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Das Haus an der Ecke - Band 1

2020 475 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

DAS HAUS AN DER ECKE - BAND 1

Copyright

Klappentext

1. Das böse Erwachen

Die Hauptpersonen:

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2. Unerkannt von Freiern begehrt

Die Hauptpersonen:

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3. Auf dem Weg zur Rache

Die Hauptpersonen:

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4. Elenas Angst und Glück

Die Hauptpersonen:

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5. Ein heißer Tag im Haus an der Ecke

Die Hauptpersonen:

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6. Die Hochnäsige

Die Hauptpersonen:

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DAS HAUS AN DER ECKE - BAND 1

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Korrektorat: Christian Dörge.

Cover: Christian Dörge/123rf. Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext

Wer nach Hamburg zum Rotlichtviertel geht, muss das Eckhaus Nummer 7 kennenlernen. Die Bordellmutter Deike Borg herrscht dort mit Herz und Verstand. Ihr zur Seite steht Ida, die Köchin, sie sorgt nicht nur für das leibliche Wohl der Edelhuren, sie hat alle in ihr großes Herz geschlossen, auch wenn sie manchmal bärbeißig ist und schon mal laut wird...

 

Das Haus an der Ecke, Band 1 von G. S. Friebel enthält die ersten sechs Romane der Kult-Serie aus dem Rotlicht-Milieu: Das böse Erwachen, Unerkannt von Freiern begehrt, Auf dem Weg zur Rache, Elenas Angst und Glück, Ein heißer Tag im Haus an der Ecke und Die Hochnäsige.

 

 

 

 

1. Das böse Erwachen

 

 

 

Die Hauptpersonen:

Agnes Jansen - neue Tülle auf dem Straßenstrich, ist den anderen ein Dorn im Auge.

Martha Schuster - alte Dirne, fällt Ida in die Hände und landet in herrschaftlicher Villa.

Dazu die Personen vom Haus an der Ecke:

Deike Borg – leitet das Bordell

Marek – Großlude und Besitzer des Eckhauses, außerdem Ex-Lude und Ex-Geliebter von Deike

und lauter hübsche käufliche Mädchen

und Fritzchen, der Bobtail (gehört Eva-Maria, aber eigentlich allen Mädchen)

Walterchen, ein Junge, der kein Zuhause hat, und Ida, die Köchin – wohnen beide im Hinterhaus, gehören zur »Familie« dazu

 

 

 

1

Charly hätte fast verschlafen. Wenn seine Frau ihn nicht geweckt hätte, wäre er nicht mehr rechtzeitig in den Großmarkt gefahren. Dann hätte es für seine Kneipe nicht gut ausgesehen. Kein Wunder, dass er jetzt brastig und ziemlich hektisch durch die Gänge rannte.

»Verdammt, was hat meine Alte mir denn noch alles aufgeschrieben? Das nimmt ja kein Ende!« So fluchte er vor sich hin und hatte nur noch eins im Sinn, möglichst schnell zur Kasse zu kommen. Um diese Zeit kauften viele ein. Sie mussten ja rechtzeitig in ihre Geschäfte zurück. In der Regel öffneten die Läden ja um neun Uhr. Charly schob mit Wucht seinen Wagen um die Ecke. Sein Blick hing am Gemüse. Wenn er sich jetzt nicht sputete, hatte er noch das Nachsehen. Mit den Gepflogenheiten vollkommen vertraut, wusste er, dass die Nachlieferer erst in einer Stunde erschienen. Wenn jetzt alle Wirte und kleinen Geschäfte Brokkoli wollten, konnte er sich das von der Backe streichen. Mit anderen Worten, seine Frau würde ihm mal wieder einen Krach machen. Sie hatte sich heute in den Kopf gesetzt, davon eine Suppe zu kochen. Also musste das auch geschehen, zumal gestern schon die Speisekarten geschrieben worden waren. Charly sah noch ein paar andere Gestalten dem Gemüselager zustreben. Umso eiliger hatte es nun Charly, der Wirt aus dem Dirnenmilieu.

Da war es schon passiert.

Zwei Karren krachten zusammen. Das kam hier sehr häufig vor. In der Regel entschuldigte man sich und setzte dann seinen Weg zielsicher fort. Doch die Wucht des Zusammenpralls war hier so groß, dass von beiden Einkaufswagen eine Menge Sachen herunterpurzelten. Es waren ja keine Einkaufswagen wie in den Supermärkten, sondern es waren große, unförmige Karren mit einer Ladefläche, auf der eine Kuh oder mindestens doch eine halbe Kuh bequem verstaut werden konnte. Viele Gastwirte kauften ja halbe Schweine, und das Gemüse gab es nur kistenweise. Alles wurde hier in großen Mengen abgegeben. Darum hieß der Markt ja auch Großmarkt. Auch kleine Kisten gab es. Sie waren geöffnet. So konnte es passieren, dass Kohlköpfe und Putzmittel durcheinanderflogen, so wie jetzt im Gang bei dem Gemüse.

Charly wollte schon mordsmäßig zu fluchen anfangen. Ihm blieb aber das Wort im Halse stecken. Denn da war jemand, der das viel besser konnte.

»Du bekloppter Kerl! Kannst du nicht aufpassen? Hast wohl ein paar Schrauben locker! Los, bück dich schon, und heb meine Sachen auf! Ich denke im Traum nicht daran, mich zu bücken. Los schon! Worauf wartest du noch?«

Charly, der Wirt, war so verdattert, dass er sich doch tatsächlich bückte und alles brav einsammelte. Das war aber insofern nicht ganz einfach, als nämlich beide Wagen schräg standen und er im ersten Augenblick nicht mehr wusste, was jetzt auf seinen Wagen gehörte. Also kratzte er sich am Hinterkopf und blickte zu Boden. Da wurde er schon wieder angepfiffen. Jetzt packte ihn doch die Wut.

»Ich tu ja schon, was ich kann! Außerdem...« Jetzt plusterte er sich auf und starrte die Frau an. Er wollte gerade sagen, außerdem ist es nicht meine Schuld allein. Aber dieser Satz blieb ihm im Halse stecken.

Ida, der Donnerdrachen von der Strichstraße, stand leibhaftig vor ihm. Für gewöhnlich mochten sie sich gern, zeigten es natürlich nicht. Hin und wieder wackelte die Freundschaft auch, wie Ida ihren Mädchen vorzumachen versuchte. Wenn Ida Krach mit Charly hatte, durfte keine der Dirnen ein Wort mit Charly wechseln und schon gar nicht seine Kneipe aufsuchen. Das wurde hart bestraft. Für die Dirnen war es gar nicht so einfach, nach den Regeln zu leben. Ida hatte ständig mit irgendjemandem Ärger. Sie war eine ziemlich streitsüchtige Person. Zank war ein Lebenselixier für sie. Zum Glück sahen es die anderen Personen auch so. Ja, man konnte schon gar nicht mehr ohne dieses Geplänkel leben und freute sich darauf.

Der Kreislauf wurde regelrecht damit angekurbelt. Das beste Herzmittel war das sozusagen. Aber leider kam es auch mal vor, dass es Augenblicke im Leben gab, da einem der Sinn nicht nach Streit stand. So wie jetzt bei Charly.

Jetzt war so ein Moment. Charly hatte es nur eilig und wollte sonst gar nichts. Außerdem bemerkte er blitzschnell, dass auch Ida dem Gemüselager zustrebte.

»Hör auf«, sagte er wütend. »Ich bring schon alles wieder in Ordnung. Verdammt, feg nicht immer so mit deinem Wagen durch die Gegend! Du bist direkt eine Gefahr für die Menschheit.«

Das hätte Charly nicht sagen dürfen.

»Was?«, kreischte Ida auf. »Was bin ich? Da lachen ja die Ochsen auf der Weide. Ich und eine Gefahr? Hör mal, du Giftmischer! Deinen Fraß kann man als Gefahr für die Menschheit betrachten. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich Klage beim Gesundheitsamt einreichen. Jawohl! Dir hätte man schon längst den Kochlöffel abnehmen müssen!«

»Du alte Schrulle«, kreischte Charly. »Das ist doch die Höhe! Das geht zu weit! Das brauche ich mir nicht bieten zu lassen! Ich habe schließlich kochen gelernt, aber du nicht! Du bist eine angemieste Köchin!«

Idas Mund klappte zu. Angemiest? Das Wort hatte sie noch nie gehört. Also wusste sie auch nicht, was es bedeutete, aber bestimmt nichts Gutes. Dass Charly sich nur versprochen hatte, darauf kam sie gar nicht. So gab ein Wort das andere bei den zwei Streithähnen. Um sie herum begann man sich zu amüsieren. Schon wollte der Abteilungsleiter des Großmarktes dazwischenfahren. Doch als er sich endlich durch die Zuschauermenge geschoben hatte und Ida erkannte, zog er den Kopf ein und sagte zu den Umstehenden: »Das kann sich noch hinziehen!«

»Wieso unternehmen Sie denn nichts?« Der Chefkoch eines Superhotels begriff das nicht und wirkte ziemlich pikiert.

»Meinen Kopf ist mir das nicht wert. Die Dame kenne ich. Also, meine Herren, gehen Sie ruhig weiter!«

»Wird denn nicht gleich Blut fließen?«

Der Abteilungsleiter grinste stillvergnügt vor sich hin. »Wie sehr würde ’ch mir das wünschen«, dachte er inbrünstig.

Charly sah jetzt aus den Augenwinkeln, dass noch mehr Leute zu den Gemüsekisten fuhren. Er sah Ida an. Ida hatte sich gerade wie ein Maikäfer aufgeplustert.

»Brauchst du noch Gemüse?«, fragte er.

Ida glotzte ihn an.

»Häh?«, stammelte sie.

»Hör zu! Schreib mir deine Schimpfwörter auf, und schick sie mir mit der Post zu! Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Ich muss noch Gemüse einkaufen.« Charly sprach’s und sauste mit seinem Wagen los.

Ida blieb dicht auf seinen Fersen. Dabei hörte sie aber nicht auf, ihn zu beschimpfen. Wieder einmal musste sich der arme Charly anhören, was für ein erbärmliches Würstchen er doch sei und dass sie es ihm noch geben würde.

Es waren nur noch zwei Kisten Brokkoli vorhanden, Charly brauchte alle beide.

Ida wollte aber auch etwas von diesem Gemüse abhaben. So rissen sie sich gegenseitig die Kisten von der Karre. Es war köstlich! Keiner wollte nachgeben. Jeder behielt zum Schluss eine Kiste. Damit konnte im Grunde aber keiner viel anfangen. Für die Mädchen im Eckhaus war es zu wenig, für die Gäste bei Charly ebenfalls. Aber keiner der beiden wollte nachgeben. Sie zankten sich auch noch an der Kasse. Auch als sie die Waren verstauten. Sonst war Charly wohl mal Kavalier und half Ida mit den schweren Kisten. Doch jetzt machte er sich nichts daraus. Ida war sauer. Heute war sie allein hierhergefahren. Jetzt stöhnte und keuchte sie unter der Last. Aber auch das machte Charly nicht weich.

Ida war wütend wie zehn dicke Bullen zusammen. Wenn ihr jetzt noch etwas schiefging, würde sie platzen.

Charly grinste sie fröhlich an.

»Viel Spaß auch noch!«, rief er ihr zu.

Dann brauste er mit seinem Wagen davon. Ida klemmte sich voller Wut hinters Lenkrad und rührte wie wild in den Gängen herum. Ihre Fahrkünste waren ohnehin nicht die besten. Immerhin reichten sie aus, um zum Großmarkt zu fahren. Den Wagen hatten Deike und Ida dem Großluden aus der Nase gezogen. Als dieser begriff, wie wichtig es war, dass sie hier einkaufen gingen, hatte er ihnen das Fahrzeug geschenkt. Auch ein Großlude hat mal einen lichten Moment.

Ida stierte vor sich hin und bemerkte nicht, dass die Ampel auf Rot umschaltete. An der nächsten Ecke wurde sie prompt angehalten. Leider hatte Willy, der Polizist, hier Dienst. Als er Ida bemerkte, zog er den Kopf ein. Sein Begleiter zückte sogleich seinen Block.

»Die hat die rote Ampel überfahren«, sagte er stur.

Willy sagte feige: »Ich habe nichts gesehen!« Nach den vielen Kleinkriegen mit Ida war er mürbe und wollte sich nicht mehr mit ihr anlegen. Sie behielt doch immer das letzte Wort. An ihr war so etwas wie eine Volksschauspielerin verlorengegangen. Sie konnte so hingebungsvoll fluchen, und wenn das nicht half, so gekonnt die arme, alte, gebrechliche Frau spielen, dass den Umstehenden Mordgelüste in den Augen standen, den Polizeibeamten gegenüber, wohlverstanden! Willy hatte sich bereits dreimal mit Straßenpassanten prügeln müssen. Als er dann endlich, ein wenig lädiert, wieder auf die Beine gekommen war, hatte Ida längst das Weite gesucht.

Der junge Beamte, frisch von der Polizeischule, lechzte nach Strafzetteln. Er glaubte doch tatsächlich, wenn er genug davon zur Wache brachte, würde man ihn eher befördern.

Willy versuchte ihn zu bremsen. Aber er ließ sich nicht belehren. Schon wollte er Ida eine Strafpredigt halten und sie doch tatsächlich auch noch zum Unterricht zwingen. Sie konnten Autofahrern eine Nachschulung aufbrummen. Da kam er bei Ida aber gerade richtig. Sie griff nur mal kurz nach hinten und klopfte ihm einen Weißkohlkopf auf die Mütze. Er ging sofort in die Knie. Willy fing seinen jungen Kollegen gerade noch auf. Ida brauste indessen davon.

Der junge Beamte schrie sich die Kehle heiser.

»Tätlichkeit gegen einen Beamten!«, kreischte er. »Das muss bestraft werden! Wie war die Autonummer?«

Willy, der gemütliche Polizist, sagte nur: »Jungchen, lass man gut sein!«

»Was? Das wollen Sie ihr durchgehen lassen? Haben Sie denn nicht gesehen, was sie mir angetan hat? Kennen Sie diese Frau womöglich?«

»Klar kenne ich die. Gerade weil ich sie kenne, will ich nicht, dass du dir Ärger einhandelst.«

»Und wenn sie eine Ministerfrau ist, das ist mir Wurscht«, rief der junge Beamte erbost. »Ich werde sie anzeigen!«

»Wenn sie das nur wäre«, seufzte Willy, »dann wäre ja alles gar nicht so schlimm. Ja, dann würde ich sogar eifrig mitziehen und dir helfen, damit sie bestraft wird. Aber sie ist es leider nicht.«

Der junge Beamte blickte Willy verdattert an.

»Wer ist sie denn?», fragte er.

»Hast du schon einmal etwas vom Eckhaus Nummer sieben gehört?«

Der junge Beamte errötete leicht. Natürlich hatte er schon das Sündenviertel besucht, und zwar gleich nachdem man ihn nach Hamburg versetzt hatte. Mit sechs Freunden waren sie eines Nachts losgezogen und hatten die Welt aus den Angeln heben wollen. Nur hatte es nicht ganz so geklappt, wie sie es sich vorgestellt hatten. Das war so ein dunkler Punkt in seinem Leben.

»Wieso?«, fragte er deshalb.

»Aha, du kennst es also!«, stellte Willy fest.

»Ich war aber kein Kunde«, sagte der junge Mann hastig.

»Das glaube ich dir aufs Wort. Das kannst du auch gar nicht gewesen sein.«

»Ist es uns vielleicht verboten? Ich meine, wenn wir keinen Dienst haben?«

»Was du in deiner Freizeit machst, ist egal. Ich will dir nur einen Rat geben: Das Eckhaus ist ein paar Nummern zu groß für dich.«

»Ich weiß! Die haben gepfefferte Preise. Ach ja, aber die Mädchen sind wirklich toll! Mensch, man kann sich nicht satt sehen an ihnen! Eine Schande, dass so tolle Weiber Tüllen sind. Ehrlich! Das macht mich rasend.«

Die beiden Streifenbeamten waren langsam weitergezogen. Jetzt blieb der jüngere Beamte stehen und blickte seinen Begleiter an. »Was hat das alles mit der alten Schrulle zu tun?«

»Das war keine Schrulle, das war Ida! Ich gebe dir einen guten Rat: Wenn Ida nicht gerade vor deiner Nase jemanden umbringt, dann mach lieber die Augen zu und tu so, als hättest du nichts bemerkt. Verstanden?«

»Ich denke nicht daran! Sie hat mir eine Beule geschlagen. Ich werde sie verfolgen. Wieso sprichst du vom Eckhaus, wenn ich die Alte verfolgen will?«

»Weil ich es gut mit dir meine, Jungchen. Hier ist alles ein wenig anders. Wir befinden uns in der Nähe der Strichstraßen. Das Eckhaus, nun, das ist etwas Besonderes. Und was Ida betrifft, das ist eine Vollblutfrau von echtem Schrot und Korn. Ist schon ein nettes Mädchen, ehrlich. Die kann keiner Fliege etwas zuleide tun.«

»Aber einem Polizisten«, knurrte der junge Beamte. »Ich will jetzt endlich wissen, warum ich die Sache vergessen soll. Wer ist sie denn?«

»Sie ist die Köchin vom Eckhaus«, sagte Willy.

»Was? Mehr nicht? Deswegen soll ich sie verschonen?«, schrie der junge Beamte fassungslos. Er hatte mit einer anderen Auskunft gerechnet. Die Köchin von einem Bordell! Das war doch die Höhe. Insgeheim nahm er sich vor, seinen Vorgesetzten über Willy aufzuklären. Der war doch nicht mehr ganz dicht. Der war eine Schande für die Polizei. Der musste in Pension geschickt werden.

»Ja, ja, Idachen«, brummte Willy gemütlich vor sich hin. »Ida muss man eben nehmen, wie sie ist.«

Wenig später befanden sich die zwei wieder im Revier. Der junge Beamte ging zielsicher zu seinem Vorgesetzten und erzählte sofort den Vorfall. Er war davon überzeugt, dass der Chef zu toben anfangen und Willy rufen lassen würde. Darum war er ziemlich verdattert, als dieser grinste und sagte: »Willy weiß sich zu helfen.«

»Wie bitte?«

Auch vom Chef erhielt er den weisen Rat, sich nicht um Ida zu kümmern. Sie sei eine alte Schachtel, würde hin und wieder Ärger machen, aber im Herzen sei sie so harmlos wie ein Regenwurm.

»Aber sie ist eine Gefahr«, sagte der junge Beamte. »Das kann doch nicht angehen!«

»Nein, nein! Idachen ist keine Gefahr. Außerdem steht sie unter unserem besonderen Schutz, klar?«

Wenn Ida gewusst hätte, dass so viele Leute im Augenblick über sie redeten, hätte sie sich richtig geschmeichelt fühlen können. Doch es lief heute einfach nicht alles so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Durch den kleinen Vorfall an der Ampel wieder halbwegs normal geworden, sann Ida darüber nach, was sie mit der einen Kiste Brokkoli tun sollte. Wenn sie jetzt zu Charly fuhr und sie ihm überließ, wäre dieser zu Tränen gerührt. Und schon fuhr sie mit Karacho um die Ecke und landete bei Charly im Hof. Er hatte seine Karre bereits ausgeladen und auch die Schimpfe seiner Frau abbekommen. Ida stieg aus. Das Kapotthütchen saß wie immer windschief auf ihrem Kopf. Auch wenn es Sommer war, Ida hielt sich für eine Dame und ging nur mit Hut aus. Nachdem sie mal irgendwo gelesen hatte, dass früher die Damen das Haus nie ohne Hut verließen, trug sie immer ihr Hütchen.

Charly hafte sich mit einem Schnaps getröstet. Doch als er jetzt Ida sah, wollte sein Kamm wieder schwellen. Ida säuselte ihm ins Ohr: »Ich will ja nicht so sein, du alter Gauner. Du kannst die zweite Kiste auch noch haben.«

Charly, der dumme Hund, fiel mal wieder darauf rein und küsste ihr vor Freude die Hand. Seine Frau sah das und wollte gleich neuen Ärger machen. Doch als Charly ihr sagte, sie könne jetzt doch die Brokkoli-Suppe machen, strahlte sie Ida an.

»Du bist wirklich eine gute Seele! Mein Mann verkennt dich immer!«

Ida nickte grimmig.

»Darf ich dich zu einem Schnaps einladen?«, fragte Charly.

»Warum nicht? Wir müssen ja auch noch abrechnen!«

»Wie?«

»Du kriegst von mir nichts umsonst«, sagte Ida.

»Natürlich nicht!«

Bei einem Schnaps wurde wieder kräftig gezankt. Ida hatte nämlich Wucherpreise angesetzt. Sie feilschten so lange, bis Ida plötzlich erschrocken aufsprang und ausrief: »Meine Mädchen verhungern!«

Sie hatte es plötzlich so eilig, dass sie sogar ihr Geld vergaß.

Charly strich es genüsslich ein.

»Eins zu null für mich«, sagte er wenig später zu seiner Frau in der Küche.

»Du hast ein paar Schrauben locker, Charly! Ida muss ganz anders behandelt werden, dann frisst sie dir aus der Hand.«

»Vielleicht möchtest du das nächste Mal zum Großmarkt fahren?«, bot Charly seiner Frau an.

 

 

2

Das berühmte Eckhaus Nummer sieben wurde von Deike Borg geleitet. Sie hatte aus einem verkommenen Haus das großartigste Bordell der Stadt gemacht. Luden wie Mädchen waren glücklich, hier arbeiten zu dürfen. Für einen Zuhälter bedeutete es Ansehen unter den Kollegen, wenn er sagen konnte: »Mein Mädchen arbeitet im Eckhaus.« Die Mädchen bekamen hier nicht nur ein Zimmer und konnten im Winter auf einer geheizten Rampe ihrem Gewerbe nachgehen. Sie erhielten auch noch drei volle Mahlzeiten am Tag und Liebe, manchmal ziemlich seltsam ausgedrückt durch Ida, die Köchin. Keines der Mädchen verließ gerne vorzeitig oder freiwillig das Eckhaus. Wer hier stand, wurde als Mensch behandelt, und alle bekamen gutes Geld. Sie lernten mit der Zeit auch wieder die echten Werte des Lebens kennen. Sie sahen nicht mehr eifersüchtig auf andere Dirnen, sondern sie halfen sich, wo sie konnten. Sie hatten ein ganz gemütliches Leben, mussten dafür aber die Marotten von Ida hinnehmen. Doch die Mädchen nahmen Ida so, wie sie war, und hatten ihren Spaß an ihren Schrullen. Nur durfte das keine zeigen, geschweige denn zugeben. Ida war ziemlich schnell mit Topfdeckeln, und wenn sie fuchtig war, flog auch mal ein Topf durch die Luft. Ida hatte nämlich nicht nur eine schwache Stelle, nein, ihr Herz war im Grunde genommen so weich wie ein Mäusebauch. Wer diesen Ausspruch geprägt hatte, wusste keiner mehr zu sagen.

Deike war eine hübsche Frau. Einst war sie berühmt und nur für ganz hohe Persönlichkeiten zuständig gewesen. Doch dann war sie an Krebs erkrankt. Man hatte ihr eine Brust amputiert. Seither waren ihre Gefühle in Bezug auf Männer anders geworden.

Seit das Eckhaus mit seinen seltsamen Bewohnern bestand, hatte es schon so manchen Sturm erlebt. Hier hielten alle zusammen. Auch Walterchen, der aufgeweckte Junge, lebte recht vergnügt mit Ida im Hinterhaus und träumte davon, später Mareks rechte Hand zu werden. Der Großlude besaß nämlich das Eckhaus und war einst Deikes Lude und Geliebter. Dann hatten sich für eine Weile privat ihre Wege getrennt. Jetzt schienen sie sich wieder näherzukommen. Noch sperrte sich Deike dagegen. Auch Lotte, Mareks Mutter, die plötzlich aufgetaucht war und viel Trubel verursachte, konnte die Sachlage nicht ändern.

Deike schlief im Augenblick den Schlaf der Gerechten. Sie hatte mal wieder Nachtdienst im Eckhaus gehabt. Deswegen war Ida ja auch schon zum Großmarkt gefahren. Sie waren ein eingespieltes Team. Ida hatte frische Brötchen im Wagen. Die Mädchen warteten auf das erste Frühstück, und sie war nicht zur Stelle! Da sie den Mädchen ständig predigte, wie wichtig es im Leben war, die Mahlzeiten pünktlich einzuhalten, war Ida jetzt ein wenig in Eile. Sie wollte das Versäumte nachholen. Aber das ging leider nicht, dafür überholte Ida mal wieder rasant einen Radfahrer kurz vor der Einmündung in die Bordellstraße. Von hier aus musste sie einen schmalen privaten Weg entlangschleichen. Das war die Zufahrt für das Eckhaus. So konnte Ida ziemlich nahe an das Haus heranfahren und ihre Kisten abladen. In der Einfahrt standen auch die Mülltonnen. Ida wäre fast dagegen gekracht, weil sie die Einfahrt mit zu viel Schwung nahm. Kurz vor den Mülltonnen, eine flog in hohem Bogen gegen die Wand, blieb der Wagen stehen. Zum Glück war die Tonne leer. Ida wollte gerade fluchen, wie üblich, doch dann hörte sie einen spitzen Schrei.

Reglos saß Ida im Wagen und versuchte, um die Ecke zu schielen. Als sich weiter nichts rührte, kroch Ida vorsichtig aus dem Auto und lief mit zitternden Knien um die Ecke. Dann sah sie die Beine. Entsetzt presste Ida eine Hand an den Mund. Sie wollte nicht laut schreien. Es waren keine ganz jungen Beine mehr, die da lagen. Das sah man sofort. Und das Schuhwerk schien auch aus dem letzten Jahrhundert zu stammen. Mindestens machte es einen schäbigen und verwahrlosten Eindruck.

Ida beugte sich vor und sah jetzt, dass es eine Frau war. Ida stöhnte und verdrehte die Augen.

»Diese Beine, oh, du meine Güte, diese Beine!«

Tränen rannten über Idas runzliges Gesicht. Sie wusste sofort, dass sie es mit einer abgetakelten Hure zu tun hatte. Deren Zeit war sicherlich vor zehn Jahren schon abgelaufen. Außerdem roch sie nach billigem Fusel. Nur alte Huren kippen sich dieses mörderische Zeug in die Kehle. Idas erster Impuls war, zu schreien, was sie denn hier täte. Das sei ein Privatweg und sie hätte, verflucht noch mal, hier nichts zu suchen. Sie solle verschwinden.

Aber Ida schrie nicht.

War es ihr schlechtes Gewissen? Hatte sie die alte Frau vielleicht angefahren? Oder warum bekam Ida jetzt einen so seltsamen Ausdruck im Gesicht? War es vielleicht, weil sie sich daran erinnerte, dass sie auch mal so heruntergekommen ihr Leben gefristet hatte? Sie hatte kurz davor gestanden, sich das Leben zu nehmen. Das Schicksal hatte sie dann ins Eckhaus gebracht. Niemand hatte mehr Zutrauen zu ihr gehabt, nur Deike. Sie hatte ihr Vertrauen geschenkt und sie als Köchin behalten.

»Was ist los?«, fragte Ida mit rauer Stimme und beugte sich über die liegende Gestalt.

Die am Boden liegende Hure erkannte Ida sogleich und blickte sie ängstlich an. »Verdammt«, flüsterte sie. »Ich glaube, ich habe mir das Bein gebrochen.«

»Wie ist das passiert? Wieso bist du hier? Kann ich dir helfen?«, fragte Ida.

Die Frau wischte sich die strähnigen Haare aus dem Gesicht. So freundlich hatte sie Idas Stimme nicht in Erinnerung.

»Ich hatte Hunger und suchte etwas Essbares in den Mülltonnen«, sagte sie jetzt leise.

Ida blickte sie entsetzt an.

»Wie heißt du?«

»Martha Schuster!«

»Komm, ich helfe dir, Martha! Kannst dich auf mich stützen. Bis zur Küche wirst du es ja wohl noch schaffen. oder?«

»Verdammt, mir tut doch das Bein so weh!«

»Dann musst du hier liegen bleiben. Ich muss außerdem den Wagen wegfahren, und dann will ich sehen, ob ich den Doc finde. Das wird aber dauern. Bis zur Küche sind es nur ein paar Schritte. Also, was ist?«

»Ich soll wirklich mitgehen in deine Küche?«, fragte Martha erschrocken.

»Ja! Da kann ich mich besser um dich kümmern!«

»Herrje!«

Ida packte zu und hob die Frau hoch. Sie war ein Federgewicht. Die Kleider hingen schlaff an ihrem Körper, und sie roch auch nicht besonders gut.

Ida machte sich bereits Vorwürfe. Wäre sie nicht gleich so in Rage geraten, wäre dies alles nicht passiert. Der Tag fing ja gut an!

Martha saß bald auf einem bequemen Stuhl. Ida schenkte ihr gleich einen Schnaps ein. Dann versuchte sie das Bein zu betasten. Doch die Alte stöhnte so sehr, dass sie es sogleich unterließ.

Sie lief nach vorn ins Haus und sah auf dem Tagesplan nach, wer heute Dienst hatte. Die Nachtschicht lag schon seit ein paar Stunden im Bett. Also konnte sie es ruhig riskieren, eins der Mädchen aus dem Tiefschlaf zu reißen. Aber welche Tülle sollte sie wecken?

Wieder einmal fiel Idas Wahl auf Hanna. Sie war die Zuverlässigste von allen, sie fragte nicht viel, sondern handelte gleich richtig. Sie konnte mitdenken. Sie war fast so gut sie Ida selbst. Natürlich gestand sich Ida das nie ein.

Hanna, die Dirne, riss die Augen weit auf, als sie Ida vor ihrem Bett stehen sah.

»Hab’ mal wieder nicht die Tür abgeschlossen«, schimpfte sie vor sich hin.

»Steh auf, ich brauche dich!«, brummte Ida.

Hanna warf einen Blick auf die Uhr und wollte sogleich loslegen.

»Hör zu, ich brauche dich wirklich! Du musst den Doc suchen!«

Hanna saß sofort aufrecht auf der Bettkante.

»Wer ist denn krank?«, fragte sie.

»Martha braucht ihn!«'

»Kenn’ ich nicht. Haben wir vielleicht ein neues Mädchen im Haus? Seit wann denn? Ich denke, alle Zimmer sind belegt!«

»Martha ist eine alte Hure, sie ist nichts mehr wert. Aber sie hat sich vielleicht das Bein gebrochen.«

Hanna blickte Ida scharf an.

»Dein Opfer?«, fragte sie streng.

Ida wurde sogar rot.

»Du hast also wieder etwas angestellt! Ach Idachen, du wirst nie in den Himmel kommen!«

»Und du wirst nie mehr eine warme Mahlzeit von mir bekommen, wenn du dich jetzt nicht beeilst«, keifte Ida zurück.

»Schon gut! Ich bin gleich unten. Anziehen darf ich mich wohl noch, oder?«

Ida stapfte wieder nach unten. Als Hanna erschien, stand der Kaffee schon auf dem Tisch und die Brötchen auch. Hanna betrachtete die alte stöhnende Hure und wunderte sich, dass Ida so nett zu ihr war. Kannte Ida vielleicht das alte Mädchen?

Hanna durfte sich kurz mit Kaffee erfrischen, dann musste sie auch schon losgehen. Den Doc aufzugabeln, war nämlich gar nicht so einfach. Ein Telefon besaß er nicht. Er war vor ein paar Jahren mal gestrauchelt. Keiner wusste darüber Genaues. Er hatte eine sehr gute Praxis gehabt, doch dann war da diese Sache gewesen, und er war jetzt nur noch Doc mit fliegendem Koffer für Tüllen und Luden. Er verstand sein Handwerk, wie Ida widerwillig zugeben musste. Bevor Doc Ida und Deike kennenlernte, hatte er sich dem Trunk ergeben. Das hielt sich jetzt aber in Grenzen. Er redete schon davon, es ganz einzustellen, wenn Ida ihn erhören würde. Er hatte nämlich an Ida einen Narren gefressen. Ida wusste darum und hatte so ihre Probleme mit dem Doc.

Hanna ging jetzt durch die Strichstraße. Sie waren noch nicht in Aktion, die kleinen Straßenwanzen. Jetzt regierten überall die Besenhexen. Verwaist und leer wirkten die Straßen. Und gemein. Ja, sie drückten wirklich am Tage etwas Gemeines aus. Doch sobald abends die Lichter brannten, war hier alles anders.

Hanna blieb immer wieder stehen und fragte einen Wirt nach dem Doc. Die Wirte standen auf der Straße und überwachten das Anliefern von Bier und anderen Waren.

Doc hatte mal wieder eine Spur hinterlassen. So fand sie ihn endlich. Er hatte zum Glück nicht viel getrunken. Er saß in einer Eckkneipe und versuchte sich mit Kaffee aufzumöbeln. Als er Hanna erblickte, grinste er.

»Da schau her, was treibst du denn hier? Hast du vielleicht die Ehre, Fritzchen ausführen zu dürfen?«

Hanna lachte.

»Nein, Walter ist mit ihm unterwegs. Es sind doch Ferien.«

»Ach wirklich! Welche denn?«

»Hör mal, ich habe jetzt nicht viel Lust und auch keine Zeit, mit dir ein Gespräch anzufangen. Ich bin nämlich losgeschickt worden, um dich einzufangen.«

Doc wurde direkt aufgekratzt.

»Hat Ida dich geschickt?«, fragte er.

»Klar! Oder hast du noch eine andere Geliebte?«

Doc blickte sie empört an. »Ich bin ein treuer Mann«, sagte er lachend.

»Ja ja, ich weiß. Aber jetzt solltest du zahlen und mitkommen. Ich möchte heute nämlich noch etwas anderes tun als dich abschleppen. Das mache ich nämlich auch noch umsonst, weißt du?«

Doc brauchte nichts zu bezahlen. Der Wirt winkte ihnen noch fröhlich zu. Hanna, die Dirne, staunte. »Ich wusste gar nicht, dass du Freunde hast.«

»Oh, ja, seit ich nicht mehr so viel saufe, bin ich überall gern gesehen, musst du wissen. Ich erteile meine Ratschläge gratis und lebe auch nicht mehr auf Pump. Die Zeiten sind vorbei. Außerdem...«

Er verstummte listig.

»Was ist denn noch?«

»...bin ich eine Respektsperson geworden. Seit sie hier alle wissen, wie gut ich im Eckhaus angesehen bin, ehrt man mich hier überall. Fein, nicht?«

»Da schau her! So ist das also. Warum lässt du das Ida nicht mal spüren?«

»Damit ich gar keine Chancen mehr bei ihr habe?«

Hanna lachte schallend. »Du bist mir ein Hasenfuß! Du lernst die Frauen nie richtig kennen, armer Doc! Doch jetzt beeil dich, sonst macht Ida Hackfleisch aus dir. Sie hat nämlich ein Opfer!«

»Was habt ihr im Eckhaus denn wieder angestellt?«, wollte Doc wissen.

