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Grainger, der Lord und das Teufelsweib

2020 116 Seiten

Zusammenfassung


Phineas McDougall bittet Grainger, seine Tochter Penelope, die sich nun Penny Douglas nennt, zu finden, die mit einem Banditen die Gegend unsicher macht, in dem sie Ranches überfallen, um sie auszurauben. McDougall liebt seine schöne Tochter, und er wünscht sich, dass sie zur Vernunft kommt und nicht bei ihren Raubzügen getötet wird. Außerdem möchte er vermeiden, dass durch das kriminelle Verhalten seiner Tochter die diplomatischen Beziehungen zum britischen Königreich leiden. Grainger macht sich auf die Suche nach dem Teufelsweib und stößt bald in ein Wespennest ...

Leseprobe

Table of Contents

Grainger, der Lord und das Teufelsweib

Copyright

1

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Grainger, der Lord und das Teufelsweib

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Phineas McDougall bittet Grainger, seine Tochter Penelope, die sich nun Penny Douglas nennt, zu finden, die mit einem Banditen die Gegend unsicher macht, in dem sie Ranches überfallen, um sie auszurauben. McDougall liebt seine schöne Tochter, und er wünscht sich, dass sie zur Vernunft kommt und nicht bei ihren Raubzügen getötet wird. Außerdem möchte er vermeiden, dass durch das kriminelle Verhalten seiner Tochter die diplomatischen Beziehungen zum britischen Königreich leiden. Grainger macht sich auf die Suche nach dem Teufelsweib und stößt bald in ein Wespennest ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Campfeuer flackerte. Zweige knackten. Verkohlte Äste fielen in sich zusammen. Funken stoben. Irgendwo in der Dunkelheit erklangen vereinzelte Schreie der Rinder. Der Mannschaftskoch klapperte mit dem Geschirr, das er in einem kleinen Zuber wusch. Ein Dutzend Cowboys hatte sich mit dem Rancher und dem Vormann um das Feuer versammelt. Die Männer rauchten, schlürften Kaffee und lauschten der traurigen Melodie, die ein junger Bursche auf einem Banjo klimperte und dazu mehr schlecht als recht sang. »Howdy, am Feuer!«

Der Ruf unterbrach die Ballade. Erwartungsvoll blickten die Cowboys dem Reiter entgegen, der sich aus der Nacht schälte.

»Lass dich durch mich nicht stören, Sonny!«, sagte der nächtliche Besucher zu dem Sänger. »Wäre dankbar für eine Mahlzeit und einen Schluck ...«

»Sie kriegen, was Sie wollen, Mister«, sagte der grauhaarige Rancher ruhig. »Steigen Sie ab! Aber hübsch langsam, sonst könnten Ihnen die Bohnen mächtig schwer im Magen liegen ...«

Grainger wollte sich bereits aus dem Sattel schwingen, als ihn das unmissverständliche Klicken innehalten ließ. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er in die dunkle Revolvermündung starrte.

 

 

2

Die Main Street lag still und menschenleer im Sonnenglast.

Die Blicke des Reiters, der seinen Grauschimmel am Ortseingang gezügelt hatte, glitten über die staubige, von unzähligen Wagenrädern zerfurchte Straße, über die falschen Hausfassaden und die pompösen Schilder über dem Hotel und dem Saloon. Eine flirrende Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Ein abgemagerter Hund sauste über die Straße und verschwand im Schatten einer Gasse. Gleich darauf wurde die Stille von dem Fauchen und ärgerlichen Miauen einer Katze und dem schmerzerfüllten Jaulen des Hundes zerrissen.

Der Reiter schnalzte leise mit der Zunge. Das Pferd setzte sich müde und mit gesenktem Kopf in Bewegung. Dumpf klang der Hufschlag durch die Straße. Am Eingang der Gasse erschien der Köter, linste vorsichtig um die Ecke und zu dem Reiter hin und verzog sich sofort wieder.

Der Grauschimmel hob den Kopf, stellte die Ohren auf und schnaubte leise, als er eine Seitenstraße passierte. Leises Schnauben aus der Gasse antwortete ihm. Sanfter Schenkeldruck des Reiters trieb ihn weiter.

Vor einem kleinen, unscheinbaren Gebäude, das etwas zurückgesetzt stand, stieg der Reiter ab, führte das Pferd zu einem Wassertrog und ließ es saufen, bevor er die Zügel um den Querbalken eines Hitchrack schlang.

Die Tür knarrte in den rostigen Angeln. Die Sporen klirrten leise, als der Mann das Büro betrat.

Der Raum war spartanisch eingerichtet. Es gab einen mit Papierkram übersäten Schreibtisch, zwei Stühle, einen Kanonenofen mit verbeultem Ofenrohr, ein Gewehrregal mit einem halben Dutzend Winchesterkarabinern und zwei Schrotflinten. Mehr nicht.

Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann in einem Drehstuhl, die Füße auf die Tischkante gelegt, den Kopf auf der Brust. Ein Hut beschattete sein Gesicht. Der Schläfer schnarchte leise vor sich hin und schrak hoch, als ihm der Besucher die Beine vom Schreibtisch schob.

