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Nur ein paar Unzen Gold

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Nur ein paar Unzen Gold

Copyright

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Nur ein paar Unzen Gold

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Sie waren Brüder — Jim, der am Spieltisch gelernt hatte, dass der Mann am längsten lebt, der schneller schießt als seine Gegner; Amos, der bullige, breitschultrige Mann, hart geworden in zahllosen Kämpfen: Johnny, der hübsche, hitzige Linkshänder, der jüngste der drei McLanes. Sie standen auf verschiedenen Seiten, als sie sich zum ersten Mal sahen. Aber der harte, gemeinsame Kampf um ihr Land und ihr Leben schmiedete sie aneinander, stärker und unauflöslicher als glühender Stahl.

Jim und Amos McLane haben Nonpaleis verlassen. Sie reiten durch Wyoming. Zwei abgemagerte Pferde, zwei lädierte Sättel und ihre Waffen sind alles, was sie besitzen. Plötzlich hält ein Mann vor ihnen, der auf einem Wagen sitzt. Er hat ein Gewehr in der Hand und den Willen zu töten in den Augen — zu töten für eine Handvoll Dollars und für ein paar Unzen Gold ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Von Horizont zu Horizont war der Himmel grau und verhangen. Manchmal regnete es ein wenig, wodurch die Schneereste auf den Gipfeln der Laramie Ranges immer weniger wurden.

Amos McLane fluchte grimmig. Es war schon April, und das Wetter wollte nicht besser werden. Jim McLane blickte auf den North Platte River, der sein Bett vollkommen ausfüllte. Das Wasser war schmutzig. Losgerissenes Buschwerk und ganze Grasbüschel trieben darin, tanzten manchmal in einem Strudel und wurden weitergerissen.

Die Hufe der beiden mageren, struppigen Pferde patschten im aufgeweichten Boden. Die Büsche, an denen große Wassertropfen hingen, kamen langsam näher — viel zu langsam, denn es war noch weit bis Arizona, wohin die beiden einsamen Reiter wollten.

Sie ritten über einen Hügel und sahen, dass der Fluss dahinter einen Bogen in Richtung der Berge beschrieb.

„Vielleicht finden wir diese Nacht wenigstens eine Höhle“, brummte Amos verdrossen.

„Vielleicht“, gab Jim McLane wortkarg zurück. „In ungefähr zwei Stunden müssten wir einen Canyon erreichen.“

Dann schwiegen sie wieder. Manchmal schnaubte eines der Pferde, und die lädierten Sättel, die sie genau wie die mageren Tiere schließlich doch noch in Nonpaleis aufgetrieben hatten, knarrten pausenlos. Die Büsche vor ihnen wurden dichter.

Plötzlich drang das Schnauben eines fremden Pferdes an die Ohren der McLanes. Sie hielten die Tiere an. Amos stellte sich in den Steigbügeln auf, aber die Büsche waren so dicht, dass er nichts sehen konnte. Er setzte sich wieder in den Sattel und legte die Hand auf den Kolben des Revolvers. So kamen sie um den nächsten Busch herum. Da sahen sie das Pferd. Es war so durchgebogen und mager wie ihre Pferde, und es war vor einen kleinen Ranchwagen gespannt. Auf dem Bock saß ein hohlwangiger, vielleicht vierzig Jahre alter Mann, dessen Gesicht eine ungesunde gelbe Farbe hatte. Er trug eine schäbige, mehrmals geflickte Jacke und hatte ein Gewehr zwischen Hüfte und Ellenbogen geklemmt. Die Mündung war auf Amos gerichtet.

Amos blickt seinen Bruder kurz an, während seine Hand vom Kolben des Revolvers rutschte. Dann schaute er wieder auf den Mann.

„Hebt die Hände!“, befahl der Fremde. „Na, wird’s bald!“ Sein Gewehr machte eine heftige, drohend wirkende Bewegung, war aber immer noch auf Amos gerichtet.

Die Brüder warfen sich wieder einen Blick zu. Jim zuckte die Schultern und hob die Hände. Amos folgte seinem Beispiel.

„Wir haben genau vier Dollar“, sagt Jim.

„Ihr seid fremd hier, nicht wahr?“, fragte der Mann auf dem Ranchwagen.

„Genau. Wir kommen von Nonpaleis und wollen nach Arizona — nach ...“

Der Mann schien sich dafür nicht zu interessieren.

„Absteigen!“, kommandierte er. „Nein, Sie zuerst!“ Das Gewehr ruckte herum und zeigte mit der Mündung auf Jim.

„Dazu müsste ich die Hände herunternehmen dürfen.“ Jim lächelte schwach.

„Absteigen“, sagte der Mann noch einmal. „Natürlich brauchen Sie die Hände dazu.“

Jim ließ die Hände sinken, griff nach dem Sattelhorn und stieg ab.

„Hier neben den Wagen!“, befahl der Mann.

Plötzlich krümmte sich sein Oberkörper und ein erstickendes Husten schüttelte den alten Mann derart, dass seine Gewehrmündung völlig aus der Richtung kam.

Dann brach das Husten ab. Noch sekundenlang war der Oberkörper des Mannes gebeugt. Dann richtete er sich auf. Aus seinem Mundwinkel rann ein dünner Speichelfaden, der leicht mit Blut vermischt war. Er wollte das Gewehr wieder heben, aber Jim McLane stand nun dicht am Wagen und hatte die Hand ausgestreckt und auf den Gewehrlauf gelegt. Der Mann zerrte am Kolben, aber Jim McLane riss ihm die Waffe mit einer jähen Bewegung aus der Hand.

Amos stieg ab und trat neben seinen Bruder. Der Mann hustete wieder und wischte sich dann mit dem Handrücken über den Mund. Jim McLane entlud das Gewehr. Die Geschosse sprangen eines nach dem anderen aus dem Röhrenmagazin und verschwanden im nassen Gras. Jim warf dem Mann das Gewehr zu, und der fing es auf.

„Was wollen Sie von uns?“, knurrte Amos. „He, Mann, hören Sie nicht? Ich rede mit Ihnen!“

Der Mann warf das Gewehr hinter sich auf die Ladefläche des Wagens, wo es auf einer Plane landete. Dann machte er die Zügel vom Bremshebel los.

„Lass ihn, er ist krank“, sagte Jim leise. „Vielleicht weiß er selbst nicht, was er wollte.“

Der Mann blickte ihn an.

