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4 Venedig-Krimis: Volpes Fälle

©2020 670 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Romane:
Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Frauenmörder von Venedig
Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Fall des Capitano Nero
Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der mörderische Monsignore Paulus
Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Strandmörder vom Lido

Meinhard-Wilhelm Schulz präsentiert mitreißende Romane mit einem venezianischen Detektiv, der authentisch an bekannten und weniger bekannten Plätzen der Lagunenstadt ermittelt. Es ist zutiefst Ausdruck seiner großen Liebe zu dieser durch Menschenhand vom Untergang bedrohten Stadt.

Leseprobe

Table of Contents

4 Venedig-Krimis: Volpes Fälle

Copyright

Volpe und der Frauenmörder von Venedig

1. Teil: Ich, Dr. med. Sergiu Petrescu und mein Freund Volpe

2. Teil: Die Jagd auf dem Würger von Venedig beginnt

3. Teil: Der erste Mord

4. Teil: Der zweite Mord

5. Teil: Auf dem Revier

6. Teil: Die dritte Nacht in den Gassen Venedigs

7. Teil: Neues auf dem Revier

8. Teil: Drama der vierten Nacht

9. Teil: Ein hektisches Intermezzo

10. Teil: Eine bezaubernde Frau

11. Teil: Wieder auf dem Revier

12. Teil: Überraschung nach der fünften Nacht

13. Teil: Gruppenspiel mit Damen

14. Teil: Nachwort des Dottore Petrescu

15. Teil: Ein Jahr später

Volpe und der Fall des Capitano Nero

Volpe und der Garibaldi-Hasser von Venedig

Hauptpersonen:

1. Teil: Vorbemerkungen des Dr. Sergiu Petrescu

2. Teil: Dr. Sergiu Petrescu besucht seinen Freund ‚Volpe‘

3. Teil: Das Drama des Mannes, der Garibaldi hasste.

4. Teil: Ein Nachwort

Volpe und der Fall des Capitano Nero

Hauptpersonen:

1. Teil: Vorbemerkungen

2. Teil: Der Fall des Capitano Nero

3. Teil: Schlussbemerkungen

Volpe und der mörderische Monsignore Paulus

Hauptpersonen des Dramas:

1. Teil: Prologus des Dottore Sergiu Petrescu

2. Teil: Unheimliches Erlebnis im Walde

3. Teil: Giulia und der Tod

4. Teil: In der Abenddämmerung

5. Teil: Drama auf der ‚Torre Rossa di Pozza‘

6. Teil: Bei Volpe zuhause

7. Teil: Dottore Sergiu Petrescu in Rimini

8. Teil: Rückkehr nach Venedig

9. Teil: Monsignore Paulus in der Klemme

10. Teil: Nachwort des Dottore Sergiu Petrescu

Volpe und der Strandmörder vom Lido

Hauptpersonen des Romans:

1. Teil: Mein Vorspann (Dienstag, 1. 12. 2020; erster Teil)

2. Teil: Debora stellt sich vor.

3. Teil: Nächtliche Mädchenjagd am Strand (im Juli 2015)

4. Teil: Der Mann mit den zwei Leben

5. Teil: Ab Donnerstag, der 2. Juli 2020

6. Teil: Freitag, der 3. Juli 2020

7. Teil: Neues von Ottorino (4. 7. und 5. 7. 20)

8. Teil: Sonntag, 6. 7. 2020

9. Teil: Montag, der 6. Juli 2020

10. Teil: Dienstag, der 7. Juli 2020

11. Teil: Mittwoch, der 8. Juli 2020

12. Teil: Donnerstag, 9. Juli 2020

13. Teil: Freitag, der 10. Juli 2020

14. Teil: Samstag, der 11. Juli 2020

15. Teil: Sonntag, der 12. Juli 2020

16. Teil: Montag, der 13. Juli 2020

17. Teil: Dienstag, der 14. Juli 2020

18. Teil: Mittwoch, der 15. Juli 2020

19. Teil: Donnerstag, der 16. Juli 2020

20. Teil: Freitag, der 17. Juli 2020

21. Teil: Samstag, der 18. Juli 2020

22. Teil: Sonntag, der 19. Juli 2020

23. Teil: Mein Schlusswort (Dienstag, 1. 12. 20; zweiter Teil)

24. Teil: Ein winziges Postskriptum

4 Venedig-Krimis: Volpes Fälle

von Meinhard-Wilhelm Schulz

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 670 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Frauenmörder von Venedig

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Fall des Capitano Nero

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der mörderische Monsignore Paulus

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Strandmörder vom Lido

 

Meinhard-Wilhelm Schulz präsentiert mitreißende Romane mit einem venezianischen Detektiv, der authentisch an bekannten und weniger bekannten Plätzen der Lagunenstadt ermittelt. Es ist zutiefst Ausdruck seiner großen Liebe zu dieser durch Menschenhand vom Untergang bedrohten Stadt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Volpe und der Frauenmörder von Venedig

von Meinhard-Wilhelm Schulz

 

 

Dr. Sergiu Petrescu, ein rumänischer Arzt, der in Jesolo praktiziert, liebt Venedig und seinen dortigen Freund, den berühmten Detektiv Giuseppe Tartini, genannt ‚Volpe‘ (Fuchs) über die Maßen. Anlässlich der verheerenden Überflutung der Lagunenstadt im November 2019 kommt er die paar Meilen herüber geschippert und bringt dem Freund einen frisch protokollierten Fall mit:

In den engen Gassen eines von den Touristen kaum besuchten Viertels kommt es zu einer Mordorgie. Ein Täter, von dem man nur weiß, dass er sich in einen Kapuzenmantel oder Poncho hüllt, stürzt sich, den Dolch in der Hand, im Dunkel der Nacht auf Damen, die es noch wagen, alleine auszugehen. Die Carabinieri sind mit ihrem Latein am Ende, aber nicht einmal ein ‚Volpe‘ kann den nächsten Mord verhindern. Diesmal sind sogar zwei Frauen in den Fall verwickelt, und Volpes Freund, Doktor Sergiu Petrescu, der alte Schwerenöter, stellt einmal mehr fest, dass der Detektiv, so genial er sonst auch sein mag, zu wenig von Frauen versteht …

 

 

 

 

Die Hauptpersonen des venezianischen Dramas:

Dr. med. Sergiu Petrescu: ich, der Erzähler

Giuseppe Tartini ‚Volpe‘: Privatdetektiv; mein Freund

 

Namenlos: Der nächtliche Würger von Venedig

Conte Raimondo d‘ Inceto, geb. Tiepolo: ein Verdächtiger

Contessa Cornelia d‘ Inceto, geb. di Malatesta: seine Frau

Maria Augusta Tiepolo: seine leibliche Mutter

 

Ambrosio di Fusco: Tenente (Leutnant) der Carabinieri

Giulio Marcello: Capitano der Carabinieri, sein Chef

Alberto Scimmia (‚Der Affe‘): Reporter des Corriere della Sera

 

 

 

 

1. Teil: Ich, Dr. med. Sergiu Petrescu und mein Freund Volpe

Ich bin Rumäniendeutscher, schwarzhaarig, inzwischen grau meliert, nur 1, 65 m. groß und leider nicht so schlank, wie ich es gerne wäre, obwohl ich mich bei jeder Gelegenheit in den Sattel meines feurigen Rappen Diavolo (‚der Teufel‘) schwinge oder auf dem Tennispatz meine Runden drehe. Italien liebe ich im Allgemeinen und Venedig im Besonderen.

Deutsch, Rumänisch und das ihm verwandte Italienisch, alle drei Sprachen beherrsche ich so perfekt, dass ich es manchmal gar nicht merke, in welcher ich spreche.

Nach dem Medizinstudium in Bukarest und München brachte ich meine Zeit als Krankenausarzt in Verona hinter mich, um dann in Jesolo eine Praxis für Allgemeinmedizin zu eröffnen. Man nennt mich dort liebevoll ‚il Tedesco‘ (der Deutsche), weil mich Sommer für Sommer die deutschen Badegäste aufsuchen, wenn ihnen die Gesundheit einen Streich spielt und sich freuen, einen Doktor zu finden, der ihre Sprache versteht.

Zu meinem Radius gehörten auch die Dörfer südlich Jesolos, Cavallino, Cá Pasquali und Punta Sabbioni. Sie alle liegen auf einer Landzunge, die westlich an den Sümpfen der Lagune von Venedig und östlich an einem der schönsten Strände Italiens, vielleicht dem schönsten überhaupt, endet.

Warum es mich dorthin verschlagen hat? Nun, zum einen suchte dort ein älterer Arzt einen Nachfolger; zum anderen lag es an Venedig, der ‚Serenissima‘, welcher ich seit meinem ersten Besuch verfallen bin. Wenn man von Punta Sabbioni, wo die Halbinsel endet, in den Vaporetto (‚Dampferchen‘) steigt, gelangt man eine halbe Stunde später zur Anlegestelle unmittelbar am ‚Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele‘. Im Unterschied zu all den Leuten, die Venedig mit dem Auto über den künstlich aufgeschütteten Damm erreichen, kommt man auf meine Weise ganz wie früher in die Stadt, und das auch noch stressfrei.

 

Viele Jahre ist es jetzt schon her, seit ich das erste Mal dem Zauber des Markusplatzes verfiel. Nachdem ich von der oben genannten Anlegestelle in dieser Richtung unterwegs war und im Vorbeischlendern einen Blick auf die unvergleichlich schöne ‚Seufzerbrücke‘ geworfen hatte, bog ich nach rechts auf die ‚Piazzetta‘ (kleiner Platz‘) ab, zu meiner Rechten die herrliche Fassade des Dogenpalastes, um dann die Weite des göttlichen Markusplatzes mit seinem himmelhohen Campanile zu erreichen.

Verzückt stand ich vor dem Markusdom und blickte zu den vier vergoldeten römischen Bronzerössern empor, den schönsten jemals verfertigten, als mir jemand auf die Schulter klopfte. Ich drehte mich um und sah einen hageren Mann vor mir, der mich um Haupteslänge überragte. Wären da nicht seine schulterlangen feuerroten Haare gewesen, könnte man sagen, dass es die Adlernase sei, die sein Gesicht beherrschte. Er bleckte das Raubtiergebiss und sagte grinsend:

»Buon giorno, dottore Tedesco! Buon giorno, Sergiu!«

»Wo-woher ke-kennen Sie mich?«, fragte ich ihn erstaunt.

»Signore, es ist meine Aufgabe, alles Mögliche zu wissen, sozusagen mein Beruf, auch wenn mich manche, die sich dafür von Staats wegen besolden lassen, für einen Amateur halten. Ich bin der stadtbekannte Privatdetektiv Giuseppe Tartini, den man meistens ‚Volpe‘ (‚Fuchs/Schlaumeier‘) nennt.«

Ich hatte bislang noch nichts von ihm gehört und ließ mir das auch anmerken. Er lächelte nachsichtig und fuhr fort:

»Nebenbei bemerkt, Dottore: Sie haben auf der Überfahrt gefrühstückt, sind ein Schiff zu spät hier angelangt, obwohl Sie sich beeilt haben und ferner der Meinung, die vier Pferde da oben seien die schönsten der Kunstgeschichte. In Ihrer Freizeit reiten Sie und spielen Tennis, zweifellos und bevorzugen die altmodische Nassrasur, nicht wahr?«

»Sie sprechen in Rätseln. Woher wissen Sie das alles, was Sie sagten? Sind Sie Hellseher?«, erwiderte ich bissig und wunderte mich über die Kühnheit des Schlaksigen mit dem großen schwarzen Schuh, »denn Sie sind mir ganz und gar unbekannt, mein Herr. Ihre Aussagen, meine Person betreffend, sind zwar richtig, aber woher stammen sie?«

»Sie haben Ihre Praxis zu Jesolo erst kürzlich aufgemacht. Das stand in der Zeitung. Dass Sie es heute eilig hatten, beweist die Tatsache, dass Sie, da Sie Bermudas tragen, zwei verschiedene Socken zur Schau stellen, einen weißen, wie man ihn beim Tennis trägt und einen blau-weiß geringelten.«

Ich unterbrach ihn grimmig und knurrte:

»Zuhause habe ich noch so ein Paar.«

»Göttlich, Sie haben Humor. Das lässt Sie in meiner Achtung weiter steigen«, sagte der Lange kichernd und rieb sich die knochigen Hände, »aber lassen Sie mich auch die übrigen scheinbaren Rätsel lösen:

Dass Sie die eingeplante Fähre nicht erwischt haben, ließ sich daraus schließen, dass Sie vorhin mehrfach auf die Uhr blickten und dazu ein verkniffenes Gesicht machten. Sie waren sichtlich verärgert, nicht wahr?«

»Ja, der verdammte Capitano sah mich wie einen Sprinter heran stürmen und legte schnell ab, aus purer Bosheit, eine Minute vor der Zeit. Ich hätte ihn ermorden können.«

»Oho«, sagte der Rote, »dann wären Sie ja ein Fall für Meinesgleichen geworden; doch zurück zu den Rätseln:

Dass Sie Reiter sind, bleibt dem geschulten Auge nicht verborgen: Ihre Knie weisen auf der Innenseite die typische Verhornung auf, die davon herrührt, dass der Pferdefreund diese Stelle fest an den Sattelgurt zu pressen hat. Ich kenne mich da aus. In jungen Jahren bi ich eifrig geritten. Als Sie dann aber zu den weltberühmten Rössern von San Marco aufblickten, hellte sich Ihre Miene sichtlich auf und Sie nickten dreimal mit dem Kopf.«

»Und die Nassrasur? Das Frühstück auf dem Schiff?«

»Hihihi, Dottore, Sie haben sich ein winziges Bisschen geschnitten, da, links oberhalb ihres bemerkenswert runden Adamsapfels, und da auf dem weißen Hemd ist ein winziger, noch frischer brauner Kaffefleck. Gewiss ist die Nussschale, auf der Sie von Punta Sabbioni hergekommen sind, ins Schwanken geraten, während Sie den Becher ansetzten.«

»Ein Tanker passierte uns, unverschämt nahe. Beinahe wären wir abgesoffen, so war das.«

»Das dachte ich mir«, sagte der rote Lulatsch freundlich, während mir jetzt der Kragen platzte:

»Aha, soso«, sagte ich zähneknirschend, »derart einfach war das alles also, das da mit mir, alles fürchterlich simpel, und ums Haar hätte ich Sie für einen Hexenmeister gehalten. Wenn ich Ihnen nun einen Spitznamen verpassen darf, dann möchte ich Sie, caro Giuseppe, bitte sehr, ‚il Pulcinella Rosso (‚der rote Hanswurst‘) nennen, hahaha.«

Signore Tartini kicherte und rieb sich vergnügt die Hände:

»Ist ja göttlich! Bravo, bravissimo, Tedesco! Treffender als Sie, verehrter Signore Dottore Petrescu, hat mich noch niemand beschrieben. Ich bin begeistert. Dafür lade ich Sie zu einem zweiten Frühstück ein, dort drüben unter den Kolonnaden hinter dem großen Campanile. Aber hier in der Serenissima nennt man mich den ‚Volpe‘ (‚Rotfuchs; Schlaumeier‘). Wer’s gerne britisch hat, sagt ‚Foxy‘. Zum Glück habe ich keine Sommersprossen.«

Ich drosch mir vor die Stirne und murmelte heiser:

»Ich Ochse! Ich Idiot! Ich war von Blindheit heimgesucht. Ich habe schon viel von Ihnen gelesen. Sogar ein Dummkopf wie ich hätte Venedigs besten Privatdetektiv erkennen müssen.«

»Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung«, sagte ‚Volpe‘, wie ich ihn ab sofort nennen möchte, lachend und legte mir den Arm über die Schulter, um mich ins Freiluftkaffee zu verschleppen, wo eine kleine Combo italienische Weisen spielte, zu denen ein Sänger schmachtend trällerte, darunter Italiens heimliche Nationalhymne »o, sole mio.«

Dass dies der Auftakt zu einer lebenslangen Freundschaft sein würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Dennoch war und ist es eine seltsame Partnerschaft, denn Volpe hat nie damit aufgehört, mich mit ‚Dottore‘ anzureden, während ich ihn ‚Giuseppe‘ nenne, wenn ich ihn anrede, ‚Volpe‘, wenn ich über ihn schreibe, sobald ich den Stress der Sommersaison hinter mir habe und die Touristenflut abgeebbt ist, holt er mich regemäßig nach Venedig herüber, wenn er einen kniffligen Fall hat, und dann gehen wir Seite an Seite auf Verbrecherjagd.

Beginnen möchte ich mit einem aktuellen Geschehen, das auf manch andere Abenteuer folgte. Es ereignete sich im November und Dezember 2019, als ich fast wahnsinnig wurde, weil die Wassermassen meine geliebte Stadt, die niemals untergehen darf, überrollt hatten und sogar den Markusdom samt der kostbaren Krypta überschwemmten.

Da die normale Verbindung unterbrochen war, rief mich Volpe auf dem Mobilfon an. Er sagte, ich solle den nächsten Dampfer nehmen und die Gummistiefel nicht vergessen, da mancher Ortes das Wasser noch zwanzig Zentimeter hoch stünde. Unverzüglich machte ich mich auf den Weg und ließ mich vom Freund durch die entsetzlich verwüstete Stadt führen.

Nach dem oben beschriebenen Weg stand ich in Gummistiefeln im 20 Zentimeter tiefen Wasser vor dem großen Campanile, wo mich Volpe abholte. Am Uhrturm verließen wir die Piazza und wanden uns durch die Gassen nordwärts (Venedig ist eine Stadt der Fußgänger), gingen an der ‚Chiesa di Santa Maria Formosa‘ vorüber, bogen links ab, um zum ‚Campo di SS. Giovanni e Paolo‘ zu gelangen, einer Kirche mit herrlicher Kuppel.

Auf dem ‚Campo‘ selbst aber steht die bronzene Reiterstatue des ‚Colleoni‘, größtes Werk des Renaissance-Künstlers di Cione, genannt ‚Verocchio‘; das größte solche Monument aller Zeiten.

Der Condottiere, hatte es Venedig als Vermächtnis gestiftet, aber man hatte es entgegen seinem Wunsch in 600 Metern Luftlinie Entfernung vom ersehnten Markuspatz errichtet, dort, wohin sich nur wenige Touristen verirren. So findet man hier Stille und Kultur höchsten Niveaus zugleich und auch ein nettes Lokal.

Arm in Arm, die Augen voller Tränen, gelangte wir schließlich zu seiner geräumigen Wohnung an der Südseite des Campo mit freien Blick auf Colleoni und Kirche, ein Eckhaus an der ‚calle di cavallo’ (Pferdegasse) und setzten uns ans Kaminfeuer, das Giovanni, Giuseppes Butler und Koch in einer Person, entfacht hatte. Nachdem wir uns einen guten Tropfen eingetrichtert hatte, steckte ich den Stick ins ‚Tablet‘, das mir der Freund reichte, um ihm den fertigen Bericht unserer Jagd auf den ‚Frauenmörder von Venedig‘ vorzutragen. In überarbeiteter Gestalt soll er nun folgen.

 

 

2. Teil: Die Jagd auf dem Würger von Venedig beginnt

Allzu viele Besucher der Serenissima verzichten auf eine Fahrt mit dem Vaporetto (‚Dampferchen‘) durch den Canale Grande und lassen sich im Bogen um die Innenstadt herum über den ‚Canale della Giudecca‘ bis unmittelbar vor den Dogenpalast schippern. Von dort aus lustwandeln sie über die Piazzetta zum Markusplatz samt Dom und weiter zur Rialtobrücke.

Auf diesem Gelände drängen sie sich zu Tausenden zusammen und erhalten so ein unvollkommenes Bild der Stadt. Solange man sich nämlich nicht mit einer Gondel durch die vielen kleinen Kanäle hat fahren lassen und anschließend mit Hilfe eines Stadtplanes durch die engen Gässchen gepilgert ist, wird man nie ganz ins Leben der Venezianer eingetaucht sein.

Es ist schon erstaunlich, wie still es plötzlich wird, wenn man den Platz vor der oben genannten Basilika der Heiligen Johannes und Paulus erreicht hat und zum weltweit schönsten Reitermonument aufblickt, das da auf hohem Sockel thront und den trutzig dreinblickenden Condottiere unsterblich gemacht hat.

Dahinter liegt ein Viertel voll von sprühendem Leben, das rein den Einheimischen vorbehalte ist. Die Fremden wissen nicht davon, wenn sie mit dem Vaporetto den Canal Grande Richtung Rialto unterwegs sind. Sie bewundern und filmen die Palazzi, allen voran die ‚Cá d‘ Oro‘ (Goldenes Haus), sonder Ahnung, dass sich dahinter dutzende von engen Gassen verbergen, in dem die Venezianer ihre Ruhe vor dem Touristenrummel haben, insbesondere, weil es im Herzen dieses Viertels keine Sehenswürdigkeiten gibt. In seinen Gassen mit ihren Läden, Werkstätten und Kneipen kehrt nicht einmal nachts Rune ein, wenn gewisse Damen vor grell erleuchteten Wirtschaften stehen, um den Gästen etwas mehr als nur Speis und Trank anzubieten.

Wo viel Leben ist, da blüht auch das Verbrechen, und ohne das stete Einschreiten von Venedigs Tenente Ambrosio di Fusco, dem der gesamte Bezirk untersteht, käme es dort regelmäßig zu Mord und Totschlag, denn neben den wenigen Palästen der Reichen beherbergt diese Gegend vor allem die Mietshäuser des Kleinen Mannes, der sehen muss, wie er durchkommt.

Oft ragen die Gebäude dort bis zu vier Stockwerke empor, und die Stadt hat nur wenige Lämpchen an den Wänden befestigt, um den trüben Gassen das Unheimliche zu nehmen, denn die Bauten sind so hoch, dass der Mond mit seinem bleichen Licht nur selten herein scheint:

Ebenda kam es zum einem Vorfall, der ganz Venedig vor Entsetzen erstarren ließ, und als sich die Dinge dann häuften, geriet unser Freund Ambrosio, Tenente der Carabinieri, an den Rand des Wahnsinns, denn der berüchtigte Täter ließ sich nicht fassen, ja, man hatte nicht die geringsten Anhaltspunkte, wer es sein könnte. Sämtliche Carabinieri der Stadt, angeführt vom Capitano (Hauptmann) Giulio Marcello, tappten im Dunklen.

 

3. Teil: Der erste Mord

Es war am sechsten Juli des Jahres 2019. Venedig litt unter einer unerträglichen Hitzewelle, und alles, was Rang und Namen hatte, war aus diesem brodelnden Kessel nach Rimini ans Meer geflüchtet. Die kleinen Leute, vor allem die Pensionäre und Rentner mit ihrer klammen Kasse, mussten in den grauen Mauern ausharren, und an Schlaf war kaum noch zu denken.

Als sich die ersten Schatten über das besagte Viertel senkten und der Glut des Tages eine Brise von der Adria her folgte, stürzten sich die Bewohner aus ihren stickigen Häusern heraus und ins Gewimmel der verwinkelten Gassen hinein. Überall erwachte das Leben zu pulsierender Heftigkeit. An allen Ecken und Enden Leben, Lärm und Musik, und noch vor der letzten Eck-Kneipe war wimmelte es vor durstigen Menschen.

Eine dieser Wirtschaften wurde »La Dolce Vita« genannt. Sie lag am ‚calle Zotti‘, fast noch im Schatten der Cà d‘ Oro, und wurde von einer krausköpfigen Frau betrieben. Wegen ihres dunklen Teints hatte sie den Spitznamen »Merio« (Amsel) erhalten. Wie sie wirklich hieß, schien niemand zu wissen.

Sie war mittelgroß und von üppiger Gestalt. Ihre Art, sich zu kleiden, nur als »leicht« zu bezeichnen, sollte übertrieben sein, denn manche Besucher der Kneipe sagten, wenn die Merio nur die Schuhe ablegte, sei sie nackt. Einige Männer liebten sie so innig, wie manch eine Frau sie hasste.

Am oben genannten Tag verließ die »Amsel« ihre Wohnung im der parallel gelegenen ‚calle Forno‘, aufgrund der Hitze nur in ein ärmelloses Männerhemd gehüllt, die klobigen Füße unterhalb der Beine dick wie Dönertrommeln mit ihren rot lackierten Nietnägeln in Flipflops steckend. Sandalen oder Turnschuhe hätten ihr vielleicht das Leben gerettet.

So stieg sie die fensterlose Treppe, aus ihrer Wohnung zur im Düsteren verschwimmenden Gasse hinab, um die hundert Meter zu ihrer Kneipe zu überwinden, die sie stets erst bei Einbruch der Nacht aufzusuchen pflegte, wenn das Leben erwachte.

Dort stand sie gewöhnlich mit ihrem Koch hinter der Theke, um die Gäste an den Tischen und Stühlen draußen im Freien zu bedienen, bis es einen der feinen Herren gelüstete, auch das Hinterzimmer kennen zu lernen, doch heute kam die Merio nicht ans Ziel, denn eine schwarz vermummte Gestalt heftete sich an ihre Fersen und huschte ihr lautlos durch den ‚Calle Forno‘ hinterher, rasend schnell näher kommend.

Als sie fast schon den Atem der Bestie im Nacken verspürte, ohne es zu wagen, sich umzudrehen, wollte sie um Hilfe schreien, aber der Hals war ihr wie ausgetrocknet. Außerdem gab es weit und breit niemanden, der ihr zu Hilfe hätte kommen können.

Und immer näher kam das dumpfe Tappen der Schritte. Die ‚Amsel‘ begann jetzt, in wilder Panik davon zu rennen, während eine glühende Woge ihren Körper überflutete, aber sie verlor in der Hast die Flipflops und stieß sich die Zehen an den Kanten des schlecht verlegten Pflasters derart blutig, dass sie vor Schmerzen stöhnte und kaum noch laufen konnte. Daher holte sie der Verfolger, den Kopf in einer Kapuze verborgen, ein. Beigetragen hatte dazu, dass die Merio ziemlich viel Fett angesetzt hatte und seit Jahren nicht mehr gerannt war.

Schon blieb ihr die Puste weg. Keuchend stand sie auf der Stelle. Ihre Wülste wogten wie das Meer. Pfeifend entwich ihr der Atem. Jetzt hatte war er zur Stelle. Sie erstarrte vor Entsetzen. Jede Gegenwehr blieb aus. Sie war wie gelähmt. Er packte sie von hinten und hielt sie mit dem linken Arm wie in einem Schraubstock fest, während sie die Arme sinken ließ. Dann setzte er ihr das Messer an die Kehle. Wie Volpe erst später herausfand, war es ein mittelanges Messer mit gebogener Klinge, wohl ein Bowie Knife.

Die Merio fand gerade noch genügend Zeit, wie verrückt zu kreischen, während der Angreifer seine Arbeit in eisigem Schweigen oder gespenstischem Kichern vollendete. Ihr Schreien ging in ein schwaches Wimmern über, bis ihr zischend ein letzter Atemzug aus der aufgeschlitzten Kehle entwich.

Der Mörder hatte ihr den Hals gründlich abgeschnitten und ließ sie nun zu Boden gleiten. Rasch breitete sich eine Blutlache aus. Er beugte sich über die Leiche, schlitze er ihr das Hemdchen auf, zerrte die Stoffbahnen über ihren großen schlaffen Brüsten auseinander und ging dann gemächlich seiner Wege.

Jetzt kam Leben in die Gasse: Von beiden Seiten stürzten die Anwohner herbei. Einige hatten Taschenlampen dabei, welche die Szene wie irre beleuchteten, indem sich die Lichtkegel wirr überschnitten und kreuzten. Daher konnte es dem Betrachter so vorkommen, als schnitte die Merio verrückte Grimassen.

Jemand schrie mit sich überschlagender Stimme, »Mord, Mord! Haltet den Mörder«, und schon verfolgten einige den Vermummten, der sich in riesigen Sprüngen von der Walstatt entfernte und in den ‚Calle di Pistor‘ einbog. Dort verloren ihn die Verfolger aus plötzlich den Augen, ganz so, als hätte er sich in Luft aufgelöst, und die Leute, welche in diese Schlucht geeilt waren, starrten einander ins Gesicht, vom Grauen geschüttelt.

Wenig später erschien Ambrosio mit zwei Polizisten zur Seite. Er war zu spät gekommen und konnte nichts anderes tun, als die Ermordete in die gekühlte Leichenhalle schleppen zu lassen. Am nächsten Tag erst fand er heraus, dass es die Merio war. Er kannte sie nur flüchtig, freilich eher dienstlich, und das nur oberflächlich, denn sie war für seinen Geschmack zu fett.

Immer nämlich, wenn es vor ihrer Kneipe zu einer Schlägerei gekommen war, hatte er mit ihr zu tun gehabt und weinte ihr keine Träne nach. Zu Hauptmann Marcello sagte er mit sardonischem Grinsen, die Hölle sei voll von Ihresgleichen.

Am nächsten Tag machte er sich daran, die Passanten zu vernehmen, welche das Drama miterlebt hatten, aber so viel Mühe er sich auch gab, er kam keinen einzigen Schritt weiter. Die Beschreibung des Täters war nämlich so vage, dass sie auf hunderte gepasst hätte.

