufgeworfen, die mit Takt und Feingefühl bewältigt werden mussten.

»Ich fahre sofort los«, sagte Albert und legte auf.

Er bat Jutta, ihn zu entschuldigen, zog eine Lederjacke an, trug noch rasch Juttas Koffer ins Gästezimmer, und dann holte er den Wagen aus der Garage und brauste los, hoffend, dass sein Kopf bald wieder etwas klarer sein würde.

Jutta stand mit verkniffenem Mund am Fenster und sah den roten Heckleuchten nach, die im Grau des Regens entschwanden. Sie neidete Albert sein Glück tatsächlich. Wie er von dieser Barbara Klinkenbach gesprochen hatte, mit welchem Enthusiasmus, mit welcher Leidenschaft … Er hat mich niemals so geliebt wie diese gelähmte Frau, dachte sie eifersüchtig. Wie kann er in meiner Gegenwart nur so von ihr schwärmen? Wie kann er glauben, dass ich ihm ein so unbeschreibliches Glück, das wir nie miteinander erleben durften, gönne?

Jutta hatte nicht damit gerechnet, ihn so glücklich vorzufinden. Es ärgerte sie, diesen Glanz in Alberts Augen zu sehen, wenn er von Barbara sprach, und obwohl es widersinnig war, dachte sie zum ersten Mal seit langem: Er ist immer noch mein Mann, er gehört immer noch mir, wir sind immer noch miteinander verheiratet. Sie hatte sich seit einer Ewigkeit nicht mehr als Albert Cress’ Frau gefühlt, aber plötzlich tat sie es wieder und wenn auch nur, um dem Glück ihres Mannes im Wege zu stehen.

 

 

18. Kapitel

 

»Ich habe es ein bisschen zu gut gemeint«, gestand Schwester Gertrud. »An dem vielen Broccoli-Auflauf essen wir beide drei Tage. Da müsste ein tüchtiger Esser her, ein Mann, der was verdrücken kann.«

»Ich kann ja Albert fragen, ob er kommen möchte«, sagte Barbara. »Soll er die Konserve, die er sich zu Gemüte geführt hätte, im Vorratsschrank lassen und zu uns kommen.«

»Aber es regnet doch so stark.«

»Albert ist zwar süß, aber nicht aus Zucker, er wird nicht zergehen.« Barbara legte den Hebel um, der Rollstuhl machte eine Kehrtwendung und fuhr aus der Küche. Sie rief Albert an. Das Freizeichen ertönte, und dann meldete sich eine Frauenstimme. »Entschuldigen Sie«, sagte Barbara. »Ich muss mich verwählt haben.« Sie drückte kurz auf die Gabel und wählte noch einmal Alberts Nummer. Diesmal mit mehr Sorgfalt.

Wieder die Frauenstimme. »Cress«, sagte sie. Nicht »Hier bei Cress« oder »Bei Cress«, sondern einfach nur Cress, als ob das ihr Name wäre.

»Cress?«, fragte Barbara verwirrt.

»Jutta Cress, ja. Ich nehme an, Sie möchten meinen Mann sprechen. Ich bedaure, er ist nicht da.«

Eiswasser floss mit einem Mal durch Barbaras Adern. Jutta Cress! Sie war doch in Amerika! Wieso ging sie in Alberts Haus ans Telefon? Und wie kam sie dazu, Albert noch als ihren Mann zu bezeichnen? Das war er doch schon lange nicht mehr.

»Darf ich fragen, mit wem ich spreche?«, sagte Jutta Cress.

»Barbara Klinkenbach. Ich bin …«

»Alberts große Liebe, ich weiß. Er hat mir von Ihnen erzählt.«

»Wo ist Albert?«, fragte Barbara heiser.

»Er bekam einen Anruf, musste dringend weg.«

Sie ist allein in seinem Haus, dachte Barbara völlig durcheinander. Wieso auf einmal? Er hat mir nicht gesagt, dass sie kommen würde. Wollte er es vor mir verheimlichen? Barbara zitterte. Sollte ich nicht wissen, dass Jutta da ist?, überlegte sie aufgeregt. Man hält nichts, was bedeutungslos ist, vor dem Menschen, den man angeblich so wahnsinnig liebt, geheim. Man hat überhaupt keine Geheimnisse vor jemandem, dem man sein Herz geschenkt hat.

Barbara presste die Kiefer fest zusammen. Nie hätte sie gedacht, dass Albert etwas vor ihr verheimlichen würde.

Jutta ist wieder da! hallte es in ihrem Kopf. Wer weiß, wie lange schon! Jutta, seine frühere Frau! Und er versteckt sie in seinem Haus vor mir! O Gott, nein!

In diesem Augenblick stürzte die Welt für Barbara ein.

Sie hatte schon wieder einem Mann vertraut, hatte zweimal den gleichen Fehler gemacht und wurde prompt ein zweites Mal enttäuscht. Sie warf den Hörer auf den Apparat und stieß einen schrillen, verzweifelten Schrei aus.

Schwester Gertrud kam aus der Küche gehetzt. »Um Himmels willen!«

Barbara war leichenblass und zitterte wie Espenlaub. Aus ihren Augen quollen Tränen. Geistesabwesend starrte sie auf den Boden, stammelte wirres Zeug und war nicht ansprechbar. Die besorgte Pflegerin eilte zu ihr.

»Mein Gott, Frau Klinkenbach, was ist denn mit Ihnen?«, fragte sie eindringlich. Und noch eindringlicher rief sie: »Frau Klinkenbach!« Sie nahm Barbaras Kopf zwischen ihre Hände und wollte sie zwingen, sie anzusehen, doch Barbara nahm sie nicht wahr, schaute durch sie hindurch. »Frau Klinkenbach, bitte beruhigen Sie sich! Was ist denn passiert?«

Barbara wurde von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt. Sie klammerte sich verzweifelt an die Krankenschwester, presste ihre Wange gegen sie und weinte haltlos. Schwester Gertrud streichelte sie sanft und redete beruhigend auf sie ein. Aus Barbaras Kehle kamen unzusammenhängende Worte: »… alles aus … belogen … wie alle Männer … ihn nicht mehr sehen … nichts mehr von ihm wissen … Liebe verraten … betrogen … möchte nicht mehr leben … wollte, ich wäre tot …«

»Großer Gott, sagen Sie doch nicht so etwas, Frau Klinkenbach!« Es dauerte sehr lange, bis die Pflegerin Barbara so weit beruhigt hatte, dass sie wieder im Stande war, verständliche Sätze zu sprechen. Nun erfuhr Schwester Gertrud, dass Albert seine Exfrau in seinem Haus versteckte. »Das glaube ich nicht«, sagte Gertrud.

»Ich habe mit ihr gesprochen.«

»Ich glaube Ihnen natürlich, dass sie da ist«, sagte die Krankenschwester. »Aber ich glaube nicht, dass Herr Cress diese Frau in seinem Haus versteckt. Sie ist nach Deutschland gekommen und wohnt bei ihm höchstwahrscheinlich im Gästezimmer.«

»Warum hat er es mir verschwiegen?«

»Das weiß ich nicht, aber ich bin sicher, dass die Situation völlig harmlos ist. Herr Cress hintergeht Sie nicht. Niemals. Es wird sich alles aufklären, sobald Sie mit ihm gesprochen haben«, sagte Schwester Gertrud überzeugt. Barbara schluchzte laut. Schwester Gertrud strich ihr wieder sanft übers Haar. »Sie können Herrn Cress vertrauen. Er ist ein anständiger Mensch. Glauben Sie mir, dieser Mann liebt Sie aufrichtig. Er würde Ihnen nie ein Leid zufügen.« Dunkler Rauch kam aus der Küche. »Liebe Güte, unser Essen!«, rief die Pflegerin erschrocken aus und eilte in die Küche, aber der Broccoli-Auflauf war nicht mehr zu retten. »Mögen Sie Ravioli aus der Dose?«, fragte Schwester Gertrud enttäuscht. »Oder lieber Linsen mit Speck?«

»Weder noch«, antwortete Barbara. »Ich habe keinen Appetit mehr.«

 

 

19. Kapitel

 

Albert kam um siebzehn Uhr nach Hause. Es regnete noch immer. Jutta erzählte ihm, dass sie mit Lars telefoniert habe. »Ich gehe übermorgen zum Checkup in die Janssen-Klinik. Mal sehen, was der große Medizinmann herausfindet.«

»Was für Beschwerden hast du denn?«, erkundigte sich Albert.

»Ich habe in letzter Zeit einiges an Gewicht verloren, leide an Appetitlosigkeit, die Freude am Essen lässt mehr und mehr nach und der Widerwille gegen Fleisch nimmt immer mehr zu … Die Spann kraft lässt nach, nervöse Erschöpfungen quälen mich, ich bin oft ohne erkennbaren Anlass entsetzlich müde …«

»Lars bringt das ganz bestimmt wieder in Ordnung«, sagte Albert.

»Ich freue mich darauf, ihn wieder zu sehen.«

»Du wirst dich wundern, er hat sich kaum verändert.«

Jutta lachte. »Er dachte, wir wären längst geschieden.«

Alberts Blick verdunkelte sich. »Du hast ihm erzählt, dass wir noch verheiratet sind?«

»Vor seinem Arzt darf man doch keine Geheimnisse haben«, erwiderte Jutta.

»Aber unsere Ehe besteht doch nur noch auf dem Papier.«

»Sie hatte auch ein paar gute Momente.«

Albert nickte mit düsterer Miene. »Aber die schlechten überwogen bedauerlicherweise.«

Jutta sah ihn mit halb gesenkten Lidern unter seidigen Wimpern an. »Ich habe dich geliebt, Albert.«

»Wir haben einander beide nicht genug geliebt.«

»Weißt du, was mich wundert? Dass du mir noch immer nicht ganz gleichgültig bist.« Sie zeigte auf ihre Brust. »Da drinnen regt sich etwas, Albert, und es beginnt allmählich wieder zu glimmen.«

Albert fuhr sich mit dem Finger in den Hemdkragen. »Nach so langer Zeit. Du scherzt. Wir sind uns fremd geworden.«

»Ich trage immer noch deinen Namen.«

»Bevor du wieder nach Amerika zurückkehrst, müssen wir uns scheiden lassen.«

Sie sah ihn forschend an. »Damit du frei bist für Barbara Klinkenbach?«

»Ja. Und weil ich für ordentliche Verhältnisse bin.«

»Ein großer Kaufhauskonzern hat mir ein verlockendes Angebot gemacht. Ich könnte in Deutschland bleiben.«

»Willst du das?«, fragte Albert.

Jutta zuckte die Achseln. »Vielleicht. Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln.«

Er horchte auf. »Welche Dinge?«

Sie schmunzelte. »Zum Beispiel die Dinge zwischen dir und mir.«

»Was soll sich da entwickeln?«

»Wer weiß es? Wir wohnen wie früher unter einem Dach.«

Er funkelte sie an. »Hast du nichts von dem behalten, was ich dir von Barbara erzählt habe? Ich werde diese Frau heiraten.«

Sie lächelte schmal. »Das kannst du nicht.«

»Warum nicht?«, fragte Albert gereizt.

Jutta hob die sorgfältig rasierten Augenbrauen. »Weil du mit mir verheiratet bist, und weil Bigamie in diesem Land verboten ist und streng bestraft wird.«

»Ich werde Barbara heiraten, sobald ich von dir geschieden bin.«

»Ich werde mich nicht scheiden lassen.« Es klang völlig harmlos, wie sie das sagte. Gleichzeitig aber auch sehr bestimmt.

Albert riss die Augen auf. »Was? Warum nicht?«

Jutta hob die schmalen Schultern. »Vielleicht möchte ich dich vor einer großen Dummheit bewahren, der größten deines Lebens. Du kannst mir nicht weismachen, dass du Barbara Klinkenbach wirklich liebst, Albert. Du bist ein gesunder, gut aussehender Mann und sie … Was du für sie empfindest, ist nichts weiter als Mitleid. Auf diese sandige Basis kann man doch keine Ehe stellen, die ein Leben lang halten soll.«

»Das ist doch wohl meine Sache und Barbaras!«, erwiderte Albert heftig.

»O Albert«, sagte Jutta bedauernd. »Wir haben uns so lange nicht gesehen, und was tun wir gleich am ersten Tag unseres Wiedersehens? Wir streiten uns. Und dabei habe ich mir so fest vorgenommen, keine Unstimmigkeit aufkommen zu lassen.«

»Wir leben seit Jahren nicht mehr zusammen. Unsere Ehe wird automatisch geschieden, wenn ich den Antrag stelle.«

Jutta hob die Hand. »Das bezweifle ich. Ich habe dich damals zwar verlassen, aber nun bin ich zu dir zurückgekehrt, du hast mir verziehen und wir wohnen wieder zusammen. Und wenn ich behaupte, du hättest die Ehe gleich am Tag meiner Heimkehr wieder mit mir vollzogen wer könnte mir das Gegenteil beweisen?«

»Es wäre möglich. Es gibt Tests, mit denen sich zweifelsfrei der Beweis erbringen lässt …«

Jutta lachte. »Die Öffentlichkeit würde sich mit Begeisterung auf diese schmutzige Geschichte stürzen, und wie würde Barbara Klinkenbach sie aufnehmen? Sie hat übrigens angerufen.«

»Wann?«, fragte Albert entsetzt.

»Kurz nachdem du das Haus verlassen hattest.«

»Ich muss zu ihr«, stieß Albert aufgeregt hervor und wirbelte auf den Absätzen herum.

Jutta versuchte nicht, ihn zurückzuhalten. Er würde wiederkommen. Er musste wiederkommen. Er konnte nicht bei Barbara Klinkenbach bleiben. Er hing an einer unsichtbaren, reißfesten Leine, die Jutta nach Belieben verlängern oder kürzen konnte. Die Heiratspapiere waren ihre Leine. Sie würde daran festhalten, damit Albert und Barbara das ganz große Glück versagt blieb. Ihr Motiv war aber nicht gemeine Bosheit, sondern lediglich trotzige Eifersucht. Was sie nicht bekommen konnte, das sollte auch keine andere Frau haben.

 

 

20. Kapitel

 

Obwohl Albert Cress ihre ganze Sympathie hatte, wollte Schwester Gertrud ihn nicht zu Barbara lassen. Die kräftige Pflegerin versperrte ihm den Weg und bat ihn um Einsicht.

»Wo ist sie?«, fragte Albert aufgewühlt.

