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Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle

2020 144 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle

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Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

 

Die ganze westliche Wirtschaft soll durch unkontrollierte Geldmengen destabilisiert werden. Soviel erfährt CIA-Agent Archibald Duggan noch von einem Informanten, bevor der vergiftet wird. Das ist nicht wirklich viel an Informationen, doch einen Anhaltspunkt gibt es: Der Informant deutete an, dass in Frankreich ein Testversuch gestartet werden soll. Duggan reist sofort nach Paris.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es war einer jener heißen Augusttage, in denen jeder halbwegs begüterte Mensch in New York nur das eine Problem hat, ob er lieber nach Florida oder an die Westküste nach Kalifornien fliegen soll. Die Sonne brannte derart vom Himmel, dass sich der Coca-Umsatz innerhalb von drei Tagen verdoppelt hatte.

Der Fahrer des unscheinbaren grauen Buicks, der sich langsam seinen Weg durch den dichten Abendverkehr auf der Fifth Avenue im Theatre District bahnte, schien von der Hitze nichts zu spüren. Er trug einen eleganten hellen Sommeranzug und hatte sogar darauf verzichtet, seine Krawatte auf halbmast zu ziehen.

Er bog nach rechts auf die 47. Straße Ost ab und stoppte nach wenigen hundert Yards vor dem imposanten Portal des Wendworth Hotels.

„Bringen Sie meinen Wagen auf den Parkplatz“, sagte er zu dem Portier, dessen Uniform der eines Admirals verdächtig ähnlich war. Lässig warf er ihm die Schlüssel zu.

Eine halbe Minute später betrat er die Halle. Als er auf die Rezeption zuschritt, zog er diskret seine Krawatte gerade, obgleich das gar nicht nötig gewesen wäre.

„Sir?“, fragte der Empfangschef mit einem verbindlichen Lächeln.

„Mein Name ist Duggan“, stellte sich der blonde Besucher vor. „Archibald Duggan. Ich habe hier eine Verabredung mit Mister George Millo.“

„Einen Augenblick, bitte.“

Der Empfangschef blätterte übertrieben eilig in seiner Kartei. Wenige Sekunden später hatte er das richtige Blatt gefunden.

„Mister Millo erwartet Sie in seinem Appartement. Nr. 407. Vierter Stock. Ich werde Ihnen einen Pagen mitgeben.“

„Thanks“, winkte Duggan ab. „Ich bin nicht das erste Mal in einem Hotel. Ich finde mich ganz gut allein zurecht.“

„Wie Sie wünschen, Sir.“

Archibald Duggan beachtete den Empfangschef nicht weiter. Er ging mit schnellen Schritten zum Hintergrund der Halle hinüber, sprang dort in einen der nach oben fahrenden Aufzüge und stieg im vierten Stock aus.

Ein Page kam gerade den Korridor hinauf. Er machte dem Besucher Platz.

Duggan sah sich kurz um. Das Appartement Nr. 407 musste am Ende des Korridors liegen. Sekunden später stand er vor der richtigen Tür.

Der Page war ihm gefolgt. Er blieb im Abstand von drei Schritten stehen.

„Sie wollen ebenfalls auf 407, Sir?“, fragte er höflich.

„Allerdings.“

Duggan klopfte an. Er brauchte nicht allzu lange zu warten. Dann meldete sich eine markante Stimme.

„Come in.“

Duggan stieß die Tür auf, ließ den Pagen vorbei, der auf seinem Tablett nur ein einziges Glas hatte, und trat dann ebenfalls ein.

Ein bulliger Mann erhob sich aus einem der Sessel. Er beachtete den Pagen überhaupt nicht, der das Tablett auf dem kleinen Rauchtisch abstellte.

„Mr. Duggan?“, fragte er nervös.

„Genau.“

Es entstand eine bedrückende Kunstpause. Der bullige Mann beobachtete unwillig den Pagen, der sich beeilte, um die beiden Herren nicht zu stören.

„Es freut mich, dass Sie so schnell gekommen sind“, meinte George Millo, als der Page endlich die Tür von draußen zugemacht hatte. „Nehmen Sie bitte Platz.“

Duggan setzte sich.

„Darf ich fragen, weshalb Sie mich hierher gebeten haben?“

Er sagte das in dem Tonfall eines Mannes, der wirklich keine Ahnung hatte, worum es sich gerade dreht. Dabei war er über den bulligen Bewohner des Appartements 407 sehr genau informiert. Gerade das hatte ihn dazu bewogen, zu dieser späten Stunde noch das Hotel Wendworth aufzusuchen.

Sein Gegenüber wirkte wie ein Gemüsehändler vom Lande. Nicht nur seinen Händen konnte man es ansehen, dass er es gewohnt war, hart zu arbeiten. Seine Hosen waren stark verbeult und hatten es offensichtlich nötig, wieder einmal eine Reinigungsanstalt von innen zu sehen. Dazu trug er ein grelles, rotweiß gepunktetes Hemd und einen gelbgrünen, längsgestreiften Schlips. Alles in allem das Bild eines Provinzlers, den man überall woanders erwartet hätte, nur nicht in einem der vornehmsten Hotels der New Yorker City.

„Ich will es kurz machen“, sagte Mister Millo mit seiner unnatürlich hohen Stimme. „Das Leben ist verdammt teuer, und Sie können sich denken, dass die Hoteldirektion mit ihren Forderungen nicht gerade bescheiden ist.“

Duggan lächelte.

„Mit anderen Worten, Sie wollen mir etwas verkaufen.“

Millo grinste.

„So hart wollte ich es nicht ausdrücken“, meinte er. „Aber ich vermute, dass es Ihnen allerhand wert ist, wenn ich Ihnen erzähle, dass ein gewisser Staat auf dem besten Wege ist, die Währung der westlichen Welt zu erschüttern.“

Duggan horchte auf.

„Welcher Staat?“

Millo wirkte ab. Auf seinen schwülstigen Lippen war ein geschäftstüchtiges Grinsen erschienen.

„Unterhalten wir uns erst über den Preis“, schlug er vor. „Ich kann Ihnen genaue Informationen bieten. Sie mir harte Dollars. Darauf lässt sich schon ein gutes Geschäft aufbauen.“

Duggan erhob sich.

„Sorry“, meinte er lächelnd. „Aber Sie sollten mich gut genug kennen. Ich lasse mich grundsätzlich nicht auf derartige Verhandlungen ein.“

Mit einer Schnelligkeit, die man ihm nie zugetraut hätte, war der bullige Franzose auf den Beinen. Er ergriff Duggans Arm.

„Langsam“, bat er. „Ich weiß, dass Sie ehrlich sind. Deshalb will ich bei Ihnen eine Ausnahme machen, Mister Duggan. Ich bin bereit, Ihnen erst die Informationen zu geben. Anschließend können wir uns dann über den Preis unterhalten.“

Duggan überlegte kurz. Er wusste, dass George Millo einer der übelsten Geschäftemacher war, die auf dem gesamten Erdball herumlaufen. Andererseits war er genauso gut darüber informiert, dass der Franzose über hervorragende Quellen verfügte. Millo pflegte stets Höchstpreise zu verlangen. Aber die Informationen, die er lieferte, waren stets glühend heiß, wie man in diesen Kreisen sagt.

„Okay“, erklärte er sich bereit und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. „Schießen Sie los.“

Millo setzte sich ebenfalls.

„Die Wirtschaft aller Staaten ist davon abhängig, dass die Währung in Ordnung ist“, begann er und schob sich eine Zigarre zwischen die Lippen. „Mit dieser Erkenntnis kann man in unserem Metier allerhand anfangen. Ein gewisser Staat hat eine Unmenge von hervorragenden Blüten hergestellt, die er in den nächsten Monaten in die westliche Welt schmuggeln lassen will.“

„Welcher Staat?“, fragte Duggan zum zweiten Mal.