Ein großer Mann war es gewesen, der in einem schwarzen Umhang steckte, welcher oben in einer Kapuze auslief, dank derer er sein Gesicht verbarg. Das Geheimnis, weshalb der Mörder so spurlos hatte verschwinden können, konnte nicht gelüftet werden. Entweder war er über den quer verlaufenden ‚calle di Pistor‘ in die von da nach rechts abbiegenden ‚Calle larga Doge Priuli‘ geflüchtet, oder aber er hatte diese Straße rechts liegen lassen, um über die dortige Brücke den ‚Rio di San Felice‘ zu überqueren und in der ‚Fondamenta di San Felice‘ unterzutauchen.

Einer der ersten Gedanken, welche Tenente di Fusco hegte, war es, dass der Mörder eine Person sein könnte, die etwas gegen Frauen hätte, aus welchem Grund auch immer, denn die Merio war nicht ausgeraubt worden. Aber das waren vorerst nur vage Vermutungen die ins Leere gingen.

Ambrosio klapperte dann das Umfeld der Gemeuchelten ab, wiederum, ohne fündig zu werden. Die Merio hatte keine Familie, keine Verwandten. Ihre gemietete Kneipe war beliebt und gut besucht. Sie habe gewiss keine Feinde gehabt, sagte der Koch, und nicht wenige Männer mochten sie persönlich. Sie war eine fröhliche Erscheinung gewesen, kurz: Unter all ihren Gästen und Kunden herrschte Bestürzung und Trauer.

 

4. Teil: Der zweite Mord

Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht über den Frauenmord verbreitet. Alle Zeitungen brachten mit geringen Abweichungen einen Bericht heraus, in dem Tenente di Fusco sich dahin gehend äußerte, dass hier ein Geistesgestörter am Werk gewesen sein müsse, getrieben vom Hass auf Damen des ältesten Gewerbes. Er riet ihnen davon ab, nachts ohne Begleitung auszugehen.

An eben diesem Tag war ich bei Giuseppe Tartini, genannt Volpe, zum Abendessen eingeladen. Bis vor Kurzem hatte ich noch in Jesolo mit meiner zweiten Frau zusammen gelebt. Doch nach der Scheidung war ich für ein paar Tage zu meinem Freund gezogen. Noch leuchtete die Sonne rötlich ins Obergeschoss hinein, in welchem wir bei einander saßen, als er sagte:

»Hast du schon von diesem Mord gehört?«

»Gewiss, gewiss«, sagte ich, »Freund Ambrosio hat sich der Sache angenommen. Er vermutet, es sei ein Dirnenhasser gewesen, einer, der bevorzugt fette Huren verabscheue. Das las ich gerade im ‚Corriere della Sera‘. Den Bericht hat übrigens, jetzt musst du lachen, ein venezianischer Korrespondet mit dem wohlklingenden Namen Alberto Scimmia (‚Albert Affe‘) verfasst, hihi.«

»Ich habe seine edlen Ergüsse genossen, doch als ich sie las, musste ich feststellen, dass Freund Ambrosio wieder einmal den letzten Blödsinn angestellt hat.«

»Das verstehe ich nicht. Er hat doch alles gründlich untersucht. Man weiß nicht einmal, wie er aussieht. Er steckte bekanntlich in einer Kapuzenjacke. Das Gesicht war vollkommen verhüllt. Außerdem finde ich Ambrosios Schlussfolgerung nachvollziehbar. Der Mörder hat keine Spuren hinterlassen. «

»Sagen wir lieber«, knurrte Volpe, »Ambrosio hat keine Spuren entdeckt. Er hat ja nicht einmal geforscht, was für einen Umhang der Mörder getragen hat. Ich könnte dir auf Anhieb drei aufzählen. Es gibt in ganz Venedig nur zwei Schneider, die so etwas herstellen, was man bei unserem Klima so gut wie nie benutzt. Ferner hat sich Ambrosio keine Mühe gegeben, den, wie ich las, ungewöhnlich langen Schnitt an der Kehle des Opfers auf die Art der verwendeten Waffe hin zu untersuchen.

Zwar sind bei uns in Bella Italia sämtliche Messer mit starren Klingen, wie das Bowie Knife, verboten, aber ein Küchenmesser tut es auch, und so etwas lässt sich nicht untersagen.

Außerdem kennen wir unseren guten alten di Fusco ja. Er ist auf seine Weise zwar recht tüchtig, ein zäher Bursche und unermüdlicher Verbrecherjäger, aber es fehlt ihm an Kombinationsgabe. Auf dem linken Auge ist er blind und mit dem rechten sieht er nichts. Es wäre besser gewesen, er hätte mich hinzu gezogen. Warte nur ab, Freundchen, er tanzt bald bei uns an, spätestens morgen zur Colazione (Frühstück).

Außerdem ist seine Schlussfolgerung, der Täter hasse feiste Huren, voreilig. Nie im Leben hätte er solch einen Unsinn daher quatschen dürfen. Wenn wir also heute Nacht, wie ich das unbedingt erwarte, den nächsten Mord zu verzeichnen haben, geht das indirekt auf seine Kappe.«

»Was soll daran unverantwortlich sein, wenn er vermutet, irgendein Mann habe es auf Nutten abgesehen? Mir leuchtet das ein. Schließlich war die ‚Amsel‘ eine von dieser Sorte, und indem er ihr das Kleid vor der Brust aufschlitzte, als sie am Boden lag, hat er uns doch wohl mitgeteilt, wie sehr er dieses Gewerbe verabscheue, oder? Vielleicht ist er ein fanatischer Moralapostel.«

»Nun, wie auch immer, unser Ambrosio hat jetzt seine Vermutung ausposaunt. Was würdest du nun an Stelle des Mörders tun, wenn deine Mordlust, wie leider zu erwarten, noch längst nicht gestillt wäre?«

»Hm«, sagte ich, »wahrscheinlich hätte ich den Ehrgeiz, dem Tenente zu zeigen, wie dumm er ist. Wenn ich schon mordete, dann bitte auch spektakulär und möglichst unter den Augen der Polizei, denn nur so kann ich aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit, welche mich umfängt, heraus treten und mich endlich in der Schlagzeile des ‚Corriere della Sera‘ finden:

Wenn du mich fragst: Ich, hihihi, mordete jetzt zur Abwechslung keine fette Schwarzhaarige sondern eine schlanke Blondine oder Brünette, eine, die nichts mit dem horizontalen Gewerbe zu tun hat, weil ja ab sofort alle vollschlanken Nutten auf der Hut vor mir sind. Damit zeige ich dem Tenente, dass ich mich über ihn lustig mache. Beim Abmurksen der Süßen ginge ich ebenso vor wie bei der ‚Amsel‘, damit man und sieht, dass es derselbe Täter ist: von Ohr zu Ohr den Hals abschneiden und dann das Kleid aufschlitzen, damit der Busen bloß liegt. Der Tenente hat mich mit seinem Geschwätz herausgefordert und ich habe die Herausforderung angenommen.«

»Genau das ist es«, sagte Volpe triumphierend, »was Ambrosio da angerichtet hat. Vielen Dank für dein ärztliches Gutachten! Du hast uns mit deiner Gabe, dich in andere hinein zu denken, das Psychogramm des Täters erstellt:

Der Kerl will Aufsehen erregen. Er möchte im Mittelpunkt stehen. Er will sich in seiner frisch errungenen Bedeutung sonnen und alle, die ihn bislang verachtet haben, vergessen machen, dass er im bisherigen Leben nichts als ein jämmerliches Würstchen war, nicht wahr, Dottore?«

»Genau so und habe ich es gemeint«, sagte ich stolz, »und dieser Mann hat vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre gelebt, ohne sich das Geringste zuschulden kommen zu lassen. Aber dann hat er – den nächsten Mord mitgerechnet – zweimal gemordet und wird weiter morden, wenn man ihn nicht dingfest macht.

Die Frage ist nun, was diese neue Haltung ausgelöst hat, warum er von einem ehrenwerten Mitbürger zur Bestie geworden ist. Leider besitze ich noch zu geringe Kenntnisse, um es zu erklären; aber dass irgendein dies auslösender Schock dafür verantwortlich zeichnet, ist bei uns Ärzten unumstritten.

Der gestrige Mord und der von dir vorhergesagte unterscheiden sich nämlich fundamental von den gängigen Morden, bei denen der Täter beispielsweise tötet, um an Geld zu kommen oder aus Eifersucht oder, um sich zu rächen. Der Mord aus der vergangenen Nacht war in dieser Hinsicht sinnlos.

Daher neigen medizinische Laien dazu, in dem Täter einen Geistesgestörten zu vermuten, denn er handelt entgegen all unseren alltäglichen Mordphantasien, auf die nur deshalb keine Tat folgt, weil wir die Gesetze, die allgemeine Moral oder die Strafe Gottes fürchten. Nur der Psychiater kann durch eingehende Untersuchungen feststellen, ob der Mörder verrückt ist und wodurch sein Geist umnachtet wurde.

Meistens sind solche Mörder körperlich gesund. Es sind Menschen, wie sie uns zu Tausenden begegnen. Jeder von uns könnte eines Tages zum Mörder werden, wenn wir aus der Sinnlosigkeit und Öde des Alltags ausbrechen wollen.

Fast alle dieser Mörder galten in ihrer Umgebung als haltlos, minderwertig und bedeutungslos. Man hat ihnen die zustehende Beachtung verweigert, man hat sie gedemütigt. Und dann brechen sie aus dem Kerker des Alltags aus und machen mit einer vermeintlich großen Tat von sich reden.

Gaius Sallustius, Roms großer Historiker, schreibt, dass sich der gemeine Mann nicht vom Vieh unterscheide, das da seinen Lüsten ergeben sei. Nur mit einer berühmten Tat könnten wir ewigen Ruhm zu erringen.

Doch wer schon kann Staatsmann, Feldherr der Schriftsteller werden? Ein Aufsehen erregendes Verbrechen hingegen kann jeder vollbringen. Der Mann, den wir suchen, strebt mit seinen Taten zu den Sternen. Er will, wie Sallustius es einst schilderte, zu den Göttern gehören.

Um dies zu erreichen, muss er weiter morden. Er ist vom Wunsch getrieben, eines Tages verhaftet zu werden, denn nur im öffentlichen Prozess kann er seiner Geltungssucht Genugtuung verschaffen, nur im Licht der Öffentlichkeit. Freiwillig wird er sich jedoch nicht fassen lassen.

Je länger er sein Spielchen mit der Polizei treibt, desto größer ist sein Triumph, wenn er vor dem Richter steht. Manche dieser Leute atmen auf, wenn man sie endlich einsperrt. Herostratos brannte vor über 2.500 Jahren den Tempel zu Ephesos nieder, wohl wissend, dass ihn das den Kopf kosten würde, aber er wollte berühmt werden und ist es bis heute geblieben.«

»Gut«, sage Freund Volpe und legte die Fingerspitzen aufeinander, »wenn das so wäre, ließe er sich mit seiner Geltungssucht zur Strecke bringen. Man müsste eine Scheinverhaftung vornehmen und einen Schauspieler die Verbrechen des wirklichen Mörders offen vor der Kamera gestehen lassen. Dann wäre er um den Ruhm gebracht und könnte einen Fehler machen.«

»Ja«, sagte ich, »das wäre eine Möglichkeit. Es gab vor Jahr und Tag einen Verbrecher, der sogar einen Brief an die Presse schrieb, als man den Falschen verhaftet und aufgrund fehlgedeuteter Indizien verurteilt hatte.«

»Wie würde unser Mörder also reagieren, wenn ein anderer an seiner Stelle ins Gefängnis geworfen würde?«

»Er sähe sich gezwungen, sofort einen neuen Mord zu begehen, koste es, was es wolle.«

»Ich denke, du hast recht. Vielen Dank für dein medizinisches Gutachten. Ich weiß jetzt einiges mehr über den Täter, vorausgesetzt, es kommt in der heutigen Nacht zum nächsten Mord.

Doch jetzt lass uns essen. Das hält Leib und Seele zusammen. Ich habe zur Feier des Tages aus dem schräg gegenüber liegenden ‚Ristorante da Angela‘ ein tüchtiges Mahl bestellt, und wie ich höre, kommt der Bote mit den Schüsseln gerade die Treppe herauf. Vergessen wir also, dass es zu einem zweiten Frauenmord kommen wird. Ambrosio dürfte die Polizeistreifen verdreifacht haben, aber der Mörder wird ihn überlisten. Morgen Vormittag sollte der Tenente hier einschneien und uns hängenden Kopfes um Hilfe bitten.«

Nachdem wir die Cena genossen hatten, begaben wir uns zur Ruhe. An richtiges Schlafen war freilich nicht zu denken. Kaum nämlich war ich eingenickt, da träumte ich schon vom Mörder, der sich mit dem Messer in der Hand über irgendwelche Frauen stürzte, und ich wachte, vom Grauen geschüttelt, wieder auf.

Auch Volpe fand keine Ruhe, obwohl er sich doch sonst eines besonders gesunden Schlafes erfreute. Mehrfach erhob er sich und tigerte unruhig auf und ab, wie ein Jagdhund, der Witterung aufgenommen hat, aber im Käfig eingesperrt ist, denn was würde wohl in einer der rund 500 Meter Luftlinie von Volpes kleinem Palazzo entfernt gelegenen Gassen geschehen?

 

Er verlegte das Frühstück aus der Küche ins Wohnzimmer, wo Giovanni einen runden Tisch aufgestellt hatte. Drei Korbsessel standen um ihn herum. Wir nahmen Platz. Der dritte blieb unbesetzt. Gerade wollte uns der Butler das Essen auftischen, als es unten gegen die Türe polterte und jemand die Klingel im melodischen Dreiklang ertönen ließ. Volpe betätigte den Summer und wenige Augenblicke später stampfte Tenente di Fusco herein, um sich wortlos in den verbliebenen Sessel fallen zu lassen.

Er sah übernächtigt aus: Ringe unter den Augen; flackernder Blick; stoßweiser Atem; Lippen zusammen gepetzt; Mundwinkel auf dem Schlüsselbein ruhend; Körper stechend nach Schweiß stinkend; Kleidung unordentlich; Schuhwerk schmutzig; ein Bild des Jammers. Der Tenente öffnete mehrfach den Mund, um ihn wieder zu schließen. Volpe sah eine Weile belustigt zu ihm hinüber. Schließlich sagte er:

»Lieber guter Ambrosio! Sieh zu, dass du erst einmal mit uns frühstückst, denn dann wirst du wieder zu Kräften, zur Besinnung kommen. Dr. Petrescu und ich wissen schon, was geschehen ist. Wir haben dich erwartet.«

»Niemand kann das wissen, einmal abgesehen von den unmittelbaren Zeugen«, murrte der Tenente tonlos.

»Gemach, gemach!«, sagte Volpe, »erst die Colazione, dann der Katzenjammer! Lang‘ zu!«

Ambrosio ließ sich das nicht zweimal sagen. Auf einem silbernen, Tablett lagen nämlich frisch geröstete, mit Ananas belegte und mit Käse überbackene Brotscheiben; daneben entkernte Pflaumen und Pfirsiche; ein großer gläserner Krug war mit Wasser gefüllt, dem zur Veredelung des Geschmackes ein Schuss Süßwein beigegeben war:

Giovanni füllte alle drei Becher, angefangen mit dem des Gastes. Ambrosio leerte ihn auf einen Zug und ließ sich erneut einschenken. Er hatte grausigen Durst. Volpe lächelte versonnen, während wir die Köstlichkeiten verspeisten.

Ambrosio verschwand dann, ohne lange zu fragen, auf der Toilette, um sich zu erleichtern. Schließlich kam er wieder zurück. Seine Stimmung hatte sich aufgehellt. Er hockte sich und sagte:

»Und was wisst ihr schon, ihr neunmalklugen Hellseher?«

»Nichts Genaues weiß man nicht«, sagte Volpe kichernd, »nur in groben Zügen wissen wir Bescheid. Soll ich es dir berichten? Du könntest uns dann mit Details aufwarten.«

»Gut«, sagte der Tenente, erneut auf beiden Backen kauend, »fang an! Und zum Schluss vergleichen wir die Ergebnisse.«

»Schön, gut, wunderbar«, sagte Volpe und legte die Fingerspitzen aufeinander, »du hast wirklich alles getan, was du deiner Meinung nach tun konntest:

Zunächst hast du sämtliche Huren der Stadt davor gewarnt, ohne Begleiter auszugehen. Gewiss haben sie das beherzigt. Zum Zweiten hast du alles, was in deinem Revier Beine hat, in Zivil gesteckt und in den ‚calli‘ verteilt. Dennoch ist es dem wieder in der Kapuzenjacke steckenden Unhold gelungen, eine Frau zu ermorden. Diesmal war’s keine Nutte. Sie hatte deinen Bericht über den Hurenhass des Mörders für bare Münze genommen und fiel ihm gerade deshalb zum Opfer. Ihr wurde der Hals abgeschnitten und das Kleid vorn auf der Brust aufgeschlitzt.

Wieder wurde keine Vergewaltigung vorgenommen. Er hätte sie ja, das Messer an den Hals gesetzt, in einen Winkel zerren können, um sich an ihr zu vergehen, aber das wollte er nicht, was ziemlich bemerkenswert ist.

Und dann, als sie ihre letzten Schreie ausstieß, sind eure Leute herbei gerannt, aber der ganz gewiss ortskundige Verbrecher hat sich zum zweiten Mal in Nichts aufgelöst, wie gehabt.

Wie du siehst, lieber Ambrosio, wissen wir alles, und das seit unseren Folgerungen von gestern. Nur wüsste ich gerne, wer die Ärmste war und in welcher Gasse das Verbrechen stattfand.«

»Es war die Frau eines Handwerkers; Mutter zweier Kinder. Er mordete in der ‚calle delle vele‘, flüchtete Richtung Canal Grande davon, bog nach rechts ab in die ‚Strada Nuova, rannte hinter den Palazzi, darunter die ‚Cá d‘ Oro, entlang, überquerte auf ihr zum zweiten Mal den ‚Rio di San Felice‘ und tauchte in der ‚Chiesa di San Felice‘ (Kirche des hl. Felix) unter. Wir stürmten sie, aber er war verschwunden. Ich denke, er ist im verwinkelten Viertel hinter der Felix-Kirche zuhause.«

»Oder auch nicht«, sagte Volpe, der den Stadtplan im Kopf hatte, »denn vom ‚Fondamenta di San Felice‘, wo ihr ihn aus den Augen verloren habt, führen drei Brücken in unsere Richtung zurück, zwei davon wieder in die ominöse ‚calla Larga‘, eine dritte in deren Verlängerung, die ‚Calle delle Racchetta‘, wo der ‚Palazzo Papafava‘ aufragt, der Ansitz der Grafen d‘ Inceto. Nicht wahr, die Dame war von heller Haut und hatte blondes Haar, das genaue Gegenteil zur ‚Amsel‘?«

»Ja, auch das stimmt haargenau. Allerdings war sie dunkelblond, hatte dem Blond nicht nachgeholfen und war ziemlich sommersprossig. Das Haar war echt und hatte keinen schwarzen Ansatz an der Kopfhaut.«

»Großartig; du hast dich selber übertroffen«, höhnte Volpe, »und zu welch weiteren Ergebnissen bist du gekommen?«

»Nun, einmal abgesehen von den schon genannten Unterschieden, wurde der Mord auf gleiche Weise verübt. Wie du schon sagtest: Hals abgetrennt; Kleid über der Brust aufgeschlitzt.«

»Womit?«

»Blöde Frage: mit einem Messer! Er hat es natürlich nicht am Tatort liegen lassen.«

»Küchenmesser, Taschenmesser oder ein Bowie Knife, das wollte ich erfahren«, sagte Volpe.

»Woher soll ich das wissen?«

»Von der Art des Schnittes.«

»Was du nicht sagst! Es ist ein glatter Schnitt. Mehr ist nicht zu finden. Er hat keine sonstigen Spuren hinterlassen.«

»Du meinst, mehr hättest du nicht gesehen. Wenn die Ärmste noch bei euch im Kühlraum liegt, hätte ich sie mir gerne einmal angeschaut. Lässt sich das machen?«

»Darum bin ich ja hier«, sagte der Tenente seufzend, »denn wenn nicht bald etwas geschieht, findet der dritte Frauenmord statt. Giulio Marcello, mein Chef, hat mich schon zur Schnecke gemacht und wartet auf Erfolge. Die Schreiberlinge vom ‚Corriere della Sera‘ werden über mich und meine Männer nur so herfallen, wenn es so weiter geht, allen voran dieser widerliche Schreiberling Alberto Scimmia, dieser Affe.

»Gut, gut«, sagte Volpe, »der Doktor und ich werden uns der Sache annehmen. Freilich müssten wir dabei absolut freie Hand haben. Kannst du uns das zusichern?«

Aufatmend sagte Ambrosio, es sei ihm alles recht, wenn nur dieses Morden endlich aufhörte. Volpe und ich standen auf, um uns frisch zu machen. Dann begaben wir uns mit dem Tenente aufs Revier. Venedigs Gassen lagen noch still, einsam und verlassen da. Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Schweigend gelangten wir zur Station, wo uns Marcello schon mit geschwollener Rübe und grimmiger Miene erwartete.

 

 

5. Teil: Auf dem Revier

Grußlos wortlos führte er uns die Treppe hinunter ins Gewölbe des Kühlraumes. Ein Amtsdiener begleitete uns. Schließlich waren wir an diesem schaurigen Ort angekommen. Zwei Körper waren mit Tüchern bedeckt. Marcello zog sie weg. Darunter waren zwei leblose Körper verborgen gewesen, beide auf dem Rücken liegend. Ich sah hin und musste würgen. Volpe und der Tenente starrten auf die scheußlich zugerichteten Kehlen hinab. Unverkennbar waren es zwei Frauen, wie sie in Gestalt und Aussehen unterschiedlicher nicht hätten sein können:

Die eine war beinahe dunkelhäutig, von gedrungener Figur, eher klein als groß; Arme und Beine dick und kurz; der Körper aus übereinander liegenden Wülsten bestehend; Doppelkinn; dicke Lippen, breite Nase, krauses schwarzes Haar.

Leuchtend weiß die Haut der anderen, das lange Haar dunkelblond mit einem Hauch von rötlich, ein sommersprossiges feines Gesicht mit schmaler Nase und filigranen Lippen; der Körper schlank und mit langen Beinen. So erschien die zweite. Es war schmerzlich für mich, eine so hübsche Frau in der Blüte des Lebens hinweg gerafft zu sehen.

Volpe beugte sich erst über das Gesicht der einen, dann der anderen, um sie in Augenschein zu nehmen. Insbesondere die Schnitte betrachtete lange und gründlich durch seine Lupe. Dann zauberte er ein Maßband aus der Tasche hervor und legte es erst neben die erste, dann neben die zweite Leiche, um es sorgsam wieder einzurollen. Schließlich straffte er sich und sagte:

»Der Mörder hat meine Größe und verwendet ein und dieselbe Waffe. Wenn wir ihn fest genommen haben, wird es sich zeigen, dass dieser Dolch scharf wie ein Rasiermesser ist, aber in der Mitte der Schneide eine Macke aufweist.

Indem er zwei so gegensätzliche Frauen umbrachte, wollte er die Meldung, er habe etwas gegen Huren, entkräften. Ob er ganz allgemein etwas gegen Frauen hat, was man mit einbeziehen sollte, muss als unbewiesen in der Schwebe bleiben.«

Ambrosio und Marcello schüttelten die Köpfe. Marcello hub in seinem Kohlenkellerbass an:

»Mein lieber, guter Volpe, bekanntlich unterscheiden sich unsere Methoden von den deinigen in dieser oder jener Kleinigkeit, aber deine Mutmaßungen über die Größe des Täters und die Details seiner Waffe entbehren doch wohl jeder Grundlage.«

»Keineswegs«, sagte Volpe bedächtig, »wenn ihr euch die Schnitte nur genau genug anseht, werdet ihr umgehend zu meiner Meinung übergehen.«

Der Tenente und Marcello beäugten die Kehlen der Ermordeten erneut, ohne irgendetwas Neues zu bemerken. Ich schloss mich ihnen an und kam ebenfalls zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen. Volpe seufzte und sprach:

»Fangen wir mit der Größe der dahin Gemeuchelten an! Die ‚Amsel‘ ist klein und von gedrungener Gestalt. Zu Lebzeiten reichte sie mir nicht einmal bis zur Schulter. Ihre Leidensgenossin hingegen ist schlank und groß. Ich schätzte ihre Größe ungefähr auf meine, und das wäre nicht wenig. Das Maßband brachte dann Gewissheit: Sie ist tatsächlich fast so groß wie ich.«

»Schön und gut«, sagte Marcello verärgert, »aber wie soll uns das bei der Aufklärung des Falles weiterhelfen?«

»Ganz einfach: Man muss nur die Verschiedenheit der beiden Kehlschnitte beachten, dann ist alles klar.«

»Lieber Volpe«, mischte ich mich ein, »sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen.«

Ambrosio und Marcello nickten zustimmend. Volpe sagte:

»Bei der Merio geht der Schnitt vom Eintritt in die Haut und dann ins Fleisch hinein leicht abwärts. Bei der anderen Frau erfolgt er hingegen waagerecht.«

Der Tenente, Marcello und ich beugten uns erneut über die zwei Leichen. Der Angestellte hielt eine Lampe ganz nahe heran, und indem wir unsere Köpfe gleichzeitig wieder hoben, gaben wir Volpe unumwunden Recht. Er hatte besser als wir beobachtet.

»Und was sollen wir damit anfangen?«, knurrte Ambrosio.

»Gehen wir der Schilderung des ersten Falles nach, den ein Passant beschreiben konnte: Der Mörder kommt von hinten, nimmt die Frau mit dem linken Arm in den Schwitzkasten, um ihr mit dem Dolch in der rechten Hand die Kehle abzuschneiden. Da der Schnitt von oben nach unten erfolgte, war er größer als das Opfer. Bei der Ermordung der Handwerkersfrau war kein Zeuge zugegen, aber man kann davon ausgehen, dass der Vorgang dem ersteren glich. Hier seht her! Der Schnitt erfolgte waagerecht.

Ambrosio, ich nehme jetzt dieses Lineal hier in die rechte Hand. Es soll das Messer des Täters darstellen, und jetzt stelle dich genau vor mich!«

Der Tenente stellte sich vor ihn. Beide erwiesen sich als ungefähr gleich groß. Volpe setzte ihm den ‚Dolch‘ an die Kehle, während er ihm den linken Arm um die Brust legte. Wir alle sahen, dass die ‚Schneide‘ waagerecht stehend kam.

»Gut, schön, wunderbar«, sagte Marcello gedehnt, nahm das Lineal und legte es wieder auf den Tisch, »dann wissen wir also, wie groß der Täter ist. Aber wie kannst du behaupten, dass wir bei der Waffe ausgerechnet nach einem Dolch fahnden müssen? Warum kein schlichtes Küchenmesser?«

Volpe stöhnte und seufzte:

»Dann schaut euch den Schnitt an der Kehle beider Frauen doch noch einmal an! Wenn ihr gute Augen habt, seht ihr das Ungleiche der Führung. Statt einer geraden Linie sind es kaum wahrnehmbare Schwünge, wie ein ungemein flacher und gewiss kaum sichtbarer Mäander, und so etwas kommt beispielsweise von einem Bowie Knife, aber nicht von einem Brotmesser.«

»Warum könnte es nicht von irgendeinem anderen Messer kommen«, fragte ich in meiner Dummheit:

»Ich kenne alle Messertypen von Berufs wegen und habe sie ausgiebig studiert. Nur ein Bowie Knife weist diesen Schliff auf. All die anderen großen, für den Haushalt hergestellten Messer, haben eine gerade Schneide und sind preiswerter als dieser Dolch da, der rein zum Töten konstruiert ist. Ihn öffentlich zu tragen, ist verboten, und er kommt auch nicht in den Handel. Also dürfte der Mörder aus gut betuchten Verhältnissen stammen.«

»Und woher willst du wissen, dass das Messer beschädigt ist?«

»Davon, mein Bester!«, sagte Volpe und deutete ungefähr auf die Mitte der beiden Wunden:

»Der sonst glatte Schnitt ist hier unterbrochen, wo die Haut ein Wenig ausgefranst ist. Da es bei beiden Frauen zu sehen ist, vermute ich, dass der Dolch mitten in der Klinge eine Beschädigung aufweist und neu geschliffen werden müsste.«

»Hm«, sagte Ambrosio, »da haben wir ja einiges über den Täter herausgefunden: Er ist reich und wohnt wahrscheinlich in einem der besseren Häuser unweit des Tatortes. Er ist ungefähr 1,80 Meter groß und tötet mit einem Bowie Knife, wie sie einst die US-Soldaten verwenden. Die Waffe weist eine Scharte auf.«

»Du hast vergessen, dass ihn die Verfolger beim ersten Mord in einem Kapuzenmantel steckend gesehen haben wollen«, sagte Volpe und kicherte leise dazu.