»Oben. Sie hat sich hingelegt. Bitte gehen Sie, Herr Cress.«

»Ich muss mit ihr reden.«

»Das halte ich für eine sehr schlechte Idee, Herr Cress. Frau Klinkenbach hat sich sehr aufgeregt. Sie befindet sich durch ihr Leiden ohnedies in keinem besonders stabilen seelischen Zustand. Es wäre nicht gut, sie noch mal aufzuregen. Bitte tun Sie ihr die Liebe und fahren Sie heim.«

Albert ballte die Hände zu Fäusten und schüttelte heftig den Kopf. »Das kann ich nicht. Sie verlangen Unmögliches von mir, Schwester Gertrud. Ich warne Sie! Wenn Sie nicht augenblicklich zur Seite treten, renne ich Sie über den Haufen.«

Die Krankenschwester reckte ihm ihr Kinn entgegen. »Ich bezweifle, dass Sie dazu im Stande sind.«

Er starrte die Pflegerin mit wilder Entschlossenheit an. »Wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen? Ich muss zu Barbara. Sie können mich nicht aufhalten, also versuchen Sie es lieber erst gar nicht. Es täte mir leid, mir gewaltsam Zutritt zu diesem Haus verschaffen zu müssen.«

Es entstand eine winzige Pause. Die Zeit schien einen Herzschlag lang stillzustehen. Dann gab Schwester Gertrud den Weg frei, und Albert stürmte ins Haus. Er keuchte die Treppe hoch und betrat Augenblicke später Barbaras Zimmer, ohne anzuklopfen. Als sie ihn erblickte, wurde sie blass, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wandte das Gesicht von ihm ab und weinte.

»Barbara«, sagte er rau. »Nicht doch. Nicht weinen. Es gibt keinen Grund für Tränen. Ich liebe dich, nur dich.«

»Und was ist mit Jutta in deinem Haus?«, schluchzte Barbara.

»Sie hat mich überfallen.«

Barbaras Gesicht verzerrte sich zu einer weinerlichen Grimasse. »Geh weg, ich will meine Ruhe haben.«

»Ich lasse mich nicht fortschicken, Barbara. Du musst mich anhören.« Albert näherte sich langsam ihrem Bett, neben dem der elektrische Rollstuhl stand.

»Ich bin an keinen Lügen interessiert.«

»Ich habe nicht vor, dich zu belügen.«

»Wieso hast du mir verschwiegen, dass Jutta bei dir wohnt?«, fragte Barbara, ohne ihn anzusehen.

»Ich habe es dir nicht verschwiegen. Ich hatte nur noch keine Zeit, es dir zu sagen«, stellte Albert richtig.

»Und das soll ich dir glauben?«

»Barbara, ich schwöre dir bei unserer Liebe, bei meinem Leben, ich wusste nicht, dass Jutta zu mir kommt. Sie stand auf einmal vor meiner Tür, mit zwei Koffern, im Regen. Was hätte ich denn tun sollen? Sie beinhart wegschicken? Das brachte ich nicht übers Herz. Du musst mir vertrauen, Barbara.« Er erreichte ihr Bett, beugte sich über sie, wagte jedoch nicht, sie zu berühren. »Barbara. Liebling. Ich empfinde nichts für diese Frau«, beteuerte er. »Nicht das geringste. Schon lange nicht mehr. Und ich habe sie niemals auch nur annähernd so sehr geliebt wie dich, das ist die Wahrheit.« Sein Herz schmerzte ihn, als er daran dachte, dass Barbara noch nicht wusste, dass er mit Jutta noch verheiratet war. »Wir gehören zusammen, Barbara«, flüsterte er. »Für immer. Da kann kommen, was mag. Nichts und niemand kann uns jemals trennen.«

Endlich wandte sie ihm ihr Gesicht zu. Er holte sein Taschentuch heraus und wischte ihr die Tränen ab.

»Es war so ein großer Schock für mich, als sich Jutta an deinem Telefon meldete«, sagte sie heiser.

»Das kann ich verstehen.« Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war sehr viel Liebe in dieser Geste. »Jutta ist hier, um sich von Doktor Janssen untersuchen zu lassen. Sie ist derzeit gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe. Sie begibt sich übermorgen in die Janssen-Klinik, und sobald der Checkup abgeschlossen ist, kehrt sie in die Staaten zurück.«

Sag ihr, dass du verheiratet bist! drängte ihn eine innere Stimme. Sag es ihr endlich. Du darfst es ihr nicht noch länger verschweigen. Du hast eben erst mit Mühe und Not ihr Vertrauen halbwegs wiedergewonnen. Möchtest du es gleich wieder verlieren? Rede! Herrgott noch mal, schaff endlich Klarheit!

Aber er schwieg, beugte sich zu Barbara hinunter und küsste sie auf ihren heißen Mund. Barbara erwiderte den ersten Kuss nicht. Aber den zweiten, und sie klammerte sich an Albert und sagte gepresst: »Ich möchte dich nicht verlieren. Ich kann dich nicht verlieren. Ich brauche dich so sehr, so sehr, Albert. Du gibst mir Halt. Du bist mein Leben. Wenn Jutta versuchen würde, dich mir wegzunehmen …«

Er lachte leise. »Was redest du denn da? Das ist doch Unsinn.«

»…ich könnte nicht um dich kämpfen sie kann gehen …«

»Jutta ist eine nahezu fremde Person, eine flüchtige Bekannte, die nach Deutschland gekommen ist und für kurze Zeit meine Gastfreundschaft in Anspruch nimmt, das ist alles.« Albert wäre froh gewesen, wenn das gestimmt hätte, doch leider war das nicht die ganze Wahrheit. Diese lag ihm wie ein Stein im Magen. Unverdaulich.

»Ich möchte sie kennen lernen«, sagte Barbara unvermittelt.

Albert erschrak. »Wozu?«, fragte er entsetzt.

»Du warst immerhin einmal mit ihr verheiratet.«

Ich bin es noch! schrie es in Albert. Ich bin es noch! Er sah Barbara ratlos an. »Ich wüsste nicht, was …«

»Wenn du sie vor mir versteckst, müsste ich annehmen, dass du einen triftigen Grund dafür hast.«

Alberts Kehle wurde eng. »Ich mache dich morgen mit ihr bekannt, wenn du darauf bestehst. Obwohl ich nicht weiß, was das bringen soll. Aber bitte, dein Wunsch ist mir Befehl …« Er unterbrach sich und nagte an der Unterlippe. Fieberschauer rasten durch seinen Körper. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt und wusste nicht, wie er da herauskommen sollte, ohne Barbara weh zu tun, oder gar ernsthaft zu verletzen. »Barbara …«, begann er schleppend.

»Ja, Albert?«

»Ich …«

»Ja?« Sie sah ihn mit ihren großen himmelblauen Augen abwartend an, und er brachte es nicht über sich, sie heute ein zweites Mal schwer zu schocken.

»Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll«, gestand er. »Da ist etwas, das du unbedingt wissen musst, bevor du Jutta kennen lernst.« Sein Herz klopfte wie toll. Er begab sich auf eine gefährliche Gratwanderung. Ein falscher Schritt, ein falsches Wort, und er stürzte in einen grauenvoll tiefen Abgrund. Dann war alles aus. »Du weißt, Jutta und ich haben eine fürchterliche Ehe geführt«, sagte er vorsichtig. »Wir lebten wie Hund und Katze, kratzten und bissen uns gegenseitig fast täglich. Wir hätten niemals heiraten dürfen, aber wir haben es getan. Frag mich nicht, warum. Ich weiß es nicht. Wir konnten damals beide nicht bei Trost gewesen sein. Unsere Ehe war die Hölle. Als wir diesen unhaltbaren Zustand nicht länger ertragen konnten, packte Jutta ganz plötzlich ihre Sachen und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich darüber war. Eine schwere Last war völlig unerwartet von mir genommen worden. Ich atmete befreit auf und war unbeschreiblich glücklich, dass dieses seelische Martyrium ein Ende hatte. Freunde erzählten mir, Jutta sei nach Amerika gegangen. Amerika wunderbar!, dachte ich begeistert. Das ist viele tausend Kilometer weit, und ein riesiger Ozean liegt dazwischen. Das ist ein beruhigend breiter Sicherheitsstreifen. Ich wünschte Jutta im Geist alles Gute für ihr Leben in den Staaten und knüpfte daran die innige Hoffnung, sie möge nie, nie mehr nach Deutschland zurückkommen. Sollte sie drüben Karriere machen, es zu Wohlstand und Ansehen bringen und meinetwegen auch ihr privates Glück finden. Ich wünschte ihr nichts Schlechtes, schließlich hatte sie mir einen ganz großen Gefallen getan. Und außerdem war zu befürchten, dass sie in ihre Heimat zurückkehrte, wenn sie in Amerika Schiffbruch erlitt. Der Himmel erhörte meine Bitte. Fortuna leerte über Jutta ihr Füllhorn aus und beschenkte sie großzügig. Und Jutta blieb mir fern. Ach, war ich froh. Ich verdrängte die schlimmste Zeit meines Lebens restlos und betäubte mich mit Arbeit. Ich weigerte mich hartnäckig und mit einigem Erfolg, an irgendetwas zu denken, das mit Jutta zusammenhing, und ich fühlte mich sehr gut dabei. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war.«

»Wieso?«, fragte Barbara, dieser schöne, sanfte Engel, den er so wahnsinnig liebte.

Sie hat nicht aufgepasst, dachte Albert. Sie hat mir nicht genau zugehört, sonst wäre ihr aufgefallen, dass von Scheidung nicht die Rede war.

»Hast du das Gefühl, durch Juttas plötzliches Auftauchen von deiner Vergangenheit eingeholt worden zu sein?«, fragte Barbara.

»Ich hätte etwas tun müssen, habe es aber unterlassen.«

»Was?«, wollte Barbara wissen. »Was hast du nicht getan?«

»Ich hätte die Dinge in Ordnung bringen müssen.«

»Welche Dinge?«

»Aber«, fuhr Albert zerknirscht fort, »wie gesagt, ich verdrängte alles, was mit Jutta zusammenhing das war für mich die einfachste Lösung, und nun rächt sich diese bornierte, feige Nachlässigkeit.«

»Rächt sich? In welcher Weise?«

»Indem …« Verflucht noch mal, er brachte es einfach nicht heraus. »Als Jutta mich verließ … Ihr Abgang war mit einer Nacht und Nebelaktion vergleichbar … Sie packte und war weg, verstehst du? Ich war froh darüber. Nie im Traum wäre mir eingefallen, sie aufzuhalten. Ich jubelte innerlich … Es war keine Zeit für … Ich dachte auch gar nicht daran … Erst später, als Jutta weg war, abgehauen mit unbekanntem Ziel … Worauf ich hinaus will … Was ich dir so idiotisch hölzern beizubringen versuche, ist …«

»Dass du noch immer mit Jutta verheiratet bist!« Jetzt war bei Barbara der Groschen gefallen. Sie starrte Albert entgeistert an.

»Aber ich bin nicht mehr Juttas Ehemann. Diese Verbindung besteht nur noch auf dem Papier. Sie hat für mich schon lange keine Gültigkeit mehr. Ich fühle mich frei wie ein Junggeselle.«

»Aber du bist nicht frei. Nicht, solange du von Jutta nicht rechtskräftig geschieden bist.«

»Und da haben wir schon das nächste Problem.« Albert seufzte geplagt. »Jutta hat sich in all den Jahren nicht verändert. Sie ist noch genauso egoistisch, gemein und starrsinnig wie früher. Sie neidet ihren Mitmenschen einfach alles ihren Besitz, ihr Glück, ihre Liebe. Als ich ihr von uns erzählte, bekam sie wieder diesen neidischen, bitteren Zug um ihren Mund, und sie beschloss, mit mir verheiratet zu bleiben.«

»Was?«, schrie Barbara auf. »Aber aber …«

»Sie weigert sich, sich von mir scheiden zu lassen nur um unserem Glück im Wege zu stehen. Diese Hexe!«, knurrte Albert aggressiv. »Ich könnte sie eigenhändig …«

Barbara legte ihm rasch die Finger auf die Lippen. »Nein. Nicht. Sag so etwas nicht, Albert.«

Er vergrub sein Gesicht neben ihrem Kopf in den Kissen und stöhnte: »Ach, Barbara, ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Vielleicht kann ich Jutta von der Unsinnigkeit ihres Entschlusses überzeugen und überreden, dich freizugeben.«

Albert richtete sich auf und schüttelte grimmig den Kopf. »Das wird dir nicht gelingen. Du kennst Jutta nicht.«

 

 

21. Kapitel

 

Er behielt recht. Jutta ließ sich nicht überreden, war keinen vernünftigen Argumenten zugänglich und überhörte alle eindringlichen Bitten und versteckten Drohungen. Sie behauptete steif und fest, Albert noch zu lieben, und erklärte frostig, dass keine Frau das Recht habe, ihn ihr wegzunehmen. Sie gab zu, dass die Ehe beim ersten Anlauf nicht nach Wunsch funktioniert habe, dass sie aber den festen Vorsatz gefasst hätte, dieser immer noch rechtsgültigen Verbindung eine zweite Chance zu geben. Als Albert sie empört fragte, wie sie sich das in der Praxis vorstelle, gab sie ihm keine Antwort. Sie sah ihn nur kühl lächelnd an, und ihre Augen sagten: Du gehörst mir und nicht dieser Frau dort im Rollstuhl. Ihr habt kein Recht, euch so sehr zu lieben, deshalb werde ich euch auseinander bringen. Die Atmosphäre, in der das Gespräch stattfand, war eisig. Albert ließ sich immer wieder zu Wutausbrüchen hinreißen, die Jutta jedoch stets mit einem stoischen Lächeln quittierte. Man kam nicht an sie heran. Sie hatte kein Herz für die wunderbare Liebe, die Albert und Barbara verband. Soviel Glück durfte es nicht geben, das ließ sie einfach nicht zu.

Sie ging zum Checkup in die Janssen-Klinik. Drei Tage blieb sie im Krankenhaus und wurde von Kopf bis Fuß untersucht. Man sah sich ihr Blut an. Sie wurde durchleuchtet und diversen Belastungstests unterzogen. Man machte eine Magenspiegelung mit voll flexiblen Fiber-Endoskopen, die von außen dirigiert wurden und es ermöglichten, nahezu alle Bereiche des Magens einzusehen. Man entnahm mithilfe des Gastroskops Gewebeteilchen und saugte Magenschleim zur Biopsie beziehungsweise Zytodiagnostik an. Man gab ihr ein Belladonna-Zäpfchen, um den Magensekretarm zu halten und machte mit einer Mikrokamera gestochen scharfe Bilder … Drei Tage wurde sie durch den medizinischen Wolf gedreht. Nichts blieb Lars Janssen und seinen Kollegen dabei verborgen. Jutta Cress war in ihrem ganzen Leben noch nie so gewissenhaft untersucht worden.

Am vierten Tag erschien sie bei Barbara. Albert war nicht in München, er hatte in Berlin zu tun.

Schwester Gertrud wollte ihr die Tür auf die Nase schlagen, doch Barbara rief im Hintergrund, sie solle Jutta einlassen. Widerwillig gab die Pflegerin die Tür frei. Barbara nahm sich vor, freundlich zu sein. Vielleicht ließ Jutta mit sich reden, wenn Albert nicht dabei war.

»Haben Sie alle Untersuchungen hinter sich?«, erkundigte sich Barbara.

Jutta lächelte verkrampft. »Ich dachte, Lars wäre mein Freund. Ich wusste nicht, dass er ein solcher Folterknecht ist. Diese drei Tage waren eine ziemliche Tortur.«

»Nun haben Sie’s ja überstanden«, sagte Barbara tröstend. »Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir?«

»Ich möchte lieber etwas Alkoholisches«, antwortete Jutta. »Bourbon wäre mir am liebsten.«

»Hab’ ich leider nicht«, bedauerte Barbara, während sie zur Hausbar fuhr.