„Dazu kommen wir später“, winkte Millo ab. „Da es aber gar nicht so einfach ist, einen ganzen Staat tödlich zu treffen, braucht man einige Erfahrung auf diesem Gebiet. Die gewinnt man am besten durch Übung.“

Er machte eine kurze Pause und griff nach dem Whiskyglas, das der Page gebracht hatte. Zwischen seinen mächtigen Fingern wirkte es geradezu zerbrechlich.

„Deshalb hat dieser Staat eine Generalprobe eingeplant“, fuhr er fort. „In den nächsten Tagen wird in Frankreich ein Manöver gestartet. Falsche Banknoten, die täuschend echt nachgemacht sind, werden in großem Umfang in Umlauf gebracht. Sobald dieses Experiment Erfolg verspricht, soll der Anschlag in allen wichtigen anderen Ländern wiederholt werden. Die Blüten dafür liegen bereits in einem Depot.“

Millo verzog sein fleischiges Gesicht zu einem Grinsen. Seine rechte Hand umklammerte immer noch das Whiskyglas.

„Sagen Sie bloß, das ist Ihnen nicht einen anständigen Preis wert?“, fragte er geschäftstüchtig.

Archibald Duggan war noch nicht so sehr davon überzeugt.

„Ist das alles?“, fragte er enttäuscht.

Millo hob sein Glas.

„Für die Anzahlung ist das alles“, grinste er selbstzufrieden. „Sobald wir uns über den Preis einig geworden sind, erfahren Sie den Rest. Ich weiß so viel über diese Aktion, dass ich ein ganzes Buch darüber schreiben könnte.“

Er führte das Whiskyglas an die Lippen und leerte es mit der Miene eines Kenners.

„Ich brauche nähere Angaben“, entschied Archibald Duggan. „Mit dem, was Sie mir bisher erzählt haben, kann ich noch nicht allzu viel anfangen.“

Das letzte Wort blieb ihm fast im Hals stecken.

George Millo ließ das Glas plötzlich fallen und fasste sich mit einer schnellen Geste an den Hals, als versuchte er, den Whisky wieder herauszuwürgen. Sein Gesicht verfärbte sich; er warf sich in seinen Sessel zurück und wand sich hin und her, als befürchte er, man wolle ihn erdrosseln.

Archibald Duggan war mit einem Satz auf den Beinen und neben dem Sessel seines Gastgebers.

George Millo warf sich hin und her. Doch es dauerte nur wenige Sekunden. Dann blieb er plötzlich still liegen.

Duggan warf nur einen Blick auf das Gesicht des Mannes. Dann wusste er Bescheid.

Er lief zum Schreibtisch hinüber, riss das Telephon an sich und ließ sich hastig mit der Direktion verbinden.

„Sofort den Hotelarzt auf 407“, rief er in den Hörer. Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er den Hörer wieder auf die Gabel.

George Millo hatte sich inzwischen nicht gerührt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er zur Decke des Zimmers.

Duggan beugte sich über ihn und öffnete ihm den Hemdkragen. Mit geübten Griffen untersuchte er den willenlosen Körper.

Als der Hotelarzt wenige Minuten später das Appartement betrat, wusste Archibald Duggan bereits, dass der Doc nur noch den Tod des Franzosen feststellen konnte.

Für George Millo kam jede Hilfe zu spät. Er war tot. Vergiftet.

Während der Arzt noch mit der Untersuchung beschäftigt war, telefonierte Duggan bereits mit der Mordkommission. Er hatte dem Doc verboten, außer der Leiche irgend etwas in dem Raum anzufassen.

„Nichts mehr zu machen“, sagte der Doc enttäuscht. „Zyankali. Da ist selbst der beste Chirurg machtlos.“

„Stellen Sie den Totenschein aus“, antwortete Archibald Duggan knapp. „Sobald Sie fertig sind, können Sie gehen.“

 

 

2

Die Mordkommission der New Yorker City Police wurde von Lieutenant Blake geleitet, einem noch jungen Beamten, den Captain Shugar für außerordentlich befähigt hielt. Archibald Duggan hatte schon in früheren Fällen mit ihm zu tun gehabt.

Der Lieutenant sorgte dafür, dass alles so schnell wie möglich über die Bühne ging. Als erstes schärfte er seinen Beamten ein, dass über den ganzen Fall nichts an die Öffentlichkeit dringen durfte.

„An dem Whiskyglas haben wir nur eine Sorte von Prints gefunden“, berichtete er Duggan, als seine Leute mit den Ermittlungen fertig waren und das Appartement bereits wieder verlassen hatten. „Es sind natürlich die Abdrücke von George Millo.“

Duggan hatte nichts anderes erwartet.

„Der Page muss das Glas unauffällig abgewischt haben, bevor er das Zimmer verlassen hat“, meinte er. „Haben Sie inzwischen nachforschen lassen, wo der Bursche geblieben ist?“

Blake grinste.

„Das fällt nicht in meinen Bereich. Ich weiß nur, dass der Mann nicht zum Hotelpersonal gehörte. Im Keller des Hotels wurde inzwischen der Page gefunden, der ursprünglich den Whisky für Millo hierherbringen sollte. Er weiß nur, dass er plötzlich einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat und später im Keller wieder zu sich gekommen ist. Das ist alles, und ich fürchte, wir können nicht allzu viel damit anfangen.“

Duggan nickte.

„Der Mord wurde also von langer Hand vorbereitet. Der Page wurde niedergeschlagen. Ein anderer hat sich der Uniform bemächtigt, den Whisky vergiftet und ist dann anschließend hier aufs Zimmer gekommen. Niemand konnte natürlich Verdacht schöpfen.“

„Haben Sie einen Verdacht, wie die Hintergründe für den Mord liegen?“, fragte Blake.

Duggan lächelte.

„Ich weiß gar nichts“, sagte er.

In Wirklichkeit wusste er natürlich sehr viel über die Hintergründe des Falles. Er kannte zwar nicht den Mörder, da er den Pagen nicht weiter beachtet hatte; aber er wusste sehr genau, weshalb George Millo gestorben war.

Man hatte mit allen Mitteln versucht, den Franzosen daran zu hindern, etwas über die Falschgeldaffäre auszuplaudern.

Das war der beste Beweis dafür, dass George Millo nicht gelogen hatte.

„Nein“, wiederholte Duggan lächelnd. „Ich habe wirklich keine Ahnung, welche Motive für den Mord vorliegen.“

 

 

3

Am nächsten Mittag.

Die Maschine aus New York landete pünktlich auf der langgestreckten Betonbahn des Flughafens Orly. Niemand beachtete Archibald Duggan, der als einer der ersten die Gangway herunterstieg und mit langen Schritten auf das Flughafengebäude zuging.

„Etwas zu verzollen?“, fragte der Beamte, als Archibald Duggan seinen Koffer am Schalter in Empfang nahm.

Duggan lächelte verbindlich.

„Leider kein Geschäft zu machen, Monsieur.“

Zwei Minuten später bestieg er vor dem Flughafengebäude ein silbergraues Fiat 2300 S Coupe. Der Wagen hatte die 75er Nummer von Paris, und der Zündschlüssel steckte.

Duggan ließ den Motor anspringen, kitzelte leicht das Gaspedal und ließ den schnellen Wagen wenig später auf die breite Straße zur Seine-Metropole rollen.

Selbst wenn ihn jemand beobachtet hätte, hätte er nichts Ungewöhnliches bemerken können. Alles war mit einer derartigen Selbstverständlichkeit über die Bühne gegangen, dass es so aussah, als sei Archibald Duggan der Besitzer des Renners. Im Grunde genommen war er es auch. Wenn auch nur für kurze Zeit. Der 2300 S hatte auf Anweisung der CIA vor dem Flughafengebäude in Orly gestanden.