„Ich hörte Reiter kommen. Man muss hier vorsichtig sein. Ich wollte mich nur genau überzeugen, wer Sie sind.“

„Das haben Sie ja nun nicht erfahren“, gab Jim zurück, ging zu seinem Pferd und stieg in den Sattel.

Amos stand noch neben dem Wagen und blickte zu dem Mann hinauf. Er sah so aus, als würde er den Mann jede Sekunde anspringen und vom Bock zerren wollen.

„Amos, komm“, sagt Jim, „lass ihn in Ruhe!“

Das erstickende Husten schüttelte den Mann wieder. Amos machte einen Schritt rückwärts.

„Komm“, sagte Jim noch einmal.

Da saß der Mann wieder gerade auf dem Bock, ließ die Zügel auf den Rücken des mageren Pferdes fallen und trieb es durch einen Zuruf an. Das Pferd drehte sich etwas nach rechts und zog an. und der Wagen rollte mit leise kreischendem Geräusch erst an Amos und dann an Jim vorbei. Er verschwand zwischen den Büschen. Der Mann drehte sich nicht mehr um.

„Der hat Nerven“, brummte Amos. „Vielleicht war er doch auf unsere vier Dollar scharf.“

„Vielleicht dachte er, wir hätten mehr, obwohl wir kaum danach aussehen. Los, steig endlich auf, sonst erreichen wir den Canyon heute nicht mehr!“

Amos ging zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel.

 

 

2

Es wurde schon dunkel. Der klappernde Hufschlag brach sich vielfach an den glatten, nassen Wänden des Canyons, auf dessen Boden ein dünnes Rinnsal zu Tale strömte. Als die Schlucht etwas breiter wurde und links in der Granitwand eine gut yardhohe Höhle klaffte, hielten die Brüder die Pferde an und stiegen ab. Sie zogen die Tiere zu der Höhle hinüber. Amos bückte sich und kroch hinein.

„Warm und trocken“, schallte seine Stimme dumpf heraus. „Aber die Pferde bringen wir nicht herein.“

Jim blickte sich um. Links wuchsen kahle Büsche. Er nahm den Pferden die nassen Sättel ab und warf sie an den Eingang der Höhle. Dann gab er Amos die Plane und die groben Decken hinein, um danach die Pferde zu den Büschen zu führen, wo er sie festbinden konnte. Er ging zurück und kroch in die Höhle hinein. Es war so dunkel, dass er Amos’ Gesicht nur als einen hellen Fleck sehen konnte.

„Schön warm, was?“

„Ja“, gab Jim zurück. „Aber Feuer können wir hier nicht machen.“

„Nein. Macht nichts. Ich bin noch nicht durchgeweicht. Willst du etwas essen? Wir haben noch Hartbrot.“

„Nein.“ Jim rollte die Plane aus und legte seine Decke darauf, in die er sich wickelte.

„Böse Sache ohne Kopfkissen“, brummte Amos. „Sind die Sättel so nass?“

„Ja - nicht zu gebrauchen.“

Amos legte sich hin.

 

 

3

Jim McLane hob den Kopf und blickte zu Amos hinüber, der sich unruhig auf die andere Seite wälzte. Dann wanderte sein Blick zum Ausgang der Höhle weiter, wo es ein wenig heller war. Er hatte keine Ahnung, ob es Amos’ Unruhe oder etwas anderes war, das ihn geweckt hatte. Plötzlich drang ein Schnauben in die Höhle herein. Jemand fluchte leise.

Jim setzte sich, griff nach seinem Patronengurt und zog den Colt aus dem Holster. Er stand auf und stieß mit dem Kopf gegen die Decke der Höhle, und ein Fluch sprang über seine Lippen. In der nächsten Sekunde erklang draußen Hufschlag auf dem harten Boden, der verzerrt in die Höhle schallte. Amos fuhr in die Höhe, während Jim mit dröhnendem Kopf und dem Revolver in der Faust schon aus der Höhle kroch.

„Verdammt, die Pferde!“, rief Amos McLane.

Laut hallte der Hufschlag herein.

Da war Jim McLane draußen und sprang auf. Er sah die beiden Pferde nur noch als Schatten an der Stelle, wo der Canyon wieder schmal wurde. Auf dem einen Tier saß eine Gestalt, die nur wie ein schwarzer Klumpen im tiefen Grau der Nacht zu erkennen war.

„Halt!“, rief Jim.

Das Wort prallte von den glatten Felsen ab und schallte vielfach wie Hohngelächter zurück.

Die Pferde liefen weiter. Jim hob den Revolver, als Amos neben ihm aufstand. Er drückte ab, spürte den Rückschlag der Waffe bis ins Schultergelenk, sah den Flammenblitz aus der Mündung schlagen und hörte das hundertfache Krachen, das seine Ohren schmerzen ließ.

Da verschwanden die Pferde aus seinem Blickfeld. Ein Schnauben durchdrang das Echo des Hufschlages.

Amos rannte vorwärts.

„Halt, verdammt!“, schrie er. Dann fiel ein Schuss. Die Kugel traf den Felsen und stieg quarrend zum Himmel.

Jim hastete hinter seinem Bruder her, holte ihn ein und rannte neben ihm weiter. Zusammen erreichten sie die Stelle, wo der Canyon schmal wurde. Amos schoss wieder. Das Dröhnen des Echos war lauter und machte die Brüder für mehrere Sekunden taub. Sie rannten weiter. Als sie wieder etwas hören konnten, war es nur der Hufschlag, der schon ferner als vorher klang.

Am nächsten Knick blieben sie keuchend stehen und schauten sich an. Der Hufschlag war noch immer zu hören, aber sie erkannten an den Geräuschen, dass er sich schneller entfernte, als sie rennen konnten. Amos blickte auf den Revolver in seiner Hand, dann schaute er seinen Bruder an.

„Es war ein Mann, nicht wahr?“

„Es sah jedenfalls so aus“, gab Jim McLane zurück und blickte auf das Rinnsal, das etwas breiter geworden war.

„Und nun?“

Jim blickte seinen Bruder an, während er den Colt hinter den Hosenbund schob.

„Nun werden wir laufen.“

„Draußen müssen wir Spuren finden können.“ Amos wollte weiter, aber Jim griff ihm nach der Schulter und hielt ihn zurück.

„Es ist besser, wir nehmen alles mit.“

Sie gingen zurück. Der Hufschlag war verklungen. Am Eingang der Höhle blieb Amos stehen und schaute auf den Boden.

„Wo hast du die Sättel hingetan?“, wollte er wissen.