Jutta lachte gepresst. »Wie Albert.«

»Darf’s ein Kognak sein?«, erkundigte sich Barbara.

»Aber ja.«

Jutta bekam ihren Drink. Schwester Gertrud kam nicht ins Wohnzimmer. Nur wenn Barbara sie gerufen hätte, hätte sie den Raum betreten. Sie machte sich in der Küche nützlich und ließ die Tür offen, um Barbara gegebenenfalls rufen zu hören. Jutta setzte sich und trank. Barbara sah ihr dabei zu. Sie hatte sich keinen Drink genommen. Der Tag ihrer Operation rückte langsam näher, und Barbara hätte schon gerne gewusst, wie sie sich hinterher fühlen würde. Sie hätte viel dafür gegeben, einen Blick in die Zukunft werfen zu dürfen. Nur einen ganz, ganz kurzen. Sie wollte nicht unbescheiden sein.

»Tut gut, der Kognak«, sagte Jutta. »Trinken Sie nie?«

»Selten«, antwortete Barbara.

Jutta Cress betrachtete sie lange. »Sie sind eine Heilige, wie?«

»Weil ich selten Alkohol trinke?«

Jutta zog die Augenbrauen zusammen. »Nein. Überhaupt. Deshalb liebt Albert Sie so wahnsinnig.«

Barbara errötete leicht und senkte den Blick. »Ich liebe ihn genauso wahnsinnig.«

Jutta schüttelte den Kopf, als könne sie sich selbst nicht verstehen. »Und ich war so töricht, euch beiden diese Jahrhundertliebe zu missgönnen.«

Barbara sah sie überrascht an. »Sie tun es nicht mehr?«

Jetzt schüttelte Jutta langsam den Kopf. »Nein, nicht mehr.«

Hitze stieg in Barbaras Kopf, und ihr Herzschlag raste. »Heißt das, Sie sind bereit, Albert freizugeben?«, fragte sie mit vibrierender Stimme.

»Er ist frei.«

Barbara konnte kaum begreifen, was sie hörte. »Sie Sie werden sich von ihm scheiden lassen?«

»Wann immer er will, und ich möchte mich bei Ihnen für mein dummes Verhalten entschuldigen. Es liegt mir sehr viel daran, dass Sie mir verzeihen, Barbara. Kann ich noch einen Kognak haben? Keine Sorge, er wird mich nicht umhauen, ich vertrage einiges.«

Barbara entsprach Juttas Wunsch.

Jutta nahm einen Schluck und drückte das Glas gegen ihre Wange. »Ich war mein Leben lang egoistisch, neidisch und gemein. Manch mal konnte ich mich selbst nicht ausstehen. Ich war intrigant, ehrgeizig und eifersüchtig. Es machte mich krank, wenn jemand erfolgreicher war, und ich konnte es nicht ertragen, wenn jemand glücklicher war als ich. Ich war Albert nie eine gute Frau, und es machte mir nichts aus, mich von ihm zu trennen. Ich habe ihn auch all die Jahre nicht vermisst. Als ich aber nun zu ihm zurück kam und er mir so strahlend von Ihnen erzählte, da brannte die Eifersucht wie Feuer in meinem Herzen und ich wollte diese große, wunderbare Liebe, dieses überwältigende Glück auf keinen Fall zulassen.« Sie nahm den nächsten Schluck. »Was für ein widerwärtiger Charakter, nicht wahr?«

»Jeder Mensch ist, wie er ist.«

»Ach, kommen Sie, Barbara«, sagte Jutta wütend, »seien Sie doch nicht so schrecklich edel. Warum sagen Sie mir nicht offen ins Gesicht, dass ich Sie anwidere, dass Sie mich zum Kotzen finden?«

»Es steht mir nicht zu, Sie zu verurteilen.«

»Wieso denn nicht?«, fragte Jutta leidenschaftlich. »Natürlich steht es Ihnen zu. Wem denn sonst, wenn nicht Ihnen? Vor ein paar Tagen noch hätte ich alles getan, um Sie unglücklich zu machen. Ich wollte Ihnen Alberts Liebe stehlen, hatte vor, Ihnen Ihr Glück zu rauben! Kein Trick wäre mir zu schmutzig gewesen …«

Barbara fröstelte leicht. »Und was hat Sie davon abgebracht?«

Jutta leerte ihr Glas und stand auf. Den nächsten Drink holte sie sich selbst, als hätte Barbara es ihr erlaubt, als hätte Barbara gesagt, sie solle sich bei ihr wie zu Hause fühlen. Sie ging zum Fenster und sah hinaus.

»Ein wunderschöner großer Garten«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. »Wer pflegt ihn?«

»Herr Hacker. Er bessert sich damit seine Rente auf.«

»Ein guter Mann. Hoffentlich bleibt er Ihnen noch lange erhalten. Wie alt ist er?«

»Einundsiebzig. Aber noch sehr rüstig.«

»Einundsiebzig.« Jutta seufzte. »Ein schönes Alter. Ich bin neununddreißig, und Lars hat gesagt, dass ich meinen vierzigsten Geburtstag nicht erleben werde. Lars ist ein hervorragender Diagnostiker. Wenn er das sagt, dann stimmt das auch. Da kann man jeden Irrtum ausschließen.« Sie drehte sich langsam um und lächelte verzweifelt. »Ja, Barbara, Sie haben richtig gehört. Ich werde sterben. Magenkrebs. Inoperabel. Mir bleibt nur noch ein halbes Jahr. Ich hätte früher zum Arzt gehen sollen, dann hätte man mir mit einer Radikaloperation noch helfen können, aber mir war ja alles andere immer wichtiger, und nun ist es zu spät. Warum sehen Sie mich so entsetzt an? Wir müssen alle mal sterben. Vielleicht ist neununddreißig noch ein bisschen früh, aber das kann sich niemand aussuchen.« Ihre Hand, die das Glas hielt, zitterte heftig. »Hört sich sehr mutig an, nicht wahr? Aber ich bin nicht mutig, Barbara. Ich habe Angst, ganz entsetzliche, hundsgemeine Angst.«

Sie konnte sich nicht länger beherrschen, brach in Tränen aus. Und Barbara saß da, starrte sie erschüttert an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Welchen Trost konnte man einer Todgeweihten spenden?

Sie weinte mit Jutta und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Ich verzeihe Ihnen alles, Jutta, alles …«

 

 

22. Kapitel

 

Es war kurz nach sieben Uhr, als Dr. Lars Janssen mit der Händedesinfektion begann und dabei durch das breite Spähfenster in den Operationssaal schaute. Auf der gegenüberliegenden Seite hantierte hastig die blau gekleidete OP-Schwester Ruth. Sie war heute instrumentierende Schwester, nach Operateur und Anästhesist die wichtigste Person. Von ihr würde es zu einem wesentlichen Teil abhängen, dass die Operation zügig voranging. Sie musste flink und zuverlässig sein und war die Wächterin der Asepsis, der Keimfreiheit all der Instrumente, Tücher, Kittel, Lösungen, Tupfer und dergleichen, mit denen die OP-Wunde in Berührung kommen würde oder konnte.

Dr. Janssen zog die OP-Schuhe an und überschritt die Schwelle zwischen blauem und grünem OP-Teil, also zwischen bedingt aseptischer B-Zone und streng aseptischer A-Zone. Barbara Klinkenbach wurde gerade mit angelegtem Ticker das Puls-Überwachungsgerät wurde so genannt, weil es bei jedem Pulsschlag blinkte und tickte hereingebracht. Sie lag fertig gelagert auf dem fahrbaren OP-Tisch und schlief bereits.

Dr. Felicitas Brunner, die Anästhesistin, hatte die Narkose eingeleitet. Lars konnte sich auf sie verlassen. Noch nie war es zu einem ernsten Narkosezwischenfall gekommen, wenn sie am Kopf eines Patienten saß. Sie war seit Jahren seine wertvollste Mitarbeiterin.

Dr. Tanner und Dr. Fischer, die Neurochirurgen, nickten ihrem Chef zu. Sie trugen blaue Mützen, ein blaues Tuch über Mund und Nase, grüne Hemdkittel, grüne Hosen und durchsichtige Schürzen.

Die Patientin atmete ruhig und gleichmäßig.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Dr. Janssen routinemäßig.

»Alles in Ordnung«, bekam er zur Antwort.

»Gut, dann fangen wir an. Schnitt!«, sagte Lars Janssen, und Schwester Ruth reichte ihm das Skalpell. Die Messerklinge war scharf. Sehr scharf. Das war wichtig. Je schärfer der Schnitt, umso besser die Wundheilung. Man legte die Klingen in den Kühlschrank, weil sie eisgekühlt noch besser schnitten als normal temperiert.

Die schwierige Arbeit der Ärzte begann, und wieder einmal war es ungewiss, ob sie Erfolg haben würden oder nicht.

Gleichmäßig wurde die Patientin von der Anästhesistin beatmet. Barbara Klinkenbach war völlig entspannt. Dr. Felicitas Brunner hatte ein muskellähmendes Medikament in den Infusionsschlauch gespritzt. Das Pfeilgift der Indianer in pharmazeutisch präparierter Form.

Immer wieder erkundigte sich Dr. Lars Janssen nach dem Befinden der Patientin.

»Alles bestens«, bekam er von Dr. Brunner zu hören. »Keine Probleme.«

»Gut. Weiter.«

Schwester Ruth wischte dem Chefarzt den Schweiß von der Stirn. Er arbeitete voll konzentriert weiter.

Vierzehn Stunden dauerte die Operation. Dann wurde Barbara Klinkenbach auf die Wachstation gebracht und von da an konnte man nur noch hoffen, dass die ärztliche Kunst ausgereicht hatte, ihr zu helfen und ihr ein langes Leben im Rollstuhl zu ersparen.

Bereits vierundzwanzig Stunden nach der Operation stand fest, dass sie gelungen war.

Barbara spürte wieder, wenn ihre Zehen angefasst wurden. Das Gefühl war in ihre Füße, in ihre Beine, in ihren Unterleib zu rückgekehrt, aber bis sie ihre ersten Schritte tun konnte, vergingen noch etliche Wochen und dann musste sie wie ein kleines Kind gehen lernen, mit allen erdenklichen Hilfen. Später mit Krücken. Und dann mit Stöcken …

Die Ehe von Jutta und Albert Cress wurde geschieden, aber Jutta kehrte nicht nach Amerika zurück.

Barbara und Albert wollten es nicht. Sie baten Jutta, zu bleiben. In Alberts Haus. Im Gästezimmer.

Als sich Juttas Zustand verschlechterte, spendeten Barbara und Albert ihr Trost, und als sie für immer die Augen schloss, war sie nicht allein.

Man trug sie an einem warmen Frühlingstag zu Grabe, und Barbara folgte neben Albert ihrem Sarg allein, ohne jede Hilfe, auf ihren eigenen Beinen.

Und sie wurde glücklich mit Albert.

Als dessen Ehefrau …

 

 

ENDE

Ihr letzter Sommer mit Tobias?

 

1. Kapitel

 

Das weiße Motorboot schnitt durch die kobaltblauen Fluten, warf weiß gekrönte Bugwellen auf und raste mit Höchstgeschwindigkeit die Côte d’Azur entlang.

Ein junger Mann, nicht älter als dreiundzwanzig, steuerte das schnelle Gefährt. Er genoss das laute Dröhnen der Zwillingsmotoren, die Gischt auf seinem Gesicht und den Wind in seinem rotblonden Haar.

Das war für ihn Leben pur. Das – und hin und wieder ein wenig Kokain, Ecstasy, Haschisch, Champagner, Frauen, die alles, nur keine Engel sein durften …

Er war das schwarze Schaf der Familie, doch das störte ihn nicht. Er fiel gern aus dem Rahmen, beschritt mit Vorliebe unkonventionelle Wege, liebte sein Enfant-terrible-Dasein, eckte mit Vergnügen überall an, und es machte ihm ungeheuren Spaß, jene zu verprellen, die ihn für einen anständigen jungen Mann hielten.

Er war stolz darauf, mit dreiundzwanzig Jahren schon mehr erlebt und mehr verbotene Früchte genossen zu haben als sein fünfzigjähriger Vater.

Das Leben war seiner Ansicht nach viel zu kurz, um es langweilig dahinplätschern zu lassen. Man musste es so intensiv wie möglich genießen und mitnehmen, was man bekommen konnte, bevor’s zu Ende war.

Er hatte drei Freunde verloren, die nicht älter gewesen waren als er. Einen durch Rauschgift, einen durch ein privates Autorennen auf der Autobahn München-Salzburg, und einen durch ein Spiel, das sich Russisches Roulette nennt. Im Lexikon steht dazu: Eine auf Glück oder Zufall abzielende, selbst herbeigeführte Schicksalsentscheidung, die darauf beruht, dass jemand einen nur mit einer Patrone geladenen Revolver auf sich selbst abdrückt, ohne vorher zu wissen, ob die Revolverkammer leer ist oder nicht.

In der Praxis hatte das so ausgesehen, dass die sechs volltrunkenen Spieler die Waffe so lange kreisen ließen, bis einer ausschied, wobei die Revolvertrommel jedes Mal ohne hinzusehen gedreht wurde, bevor der nächste sich die Kanone an den Kopf setzte und, auf sein Glück vertrauend, abdrückte.

Und weil das Leben so kurz war, wie diese Beispiele deutlich zeigten, griff der junge Mann aus München gierig nach allem, was es ihm bot, solange ihm dazu noch Zeit blieb, denn er glaubte zu wissen – nein, er war davon überzeugt –, dass er nicht alt werden und im Bett sterben würde.

In diesen Tagen herrschte eine Hitzewelle an der französischen Riviera. Fünfundvierzig Grad im Schatten hatte man heute gemessen, und die Sonne glühte erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel.

Seit einer Woche wüteten gefährliche Waldbrände. Einige waren von Grundstücksspekulanten gelegt worden, hieß es. Die trockenen Pflanzen brannten wie Zunder. Vom Meer aus konnte man gut die breiten Rauchsäulen über den verlorenen Gebieten sehen. Die Feuerwehr war Tag und Nacht im Einsatz, wurde der gierigen Flammen aber nicht Herr und kämpfte verbissen darum, wenigstens ein weiteres Ausbreiten des Brandes zu verhindern oder zumindest so lange hinauszuzögern, bis ihr der große, sehnsüchtig erwartete Regen zu Hilfe kam.

Der junge Mann beschloss umzukehren. Man hatte ihm gesagt, das Boot würde bei hoher Geschwindigkeit sehr sensibel reagieren, man könne zudem sehr leicht die Herrschaft über den schnittigen Flitzer verlieren. Speziell bei Wendemanövern sei es deshalb angeraten, das Tempo stark zu reduzieren, weil sonst die Gefahr bestehe, dass das Boot sich überschlug.

Er fand, dass diese Empfehlung für Nieten galt und nicht für ihn. Er hatte das Boot bestens unter Kontrolle. Was sollte schon passieren, wenn er mit Vollgas wendete?