Er schlängelte sich mit außerordentlicher Gewandtheit durch den starken Verkehr und erreichte schon nach etwa einer halben Stunde die City. Vor der Ampel am Jardin de Luxembourg musste er stoppen. Er griff sofort in das Handschuhfach und nahm einen Umschlag heraus.

Der Umschlag trug keine Adresse. Dennoch bestand für Archibald Duggan kein Zweifel darüber, dass niemand anders als er der Empfänger sein sollte.

Er riss ihn auf, nahm einen kleinen Zettel heraus und studierte ihn wenige Sekunden.

Auf dem Papierstand nur eine einzige Zeile. Eine Buchstabenkette, deren Inhalt für jeden Laien ein Buch mit sieben Siegeln gewesen wäre. Archibald Duggan hatte den richtigen Codeschlüssel wie immer im Kopf. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er die Botschaft dechiffriert:

„Jean Claude, 35, Rue Saint Denis, 64“.

Außerdem enthielt der Umschlag einen Presseausweis auf den Namen Archibald Duggan. Ausgestellt von der Zentralredaktion des französischen Boulevardblattes „France Soir“.

Duggan überprüfte den Ausweis hastig. Einschließlich des Fotos war alles in Ordnung. Zufrieden griff er noch einmal in das Handschuhfach und nahm das Schild mit dem Aufdruck „Presse“ heraus. Während die Ampel bereits auf grün wechselte, drückte er den Gummipfropfen gegen die Windschutzscheibe.

Die Rue Saint Denis ist eine Parallelstraße des Boulevard de Sebastopol. Soweit Archibald Duggan über Paris informiert war, handelte es sich nicht gerade um die vornehmste Gegend der Seine-Metropole. Vor allem nachts herrschte in diesem Viertel ein etwas anrüchiger Betrieb.

Da er schon häufiger in Paris zu tun gehabt hatte, fand er sich auch ohne Straßenkarte ausgezeichnet zurecht. Er bog kurz hinter Chatelet nach links ab, dann wieder nach rechts und stoppte schließlich vor einem schmutzig aussehenden Haus.

Ohne besondere Eile schob er sich eine Camel zwischen die Lippen und rauchte sie scheinbar hingebungsvoll, während er unauffällig seine Umgebung musterte.

Die Rue Saint Denis war nicht sonderlich breit. Die meisten Häuser machten den Eindruck, als seien sie seit ihrer Erbauung nicht wieder mit einem Pinsel in Berührung gekommen. Es fiel auf, dass fast jedes zweite Gebäude ein Hotel war.

Nahezu vor jedem Hoteleingang stand eine Gruppe von stark geschminkten Mädchen, die keinen Zweifel darüber offenließen, dass sie sich nicht zu ihrem Vergnügen dort aufgebaut hatten.

Duggan stellte wenig begeistert fest, dass er von etlichen der jungen Damen herausfordernd anvisiert wurde. Doch gab er sich den Anschein, als bemerke er es nicht.

Das Haus Nr. 35 hatte ebenfalls einen dieser charakteristischen schmalen Eingänge. Das Erdgeschoss schien von einer Art Laden in Anspruch genommen zu werden. Viel ließ sich nicht erkennen. Schmutzig-graue Rollläden waren heruntergezogen worden.

Duggan warf seine Zigarette auf die Straße, stieg aus, und verschwand mit schnellen Schritten in dem schmalen Eingang. Schon dort konnte er riechen, was die Bewohner in den letzten drei Wochen gegessen hatten. Gewürzt wurde dieser erste Eindruck von einem geradezu erdrückenden Knoblauchgeruch.

Im Treppenhaus war es dunkel. Da er nirgends einen Lichtschalter entdecken konnte, musste er sich so vorwärts tasten. Vorsichtshalber zog er seinen Kugelschreiber aus der Tasche, der am oberen Ende mit einer kleinen Lampe versehen war. Er verzichtete jedoch darauf, die Lampe schon jetzt aufflammen zu lassen. Er wollte keinen Verdacht erregen.

Unangefochten gelangte er bis in den sechsten Stock hinauf. Eine Unzahl von Türen führte auf beiden Seiten des Korridors in die verschiedenen Wohnungen.

Duggan war froh, dass Jean Claude seine Tür genauer bezeichnet hatte. Denn wie in fast allen französischen Häusern fehlte überall der Name des Wohnungsinhabers.

Hinter der vierten Tür auf der rechten Seite war es ruhig.

Duggan klopfte an.

Es geschah nichts.

Daraufhin drückte er die Klinke hinunter, stellte fest, dass die Tür nicht abgeschlossen war, und stieß sie auf. Mit zwei schnellen Schritten war er mitten im Raum.

„Ah, Monsieur Duggan“, rief eine krächzende Stimme. „Welch erlauchter Besuch in meinen niederträchtigen vier Wänden.“

Archibald Duggan hatte den Sprecher noch nicht entdeckt. Hastig sah er sich um.

Über eine Balustrade über ihm lehnte sich ein wenig appetitlich aussehender Mann und grinste so stark, dass man es trotz des wallenden Bartes sogar erkennen konnte.

„Jean Claude?“, fragte Duggan knapp.

„Wie er leibt und lebt. Ich habe schon auf Sie gewartet.“

Duggan war leicht skeptisch. Sein Gegenüber machte eher den Eindruck, als sei er gerade aus dem Bett gescheucht worden.

Er sah sich um, während Jean Claude von der Balustrade herunterkletterte.

Der Raum war ungewöhnlich groß. Etwa zwanzig mal fünfundzwanzig Meter. Außerdem etwa fünf Meter hoch. Etwa die Hälfte des Zimmers war durch eine Zwischendecke aufgeteilt.

„Mein Atelier“, grinste Jean Claude, als er endlich neben Archibald Duggan stand und sich ungeniert an der Brust kratzte. Er zeigte nach oben, wo man hinter der Balustrade eine Staffelei entdecken konnte. Jean Claude schien Maler zu sein; denn über der Zwischendecke war das Schieferdach durch Glas ersetzt worden. Die Wohnung lag direkt unter dem Dach.

„Ausgezeichnet“, sagte Duggan. „Sie wissen, wer ich bin.“

„Wer Sie sind und weshalb Sie nach Paris gekommen sind.“

„Gut. Haben Sie inzwischen alle Informationen eingeholt, die ich brauche.“

Duggan wusste, dass Jean Claude trotz seines heruntergekommenen Aussehens oder vielleicht gerade deshalb einer der fähigsten Verbindungsagenten der CIA war. Ein typischer Einzelgänger, der sich in keine bestehende Form pressen ließ und ständig seine eigenen Wege ging. Dabei war er jedoch außerordentlich erfolgreich.

Jean Claude – natürlich war das nicht sein richtiger Name – griff nach einer halbleeren Rotweinflasche.

„Sie auch?“, fragte er und hielt Duggan die Flasche hin.

Der lehnte ab.

„Whisky?“

„Thanks. Ich trinke vor dem Essen nur ungern.“

„Wie Sie wollen.“ Jean Claude ließ sich auf eine Couch fallen und schob sich eine der schwarzen französischen Zigaretten zwischen die Lippen.

„Sie wollen etwas über George Millo erfahren?“, fragte er.

Duggan ließ sich vorsichtig auf einen der wenig vertrauenerweckenden Stühle nieder.

„Schießen Sie los.“

Er war zwar über George Millo bestens informiert. Dennoch wollte er sich die Beobachtungen von Jean Claude nicht aus der Nase gehen lassen. Eine seiner Faustregeln war es, dass doppelte Informationen immer besser sind als einfache. Man kann sich später das richtige heraussuchen.