»Wie kannst du mich so erschrecken, Martha ...?!« Der finstere Gesichtsausdruck des älteren Mannes erhellte sich, als er den Neuankömmling erkannte. »Da brat mir doch einer die drei einzigen Beutelratten, die es in dieser beschissenen Gegend gibt!«, brüllte er und schüttelte den Arm des Störenfrieds wie einen Pumpenschwengel. »Haben dich die Bussarde also immer noch nicht gefressen, Sonny! Hätte nicht gedacht, dich noch mal wiederzusehen. Draufgänger wie du werden nicht alt.«

»Hast du dein Vertrauen in meine Fähigkeiten verloren, Marsh?«

Der Alte blinzelte und zog die Nase hoch.

»Bist wohl noch gerissener als damals geworden, was? Hätte es mir denken können. Hab die alten Zeiten nicht vergessen, Sonny.«

»Hast du was, um den Staub runterzuspülen?«

»Klar doch. Kaffee. Bedien dich!«

Grainger verzog das Gesicht.

»Deine fade Brühe hab ich damals schon nicht gemocht. Davon werde ich also die Finger lassen, Marsh!«

Der Alte griente.

»Wusste, dass es dir schon bei dem Gedanken an meinen Kaffee den Magen umdreht, Sonny. Kannst beruhigt zugreifen. Martha hat ihn gekocht. Das tut sie jeden Morgen, seit mir von meinem Gebräu selbst speiübel geworden ist.«

Grainger goss zwei Blechtassen voll und trug sie zum Tisch.

»Hab was, um dem Zeug einen besonderen Pfiff zu geben.« Davis kicherte. »Martha darf davon natürlich nichts wissen.«

»Stehst du unter dem Pantoffel?«

»Ist ein Schatz, meine Martha. Wirklich. Sie meint es so gut mit mir. Ich würde sie für kein Geld der Welt hergeben. Na ja, ab und zu überlege ich mir natürlich, ob ich den Schatz nicht doch lieber vergraben und mir einen schönen Lenz machen sollte, aber das geht wohl jedem Mann irgendwann mal so.« Marsh förderte eine angebrochene Flasche Brandy aus einer Lade seines Schreibtischs zu Tage. Er goss einen ordentlichen Schluck Whiskey in die Blechtassen und prostete Grainger zu. »Weiß eigentlich nicht, ob ich mich über deinen Besuch freuen soll, Sonny. Wo du auftauchst, knallt es früher oder später. Wie damals, in Hawthorne. Erinnerst du dich, wie wir die Dillon-Mannschaft aufgemischt haben?«

»Als wäre es gestern gewesen.«

»Wir hatten sie richtig in der Zange. Sie kamen die Straße herauf geritten, und im nächsten Moment flogen auch schon die Kugeln. Haben uns von den Kerlen nicht ins Bockshorn jagen lassen, was? Mann, das war ein Kampf, den werde ich nicht vergessen.«

»Ich auch nicht. Vor allem Martha hat sich wacker geschlagen.«

»Genau. Ich war richtig in meinem Element. Wieso Martha?«

»Na, ich sehe es noch ganz deutlich vor mir. Die Dillons Seite an Seite. Du auf dem Vorbau des General Stores. Ich neben dem Eingang des Hotels. Zeb Dillon greift zum Colt, ich ziehe und ...«

Marsh schlug seine rechte Faust in die Handfläche der Linken.

»So schnell wie damals hab ich nie wieder gezogen. Ich hab den Kerlen mein Blei aus beiden Colts zu fressen gegeben, jawoll!«

»Und dafür hast du das Stroh von Marthas Besen gefressen.«

»So war das, jawoll, genau so. Wie? Äh, ach ja ...«

Grainger griente.

»Kannst dich glücklich schätzen, dass Martha damals eingegriffen hat. Du hättest nämlich Dillons Ladung abgekriegt, wenn sie dich nicht mit ihrem Besen von den Beinen geholt hätte. Ich hätte mich kringeln können, als du schimpfend am Boden lagst, vor den Füßen deines Schatzes, und Martha mit ihrem Besen auf die bösen Buben losgegangen ist. Das war ein Bild für die Götter. Leider war ich zu beschäftigt, um es auszukosten.«

»Können wir vielleicht von was anderem sprechen?«

»Och, die alten Zeiten waren doch wirklich amüsant.«

»Für dich, Sonny. Nach dem Geballer mit der Dillon-Mannschaft hätte mir Martha um ein Haar das Jawort verweigert. Das muss man sich mal vorstellen! Da riskiere ich meinen Arsch, um für den schönsten Tag ihres Lebens Ruhe und Frieden zu schaffen, und sie hält mir eine Standpauke, dass alles zu spät ist. Ich frage dich, hab ich das verdient? Ist das gerecht?«

»Nur den Strebsamen widerfährt Gerechtigkeit. Sagte schon meine Großmutter. Und die ...«

»Himmel, jetzt fängt der wieder mit seinen Sprüchen an! Damals hast du mir schon den Nerv geraubt mit deiner Granny. Hat die dir nie ein Schlaflied vorgesungen? Wahrscheinlich hat sie dir immer die Ohren mit Moralpredigten vollgesülzt.«

»Nö. Aber sie konnte verdammt gut den Besen schwingen. Wie Martha. Und dabei hat sie mir dann ihre Sprüche um die Ohren gehauen.«

Marsh verzog schmerzlich das Gesicht.