Jim blickte zu der gleichen Stelle, zu der sein Bruder schaute. Da wandte sich Amos um.

„Ja, dorthin“, gab Jim zurück. „Er war sehr gründlich, hat nichts zurückgelassen, was er greifen konnte.“

„Dann muss er sich vorher sehr sorgfältig umgesehen haben. Oder er war schon vor uns hier und hat uns beobachtet.“

„Oder das.“ Jim kroch in die Höhle hinein, band den Patronengurt um, rollte die Decken und die Plane zusammen und warf Amos den Patronengurt hinaus. Dann kroch er mit den Decken, der Plane und den Gewehren hinterher. Amos band seinen Patronengurt um und hängte die Decke über den Gewehrlauf. Er schulterte die Waffe und ging den Weg, den sie eben gekommen waren, zurück.

„Schweinerei!“, knurrte er. „Vielleicht läuft er mir in die Finger.“

Jim folgte seinem Bruder. Sie brauchten zwanzig Minuten, um aus dem Bergmassiv zu kommen. Ohne Übergang wurde das harte Granitgestein von schwarzer Erde abgelöst, und sie sahen die Hufspuren deutlich vor sich.

Zehn Minuten lang konnten sie ihnen folgen. Dann standen sie am Ufer des North Platte River, in den die Eindrücke hineinliefen.

„Vielleicht gehen sie am anderen Ufer weiter“, meinte Jim. „Wenn wir das feststellen wollen, müssen wir ein Bad nehmen und liegen morgen vielleicht auf der Nase.“

Amos knurrte etwas Unverständliches und starrte ins schmutzige Wasser.

„Wie tief mag der Fluss sein?“

„Ich denke, in der Mitte geht er einem Pferd bis an die Schnalle des Sattelgurtes.“

„Tiefer nicht?“

„Hier kaum. Wir gehen am Ufer weiter — an den Bergen entlang.“

„Wollen wir jetzt bis Arizona laufen?“, fragte Amos.

„Vielleicht kommen wir zu einer Ranch.“

„Und? Für Pferde und Sättel müssten wir Monate arbeiten.“

„Komm! Irgendetwas wird uns schon einfallen.“

Sie gingen am Ufer weiter. Die Schatten der Nacht wurden allmählich durchsichtiger. Amos lief schon bald langsamer und fluchte immer öfter, weil ihm die Füße schmerzten.

Dann kroch der Morgen über die Berge. Nebelfelder hingen über dem nassen Boden. Der Himmel war immer noch grau, als wollte es jede Minute zu regnen beginnen.

„Es kann doch nicht mehr weit zur Bahnlinie sein?“, fragte Amos.

„Nein. Mit den Pferden hätten wir sie heute oder morgen erreichen müssen. Aber so ...“

Amos fluchte wieder grimmig.

„Hunger habe ich auch wie ein Wolf“, schimpfte er nach einer Weile. „Und das Hartbrot hat der Halunke mitsamt der Satteltasche mitgenommen. Der Teufel soll ihn holen!“

Jim McLane nahm das Gewehr, an das er Plane und Decke gehängt hatte, auf die andere Schulter.

Amos fluchte schon wieder.

„Kannst du nicht mal damit aufhören?“, fragte Jim endlich. „Nichts wird davon besser.“

Nun schwieg Amos verbissen.

 

 

4

Sie saßen am Rand der Berge auf abgewaschenen Steinen und blickten zum Himmel. Für ein paar Minuten riss die Wolkendecke auseinander, und die Sonne warf warme Strahlen zu ihnen herunter. Amos’ Laune besserte sich für eine Weile. Dann war die Sonne wieder verschwunden.

Plötzlich hallte Hufschlag an die Ohren der beiden Männer. Sie standen gleichzeitig auf. Amos legte die Hand auf den Revolverkolben. Um die vorspringende Bergwand im Süden kamen drei Reiter. Sie hielten die Pferde scharf an und stellten sich in den Steigbügeln.

Jim stieß ein warnendes Zischen aus, und Amos ließ den Kolben des Revolvers los.

„Sie sehen aus wie Cowboys“, sagte er.

„Hallo, was haben wir denn da gefunden“, meinte einer der Reiter.

Alle drei begannen wild und herausfordernd zu grinsen, ließen sich wieder in die Sättel fallen und kamen näher.

Vor den McLanes parierten sie abermals die Pferde. Es waren drei drahtige junge Männer mit scharfgeschnittenen Gesichtern und wild blitzenden Augen. Sie stiegen ab und ließen die Zügel der Pferde zu Boden fallen. Jim setzte sich wieder auf den abgewaschenen Stein.

„Guten Tag“, sagte er.

„Seid ihr Winterreiter?“, wollte einer der drei wissen. „Alles versetzt, was?“ Sie lachten schallend, wurden aber wieder ernst, als die McLanes nicht darauf reagierten. Dann jedoch lachten sie wieder.

„Ihr seid ja Spaßvögel“, meinte Amos gedehnt. „Darf man fragen, was so lächerlich ist?“

„Du zum Beispiel“, entgegnete der, der in der Mitte stand. „Du stehst ganz komisch da. Die Füße brennen, was?“ Sie lachten wieder.

Jim McLane saß immer noch auf dem abgewaschenen Stein. Er kannte Männer dieser Art und wusste, was sie wollten. Die harte, entbehrungsreiche Arbeit auf den Weiden hatte bereits wieder begonnen, und diese drei Männer freuten sich, dass es vielleicht zu einer Abwechslung kommen konnte, die sie nach besten Kräften fördern wollten. Einer trat schließlich etwas weiter auf Amos zu und schnupperte ihn an.

„Er stinkt“, sagte er. Sie lachten wieder.

Amos war mit einem einzigen Schritt bei dem Mann, ließ den Revolverkolben los und schlug zu. Seine stahlharte Faust traf den Mann an die Nase und warf ihn zu Boden, wo er sich schreiend krümmte.

Jim war auf gestanden. Sein Gewehr mit der Decke und der Plane rutschte von dem Stein und landete scheppernd auf dem Boden.

Die beiden anderen Kerle wechselten noch einen schnellen Blick, dann warfen sie sich gleichzeitig auf Amos. Jim war schneller und zerrte den einen zu sich herum. Aber der flinke Mann schlug zu, ehe Jim ausholen konnte. Die Faust traf Jim McLane gegen die Stirn und warf ihn rückwärts und über den abgewaschenen Stein, auf dem er gesessen hatte, hinweg. Er schlug auf dem Boden eine Rolle, spürte heftige Schmerzen in der Wirbelsäule und sprang wieder auf. Da stand der Cowboy schon auf dem Stein und wollte sich mit einem Schrei auf ihn werfen. Jim McLane ließ sich zur Seite fallen. Der Mann flog an ihm vorbei und schrammte auf den Boden.