Außerdem liebte er es, sein Schicksal herauszufordern. Ein Leben ohne Risiko war in seinen Augen farblos. Er hasste nichts so sehr wie Langeweile, deshalb wirbelte er nun das Steuer kraftvoll herum, ohne Gas wegzunehmen. Das Boot tanzte über die Wellen und bäumte sich wie ein Wildpferd, das seinen Reiter abwerfen will, auf.

»Ho! Ho! Ho!«, schrie der junge Mann begeistert.

Der Bug stieg steil hoch. Der junge Mann warf sich nach vorn, doch sein Körpergewicht reichte nicht aus, um den Bug nach unten zu drücken.

Wie ein unsichtbarer Keil schob sich der Fahrtwind zwischen Wasser und Boot. Er drückte es so kraftvoll hoch, dass es plötzlich flog.

Bruchteile von Sekunden schien es mit brüllenden Motoren senkrecht zwischen Himmel und Meer zu hängen, dann überschlug es sich – und tötete den jungen Marin, dessen Lebensweg mit Leichtsinn und Unvernunft gepflastert gewesen war …

 

2. Kapitel

 

»Ich muss etwas gegen meine Cellulite tun«, sagte Sabine Wennemann zu ihrer Sportkameradin Dana Härtling. Die beiden standen im Tennisklub nebeneinander unter der Dusche.

Die achtzehnjährige Dana musterte ihre gleichaltrige Freundin. »Wo hast du denn Cellulite?«

»Na, hier.« Sabine Wennemann klatschte sich mit der flachen Hand auf den Po. »Und hier.« Sie zwickte sich in den Bauch. »Und da.« Sie kniff sich in den Schenkel.

»Quatsch«, entgegnete Dana Härtling. »Du bist doch superschlank.«

»Findest du?«, fragte Sabine zweifelnd.

»Ja.«

»Ich beurteile mich selbst ein bisschen strenger, und ich meine, es kann nicht schaden, wenn ich ein bisschen mehr für meine Figur tue.«

»Ich finde an deiner Figur nichts auszusetzen. Sie ist perfekt. Was hast du vor? Möchtest du an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen?« Sabine Wennemann schüttelte den Kopf. »Ich möchte bloß gefallen, den besten Eindruck machen.«

Dana Härtling sah die Freundin schmunzelnd an. »Auf wen?«

Sabine senkte verlegen den Blick. »Auf Tobias Rothemund.«

»Kenne ich nicht.«

»Aber ja. Er spielt hier ab und zu mit seinem Bruder Albert Tennis. Die Rothemunds. Der Name muss dir doch etwas sagen. Reiche Familie. Mit großem Gut vor den Toren Münchens.«

»Ach, die Rothemunds meinst du.« Dana drehte das Wasser ab und griff nach ihrem Handtuch.

»Tobias hat mich vor ein paar Tagen zu einem Drink eingeladen«, erzählte Sabine mit leuchtenden Augen. Das Wasser ließ ihr dunkles Haar fast schwarz aussehen. »Wir haben draußen auf der Klubterrasse gesessen und eine Stunde lang über alles Mögliche gequatscht. Der Typ ist einfach süß. Überhaupt nicht das verwöhnte Söhnchen aus reichem Haus. Leger und unkompliziert, sympathisch und liebenswert.«

Dana Härtling lachte. »He, was höre ich denn da? Du scheinst dich ja in Tobias Rothemund verliebt zu haben.« Die Freundin kicherte. »Ich kann’s nicht leugnen. Tobias war mit mir tags darauf im Kino – und heute Abend treffen wir uns wieder.«

Dana wiegte den Kopf. »Mädchen, Mädchen, sieh dich vor.«

»Weswegen?«, fragte Sabine unbekümmert.

»Tobias Rothemund sieht wie ein Playboy aus.«

»Das ist er aber nicht. Er ist anständig und seriös.«

»Ist er ebenfalls in dich verliebt?«

»Ich glaube ja.« Sabine strahlte. »Dann gratuliere ich.«

»Danke. Gehst du morgen mit mir joggen?«

Dana Härtling überlegte kurz, dann nickte sie. »Ich denke, das lässt sich einrichten.«

»Man kann nie genug für eine hübsche Figur und eine gute Kondition tun«, behauptete Sabine Wennemann, und die Arzttochter widersprach ihr nicht.

 

3. Kapitel

 

Chefarzt Dr. Sören Härtling wusch sich die Hände. Es ging dem Ende der Vormittagssprechstunde entgegen. Schwester Annegret, die grauhaarige Pflegerin, stellte ihm eine Tasse Kaffee auf den Tisch und reichte ihm anschließend das Handtuch.

»Danke, Annchen«, sagte der attraktive Klinikchef. »Wie viele Patienten sind noch draußen?«

»Nur noch Frau Prera.«

Sören Härtling trank den Kaffee und forderte Schwester Annegret sodann auf, Paula Prera, die als Wirtschafterin im Hause Rothemund tätig war, hereinzuschicken.

Wenig später saß die einundvierzigjährige, ein wenig unscheinbare Frau dem Leiter der Paracelsus-Klinik gegenüber. Sie hatte Akne, litt darunter seelisch sehr und konnte nicht verstehen, dass sie in ihrem Alter noch davon heimgesucht wurde.

»Ich dachte, das wäre ein Pubertätsproblem, Herr Doktor«, sagte sie.

»Es ist eine landläufige Meinung, dass Akne eine Pubertätskrankheit ist und nach dieser Entwicklungsphase verschwindet«, erwiderte Dr. Härtling. »Stimmt das etwa nicht?«

»Nein. Vor allem Frauen leiden auch noch in späteren Jahren an diesen Hautproblemen.«

»Und wieso?«

»Verantwortlich sind hierfür vor allem männliche Hormone, die Androgene«, erklärte der Klinikchef. »Normalerweise befinden sie sich im Körper zusammen mit den weiblichen Östrogenen im ausgewogenen Verhältnis und sind für den Haarwuchs und die Talgproduktion zuständig. Produziert nun der Körper zu viele Androgene, verstopft der Talg die Talgdrüsengänge, und es bilden sich Pickel. Aber auch vermehrter Haarwuchs bei Frauen, zum Beispiel an den Beinen oder im Gesicht, zeigt ein gestörtes Hormonverhältnis an.«

»Und was kann man dagegen tun?«

»Wir werden Ihr Leiden mit einem erprobten Anti-Androgen-Präparat behandeln«, gab Dr. Härtling zur Antwort. Er sah die Patientin an und lächelte. »Ich muss Sie allerdings um Geduld bitten, Frau Prera. Ihre Pickel werden nicht über Nacht verschwinden.«

»Wie lange wird es dauern, bis …«

»Eine hormonelle Aknebehandlung dauert in der Regel etwa neun Monate bis zum sichtbaren Erfolg.«

»So lange.« Paula Prera sah den Arzt unglücklich an.

Sören Härtling hob bedauernd die Schultern. »Es hätte wenig Sinn, Ihnen falsche Hoffnungen zu machen, Frau Prera.«

Die Wirtschafterin seufzte schwer. »Dann werde ich mich wohl oder übel auf eine neunmonatige Behandlungsdauer einrichten.«

»Das ist sehr vernünftig«, lobte Dr. Härtling.

 

4. Kapitel

 

Erwin Wennemann betrat die Küche und fragte: »Was gibt’s zu essen?« Er gab seiner Nichte einen Kuss auf die Wange.

»Spaghetti«, antwortete Sabine.

»Schon wieder?«

»Ich dachte, du isst sie gern«, sagte Sabine, die im Haus ihres Onkels wohnte und ihn bekochte, seit ihre Eltern nicht mehr lebten.

Ihr Vater hatte vor zwei Jahren einen relativ harmlosen chirurgischen Eingriff nicht überlebt, und ihre Mutter hatte eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt und war ihm gefolgt.

»Schon«, sagte Erwin Wennemann, der Bruder ihres Vaters, »aber nicht so oft hintereinander.«

»Tut mir leid, ich bin erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen.«

»Wo warst du?«

»Tennisspielen mit Dana Härtling.«

»Wer hat gewonnen?«

»Dana.«

»Schon wieder?«

»Sie ist einfach zu gut für mich.« Sabine seufzte.

»Warum spielst du dann noch gegen sie?«, fragte ihr Onkel verständnislos.

»Weil ich sie mag«, antwortete Sabine, »und weil ich sehr viel von ihr lernen kann.« Sie lächelte ihren Onkel an, hatte ihn sehr gern und war ihm unendlich dankbar dafür, dass er sie bei sich aufgenommen hatte.

Sie verstand sich prächtig mit ihm, konnte ihm alles anvertrauen und mit jedem Problem zu ihm kommen. Der sechsunddreißigjährige Architekt war ihr wie ein Vater. Er war selbst zeugungsunfähig (seine an und für sich glückliche Ehe war nach zwei Jahren geschieden worden, weil seine Frau unbedingt eigene Kinder haben wollte) und dankte jeden Tag dem Himmel, dennoch eine »Tochter« zu haben.

Seinem Bruder sah er überhaupt nicht ähnlich. Sabines Vater hatte hervorragend ausgesehen. Das tat Onkel Erwin nicht, aber er hatte das Herz am rechten Fleck, und das zählte für Sabine wesentlich mehr als sein Aussehen. Ein Onkel muss schließlich kein Hollywoodstar sein.

Während des Essens sagte Sabine: »Ich muss dir was erzählen, Onkel Erwin.«

»Lass hören.« Er schaufelte die Spaghetti hungrig in sich hinein, streute immer wieder geriebenen Parmesankäse nach.

»Hast du schon mal den Namen Rothemund gehört?«, fragte Sabine.

»Klar. Die haben mehr Geld, als sie ausgeben können. Bertram Rothemund, das Oberhaupt der Familie, war einmal bei mir im Büro. Ich hätte auf dem Rothemundschen Anwesen eine neue Kapelle bauen sollen. Die alte gefiel ihm nicht mehr.«

»Du hättest? Hast du nicht?«

»Nein. Herrn Rothemund haben meine Entwürfe nicht gefallen.«

»Wer hat die neue Kapelle dann gebaut?«, wollte Sabine wissen.

»Niemand«, antwortete Erwin Wennemann. »Die Rothemunds ließen die alte Kapelle von Grund auf renovieren, und nun gefällt sie Herrn Rothemund wieder.« Er stand auf und holte eine Flasche Valpolicella. »Auch ein Glas Wein?«, fragte er, während er die Flasche entkorkte.

»Danke, nein.«

Er legte den Korkenzieher auf den Tisch und schenkte sich ein. »Du wolltest mir etwas erzählen«, erinnerte er seine Nichte.

»Krieg jetzt keinen Schreck, Onkel Erwin«, sagte Sabine vorbauend. »Ich habe mich in Tobias Rothemund verliebt.«

Er sah sie groß an. »Richtig verliebt?« Sie nickte. »Richtig verliebt.«

»Bis über beide Ohren?«

Sie nickte wieder. »Bis über beide Ohren.«

Erwin Wennemann stieß die Luft geräuschvoll aus. »Das ist ein Ding.« Er griff nach seinem Glas. »Jetzt brauch’ ich einen großen Schluck.« Er leerte das Glas auf einen Zug. »Verliebt. Richtig verliebt. Bis über beide Ohren. Großer Gott. Wie ist es dazu gekommen?«

Sie erzählte es ihm mit leuchtenden Augen.

Er schob den fast leeren Teller von sich, sah seine Nichte lange an, schien nach Worten zu suchen und sagte schließlich: »Du bist noch sehr jung, Engelchen …«

»Ich bin kein Kind mehr, Onkel Erwin.«

»Das ist nicht zu übersehen.« Er lächelte. »Ich könnte mir aber vorstellen, dass dir noch die nötige Reife fehlt, deine Gefühle richtig einschätzen zu können.«

»Willst du damit sagen, ich weiß nicht, ob ich verliebt bin oder nicht?«

»Mädchen deines Alters geraten sehr oft ins Schwärmen.« Erwin Wennemann schenkte sich noch einmal ein. »Sie können sich für viele Dinge unglaublich begeistern – für ein tolles Outfit, für eine Boy Group, für einen Schauspieler …«

»Ich bin von Tobias nicht nur begeistert, ich schwärme nicht nur von ihm – ich habe mich total in ihn verknallt«, gab Sabine leidenschaftlich zurück.

»Er ist älter als du.«

»Drei Jahre. Was macht das schon? Versuch bitte nicht, ihn mir auszureden.«

»Könnte ich das?«

»Nein.«

Erwin Wennemann trank wieder, aber diesmal ließ er sich damit Zeit. »Ich habe befürchtet, dass es eines Tages dazu kommen würde, aber ich war – ich muss es zu meiner Schande gestehen – so egoistisch, zu hoffen, dass es nicht so bald sein würde.«

Sabine streichelte seine Hand. »Keine Sorge, ich ziehe nicht morgen schon aus, Onkel Erwin.«

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Erwidert Tobias Rothemund deine Gefühle?«

»Ja, Onkel Erwin, das tut er.«

»Ihr kommt aus verschiedenen Welten«, gab Erwin Wennemann zu bedenken.

»Wir verstehen uns trotzdem blendend«, erwiderte seine Nichte, und ihre Augen sprühten dabei wie Wunderkerzen.

Der Architekt zuckte mit den Schultern. »Dann wünsche ich mir, dass das sehr, sehr lange so bleibt. Am besten für immer. Das wäre der Idealfall.« Seine Miene nahm einen grimmigen Ausdruck an. »Sag dem jungen Mann: Ob Rothemund oder nicht Rothemund, das ist mir schnurzpiepegal – wenn er dir weh tut, kriegt er’s mit mir zu tun.«

»Es ist beruhigend, zu wissen, dass du so total hinter mir stehst, Onkel Erwin.«

»Ich nehme meine Verantwortung, die ich dir gegenüber habe, eben sehr ernst.«

»Dafür bin ich dir sehr dankbar.«

Er trank einen Schluck Wein. »Sollte mit Tobias Rothemund etwas schiefgehen …« Er hob die Hände. »Ich wünsche es dir nicht, Engelchen, aber es wäre immerhin möglich … Sollte also etwas schiefgehen, werde ich selbstverständlich jederzeit für dich da sein und dich trösten.« Er sah seine Nichte prüfend an. »Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?«

»Kennen tu’ ich Tobias schon lange«, antwortete Sabine. »Verliebt haben wir uns ineinander aber erst vor ein paar Tagen.«

Erwin Wennemann stieß die Luft geräuschvoll aus. »Na, dann bin ich mal gespannt, was daraus wird.«

 

5. Kapitel

 

Sie schlenderten Hand in Hand durch den Englischen Garten, setzten sich auf eine Bank und küssten sich unter der ausladenden Krone eines alten Kastanienbaums. Die Welt hatte noch kein glücklicheres Paar als Sabine Wennemann und Tobias Rothemund gesehen. »Ich liebe dich, Sabine«, flüsterte der junge Mann.

Sie schmiegte sich selig an ihn. »Ich liebe dich auch. Mehr als mein Leben.« Sie lachte leise. »Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber ich kann mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen.«

»Es klingt nicht verrückt. Es geht mir genauso.«

Sie strich ihm zärtlich das dichte dunkle Haar aus der Stirn. Er sah für sie aus wie ein Märchenprinz und war haargenau der Mann ihrer Träume.