„Millo war einer der gerissensten Gangster, die auf dem ganzen Erdball herumlaufen“, begann Claude, ohne seine Gauloise aus dem Mund zu nehmen. „Er stammt aus einem kleinen Dorf in der Bretagne. Dort hatte er vor Jahrzehnten eine gutgehende Gärtnerei. Im Kriege hat er alles verloren. Einschließlich seiner Familie. Von da an war es mit dem ehrlichen Leben vorbei.“

Duggan nickte.

„Millo wurde damals gezwungen, Spionage zu treiben“, fuhr Jean Claude fort. „Als der Krieg vorbei war, hatte er schon eine Meisterschaft entwickelt. Natürlich wurden auch da noch tüchtige Agenten gebraucht. Millo arbeitete also zuerst für die Russen, später auch für die Franzosen, und nach wenigen Jahren war er der Verbindungsmann etlicher Staaten.“ Jean Claude grinste. „Für die CIA hat er übrigens auch einige Zeit gearbeitet.“

Duggan wusste das bereits. „Weiter.“

„Als Millo herausgefunden hatte, dass er mit seinen Nachrichten einen Haufen Geld verdienen konnte, hat er einen Dienst gegen den anderen ausgespielt. Dass er dabei ständig sein Leben riskierte, kümmerte ihn nicht weiter. In den letzten Jahren war er eine der gefährlichsten Hyänen, die überhaupt herumlaufen. Ich bin darüber informiert, dass gleich drei verschiedene Agentendienste hervorragende Leute eingesetzt haben, die Millo einen vorzeitigen Abgang verschaffen sollten.“

„Und welcher hatte Erfolg?“

Jean Claude zuckte mit den Achseln. „Das steht in den Sternen. Wichtig ist einzig und allein, dass Millo tot ist. Alles andere interessiert mich nicht.“

Duggan wusste selbst, dass die Ermittlungen in New York bei seiner Abreise noch nichts ergeben hatten. Es hatte auch nicht danach ausgesehen, als würde dieser Mordfall jemals aufgeklärt werden. Der falsche Page war wie vom Erdboden verschwunden.

„Die Nachrichten von Millo können aber als heiß gelten?“, fragte er.

„Todsicher. Er war zwar ein Gangster. Aber wenn er etwas verkaufte, dann konnte man sich darauf verlassen, dass das, was man bezahlte, auch in Ordnung war.“

„Dann trifft es also zu, dass irgendein Staat versucht, die westlichen Währungen durch Falschgeldeinfuhr zu erschüttern?“

Jean Claude strich langsam über seine zerschlissene Hose. „Vermutlich“, sagte er dann.

„Damit kann ich nicht viel anfangen.“

Jean Claude verzog sein Gesicht erneut zu einem Grinsen. Obgleich seine Zigarette jetzt höchstens noch einen Zentimeter lang war, schien er noch gar nicht daran zu denken, sie aus dem Mund zu nehmen. Nicht einmal jetzt, als er lächelte.

„Ich bin während der ganzen Nacht unterwegs gewesen“, erklärte er. „Und Sie können mir glauben, dass mir so leicht nichts entgeht. Aber es ist wie verhext. Diesmal konnte ich einfach keine handfesten Informationen bekommen.“

„Ist das alles?“

„Ich weiß nur so viel, dass etwas im Gange ist. Alles spricht dafür, dass ein großer Coup geplant wird. Falschgeld soll dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Mehr lässt sich aber nicht erfahren.“

Duggan war mit diesem mageren Ergebnis mehr als unzufrieden. Aber er wusste, dass er dem Agenten Glauben schenken konnte.

„Wo lassen sich die Anzeichen feststellen?“, fragte er knapp.

„Rue de Mondetour. Dort liegt eine kleine Bar, die wegen ihrer niedrigen Preise hauptsächlich von Fernfahrern besucht wird.“

„Name?“

„Chez Gisele.“

Duggan erhob sich und strich seinen Anzug glatt. Mit zwei schnellen Schritten war er an der Tür.

Jean Claude hatte seine Stellung nicht verändert.

„Am Tage können Sie dort nichts erreichen“, rief er Duggan nach. „Les Halles lebt erst nachts richtig auf.“

„Danke.“

Duggan trat auf den Korridor hinaus, eilte die Treppe hinunter und kletterte wenig später wieder in seinen Fiat.

Bis zur Rue de Mondetour war es nicht allzu weit. Er hatte Schwierigkeiten, die von Jean Claude genannte Bar zu finden. Sie war geschlossen.

Er fuhr durch etliche Seitenstraßen und blickte immer wieder in den Rückspiegel. Nach einer Viertelstunde war er sicher, dass er nicht verfolgt wurde.

Zufrieden lenkte er den Wagen zum Norden von Les Halles und stoppte dort vor einem einigermaßen vertrauenerweckenden Hotel. Er hatte den Eindruck, dass sein Aktionsfeld diesmal auf das Viertel der Markthallen beschränkt sein würde. Deshalb hielt er es für das beste, wenn er ganz in der Nähe wohnte.

Er nahm ein Zimmer im dritten Stock, musste einige Zeit mit dem Mädchen verhandeln, bis er ein Bad nehmen durfte, und ging anschließend in ein nahe liegendes Restaurant.

Erst als es draußen dunkel wurde, bestieg er wieder seinen Renner. Er fuhr nach St. Gratien hinaus, einem kleinen Vorort von Paris, der jedoch praktisch zur Stadt gehörte.

Als er dort eintraf, war es bereits völlig dunkel. Er stellte den 2300 S in einer schmalen Seitenstraße ab und unternahm dann zu Fuß einen kurzen Rundgang. Der kleine Ort machte einen recht guten Eindruck. Schon an den schweren Fahrzeugen, die überall auf den Straßen standen, konnte man erkennen, dass sich hier viele reiche Pariser niedergelassen hatten.

Sein Interesse galt einer Villa, die von einer hohen Buschhecke abgeschirmt wurde. Er sah sich um, stellte fest, dass er nicht beobachtet wurde, und wollte das Tor aufdrücken.

Gerade noch rechtzeitig erkannte er, dass vor dem Eingang der Villa ein Polizist stand.

Sofort zog Duggan sich wieder zurück. Er hoffte nur, dass der Polizist ihn nicht bemerkt hatte.

Wenige Minuten später erreichte er die Rückseite des Hauses. Er musste ein fremdes Grundstück überqueren und über einen Zaun klettern. Langsam und so lautlos wie möglich schob er sich durch die Büsche des Parks vorwärts.

Nach etwa zwanzig Yards hatte er den Buschstreifen hinter sich gebracht. Er blieb in Deckung und spähte zur Villa hinüber.

Erstaunt stellte er fest, dass hinter den meisten Fenstern der Rückseite Licht brannte. Schließlich entdeckte er auch mehrere Fahrzeuge, die etwa fünfzig Yards von ihm entfernt zwischen den Büschen abgestellt worden waren.

Er pfiff durch die Zähne.

Obgleich der Tod von George Millo bisher geheimgehalten worden war, musste die französische Polizei doch etwas davon erfahren haben.

 

 

4

Er hatte die Absicht gehabt, der Villa des Ermordeten einen Besuch abzustatten, da er hoffte, dort Näheres über den geplanten Coup mit dem Falschgeld zu erfahren. Doch jetzt gab er diesen Plan auf. Wenn überhaupt Material vorhanden war, dann fänden es die Franzosen.

Allerdings war es äußerst fraglich, ob sie überhaupt etwas erreichen würden. Millo war viel zu raffiniert gewesen. Ein Bursche wie er hütete sich davor, irgendwelche Aufzeichnungen zu machen, die ihm später zum Verhängnis werden können.

George Millo hatte sein Wissen um die Falschgeldaffäre vermutlich mit ins Grab genommen.

Archibald Duggan trat den Rückzug an. Doch er kam nicht weit.