»Was treibt dich in diese beschissene Gegend, Sonny?«

Grainger zog eine gefaltete Fotografie aus der Jackentasche und reichte sie an Marsh weiter. »Schon mal gesehen?«

»Leider nicht«, murmelte Marsh, nachdem er das Bild eingehend betrachtet hatte. »Sollte ich?«

Grainger hob die Schultern und steckte das Foto wieder ein.

»Ich halte die Augen offen. Eine Schönheit wie die da ist kaum zu übersehen. Hätte mich ja schwer gewundert, wenn du dich mit einem hässlichen Weibsbild abgeben würdest.« Marsh rückte seinen Hut zurecht und stiefelte zur Tür. »Wir bringen deinen Gaul in den Mietstall und genehmigen uns ein saftiges Steak in Marthas Restaurant. Bist eingeladen.«

»Äußerst großzügig, Sheriff! Als ob du bei deiner Holden bezahlen müsstest ...«

Sie traten auf die Straße und wollten die Fahrbahn überqueren, als ein Schuss die nachmittägliche Stille zerriss ...

 

 

3

Marsh Davis wurde von einer unsichtbaren Faust herumgerissen und prallte gegen Grainger. Von der anderen Straßenseite erklang ein gellender Schrei. Eine zierliche Frauengestalt löste sich aus einem Hauseingang und rannte über die Straße. Grainger ließ den Sheriff zu Boden gleiten. Die Enden des grauen Henkelschnauzbarts im Gesicht des Alten zuckten traurig.

Mit zwei, drei Sätzen war Grainger bei der heraneilenden Martha Davis und zerrte sie in die Deckung des Vorbaus. Seine Rechte fegte den Remington aus dem Leder.

Aus dem Bankgebäude hetzte eine vermummte Gestalt. Sie hielt einen Revolver in der Hand. Aus der Seitenstraße, wo vorhin ein Pferd Graingers Grauschimmel begrüßt hatte, preschte ein Maskierter und zog mehrere Pferde hinter sich her.

Marsh Davis richtete sich schwerfällig auf und hob die Waffe.

Grainger sah, wie der maskierte Reiter mit einer Winchester auf den Sheriff zielte. Mit einem weiten Satz war er in der Straße und fächerte die Kugeln aus dem 38er. Der Vermummte stieß einen gurgelnden Laut aus und kippte nach hinten.

Grainger achtete nicht weiter auf den Maskierten, der über die Kruppe seines Pferdes abrollte und in den Staub fiel. Er hechtete nach vorn und rutschte feuernd durch den Sand zum Bohlensteg. Aus dem Bankgebäude und dem nebenan liegenden kleinen Frachtbüro stürmten weitere Banditen und schossen wild um sich. Die Pferde wieherten schrill und waren kaum zu bändigen.

Eine zierliche Gestalt bemühte sich, die aufgeregten Tiere zu bändigen. Ihr Hut wurde in den Nacken gedrückt. Für einen Augenblick sah Grainger leuchtend rotes Haar.

Der Bandit stolperte, stürzte und lag vor Grainger. Bevor er sich den Hombre krallen konnte, kamen Grainger einige Kugeln der anderen Banditen gefährlich nahe. Er rollte sich über den Bohlensteg, kam hinter einer Regentonne zu liegen und schob eilig frische Patronen in die Kammern seines Revolvers.

Über seinem Kopf fetzte ein Geschoss in die Tonne. Grainger duckte sich tiefer, als die Kugel nicht von Regenwasser aufgehalten wurde, sondern auf seiner Seite ein riesiges Loch in das Holz riss und an seinem Gesicht vorbeipfiff. Grainger hörte eine Frau schreien. Martha Davis schrie ihre Wut und ihren Schmerz hinaus, als sie ihren blutenden Mann im Staub der Straße liegen sah.

Der Sheriff nahm alle Kraft zusammen, um den Colt in Anschlag zu bringen. Kugeln sirrten um ihn herum. Sie furchten durch die Fahrbahn, wirbelten Staub auf. Sie klatschten in Vorbaupfosten, zerschmetterten Fensterscheiben und schrammten über Türen.

Die Banditen preschten schreiend und schießend zwischen den Häusern dahin. Im Vorbeireiten feuerten sie auf Grainger, der aus seiner provisorischen Deckung hervorrollte. Sie verfehlten ihn, aber der große Mann war wie der Blitz auf den Knien. Er fächerte den Hammer des Remington rasend schnell zurück. Gleichzeitig mit ihm warf sich Marsh Davis in einer gewaltigen Kraftanstrengung hoch und zog den Stecher durch.

Drei Maskierte wurden aus dem Sattel gehoben und krachten auf den Boden. Die Pferde stoben weiter. Sie waren nicht mehr aufzuhalten.

Grainger wetzte auf die Straße, um zwei flüchtige Banditen aufzuhalten. Sie kämpften mit ihren nervösen Pferden.

Als Grainger neben Marsh Davis anlangte, ließ dieser den Colt sinken.