Genau so hatte sie sich den Mann immer vorgestellt, mit dem sie glücklich werden konnte – ohne zu wissen, dass es ihn tatsächlich gab.

Sie legte den Kopf auf seine Schulter und seufzte: »Ich bin ja so glücklich, so unbeschreiblich glücklich. Es ist wie ein wunderschöner Traum …«

»Aber ein Traum, der nie zu Ende gehen wird«, versicherte Tobias ihr.

»Ich habe meinem Onkel von dir erzählt«, sagte Sabine. »Du weißt, dass ich keine Eltern mehr habe.«

»Ja.« Er küsste sie sanft auf den Mund. Ein leiser Schauer überlief sie. »Mein armes Mädchen«, sagte er leise. »Ich hoffe, ich kann deinen Onkel bald kennenlernen.«

»Deinen Vater kennt er schon«, sagte Sabine. »Er ist nämlich Architekt und hätte eine neue Kapelle auf eurem Anwesen bauen sollen.«

»Die alte Kapelle wurde sehr gründlich renoviert.«

Sabine Wennemann nickte. »Weil deinem Vater die Entwürfe meines Onkels nicht gefallen haben.«

»Es wäre sehr schade um die alte Kapelle gewesen«, meinte Tobias. »Sie ist nämlich ein architektonisches Kleinod. Ich werde sie dir bald zeigen.« Er drückte Sabine innig an sich. »Tut mir einerseits leid für deinen Onkel, dass er den Auftrag nicht bekam, anderseits bin ich froh, dass die alte Kapelle nicht niedergerissen wurde.« Ein hellbraunes Eichhörnchen mit buschigem Schwanz kletterte behände am Stamm des Kastanienbaums herunter und schaute neugierig, ob das Pärchen Futter hatte.

»Tut mir leid, kleiner Freund«, sagte Sabine bedauernd. Sie zeigte dem Tier, das überhaupt nicht scheu war, ihre leeren Hände. »Wenn ich gewusst hätte, dass wir uns hier begegnen, hätte ich ein paar Nüsse für dich mitgebracht.« Das Eichhörnchen hüpfte auf den Boden und stellte sich auf die Hinterbeine.

»Ist es nicht süß?«, sagte Sabine. »Für diese niedlichen Tiere scheint die Schwerkraft nicht zu existieren«, sagte Tobias. »Es verblüfft mich immer wieder, wie sicher sie von Ast zu Ast hüpfen. Ich habe noch nie ein Eichhörnchen herunterfallen sehen.«

»Ich auch nicht.«

»Manchmal sieht es fast so aus, als könnten sie fliegen.«

Das Eichhörnchen flitzte am Baumstamm wieder hoch und war bald nicht mehr zu sehen.

»Nächstes Mal nehme ich wirklich Nüsse mit«, sagte Sabine Wennemann.

Tobias schmunzelte und meinte, den Blick nach oben gerichtet: »Hoffentlich ist unser kleiner Akrobat dann auch zu Hause.«

»Wenn nicht, legen wir sie einfach neben den Baum. Er findet sie dann schon. Lieber wäre es mir natürlich, wenn ich ihm meine kleinen Geschenke persönlich überreichen könnte.«

»Als ich ein kleiner Junge war, kam so ein Eichhörnchen tagtäglich an mein Fenster und holte sich von mir sein Futter«, erinnerte sich Tobias. Ein düsterer Schleier legte sich über seine Augen. »Eines Tages kam es nicht mehr. Ich war danach sehr lange sehr traurig.«

Sabine nickte. »Das wäre ich auch gewesen.«

»Ich hatte den Eindruck, einen langjährigen vertrauten Freund verloren zu haben.«

Sabine küsste ihn zärtlich. »Du bist sehr tierliebend. Das gefällt mir.«

Er griente. »Ich hab’ noch mehr gute Seiten.«

»Ich werde sie mit Vergnügen nacheinander alle entdecken.«

Tobias sagte: »Selbst auf die Gefahr hin, eingebildet zu erscheinen, muss ich sagen, dass ich meinen Eltern am besten gelungen bin. Mein Bruder Albert – er ist so alt wie du – ist ziemlich schüchtern und würde sich am liebsten in sich selbst verkriechen. Und Götz – er ist dreiundzwanzig – ist das genaue Gegenteil. Er ist schrill, laut und aufdringlich, eckt überall an, möchte stets der Mittelpunkt sein und hat schon oft dafür gesorgt, dass der Name Rothemund nicht im allerbesten Licht dastand. Götz hat unseren Eltern in seinem Leben noch nicht viel Freude gemacht. Er ist das schwarze Schaf der Familie Rothemund, und wir sind froh, wenn wir ihn längere Zeit nicht sehen, denn wenn er zu Hause ist, sorgt er ständig für Unfrieden und Streit. Er ist ein großer Egoist, ist exzessiv und genusssüchtig, und es macht ihm unerhörten Spaß, wo immer er kann, einen gegen den ändern auszuspielen. Ein Glück, dass er gerne reist. Dadurch bekommen wir ihn nur alle heiligen Zeiten mal zu Gesicht, und das reicht der ganzen Familie vollauf.« Tobias seufzte. »Ist nicht schön, wenn man über einen Bruder so reden muss, aber etwas Positives gibt es über Götz leider nicht zu sagen.«

»So besehen kann ich froh sein, keine Geschwister zu haben«, sagte Sabine Wennemann.

»Zurzeit tobt Götz sich in Frankreich aus. An der Côte d’Azur. In Saint Tropez, genau gesagt. Er ist da schon seit mehr als einem Monat. Ab und zu ruft er an. Es wäre besser, er würde es nicht tun.«

»Warum nicht?«

»Jedes Mal, wenn er anruft, ist er betrunken oder steht unter dem Einfluss irgendwelcher anderer Drogen und redet nur idiotisches Zeug.«

»Vielleicht ändert er sich, wenn er seine Sturm- und Drangzeit hinter sich hat«, sagte Sabine.

»Eine strenge, charakterfeste Partnerin würde ihm bestimmt guttun, aber er vergnügt sich lieber mit billigen Flittchen. Anständige Frauen sind ihm zu langweilig.« Tobias streckte die Beine aus und legte sie übereinander. »Meine Eltern haben sich schon oft gefragt, wie so etwas möglich ist. Sie haben drei Söhne. Alle wurden gleich erzogen, aber dennoch ist jeder anders geraten.«

»Ich glaube, dass alle Menschen nicht nur durch Herkunft und Erziehung, sondern auch von ihrem Sternzeichen geprägt sind«, sagte Sabine. »Der Schütze ist anders als der Skorpion, der Löwe anders als der Widder … Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen treffen die dem jeweiligen Sternzeichen zugeordneten Charaktereigenschaften in großem Maße zu.«

Tobias sah Sabine verwundert an. »Du glaubst an diese Dinge?«

»Ja.«

»Ich auch.«

»Wir sind uns sehr ähnlich.«

»Deshalb verstehen wir uns so gut«, sagte Tobias angetan. Er wechselte unvermittelt das Thema. »Wie ist denn deine Sportsfreundin Dana Härtling so?« Sabine sah ihn vorwurfsvoll an. »Na, hör mal …«

»Ich frage das aus einem bestimmten Grund.«

»Und aus welchem, bitteschön?« Tobias Rothemund zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, wir könnten vielleicht mal was zu viert unternehmen – du und ich und Dana und Albert.«

»Ach so. Nun, Dana ist sehr nett.«

»So nett wie du?«

»Fast noch netter«, gab das Mädchen zu.

»Das ist nicht möglich.«

»Doch, aber nach dem, was du mir über deinen Bruder erzählt hast, glaube ich nicht, dass sie zu ihm passt.«

»Sie braucht ihn ja nicht gleich zu heiraten«, meinte Tobias Rothemund. »Es wäre schon schön, wenn sie ihm ein bisschen über seine ausgeprägte Schüchternheit hinweghelfen würde. Hat sie einen festen Freund?«

»Zurzeit nicht.«

»Sehr gut.« Tobias nickte zufrieden. »Albert vergräbt sich zu sehr zu Hause. Er müsste mal wieder raus – was Schönes erleben. Aber von selbst kann er sich dazu einfach nicht aufraffen. Ich muss ihn jedes Mal aufs Neue mitreißen, möchte jedoch nicht, dass er sich als fünftes Rad am Wagen fühlt.«

Sabine nickte. »Ich rede mal mit Dana.«

»Sie würde ein gutes Werk tun, wenn sie mitkäme.«

»Ich werde es ihr sagen«, versprach Sabine.

 

6. Kapitel

 

Dana Härtling sah sich um. Der gesamte Clan hatte sich im Garten ihres Großvaters, Professor Walter Paracelsus, eingefunden. Die Verwandtschaft hatte sehr viel Familiensinn, und Dana fand es schön, dazuzugehören.

Nessy, Walter Paracelsus’ zweite Frau, liebte ihren Mann über alles und war glücklich, dass er trotz seiner siebzig Lenze noch bei so guter Gesundheit war.

Sie hatte das Gartenfest perfekt arrangiert, und glücklicherweise spielte auch das Wetter herrlich mit. Alle waren wohlgelaunt und zufrieden.

Danas Eltern unterhielten sich angeregt mit Tante Trixi und Onkel Axel, ihr Zwillingsbruder Ben stand mit Dr. Gerd Paracelsus und seiner zweiten Frau Hetty Rose, genannt Röschen, beisammen, Sören und Michaela Lassow, Danas Cousin und Cousine, organisierten sich was Alkoholfreies zu trinken, und Danas Geschwister Tom und Josee waren mal wieder – wie konnte es anders sein – nicht einer Meinung.

Dana liebte diese fröhlichen verwandtschaftlichen Zusammenkünfte. Jeder mochte jeden. Es gab niemals Streit oder Intrigen. Man fühlte sich auf Wohlwollen gebettet und mit Gewogenheit zugedeckt.

»Mit dir kann man nicht reden, Josee«, sagte der vierzehnjährige Tom zu seiner zehnjährigen Schwester. »Kann man schon«, behauptete Josee. »Du würdest nie zugeben, dass du im Unrecht bist.«

»Wenn ich im Unrecht wäre, würde ich es zugeben – bin ich aber nicht.« Tom winkte seufzend ab. »Es hat keinen Zweck. Ich gebe mich geschlagen.« Er ließ Josee stehen und begab sich zu seiner Cousine Michaela.

Dana sah ihre kleine Schwester an und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Wieso müsst ihr euch immer zanken?«

»Ich lass’ mir doch von Tom nichts gefallen, bloß weil er ein paar Monate älter ist.«

»Ein paar Monate?« Dani lachte. »Es sind vier Jahre.«

»Ich lass’ mir trotzdem nichts gefallen«, beharrte Josee trotzig.

Der stämmige, grauhaarige Walter Paracelsus, der Gründer der renommierten Paracelsus-Klinik, die heute Sören Härtling leitete, kam zu ihnen. Er war zeit seines Lebens ein Arbeitstier gewesen. Das hatte ihm zwei Herzinfarkte eingebracht, die er zum Glück gut überstanden hatte.

»Entschuldigung, die Damen«, sagte er freundlich lächelnd. »Ich störe eure Unterhaltung nur ungern, aber du wirst am Telefon verlangt, Dana.«

»Danke«, sagte das Mädchen und eilte ins Haus. In der Halle lag der Hörer neben dem Apparat. Dana nahm ihn auf. »Hallo?«

»Ich bin’s Sabine«, meldete sich ihre Freundin. »Ottilie, eure Haushälterin, hat mir verraten, wo ich dich erreiche. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich mit meinem Anruf so in eure Familienfete platze.«

»Kein Problem«, gab Dana Härtling zurück.

»Ist nicht einmal besonders wichtig, weshalb ich anrufe«, gestand Sabine Wennemann. »Ich möchte es nur nicht vergessen.«

»Was hast du auf dem Herzen?«

»Ich war vorhin mit meinem Herzallerliebsten im Englischen Garten spazieren …«

Dana schmunzelte. »Wie romantisch!«

»… und da haben wir über dich gesprochen.«

»Hattet ihr kein interessanteres Thema?« Dani lachte. »Ich dachte, ihr wärt verliebt ineinander.«

»Das sind wir. Ganz rasend.«

»Und wie passe ich dann in euer zärtliches Tete-a-Tete?«

»Ich weiß nicht, ob du’s weißt … Tobias hat zwei Brüder: Götz und Albert. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Während bei Götz immer irgendetwas los sein muss, kann es Albert gar nicht ruhig genug zugehen.«

»Und was hat das alles mit mir zu tun?«

»Albert sollte mal wieder raus, damit er nicht gemütskrank wird«, sagte Sabine.

»Soll ich ihn etwa anrufen und um ein Rendezvous bitten?«

»Darauf läuft die Geschichte in etwa hinaus«, gab Sabine Wennemann zu.

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört. Tobias hatte die Idee, dass du, Albert, er und ich zu viert irgendetwas unternehmen könnten. Es würde dich zu überhaupt nichts verpflichten. Wir würden zusammen einen netten Tag verbringen – und aus. Es sei denn, du würdest dich in Albert so unsterblich verlieben, wie es mir mit Tobias passiert ist.«

»Du willst mich mit Albert verkuppeln?«

»Ich möchte nur, dass du eine gute Tat tust«, stellte Sabine richtig. »Schlimm?«

»Wie alt ist Albert Rothemund?«, fragte Dana, die sich die Jungs, mit denen sie etwas unternahm, lieber selbst aussuchte.

»Achtzehn.«

Dana seufzte. »Na schön, ich denke darüber nach.«

»Prima.« Sabines Stimme klang erfreut.

»Ich hab’ nicht ja gesagt«, dämpfte Dana ihre Freude.

»Nein, hast du nicht. Noch nicht. Aber du wirst.«

»Was macht dich so sicher?«

»Ich kenne dich«, sagte Sabine Wennemann. »Ich weiß, dass du ein gutes Herz hast. So, und nun zeig dich deinen Verwandten weiter von deiner besten Seite. Wir hören wieder voneinander.« Es klickte im Hörer. Sabine hatte aufgelegt.

 

7. Kapitel

 

Als Tobias Rothemund von seinem Spaziergang mit Sabine Wennemann nach Hause kam, empfing ihn Paula Prera, die Wirtschafterin, mit rotgeweinten Augen.

Er mochte sie. Sie war ins Haus gekommen, als er elf gewesen war, also vor zehn Jahren. Er hatte rasch Vertrauen zu ihr gefasst und ihr in all der Zeit stets von seinen kleinen und großen Sorgen erzählt.

Sie hatte sehr oft mehr von ihm gewusst als seine Mutter, deshalb ging es ihm besonders ans Herz, wenn sie weinte, was zum Glück nur ganz, ganz selten vorkam.

»Paula«, sagte er beunruhigt und nahm ihre Hände. »Paula, was ist los? Warum weinst du?«

Die Haushälterin schluchzte laut, ihre Schultern zuckten. »Ach, Tobias, es ist so ein großes Unglück. Dein Bruder …«

Tobias Rothemund riss erschrocken die Augen auf. »Ist etwas mit Albert?«

Paula Prera schüttelte den Kopf. »Götz …«

»Was ist mit Götz?«, fragte Tobias gepresst.