Nur etwa fünf Yards von ihm entfernt lehnte ein Mann an einem Baumstamm. Er hatte den Kragen seines Trenchcoats hochgeschlagen und sich den Hut tief in die Stirn gezogen.

In der Rechten hielt er einen Revolver. Die Mündung war auf Duggan gerichtet.

Archibald Duggan war stehengeblieben. Ruhig blickte er dem anderen entgegen.

„Hände hoch!“, knurrte der Unbekannte unfreundlich. „Keine Dummheiten. Sonst mache ich meinen Zeigefinger krumm.“

Duggan hob gehorsam die Arme.

„Sonst noch irgendwelche Wünsche?“, erkundigte er sich höflich.

„Umdrehen!“

Duggan gehorchte.

Der andere sprach ohne jeden Akzent. Duggan erkannte daran, dass er es mit einem Franzosen zu tun hatte. Vermutlich einem der Posten, die die Polizei aufgestellt hatte.

Da er sich keinen Illusionen darüber hingab, dass die Franzosen es nicht sonderlich gern sehen würden, dass er sich hier einmischte, war er sich darüber im Klaren, dass er seine Personalien nicht angeben durfte.

Er hatte den Auftrag, allein zu arbeiten. Die französische Regierung war nicht darüber informiert. Trotz seines Presseausweises würde er also allerhand Schwierigkeiten bekommen. Vor allem musste er damit rechnen, dass ihn die Geheimpolizei in Zukunft beschatten würde. Und genau das wollte er verhindern.

Er hörte, wie sich der Mann im Trenchcoat von hinten an ihn heranschob. Gleich darauf fühlte er die harte Mündung im Rücken.

„Keine Bewegung“, warnte der andere. Mit kundigen Griffen tastete er Duggan eilig ab. Er fand die 38er Smith & Wesson Magnum.

Genau in dem Augenblick, in dem er die Waffe aus dem Schulterholster herausziehen wollte, zeigte Archibald Duggan, dass er nicht nur einen Kopf zum Denken hatte, sondern außerdem ein Meister im Jiu-Jitsu war. Davon schien sein Gegner keine Ahnung zu haben.

Der Bursche hatte Schwierigkeiten damit, Duggans Magnum aus dem Holster zu ziehen. Das lag daran, dass Archibald den linken Oberarm fest gegen die Brust gepresst hatte. Aber das konnte sein Gegner natürlich nicht ahnen.

Der Druck der Revolvermündung ließ naturgemäß nach, da sich der andere auf seine Rechte konzentrierte. Diesen Augenblick nutzte Duggan aus.

Er trat blitzschnell nach hinten gegen das Schienbein des anderen und warf sich gleichzeitig zur Seite. Noch im Sturz schlug er mit der linken Hand den Arm des anderen hoch. Der Schlag war so genau berechnet, dass die Waffe im hohen Bogen davonflog.

Duggan war sofort wieder auf den Beinen. Der Mann im Trenchcoat hatte noch gar nicht richtig begriffen, was gespielt wurde, als ihn auch schon ein sanfter Handkantenschlag in den Nacken traf.

Der Bursche wollte noch etwas sagen. Zumindest öffnete er seinen Mund. Was er jedoch hervorzubringen hatte, das sollte Archibald Duggan nie erfahren. Der Kerl taumelte zuerst und ging dann wie ein Sack voll Steine zu Boden.

Duggan zog seinen Anzug glatt, sah sich kurz um und trat dann den Rückzug an, als er sicher war, dass den kurzen Zwischenfall niemand beobachtet hatte.

Unangefochten erreichte er über das Nachbargrundstück die Straße, marschierte mit schnellen Schritten zu der Stelle zurück, wo er den 2300 S abgestellt hatte, und klemmte sich hinter das Steuer.

Eine halbe Minute später raste der schnelle Wagen mit hoher Geschwindigkeit in Richtung City.

 

 

5

Nachts hat man nicht die geringsten Schwierigkeiten, die Bar „Chez Gisele“ zu finden. Flimmernde Neonreklamen lassen sie schon von Weitem erkennen.

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Archibald Duggan wieder bei seinem Hotel eingetroffen war. Er hatte den Wagen dort abgestellt und den Rest des Weges bis zur Bar zu Fuß zurückgelegt.

Das Bild des Viertels hatte sich in den letzten Stunden stark gewandelt. Die schmalen Straßen waren jetzt von Lastwagen blockiert, so dass es unmöglich war, mit einem Privatfahrzeug hindurchzukommen.

Vor den Hotels hatte sich die Zahl der leichten Mädchen inzwischen ebenfalls stark vergrößert. Archibald Duggan hatte Schwierigkeiten, an ihnen vorbeizukommen.

Auch vor der Bar „Chez Gisele“ hatte sich eine Anzahl junger Damen eingefunden.

Die Bar erwies sich als reichlich seltsam. Sie war nur etwa drei Meter breit. Dafür jedoch fast zehn Meter lang. Der größte Teil des langen Raumes wurde von der Theke eingenommen, an der etwa zwei Dutzend wenig vertrauenerweckende Gestalten herumlungerten.

An beiden Längswänden waren durchgehende Spiegel angebracht worden. Man konnte also die ganze Bar übersehen, ohne seine Stellung verändern zu müssen.

Duggan wurde nicht beachtet, als er eintrat. Er schob sich an der Bar entlang, suchte einen freien Platz und blieb stehen. Hocker schienen hier als überflüssiger Luxus zu gelten. Zumindest hatte er noch keinen entdeckt.

Unauffällig sah er sich um.

„Sie wünschen?“, fragte einer der stämmigen Barkeeper.

„Ein Bier“, verlangte Duggan. Er hatte bemerkt, dass fast alle der Anwesenden Bier tranken. Da er nicht auffallen wollte, hatte er sich ebenfalls dafür entschieden.

Eine halbe Minute später stand das Getränk vor ihm.

Gleichzeitig sah er, wie eine Serviererin mit einem Tablett an die Theke herantrat und eine größere Bestellung aufgab.

Da er sich sagte, dass eine Serviererin hier überflüssig war, schloss er daraus, dass es noch weitere Räume geben musste.

Er griff nach seinem Glas und zündete sich anschließend eine Zigarette an. Es wirkte so, als sei er völlig mit sich selbst beschäftigt. In Wirklichkeit ließ er jedoch die Frau keine Sekunde aus den Augen.

Tatsächlich verschwand sie wenig später hinter einem Vorhang am Ende des langgestreckten Raumes.

Er leerte sein Glas mit einem Zuge und warf eine Münze auf die Theke. Dann trat er zurück und schob sich langsam an den Männern entlang. Da keiner von ihnen freiwillig Platz machte, musste er sie beiseite schieben, was ihm jedoch niemand übelzunehmen schien.

Als er den Vorhang erreichte, warf er hastig einen Blick in den Spiegel. Er wurde nicht einmal von den Barkeepern beachtet.

Ohne besondere Eile schob er den Vorhang zur Seite, stieg drei Stufen hinauf und ließ den Stoff wieder zurückgleiten.

Hier oben war es weitaus gemütlicher als im vorderen Raum. Sofas waren so aufgestellt worden, dass sich abgeteilte Nischen bildeten. Die meisten Plätze waren besetzt.

Duggan entdeckte ein freies Sofa am Ende der Reihe. Er schob sich an der Serviererin vorbei, die wieder zur Theke unterwegs war, und ließ sich dort nieder.

Hier oben schienen sich die besseren Gäste aufzuhalten. Die meisten von ihnen tranken Whisky oder Gin. Außerdem war keiner der männlichen Anwesenden allein. Alle befanden sich in der Gesellschaft eines Mädchens. An der Aufmachung der Damen erkannte Duggan, dass es sich um dieselbe Ausführung handelte, die er schon am Eingang gesehen hatte.