Jim wandte sich um. Der Mann auf dem Boden stand auf und drehte sich. Da wuchtete Jim ihm die Faust entgegen, und der Mann taumelte in den Felsriss hinein, der hinter ihm klaffte.

Hinter Jim hallten Schläge. Er wandte sich um und sah, dass die beiden anderen seinen Bruder bedrängten. Er rannte um den Stein herum. Da wandte sich der eine schon um und schlug zu. Jim konnte den Kopf zur Seite ziehen, aber die Faust traf noch seine Schulter. Er schwankte einen Schritt rückwärts, aber der Mann, dem Blut aus der Nase lief, setzte ihm nach und schlug wieder zu. Jim wich flink aus. Der Mann wurde hinter seinem fehlgegangenen Schlag hergerissen und war plötzlich neben Jim, der ihm die Handkante in den Nacken schmetterte. Das warf den Cowboy, dem Amos’ Schlag auf die Nase schon zugesetzt hatte, abermals zu Boden, wo er liegenblieb.

Jim wandte sich um. Amos schmetterte dem dritten gerade die Faust auf den Hut, und der Mann brach in die Knie.

„Achtung!“, rief Amos, als er den Kopf hob.

Jim spürte die Gefahr und duckte sich. Der Mann, den er in den Felsriss gestoßen hatte, prallte gegen ihn, flog über ihn hinweg und landete auf dem, der auf dem Boden kniete. Beide rollten über die Erde und blieben sekundenlang liegen. Dann standen sie alle drei auf. Die McLanes gingen rückwärts und warteten.

Die drei Cowboys wechselten Blicke, sprachen aber nicht.

„Wenn ihr genug habt, dann verschwindet“, sagte Amos. „Sonst bekomme ich noch Wut.“

„Los!“, knurrte der eine.

Sie gingen zu ihren Pferden und saßen auf. Ein Hut lag noch auf dem Boden. Amos bückte sich danach und warf ihn einem der Kerle zu. Der fing ihn auf und stülpte ihn auf den Kopf.

„Vielleicht treffen wir uns noch einmal. Ich bin James Clinton. Merkt euch den Namen.“

„Verschwindet!“, sagte Jim.

„Los, James! Die beiden sind härter, als wir dachten.“

Sie ritten an den Brüdern vorbei, die sich drehten und ihnen nachschauten, bis sie verschwunden waren.

„Komische Vögel“, brummte Amos.

„Meinst du?“

„Du nicht?“

„Sie sind wie die meisten Cowboys. Sie sind hier so wie in Texas und überall sonst. Ich denke, wir gehen jetzt weiter.“

Amos setzte sich auf den Stein und wischte sich einen Blutspritzer aus dem Gesicht. Er blickte zum Himmel und sagte: „Es sieht aus, als würde es gleich wieder regnen. Wir sollten uns lieber eine Höhle suchen.“

Jim schaute ebenfalls zum Himmel. Das Zausen des Windes hatte zugenommen und trieb die Wolken schnell vorwärts.

„Es gibt wirklich Regen“, meinte Amos.

Jim hob sein umgefallenes Gewehr auf. Hinter den Felsen verklang der Hufschlag der Cowponies. Jim schulterte das Gewehr und ging vor seinem Bruder her. Ein Windstoß traf ihn mit voller Wucht, und zugleich fielen die ersten großen Regentropfen. Sie liefen schneller, immer hart an der Felswand bleibend. Der Regen nahm zu und trommelte auf ihre Schultern.

„Dort!“, rief Amos auf einmal. „Dort ist eine Höhle!“

Sie begannen zu rennen, erreichten die große Höhle, in die auch ihre Pferde gepasst hätten, und sprangen hinein.

Amos schüttelte die nasse Decke von seinem Gewehr und warf die Waffe darauf. Dann zog er die Jacke aus und hängte sie an eine scharfe, vorspringende Felszacke. Wasser tropfte von der Jacke auf den Boden. Amos setzte sich und blickte in den strömenden Regen hinaus, der die Sicht auf wenige Yard beschränkte.

„Wer mag der Kerl gewesen sein, der unsere Pferde gestohlen hat?“, fragte er, ohne seinen Bruder anzusehen.

„Woher soll ich das wissen.“ Jim hatte die Jacke ausgezogen und aufgehängt und setzte sich nun ebenfalls. Er nahm den Tabakbeutel aus der Tasche und begann sich eine Zigarette zu drehen.

„Ich würde gern sehen, wie sie ihn hängen“, fuhr Amos fort. „Übrigens, es muss hier in der Nähe eine Ranch geben. Wegen der wilden Cowboys.“

„Ja.“

„Vielleicht finden wir die Pferde dort?“

Jim lächelte seinen Bruder an, und der knurrte böse.

„Der Dieb wird schlau genug sein, die Pferde weit wegzubringen“, sagte Jim.

Amos starrte wieder hinaus.

„Sieht nicht so aus, als wollte es heute noch einmal aufhören“, brummte er. „Mir knurrt der Magen wie verrückt.“

Jim warf ihm den Tabakbeutel zu.

„Wenn du rauchst, wird es besser.“

 

 

5

Es regnete den ganzen Rest des Tages und die halbe Nacht. Als die McLanes am Morgen die Höhle verließen, war der Boden morastig und der Fluss aus seinem Bett getreten. Sie kämpften sich über den schweren Boden, in dem ihre Stiefel versanken, weiter nach Süden. Der Hunger quälte sie, und so war der Marsch die Hölle. Gegen Mittag erreichten sie eine höher gelegene Sandinsel, auf der sie sich niederließen. Amos streckte die Füße aus und fluchte fürchterlich.

„Du musst auch fluchen“, sagte er. „Man fühlt sich dann besser.“

Jim kaute auf einem Grashalm, um seine Zähne zu beschäftigen.

„Wenn mir der Kerl mal zwischen die Finger läuft ...“, knurrte Amos. „Für den suche ich selbst einen Strick aus.“

Nach zwanzig Minuten stand Jim wieder auf, hängte Decke und Plane über das Gewehr, schulterte es und ging weiter. Als er sich nach hundert Yard umblickte, erhob sich Amos ebenfalls. Sie liefen erst nach einer halben Stunde wieder nebeneinander und blickten einem Hügel entgegen, der sich vor ihnen im Süden erhob, aber noch fast zwei Meilen entfernt war.