»Willst du damit behaupten, lieber Freund«, sagte Marcello, »dass der Mörder kein Einheimischer ist?«

»Natürlich nicht, könnte jedoch sein«, sagte Volpe lächelnd, »aber einen solchen Umhang kann jedermann kaufen, und sei es als Internetbestellung, wenn er ihm gefällt. Habt ihr euch schon einmal kundig gemacht, wer so etwas vertreibt?«

»Wo kämen wir da hin«, grummelte der Tenente, »wenn wir auch noch sämtliche Kleiderbuden und das Internet abklappern müssten. Wie sollte uns das weiterhelfen?«

»Mein lieber Volpe«, spann Marcello den Gedanken weiter und zog die Decken wieder über die Leichen, »gewiss hast du deine eigenen Methoden, aber jetzt gehst du zu weit. Ich habe wirklich Besseres zu tun und muss sehen, wie ich zusätzliches Personal für die nächste Nacht auf die Beine stelle. Dergleichen Mätzchen sind dann doch eher etwas für die Gilde der Amateurdetektive. Nun, lass uns jetzt nach oben gehen.«

Wir stapften die Stiegen zu seinem Arbeitszimmer hinauf und hockten uns um einen kleinen Tisch, den drei wackelige Beinchen aufrecht hielten. Jeder erhielt einen klapprigen Schemel. Der Angestellte kredenzte uns ein Gesöff, das größtenteils aus Wasser bestand, aber der Durst ließ es uns dennoch munden. Dann bat Marcello meinen Kameraden, ihm den Plan zur Ergreifung des Mörders vorzutragen.

Volpe trug ihn in allen Einzelheiten vor. Wir drei hörten ihm gespannt zu. Es war ein faszinierender Plan, voller Risiken, aber auch mit guten Chancen. Ambrosio und Marcello gewährten ihm freie Hand und sicherten ihm in allen Belangen ihre Unterstützung zu. Ich aber sagte:

»Die Verwirklichung ist erst morgen möglich. So lange wird es dauern, alles in die Wege zu leiten. Was geschieht in der nächsten Nacht in den schwarzen Schluchten der Stadt?«

»Wir können nichts tun, als die Zivilstreifen zu verdoppeln«, sagte Marcello, »mehr ist nicht möglich.«

»Vielleicht doch«, erwiderte Volpe, »und zwar dann, wenn wir es fertig bringen, uns in den Mörder hinein zu versetzen. Was wird er wohl jetzt tun?«

»Vielleicht ist es ihm zu gefährlich und er bleibt diesmal lieber zu Hause«, sagte ich.

»Was meinst du, Marcello?«, fragte Volpe.

»Dann wäre er bereits letzte Nacht hübsch im Häuslein geblieben«, sagte der Polizeichef.

»Meiner Meinung nach wird er es wieder darauf ankommen lassen«, sagte Ambrosio, »und wie ich ihn jetzt kenne, lässt er sich etwas völlig Neues einfallen.«

»Höchstwahrscheinlich«, sagte Volpe, »und unser Doktor, der erfahrene Arzt, hat ihn als einen Menschen beschrieben, der im bisherigen Leben nichts als ein Würstchen war. Er genießt es jetzt, im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen und wird wieder zuschlagen, kühn geworden durch seine Erfolge.«

»Und wie, wann und wo?«, fragte Marcello.

»Das kann nur er selbst wissen«, sagte Volpe, »aber wenn ich er wäre, dann würde ich es diesmal mitten in einer Kneipe oder Dergleichen versuchen. Das wäre die größte Steigerung, die er sich gönnen könnte.«

»Und was ist dann, wenn er vermutet, dass wir ihn so einschätzen?«, rief ich in die Runde.

»Da hast du vollkommen recht, lieber Doktor«, rief Marcello, »er ist intelligent genug, einen jeden unserer Schritte mit einzuplanen. Dennoch werde ich meine Männer anweisen, sich besonders um die abends noch offen stehenden ‚trattorie‘ zu kümmern. Wie viele gibt es davon übrigens dort?«

»Jede Menge, große und winzig kleine in diesem unseren ‚piccolo Soho‘«, murmelte Volpe.

»Oh, ihr gütigen Götter«, seufzten der Tenente und Marcello unisono. Ambrosio rief:

»Woher sollen wir so viele Polizisten nehmen, ohne zu stehlen?«

Volpe zuckte mit den Achseln. Betrübt und betroffen lösten wir unsere Besprechung auf. Mein Freund und ich eilten auf unvermeidlichen Umwegen zum eigentlich unfernen ‚Teatro Malibran‘, um uns mit den Schauspielern zu unterhalten und einen von ihnen für uns zu gewinnen. Aber es war Ruhetag und man vertröstete uns auf morgen. Aus diesem Grunde stiefelten wir mit nur halbem Erfolg nach Hause zurück, um uns der ‚Cena‘ zu widmen, welche wir uns von der Trattoria, die im Schatten der Johannes-Paulus-Kirche liegt, herüber schicken ließen.

Das Köchlein dort hatte sich selbst übertroffen und einen göttlich mit Käse überbackenen Gemüseauflauf zubereitet, zu dem er gegrillten Aal servierte. Als Getränk hatte mein Freund einen Liter ‚San Benedetto‘ bestellt, den er mit Wein aromatisierte. Unter anderen Umständen hätten wir geschlemmt wie die Könige, aber wir wussten nicht, was die Nacht bringen würde, saßen auf heißen Kohlen und grübelten stumm vor uns hin.

Dann wurde es finster, und mit der Nacht zog das Grauen in den engen Gassen ein und benahm den dort lebenden Menschen den Atem. Volpe wusste, was geschehen würde, aber er konnte weder Ort noch Zeitpunkt vorhersagen. Dennoch hauten wir uns auf die Pritsche, um am nächsten Tag einigermaßen frisch zu sein. An gesunden Schlaf war nicht zu denken.

Als wir uns trennten, um die jeweilige Kammer aufzusuchen, meinte er sarkastisch, er sei gespannt darauf, was sich der Würger diesmal einfallen lasse, und welchen Blödsinn Ambrosio veranstalte. Dann zogen wir uns eine Mütze Schlaf hinein. Über meine Alpträume zu berichten, bedürfte es eines Buches.

 

 

6. Teil: Die dritte Nacht in den Gassen Venedigs

Missmutig hockten wir bei Morgengrauen an der ‚Colazione‘. Die Bissen wollten uns im Halse stecken bleiben, wenn wir daran dachten, dass der Mörder erneut zugeschlagen haben könnte. Der Stuhl für den Tenente blieb nur kurze Zeit unbesetzt.

Mit bleicher Miene nahm er Platz und griff fahrig und zittrig nach dem frisch gerösteten Brot, welches Giovanni mit Gurkenscheiben, Tomate und Mozzarella belegt hatte. Dazu schlürfte er unseren Tee, das mit herben Kräutern versetzt war. Die Trauer und Verzweiflung, welche er ausstrahlte, ließ keinen Zweifel daran, dass es wieder zum Desaster gekommen war. Als er Hunger und Durst gestillt hatte und wir ihn fragend anstarrten, stammelte er, nach Worten ringend:

»All unsere Mühe war umsonst. Fünfzig Männer in Zivil konnten den Mord nicht verhindern. Diesmal traf es ausgerechnet eine erprobte Boxerin, und der Täter ist uns auf geniale Weise entwischt, spurlos untergetaucht, wie vom Erdboden verschluckt. Er hat uns kein einziges Indiz hinterlassen, das unseren Ermittlungen dienlich wäre, obwohl es zwei Zeugen gelungen ist, ihn bei der Tat mit dem Smart Phone zu filmen. Ich bin am Rande des Irrsinns und weiß mir keinen Rat mehr.«

»Eine … eine echte Boxerin?«, rief ich verblüfft in die Runde, während Volpe die Hände zu ringen begann, als machte er sich Vorwürfe, eben diesen Anschlag nicht vorausgesehen und verhindert zu haben.

»Ja, ja, solch eine grässliche Athletin, so eine Emanze von heute, hat es erwischt«, murmelte sich der Tenente in den Stoppelbart hinein, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte:

»Man sollte derart rohen Sport untersagen. Das ist doch nichts für Frauen! Wir bewundern inzwischen ja sogar schon die Catcherinnen, wenn sie sich gegenseitig in die Pfanne hauen. Aber lasst mich alles der Reihe nach berichten!

Meine Leute patrouillierten durch die Gassen der ominösen Gegend, mit dem Einbruch der Dämmerung beginnend, und nichts geschah, rein gar nichts. Die Zeit rann in unerträglich quälender Langeweile vorüber. Schon war Mitternacht gekommen, und schon war Mitternacht vorüber, als ich aufatmete, als ich tief durchatmete. Gewiss hatte der Verbrecher bemerkt, dass heute ungewöhnlich viele Männer unterwegs waren und seine Tat verschoben, um uns nicht in die Falle zu gehen.

Ich kam schließlich an einem kleinen Behelfs-Theater vorüber, einer Bretterbude, die ein wandernder Trupp an der Rückseite der ‚Cá d‘ Oro‘ errichtet hatte. Müde hockte ich mich in die hinterste Reihe. Vor mir saß der Pöbel und genoss einen Boxkampf. Die Männer johlten, die Weiber kreischten.

Zwei Frauen maßen ihre Kräfte, umeinander tänzelnd. Sie steckten im aus leinenen Dreieckchen bestehenden Höschen und einem festen Sport-BH, den Körper mit schimmerndem Öl eingerieben. Ihre Handschuhe waren inwendig mit jeder Menge Federn gepolstert, wie das beim Damenboxen so üblich ist, denn niemand will, dass sie sich die Gesichter verunstalten.

Die eine war eine Schwarze, groß und weibisch gestaltet, mit überbordendem Gesäß, welches aufgrund seiner wogenden Masse aus dem Höslein heraus quoll. Sie trug einen leuchtend weißen Zweiteiler. Die andere war eine Weiße, ebenfalls mit üppiger Figur, wenn auch etwas schlanker. Sie hatte ein pechschwarzes Sportskostüm an. Beide waren vor Muskeln strotzend, und der Kampf, dem ich nun aus purer Langeweile folgte, wogte eine Zeitlang unentschieden hin und her.

Doch mit der Zeit, vom Sprechchor der geilen Kerle und ihren rhythmischen Schreien »Afrika – Afrika« angefeuert, gewann die Schwarze allmählich die Oberhand und geriet auf die Siegerstraße, während die Gegenwehr der Weißen abebbte:

Schließlich landete sie eine Serie von Treffern an Kinn und Brust der Gegnerin, welche daraufhin schwankte und wankte und dann rücklings zu Boden ging, mit dem Hinterkopf auf den Brettern aufschlug, alle Viere von sich streckte und breitbeinig liegen blieb, die Augen scheußlich verdreht.

Enthusiastischer Beifall brandete auf. Die Siegerin tänzelte hin und her. Zwei Mitarbeiter des Unternehmens schlenderten herein und schütteten der Unterlegenen einen Eimer kalten Wassers ins Gesicht, aber sie wollte und wollte nicht mehr zu sich kommen. Da schleppten sie die Bewusstlose durch den linken Eingang hinaus.

Sie ist übrigens, wie ich vorhin erfuhr, kurz nach dem grausigen Geschehen, das ich gleich schildern werde, ihren inneren Verletzungen erlegen. Es sei nur eine Nutte gewesen, sagte der Bretterbudenbesitzer, und nicht schade um sie. Ich bin da zwar anderer Meinung, aber …

Ja, und die Siegerin, die fette Schwarze, ließ sich nun mit weit ausgebreiteten Armen feiern, doch da geschah es: Noch während die Leute ihr zujubelten, betrat ein hoch aufgeschossener Schauspieler die Bretter. Er war in einen bodenlangen pechschwarzen Talar gehüllt und verbarg den Kopf in einer rundum geschlossenen Kapuze. Gemessenen Schrittes nähert er sich der Jubelschreie ausstoßenden Frau, während derer sie die Fäuste triumphierend in Venedigs finsteren Himmel stieß.

Die Zuschauer, darunter auch ich, hielten das für den Einfall der Regie und warteten gespannt, was nun kommen würde, während sich die große schwarze Gestalt hinterrücks der Boxerin näherte, ohne dass diese sich nach ihr umdrehte und aufhörte, weiter ins Publikum zu winken.

Jetzt hatte der Vermummte sie erreicht und legte ihr sanft die linke Hand auf die bloße linke Schulter. Es war, wie es schien, eine Knochenhand. Erstaunt drehte die Schwarze den Kopf zur Seite, um zu sehen, wer da in ihrem Rücken stand. In diesem Augenblick ließ der Eindringling die zugeschnürte Kapuze fallen. Ein Aufkreischen schrillte durch das Dunkel der Zuschauerränge, auf das eine bedrückende Stille folgte.

Auch die Afrikanerin stieß einen Schrei aus. Sie blickte nämlich in das bleiche Gesicht eines Totenschädels. Kraftlos und von unerhörtem Grauen geschüttelt fielen die Arme herunter, während ihr das Gespenst den linken Arm von hinten über die Brust legte und sie fest an sich presste. Aus dem Flatter-Ärmel ragte eine Knochenhand hervor.

Mit der Rechten nahm der Unheimliche nun ein Messer hervor, ein Bowie Knife, und säbelte der wie gelähmt Dastehenden die Kehle durch. Sie hatte gerade noch genügend Zeit, ein Wenig zu röcheln, und schon vernahm ich das knirschende Geräusch, als er ihr die widerspenstischen Ringe der Gurgel durchtrennte.

Nachdem der Mörder sie umgebracht hatte, wischte er die Klinge an ihrem Büstenhalter ab. Für einen kurzen Augenblick hielt er sie noch aufrecht im Arm. Alle konnten sehen, wie ihr das Blut im Bogen aus dem Spalt heraus zischte. Dann ließ er sie zu Boden sinken, wo sie, auf dem Rücken liegend, kurz darauf im Blute schwamm. Bevor der Schurke untertauchte, schob er ihr das Messer unter den BH und schnitt ihn mit einem Ruck entzwei, inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen. Dann steckte er die Waffe weg. Schon war er durch die mittlere Tür der Bühne den Blicken der Zuschauer entschwunden.

Ich riss die Pistole aus dem Halfter und rannte wie besessen den Mittelgang hinunter und dann über die Treppe zur Bühne hinauf, während im Theater wüstes Schreien und wildes Durcheinander los brachen. Nur wenige drängten sich zum Ausgang. Fast alle blieben da. Etliche stürmten sogar hinauf und starrten auf die Leiche. Die meisten blieben aber auf ihren Sitzen hocken, um den Ausgang des Dramas zu erleben, denn sie begriffen immer noch nicht, dass dies kein Theater mehr war.

Oben angekommen, rannte ich durch die linke der drei Türen ins aus rohen Brettern gefügt Bühnengebäude hinein und hindurch zum Hintereingang. Dort fragte ich die sich faul herum lümmelnden Schauspieler, die auf ihren Einsatz warteten, ob sie etwas gesehen hätten, aber sie konnten mir nicht weiterhelfen. Getrieben von der Annahme, der Mörder müsse sich noch im Gebäude versteckt halten, durchsuchte ich die einzelnen Zimmer und machte im Umkleideraum eine grausige Entdeckung:

An einem Haken hing der schwarze Talar des Mörders. Er war blutbesudelt. Auf den beiden Schemeln darunter lagen schwarze Handschuhe, auf die aus weißem Stoff so etwas wie die Knochen einer Hand aufgenäht war. Daneben fand ich eine Theatermaske, den bleichen Tod darstellend.

Wie mir der Inhaber der Bude mitteilte, handelte es sich um Requisiten seines kleinen Unternehmens. Wer sie sich für diesen Auftritt angeeignet hatte, wusste er nicht zu sagen, denn seine Anlage sei für jedermann offen. Er beschäftige übrigens nur Laienschauspieler.

Wiederum eilte ich zu den rauchenden Männern am Hintereingang. Aber sie waren viel zu betrunken, um Genaueres schildern zu können. Einer lallte, mehrere Personen hätten das Theater auf diesem Wege verlassen, vielleicht aber auch keiner.«

Ambrosio schwieg nun und schüttelte sich vor verspätetem Grauen. Volpe rieb sich die Hände. Er kicherte verhalten. Dann murmelte er, die Fingerspitzen aufeinander legend:

»Ein intelligentes Bürschlein, dieser Würger von Venedig! Er hat sich da ein tolles Plänchen einfallen lassen und vor der Nase des Tenente di Fusco einen netten kleinen Mord inszeniert, um ihm dann auch noch zu entwischen. Mein lieber Doktor, auf welche Art und Weise ist er wohl verduftet?«

»Er ist durch das Hintertürchen gerannt, und als Ambrosio kam, war er schon weg. Er hatte genügend Vorsprung, um ihm zu entwischen und kennt bekanntlich alle Schliche und Gassen in dieser Region Venedigs bestens«, sagte ich.

»Wie auch sonst soll’s gewesen sein?«, murmelte Ambrosio.

»Oh, du mein Gott, welch ein Begriffsstutzigkeit! Seid ihr denn all eurer kleinen grauen Zellen verlustig gegangen?«, rief Volpe in komischer Verzweiflung.

»Jeder denkt, solch ein Mörder machte sich in aller Heimlichkeit aus dem Staub. Aber wenn man unserem Doktor glauben darf, will er seinen Triumph doch genießen und wird von Mal zu Mal kühner und verschlagener. Ferner bezieht er das mögliche Vorgehen seiner Verfolger stets mit ein ins Kalkül. Lieber Sergiu, wage, dich deines Verstandes zu bedienen und sage uns, was du an seiner Stelle getan hättest!«

Ich dachte einen Moment lang nach. Dann rief ich, von einer plötzlichen Erleuchtung durchdrungen:

»Gut, ich spreche jetzt für den Mörder. Hört zu:

Niemand kennt mich. Keiner weiß, dass ich der Gesuchte bin. Den Kapuzenmantel habe ich diesmal zuhause gelassen und bin in der Bretterbude hinter der Bühne aufgekreuzt, in welcher jeder Zutritt hat, um mich dort als der leibhaftige Tod zu verkleiden und das Ende des Boxkampfes abzuwarten. Was ich dann getan habe, hat Ambrosio schon geschildert.

Als ich mich nach vollbrachter Tat des Talars und der Handschuhe entledigt hatte, schlenderte ich in aller Muße, das allgemeine Chaos ausnutzend, über die Bühne und dann in den Zuschauerraum, wo ich es mir gemütlich machte, um den Fortgang des von mir inszenierten Theaterstücks zu genießen.

Gewiss kamen jetzt die Carabinieri zuhauf herein geströmt; danach irgendein kopfschüttelnder Arzt, der für die gemeuchelte Afrikanerin naturgemäß nichts mehr tun konnte.

Schließlich endlich schleppte man, vor meinen Augen, die Ermordete auf einer Bahre in die Gewölbe des Reviers, um sie in den Kühlraum zu legen, und ich war bis zuletzt unter den Leuten, die neugierig diesem makabren Zug folgten und tat mich durch wüste Verwünschungen auf den Täter hervor.«

Selten habe ich Galba, diesen an sich tüchtigsten Mann unserer Carabinieri, so dumm aus der Wäsche gucken sehen. Rufus hingegen klatschte begeistert Beifall und rief:

»Großartig, lieber Sergiu, du hast dich wieder einmal selbst übertroffen und gezeigt, dass du das Zeug zu einem pfiffigen Mörder hast. Ferner hast du mich davon überzeugt, dass der Täter diese von dir geschilderte Kaltblütigkeit wirklich besitzt und seinen Triumph in vollen Zügen genoss. Aber genau mit Hilfe dieser seiner überbordenden Eitelkeit werden wir ihn demnächst zur Strecke bringen, das schwöre ich.

Und wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich nun das ‚Teatro Malibran‘ aufsuchen, dessen Pforten gestern leider geschlossen waren. Jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich die Theateraufführungen dort liebe.«

Was Freund Volpe dort plante, flüsterte er Ambrosio zu, der sich eilig aufmachte, um Giulio Marcello, seinen Vorgesetzten, in dieses Vorhaben einzuweihen. Gestern bereits hatte er seine Zustimmung erteilt. Mit einem Tag Verspätung sollte das Spielchen heute aufgeführt werden.

 

 

7. Teil: Neues auf dem Revier

Bevor ich zu dem übergehe, was sich gegen Mittag auf dem Revier, welches der Capitano Marcello kommandierte, ereignete, will ich Dir, lieber Leser (m/w/d), sein Reich beschreiben:

Denke Dir ein großes Gebäude im römischen Atriumstil. Vier Säulen stützen das Dach, das in der Mitte eine quadratische Lücke aufweist, damit durch die Verglasung Licht in den Innenhof fallen kann. Durch den Eingang vorn am Gehsteig und den dahinter liegenden Korridor waren die Besucher nur bis an eine Absperrung gelangt. Davor waren Sitzbänke aufgestellt worden, auf denen sie murrend Platz nahmen.

Gekommen waren Vertreter der Tageszeitungen, allen voran Alberto Scimmia vom Corriere della Sera. Jeder einzelne hatte sich seinen Kameramann mitgebracht, der in Windeseile alles, was er sah, im Kasten unterbrachte, um es später seiner Zeitung zur Verfügung zu stellen.

Erwartungsfrohe Ruhe herrschte, als Tenente di Fusco endlich beschloss, aus dem hinteren Eingang hervor zu treten, um die eigens dafür hierher zitierten Journalisten zu informieren. Mein Freund Volpe war, wenn ich das so sagen darf, Regisseur der Inszenierung. Er hatte die nun folgende Komödie vorbereitet und hielt sich jetzt verborgen. Alles verlief wie am Schnürchen:

Schleppenden Schrittes und eine mehr als besorgte Miene mimend, trat di Fusco vor die Zeitungsfritzen, und schon, so schien es, wollte er eine Ansprache halten, als zwei seiner Carabinieri polternd den Raum betraten. In ihrer Mitte führten sie einen Mann, der sich unter ihrem festen Griff wand und aufbäumte. Er trug einen langen Mantel und hatte sich die Kapuze über das Gesicht gezogen. Meister Scimmia vom Corriere sprang auf und rief voller Erregung:

»Signore Tenente, wer ist das?«

Welch überflüssige Frage! Wenn nämlich zwei von Ambrosios Carabinieri einen Mann aufs Revier schleppten, war die Botschaft doch wohl eindeutig.

»Ist er verhaftet? Hat er etwas mit den Morden zu tun? Wird er zu Marcello gebracht?«

Ambrosio antwortete nicht, ging zu Marcellos Türe und klopfte respektvoll an. Auf ein markantes »herein« verschwanden er, seine beiden Polizisten und der Vermummte im Arbeitszimmer des Polizeichefs. Die Tür schloss sich hinter ihnen.

»Hast du ihn abgelichtet?«, fragten Signore Scimmia und seine Kollegen den jeweiligen Kameramann.

»Das schon«, antworteten sie unisono, »aber sein Gesicht war unter der Kapuze verborgen. Im Mantel steckend, sieht einer wie der andere aus. Wir hätten uns die Mühe sparen können.«

Und schon kam der Tenente wieder zum Vorschein.

»Wer war dieser Mann da eben?«, fragte Scimmia, »ein Verdächtiger? der Täter? Der Würger von Venedig.«

Ambrosio tat verlegen und schien sich zu winden.

»Darüber darf ich euch leider gar nichts sagen. Dienst ist Dienst. Fragt doch den Capitano!«

»Wenn es der gesuchte Mörder war, warum trug er die Hände nicht auf den Rücken gefesselt?«

»Auch darüber zu sprechen, bin ich nicht befugt.«

Ambrosio ging wieder zum Chef hinein. Die Zeitungsmänner murmelten während dessen ihre vagen Berichte ins Aufnahmegerät und schickten sie per Mail zur Redaktion. Dort würde man die Reportage reißerisch aufbereiten, um sie noch am Abend unter das Volk zu bringen, während die Männer der schreibenden Zunft geduldig der Dinge harrten, welche sich bei Marcello noch abspielen sollten. Darüber war einiges Wasser den Po hinunter geströmt und die Sonne weit nach Westen gewandert.

Immer häufiger sahen sie nun aufgeregte Carabinieri durch das Atrium hetzen, um bei Marcello vorzusprechen. Kurz darauf verließen sie wieder das Haus, ohne sich auch nur ein Wort entlocken zu lassen, während schon andere vorsprachen. Drinnen aber schien das Verhör des Festgenommenen weiter zu gehen. Laute Stimmen drangen durch das Holz der Tür, gelegentlich sogar wüstes Fluchen.

Inzwischen brachte ein Angestellter den schwitzenden Journalisten etwas zu Trinken, samt ein paar Häppchen. Eine glühende Hitze lag nämlich weiterhin über der Stadt und benahm den Bewohnern den Atem. Dankbar schlürften die Zeitungsleute das Getränk, um dann weiterhin Maulaffen feil zu halten.

Als die Sonne schließlich blutrot im grauen Dunst des Westens hing, weit weg über dem Festland, öffnete Ambrosio wieder die Tür. Einen Augenblick lang schien es so, als wollte er auf die Journalisten zugehen, doch dann besann er sich eines Anderen und machte wieder kehrt. Die Tür schloss sich wieder hinter ihm.

Dann begann das Dämmerlich herein zu sickern. Die Reporter lechzten nach dem Einschalten des elektrischen Lichtes, und jetzt hörte man ein rumpelndes Stühle-Rücken.

Ambrosio verließ das Zimmer als erster. Ihm folgte der Unbekannte, der wiederum die Kapuze fest um das Gesicht herum gezurrt hatte. Neben ihm schritten, grimmig drein blickend, zwei Carabinieri. Marcello beschloss den Zug.

Wortlos gingen sie hinüber zu der mit Eisen beschlagenen Türe, die ins kleine Gefängnis des Reviers führte. Dort stießen sie den Mann hinein. Ambrosio wuchtete die Pforte geradezu theatralisch ins Schloss und schob einen Riegel zu. Ein Wachmann stellte sich davor. Dann drehte sich Ambrosio zu den Männern um, die ihre Fragen nur so auf ihm niederprasseln ließen:

»War das ein Zeuge oder ein Tatverdächtiger?«

»Ich bin nicht befugt, darauf zu antworten.«

»Signore Tenente, ist das eine heiße Spur?«

»Vielleicht. Fürs Erste tut es mir leid, dass ich euch nichts sagen kann, wirklich, ich habe nichts zu berichten.«

»Gehen Sie noch heute zum Oberstaatsanwalt, um einen Haftbefehl gegen ihn zu erwirken?«

»Vielleicht morgen. Heute ist es zu spät. Der Mann da ist hinter Schloss und Riegel und entwischt uns nicht.«

»Beenden Sie für heute Ihre Arbeit?«

Ambrosio richtete seine Blicke hinauf in die quadratische Öffnung des Daches. Grau rieselte das Licht des endenden Tages durch das trübe Glas herein. Die Vögel waren bereits mit dem Abendkonzert beschäftigt. Er sagte seufzend:

»Es ist spät geworden, verdammt spät. Der Tag war lang, und ich habe bei dieser Hitze alles durchgeschwitzt. Gegenüber hat eine Trattoria noch geöffnet. Ich gehe hinüber, um eine Kleinigkeit zu trinken und zu essen. Ich habe es bitter nötig. Ich bin mit meinen Kräften am Ende. Morgen ist wieder ein Tag.«

Die Zeitungsfritzen sagte jetzt nichts mehr: Man sah di Fusco und Marcello gemeinsam fort gehen. Die Journalisten schlossen sich ihnen an. Der Tag ging zur Neige. Dann standen sie einträchtig um die Theke herum und prosteten einander zu. Ambrosio und Marcello bemühten sich, sorgenvoll drein zu blicken, während sie ihre Bestellung aufgaben.

Noch aßen sie und kauten auf beiden Backen, da verabschiedeten sich die Zeitungsleute, einer nach dem anderen. Sie hatten begriffen, dass es heute nichts Neues mehr gab und strebten zur jeweiligen Redaktion, um noch rasch einen Bericht zu digitalisieren. Als der letzte von ihnen verschwunden war, brach Marcello in ein homerisches Gelächter aus. Glucksend vor Lachen sagte er:

»So, das hätten wir! Gott sei Dank, es ist ausgestanden. Kaum zu glauben, dass sie uns die Komödie abgenommen haben, welche die Leute vom Theater inszeniert haben. Wenn mich Vater Staat eines Tages bei den Carabinieri rausschmeißt, weil ich silberne Löffel geklaut habe, werde ich Schauspieler und trete postwendend im ‚Teatro Malibran‘ auf. Ihr werdet schon sehen!«

»Und ich bin dein Kollege«, sagte Ambrosio grinsend, »aber was ist, wenn sie uns auf die Schliche kommen, wenn sie feststellen, dass wir sie verarscht haben?«

»Sollte der Volpe-Plan so ablaufen, wie gedacht, werden sie gar nichts davon erfahren; wenn nicht, lassen wir uns etwas einfallen, irgendeine Ausrede oder Lüge. Wie heißt es doch schon im Alten Rom? Mundus vult decipi – die Welt will betrogen sein.«

Es begann zu dunkeln, als sie sich trennten, um unabhängig von einander nach Hause zu gehen. Sie hätten eine Gondel oder ein Wassertaxi nehmen können, das wäre bequemer gewesen, gingen aber aus ganz bestimmten Gründen lieber zu Fuß.