»Er ist tot. Verunglückt mit einem Motorboot an der Côte d’Azur. Es ist so schrecklich.«

Tobias hatte das Gefühl, die Haushälterin hätte ihn mit Eiswasser übergossen. »Wo sind meine Eltern?«, fragte er heiser.

»Im Salon.«

Götz tot. Tobias hatte befürchtet, dass es irgendwann mal eine solche Meldung geben würde. Dass sein wagemutiger Bruder zu viel riskiert, zu viel getrunken oder von irgendeiner verdammten Droge zu viel erwischt hatte.

Und obwohl er es schon lange befürchtet hatte, brachte ihn die Nachricht so sehr aus der Fassung, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Götz tot. Ums Leben gekommen durch seinen eigenen Leichtsinn. So nahm Tobias es jedenfalls an. Er war Götz nicht sonderlich verbunden gewesen, aber zu wissen, dass er ihn für immer verloren hatte, ging ihm nun doch sehr nahe.

»Und Albert?«, fragte Tobias mit zugeschnürter Kehle und feucht glänzenden Augen. »Weiß er es auch schon?«

»Er ist ebenfalls im Salon«, sagte Paula Prera.

Tobias ließ ihre Hände los. Sie holte aus einer verborgenen Tasche ihres Kleides ein Taschentuch und putzte sich laut die Nase.

Tobias drehte sich langsam um.

Seine Kniescheiben vibrierten, die Füße waren schwer wie Blei.

Verdammt, Götz, dachte er grimmig, warum hast du uns das angetan? Warum konntest du kein normales Leben führen? Warum musstest du jeden Tag aufs Neue dein Schicksal herausfordern? Du hättest doch wissen müssen, dass das auf die Dauer nicht gutgehen kann.

Er ging mit schleppenden Schritten auf die hohe Tür zu, die in den Salon führte, blieb davor stehen und atmete mehrmals tief durch, bevor er eintrat.

Ihm bot sich in dem luxuriös ausgestatteten Raum ein Bild des Jammers. Seine Mutter, eine schmale, zerbrechlich wirkende Frau, weinte haltlos.

Sein Vater, ein Mann von mittelgroßer, kompakter Statur, war total grau im Gesicht und versuchte sie zu trösten, obwohl er ganz offensichtlich selbst Trost gebraucht hätte. Sein Bruder saß kreidebleich und durchsichtig am Fenster und starrte unverwandt ins Leere.

Tobias ging zu seinen Eltern. Als seine Mutter ihn bemerkte, schrie sie auf und streckte ihm die Arme entgegen.

Er ließ sich von ihr umarmen und umarmte sie und seinen Vater.

Niemand sprach. Tobias war mit seinen Eltern im Schmerz vereint. Es dauerte lange, bis er sich von ihnen löste und zu seinem Bruder ging.

Er legte die Arme um Albert und drückte ihn fest an sich. Albert ließ es geschehen.

Seine Arme hingen leblos herab. Er schien nicht fähig zu sein, sich zu bewegen oder irgendein Gefühl zu zeigen.

Götz, der verlorene Sohn – nun hatten sie ihn für immer verloren, und dieses Unwiderrufliche tat ihnen allen ganz besonders weh.

Bis kurz vor seinem gewaltsamen Ende hatte die – zumindest theoretische – Möglichkeit bestanden, dass er sich eines Tages ändern würde. Diese Chance war heute zerplatzt wie eine schillernde Seifenblase. Eine Tür war für immer zugefallen und hatte den Rothemunds jegliche Hoffnung genommen.

 

8. Kapitel

 

»Okay, Sabine, ich opfere mich«, erzählte Dana Härtling, als die Freundin sich am andern Ende der Leitung meldete. Seit Sabine Wennemanns Vorschlag war ein Tag vergangen.

»Dana?« Sabines Stimme klang fremd.

»Ja«, antwortete Dana Härtling. »Ich bin bereit, Albert Rothemund einen schönen Tag zu bescheren.«

»Das kannst du fürs erste vergessen«, sagte Sabine Wennemann traurig.

»Wieso denn das?«, fragte Dana überrascht.

»Es ist etwas sehr Tragisches passiert«, sagte Sabine mit brüchiger Stimme.

»Was denn, um Himmels willen?«

»Götz, der älteste der drei Rothemund-Söhne, ist an der französischen Riviera mit einem Motorboot tödlich verunglückt«, erzählte Sabine Wennemann krächzend. Obwohl sie Götz Rothemund nie persönlich kennengelernt hatte, schien ihr die Sache sehr nahezugehen. »Dass jetzt keiner mehr Lust auf irgendetwas hat, ist klar.«

»Das verstehe ich«, sagte Dana Härtling, vom traurigen Tonfall der Freundin angesteckt.

»Ich versuche Tobias zu trösten, so gut ich kann«, erzählte Sabine, »aber niemand kann ihm natürlich seinen Bruder wiedergeben. Mit dem Verlust muss er alleine fertigwerden.«

»Tobias tut mir leid. Ich habe selbst drei Geschwister. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie ihm jetzt zumute ist. Wie geht es dir?«

»Ich leide mit Tobias. Wenn ich den Schmerz in seinen Augen sehe, bricht mir jedes Mal fast das Herz.«

»Kann ich irgendetwas tun?«

»Im Augenblick nicht.«

»Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst.«

»Ja, danke, Dana. Du bist wirklich eine wunderbare Freundin.« Nachdem Dana aufgelegt hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und blieb da so lange, bis ihre Mutter sie zum Abendessen rief.

»Bedrückt dich irgendetwas, Dana?«, erkundigte sich ihr Vater, als sie sich an den Tisch setzte.

Sie erzählte von dem Schicksalsschlag, der die Familie Rothemund getroffen hatte.

»Das ist sehr tragisch«, sagte Jana Härtling mitfühlend.

»Es war zu erwarten«, sagte Dr. Härtling. Es hörte sich gefühllos an, deshalb sah Jana Härtling ihren Mann verwundert an. »Sören …«

Die grauhaarige Ottilie stellte zwei Schüsseln auf den Tisch. Eine mit Pfifferlingsoße und eine mit Semmelknödeln. Dr. Härtling stach mit seiner Gabel einen Knödel an und hob ihn auf seinen Teller. »Man soll Toten nichts Schlechtes nachsagen, aber es ist eine Tatsache, dass dieser Götz Rothemund seiner Familie viel Kummer bereitet hat. Er führte ein exzentrisches, exzessives, ausschweifendes und provokantes Leben, das er Tag für Tag bis an die Grenzen des Möglichen auslotete. Er war permanent auf der Suche nach irgendeiner Gefahr, in die er sich kopfüber stürzen konnte, nahm stets volles Risiko. Dass das eines Tages zu einer Katastrophe führen würde, wusste jeder, der den jungen Mann kannte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendetwas Schreckliches passieren würde.« Der Klinikchef schöpfte etwas Soße über seinen Knödel.

»Die armen Eltern«, sagte Jana Härtling berührt. »Ständig in Erwartung einer Hiobsbotschaft leben zu müssen, muss eine furchtbare Belastung sein.«

 

9. Kapitel

 

Eine Woche, nachdem Götz Rothemund verunglückt war, wurde er in München zu Grabe getragen. Die Rothemunds hatten auf dem Westfriedhof bei Nymphenburg eine Familiengruft. Dort sollte Götz’ sterbliche Hülle beigesetzt werden. Die Trauergäste, die dem Toten das letzte Geleit gaben, waren ausschließlich wegen seiner leidgeprüften Eltern gekommen. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, seinetwegen seinem Sarg zu folgen, und dem Priester war es noch nie so schwergefallen, etwas Positives über einen Verblichenen zu sagen, wie diesmal.

Wenn Sabine Wennemann nicht überraschend Fieber bekommen hätte, hätte sie sich ebenfalls auf dem Westfriedhof eingefunden. So aber musste sie das Bett hüten.

Sie hatte Tobias kurz angerufen, um sich zu entschuldigen. Er war sogleich sehr besorgt gewesen. »Es ist doch hoffentlich nichts Ernstes«, hatte er gesagt.

»Nein«, hatte sie geantwortet. »Ich glaube nicht.«

»War der Arzt schon bei dir?«

»Ich werde erst mal versuchen, ohne ärztliche Hilfe auszukommen. Vielleicht ist das Fieber morgen schon wieder weg.«

»Wenn nicht, musst du deinen Hausarzt anrufen. Versprichst du mir das?«

»Ich verspreche es«, hatte Sabine gesagt, »und ich bin in Gedanken bei dir, wo immer du hingehst.«

»Ich liebe dich. Sieh zu, dass du so bald wie möglich wieder gesund wirst.«

»Ich werde mir Mühe geben«, hatte Sabine erwidert.

All das ging Tobias durch den Sinn, während er mit seinen Eltern und seinem Bruder Albert dem schweren Eichensarg folgte, in dem Götz lag.

Einen Tag, bevor sein älterer Bruder abgereist war, hatte dieser ihm vorgeschlagen, mitzukommen.

»Was soll ich an der Côte d’Azur?«, hatte Tobias erwidert.

»Was soll ich an der Côte d’Azur?«, hatte Götz ihn nachgeäfft und sich mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt. »Was soll die Frage? Das Leben in vollen Zügen genießen natürlich. Essen, trinken, mit schönen Mädchen Spaß haben. Sie sind nirgendwo williger als in Saint Tropez, habe ich mir sagen lassen. Ganz wild sollen sie auf heiße Flirts sein.« Er hatte breit gegrinst. »Ich werde feststellen, ob das stimmt.«

Tobias hatte die Nase gerümpft und den Kopf geschüttelt. »Es würde nicht gutgehen, wenn wir zusammen verreisen würden.«

»Warum nicht?«

»Wir sind zu verschieden.«

»Blödsinn. Albert ist ein Langweiler. Den würde ich nirgendwohin mitnehmen, aber mit dir könnte es ganz lustig werden. Du unterscheidest dich nicht so sehr von mir, wie du glaubst.«

»Wir würden uns mit Sicherheit nicht vertragen«, hatte Tobias gesagt. »Vielleicht würden wir uns sogar so sehr zerkrachen, dass ich nie wieder ein Wort mit dir reden würde, deshalb halte ich es für vernünftiger, weder morgen noch sonst wann mit dir zu verreisen.«

»Du weißt nicht, was dir entgeht.«

»Ich weiß, was mir erspart bleibt«, hatte Tobias nüchtern entgegnet, und am darauffolgenden Tag hatte er Götz zum letzten Mal lebend gesehen.

Er starrte auf den Sarg. Dreiundzwanzig Jahre, dachte er. Dein Leben hätte noch lange nicht zu Ende sein müssen, Götz. Warum bist du nur so achtlos damit umgegangen? Der Mensch hat doch nichts Wertvolleres als sein Leben …

Da war eine schlanke junge Frau. Sie gehörte nicht zur Familie, war aber dennoch von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und trug einen schwarzen Schleier, der ihr hübsches Gesicht nur erahnen ließ.

Tobias streifte sie mit einem neugierigen Blick und fragte sich, wer das wohl sein mochte. Sie weinte während der Beisetzung still.

Er sah, wie ihre Schultern zuckten und wie sie sich immer wieder die Nase putzte. Sie erinnerte ihn irgendwie an Lady Diana, und er nahm an, dass sie seinen Bruder sehr gut gekannt hatte.

Nach der Beisetzung schwankte sie plötzlich, und im nächsten Augenblick sackte sie ohnmächtig zusammen.

 

10. Kapitel

 

An diesem Tag musste Sabine Wennemann siebenmal auf die Toilette. Danach war es mit dem Durchfall vorbei, und sie hatte auch kein Fieber mehr.

Ihr Onkel rief an. »Brauchst du was? Soll ich irgendetwas mitbringen?«

»Ist nicht nötig, Onkel Erwin«, antwortete Sabine. »Ich bin schon wieder fast gesund. Ich muss irgendetwas gegessen haben, das nicht mehr ganz in Ordnung war. Nun ist es draußen, und ich fühle mich recht gut.«

»Hast du noch Fieber?«

»Nein.«

»Du bleibst trotzdem im Bett und schonst dich, verstanden?«

»Verstanden.«

»Ich kaufe Knäckebrot und Zwieback für dich«, sagte Erwin Wennemann.

»Ich hatte eigentlich vor, einen Fasttag einzuschalten«, erwiderte Sabine.

»Gar nichts essen ist nicht gut«, meinte ihr Onkel. »Besser ist es, wenn du Schonkost zu dir nimmst.« Er lachte. »Und mir schadet es auch nicht, ernährungsmäßig mal ein wenig kürzerzutreten. Ich komme heute etwas früher nach Hause.«

»Meinetwegen?«

»Selbstverständlich deinetwegen.«

»Das ist nicht nötig«, sagte Sabine.

»Lässt du bitte mich das entscheiden, Engelchen?«, verlangte Erwin Wennemann mit gespielter Strenge.

»Jawohl, Herr General«, sagte Sabine lächelnd und legte auf. »Bist’n Schatz, Onkel Erwin«, flüsterte sie, drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.

 

11. Kapitel

 

Tobias Rothemund war als erster bei der Fremden. Er schlug den schwarzen Schleier hoch und hatte nun ihr blasses, unverhülltes Gesicht vor sich. Sie hatte tatsächlich große Ähnlichkeit mit Lady Di.

Dieser Frau haftet etwas Engelhaftes an, ging es ihm durch den Sinn, während er leicht die Wangen der Unbekannten tätschelte.

Sie stieß einen schweren Seufzer aus, schlug die Augen auf und sah ihn völlig verwirrt an. Dass sie ohnmächtig gewesen war, schien ihr noch nicht bewusst zu sein, aber sie begriff sehr schnell, als ihr die vielen Trauergäste auffielen, die Tobias und sie umringten.

Verlegen bemühte sie sich, so rasch wie möglich auf die Beine zu kommen.

Tobias war ihr dabei behilflich.

»Tut mir leid«, murmelte sie. »Der Schmerz hat mich übermannt.«

»Brauchen Sie einen Arzt?«, fragte Bertram Rothemund, das Familienoberhaupt.

»Nein, es geht schon wieder«, antwortete die Fremde.

Tobias fiel auf, dass er sie noch immer stützte und ließ sie rasch los.

»Ich bin Bertram Rothemund«, stellte sein Vater sich vor. »Ich nehme an, Sie haben meinen Sohn gekannt.«

Es hatte den Anschein, als würde die schöne Unbekannte einen zweiten Schwächeanfall erleiden, und Tobias bereitete sich darauf vor, sie aufzufangen, falls sie noch einmal zusammensacken sollte, doch es war nicht nötig, sie blieb stehen.

»Mein Name ist Alice Matthäus«, sagte die Blonde mit brüchiger Stimme. »Ich bin … Ich war Götz’ Verlobte.«

 

12. Kapitel

 

Dana Härtling ließ es sich nicht nehmen, die kranke Freundin zu besuchen. »Ich habe die neue CD der drei Tenöre mitgebracht«, sagte sie, als Sabine Wennemann sie, in einen hübschen Morgenrock gehüllt, einließ. »Domingo, Carreras und Pavarotti haben sich mal wieder selbst übertroffen. Wollen wir uns die Scheibe zusammen anhören?« Sie wusste, dass die Freundin ein Fan der drei Sänger war und hatte vor, ihr die Platte zu schenken.