»Wir? Gar nichts! Idachen hat ein Opfer! Sie hat es bereits in der Küche. Was ich herausgefunden habe, ist, dass sie es angefahren hat.«

Doc blieb stehen.

»Im Ernst?«

»Ja, eine alte, verkommene Hure. Du, die Ida macht einen Wind um sie! Verstehe ich nicht! Du wirst dich wundern, wie die säuselt. Vielleicht findest du heraus, warum sie so sanft ist.«

»Vielleicht soll die Alte die Anzeige zurücknehmen!«

Hanna und Doc hatten jetzt den Hinterhof erreicht. Ida riss die Tür auf und keifte sie an, ein paar Briketts aufzulegen, um ihre Gangart flotter zu kriegen.

Doc zog ihr die Schleife des Schürzenbandes auf und grinste sie fröhlich an. Er sagte: »Guten Morgen, liebste Ida!«

Normalerweise wäre er jetzt schon eine halbe Leiche gewesen. Ida hörte aber nicht hin und zerrte ihn in die Küche bis vor die stöhnende Hure.

Der Doc sah, dass jemand seine ärztliche Hilfe brauchte. Er war sofort voll da. Er untersuchte die Frau gründlich.

Das Bein war nicht gebrochen, nur verstaucht. Als Martha Ida mit dem Wagen kommen sah, hatte sie sich eiligst verstecken wollen, weil sie doch Idas Art kannte. Berühmt-berüchtigt war Ida ja im ganzen Viertel. Weil Martha aber getrunken hatte, war sie nicht schnell genug fortgekommen und hatte sich deswegen hinter den Tonnen verstecken wollen. Ida hatte sie gestreift, eine der Tonnen umgeworfen und damit ihre Beine mit der Mülltonne an den Boden gequetscht. Martha konnte wirklich noch von Glück reden.

»Sie wird eine Weile Schmerzen haben und nicht gehen können, Ida. Eine Prellung ist mitunter schmerzhafter als ein Bruch. Den könnte man eingipsen, und fertig. Aber hier kann man nur kühlen und ruhig lagern, das ist alles. Eigentlich trifft dich keine Schuld.«

Doc glaubte, Ida damit einen großen Gefallen zu erweisen. Auf der einen Seite war Ida froh, dass man sie freisprach, aber auf der anderen Seite sah sie Martha an und dachte: Was mache ich jetzt bloß?

Hanna und Doc befragten sie. Martha hatte schon lange keine Bleibe mehr. Sie schlief irgendwo, wo man sie nicht wegjagte. In der Regel war das unten im Hafen. Zu essen suchte sie sich etwas oder bekam es auch mal geschenkt. Dann hatte sie hin und wieder auch mal Glück und bekam noch einen Kunden. Es gab immer wieder Männer, die solche Frauen bevorzugten. Oder eben Kunden, die so betrunken waren, dass sonst keine Hure mehr mit ihnen etwas zu tun haben wollte. Martha sah dann ihre Stunde gekommen und bekam dafür ein paar Märker. Dabei war sie bereits fünfzig.

»Sie hat auf dem Hof nichts zu suchen! Im Gegenteil«, sagte jetzt Hanna. »Ich kann mir denken, dass Marek das gar nicht gerne sieht.«

Martha spürte Angst in sich hochsteigen. Sich mit dem Großluden anzulegen, war eine schlimme Sache. Wenn er jetzt sagte, sie müsse fort, so hieß das, man würde sie in einen Wagen zerren und sie dann irgendwo hinfahren, ausladen und sie ihrem Schicksal überlassen. Dann konnte man ihr auch gleich einen Strick geben, damit sie sich aufhängte.

Ida stand am Herd und blickte die ganze Zeit vor sich hin. Doc und Hanna saßen am Tisch und frühstückten gemeinsam. Martha wagte gar nicht mehr, um ein Brötchen zu bitten. Wenn die Beine ihr nicht so wehgetan hätten, wäre sie schon längst aufgestanden und fortgehumpelt. Sie hatte sich vorhin nur ein ganz klein wenig bewegt, da waren ihr schon wieder die Tränen in die Augen geschossen. Verflucht, dachte die Alte. Dass mir das hier auch passieren musste! Sicherlich denkt sich Ida alles Mögliche aus. Was soll ich nur machen? Solange der Doc in meiner Nähe ist, wird sie mir ja wohl nichts antun. Na ja, das kann ja heiter werden.

Ida hatte endlich einen Entschluss gefasst. Sie blickte auf und schimpfte sogleich los, wieso denn alle hier in der Küche säßen und frühstückten.

»Nebenan ist gedeckt. Und du, Hanna, kannst auch längst mal die Glocke läuten. Die sollen endlich aus ihren Betten kommen. Ich kann mich nicht den ganzen Tag um euch kümmern.

Und du, Doc, dich brauche ich jetzt nicht mehr. Nimm deine Sachen und verschwinde! Die Rechnung kannst du später schicken.«

Hanna und Doc blickten sich an. Dann grinsten sie versteckt. Hanna erhob sich und ging zu den Dirnen. Doc schaffte es, sich dazuzusetzen, ohne dass Ida es bemerkte. Hanna klärte die übrigen Dirnen auf. Doc sagte nach einer Weile: »Was hat sie vor?«

»Wenn ich das wüsste!«

»Mit anderen Worten, es ist wieder schwer was los«, sagte Dotti vergnügt.

»Lass das nicht Ida hören«, flüsterte Hanna besorgt.

»Die kann sie doch nicht auf die Straße setzen. Das geht nicht. Die stirbt auf der Stelle!«

»Na, wir werden ja sehen. Ich schau mal durchs Schlüsselloch. Vielleicht höre ich auch etwas«, sagte Dorle leise. Hanna hielt sie davon ab.

»Ach, das ist ja langweilig«, riefen die anderen Mädchen nach einer Weile. »Wenn wir nicht mitmischen dürfen, dann gehen wir wieder nach oben.«

Hanna nickte. »Das wird das Beste sein. Die Tagschicht weiß ja, was sie zu tun hat.«

»Weiß Deike schon Bescheid?«

Hanna runzelte die Stirn. »Deike weiß bestimmt nichts. Ich überlege gerade, ob ich sie verständigen soll.«

Renate sagte lässig: »Ich weiß wirklich nicht, was ihr habt! Ist doch nur eine abgetakelte Hure. Die hat doch nicht mehr viel zu erwarten. Wenn ich den Ärger mit ihr hätte, würde ich ihr ein paar Scheine in die Hand drücken, und fertig! Unser Leben geht weiter. Doc hat doch auch gesagt, es war ihre eigene Schuld.«

Hanna fühlte sich noch ein wenig angeschlagen. Schließlich hatte sie wenig Schlaf bekommen. Also sorgte sie jetzt dafür, dass die anderen Mädchen in die Betten kamen. Renate hat recht, dachte sie, während sie nach oben ging. Martha hat sich das wirklich selbst zuzuschreiben. Wenn Ida Hilfe braucht, soll sie sich melden.

 

 

3

Martha stöhnte und schielte zugleich zu Ida. Seit der Doc und Hanna verschwunden waren, war dicke Luft in der Küche. Martha hatte Angst. Ida stand noch immer am Herd und dachte angestrengt nach. Hier konnte die Frau nicht bleiben. Es war gar kein Platz vorhanden. Dann dachte Ida auch daran, dass man sich nicht fremde Leute ins Haus holte. Das konnte ins Auge gehen. Martha konnte sich vielleicht als tüchtig erweisen. Das durfte auf gar keinen Fall geschehen. Am besten wäre es wirklich, ich werfe sie wieder in den Rinnstein, dachte Ida zornig. Sie erschrak über ihre Gedanken. Sie würde nie mehr Frieden im Herzen finden. Außerdem würden sich Doc und Hanna stets nach Martha erkundigen. Dieser Doc! Ich hätte sie besser ins Krankenhaus karren sollen, dachte Ida bei sich. Die müssen doch alle Leute aufnehmen. Aber jetzt ist es zu spät. Ich müsste etwas finden, wohin ich sie bringen könnte, damit sie ihr Bein auskuriert.

Aber wo sollte das sein? Es gab noch kein Heim für alte Huren. Alles Mögliche gab es in dieser riesigen Stadt, aber kein Heim für Althuren.

Da klingelte das Telefon.

Bestimmt ist das wieder ein Freier, dachte Ida wütend. Der kommt mir gerade recht. Schon stapfte sie los und wollte ihre Wut und Hilflosigkeit an einer fremden Person abladen. Aber es war kein Freier.

Es war Lotte.

Ida war baff. Wieso rief Muttchen so früh an? Die achtzigjährige Mutter des Großluden hatte sich vor einiger Zeit bei ihrem Sohn eingenistet, um ihm das Leben schwer zu machen. Sie hatte anfangs nicht gewusst, womit ihr Sohn seine Brötchen verdiente. Der Großlude hatte jeden gewarnt: »Wenn es meine Mutter erfährt, bringe ich dich um!« Ida dachte jetzt aber nicht an diese hektische Zeit, sondern daran, dass sie Lotte vergessen hatte.

»Ich stehe stundenlang hier und warte auf dich! Mensch, Ida! Du wirst auch immer vergesslicher!«

Ida bezähmte sich. Gegenüber Lotte war sie merkwürdig weich.

»Wo bist du denn jetzt?«, fragte sie fast schüchtern.

»In der Stadt natürlich. Wir wollten doch einkaufen. Du hast doch versprochen, mir beim Aussuchen zu helfen.«

Ach ja, da war ja noch die wunderschöne Villa, die Lotte im Auftrag ihres Sohnes für viel Geld gekauft hatte und jetzt einrichtete. Marek behauptete ständig, dass er deshalb bald betteln gehen müsse. Es war eine riesige Villa mit zwanzig Zimmern; sie lag vor den Toren von Hamburg in einem sehr schönen Garten. Der Garten war schon fast ein Park. Dort wohnte jetzt Lotte mit Gundalena, einem Küchenmädchen, das davon träumte, einmal eine großartige Tülle zu werden. In dieser Beziehung hatte sie schon einigen Ärger gemacht. Auch Alfred, ein Rentner, der Lotte völlig ergeben war, wohnte hier. Er war in den Garten verliebt und fast ständig dort am Arbeiten. Ida hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen. Während sie jetzt angestrengt überlegte, welche Ausrede sie bringen könnte, erinnerte sie sich an Martha. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Wenn hier jemand helfen konnte, dann war es Lotte.

»Ich habe ein Problem, Lotte! Würdest du mir helfen?«, sagte Ida.

Wenn die rüstige Dame das Wort helfen nur hörte, war sie nicht mehr zu bremsen. Sie war so eifrig, dass sie gar nicht danach fragte, worum es sich handelte. Sie sagte kurz und bündig: »Ich komme!«

Ida zwickte ein ganz klein wenig das Gewissen. Marek würde anfangen zu schreien, wenn er das erfuhr. Ach was, Lotte würde sich nichts gefallen lassen. Ida ging in die Küche zurück.

Martha stöhnte noch immer vor sich hin.

Dann kam Lotte im Eckhaus an. Sie trat durch den Hintereingang ein. Keine Dirne sah sie. So saßen sie jetzt zu dritt in der Küche. Ida erzählte kurz, was sich zugetragen hatte.

»Kannst du mir einen Rat geben?«, bat sie.

Die Althure war baff. Ida schien sich ja wirklich Sorgen um sie zu machen. Fast schämte sie sich. Auf der Straße wurde so schlecht über Ida gesprochen.

Lotte strahlte.

»Ich nehme sie selbstverständlich mit«, sagte sie resolut. »Ich habe doch Platz genug. Sie kann sich bei mir auskurieren.«

»Es wird sich nur um ein paar Tage handeln, Lotte«, sagte Ida. »Dann kann sie auf die Straße zurück.«

Die alte Dame blickte die verkommene Hure an. Mit solchem Gesindel hatte sie bis jetzt noch nie Kontakt gehabt. Die Mädchen im Eckhaus machten ja alle einen netten und sauberen Eindruck. Sie waren niedlich, und man konnte sie richtig ins Herz schließen.

»Du wirst aber baden müssen«, wandte sie sich an Martha.

»Ich komme ganz gut allein zurecht«, sagte diese hastig. »Ich brauch euch nicht!«

Das Wort Marek fiel zu oft. Das passte Martha gar nicht.

»Dann geh doch«, sagte Lotte ungerührt.

Martha nahm alle Kraft zusammen und versuchte, sich zu erheben, um wenige Sekunden später wieder jammernd zusammenzusacken.

Ida blickte Lotte an. »Das vergesse ich dir nie!«

»Bringst du uns raus?«, fragte Lotte.

»Sicher!«, sagte Ida fröhlich.

»Na, dann wollen wir mal!«, befahl Lotte.

Die beiden alten Damen waren sich einig. Wenn sie sich was vornahmen, schafften sie es auch. Martha stöhnte, als man sie ins Auto verfrachtete. Sie wurde fast ohnmächtig, weil Ida zweimal ihr lädiertes Bein berührte. Sie spürte schon ihr Herz gar nicht mehr. Im Augenblick war ihr alles egal. Sie hatte nur noch den Wunsch zu sterben. Wenn sie tot wäre, hätte sie keine Schmerzen mehr.

Idas Fahrkünste machten sie auch nicht fröhlicher. Lotte schien es zu genießen. »Furchtbar«, flüsterte die angeschlagene Hure hinten auf der Ladefläche. »Das überlebt keiner! Meine Güte, das ist der Gipfel! Die fährt mich direkt in die Hölle!«

Zitternd versuchte sie, sich vor den schlimmsten Stößen zu bewahren, und krallte sich überall fest, um im nächsten Augenblick wieder auf die andere Seite geschleudert zu werden. Martha schaffte nicht mal einen Blick nach draußen. Sie wunderte sich nur, dass sie ziemlich lange fuhren. Als sie endlich das herrschaftliche Haus erblickte, wurde sie ganz blass. Sollte das Schicksal es doch einmal gut mit ihr meinen?

Lotte pfiff auf zwei Fingern, und Alfred erschien sofort. Er half den beiden Damen, Martha rauszuholen und ins Haus zu bringen. Sie wurde sofort in die Wanne gesteckt. Martha konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Wannenbad genossen hatte.

Ida drückte Lotte an sich.

»Ich muss zurück. Aber wenn es Ärger geben sollte, ruf mich an! Ich bin sofort zur Stelle.«

»So etwas schaffe ich doch mit links! Grüß mir Deike! Sie soll die Einladung nicht vergessen.«

»Welche Einladung?«, fragte Ida verwundert.

»Sonntag, zum Kaffee!«, erklärte Lotte.

Ida grinste. »Ach, du gibst es noch immer nicht auf?«

»Nein. Merkst du denn nichts?«

»Ich verbrenne mir nicht mehr die Finger«, sagte Ida. Doch ihre Augen glänzten.

Sie fuhr zurück ins Eckhaus.

 

 

4

Deike besaß in der Stadt eine elegante Eigentumswohnung. Sie saß in diesem Augenblick im Esszimmer. Imka bediente sie. Das Mädchen aus Holland war ihr treu ergeben. Sie war einmal von Deike gerettet worden und dann als Hausmädchen bei ihr geblieben. Jetzt war sie für Deikes Wohl zuständig. Dafür bekam sie ein fürstliches Gehalt. Doch das war es nicht, was sie bei Deike hielt. Sie liebte Deike über alles. Deike war ein feiner Mensch. Sie dachte nie an sich. Immer versuchte sie, anderen Menschen zu helfen. Wenn es gerecht zuginge, hätte sie schon längst den Titel »Engel der Strichstraßen« bekommen müssen. Aber leider geht es im Leben nicht immer nach Verdienst.

Deike blickte Imka an.

»Wir sollten mal wieder einen Ausflug machen. Das Wetter ist so schön. Wenn wir immer in der Stadt bleiben, verpassen wir die Jahreszeiten.« Dabei dachte sie an den Bodensee. Er war ihr heimlicher Traum. Dort hatte sie schöne und schreckliche Stunden erlebt. Der See aber hatte sie in seinen Bann gezogen. Die Seegeister hatten ihr Netz über sie geworfen. Deike wusste noch nicht, dass es so etwas gab, dass man sich in eine Landschaft verlieben konnte. Sie wusste nur, wenn etwas Zeit verstrichen war, erinnerte man sich nur noch an die schönen Dinge. Das Unangenehme versank immer mehr in Vergessenheit.

»Holla, jetzt muss ich mich aber sputen! Ich will noch ein paar Einkäufe machen.«

»Geht alles normal im Eckhaus?«, fragte Imka.

»Ja! Marek kann wirklich zufrieden sein. Er jammert mir ja sonst immer die Ohren voll. Seit zwei Wochen haben wir ganz normalen Betrieb. Darum denke ich ja auch an einen Ausflug. Was hältst du davon?«

Imka lachte leise. »Du meinst, mit der ganzen Bande?«

»Natürlich!«

»Das haben wir doch schon mal gemacht. Damals hat Ida eins der Mädchen an einen Scheich verkauft. Erinnerst du dich noch?«

Deike lachte. »Wir haben alle einen guten Schnitt dabei gemacht. Aber wir nehmen Ida diesmal mit. So einfach ist das. Wenn man richtig plant, kann man ruhig mal für zwei Tage das Eckhaus ganz schließen.«

»Soll ich mich mal darum kümmern?«, fragte Imka.

»Du bist wirklich ein Goldmächen, Imka. Würdest du das wirklich tun?«

»Ich habe doch sonst nichts zu tun. Die Arbeit hier im Haushalt ist doch schnell getan.«

Deike erhob sich.

»Arbeite mal ein paar Vorschläge aus. Vielleicht setzt du dich auch mit Lorenz in Verbindung. Aber schärfe ihm ein, dass Marek nichts davon erfahren darf! Erst ein paar Tage vor dem Ausflug werde ich es ihm sagen. Dann kann er nicht mehr so lange toben.«

Imka lachte leise auf. »Du weißt ihn zu nehmen!«

»Meine Güte, ich weiß doch, dass er pflichtschuldig schreien muss. Ich lasse ihn ja auch. Nur die Zeit, wie lange er es tun darf, bestimme ich.«

»Ob Ida mitkommt?«, fragte Imka.

»Dafür werde ich mir auch etwas ausdenken. Doch jetzt muss ich mich sputen.«

Als die elegante Deike eine Stunde später im Eckhaus erschien, fiel ihr Blick zuerst auf die Rampe. Noch hatte die Tagschicht Dienst. Diese Woche hatte sie selber Nachtdienst. Das hieß, Ida durfte ausschlafen. Hin und wieder vertrat Hanna sie. Da Hanna aber Geld verdienen musste, konnte Deike nicht oft auf die Dirne zurückgreifen, um Ida zu ersetzen.

Die Tagschicht machte heute einen guten Schnitt. Das Wetter war entsprechend, und die Mädchen schienen sich auch gut zu amüsieren. Deike winkte ihnen fröhlich zu.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Klar doch!«

»Kein Ärger?«

»Nein! Ida hat uns wundervoll bekocht!«

Deike bekam sofort einen nervösen Magen. Wenn sie sagten, Ida habe toll gekocht, dann war meistens etwas im Busch. Deike kannte den alten Drachen.

»Und Fritzchen?«, lenkte Deike hastig ab.

Fritzchen, der unmögliche Bobtail, gehörte Eva-Maria. Doch zwei Stunden hatten seinerzeit genügt, und der Hund war Eigentum aller Mädchen geworden. Und weil Ida so gut roch, war sie der Liebling von Fritzchen geworden.

»Walterchen hat ihn mitgenommen. Er spielt Fußball, und Fritzchen ist das Maskottchen der Mannschaft geworden«, sagte Alix lachend.

»Das ist ja eine schöne Neuigkeit«, rief die Bordellmutter aus.

Dann ging sie ins Haus und suchte Ida. Diese stand am Herd und rührte einen Teig. Deike lehnte sich an die Tür.

»Wie geht es dir denn?«, fragte sie vorsichtig.

Ida hatte hochrote Backen und sagte mürrisch: »Mach bloß die Tür zu, sonst fällt er zusammen!«

»Wer?«

»Mein Teig!«, schrie Ida.

»Wer hat denn Geburtstag?«, fragte Deike scheinheilig.

»Niemand. Ich kann doch mal so Kuchen backen«, sagte Ida, sofort hitzig werdend.

Deike dachte sich ihr Teil.

»Na ja«, sagte sie gedehnt. »Dann will ich mich mal über meine Buchführung hermachen. Ich sehe, ich bin hier überflüssig in der Küche.«

Kaum hatte sie das Büro betreten, da erschien auch schon Hanna. Sie wirkte nervös.

»Hat sie dir gesagt, was sie mit ihr gemacht hat?«

Deike verstand kein Wort.

»Was ist passiert? Wieso bist du so nervös? Warum schielst du dauernd zur Küchentür?«

»Weil ich mir Vorwürfe mache«, sagte Hanna. »Ich hätte es ihr nicht zugetraut. Ehrlich nicht. Ich dachte, sie sei anders geworden. Verdammt, das kann sie doch nicht machen!«

»Kannst du mir mal sagen, von wem hier die Rede ist?«

»Von Ida natürlich. Dann hat sie dir also nichts gesagt? Meine Güte, das wird ja immer schlimmer. Aber wenn sie denkt, dass ich es vergesse, dann ist sie schiefgewickelt. Ich nicht! Das geht dann doch zu weit. Schließlich bin ich doch noch ein Mensch, nicht?«

Deike brauchte einige Zeit, bis Hanna ihr alles von Anfang an erzählte. Deike war baff. Davon hatte Ida ihr nichts gesagt. Eine alte Hure befand sich auch nicht in der Küche.

»Sie wird sie doch nicht schon rausgeworfen haben? Deike, das geht doch nicht. Außerdem wird unser Ruf darunter leiden. Von den Bullen ganz zu schweigen. Die könnte uns doch anzeigen!«

»Das wird Martha zwar nicht tun, aber du hast recht. Das geht nicht. Vielleicht kann man das wieder in Ordnung bringen. Deswegen also der Kuchen!«

Mit Hanna zusammen ging Deike in die Küche. Ida ließ aber nicht mit sich reden. Als Hanna sie stellte und wissen wollte, wohin sie Martha gebracht hatte, zuckte Ida nur mit den Schultern und sagte kurz: »Es ist alles in Ordnung!«

»Du hast sie rausgeschmissen! Gib es zu!«

»Sie hat es nicht schlecht«, sagte Ida. »Das kann ich dir versprechen.« Sie konnte ja Lotte nicht verraten.

»Glaubst du, wenn du ihr ein paar Scheine gibst, dann ist alles in Ordnung?«

»Die Alte ist mein Problem! Also, was wollt ihr noch?«

Deike blickte Ida groß an.

»Ida, warum hast du mich denn nicht angerufen?«

»Warum sollte ich? Es ist doch alles in Ordnung. Wie oft soll ich das noch sagen?«

»Ida, du bist unmöglich! Ich werde den Doc suchen müssen!«

Ida blies ihre Backen auf.

Hanna war erschüttert. »Bis jetzt hat sie sich doch immer zerrissen, wenn sie hörte, dass jemand Hilfe braucht.«

Deike sah Hanna an. Ida tat so, als habe sie nichts gehört. »Wenn ihr den Doc sucht, von mir aus! Er soll sich vorläufig nicht bei mir blicken lassen.«

»Hast du etwa auch mit ihm Ärger? Es scheint wohl mal wieder an allen Fronten zu brennen, wie?«

Ida presste die Lippen zusammen.

Deike wandte sich an Hanna: »Komm, wir gehen! Hier erfahren wir doch nichts. Wir werden uns selbst darum kümmern.«

Für Ida war es nicht ganz einfach, so abweisend zu sein, besonders zu Deike. Ganz tief im Herzen fühlte sie sich richtig elend. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, Lottchen einzuspannen. Ida fluchte vor sich hin. Ganz deutlich konnte sie schon den Großluden schreien hören. Sie hatte mal wieder alles falsch gemacht. Verdammt, dachte sie, ich werde auch nicht klüger. Diese blöde Hure, warum musste sie sich ausgerechnet hinter meinen Mülltonnen verstecken?

Hanna und Deike saßen im Büro.

»Sie ist so merkwürdig geworden, die gute Ida. Da ist etwas passiert! Vielleicht kennt sie die Person?«

»Wie kommst du denn darauf, Hanna?«

Die Dirne machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich weiß auch nicht. Aber du hast sie ja nicht erlebt. Sie war so komisch. Ich kann es dir gar nicht beschreiben. Ida war nicht wie sonst, und die Alte machte auch so ein seltsames Gesicht. Da soll noch einer dahintersteigen.«

»Weißt du, wir überlassen es einfach Ida. Wenn es Ärger geben sollte, können wir noch immer eingreifen. Ich habe noch anderes zu tun, als mich um alte Huren zu kümmern.«

»Was macht Wegener?«, wollte Hanna jetzt wissen.

»Er hat sich vor einigen Tagen bei mir gemeldet. Wahrscheinlich müssen wir ihm wieder ein Mädchen zur Verfügung stellen. Da bahnt sich wieder etwas an.«

Hanna spitzte die Ohren.

»Weißt du schon, wen du nehmen wirst?«

»Nein!«

Hanna verließ das Büro. Die Bordellmutter saß noch lange nachdenklich an ihrem Schreibtisch. Normalerweise wäre Ida schon längst gekommen, um sich zu entschuldigen. Doch heute blieb alles still. Auf dem Hof erschien Walterchen mit dem Bobtail. Fritzchen blaffte fröhlich auf, als er Deike am Fenster gewahrte. Walterchen hob grüßend seine Hand. Er war ein lieber Junge. Ach ja, dachte Deike, ich habe doch einiges verpasst. Damals, als ich jung war, hätte ich Kinder bekommen können. Doch da wollte ich nicht. Ich wollte leben, Geld scheffeln und alles genießen. Ich wollte überall dabei sein. Nichts war da hinderlicher als Kinder. War ich eigentlich glücklich? Deike hatte viele Männer geliebt. Wirklich geliebt, nicht nur mit ihrem Körper. Sie hatte sich oft verliebt. Da hatte es auch einen Mann gegeben, den sie unbedingt hatte heiraten wollen. Er kam aus diplomatischen Kreisen. Meine Güte, hatten sie sich geliebt! Der Himmel hatte voller Geigen gehangen. Deike hatte damals gedacht, das Glück festhalten zu können. Da war sie auch noch nicht zu alt gewesen, um Kinder zu bekommen. Sie hatte von einem schönen Haus, von Kindern und Familienleben geträumt. Ja, und dann war das Unglück über sie hereingebrochen. Man hatte sie verstümmelt. Sie sah jetzt noch jedes Mal rot, wenn sie nur daran dachte. Jetzt, nach so vielen Jahren, hatte sie begriffen, wie sinnlos diese Operation gewesen war. Und die Qual und Pein, die sie hatte durchstehen müssen. Oh, nein, sie wollte sich nicht wieder in Ängsten verlieren. Sie durfte die Gegenwart nicht vergessen. Es tat außerdem so weh, daran erinnert zu werden. Ihre große Liebe hatte sie nämlich sofort verlassen. Damit hatte es sich mal wieder erwiesen, er hatte nur ihren schönen Körper geliebt. Bestimmt hätte er auch keine Kinder haben wollen.

Deike verbot sich die dunklen Gedanken. Sie musste die Wirklichkeit sehen. Wie man sich bettet, so liegt man, dachte sie traurig. Ich habe gelebt und alles verloren. Jetzt stehe ich mit leeren Händen da. So ist das nun mal. Ich kann mir zwar alles leisten, aber ist das das Leben, wonach sich so viele Menschen sehnen?

Deike wusste es besser.

Die Mädchen im Eckhaus waren jetzt ihre Familie. Und Ida gehörte dazu. Ida! Damit war Deike schon wieder in die Gegenwart gerutscht. Was war mit Ida los?

Deike ging nach draußen und passte Walterchen ab. Er verstand sich ganz besonders gut mit Ida, lebten die zwei doch zusammen im Hinterhaus. Walter war es ja auch gewesen, der Ida vor dem Selbstmord gerettet hatte. Anschließend hatte Ida ihn zu sich genommen. Sie vertrat jetzt Mutterstelle an ihm. Seine leiblichen Eltern waren ständig betrunken und froh, wenn sie den Jungen nicht sahen. Er ging immer mal wieder zu ihnen, schon wegen der Behörden. Während Deike jetzt in die blanken Augen des Buben blickte, wusste sie plötzlich: Es kann nicht so weitergehen, wie wir es uns denken. Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Ich werde mal Marek fragen. Irgendwann müssen wir herausbekommen, wo Walters Familie wohnt.

»Ich muss noch Schularbeiten machen«, sagte Walter. Es war ihm ein wenig unwohl unter der Jacke. Deike blickte ihn so komisch an. Hatte er vielleicht etwas angestellt? Es war sich aber keiner Schuld bewusst.

»Soll ich für dich Besorgungen machen?«, fragte er.

Deike lächelte ihn an.

»Das habe ich schon alles erledigt. Nein, ich möchte dich wegen Ida etwas fragen.«

»Ja?«

»Sie ist so anders! Hast du es auch bemerkt?«

Walter runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht«, sagte er zögernd. »Anders will ich nicht gerade sagen. Sie ist mit ihren Gedanken oft nicht bei der Sache. Wenn ich vorhin nicht aufgepasst hätte, wäre jetzt der Kuchen versalzen«, sagte er grinsend.

Deike lachte auf.

»Hast du die alte Hure gesehen?«

Walter sah Deike an. »Wen? Was ist denn los? Welche alte Hure?«

»Ach, du warst ja noch in der Schule. Also hör zu, Walter! Wenn du merkst, dass Ida sich wieder verändert, sag mir sofort Bescheid, ja?«

»Sie ist doch nicht krank?«, fragte Walter besorgt.

»Aber nein! Du brauchst keine Angst zu haben. Ach, Walter, du kennst sie doch. Wenn sie einen Floh im Ohr hat, ist sie unberechenbar.«

»Ach so! Jetzt verstehe ich! Ida will mal wieder Schicksal spielen.«

»Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, mein Junge!«

»Du kannst dich auf mich verlassen«, sagte Walter großartig.

Deike gab Walter die Hand. »Wenn ich dich nicht hätte!«, sagte sie lachend.

»Wir müssen doch zusammenhalten! Du hilfst mir ja auch so oft!«

Deike strich ihm über die Haare. Walter hatte das nicht besonders gern. Schließlich war er ja schon groß. Und doch freute er sich auch darüber, auf Streicheleinheiten war jeder scharf. Während er weiterging, dachte Deike: Was würde ich darum geben, wenn ich so einen Buben hätte! Warum habe ich damals nicht den Mut dazu gehabt? Er hätte in einem vornehmen Internat aufwachsen können. Nach meiner Erkrankung hätte ich ihn dann zu mir nehmen können. Ich habe Geld genug, um bis zum Ende meines Lebens davon leben zu können.

Das Telefon schrillte.

Deike ging ins Haus zurück.

 

 

5

Sie hieß Agnes Jansen und war ein tolles Geschöpf. Ihre blonden Haare waren echt. Sie brauchte sie nicht zu bleichen. Sie war ein nordischer Typ. Ihr Körper war die reinste Sünde. Kein Wunder, dass sie allen Männern sofort den Kopf verdrehte, wenn sie auftauchte. Ihre Beine waren so lang, als würden sie nie aufhören. Ein Blick von ihr genügte, und sie zog die Kunden an wie Honig die Fliegen.

Agnes war ein Supergeschöpf und wusste sehr wohl um ihre Ausstrahlung. Sie war auch weder böse noch zänkisch. So eine Mischung gab es selten, besonders hier im Sperrgebiet. Woher sie kam, was sie vorher gewesen war, niemand wusste es genau. Auf einmal war sie da. Sie hatte keinen Luden, zahlte die Beiträge an die Innung und ging, wie gesagt, seit gut einem Jahr auf den Strich. Sie hatte etwas Lässiges an sich. Vor ein paar Monaten war ein Fotoreporter aufgekreuzt und hatte Aufnahmen von ihr gemacht. Sie hatte nicht schlecht dabei abgeschnitten. Die anderen Tüllen hatten schon gedacht, sie würde jetzt umsteigen. Sie sprachen mit ihr darüber.

»Ach, wisst ihr, das ist doch alles nichts! Man ist für kurze Zeit gefragt, und dann wird man vergessen. Nein, ich habe hier alles, was ich brauche.«

»Du willst doch nicht sagen, dass du aus Leidenschaft Tülle bist?«, wurde sie gefragt.

Agnes kicherte. »Aber sicher! Warum denn nicht? Deswegen bin ich doch hier!«, sagte sie.

Die Mädchen auf der Straße waren baff. »Das soll wohl ein Witz sein! Wenn ich anders meine Mäuse verdienen könnte, wäre ich nicht hier. Mensch, du kannst mir doch nicht weismachen, dass dies für dich der Himmel auf Erden ist!«

»Ich habe schon eine Menge gemacht! Aber dies hier, das ist freies Arbeiten«, sagte Agnes ruhig. »Hier bin ich mein eigener Herr. Ich kann tun und lassen, was mir passt. Verstehst du? Ich bin niemandem unterworfen. Das bist du aber sonst überall. Ich sage dir, du wirst ausgebeutet und musst dich auch noch ducken. Immerzu buckeln und dienern. Wenn du das nicht machst, bist du ziemlich schnell draußen. Also habe ich mir eines Tages gesagt: Mädchen, was willst du, zerbrechen oder leben? Ich habe mich dazu entschlossen, zu leben!«

Die anderen Dirnen verstanden sie nicht richtig. Wie konnten sie denn auch? Sie kamen aus Kreisen, wo Schulbildung nicht gefragt war. Meistens waren sie sogleich von der Hauptschule auf dem Strich gelandet. Oft war schon die Mutter Stricherin gewesen. Oder sie kamen vom Lande. Dort waren die Aussichten auch nicht gerade rosig. Hatte man ein kleines Anwesen daheim, so mussten sie arbeiten und bekamen nicht mal Geld dafür. Da waren sie eben abgehauen und hatten das große Glück in der Millionenstadt gesucht. Gleich am Bahnhof waren sie abgefangen und zur Stricherin gemacht worden, auf dem Straßenstrich. Also hatten sie nie die Chance, in einem vornehmen Haus zu arbeiten.

Es gab viele kleine und große Huren in dieser Stadt. Es war mit dem Verdienen auch nicht mehr so, wie man es sich vorstellte. Sie mussten oft viele Stunden stehen, um einen guten Freier aufzureißen. Und zum Schluss blieb wenig übrig. Fast jede hatte ja einen Luden. Und nun kam also dieses Supergeschöpf und sagte, ihr gefalle es auf dem Strich!