Direkt am Vorhang befand sich ein Tisch, an dem vier Mädchen saßen. Alle Vier lächelten zu Archibald Duggan herüber.

Da er nicht die Absicht hatte, sich trübsinnigen Gedanken hinzugeben, gab er das Lächeln zurück. Er hoffte jedoch, dass sich nicht gleich alle vier angesprochen fühlen würden.

Eine schlanke Blondine erhob sich und näherte sich dem Tisch von Duggan. Doch sie kam nicht allzu weit.

Der Vorhang wurde zur Seite gewischt, und die Rothaarige trat ein, die Duggan schon am Eingang gesehen hatte. Sie packte die Blondine am Gürtel und hielt sie zurück.

Sekundenlang zischten sich die beiden an. Duggan erkannte, dass sie Argot sprachen. Einen Slang, den selbst viele Franzosen nicht verstehen. Er war sicher, dass er nichts versäumt hatte.

Das Ergebnis der kurzen Auseinandersetzung sah so aus, dass die Blondine sich wieder an ihren Tisch zurückzog, während sich die Rothaarige an Archibald Duggan heranmachte.

„Was trinken wir denn, Cherie?“, fragte sie und ließ sich so an seiner Seite nieder, dass er Platzangst bekommen musste.

Duggan lächelte.

„Wenn du schon achtzehn bist, wäre wohl Whisky angebracht.“

„Achtzehn plus vier Wochen“, antwortete sie stolz. „Ich heiße übrigens Chantal.“

Duggan musterte die Kleine anerkennend. Sie hatte eine ausgezeichnete Figur, sogar erstklassige Beine, und auch die roten Haare schienen nicht von einem Friseur herbeigezaubert worden zu sein. Alles in allem ein Mädchen, mit dem man sich sehen lassen konnte. Ihr Pech war es nur, dass sie einen etwas zweifelhaften Beruf erwischt hatte.

Duggan machte keinerlei Anstalten, seinen Namen zu nennen. Stattdessen winkte er die Serviererin herbei und bestellte Whisky.

„Bist du Tourist?“, fragte Chantal.

Duggan bot ihr eine Zigarette an.

„Fast“, antwortete er. „Ich reise durch die Welt und verbringe meine Zeit damit, anderen Leuten Löcher in den Bauch zu fragen.“

Chantal verstand sofort, wie es den Anschein hatte. Aber sie dachte gar nicht daran, ihre Neugier einzustellen.

„Was hältst du davon, wenn ich dich Archie nenne“, erkundigte sie sich.

„Gar nichts.“

„Ich werde es trotzdem tun“, entschied sie.

Duggan war ganz und gar nicht damit einverstanden. Archie war die französische Form von Archibald. Damit kam das Mädchen der Wahrheit schon ziemlich nahe. Außerdem ging ihm ihre Fragerei langsam auf die Nerven. Schließlich war er hierher gekommen, um etwas über die Falschgeldaffäre zu erfahren.

Das Mädchen bewegte sich näher an ihn heran. Sie schien es sich in ihren Kopf gesetzt zu haben, ihn zu umgarnen.

Duggan musterte währenddessen unablässig seine Umgebung. Nichts in dem kleinen Barraum entging seiner Aufmerksamkeit.

Es entging ihm auch nicht, dass sich ein mittelgroßer Mann durch den Vorhang geschoben hatte und dort stehengeblieben war. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte mürrisch zu den beiden herüber.

Duggans Interesse war sofort geweckt. Der untersetzte Typ schien die Rothaarige näher zu kennen. Der Bursche wirkte wie ein Fernfahrer, wie sie in dieser Gegend zu Hunderten herumliefen.

Chantal zuckte leicht zusammen.

Duggan stellte aus den Augenwinkeln heraus fest, dass sie den Unbekannten ebenfalls bemerkt hatte.

„Ein Freund von dir?“, fragte er scheinbar uninteressiert.

Chantal antwortete überhaupt nicht. Sie machte sich von ihm los und stand auf.

„Einen Augenblick.“

Duggan lächelte.

„Meinetwegen kann der Augenblick auch ruhig etwas länger dauern. Ich habe Zeit.“

Seltsamerweise sagte der Fernfahrer kein Wort, als Chantal bei ihm auftauchte. Er hob den rechten Arm und machte mit dem Daumen eine Bewegung zur Straße. Gehorsam schob sich das Mädchen daraufhin durch den Vorhang. Der Mann folgte ihr.

Duggan hatte sich eine neue Zigarette angezündet, Er sah sich dann im Barraum um und tat so, als halte er nach einem neuen Mädchen Ausschau, da ihm die Rothaarige davongelaufen war.

Er zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: „Hier ist nicht genug los.“

Mit einem Zug leerte er sein Glas, warf einen Schein auf den Tisch und schob sich ohne besondere Eile in den vorderen Raum. Dort war nirgends mehr eine Spur von den beiden zu entdecken.

Er zwängte sich an der Bar vorbei und trat auf die Straße. Gerade rechtzeitig. Chantal und der Fernfahrer verschwanden im selben Moment um die nächste Straßenecke.

Duggan schlug den Kragen seines Jacketts hoch und schob die Hände in die Hosentaschen. Dann setzte er sich in Bewegung.

Als er die Ecke erreichte, kletterte die Rothaarige gerade in einen Ford Thunderbird, während der Fernfahrer es sich auf dem zweiten Sitz bequem machte.

Duggan pfiff durch die Zähne.

Der Thunderbird kostete hier in Frankreich ein kleines Vermögen. Unvorstellbar, dass ein Mädchen wie die Rothaarige sich einen derartigen Luxuswagen leisten konnte.

Duggan sprang in ein Taxi, das gerade vorbeikam.

„Folgen Sie dem Thunderbird“, befahl er knapp.

Der Taxifahrer schob die Zigarette in den anderen Mundwinkel, ließ den Ford etwa hundert Yards vorausfahren und gab dann Gas. Bereits nach wenigen Minuten wusste Duggan, dass er Glück gehabt hatte. Sein Mann verstand etwas von Verfolgungsfahrten. Er klebte sich nicht einfach hinter den anderen Wagen, sondern hielt immer schön auf Abstand.

Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Dann stoppte der Thunderbird in der Rue Berger vor einem Mietshaus.

„Warten Sie hier“, befahl Duggan.

Er sprang hinaus und sah gerade noch, wie die Rothaarige und der Fernfahrer in dem Haus verschwanden. Ohne Eile schlenderte er die Straße hinunter, blieb in der Nähe des Einganges stehen und sah sich vorsichtig, jedoch unauffällig um.

Er hatte den Eindruck, dass er nicht beobachtet wurde. Daraufhin verschwand er mit einem Satz in dem dunklen Treppenhaus.

Die Rothaarige und der Fernfahrer hatten darauf verzichtet, das Licht einzuschalten. Duggan schloss daraus, dass die beiden sich im Erdgeschoss oder im ersten Stock aufhielten.

Er war gespannt, was er hier erfahren würde. Irgend etwas konnte hier nicht in Ordnung sein. Das Benehmen des Fernfahrers und der Thunderbird des Mädchens. Beides zusammen hatte den Verdacht des Agenten erweckt.

Er hörte Stimmen.

Blitzschnell presste er sich in den toten Winkel unter der Treppe.

„Es läuft alles wie verabredet“, sagte jemand. Duggan erkannte die Stimme der Rothaarigen. „Ich habe die Wohnung unter meinem Namen gemietet. Wenn du dich nicht allzu oft in meiner Gegenwart sehen lässt, schöpft niemand Verdacht.“

„Wer war der Bursche, mit dem du zusammen warst?“, fragte der Fernfahrer drohend.