„Ob die Bahnlinie dahinter liegt?“, fragte Amos.

„Woher soll ich das wissen. Hier sieht das Land überall gleich aus. Vielleicht sind wir auch noch weiter von der Bahn entfernt, als wir denken.“

Ihre Schritte wurden bald wieder kürzer. Jim merkte, wie ihm das Gewehr auf der Schulter drückte und wechselte es immer öfter zur anderen Seite. Dann wurde der Boden härter, und auf einmal liefen sie in einer Fahrspur.

Amos blieb stehen und blickte sich um.

„Du, hier scheint mal ein Feld gewesen zu sein.“

Jim schaute nach links, wohin sein Bruder deutete. Der Boden hatte abgeflachte Furchen, war aber vom Büffelgras völlig überwuchert.

„Das muss schon eine Weile her sein“, gab er zurück. „Los, weiter!“

Dann endlich begann das Land zum Hügel hin anzusteigen. Wasser kam ihnen in den Fahrspuren noch immer entgegen und wusch nach und nach den Morast von ihren Stiefeln. Sie schleppten sich den Hügelrücken hinauf, erfüllt von der Hoffnung, dahinter in der Ferne die Bahnlinie und eine Stadt zu sehen.

Dann standen sie auf dem Hügel und sahen einen anderen, ungefähr eine Meile entfernt. Dazwischen stand eine Hütte, aus deren Kamin sich Rauch kräuselte. Ein paar flache Gebäude aus Brettern und Wellblech schlossen sich an die stabile Hütte an. Daneben befand sich ein Corral, in dem ein schwarzes Schwein, ein Rind und zwei Milchkühe zusammenstanden.

Die Brüder waren stehengeblieben und blickten in das Tal hinunter.

„Sieht alles sehr arm aus“, meinte Amos. „Wenn ich an das Feld denke, müsste man annehmen, die Farm wäre verlassen. Aber der Rauch ...“

„Ja.“ Jim schaute auf den Rauch, der im Wind kurz über dem Kamin zerflatterte. „Sie ist aber nicht verlassen. Vielleicht bekommen wir hier etwas zu essen.“

Sie liefen die Hügelflanke hinunter und kamen dem Corral näher. Da sahen sie einen Jungen von vielleicht zehn Jahren aus der Hütte treten.

„Ma, zwei fremde Männer!“, rief der Junge in die Hütte hinein. „Ohne Pferde!“

Eine Frau, die ein Sharpsgewehr in der Hand trug, kam aus der Hütte. Sie spannte den außenliegenden Hammer der Waffe und schien zu warten.

„Die habe ich noch nie gesehen“, meinte der Junge. „Ohne Pferde, Ma! Hast du sie schon gesehen?“

„Nein, Teddy“, sagte die Frau so laut, dass die McLanes es hören konnten.

Sie gingen am Corral entlang und blieben an seinem Ende stehen. Die Frau blickte unsicher auf die Brüder und dann auf das Gewehr in ihren Händen.

„Guten Tag“, sagte Jim McLane. „Uns sind in der vorletzten Nacht in den Laramie Ranges die Pferde gestohlen worden. Wir sind auf dem Weg nach Arizona.“

„Arizona?“, fragte die Frau und senkte die Gewehrmündung. „Das muss noch tausend Meilen von hier entfernt sein.“

„Mit den Pferden verschwand auch unser letztes Brot, Madam“, sagte Amos. „Wir haben lange nichts mehr gegessen. Vielleicht ...“ Er blickte unsicher auf seinen Bruder, sah die Frau wieder an und setzte hinzu: „Wir haben noch vier Dollar. Wir wollen gern bezahlen.“

Die Frau stellte das Gewehr mit der Kolbenplatte auf den feuchten Boden.

„Bis Arizona wollen die Männer laufen?“, fragte der Junge. „Kann man das, Ma?“

„Ich weiß nicht, Ted. Du musst nicht soviel reden. Kommen Sie herein!“ Sie trat zur Seite.

Jim ging vor Amos her auf sie zu, während er sie genau betrachtete. Sie konnte nicht älter als dreiunddreißig Jahre sein. Ihr Haar hatte einen rötlichen Schimmer. Ihr Gesicht war blass und von scharfen Linien durchzogen. Das Kleid, das sie trug, war alt und verblichen, und die aufgesetzte Tasche war an den Kanten durchgestoßen. Genauso ärmlich sahen Hemd und Hose des Jungen aus.

„Gehen Sie doch hinein, Mister“, sagt sie.

„McLane, Madam. Jim McLane. Das ist mein Bruder Amos.“

„Ich bin Belle Lund. Das ist Ted, mein Sohn. Er will nicht mehr Teddy genannt werden, aber manchmal geschieht es aus Versehen.“ Sie lächelte ein wenig, aber es wirkte gezwungen.

Jim nickte, wandte sich ab und betrat die Hütte. Sie war sehr einfach eingerichtet, aber sauber. In der Mitte stand ein großer ovaler Tisch mit ein paar Stühlen darum. Ein Schrank aus Eiche stand an der Wand, die der Tür gegenüber war. Daneben befand sich ein großer Kamin, in dem ein Feuer knisterte.

Der Junge ging um Jim herum und warf ein Stück Holz ins Feuer. Es zischte auf, weil das Holz nass war. Jim McLane ging weiter zum Fenster und blickte über das Tal draußen, während er sein Gewehr an die Wand lehnte.

Amos schob die Frau vor sich her ins Haus und blickte sich kurz um.

„Schön haben Sie es hier“, sagte er und lächelte der Frau zu. „Sind Sie mit dem Jungen allein?“

„Nein. Mein Mann ist in der Stadt.“ Jim wandte sich um.

„Wo ist die Stadt?“, fragte Amos drängend.

„Zehn Meilen im Süden.“

„Und wie heißt sie?“

„Medicine Bow.“

Amos ließ die Schultern sinken.

„Da sind wir noch nie gewesen“, brummte er. „Da kennt uns also auch kein Mensch, an den wir uns wenden könnten.“

„Weswegen?“

Er schaute die Frau an und sagte: „Wegen Pferden.“ Er blickte auf den Jungen. „Laufen kann man nämlich nicht bis Arizona, wenn man dort auch ankommen will.“

„Fahren Sie doch mit dem Zug!“

„Der geht nicht nach Süden, mein Junge. Hast du ihn schon mal gesehen?“

„Natürlich. Erst vor ein paar Wochen, als ich mit Dad in der Stadt war. Er geht öfter nach Medicine Bow — zum Arzt.“

„Aha“, machte Amos.