Es schien ihr wirklich zu gefallen.

Vielleicht lag darin das Geheimnis verborgen, dass sie so gut ankam. Sie gab den Männern das Gefühl, dass sie sie glücklich machten. Die anderen Mädchen mussten sich zur Fröhlichkeit zwingen, von Höflichkeit ganz zu schweigen. Oft wurden so hässliche Worte vonseiten der Kunden gebraucht, da passierte es immer wieder, dass die Mädchen ausflippten und zuschlugen. Dann ging es ihnen dreckig. Wenn der Kunde stark war, reagierte er schnell. Hatten die Mädchen blaue Flecke und der Lude sah es, bekamen sie noch eine Abreibung. Man durfte sich ja nicht selbst vermackeln. Angeschlagene Ware ging nun mal nicht so gut.

Die strahlenden. Augen von Agnes waren voller Sanftmut.

Agnes war ein außergewöhnliches Geschöpf. Sie liebte es, auf der Straße zu stehen. Dabei hätte sie in jedem Haus unterkommen können. Dazu hätte sie sich aber unter den Schutz eines Luden stellen müssen. Immer wieder umschwärmten die kleinen Zuhälter diese Supertülle. Doch sie blieb standhaft. Solange sie an die Innung zahlte, konnten sie das Mädchen auch nicht zwingen. Sie hätte sich sofort beim Großluden darüber beschwert. Man musste sie dazu bringen, zu kuschen. Doch das war nicht so einfach.

Die Gegenseite brütete also über einer Lösung. Es waren fünf Luden, und jeder wollte dieses Mädchen für seinen Stall gewinnen. Jeder wusste, aus ihr würde man noch eine Menge Zaster ziehen können. Man musste sie nur richtig anpacken.

Wieder einmal hockten sie zusammen und berieten darüber.

»Wer sie gewinnt, hat Ruhe vor den andern. So ist es abgesprochen!«

Alle nickten bedächtig.

»Es ist eine Sünde und Schande mit der Tülle! Wir dürfen es nicht zulassen, dass sie weiterhin auf eigene Rechnung anschaffen geht. Das spricht sich sonst noch herum. Wir müssen uns etwas einfallen lassen!«

Ein kleiner Lude mit nur zwei Mädchen als Besitz mäkelte los: »Sie verdirbt uns noch die Preise! Meine Nutten haben es nicht leicht. Seit sie auch dort steht, kriegen meine Tüllen keinen Fuß mehr auf die Erde.«

»Sie können sich doch mit den abgeblitzten Kunden vergnügen!«, schlug einer vor.

»Habe ich auch gesagt. Doch die Kunden denken nicht daran. Die fahren lieber so lange um den Block, bis Agnes zurück ist.«

»Verdammt, die kann doch auch nur mit Wasser kochen!«

»Wir müssten sie mal testen!«

»Das kostet aber was!«

Wenn Zuhälter ein Mädchen testen wollten, dann besorgten sie sich in der Regel aus einer anderen Stadt einen Tester und dieser ging dann, als Kunde getarnt, zu der Hure und probierte sie so aus, wie es von ihm verlangt wurde. Das hieß aber für die ansässigen Zuhälter, sie mussten ganz tief in die Tasche greifen, für die Spesen und dann auch noch für den Lohn. So war es nun mal. Anders machten sie es ja auch nicht. Außerdem konnte man auch noch das Pech haben, dass die Zuhälter aus der anderen Stadt scharf auf die Tülle wurden, wenn sie merkten, warum sie getestet werden sollte. In der Regel besorgten sie sich getürkte Kunden, um einem Mädchen Angst einzujagen. Diesmal war es aber ganz anders. Agnes durfte nicht merken, dass sie überprüft wurde.

»Die lässt sich das nicht so einfach gefallen. Wir müssen einen guten Tester besorgen. Wenn wir damit auffliegen, kriegen wir mit Marek Ärger.«

»Mensch, der hat doch anderes zu tun, als das Gejammer jeder Hure anzuhören.«

»Hast du eine Ahnung.«

Die Luden blickten sich an. Jeder von ihnen wusste, wie gerecht Marek, der King, geworden war. So gerecht, dass es schon fast unberechenbar für die übrigen Zuhälter wurde.

»Verdammt, seit seine Alte mitmischt, ist er ganz anders geworden!«

»Über das Problem Deike wollen wir jetzt nicht reden. Das können wir noch immer lösen. Das liegt erst mal auf Eis! Auch sie macht mal einen Fehler! Wir müssen nur abwarten können, das ist alles.«

Das Eckhaus war wirklich vielen ein Dorn im Auge, zumal man kein Gegenstück aufbauen konnte. Aus einem ganz einfachen Grund: Man fand keine zweite Deike. Man brauchte das richtige Personal. Immer wieder hatten sie versucht, ein Konkurrenzunternehmen aufzuziehen. Marek hatte nur amüsiert darüber gelacht. Er wusste genau, dass Ida und auch Deike immer wieder Angebote bekamen, fortzugehen. Große Luden aus anderen Städten, aus München und Berlin, waren schon angereist gekommen, um sich das berühmte Eckhaus anzusehen. Sie alle waren scharf auf Deike und Ida.

Marek wusste aber, keine der beiden würde sich abwerben lassen. Die Unterwelt musste lange daran kauen. Hier war mehr im Spiel als nur Geld. Außerdem hatten beide genug davon, auch wenn Ida ständig so tat, als würde sie kurz vor dem Verhungern stehen.

Die Luden waren sich einig: Mit Agnes musste etwas geschehen.

Agnes, das Supermädchen, ahnte natürlich nichts davon. Sie zog weiter ihre Bahn.

Eben kam ein Auto im Schritttempo angefahren. Sie ging hüftschwingend darauf zu. Sie hatte eine sehr schöne Stimme und war immer freundlich, immer nett.

»Hallo?«, säuselte sie.

Sie kam mit dem Freier sogleich ins Gespräch. Der Kunde am Steuer blickte sie sehnsüchtig an. Ihr Busen wippte unter dem kurzen Pulli aufregend hin und her.

»Ja, ich würde mich wirklich freuen mitzukommen! Was soll es denn sein? Hotel oder Auto?«

»Wie sind denn die Preise?«, fragte der Mann.

»Das hängt davon ab, was der Kunde wünscht«, gab Agnes strahlend zurück.

»Wie soll ich das verstehen?«, wollte jetzt der Mann von ihr wissen.

Agnes lächelte. »Nun, Sie müssen doch wissen, was so ansteht, nicht wahr?«

»Was ist der Grundpreis?«, fragte er.

»Fünfzig!«

Der Mann am Lenkrad bekam feuchte Hände. Doch er zeigte nicht, wie aufgeregt er war. Er konnte ja nicht wissen, dass Agnes ihn durchschaut hatte. Er zappelte schon an ihrer Angel, wusste es aber noch nicht.

»Ich fahre noch einmal um den Block«, sagte er mit rauer Stimme.

Agnes trat sofort zurück und lächelte weich. »Aber sicher, mein Herr. Tun Sie das! Betrachten Sie sich alles ganz genau. Dazu sind Sie ja hergekommen, nicht wahr?«

Sie ging zum Bürgersteig zurück. Die übrigen Dirnen, die mit ihr hier standen, kapierten mal wieder nichts.

»Wie kannst du so freundlich bleiben? Dieser Mistbock hat dich mit den Augen förmlich ausgezogen. Du strengst dich noch nicht mal an, ihn zu überreden! Ich hätte dem ein paar Sachen an den Kopf geknallt!«, sagte eine kleine rothaarige Hure wütend. »Das regt mich tierisch auf! Ehrlich! Da ist der Abend für mich schon gelaufen. Das macht mich ehrlich fuchtig!«

Agnes wippte mit den Zehen.

»Aber wieso denn? Hat er denn nicht ein Recht darauf?«

»Worauf?«

»Sich anzusehen, was es hier noch gibt! Wir sehen uns doch auch erst alles an, bevor wir einkaufen. Ich meine, wenn du dir einen Pulli kaufst, rennst du doch auch nicht gleich in den ersten besten Laden.«

»Jetzt mach aber mal halblang! Du vergleichst dich mit einem Pulli? Also, das ist doch die Höhe!«

Andere Dirnen mischten sich jetzt ein. »Lass sie doch! Sie hat nun mal eine Macke.«

Else stöhnte: »Ich könnte das ja noch hinnehmen! Aber sie verdient den meisten Zaster von uns allen! Vielleicht ist ihre Masche doch nicht so dumm?«

»Ich denke nicht daran! Ich habe Charakter«, kreischte die kleine Rote auf. »Das wäre ja noch schöner! Ich muss mir ja schon das Gegrapsche gefallen lassen! Mann, das stinkt mir sowieso! Die zahlen, und ich muss mich hergeben. Die gemeinen, widerlichen Typen! Ich darf nicht daran denken, sonst muss ich kotzen!«

Agnes blickte sie erstaunt an. »Wenn es dir so gegen den Strich geht, dann verstehe ich einfach nicht, warum du noch hier stehst! Die Kunden merken das doch! Man muss bei der Sache sein. Verstehst du das denn nicht?«

»Oh, nein«, stöhnte die Kleine auf. »Das wird ja immer schlimmer! Ich stehe hier, weil ich nicht anders kann! Ich bin froh, wenn ich mein Soll beisammenhabe. Mensch, quatsch mich nicht von der Seite an! Ich packe das nicht! Verstehst du mich?«

Plötzlich fing sie an zu weinen.

Agnes war jetzt völlig ratlos. Verstört blickte sie die anderen Dirnen in der Runde an. Diese standen aber nur gelangweilt da.

Gerade erschien wieder ein Auto. Sofort sprangen alle zur Bürgersteigkante. Nur die Kleine blieb noch im Hintergrund und wischte sich hastig die Tränen ab. Agnes blieb, wo sie war, und fühlte sich sehr traurig. Sie konnte es nicht ertragen, wenn andere Menschen unglücklich waren. Schon in der Schule hatte sie damit Schwierigkeiten gehabt. Immer hatte sie die anderen Mädchen trösten müssen. Wenn sie aber mal traurig war, dann war niemand für sie da.

Ein Wagen hielt an.

Vier Dirnen boten sich an. Sie merkten zu spät, dass es der Wagen von vorhin war. Hatte Agnes ihn gleich erkannt? Sie wussten es nicht.

Der Kunde wies sie alle ab.

»Ich will die da!«, sagte er bestimmt.

Murrend gingen die Huren zur Seite.

»Los, mach schon!«, befahl der Kunde.

Agnes kam zögernd näher. Dann stieg sie ein.

»So ein Mist! Sie hat es mal wieder geschafft!«, schimpften die anderen Mädchen.

»Ich pack das einfach nicht mehr«, flüsterte die Kleine. »Wenn die noch länger hier steht, dann vermiest sie uns das Geschäft.«

»Ja, ganz so einfach haben wir es nicht mehr. Aber sie ist ein netter Kerl!«

»Warum vertreiben wir sie nicht?«

»Willst du dich mit der Innung anlegen?«

Die Kleine fühlte sich in diesem Augenblick stark. »Mensch, wir müssen es nur geschickt anstellen. Die wird gar nicht erfahren, dass wir es waren. Es muss einfach gehen! Wenn wir alle zusammenhalten?«

Die anderen Dirnen hatten nichts dagegen einzuwenden. Sie litten ja auch darunter, dass Agnes hier stand.

Zwar fühlten sie die Angst im Nacken, aber der Druck auf sie war stärker.

»Marek kann ziemlich ärgerlich werden, wenn es rauskommt«, warf Bea ein.

»Wir müssen sie so zusammenschlagen, dass sie nicht mehr gerade gucken kann. Dann ist sie erst einmal eine Zeit lang weg vom Fenster. Sie wird dann schon merken, wie gefährlich es hier ist.«

»Und dann?«

»Dann haben wir wieder leichteres Arbeiten!«

»Gut! Ich bin dabei«, sagte Bea. »Wir müssen einen Plan machen!«

»Treffen wir uns morgen in der Stadt?«, fragte Else.

»Klaro!«

Jetzt fühlten sie sich schon alle wieder ganz munter und flott. Ja, richtig aufgekratzt waren sie. Da spürten die Kunden sofort, dass sie flotte Tüllen waren. In dieser Nacht machten sie sogar einen ziemlich guten Schnitt. Auch jetzt merkten die Dirnen nicht, dass es nur an ihnen lag und nicht an Agnes. Ja, eigentlich hatten sie es Agnes zu verdanken, dass sie ihr Soll geschafft hatten. Agnes blieb lange fort, und so verdienten sie gut, weil sie sich in Hochform gebracht hatten.

Agnes war für den Freier ein sehr netter Kumpel.

Ein Gast nahm sie mit ins Hotel. Hier wohnte guter Durchschnitt. Um diese Zeit war dort noch viel Betrieb. So konnte er sie ohne Weiteres mit auf sein Zimmer nehmen. Anfangs hatte er ein wenig Angst und befürchtete, wenn er sie bei Licht betrachte, könnte er sich vor ihr ekeln. Er hatte sich bis jetzt noch nie mit einer Nutte eingelassen. Bei jedem Mann ist immer irgendwann einmal das erste Mal. Die meisten Männer hatten Angst davor, im Bett zu versagen, Angst davor, dass die Nutte merkte, dass sie Neulinge waren. Wenn sie in diesem Zustand an die falsche Dirne gerieten, konnte es sein, dass sie für den Rest ihres Lebens verdorben waren und nicht mehr normal wurden. Dieser Kunde hatte aber riesiges Glück. Als sie durch die Hotelhalle gingen, betrachtete er sie von der Seite und entdeckte, dass Agnes wirklich ein strahlend schönes Mädchen war. Das schlug sich ihm ein wenig aufs Gemüt. Sie sah aus wie ein Engel mit ihren langen blonden Haaren. Und die Figur! In seinem ganzen Leben hatte er noch nie so ein wunderschönes Mädchen an seiner Seite gehabt. Das Atmen wurde ihm schwer. Er spürte wieder seine feuchten Hände und wischte sie heimlich an der Hose ab.

Im Lift standen sie sich gegenüber. Der Freier dachte verzweifelt: Was muss ich jetzt tun? Will sie irgendetwas von mir? Was soll ich reden?

Sie lächelte ihn freundlich an. Er fiel in dieses Lächeln und fühlte sich irgendwie getragen. Dann waren sie in seinem Zimmer. Alles war ganz natürlich. Er legte den blauen Schein hin. Sie steckte ihn ein und zog sich aus. Sie blickte ihn sanft an und erklärte ihm: »Es ist alles gar nicht so schlimm. Ich mache das schon, aber nur mit Schutz, das weißt du doch?«

»Ich... ich habe nicht daran gedacht«, stotterte er erschrocken und hielt die Hände vor sein bestes Stück. Auch das war er nicht gewohnt, sich vollkommen nackt zu zeigen. Und das bei Licht! War er nicht zu mickerig? Sagten das nicht immer seine Freunde? Ja, man hatte ihm im Laufe seines Lebens schon viele Komplexe eingeredet. Dass es seine eigene Schuld war, dass er sie annahm, das begriff er nicht. Die anderen Menschen waren immer schuld. Sich selbst als Schuldigen zu sehen war so unbequem!

»Ich habe alles dabei«, sagte Agnes freundlich. »Das ist im Service enthalten.«

»Ach ja, richtig. Das habe ich ganz vergessen«, stotterte er hastig.

Sie ging zum Bett.

Er kam ihr nach.

Ihre langen Arme umfingen ihn. Er fiel wie auf Watte, und dann war alles gut.

 

 

6

Martha brauchte noch immer Zeit, um zu kapieren, dass ihr Leben im Augenblick eine anderen Richtung genommen hatte. Wenn das Bein nicht mehr geschmerzt hätte, hätte sie jetzt geglaubt, überall zu sein, nur nicht auf dieser schäbigen blauen Kugel, die man Erde nannte. Martha schielte über den Seifenschaum zu den Kacheln. Lotte besaß in der Tat einen sehr guten Geschmack. Woher sollte Martha auch wissen, wie lange Lotte durch die Stadt geflitzt war, um genau diese Kacheln für das Bad zu bekommen? Es musste ja alles Stil haben!

»Du liebe Zeit«, keuchte die alte Hure. »Die Handtücher! So etwas bekommt unsereins nur im Schaufenster zu sehen. Jetzt hängen die hier vor meiner Nase! Ich schnall das einfach nicht mehr!«

Lotte kam hereingewieselt und rieb sich die Hände. Martha ahnte ja nicht, wie sehr Lotte auflebte, wenn es galt zu helfen. Dann vergaß sie ihre achtzig Jahre und dass sie Mareks Mutter war, erst recht.

Jetzt prüfte sie erst einmal, ob die Dirne auch wirklich gut gewaschen war.

»Ja, es ist gut! Kannst rauskommen! Was, du packst es nicht allein?«

Martha tat so, schon um Lotte einen Gefallen zu tun. Aber der Fuß tat auch so mörderisch weh, dass sie wieder in die Wanne zurückfiel und richtig weiß um die Nase wurde. Lotte sah es und sagte resolut: »Keine Panik! Das machen wir schon!« Dann lief sie wieder davon und kam mit Alfred zurück. Die Hure war nicht erstaunt, dass Alfred ihr helfen sollte. Sie war zwar nackt, doch wenn man so lange im Geschäft war wie sie, dann machte es einem nichts mehr aus. Nur Alfred errötete leicht. Lotte wies ihn an, er solle gefälligst woanders hinsehen und lieber helfen! Dann hatten sie Martha endlich aus der Wanne gehoben und in ein Badetuch gewickelt. Alfred durfte wieder verschwinden. Martha erhielt jetzt ein Nachthemd von Lotte und hinkte dann, auf einen Regenschirm gestützt, durch die Gänge in ihr Gemach. Anders konnte man den Raum wirklich nicht nennen. Martha lag bald im Bett und blickte die wunderschöne Decke im Zimmer an. Es war grandios! Alles war super! Dann bemerkte sie den geschnitzten Schrank. »Oh, das sieht hier wirklich gut aus«, flüsterte sie immer wieder.

Lotte erschien mit einem kleinen Imbiss.

»Essen macht munter«, sagte sie fröhlich.

Martha saß im Bett und aß und glaubte, sie sei schon gestorben und befände sich im Himmel bei den Engeln. Da sie ihr Leben genau kannte, wusste sie, dass dies unmöglich der Fall sein konnte. Sie und im Himmel! Das war verrückt! Vielleicht träumte sie das alles nur?

Lotte zog die Vorhänge zu und sagte Martha, sie solle jetzt ein wenig schlafen.

Martha lag nun allein mit ihren Gedanken, doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie verstand einfach nichts. Deswegen gab sie es erst einmal auf, über alles Erlebte nachzugrübeln.

Sie hörte nicht, wie das Telefon klingelte. Ida erkundigte sich eingehend nach Marthas Befinden. Lotte gab ihr einen ausführlichen Bericht. Ida kribbelte es in den Fingern. Liebend gern hätte sie bei Lotte mitgemischt.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch im Hintergrund. Hastig drehte sie sich um.

Marek lehnte am Türrahmen.

»Grüß dich, Ida«, sagte er freundlich, wunderte sich aber, dass sie so zusammenzuckte. Für Marek war das ein Zeichen, dass Ida mal wieder ein schlechtes Gewissen hatte. Marek war aber im Augenblick guter Laune und wollte sich diese nicht verderben lassen. Wenn ich nicht frage, erfahre ich auch nichts und muss nicht einschreiten, dachte der Großlude.

Lotte hörte seine Stimme im Hintergrund und kicherte: »Ist Marek aufgetaucht?«

»Ja«, sagte Ida kurz angebunden.

»Dann sollte ich jetzt wohl besser auflegen, oder?«

»Ja!«

Lotte, die achtzigjährige Dame, die hinfällig spielte, wenn sie damit etwas zu erreichen gedachte, freute sich diebisch und flötete: »Keine Sorge, Idachen! Dem sagen wir nichts! Kannst dich auf mich verlassen!«

Ida atmete erleichtert auf. Ihr Rücken wurde wieder gerade. Sie knallte den Hörer auf die Gabel und fuhr Marek an: »Wie kannst du mich nur so erschrecken! Was tust du eigentlich um diese Zeit hier?«

Marek, der King, hatte sich mit der Zeit eine Menge von Ida gefallen lassen müssen. Es hatte Augenblicke gegeben, wo er annahm, man könne sie umerziehen. Dann hatte er aber bemerkt, dass Ida drauf und dran war, ihn zu ändern. Da hatte er es dann aufgegeben und seine ganze Würde zusammengekratzt, schließlich war er doch jemand!

»Du willst doch nicht etwa eine Antwort darauf?«, fragte der Großlude freundlich und dachte: Wenn mich meine Freunde jetzt hören könnten, die würden staunen. Ich bin wirklich froh, dass das unter uns bleibt.

»Warum nicht? Das ist mein Reich! Hier läuft alles toll! Ich habe dich nicht gerufen!«, polterte Ida.

»Du, stell dir mal vor, ich komme auch mal nur so!«

»Das sehe ich«, sagte Ida wütend. »So! Glaubst du wirklich, wir müssten kontrolliert werden?«

Marek konnte es mal wieder nicht sein lassen, sich mit Ida anzulegen. Als er merkte, dass er möglicherweise den Kürzeren zog, machte er elegant eine Fliege und sagte lachend: »Ich gehe lieber zu Deike. Die freut sich immer, mich zu sehen, du alter Küchendrachen!«

Er schaffte es gerade noch, ungeschoren davonzukommen.

Scheppernd flog ein Topfdeckel auf die Fliesen. Deike hörte den Lärm, rührte sich aber nicht von der Stelle. Sie wunderte sich auch nicht, als die Tür aufging und Marek nun hereinkam.

»Ida hat dich ja angemeldet«, sagte sie lachend.

»Sie kann es nicht lassen!«

»Schenk ihr doch Glasdeckel für ihre Pötte! Vielleicht unterlässt sie es dann, sie durch die Gegend zu werfen.«

»Wie ich Ida kenne, wirft sie dann mit einem Fleischmesser nach mir!«

»Du tust mir wirklich leid. Aber sag, was führt dich her? Oder hast du schon die Leiche gefunden?«

Der Großlude wurde ärgerlich.

»Also doch! Ich drehe dem Drachen noch einmal den Hals um, Deike! Jetzt ist Schluss! Ich habe dir versprochen, ich tu es. Ich will keine Leichen mehr im Eckhaus! Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

»Hast du die Leiche denn im Eckhaus gefunden?«, staunte die Bordellmutter.

Marek blickte sie scharf an.

»Raus mit der Sprache! Was ist los? Ida ist erschrocken zusammengezuckt, als sie mich sah. Sie hat also wieder etwas angestellt, das konnte ich mir ja gleich denken.«

»Du weißt also nichts?«, fragte Deike.

»Nein, verdammt noch mal!«

»Warum bist du dann nur gekommen?«, fragte jetzt Deike verwundert.

Marek brauste auf. »Verdammt, vielleicht hast du vergessen, dass mir der Schuppen hier gehört! Mir und nicht Ida, verstanden? Ich kann jederzeit hier auftauchen! Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

Deike lachte leise.

»Mann, bist du wütend! Du bist ja nur so sauer, weil du mal wieder nicht Bescheid weißt. Ich überlege mir jetzt ernsthaft, ob ich dich einweihen soll.«

Marek setzte sich.

»Ich gehe nicht eher fort!«, sagte er entschlossen.

Deike blickte ihn an. Tief im Inneren überlegte sie doch: Warum ist er nur gekommen? Marek hat zu viel zu tun, um hier nur einfach so zu erscheinen. Dazu kenne ich ihn zu gut. Er will etwas. Jetzt habe ich ihn neugierig gemacht. Wie soll ich mich verhalten, ohne ihn zu beleidigen?

»Hör zu, ich möchte noch einiges erledigen, ja? Vielleicht hast du also die Güte...«, lenkte Marek ein.

»Na schön! Dann erzähle ich es dir halt. Rege dich aber bitte nicht auf. Vergiss nicht, dass ich dich nicht bitte, mir zu helfen. Ida macht es alleine mit sich ab. Zumindest glaube ich es. Viel weiß ich nämlich auch nicht.« Mit kurzen Sätzen schilderte Deike jetzt, was sie von Hanna wusste. Marek war baff.

»Das ist doch nichts! Ich brauch mich um meinen Ruf nicht zu sorgen, ehrlich nicht. Das tun andere Leute schon für mich. Na schön! Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Deike war erleichtert.

»Ich übrigens auch. Sie will ja von mir auch nichts wissen. Sie sagt mir auch nicht, wohin sie die Alte gebracht hat.«

»Seit wann sind wir ein Aufnahmelager für abgetakelte Huren?«

Deike lachte.

»Das wird sich Ida auch gefragt haben. Sie macht sich nur ein bisschen wichtig, das ist alles.«

»Ihr juckt das Fell!«

Deike sah Marek groß an.

»Und was willst du?«

»Ich habe Ärger!«

»Ach nee! Mit wem denn?«

»Mit Lorenz«, erklärte Marek.

Deike runzelte die Stirn. »Dein wundervoller Diener macht dir Ärger? Das ist ja ganz was Neues. Was ist denn in den gefahren? Oder andersherum gefragt, was hast du ihm angetan?«

Marek war beleidigt.

»Ich bin die Unschuld in Person. Ich habe ihm gar nichts getan, ehrlich nicht! Er ist da in eine Sache hineingerutscht und kommt diesmal nicht ohne Weiteres wieder raus.«

»Du meinst, er hat eine Liebschaft?«, fragte Deike gespannt.

Der King nickte.

»Sie kommt mir recht zweifelhaft vor. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Aber Lorenz ist darauf reingefallen. Er ist nicht mehr er selbst. Es ist gefährlich für ihn.«

Deike, die Bordellmutter, war jetzt doch erschrocken. Lorenz liebte Männer. Marek hatte recht, in dieser Zeit war es nicht ganz so einfach, das direkt zu zeigen. Viele Menschen griffen die Schwulen an. Sie machten sie nämlich für die böse Krankheit verantwortlich. Dass alles ganz anders verlaufen war, anfangs in Amerika, das verschwiegen die Regierungen alle. Man brauchte wieder einmal einen Prügelknaben. Da kam diese Randgruppe gerade richtig. Man hatte sie nie wirklich akzeptiert. Jeder fühlte sich erhaben über sie und verachtete sie. Jeder, der ein wenig anders war, sollte ausgerottet werden. Viele Stimmen dazu wurden laut, ganz besonders in dieser Stadt.

»Hat er sich dir anvertraut?«, fragte Deike.

»Ja! Er leidet wirklich. Er kommt nicht los von seinem Freund. Er spürt selbst, er läuft da in eine Sackgasse. Aber er will auch keine direkte Hilfe.«

»Was soll ich dabei tun?«

»Auf dich hört er doch, Deike. Ich möchte ihn nicht verlieren. Verdammt, Deike, das hat der Lorenz nicht verdient!«

Lorenz war lieb und harmlos. Er betete Deike an. Ja, sie hatte schon lange den Verdacht, dass er gar nicht mehr echt schwul war. Nur konnte er allein von seiner Veranlagung nicht loskommen.

»Es ist schon lange nicht mehr der Fall gewesen, dass er einen festen Freund hatte. Wie hat er den jetzt kennengelernt?«

»Ich habe das Gefühl, da läuft eine ganz miese Sache«, knurrte der Großlude.

Für gewöhnlich hätte sich ein Zuhälter mit solchen Sachen nicht abgegeben. Lorenz war aber wirklich etwas Besonderes. Er war nicht nur ein guter Diener, sondern war schon so etwas wie ein Freund geworden. Für Marek und Deike würde er sich vierteilen lassen. Marek konnte sich voll auf ihn verlassen. Er konnte sich ein Leben ohne Lorenz schon gar nicht mehr vorstellen.

»Was soll ich tun?«, fragte Deike.

»Kannst du ihn nicht mal zu dir einladen?«, schlug Marek vor.

Deike war überrascht.

»Ich? Wozu denn? Hierher? Du weißt, wie wütend Ida wird, wenn sie merkt, dass ich mein Augenmerk auf Lorenz richte. Ich habe ja schon genug Last damit, dass sie Imka endlich akzeptiert.«

Marek grinste Deike an.

»Was willst du denn? Ich denke, sie hat im Augenblick selbst Dreck am Stecken«, bemerkte er hinterhältig.

»Schön! Ich will hier jetzt nicht lange diskutieren. Wenn du mir sagst, wie das laufen soll, dann werde ich es mir überlegen, Marek.«

»Ja, also, ich dachte, wenn er für eine Weile aus dem Blickfeld wäre, wird dieser Louis auftauchen und sich erkundigen, wo er abgeblieben ist. Dann weiß ich, wer er ist, und kann ein Wörtchen mit ihm reden.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte Deike Borg ruhig. »Du willst wissen, wer er überhaupt ist.«

»Du kennst doch Lorenz, meine Liebe! Der hält dicht! Der leidet still. Er sagt mir, dass er leidet, nennt mir aber nicht den Grund.«

»Ich lade ihn ein! Für wie lange?«

Marek blickte sie direkt an. »Du siehst richtig erholungsbedürftig aus, meine Liebste. Was hältst du davon, wenn du einen Kurzurlaub antrittst?«

Deike war sprachlos. Das war nämlich eine himmelschreiende Lüge! Sie sah heute wirklich gut aus. Gerade in letzter Zeit hatte sie mal wieder sehr viel für sich getan. Wenn sie gut aussah, dann jetzt.

»Du Schuft!«, fauchte sie Marek an.

Er beugte sich vor und küsste sie. Deike schnellte zurück, wurde aber ziemlich nervös.

»Lass das! Solche Kniffe haben wir doch nicht nötig, oder?«

»Warum nicht? Du siehst immer noch begehrenswert aus, auch wenn du hinfällig bist!«

»Wenn du das Wort noch einmal gebrauchst, dann erschlage ich dich«, keuchte Deike.

Marek hatte sie richtig schön wütend gemacht. Der Großlude wusste aus Erfahrung, wenn Deike wütend war, sagte sie schnell etwas, was sie für gewöhnlich nicht sagte. Er lockte sie also auf den Leim. Deike merkte es mal wieder nicht. Sie ärgerte sich nur, dass sie so verlegen war. Deswegen griff sie ihn unmotiviert an. Und dann sagte sie genau das, was Marek hören wollte: »Ich werde es dir beweisen, dass ich nicht hinfällig bin! Du kannst dich freuen, wenn wir überhaupt wieder zurückkommen, mein Lieber! Es könnte nämlich sein, dass der Schuss nach hinten losgeht. Was dann?«

Marek spielte den Besorgten. Das gehörte einfach dazu.

»Wann wirst du es tun?«

»Oh, keine Sorge. Ich verschwinde bald. Ich habe da nämlich etwas vor. Ein Urlaub kommt mir ganz gelegen. Du wirst noch staunen! Aber das kannst du dir jetzt schon merken, du wirst die Rechnung bezahlen!«

»Sicher«, sagte er fröhlich.

Deike war nämlich gerade eingefallen, dass sie doch für drei Tage einen Ausflug mit den Mädchen aus dem Eckhaus veranstalten wollte. Imka wollte sich ja was einfallen lassen. Wie wäre es aber, dachte Deike verschmitzt bei sich, wenn ich jetzt mit Lorenz losziehen und das Richtige selber aussuchen würde? Wir haben unseren Spaß und können uns an Ort und Stelle davon überzeugen, ob alles in Ordnung ist. Und was noch viel wichtiger ist, ich werde keinen Pfennig dafür ausgeben müssen.

Listig sagte sie: »Ich meine, die ganze Rechnung!«

Dabei dachte sie an die Mädchen, die Übernachtungskosten und was noch so alles anfiel.

Marek hatte ja keine Ahnung, dass sie so etwas wieder vorhatte. Wie sollte der arme Großlude denn auch darauf kommen? Er wunderte sich nicht mal, dass sie es so betonte.

Deike war steinreich. Marek wusste, wenn sie darauf bestand, gehörte das einfach zum Spiel. Er war ja auch steinreich. Das hieß, wenn er Lotte nicht bald bremste, würde er das bald nicht mehr sein.

»Abgemacht!«, sagte er deshalb fröhlich.

»Fein! Gib es mir bitte schriftlich!«, bat Deike.

»Soll ich es auch von meinem Notar unterschreiben lassen?«

»Sicher!«

Jetzt musste Marek doch lachen. »Du bist unmöglich, Deike! Weißt du das eigentlich?«

Ida erschien wie ein Racheengel. Sie hatte lange mit sich gekämpft. Als Marek aber immer noch nicht ging, wurde sie nervös, stapfte ins Büro und fauchte den Großluden an. Angriff war immer die beste Verteidigung.

»Warum hältst du anständige Christenmenschen von der Arbeit ab? Willst du vielleicht auch noch übernachten im Eckhaus?«

»Wenn du mir in deinem Kämmerlein ein Plätzchen anbietest, warum nicht?«

Idas Kiefer klappte herunter. Sie hatte mit einem Donnerwetter gerechnet. Deike musste ihm alles erzählt haben. Und jetzt machte er Scherze.

»Verschwinde!«, zischte sie wütend.

»Keine Sorge, ich bin schon fort!«, rief Marek. »Ich will ja nicht mit dem Doc Ärger haben.«

Er hob winkend die Hand und entfernte sich.

Ida belauerte Deike.

»Hat der ein paar Schrauben locker?«, fragte sie.

»Warum?«

»Ach, ich weiß nicht. Na ja, also dann will ich mal wieder gehen!«

»Idachen, du willst mir doch nichts erzählen, also was soll das denn? Du wirst schon wissen, ob du richtig handelst, nicht wahr?«

Ida blickte Deike treuherzig an.

»Du hältst mich doch nicht für roh, nicht wahr?«

»Sollte ich das?«

Ida stand kurz davor, Deike alles zu erzählen. Doch dann klappte ihr Mund wieder zu, als sie das Glitzern in Deikes Augen gewahrte.

»Du bist wie alle anderen hier im Haus«, schimpfte Ida ärgerlich.

»Arme Ida«, flüsterte Deike.

Als sie wieder allein war, fühlte sie sich richtig wohl und glücklich. Deike erkannte den Sinn ihres Lebens. Sie wurde gebraucht. Alle hier brauchten und liebten sie. Das zu wissen, machte ihr Leben schön. Seit ihrer Erkrankung hatte sich auch der Großlude verändert. Alle, mit denen sie zusammenarbeitete, hatten sich verändert. Sie hatten erkannt, wie schnell das Schicksal zuschlagen konnte. Heute noch gesund, konnte jeder morgen schon den Friedhofsschein erster Ordnung in der Hand halten. So schnell konnte es gehen. Und mit dieser neuen Krankheit veränderte sich alles noch schneller. Aids griff die Menschheit an der Wurzel an. Aids bedeutete Verrat an der Liebe. Aids machte in gewisser Weise ehrlich.