»Wir jagen sie zum Teufel!«, bellte er. »Wie in alten Zeiten!«

Martha Davis kam herbeigestürmt, hatte wieder einen Besen in der Hand und wollte damit auf die Banditen einschlagen.

»Nein, Martha!«, brüllte Marsh und schleppte sich zu seiner Frau.

Die Gefahr, die von den beiden Outlaws ausging, beachtete Martha kaum.

Der zierliche Rotschopf versetzte ihr einen Tritt, der ihr den Besenstiel aus den Händen prellte und sie gegen einen Hitchrack schleuderte. Marsh brüllte vor Wut, krallte seine Finger in die blutende Schusswunde und wollte seiner Frau beistehen.

Grainger schrie eine Warnung und hob den Remington, als der breitschultrige Bandit heran war. Doch der Gegner war schneller. Kugeln sirrten um Graingers Ohren. Ein Projektil riss an seinem Jackenkragen; er spürte einen harten Schlag an der Seite und wurde herumgerissen.

In der Bewegung sah er, wie das Pferd des Banditen wie ein riesiges Ungetüm vor Marsh Davis aufwuchs. Der Sheriff hob den Arm schreckensstarr vor die Augen, um das Unheil abzuwehren.

Alles ging so rasend schnell.

Von den furchtbaren Hufen getroffen, wurde Marsh durch die Luft gefegt, prallte hart auf und rollte über den Boden.

»Maarrrssshhh!!«, gellte Martha Davis’ Schrei über die Straße. Sie stürzte nach vorn, blieb nach wenigen Schritten wie erstarrt stehen und schien unfähig, sich angesichts der schrecklichen Ereignisse zu bewegen.

Der Bandit feuerte auf Marsh Davis, riss das Pferd herum und preschte auf Grainger zu. Der große Mann wollte den 38er hochbringen, wurde aber von dem Rappen an der Schulter gerammt und verlor die Waffe. Er starrte in die eisgrauen Augen des Banditen, der langsam den chromblitzenden 44er hob und den Hammer zurückzog.

»Weg hier!«, rief die helle Stimme des heranjagenden Rotschopfes. Er fiel seinem breitschultrigen Kumpan in den Arm und drängte ihn zur Flucht.

Und diesen Moment der Ablenkung nutzte Grainger!

Er federte hoch, versuchte den Gegner aus dem Sattel zu stoßen und schaffte es nicht.

Der Rappe ruckte herum und schüttelte Grainger ab. Mit einem heiseren Wutschrei nutzte Grainger den Schwung und warf sich auf seinen Revolver, bekam ihn zu fassen, riss ihn aus dem Staub hoch und brachte ihn in Anschlag. Er starrte in das grelle Mündungslicht, spürte den Hieb, der ihn von den Beinen fegte und nach hinten stieß. Hart prallte er mit den Schulterblättern auf dem Boden auf. Seine Finger konnten den 38er nicht mehr halten. Er rutschte durch den Sand und stieß mit dem Hinterkopf schmerzhaft gegen die Kante des Bohlensteges.

Grainger sah Sterne. Rote und schwarze Schleier wallten vor seinen Augen. Riesengroß erschien ihm die schwarze Mündung des 44ers, die ihn zu verschlingen drohte.

Das Klicken des Revolverhahns hallte in seinen Ohren nach. Der Revolver verschwamm vor seinen Augen. Undeutlich sah er, wie sich Martha Davis schluchzend über ihren Mann beugte.

Ein tiefer Schmerz über den Verlust des Freundes erfüllte ihn. Er bäumte sich auf, streckte Martha den Arm entgegen, die Finger seiner Hand spreizten sich, ballten sich zur Faust, wollten den maskierten Gegner aus dem Sattel heben und schlugen ins Leere.

Die Ohnmacht legte sich wie ein gigantischer schwarzer Mantel über Grainger, nahm ihn in den Tiefen dieses Mantels auf, und er hörte nur noch den trommelnden Hufschlag, der sich rasch entfernte.

Dann Martha Davis’ Schluchzen.

Dann nichts mehr ...

 

 

4

Der Bürgermeister und einige Honoratioren der Rinderstadt Crescent Ridge hatten zu einem großen Empfang geladen. Er fand in dem prachtvoll ausgestatteten Haus eines Rinderbarons statt.

Unzählige Kaleschen und Kutschen waren vor das Gebäude gefahren, dessen Baustil an die Plantagenhäuser der Pflanzer in Virginia und Louisiana erinnerte und hier im Norden prunkvoll wirkte.

»Es freut mich außerordentlich, meine Teuerste, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind«, begrüßte der Rancher Hanley einen weiblichen Gast. Der Gastgeber überragte die meisten Gäste um Haupteslänge. Sein kahler, kantiger Schädel wurde von einem Kranz schlohweißer Haare umrahmt. Seine Frau, eine füllige, grell geschminkte Lady, empfing die männlichen Gäste mit herzlicher Umarmung und fröhlichem Geschnatter, die Ladys aber mit kühler Zurückhaltung.

Trent Parnell sprang behände aus dem Zweispänner und reichte seiner Begleiterin die Hand. Sie hakte sich bei ihm unter. Gemeinsam schritten sie auf das große Portal des in strahlendem Weiß erglänzenden Hauses zu.