Häufig begegneten ihnen Frauen, die bei ihrem Anblick das Weite suchten, bereit, beim geringsten Verdacht um Hilfe zu rufen. Wie sollten sie es ihnen erklären, dass sie das Gegenteil des Vermuteten waren? In den vergangenen drei Nächten waren drei Ihresgleichen hingeschlachtet worden, und dass der Täter womöglich immer noch frei herum lief, schrie zum Himmel.

Doch überall in Venedig war das Gerücht wie ein Lauffeuer umgegangen, dass der Tenente und Marcello einen Verdächtigen festgenommen hätten. Die Schlagzeilen lauteten:

»Haben die Carabinieri den Frauenmörder verhaftet?«

»Ist der Verhaftete der Frauenmörder von Venedig?«

Di Fusco und Marcello lasen es mit heimlichem Vergnügen. Die Einzelheiten, welche unter der Blockschrift zum Besten gegeben wurden, interessierten sie weniger. Sie wussten, was da geschrieben stand und stapften in die allmählich im Dunklen versinkenden Gassen der Stadt hinein, der Dinge harrend, die da kommen würden, denn sie alle waren davon überzeugt, dass der Mörder dem obigen Berichteten jetzt mit aller Macht entgegen treten müsse. Das werde er durch seinen vierten Mord unter Beweis stellen, falls er sein Gesicht nicht verlieren wolle.

Diesmal aber war seine Ausgangslage eine andere. Diesmal war er der Reagierende, und diesmal hatte er keine Zeit mehr zu verlieren, um zu morden. Volpe baute fest darauf, dass er versuchen würde, die erstbeste Frau niederzustechen, und das war unsere Chance. Dabei könnte man ihn vielleicht überrumpeln. Würde er uns in die Falle gehen? Alle Hoffnungen der Carabinieri lagen darauf, dass der zweite Teil des Planes, den ihnen mein Freund vorgelegt hatte, ebenso erfolgreich wie der erste verlaufen würde.

 

8. Teil: Drama der vierten Nacht

Allmählich verblasste das letzte Grau der Dämmerung und wich dem samtenen Schwarz der Nacht. An den Kreuzungen der Gassen begannen trübe und gelblich die Laternen aufzuflackern. Zusammen mit Volpe begab ich mich hämmernden Herzens in die Schluchten der Stadt. Könnte es diesmal gut gehen? Würde sich der vierte Mord verhindern lassen?

Und so fanden wir das heimgesuchte Stadtviertel vor: In den Buden und ‚Trattorie‘ herrschte gespenstisches Leben, wild und zügellos, voller erregter Menschen, die so taten, als erwarteten sie das Ende der Welt und müssten zuvor noch einmal über die Stränge schlagen. In Wirklichkeit war die Seele erstarrt vor unerhörtem Grauen, indem Freund und Feind wie gelähmt auf die kommende Untat warteten.

Vergebens suchte di Fusco mit seinen Zivilstreifen ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten. Vergebens suchte Marcello, die Ausgänge des Viertels, die Brücken um die flankierenden Kanäle, zu bewachen. Man wusste ja um die Kühnheit des Wahnsinnigen.

Ansonsten fielen manch einem alteingesessenen Bewohner einige fremde Damen auf, die sich hier und da durch die engen Calli schlängelten, um hin und wieder an einer Trattoria halt zu machen und dort etwas zu trinken oder einen kleinen Happen zu sich zu nehmen.

Es waren ausnahmslos junge Frauen, die sich so furchtlos bewegten, als wäre nichts geschehen. Ihre Kleidung als ‚züchtig‘ zu beschreiben, hieße, ihnen der Ehre ein wenig zu viel anzutun. Vom ältesten Gewerbe unterschieden sie sich immerhin darin, dass sie sich keine unnötige Blöße gaben. Gelegentlich versuchte ein junger Spund, die eine oder andere der Süßen anzuquatschen, aber sie waren auf keine Liebeshändel erpicht und wiesen solchen Anträgen die kalte Schulter. Was aber nur Marcello, di Fusco und Volpe wussten: Es waren Nachwuchspolizistinnen, Freiwillige, welche furchtlos den Lockvogel spielten.

Die Zeit ist ein seltsames Ding: Beobachtet man sie mittels einer Uhr, so scheint sie sich mit gleichbleibender Regelmäßigkeit voran zu bewegen und keinen Blick zurück zu gestatten. Daher halten sie manche für ein fest zusammenhängendes Band, das aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft reicht, aber das ist grundlegend falsch. Als Beweis dafür möchte ich folgende Überlegung anstellen:

Die alten Griechen verehrten den Gott Kairós, und ihre Künstler stellten ihn folgendermaßen dar: ein schnell dahin eilender nackter Jüngling, der in der erhobenen Rechten ein Messer trägt, die Spitze nach oben gerichtet; auf der Stirn eine üppige Haarlocke. Sein Hinterkopf ist kahl rasiert. Kairós symbolisiert die Zeit: Wir leben nur im Augenblick, ‚auf des Messers Spitze‘, und wenn wir die ‚Gelegenheit nicht beim Schopf‘ ergreifen, ist sie vorüber, denn am Hinterkopf lässt sich Kairós nicht mehr fassen.

Daraus folgt, dass alles Vergangene verloren ist, während die Zukunft nur durch den Zugriff auf die Haarlocke des Kairós zu sichern und zu bewältigen ist. Auf diesen erlösenden Augenblick warteten wir nun alle, Marcello, Ambrosio, Volpe und ich samt den Bewohnern mit klopfendem Herzen, aber eine scheinbare Ewigkeit geschah nichts, denn die Zeit, die sonst vor uns flüchtet, wollte und wollte nicht voran schreiten.

Mitternacht war längst vorüber und damit anscheinend die Gefahr, als ich neben Volpe durch die ‚Calle di Pistor‘ schlenderte, den Blick nach vorne gerichtet, wo sich rund 50 Meter vor uns eine hoch aufgeschossene Polizistin mit katzenhafter Geschicklichkeit bewegte. Ich wand meine bewundernden Blicke los von dieser prächtigen Blondine in ihrem am Körper klebenden schulterfreien viel zu kurzen Hemdchen, aus dem prächtige Schenkel hervor quollen. Ich reckte mich, als wolle ich mich größer machen, blickte zu Volpe empor und dachte ganz im Stillen:

»Das sollte der Mörder einmal wagen, sich mit ihr anzulegen. Sie wird ihn auf der Stelle mit dem Kampfmesser, das sie verborgen unter dem Gewande trägt, niederstechen.«

»Sie ist wirklich groß, die Zuckerpuppe da, zu groß für dich, alter Schwerenöter. Aber wenn du meinst, das schütze sie, nein, da wäre ich gar nicht so sicher«, flüsterte mir Volpe süffisant ins Ohr, der mich beobachtet und seine Schlüsse aus meiner Mimik gezogen hatte, »denn wir haben es hier mit einem gefährlichen Gegner zu tun. Keiner weiß, was und wie er plant. Immer besitzt er die Initiative, und das ist sein Vorteil. Ferner hast du recht. Das Mädchen ist tatsächlich einen Kopf zu groß für dich, lieber Doktor, obwohl du scharf auf sie bist, hihihi.«

Ich ärgerte mich fürchterlich darüber, dass Volpe sich wieder einmal ins Spiel meiner Gedanken eingeklinkt hatte und beschloss, künftig wie ein Stoiker aus der Wäsche zu gucken. Ferner nahm ich mir vor, es ihm eines Tages heimzuzahlen und auf gleiche Weise auch einmal seine Gedanken zu erraten.

Noch tobte ich vor innerer Wut und sandte meine begehrlichen Blicke wieder auf den blanken Rücken der mit schlenkerndem Gesäß daher schreitenden Beamtin, da ging sie an der Einmündung einer winzigen, kaum wahrnehmbaren Gasse vorüber, der ‚Calle Forno‘, leichtfüßig wie die Gazelle der Steppe.

Doch kaum war sie einen einzigen Schritt hinter diesen Schlund geraten, als eine große, in einen schwarzen Umhang gekleidete Gestalt aus ihm heraus federte, eine hoch aufgeschossene Person, das Haupt in der Kapuze verborgen. Mit zwei-drei Sprüngen hatte er sie eingeholt und rammte ihr den im künstlichen Licht einer matten Laterne blinkenden Dolch unterhalb des Schulterblattes bis ans Heft in den Rücken und zog ihn wieder heraus.

Während sie kreischend aufschrie und zu taumeln begann, ließ er das Messer klirrend zu Boden fallen und nahm sie für die Dauer weniger Herzschläge in die Arme, als wäre sie seine Geliebte, um sie dann sanft über das grobe Pflaster zu legen, wo sie, auf dem Rücken liegend, ihr Herzblut verströmte. Für einen Augenblick sahen wir ihre rechte Hand empor zucken und sich im Saum des Ponchos verkrallen. Ein knirschendes Geräusch deutete darauf hin, dass der Stoff des Kapuzenmantels eingerissen war.

Doch da griff der Mörder schon nach seinem auf dem Pflaster liegenden Messer, trennte der zuckend im Blute Liegenden mit einem einzigen Schnitt das feine Gewand auf, von oben bis unten, und legte die beiden Teile links und rechts neben sie, um schon mit einem riesigen Satz im Halbdunkel der ‚Calle Larga‘ unterzutauchen. Dabei glitt ihm die Kapuze vom Kopf.

Wir gewahrten helles schulterlanges Haar, das über einem auffällig schlanken Nacken im Winde wehte. Der Mörder war ein Mann, das stand jetzt fest, ein junger oder jüngerer Mann mit fast femininer Ausstrahlung und unglaublich flink auf den Beinen, das Gegenteil des typischen Verbrechers.

Obwohl Volpe und ich, sobald wir die sich abzeichnende Katastrophe erkannt hatten, wie verrückt zum Tatort gerannt waren, kamen wir zu spät. Auch eine andere Beamtin, die den Ort des Verbrechens noch kurz vor uns erreicht und dem Mörder beinahe Aug in Aug gegenüber gestanden war, konnte nichts mehr tun. Wie gelähmt stand sie neben uns vor der Blutlache, bevor sie wie verrückt zu kreischen begann.

Die Frau, in die ich mich gerade eben verliebt hatte, lag jetzt, im Todeskampf mit den Armen das Pflaster schlagend, vor uns. Ich fühlte ihr den Puls: nichts mehr! Sie war tot. Wir ließen sie liegen und stürmten in die genannte Gasse hinein, in der wir ein fernes Tappen von Füßen vernahmen.

Die heulende Polizistin blieb bei der Leiche zurück. Wir beiden eilten dem Verbrecher hinterher, aber das Tappen der Füße hörte plötzlich auf. Wir standen vor dem sanft murmelnden ‚Rio di Santa Sofia‘. Wir lauschten angespannt, die Hände fest hinter die Ohrmuscheln gepresst, und da! Ein fernes Kichern ertönte. Es war das schrille Kichern eines Irren, das immer, immer lauter wurde, ein so lautes Kreischen schließlich, dass es schneidend die Gasse durchschrillte und ein mehrfach gebrochenes Echo fand, von Hauswand auf Hauswand prallend, um wieder abzuebben; dann wieder Stille, lähmende Stille, Totenstille.

Vom Grauen überwältigt standen wir auf der Stelle. Ich blickte gen Himmel und flehte den Herrgott um Beistand an, während mir ein feines Geräusch den Magen zusammenkrampfen ließ, ein Schlucken und Schluchzen war es, das Schluchzen eines Mannes, der die Herrschaft über sich verloren hat, Ausdruck der grenzenlosen Verzweiflung.

Volpe stand tief gebeugt im gebrochenen Schein einer trüben Laterne und hatte sich die Hände vors Gesicht geschlagen. Entsetzen, Trauer und Schuldgefühle drohten ihn zu überwältigen. Er tat mir unendlich leid. Ich wusste, wie ihm zumute war, legte ihm den Arm über die knochige Schulter und sagte:

»Geschehen ist geschehen. Du hast dein Bestes gegeben. Wir können nichts mehr tun. Es ist ein unerklärlicher Ratschluss Gottes. Lass uns zur Getöteten gehen! Mein Gott! Dieses wunderschöne Mädchen! Und schon tot.«

»Gut, gut«, flüsterte Volpe stimmlos-heiser, »gut, lass uns gehen, auch wenn ich mich tausend Meilen weit weg wünschte, denn es gibt Augenblicke, an denen ich nach dem Tod verlange und meinen Beruf von Herzen verwünsche.«

Wir eilten zur Walstatt zurück, wo di Fuscos Männer mittlerweile eingetroffen waren und die neugierigen Passanten zurück drängten. Mit finsterer Miene und herunter gezogenen Mundwinkeln stand der Tenente da, starr und steif.

Er hatte inzwischen den Namen der toten Polizistin notiert, die einen winzigen Augenblicklang den Mörder gesehen hatte. Dann endlich beugte er sich über die Leiche der Frau und zog das Kleid sorgsam über ihrer Brust zusammen. Ein Kollege deckte ihr das verzerrte Gesicht mit einem kleinen Tuch zu, und schon hatten auch wir den Ort des Grauens erreicht.

»Ach, da bist du ja, Volpe«, sagte er unnötiger Weise, »und wie ich leider sehen muss, ist dir der Mörder entwischt.«

Volpe sagte, noch ganz außer Atem:

»Er hat sich, so scheint es, im Schutze der Dunkelheit in Nichts aufgelöst. Wieder zeigt er damit, wie genau er sich auskennt, so gut, dass er sich sogar blind zurechtfindet. Er ist hier in der Nähe zuhause oder hat hier einen Unterschlupf. Ferner konnte ich mich davon überzeugen, dass er ungefähr von meiner Größe ist und das blonde, aber wahrscheinlich nur blondierte Haar schulterlang trägt. Sein Hals ist von filigraner Gestalt. Er ist kaum älter als dreißig Jahre oder noch darunter. Er hat erneut mit seinem Dolch zugeschlagen, diesmal hinterrücks.«

»Sag’s doch gleich«, maulte Ambrosio, »dein Plänchen ist in die Hose gegangen. Wir haben hier die vierte Ermordete und sind keinen einzigen Schritt weiter gekommen. Sauerei!«

»Vielleicht doch, zumindest ein Wenig«, sagte Volpe, »denn ich sah, wie sie sich, als er sie aufs Pflaster legte, im Saum seiner Kapuzenjacke verkrampfte. Das zugehörige Geräusch deutet darauf hin, dass ihr ein Teil des Mantels in der Hand geblieben ist.«

»Und was willst du damit anfangen? Wenn ich er wäre, ließe ich das beschädigte Gewand umgehend verschwinden.«

»Und dennoch kann uns das weiter helfen«, sagte Volpe und beugte sich zu ihr hinunter. Sie lag mit weit ausgestreckten Armen auf der Straße. Ihre rechte Hand war zur Faust zusammen gekrampft. Er öffnete ihr vorsichtig die Finger, lupfte einen Stoff-Fetzen hervor und hielt ihn ins Licht der nächsten Laterne, um ihn dann in der Tasche verschwinden zu lassen:

»Reine Seide mit ein paar Prozent Elastin, irgendwie schillernd«, sagte er, »höchst bemerkenswert!«

»Was sollen wir mit so etwas schon anfangen? Was hast du vor?«, fragte Ambrosio.

»Ich kann es noch nicht sagen«, erwiderte Volpe, »aber es ist gut möglich, dass wir den Mörder schon morgen fassen werden. Einstweilen halte dich bitte mit deinen Männern bereit! Ich gebe dir auf dem Mobilfon Bescheid, sobald ich Beistand brauche.«

Dann zu mir:

»Gehen wir, lieber Sergiu, es wartet noch einiges an Arbeit auf uns. Ich habe die erforderlichen Adressen im Kopf. Zuvor aber müssen wir zu mir nach Hause. Ich muss den Fetzen unter die Lupe nehmen.«

»Welche Adressen?«, fragte ich, blöde glotzend, und hatte keine Ahnung, was er meinte oder plante.

»Du wirst schon sehen«, sagte er und ging eilig mit mir davon, während Marcello mit militärischer Macht den Schauplatz der neuerlichen Tat besetzte. Wie ich später erfuhr, schäumte er vor Wut, sich auf das Plänchen dieses neunmalklugen Privatdetektivs eingelassen zu haben, der da wieder einmal seinen unfehlbaren Methoden gefolgt sei. Dann ließ er die Leiche wegschleppen und in den Eiskeller des Reviers überstellen, wo sie neben die anderen Opfer des Wahnsinnigen gebettet wurde.

Bemerkenswert war noch Folgendes: Marcello hatte sämtliche Brücken des Viertels über die angrenzenden Kanäle, den ‚Rio di santi Apostoli‘, dessen Fortsetzung, den ‚Rio di Gesuiti‘, den ‚Rio di santa Caterina‘ sowie dem ‚Rio di san Felice‘ von seinen Carabinieri besetzen lassen. Über den flankierenden Canal Grande führt hier keine Brücke. All seine Carabinieri konnten schwören, dass in der Zeit unmittelbar nach dem Mord niemand über die jeweilige Brücke geflohen war. Der Gesuchte musste also hier und sonst nirgendwo untergetaucht sein.

Wie er uns trotzdem entwischen konnte, blieb ein Rätsel. Höchstwahrscheinlich, so Marcello, müsse man ihn im Weichbild des beschriebenen Viertels suchen. Für den nächsten Tag ordnete er deswegen eine Haussuchung an, von Wohnblock zu Wohnblock gehend. Dem gütigen Leser (m/w/d) sei im Voraus gesagt, dass diese Maßnahme im Sande verlief, denn für wie dumm hielt der Hauptmann diesen Mörder eigentlich?

Wir waren mittlerweile in Volpes kleinem Palast angekommen. Er hieß Giovanni seine hellste Stehlampe anzünden und neben den Tisch stellen, über den ein weißes Tuch gebreitet war. Dann holte er sich eine große Lupe, legte das erbeutete Stück Stoff über das Tuch und betrachtete es durch das Glas hindurch, welche es auf wunderbare Weise vergrößerte.

»Gewiss willst du wissen, mein lieber Doktor«, sagte er bedächtig, »woher dieser seidene Umhang stammt, von der dieser Fetzen da abgerissen wurde.«

»Natürlich«, sagte ich und starrte durch das Glas, »das könnte uns vielleicht weiter bringen.«

»Um es kurz zu machen: Der Stoff ist von allererster Qualität, keiner, den man für den Alltag nimmt, Handarbeit, nichts für einen normalen Mann. Ich denke, es ist nicht allzu schwierig herauszufinden, wer der Hersteller ist. Meiner Meinung nach kommt nur die Spezial-Weberei des Claudio Verdi in Frage, die auf solche Luxustextilien spezialisiert ist; vielleicht auch die des Federico Antonini, aber daran glaube ich weniger.«

»Und was ist mit dem Faden, der da lose heraus hängt?«

»Er stammt vom umgenähten Saum und ist ebenfalls von bester Qualität, aber leider weit verbreitet. So gut wie jeder renommierte Schneider Venedigs verwendet ihn und Tausend nähbegeisterte Hausfrauen. Nur der Stoff ist für uns interessant:

Wie du in Vergrößerung deutlich sehen kannst, ist das tief schwarz gefärbte Gewebe in kurzen Abständen von einem feinen grauen Streifen unterbrochen, was ihm etwas Schillerndes verleiht. Das ist ein ziemlich kompliziertes Verfahren, und dafür, das glaube ich, zeichnet einzig und allein die Weberei des Claudio, die erste in Venedig. Nur ihr traue ich ein derart filigranes Gewebe zu. Daher sollten wir Meister Verdi unseren ersten Besuch abstatten. Er kann hoffentlich noch in seinen Datenträgern nachsehen, welche Schneider er damit beliefert hat.

Die Nacht haben wir uns ohnehin schon um die Ohren gehauen; also los! Nutzen wir Auroras himmlisches Morgenrot, um sehenden Auges dort hin zu eilen. Ich kenne ihn übrigens von einem anderen Fall, den ich nur aufgrund meiner Fachkenntnisse im Gewerbe der Webereien lösen konnte. Bis zu seiner Werkstatt in am ‚Campo santa Maria Formosa‘ sind es nur fünf Minuten. Also lass uns sputen!«

»Ich liebe diese Piazza«, rief ich, »sie ist so schön wie nur irgendeine in Venedig, aber nicht so überfüllt wie der Markusplatz: an seiner Südseite die 500 Jahre alte Kirche, ein wahres Schmuckstück; rundum Läden und Wirtschaften, einfach köstlich.

Es gibt da beispielsweise eine kleine Trattoria, in der ich gelegentlich einkehre, um dort zu einem guten Roten grundsätzlich nur ‚Risotto al nero di seppia‘ (Reis mit Tintenfisch) zu speisen, so gut, wie es ihn in ganz Venedig kein zweites Mal gibt. Leider macht sie erst im Laufe des Nachmittags auf.«

»Du bist mir der Richtige«, sagte Volpe auflachend, »kaum die Colazione im Magen, und schon denkst du an dein Schlemmerlokal, während ich inzwischen sehen kann, wie ich dem Würger von Venedig das Handwerk lege. Machen wir einen Dauerlauf!«

Von neuer Hoffnung beflügelt, stürmten wir davon und schüttelten uns durch die kühle und frische Luft des gerade eben erwachenden Tages die Müdigkeit aus den Knochen, die uns aus dem trüben Wasser des ‚Rio di S. Giovanni‘ entgegen wehte, als wir die winzige Brücke am ‚Palazzo Bragadin’ überquerten.

 

9. Teil: Ein hektisches Intermezzo

Während wir also durch das erwachende Venedig stürmten, war auf dem Revier bereits einiges im Gange, denn der vierte Mord innerhalb der vierten Nacht hatte sich herumgesprochen.

Die Vertreter der Zeitungen waren samt sie begleitenden Kameraleuten in das oben beschriebene Atrium gestürmt. Nun warteten sie ungeduldig auf das Erscheinen der Signori Marcello oder di Fusco, die ihnen Rede und Antwort zu stehen hatten, aber eine Zeitlang tat sich nichts.

Schließlich wagte sich der Tenente aus dem Verschlag hervor. Wüstes Stimmengewirr empfing ihn. Schließlich verstummten die Journalisten und blickten auf Alberto Scimmia, Reporter des Corriere della Sera. Dieser verbeugte sich und räusperte sich feierlich, um dann zu fragen:

»Tenente di Fusco, ist der Gefangene geflüchtet?«

»Niemand ist aus unserem Gewahrsam geflohen. Welchen Gefangenen meinen Sie eigentlich?«, fragte Ambrosio, sich vorsätzlich dumm stellend.

»Den Sie gestern vor unser aller Augen festgesetzt haben.«

»Davon weiß ich nichts. Das muss ein Irrtum sein. Ich habe gar nichts von einem Gefangenen gesagt.«

»Aber vergangene Nacht hat es den vierten Mord gegeben. Eine hübsche junge Frau wurde durch einen Stich in den Rücken getötet. Der Täter hat ihr danach in altbekannter Manier das Kleid aufgeschnitten, das Opfer liegen lassen und ist im Schutze der Finsternis durch die ‚Strada Nuova’ verschwunden. Ist das korrekt wiedergegeben, Signore?«

»Ja, das stimmt«, sagte der Tenente lahm.

»Und konnte es nur deshalb dazu kommen, weil der Gefangene auf freien Fuß gesetzt wurde? Hat er erneut zugeschlagen?«

»Nein, das hat nichts damit zu tun. Ihr seid da einem Irrtum aufgelaufen. Er ist nicht der Täter.«

»Aber der Mord ist geschehen, und einer von uns hat zufällig gesehen, wie die umgebrachte Frau hierher geschafft wurde, um sie auf Eis zu legen. Dürfen wir ihre Leiche sehen, um ein Bild von ihr zu publizieren?«

»Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage.«

»Warum nicht? Wer ist sie? Wie heißt sie? Weshalb war sie zu dieser späten Stunde noch unterwegs? Hatte sie denn keine Angst, nach allem, was geschehen war?«

»Fragen über Fragen! Die Antworten darauf wüsste ich selber gerne. Nur sie wusste das alles. Aber sie kann es uns nicht mehr sagen. Sie ist tot.«

»Wollen Sie ihren Namen geheim halten?«

»Ja, aus ermittlungstaktischen Überlegungen.«

»War sie etwa ein, wie sagt man dazu doch, ein ‚Lockvogel‘ der Carabinieri, und Sie wollen jetzt nur nicht zugeben, dass Ihnen der Plan daneben gegangen ist?«

»Nein, sie war keine von uns«, log der Tenente schamlos, ohne rot zu werden.

»Warum war sie dann alleine unterwegs? War sie dort auf, äh, Liebeshändel aus, obwohl vielleicht verheiratet, und ihr wollt dem Ehemann einen Skandal ersparen? Wenn ja, wer ist ihr Ehemann? Wo wohnt er? Hier in der Stadt?«

»Davon ist mir nichts bekannt. Die Ermittlungen laufen noch, und davon, dass sie verheiratet war, weiß ich auch nichts. Ich denke, es war eine Signorina. Von daher ist es klar, dass ich ihren Gatten nicht kenne.«

»Unser Mann, der zufällig vor Ort war, sagt, dass auch der berühmte Privatdetektiv Giuseppe Tartini vor Ort war und ums Haar das Verbrechen verhindert hätte. Hat er eine Beschreibung des Täters abgegeben?«

»Er war leider gut 50 Meter vom Tatort entfernt, als der Mord sich ereignete. Der Überfall, so er, geschah dermaßen rasch, dass er ihn nicht verhindern konnte, obwohl er sofort hin rannte. Danach verfolgte er den Mörder durch ‚Strada Nuova’ und in eine Seitengasse hinein. Dort aber verloren sich alle Spuren. Signore Tartini schließt daraus, dass der Täter beste Ortskenntnisse besitze. Ferner sagt er folgendes:

Der Mörder sei in einen Kapuzenponcho gehüllt gewesen. Auf der Flucht sei ihm die Kapuze vom Kopf geglitten, so dass man in Umrissen seine Züge habe erkennen können. Er sei ungefähr 1,80 Meter groß, schlank, wieselflink und habe schulterlanges helles Haar. Als Waffe habe er wieder einen Dolch, wahrscheinlich eine Art Bowie Knife benutzt.«

»Und mehr weiß man nicht?«

»Nein, dazu war es viel zu dunkel. Die Beleuchtung unserer Gassen ist anerkannt miserabel.«

»Welche Meinung hat sich, äh, Volpe zurecht gelegt?«

»Keine Ahnung. Ich habe Signore Tartini seit dem Mord nicht mehr gesehen. Er hat seine Methoden, wir unsere. Wollen mal sehen, wer zuerst am Ziel ist.«

»Werdet ihr den Mann, den ihr gestern vor unseren Augen weggesperrt habt, jetzt freilassen, wo doch bewiesen ist, dass er nicht der Mörder ist?«

»Das habt ihr vollkommen falsch verstanden. Es war gar kein Tatverdächtiger sondern nur ein Zeuge. Er befindet sich längst wieder auf freiem Fuß. Wer es war, kann ich in seinem eigenen Interesse nicht sagen.«

»Darf ich die Vermutung äußern, dass sein, äh, spektakuläres Wegsperren vor unser aller Augen dazu da war, den eigentlichen Täter in Sicherheit zu wiegen?«

»Vermuten darf jeder. Ob’s so war, ist eine andere Sache.«

»Und dann sagt unser Augenzeuge, die Ermordete habe etwas in der Hand gehabt. Volpe habe es an sich genommen.«

»Davon weiß ich wirklich nichts. Ich glaube, euer Mann irrt sich. Dennoch darf ich sagen, dass unsere Ermittlungen auf Hochtouren laufen. Sobald es Neues gibt, werde ich euch hierher einladen, um es zu berichten.«

»Heißt das, dass es noch nichts Konkretes gibt?«

»Noch nichts, leider, leider! Doch jetzt lasst mich meiner Arbeit nachgehen; und außerdem: Ich bin hundemüde, todmüde! Arrivederci, Signori!«

Murrend und scharrend erhob sich die ganze Meute der Zeitungsfritzen und drängte zum Ausgang. Zwei Stunden später kam ein atemloser Bote zu Marcello geeilt. Er hatte die aktuelle Ausgabe des Corriere della Sera gekauft und überreichte sie jetzt dem Hauptmann, der sofort zu lesen begann. Di Fusco las mit, ihm über die Schulter blickend. Die Schlagzeile lautete:

»Der Frauenmörder entkommt aus der ihm gestellten Falle.«

Darauf folgte dieser Text:

»Signore di Fusco, der tüchtige Tenente der Carabinieri von Venedig, konnte vor uns Journalisten nicht abstreiten, dass er dem Täter in der letzten Nacht eine Falle gestellt hatte: Man nahm eine Scheinverhaftung vor, um den Ehrgeiz und die Eitelkeit des wirklichen Täters zu verletzen. Dadurch sollte er zum sofortigen Zuschlagen angeregt werden.