In ihrem Zimmer kroch Sabine Wennemann noch einmal unter die Bettdecke, damit ihr Onkel nicht mit ihr schimpfte, wenn er nach Hause kam.

Dana bediente den CD-Player und ließ sich dann in einen Sessel fallen, der neben Sabines Bett stand. Die Tenöre begannen zu singen.

»Was für herrliche Stimmen«, sagte Sabine fasziniert.

Dana legte den Kopf zurück, schloss die Augen und gab sich ganz dem wunderbaren Kunstgenuss hin.

Nach etwa zwanzig Minuten warf Sabine einen Blick auf die Digitalanzeige ihres Radioweckers und meinte: »Jetzt hat Tobias die Beisetzung seines Bruders hinter sich. Obwohl er Götz nicht gerade abgöttisch geliebt hat, hat ihn sein Tod doch sehr getroffen. Es wird einige Zeit dauern, bis er darüber hinweg ist.«

»Er hat zum Glück ja dich.« Sabine Wennemann nickte ernst. »Ich werde alles tun, um ihn zu trösten.« Sie sah Dana an. »Seltsam. Noch vor Kurzem gingen wir einfach aneinander vorbei – und dann schlug auf einmal der Blitz bei uns ein. Ist das nicht verrückt?«

»Ich finde es schön, dass es so etwas gibt und dass niemand davor gefeit ist. Das kann jedem passieren. An jedem Tag. Zu jeder Stunde.«

Sie lauschten wieder andächtig den Tenören.

»Wann wirst du Tobias deinem Onkel vorstellen?«, fragte Dana nach einer Weile.

»Weiß ich noch nicht. Mal sehen, wann es sich ergibt. Vorläufig muss ich abwarten und Tobias zur Ruhe kommen lassen. Ich möchte ihn nicht überfordern.«

Erwin Wennemann kam nach Hause. Dana drehte das Stereogerät etwas leiser. Sabines Onkel klopfte gleich darauf an die Tür.

»Ja!«, rief Sabine.

Erwin Wennemann streckte den Kopf zur Tür herein. »Hallo, Engelchen … Ah, du hast Besuch. Hallo, Dana.«

»Guten Tag, Herr Wennemann, wie geht’s?«, erkundigte sich Dana Härtling.

»Gut«, antwortete der Architekt. »Und dir?«

»Mir geht’s prima.«

»Das freut mich.«

»Mir geht es ebenfalls gut«, warf Sabine Wennemann schmunzelnd ein. »Darf ich aufstehen?«

»Morgen«, entschied ihr Onkel. »Heute bleibst du noch im Bett und lässt dich von mir pflegen.« Er deutete auf den CD-Player. »Pavarotti?« Sabine nickte. »Mit Domingo und Carreras.«

Erwin Wennemann grinste. »Ist zu begrüßen, dass euch nicht nur Hip-Hop und Techno gefällt.«

»Na, hör mal, Onkelchen, wofür hältst du uns?«, lachte Sabine. »Wir lieben jede Art von Musik, wenn sie gut ist. Hab ich recht, Dana?«

»Klar«, bestätigte Dana Härtling. »Heute gibt es im Hause Wennemann Knäckebrot und Zwieback«, sagte der Architekt. »Darf ich dich dazu einladen?« Dana lehnte dankend ab und erhob sich. Als sie sich verabschiedete, sagte Erwin Wennemann: »Du gehst hoffentlich nicht meinetwegen.«

»Bestimmt nicht«, versicherte Dana ihm.

»Deine CD!«, rief Sabine Wennemann, als die Freundin ihr Zimmer verlassen wollte.

»Das ist nicht mehr meine CD«, gab Dana Härtling lächelnd zurück. »Sie gehört jetzt dir.«

»Danke.«

»Keine Ursache«, sagte Dana und ging.

 

13. Kapitel

 

Götz’ Verlobte! Niemand hatte gewusst, dass Götz sich verlobt hatte. Einen Augenblick war Bertram Rothemund ratlos und wusste nicht, was er sagen sollte. Die Trauergäste verließen in kleinen Gruppen den Friedhof.

»Hören Sie, Alice …«, stammelte Bertram Rothemund mit kratziger Stimme. Margot, seine Frau, stand neben ihm. »Fräulein … Frau Matthäus …«

»Bleiben Sie bitte bei Alice, Herr Rothemund«, sagte die Blonde. Ihr schwarzer Schleier war noch immer zurückgeschlagen. Sie sah unendlich traurig aus.

Er nickte und räusperte sich. »Alice … Darf ich Sie bitten, mitzukommen?«

Sie sah ihn verwundert an. »Mitzukommen?«

»Zu uns nach Hause«, erklärte Bertram Rothemund. »Hier können wir nicht reden, und ich denke, es gibt sehr vieles, worüber wir sprechen müssen.«

»Das schon«, gab Alice Matthäus zu, »aber sollte ich nicht lieber an einem anderen Tag … Ist Ihr Schmerz heute nicht noch zu groß, um …« Bertram Rothemund schüttelte entschieden den Kopf. »Bitte, Alice«, sagte er mit Nachdruck. »Sie müssen mitkommen.«

Alice Matthäus willigte seufzend ein. Eine halbe Stunde später sah sie zum ersten Mal das große Anwesen, das sich seit vielen Generationen im Besitz der Familie Rothemund befand , mit Haupt- und Nebengebäuden, Stallungen und einer schönen kleinen Barockkapelle, umgeben von sanft gewelltem Land und gut betreuten, dichten Wäldern. Hier schienen Stille, Ruhe und Frieden zu Hause zu sein.

Alice blickte sich beeindruckt um und sagte: »Hier ist es wunderschön.« Im Salon servierte Paula Prera der Familie und Alice Matthäus wenig später sehr alten französischen Cognac. Margot Rothemunds Hand zitterte, als sie den Schwenker an ihre Lippen hob. Albert Rothemund blickte wie immer stumm in sich zurückgezogen in sein Glas und trank nicht.

Tobias wusste zwar, dass es unhöflich war, konnte aber dennoch nicht aufhören, Alice Matthäus anzustarren. Er schätzte, dass sie dreiundzwanzig war.

Wie Götz es gewesen war. Altersmäßig hätte Alice zu ihm gepasst, aber sonst … Sie wirkte so sanft, so warmherzig und anständig, dass Tobias sie sich an Götz’ Seite einfach nicht vorstellen konnte.

Und überhaupt … Götz Rothemund und eine Verlobte. Das passte so gar nicht zu ihm. Was mochte ihn bewogen haben, dieser schönen jungen Frau die Ehe zu versprechen?

Hatte er es im Drogenrausch getan? Hatte er es getan, um Alice ins Bett zu kriegen? Hatte er nie die Absicht gehabt, Alice Matthäus wirklich zu heiraten?

Bertram Rothemund sprach aus, was Tobias sich dachte. »Götz verlobt. Ich kann mir das, ehrlich gesagt, nur sehr schwer vorstellen.« Er hob die Hand. »Nicht, dass ich an Ihren Worten zweifle, Alice. Es ist für mich – und für meine Familie – einfach nur kaum nachzuvollziehen, dass Götz … Er war ein sehr schwieriger Mensch …«

Alice Matthäus nickte traurig. »Das weiß ich. Er war das schwarze Schaf der Familie Rothemund.«

»Wir haben sehr darunter gelitten«, seufzte Bertram Rothemund, und seine Frau suchte nach einem Taschentuch und schnäuzte sich.

»Er hat mir viel von seiner Familie erzählt«, sagte Alice Matthäus. »Ich weiß, wie viel Kummer er Ihnen allen bereitet hat, und ich kann Ihnen versichern, dass er nicht stolz darauf war. Er wäre gern so gewesen, wie Sie ihn haben wollten: Anständig, angepasst, zuverlässig, willensstark und er hat im vergangenen Monat sehr ernsthaft an sich gearbeitet. Er wollte sich ändern. Er wollte so werden wie Tobias, das hat er mir gesagt.« Sie sah Tobias an, und er senkte den Blick.

Er wollte so werden wie ich, sinnierte Tobias überrascht. Ich war sein heimliches Vorbild. Wer hätte das gedacht? Ach, Götz, du wirst über deinen Tod hinaus ein immer größeres Rätsel für mich.

»Wann haben Sie Götz kennengelernt?«, wollte Bertram Rothemund wissen.

»Vor etwa einem Monat«, gab Alice Matthäus zur Antwort. »Ich hatte mit einer französischen Freundin eine kleine Herrenboutique in Saint Tropez. Götz hat bei uns ein T-Shirt gekauft und ich habe mich Knall auf Fall in ihn verliebt.«

»Sie hatten eine Herrenboutique? Haben Sie sie nicht mehr?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich habe Monique, so heißt meine französische Freundin, meinen Anteil verkauft.«

»Aus welchem Grund haben Sie das getan?«

Alice Matthäus hob die Schultern. »Ich brauchte dringend Geld. Um genau zu sein: Ich brauchte das Geld nicht für mich, sondern für Götz.«

»Sie haben Götz Geld gegeben?«

»Er hatte bei ziemlich finsteren Typen Spielschulden«, erzählte Alice. »Mit denen war nicht zu spaßen. Sie hätten Götz zum Krüppel geschlagen, wenn er seine Schulden nicht ganz schnell beglichen hätte.«

»Wie viel Geld haben Sie ihm gegeben?«, wollte Bertram Rothemund wissen.

»Fünfzigtausend Francs.«

»Großer Gott. Waren Sie da schon mit Götz verlobt?«

»Nein, noch nicht.«

»Sie haben einem fast fremden Mann fünfzigtausend Francs geschenkt?«

»Nicht geschenkt. Gegeben.«

»Sagte Götz, er würde Ihnen die Summe zurückzahlen?«

»Wir haben nicht groß darüber geredet«, sagte Alice. »Götz war in Not, und ich habe ihm geholfen.«

»Ließen Sie ihn einen Schuldschein unterschreiben?«

»Ich war verliebt in Götz. Ich habe ihm vertraut.«

»Sie waren sehr leichtsinnig.« Alice Matthäus zuckte mit den Schultern. »Ich mache mir nichts aus Geld.«

»Sie haben Ihren Anteil an der Boutique verloren.«

»Ich habe mich mit Monique ohnedies nicht mehr besonders gut vertragen. Sie wollte den Laden für sich allein haben, um in allen geschäftlichen Belangen frei entscheiden zu können. Nun kann sie es.«

»Und Sie haben fünfzigtausend Francs verloren«, stellte Bertram Rothemund nüchtern fest.

»Ich war froh, dass ich Götz helfen konnte.« Alice Matthäus nippte von ihrem Cognac.

»Hat er Ihnen zum Dank dafür die Ehe versprochen?«, fragte Bertram Rothemund.

Alice schüttelte überzeugt den Kopf. »Das hat er aus Liebe getan. Er wollte ein anderer Mensch werden, wollte ein anderes Leben anfangen mit mir an seiner Seite. Er wollte sich für mich ändern. Ich weiß, wie sein Leben früher aussah. Götz hat mir alle Sünden gebeichtet, und er hoffte, dass sie sich mit meiner Hilfe nicht mehr wiederholen würden. Ich war unbeschreiblich stolz darauf, ihm helfen zu dürfen. Wir waren in diesem einen Monat so glücklich, wie wir es beide noch nie zuvor gewesen waren. Götz sagte immer wieder, er sei dem Schicksal sehr dankbar dafür, endlich die richtige Partnerin gefunden zu haben. Nach einer langen Suche und vielen Irrwegen könne er nun endlich sesshaft werden …« Sie stockte kurz, schluckte und sprach mit Tränen in den Augen weiter. »Wir schmiedeten gemeinsame Zukunftspläne. Götz wollte mit mir nach München zurückkehren und irgendetwas Sinnvolles auf die Beine stellen. Er wollte mich seiner Familie vorstellen und mich heiraten …« Jetzt versagte ihr die Stimme.

Margot Rothemund, die neben ihr saß, legte ihr behutsam die Hand auf den Arm. »Armes Kind«, sagte sie tröstend.

Alice Matthäus weinte. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte.

»Sie bekommen das Geld, das Sie Götz gegeben haben, selbstverständlich von uns wieder«, sagte Bertram Rothemund bewegt.

Alice blickte ihn durch einen dichten Tränenschleier an und erwiderte: »Haben Sie die Absicht, mich zu beleidigen, Herr Rothemund?«

»Himmel, nein«, wehrte er erschrocken ab. »Ich möchte Ihnen nur wiedergeben, was Ihnen zusteht.«

Alice Matthäus seufzte schwer. »Ich möchte nur Götz wiederhaben – sonst nichts.«

»Sie waren im Begriff, ein Wunder an ihm zu vollbringen«, sagte Bertram Rothemund. »Er wäre bereit gewesen, sich für Sie zu ändern. Nichts hätten wir mehr begrüßt als das.« Alice wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen. »Wenn uns das Schicksal doch nur mehr Zeit gelassen hätte.«

»Was werden Sie nun tun?«, fragte Bertram Rothemund. »An die Côte d’Azur zurückkehren?«

Alice schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht an den Ort zurückkehren, an dem ich mit Götz die glücklichsten Tage meines Lebens verbracht habe.«

»Dann werden Sie in München bleiben.«

»Ja.«

»Haben Sie Verwandte hier?« Alice Matthäus schüttelte wieder den Kopf. »Ich bin allein. Ich habe niemanden.«

»Was werden Sie tun?«

»Ich werde mir einen Job und eine Wohnung suchen.«

»Wo wohnen Sie zurzeit?«

»In einem kleinen Hotel in Pullach«, antwortete Alice und leerte ihren Cognacschwenker. Einen zweiten Drink lehnte sie dankend ab.

»Was haben Sie gemacht, bevor Sie nach Saint Tropez gingen?«, erkundigte sich Bertram Rothemund.

»Beruflich?«, fragte Alice Matthäus.

»Ja.«

»Ich war Sekretärin in einem Buchverlag, der leider pleiteging.«

»Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, Alice«, sagte Bertram Rothemund. »Herr Flickschild, unser Verwalter, ist nicht mehr der Jüngste. Er könnte jemanden gebrauchen, der ihm zur Hand geht. Wären Sie an so einer Arbeit interessiert? Damit würde sich automatisch auch Ihr Unterkunftsproblem lösen, denn Sie könnten hier auf unserem Gut wohnen.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Alice sah die Rothemunds der Reihe nach an – Bertram, Margot, Tobias und Albert. Sie wirkte verwirrt. »Ich habe mit einem solchen Angebot nicht gerechnet.«

»Lassen Sie es sich in Ruhe durch den Kopf gehen und geben Sie mir Bescheid, sobald Sie sich entschieden haben«, schlug Bertram Rothemund vor. »Sie waren mit Götz verlobt. Ich finde, Sie gehören hierher. Wenn Sie aber anderer Meinung sind, werde ich das akzeptieren.«

 

14. Kapitel

 

»Stell dir vor, Götz war verlobt«, sagte Tobias Rothemund zwei Tage nach der Beisetzung zu Sabine Wennemann. Sie saßen in einer Cafeteria nahe dem Stachus, und Tobias erzählte seiner Liebsten die ganze unglaubliche Geschichte.