»Mein werter Mr. Parnell!« Hanley strahlte über das ganze Gesicht. »Es ist mir eine Ehre.«

»Lassen wir doch die Förmlichkeiten. Trent genügt völlig. Ich glaube, Sie kennen meine Freundin noch nicht. Miss Penny Douglas.«

Sehr zum Missfallen seiner besseren Hälfte beugte sich Hanley über die Hand der bildschönen Frau an Parnells Seite.

»Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen. Ich freue mich außerordentlich, Miss.«

Der Rancher deutete einen Handkuss an und führte Penny Douglas zu einem Tisch, auf dem eine riesige Bowleschüssel stand. »Eine Erfrischung gefällig?«

Rings um Penny Douglas wurde getuschelt. Die junge Frau störte sich nicht daran. Sie war eine Augenweide, und sie wusste es. Sie trug ein tief ausgeschnittenes, eng anliegendes, schwarzes Kleid, das bis über ihre Knöchel reichte und ihre Rundungen ausgezeichnet betonte. Die festen Brüste machten ihr Dekolleté zu einem einzigartigen Blickfang. Das feuerrote Haar war in der Mitte geteilt und fiel in glatten Strähnen auf ihre Schultern. Die strahlend blauen Augen lagen unter fein geschwungenen Brauen. Eine gerade Nase, etwas hoch angesetzte Wangenknochen und volle, sinnliche Lippen rundeten das Erscheinungsbild dieser betörend schönen Frau ab.

Sie war sich ihrer Wirkung auf die anwesenden Männer durchaus bewusst und nutzte sie aus. Die Brüste hoben sich noch ein paar Zoll höher, das wohl gerundete Hinterteil wackelte ein wenig stärker und brachte die Verehrer schier um den Verstand.

Ein halbes Dutzend Beaus stürmte auf Penny ein und bat um die Ehre des ersten Tanzes. Penny ließ sie alle zappeln und gab ihnen einen Korb.

Trent Parnell schob sich neben sie und strich sanft über ihren nackten Arm, als er sich von der Bowle bediente. Penny reagierte nicht. Er lächelte ihr säuerlich zu und begab sich in einen angrenzenden Raum, in dem sich einige der wohlhabendsten Männer der Umgebung versammelt hatten, um dem Genuss erlesener kubanischer Zigarren und feinsten französischen Branntweins zuzusprechen.

»Ich sage, diese Banditennester müssen ausgeräuchert werden«, dröhnte eine sonore Stimme.

»Wie willst du denn das anstellen, mein Bester? Kaum hast du einen der Schlupfwinkel ausgehoben, haben diese Mistkerle schon wieder drei andere Verstecke bezogen«, widersprach jemand.

»Ein Staatenreiter muss her! Der würde mit dem Gesindel im Handumdrehen aufräumen«, begeisterte sich jemand.

»Und genauso schnell würde er zum Teufel fahren. Ein Mann gegen all diese Halsabschneider! Das wäre genauso, als hätten wir damals bei Appomattox eine einzige Schwadron gegen eine ganze Armee geschickt.«

»Habt ihr doch«, wandte einer der Raucher ein und zog genüsslich an seiner Zigarre. »Deshalb habt ihr die Schlacht ja auch verloren. Wir haben euch gewaltig in den Arsch getreten. Geschadet hat es dir ja nicht, wie man sieht.«

Allgemeines Gelächter war die Antwort.

Parnell ließ seine Blicke schweifen und entdeckte eine blond gelockte Schönheit, die mit zwei Freundinnen am Eingang zum Tanzsaal stand. Er leerte sein Glas und entführte die Blonde aus der Mitte ihrer Freundinnen, die den beiden neidisch hinterherschauten. Er war ein gut aussehender Mann, den sich jede der anwesenden Ladys als Tanzpartner wünschte. Und nicht nur als solchen. Die geheimen Wünsche der Damen ging viel weiter. Sein Gesicht war sonnengebräunt, mit einer scharf geschnittenen Nase, energischen Lippen und stahlblauen, fast grauen Augen. Das nackenlange, pechschwarze Haar war sanft gewellt. Ein paar widerspenstige Locken fielen in die Stirn.

Die Blondine bekam rosige Wangen, je eifriger Parnell sie im Kreis wirbelte und je enger er sie an sich drückte. Sie sehnte sich danach, Parnells heiße Küsse auf ihrem noch heißeren Körper zu spüren.

Die Musikanten spielten unermüdlich. Die Tanzfläche füllte sich zusehends. Auch Penny Douglas hatte endlich dem Drängen eines Verehrer nachgegeben und wiegte sich im Walzerschritt.

Emily Hanley und die Frau des Bürgermeisters waren wenig begeistert, dass Miss Douglas von den Gastgebern so viel Aufmerksamkeit erfuhr. Mit Argusaugen wachten sie über jede Bewegung ihrer Angetrauten, bereit, bei den ersten Anzeichen eines moralischen Fehltrittes sofort energisch einzuschreiten.