Zu diesem Zweck postierte man Lockvögel in den stillen Gassen, ausgebildete Kämpferinnen, indem man davon ausging, dass sie der Mörder von vorne angreifen würde, so dass sie ihn erledigen könnten. Er aber durschaute den Plan unserer hochintelligenten Polizei und stach sein Opfer diesmal hinterrücks nieder. Danach flüchtete in eine dunkle Gasse, wo es ihm gelang, die Verfolger, darunter der Privatdetektiv G. Tartini, abzuschütteln. Es fehlt seitdem von ihm jede Spur. Man weiß nur, dass er groß und blond oder blondiert ist und zur Tatzeit einen Kapuzenponcho trug, von dem er sich gewiss längst getrennt hat.

 

»Verdammte Schweinerei«, sagte Marcello, »wir hätten nicht auf diesen albernen Amateurdetektiv hören sollen. Jetzt gilt für uns: „Wer den Schaden weg hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“. Und mit welchen Worten berichte ich das unserem Herrn Bürgermeister, der da unser aller Dienstherr ist? Wie ich ihn kenne, ist er bereits am Rande eines Tobsuchtsanfalles.«

»Aber Volpe ist mit dem Stoff-Fetzen, den er aus der Hand der Ermordeten nahm, inzwischen unterwegs. Es sei reine Seide und selten herrliche Handarbeit, so er in einer SMS an mich. Er will jetzt den Weber herausfinden, um über den Schneider den Täter zu ermitteln. Vielleicht kommt er ja weiter, denn dieser Fetzen ist zurzeit unsere einzige Spur. Vielleicht hat er Glück. Er wird mich jedenfalls auf dem Laufenden halten«, entgegnete Ambrosio.

»Immer dieser alberne Volpe mit seinen Hirngespinsten! Und dann dieser Blödsinn mit dem Stückchen Stoff. Wir haben hier in Venedig ein Dutzend kleinere Webereien, die allesamt mit unzuverlässigen Leuten arbeiten und dafür berühmt sind, über ihre Kunden nicht Buch zu führen, damit ihnen die Finanzwache keinen Steuerbetrug nachweisen kann.

Und da ist es mir schleierhaft, wie Volpe bei diesen schäbigen Schwarzarbeitern zur Sache kommen kann. Das dauert Tage, wenn nicht einen ganzen Monat oder noch länger, und das eine, das schwöre ich: Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, geht das Morden weiter. Wie immer, ich muss jetzt hinüber gehen, um unserem Bürgermeister Dottore Antonio Locatelli Bericht zu erstatten. Er wird schreien, die Touristen blieben aus, wenn es so weiter ginge. Hoffentlich reißt er mir nicht den Kopf ab.«

 

Soweit, mein herzallerliebster Leser (m/w/d), zu dem, was sich auf dem Revier abspielte. Nun wieder zu Freund Volpe. Sind wir beide nicht schon längst auf dem Weg zum ‚Campo di S. Maria Formosa‘, auf dem Weg in die Werkstatt des Claudio?

Ja, es dauerte nicht mehr lange, und wir hatten die gesuchte Gegend erreicht. Unschlüssig blickten wir auf und ab, bis Volpe mit einem zufriedenen Grunzen ein Haus entdeckte, das sich durch Größe und Schönheit von den übrigen, die ich eher als Bruchbuden bezeichnen möchte, unterschied. Zum Eingang hinauf, welcher durch zwei dicke Halbsäulen flankiert war, führten fünf marmorne Stufen einer im Halbrund angeordneten Treppe. Über dem Portal stand in Blockschrift eingemeißelt:

»CLAUDIO VERDI – IL TESSITORE (Weber) BUONO«

»Da sind wir an der richtigen Adresse«, sagte Volpe und nahm gleich zwei Stufen auf Einmal. Kaum vermochte ich ihm zu folgen. Ich war noch ganz außer Atem vom mit Mühe und Not überstandenen Jogging und nahm sie einzeln. Eine Kirchenglocke fing an, den jungen Tag einzuläuten.

Oben angekommen, ließ Volpe den ringförmigen Türklopfer gegen den ehernen Löwenkopf auf der eherne Pforte donnern, dass es nur so über den menschenleeren Platz hallte. Eine moderne Klingel gab es nicht. Wir warteten ungeduldig. Schließlich öffnete ein älterer Mann die kleine Klappe im rechten Flügel und blinzelte verschlafen in die Morgensonne. Dann murmelte er:

»Welcher idiota verdrischt da zu nachtschlafender Zeit unsere Haustür? Gleich hetze ich ihm die Hunde an den Leib.«

»Du verdammter Kerl«, herrschte ihn Volpe an, »warte nur! Ich bin es, Giuseppe Tartini und muss deinen Chef sprechen, und das auf der Stelle! Melde mich bei ihm an, sofort, falls du nicht in den Knast wandern willst.«

»Oh Gott«, flüsterte der alte Mann entsetzt, »der berühmte Volpe persönlich ist gekommen!«

Und dann laut:

»Mein Brötchengeber schläft noch. Wenn ich ihn wecken soll, muss ich wissen, was euer Begehr ist? Liegt etwas gegen uns vor? Haben wir etwas ausgefressen? Nein! Unmöglich! Wir sind eine anständige Firma und haben uns nichts zuschulden kommen lassen, schon gar keine Steuerhinterziehung.«

»Natürlich habt ihr das! Machen doch alle Italiener. Aber darum geht es gar nicht«, knurrte Volpe, »wir brauchen nur ein kleines Gutachten des Fachmanns für Textilien. Mach endlich auf und lass uns rein!«

Der Diener des Hauses hantierte umständlich mit dem Balken, der auf der Innenseite vor die Flügel des Tores gelegt war, öffnete eilig die Pforte und führte uns dann ehrfürchtig durch eine Art Atrium hinüber ins Büro, wo er uns zwei Korbsessel anbot und den verschlafen zum Vorschein gekommenen Butler anherrschte, er solle uns auf der Stelle ein Getränk anbieten.

Dort also hockten wir nun fürs Erste hin und befeuchteten die Kehle mit einem wunderbaren Fruchtsaft, bis der alte Claudio endlich herein gewackelt kam, vor lauter Schläfrigkeit ein Auge zugekniffen. Statt uns zu begrüßen, nahm er einfach Platz und sah uns fragend an. Er roch stechend aus dem Mund und hatte Speisereste zwischen den Zähnen. Volpe hielt ihm den ominösen Stoff-Fetzen unter die Nase:

»Stammt das Muster von Ihnen?«

Der alte Mann drehte es mehrfach in Händen und runzelte die Brauen. Volpe reichte ihm sein Vergrößerungsglas. Jetzt blühte Claudio sichtlich auf und sagte:

»Natürlich! Jetzt erkenne ich es wieder. Das ist unser edelstes und teuerstes Gewebe, welches wir zurzeit herstellen: knapp drei Viertel schwarze Seide; knapp ein Viertel graue Seide; der Rest Elastin; alles kunstvoll ineinander gewebt, damit es ein gewisses Flimmern im Sonnenlicht bewirkt: ein Stoff der Träume.«

»Wird das viel verlangt?«

»Wenig, Signore Tartini, wenig! Es ist so teuer, dass es sich der gemeine Mann nicht leisten kann, und wir finden Abnehmer bei den führenden Modeherstellern Europas. Aber auch die High Society unserer schönen Stadt ist Kunde.«

»Haben Sie eine Liste der Schneider, die Sie in Venedig damit beliefern?«, fragte Volpe und nahm die Probe wieder an sich:

»Es gibt insgesamt nur vier von diesen. Gerne will ich im Computer nachschauen und Ihnen die Adressen geben.«

»Das wäre nett«, sagte Volpe, und Claudio ging zum seitlichen Schreibtisch, fuhr einen veralteten Rechner hoch und hackte eine Weile auf der Tastatur herum. Nicht lange, und er war fündig geworden. Rasch markierte er die gesuchten Anschriften, um sie auszudrucken und Volpe zu überreichen.

»Grande Maestro Volpe, ich hoffe, Ihnen gedient zu haben.«

»Sehr sogar«, sagte mein Freund und nahm sie an sich. Dann verabschiedeten wir uns, um eilig das Weite zu suchen. Nach meiner Einschätzung lagen einige Kilometer Pflastertreten vor uns, weil die Schneiderzunft ihre Werkstätten über die Stadt verstreut hat und keine gemeinsame Gasse belegt.

»Ein Königreich für eine Gondel oder ein Wassertaxi!«, stöhnte Volpe, »aber so früh am Morgen pennen die Faulpelze noch. Außerdem befahren sie nur die größeren Kanäle, so dass wir zu Fuß wahrscheinlich schneller an das Ziel kommen; andiamo!«

»Gehen wir zuerst die zweihundert Meter hinüber in die ‚Calle Cassellaria‘, wo Schneidermeister Marco Antonio Gallico zu finden sein soll«, riet ich.

»Gut«, sagte Volpe, »und das bringt uns dem Markuspatz um zweihundert Meter näher.«

Und schon rannten wir in südlicher Richtung davon. Dort angekommen, fragten wir einen der vorüber Gehenden nach dem Schneider. Er zeigte auf ein nahes Haus, in dessen gewölbten Erdgeschoss eine Werkstatt untergebracht war. Als wir näher kamen, lasen wir den Namen des Meisters Gallico in vergoldeten Buchstaben über den Eingang; daneben eine aufgeklappte Schere. Wir waren am Ziel und gingen hinein. Ein stämmiger rothaariger Mann war drinnen mit Nadel und Faden beschäftigt:

»Buon Giorno, Maestro Gallico!«, sagte Volpe.

»Buon giorno, signori, buon giorno, grande Maestro Volpe«, entgegnete der Schneider voller Freude, »welch‘ eine Ehre! Venedigs bekanntester Privatdetektiv stattet mir einen Besuch ab! Was kann ich für Sie tun?«

Volpe hielt ihm den ominösen Fetzen unter die Nase.

»Verarbeiten Sie dieses Material da?«

»Gewiss! Aber nur für betuchte Kunden. Der Pöbel kann sich so etwas nicht leisten.«

»Hm, und stellen Sie gelegentlich auch einmal einen Kapuzenponcho her?«

»Höchst selten. Nur so ein paar verrückte Landsleute kommen dafür in Frage. Den letzten Poncho aus Seide habe ich vor drei Monaten gefertigt.«

»Und wer war der Kunde oder Einzelhändler?«

»Ich liefere nur an Einzelkunden, aber an welchen es war, weiß ich nicht mehr. Da muss ich im PC nachsehen. Ich hebe solche Kontrakte stets volle fünf Jahre lang auf, wie das die Finanzwache verlangt.«

Gallico legte Nadel und Faden beiseite, ging hinüber in sein Büro und hockte sich vor den Bidschirm, um solange herum zu wurschteln, bis er den Käufer geortet hatte. Schmunzelnd druckte der Meister den Namen auf ein Blatt aus. Als er es Volpe vorlegte, strahlte er und sagte:

»Mein letztes dieser Meisterwerke ging vor genau einem Monat über den Tresen. Der Kunde heißt, äh, ist oder war ein gewisser … ‚Conte Raimondo d‘ Inceto‘, wohnhaft im Palazzo Papafava. Er liegt in der ‚Calle delle Racchetta.«

»Da haben wir auf Anhieb den ersten Fisch an der Angel, und was für einen fetten! Gratuliere, Sergiu, dass ich auf dich gehört habe, hihihi! Auch das blinde Hühnchen findet hin und wieder einmal ein Korn. Wir sind gleich beim ersten Schneider fündig geworden, und der Palazzo liegt nur wenige Fußminuten vom jeweiligen Tatort entfernt.

Freilich können wir erst dann eingreifen, wenn wir die fünf anderen Schneider abgeklappert haben. Das Langstreckenrennen geht also weiter. Ich denke, wir werden uns bei den nächsten Olympischen Spielen im Marathon hervortun«, sagte Volpe kichernd und händereibend.

»Das wäre noch was«, sagte ich grinsend, »wenn die ‚Gazzetta dello Sport‘ auf ihrem typisch blassrosa Papier schriebe, Italiens bester Detektiv Volpe und sein Freund Sergiu hätten im Marathonauf Gold- und Silbermedaille abgeräumt, hihhi.«

Wir stürmten auf und davon. Im Renngalopp überquerten wir die Brücke über den ‚Rio di S. Zulan‘ und fanden im Schatten der ‚Chiesa di S. Zulan‘ zu unserer Nummer zwei, einem Marco Antonio Pagano. Er war ein unappetitlich fetter Kerl, wo man doch sonst sagt, die Schneider seien klapperdürr. Er habe noch nie im Leben einen Poncho angefertigt, sagte er. Er sei Venezianer und kein Barbar aus Lateinamerika. Volpe widersprach dem nicht und war mit seiner Auskunft zufrieden.

Weiter ging’s im Sauseschritt, stramm geradeaus zur ‚Calle Fiubera‘ und von dort in die ‚Calle di Fabbri‘, welche nach hundert Metern in den Markuspatz mündet. Dort stießen wir auf die Schneiderei Sesto Popilio & Figlio. Der Junior war gerade damit beschäftigt, in das Fußballspiel zwischen dem AC Torino und Bayern München in der Glotze zu genießen. Der Vater aber, der solcher Balltreterei nichts abgewinnen konnte, saß gebeugt über einem werdenden Ballkleid. Er war übrigens dürr.

Volpe grüßte, stellte sich vor und legte den Fetzen vor ihn. Als er ihn sah, leuchtete sein Gesicht. Er murmelte etwas von einem Stoff der Reichen, nichts für die Masse, und dass es eine Schande sei, wie jemand ein solches Gewand zerfetzen könne.

»Hast du jemals einen Poncho daraus gefertigt«, fragte Volpe.

»Bin ich denn wahnsinnig? Sehe ich aus, als könnte ich nicht auf drei zählen? Ich als Venezianer soll Schneider für diese fürchterlichen Mexikaner sein?! Solange es in der Serenissima noch so etwas wie Kulturbewusstsein gibt, wird kein Maßschneider dieser göttlichen Stadt solch einen Schund produzieren.«

Mein Freund hatte größte Mühe, ein wieherndes Gelächter zu unterdrücken, verabschiedete sich artig von diesem Barbarenhasser und ging samt mir im Schlepptau kichernd die paar Meter zum Markuspatz hinüber.

»Bleibt nur noch Nummer vier«, sagte er, »und wenn ich eines schätze, mein Lieber, dann Menschen, hihihi, die offen und ehrlich ihre Meinung sagen. Diesmal aber werden wir Probleme bekommen, wenn wir zu Fuß gehen.«

»Das ist ja ganz etwas Neues«, höhnte ich, »dass du dich einmal faul von einer Nussschale transportieren lässt. Wie das?«

»Hihihi, unser nächster Kunde haust drüben auf der ‚Isula della Giudecca‘, vom Kai vor dem Dogenpalast durch den ‚Canale della Giudecca’ getrennt. Uns steht eine Bootspartie von ungefähr eineinhalb Kilometern bevor. Besser, wir nehmen ein Motorboot und keine Gondel, das geht doch ein Wenig schneller.«

Wir zwängen uns also durch die Touristen, bis wir südlich des Dogenpalastes zur Anlegestelle ‚San Zaccharia‘ gelangten, um uns übersetzen zu lassen.

Volpe winkte dem Inhaber eines Bootstaxis zu, der sich faul in der Sonne aalte, steckte ihm eine Zwanzig-Euro-Schein zu, und schon ging es auf und davon, denn in der Weberei hatten wir erfahren, dass Schneidermeister Tito Colomba (‚Taube‘) auf eben dieser prächtigen Insel in der ‚Calle del Pesce‘ (Fischgasse) hauste. An der Anlegestelle ‚Redentore‘ (Erlöser) angekommen, steckte Volpe dem Taxichauffeur einen zweiten Schein zu und hieß ihn auf uns zu warten. Dann rannten wir wie entfesselt die ungefähr hundert Meter südwärts, vorbei an der ‚Erlöserkirche‘ und entdeckten die gesuchte Schneiderei auf Anhieb.

Nach artiger Begrüßung zeigte Volpe nun dem vierten Meister den Fetzen, und auch dieser bestätigte uns, was wir schon wussten. Volpe stellte dann die bekannte Frage:

»Haben Sie aus solch kostbarem Stoff jemals schon einen mexikanischen Poncho mit Kapuze hergestellt?«

Der Meister schnellte empört aus seinem Korbstuhl empor und brüllte mit sich überschlagener Stimme:

»Signori! Wenn das eine Beleidigung sein soll, darf ich Sie des Hauses verweisen. Ich bin hier auf der Giudecca und in ganz Venedig erster Meister der Zunft und fertige keine Barbaren-Klamotten an. Ich glaube, mir wird schlecht.«

»Nichts für ungut«, sagte Volpe und legte ihm begütigend die Hand auf den Arm, »ich konnte mir Dergleichen bei einem so großen Könner wie Ihnen wirklich nicht vorstellen. Aber meine Ermittlungen müssen gründlich sein, und daher pflege ich auch das Unmögliche in meine Überlegungen mit einzubeziehen. Sollte nämlich eines Tages unser Staatspräsident einen Kapuzenponcho tragen, werden die Schneider Italiens solche Sachen um die Wette anfertigen, nicht wahr? Leben Sie wohl, grande Maestro, Sie haben uns sehr geholfen.«

Die Zornesader dieses sich als Künstler verstehenden Mannes schwoll rasch wieder ab, und er geleitete uns höflich zur Tür hinaus. Zurück an der Anlegestelle, sagte Volpe:

»Sergiu, wir haben eine heiße Spur. Signore, fahren Sie uns zum Dogenpalast zurück. Von dort aus, lieber Doktor, sind es in Luftlinie fast anderthalb Kilometer bis zum Palazzo Papafava, in Wirklichkeit das Anderthalbfache. Die Sonne steht im Zenit. Ich denke, wir stärken uns an der nächstbesten Trattoria.

Ambrosio schicken wir die entsprechende Nachricht, dass er sich mit mindestens zwei seiner Carabinieri am entsprechenden Haus einfindet. Sicher ist sicher. Ich habe ihm genügend Hinweise geliefert. Wenn er wieder einmal blind ist, kann ich ihm nicht helfen. Ich denke, wir werden den Fall auf unsere Weise zu einem befriedigenden Ende führen und ihm unten auf dem Vicolo (Gasse) den überführten Täter zu treuen Händen anvertrauen.«

Mittlerweile waren wir am Kai in der Nähe des Dogenpalastes gelangt. Volpe bezahlte dem Chauffeur die Differenz, warf einen kritischen Blick auf die Seufzerbrücke, machte sich am Smart Phone zu schaffen, bis er dem Tenente Meldung gemacht hatte, und schon ging es hinein in das stinkende Menschengewimmel des von Touristen überschwemmten Markusplatzes und dort zur nächsten Trattoria. Dort spülten wir einen ganzen Eimer Wasser hinunter und bestellten ein jeder eine Tonform frisch gegarter ‚Verdura‘ (Gemüse) in Gorgonzola-Soße, die der geniale Koch mit würzigem Käse überbacken hatte. Mir lief schon vor dem ersten Bissen das Wasser im Munde zusammen.

Danach wäre auch ich so weit wiederhergestellt gewesen, um die verbliebene Strecke zu bewältigen. Volpe erhob sich und federte leichtfüßig vor mir her, als wäre das noch gar nichts. Aber er brauste in die scheinbar falsche Richtung, nämlich zurück zur Anlegestelle S. Zaccaria. Offenbar hatte sogar er begriffen, dass ich nicht mehr konnte, denn ich humpelte ihm stöhnend hinterher und hatte mir bereits Blasen über Blasen gelaufen.

Am Kai angekommen, feilschte er mit einem anderen Capitano, dem Besitzer eines kleinen Motorbootes, um den Preis. Als er ihn immer weiter nach unten trieb, jammerte der Mann mit der Schirmmütze, dass seine Frau und die Kinder verhungern müssten. Da steckte ihm Volpe den gewünschten Schein zu, und schon durfte ich die schönste Fahrt durch den Canal Grande genießen. Vorbei ging es schließlich an der ‚Ca‘ d‘ Oro‘ und wenig später in den nordöstlich gehenden ‚Rio di San Felice‘, den wir ungefähr zwei Kilometer ‚aufwärts‘ befuhren.

In der Nähe des zu unserer Rechten liegenden ‚Palazzo Papafava‘ stiegen wir an Land und überließen den Capitano seinem Schicksal. Über das Bauwerk will ich hier keine Worte verlieren. Es war und ist kein Touristenmagnet, aber dort drinnen hauste ein gewisser Conte (Graf) Raimondo d‘ Inceto, den Volpe des Mordes an vier Frauen verdächtigte.

 

 

 

10. Teil: Eine bezaubernde Frau

Schon standen wir vor dem Haus der Luxusklasse, das in den Strahlen der Nachmittagssonne gleißte. Dass es eine Heimstatt der Reichen war, bezeugte schon die Gestaltung der Fassade, welche mit Marmorplatten belegt und durch korinthische Halbsäulen, welche scheinbar die einzelnen Stockwerke trugen, künstlerisch gegliedert war.

Das Erdgeschoss beherbergte offenbar zwei großzügige Wohnungen, das Obergeschoss, dessen Giebel zur Straßenseite hin in Form eines griechischen Tempels gestaltet war, bildete ein Haus auf dem Haus, ein Penthaus. Ein einziger Blick genügte, um über so viel feinen Geschmack in Begeisterung auszubrechen. Ein freundlicher Passant zeigte nach oben und sagte:

»Das ist der Ansitz des Conte d‘ Inceto, eines uralten Adelsgeschlechtes, das sogar einen Doge, einen Erzbischof und einen obersten General der Republik Venedig hervorgebracht hat. Der jetzige Conte freilich ist ein Taugenichts und lebt vom Geld seiner Frau und vom Ruhm der Vorfahren.«

Volpe nickte. Ich dankte ihm. Wir schritten die fünf Stufen zum ehernen Portal hinauf und betätigten den ringförmigen Türklopfer. Der Portier bemerkte uns, blickte aus seiner Kammer heraus, durch die entsprechende Luke, auf uns und fragte nach dem Begehr, nach dem Woher und Wohin, denn ohne Weiteres, so er wichtigtuerisch, komme man hier nicht an ihm vorbei und in dieses Haus hinein. Dieses Gehabe ärgerte Volpe, und er zischte durch das geöffnet Fensterlein:

»Ich bin Giuseppe Tartini, bekannt als Volpe, und das da ist mein Freund und Kollege, Dottore Sergiu Petrescu. Wir müssen Signore Raimondo, Conte d‘ Inceto sprechen, und zwar sofort.«

»Oh, du guter Gott«, schrie der Hausdiener verblüfft und begeistert zugleich. Augenblicklich öffnet er die Tür.

»Der große Detektiv persönlich! Nie werde ich mir das verzeihen, Sie nicht erkannt zu haben. Und Dottore Petrescu haben Sie gleich mitgebracht; meine sehr verehrten Herrschaften …«

Er riss die Türflügel auf, verbeugte sich vor uns fast bis zum Estrich und zeigte dann auf die marmorne Treppe, welche gemächlich gewunden nach oben führte.

»Der Conte ist im Obergeschoss zu Hause, aber ich fürchte, er schläft noch. Er ist in letzter Zeit ein, äh, Nachtarbeiter.«

»Wir müssen ihn dennoch sehen, Signore, äh …«, sagte Volpe.

»Man nennt mich Giovanni, nur Giovanni, ohne Zunamen«, sagte der Mann in seiner fein gestreiften Hausdieneruniform.

»Oh, wie mein eigener Butler! Es ist ein guter Name bei Ihrer Stellung. In London, wo ich kürzlich aus beruflichen Gründen weilte, hießen Sie gewiss ‚James‘.«

Der brave Kerl strahlte. Volpe hatte ihm eine riesige Freude gemacht. Etwas traurig sagte er dann:

»Meine Großeltern lebten noch in dieser Stadt. Bevor ich aber geboren wurde, wanderten sie nach Italien aus. Ich war noch nie in London. Ich wollte, ich käme hier einmal weg. Tag für Tag immer nur Dasselbe, diese Langeweile, der ewige Sisyphus, und das für einen Hungerlohn.«

Volpe unterbrach den Redeschwall des Portiers und sagte:

»Ist dein Herr, der Conte d‘ Inceto, auch letzte Nacht wieder spät nach Hause gekommen?«

»Keine Ahnung! Wirklich nicht! Tut mir leid. Mein Dienst endet stets um 18. 00 Uhr. Anschließend muss sich ein jeder Bewohner mit dem Schlüssel abquälen. Jedenfalls war der Conte noch zu Hause, als ich meinen Feierabend nahm. Er geht gewöhnlich erst später aus, viel später.«

»Vielen, vielen Dank, lieber Giovanni. Der Dottore wird dich in seinem Bericht gebührend würdigen, denn du hast uns sehr geholfen; auf Wiedersehen!«

Ehe es sich der verdutzte Herr versah, blinkten drei große funkelnagelneue Zwei-Euro-Münzen in seiner Hand. Er brachte vor Glückseligkeit keinen Ton mehr heraus. Dann stapften wir die Stiege hinauf.

Oben angekommen, standen wir vor einem Portal aus rötlichem Holz mit silbernen Beschlägen. Darüber war bogenförmig in goldenen Buchstaben vor weißen Hintergrund der Name des Wohnungsinhabers aufgezeichnet:

»Conte Raimondo II. d‘ Inceto – artista (Künstler)«

Ein eherner Löwenkopf fauchte uns entgegen. In seinem Maul hing ein vergoldeter Ring zum Anklopfen. Rufus nahm ihn und ließ ihn gegen die Türe des vorgeblichen Künstlers poltern; und dann noch einmal.

Aber es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sich die Tür auftat, einen kleinen Spalt breit nur. Darin sozusagen eingeklemmt steckte eine mollige Schwarze, um die fünfundzwanzig Jahre alt, hübsch hässlich, an der fleckigen Küchenschürze als Hausmädchen und Köchin erkennbar. Ein scharfer Hauch von Pfeffer wehte uns entgegen, während sie uns schweigend musterte und aus weißen Kulleraugen ansah. Dann sagte sie spitz:

»Mit wem habe ich die Ehre?«

»Privatdetektiv Tartini samt Dottore Petrescu.«

»Ach, du lieber Himmel, auch das noch! Haben wir etwas ausgefressen?«, rief sie geschockt und schlug die grübchenreichen Hände über dem Kopf zusammen, als ob sie Unheil auf ihren Herrschaften lasten sähe.

»Ist der Conte zu Hause?«, fragte mein Freund.

»Ja. Aber um diese Zeit pflegt er noch zu schlafen.«

»Dann wecke ihn!«

»Er wird mich halb tot schlagen.«

»Ist wenigstens seine Frau zu sprechen?«

»Wohl kaum! Sie ist gerade im Bad verschwunden. Auch sie wird wütend sein, wenn ich sie störe. Das Baden ist ihr heilig. Kinder hat sie keine zustande gebracht. Soll ich sie rufen?«

»Gewiss doch, es ist bitter ernst.«

»Gut, dann gehe ich«, sagte sie und trippelte davon.

Wir sahen ihr durch die offen stehende Tür hinterher und begaben uns dann frech in den Korridor hinein, während sie kopfschüttelnd in den hinteren Gefilden verschwand. Uns ließ sie in der durch zwei Bogenfenster erleuchteten Halle stehen.

Von dort aus hörten wir sanftes Plätschern sowie das melodische Klingen einer glasglockenreinen Stimm. Das versetzte nicht nur mich in Begeisterung. Still und voller Wonne lauschten wir dem Gesang der Unbekannten, die da gerade ihr Bad genoss. Dann brach das Singen ab. Ein Dialog zorniger Stimmen drang an unsere Ohren, darunter daher gekeifte Worte wie »fristlos entlassen«. Volpe kicherte vergnügt. Ich hingegen schaute verärgert zu Boden und dann nach links und rechts.

Neben uns, an den freien Flächen der Wand, hingen Gemälde, die ich mir jetzt gründlicher ansah, um sie als höchst mittelmäßig einzustufen.

Noch schüttelte ich den Kopf über die Arbeit dieses Stümpers, da kam die Gräfin auch schon aus dem Badezimmer heraus geschritten. Das tat sie, wie es mir schien, auffällig rasch und sogar ein klein Wenig atemlos, jedenfalls früher als erhofft, denn wir hatten uns auf längere Wartezeit eingestellt. Man kennt ja die Damen und ihre Badegewohnheiten.

Doch als sie aus dem Gemach hervor trat, verschlug es uns die Sprache. Wie gebannt sahen wir dieses langbeinige Wesen von einer anderen Welt auf uns zu schweben, die göttliche Anmut in Person, eine Grazie wie aus dem Bilderbuch. Ihre kaum verhüllte Haut leuchtete weiß wie Schnee.

In aller Eile hatte sie sich nichts anderes als ein blaues Handtuch aus Frottee um die schmalen Hüften geschlungen und war in schwarze Flipflops geschlüpft, deren grüner Riemen als Schlange gestaltet war. Oben drauf war er mit je zwei roten Perlen besetzt, welche die Augen des Reptils bildeten.