Das Mädchen lachte auf. „Bist du etwa eifersüchtig?“

„Das nicht. Aber ich habe es nicht allzu gerne, wenn du dich zu nahe mit Fremden einlässt. Es genügt, wenn du mit ihnen herumschäkerst. Im Ernstfall kannst du dann immer noch einen Rückzieher machen.“

„Idiot“, zischte die Rothaarige. „Glaubst du im Ernst, ich habe mich mit ihm eingelassen, um mit ihm zu turteln?“

„Sondern?“

Die Stimme des Fernfahrers hatte einen gefährlichen Unterton angenommen. Die beiden waren im Treppenhaus stehengeblieben. Duggan fürchtete schon, der Bursche würde handgreiflich werden. Doch er überlegte es sich noch einmal.

„Antworte“, knurrte er.

„Aus dem einfachen Grunde, weil ich einen Verdacht habe.“

„Was für einen Verdacht?“

„Das werde ich dir später sagen. Erst will ich Gewissheit haben.“

„Diable“, knurrte der Fernfahrer. „Du weißt verdammt gut, wer hier der Chef ist. Ich dulde es nicht, wenn jemand Extratouren macht. Verstanden? Wenn du glaubst, du könntest auf eigene Faust arbeiten, dann mach ich dich fertig. Unter Fertigmachen verstehe ich in diesem Fall absolutes Ende. Klar?“

Duggan spähte vorsichtig am Treppengeländer vorbei. Der Fernfahrer hatte die Rothaarige gepackt und hielt sie fest.

„Du kannst dich ruhig deutlicher ausdrücken“, lachte die Kleine. „Ich weiß so und so, dass es nicht dein erster Mord wäre.“

„Halt den Mund! Komm endlich zur Sache!“

„Keine Angst. Ich werde dir meine Befürchtungen nicht ersparen. Ich hatte den unangenehmen Eindruck, dass der Fremde eine seltsame Ähnlichkeit mit …“

Duggan zuckte zusammen. Denn der Name, den die Rothaarige nannte, war sein eigener.

Deshalb hatte die Kleine also auch Archie als Vornamen vorgeschlagen. Sie hatte nur seine Reaktion auf diesen Namen prüfen wollen.

„Du bist verrückt“, knurrte der Fernfahrer. „Duggan soll sich irgendwo in den Staaten aufhalten. Außerdem hat die CIA noch gar keinen Grund, sich einzuschalten. Die sind erst später an der Reihe.“

Die Kleine lachte wieder.

„Vielleicht haben sie einen Tipp bekommen. So etwas geht heutzutage schneller, als man glaubt. Außerdem gibt es Flugzeuge. Jemand, der gestern noch in Amerika schwitzte, kann heute schon an der Seine herumlaufen.“

Der Fernfahrer schwieg einige Augenblicke.

„Was sollen wir tun?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Du bist der Chef. Vor wenigen Minuten hast du es mir noch unter die Nase gerieben.“

Der Tonfall der Rothaarigen war höhnisch. Offensichtlich war sie stolz darauf, dem Burschen eins ausgewischt zu haben.

„Bon“, entschied er sich. „Ich werde heute Nacht noch mit L 1 sprechen. Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu entscheiden, was mit diesem Fremden geschieht.“

„Und inzwischen macht er hier den Teufel los“, meinte die Rothaarige.

„Das wird er nicht tun. Du bist dafür verantwortlich, dass er keine Dummheiten macht. Du wirst dich an ihn hängen und dafür sorgen, dass er keine Zeit findet, hinter uns her zu spionieren. Das ist im Moment alles, was wir tun können.“

„Plötzlich gar nicht mehr eifersüchtig?“

„Halt den Mund!“ Der Fernfahrer schien ernstlich Schwierigkeiten zu haben. Das Auftauchen eines amerikanischen Agenten bedeutete ihm offensichtlich das gleiche, wie einem Kampfstier das rote Tuch.

Die beiden verließen das Haus. Duggan wartete noch kurze Zeit an seinem Platz. Dann ging er vorsichtig zur Straße, vergewisserte sich, dass der Thunderbird verschwunden war, und kehrte ins Treppenhaus zurück. Leise stieg er die Stufen zum ersten Stock hinauf.

Hinter zwei Türen brannte Licht. Hinter der dritten war es dunkel. Duggan schloss daraus, dass das der Raum war, in dem sich die Rothaarige und der Fernfahrer aufgehalten hatten.

Die Tür war verschlossen. Er tastete nach dem Schloss und schob einen seiner Universalschlüssel hinein. Eine Spezialanfertigung aus Kunststoff, mit der man völlig lautlos arbeiten kann.

Es handelte sich um ein Sicherheitsschloss. Er brauchte fast zehn Minuten, um es zu überlisten. Zwischendurch legte er immer wieder Pausen ein und lauschte.

Schließlich hatte er es geschafft. Er trat ein, verschloss die Tür wieder, und schaltete die Beleuchtung ein.

An der Flurgarderobe hing nicht ein einziges Kleidungsstück. Eilig stieß er auch die übrigen Türen auf. Das Ergebnis dieses kurzen Rundganges war eindeutig. Die Möblierung war ziemlich sparsam. Überall lag Staub.

Als erstes nahm er sich die Küche vor. Er wusste aus Erfahrung, dass man hier am ehesten etwas über die Gewohnheiten eines Wohnungsbesitzers herausfinden konnte.

Tatsächlich stellte er fest, dass der Geschirrschrank nur einige Gläser enthielt. Das war alles. Er schloss daraus, dass die Wohnung überhaupt nicht benutzt wurde. Offensichtlich diente sie nur für gelegentliche Treffen.

Anschließend nahm er sich eine Art Wohn- und Arbeitszimmer vor. Der Schreibtisch war nicht abgeschlossen. Als er geöffnet hatte, musste er erkennen, dass sämtliche Fächer leer waren.

Auch im Bücherschrank entdeckte er nichts, was sein Interesse erweckt hätte. Einige alte Zeitungen und Groschenromane. Das war die ganze Ausbeute.

In aller Ruhe sah er sich weiter um. Er nahm die Bilder von der Wand. Seine Hoffnung, dahinter einen Privatsafe zu finden, bestätigte sich jedoch nicht. Dennoch gab er nicht auf.

Er durchsuchte das Arbeitszimmer mit aller Gründlichkeit. Als er dort nichts finden konnte, ging er in den letzten Raum hinüber. Das Schlafzimmer. Es schien am wenigsten benutzt zu werden; denn hier war die Staubschicht am dicksten.

Er blieb an der Tür stehen und musterte den Fußboden. Der Staub war gleichmäßig verteilt. Nirgends waren Spuren zu erkennen, die darauf hindeuteten, dass jemand das Zimmer in der letzten Zeit betreten hatte. Daraufhin beschloss er, diesen Raum unbeachtet zu lassen.

Als er ins Arbeitszimmer zurückkehrte, fiel sein Blick auf den Teppich. Er erkannte, dass er nicht ganz gerade lag. Sofort war sein Verdacht geweckt.

Er hob den Teppich an und rollte ihn zusammen. Dann machte er sich daran, jeden Zoll des Bodens zu untersuchen.

Er brauchte nicht allzu lange, dann hatte er herausgefunden, dass sich in der Mitte drei Dielen bewegen ließen. Er nahm sie vorsichtig heraus und entdeckte darunter einen Hohlraum.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Das war genau das, wonach er gesucht hatte. Ein Versteck, in dem man allerhand verschwinden lassen konnte.

Er zog die Plane zur Seite, die das Loch abdeckte, und fand drei Nylonsäcke. Er rührte sie nicht an, sondern holte seinen Kugelschreiber aus der Tasche. Sorgfältig leuchtete er die drei Behälter ab und prägte sich genau alle Einzelheiten ein. Erst dann zog er einen der Säcke heraus.

Er war erstaunt, dass der Inhalt so schwer war. Da der Sack an der Öffnung mit Stahldraht verschlossen und verplombt war, konnte er nicht mit Sicherheit feststellen, was sich in dem Nylonsack befand.