„Sie haben aber recht“, fuhr der Junge fort. „Der Zug fuhr nach Osten.“

„Genau.“ Amos strich über den Kopf des Jungen. Er hatte blondes, strohig wirkendes Haar und ein paar Sommersprossen auf der Nase.

Auf einmal schlich sich auch ins Gesicht der Frau ein Lächeln und ihr Blick glitt von ihrem Sohn zu dem schrankbreiten, gutmütigen Mann aus Arizona.

„Ich werde etwas zu essen machen“, sagte sie, zögerte aber noch, in die Küche zu gehen, deren Tür offen stand. Jim ging zum Tisch, setzte sich, zog den Beutel aus der Tasche und rollte sich eine Zigarette.

„Übrigens, nach Westen fährt der Zug auch“, meinte Amos an den Jungen gewandt. „Ist Medicine Bow eine große Stadt?“

„Ja. Zwanzig Häuser, Mister.“

„Er hat noch nie eine andere Stadt gesehen“, erklärte die Frau und wandte sich nun doch der Küche zu.

 

 

6

Ihr Gesicht war gerötet, als sie aus der Küche zurückkam und Brot und Pemikanpastete brachte. Sie stellte die beiden Steingutteller auf den Tisch, legte das Messer daneben und zuckte die Schultern.

„Es tut mir leid, mehr haben wir nicht mehr.“

Jim McLane bemühte sich, an ihr vorbeizuschauen. Amos griff nach dem Brot und sagte: „So was Feines haben wir seit zwei Wochen nicht mehr gesehen.“

Der Junge setzte sich auf die andere Seite des Tisches.

„Wie ist es in Arizona?“, wollte er wissen. „Auch so wie hier — hohes Gras, Bäume, Berge?“

„So ähnlich. Wärmer, aber das ist gar nicht sehr gut. Bei uns gibt es viel Wüste und Kakteen, weißt du.“ Amos schob sich ein Stück Brot in den Mund.

Jim griff nur zögernd zu, weil er spürte, dass sie der Frau etwas wegnahmen, aber vielleicht würde es sie beleidigen, wenn er nichts nahm. Der Hunger in ihm war auch so stark, dass ihm der Speichel im Mund zusammenlief.

Plötzlich drang Hufschlag und das Knarren schlecht geschmierter Räder in die Hütte, deren Tür noch offen stand, herein. Der Junge sprang auf. Die Frau wandte sich langsam um und blickte hinaus.

„Das ist Dad!“, rief der Junge und rannte an der Frau vorbei und aus der Hütte.

Langsam, so, als würde sie zögern, folgte ihm die Frau.

„Hallo, Belle!“, rief eine heiser klingende Stimme. „Da bin ich wieder. Diesmal hat es etwas länger gedauert. Ich fand für ein paar Tage Arbeit. Sieh mal, was ich euch mitgebracht habe.“

Amos schluckte das Brot und sah seinen Bruder an.

„Hast du die Stimme erkannt?“, fragte er.

„Ja.“

„Er hat im Süden gearbeitet und im Norden ein Gewehr auf uns gerichtet.“

„Mit dem Wagen ist er eben schneller als wir zu Fuß“, gab Jim zurück. Er vermied es, aufzustehen und durch das Fenster zu blicken, aber er wusste nicht, warum er das tat. Dann knarrte wieder etwas. Harte Schritte stampften auf die Tür zu. Ein schwacher Schatten tauchte auf, dann stand der Mann auf der Türschwelle. Er hatte einen Sack in der Hand. Als er die McLanes, die ihm die Gesichter zugewandt hatten, anblickte, öffnete sich seine Hand. Der Sack fiel auf den Boden.

Jim und Amos standen auf. Betretenes Schweigen herrschte plötzlich. Hinter dem Mann tauchte die Frau auf, die den Jungen mit sich zog und nun stehenblieb.

„Guten Tag“, sagte Jim McLane. „Wir sind hier bei Ihnen eingedrungen. Wir kommen von Norden und hatten nichts zu essen. Unterwegs in den Laramie Ranges wurden uns die Pferde gestohlen.“

Der Mann mit der ungesunden gelben Gesichtsfarbe kam näher. Die Frau hob den Sack auf und wuchtete ihn auf die Kommode neben der Küchentür. Dann blieb der Mann hinter dem Stuhl an der Schmalseite des Tisches stehen. Jim und Amos setzten sich wieder.

„Gestohlen?“, fragte der Mann.

„Ja. Während der Nacht. Vorletzte Nacht.“

„Von Indianern, nicht wahr?“

„Das wissen wir nicht. Wir sahen nur einen Schatten.“

„Nicht von Indianern“, mischte sich Amos ein. „Der Mann trug einen Hut.“

„Es gibt auch Indianer, die Hüte tragen“, erwiderte der Mann gepresst und erregt, wie es schien.

„Wieso arbeiten Sie in der Stadt, wenn Sie hier eine Farm haben?“, erkundigte sich Amos McLane.

Die Haltung des Mannes versteifte sich merklich.

„Ich glaube nicht, dass es Sie etwas angeht.“

„Natürlich geht es uns nichts an“, vermittelte Jim. „Entschuldigen Sie, Mr. Lund. Mein Bruder will immer alles genau wissen.“

„Ja, so scheint es mir auch.“

Die Frau und der Junge schienen sich nicht sehr wohl zu fühlen. Endlich, als die drei Männer schwiegen, fragte Ted: „Hast du mir auch was mitgebracht?“ Der Mann wandte sich um. Ein dünnes Husten schüttelte seinen ausgemergelten Körper.

„Mein Gott, du bist ja völlig durchnässt!“, rief die Frau auf einmal.

Der Mann stand wieder gerade und wischte sich über den Mund. Dann winkte er ab.