Trent Parnell hatte sich von dem blonden Bürgermeister-Töchterlein in den angrenzenden Park entführen lassen. Sie saßen in einem Pavillon und lauschten dem Zirpen der Grillen. Unbeobachtet von den anderen Gästen, fiel die blonde Unschuld über ihren Traummann her und bedeckte sein Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Parnell war nicht der Mann, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Er ließ seine Zunge über ihr Kinn und ihren Hals zum Ansatz ihrer Brüste gleiten. Sie erschauerte unter seinen Berührungen. Er vergrub seine Finger in der blonden Haarflut und bog ihren Kopf zurück. Ihr Rücken wölbte sich, ihre Brüste reckten sich ihm entgegen. Seine Hand suchte den rüschenbesetzten Ausschnitt ihres Kleides und befreite die nach Zärtlichkeiten dürstenden Brüste von der Enge ihres Mieders. Er saugte an den rosigen Knospen, die zwischen seinen Lippen erblühten, streichelte die Schöne, hob ihre Röcke, und sie nestelte an seiner Hose. Da spürte er schon die samtweiche, warme Haut ihrer prallen Schenkel, saugte weiter an den zarten Nippeln und konnte seine Erregung kaum mehr zügeln. Seine Finger suchten und wurden fündig. Er entlockte ihr sündhaft forsche Töne. Als sich die Blonde anschickte, die übrigen Vokale in Stöhnlaute umzuwandeln, wurde ihr Körper von einem Schauder der Ekstase geschüttelt ...

»Sicherlich wäre eine Vigilantentruppe eine Alternative, Gentlemen. Aber, ehrlich gesagt, bezweifle ich, dass Sie damit gegen die Banditen etwas ausrichten würden. Alles, was damit erreicht wird, ist ein noch rücksichtsloseres Vorgehen der Outlaws.« Penny Douglas nahm einen kräftigen Zug an der Zigarre und nippte an dem Sherry, den man ihr kredenzt hatte. Nach dem Tanz hatte sie sich im Rauchsalon als einzige Frau an der hitzigen Diskussion beteiligt und fühlte sich offensichtlich in der Gesellschaft der Männer recht wohl.

»Sie hat Recht«, pflichtete einer der Gesprächspartner bei. Er betrachtete das Mädchen voller Bewunderung. »Aber welche Möglichkeit haben wir gegen diese Ausbeuter? Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie sie uns ausplündern, unsere Ranches anstecken und unsere Frauen und Töchter ...« Alle folgten seinem Blick zu der blonden Tochter des Bürgermeisters, die soeben an Trent Parnells Arm den Raum betrat.

Niemandem schien aufzufallen, dass die Wangen des Mädchens gerötet waren und ihr Gesicht einen seligen Glanz zeigte. Ihre Kleidung war etwas in Unordnung geraten. Auch Trent Parnell machte den Eindruck, als habe er sich etwas überanstrengt. Er gab sich zwar gelassen, als er zu dem fahrbaren Bartisch schritt, um sich einen Drink einzugießen. Aber seine kurze Jacke und das Hemd waren zerknittert, und sein Haar hing noch wirrer in die Stirn.

Penny Douglas warf Parnell einen kühlen Blick zu.

»An Ihrer Stelle würde ich einen einzigen Mann anheuern, Gentlemen«, sagte sie ruhig. »Jemanden, der seinen Revolver nicht als Zierde trägt. Ein einzelner Revolvermann kann oft mehr ausrichten als eine ganze Armee. Nacheinander könnte dieser Schießer die Banditen aufspüren und kaltstellen.«

»Ein ausgezeichneter Vorschlag, meine Liebe!« Die Stentorstimme des Ranchers Hanley dröhnte laut. »Warum sind wir nicht schon längst auf den Gedanken gekommen?«

»Ach was, das bringt doch nichts«, warf der Bürgermeister ein. »Ihr erinnert euch doch an diesen Weidedetektiv, den wir eingestellt hatten. Keine zwei Tage ist er für uns geritten, dann hatten sie ihn geschnappt. An einem Baum vor dem Ortseingang haben sie ihn aufgeknüpft. Selbst wenn man Marshals oder Staatenreiter schicken würde, wäre das keine Lösung. Nein, man sollte die Kavallerie in Marsch setzen!«

»Pah, bis diese Schreibtischhengste in Washington die Armee auf Trab bringen, liegt hier längst kein Stein mehr auf dem anderen!«, rief jemand. »Ich stimme Miss Douglas zu. Man müsste einige Schießer auf diese Banditenbrut hetzen.«

»Es gibt keine guten Revolvermänner mehr. Die Zeiten sind längst vorbei«, gab Hanley zu bedenken.

»Mr. Parnell kann ganz gut mit der Waffe umgehen«, schlug Penny Douglas mit einem vielsagenden Blick auf ihren Partner vor.

Trent Parnells stahlblaue Augen richteten sich auf das Gesicht der rothaarigen Schönheit. Mit ernster Miene schlürfte er an seinem Bourbon und schüttelte sanft den Kopf.

»Ich fürchte, ich bin nicht gut genug, Gentlemen.«

»Du unterschätzt deine Fähigkeiten, Trent. Zumindest mit dem Colt ...« Pennys vielsagender Blick wanderte abwärts und verweilte zwischen Parnells Beinen.