Sabine löffelte die Sahne von ihrem Cappuccino und meinte lächelnd: »Hört sich an, als wäre Götz an der französischen Riviera einem Engel begegnet.«

Tobias nickte. »Alice ist ein Engel. Was sie in ganz kurzer Zeit zuwege gebracht hat – nämlich aus Götz einen anderen Menschen zu machen – ist uns in vielen Jahren nicht gelungen.«

Fünf Punker mit wüsten Frisuren und dreckigen Klamotten wollten die Cafeteria betreten, doch der Besitzer warf sie gleich wieder hinaus.

Sabine sah Tobias unter halb gesenkten Lidern an. »Muss ich eifersüchtig sein?«

»Auf Alice?«, fragte Tobias zurück. »Du scheinst von ihr schwer begeistert zu sein.«

»Das bin ich«, gab Tobias unumwunden zu.

»He!« Sie knuffte ihn.

»Aber ich bin nicht in sie verliebt«, stellte Tobias klar. »Das bin ich nur in dich.«

»Hoffentlich bleibt das so.«

»Zweifelst du daran?«

»Nicht ernsthaft.« Sabine beugte sich zu ihm hinüber und gab ihm einen sanften Kuss. Dann löffelte sie die restliche Sahne vom Cappuccino.

»Alice hat sich heute entschieden, das Angebot meines Vaters anzunehmen«, berichtete Tobias Rothemund. »Sie wird demnächst bei uns wohnen und die rechte Hand unseres Verwalters sein.«

»Dein Vater scheint das Gefühl zu haben, in ihrer Schuld zu stehen.«

»So sieht es aus. Aber warum soll er ihr nicht helfen, nachdem sie so viel für Götz getan hat?«

Sabine trank einen Schluck Kaffee. »Schade«, sagte Tobias, »dass es Götz nicht gegönnt war, mit Alice ein schönes Leben zu führen – ohne hemmungslosen Drogenkonsum und lasterhafte Mädchen, zu denen er sich so lange so sehr hingezogen fühlte.«

Die Punker kamen wieder. Sie rotteten sich vor der Cafeteria zusammen. Jetzt waren es nicht mehr fünf, sondern mindestens zwanzig, und sie führten nichts Gutes im Schilde, das war ihnen anzusehen.

Der Lokalbesitzer witterte dicke Luft und griff zum Telefon. Tobias legte Geld auf den Tisch und verließ mit Sabine die Cafeteria, bevor die mit Holzknüppeln, Fahrradketten und Eisenstangen bewaffneten Punker aktiv wurden.

Sabines Onkel war auf Dienstreise, und in ihrem Kopf kreiste ein kühner Gedanke. Sie erzählte Tobias, dass ihre Freundin Dana Härtling ihr die neueste CD der drei Tenöre geschenkt hatte.

»Die kenne ich noch nicht«, sagte Tobias interessiert. »Wie ist sie?«

»Einfach großartig«, schwärmte Sabine. Sie gab sich einen Ruck und fragte unvermittelt: »Möchtest du sie hören?«

Seine Augen weiteten sich. »Bei dir zu Hause?«

Sie nickte ein wenig verlegen. »Ja.« Ihre Wangen überzogen sich mit einer süßen Röte.

»Ist dein Onkel da?«, erkundigte sich Tobias.

Sabine schüttelte den Kopf, ohne ihm in die Augen zu sehen. »Nein.«

Sein Herz schlug schneller und sein Mund trocknete aus. Die drei Tenöre … Sie würden singen, während er und Sabine … O Gott, die Vorfreude darauf ließ ihn beinahe überschnappen.

Es kam, wie es kommen musste. Sie liebten sich in Sabines Zimmer mit unbeschreiblicher Leidenschaft, und der Himmel war die Grenze ihres Glücks – während Domingo, Carreras und Pavarotti bekannte Liebesarien sangen.

 

15. Kapitel

 

Dana Härtling streckte den Kopf in das Zimmer ihres Zwillingsbruders.

»Brauchst du den Wagen, Ben?« Ihnen gehörte zu gleichen Teilen ein gebrauchter roter Kleinwagen, den sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatten.

»Nein«, antwortete Ben. Er trug einen bequemen Trainingsanzug, stand auf dem Kopf und machte Yoga. »Kann ich ihn haben?«

»Was hast du vor?«

»Mit Sabine ins Grüne hinausfahren und ein bisschen joggen«, sagte Dana.

Ben beendete die Übung und holte die Fahrzeugschlüssel aus seinen Jeans. Während er seiner Zwillingsschwester die Schlüssel in die Hand drückte, sagte er schmunzelnd: »Fahre mit Grips, sonst kommst du in Gips.«

»Das musst ausgerechnet du mir sagen, wo wir Frauen erwiesenermaßen die sichereren Autofahrer sind.«

»Woher hast du das?«

»Das ist statistisch dokumentiert.« Ben winkte grinsend ab. »Statistiken kann man manipulieren.« Er tippte Dana auf die Nasenspitze. »Lauf deiner Freundin nicht davon.«

»Möchtest du mitkommen?«

Ben schüttelte lächelnd den Kopf. »Ihr habt euch bestimmt sehr weltbewegende Dinge, die nicht für jedermanns Ohren bestimmt sind, zu erzählen. Ich möchte euch dabei nicht stören.«

»Matschbirne«, sagte Dana zu ihrem Bruder und eilte davon.

»Gehst du laufen?«, fragte Ottilie. Dana blickte an sich hinunter. Laufschuhe, Lauf-Shorts, Lauf-Shirt. »Gut kombiniert«, gab sie schmunzelnd zur Antwort.

Josee kam aus dem Wohnzimmer. »Darf ich mitkommen?«

»Ein andermal.«

»Warum nicht heute?«, wollte die Zehnjährige wissen.

»Ich bin mit Sabine Wennemann verabredet.«

»Na und?«

»Wenn wir lossprinten, kommst du nicht mit.«

»Pah! Ich laufe genauso schnell und genauso weit wie ihr.«

»Du beweist es mir ein andermal, okay?«, sagte Dana und verließ das Haus. Zwanzig Minuten später wärmte sie mit Sabine am Rande des Perlacher Forsts auf. Die Augen der Freundin leuchteten wie Wunderkerzen. »Was ist passiert?«, wollte Dana neugierig wissen.

»Es ist passiert«, seufzte Sabine Wennemann selig.

Dana stand im Moment auf der Leitung. »Es? Was?«

Sabine verdrehte verzückt die Augen. »Etwas ganz Wunderbares.« Jetzt machte es bei Dana »klick!«.

»Oh, ich verstehe.«

»Tobias war so lieb, so sanft, so gefühlvoll, so zärtlich, so leidenschaftlich … O Dana, jetzt liebe ich ihn noch viel, viel mehr.«

Dani feixte. »Na, dann zeig mal, wie viel Kraft er dir noch gelassen hat.« Sie beendete ihre Dehnungsübungen und schüttelte die Beine aus. »Bist du bereit? Kann es losgehen?«

Sabine stürmte davon. Sie streckte die Arme hoch und schrie übermütig: »Hallo, Welt! Ich bin Sabine Wennemann, und ich liebe Tobias Rothemund ganz wahnsinnig!«

»Verrücktes Huhn!«, lachte Dana und lief hinter der Freundin her.

 

16. Kapitel

 

»Ich möchte Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen, Herr Rothemund.« Sabines Onkel reichte dem jungen Mann mit ernster Miene die Hand.

»Danke, Herr Wennemann«, sagte Tobias ebenso ernst. Er war heute zum ersten Mal offiziell im Hause Wennemann, war nervös und bemühte sich, einen guten Eindruck zu machen. »Bitte nennen Sie mich Tobias.«

Erwin Wennemann begab sich mit seiner Nichte und ihrem Freund ins Wohnzimmer. Sie setzten sich. »Sabine hat mir schon so viel von Ihnen erzählt, dass ich den Eindruck habe, ich kenne Sie schon seit Jahren«, sagte der Architekt.

Seine Nichte schmunzelte. »Sabine ist ein ganz schreckliches Plappermaul, wenn ihr vor Glück das Herz übergeht.« Sie warf Tobias einen verliebten Blick zu.

»O ja, das ist sie«, bestätigte Erwin Wennemann. Es gefiel ihm, zu sehen, wie gern die beiden sich hatten. Jetzt, nachdem Tobias seinen Bruder verloren hatte, war Sabine doppelt gut für ihn. Niemand hätte ihn besser über seinen Schmerz hinwegtrösten können. Sabine tastete nach Tobias’ Hand. Ihr Daumen streichelte seinen Handrücken, und sie sah ihn schmachtend an. Erwin Wennemann holte eine Flasche Moselwein. Spätlese. Ein ganz edler Tropfen für besondere Anlässe, und der Architekt fand, dass dies ein besonderer Anlass war.

Wie Gold funkelte der Wein in den Gläsern. Erwin Wennemann stieß mit seiner Nichte und ihrer großen Liebe an und verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass den beiden viele glückliche Jahre gegönnt sein mochten.

Es blieb nicht aus, dass Tobias über seinen toten Bruder sprach, schließlich beschäftigte ihn zurzeit kaum etwas mehr. Er erwähnte auch Alice Matthäus und sagte, während er Sabine verliebt ansah:

»Es ist unglaublich, welche Macht Frauen über uns haben. Man bezeichnet uns als das starke Geschlecht, aber in den Händen der richtigen Frau werden wir ganz schnell zu Wachs und lassen uns bereitwillig zu allem formen. Selbst Götz, ein Enfant terrible par excellence, hatte nichts dagegen, für Alice ein völlig anderer zu werden. Ich hätte gern erlebt, wie er dann gewesen wäre. Nett, verträglich, angepasst …«

Sabine trank einen Schluck Wein. »Mh«, machte sie. »Köstlich, Onkel Erwin.«

Der Architekt lächelte. »Der rinnt runter wie Öl, was?«

»Er schmeckt ganz intensiv nach Trauben«, befand Sabine, die sich im Allgemeinen nicht rühmen konnte, eine Weinexpertin zu sein. Mit achtzehn Jahren hält man sich zumeist noch mehr an Cola und diese Dinge. Da schmeckt einem Wein nur in den seltensten Fällen.

Nachdem sie einen weiteren Schluck getrunken hatte, stieg Röte in ihre Wangen, und sie schnalzte genüsslich mit der Zunge. »Onkel Erwin, an dieses Tröpfchen könnte ich mich glatt gewöhnen.«

Der Architekt lachte. »Lieber nicht. Sei vorsichtig damit. Trink nicht zu schnell, sonst hast du im Handumdrehen einen Schwips.«

Sabine schmiegte sich an Tobias.

»Ich finde es nicht gut, dass Alice Matthäus das Angebot deines Vaters angenommen hat«, sagte sie.

»Sie brauchte einen Job und eine Unterkunft«, erwiderte Tobias. »Beides konnte mein Vater ihr anbieten.«

»Aber sie verbaut sich damit ihre Zukunft«, sagte Sabine.

»Sie war mit Götz verlobt«, wandte Tobias ein. »Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er sie geheiratet, und sie hätte zur Familie gehört.«

»Jetzt gehört sie aber nicht zur Familie. Jedenfalls nicht richtig. Sie wird eines Tages über den schmerzlichen Verlust hinwegkommen und was dann? Wie würde dein Vater … Wie würde die Familie Rothemund reagieren, wenn Alice Matthäus einen anderen Mann kennenlernt und sich in ihn verliebt? Würdet ihr ihn akzeptieren? Würdet ihr mit einem anderen Mann an Alices Seite einverstanden sein? Und wo sollte der dann wohnen? Auch im Haus des Verwalters?«

»Das sind alles Fragen, die sich noch lange nicht stellen«, erwiderte Tobias.

»Eines Tages werden sie aber akut werden«, sagte Sabine. »Oder glaubst du, Alice Matthäus wird bis an ihr Lebensende allein bleiben?«

Tobias hob die Schultern. »Die Dinge werden sich von selbst regeln. Ich glaube nicht; dass wir uns darüber heute schon den Kopf zerbrechen müssen.«

 

17. Kapitel

 

Werner Flickschild, der Verwalter, ging auf die Siebzig zu, war weißhaarig und mit der Schwerfälligkeit der Übergewichtigen behaftet.

Er begrüßte es, dass Alice Matthäus von nun an mit ihm unter einem Dach wohnen würde. So eine junge, hübsche, sympathische Frau. Ihm würde jedes Mal sein altes Herz aufgehen, wenn er sie sah.

Sie brachte nicht viel mit, als sie einzog. Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten untergebracht hatte, suchte sie den alten Mann in seinem Büro auf.

»Na, wie gefällt Ihnen Ihre Wohnung?«, erkundigte sich der Verwalter. Er saß an seinem Schreibtisch und erhob sich nun plump.

»Darf ich die Möbel umstellen?«, fragte Alice.

»Nach Belieben. Wenn Sie Hilfe brauchen ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung. Ich bin zwar nicht der Bulle von Tölz, aber wenn ich mich mit meinem Gewicht gegen einen Schrank stemme, kann ich ihn durchs ganze Haus schieben.«

Alice ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. An den Wänden standen alte Holzregale mit vielen gleichfarbigen Ordnern, die alle fein säuberlich beschriftet waren. Durch das Fenster hatte man einen Blick auf das Hauptgebäude, die »Residenz« der Rothemunds. Albert Rothemund ging soeben mit hängendem Kopf und hängenden Schultern in das Gebäude. Neben der Tür stand ein alter Kanonenofen mit einem langen schwarzen Rohr. Der alte Parkettboden war frisch gebohnert und hatte leise geknarrt, als Alice den Raum betreten hatte.

Werner Flickschilds großer, altmodischer Schreibtisch stand in der Nähe des Fensters. Briefe, Rechnungen, Expertisen lagen darauf.

Neben dem Telefon standen ein Faxgerät, ein Tischkalender, eine leise tickende Schreibtischuhr, eine pilzförmige Schreibtischlampe und eine leere Kaffeetasse.

»Ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten«, sagte Alice Matthäus.

Der Verwalter nickte. »Davon bin ich überzeugt. Sie werden mir bestimmt eine große Hilfe sein. Sie bekommen ein eigenes Büro – ich habe das schon mit Herrn Rothemund besprochen –, und es wird mir ein Vergnügen sein, Sie einzuarbeiten und Ihnen alles beizubringen, was Sie wissen müssen, wenn Sie die anfallende Arbeit irgendwann einmal allein zu bewältigen haben.«

»Sie haben doch nicht etwa die Absicht, sich zur Ruhe zu setzen«, sagte Alice.

»Ich bin bald siebzig.«

»Sie sind noch sehr rüstig.« Werner Flickschild lächelte. »Dennoch müssen wir davon ausgehen, dass ich nicht ewig leben werde.«

»Ich werde eine gelehrige Schülerin sein«, versprach Alice Matthäus und zog sich in ihre Wohnung zurück.

 

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Titel: Wenn für sie die Welt einstürzt - Sechs Arztromane von A. F. Morland