Während sie sich näherte, hob sie die Arme und kreuzte sie über der nackten Brust. Die Hände hatte sie dabei in dem jeweils gegenüber liegenden Oberarm verkrallt. Am rechten Ringfinger blinkte ein goldener Ehering. Die Nägel an Händen und Füßen waren hell rosarot lackiert und schimmerten wie Perlmutt. Selten hatte ich eine so schöne Frau gesehen und verliebte mich auf der Stelle in sie. Ungefähr 1, 80 Meter maß sie.

So stand sie nun in voller Größe vor uns und lächelte uns verlegen an. Sie hatte nicht einmal die Zeit gefunden, sich abzutrocknen. Eine Pfütze breitete sich unter ihr aus. Warum nur war sie so hektisch aus der Badewanne geklettert?

Fast so groß wie Rufus war sie und schlank wie die afrikanische Gazelle, keine einziges Gramm Fett am Leib: sportlich gestählte weiblich geschwungene Schenkel; breite, männlich anmutende Schultern und muskulöse Arme.

Das Bezauberndste an ihr war freilich der Kopf, der über einem filigran modellierten Hals thronte: ovales Gesicht von nassem, an Hals und Schultern klebenden dunkel- bis rotblondem Haar umsäumt, das sich nach dem Trocknen weiter aufhellen dürfte; hohe Stirn; harmonisch gebogene Augenbrauen; große hellgrüne Augen, welche mich an die einer Schlange erinnerten; fein modellierte Nase, die unmittelbar aus der Stirn heraus wuchs; üppiger roter Mund mit dermaßen spöttisch gekräuselten Lippen, dass ich das Brennen der eigenen Lippen verspürte; darunter ein feines straffes Kinn, kurz: ein Antlitz, so ausdrucksvoll, wie ich selten eines sah, wenn auch mit ersten Ansätzen feiner Linien. Aber das tat ihrer Schönheit eher gut als dass es schadete. Vor mir stand eine Frau, so schätzte ich, von Ende Dreißig.

Bewundernd glitten nun meine Blicke über ihre Blöße hinauf und hinunter, wo ich doch als fein erzogener Mensch beiseite hätte sehen sollen, während Volpe, der sich lebenslang von Frauen fern hielt, ja, ihnen sogar bewusst aus dem Weg ging, so feuerrot anlief, dass ich schon fürchtete, er könnte vor ihr die Flucht ergreifen. Doch da riss er sich zusammen und sagte, übertrieben kurz angebunden und seltsam trocken, ganz so, als trüge sie ein strenges Schneiderkostüm:

»Buon giorno, signora, das da ist Doktor Sergiu Petrescu. Ich bin Giovanni Tartini, der Detektiv. Wir müssen Ihren Mann sprechen, und das unbedingt. Es ist keine Zeit zu verlieren. Doch zuvor könnten Sie uns die Ehre erweisen zu sagen, mit welchem Namen wir Sie anzureden haben, donna.«

»Contessa Cornelia heiße ich«, flötete sie atemlos, »und stamme aus einer Nebenlinie des alten Adelshauses der Malatesta aus Rimini, aber ich bin nicht das, was ihr euch vorstellt. Ich will gar nicht erst um den heißen Brei herum reden und euch nichts vormachen. Einem Volpe etwas vorzumachen, ist sinnlos:

Ich bin neununddreißig Jahre alt und war einst zu eitel, zu wählerisch. In besseren Jahren sind mir daher die Heiratskandidaten abhanden gekommen, einer nach dem anderen. In einige von ihnen war ich verliebt, aber sobald sie mich das erste Mal nackend gesehen hatten, nannten sie mich eine Androgyne (‚Mannweib‘) und suchten das Weite.

Dies trieb mich an den Rand des Wahnsinns. Ich wollte mich bereits umbringen. Doch dann habe ich Raimondo kennen gelernt und geheiratet, einen Mann, dem das, was andere abstößt, gar nichts ausmacht. Es war vor nunmehr fünf Jahren, und damit ihr endlich begreift, dass es bei mir nichts, wirklich nichts zu sehen gibt und ihr endlich das Gaffen bleiben lasst …«

Scheinbar wütend blitzte uns Cornelia an, ließ die Arme sinken, eine Weile baumeln, stemmte sie dann lässig in die Hüften und sah uns herausfordern an.

Den unter tausend glitzernden Wassertröpfchen schimmernden Körper bog sie dabei wie eine geschmeidige Schlange, so dass die rechte Hüfte höher als die linke und im Gegentakt die linke Schulter höher als die rechte empor ragte. Währenddessen kam sie auf dem linken Fuß zum Stehen. Den rechten setzte sie nur mit den Zehenspitzen auf. In dieser Haltung sah sie uns trotzig aus ihren hellgrünen Augen an und zeigte dabei zwischen aufgeworfenen Lippen eine Reihe makelloser Zähne:

Welch ein göttlicher Anblick! Gerade weil es in gewisser Hinsicht bei ihr überhaupt nichts zu sehen gab, war Himmlisches zu sehen. Ich war hingerissen von so viel Schönheit. Vor mir stand nämlich, das Gesicht inzwischen purpurrot überflutet, eine Frau mit dem Oberkörper eines männlichen Athleten.

Wir schwiegen betroffen. Wir staunten. War das wirklich eine Frau oder doch nur ein Mann mit weiblichen Zügen? Unwillkürlich dachte ich an die Sagengestalt des ‚Hermaphroditos‘, der im Oberkörper wie eine Frau aussieht, aber den Unterleib eines Mannes vorweist. Contessa Cornelia, genau umgekehrt gestaltet, erriet meine Gedanken, lächelte giftig und fauchte:

»Muss ich erst das Handtuch fallen lassen, damit ihr mir endlich glaubt, dass ich eine Frau bin?«

»Da sei Gott vor!«, sagte ich, während mein Volpe erschrocken schwieg. Er versteht sich eben nicht auf das Weib. Im Versuch, charmant zu sein, sagte ich an seiner Stelle:

»Dennoch sei mir die Bemerkung gestattet, dass Sie eine unvergleichlich schöne Gestalt besitzen. Doch wir sind nicht gekommen, Ihnen die Bewunderung, welche Sie mit Fug und Recht verdienen, zu schenken, sondern um einen Kriminalfall aufzuklären. Darum wollten wir eigentlich den Conte sprechen, aber der schläft ja noch. Vielleicht könnten Sie uns an seiner Stelle einige Fragen beantworten?«

Sie nickte und sagte, »am besten gehen wir dazu nach drüben ins Arbeitszimmer«, schlenkerte die Flipflops beiseite und tänzelte auf den Zehenspitzen und mit winzigem, wiegendem Gesäß vor uns her, hinein in ein freundliches Zimmer, in dem sich einige mit Kissen gepolsterte Korbsessel um einen runden dreibeinigen Tisch aus dunkel gebeiztem Pinienholz gruppierten.

Wir nahmen Platz. Sie wickelte sich jetzt bis auf die Höhe der Achselhöhlen in ein Badetuch, das ihr die schwarze Zofe gebracht hatte, setzte sich, wischte sich die feuchten Haare aus dem Gesicht und sah grünlich schillernd zu uns herüber. Volpe hatte sich wieder im Griff und nahm das Wort:

»Ihr Mann schläft also noch, Contessa. Hat er die Gewohnheit, immer um diese Zeit zu schlafen?«

Sie errötete ein wenig. Ihre Lippen bebten:

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, gewiss ist er spät in der Nacht oder erst am frühesten Morgen nach Hause gekommen, oder?«

Sie lächelte versonnen, kuschelte sich in das Badetuch und räkelte sich wie das berühmte Kätzchen, die aus Marmor gemeißelten Arme in die Höhe streckend und herzhaft gähnend, ohne sich eine Hand vor den Mund zu halten, einfach süß:

»Er ist Künstler und arbeitet am liebsten nachts. Die Stille der Nacht inspiriere ihn, sagt er, und wenn er schöpferisch tätig ist, pflege ich zu schlafen. Er mag es nicht, wenn ihm jemand über die Schulter blickt, wenn er arbeitet.«

»War er letzte Nacht zu Hause? Oder war er im Getriebe der Stadt untergetaucht, um dem Vergnügen nachzugehen?«

»Signore, ich habe nicht die geringste Ahnung. Wir besitzen getrennte Schlafzimmer. Aber wenn es so wichtig ist, will ich gerne gehen, ihn zu wecken.«

Sie erhob sich, schlängelte sich aus dem Badetuch, faltete es sorgsam auf der Sessellehne zusammen und begab sich hinüber in eine Art von Atrium. Durch eine Flügeltür fielen unsere Blicke in diese prächtige Halle hinein:

Vier korinthische Säulen trugen das Dach, das aus einer gläsernen Pyramide bestand, durch die das Tageslicht herein flutete. Ringsumher an den vier Wänden waren marmorne Statuen aufgestellt. In der Mitte erblickten wir ein mit goldfarbenen Mosaiksteinchen ausgelegtes quadratisches Becken, in das aus übereinander geschichteten Schalen Wasser rieselte. Nur die überall an den Wänden hängenden Bilder, doch wohl vom Conte selber gemalt, fanden unseren Beifall weniger; kurz: Dies war ein Haus, in dem es sich leben lässt.

Wir erhoben uns, blieben wie eine Schildwache vor der Tür zum Atrium stehen und dachten, »sicher ist sicher«. Doch unsere Vorsicht sollte sich als übertrieben heraus stellen, weil Tenente di Fusco mit seinen Carabinieri bereits die Haustür besetzt hatte.

Kurze Zeit später erschien die Contessa wieder. Sie hatte sich einen Hauch von transparenter Seide übergestreift, schulterfrei, ärmellos und bis über die Mitte der Oberschenkel reichend; das Haar zur Krone aufgetürmt; ein Geflecht feinster Sandalen an den Füßen. Spangen aus Gold ringelten sich in Spiralen um ihre Unterarme und endeten in je einem Schlangenkopf, die Augen aus funkelnden Rubinen:

»Mein Mann kommt gleich und bittet um etwas Geduld. Er ist in gewisser Hinsicht das genaue Gegenteil von mir und zeigt sich höchst ungern, wenn er nicht in seinem Maßanzug steckt. Ja, er hasst es, sich nicht in Schale sehen zu lassen und ist gerade dabei, sich die Zähne zu putzen.«

»Sie sagten doch«, entgegnete Volpe, »Sie hätten getrennte Schlafzimmer, nicht wahr?«

Er wollte durch diese Frage herausfinden, ob sie mit ihrem Mann, wenn man das so sagen darf, unter einer Decke steckte und über das vielfache Morden unterrichtet, oder von seinem mörderischen Treiben keine Ahnung hatte. Doch sie wusste entweder nichts davon oder war intelligent genug, das Vorhaben meines Freundes zu durchschauen. Lässig zuckte sie mit den Achseln und sagte, wie es mir schien, irgendwie verbittert:

»Getrennt, wie die meisten Eheleute, oder? Wir haben keine Kinder. Von nichts kommt nichts. So ist das. Aber vielleicht wollen Sie sich ja die Zeit ein Wenig vertreiben?«

Sie öffnete die Seitentür zu einem geräumigen Studio mit Zeichenbrettern, Papierrollen und allerlei aus Gips gefertigten Modellen. Daneben lagen zugehörig Pinsel und Farbstoffe; ferner jede Menge angefangener Gemälde. Der Conte arbeitete an mehreren Projekten auf einmal.

Die Wände des quadratischen Raumes gingen in etwa 2, 50 Meter Höhe in ein Achteck über, über welchem sich eine kreisrunde Kuppel erhob, deren gemauertes Gerippe mit durchsichtig weißlichem Glas gefüllt war:

»Das spendet jedem Künstler ein wirklich ideales Licht«, flüsterte ich Volpe ins Ohr. Er nickte und fragte die Gräfin:

»Signora, arbeitet Ihr Mann viel?«

»Viel zu viel! Es überkommt ihn wie ein Rausch. Aber der Markt für seine Werke ist beschränkt. Reich werden kann man damit nicht. Zum Glück sind wir auf die Einnahmen nicht angewiesen. Er hat das Haus samt einer halben Millionen Euro geerbt, und ich habe noch einmal das Vierfache zu unseren Unterhalt beigesteuert. Wir haben es nicht nötig zu arbeiten.

Raimondo ist nie besonders kräftig gewesen. Jetzt im August sollten wir eigentlich in Davos sein, um uns zu erholen, aber leider hat er einen Auftrag angenommen und wir müssen hier im venezianischen Backofen ausharren.«

Wir blickten einander an, Volpe und ich, und verstanden uns auch ohne Worte: Selten hatten wir eine so selbstsichere Frau gesehen. Hätte sie nicht völlig verwirrt sein müssen, als wir bei ihr vorsprachen, nachdem die Klatschblätter der Stadt voll von Berichten über die Mord-Serie waren? Wusste sie nicht, dass mein Freund zu den Ermittlungen hinzugezogen worden war?

Und diese bezaubernde Schlange, an die ich bis heute voller Sehnsucht zurückdenke, beobachtete uns jetzt so, als ob sie es spannend oder spaßig fände, den berühmten Detektiv einmal aus nächster Nähe mustern zu können, ganz abgesehen von ihrem frivolen ersten Auftritt, durch den sie uns gleich zu Beginn das Heft aus der Hand genommen hatte.

»Ich gehen jetzt einmal hinüber«, platzte sie in unsere Gedanken hinein, »und sehe nach, ob er fertig ist.«

Während sie sich schlangengleich hinaus begab, sahen wir ihr bewundernd hinterher und folgten ihr ein paar Schritte. Dann schlenderten wir wieder ins Atrium zurück und schlossen die Tür, um unter uns zu sein:

Die im überkuppelten Atelier aufgestellten Werke des Meisters fanden wir abstoßend: immer nur grausige Szenen der griechischen Sage, darunter, wie Eteokles und Polyneikes sich gegenseitig das Schwert in die Brust stoßen oder Apollo die Kinder der Niobe tötet. All dies war stümperhaft gestaltet, nichts von Geschmack. Volpe sagte in meine Gedanken hinein:

»Ein ganz schön berechnendes Luder, unsere Cornelia, aber eines muss man ihr lassen. Die vierzig Jahre, die sie auf dem Buckel hat, haben ihrer Schönheit keinen Abbruch getan. Und wenn du mich fragst: Ich kann die blöden Hunde nicht verstehen, die sie sitzen haben lassen, nur weil sie keinen Busen hat. Als ob das das Wichtigste wäre. Heutzutage rennen die Weiber zu Tausenden mit Silikoneuter herum, und das will unsere Göttin nicht, obwohl sie im Gelde schwimmt. Sie will sie bleiben, und das ist bewundernswert. Ich jedenfalls hätte sie vom Fleck weg geheiratet, wenn ich … bin ich aber nicht«, sagte er.

»Auch wenn ich dir Recht gebe und ihr textilfreies Auftreten ebenfalls für berechnend halte, so ist ihr Verhalten dennoch verzeihlich. Überlege einmal, was ihr die Kerle, in die sie einst verliebt war, angetan haben, nur weil sie … und sie ist doch eine richtige Elfe. Ich bin gespannt, wie der Conte aussieht, der sich ihrer erbarmt hat.«

»…oder umgekehrt«, sagte Volpe seufzend, während sich die Tür öffnete. Leider war es nicht die Süße, sondern einzig und alleine ihr Mann, der nun zu uns herein kam.

Es war ein blässlicher schmallippiger junger Spund, so an die dreißig und nicht älter; dünn und groß; leicht gebeugt. Er trug, in der Taille mit einer Kordel gegürtet, einen bernsteinfarbenen Morgenrock aus reiner Seide, die das schüttere Blond seiner nackenlangen Haare, das Weichliche seiner Gesichtszüge und das wässrige Blau der Augen noch betonte.

Schlurfenden Schrittes trat er vor uns, die Füße in Latschen dieser Art, die nur einen einzigen Riemen kennt und verbeugte sich förmlich. Während wir uns erhoben, um ihn zu begrüßen, sagte er mit sanfter Stimme und einer fahrigen Handbewegung durchs Haar, wobei ein flüchtiges, fast kindliches Lächeln über sein Gesicht huschte, in dem Schweißperlen glitzerten:

»Entschuldigt bitte, Signori, dass ich Sie so lange habe warten lassen. Meine Frau hat mich aus tiefstem Schlaf gerissen und mir gesagt, wer gekommen sei. Ich musste noch unter die Dusche.

Wisst ihr, ich habe in letzter Zeit ziemlich viel mit der Ausmalung einer im Bau befindlichen Villa zu tun. Ich habe den Auftrag erhalten, die Wände des Speiseraumes mit Szenen aus der griechischen Sage zu gestalten. In meinem Studio leiste ich die Vorarbeit, indem ich die Motive vorzeichne, auf Karton. Das braucht Zeit und Geduld.«

Er wischte sich mit einem Tuch über die Stirn und dann über den Mund. Wir schwiegen und musterten den schlaksigen Jungen, der auf ersten Blick die Harmlosigkeit in Person zu sein schien und den Eindruck erweckte oder erwecken wollte, er könne weder ein Wässerchen trüben noch irgendeiner Fliege etwas zuleide tun. Nervös redete er weiter:

»Man könnte glauben, es wäre heute noch heißer und stickiger als gestern. Das macht mich wahnsinnig. Hoffentlich zieht bald ein Gewitter herauf. Ich muss alle Fenster geschlossen halten, denn es kommt nur Hitze herein.«

»Entschuldigen Sie bitte«, unterbrach ihn Volpe, »wir sind nicht hergekommen, um über die Hitzewelle zu lamentieren. Ich möchte von Ihnen wissen, was Sie gestern an hatten. Könnten Sie es mir einmal zeigen?«

»Warum auch nicht?«, sagte der junge Mann, »es war mein blauer Anzug aus Seide. Ich trage bei diesen Temperaturen grundsätzlich nur Seide. Das bekommt der Haut am besten; einen Augenblick bitte!«

Er schlenderte schlaff wie eine Schlenkerpuppe hinaus, um kurze Zeit später mit einem frisch gewaschenen und frisch geplätteten nachtblauen Anzug wieder zu erscheinen. Dazu lächelte er ein Wenig schief und war rot angelaufen:

»Darin steckte ich bis zur Cena (Abendessen). Danach habe ich einen leinenen Kittel angezogen, um zu arbeiten. Ich arbeite am liebsten nachts, wisst ihr.«

»…und gegen Mitternacht sind Sie nicht zufällig noch einmal ausgegangen, beispielsweise, um frische Luft zu schöpfen?«

»Nein, ich habe durchgearbeitet, bis zum Morgengrauen, wie das meine Gewohnheit ist. Dann habe ich mich aufs Ohr gehauen. Ich bin ein ziemlich nervöser Mensch und brauche meinen Schlaf. Darum schlief ich auch noch, als Sie kamen, Signori.«

Aus seinen großen wässrigen Augenteichen, die feinen Händen leicht ineinander verkrampft, sah er uns an, als wartete er Beifall heischend auf zustimmende Worte, aber wir schwiegen und musterten ihn wenig freundlich:

Auch aus der Nähe betrachtet wirkte Conte Raimondo eher wie ein dummer Junge denn ein erwachsener Mann. Wenn man aber genauer hinsah, was wir jetzt taten, dann erkannte man zweifellos, dass dieser vorzeitig verbrauchte Zeitgenosse seine besten Jahre längst hinter sich hatte.

Die Haut wirkte gelblich wie Pergament und war welk. Feine Fältchen durchzogen sein Mienenspiel, wenn er versonnen lächelte; das weißblonde Haar fade und glanzlos. Er war, wie er war, ganz der Typ, dachte ich, auf den das Mauerblümchen seine letzten Hoffnungen setzt. Arme und Beine freilich, die er aus dem Morgenrock streckte, waren vor Muskeln berstend. Darüber konnte die gespielte Schläffe nicht hinweg täuschen.

»Dürfen wir Sie nun darum bitten, uns Ihren Garderobeschrank zu öffnen und Ihre Kleider zu zeigen?«

Der Conte zuckte zusammen. Für einen winzigen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht. Ein Wutanfall drohte auszubrechen, aber schon hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte mit verstellt freundlichem Tonfall:

»Signore Tartini, Sie sind nur Privatdetektiv und haben dazu kein Recht. Doch wenn es denn sein muss … ich habe nichts zu verbergen … folgen Sie mir bitte … hier entlang!«

Er öffnete die Tür zum Korridor, und ich sah eine biegsame Gestalt barfuß in das zur rechten Seite hin gelegene Badezimmer huschen, um lautlos darin zu verschwinden. Das kostbare Seidentuch umwehte ihren Körper wie ein Schleier, glitt ihr aber beim hektischen Laufen vom Leib und flatterte zu Boden.

Sie hatte gelauscht. Ein Blick in Volpes Gesicht genügte, um zu erkennen, dass auch ihm die Szene nicht entgangen war. Dennoch taten wir so, als wäre nichts geschehen.

Raimondo stieß die Tür auf, welche in sein Schlafzimmer führte. Seine Wände waren mit stilisierten bunten Blumen vor grünem Hintergrund bemalt. In der Mitte stand ein zerwühltes Bett, die Laken und Decken wahrlos zusammengeknüllt; an der hinteren Wand ein fünftüriger Schrank aus Kastanienholz. Er war so groß, dass er fast die gesamte Wand einnahm.

Eine Tür nach der anderen öffnete er nun, um uns seine Garderobe vorzuführen: Eine Vielzahl von unterschiedlichsten Anzügen, Hosen und Hemden, samt zahllosen Schuhen jedweder Art, prangte darin, alles von wertvollster Machart; die Kleidung eines reichen Mannes. Ein Kapuzenponcho war aber nicht darunter. Volpe fragte ziemlich barsch:

»Vor einem Monat haben Sie einen Mantel mit Kapuze erworben, nachweislich. Er wurde aus schwarzer Seide gefertigt, in welche ein grauer Faden eingewebt war. Was ist aus ihm geworden?«

Der Conte kratzte sich am Kopf und schien angestrengt nachzudenken. Unruhig trippelte er von einem Fuß auf den anderen. Schließlich murmelte er:

»Ach, jetzt weiß ich es wieder. Ich bin kürzlich, als ich ihn das letzte Mal trug, in ein Unwetter geraten. Danach war das kostbare Stück nicht mehr zu gebrauchen.«

»Und was haben Sie damit gemacht?«

»Ich habe den Poncho einem Obdachlosen geschenkt.«

»Haben Sie ihn persönlich überreicht oder durch die Schwarze geben lassen?«

»Persönlich; niemand war dabei.«

»Wo war es?«

»Unmittelbar hinter der Rialtobrücke.«

»Können Sie den Empfänger beschreiben?«

»Nein, ich habe nicht darauf geachtet.«

»Wann war das?«

»Vorgestern.«

»Zeugen?«

»Nicht dass ich wüsste. Es war schon dämmerig.«

»Gut, das genügt fürs Erste. Geleiten Sie uns jetzt bitte wieder ins Arbeitszimmer und rufen Sie das Mädchen!«

»Susie! He, Susie!«, rief er, »komm her! Signore Tartini will dir ein paar Fragen stellen.«

Die pummelige Schwarze kam eilig auf ihren dicken kurzen Beinen herein getrippelt, im allerliebsten blauen Kleidchen mit weißer Schürze darüber und brachte den Geruch der Küche mit sich, einen Hauch von Bratendunst und Gewürzen. Sie sah so arglos und harmlos aus, als hätte sie gerade erst ihre Stelle irgendwo auf dem Lande verlassen, um in die venezianische Pracht zu wechseln. Fragend sah sie auf ihren Herrn. Der Conte warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Sie sagte:

»Ich bin schon mit dem Zubereiten der Mahlzeit beschäftigt und kann die Küche nicht alleine lassen.«

»Es wird rasch gehen«, antwortete Volpe, »liebe Susie, übernachtest du in der Wohnung deiner Herrschaften?«

»Wie sollte das gehen? Ich bin nur Köchin, und für uns Diener des Hauses ist im Untergeschoss ein Schlafraum eingerichtet. Jeder hat seine Koje, und wir haben ein Gelass zum Waschen und für die unvermeidlichen Verrichtungen.«

Ich blickte Volpe an, und er sah mir ins Gesicht. Beide dachten wir gleichzeitig, dass man mit Menschen so nicht umgehen sollte, auch wenn es sich nur um Dienstboten handelte.

»Bist du letzte Nacht erst spät in diesen, äh, Verschlag hinunter gegangen?«

»Es war kurz nach Sonnenuntergang, nachdem ich Geschirr gespült und die Küche aufgeräumt hatte.«

»Wo war dein Herr zu dieser Zeit?«

»Natürlich ist er nach dem Essen in seinem Studio untergetaucht, um zu arbeiten.«

»Welche Kleidung trug er?«

»Diese da, glaube ich; so ähnlich wie jetzt.«

»Und seit wann ist der, äh, Kapuzenponcho deines Herrn, äh, abhanden gekommen?«

Susie warf einen ängstlichen Blick auf Graf Raimondo und flüsterte dann ganz außer Atem:

»Damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Ich bin nur die Küchenmagd, und um seine Sachen kümmert er sich selber oder lässt es seine Frau besorgen. Ich weiß nichts, gar nichts. Gelegentlich, glaube ich, trug er ein solches Ding, aber das ist schon länger her, vielleicht ein halbes Jahr.«

»War es ein schwarzes Gewand mit grauen Streifen?«

»Ich weiß nicht. Ich habe es vergessen. Ich glaube nicht, aber mir ist es auch gleichgültig, was die Herrschaften tragen. Darauf achte ich nicht. Ja, vielleicht war es dunkelgrau.«

»Danke, meine Liebe, du kannst gehen. Du hast uns sehr geholfen; vielen Dank!«

Dann zu mir im Flüsterton:

»Gehe rasch hinunter und hole den Tenente mit seinen Carabinieri herauf!«

Ich eilte rasch zum Ausgang. Bereits im Gehen, sah ich den Grafen zittern und puterrot anlaufen:

»Was … was … hat das zu bedeuten?«, fragte er.

»Conte, wir beschuldigen Sie des vierfachen Frauenmordes, geschehen in den vergangenen vier Nächten, stets kurz nach Mitternacht. Der Mörder trug jedes Mal einen schwarzen Poncho mit hellgrauen Streifen und benutzte zum Morden ein solches Gerät wie dieses da …«

Ich verharrte im Eingang und sah Volpe sich mit einem Riesensatz auf Raimondo stürzen und ihm mit einem gezielten Faustschlag ein Bowie Knife aus der Hand zu schlagen. Während es klirrend aufschlug, rannte ich wie verrückt hinunter, um die Carabinieri zu Hilfe zu rufen, denn oben im Penthaus war die Hölle los, eine wüste Rauferei, untermalt vom lästerlichen Fluchen des Hausherrn. Sie war freilich nur von kurzer Dauer, denn im Nu hatten die herein stürmenden Polizisten dem Wüterich Handschellen angelegt und führten ihn ab.

Volpe rappelte sich vom Boden auf, den erbeuteten Doch in der rechten Hand, rieb sich die gerötete linke Wange mit der linken Hand, wandte sich noch einmal an den Conte und sagte:

»Tut mir leid, Signore, aber so stehen die Dinge nun einmal. Fürs Erste genügen Ihnen Tenente di Fusco und seine Männer als Begleitung. Ich werde mich noch einmal mit Ihrer Frau unterhalten. Sie mag alles zusammenstellen, was ein Häftling so braucht, und wenn ich mir noch eine kleine Bemerkung gestatten darf:

Sie sind ein verdammt kräftiger und geschmeidiger Bursche. Ich habe Sie ein klein Wenig unterschätzt. Dafür gelang es uns, die Tatwaffe zu erbeuten; ein echt amerikanisches Bowie Knife, die rasiermesserscharfe Schneide, wie ich vorhergesagt habe, mit einer kleinen Scharte.«

Volpe reichte Ambrosio den Dolch, der ihn sorgsam einwickelte und in der speckigen ledernen Tasche, von der er unzertrennlich ist, verschwinden ließ:

»Ihr Idioten! Ihr habt den Falschen verhaftet«, knirschte der Graf wütend, »und damit werdet ihr euch vor den Zeitungsleuten lächerlich machen.«

Weder wir noch Ambrosio reagierten darauf. Ein Stein war uns vom Herzen gefallen, den Mörder so rasch überwältigt zu haben. Der Tenente rief laut nach Cornelia. Sie öffnete verstört die Tür zum Badezimmer, ein Handtuch um die Hüfte gewickelt, hob das seidene Fähnchen auf, um hinein zu schlüpfen und sah schreckensbleich auf die Szene, die sich ihr bot:

»Verehrte, liebe, liebe Contessa Cornelia«, sagte Ambrosio, sie anzüglich musternd, »Sie sind von vornehmer Herkunft, eine Derer von Malatesta und könnten uns kleinen Staatsdienern gram sein. Bedenken Sie aber bitte, dass wir nur unsere Pflicht tun. Sollte sich die Unschuld deines Mannes herausstellen, wird er in Ehren aus der Haft entlassen. Bis dahin sollten Sie ihn fürstlich versorgen. Desweiteren erwarte ich Sie morgen früh zu einer Besprechung auf dem Revier; eine Frage aber schon jetzt:

Besitzt Ihr Mann einen seidenen Poncho mit Kapuze?«

»Nicht mehr. Das Unwetter, in das er geriet, hat ihn verdorben. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat er ihn vor einigen Tagen einem Bettler an der Rialtobrücke geschenkt.«

»Danke! Wir werden das nachprüfen. Ich will gleich einige meiner Männer losschicken, um der Sache nachzugehen.«

Ich sah Cornelia erbleichen und ihrem in Handschellen liegenden Mann seltsame Blicke zuwerfen. Sie sagte jetzt nichts mehr. Volpe murmelt sich etwas Unverständliches in den Stoppelbart. Mir war klar, was er dabei dachte.