»Ich bin gerne bereit, mich für Sie nach geeigneten Männern umzuschauen, Gentlemen«, erklärte Parnell rasch. »Obwohl ich ja bezweifle, dass Sie damit einen Erfolg verzeichnen können. Das Raubgesindel ist viel zu gerissen.«

»Den Versuch ist es allemal wert«, widersprach Hanley. »Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie sich für uns verwenden würden, Trent.«

Parnell nippte nachdenklich an seinem Glas.

»An wie viele Männer hatten Sie gedacht?«

»Ein halbes Dutzend«, sagte Hanley hastig. Der Bürgermeister pfiff leise durch die Zähne. Die Anwesenden raunten miteinander.

»Billig wird das nicht gerade, Gentlemen«, gab Parnell zu bedenken.

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, Trent. Die nötigen Mittel sind vorhanden.«

»Nachdem das ja nun geklärt wäre, können wir uns wohl über Angenehmeres unterhalten als über Banditen«, ließ sich Penny Douglas vernehmen und gab sofort eine derbe Anekdote zum Besten, die unter den Zuhörern Heiterkeitsstürme entfesselte.

»Wo haben Sie denn nur solche Geschichten her, Miss Douglas?« Der Bürgermeister kicherte wiehernd und wischte sich eine Träne aus dem Augen. »Erzählt man sich so etwas in den Kreisen der Bostoner Gesellschaft?«

Penny legte ihren Arm um seinen Stiernacken.

»In den Docks von New Orleans, Wertester. Aber nicht weitersagen.«

»Nur, wenn Sie noch einen draufsetzen, Miss Douglas!«

Penny nahm einen tiefen Zug an der Zigarre und blies dem feisten Mayor den Rauch ins Gesicht. Ihre Augen blitzten. Sie bemerkte Trent Parnells finsteren Gesichtsausdruck und lächelte.

»Ich kenne da einen Burschen, Gentlemen, der sich für den größten Liebhaber dieses Landes hält. Kein Weiberrock ist vor ihm sicher. Das heißt, eigentlich dürfte er ja gar keine Lust mehr verspüren, den Frauen nachzujagen. Nach dem, was er mit der drallen Lillybeth erlebt hat ...«

»Und was war das? Sie werden uns die Geschichte doch nicht vorenthalten, Miss?« Auch Rancher Hanley war nun völlig von Penny Douglas eingenommen.

»Nun, eines Tages hatte er wieder eine junge, bildschöne Lady als Opfer erkoren. Er machte ihr den Hof, obwohl - und das ist wahrlich die Höhe, Gentlemen - obwohl er bereits eine Frau an seiner Seite hatte, die sich für seine große Liebe hielt.«

»So ein Mistkerl!«, deklamierte der Mayor.

»Teeren und federn sollte man ihn, jawoll!«

»Oder ihm den, na, ihr wisst schon, abschneiden ...«

»Das wäre eine viel zu geringe Strafe für unseren Helden, Gentlemen. Er vertröstete seine Angebetete, oder besser gesagt die Frau, die ihn anbetete, mit fadenscheinigen Ausflüchten und blies zur Jagd.« Penny Douglas beobachtete, wie sich Trent Parnell immer unwohler fühlte. Er lockerte den Kragen seines Hemdes mit dem Finger und kippte den Inhalt seines Glases in den Rachen. »Er ahnte jedoch nicht, dass diese junge Lady ein äußerst raffiniertes Biest war. Sie lockte ihn in ein Liebesnest, wo nicht sie sich ihm hingab, sondern ihre Freundin Lillybeth.«

»Ja, und? Was war denn so besonderes daran, dass er nicht die eine, sondern die andere Lady vernaschen durfte?«, fragte ein ungeduldiger Zuhörer dazwischen.

Penny senkte verschwörerisch die Stimme.

»Das Besondere, Gentlemen, war, dass Lillybeth nicht nur dreihundert Pfund Lebendgewicht auf die Waage brachte, sondern auch noch nymphoman war. Und sehr resolut. Einmal in den Fängen dieser Liebesspinne, musste unser Casanova eine ganze Nacht und den halben Tag lang Höchstleistungen vollbringen ...« Unter dem Gelächter der Anwesenden verließ Trent Parnell den Raum. An der Tür blieb er stehen, als er Penny Douglas laut rufen hörte. »Und er weiß bis heute nicht, Gentlemen, dass er diese außerordentlich anstrengende Liebesnacht jener Frau zu verdanken hat, der er die große Liebe versprach ...«

Die Männer ergingen sich in allerlei anzüglichen Bemerkungen. Im Rauchsalon herrschte eine gelöste, frivole Stimmung, die von Penny Douglas noch angeheizt wurde.

Nach einer halben Ewigkeit trat sie auf die hintere Veranda. Sie leerte ihr Champagnerglas und betrat das dunkle, nur von wenigen Fackeln erhellte, parkähnliche Gelände, das sich vor ihr erstreckte. Unvermittelt tauchte Trent Parnell neben ihr aus dem Schatten einiger Büsche und zog sie mit sich. Seine Finger umspannten ihr Handgelenk wie Stahlklammern.

»Was bildest du dir eigentlich ein?«, zischte er und stieß Penny in den dunklen Pavillon, in dem er kurz zuvor mit dem Bürgermeistertöchterlein die Wonnen der Liebe genossen hatte.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Wie konntest du mich derart bloßstellen? Man lacht über mich! Nach dem heutigen Abend wird man mich nicht mehr ernst nehmen.«

Sie streichelte seine Wange.