Das Leben der Menschen musste sich ändern, wenn sie sich retten wollten.

Alle waren dazu aufgerufen.

Die ganze Menschheit, zumindest die Menschen in den technisierten Ländern. Alle hatten das Problem Aids. Nur die Völker, die in ihrem natürlichen Leben verblieben waren, würden letztendlich überleben.

Deike stand am Fenster und blickte auf den Hinterhof. Was habe ich vorhin nur gedacht? Ich kann mir mit meinem vielen Geld alles kaufen, nur keine Kinder. Ich habe meine Chance vertan. Ich habe sie für schäbigen Schein vertändelt. Wie wenig begreifen wir doch, was das Leben wirklich bedeutet. Es währt nur einen kurzen Augenblick, und wir müssen ihn nutzen. Wenn das wirklich stimmt, was man überall lesen kann, dass wir da oben gerichtet werden, dass wir uns praktisch selbst richten mit unseren Taten, dass das wirkliche Leben nach dem Tode beginnt, wieso fangen wir es dann nicht schon hier unten richtig an? Wieso glauben wir alle, wir sterben nie? Jeder rennt und hastet nur. Wir versuchen uns zu betäuben und begreifen einfach nicht, dass wir jetzt eingeholt worden sind. Aids ist der große Schrecken. Wer es jetzt noch nicht kapiert, dass Menschlichkeit das wahre Leben ist, der ist verloren. Wie viele fangen jetzt schon wieder an zu denken, sie seien etwas Besonderes, sie könnten auf andere runtersehen, sie einsperren, meiden oder sogar töten?

Ich darf nicht mehr so denken, das macht mich kaputt! Ich stehe hier auf meinem Platz und muss ihn ausfüllen! Das ist Pflicht. Ich muss auf meine Art und Weise ein wenig dazu beitragen, dass die Liebe wieder Einkehr in unser Leben hält.

Deike setzte sich an den Schreibtisch und träumte vor sich hin.

Ihre Krankheit war zum Meilenstein in ihrem Leben geworden. Viele Monate hatte sie sich verbittert und verhärmt gefragt: Warum ich? Jetzt hatte sie es überstanden. Ihre Krankheit war ihr großer Wegweiser gewesen. Das Schicksal hatte sie angehalten und ihr angedeutet: Wenn du es jetzt nicht kapierst, dann ist es zu spät! Du hast noch eine winzige Chance, meine Liebe!

Die Bordellmutter wusste um dieses Geheimnis. Kein Lude der Welt begriff, dass man sich im Herzen wandeln musste, um so ein Haus führen zu können. Sie glaubten noch immer, man bräuchte nur das richtige Personal, etwas Geld, und schon könnten sie es auch, und machten Marek das Leben schwer. Sie hatten aber Schiffbruch damit erlitten. Deike lächelte. Geld! Sie hatte begriffen, dass Geld letztendlich gar nichts wert war. Für vieles war es gut, und man konnte alles dafür kaufen: ein neues Leben für ein kleines Mädchen, das man auf den Strich gezwungen hatte. Manchmal konnte man auch Geld benutzen, um Menschen damit zu zeigen, bis hierher und nicht weiter. Aber menschlich machte es nicht. Dazu gehörte Herz.

Seit Ida und Deike Geld genug für sich selber hatten, waren sie frei geworden, waren nicht mehr Sklaven ihres Berufes. Das war auch eine komische Sache. Auch die guten Mädchen im Eckhaus waren wirklich erst gut geworden, als sie ihr Bankkonto hatten. Sie standen nicht mehr unter diesem schrecklichen Druck. Sie hätten sich mit dem Geld freikaufen können. Wenn sie sich jetzt auf die Rampe stellten, dann nur, weil es ihnen Spaß machte. Es war ihr Beruf. Sie mussten nicht auf Biegen und Brechen Kunden aufreißen. Sie hatten die freie Auswahl. Dadurch wurden sie immer reicher, ihr Leben interessanter und sie glücklicher. Manchmal, wenn alles zusammenpasste, war Geld eine gute Sache.

Deike dachte: Ich bin wirklich närrisch. Da bilde ich mir ein, ich könnte Lorenz helfen.

»Wie denn bloß?«

»Hältst du Selbstgespräche?«, wollte Hanna wissen. Sie war ins Büro gekommen, ohne dass Deike es bemerkt hatte.

Deike blickte Hanna an. »Ich werde in Kürze verreisen! Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Sicher!«

Hanna fragte nicht viel. Hanna blieb immer die Ruhe selbst. Deike wusste, eines Tages würde Hanna ihren Platz hier einnehmen. Sie würde ihn ihr schenken. Doch inbrünstig hoffte sie, dass dieser Tag noch in ziemlich weiter Ferne wäre.

»Nun, dann wollen wir doch mal sehen, was ansteht. Sind die Mädchen unten?«

»Ja!«

»Nun, dann haben wir ja wohl eine ruhige Nacht vor uns. Was meinst du?«

»Hat Ida noch immer nicht gesprochen?«, fragte Hanna.

»Nein!«

»Ist das nicht merkwürdig?«

»Wir sollten es respektieren! Ich glaube, wir können uns auf Ida verlassen!«

»Wirklich?«

Deike lächelte versonnen.

»Ida kann nicht mehr zurück. Ich auch nicht. Wir müssen unseren Weg gehen, und das tun wir auch. Nur möchten wir ihn heimlich gehen, weißt du?«

Hanna war verblüfft. Sie hatte nichts verstanden.

»Wie? Was? Welchen Weg?«

»Ich werde später mal mit dir darüber reden. Doch jetzt möchte ich nicht mehr darüber sprechen. Ich muss Marek einen Streich spielen. Das ist vordergründig!«

»Kann ich dir dabei helfen?«

»Das wäre nicht schlecht. Ich habe vor, mal wieder einen kleinen Urlaub zu machen.« Jetzt erzählte Deike, dass Marek alles bezahlen würde. Hanna sollte es aber nicht den Mädchen erzählen. Noch nicht. Sie müsse ja noch so etwas wie ein Rätsel lösen. Doch sie sei zuversichtlich, sagte Deike auf Hannas Frage.

»Das kann ja heiter werden«, rief Hanna lachend aus. »Dann haben wir wieder einen schreienden Großluden.«

»Das würzt das Leben. Doch jetzt geh wieder raus! Du wirst bestimmt noch Kunden bedienen müssen.«

»Und ob! Es haben sich mal wieder einige für heute angesagt. Das ist wirklich komisch. Mal kommen sie alle, und dann, wenn man denkt, jetzt könnte ich mir einen besonderen Fall vornehmen, dann bleiben sie aus.«

Hanna ging auf die Rampe zurück. Auch wenn sie Stammkundschaft hatte, so wollten die Freier doch noch immer so tun, als müsse man sie von der Rampe weg überzeugen.

 

 

7

Alfred hatte Sorgen. Er betrachtete Lotte und schüttelte den Kopf.

»Wenn du so weitermachst, fütterst du sie noch tot«, sagte er leise.

Lotte war in ihrem Element. Sie konnte ihre Fürsorge jetzt richtig austoben. Armes altes Mädchen. Martha lag da und musste sich alles gefallen lassen. Wenn die alte Hure anfangs auch sehr glücklich darüber war, so fühlte sie doch langsam Unruhe in sich hochsteigen. Hinzu kam der Gedanke, ich muss das ja alles wieder verlassen. Verflucht noch mal, warum bin ich nicht gleich verreckt? Jetzt weiß ich, wie man leben kann. Ehe ich mich umsehe, werde ich schon wieder auf die Straße gesetzt.

Hin und wieder machte sie Anläufe und wollte Lotte erklären, warum sie es nicht mehr dulde, so verwöhnt zu werden. Doch wenn sie dann sah, wie sehr die alte Dame darin aufging, hatte sie einfach nicht mehr den Mut dazu. Wenn Alfred ihr nicht hin und wieder einen Schnaps gebracht hätte, wäre es für Martha die Hölle geworden. Sie war an den Fusel gewöhnt. Ihr Körper schrie danach. Sie lag auf der Terrasse, als Alfred sich einen genehmigte. Hinter den Büschen, wohlweislich. Dann sah er den gierigen Blick der Alten und grinste. Er schaute sich nach allen Seiten um und brachte ihr dann die Flasche. Martha nahm einen ordentlichen Schluck. Doch dann erschraken sie beide. Lotte würde den Schnaps riechen. Alfred war aber auch nicht auf den Kopf gefallen. Er besorgte Knoblauch, und wenig später erklärte Martha, sie könne ohne Knoblauch eigentlich nicht leben. Lotte hielt sich die Nase zu.

»Der ist gut für meinen Kreislauf«, log Martha und wusste nicht mal, dass das tatsächlich stimmte.

Sie befand sich jetzt seit zwei Tagen und Nächten in der Villa. Einmal wurde sie hastig ins Hinterzimmer verfrachtet. Lotte schärfte ihr ein: »Rühr dich nicht, verstanden? Ich hole dich später wieder.«

Martha stöhnte auf. Denn Lotte hatte ihr Bein berührt. Stunden hatte sie dort in der kleinen Kammer verbringen müssen. Martha, des Wartens müde, hatte dort angefangen, sich zu trimmen. Sie belastete den Fuß und lief vorsichtig umher. Es klappte schon wieder ganz gut. Dann hörte sie endlich Lotte kommen, setzte sich sogleich wieder hin und spielte die Leidende.

Als sie dann zu dritt am Abendbrottisch saßen, wollte Martha wissen, was sie auf dem Kerbholz hätte. Lotte blickte sie sprachlos an.

»Ich habe nichts ausgefressen!«

»Ich verstehe, du solltest das Haus bewachen, und jetzt sind die Leute zurückgekommen«, sagte Martha.

»Nein, es gehört mir! Ich lebe hier allein. Ich kann damit machen, was ich will«, sagte Lotte, und ihre Augen funkelten.

Martha blickte Alfred an.

»Was ist denn jetzt? Ich bin nicht auf den Kopf gefallen. So sag endlich, was ist los? Ich habe es nämlich nicht gerne, wenn man mich verscheißert.«

Alfred war klug und hielt sich heraus.

Martha sagte: »Wenn das so ist, dann ziehe ich morgen wieder los. Ich kenne das Leben.«

»Das wirst du nicht tun«, sagte Lotte wütend. »Du wirst noch Wochen brauchen, bis du wieder gehen kannst!«

Martha blickte sie sprachlos an. »Wochen? Das soll doch wohl ein Witz sein! Ich kann nicht wochenlang hierbleiben.«

»Warum nicht?«

Martha lag jetzt hier und überlegte sich, was das bedeutete. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie etwas geschenkt bekommen. Im Gegenteil, man hatte immer versucht, ihr ein Bein zu stellen. Und jetzt hier? Was sollte das? Brauchte man sie vielleicht als Alibi? Als Ausrede? Verdammt, dachte Martha, während sie grämlich in den Garten blickte. Ich glaube, ich sitze mal wieder in der Scheiße. Und Ida hat mich reingeritten. Verflucht, sie hätte mich auch gleich gründlich übermangeln können. Was soll das nur noch werden? Auf jeden Fall halte ich jetzt meine Ohren und Augen offen. Die Alte soll ruhig denken, ich sei hinfällig. Ich werde heimlich üben. Und wenn mir der Boden zu heiß wird, werde ich mich verdünnisieren. Die wird sich wundern. Sie hatte gerade beschlossen, so lange wie die Made im Speck zu leben, wie es nur ging, als Alfred angetrudelt kam. Seine Tasche war ausgebeult. Er hatte also für Nachschub gesorgt. Lotte musste wieder unterwegs sein. Ein günstiger Augenblick! Martha trank mit Alfred, und sie lachten zusammen. Dann wollte sie einiges von ihm wissen. Bald erzählte er von dem Verhältnis, das er mit Lotte hatte. Martha war baff.

»Die Angehörigen der Alten müssen ja einen Kopfschuss haben, dass sie die Alte hier allein hausen lassen. Was sie alles zusammenkauft! Du meine Güte! Hört das denn gar nicht auf? Sind das Millionäre?«

Alfred hatte plötzlich verschlossene Lippen.

Martha bekam einen schlimmen Verdacht. »Das ist doch kein Diebesgut?«

»Bist du wahnsinnig?«, keuchte der alte Mann entsetzt. »Hast du schon mal gesehen, dass man Diebesgut per Lieferwagen bringt?«

»Der Alten traue ich alles zu. Ich will jetzt endlich die Wahrheit wissen!«

»Nein! Bleib mal hübsch und brav hier, mehr ist nicht nötig.«

Martha wurde wütend. »Also, wenn du mir jetzt nicht endlich erzählst, was sich hier abspielt, verrate ich Lotte, dass du heimlich säufst!«

Alfred blickte Martha erschrocken an.

»Da habe ich also eine Schlange an meinem Busen genährt«, sagte er wütend.

»Ich bin eine Hure, und ich weiß, wie man am Leben bleibt! Nichtwissen ist für unsereiner eine tödliche Falle. Ich verspreche dir, ich werde Lotte nie erzählen, dass ich die Wahrheit von dir erfahren habe.«

Lohnte es sich, einer Althure das Ehrenwort abzunehmen? Alfred blickte sie listig an. »Tja, ich weiß jetzt, dass du ganz gerne bleiben möchtest, nicht wahr? Aber lass es dir bloß nicht einfallen, eines Tages Lotte unter Druck zu setzen! Sie ist eine gute Seele. Sie ist nur froh, dass sie sich um jemanden kümmern kann. Das tut sie nämlich für ihr Leben gern. Ich habe mich gedrückt, ihr Sohn auch. Also tobt sie sich jetzt bei dir aus. Das ist der Grund, sonst nichts!«

»Du weichst ab! Wer bezahlt das hier alles?«

Alfred sagte: »Ich habe dich gewarnt. Krieg bloß keinen Schock! Du zwingst mich ja dazu. Nichtwissen ist manchmal auch ganz schön.«

»Wer?«, fragte Martha nochmals.

»Marek!«

Martha brauchte eine Weile, bis ihr Gehirn das Wort annahm. Dann glotzte sie den Alten an.

»Marek? Du willst mir doch wohl nicht weismachen, Alter, dass du den Großluden kennst!«

Alfred nickte fröhlich.

»Ich habe dir doch gesagt, du wirst unruhig werden, Süße!«

Martha fauchte ihn an.

»Du gemeiner Wichtigtuer! Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich fall auf deine dummen Sprüche nicht herein.«

»Das sind keine Sprüche! Was glaubst du denn, wer neulich hier war?«

»Marek?« Martha wurde blass im Gesicht.

Alfred nickte fröhlich.

Martha schluckte. »Nehmen wir mal an, es stimmt, was du da faselst, du alter Bock. Nehmen wir es also mal an. Was wäre denn passiert, wenn er mich hier gefunden hätte?«

»Och«, meinte Alfred gemütlich. »Das wäre ganz auf Lotte angekommen, wie sie es ihm beigebracht hätte.«

Martha wurde unruhig. Der Alte sprach so gemütlich davon, gar nicht sensationslüstern. Sie bekam eine Gänsehaut. Marek hätte sie in kleine Streifen geschnitten. Martha hatte den ersten Schock überwunden und sagte sich: Zum Teufel, warum sollte er mir eigentlich etwas antun? Ich habe ihm doch nichts getan. Man hat mich doch hierher gekarrt!

»Warum?«

»Tja, der Marek könnte doch denken, du hast was Böses vor. Verstehst du? Der ist ja nicht blind und weiß sofort, wer und was du bist!«

»Lotte«, würgte Martha jetzt hervor. »Hat die wirklich alle Schrauben angezogen?«

»Lass sie das nicht hören!«

»Ich will jetzt alles wissen, verdammt noch mal!«

»Na schön! Aber halte dein Herz fest, Martha! Sie ist seine Mutter!«

Martha starrte den Alten an. »Mareks Mutter?«

»Er betet sie an. Er würde alles für sie tun. Auch einen Mord, wenn er denken müsste, man wolle dem wundervollen Mütterchen was antun.«

Martha wurde nun grün im Gesicht.

»Oh, Gott«, stammelte sie. »Das ist ja schlimmer, als ich gedacht habe! Sag mal, Ida, dieses verdammte Eckhausluder, die hat das gewusst?«

»Dass Lotte seine Mutter ist?«

Martha nickte schwach.

»Klar doch! Die beiden sind dick befreundet!«

»Oh, du meine Güte! Marek macht noch Hundefutter aus mir, wenn er mich hier antrifft! Du, das finde ich nicht zum Lachen, Alfred!«

Der kicherte vergnügt vor sich hin. »Du wolltest ja die Wahrheit wissen.«

»Widerlicher Kerl! Hör endlich auf zu lachen! Ich werde sofort gehen!«

»Warum denn?«

»Da fragst du noch? In meinen Augen hat die Alte einen Kopfschuss.«

»Nee, nee, so ist das auch wieder nicht, Martha. Bleib mal schön liegen. Und wenn ich dir einen guten Rat geben darf, dann mach weiter auf hinfällig.«

»Wie? Was?«

»Vielleicht kriegst du dann noch von Marek so etwas wie einen Orden!«

Die Althure war jetzt ganz verdattert. War der Alte vielleicht auch verrückt? Befand sie sich in einem Irrenhaus? Der King sollte ihr einen Orden verpassen? Der musste wirklich spinnen.

Unten am Tor stand Lotte und unterhielt sich mit einer Person. Martha konnte vom Fenster aus nicht ausmachen, wer diese Person war.

»Das ist nämlich so, Süße. Seit du hier bist, muss sie ja so viel kochen, backen und alles Mögliche tun und hat keine Zeit mehr für ihre Sausen.«

»Welche Sausen?«

»Sie hat sich nämlich vorgenommen, halb Hamburg leer zu kaufen. Das kann sie doch jetzt nicht mehr. Sie muss dich doch pflegen. Also spart der King einiges. Der kriegt nämlich langsam graue Haare wegen seiner Mutter. Ich bin doch auch hier, um sie zu bremsen.«

»Glückt dir wohl nicht?«

Er nickte betrübt. »Nee, das schaff ich nicht. Lotte ist mir zu anstrengend.«

Lotte kam jetzt mit ihrem Besuch näher. Es war Ida! Martha starrte die Eckhausköchin an. Ida starrte zurück. »Na, ich sehe, du hast es hier ganz gut.«

Mit dem Wissen im Bauch war es für Martha gar nicht so einfach, freundlich zu bleiben. Ida, dieses scheele Luder, dachte Martha. Bestimmt hat sie was vor. Lotte trippelte los und holte Kaffee und Kuchen. Die Torte war einmalig. Martha sah das Glitzern in Idas Augen. Ida schaffte es leider nicht, so tolle Torten wie Lotte zu backen.

Lotte redete wie ein Wasserfall. Ida unterbrach sie. »Wie lange soll sie noch bleiben?«

Lotte legte Martha die Hand auf den linken Arm. »Sie hat noch nicht mit dem Laufen angefangen.«

Ida starrte Martha an. »Ich habe dir gesagt, nur bis sie wieder fit ist!«

»Sicher, sicher!«

»War Marek schon hier?«

Lotte kicherte: »Der wird sie nicht finden. Mein Sohn soll zwar alles essen, braucht aber nicht alles zu wissen!«

Ida sagte: »Er wird mich in Streifen schneiden, wenn er es herausbekommt. Also, Lotte, nicht zu lange! Sie sieht toll aus.«

Marthas Herz hüpfte wie ein Gummiball auf und nieder. Ida sah sich also auch schon in Streifen geschnitten. Langsam begriff die alte Hure die Zusammenhänge. Idas schlechtes Gewissen hatte sie so handeln lassen. Martha lehnte sich genüsslich zurück. Jetzt hatte sie es gar nicht mehr eilig, fortzukommen. Ida und Lotte hatten verschiedene Ansichten. Ida wollte sie wieder loswerden, kein Wunder, dachte Martha. Lotte braucht mich aber. Was ist, wenn ich mich so unentbehrlich mache, dass ich für immer bleiben kann?

Lotte trippelte wieder ins Haus zurück.

Ida giftete Martha sofort an: »Bilde dir bloß nicht ein, ich würde dich nicht durchschauen!«

Martha sah sie an. »Du hast mich angefahren! Du hast mich hierhergebracht!«

»Du alte Kuh, du kannst schon längst wieder aufstehen. Gib es zu!«

»Kannst ja einen Arzt kommen lassen«, sagte Martha.

»Nein«, keuchte Ida. »Ich denke nicht daran! Wenn du mir was antun willst, spucke ich dir in die Suppe!«

Sie zitterte unmerklich.

All die Jahre ihres Lebens hatte Martha nur daran gedacht, andere zu schädigen. Besonders, wenn es zu ihrem eigenen Vorteil war. Zum ersten Male war sie hier auf Menschlichkeit gestoßen. Ida und sie wussten ganz genau, dass Ida sie nicht hätte fortbringen müssen. Sie hatte selber schuld an diesem Unfall. Ida hatte sich als menschlich erwiesen. Sie hatte sie nicht mit ein paar Scheinen bedient, sondern sie hierhergebracht. Ida hatte sofort gewusst, dass Martha nirgends hingehen konnte. Ida war wirklich menschlich geworden. Das spürte Martha jetzt ganz deutlich. Sie fühlte auch, dass Ida sich nicht kleinkriegen ließ. Sie würde es auch mit Marek aufnehmen. Wenn sie jetzt so wütend reagierte, dann nur, um Lotte zu schützen.

Martha war ganz durcheinander. Jeder dachte hier nur an den anderen. Das war auch eine ganz neue Erfahrung für sie. Konnte sie da noch schäbig bleiben?

»Sobald ich kann, gehe ich«, sagte Martha.

Lotte hatte diese Worte vernommen und sagte: »Das kommt nicht in Frage! Du wirst noch eine ganze Weile brauchen.«

Ida blickte Lotte an. »Sie muss wieder fort! Du kannst sie nicht für immer behalten!«

»Warum eigentlich nicht?«, wollte Lotte wissen. »Das Haus ist groß genug. Marek sagt doch immer, ich soll mir Gesellschaft holen.«

»Du hast Alfred und Gundalena!«

»Alfred kriecht den ganzen Tag im Garten umher. Gundalena liegt die meiste Zeit auf ihrem Bett und heult.«

»Warum das denn?«

»Sie hat Heimweh! Sie will in ihre Berge zurück.«

»Das kleine Luder«, sagte Ida streng. »Sie will wieder ein Flittchen werden.«

»Wenn ein Mädchen das will, kann man es nicht davon abhalten. Es geht einfach nicht«, sagte Martha.

Lotte blickte sie an. »Sie hat recht. Gundalena ist unglücklich. Auch wenn du sie damals vor ihrem Luden errettet hast, sie scheint es dir nicht zu danken.«

»Wer soll dann den Dreck für dich wegmachen?«

Lotte sah Ida an. »Ich brauche also eine neue Hauskraft!«

»So ist es. Deike und Marek würden es dir nämlich krummnehmen, wenn du Gundalena fortschicktest. Dann wirst du hier deine Zelte abbrechen müssen. Das Haus ist zu groß für dich!«

Lotte kicherte vergnügt vor sich hin.

»Dann ist ja alles in Ordnung!«

»Sie bleibt also?«

»Nein, ich denke nicht daran. Die schafft nicht genug. Sie träumt den ganzen Tag. Ich nehme jetzt Martha. Sie weiß doch nicht, wohin sie gehen soll! Also habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen«, sagte die alte Dame lachend.

Martha atmete ganz flach und blickte dabei Ida an. Sie konnte und wollte es noch immer nicht glauben. Sie sollte für immer hierbleiben! Nicht mehr auf den Altstrich zurück, nicht mehr weiter absinken! Nie mehr Hunger, nie mehr Kälte leiden. Angesehen sein und wie ein Mensch leben dürfen!

Ida wollte etwas sagen. Doch dann erinnerte sie sich an ihre eigene Vergangenheit. Lotte strahlte etwas aus, das kriegerisch wirkte. Ida dachte nur: Marek macht mich wirklich kleiner. Wieso eigentlich? Dann strafften sich sogleich wieder ihre Schultern. Gundalena darf ja auch hier arbeiten. Sie war und ist eine Hure.

»Was kannst du denn?«

»Sie kann alles lernen! Immerhin ist sie jünger als ich«, sagte Lotte eifrig. »Jetzt geht es richtig los! Wenn sie sich eingearbeitet hat, gebe ich ein Fest.«

»Ich darf wirklich bleiben?«, fragte Martha ungläubig.

Ida blickte Martha böse an. »Das eine sage ich dir, Schätzchen, wenn du dich nicht gut führst, dann kannst du mich kennenlernen. Wenn ich höre, dass du Mist baust, dann kannst du mit mir rechnen. Wenn du ehrlich vorhast, ein neues Leben zu beginnen, kannst du es hier versuchen. Doch wehe, wenn du auch nur daran denkst, Lotte ein Bein zu stellen, dann komme ich persönlich und bringe dich eigenhändig um. Ist das klar?«

Martha kicherte.

»Du scheinst ja mächtig Angst vor Marek zu haben, wie?«

»Nein, gar nicht! Ich mag nur keine Schakale.«

Martha wandte sich jetzt an Lotte: »Ich will wirklich alles tun, was du mir sagst. Ich werde dir für alles dankbar sein, Lotte. Ich kann es noch immer nicht glauben. Es ist zu schön.«

»Dann kannst du ja auch gleich aufstehen und den Kaffee holen«, sagte Ida.

Martha erhob sich sofort. Zwar verzog sie noch ein wenig das Gesicht. Doch dann humpelte sie in die Küche. Dort heulte sie vor Freude noch ein wenig.

»Herrje«, schwor sie sich eifrig, »und wenn ich mir die Finger wund schrubben muss, ich will hierbleiben! Ich will nicht mehr in die Gosse zurück!«

Lotte war sauer, dass es Martha schon wieder so gut ging.

»Du musst aufhören, sie zu bemuttern«, sagte Ida. »Das bringt nichts!«

»Wer sagt es nur Marek und Deike?«

Ida verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen.

»Warum denn direkt sagen? Wir tun so, als hätten wir das schon immer vorgehabt. Vielleicht merkt er es auch lange Zeit gar nicht. Deike denkt nämlich, ich hätte Martha rausgeworfen. Alle im Eckhaus zerbrechen sich den Kopf darüber, wo ich die Alte gelassen habe.«

Lotte kicherte fröhlich mit. »Jetzt macht es erst richtigen Spaß! Das bringt Leben ins Haus. Wir werden es schon noch zu was bringen. Die vielen Zimmer werden eines Tages alle voll sein, Idachen!«

»Wieso? Wie viele Angestellte willst du denn noch aufnehmen? Schließlich muss Marek ihr auch Gehalt zahlen.«

Lotte blickte in den Park.

»Kommt Zeit, kommt Rat!«

»Damit habe ich aber nichts zu tun«, sagte Ida schnell. »Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

»Kannst du!«

Wenig später fuhr Ida mit einem Taxi zurück zum Eckhaus. Die Mädchen auf der Rampe sahen den entschlossenen Zug um ihre Lippen und wunderten sich. Ida wirkte angriffslustig.

»Na, mit wem haste dich denn jetzt schon wieder angelegt?«

»Mit niemandem!«, schrie Ida.

»Doc wollte dich besuchen, er war sehr traurig, als er hörte, dass du nicht da bist!«

»Der alte Frauenheld«, sagte Ida verächtlich.

»Ida, sei doch nicht so! Du stehst doch auch auf ihn«, meinte Bärbel lachend.

Da bekam sie es aber zu hören. Ida hielt ihr eine Standpauke wie schon lange nicht mehr. Sie war wieder in ihrem Element.

Bärbel kicherte und sagte wenig später zu Hanna: »Die schwimmt wieder oben! Wetten, dass sie wieder was ausheckt?«

»Lass das nicht Marek hören. Der ist im Augenblick dünnhäutig wie noch nie!«

 

 

8

Einige Straßen weiter saßen ein paar Tüllen zusammen und berieten, wie sie Agnes Jansen aus dem Weg räumen könnten. Dass sie verschwinden musste, darin waren sie sich schon lange einig. Es durfte nur nicht herauskommen, dass es die Tüllen vom Laternenstrich waren. Sie stand schließlich unter Schutz. Sie bezahlte ihre Beiträge an die Innung.

Es musste so aussehen, als hätte ein Freier sie halb umgebracht. Dann wäre sie einige Zeit aus dem Verkehr gezogen.

»Wir wissen ja, wohin sie sich fahren lässt, wenn es um den Autostrich geht!«

»Dann müssen sich dort zwei von uns postieren!«

»Hoffen wir nur, dass sie heute ziemlich schnell einen Kunden bekommt.«

In der Regel bekamen sie nur Kundschaft, die sie mit ins Hotel nahmen. Die Tüllen waren bereit. Wieder machten sie sich auf und zogen zum Strich. Unterwegs trafen sie auf ihre Luden. Sie hatten in der Eckkneipe gesessen und ihr Geld verspielt. Sie waren also nicht bei guter Laune und griffen die Tüllen sofort an. »Heute muss der Rubel rollen! Sobald du ein paar Mäuse eingesackt hast, wirst du sie mir bringen, ist das klar?«

Die Mädchen hatten es schon lange aufgegeben, sich dagegen aufzulehnen. Ihre Kohle ging oft so schnell wieder flöten, wie sie sie einnahmen. Sie mussten höllisch aufpassen, dass noch ein paar Scheine an ihren Fingern kleben blieben. Sonst hätte es ziemlich düster ausgesehen.

»Gebongt«, riefen sie im Chor. »Wir versuchen, uns in den Vordergrund zu stellen.«

Sie hatten geknobelt. Die beiden Mädchen, die Schmiere stehen mussten, konnten in dieser Zeit nicht anschaffen gehen. Also mussten die anderen Mädchen wie wild schuften und ihnen die Hälfte von ihren Einnahmen abgeben. So war es abgemacht. Nur Einigkeit macht stark. Das begriffen langsam auch die Dirnen. Viele Jahrhunderte hatten sie immer gegeneinandergestanden und waren nie richtig hochgekommen. Die Zeiten änderten sich. Man musste zusammenhalten. Das Eckhaus lebte es ihnen ja vor.

Agnes Jansen stand schon auf der Straße. Freundlich begrüßte sie die anderen Mädchen. Es war eine laue Nacht. Das Arbeiten würde heute wieder Spaß machen. Agnes hatte sich besonders nett zurechtgemacht. Die blonde Haarpracht lag in leichten Wellen um ihren Kopf. Kein Wunder, dass sie sofort auffiel.

Die Mädchen stellten sich zur Seite und spielten harmlos. Agnes bemerkte nicht einmal, dass zwei der Tüllen noch nicht zur Stelle waren.

»Ich möchte euch für morgen einladen«, sagte sie freundlich. Die Mädchen blickten sie erstaunt an. »Wieso das denn?«

»Nur so! Können wir uns am Nachmittag in der Stadt treffen? Bei Kuchen und Kaffee?«

Etwas unsicher sahen die Tüllen zu Boden. »Nee, wir haben keine Zeit«, sagte Karin hastig. »Ehrlich.«

Agnes war darüber traurig. »Nun, dann müssen wir es mal besprechen. Ich habe da eine Sache...« Weiter kam sie nicht, denn in diesem Augenblick kam wieder ein Freier angefahren.

Alle warfen sich sogleich in Pose.

Agnes gewann das Rennen. Sie stieg ein. Die anderen hatten noch gehört, dass der Kunde eine Autonummer wollte.

»So, die sind wir endlich los!«

Sie waren so geil darauf, Agnes aus dem Weg zu räumen, dass sich keine Tülle Gedanken darüber machte, was Agnes von ihnen gewollt hatte. Hätten sie nur ein paar Tage mit ihrer Rache gewartet, so wäre es auch für sie recht günstig ausgegangen. Denn Agnes hatte Nachricht erhalten, dass sie ein Haus auf dem Lande erben würde. Darüber wollte sie mit den Mädchen sprechen und ihnen anbieten, dort mit ihr zu arbeiten. Man konnte doch mal locker so etwas besprechen. Agnes wusste von den Mädchen, dass sie nicht gerne auf dem Straßenstrich standen.

Agnes fuhr also mit ihrem Kunden zum Standort. Um diese Zeit standen noch keine anderen Wagen dort. Sie wusste auch nicht, dass sie beobachtet wurde. Der Freier machte die Innenbeleuchtung an, also konnten alle sofort erkennen, dass Agnes in dem Auto saß. Die Mädchen schlichen sich an den Wagen heran. Sie hörten Agnes mit dem Freier reden. Die Tüllen hatten sich einen Sack besorgt. Jede hielt außerdem noch einen Knüppel in der Hand.

»Jetzt!«, flüsterten sie sich zu.

Von jeder Seiten sprang jetzt eine Dirne herbei und riss die Wagentür auf. Die Türen waren nicht von innen verriegelt. Beide, Agnes wie der Freier, waren so überrascht, dass sie sich nicht wehrten.

Eine Dirne schlug sofort auf Agnes ein. Sie brach stöhnend zusammen. Dann warfen die Dirnen Agnes den Sack über und zerrten sie aus dem Wagen.

Der Freier wurde aufgefordert, sofort zu verschwinden, oder man würde ihn auch zusammenschlagen. Mit zitternden Fingern drehte er den Autoschlüssel um, und es dauerte keine Minute, da war er auch schon verschwunden. Die Mädchen prügelten wie verrückt auf Agnes ein. Erst als sie sich nicht mehr rührte, hörten sie keuchend auf.

»Das ist genug! Wir wollen sie ja nicht totschlagen«, flüsterte Ina. »Sonst kriegen wir Ärger! Mord, da wird die Polizei doch nervös!«

»Gehen wir zurück?«

»Klar!«

Die Tüllen warfen die Knüppel fort und ließen Agnes einfach liegen. Ihr Plan war, dass ein anderer Autofahrer Agnes fand und die Polizei verständigte. Ihre Freier wollten sie heute nicht zu diesem Platz führen. Andere Dirnen von anderen Straßen sollten Agnes finden.

Die Tüllen rannten, so schnell sie konnten, vom Tatort weg. Agnes kam bald wieder zu sich. Sie konnte sich mit letzter Kraft von dem Sack befreien. Dann schleppte sie sich zur Straße. Dort brach sie zusammen.