Ambrosio nickte ihr zu und ging hinaus. Die Polizisten folgten ihm und führten den in ihrem Griff sich windenden Gefangenen die Stiege hinunter und hinaus auf die Gasse, wo im roten Licht der späten Sonne weitere Carabinieri auf ihn warteten.

Volpe und ich blieben noch einen Augenblick, um die schluchzende Frau zu trösten. Ich ließ es mir jetzt nicht mehr nehmen, sie in die Arme zu schließen, um ihren glühenden Leib durch den hauchfeinen Umhang hindurch zu genießen, doch da geschah etwas Überraschendes und Erschreckendes:

Die Contessa schlang mir beide Hände um den Nacken, drückte sich fest an mich, beugte sich ein Wenig zu mir herunter und drückte ihre Lippen auf meine Lippen. Ein heißer Schauer durchraste mich. Ich liebte sie. Volpe hingegen hatte seine Schlüsse aus dem Verhalten der Frau gezogen, schmunzelte hörbar und blickte dezent zur Seite. Er kannte mich.

Dann schlüpfte die Gräfin aus meinen Armen, und wir verließen sie kichernd. Wie gerne wäre ich da geblieben, denn sie blickte mich sehnsüchtig aus ihre großen hellgrünen Augen an, aber Ambrosio hatte um unser beider Anwesenheit beim Verhör des Grafen gebeten. So schied ich schweren Herzens von dieser seltsam berückenden Frau, die möglicherweise Komplizin eines vierfachen Mörders war. Sie hatte meine Sympathien im Sturm erobert. Ich nahm mir vor, ihr zu helfen, komme da, was da wolle.

 

11. Teil: Wieder auf dem Revier

Die Sonne hing bereits blutrot über dem westlichen Festland, als wir todmüde und mit bleiernen Gliedern vor dem Revier anlangten. Welche eine Nacht, was für einen Tag hatten wir hinter uns! Wann eigentlich hatten wir den letzten Schlaf genossen? War es nicht vor mehr als hundert Jahren gewesen? Und doch galt es, jetzt beim Verhör des Grafen hellwach zu sein. Im Unterschied zu uns war er nämlich gut ausgeschlafen.

Als wir in die bereits oben beschriebene Halle traten, erwartete uns eine unangenehme Überraschung: Alberto Scimmia vom Corriere della Sera samt einem Rattenschwanz von Männern der anderen Zeitungen war hier eingedrungen.

Wie ich später erfuhr, hatten sie das Gebäude den ganzen Tag über nicht aus den Augen gelassen. Immer war einer von ihnen auf der Lauer gelegen, um alle anderen über SMS zu benachrichtigen, wenn sich etwas tat. Und so war ihnen die Verhaftung des Conte d‘ Inceto nicht entgangen. Tenente di Fusco, der damit gerechnet hatte, sorgte freilich dafür, dass der Verhaftete das Gesicht mit einem Tuch verbergen konnte. Jetzt war auch Volpe gekommen.

»Da ist er ja, Venedigs berühmter Privatdetektiv! Und haben Sie wenigstens diesmal den Richtigen erwischt?«, spottete Signore Scimmia, als Ambrosio über den Korridor ging.

Der Tenente blieb einen Augenblick lang stehen und warf dem Reporter einen vernichtenden Blick zu. Dieser blickte rasch zu Boden, während sein Kameramann aktiv wurde. Doch alles, was er ablichtete, war nur ein schlanker, hoch aufgeschossener verschleierter Mann in einem Morgenrock aus Seide.

Im Büro angekommen, ließ Ambrosio den Kronleuchter aufflammen, um die herein brechende Nacht zum Tag zu machen. Dann befahl er, einen Schreiber zu holen, der Protokoll führen sollte, winkte uns freundlich zu und bot uns zwei wackelige Stühle an. Erschöpft nahmen wir Platz. Der Conte blieb stehen, blickte von einem zum anderen und stand unschlüssig in der Mitte.

»Setzen Sie sich doch endlich!«, sagte Ambrosio und schob ihm einen bequemen Sessel mit gebogener Rücklehne zu. Zögerlich hockte der Verhaftete sich auf die Kante und starrte hasserfüllt zu uns beiden hinüber. Ambrosio di Fusco, der als Offizier der Carabinieri jetzt energisch die Fäden in die Hand nahm, während er uns ‚Amateure‘, wie er gerne sagte, keines Blickes mehr würdigte, fragte ihn:

»Wie lange, verehrter Conte, sind Sie schon verheiratet?«

»Fünf Jahre.«

»Aha! Darf ich Ihr Alter wissen.«

»Warum nicht; ist ja aktenkundig; sechsundzwanzig. Ich habe Contessa Cornelia mit erst Einundzwanzig geheiratet. Ist das ein Verbrechen?«

Volpe und ich warfen einander vielsagende Blicke zu: Die Süße, die ich gerade eben hatte umarmen und küssen dürfen, war demnach mindestens dreizehn Jahre älter als ihr Mann.

»Und wie alt ist dann Ihre Frau, Signore Conte?«, fragte Ambrosio unerbittlich.

Der Graf lief knallrot an, schwieg verbissen und rüttelte an den Handschellen, mit dem seine Hände gefesselt waren. Mir tat er trotz allem leid, denn welcher Mann sagt das schon freiwillig, was er nun gestehen sollte. Er schwieg also:

»Seine Cornelia ist, wenn ich ihr das abnehmen darf, bereits Neununddreißig. Höchstwahrscheinlich ist sie aber ein bis zwei Jährchen älter«, sagte Volpe triumphierend, während ihn der Conte musterte, als wollte er ihn auf der Stelle ermorden.

Ich blickte zu Boden. Es trat eine vorübergehende Stille ein, während der Ambrosio seine Hände wie große weiße Spinnen auf der rissigen Platte seines Schreibtisches hin und her krabbeln ließ, bis er endlich sagte:

»Signore Conte, sind Sie Maler?«

»Nein, Künstler. Das Malen gehört auch dazu. Leider bin ich zurzeit noch nicht berechtigt, ein Haus zu bauen. Dazu fehlt mir das Diplom. Aber immerhin liefere ich einigen unserer Architekten meine künstlerischen Entwürfe.«

»Haben Sie irgendeine Ausbildung gemacht? Besitzen Sie das Zertifikat eines abgeschlossenen Studiums?«

»Nein, ich habe … nichts gelernt und war bei keinem Meister in der Lehre. Als ich siebzehn war, fing ich an zu malen … ich bin … äh … ein Autodidakt.«

»Haben Sie eine höhere Schule besucht oder studiert?«

»Nein. Alles, was ich kann, habe ich mir selber beigebracht. Mehr brauchte ich auch nicht. Ich wollte schon immer Künstler werden, und als man mich verhaftete, konnte man ja die Bilder in meiner Wohnung sehen. Sie sind alle von mir. Ich werde noch von mir reden machen … eines Tages.«

Auch der Tenente, das verriet er mir später, fand die Gestaltung dieser Gemälde bedrückend: immer nur Morde vor düsterem Hintergrund; besonders abgestoßen habe ihn, wie sehr Graf Raimondo in der Darstellungen der dahin geschlachteten Töchter der Niobe schwelgte. Sie alle habe der Graf im Blute schwimmend und von Pfeilen gespickt auf die Leinwand gebannt.

»Sagen wir es mit einem Wort«, setzte der Tenente das Verhör fort, »Sie haben keinen bestimmten Beruf, und Künstler darf sich jeder nennen, wenn er Lust dazu hat.«

»Ja, ich weiß«, sagte Graf Raimondo, grausam lächelnd, »auch Sie und Signore Tartini, ihr haltet mich für einen Versager, nicht wahr? Aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich kann niemanden daran hindern, so über mich zudenken. Es hätte keinen Sinn. Oft genug musste ich mir Dergleichen anhören.«

»Finden Sie denn auch Abnehmer Ihrer, äh, Werke?«

»Mir sind meine wenigen Kunden lieber, wenn sie nur Vertrauen zu mir haben, Menschen, die meiner Inspiration freien Lauf lassen, Freunde, denen meine Art der Gestaltung gefällt und die nach keinem Diplom fragen.«

»Soll das heißen, dass Sie vom Erlös Ihrer Produkte gar nicht leben könnten, verfügten Sie nicht über, äh, Eingemachtes?«

»Das Geld ist mir als Künstler gleichgültig. Wir sind reich genug, um ein sorgenfreies Leben zu genießen.«

»Ist es … äh … besonders das Vermögen, welches … äh … Ihre Frau in die Ehe mitgebracht hat?«

Der Conte sprang aus dem Sessel auf und brüllte mit einer scheußlich überschnappenden Fistelstimme:

»Wer bei uns wie viel Geld eingebracht hat, geht euch verfluchte Bullen einen feuchten Dreck an. Wir sind verheiratet und besitzen ein gemeinsames Vermögen.«

Er hockte sich wieder hin. Ambrosio gab dem Amtsdiener einen Wink. Er stellte einen Glas Wasser vor Raimondo, der es vorsichtig mit den aneinander gefesselten Händen ergriff, an den Mund führte und auf einen Zug leerte. Auch der Tenente und wir befeuchteten uns jetzt Zunge und Kehle. Durch das vergitterte Fenster wehte schwüle Abendluft herein. Ich blickte hinaus und sah feines Wetterleuchten in der Ferne.

»Gut, dann ein anderes Thema«, sagte Ambrosio, »sind Sie hier in Venedig geboren?«

»Nein. Aber ich war noch ganz klein, als meine Eltern aus Milano hier zuwanderten und den leer stehenden Palast kauften.«

»Dann legen Sie von Kindheit an im selben Stadtviertel.«

»Gewiss. Das ist kein Geheimnis.«

Das war aber genau die Gegend, in der gerade erst vier Frauen ermordet worden waren, dachte ich, auf dem knatschenden Stuhl hockend und vor Müdigkeit fast wegtretend.

»Sein Palast liegt nur wenige Gehminuten von dort entfernt, wo wir die Spur des Mörders verloren haben, letzte Nacht«, flüsterte mir Volpe ins Ohr.

»Leben Ihre Eltern noch?«, fragte di Fusco.

»Nur meine Mutter.«

»Wie heißt sie? Wo haust sie?«

»Maria Augusta Tiepolo; in der ‚Calle Larga, unmittelbar unterhalb des ‚Rio di Santa Sofia‘, mit Blick auf den Kanal.«

Volpe warf mit einen vielsagenden Blick zu.

»Warum tragen Sie nicht den Namen Ihrer Mutter?«

»Mein Vater war, äh, gestorben. Der verwitwete kinderlose Graf d‘ Inceto hat mich adoptiert. Er starb kurz nach der Adoption. Ich erbte Namen und Titel von ihm.«

»Wie ist Ihr Verhältnis zur Mutter?«

»Wir verstehen uns einmalig gut. Ich habe sie lebenslang geliebt und liebe sie. Sie ist eine wunderbare Frau. Es könnte keine bessere geben.«

»Gilt solches Lob auch für Ihren leiblichen Vater?«

Der Conte blickte versteinert zu Boden, knirschte mit den Zähnen und schwieg. Ambrosio sagte:

»Also nicht.«

»Er ist schon lange, lange tot. Er starb, als ich erst acht Jahre alt war. Ich hasse ihn bis heute.«

Volpe flüsterte mir zu:

»Jetzt weiß ich endlich, wo der Bursche seine Wurzeln hat. Ich kenne mich da aus. Im besagten Haus befindet sich ein Metzgerladen. Er ist zurzeit verpachtet … und als sein Vater starb, Signore Antonio Tiepolo, wurde er vom Conte adoptiert.«

»Signore Conte, Sie sind also ein Adoptivkind. Welchen Beruf übte Ihr, äh, leiblicher Vater aus?«, fragt Ambrosio, der sich bereits informiert hatte, den Gefangenen gnadenlos:

»Metzger«, flüsterte der Conte erbleichend. Für einen Augenblick lang schien es so, als schluchzte er.

»Und was geschah mit dem Laden, als Ihr Vater starb?«

»Meine Mutter hat ihn verpachtet, bis heute. Sie lebt von der Miete und dem, was ich ihr zustecke. Sonst hat sie ja nichts als mich. Aber ihre Wohnung im Obergeschoss hat sie behalten. Es ist eine nett und gemütlich eingerichtete Behausung.«

Er blickte liebevoll in irgendeine Ferne, als er dies sagte und lächelte versonnen. Uns blieb das nicht verborgen.

»Gut«, sagte der Tenente zu dem Amtsdiener, der hinter ihm stand und auf Befehle wartete, »lass jetzt unsere Männer herein kommen, wie vereinbart.«

Zehn seiner Untergebenen, diesmal in Zivil, ganz so, als wären sie zum Einkaufsbummel unterwegs, betraten den Raum und stellten sich in einer langen Reihe an der hinteren Wand auf. Zwei uniformierte Carabinieri bugsierten den Grafen zwischen den ersten und zweiten von links, und schon klopfte es an. Ambrosio rief sein obligatorisches »entrate – herein«.

Ein Polizist betrat den Raum, gefolgt von einer jungen Frau. Er salutierte zackig vor dem Tenente und sagte:

»Hier ist die gewünschte Zeugin. Ich habe sie abgeholt und her geleitet: Meine sehr verehrten Herren, hier ist die stadtbekannte Faustkämpferin und italienische Meisterin, die sich ‚la donnola‘ (das Wiesel) nennt.«

»Salve, signorina donnola«, sagte der Tenente jovial, »bekanntlich hattest du letzte Nacht Gelegenheit, den Mörder aus der Nähe zu sehen, nicht wahr?«

»Gewiss, Signore Tenente, aber das Licht war schlecht; die nächste Laterne zu weit entfernt.«

»Gut, dann wollen wir hier ähnliche Verhältnisse herstellen. Signore Furio, löschen Sie bitte das Licht bis auf dieses kleine Wandlämpchen.«

Der Angestellte tat, wie geheißen:

»Ist es so recht?«

»Ja, mein Tenente.«

»Dann drehe dich jetzt um! An der Wand stehen elf Männer von ungefähr gleicher Größe. Welcher könnte der Täter sein?«

Die Boxerin schritt die starr stehende Reihe zweimal ab, um dann zielstrebig vor dem zweiten Mann von links stehen zu bleiben. Sie betrachtete ihn eine Zeitlang, während wir alle den Atem anhielten. Dann sagte sie:

»Nur mit diesem da hatte der Mörder eine gewisse Ähnlichkeit; alle anderen scheiden aus.«

»Bist du dir da sicher?«

»Nicht ganz. Ich möchte ihn auch im Profil sehen.«

Die Wachmänner drehten den Grafen so, dass man ihn zuerst von rechts, dann von links betrachten konnte. Er ließ es sich gefallen, ohne eine Miene zu verziehen:

»Ihr Götter«, stöhnte die Donnola, »er ist es! Es ist der gesuchte Mann. Jetzt bin ich mir meiner Sache sicher. Allerdings war er ganz anders gekleidet als jetzt. Er trug eine Kapuzenjacke.«

»Danke, vielen herzlichen Dank, liebe Donnola, du hast uns sehr geholfen.«

»Kann ich jetzt gehen?«

»Gewiss doch, du Zuckerpuppe. Ich werde dich beim nächsten Kampf anfeuern; arrivederci, Kleines!«

Die Boxerin lief vor Freude feuerrot an, verbeugte sich und verließ, von zwei Polizisten eskortiert, den Raum. Ambrosio sagte zu den anderen zehn Männern:

»Vielen Dank, meine Kameraden! Auch ihr habt uns weiter geholfen. Auch ihr dürft jetzt gehen, Feierabend, und Sie, verehrter Conte, nehmen bitte wieder Platz.«

Während der Graf sich, eisig drein blickend, auf den angebotenen Stuhl setzte, stürmte ein junger Polizist ins Vernehmungszimmer hinein. Er wedelte mit einem seltsamen Stück Textil und stieß unartikulierte Schreie aus. Als ihn Ambrosio streng anblickte, riss er sich zusammen und sagte:

»Mein Tenente! Das schmutzige Ding da habe ich soeben an der Rialtobrücke einem Tippelbruder für fünf Euro abgekauft. Ich denke, es ist der gesuchte Poncho.«

»Zu schön, um wahr zu sein«, rief Ambrosio, während Volpe mit einem Satz nach vorne federte, um das Kleidungsstück zu mustern. Es war aus rabenschwarzer Seide gefertigt, in welche ein grauer Faden eingewebt war, der es schillern ließ.

»Das ist es, denke ich«, sagte Volpe und begann damit, den unteren Saum der Jacke abzutasten, bis er mit genießerischem Grunzen »heúreka!«(‚ich hab‘s gefunden‘) schrie. Und schon zauberte er einen Fetzen aus der Tasche hervor und hielt ihn an den ausgefransten Saum des Ponchos: Er passte genau hinein!

»Das sollte für eine Anklage genügen«, sagte Ambrosio. Ich nickte. Volpe hielt sich vornehm zurück. Der Conte murmelte, es müsse sich um eine Verkettung ungünstiger Umstände handeln, denn er sei frei von jeder Schuld.

Dann ließ ihn der Tenente in die Arrestzelle bringen. Das geschah, während der Capitano Marcello das Haus betrat, um sich den Verhafteten einmal gründlich anzusehen. Zwei Polizisten begleiteten ihn ins Gelass. Aber nach kurzer Zeit schon verließ er kopfschüttelnd die Zelle und sagte zu di Fusco:

»Nun bin ich mir sicher, dass ich diesen Kerl schon einmal gesehen habe, aber ich weiß nicht mehr, wo.«

»Er ist Sohn des verstorbenen Fleischermeisters Tiepolo aus der ‚Calle Larga‘; in Venedig aufgewachsen, wo er jeden Pflasterstein kennen sollte; Adoptivkind des verstorbenen Conte d‘ Inceto.«

»Irgendwie und irgendwann bin ich mit ihm schon einmal aneinander geraten. Was war es nur?«

»Ich kann dir da auch nicht weiterhelfen. Am besten, denke ich, wäre es, wir ließen uns zur Metzgerei bringen, um uns einerseits die Bude, andererseits die dort noch lebende Frau Mama zu Gemüte zu führen. Noch steht uns ein Wenig Tageslicht zur Verfügung. Machen wir uns auf den Weg!«

»Einverstanden«, knurrte Marcello, »besser heute als morgen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, und ich schlage vor, Volpe und der Doktor kommen mit. Sie sind ja ohnehin in die Sache verwickelt und haben uns ein paar kleinere Tipps gegeben, die durchaus nützlich waren. Ich denke, sie haben einen gewissen Anspruch auf einen Teil der 20.000 Euro, die als Belohnung zur Ergreifung des Würgers von Venedig ausgesetzt sind.«

Ich blickte Volpe an. Er grinste breit und nickte. Ich erklärte unsere Bereitschaft, die beiden zu begleiten.

»Bevor wir los ziehen, muss ich noch die Leute von den Zeitungen informieren, damit wieder Ruhe unter das Volk kommen kann«, sagte Marcello.

Gemeinsam traten wir also vor die Traube der Reporter, die uns erwartungsfroh entgegen sahen. Marcello nahm das Wort und sagte mit feierlichem Ernst:

»Meine sehr verehrten Herren, ich kann euch eine Botschaft der Freude übermitteln: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir den Würger von Venedig verhaftet. Dieser Erfolg ist vor allem der Umsicht, Entschlossenheit und Energie meines geschätzten Tenente di Fusco zu verdanken. Freilich wollen wir hierbei die Hilfe, die uns Signore Giuseppe Tartini hat angedeihen lassen, auch nicht verschweigen. Doktor Petrescu sei ebenfalls herzlich gedankt! Jeder hatte seine eigenen Methoden, den Fall zu lösen, und erst der Vergleich der Ergebnisse erbrachte die Überführung des Täters.«

»Dürfen wir wissen, wer der Mörder ist?«, fragte Scimmia.

»Italien ist ein Rechtsstaat. Wir dulden keine Vorverurteilung. Daher bitten wir um Geduld, bis morgen. Um die Mittagsstunde, hoffe ich, kann ich Näheres mitteilen. Vielen Dank, meine Herren. Erfüllt jetzt eure Pflicht und unterrichtet das Volk, dass der Mörder hinter Gittern sitzt.«

Nachdem er dies gesagt hatte, stürmte alles, was den Namen ‚Reporter‘ trug, aus dem Haus, um sich in alle vier Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Wir warteten noch eine Zeitlang, bis Ruhe eingekehrt war, um uns dann in die Schluchten der Stadt zu begeben. Ziel war die ominöse ‚Calle Larga Doge Priuli‘.

Sofort begannen wir damit, Pflaster zu treten. Meine Füße, so wollte es mir vorkommen, waren zu einer einzigen Schwellung entartet. Mühsam humpelte ich hinter den anderen her, bis wir das gesuchte dreistöckige Haus mit seiner grell erleuchteten Metzgerei erreichten. Sie war im Gewölbe des Erdgeschosses untergebracht. Wir gingen in den Laden hinein.

Ein dicker Mann in Schürze stand vor dem Hackklotz, ohne uns zu bemerken und zerteilte Fleisch in kleinere Portionen. An den Haken vor einer gekachelten Wand hingen mit dem Kopf nach unten wie Perlenschnüre die Würste; daneben der Schinken eines Schweines. Ambrosio räusperte sich hörbar. Der Metzger fuhr herum und sah erstaunt auf uns vier Männer, war er es doch gewohnt, meist nur Frauen an der Theke zu begrüßen:

»Was darf’s sein, Signori?«, fragte er freundlich.

»Capitano Marcello und Tenente di Fusco von der Stadtwache«, sagte Ambrosio barsch und richtete sich stramm auf.

»Ach, so ist das«, sagte der Metzger erbleichend, »ihr seid gekommen, um mich zu kontrollieren. Nun, ich habe nichts zu verbergen. Womit kann ich dienen?«

»Wir sind ausnahmsweise einmal nicht gekommen, zu überprüfen, was in deiner Wurst so alles untergebracht ist. Heute geht es uns um andere Dinge, die wir wissen wollen: Oben in diesem Haus«, sagte Marcello, »wohnt die verwitwete Frau deines Vorgängers, nicht wahr?«

»So ist es. Signora Maria Augusta Tiepolo. Ihr gehört das ganze Gebäude. Ich bin nur Mieter.«

»Gut«, sagte Marcello, »dann solltest du auch den Sohn deiner Vermieterin kennen?«

»Natürlich! Er heißt Raimondo, adoptierter d‘ Inceto und ist ihr Ein und Alles. Kaum ein Tag vergeht, an dem er ihr nicht seine Aufwartung macht. Es ist, einmal abgesehen von seinem Hang zum Jähzorn, ein reizender Junge und seiner Mutter sehr zugetan. Er hätte das Geschäft hier vom Vater übernehmen können, aber weder er noch seine Mutter mögen mein Handwerk, und ich denke, er ist dafür auch nicht geeignet. Warum ihn der Graf adoptiert hat, weiß ich nicht. Jetzt hat er Geld wie Heu.«

»War Raimondo auch gestern hier?«

»Darauf habe ich nicht geachtet. Er kommt so oft, dass man es kaum noch zur Kenntnis nimmt. Niemand achtet mehr auf ihn, wenn er hier erscheint, ja, man könnte ihn sogar für einen Unsichtbaren halten.«

»Wie lange warst du gestern noch im Laden.«

»Bis zur gegen 21. 00 Uhr. Dann habe ich geschlossen und bin nach Hause gegangen. Ich wohne nicht hier; ich lebe unten in einem Hinterhaus an ‚Strada Nuova‘.«

»Schade, wirklich schade!«, murmelte Marcello.

Wir bedankten uns beim Fleischermeister für die Auskünfte und begaben uns durch die doppelflügelige Tür hinein in den spärlich erleuchteten Hauskorridor.

Im Unterschied zum Palast des Raimondo und der Cornelia war das Treppenhaus hier schmaler, die Stufen steiler, die Türen enger, die Luft dumpfer und von Küchengerüchen geschwängert. Kein Läufer dämpfte unsere Schritte auf dem ausgetretenen Sandstein; billige Pappkartons mit den Namen der Wohnungsinhaber ersetzten die Messingschilder, kurz: Wir waren in einem herunter gewirtschafteten Mietshaus gelandet. Noch standen wir unschlüssig im Dämmerlicht, als Marcello lautstark »ich hab‘s« rief. Volpe fragte ihn, was das sei. Er flüsterte:

»Es ist schon über ein Jahr her, da ist dieses Muttersöhnchen mit einer Frau in Streit geraten. Worum es ging, konnte nicht ermittelt werden. Jedenfalls hat sie dieser Wüterich auf offener Straße zusammengeschlagen. Wären ihm nicht einige Passanten in den Arm gefallen, wer weiß? Vielleicht hätte er sie noch umgebracht. Es kam aber zu keinem Prozess. Die Frau zog die Anzeige zurück, nachdem sie ein fürstliches Schmerzensgeld erhalten hatte, und das war’s, woran ich mich vorhin vergeblich zu erinnern suchte. Wir mussten den gewalttätigen Mann freilassen.«

»Verdammt vielsagend«, sagte Volpe, und wir setzten unseren Weg treppauf fort. Erst im dritten Obergeschoss fanden wir den richtigen Eingang und lasen auf dem Schild, dass hier eine Signora Tiepolo wohne.

Mangels einer Klingel klopften wir an. Es dauerte ein Wenig, dann öffnete sich die Tür knarrend. Vor uns stand eine schmale Frau, die erheblich jünger war, als wir uns das vorgestellt hatten, dezent in ein hübsches langes Gewand gehüllt, fein geflochtene Sandalen an den Füßen und musterte uns neugierig:

»Was wollt ihr von mir, Signori?«

»Ich bin Capitano Marcello von der Stadtwache, und das ist mein Mitarbeiter di Fusco. Ferner sind Giuseppe Tartini und sein Freund mitgekommen. Wir müssen Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Dürfen wir eintreten?«

»Und Sie wollen wirklich zu mir, einer schwachen Frau, und das gleich ganze vier Mann hoch?«

Es war jetzt an mir, dem erfahrenen Arzt, sie einzuschätzen. Meine Blicke glitten aufmerksam an ihr auf und ab:

Sie war Anfang vierzig, sah gut aus; etwa so groß wie ich; dunkle Augen; schlank und rank; dennoch von weiblicher Figur, und mit ihren Rundungen das Gegenteil der kaum jüngeren Schwiegertochter; aber nicht so blond wie ihr Sohn, eher brünett, das kurz gehaltene, von der Brennschere gewellte Haar mit einigen Silberfäden durchwirkt. Sie mochte einst als Schönheit gegolten haben, denn auch jetzt noch machte sie Eindruck auf mich. Der Sohn, dem sie in jugendlichem Jahre das Leben geschenkt hatte, war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte das feine Antlitz der Mutter geerbt.

»Wenn es denn sein muss«, seufzte sie, »dann kommen Sie herein in die gute Stube!«

Wir folgten ihr. Sie knipste eine Deckenleuchte an, um das Dämmerlicht zu verscheuchen, bot uns Sitzgelegenheiten an und setzte uns mit Wasser verdünnten Wein vor. Ihre Wohnung war klein, aber geschmackvoll möbliert und reinlich. Wenn sie etwas von den Umtrieben des Sohnes wusste, verstand sie es hervorragend, dies zu verbergen. Fragend sah sie nun von einem von uns zum anderen. Volpe sagte:

»Liebe Signora Tiepolo, wann haben Sie Ihren Sohn das letzte Mal gesehen? War es nicht vergangene Nacht?«

Das Wort »Sohn« aus dem Mund meines Freundes genügt, sie empört empor springen zu lassen:

»Was will die Polizei von meinem Sohn?«

»Wir wollen wissen, ob er in der vergangenen Nacht hier war oder wann er Sie zuletzt besuchte«, knurrte Ambrosio.