»Oh, Darling, du übertreibst mal wieder maßlos.« Sie ließ ihre schmale Hand an seinem Bauch entlanggleiten, spürte seine Erregung, als sie über seine Hosen strich. »Es wird allmählich Zeit, dass wir uns verabschieden, Darling. Begleitest du mich zu unserem Wagen?«

Zielstrebig überquerten sie das Rasengelände, tauchten zwischen den Büschen unter und erreichten eine Wagenremise, in deren Nähe ihr Zweispänner abgestellt war. Parnell beugte sich in den Wagen, als einige schattenhafte Gestalten über die Zufahrt huschten und Schüsse belferten ...

 

 

5

»Die Ladys auf die eine Seite, die Gentlemen auf die andere!«, befahl eine heisere, durch eine Maske gedämpfte Stimme. »Die Ladys nehmen ihre Klunker ab, die Gentlemen zücken die Brieftaschen und überreichen Manschettenknöpfe und Taschenuhren.«

Niemand antwortete dem Maskierten, der sich einen mit Augenschlitzen versehenen Leinenbeutel über den Kopf gestülpt hatte. Sieben weitere Bewaffnete, die sich auf die gleiche Art vermummt hatten, trieben die verstörten und erschrockenen Gäste zusammen.

»Nehmen Sie Ihre ungewaschenen Finger von mir, Sie Flegel!«, zeterte Emily Hanley und versetzte dem ihr am nächsten stehenden Banditen eine Ohrfeige. Ein derber Hieb mit dem Revolver trieb sie zu den weiblichen Gästen.

»Fangt an, Leute! Lasst uns mal was sehen!«

Keiner der Gäste kam der Aufforderung nach. Der Schreck über den nächtlichen Überfall saß zu tief.

Ein Diener, der ein Tablett voller Champagnergläser balancierte, brachte schließlich die Situation zum Eskalieren. Er schleuderte das Tablett auf einen Outlaw und versuchte, ihm die Waffe entreißen.

»He!«, brüllte der Anführer der Banditen. Der Kellner fuhr herum und starrte auf den Colt, der sich auf ihn richtete und den Bruchteil einer Sekunde später Feuer und tödliches Blei spuckte.

Während der Kellner von der Wucht der Kugel gegen einen Tisch geschleudert wurde und in einem Regen aus Flaschen und Gläsern zu Boden ging, versuchten Hanley und seine Freunde einen Ausfall. Das Chaos war unbeschreiblich. Frauen kreischten und irrten wie aufgescheuchte Hühner herum. Schüsse krachten. Glas splitterte.

Der feiste Bürgermeister rammte zwei Banditen aus dem Weg und hatte den Eingang zum Rauchsalon bereits erreicht, als er sich noch mal umdrehte und sich einem Vermummten gegenüber sah, der den Hammer des Revolvers zurückfächerte.

Der Mayor spürte den Einschlag der Kugeln kaum. Er prallte gegen den Türrahmen und fiel auf die Knie. In dieser Stellung verharrte er. Fassungslos starrte er auf das Blut, das aus den Schusswunden pumpte.

Rancher Hanley kämpfte sich den Weg zum Ausgang frei, doch er schaffte es nicht mehr nach draußen. Aus dem Dunkel bei der Wagenremise grellte es auf. Zwei Kugeln hieben in seine Beine. Ein Geschoss zerschmetterte sein linkes Knie.

Der Rancher wand sich unter unsäglichen Schmerzen auf dem Boden.

Emily Hanley war hin und her gerissen, ob sie an die Seite ihres verwundeten Mannes eilen, die Flucht ergreifen oder die Banditen attackieren sollte. Sie entschied sich für Letzteres und schwang ihre Arme wie Dreschflegel. Tatsächlich wichen die Banditen vor ihr zurück, bis der Anführer die Bowleschüssel über Emily auskippte. Sie spuckte und japste und wischte sich die nassen, klebrigen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Obststücke klebten auf ihren Wangen und der Stirn.

»Können wir jetzt endlich weitermachen, ihr Rindviecher? Ich hab keine Lust, meine teure Munition an euch zu verschwenden.«

»Wo ist eigentlich Penny ...?«, setzte einer der männlichen Gäste an und rieb sich den blutenden Arm.

Ein Rippenstoß eines Leidensgenossen brachte ihn zum Verstummen. Man wollte die Banditen nicht auch noch auf dieses bezaubernde, rothaarige Wesen hetzen.

»Da ihr euch so widerspenstig zeigt, werden wir diesmal ganz genau nachsehen, wo ihr eure Wertsachen versteckt habt«, verkündete der Bandenchef. »Runter mit den Klamotten!«

»Aber es sind Frauen im Raum!«, begehrte ein großer, hagerer Mann auf.

Der Bandenboss drückte ihm die heiße Mündung des 44ers unter das Kinn.

»Warum, glaubst du, sollt ihr euch ausziehen, Mister? Das gilt natürlich ganz besonders für die Ladys!«

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937695
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
grainger lord teufelsweib

Autor

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Titel: Grainger, der Lord und das Teufelsweib