Es dauerte nur fünf Minuten, da wurde sie von einem Autofahrer entdeckt. Er war auf dem Heimweg. Er sah die wie tot am Boden liegende Frau und bekam eine Gänsehaut. Nach ihrer Kleidung erkannte er, um welche Art Frau es sich hier handelte. Schon wollte er sich aus dem Staube machen. Er sagte sich: Sie muss doch wissen, wie gefährlich ihr Beruf ist. Wenn ich mich jetzt reinhänge, dann nehmen sie meine Personalien auf, und meine Frau wird mir niemals abnehmen, dass ich damit nichts zu tun habe. Schon bestieg er wieder seinen Wagen und fuhr langsam weiter. Doch sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Er sah eine Telefonzelle und hielt an. Er musste dafür sorgen, dass man sie bald fand.

Er rief sie Polizei an und teilte mit, wo er die Frau gefunden hatte. Dann legte er wieder auf.

Das Polizeirevier schickte einen Streifenwagen. So dauerte es nicht so lange, wie die Dirnen es erhofft hatten, bis man Agnes fand. Sie hatte mehrere stark blutende Wunden. Was passiert wäre, wenn man sie nicht gleich gefunden hätte, war nicht auszudenken.

Die Polizisten riefen über Funk einen Notarzt. Dieser untersuchte Agnes und schickte sie dann ins nächste Krankenhaus. So kam es, dass wenig später der Vorgang bei Kommissar Wegener auf dem Schreibtisch landete. Er war der Tüllenkommissar, den Namen hatten ihm die Kollegen verpasst.

Das Mädchen war noch nicht registriert, also eine Straßenbiene. War es versuchter Mord? Mit einem Sack? Wegener zerbrach sich den Kopf. Dann schloss er den Vorgang. Er hatte schon seit einiger Zeit mal wieder vor, dem Eckhaus und auch Marek einen Besuch abzustatten. Er kannte die Gewohnheiten des Großluden. Also würde er ihn zuerst in einer seiner Bars suchen.

Hier traf er ihn auch, es war bereits weit nach Mitternacht. Agnes hatte in ihrer Handtasche ihre Papiere. Das erleichterte Wegener die Arbeit. Marek erblickte den Beamten und nickte. »Darf ich Ihnen einen spendieren?«, fragte er.

»Einen Kaffee, ja. Ich habe noch eine lange Nacht vor mir. Da muss ich nüchtern bleiben.«

Marek blickte den Kommissar kurz an. Er kannte den Beamten durch und durch. Sofort spürte er, dass dieser etwas von ihm wollte. »Sollen wir nach hinten gehen?«

»Das wäre nicht schlecht.«

»Was ist passiert?«

»Ich glaube, es handelt sich um versuchten Mord!«

»Verdammt, schon wieder?«

»Was soll das, Marek? Ist das schon öfter vorgekommen? Ich meine, in letzter Zeit?«

»Ich meine damit, dass ich die Parole ausgegeben habe, dass ich ein sauberes Viertel haben will. Was ist passiert?«

»Nicht in Ihrer Straße! Eigentlich ist es nicht Ihr Gebiet!«

»Wieso kommen Sie dann zu mir?«

»Straßenstrich! Bis jetzt hat sich keiner gemeldet! Die Luden rufen doch gleich an, wenn sie Verdacht schöpfen, dass ihre Alte nicht zurück ist. Sie ist übrigens noch nicht eingetragen.«

»Also Sie meinen, sie ist der Innung beigetreten? Wie ist ihr Name?

Wegener nannte ihn. Marek rief eine Nummer an. Wenig später rief jemand zurück. »Ja, sie bezahlt ihre Beiträge.«

»Da schau her! So ist das also!«

»Was kann ich für Sie tun?«

Es kam selten vor, dass sich ein Lude mit einem Beamten so gut verstand. Marek war ja auch nicht irgendein Lude, sondern Großlude dieser Stadt. Sie hatten schon so manche heikle Situation geklärt. Beide waren für einen sauberen und ehrlichen Strich. Nichts war schlimmer, als die Freier zu verschrecken. Versuchter Mord war Geschäftsschädigung.

Marek wusste auch, wo normalerweise das Mädchen zu stehen hatte.

»Wollen wir mal eine Runde fahren?«

»Das wäre mir sehr lieb. Noch weiß ja niemand, dass wir sie gefunden haben. Diese Stunden zählen für mich. Die Mädchen, die mit ihr stehen, müssen doch was gesehen haben.«

Marek und Wegener verließen die Bar.

So kam es, dass in dieser Nacht der schwere Sportwagen von Marek bei der Straßenanschaffe anhielt. Die vier Mädchen standen an der Ecke der Parkbucht. Sie erkannten gleich den Ludenwagen und wurden blass. Als sie auch noch den zweiten Mann erkannten, wurden sie total nervös.

Marek fragte sie aus.

»Wir haben sie fortfahren sehen, mehr nicht!«, sagte Karin.

»Schreibt ihr nicht die Nummern der Freier auf?«, fragte Marek.

»Wieso das denn?«

Marek starrte sie böse an. »Macht ihr das oder nicht? Habe ich nicht die Order erteilt? Jede Straßenbiene schreibt die Nummer des Kunden der Nachbarin auf. Habt ihr das Rundschreiben etwa nicht erhalten? Wer sind eure Luden?«

Die Tüllen gerieten jetzt langsam in Panik. Damit hatten sie ganz und gar nicht gerechnet, dass man so schnell eine Untersuchung anstellen würde.

»Natürlich haben wir das Rundschreiben erhalten!«

»Und? Ich warte.«

»Sie ist eine Einzelgängerin«

»Ja, sie ist registriert! Bei der Innung, ich weiß! Habe ich Ausnahmen zugelassen? Ganz im Gegenteil, ich habe ausdrücklich angeführt, dass man auch diesen Mädchen helfen soll. Ganz besonders sogar. Oder ihr verliert diesen Standort! Also, ich warte!«

Weil sie glaubten, man würde Agnes erst viele Stunden später finden, hatten sie die Autonummer nicht aufgeschrieben. Ja, sie waren wirklich so dumm gewesen, das nicht zu tun. Sie hatten die ganze Zeit nur an ihren Vorteil gedacht und überlegt: Wie können wir es anstellen, dass Agnes nicht erfährt, dass wir damit was zu tun haben?

Sie bissen sich auf die Lippen.

»Ich warte noch immer!«, knurrte Marek.

Wegener blickte die kleinen Tüllen an.

»Wir haben es nicht getan«, sagte Ina leise.

»Nun, dann habt ihr für heute aufgehört anzuschaffen. Ihr kommt mit!« Schon hing er an seinem Autotelefon und rief einen Streifenwagen. »Ihr werdet so lange bei mir im Bunker bleiben, bis ihr begriffen habt, was zu tun ist!«

Wegener blickte den Großluden an.

Die Mädchen tobten und schimpften und wollten nicht einsteigen. Die beiden Fahrer machten kurzen Prozess. »Bringt sie anständig unter, und lasst sie dann schmoren«, befahl der Kommissar.

»Wieso sind Sie so sicher, dass sie etwas wissen?«

Marek sah den Kommissar an. »Ich müsste sofort aufhören, wenn ich so etwas nicht spürte.«

»Dann hätten wir also bald den Fall gelöst?«

»So ist es. Ich gebe Ihnen Bescheid und überantworte die Täter dann sogleich dem Gericht.«

»Ludenkrieg?«

»Mal sehen!«

 

 

9

Agnes konnte wirklich von großem Glück reden, dass man sie so schnell gefunden hatte. Ihre Wunden wurden genäht, und die Narkose war auch nur ganz leicht. Sie war noch einmal davongekommen. Man untersuchte sie gründlich und nahm ihr, wie es nun mal in einem Krankenhaus üblich ist, auch Blut ab. Man sagte ihr, nachdem sie wieder voll da war, dass sie wohl ein bis zwei Wochen bleiben müsse. Die Rippen taten ihr furchtbar weh. Sie wagte kaum zu atmen.

Verzweifelt überlegte sich das Mädchen, wer ihr das angetan haben könnte. Sie hatte keine Feinde. Jeder Gast war immer sehr gut von ihr bedient worden.

»Schlafen Sie jetzt! Morgen sehen wir weiter«, sagte der Arzt und verließ das Krankenzimmer.

Ob sie noch so freundlich sind, wenn sie erst wissen, was ich für einen Beruf habe?, dachte Agnes. Sie schlief ein und brauchte nicht mehr darüber nachzudenken.

Unterdessen waren da ein paar Dirnen, denen ging es nicht mehr so gut. Sie hockten im Keller des Polizeipräsidiums und blickten sich verstört an. Jede warf der anderen vor, sie habe das angezettelt. Marek hatte sie eingefangen. Das konnte schlimm ausgehen. Und ihre Luden würden erst einen Tanz aufführen! »Wir können gleich unser Grab schaufeln«, sagte Ina düster. »Ich krieg eine Gänsehaut, wenn ich nur an das Verhör denke!«

Stundenlang hockten sie dort unten und beteten jetzt nur noch, dass Agnes nicht zu viel abbekommen hatte.

»Und wenn wir jetzt alle sagen, es sei nur ein Scherz gewesen?«

Dann hörten sie Schritte auf der Treppe und wurden grün im Gesicht. Die Tür öffnete sich, und Marek erschien lässig und elegant. Da stand er und blickte sie an.

»Ich höre!«

Verängstigt schwiegen sie. Aber ein kühler Blick von ihm, und sie sackten in sich zusammen. Es dauerte jetzt nur noch Minuten, da wusste er alles.

»Eure Luden haben euch also nicht dazu angestiftet?«

»Direkt nicht. Aber die Schweine setzen das Soll immer höher. Wir packen es einfach nicht mehr, wenn Agnes in der Nähe ist. Darum musste sie verschwinden. Verdammt, sie macht den ganzen Strich kaputt.«

»Nur weil sie besser ist? Qualität ist eben gefragt, meine Damen«, höhnte der Großlude. »Wenn man das nicht bringt, dann sollte man die Finger davon lassen. Ich werde jetzt mit euren Luden reden.«

Die kleinen Straßenkatzen waren starr vor Schreck.

»Nein«, stießen sie hervor. »Die bringen uns um! Die machen kurzen Prozess! Mensch, Marek, wir haben dir doch alles erzählt. Wir versprechen auch, es nicht mehr zu tun. Bitte!«

»So einfach ist das jetzt auch wieder nicht. Der Kommissar braucht eure Aussage. Und dann wird da auch noch die Krankenhausrechnung auf euch zukommen.«

»Was? Die sollen wir berappen?«, riefen sie.

»Soll Agnes vielleicht dafür bluten?«

»Dann kann ich ja gleich aufhören«, jammerte Ina verzweifelt.

Marek blickte die Kleine an und sagte trocken: »Das kannst du in der Tat. Du bringst nicht mehr viel ein. Du stehst den anderen nur im Wege. Sag mal, wie lange gehst du denn schon auf den Strich?«

Sie fuhr ihn wütend an.

»Ich muss auch leben. Ich bin gut! Ich war gut«, sagte sie hastig, als sie die spöttischen Blicke des Großluden sah.

Dieser hatte jetzt keine Lust mehr, sich weiter mit den Mädchen zu unterhalten. Er gab seinem Begleiter einen Wink. »Bring sie zum Kommissar! Er kann sie haben.«

Dann wandte er sich an die Mädchen: »Wenn ihr Ärger macht, könnt ihr mich kennenlernen! Ihr sagt alles! Ich will hier keinen Ärger, der Kommissar auch nicht. Klar?«

Eingeschüchtert schlichen die Tüllen davon. Für sie war jetzt alles noch viel schlimmer geworden.

Marek ging in die Bar, wo er gewisse kleine Luden antreffen konnte. Als er eintrat, sprangen sie auf. Der Großlude ließ sich höchst selten in dieser Kaschemme blicken. Er schwebte in höheren Regionen. Sie leckten sich über die Lippen und bekamen feuchte Hände. Jeder hatte etwas auf dem Kerbholz, auch Dinge, die der Großlude nicht billigen würde.

Er blickte sie verächtlich an und rief sie dann alle zusammen.

»Ich habe mit euch zu reden! Eure Mädchen sind im Augenblick aus dem Verkehr gezogen. Warum, steht nicht zur Debatte. Weswegen ich hier bin: Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr das Soll verdammt hochschraubt. Stimmt das?«

»Wir brauchen das Geld zum Leben!«

»Wenn ihr sie ausbluten wollt, ist das euer Bier! Aber ich wünsche es nicht! Es macht nur böses Blut. Entweder ihr packt es so, oder sie werden vertrieben.«

»Chef«, stammelte einer der Luden. »Hat sich jemand beschwert? Wieso denn? Wir brauchen auch ein wenig Freiheit!«

»Ihr kennt unsere Vorschriften! Also richtet euch danach! Die Mädchen können es nicht bringen. Wollt ihr, dass hier eine Revolte entsteht? Wenn ihr sie zu hochsetzt und sie es nicht bringen, kommen sie auf dumme Gedanken! Ich will nicht erleben, dass einer von euch mit einem Messer im Rücken aufgefunden wird. Verstanden?«

Das war stark!

»Du meinst, die würden das tun?«

»Ich habe euch gewarnt. Morgen können sie wieder stehen. Ich will Ruhe, verdammt noch mal! Wenn ich hier noch einmal Ärger kriege, kommen meine Leute und räumen auf.«

Damit verließ Marek die nervösen Kleinstluden.

 

 

10

Deike hatte Marek versprochen, Lorenz einzuladen. Das fiel ihr jetzt wieder ein. Da sie sich schon hier in der Nähe aufhielt, wollte sie das sogleich erledigen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, sie würde ihn allein in der Wohnung antreffen.

Lorenz war glücklich, als er Deike vor sich stehen sah, und wollte sie gleich königlich bewirten. »Ich muss mit dir reden, Lorenz!« Deike sagte das mit ernstem Gesicht.

Mit ein paar Worten hatte sie ihm erzählt, was sie vorhatte.

»Wirst du mich begleiten? Drei Tage soll es dauern. Ich kann dir versprechen, dass wir uns gut unterhalten werden.«

Lorenz schluckte und war zugleich tief gerührt. Das wollte sie wirklich? Er sah es als große Ehre an. »Deike, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll!«

»Weißt du, es macht sich immer besser, wenn man zu zweit auftritt. Marek will uns loswerden. Er weiß nur noch nicht, was ihm blüht.«

»Was? Er weiß nichts von dem Ausflug?«, fragte Lorenz bestürzt.

Deike lachte.

»Niemand weiß davon. Nur Hanna ist eingeweiht.«

Deike sah die dunklen Ringe unter seinen Augen. Er musste wirklich sehr leiden. Sie sah ihn von der Seite an.

»Was ist jetzt? Ich möchte übermorgen wegfahren. Es tut gut, wenn man sich mal wieder frischen Wind um die Nase wehen lässt.«

Lorenz dachte nach. Deike spürte genau, wohin jetzt seine Gedanken flogen. Es musste ihn diesmal ziemlich schwer getroffen haben. Sicher war es ein junger Bursche, der mit seinen Gefühlen spielte. Das kannte Deike zur Genüge. Lorenz suchte die wahre Liebe, fand aber nur ausbeuterische Burschen. Deike Borg dachte: Kann man ihn eigentlich retten? Mit meinen Mädchen werde ich ja einigermaßen fertig, mit Ida schon nicht mehr. Und jetzt Lorenz. Donnerwetter, Marek will mich wohl an die Kette legen. Wenn ich mich jetzt mit den Problemen von Lorenz auseinandersetze, kann ich nichts anderes tun.

»Wenn du keine Zeit hast, tut es mir leid.«

Lorenz war hin und her gerissen. Er wurde richtig traurig.

»Kann ich es mir ein paar Stunden überlegen?«

»Aber nur ein paar Stunden! Ruf mich zu Hause an, ja?«

»Gut!« Lorenz versprach es.

Deike ging zu ihm und legte den Arm um seine Schultern.

»Wenn du Kummer hast, kannst du ruhig damit zu mir kommen. Wir sind doch wie eine große Familie, nicht wahr?«

Er schluchzte auf. Deike war bestürzt. Der großartige Lorenz, der wie ein englischer Butler bediente, der wirklich perfekt war, viel konnte und die rechte Hand von Marek war, schluchzte hemmungslos vor sich hin. Es schnitt ihr ins Herz. Im ersten Augenblick fühlte sie Wut in sich aufsteigen. Sie wollte ihn rütteln und ihm zurufen: »Gib mir die Adresse von dem Kerl!« Doch sie durfte es nicht tun. Er durfte ja nicht mal ahnen, dass alles geschickt eingefädelt worden war, zuerst von Marek und jetzt von ihr.

»Na, so schlimm wird es doch wohl nicht sein! Oder hast du vielleicht Geldsorgen?«, fragte Deike.

Der Blick, der sie jetzt traf, ging ihr durch Mark und Bein. Als sie wenig später wieder auf der Straße stand, dachte sie bestürzt: Was wissen wir eigentlich von Lorenz? Im Grunde genommen gar nichts. Soweit ich mich erinnern kann, war er früher in einer Bar angestellt. Später hatte Lorenz dem Marek einen Dienst erwiesen und war sodann in dessen Hausverband aufgenommen worden. Zuerst war das eine Notlösung. Und jetzt war Lorenz schon seit gut zwanzig Jahren in Mareks Diensten. Sollte sie Marek Bescheid geben? Sollte sie ihm sagen, dass sie Befürchtungen hegte, dass da mehr dahintersteckte? Ach was, wischte sie jetzt die bangen Gedanken fort. Man soll nicht immer nur Schatten sehen. Das ist nicht gesund. Ich bin eine Närrin. Es ist das Übliche. Das werden wir auch wieder hinbiegen. Das wäre doch gelacht!

 

 

11

Agnes Jansen befand sich seit zwanzig Stunden im Krankenhaus. Sie konnte schon wieder aufstehen, wenn auch unter Schmerzen. Vorhin war der Arzt bei ihr gewesen und hatte sie gebeten, doch gleich mal in sein Zimmer zu kommen. Agnes ging den langen Flur entlang. Die Schwestern blickten ihr nach. Sie dachte: Es wird jetzt so weit sein. Jetzt wird man mir nahelegen, das Haus zu verlassen. Sie wollen mit einer Dirne nichts zu tun haben. Agnes schob die blonde Haarfülle zur Seite. Schmal war sie geworden. Überall im Gesicht hatte sie blaue und grüne Flecke. Doch ihre Schönheit hatte nicht darunter gelitten. Ein paar Tage, und sie würde wieder das schöne Mädchen von früher sein. Sie würde wieder wie üblich ihren Dienst tun und ihren Spaß haben. Sie hatte dieses Leben gewählt und stand dazu. Agnes wusste nicht, dass Marek dem Kommissar verboten hatte, Agnes die Wahrheit zu sagen. Er gab dadurch den anderen Tüllen noch einmal eine Chance. Aus Erfahrung wusste er, dass man auch kleine Luden anständig behandeln musste. Nur so konnte er alle gut regieren.

Der Arzt schob Agnes einen Sessel zu. Agnes sagte sofort mit leiser Stimme: »Ich verstehe, ich soll noch heute das Krankenhaus verlassen. Es ist nicht so schlimm. Ich habe eine eigene Wohnung. Ich kann schon wieder selbst für mich sorgen.«

Der Arzt blickte sie an und sagte dann ein wenig zögernd: »Ich denke an ganz etwas anderes, meine Liebe!«

Agnes hob die Augen und blickte ihn voll an. Er war von ihrer Schönheit betroffen. Ja, er als Arzt war von der Polizei aufgeklärt worden. Den Schwestern hatte er aber nichts gesagt. Jetzt war er froh darüber.

»Wir haben ein paar Untersuchungen machen müssen. Das Übliche. Sie können es sich schon denken?«

Nein, sie konnte nicht. Oder doch? »Ich gehe immer zu einem Privatarzt«, sagte sie leise. »Ich gehe nicht zu den Amtsärzten.«

»Ja, ich weiß! Aber das steht jetzt nicht zur Debatte!«

Agnes runzelte die Stirn.

»Nein? Was dann? Was ist los? Bitte, sprechen Sie doch endlich!«

Ja, dachte der Arzt. Ich muss es ihr ja sagen. Was sind ein paar Minuten oder Stunden wert? Sie muss es wissen! Wir müssen gemeinsam überlegen. Ich muss Bescheid geben. Noch weiß es der Kommissar nicht. Doch ich weiß, dass ich es nicht für mich behalten darf.

»Wir haben auch Ihr Blut untersucht«, sagte der Arzt.

Die großen Augen in dem schmalen Gesicht blickten ihn ruhig an. Der Arzt vor ihr wurde nervös. Er war noch jung, hatte noch keine Erfahrung mit Dirnen. Dies Krankenhaus war nicht in der Nähe der Dirnenstraßen.

Da es ein Notfall war, hatte man Agnes in das erste Krankenhaus, das am Wege lag, gebracht.

»Sie sind Aids positiv!«

Agnes brauchte ein paar Minuten, um zu begreifen, was er da gesagt hatte. Ihre Pupillen weiteten sich. Sie hatte diese schreckliche Krankheit in sich!

Ein Schleier legte sich über ihre Augen. Gequält dachte sie nach. Es kann nicht sein! Es darf einfach nicht wahr sein! Er muss sich irren!

Was man alles von dieser Krankheit hörte!

Jetzt gehörte sie zu den Betroffenen. Sie war zu einer Aussätzigen geworden. Man würde sie meiden, sie beschimpfen, wenn sie sich nur noch in der Nähe von gesunden Menschen aufhielt. Sie hatte dieses Virus!

Wer hatte sie angesteckt?

Sie öffnete die Hände, faltete sie wieder. Agnes hob den Kopf und blickte den Arzt an. Sie wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Für sie war es eine Ewigkeit, ein ganzes Menschenleben sozusagen.

Ich habe Aids!

Der Mann öffnete den Mund. Sie sah es nur, hörte aber nicht, was er sagte. Es war, als befände sie sich in einem Meer von Watte. Sie hätte lachen und schreien können. Wie ein Karpfen öffnete er den Mund. Auf und zu, auf und zu. Amüsiert sah sie ihn an.

Dann drangen Wortfetzen in ihr Bewusstsein, wie aus ganz weiter Ferne.

»...überlegen... tun, melden... Kommissar... - sicherlich. Können sich auf mich verlassen!«

Agnes war wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Sie sagte ruhig: »Ich habe es begriffen!«

»Hören Sie! Sie sind noch nicht erkrankt! Sie haben nur das Virus. Verstehen Sie mich?«

»Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen! Ich weiß es! Schließlich hört man nicht auf, über diese Krankheit zu sprechen. Überall, wo man hinkommt, liest oder hört man davon.«

»Das ist ja gut!«

Agnes erhob sich.

»Kann ich auf mein Zimmer zurückgehen?«

»Sicher! Ruhen Sie sich jetzt erst einmal aus. Ich werde mich um alles kümmern. Schlafen Sie ein wenig. Auf der Station weiß es niemand. Noch nicht!«

Agnes lächelte müde.

»Noch nicht! Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich«, sagte sie mit spröder Stimme. »Sie sollen keinen Ärger durch mich bekommen. Schließlich müssen Sie Ihre Pflicht tun. Das heißt, alle müssen es erfahren.«

Sie ging aufrecht durch die Tür. Erst im Flur lehnte sie sich an die Wand. Agnes hatte das Gefühl, als würden ihre Beine ihr nicht mehr gehorchen. Eine Schwester wollte sie berühren und ihr helfen, ins Zimmer zu kommen. Agnes stieß sie zurück.

»Danke! Ich brauche keine Hilfe!«

Die helfende Hand fiel schlaff zurück.

Agnes spürte Tränen in sich hochsteigen. Mein Gott, dachte sie betroffen. Wann habe ich das letzte Mal geweint? Sie war entsetzt, dass sie sich nicht mehr erinnerte. Dann schlug die Zimmertür hinter ihr zu, und sie warf sich auf das Bett und weinte bitterlich. Irgendwann hatte sie keine Tränen mehr. Agnes lag da und war verzweifelt. Sie konnte sich ausrechnen, was jetzt mit ihr geschah. So wollte sie aber nicht leben! So nicht! Wenn sie im Krankenhaus blieb, würden sich sehr bald die Behörden um sie kümmern. Was das bedeutete, konnte sie sich an den Fingern abzählen. Sie war anständig genug, um zu wissen, dass sie ihre Arbeit nicht fortsetzen durfte. Man hatte sie angesteckt. Gut, das konnte man nicht wieder wegzaubern. Sie war noch jung, hatte noch gar nicht richtig gelebt. Die Erkenntnis war wie ein Stein auf ihren Kopf gefallen. Das Zimmer schien sie zu erdrücken. Alles war so schrecklich. Mitleid, Hass, Wut, Zorn, all das würde man ihr jetzt entgegenbringen.

»Oh, nein«, flüsterte sie verzweifelt. »Was soll ich nur tun? Ich weiß ja, es soll eine Art Strafe oder Buße sein. Ich weiß es ja, aber ich bin so verzweifelt. Hilft mir denn niemand?«

Auf der Station wurde es langsam ruhig. Sie wusste jetzt nur, dass sie fortmusste, bevor der Kommissar mit ihr sprach, bevor man sie registriert hatte. Ta, was würden die Behörden überhaupt tun? Davon hatte sie noch keinen blassen Schimmer. Dass es nicht einfach werden würde, das begriff sie sogleich. Menschlichkeit ging zwischen den Akten verloren.

Agnes kleidete sich an und spähte nach draußen auf den Gang. Die jungen Schwestern schienen bei einer Tasse Kaffee zu sitzen, man hörte ihr Lachen auf dem Gang. Agnes wusste: Wenn ich gehen will, dann muss es jetzt sein. Leise schlüpfte sie aus dem Zimmer. Als sie die Station geschafft hatte, war es für sie leicht, den Ausgang zu erreichen. Man hielt sie für eine Besucherin.

Dann war Agnes draußen.

Was hatte sich damit geändert? Heimgehen konnte sie ja auch nicht. In ihrer Wohnung würde man sie sogleich aufspüren. Und wenn der Vermieter erst einmal erfuhr, dass sie dieses Virus in sich hatte, würde sie bald keine Wohnung mehr haben. So ging sie einfach ziellos weiter. Ich muss nachdenken, sagte sie sich immer wieder. Irgendwie muss ich erkennen, was ich tun muss. Ich muss einfach nachdenken und darf nicht aufgeben.

Viele Stunden irrte sie umher. Dann war sie so erschöpft, dass sie in ein Gebüsch fiel und nicht mehr konnte. Schließlich hatte man sie ja vor gar nicht langer Zeit zusammengeschlagen. Die Rippen taten ihr weh. Sie konnte noch immer nicht richtig atmen.

Sie spürte die Erde unter sich und legte ihren Kopf darauf. Wenn ich einfach so liegen bleibe, dachte sie verzweifelt, nicht mehr aufstehe, irgendwann wird man mich hier finden. Vielleicht in vielen Jahren erst. Es ist so still hier, so ruhig. Ich will nicht mehr weitergehen.

 

 

12

Martha wollte nichts geschenkt haben. Lotte hatte sie eingestellt ohne Wissen ihres Sohnes. Das war nicht schlimm, sagte zumindest Lotte. Martha sagte: »Dann will ich auch mein Brot verdienen. Ich habe mir noch nie was schenken lassen.«

Lotte war enttäuscht. Jetzt hatte sie niemanden mehr zum Verhätscheln.

Das machte sie ärgerlich. Sie wollte Martha buchstäblich dazu zwingen, weiter die Hinfällige zu spielen. Das war aber nicht im Sinne der Althure.

Martha wollte etwas tun, schon aus Dankbarkeit. Sie wollte allen zeigen, dass sie noch nicht unnütz war. Also fing sie an, unter Anleitung von Lotte zu putzen, Das musste sie schließlich auch wieder lernen. Ihr ganzes Leben hatte sie nur als Dirne gearbeitet. Martha lernte schnell, und sie spürte schon bald gar nicht mehr ihr wehes Bein. Sie vergaß bald, dass es noch im Knöchel zwickte.

Lotte fand jetzt richtigen Gefallen an Martha. Vielleicht könnten sie auch lustig leben, wenn sie sie nicht betüddeln durfte. Lotte hatte jetzt wieder einen Menschen um sich, mit dem sie reden konnte, sie war glücklich. Gundalena, das junge Mädchen, war sehr froh, als sie hörte, Martha würde bleiben.

»Ich darf doch dann ins Eckhaus zurück?«, fragte sie.

»Das werden Ida und Deike entscheiden«, sagte Lotte. »Solange wir nichts von ihnen hören, bleibst du hier!«

Gundalena, das junge Mädchen aus den Bergen, verdrückte sich in ihr Zimmer und las Romane. Martha übernahm gern ihre Aufgaben. Sie war dem Himmel und Lotte dankbar, dass sie noch einmal eine Chance bekam.

Mit Alfred war es auch nett zu leben. Er zwinkerte ihr zu. Alfred wusste, in Martha fand er eine nette Dame, die mal ein Auge zudrückte, wenn er sich einen Klaren genehmigte.

Lotte war einkaufen gefahren.

»Wir brauchen Lebensmittel«, sagte sie nur und rauschte mit dem Taxi davon.

Martha langweilte sich im Haus und sagte sich: Dann gehe ich doch mal zu Alfred. Der Garten war sehr groß. Sogar ein Gewächshaus war vorhanden. Die Vorbesitzer mussten wirklich sehr reich gewesen sein.

Alfred war nicht zu finden. Martha blieb stehen und überlegte, wo sie ihn suchen konnte. Da entdeckte sie einen Stoffzipfel im Gebüsch. Das kam ihr merkwürdig vor. War Alfred vielleicht umgefallen und brauchte Hilfe? Schließlich war er nicht mehr der Jüngste. Sie ging näher, schob die Zweige zur Seite und sah das fremde Mädchen. Es schien zu schlafen. Die Althure war baff. Wer war das? Wieso lag sie hier auf diesem Grundstück?

Schon wollte sie sich leise entfernen, denn sie sagte sich: Ich habe es jetzt gut, ich will mir meine Stellung nicht vermiesen. Das geht mich nichts an. Doch da schlug das Mädchen die Augen auf und sah Martha an. Agnes fuhr sofort auf und entschuldigte sich.

»Keine Sorge! Hast dich wohl hier ein wenig ausgeruht, was?«

Martha sprach noch wie eine Hure. Agnes erkannte das sofort und lächelte müde. »Ich habe nicht gewusst, dass ich hier in einem Bordell gelandet bin!«

Martha grinste sie an: »Da schau an, wohl eine Strichmieze, wie? Kindchen, dies ist kein Bordell. Dies ist ein anständiges Haus!«

Agnes setzte sich auf.

»Das glaubst du wirklich?«

»Hör zu, ich bin hier angestellt«, sagte Martha stolz. »Sag du mir jetzt, was du hier tust! Wenn du kein Recht hast, hier zu sein, möchte ich dir raten zu verschwinden.«

Agnes wollte sich hastig erheben, aber sie fühlte sich so zerschlagen, dass sie zusammenzuckte und liegenblieb. »Verzeih, im Augenblick geht es nicht so schnell!«

Martha sah jetzt die vielen Pflaster und sagte kurz: »Bist wohl vertrimmt worden, wie?«

Die Augen von Agnes füllten sich mit Tränen.

»Du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich sehe es doch. Na ja, ist nicht so einfach, mit den Kunden auszukommen. Mensch, du siehst doch gut aus! Wie haste das nur geschafft? Willst du mir vielleicht sagen, dass du hier in der Nähe auf Anschaffe gehst, Kleine? Das wäre ja ganz neu für mich.«

»Ich bin auf Anschaffe gegangen. Das ist jetzt gestrichen, für immer!«

»Ach, diese Platte kenne ich. Was glaubst du, wie oft ich sie selber schon aufgelegt habe. Für mich ist aber jetzt wirklich Schluss.«

»Dann hast du Glück gehabt«, sagte Agnes leise.

»Willste es nicht noch mal versuchen?«

»Du willst mich wohl von hier forthaben, wie? Ich mache dir Ärger, wie?«

»Wenn du mich so fragst, ja!«

»Lass mich doch hier einfach liegen und sterben«, sagte Agnes leise. »Hier ist es so friedlich. Vielleicht geht es schnell. Du siehst doch, wie kaputt ich bin.«

»Du hast wohl eine Meise unter deinem Pony! So eine schöne Tülle wie du, die wird noch gebraucht!«

»Nein, nie mehr«, sagte Agnes leise weinend. »Es ist Schluss! Aus! Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Nirgends bin ich mehr sicher.«

Martha blickte in die traurigen Augen. Noch war der Wunsch, die Fremde zu vertreiben, ziemlich groß in ihr. Aber dann dachte sie: Muss ich nicht dem Himmel dankbar sein? Er meint es gut mit mir. Muss ich nicht jetzt auch gut sein und helfen?

»Willste mir nicht erzählen, was passiert ist?«

Agnes blickte die alte Hure an.

»Man hat bei mir das Virus festgestellt! Ich bin aus dem Krankenhaus geflüchtet. Kapierst du jetzt, dass ich sterben muss? Ich will es aber auf meine Weise, nicht unter Aufsicht! Das packe ich einfach nicht!«

Martha starrte das Mädchen entgeistert an. »Soll das heißen, du hast Aids?«

»Ich habe das Virus! Ausgebrochen ist es noch nicht! Das hat der Weißkittel mir genau verklickert.«

»Das ist wirklich ein Hammer!«

»Wirst du schweigen?«

Martha rutschte hin und her. Ihr schönes Leben würde damit schlagartig zu Ende sein. Wenn Marek erfuhr, dass sie es wusste und die Tülle nicht fortjagte, würde er sie in Streifen schneiden. Schließlich ging es hier um seine Mutter. War es nicht ein Leichtes, sie einfach zu vertreiben? Niemand hatte sie gesehen. Sie würde es schaffen. Die Kleine konnte sich woanders zum Sterben niederlegen, nicht gerade in Lottes Garten. Das duldete sie einfach nicht.

»Ich merke schon, du kannst es auch nicht verstehen«, sagte Agnes leise. »Ich weiß Bescheid. So wird es immer sein. Man wird mich fortjagen wie einen räudigen Hund.« Wieder rollten Tränen über ihr Gesicht.

Martha spürte ihr Herz gegen die Rippen pochen. Um sie herum schien die Welt stillzustehen. Nein, das darf nicht sein, dachte sie. Mensch, ich bin doch jetzt hier. Ich kenne doch die Tülle gar nicht.

Sie fing zu fluchen an.

Agnes versuchte aufzustehen, brach aber wieder zusammen.

Diese Situation kam der Alten so bekannt vor. Vor gar nicht langer Zeit hatte sie auch aufstehen und fortschleichen wollen. Sie hatte es auch nicht gepackt. Da war Ida gekommen und hatte sie mit in ihre Küche genommen. Ida, die Samariterin. Zum Teufel noch einmal! Sie hatte sich bald in die Hosen gemacht, weil sie Angst vor Ida hatte. Und dann hatte Ida sie hierher gekarrt.

War sie etwa schlechter als Ida?