„Du musst dich umziehen, Orson!“

„Gleich, Belle. Ich muss euch doch erst zeigen, was ich mitgebracht habe.“ Er schob die Frau zur Seite und zog den Sack von der Kommode auf den Boden, wo er die Schnur löste. Als Erstes zog er ein grünes Kattunkleid mit goldenen Knöpfen heraus. „Es ist nur poliertes Messing, aber ich denke, es gefällt dir.“

„Orson!“, rief die Frau und griff sich an den Hals. „Wie hast du denn das gemacht. Mein Gott, das ist ja ...“

„Rede nicht so viel von Gott“, knurrte der Mann. „Gott hat mit uns nicht viel im Sinn. Das müsstest du doch wissen. Da, mein Sohn, eine Candystange. Ist das was?“

Der Junge griff nach der Stange, die der Mann aus dem Sack gezogen hatte, und leckte daran.

„Ja, großartig.“

„Ein neues Hemd und eine neue Hose!“ Der Mann zog beides aus dem Sack.

Amos blickte seinen Bruder an, und das Misstrauen leuchtete in seinen Augen.

„Und Lebensmittel für drei Wochen", fuhr der Farmer fort. „Das Beste, was ich auftreiben konnte. Du weißt ja, Belle, Medicine Bow ist nicht Julesburg oder Cheyenne.“

„Wie hast du denn das gemacht, Orson?“

Der Mann blickte die Frau an.

„Irgendwie. Spielt denn das eine Rolle? Ich habe es eben gemacht.“

„Orson!“, rief die Frau und presste das Kleid gegen die Brust. „Ja, es spielt eine Rolle!“

„Na schön. Der Marshai hat einen Steckbrief aus Cheyenne bekommen. Man suchte nach drei Bahnräubern. Er brauchte Leute, fand aber nicht genug. Ich schirrte das Pferd aus und ritt mit ihm. Was soll ich dir sagen, wir fanden die Kerle in den Hügeln. Sie schossen sofort. Wir schossen zurück. Fünf Minuten später waren die Banditen tot.“

„Großartig!“, rief der Junge. „Hast du auch einen erschossen, Dad?“ Seine Augen glänzten.

„Ich ... Ich weiß nicht genau, Ted. Weißt du, es schossen alle auf einmal. Niemand weiß, wer getroffen hat und wer nicht. Sie waren jedenfalls gleich tot.“ Der Mann schaute die Frau wieder an und lächelte krampfhaft.

Sie sah erleichtert aus.

„Auf dem Steckbrief stand etwas von zweitausend Dollar. Eine Stange Geld. Aber die Kerle hatten zwanzigtausend bei sich — geraubtes Geld, Belle. Da hat der Marshai die Belohnung gleich aufgeteilt.“

„Das ist sehr schön, Orson. Warst du auch beim Arzt?“

„Natürlich, Belle. Es ist nicht schlimmer geworden.“ Der Mann setzte sich an den Tisch und stieß wieder sein dünnes, erstickendes Husten aus.

„Ich werde dir warmen Tee kochen, Orson.“

„Ja. Und brate die Steaks. Alle! Heute feiern wir ein Fest! Sie bleiben natürlich bis morgen bei uns, nicht wahr?“

Amos schaute Jim wieder an. Der zuckte die Schultern.

„Natürlich“, sagte der Mann sofort.

Die Frau zog den Sack in die Küche, und der Junge folgte ihr sofort und schloss die Tür.

„Lass mich auspacken, Ma!“, drang seine helle Stimme durch die Tür.

„Na gut, Ted. Aber immer schön langsam.“

Jim und Amos blickten auf den Mann, der die Tischplatte anstierte, nun aber den Kopf langsam wieder hob.

„Wie hießen denn die Bahnräuber?“, wollte Amos wissen.

Der Blick des Mannes richtete sich auf ihn und wurde wieder schärfer, während sich seine Stirn in Falten legte.

„Habe ich vergessen“, brummte er. „Ich ritt nur wegen der Belohnung mit.“

„Ja, das ist klar.“

Das erstickende Husten schüttelte den Mann wieder. Er musste aufstehen, um Luft zu bekommen. Plötzlich taumelte er rückwärts und prallte gegen die Kommode.

Jim McLane sprang auf. Die Küchentür öffnete sich. Die Frau stieß den Jungen aus dem Weg und hielt den Mann fest, ehe Jim McLane bei ihm sein konnte.

„Orson, was ist?“, rief die erschrockene Frau schrill.

Der Mann hatte die Augen geschlossen und schwankte im Griff der Frau hin und her.

„Nun brauchen wir weder das Schwein noch das Rind zu schlachten“, murmelte er. „Ist das nicht schön, Belle?“ Seine Knie gaben jäh nach und die Frau konnte ihn nicht mehr halten. Er fiel nach vorn und landete in Jim McLanes Armen, der hinzugesprungen war.

Amos stand auf.

„Wo können wir ihn hinlegen?“, fragte Jim, an die bleich gewordene, zitternde Frau gewandt.

Sie starrte noch einen Moment auf den Mann, dessen Augen nach wie vor geschlossen waren. Dann wandte sie sich um und ging zur dritten Tür. Jim und Amos trugen den Mann in ein schmales Zimmer, in dem drei einfache Betten aus Holz standen. Die Frau zeigte auf eins davon und die McLanes legten den Mann darauf.

„Danke“, murmelte die Frau. „Er wäre gestürzt und hätte sich etwas brechen können.“

Jim und Amos gingen hinaus. Amos blickte auf das Brot, das noch auf dem Tisch lag, aber der Appetit schien ihm vergangen zu sein. Jim setzte sich wieder.

„Ted, warte draußen“, sagte die Frau.

Der Junge kam zurück. Jim und Amos wussten nicht, was sie zu ihm sagen sollten. Der Junge ging weiter und verließ die Hütte. Wenig später sah ihn Jim durch das Fenster. Ted stand am Corral und rief offenbar nach dem schwarzen Schwein, das mit einem tiefen Grunzen antwortete.

 

 

7

Als die Frau zurückkam und die Tür schloss, stand Ted immer noch am Corral und auf der anderen Seite des Lattenzaunes das Schwein. Die Frau blickte durch das Fenster.

„Wir hätten es schon geschlachtet“, erklärte sie. „Es ist nur wegen Ted. Er ...“

„Ja, wir verstehen“, gab Jim zurück, als sie schwieg. „Das kommt mit Kindern oft vor.“

„Wenn ein Bahnräuber erschossen wird, freut er sich.“ Die Frau kam an den Tisch und setzte sich. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Sie blickte Jim an und fuhr fort: „Mein Mann hat Tuberkulose.“

Amos schaute hinaus zu dem Jungen, stand auf und trat ans Fenster.

„Ist es nicht ansteckend?“, fragte er gegen die Scheibe. „Ich meine, wegen Ted.“

„Der Arzt sagte, sie wäre nicht offen. Und wenn ... Wir könnten es nicht ändern.“

Amos wandte sich um und kam an den Tisch zurück.