»Wieso? Warum soll ich ihn in der Nacht gesehen haben?«

»Ich nehme doch an, dass er seine Mutter hin und wieder mal besucht«, sagte ich, »und wann war es das letzte Mal?«

»Er besucht mich sehr oft, manchmal täglich.«

»Bringt er dabei auch seine Frau mit?«

»Das geht euch einen Dreck an! Dazu sage ich nichts.«

Trotzig blieb sie stehen und schleuderte giftige Blicke um sich. Wir blieben gelassen sitzen und betrachten uns in aller Muße die Bilder an den Wänden, welche unverkennbar die Handschrift des Verhafteten trugen. Dann sprang Volpe mit einem Riesensatz aus dem Sessel und fuhr die Ärmste an:

»Geben Sie es doch zu, er war letzte Nacht hier!«

»Ich pflege nachts zu schlafen«, giftete sie ausweichend, »und von daher keine nächtlichen Besucher zu empfangen. Und ich will jetzt endlich wissen, wohin diese Befragung zielt. Dies hier ist meine Wohnung. Und wenn man mich nicht besser behandelt, verweigere ich jede weitere Auskunft und weise Ihnen die Tür. Also, was ist? Was wollen Sie von mir? Haben Sie einen Haftbefehl in der Tasche?«

Marcello erhob sich auffällig langsam und sagte dann mit besänftigendem Tonfall:

»Cara Signora Tiepolo, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Sohn verhaftet haben. Er steht im dringenden Verdacht, in den letzten vier Nächten vier Frauen ermordet zu haben. Was sagen Sie dazu? Was wissen Sie darüber? Hat er mit Ihnen darüber gesprochen? Heraus mit der Sprache!«

Feurige Röte schoss jetzt über ihr Gesicht. Sie zitterte am gesamten Körper. Nur mühsam unterdrückte sie einen Tobsuchtsanfall. Mir wollte das Ganze eher wie ein Theaterstück vorkommen, das sie gerade zum Besten gab.

»Und Ihr habt es gewagt, meinen Raimondo zu verhaften? Diesen lieben guten Jungen? Er kann doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Hier, seht einmal her!«

Sie holte ein Fotoalbum aus dem Regal und blätterte es auf. Seite um Seite war ein wunderschöner kleiner Junge zu sehen, ein Bildchen hübscher als das andere, stets ein niedliches blondgelocktes Kind zeigend. Neugierig beugten wir uns darüber. Sie flüsterte liebevoll:

»Schaut doch einmal, was mein süßer Raimondo für ein netter Junge ist. Wenn ihr das seht, könnt ihr solche Ungeheuerlichkeiten doch gar nicht mehr wiederholen.«

Mich beeindruckte das freilich kaum. Wie oft schon hatte ich verzweifelte Eltern in meiner Praxis erleben müssen, die mir da ihr Leid klagten, indem aus einem ungewöhnlich süßen und lieben Kind mit Eintritt der Pubertät ein Ungeheuer wurde.

Sogar die Behauptungen von der Art, wenigstens die kleinen Kinder seien noch Unschuldslämmchen, sind zurück zu weisen. Vielen solch kleiner Bestien ist das, was ich als Arzt und Psychologe ‚Empathie‘ nenne, nicht gegeben. In manchen Kindergruppen ginge zu wie im Krieg, wenn man ihnen nur Waffen in die Hände gäbe. Goldings verfilmter Roman ‚Lord of the Flies‘ zeigt dies höchst eindrucksvoll; ich flüsterte:

»Gute Frau Tiepolo, das ist ja alle schön und gut, tut aber nichts zur Sache. Der Mensch kann sich ändern. Wir müssen wissen, ob Ihr Sohn letzte Nacht, kurz nach Mitternacht, hierher zu Ihnen gekommen ist; ja oder nein?«

»Nein, tausend mal nein!«, schrie sie aufgebracht, »wie oft soll ich Ihnen das denn noch sagen?«

»Und wann war er letztmals hier?«, fragte di Fusco.

»Das weiß ich nicht. Ich führe darüber nicht Buch.«

»Sie erinnern sich also an keinen Besuch in letzter Zeit?«

»Nein, an keinen einzigen.«

»Ein anderes Thema«, brachte sich nun Volpe ein, »war Ihr Sohn als Kind irgendwann einmal schwer krank?«

»Nur ein zwei Kinderkrankheiten. Er hat sie allesamt gut überstanden. Und wenn Sie mich für dumm verkaufen wollen, großer Detektiv, dann sind Sie auf dem Holzweg. Sie wollen doch nur hören, dass mein Raimondo seit irgendeiner Erkrankung geistesgestört ist, oder nicht?«

Volpe schwieg. Ich sah ihn leicht erröten. Er hatte gegen die kluge Frau den Kürzeren gezogen. Marcello mischte sich nun ein und nahm das Heft in die Hand:

»Ihr Sohn hat eine gewisse Contessa Cornelia di Malatesta geheiratet. Das war vor fünf Jahren. Seine künftige Frau war damals bereits, äh, vierunddreißig Jahre alt, eine ungewöhnliche Verbindung, denke ich, nicht wahr? Und wie alt waren Sie, verehrte Signora Tiepolo, damals, als diese Ehe geschlossen wurde?«

»Dreiunddreißig. Ich bin eine sehr junge Mutter.«

»War Ihr Mann, il macellaio (Metzger) signore Tiepolo, damals schon tot? Wenn ja, woran ist er gestorben?«

»Schon seit zwei Jahren. Man hatte mich an einen alten Knacker verschachert. Ich habe ihn gehasst. In Gedanken ekle ich mich noch heute vor ihm ob seiner widerlichen Gelüste.«

»Woran ist er gestorben?«

»Er hat verdorbenes Fleisch gegessen, rohes Fleisch, wie das als ‚macellaio‘ seine abscheuliche Gewohnheit war. Als Fleischermeister hätte er es besser wissen müssen, aber er war nicht allzu intelligent, nein, er war ein Dummkopf.«

Volpe warf mir einen bestimmten Blick zu. Ich wollte etwas sagen, aber er hielt sofort den Finger vor die Lippen, und schon setzte Marcello das Verhör fort:

»Gab es dazu eine Untersuchung? Eine Obduktion?«

»Nein, natürlich nicht. Der Hausarzt stellte den Totenschein aus, das war’s. Wen in aller Welt kümmert es schon, wenn ein ältlicher Metzger abkratzt? Zu alltäglich für die Regenbogenpresse. Mein Sohn und ich haben ihm nicht nachgetrauert. Wir haben ihn einäschern lassen, und dann hatte ich die Chance, meinen Raimondo in den Adel aufsteigen zu lassen.«

Volpe grinste bei ihren Worten so boshaft wissend, als ob er der Frau einen Giftmord unterstellte, den zu ahnden man damals leider versäumt hätte. Die Signora bemerkte das und nickte ihm bitterböse lächelnd zu, als wollte sie sagen, dass es nun leider für ein Verfahren zu spät sei. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Für fünfzehn Sekunden herrschte tiefes Schweigen, unterbrochen nur vom Hacken der Standuhr. Dann nahm Marcello das Wort:

»Wie alt war Ihr Mann, als er starb.«

»Fünfundfünfzig.«

»Dann war er ja um Jahre älter als Sie.«

»Man hat mich nicht gefragt, ob ich ihn heiraten wollte. Ich hatte keine Eltern mehr, und meine geldgierige Verwandtschaft, diese widerlichen Schweine, wollte mich versorgt sehen.«

Marcello schüttelte bedauernd den Kopf:

»Nun, lassen wir dieses Thema, lassen wir die Toten ruhen und kommen wir auf die Hochzeit Ihres Sohnes zurück: Waren Sie damit einverstanden, dass er diese Frau heiratete, diese Contessa Cornelia di Malatesta aus Rimini?«

»Bedauerlicher Weise ja. Ich habe mich sogar dafür stark gemacht, in meiner damaligen Verblendung.«

»Haben Sie diese Eheschließung sogar arrangiert?«

»Gewiss! Cornelia stammte aus einer steinreichen Adelsfamilie. Raimondo hatte sich erstaunlicher Weise in die Giftschlange verliebt. Sie war seine erste und einzige Geliebte. Aber das hat heutzutage nichts mehr zu sagen.«

»Darf ich davon ausgehen, dass Sie von Ihrer, äh, Schwiegertochter, äh, bitter enttäuscht sind?«

»Darüber sage ich nichts. Das Intimleben meines Sohnes geht niemanden etwas an. Er muss es selber wissen, ob und warum und wie lange er es noch mit dieser Hexe aushält.«

Marcello wusste jetzt nicht mehr weiter. Das Verhör hatte uns nicht voran gebracht. Volpe mischte sich ein und sagte:

»Haben Sie diese Ehe damals gefördert, weil Sie sich der Verlobten Ihres Sohnes überlegen fühlte, da sie nun einmal eine … äh … eine von allen anderen Männern sitzen gelassene, äh, bereits alternde, äh, Androgyne ohne weibliche Brüste war?«

»Davon wussten wir beide nichts«, rief Maria Augusta allzu heftig, »denn sie verstand es, ihre Mängel mit Hilfe raffiniert ausgestopfter Büstenhalter zu kaschieren. Mein Sohn begriff erst in der Hochzeitsnacht, was er sich da eingehandelt hatte. Sie haben seitdem getrennte Schlafzimmer. Raimondo hat dieses Dreckweib unberührt gelassen. Sie ist eine alte Jungfer, hihihi.«

»Ach, und das hat er Ihnen erzählt, einfach so? Und er hat, wenn ich das so sagen darf, seine ‚gatta in sacco‘ gekauft?«

»Warum auch nicht? Er hatte eben keine Erfahrung in solchen Dingen und kannte nur mich. Ich war die einzige Frau für ihn gewesen. Er hatte vor seiner Hochzeit keine Freundin gehabt, und zu den dreckigen Huren ist er auch nicht gegangen, niemals. Zu mir jedenfalls hat er grenzenloses Vertrauen, bis heute, und ich könnte dieses verfluchte Mannweib …«

»Was könnten Sie sie?«

»Ach, das ist doch gleichgültig, und mein Raimondo ist wirklich verhaftet und eingesperrt?«

»Er steckt in der Arrestzelle auf dem Revier.«

»Wird er nach Padua überstellt werden?«

»Wahrscheinlich. Sobald der Prozess eröffnet ist. Wir haben, glaube ich, genügend Beweise zusammen bekommen. Ferner hat ihn eine Frau, die den letzten Mord beobachtete, sofort wiedererkannt, aus einer Gruppe von insgesamt elf ähnlich aussehenden Männern heraus.«

»Die dreckige Hure lügt. Man hat ihr vorher schon gesagt, wen sie benennen soll. Ich kenne das. Immer diese falschen Schlangen. Darf ich mit euch aufs Revier kommen? Ich möchte meinen Sohn sehen. Ich möchte ihn umarmen.«

»Das will ich Ihnen nicht abschlagen«, sagte Marcello, und schon gingen wir samt der zornigen Frau die Stiege hinunter und durch die engen Gassen zurück aufs Revier, während unsere schöne Maria Augusta hektische Selbstgespräche führte, welche allesamt darauf hinaus liefen, dass sie es diesen Bullen schon noch zeigen werde. Schließlich sagte sie sogar:

»Ich werde an den Staatspräsidenten appellieren. Er wird es einsehen und befehlen, dass man meinen Sohn frei lässt.«

Noch zeterte und lamentierte sie, da waren wir schon angekommen. Marcello geleitete die Frau persönlich ins Gebäude hinein, wo uns eine unangenehme Überraschung erwartet:

Die Zeitungsreporter der Region samt an ihrer Seite klebenden Fotografen hatten sich sensationslüstern im Atrium zusammengerottet und warteten auf uns.

Kaum waren sie der Signora ansichtig geworden, als die Blitzlichter nur so aufflammten. Maria Augusta sah dies und stürzte sich wütend über sie, um ihnen die Kameras zu entreißen, und schon entbrannte die schönste Rauferei, in die sich Marcello kraft seines Amtes einmischte, um den weiblichen Wüterich in sein Amtszimmer zu bugsieren, wohin kurz zuvor auch der Conte gebracht worden war und auf sie wartete.

»Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben, lieber Raimondo, jetzt bin ich ja da«, sagte sie begütigend, während sich der Graf erhob, die Hände aneinander gefesselt.

»Haben die Schufte dir etwas getan, Mama?«, fragte er und mimte ein besorgtes Gesicht:

»Nein, mein Sohn. Mit mir ist alles in Ordnung. Aber sie besitzen kein Recht, dich hier festzuhalten. Ich werde mir Italiens besten Anwalt nehmen, und wenn ich darüber mein Haus verkaufen muss. Das lasse ich mir nicht gefallen.«

»Beruhige dich doch, Mama«, sagte Raimondo, »alles ist nur halb so wild. Es wird sich als Irrtum erweisen.«

»Was heißt hier Irrtum? Du bist freier Bürger eines freien Staates, und niemand hat das Recht, dich einzusperren. Weiß diese Cornelia wenigstens, dass du hier bist?«

»Sie weiß es.«

»Warum ist sie nicht da?«

»Das musst du sie selber fragen.«

Ambrosio schaltete sich jetzt ein:

»Verehrte Signora Tiepolo, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Ich denke gar nicht daran. Ich bin empört. Niemand hat das Recht, meinen Sohn festzuhalten. Ich werde mich beschweren.«

Marcello brummte jetzt grimmig:

»Setzen Sie sich doch endlich hin und beantworten Sie mir die Fragen, die wir noch zu stellen haben, wenn Sie nicht über Nacht in der Zelle neben Ihrem Söhnchen eingesperrt werden wollen.«

»Ist mir doch alles gleichgültig!«

Und schon war sie zu Raimondo hinüber gegangen, um ihn gründlich abzuküssen.

»Fürchte dich nicht, mein Kleiner, ich kümmere mich um dich und sorge dafür, dass du hier heraus kommst. Ich gehe jetzt, um den Anwalt aufzusuchen.«

Dann hasserfüllt zu uns:

»Und Fragen beantworte ich keine mehr, keine einzige. Ich bin lange genug verhört worden, als wäre ich eine Verbrecherin. Man hat mich wie den letzten Dreck behandelt. Ich werde das dem Herrn Staatspräsidenten melden. Noch gibt es Gesetze!«

Mit verächtlich herunter gezogenen Mundwinkeln schritt sie an uns vorbei und strebte den Ausgang an:

»Sollen wir sie gehen lassen?«, fragte der Tenente.

»Gewiss doch«, antwortete Marcello, »wir wissen ja jetzt, wo wir dran sind …«

»Ja«, sagte ich seufzend, während Maria Augustas Wutgebrüll zu uns herein brandete, das sie über den Zeitungsleuten hernieder prasseln ließ, »dieser traurige Fall ist, Gott sei es geklagt, pathologisch und psychotisch, leider; einfach scheußlich.«

Volpe nahm jetzt das Wort und sagte zum Conte:

»Ihre Mutter scheint Sie ja abgöttisch zu lieben.«

»Ich war von Geburt an ihr Ein und Alles. Meinen Vater hat sie verabscheut. Sie hatte dann nur noch mich. Weitere Kinder sind ausgeblieben. So ist das.«

»Wissen Sie noch, was für ein Mensch Ihr Vater war?«

Der Graf knirschte mit den Zähnen und schwieg.

»Dann war Ihre Mutter nicht glücklich mit ihm, oder?«

Der Conte lief knallrot an. Er zischte zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor:

»Wie kann man einen schmutzigen Fleischer lieben?«

»Hat sie sich geschämt, einen Metzger zum Mann zu haben?«

»Sie stammt aus guter Familie, aber ihre Eltern haben das Vermögen verspekuliert und brachten sich dann um. Die Verwandten, denen sie auf der Tasche lag, wollten sie los sein und haben sie an diesen Fleischer verhökert, einen Mann mit gut gehendem Geschäft und eigenem Haus.

Ansonsten, meine Herren, wäre es besser, meine Mutter und meine Frau aus dem Spiel zu lassen. Ich weiß doch ganz genau, worauf Sie hinaus wollen, wenn Sie einen Gegensatz zwischen den beiden konstruieren. Verhören Sie mich, solange Sie wollen, aber lassen Sie die beiden Frauen in Ruhe!«

»Gut, schön«, sagte Volpe und legte die Fingerspitzen aufeinander, »Ihr Wunsch sei uns Befehl. Doch kommen wir zunächst noch einmal auf Ihren Poncho zurück:

Der Mörder der vergangenen vier Nächte trug stets einen solchen Kapuzenumhang, das ist sicher. Der Schneider bezeugt, nur Ihnen einen solchen geliefert zu haben. Ein Fetzen blieb beim letzten Überfall in der Hand der Getöteten. Er passt exakt in den Saum des Ponchos, den wir einem Obdachlosen am Canal Grande abkauften. Wollen Sie leugnen, dass es Ihr Umhang ist?«

»Er ist es nicht. Beweist mir das Gegenteil!«

»Gut«, sagte Volpe seufzend, »dann berichten Sie uns lückenlos, was Sie in den vergangenen vier Nächten getan haben!«

»Ich war im Studio.«

»Ihre Frau und die Zofe konnten das nicht bezeugen.«

»Ich pflege alleine und in aller Stille zu arbeiten.«

Volpe zuckte mit den Schultern und schwieg. Auch ich wusste jetzt nicht weiter. Ob die Geschworenen mit den bislang gesammelten Beweisen zufrieden sein würden? Ich hatte da meine Zweifel. Ein guter Anwalt konnte unsere Argumente als Vermutungen ausgeben. Raimondo war ein harter Gegner, auch wenn er jetzt in sich zusammengesunken auf dem Stuhl hockte. Er war müde. Wir alle waren müde. Marcello raffte sich dann auf, noch eine Frage zu stellen. Geradezu beiläufig und wie ein verständnisvoller Vater sagte er, zum Du übergehend:

»Nicht wahr, Raimondo, du bist ein todunglücklicher Mensch.«

»Warum sollte ich unglücklich sein?«

»Seit du entdeckt hast, dass du anders warst als deine Altersgenossen, als all die anderen Jungs, die ganz verrückt auf Abenteuer mit Mädchen waren, also ab Eintritt der Pubertät.«

Raimondo begann am ganzen Leib zu zittern. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er tat spöttisch und sagte:

»Was sollte an mir schon anders sein als bei anderen Männern?«

»Nun, als du noch ein ganz, ganz junger Mann warst … und feststelltest … dass du … und die Mädchen … und das war ganz anders, als bei deinen Kameraden, die verrückt auf Mädchen waren, an denen du kein Interesse hattest, nicht wahr?«

Er blickte den Gefesselten durchdringend an. Er wusste, dass es jetzt nur noch des richtigen Wortes bedurft hätte, um den ältlichen jungen Mann zum hemmungslosen Heulen zu bringen, aber das rechte Wort fiel ihm nicht ein. Marcello hätte nur sagen müssen, »mein lieber, guter Junge, ich verstehe dich, und du tust mir leid. Was hat man dir nur angetan!«

Stattdessen murmelte er schulmeisterlich belehrend:

»Unser guter Doktor könnte es besser erklären als ich. Sie sind nicht verantwortlich für das, was sie tun … nicht zurechnungsfähig und brauchen sich nicht vor Gefangenschaft und lebenslanger Haft zu fürchten.«

Der Graf richtete sich trotzig auf und fauchte:

»Ich brauche nichts und niemanden zu fürchten. Ich bin unschuldig und das Opfer einer Verwechslung oder unerklärlicher Umstände. Ich habe schon viel zu viel gesagt. Ab sofort verweigere ich die Aussage und überlasse alles meinem Anwalt, und dabei bleibt es.«

Marcello, dieser alte Hase in allen möglichen Verhören, begriff, dass er durch seinen eigenen Fehler der Befragung des Verdächtigen ein Ende bereitet hatte. Achselzuckend läutete er nach dem Amtsdiener, der den Conte in den Kerker zurück bringen sollte. Bereitwillig stand dieser auf und wollte schon gehen, als Volpe ihm noch zurief:

»Warten Sie, Raimondo! Eine letzte Frage!«

Der Verhaftete blieb stehen und musterte meinen Freund verächtlich. Dann sagte er:

»Ich werde nichts mehr antworten.«

»Das wollen wir erst noch sehen«, sagte Volpe, »denn meiner Meinung nach haben Sie diese, äh, Cornelia di Malatesta nur deshalb geheiratet, weil sie in der oberen Körperhälfte ein Mann ist, ein schöner Mann, nicht wahr, und Ihre Mutter lügt, wenn sie sagt, Sie hätten es erst in der Hochzeitsnacht erfahren.«

Weiter kam mein Freund nicht, denn der Graf stieß ein tierisches Heulen aus, dem der Hyäne ähnlich, und stürzte sich über meinen Freund, um ihn wie eine Bestie anzufallen, obwohl seine Hände gefesselt waren. Zwei Polizisten warfen sich auf ihn, um ihn zu bändigen. Wie eine Raupe, die unter die Ameisen geraten ist, wand und drehte er sich unter dem Zugriff der Beamten und trat nach ihnen, Schaum vor dem Mund. Volpe kicherte und sagte, als das irre Kreischen des Grafen abgeebbt war:

»Bis zur Eheschließung, lieber Conte, waren Sie ein echtes Muttersöhnchen, waren Sie im Grunde mit der Mutter verheiratet und wurdest von ihr gegängelt, aber durch die Hochzeit mit Cornelia sind Sie vom Regen in die Traufe geraten, denn die unschuldige ‚Androgyne‘, die Sie liebte, musste bald begreifen, dass Sie immer noch mit der Mama verbandelt und ihr hündisch Untertan waren, und dass mit Ihnen, Herr Graf, im Bett nichts anzufangen war, weil Ihre Bestrebungen und Triebe auf das eigene Geschlecht gerichtet sind.

Daher verachtete und unterdrückte die Contessa Sie in gleicher Weise, bis Ihr Hass, Raimondo, Ihr Hass auf sämtliche Frauen alle Grenzen überstieg. Weil Sie aber weder, wie einst Kaiser Nero, zum Muttermörder werden konntet noch es wagtet, wie dieser auch noch Ihre Frau umzubringen, haben Sie sich an Dritten gerächt und vier von ihnen ermordet. Wollen Sie das leugnen?«

»Lügen, Lügen, alles nur Lügen«, kreischte der Graf wie von Sinnen, »und die hast du alleine aufgetischt, du verfluchter kleiner privater Schnüffler, du elendes Würstchen und Wichtigtuer. Warte nur, das zahle ich dir heim. Nicht lange, und ich werde dir den Schädel einschlagen, du Ratte! Du räudiger Hund! Du dreckiges Schnüffelschwein! Ich bringe dich um!

Raimondo ging die Puste aus. Keuchend hing er in den Armen der beiden Wachmänner, die ihn untergehakt hatten:

»Hihihi«, tönte Volpe, »den Tod haben mir schon andere angekündigt, aber noch lebe ich. Wie auch immer, mein Jüngelchen, zum Einen haben wir uns dein beschädigtes Bowie Knife gesichert, mit der du deine Opfer gemeuchelt hast, und es war sogar noch Blut daran, du dummer Anfänger! Was glaubt du wohl, wird die Untersuchung erbringen, he?«

Ich darf Volpes Rede an dieser Stelle tadelnd unterbrechen. Es war nämlich keinerlei Blut am Dolch zu finden. Volpe log, um den Mörder in die Enge zu treiben. Durfte er das? Heiligt der Zweck die Mittel? Nun, ich will das hier nicht entscheiden und rasch den Rest seiner flammenden Rede wiedergeben.

»Zum Zweiten haben wir deinen Umhang in Verwahrung genommen. Der einzige Schneider, der so etwas in letzter Zeit aus schwarzer Seide mit eingewebtem grauen Faden fertigte, hat ihn nachweislich an dich verkauft. Der Fetzen, den dein letztes Opfer heraus gerissen hatte, passt genau hinein. Wenn du es immer noch abstreitest, der Besitzer zu sein, so lügst du.

Zum Dritten hat dich die Zeugin wiedererkannt. Zum Vierten: Du warst wie vom Erdboden verschluckt, als der Doktor und ich dir folgten, und welch Zufall! Genau an dieser Stelle entdeckten wir das Haus deiner abgöttisch geliebten Mutter.

Ich kommen zum Fünften: Du hast für keine einzige der vergangenen Nächte ein Alibi. Das kann kein Zufall sein, und du weißt ganz genau, dass deine Mutter lügt. Wir werden sie notfalls Tag und Nacht verhören, bis sie alles zugibt, bis sie endlich gesteht, dass du nach den vier nächtlichen Morden jedes Mal bei ihr Unterschlupf fandest. Sie war deine Komplizin, und darauf steht jahrelanger Knast.

Doch warum hast du diese vier Morde begangen? Auch das lässt sich leicht beantworten: Weil du ein Feigling bist. Weil du ein Schwächling bist. Weil du ein Weichling bist. Weil du dich im Bett vor den Frauen fürchtest, du von dir selbst ernannter Künstler, der du in Wirklichkeit ein Stümper bist, du hündisch ergebener Sklave deiner Mutter, du hasserfüllter Sklave deiner schönen ‚Androgyne‘ Cornelia!

Nachdem du den ersten Mord hinter dich gebracht hattest, fühltest du dich stark, fühltest du dich vorübergehend mächtig. Jetzt endlich war der Mann in dir erwacht, aber ach!

Ganz gleich ob zuhause bei Cornelia oder in der Wohnung der Mutter, überall holte dich deine alte Rolle wieder ein, und so war es logisch, dass du weiter töten musstest. In Wirklichkeit ermordetest du doch jedes Mal deine Frau und noch viel mehr deine Mutter, das ist die Wahrheit, und wenn du jemals wieder in Freiheit kämest, müsstest du weiter morden, müsstest du dich weiterhin an wehrlosen Frauen vergreifen, um dir selbst hinweg zu helfen über das Wissen um deine grenzenlose Minderwertigkeit, nicht wahr?«

Der innere Widerstand des Grafen brach jetzt vollends in sich zusammen. Er knirschte mit den Zähen, heulte, wimmerte, röchelte und gurgelte nur noch. Er wäre sofort auf den Estrich gestürzt oder hätte sich einfach fallen lassen, wenn ihn die beiden Männer nicht aufrecht gehalten hätten. Seine Augen zeigten den irren Blick des Wahnsinnigen. Der Mund klappte mehrfach auf und zu, ohne dass er noch ein Wort herausbrachte, um dann halb offen zu verharren, während die Lippen wie flatternde Schmetterlinge zu zittern begannen.

»Abführen!«, dröhnte der Bass des Marcello in diese schaurige Szene hinein, »ich erkläre die heutige Vernehmung für beendet. Morgen ist auch noch ein Tag. Jetzt ist es schon spät in der Nacht. Ich wünsche euch allen eine gute Ruhe. Morgen werden wir sehen, wie es weiter geht.«

Als Raimondo wieder in die Zelle gesperrt werden sollte, schickte Volpe ihm ein paar aufmerksame Blicke hinterher, die in einem versonnenen Lächeln endeten, als der Mörder noch einmal Kehrt machte, um Volpes Blick zu erwidern und kurz nickte. Danach schloss sich die eisenbeschlagene Pforte hinter ihm.

Mir war nichts Besonderes aufgefallen, aber ich kannte ja die Methoden des Freundes. Daher fragte ich ihn umgehend, was daran so interessant gewesen sei. Aber er sagte nur, wir müssten jetzt möglichst bald schlafen gehen, denn bereits kurz nach Sonnenaufgang werde Ambrosio bei uns vorsprechen. An ein langes Ausschlafen sei also nicht zu denken.

»Aber der Tenente hat uns doch gar keinen Besuch angekündigt«, flüsterte ich ihm ins Ohr.

»Und dennoch wird er zur Stelle sein und gleich zwei Gründe dafür haben«, sagte mein Freund und erhob sich vom Sitz. Dann entfernten wir uns eilig. Volpe tänzelte vor mir Jammergestalt daher und pfiff ein Liedchen. Ich verfluchte seine gute Laune, stellte nun keine weiteren Fragen mehr und folgte ihm mühsam humpelnd, stöhnend, jammernd und klagend nach Hause.

»Ich bin Arzt und kein Langstreckenläufer.«

»Aber das waren doch höchstens zwanzig Meilen (30 km.), die wir heute zurückgelegt haben«, entgegnete Volpe und beschleunigte seine Schritte. Schon waren wir auf dem ‚Campo SS. Giovanni e Paolo‘ angekommen.

Volpe rief dem Colleoni ein »buona sera, cavaliere« zu. Dann eilten wir zu seiner Hütte. Ich Stinktier ließ mich auf die erstbeste Liege fallen, ohne das Schlafzimmer aufzusuchen, um unverzüglich einzuschlafen, während sich Volpe durch nichts auf der Welt davon abbringen ließ, eine Zeitlang genüsslich unter der Dusche zu stehen und erst die heißen, dann die kühlen Fluten an sich hernieder brausen zu lassen. Er nennt so etwas ‚Disziplin‘, ich bezeichne es als Wahnsinn.

12. Teil: Überraschung nach der fünften Nacht

Wie lange und wie fest ich geschlafen hatte, weiß ich nicht. Wie betäubt muss ich gelegen haben, fest mit dem Polster verwachsen, und nur so viel steht fest: Während die Sonne ihre ersten Pfeile über der erwachenden Stadt verschoss, nachdem sie mühsam über der östlichen Adria aufgegangen war, wurde ich mit dem Ruck des Sturzes in einen Abgrund aus dem tiefsten Schlaf gerissen. Volpe hatte mich geweckt und schnaubte:

Details

Seiten
670
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937725
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
venedig-krimis volpes fälle
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Titel: 4 Venedig-Krimis: Volpes Fälle