Martha hörte nicht auf zu fluchen. Alles war in Unordnung geraten. Was sie in letzter Zeit erlebt hatte, war für Herz und Verstand einfach zu viel gewesen.

»Verzeih!«

Martha kämpfte einen harten Kampf. »So«, sagte sie wütend. »So, dann wollen wir doch mal sehen, ob wir es packen!«

»Was?«

»Du kommst mit!«

Agnes sah sie furchtsam an.

»Du willst mich an die Bullen verraten?«

»Sehe ich so aus?«

Agnes berührte ihre Hand. Martha dachte: Vor einer Woche hätte diese kleine, schöne, blonde Tülle mich nicht mal angesehen. Und jetzt? Oder irrte sie sich? Agnes hatte nicht diesen bösen, kalten Zug um die Lippen. War sie eines der wenigen netten Mädchen auf dem Strich?

»Die Bullen waren noch nie meine Freunde, Täubchen! Und das wird auch für den Rest meiner Tage so bleiben. Nein, ich kann es nicht zulassen, dass du hier verreckst.«

»Hast du vergessen, was ich dir gesagt habe?«

Martha sagte nur: »Hör zu, wir sind der Abschaum der Menschheit! Man wischt sich die Hände ab, wenn man uns zufällig berührt. Wir waren unser ganzes Leben am Rande der Gesellschaft. Wenn wir jetzt nicht zusammenhalten, wer soll es dann? Ich lasse es einfach nicht zu, dass du hier wie ein Tier verreckst!«

»Was willst du dagegen unternehmen?«

»Ich werde dich mit in mein Zimmer nehmen und dort verstecken!«

Agnes lachte unwillkürlich auf.

»Du bist verrückt!«

»Nee, wenn ich das nicht täte, dann müsste ich mich jeden Morgen selber anspucken, wenn ich mich im Spiegel sehe. Nee, verflucht noch mal! Wenn wir auch getreten werden, vor haben doch Charakter!«

»Ach«, stammelte das Mädchen verzweifelt. »Ich habe dir keine Schwierigkeiten machen wollen!«

»Bleib liegen! Ich bin gleich wieder da!«, befahl Martha.

Sie humpelte los. Dort hinten unter der Pumpe hatte sie eine Schubkarre gesehen. Alfred benutzte sie für seine Gartenarbeit. Sie war leidlich sauber. Martha holte sie und kam damit zu der Kleinen zurück.

»Los! Das bringen wir doch, dass wir dich da reinpacken! Und dann fahre ich dich zum Haus.«

Agnes wollte zuerst nicht. Sie wollte Martha keine Umstände machen. Aber wenn sich die alte Hure erst einmal etwas vorgenommen hatte, dann war sie wie eine Dampfwalze. Sie schrie Agnes an. Die stieg jetzt tatsächlich in die Karre. Martha musste sich ganz schön anstrengen, um sie fortzubewegen. Während sie keuchend über die Gartenwege fuhr, fühlte sie sich innerlich ganz leicht und froh.

Der Gedanke, dass sie genauso edel war wie Ida und Lotte, war für sie ein grandioses Erlebnis. Und wenn ich anschließend mit ihr zusammen baden gehe, dachte Martha, dieses Gefühl, verflucht noch mal, dieses Gefühl, das werde ich nie vergessen. Ich habe meinen inneren Schweinehund überwunden. Jetzt ist mir alles total Wurscht. Ich bin auch noch wer! Ich bin kein Dreck! Ich bin ein Mensch mit einem warmen Herzen!

»Was soll das denn werden?«

Fast hätte Martha vor Schreck die Schubkarre umgeworfen. Martha stand stocksteif da. Die Stimme hinter ihrem Rücken nagelte sie buchstäblich auf dem Kiesweg fest. Agnes wagte nicht zu atmen.

»He, Martha, kannst du mir mal sagen, was das ist? Sag jetzt bloß nicht, es sei eine Gartenzwergin«, sagte Lotte und kam näher. »Oder Alfreds Geliebte! Das nehme ich dir nämlich auch nicht ab. Also, ich höre!«

Martha erwachte aus ihrer Starre und blickte Lotte ziemlich blöde an. »Du bist wieder zurück?«, fragte sie leise. »Ich habe dich gar nicht gehört.«

Agnes fühlte die Klammer der Angst um ihr Herz und wollte fliehen.

Lotte blickte auf die Kleine und sah, dass sie ziemlich fertig war. In ihren Augen erschien ein merkwürdiger Glanz. Agnes bekam es mit der Angst zu tun. Sie wusste ja noch nicht, was es zu bedeuten hatte, wenn Lottes Augen zu glänzen anfingen. Sie sah und glaubte an ein Unheil, schrecklicher als alles, was sie bisher erlebt hatte.

»Ich gehe wieder«, wandte sie sich an Martha.

»Wo hast du sie gefunden?«, fragte Lotte.

Lotte krempelte schon die Jackenärmel auf. Martha kannte Lotte auch noch nicht so richtig und stotterte: »Unter den Büschen. Ich weiß nicht, wie sie heißt.«

Lotte tätschelte Agnes das Köpfchen. »Bist du sehr krank, Schätzchen?«

»Ja, ich meine, ich...«

Weiter kam sie nicht. Lotte sagte fröhlich: »Wunderbar! Ausgezeichnet. Du weißt vielleicht auch nicht, wohin mit dir?«

»Ja, ich weiß es nicht. Aber ich werde schon was finden, ich meine...«

Lotte nahm Martha die Karre aus der Hand.

»Du hast richtig gehandelt, Schätzchen. Aber jetzt lass mich die Karre schieben. Du bist noch zu schwach.«

Martha war dreißig Jahre jünger als Lotte. Diese fuhr Agnes bereits zum Haus rüber. Martha dachte: Ich träume das alles nur. Das geht nicht an! Das darf doch nicht wahr sein!

»Lotte!«, kreischte sie und humpelte, so schnell sie nur konnte, hinter Lotte her. »Lotte, ich muss dir was sagen! Bleib stehen. Ich...«

Lotte tat ihr den Gefallen.

»Sie ist krank! Agnes, wir müssen es ihr sagen. Sonst ergeht es uns schlecht. Versteh doch.« Martha japste nach Luft. »Ihr Sohn ist nämlich Marek!«

»Oh,«, hauchte Agnes und wäre fast vor Schreck jetzt schon gestorben.

»Was müsst ihr mir sagen? Was ist los? Hat sie jemanden umgebracht? Das stört mich nicht, solange man mir nicht die Gurgel durchschneidet. Komm, Schätzchen, du gehörst ins Bett, und dann trichtere ich dir ein schönes Süppchen ein.«

»Schlimmer«, gurgelte Martha und hielt Lotte zurück.

»Gibt es das denn tatsächlich?«, staunte die Alte.

»Ja! Lotte, sie hat dieses Virus in sich!«

»Aids?«

»Ja! Die Krankheit ist noch nicht ausgebrochen, aber sie hat sie. Du weißt, was das bedeutet?«

Lotte war beleidigt. »Sehe ich so aus, als könnte ich nicht mehr Zeitung lesen oder Sendungen im Fernsehen verfolgen?« Fast neugierig blickte sie jetzt die junge Dirne an. »Ich habe mir schon immer gewünscht, so einen Menschen kennenzulernen. Und jetzt kommt er mir direkt ins Haus geschneit. Das ist ja wirklich eine feine Sache.«

Martha blickte die Alte an, als habe diese plötzlich den Verstand verloren. Hatte sie immer noch nicht begriffen, dass sie sich möglicherweise damit den Tod ins Haus holte?

»Lotte, ich meine, ich will ja nicht, aber weißt du...« Verzweifelt begann die alte Tülle nochmals die Schwierigkeiten darzulegen.

Lotte blickte Agnes strahlend an. »Das Süppchen wird dir guttun. Sicherlich bist du richtig schön schlapp, nicht wahr? Sicher tust du mir den Gefallen und bist nach ein paar Stunden nicht wieder topfit? Das kann ich nämlich gar nicht leiden. Außerdem ist es auch nicht gesund. Man muss immer hübsch langsam gesund werden. Martha ist ein altes Quatschweib. Mach endlich den Mund zu!«

»Oh, mein Gott, Lotte, ich wollte doch nur...«

Die alte Dame kicherte vergnügt vor sich hin. »Hör mal zu, mein Täubchen.« So nannte sie doch wahrhaftig die alte Martha. »Ich bin jetzt achtzig Jahre alt. Glaubst du, dass ich noch mal so lange lebe?«

Martha war baff. Was sollte sie darauf antworten? Was wollte Lotte denn jetzt hören? »Äh...«, sagte sie verdattert. »Ich meine, also...«

»Ich kann ja noch froh sein, dass ich fünf Jahre lustig über die Runden bringe. Also werde ich schon lange auf dem Acker liegen, wenn Agnes noch putzmunter sein wird. Das sagen sie doch alle, nicht wahr? Halte mich jetzt nicht davon ab, sie ins Haus zu bringen. Sie hat Hilfe nötig! Das sieht doch ein Blinder. Niemand kann mich davon abhalten. Du kannst mir nur dabei helfen, Martha!«

Der alten Dirne liefen die Tränen über die Wangen.

»Du bist einfach wunderbar, Lotte! Menschen wie dich müsste es viel mehr geben auf der Welt. Dann sähe alles viel besser aus. Früher, da habe ich Leute wie dich gehasst und angepöbelt. Ich habe immer gedacht, die haben kein Herz. Die haben alles und trampeln noch auf uns herum. Doch jetzt weiß ich es besser. Ich danke dir, ich danke dir wirklich, Lotte!«

Mareks Mutter lächelte vergnügt.

»Danke für die feine Rede. Doch jetzt komm endlich! Das Täubchen braucht seine Suppe und ein Bett.«

Martha ahnte ja nicht, dass es für Lotte die Seligkeit war, wenn sie Menschen pflegen durfte. Sie war also deswegen so vergnügt, weil Agnes gerade im richtigen Augenblick auftauchte.

Also machten sich jetzt die beiden an die Arbeit, das arme, zerschundene Mädchen ins Haus zu bringen.

Martha wurde sogleich in die Küche geschickt. Lotte war Agnes behilflich, sich auszuziehen. Dann musste sie zuerst einmal ein Bad nehmen.

Agnes war noch immer nicht dazu gekommen, über ihre neue Lage richtig nachzudenken. Alles war so verwirrend und überraschend gekommen. Eigentlich war alles wie ein Traum!

Vielleicht träumte sie das nur.

»Fühlst du dich wohl?«

Der Badeschaum um sie herum duftete. Ihre Haut wurde weich, und Agnes fühlte sich müde. Wenig später lag sie in einem Bett und blickte zur Zimmerdecke.

Martha kam mit der Suppe.

Lotte fütterte Agnes wie ein Kind.

Agnes schluckte tapfer. Nein, sie wollte jetzt nicht weinen. Später vielleicht.

Die Augen fielen ihr zu.

Es war einfach zu viel für ihren zerschundenen Körper gewesen. Die Anstrengungen machten sich jetzt bemerkbar.

»Schlaf, Täubchen. Schlaf nur ein.«

Lotte zog die weichen Samtvorhänge zu und schlich aus dem Zimmer.

Martha stand in der Halle.

»Und jetzt?«

»Wir machen unsere Arbeit wie immer!«

Martha sagte leise: »Wir kriegen doch keinen Ärger, nicht wahr? Das möchte ich wirklich nicht.«

»Ach was! Wir sind zu zweit, das heißt, wenn Alfred nicht so ein Hasenfuß wäre, wären wir zu dritt!«

Martha war beruhigt.

 

 

13

Nach drei Stunden Schlaf erwachte Agnes wieder. Im Haus war es ganz still. Sofort erinnerte sie sich wieder an alles. Man hatte ihr gesagt, sie habe das Aidsvirus.

Sie war noch so jung.

Qual machte sich in ihrem Herzen breit.

Sie war noch zu jung, um zu sterben. Ja, sie hatte sterben wollen, ganz alleine. Deswegen hatte sie sich ja im Gesträuch verkrochen.

Was sie nie hatte glauben können, war jetzt wahr geworden. Sie war unter Menschen geraten, die sie nicht fortschickten oder Angst vor ihr hatten. Im Gegenteil, sie waren sogar froh und glücklich, dass sie hier war. Sie sah die alte Dame vor sich. Sie hatte glänzende Augen und ein fröhliches Gesicht. So hatte sie sich immer ihre Mutter gewünscht. Nein, sie wollte mit ihren Gedanken nicht wieder zurücklaufen. Das war unsinnig. Man konnte die Vergangenheit nicht umgestalten, um die Gegenwart zu verändern. Das war nicht drin.

Vorsichtig setzte Agnes sich auf und umschlang ihre Knie mit beiden Armen. Der Schmerz war noch arg. Die Mädchen auf der Straße werden sich freuen, dachte sie, dass ich nicht da bin. Ihre Rippen schmerzten noch mächtig.

»Wie soll es weitergehen?«, fragte sich Agnes.

Leise sprach sie die Frage aus.

»Kann ich bleiben? Diese komische alte Hure. Was meinte sie? Kann ich es, darf ich es überhaupt?«

Agnes fühlte sich krank und elend. War die Krankheit vielleicht doch schon ausgebrochen? Wusste der Arzt darum? Hatte sie nur noch kurze Zeit zu leben?

Was soll ich tun? Ich will ihnen ja keine Schwierigkeiten bereiten. Nein, das will ich ganz und gar nicht. Sie haben es nicht verdient.«

Langsam ließ Agnes sich in die Kissen zurückfallen.

Zu wenig wusste sie über diese schreckliche Krankheit. Man hörte zwar überall das Wort. Gleichgültig, nachdenklich oder auch erschrocken wurde es ausgesprochen. Bis vor wenigen Wochen hatte Agnes sich nicht damit befasst.

Ihre Augen verdunkelten sich.

Welcher Kunde hatte sie angesteckt? Wer war das gewesen?

So kam sie auch nicht weiter.

Agnes begriff eines. Das Leben war ein seltsames Ding, das Schicksal erst recht. Erst als sie ganz am Ende war, hatte man ihr geholfen. Sollte sie vielleicht nur lernen, sich jemandem anzuvertrauen? Sich einfach treiben lassen? War man nie ganz verloren? Auch nicht in den schwärzesten Stunden? War immer jemand da, der einem half?

Agnes atmete ganz flach.

Gott! Gab es ihn wirklich?

Angst erfasste sie.

»Wenn es stimmt, wie habe ich dann gesündigt!«

Tränen rollten aus ihren Augen. Agnes hatte plötzlich den tiefen Wunsch in sich, etwas zu tun, mitzuhelfen, den Menschen zu erklären: Geld ist nicht alles oder Macht, Ansehen! Es gibt noch etwas anderes!

Ihr fielen wieder die Augen zu.

»Ich lasse mich treiben, führen«, murmelte sie leise und schlief wieder ein.

Wenig später blickte Lotte herein. Sie sah, dass Agnes schlief, und sagte zu Martha: »Armes Hascherl, findest du nicht auch?«

Die alte Hure war betroffen. Hascherl zu einer Dirne zu sagen. Wer kam schon auf so einen Gedanken?

»Weißt du, Martha, wir packen es! Ich bin mir ganz sicher!«

»Wirklich?«

»Ich erkläre Aids den Krieg!«, sagte Mareks Mutter feierlich.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

2. Unerkannt von Freiern begehrt

 

 

Die Hauptpersonen:

Beatrice Schreiner - Stripperin und Dirne, was in der Kleinstadt niemand wissen darf.

Ella Schreiner - ihre Mutter, ehemals Kind wohlhabender Eltern, sitzt jetzt mittellos in der alten Herrschaftsvilla.

Ida - Köchin aus dem Eckhaus, kann es wieder mal nicht lassen, sich in anderer Leute Angelegenheit zu mischen.

Dazu die Personen des Hauses an der Ecke:

Deike Borg – Bordellmutter mit Herz und Verstand

Hanna – kümmert sich um die neuen Tüllen

Marek – der Ludenkönig und Besitzer des Hauses an der Ecke

und lauter hübsche käufliche Mädchen

 

 

 

1

Ida stieg aus dem Zug. Es war schon ein seltsames Gefühl für sie, nach dreißig Jahren wieder in ihrer Heimatstadt einzutreffen. Um den Bahnhof herum, hatte sich natürlich eine Menge getan. Ida fand sich kaum zurecht, deswegen nahm sie ein Taxi. Sie tat das aber auch aus anderen Gründen.

Ida, die Köchin aus dem Eckhaus Nummer sieben, wurde nun schlagartig ein anderer Mensch. Nicht äußerlich, da wirkte sie noch immer sehr hager, hatte ihr Hütchen schief auf den Locken und die Schlenkertasche am Arm. Die Nase war ein wenig spitz. Dass sie eine gutmütige Person war und alle Dirnen im Eckhaus über alles liebte, ganz besonders aber die junge Bordellmutter Deike, das würde keiner glauben, der sie hier sah.

Ida war ein Unikum. Sie war streng, aber gerecht und sentimental zugleich. Sie hatte ein bewegtes Leben hinter sich, war fast in der Gosse gelandet. Doch ein gütiges Schicksal in der Gestalt eines Jungen hatte die verschlampte Hure davor bewahrt, auf dem Müllhaufen des Lebens zu landen. Sie war inzwischen wieder so etwas wie eine Respektsperson geworden. Außerdem war sie in gewisser Weise wohlhabend und angesehen, aber nur im Dirnenviertel. Dass sie jemand war, wusste sie sehr genau und zeigte es auch. Alle im Viertel wussten Bescheid und taten ihr den Gefallen, sie so zu behandeln, als hätten sie Angst vor ihren Wutausbrüchen. Deike, die Bordellmutter, hatte den Spruch geprägt, Ida hätte ein Herz so weich wie ein Mäusebauch, deswegen müsse sie sich so panzern. Die Mädchen hatten das zuerst nicht verstanden. Später begriffen sie es und spielten das Spiel mit.

Der Taxifahrer blickte Ida kurz an, als er die Adresse vernahm. Ein prüfender Blick auf Schuhe und Tasche sagte ihm, dass der Fahrgast zahlen konnte. Die Sachen waren sündhaft teuer, schlicht und aus dem besten Geschäft von Hamburg.

Ida bemerkte seine Blicke und sagte giftig: »Mach nur so weiter, und dein Trinkgeld fällt entsprechend aus!«

»Muttchen, reg dich ab«, brummte der Taxifahrer.

Ida wollte sich über die Anrede aufregen, fand es andererseits aber toll, dass sie für solide gehalten wurde, und lehnte sich in die Polster zurück. »So ist das also noch immer ein verrufenes Viertel?«, fragte sie.

»Sie wissen Bescheid?«, wollte der Taxifahrer verwundert wissen.

Ida dachte, wenn du wüsstest, sie schwieg aber. Es lohnte sich nicht, einem jungen Mann von dreißig Jahren zu erzählen, dass sie die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens in dieser Stadt und in dem besagten Viertel verbracht hatte. »Armeleuteduft«, hatte man ihr nachgerufen. Sie hatte als junges Mädchen nie eine Chance gehabt, hochzukommen. Dafür hatten schon die Reichen gesorgt. Die Armen sollten gefälligst unten bleiben und die Dreckarbeit verrichten, die man ihnen gnädigerweise anbot, natürlich für eine ganz geringe Bezahlung. Ida hatte aber nicht als Dienstbolzen in einer Villa landen wollen. Ihre Mutter hatte sie deshalb fortgejagt mit den Worten: »Aus dir wird nie etwas! Du bist so hässlich, dich rührt auch kein Mann an! Zieh Leine! Lass dich nicht mehr hier blicken!«

Ida war damals tief geschockt, und das war letztendlich auch der Grund für ihre Laufbahn als Dirne gewesen. Sie hatte es wissen wollen, ob sie wirklich für Männer zu hässlich war. So war sie bald an einen ganz miesen Luden geraten. Daran wollte sie jetzt aber nicht mehr denken, nur noch an ihre Tante, die ihr geschrieben hatte. Tante Fine! Ida konnte sich schon gar nicht mehr an sie erinnern, sie wusste nur, dass der Tante das Haus gehörte, in dem sie und ihre Familie gelebt hatte.

»Wir sind da!«, sagte der Taxifahrer.

Ida gab ihm zehn Mark Trinkgeld. Der junge Mann strahlte sie an. »Brauchen Sie mich noch öfters?«, fragte er und grinste zufrieden.

»Vielleicht!«, sagte Ida.

»Sie sind wohl die reiche Tante aus Amerika, wie?«

»Vielleicht!«, sagte Ida wieder.

Ida stieg aus und nahm ihren schicken Koffer in Empfang. Sie wollte das letzte Stück des Weges zu Fuß gehen. Es war ein schmaler, von Unkraut überwucherter Weg. Hier hatte sich in den vielen Jahren nichts geändert, auch nicht daran, dass Ida an dem Zaun der reichen Nachbarsfamilie vorbeimusste. Ida blieb unwillkürlich stehen, als sie an der protzigen Auffahrt vorbeikam. Dort stand eine Frau in ihrem Alter. Ziemlich runzelig war sie, fand Ida. Mit einem Sonnenhut auf dem Kopf begoss sie die Blumen. Jetzt drehte sie sich um, und die beiden Frauen maßen sich mit einem langen Blick.

Ida erkannte Ella Schreiner sofort wieder.

Auch Ella, die blumengießende Frau, runzelte die Stirn. Dann kam sie ein paar Schritte näher. Sie wollte einfach nicht glauben, was sie sah. Da stand Ida in vornehmer Kluft. Ihr Blick glitt zum Koffer. Der hatte Stil! Deike hatte ihn ja auch für Ida ausgesucht. Ella Schreiner fragte zögernd:

»Ida?«

»Du erinnerst dich noch an meinen Namen, Ella?«

Dreißig Jahre waren inzwischen vergangen!

Ida dachte, ich spüre so etwas wie ein Triumphgefühl. Dreißig Jahre, verdammt, so faltig sehe ich nun doch nicht aus! Und vor allen Dingen nicht so verbittert.

Ella, die blonde, reiche Ella Schreiner! Ella, das Mädchen, das Ida in der Jugend das Leben schwer gemacht hatte. Die mit den feinen Manieren und Kleidern, die so schrecklich dumm war und trotzdem zur höheren Schule durfte. Ida hätte für ihr Leben gern gelernt. Sie war aber das Kind aus dem ärmlichen Milieu. Ella war ihre Nachbarin, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte. Viele Jahre später war es Ida erst aufgegangen, dass Ella sich hin und wieder zu ihr herabgelassen hatte, nur um dieses Gefühl zu genießen, dass sie etwas Besonderes war.

»Mir scheint, dir ist es nicht schlecht ergangen«, sagte Ella.

»Und dir?«, fragte Ida.

Ella schwieg. Ida fühlte, dieser Triumph war langweilig. Sie hatte nur noch Mitleid mit Ella. Ella hingegen konnte es nicht verkraften. Sie war irgendwie wütend auf das Schicksal. Sie konnte sich nicht so teure Schuhe leisten.

»Ich habe keine Zeit mehr!«, sagte Ella und wandte sich ab.

Ida tat, als höre sie es nicht. Sie nickte und sagte: »Ich habe auch wenig Zeit und kann mich nicht lange aufhalten. Ich wollte sehen, warum ich herkommen sollte.«

»Ja, ja, der Onkel«, sagte Ella Schreiner.

Ida drehte sich um und ging auf das Haus zu. Es wirkte wie immer einfach trostlos. Dann stand sie vor ihrer Tante Fine. Die sah Ida an und war gleich sauer. »Komm rein! Du musst schon dein Zimmer selber sauber machen, wenn du hier wohnen willst.«

»Ich wohne im Hotel«, sagte Ida.

Tante Fine, fast fünfundsiebzig, blickte Ida an und knurrte: »Ich habe lange gebraucht, um dich zu finden. Warum hast du dich nie gemeldet? Was heißt Hotel? Kannst du dir das denn leisten?«

Ida sah die Verkommenheit und den Schmutz überall, und ihr Herz krampfte sich zusammen. In die Vergangenheit zurückzukehren war nicht einfach. Ein Notar hatte um ihren Besuch gebeten. Der Königslude und auch Deike hatten Ida erklärt, dass sie gehen müsse. »Sonst suchen sie dich auf«, hatte Deike ruhig gesagt.

Ida saß nun vor der alten Tante. Verwandtschaftsbande oder Ähnliches waren zwischen ihnen nie vorhanden gewesen. Onkel Hans war also gestorben. Schon vor sechs Wochen. Ida betrachtete sein Bild. Er war ein stiller Mensch gewesen.

»Was wirst du nun tun?«, bellte die Tante sie gleich an.

Ida juckte es in den Fingern. Sie hätte gern die Tischdecke vom Tisch gezogen. Die starrte vor Schmutz. Ja, dachte sie, jetzt verstehe ich die Menschen da draußen. Arm sein ist nicht schlimm, aber Gestank und Unsauberkeit sind furchtbar. Dagegen kann man etwas tun. Meine Güte, wie habe ich immer gegen diesen Dreck gekämpft. Meine halbe Jugend habe ich damit verbracht, ihn von mir zu schrubben, damit man es mir nicht in der Schule nachschrie. Ich habe nie gestunken wie die anderen Mädchen aus diesem Viertel.

»Was soll ich denn tun?«, fragte Ida.

»Du weißt also nichts?«, wollte die Tante wissen.

»Nein, ich habe nur die Aufforderung erhalten herzukommen. Ich bin nun hier. Aber ich sage dir gleich, ich habe nicht viel Zeit. Ich muss bald wieder zurück. Ich werde in Hamburg gebraucht!«

Die Tante hatte noch immer eine spitze Zunge und flinke Augen. Ihr war Idas Eleganz nicht entgangen. Sie starrte ihre Nichte an. »Deswegen hast du dich wohl all die Jahre nicht mehr gemeldet, weil du zu was gekommen bist, wie? Hast dich wohl deiner armen Familie geschämt!«

»Vielleicht erinnerst du dich, dass meine Eltern mich rausgeschmissen und mir nichts Gutes nachgeschrien haben. Warum sollte ich mich an sie noch erinnern und ihnen helfen wollen?«

»Was machst du?«, fragte die Tante.

Ida wich ihrer Frage geschickt aus, ohne dass es die Tante bemerkte. Sie erkundigte sich nach Ella. Wenn einer über Ella Bescheid wusste, dann Tante Fine. Die Tante lachte. »Ja, ja, die stolze Ella! Die hat auch ihr Teil abgekriegt. Die kann jetzt mal sehen, wie es ist, wenn man kein Geld hat.«

»Wie?«, fragte Ida erstaunt.

»Reingefallen ist sie mit ihrem Kerl! Er hat alles heruntergewirtschaftet. Nur die Villa ist ihnen geblieben. Die soll aber auch voller Hypotheken sein. Ja und dann noch ihre Tochter Beatrice! Sie will auch nicht so, wie Ella es will. Sie soll reich heiraten, scheint aber nicht zu wollen. Deshalb wird wohl demnächst alles unter den Hammer kommen.«

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten! Ida hatte noch nicht mal ein gutes Gefühl dabei. Ella war arm, dann war sie also keine Rivalin mehr für sie. Das Leben konnte doch gerecht sein!

Für Sekunden dachte Ida daran, Deike zu bitten, das Haus zu kaufen. Das wäre was!

Ida brachte das Gespräch wieder in die Gegenwart, weg von den Nachbarn. Ida wollte wirklich nicht lange vom Eckhaus fortbleiben. Die sollten dort bloß nicht auf den Gedanken kommen, sie könnten auch ohne sie auskommen. Es musste doch alles drunter und drüber gehen, wenn sie fort war, das wusste sie. Lorenz war keine gute Vertretung, aber immer besser, als Imka, Deikes Haushälterin. Ida konnte es auf den Tod nicht ausstehen, dass außer ihr noch jemand Deike liebte.

»Was will der Anwalt von mir, Tante Fine?«, fragte Ida.

»Du hast das Haus geerbt!«, erklärte die Tante.

Ida, die Bordellköchin, starrte sie verdutzt an. »Welches Haus?«, fragte sie verdattert.

»Na, dieses hier«, gab die Tante zurück. »Wir hatten ja keine Kinder.«

»Das verstehe ich immer noch nicht. Du lebst doch noch. Wieso soll ich das Haus haben? Hast du vielleicht vor, warm zu vermachen? Da musst du dir schon eine Dümmere suchen! Ich mache da nicht mit! Ich will das Haus nicht. Zu Lebzeiten vermachen, heißt strammstehen, das Tantchen bei Laune halten. Oder willst du vielleicht so eine Art Rente von mir? Was hast du dir dabei nur gedacht?«

Tante Fine war fuchsteufelswild geworden nach dieser Ansprache.

»Glaubst du wirklich, ich würde es dir freiwillig überlassen, wenn ich es nicht müsste? Jedem, nur nicht dir! Dieser Lumpenhund! Er hat es fertiggebracht, mich zu demütigen!«

Tante Fine fluchte wie in ihrer Glanzzeit. Sie war einst der größte Drachen in diesem Viertel. Selbst die Männer hatten Respekt vor ihr. Fine hatte nicht nur Haare auf den Zähnen, sie schien auch ein Rückgrat aus Stahl zu besitzen. Fine wurde nicht von ungefähr als ausgekochtes Luder hingestellt.

Ida begriff noch immer nicht so recht. Wem wollte sie jetzt wieder ans Leder?

»Erklär mir das doch mal näher! Wieso bist du gezwungen, mir dieses Scheißhaus zu vermachen?«

»Onkel Hans hat es dir vermacht! Der Mistkerl hat mir nie was davon erzählt. Er ist schon vor vielen Jahren zum Anwalt gegangen und hat das so geregelt!«

Ida stand auf und ging hin und her. Dabei riss sie ein Fenster auf. Die Luft hier drin war zum Schneiden. Es störte sie nicht, dass Tante Fine kreischte, sie würde sich eine Lungenentzündung holen. Es war Spätsommer und ziemlich warm draußen.

»Onkel Hans hat mir das Haus vermacht? Dein Haus?«

Tante Fine musste widerwillig zugeben, dass es sein Haus und nie ihr Haus war.

Ida drehte sich um und musste unwillkürlich lachen. All die Jahre, die Ida hier verbracht hatte, hatte Fine damit geprahlt, sie sei schließlich die Hausbesitzerin. Onkel Hans hatte immer dabeigestanden und gelächelt.

»Das ist ja was«, sagte Ida und lachte leise auf. »Das Leben ist wirklich lustig.«

»Der Anwalt drängt darauf, es dir zu überschreiben. Deswegen musstest du kommen. Es gehört dir, mit allen Rechten. Der Lumpenhund hat mir nicht mal ein Wohnrecht eingeräumt!«

»Bekommst du denn nicht eine Art Pflichtteil? Als Ehefrau steht dir das doch nach so vielen Jahren zu. Ich meine, ich könnte mich erkundigen.«

Jetzt kam der größte Hammer. Fine war nie mit Onkel Hans verheiratet gewesen. Ida brach in schallendes Gelächter aus. Die Reise hatte sich wirklich gelohnt. Das waren Auskünfte, die sie köstlich amüsierten.

»Was hast du gesagt, wann hat der Onkel es mir vermacht?«, fragte Ida.

»Schon vor dreißig Jahren!«, erklärte Tante Fine verbittert.

Ida hatte plötzlich Tränen in den Augen. Sie konnte sich an den Onkel noch gut erinnern. Er war der Einzige gewesen, der sie gemocht und irgendwie verstanden hatte, der Mitleid hatte, weil sie so hässlich war. In seiner demütigen Art hatte er damals sogar vorgeschlagen, für ihre Ausbildung aufzukommen. Der Onkel hatte selber nie viel Glück gehabt. Das Geld war immer knapp gewesen. Ida konnte sich noch an die Kräche erinnern, die auf diese Mitteilung gefolgt waren. Ihre Mutter und Tante Fine, die ja Schwestern waren, hatten den Onkel fertiggemacht. Dunkel konnte Ida sich noch erinnern, dass immerzu das Wort Hypothek gefallen war. Jetzt, nach dreißig Jahren, begriff Ida die ganze Tragödie. Er hatte Geld aufnehmen wollen, um Ida lernen zu lassen. Meine Güte, dachte Ida betroffen. Ich hätte alles haben können, höhere Schule, Ausbildung, vielleicht sogar ein Studium. Der Onkel hatte es gewollt, aber ihre Mutter und die Tante hatten es verhindert. Aus ihr wäre etwas geworden! All die schrecklichen Jahre mit den Luden, das Leben in der Gosse, fast hätte sie sich in einem Fleet ertränkt, all das hätte nicht sein müssen.

Ida schloss die Augen.

Ein wildes böses Gefühl stieg in ihr hoch.

Sie ballte die Hände zu Fäusten.

Sie wollte schon zu einem gewaltigen Aufschrei ansetzen, die Tante in Grund und Boden brüllen, ihr alles nehmen, sie rausschmeißen, sie alles spüren lassen, was ihr angetan worden war.

»Man kann das Leben nicht zurückdrehen!« Deikes Worte! Wie oft sagte sie es, wenn die Dirnen verzweifelt zu klagen anfingen. Die Gegenwart zählt, nur die Gegenwart. Wenn man das nicht begreift, lebt man nicht richtig.

Deike musste es wissen. Sie war vor über sechs Jahren an Krebs erkrankt. Man hatte der damaligen Startülle nicht mehr viel Zeit gegeben. Sie hatte es aber geschafft, hatte sich mit Ida ein ganz neues Leben im Eckhaus aufgebaut. Sie waren ein Team, wie es nirgends zu finden war.

Ida wollte um nichts in der Welt ihren Job im Eckhaus missen. Er war ihr Lebensinhalt geworden.

Ida öffnete die geballten Hände. Sie hätte Deike, Marek, seine Mutter Lotte und wie sie alle hießen nie kennengelernt, wenn sie studiert hätte. Sie wäre eine verbissene Karrierefrau geworden und hätte nie die Liebe erlebt. Die Dirnen im Eckhaus liebten sie wirklich. Ida war wie eine Mutter zu ihnen. Und erst Walterchen, der Bub, der sie gerettet hatte, und der Doc!

Plötzlich fühlte Ida Tränen in den Augen. Sie hatte jetzt ein so reiches Leben!

Das Schicksal hatte es so gewollt. Sie war den bitteren Weg gegangen, stur und verzweifelt, um am Ende des Tunnels das Licht zu finden.

Tante Fine stand neben ihr, klein, verhutzelt, mit kalten gemeinen Augen. Nichts Liebenswertes war an ihr. Früher war sie mal eine Schönheit gewesen. Sie tat Ida jetzt nur noch leid. Sie hat nie die echte Liebe kennenlernen dürfen, dachte Ida bei sich.