„Ich denke, wir brechen jetzt auf“, sagte Jim.

Amos nickte.

„Das ist nicht nötig“, erklärte die Frau. „Sie können hier schlafen.“

„Nein“, sagte Jim. „Ich glaube, Sie haben genug zu tun.“ Er ging zu seinem Gewehr und hob es auf. Dann hängte er die Decke und die Plane über den Lauf und schulterte die Waffe.

Amos folgte seinem Beispiel.

„Tut uns sehr leid, dass wir Ihnen nicht helfen können“, meinte Jim. Er verließ die Hütte und blickte zu dem Pferd, das noch vor den Wagen gespannt war.

„Sollen wir den Arzt herschicken, wenn wir nach Medicine Bow kommen?“, fragte Amos.

„Nein, das ist nicht nötig“, entgegnete die Frau heftig. „Dann ... Es tut mir leid, dass Sie nicht noch bleiben wollen.“

Jim griff in die Tasche und drehte die Geldstücke, die sie noch hatten, zwischen den Fingern. Vielleicht war die Frau jetzt wirklich beleidigt, wenn er ihr das Geld für das Hartbrot geben wollte. Er ließ es wieder los und zog die Hand leer aus der Tasche.

„Dann auf Wiedersehen“, sagte sie und streckte die Hand aus.

Jim griff danach. Sie hatte eine kleine, feste und verarbeitete Hand, die sich rau und rissig anfühlte.

„Auf Wiedersehen. Und viel Glück.“

„Danke.“

Jim ließ ihre Hand los und wandte sich ab. Ted spielte immer noch mit dem schwarzen Schwein. Jim ging zu ihm und hielt ihm die Hand hin.

„Wir müssen nun weiter, Ted. Pass auf deine Mutter auf! Und hilf ihr, wenn du es kannst.“

Der Junge griff nach seiner Hand und drückte sie kräftig.

„Mache ich, Mister. Wenn ich groß bin und mal nach Arizona komme, wo finde ich Sie dann?“

„In der Nähe von ... Du brauchst nur den Marshai nach uns zu fragen. Wir haben eine große Ranch in der Nähe der Stadt.“

Ted gab auch Amos die Hand, dann ging er zu seiner Mutter zurück, die die Hand auf seinen Kopf legte. Beide blickten hinter den Männern her.

„Sie haben eine Ranch in der Nähe von ...“, sagte der Junge. „Er hat mich eingeladen, ihn zu besuchen, wenn ich groß bin.“

„Eine Ranch?“, fragte die Frau verblüfft.

„Glaubst du es etwa nicht? Er hat gesagt, sie hätten eine große Ranch, und also haben sie auch eine.“

„Natürlich glaube ich es, Ted.“ Sie zog den Jungen mit sich ins Haus, aber er machte sich los.

„Ich muss noch das Pferd ausschirren!“ Er lief wieder hinaus.

 

 

8

Am nächsten Vormittag riss die Wolkendecke auseinander und strahlender Sonnenschein übergoss das Land. In der Ebene hinter den Hügeln lag die Stadt, der die McLanes zustrebten. Hinter der Stadt sahen sie die Lagerschuppen und Verladerampen an den beiden Schienensträngen, die den Bahnhof bildeten.

„Verdammtes Nest!“, brummte Amos. Er humpelte schon und glaubte, sich die Füße durchgelaufen zu haben. „Weißt du, was mich interessiert?“

„Sicher, wie groß die Steaks hier sind.“

„Das auch. Ich meine etwas anderes. Die Bahnräuber. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Orson Lund Banditen jagen und gleichzeitig so krank sein kann.“

„Er ist so krank“, gab Jim zurück. „Eben. Deshalb stimmt mit den Bahnräubern etwas nicht. Das werden wir sicher hören.“

„Sicher“, sagte Jim und blickte auf das Schild, dem sie sich näherten. Unmittelbar dahinter war der Friedhof, der aus zwei Dutzend Grabhügeln und einer flachen Mauer bestand.

„Medicine Bow“, las Amos. „Vielleicht treffen wir doch jemanden, der uns kennt und uns weiterhelfen kann.“

„Wir brauchten Pferde und Sättel“, erwiderte Jim. „Es müsste schon ein sehr guter Bekannter sein.“

Vor der ersten Hütte saß ein alter grauhaariger Mann auf dem Boden.

„Durango ist in der Stadt“, sagte der alte Mann.

Jim und Amos blieben stehen.

„Durango?“, fragte Amos.

„Kennt ihr ihn nicht? Er ist Powells Vormann. Von der Powell-Ranch. Der wildeste Bursche in fünfzig Meilen Umkreis. Das hat der Marshai selbst gesagt.“

Sie gingen weiter. In der Mitte der Stadt, direkt vor dem einzigen Saloon, standen Männer auf der Straße.

„Los, Jubal, nur keine Angst!“, rief ein mittelgroßer schwarzer Mann, der sich geschmeidig und flink bewegte.

Ein anderer hatte ein Whiskyglas in der Hand, das er in Schulterhöhe hielt. Seine Hand zitterte etwas. Die Haltung des anderen spannte sich an. Er war von dem Mann mit dem Glas etwa zwanzig Yard entfernt.

„Wann soll ich es fallenlassen, Jug?“

„Wann du willst. Aber ziehe es nicht zu sehr in die Länge, Jubal. Das macht mich nervös.“

„Gut, Jug.“

Jim und Amos blieben stehen. Da öffnete sich die Hand des Mannes, der mit Jubal angesprochen worden war. Das Glas fiel. Der andere zog den Colt mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung und schoss, und das Glas zerbarst in tausend Fetzen, ehe es den Boden berühren konnte.

Die Männer schrien begeistert.

„Jug, das macht dir niemand nach“, rief eine dröhnende Stimme.

Der schwarze Mann strich sich das Haar zurück und ließ sich seinen Hut, den ein anderer hielt, zuwerfen. Er stülpte ihn auf und wandte sich um. Sein Blick war auf die McLanes gerichtet, und sein Fuß, der sich schon bewegen wollte, blieb stehen.

„Hallo“, sagte er und kam dann doch näher. „Wollt ihr mich nicht mit den anderen feiern? Es ist so üblich. Oder könnt ihr es auch?“

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937701
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535787
Schlagworte
unzen gold

Autor

Zurück

Titel: Nur ein paar Unzen Gold