Ich habe es aus eigener Kraft geschafft. Jetzt bekomme ich sogar noch als Zugabe die Mitteilung, dass noch einer in meiner Jugend da war, der mich gemocht hat. Er war nur zu sanft. Armer Onkel Hans! Er war auf das schöne Gesicht von Fine hereingefallen. Alle hatten sich gewundert, dass er bei Fine blieb. Er war ein Schwächling gewesen. Doch jetzt wusste Ida, all die Jahre hatte er diesen Triumph im Ärmel verwahrt. Und er hatte Fine nie geheiratet.

Ida lachte auf.

»Das geht runter wie Öl! Ausgerechnet mit mir hast du es jetzt zu tun. Hast du Angst?«, fragte Ida ihre Tante.

Fine hatte Angst. Schließlich amüsierte sich das ganze Viertel bereits über diese Neuigkeit. Irgendwie war alles durchgesickert.

»Ich mache uns einen Kaffee«, sagte Ida. »Ich tue es lieber selbst, du bist mir zu schmutzig!«

Wie ein braves Hündchen lief Fine hinter Ida her, plapperte pausenlos auf sie ein. Sie könne ja eine Art Verwalterin für dieses Haus sein. Wenn Ida nur ein wenig reinstecken würde, und wie sie sehe, müsse sie ja im Geld schwimmen, könne man ein paar Wohnungen gut vermieten.

»Das Haus liegt ja neben der Villa. Vielleicht machst du damit einen guten Fang. Ich würde dann für dich vor Ort aufpassen, dass alles so läuft, wie du es willst«, versprach Tante Fine.

Ihre Kriecherei widerte Ida noch mehr an als die Art, die sie früher an sich gehabt hatte.

»Ich werde mit dem Anwalt reden«, sagte Ida kurz angebunden. »Ich muss mir alles gründlich überlegen. Lass uns den Kaffee machen! Zwei, drei Tage kann ich bleiben. Bis dahin wird mir eine Lösung einfallen.«

»Ja«, sagte Fine demütig.

 

 

2

Von Deike, der Bordellmutter, wusste Ida, dass sich das Beste letztendlich noch immer als das Billigste erwies. Deshalb war sie auch im teuersten Hotel abgestiegen. Fine riss Mund und Augen auf, als sie das hörte. Ida gab aber weiterhin keinerlei Auskunft darüber, womit sie sich ihre Brötchen verdiente.

Dass die böse und zänkische Tante Fine von einst jetzt Angst und Respekt vor ihr hatte, nahm Ida wie eine Genugtuung für das frühere Unrecht. Das Schicksal konnte oft sogar schon auf Erden für Gerechtigkeit sorgen, fand Ida.

Nachdem sie mit der Tante einiges besprochen hatte, wollte sie zum Hotel zurückfahren und am nächsten Tag nach dem Frühstück wieder auf der Matte stehen.

Ida verließ das Haus. Ein kurzes Stück wollte sie zu Fuß gehen und erst unten an der Straße ein Taxi nehmen. Sie kam aber nicht weit, sie wurde plötzlich von einem Hund angesprungen. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn dieser Hund nicht in so schrecklicher Eile gewesen wäre und nicht eine lange Leine am Halsband hinter sich hergezogen hätte. Eine schrille junge Stimme wollte ihn am Weiterlaufen hindern. Ida versuchte ihn aufzuhalten, dann verhedderten sich Hund, Ida und Leine ineinander, und ehe sich’s die Köchin versah, lag sie am Boden. Ihre Beine waren so eingeschnürt, dass sie nicht mehr in der Lage war, allein aufzustehen.

Wenig später stand ein junges Mädchen voller Entsetzen vor Ida und bat tausendmal um Entschuldigung. Es beschimpfte zugleich den ungehorsamen Hund und half Ida wieder auf die Füße. In ihrer Glanzzeit hätte Ida jetzt einen Stapel Flüche von sich gelassen. Daheim im Bordell hatten sie ja Fritzchen, den unmöglichen Bobtail. Aber hier war sie ja jetzt in die Rolle der vornehmen Dame geschlüpft.

»Er ist so ungezogen! Immer rennt er mir davon! Bitte, kann ich etwas für Sie tun? Sie müssen mir erlauben, sie ins Café einzuladen. Von dem Schrecken müssen Sie sich erholen. Hat er Sie auch wirklich nicht gebissen? Sollen wir nicht erst zu einem Arzt gehen?«

»Quatsch«, sagte Ida bärbeißig. »Das hätte er nicht gewagt!«

Hund und Bordellköchin starrten sich an. Ida musste nun doch grinsen und fuhr ihm über den Kopf.

Das Mädchen stellte sich als Beatrice Schreiner vor, und Ida wunderte sich über nichts mehr. Wenig später saßen die beiden bei einer Tasse Kaffee. Ida fragte das Mädchen jetzt ein wenig aus, in der Hoffnung, etwas mehr über das alte Viertel zu erfahren, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Zu Idas grenzenloser Verblüffung stellte sich heraus, dass Beatrice Schreiner, Ellas Tochter, ein sehr nettes Mädchen war.

»Er ist mein Hund! Wenn er mir weiter solche Schwierigkeiten macht, werde ich ihn wohl fortgeben müssen. Dann habe ich überhaupt keinen Freund mehr«, erklärte Beatrice.

Ida blickte das junge Ding verdutzt an. Sie mochte an die fünfundzwanzig sein und war ein sehr hübsches Mädchen. Sie war schlank, hatte einfach herrliche Beine, einen schönen Körper und ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen.

»Keinen Freund?«, wiederholte Ida verwundert.

Beatrice schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe in dieser Stadt keinen Freund. Ich könnte wohl ein paar haben, aber die gefallen mir nicht. Einen alten Kerl gibt es, der mich unbedingt heiraten will, und viele junge Männer, die sich schadlos halten möchten. Das lasse ich aber nicht zu.«

Ehe sich’s Ida versah, erzählte Beatrice plötzlich ihre ganze Lebensgeschichte. Die Eltern waren unglücklich verheiratet, ihr Vater war ein Verschwender. Als sie noch jünger war, sei Geld vorhanden gewesen, und sie hatte die Rolle des reichen Mädchens spielen müssen. Dadurch war sie unbeliebt geworden. Immer hatte man ihr das Leben irgendwie versauert. Ja, und nun würden es ja schon die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass sie arm seien und nur mit Mühe das Haus halten könnten. Ein wenig hätten sie ja auch schon vom dem großen Park verkaufen müssen. Stückchenweise ginge so ihr Vermögen dahin. Sie liebe die alte Villa, könne sie aber doch wohl nicht mehr retten. Nein, sie würde auf keinen Fall den alten reichen Mann heiraten.

Beatrice hatte einen trotzigen Zug um den Mund.

»Und womit verdienst du dir jetzt die Brötchen?«, wollte Ida wissen. Es entzückte sie irgendwie, mit Ellas Tochter an einem Tisch zu sitzen. Sie dachte, wenn Ella wüsste, was ich mal war, und nun verkehre ich mit ihrer Tochter! Ida kicherte plötzlich los.

»Ich habe eine gute Schuldbildung, sogar Abi. Irgendwie schlage ich mich schon durch«, sagte Beatrice.

Die Köchin spürte, dass das junge Mädchen diesen Punkt nicht weiter erörtern wollte.

»Nun ja, dann will ich mich mal wieder auf die Strümpfe machen. Ich muss in mein Hotel. Vielleicht sehen wir uns mal wieder.«

Beatrice bedankte sich noch einmal, dass Ida ihr keinen Ärger gemacht hatte.

»Das werde ich Ihnen nie vergessen, wirklich nicht!«

Ida fühlte sich seltsam angerührt. Sie nahm das Versprechen wie ein Kompliment und war glücklich.

»Ach, das war doch nichts! Passen Sie aber das nächste Mal besser auf! Sicher hat er eine Katze gesehen. Ich kenne das.«

Sie trennten sich wie alte Bekannte.

Das Mädchen ging schlaksig davon. Junge Burschen pfiffen hinter ihr her, brachten auch ein paar Sprüche an. Ida erinnerte sich an ihre Mädchenzeit. An Freundinnen, die sich damit brüsteten, dass man ihnen solche Worte nachrief. Ida war ja damals einfach zu hässlich gewesen, als dass sich ein junger Mann nach ihr den Kopf verrenkt hätte.

Der Taxifahrer hatte Idas Koffer abgeliefert, und sie bezog das beste Zimmer im ganzen Hotel. Sie wurde zuvorkommend bedient. Ida hatte früher vor Reichtum und vornehmen Hotels einen Horror gehabt. Doch mit den Jahren hatte sie einiges dazugelernt.

Warum musste sie gerade jetzt daran denken?

Hatte sie schon Heimweh nach dem Eckhaus?

Ida rief in Hamburg an.

Lorenz war gleich an der Strippe.

»Nein, Ida! Hier liegen die Leichen noch nicht stapelweise herum! Ja, Deike ist da. Ich gebe sie dir. Einen Augenblick mal, ich stelle um.«

Deike freute sich über den Anruf von Ida, schärfte ihr aber wieder ein, alles in Ruhe anzugehen.

»Mach ein wenig Urlaub! Wir kommen hier zurecht. Ehrlich! Gwen und Eva-Maria sind fort. Ich habe doch mit dir darüber gesprochen! Sie werden wahrscheinlich bald heiraten.«

Ida war baff.

»Dann werden ja bei uns wieder Zimmer frei!«

»Ist das deine einzige Sorge, Ida? Was ist denn bei dir los? Warum wollte dich der Anwalt sprechen?«, wollte Deike wissen.

»Ich bin jetzt eine gute Partie!« Ida kicherte. »Ich habe ein Haus geerbt.«

»Was du nicht sagst! Das muss ich sofort dem Doc erzählen! Der wird dann seinen besten Anzug anziehen, wenn du wieder hier bist, und dich mit Rosen empfangen.«

»Tu das ruhig! Du wirst schon sehen, wo die Rosen landen.«

»Rote Rosen!«, rief Deike.

»Na, ich weiß mich zu rächen«, knurrte Ida. »Doch ich muss jetzt Schluss machen. Das kostet schließlich mein Geld!«

Deike war ein bisschen besorgt wegen Ida. »Es ist doch alles in Ordnung, Ida? Du klingst so anders als sonst.«

»Wenn man in die Vergangenheit zurückfährt, ist plötzlich alles anders. Ich habe euch viel zu erzählen!«

»Ich würde mich freuen, wenn du dich ein wenig erholen würdest, Ida! Lorenz hat mir gesagt, er könnte noch ein paar Tage zulegen.«

»Ihr wollt mich wohl loswerden, was?«, schrie Ida auf.

»Natürlich«, lachte Deike. »Deswegen sorge ich mich ja auch so um dich, weil ich dich einfach nicht ausstehen kann!«

Verärgert warf Ida den Hörer auf die Gabel, aber sie hatte ein warmes Gefühl in ihrem Herzen.

 

 

3

Ida zankte sich mit dem Empfangschef des Hotels. Jetzt kam auch noch der Direktor des Hauses hinzu. Er warf seinem Angestellten einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Die Dame möchte noch ausgehen und hat mich gefragt, wohin sie gehen könnte«, erklärte der Portier.

Der Direktor verbeugte sich vor Ida und wollte wissen, was sie denn suche.

»Ich habe gefragt, ob es hier in der Nähe ein Nachtlokal gibt.«

Der Direktor glaubte sich verhört zu haben und räusperte sich.

»Ich möchte nur wissen, wo es liegt. Ist das so schwer? Wenn Sie es nicht wissen, wird man es mir am Taxenstand sicherlich sagen können. Kein guter Service hier, wirklich!«

Ida durchbohrte die beiden mit ihren Blicken. Sie kam gar nicht auf die Idee, dass es sich für eine vornehme Dame ihres Alters einfach nicht gehörte, sich abends um dreiundzwanzig Uhr nach einem Nachtlokal zu erkundigen. Und das ganz ohne Herrenbegleitung! Ja, ja, Ida fiel eben immer wieder aus der Rolle.

Die beiden Herren glaubten nun, es mit einer sehr reichen und absolut schrulligen alten Tante zu tun zu haben. Woher sollten sie denn wissen, dass Ida aus dem horizontalen Gewerbe stammte und einfach wissen wollte, wie das in dieser Stadt lief. Schließlich musste sich ihr Urlaub doch bezahlt machen. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht konnte sie sich noch Anregungen für ihre Mädchen holen. Die waren für jeden guten Tipp äußerst dankbar. Überhaupt sah Ida sich noch gar nicht dazu in der Lage, sich ins Bett zu legen, verbrachte sie doch sonst auch jede zweite Nacht wachend und auf die Mädchen auf der Rampe im Eckhaus wartend. Sie musste ja auch hin und wieder für ganz besondere Kunden einen kleinen Nachtimbiss herrichten.

Mit einem Satz, Ida wollte die Nacht nutzbringend verwenden und Informationen sammeln.

Dem Direktor war plötzlich der Hemdkragen zu eng geworden.

»Meine Dame, natürlich gibt es so etwas in unserer Stadt. Ich muss aber leider hinzusetzen, dass die Bar keinen sehr guten Ruf hat. Besonders für Damen, die ohne Begleitung sind, ist ein Besuch nicht ganz ungefährlich.«

Ida kniff ein Auge zu.

»Wollen Sie damit ausdrücken, ich könnte dort belästigt werden?«

Der Empfangschef schien sich an irgendetwas verschluckt zu haben und musste schrecklich husten. Der Direktor rettete sich damit, dass er seine Augen zur Decke verdrehte.

Ida grinste die beiden Herren fröhlich an und sagte unverblümt: »Keine Sorge, ich bin nicht mehr unschuldig, und mich belästigt man bestimmt nicht. Außerdem weiß ich mich zu wehren. Also?«

»Äh, ja, da wäre die Kakadu-Bar. Bitte, meine Dame, vermerken Sie es, dass ich Sie gewarnt habe. Ich könnte nicht mehr froh werden, wenn ein Gast unseres Hauses Schaden davontragen sollte. Ich möchte also wirklich dringend von einem Besuch abraten. Dort laufen viele zweifelhafte Existenzen aus der Unterwelt herum. Man muss jede Nacht mit einer Razzia rechnen. Die Polizei ist auf diese Bar nicht gut zu sprechen.«

Der arme Direktor gab sich wirklich alle Mühe, Ida vor Entsetzen zittern zu lassen. Das wäre doch gelacht, dachte er bei sich, wenn ich die alte Schachtel nicht schocke.

»Und dann die Mädchen dort! Wirklich, meine Dame! Man kann sich dort sicherlich nicht amüsieren. Ruhig in einer Ecke sitzen, ist einfach nicht drin.«

Ida grinste ihn an und sagte: »Genau so etwas brauche ich, bevor ich schlafen gehe.«

Beide Männer erstarrten abermals vor Schreck.

»Das regt meinen Kreislauf an! Immer noch besser als die blöden Schlafpillen!«

Ida sprach’s und spazierte mit der Adresse der Bar aus dem Hotel. Der Direktor stöhnte. »Oh, nein, das ist mein Tod!«

»Vielleicht ist sie nicht ganz dicht? Vielleicht ist sie irgendwo entsprungen?«

»Hör auf! Ich mag gar nicht daran denken! Der gute Ruf unseres Hauses steht auf dem Spiel!«

Ida war richtig glücklich. Sie hatte mal wieder eine Schlacht gewonnen. Teufel noch mal, das machte Spaß! »Jetzt bin ich wieder das alte böse Mädchen«, murmelte sie vergnügt vor sich hin. Sie nahm ein Taxi und schockte auch den Fahrer, als sie ihm ihr Ziel nannte. Er hielt Ida für eine Verrückte und bot sogar an, sie zu begleiten, gegen entsprechendes Entgelt wohlverstanden. Ida sah ihn an und sagte verschmitzt: »Dann ist aber Ihr Ruf ruiniert, junger Mann!«

Der Fahrer war ein Student, der sich nachts Geld verdienen musste. Er errötete unwillkürlich und wurde ganz verlegen. Ida sagte: »Macht nichts! Ich werde schon klarkommen.« Sie gab ihm ein fürstliches Trinkgeld und kletterte aus dem Taxi.

Die nächste Hürde war der Eingang zur Bar.

Die Tür war fest verschlossen, und man musste klingeln. Durch ein Guckloch wurde jeder angestarrt. Ida kannte das natürlich zur Genüge. Sie fühlte den prüfenden Blick auf sich. Als sich die Tür danach noch immer nicht öffnete, klingelte Ida resoluter und pochte auch noch mit ihrer eisenbeschlagenen Handtasche dagegen. Eine Klappe öffnete sich, und der Türhüter schrie Ida an.

»Verpiss dich, Alte, klar?«

Ehe er sich’s versah, hatte Ida ihn an seinen eigenen Haaren zu sich herangezogen und flüsterte ihm grimmig ins Ohr: »Wenn du nicht willst, dass dein Gesicht künftig auf deinen Rücken schaut, mach die Tür auf!«

Der Türsteher wurde schon blaurot im Gesicht.

Ida fügte noch hinzu: »Wenn du nicht sofort öffnest, kommen die Bullen! Schmeckt dir das vielleicht besser? Ich kann auch anders!«

Vor Schreck wie gelähmt, drückte der Mann auf den Knopf, und Ida stand im Vorraum der Kakadu-Bar.

»Warum nicht gleich, du kleine Ratte«, sagte sie fröhlich und trat ihm auch noch auf seine Hühneraugen.

Hinkend begleitete er Ida hinter den etwas schmuddeligen Plüschvorhang in die Bar. Sein Boss glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er den alten Drachen auf der Schwelle stehen sah.

Ida blickte sich um und dachte, schäbig, schäbig. Wirklich tiefste Provinz. Du meine Güte, hier stinkt es, und es sieht lausig aus. Ein paar Spiegel, Plastikpflanzen und Plüsch. Die hätten sich auch mal was Besseres einfallen lassen können. Und dann die winzige Bühne! Du meine Güte, hier konnte sie in der Tat keine Anregung bekommen.

Eigentlich war Ida bestrebt, diesen Bumsschuppen so schnell wie möglich zu verlassen. Doch da sah sie den Boss der Bar wie einen Stier auf sich zukommen. Diskret ging sie zur Seite, und er fegte fast den Türsteher von der Schwelle.

»Was soll das?«, fauchte er diesen an. »Bist du lebensmüde? Hast du keine Augen im Kopf? Wieso hast du die Alte reingelassen? Wirf sie sofort raus! Aber achtkantig!«

Ida hieb ihm ihre eisenbeschlagene Tasche einmal kurz auf die Schulter.

»Meinst du vielleicht mich?«, fragte sie.

Der Barbesitzer glaubte, sie habe ihm das Schlüsselbein gebrochen. Ida hatte, wie alle Mädchen im Eckhaus, einen Spezialbukokoffer, der es in sich hatte. Die Geheimwaffe aller Dirnen war als Schlaginstrument und Abwehr gut geeignet.

Röchelnd drehte er sich um.

»Ich bleibe«, sagte Ida schadenfroh. »Dies ist doch eine öffentliche Bar. Ich will auch einen Spezialdrink, verstanden? Aber vom Besten! Wenn du glaubst, mich bescheißen zu können, wirst du noch dein blaues Wunder erleben.« Barbesitzer und Türsteher waren jetzt ebenso baff wie vorhin die beiden Herren in dem vornehmen Hotel.

»Hast du noch Fragen?«, wollte Ida wissen.

Sie setzte sich in die Nische neben der winzigen Bühne. So, dachte sie, mein Rücken ist gedeckt. Die sollen ruhig kommen. Im Schlagen bin ich einsame Spitze.

Ida hatte keine Angst. Wenn wirklich etwas nicht so laufen sollte, wie sie es sich dachte, konnte sie noch immer ihre Trumpfkarte aus dem Ärmel ziehen.

Der Boss rieb sich die schmerzende Schulter und keuchte: »Wer ist sie?«

Der Türsteher zeigte indessen seine Würgemale am Hals und erzählte dem Chef, wie sie ihn überlistet hatte.

»Bullen hat sie gesagt?«, fragte der Barbesitzer.

»Vielleicht ist sie getarnt. Verdammt, und grad heute Nacht soll eine Sache über die Bühne gehen. Verflucht noch mal! Wer hat uns bloß verpfiffen?«

Der andere zuckte die Schultern.

»Was sollen wir mit ihr machen? Soll ich Verstärkung holen und sie doch noch an die Luft setzen?«

Der Boss knurrte: »Bist du des Teufels? Damit es dann bald hier vor Bullen nur so wimmelt? Die Alte ist mit allen Wassern gewaschen. Die hat keine Angst. Wir müssen uns erst einmal erkundigen, woher sie kommt und was sie vorhat. Also bleib ruhig, sag es auch den anderen Jungs!«

»Und wenn sie Stunk macht?«

»Gibst du mir sofort Bescheid, klar? Wenn du eigenmächtig handelst, schlag ich dir sämtliche Zähne aus!«

»Gut, Chef! Ich habe verstanden. Lage im Auge behalten und nichts tun.«

Ida hatte sich inzwischen häuslich niedergelassen. Ein etwas dümmlich aussehendes Mädchen stand vor ihr und reichte ihr die Getränkekarte. Ida verlangte nach mehr Licht. Verblüfft blickte sich das junge Mädchen nach seinem Arbeitgeber um. Dieser nickte ihr zu, also brachte sie eine Kerze.

Ida knurrte: »Ich will das Beste, verstanden? Nichts Gepanschtes, sonst kann ich ungemütlich werden! Spül auch vorher das Glas noch einmal aus!«

Die Kleine zuckte nur mit den Schultern und stöckelte davon.

Danach öffnete sich die Tür, und ein Schwarm von Männern kam in die Bar. Sie kamen von außerhalb, das erfuhr man in kürzester Zeit. Sie wollten hier ein Fass aufmachen. Einer hatte eine Wette verloren, und jetzt waren sie in die Stadt gekommen, um ein paar Mädchen aufzureißen. Sie lachten dröhnend und waren auch sonst sehr laut.

Ida wusste aus Erfahrung, dass solche Typen die besten Kunden in einer Bar waren. Deswegen wurden sie auch nicht fortgejagt. Wie hergezaubert kam gleich Verstärkung aus den hinteren Räumen angelaufen. Sofort setzten sich die neuen Mädchen zu den Männern in die Nischen, und es ging bald hoch her.

Ida musterte indessen das Angebot und fand, die Mädchen waren alle nicht viel wert. So jung und schon so ausgepustet. Da war sie ja in ihrer schlimmsten Zeit noch frischer gewesen. Tief befriedigt dachte Ida, wir haben nun mal die besten Mädchen. Diese hier sind bald am Ende, und dann werden sie armselig ihr Leben fristen müssen. Tut mir fast leid um die jungen Dinger. Ich möchte bloß mal wissen, wer ihr Lude ist. Der hat wirklich ein Rad ab, sie so zu behandeln. Oder kriegt er so viel frische Ware, dass er sich das leisten kann?

Ida sinnierte weiter und kam zu dem Schluss, dass das sicherlich nicht der Fall war, denn dann hätte er sie ganz bestimmt schon ausgetauscht. Gequält lachten die Damen und versuchten die Kerle zu animieren. Das war zumindest keine schwere Arbeit.

Ida erhielt jetzt auch ihr Getränk und untersuchte es pingelig. Sie war dann so gnädig es zu behalten und lehnte sich damit zurück. Die Gauner in der Ecke waren noch immer unschlüssig, was sie mit dem alten Drachen anstellen sollten.

Eine Drei-Mann-Band versuchte, Stimmung zu machen. Ida dachte die ganze Zeit, wenn mir dieser Kasten gehören würde, hier würde ich was auf die Beine stellen. Die haben wirklich ein Rad ab. Dies ist hier die einzige Bar weit und breit, und dann so eine Pleite!

Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Jetzt wurde die erste Schau angesagt. Die Lichter gingen aus. Was dann auf der kleinen Bühne geboten wurde, war wirklich jämmerlich. Selbst Ida pfiff, als das arme Mädchen umherhüpfte und sein Möglichstes gab. Die anderen Gäste wurden richtig sauer und schimpften laut. »Dafür haben wir Eintritt bezahlt? Wir wollen was Anständiges sehen! Das ist ja ein ganz mieser Budenzauber! Wir nehmen gleich den Laden auseinander! Verdammt, wo sind die scharfen Mädchen, die man uns versprochen hat?«

Ida war neugierig, wie das Personal sich jetzt verhalten würde, und grinste fröhlich vor sich hin. Selbstverständlich war ihr die ganze Zeit bewusst, dass man sie auf dem Kieker hatte und sie lieber draußen in der Gosse als hier in der Nische sehen würde. Dem Boss der Bar kam langsam, aber sicher das Grausen, denn er ahnte, wenn die Burschen auch noch die Alte entdeckten, dann war es ganz aus, und sie würden den Laden in Stücke schlagen. Die Burschen vom Lande waren da fix bei der Sache, und ehe die Bullen zur Stelle waren, wären sie über alle Berge. Wie üblich würden die Bullen im Zeitlupentempo angefahren kommen. Sie hatten ohnehin einen Kieker auf diese Bar.

»Los, hol die Hauptnummer! Vielleicht beruhigen sie sich wieder.«

»Aber Chef, wie soll denn dann die Nacht laufen? Wenn sie jetzt schon kommen muss und wir später nichts mehr haben, machen sie uns mürbe!«

»Hast du einen besseren Vorschlag? Verdammt, sie soll raus, und dann machen wir die Kerle besoffen! Fertig! Lass mich nur machen! Ich werde eine Spezialflasche spendieren. Nur so können wir sie in Schach halten.«

Der Helfer zischte also nach hinten ab. Die kleine Ansagerin bemühte sich tapfer, lustig zu klingen, und rief mit verzerrt fröhlicher Stimme: »Nun kommt die Hauptnummer, meine Herren! Ein Strip, wie Sie ihn schon lange nicht mehr gesehen haben. Annabell ist das Schärfste, das es zurzeit gibt. Sie ist eine Dame von Welt und hat wirklich Pfeffer im Blut!«

»Hoffentlich, sonst werden wir echt sauer«, schrien die Burschen. Damit schoben sie die Mädchen zur Seite, die sie in der Nische hatten, und knurrten: »Hört auf! Wir wollen uns jetzt mal amüsieren. Still jetzt!«

Ida dachte nur, die können doch gar keine Hauptnummer haben. Das ist doch alles Nepp. Ich muss zusehen, dass ich rechtzeitig aus diesem Schuppen rauskomme, wenn es zur einer Schlägerei kommt. Ich kann es Deike nicht zumuten, dass sie mich hier aus dem Bunker holen muss. Vor allen Dingen Tante Fine würde der Schlag treffen, wenn sie erfahren würde, dass ich im Knast sitze. Nun, um die Alte würde es mir nicht leid tun, aber mein guter Ruf hätte darunter zu leiden.

Ida vergewisserte sich also und entdeckte auch bald den versteckten Hinterausgang.

In der Bar gingen die Lichter aus, und es wurde still. Dann kam ein Trommelwirbel, und die Bühne war in ein lila Licht getaucht. Auf der Bühne stand ein junges Mädchen in einem schönen Gewand. Es sprühte vor Lebendigkeit. Ihr Gesicht konnte man nicht sehen. Es war von einer silbernen Halbmaske verdeckt.

Dann begann Musik zu spielen. Idas geschultes Ohr bemerkte sofort, dass die Melodie vom Band kam. Die Musiker saßen inzwischen tatenlos herum.

Annabell, wie sie vorgestellt worden war, machte ihre Sache wirklich perfekt. Sie war einmalig, eine wirkliche Künstlerin. Es war fast zu schön, viel Harmonie lag in ihren Bewegungen.

Keiner rührte sich im Saal. Es war wie ein Atemholen. Die Frau zog sie alle in den Bann. Auch Ida war hingerissen. Sie dachte die ganze Zeit: Donnerwetter, so etwas habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Das ist wirklich ein Rassemädchen!

Der Strip war beendet. Noch ein lauter Trommelwirbel, und das Mädchen wollte die Bühne verlassen. Die Maske hatte es nicht abgenommen.

Die Zuschauer rasten. Fast alle waren aufgesprungen und verlangten wie wild nach einer Zugabe.

Das Mädchen verbeugte sich lächelnd.

Sein Körper glänzte vor Schweiß. Die Kleine hatte bei dem Strip wirklich ihr Letztes gegeben. Ida konnte es genau sehen, sie saß ja ganz nah an der Bühne.

»Die Maske runter!«, kreischten die Männer. »Die Maske runter! Wir wollen dein Gesicht sehen!«

Das Mädchen schüttelte den Kopf und wollte sich entfernen.

Einer der Burschen war aber wie toll. Er wollte sich an dem Mädchen vergreifen. Ehe der Barbesitzer es verhindern konnte, war er auf die Bühne gesprungen. Ein Schrei, das Mädchen stürzte. Keiner blieb nun noch auf seinem Platz. Alle stürmten auf die Bühne. Sie fanden das einfach super.

Das Mädchen wehrte sich verzweifelt. Aber seine Lage war hoffnungslos.

Ida wusste auch nicht, was auf einmal in sie fuhr. Sie war einfach stinksauer. Das durfte es doch nicht geben!

Ida kämpfte wie wild, sie schlug mit ihrer Tasche präzise zu. Die Schlacht setzte sich jetzt auch im ganzen Raum fort. Die Kerle schlugen Tische und Stühle kaputt. Die Band hatte sich schon in Sicherheit gebracht.

Der Boss hatte auch einen Kinnhaken abbekommen und lag erst einmal wie betäubt in einer Ecke. Er konnte keine Anweisungen mehr geben. Kreischend waren die Animiermädchen nach, hinten geflüchtet. Gläser und Flaschen gingen zu Bruch.

Ida kümmerte das alles nicht. Sie stürzte sich in das Getümmel und bahnte sich so langsam einen Weg zu dem Mädchen. Es lag am Boden und blutete. Man machte sich nicht mal die Mühe, sie zu schonen. Grobe Füße traten auf ihre zarten Glieder. Endlich hatte Ida das Mädchen erreicht. Mit einem Ruck riss sie es aus dem Gewirr von Armen und Beinen hervor. Im selben Augenblick ging das Licht aus.

Der Barmann hatte endlich den Mut besessen, die Sicherung zu lockern.

»Komm!«, schrie Ida und zerrte das halb bewusstlose Mädchen hinter sich her. Sie schaffte es sogar noch, mit einem Griff ihren Mantel vom Haken zu grabschen. Dann hatte sie auch schon den Hinterausgang erreicht.

Die Köchin vom Eckhaus dachte, wenn hier abgeschlossen ist, geh ich rein und erschlag den Besitzer.

Kühle Nachtluft schlug ihnen entgegen. Sie hatten es geschafft! Neben den Mülltonnen presste Ida das Mädchen in eine dunkle Nische. Das war gut so, denn man hörte bereits Martinshörner auf der Straße.

»Sei still! Rühr dich nicht! Mach keinen Muckser, verstanden?«

Das Mädchen schluchzte bibbernd in Idas Armen.

Die Maske war noch immer auf seinem Gesicht. Die Kleine bekam fast keine Luft. Außerdem schlotterte sie vor Kälte, sie trug ja nichts am Leibe außer ihren silbernen Schuhen.

Ida legte ihr ihren Mantel um die Schulter.

Die Bullen stürmten nun die Bar.

Ida kicherte vergnügt vor sich hin. »Jetzt habe ich noch nicht mal die Rechnung bezahlen müssen. Stimmt so!«

Sämtlich Barbesucher wurden wenig später in die grüne Minna verfrachtet, das Personal ebenfalls.

 

 

4

Das Mädchen hatte sich langsam wieder beruhigt und atmete hastig.

»Danke«, sagte es leise. »Ich bin Ihnen wirklich zu Dank verpflichtet. Doch jetzt möchte ich heim.«

»Wohin denn?«, fragte Ida.

»Ich muss erst einmal in die Bar zurück und meine Kleider holen. So kann ich auf gar keinen Fall heim. Sie würden mich umbringen!«

»Aha«, sagte Ida. »Dann weiß wohl daheim keiner, was du für einen Beruf hast?«

»So ist es«, gab das Mädchen zu.

Ida rüttelte an der Tür. Sie war verschlossen.

»Da haben wir leider Pech, mein Täubchen. Die Klamotten kannst du wohl abschreiben. Wie ich die Polizei kenne, wird der Laden wohl nicht so bald wieder aufmachen dürfen.«

»Oh, nein«, stammelte die Kleine. »Das ist ja furchtbar! Was soll ich nur machen?«

»Ungesehen kommst du wohl nicht bei euch rein?«

Die Kleine brach in bitterliches Weinen aus.

»Jetzt ist alles aus! Ich habe es die ganze Zeit gefühlt. Ich habe es gespürt. Jetzt ist es aus.«

Sie trippelte hin und her und beweinte sich, das Leben und ihr Schicksal.

Ida dachte nach. Sie hatte Mitleid mit dem Kind.

»Hör zu, ich nehme dich mit zu mir. Morgen sehen wir dann weiter. Es wird nämlich immer kälter, und ich habe keine Lust, meine alten Knochen dem Frost auszusetzen.«

»Entschuldigen Sie, dass ich nicht an Sie gedacht habe. Es tut mir leid!«

»Du brauchst dich nicht andauernd zu entschuldigen. Ich bin erwachsen genug, um zu wissen, was ich tue.«

Die Kleine senkte den Kopf.

»Wickel dich in den Mantel ein, und dann komm mit! Unten steht eine Taxe. Damit fahren wir zu mir.«

Das Mädchen wollte ablehnen, schien aber zu begreifen, dass dies im Augenblick wirklich die einzige Möglichkeit war, aus dieser Misere herauszukommen.

»Danke«, flüsterte es leise.

Der Taxifahrer erkannte die Alte gleich wieder. Er staunte nur, als er das Mädchen mit der Silbermaske bei ihr sah, und sagte ganz verdutzt: »Hat sie einen Unfall gehabt? Trägt sie deswegen diese Maske?«

»So ist es«, knurrte Ida. »Und wenn du jetzt nicht fährst, dann rufe ich deinen Kollegen.«

Annabell sagte nichts dazu. Stumm saß sie hinten im Wagen und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Als dann das Taxi vor dem größten Hotel der Stadt hielt, traf sie fast der Schlag. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie gar nicht gefragt hatte, wo die alte Dame hinfuhr.

»Nein«, stammelte sie entsetzt.

Ida zerrte sie aus dem Wagen, zahlte und wartete, bis das Taxi verschwunden war.

»Behalte deine Maske auf, alles andere lass mich machen!«

»Aber das ist doch Wahnsinn«, keuchte die Kleine fassungslos. »Die werfen uns raus!«

Vielleicht glaubte sie noch immer, Ida sei eine Angestellte. Als Ida aber direkt auf den Nachtportier zuging und ihren Zimmerschlüssel verlangte, bemerkte sie das erstaunte Aufsehen des Mannes. Er sagte nur kurz: »Aber Sie sind als einzelne Reisende eingetragen!«

»Habe ich ein Doppelzimmer oder nicht?«, fragte Ida.

»Sicher, ja!«

»Also, her mit dem Schlüssel!«

Der Portier starrte dem Mädchen mit der Maske nach, und als Ida mit ihr im Fahrstuhl verschwunden war, rief er sogleich den Direktor des Hotels an. Dieser schimpfte zuerst, als er sah, wie spät es war. Doch als man ihm mitteilte, dass die komische Alte wieder zurück sei, und zwar mit seltsamer Begleitung, sagte der Direktor nur: »Hauptsache, sie ist gesund zurück. Alles andere werde ich morgen regeln.«

»Sehr wohl!«, sagte der Portier kleinlaut.

 

 

5

Das Licht flammte auf. Ida hatte das beste Zimmer des Hotels gemietet. Die Kleine war elendig anzusehen, stand an der Tür und atmete ganz flach, als sich Ida umdrehte, sie voll anblickte und sagte: »So, wenn du willst, kannst du zuerst ins Bad und dir den Dreck abwaschen! Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kerle dich angepackt haben und dass dir das mächtig stinkt.« Aber sie rührte sich nicht.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fragte Ida.

»Wir kennen uns«, sagte die Kleine verdattert.

»Nicht, dass ich wüsste! Willst du jetzt nicht deine Maske ablegen?«

Jetzt war es an Ida, den Mund aufzureißen.

Dann grinste sie und sagte: »Also habe ich doch recht gehabt!«

Vor ihr stand Beatrice, die Tochter von Ella aus der Villa!

»Als du aus dem Café fortgingst, habe ich dich beobachtet und deinen Gang bewundert. Daran habe ich dich auf der Bühne wiedererkannt.«

»Sind Sie jetzt entsetzt?«, fragte Beatrice.

»Entsetzt?«, fragte Ida erstaunt. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. »Nein, ganz und gar nicht. Ich dachte, die Maske sei so eine Marotte von dir. So wie manche Sänger immer einen Hut tragen.«

»Jetzt wissen Sie also, wer ich bin!«

Ida dachte, du meine Güte, da fahre ich arglos her, erbe ein Haus und gerate dann wieder in eine Sache hinein, die mir gar nicht gefällt.

Sie warf einen Blick auf die Uhr.

»Ich würde vorschlagen, wir schlafen uns erst einmal aus. Morgen sehen wir dann weiter.«

»Sie ekeln sich nicht vor mir?«, fragte die Kleine.

»Kindchen«, sagte Ida. »Hör auf! Dusch dich und halte den Mund! Ich bin müde.«

Beatrice dachte, so eine Frau habe ich noch nie kennengelernt. Sie schien wirklich eine interessante Persönlichkeit zu sein. Manchmal war sie ein wenig derb und seltsam, aber dann wieder voller Herz.

Sie war wirklich eine komische Nudel.

Etwas tröstete Beatrice ungemein. Ida wohnte im Hotel, das hieß, sie kam nicht aus dieser Stadt, also würde sie auch nicht ausplaudern, was Beatrice nachts trieb.

Die Kleine wickelte sich in ein Badetuch und schlüpfte neben Ida ins zweite Bett.

»Verrückt«, murmelte sie leise vor sich hin. »Ist doch wirklich verrückt!«

 

 

6

Ida sah morgens den Wuschelkopf neben sich in dem anderen Bett liegen und dachte, so müssten mich die Mädchen im Eckhaus sehen. Sie würden sich nicht mehr einkriegen. Sie rüttelte Beatrice wach. Die Kleine blickte Ida an und lächelte verschlafen.

»Ich werde uns das Frühstück aufs Zimmer bestellen«, sagte Ida.

Wenig später aßen die beiden vergnügt ihre Brötchen, und Beatrice musste Ida alles erzählen.

Viel gab es nicht zu berichten. Sie hatte einfach den Wunsch, geliebt zu werden. Sie konnte ohne Mann nicht leben.

»Sicher sind Sie jetzt furchtbar geschockt, Ida. Aber ich bin nun mal so veranlagt. Eine normale Ehe würde mich umbringen. Vielleicht bin ich nicht ganz normal.«

»Warum aber die Maske? Warum stehst du nicht offen dazu?«

Beatrice riss die Augen weit auf.

»Sie sind gut! Das kann ich doch nicht machen. Ich könnte mich nicht mehr in der Stadt sehen lassen. Ich müsste mich verstecken. Alle würden mich verachten. Wir leben doch hier in einer Kleinstadt, Ida. Sie wissen ja gar nicht, wie gemein und prüde die Leute sein können. Ich kenne so manchen Gockel, der schon mit mir geschlafen hat, der aber nicht weiß, wer ich bin.«

Ida sah Beatrice betroffen an. »Soll das heißen, du behältst die ganze Zeit die Maske auf?«, fragte sie.

»Klar«, sagte das Mädchen und grinste fröhlich. »Sie ist so eine Art Markenzeichen von mir geworden. Sie macht den großen Reiz aus.«

Ida dachte, die Kerle haben wirklich ein Rad ab. Sie zahlen für eine Mieze, dabei dürfen sie sie nicht mal ansehen.

Beatrice legte Idas Schweigen anders aus. Sie musste ja annehmen, dass die alte Dame geschockt war. Sicherlich hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gehört.

»Verzeihung! Ich sollte nicht so offen reden.«

»Oh, doch, das ist wichtig! Wenn ich dir helfen soll, dann muss ich alles über dich wissen. Also, deine Mutter hat keine Ahnung?«, fragte Ida.

»Um Gottes willen, nein! Die würde sofort der Schlag treffen! Sie könnte es nicht ertragen, in dieser Stadt unmöglich gemacht zu werden. Sie ist froh, dass ich alleine für mich sorgen kann.«

»Sie fragt also nicht danach, wie du das schaffst?«

Beatrice sagte vorsichtig: »Ich glaube, sie ahnt etwas. Sie will es aber nicht genau wissen. So ist nun mal meine Mutter. Das läuft unter dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.«

Ida nickte grimmig. Das kam ihr sehr bekannt vor.

»Wie soll es jetzt weitergehen?«, fragte Ida.

Beatrice blickte Ida traurig an. »Das ist es ja eben — ich weiß es nicht. Sicherlich wird jetzt für eine Weile die Bar geschlossen bleiben. Ob mich der Besitzer noch einmal engagiert, das ist fraglich.«

»Hm, du willst also diesen Beruf auch weiterhin ausüben?«

»Ja, habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?«

»Das hast du!«

Beatrice hatte noch immer das Badelaken um sich geschlungen. Jetzt stand sie auf und lief hin und her.

Ida beobachtete das schöne Geschöpf und dachte versonnen, wenn ich damals so schön gewesen wäre, hätte ich nicht so tief sinken müssen. Sie riss sich von diesen Gedanken los und sagte: »Warum gehst du nicht in eine Großstadt?«

Beatrice blieb vor Ida stehen, legte den Kopf schief und sagte: »Sie können das ja nicht wissen, das ist verdammt gefährlich. Ich möchte nicht mit Narben im Gesicht enden. Ich möchte auch nicht für miese Kerle meinen Lohn hinblättern. Sicherlich haben Sie schon mal von Luden oder Zuhälter gehört. Nein, das ist mir zu gefährlich. Ich muss ja hier schon sehr aufpassen. Solange ich in der Bar angestellt war, war das mein Schutz.«

»Du hast dich ja sehr gut informiert.«

»Das habe ich. Darum ist es jetzt so schlimm für mich. Außerdem brauche ich erst einmal dringend neue Klamotten. Sie würden wohl nicht zu mir nach Hause gehen und mir welche holen?«

»Klar mach ich das!«, erklärte Ida.

»Sie sind wirklich nett. Ich finde, man kann sich mit Ihnen richtig gut unterhalten.«

Ida hatte ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Sich als rettender Engel zu sehen, war auch nicht schlecht. »Aber das ist doch selbstverständlich«, murmelte sie verlegen.

»Sie verraten mich auch nicht?«, fragte Beatrice ängstlich.

»Warum sollte ich?«

»Ach, ich bin Ihnen ja so dankbar! Wirklich! Nur schade, dass wir uns bald wieder trennen müssen. Ich hab Sie richtig lieb gewonnen.«

Jetzt wurde es der guten Ida aber doch zu viel. Sie sprang auf und sagte: »Vielleicht kann ich noch viel mehr für dich tun, Kleinchen. Das heißt, wenn du willst. Ich will dich zu nichts zwingen. Doch wenn es dein Wunsch ist, wenn du nicht anders kannst, dann könnte ich dir zu einem neuen Start verhelfen.«

Ida wusste, dass es Frauen gab, die den Beruf einer Dirne aus Leidenschaft ausübten, die sich dabei wohlfühlten, die gar nicht anders konnten. So ein Mädchen war also Ellas Tochter. Es ist wirklich zum Totlachen, dachte Ida. Jetzt könnte ich mich an Ella rächen. Die Kleine ahnt ja nicht, was sie mir für eine Gelegenheit in die Hände gibt. Nach so vielen Jahren!

Beatrice blickte Ida verdutzt an. »Was können Sie mir schon bieten? Ich glaube, Sie haben mich noch immer nicht richtig verstanden. Sie können mich nicht umerziehen. Ich möchte das nicht. Wenn Sie glauben, dass Sie mir irgendeine Stellung anbieten können, dann muss ich jetzt schon nein sagen.«

»Ich wohne in Hamburg«, erklärte Ida vorsichtig.

Beatrices Augen glitzerten neugierig. Hamburg, das Tor zur Welt! Wenn sie Karriere machen wollte, dann ging das nur in Hamburg. Aber dort sollte der Teufel los sein. Sollte sie es riskieren? Zumindest würde sie bei Ida ein Dach über dem Kopf haben. Die Alte wusste ja jetzt Bescheid.

Ida schien Gedanken lesen zu können.

»Ich kann dir einiges bieten«, fuhr Ida fort.

Beatrice starrte sie an.

»Was denn? Hausdame? Sekretärin? Köchin? Oder soll ich Geschäftsführerin irgendwo werden?«

»Was hältst du von dem Job einer Edeltülle?«, fragte Ida.

Beatrice war baff. Die Alte wurde ihr langsam unheimlich. War es schon verwunderlich, dass sie bei ihrer Beichte nicht erschrak und rot wurde, so nahm sie auch noch dieses Wort in den Mund, als sei das eine ganz alltägliche Sache.

»Wie soll ich das verstehen?«, fragte Beatrice vorsichtig. »Ich weiß nicht, wollen Sie mich ärgern?«

»Nein! Ich könnte dir helfen. Du brauchst jetzt nicht mal ja zu sagen. Du kannst dir erst alles ansehen, und dann kannst du dich frei entscheiden«, fuhr Ida fort.

»Sie sind nicht vielleicht irgendwo entsprungen?«

»Sehe ich so aus?« Ida fühlte sich in diesem Augenblick wie Weihnachtsmann und Osterhase zugleich.

»Wer sind Sie?«, wollte Beatrice nun wissen.

»Das möchte ich dir jetzt noch nicht sagen. Später vielleicht! Ich verspreche dir aber, es ist keine Falle, wenn du das befürchtest.«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Warum wollen Sie das für mich tun?«

»Das sage ich dir, wenn du die Stellung angenommen hast.«

Beatrice nagte an ihrer Unterlippe. Träumte sie?

»Weswegen sind Sie hier?«, fragte Beatrice.

»Ich soll hier ein Haus erben. Herrje, ich muss ja zum Anwalt! Ich habe mich angemeldet. Hör zu! Du bleibst jetzt hier, ich werde mich um alles kümmern. Ich bringe dir auch deine Klamotten mit. Sei also nicht ungeduldig. Leg dich ins Bett und mach es dir gemütlich! In ein paar Stunden bin ich wieder da.«

Ida hatte es plötzlich sehr eilig.

Wieselflink verließ sie das Hotelzimmer.

Beatrice schüttelte noch immer den Kopf und dachte angestrengt nach. Es war schon eine halbe Stunde vergangen, als ihr einfiel, dass die Frau sich nicht mal ihren Namen aufgeschrieben hatte, geschweige denn ihre Adresse. Sicher, sie hatten sich gestern zufällig getroffen, doch sie konnte doch nicht mehr wissen, wo das war, dachte Beatrice.

»Und sie hat doch ein Rad ab«, murmelte sie vor sich hin. »In ein paar Stunden kommt sie zurück, dann ist alles gelaufen. Ich krieg einen Fummel in die Hand gedrückt, und dann schickt sie mich fort.«

Beatrice blieb im Augenblick nichts anderes übrig, als zu warten. Nur mit Schuhen bekleidet konnte sie unmöglich auf die Straße gehen.

Sollte sie vielleicht ihre Mutter anrufen?

Beatrice ließ es bleiben. Ihre Mutter würde sich schrecklich aufregen und bestimmt nicht ins Hotel kommen, um ihr Kleider zu bringen.

 

 

7

Ida hatte ein tolles Gefühl im Bauch. Es hielt aber nicht lange an. Denn als sie auf dem Wege zum Anwalt war, dachte sie an Marek und Deike. Man hatte ihr vor einiger Zeit schon verboten, Mädchen anzuwerben. Sie musste unwillkürlich an Gundalena aus den Bergen denken. Mit der hatten sie nur Ärger gehabt. Ida hatte das junge Mädchen aus den Klauen einiger mieser Luden geholt und mit nach Hamburg genommen. Damit hatte dann gleich der Ärger angefangen.

Beatrice war natürlich von ganz anderem Kaliber. Vor allen Dingen war sie gebildet und konnte sich gut benehmen. Man würde sie für die besseren Kunden einsetzen können.

Ida kniff ihre Lippen zusammen.

Sie hatte es dem Mädchen versprochen, also würde sie es auch mitnehmen. Das hieß, wenn sie es überhaupt wollte. Um sich keinen Rüffel einzuheimsen, rief Ida erst gar nicht im Eckhaus an. Auch dachte sie nicht daran, wo Beatrice so lange wohnen sollte, wenn im Eckhaus kein Zimmer frei wäre. Gwen und Eva-Maria waren ja vorerst nur auf Probe fort.

Ida hatte inzwischen die Anwaltskanzlei erreicht und schubste die Sekretärin zur Seite.

»Ich habe einen Termin, und meine Zeit ist kostbar! Was macht es schon, dass ich mich verspätet habe? Darum rede ich jetzt ein wenig schneller. Je länger du hier stehst und mich aufhältst, umso ärgerlicher für deinen Boss!«

So eine Sprache hatte die Angestellte noch nie vernommen und wurde deswegen rot. Der Anwalt hörte die lauten Stimmen und kam aus seinem Büro. Ida stellte sich vor. Da er ja wusste, wo das zu vererbende Haus lag, sagte er sich tapfer, bring es schnell hinter dich!

Ida saß also vor ihm, er las ihr den letzten Willen ihres Onkels vor und überreichte ihr dann alle Urkunden. Ida musste ein paar Dokumente unterzeichnen.

»Grundbucheintragungen und so weiter, das regeln wir alles für Sie. Sie bekommen die restlichen Papiere zugeschickt.«

Ida nannte ihm Deikes Privatadresse. Der Anwalt kannte sich ein wenig in Hamburg aus und staunte nicht schlecht.

Dann sagte er vorsichtig: »Ich habe noch einige Gebühren zu bekommen. Möchten Sie diese in Raten begleichen? Oder wie haben Sie es sich gedacht?«

Ida fixierte ihn kalt.

»Sehe ich wie ein armes Luder aus?«, fragte sie.

»Äh, nein, ich dachte nur, ich meine, es wäre ein Entgegenkommen.«

Ida holte ihr Scheckbuch aus der Tasche.

»Jungchen, sag mir schnell, was du kriegst, und du bist mich los, klar? Die Steuer kannste auch gleich einkassieren. Dann habe ich damit nichts mehr am Hut!«

»Die Erbschaftssteuer ist aber nicht gering. Schließlich ist es ein größeres Haus mit einem riesigen Grundstück!«

»In einer miesen Gegend«, fügte Ida hinzu.

Der Anwalt dachte, so kann man sich täuschen. Wer dort geboren ist, und das war sie, wie er aus den Akten ersehen konnte, hatte den Start ins Leben meist verpasst. Diese Alte schien aber auf einem Geldsack zu sitzen. Oder sollte sie ihn vielleicht mit falschen Schecks hinters Licht führen?

Im Geiste hatte er schon seine Gebühren in den Schornstein geschrieben. Das Finanzamt sollte sehen, wo es blieb.

Die Alte schien seine Gedanken lesen zu können. Grinsend sagte sie: »So viel Zeit habe ich noch, dass Sie sich erkundigen können, ob Sie Ihren Zaster bekommen!«

Der Anwalt wollte beleidigt reagieren, musste aber dann doch lachen. Da fiel sein Blick auf Idas Schuhe, und er wusste, sie hatte das Geld. Arme Leute sparten immer an ihren Schuhen.

Ida stand auf.

»So schnell möchte ich auch mal meine Mäuse verdienen. Na ja, nichts für ungut!«

Sprach’s und verließ die Anwaltskanzlei.

Der Taxifahrer stand bereits da und freute sich über die Fahrt zu Idas Haus. Sie hatten sich schon richtig miteinander angefreundet. Die Wartezeit hatte ihm eine hübsche Stange Geld eingebracht. Ida war in Spendierlaune.

An der Ecke ließ Ida sich absetzen und schickte ihn fort. »Wenn ich dich wieder brauche, rufe ich an. Sag mir deine Nummer, Jungchen!« »

»Das geht nicht. Es fährt, wer gerade frei ist.«

»Nicht mit mir«, sagte Ida fröhlich.

Der junge Mann lachte.

»Das möchte ich mal erleben.«

»Werden Sie, junger Mann!«, versprach Ida.

Ida spazierte an der Schreiner-Villa vorbei und grinste vergnügt. Zuerst wollte sie das mit ihrem Haus regeln, dann kam Ella an die Reihe. Tante Fine hatte sich doch tatsächlich inzwischen angezogen und sich bemüht, ordentlich auszusehen. Schließlich stand für sie eine Menge auf dem Spiel.

Ida sagte: »Ich habe die Erbschaft angenommen. Das Haus gehört jetzt mir. Ich werde es gleich renovieren lassen. Es wird ein anständiges Haus werden. Alles wird in Ordnung gebracht!«

»Und was wird aus mir?«, fragte Tante Fine kläglich.

Ida blickte die verschrumpelte Tante an. Gern hätte sie sich an ihr gerächt und sie mit einem Fußtritt vor die Tür gesetzt. Ida dachte an ihre an Jugend und daran, wie man ihr seinerzeit noch einmal die Gelegenheit gegeben hatte, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

»Hör zu! Wenn du dich anständig aufführst und endlich aufhörst, so eine Schlampe zu sein, kannst du bleiben. Doch wenn ich auch nur eine Klage höre, dann fliegst du! Hast du mich verstanden? Wenn neue Mieter einziehen, wirst du das Haus verwalten! Wehe, ich höre Klagen!«

Tante Fine hätte Ida am liebsten die Hände geküsst.

»Krieg ich auch Gehalt? Ich bin doch jetzt so etwas wie die Hausmeisterin, nicht wahr?«

»Du hast freies Wohnen! Wenn du Geld brauchst, dann musst du es dir verdienen. Ich werde immer unerwartet auftauchen und mich davon überzeugen, wie alles hier läuft. Ich stecke mein Geld nicht in eine unrentable Sache. Wehe, das Haus kriegt einen schlechten Ruf! Dann geht es dir schlecht.«

Tante Fine riss die Augen weit auf. »Kind, Ida, bist du wahnsinnig? Hast du vergessen, wo das Haus liegt? Die Gegend ist verrufen! Daran ist nicht zu rütteln.«

»Wenn alles in Ordnung gebracht ist und hübsch gepflegt wird, dann wird der gute Ruf der Villa schon wiederhergestellt. Vielleicht fangen dann auch die anderen Hausbesitzer an nachzudenken. Alles kann sich ändern, auch ein schlechter Ruf.«

»Das glaubst du doch selber nicht«, keifte die Tante höhnisch.

»Das glaube ich nicht nur, das habe ich schon selbst erlebt. Ich weiß, wovon ich spreche. Wenn der Ruf sich nicht ändert, werde ich das Haus verkaufen. Wo du dann bleibst, das ist mir egal.«

Tante Fine wurde so zum ersten Male in ihrem Leben dazu aufgefordert, mit ihrem schlampigen Leben aufzuhören und mal zu arbeiten. Sie spürte, dass es Ida bitter ernst war. Klug und gerissen, wie sie war, spürte sie, dass Ida ihr haushoch überlegen war und dass sie nur darauf wartete, dass sie versagte. Dann würde Ida sich auf ihre Art und Weise für ihre versaute Kindheit rächen.

Fine zuckte die Schultern.

»Und wenn ich daran verrecke, ich werde es tun! Ich werde dir beweisen, dass ich noch was kann!«

Ida wusste jetzt, Fine würde wie eine Verrückte schuften, um der Nachbarschaft zu zeigen, dass sie noch immer das Sagen hatte. Ida wusste auch, Fine war teuflisch wild auf ihren guten Ruf. Alle würden staunen, wenn sie es schaffte, in einem schönen, renovierten Haus zu leben.

Ida glaubte selbst nicht, dass man es schaffen könnte, den Ruf dieses Hauses zu ändern. Sie wollte es zumindest versuchen, indem sie den alten Kasten auf Vordermann bringen ließ. Verkaufen konnte sie ihn immer noch für gutes Geld, wenn es sich nicht rentierte. Ida hatte mit den Jahren auch in geschäftlichen Dingen dazugelernt.

Wer weiß, dachte sie bei sich. Vielleicht kann ich eine Art Erholungsheim für kranke und erschöpfte Tüllen hier einrichten. Der Gedanke behagte ihr sehr.

Deike wird staunen, dachte Ida bei sich.

 

 

8

Ella Schreiner glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie Ida auf ihrer Schwelle stehen sah.

»Was willst du denn?«, fragte sie brüsk. »Ich glaube nicht, dass wir uns so gut kennen, dass ich dich hereinbitten möchte, auch wenn du jetzt anständig gekleidet bist.«

Ida sah zu ihrer Genugtuung, dass Ella Schreiner keine so teure Kleidung trug wie sie selber.

»Es geht um Beatrice«, sagte Ida ruhig. »Ich kann gut draußen stehen bleiben und mit dir über deine Tochter reden. Mir macht das nichts aus.«

Ella Schreiner bekam ein nervöses Zucken im Gesicht. Wusste sie doch seit einer Stunde, dass Beatrice nicht in ihrem Zimmer war.

Kleine rote Flecke erschienen auf Ellas Hals.

»Was hast du mit meiner Tochter zu tun?«, fragte sie hochmütig.

»Eine ganze Menge. Ich bin gekommen, weil ich ihr etwas zum Anziehen bringen soll.«

Auf der Straße blieben bereits ein paar Frauen neugierig stehen. »Komm herein«, sagte Ella und führte Ida in den Wintergarten. Ida sah sich um. Es war wirklich nur noch vergangene Pracht. Früher hätte Ida ihr halbes Leben dafür gegeben, einmal in die Villa reingehen zu dürfen. Und nun? Sie wollte aber jetzt nicht mehr zurückdenken!

»Ich habe Beatrice aufgegriffen. Sie ist jetzt bei mir im Hotel. Bis auf ihre Schuhe hat sie im Augenblick nichts am Leibe. Du weißt ja wohl nicht, dass sie in einer Bar aufgetreten ist und Striptease gemacht hat?«

Ella verkrampfte die Hände in ihrem Schoß. Sie wusste es schon lange, hatte aber nie den Mut aufgebracht, mit ihrer Tochter darüber zu reden. Dass Ida es ihr jetzt so unverblümt an den Kopf warf, war ein Schock für sie.

Ida erzählte ihr kurz, was sich in der Bar zugetragen hatte.

»Ich werde einige Sachen für sie holen«, sagte Ella und beherrschte sich mühsam.

»Du kannst gleich einen ganzen Koffer packen!«, rief Ida ihr zu.

»Wie bitte?«

»Ich werde deine Tochter mit nach Hamburg nehmen. Sie kann dort viel Geld machen. Wenn sie wirklich gut ist, kann sie sogar sehr reich werden.«

Ella Schreiner starrte Ida an.

»Was? Wie? Du willst dich meiner Tochter annehmen? Was soll sie denn in Hamburg?«

»Ihren Beruf ausüben!«, erklärte Ida.

»Sie hat keinen Beruf!«, schrie Ella heraus.

»Doch, sie ist dazu geboren. Sie will nichts anderes, Ella! Das hat sie mir gesagt. Und du kannst mir glauben, davon verstehe ich eine ganze Menge.«

»Was denn?« Stammelnd ließ Ella Schreiner sich auf das Sofa fallen. »Ich verstehe dich nicht. Welchen Beruf denn?«

»Sie ist Stripperin und Nutte«, sagte Ida kalt. »Hier kommt sie nur unter die Räder. Nicht lange, und sie landet in der Gosse. Ich wundere mich sowieso, dass noch kein Zuhälter sich an Beatrice herangemacht hat.«

Ella Schreiner fiel fast tot um. Sie hielt sich aber tapfer.

»Wer bist du?«, stieß sie gequält hervor. »Wie kommst du dazu, so etwas Unmögliches zu sagen? Solche Worte! Hör auf, ich will davon nichts mehr wissen!«

»Das habe ich mir schon gedacht. Du hast immer Augen und Ohren verschlossen, wenn dir was nicht passte. Weißt du, Ella, ich habe keinen Bock, deine Tochter mitzunehmen. Aber ich kenne mich aus, das ist alles. Gib mir die Kleider, und ich bringe sie Beatrice. Dann sehen wir weiter.«

Ella lief nach oben und suchte wahllos ein paar Kleidungsstücke ihrer Tochter zusammen. Dann brachte sie Ida die Tasche. Sie sagte kein Wort mehr. Sie war im Augenblick zu geschockt. Ida nahm die Tasche und verließ das Haus. Sie ging diesmal zu Fuß zum Hotel. Sie musste über vieles nachdenken.

Beatrice blickte Ida begierig an.

»Was hat meine Mutter gesagt?«, wollte sie gleich wissen.

»Nicht viel. Sie glaubt mir natürlich nicht. Du musst dich schon selbst darum kümmern. Wenn du mitwillst, musst du dich bald entscheiden. In drei Stunden geht mein Zug.«

»Und ob ich mitwill! Wenn es stimmt, was Sie mir sagten, dann komme ich mit! Daran kann mich auch meine Mutter nicht hindern. Ich bin volljährig. Diese Kleinstadt stinkt mir schon lange.«

»Nun gut, dann hol deine Koffer, und wir treffen uns am Bahnhof.«

»Nein!«, rief das junge Mädchen flehend. »Bitte helfen Sie mir! Ich pack das nicht allein! Meine Mutter ist so stur. Sie könnte aus der Rolle fallen.«

Ida lächelte.

»Ich habe es mir schon gedacht, dass ich mitkommen muss. Ich werde hier die Rechnung bezahlen, und dann fahren wir los. Du musst aber schon selber mit ihr reden. Ich bleibe nur im Hintergrund, hörst du? Man soll mir nicht vorwerfen, ich hätte dich mitgeschleppt. Das habe ich wirklich nicht nötig.«

»Nein, nein, wirklich nicht! Das werde ich auch nie behaupten!«

Ella Schreiner sah ihre Tochter an und wollte gerade einen Schreikrampf bekommen. Beatrice sagte gelassen: »Du kannst dich ruhig in Szene setzen, es macht mir nichts mehr aus. Ich will nicht mehr so ein verlogenes Leben führen, Mutter. Du kannst das Haus doch kaum mehr halten. Die Steuern fressen alles auf. Ich habe doch gar kein Erbe mehr. Das hat Vater bereits alles verjubelt. Ich will mein Leben ehrlich leben. Ja, ich mag Männer! Ich bin wild auf sie. Ich gebe es offen zu. Ich bin so geworden durch deine Erziehung! Mich kotzt das hier alles an!«

Ella Schreiner fiel nicht gleich tot um. Sie stand nur da und starrte Ida an.

»Das verzeihe ich dir nie!«, schrie sie auf.

»Ida hat nichts damit zu tun, Mutter! Das weißt du auch!«

»Du weißt ja nicht, wer sie ist«, kreischte die Mutter. »Sie hat früher in diesem Viertel gelebt! Ihre Eltern waren bettelarm, widerwärtig! Du kannst dir nicht vorstellen, was sie ist!«

Beatrice blickte Ida neugierig an. »Ist das wahr?«

Ida nickte fröhlich. »Sicher ist das wahr! Ich bin, wie du, mit achtzehn fortgegangen. Ich hab es hier nicht mehr aushalten können.«

»Aber aus Ihnen ist was geworden!«, sagte Beatrice.

»Wie man es nimmt«, bemerkte Ida trocken.

»Was denn?«, kreischte Ella.

»Ich bin Köchin geworden«, erklärte Ida.

Beatrice blickte Ida erstaunt an. »Ihnen scheint es aber sehr gut zu gehen. Wo sind Sie denn Köchin?«

»In einem Bordell!«, sagte Ida mit fester Stimme.

Ella Schreiner fielen fast die Augen aus dem Kopf.

»Ich hol die Polizei«, flüsterte sie. »Das muss ich mir nicht bieten lassen!«

Beatrice lachte schallend. Sie konnte sich gar nicht wieder einkriegen. »Und ich dachte, Sie würde der Schlag treffen, als ich Ihnen alles erzählte. Darum haben Sie mir geholfen! Ich bin doch wirklich naiv!« Zu Mutter gewandt: »Tut mir leid, aber ich gehe mit Ida! Du siehst also, man muss nicht im Sündenviertel leben, um so zu werden. Ida hat es geschafft. Sie scheint genug Geld gemacht zu haben. Vor allen Dingen hat sie mir versprochen, dass ich meinen Weg in Ruhe machen kann. Wenn du klug bist, hältst du jetzt deinen Mund, Mutter, und sagst niemandem etwas. So kann ich vielleicht unsere Villa retten. Ich verspreche dir, wenn ich wirklich das große Geld mache, Ida hat es mir versprochen, dann werde ich mein Erbe zu retten versuchen. Ich werde die Schulden übernehmen. Vorher müsst ihr mir aber alles überschreiben. Vater werde ich nicht unterstützen, du kannst hierbleiben. Niemand wird erfahren, wie wir das Anwesen gerettet haben. Du kannst also weiter die vornehme Dame spielen. Ist das ein Angebot?«

Ida sagte gelassen: »Du wirst sehr wohl in der Lage sein, all das zu erhalten.«

»Wirklich?«, fragte Beatrice voller Hoffnung.

»Wenn du so gut bleibst, ganz bestimmt!«

Ella starrte Ida hasserfüllt an. Beatrice war nach oben gegangen, um ihre Sachen zu packen.

Ida blickte Ella schweigend an.

»Jetzt bist du wohl zufrieden, nicht wahr?«, zischte Ella sie an. »Du musst doch triumphieren! Du tust das doch alles, um mich in die Knie zu zwingen. Für damals! Meinst du, ich weiß nicht, warum du hier stehst und darauf wartest, mein Kind ins Unglück zu schicken? Das ist doch alles erlogen und erstunken, was du erzählst! Ich bin nicht so blöde, ich weiß sehr viel von der Welt da draußen. Und ich weiß auch, wenn Beatrice jetzt mein Haus verlässt, kommt sie nur wieder, wenn sie zerbrochen ist. Hamburg ist eine böse Stadt. Du willst Beatrice für dich auf Anschaffe schicken und dich so an mir rächen! Ich kenne dich gut, Ida! Oh, ja, ich weiß das! Aber ich schwöre dir, ich werde dir die Polizei auf den Hals schicken, ich werde mein Kind rächen!«

Ida hatte Ella ruhig zugehört.

»Du kannst uns ja mal besuchen kommen«, sagte sie gelassen. »Du hast nur nicht den Mut. Komm mich mal besuchen, dann wirst du merken, dass ich an Rache schon lange nicht mehr denke. Es ist langweilig, sich rächen zu wollen. Wofür denn? Das Leben ist nun mal hart. Ich bin jetzt oben auf der Leiter und du unten. Das ist doch schon Rache genug, nicht wahr? Du hast dich selbst gerichtet. Dein verdammter Stolz hat dich kaputtgemacht!«

Beatrice verabschiedete sich von ihrer Mutter.

Ida fuhr mit ihr mit dem Zug nach Hamburg zurück. Je näher sie dem Eckhaus kamen, umso unruhiger wurde Ida. Deike würde schimpfen. Hatte Ida ihr doch hoch und heilig versprechen müssen, kein Mädchen mehr mitzubringen.

Beatrice bemerkte Idas Unruhe nicht. Im Gegenteil, sie war richtig aufgeregt und glücklich. Endlich würde für sie ein neues Leben anfangen.

Immer wieder versicherte sie Ida, dass sie viel lernen wolle. Sie würde ihr keine Schande machen. Beatrice fühlte sich unendlich erleichtert. Weil sie jetzt nicht mehr lügen musste. Offen durfte sie zu ihrer Veranlagung stehen. Das war wunderschön!

 

 

9

Mit dem Taxi fuhren die beiden Frauen bis zur Mauer. Beatrice riss die Augen auf, als sie durch das Viertel marschierten. So hatte sie sich die Sündenmeile nicht vorgestellt. Was sie sofort bemerkte, war der Respekt, mit dem Ida hier behandelt wurde. Die kleinen Trippelmädchen gingen sogleich zur Seite, um Ida Platz zu machen. Natürlich wurde Beatrice neugierig angestarrt.

Sie zupfte Ida am Ärmel und wollte wissen, ob sie auch würde unter einer Laterne stehen müssen.

Ida zischte sie an: »Wenn du nur einen Augenblick lang den Wunsch hast, so zu arbeiten, dann kannst du dich gleich hier irgendwo aufbauen!«

»Aber ich habe doch bloß gefragt! Warum sind Sie denn so wütend? Ich dachte...«

»Willst du eine Straßentülle werden? Ich habe dir gesagt, du bist Spitze!«

Endlich hatten sie das Eckhaus erreicht. Sie gingen durch den Torbogen. Auf der Rampe stand nicht mal die Tagschicht. Das ganze Haus war leer, nur Fritzchen, der unmöglich Bobtail, befand sich in der Küche. Ida hatte ja ihr Kommen nicht angekündigt, also konnte sie auch nicht erwarten, dass man sie freudig begrüßte. Doch ein völlig leeres Bordell hatte sie noch nie erlebt.

Details

Seiten
475
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937718
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535788
Schlagworte
haus ecke band

Autor

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Titel: Das Haus an der Ecke - Band 1