Er wollte die Plombe unter keinen Umständen verletzen. Wenn er auch nur die geringste Spur hinterließ, würde die Gegenseite Bescheid wissen. Er war sich im Klaren darüber, dass das unabsehbare Folgen haben würde. Auf jeden Fall würde er die Fährte dann verlieren, da seine Gegner sich sofort ein anderes Versteck suchen würden.

Obgleich für ihn nicht der geringste Zweifel darüber bestand, dass die Nylonsäcke einige Hunderttausend in falschen Banknoten enthielten, dachte er gar nicht daran, die Blüten zu vernichten. Damit erreichte er nur, dass seine Gegner gewarnt sein würden. Es würde für sie eine Kleinigkeit sein, die von ihm vernichteten Banknoten durch neue zu ersetzen.

Für Duggan kam es darauf an, dass er den Chef des Agentennetzes unschädlich machte. Wenn es möglich war, musste er auch die meisterhaft gefälschten Druckstöcke beseitigen. Nur auf diese Art konnte er die Gefahr abwenden.

Er legte den Nylonsack wieder genauso in das Loch, wie er ihn vorgefunden hatte. Dann passte er die Dielen wieder in die Fugen und legte den Teppich darüber.

Anschließend machte er einen erneuten Rundgang durch die Wohnung. Erst als er ganz sicher war, dass niemand erkennen konnte, dass ein Unbefugter hier gewesen war, trat er auf den Korridor hinaus.

Er horchte einige Sekunden an der Tür. Draußen war es totenstill. Zufrieden schob er seinen Universalschlüssel ins Schloss. Da er die Konstruktion jetzt schon kannte, brauchte er nur wenige Augenblicke.

Er schloss wieder ab, eilte die Treppe hinunter, spähte kurz auf die Straße und hastete dann zu dem Taxi, das immer noch wartete.

„Zurück zu der Stelle, wo ich eingestiegen bin“, verlangte er.

Der Fahrer murrte etwas davon, dass er verdammt lange gewartet hätte. Duggan honorierte das wenige Minuten später mit einem ansehnlichen Trinkgeld, woraufhin sie doch noch in Freundschaft schieden.

In der Bar herrschte immer noch starker Betrieb, obgleich es schon nach Mitternacht war. Duggan schob sich an der Theke entlang und betrat den Hinterraum, nachdem er den Vorhang mit einer lässigen Bewegung beiseite geschoben hatte.

Die Rothaarige saß jetzt wieder an dem Tisch, an dem sie Duggan zurückgelassen hatte. Neben ihr hatte sich der Fernfahrer breitgemacht. Er sprach eifrig auf das Mädchen ein.

Als Duggan sich näher an die beiden heranschob, stieß die Rothaarige dem Fernfahrer hastig in die Seite und flüsterte ihm etwas zu.

Der Mann erhob sich sofort.

Duggan trat lächelnd an den Tisch. „Störe ich?“, erkundigte er sich.

Das Mädchen entblößte sein Gebiss zu einem Begrüßungslächeln, als wollte es sagen, niemand hätte ihr in den letzten Stunden so sehr gefehlt, wie ausgerechnet Duggan.

Der Fernfahrer versuchte, sich an Duggan vorbeizudrängeln. Er gab sich den Anschein, als beachte er den Ankömmling überhaupt nicht.

Der Agent ergriff seinen Arm.

„Ich will Ihnen die Kleine nicht abspenstig machen“, meinte er.

Der Fernfahrer schien unangenehm berührt zu sein.

„Keine Spur“, presste er hervor. „Ich kenne das Mädchen überhaupt nicht.“

Er strengte sich an, um ein Grinsen auf seine Lippen zu bringen. Offensichtlich wollte er seinen Worten damit den überzeugenden Hintergrund geben.

Duggan nickte nur.

„Ausgezeichnet“, meinte er und wandte sich wieder dem Tisch zu. Ohne sich weiter um den Fernfahrer zu kümmern, ließ er sich neben der Rothaarigen auf dem Sofa nieder.

Es hatte jedoch nur den Anschein, als beachte er den anderen nicht mehr. In Wirklichkeit entging es ihm nicht, dass der Fahrer hastig durch den Vorhang verschwand.

Das heißt, er wollte es. Aber es gab einen kleinen Zwischenfall, mit dem nur die wenigsten der Anwesenden etwas anfangen konnten.

Der Fernfahrer war mit einem bärtigen Mann zusammengestoßen, der Ähnlichkeit mit einem heruntergekommenen Künstler hatte. Duggan erkannte in dem Neuankömmling niemand anderes als seinen alten Bekannten Jean Claude.

Der Maler schien voll betrunken zu sein, Er versperrte den Weg und torkelte leicht herum, bevor er sich dazu entschloss, dem Fernfahrer um den Hals zu fallen und auf ihn einzureden.

Im ersten Augenblick war Duggan von dem Anblick des Malers wenig erbaut gewesen. Da Jean Claude bis zum Hals voll zu sein schien, bestand die Gefahr, dass er in seiner Trunkenheit verriet, dass Duggan ihm kein Unbekannter war.

Doch bereits nach wenigen Sekunden erfuhr Duggan, dass seine Befürchtungen unnötig waren.

Jean Claude blinzelte ihm kurz zu. Es sah so aus, als kniffe er die Augen nur zusammen, da ihm das Lampenlicht zu hell war.

Duggan begriff. Er kniff ebenfalls das Auge kurz zu.

Jean Claude begann daraufhin laut zu singen. Noch immer gab er dem Fernfahrer den Weg nicht frei. Stattdessen stieß er ihm seinen ausgestreckten Zeigefinger in den Rücken.

„Piffpaff!“, rief er dazu fröhlich.

Alles lachte. Auch Duggan. Nur mit dem Unterschied, dass er außerdem unmerklich nickte.

Das Weitere spielte sich daraufhin ziemlich schnell ab. Jean Claude schien plötzlich gar nicht mehr so stark daran interessiert zu sein, in die Bar einzudringen. Zusammen mit dem Fernfahrer verschwand er hinter dem Vorhang.

„War das ein Freund von Ihnen?“, fragte Duggan scheinbar eifersüchtig.

Die Rothaarige lachte auf.

„Er wollte es werden. Aber da du mir nun einmal besser gefällst, habe ich ihn abblitzen lassen.“

„Ausgezeichnet“, freute sich Duggan. „Sieht ganz so aus, als hätte ich Schlag bei den Frauen.“

Er griff nach der Whiskyflasche, die immer noch auf dem Tisch stand, und goss ihre beiden Gläser wieder voll. Im Stillen wunderte er sich darüber, dass Chantal bisher darauf verzichtet hatte, ihn danach zu fragen, wo er sich herumgetrieben hatte.

Seine Rechte glitt unauffällig in die Tasche. Seine Finger fanden dort ein Papierbriefchen, das er vorsichtig aufriss.

„Weißt du eigentlich, dass du mich noch gar nicht geküsst hast“, flüsterte er Chantal scheinbar verliebt zu.

Sie lachte.

„Du gehst aber ’ran“, meinte sie anerkennend.

„Mir bleibt nichts anderes übrig“, antwortete Duggan. „Ich kann leider nur einige Tage in Paris Station machen.“

Chantal schien wirklich nicht abgeneigt zu sein, ihn zu küssen. Sie legte ihm die Arme um den Hals und zog ihn an sich.

Duggans Rechte glitt wieder aus der Tasche. Das Papierbriefchen war so klein, dass es niemand zwischen seinen Fingern erkennen konnte.

In dem Augenblick, in dem Chantal ihre Lippen auf die seinen presste, befand sich seine Rechte über ihrem Whiskyglas. Unauffällig ließ er das weiße Pulver auf die Flüssigkeit fallen.

Er zerknüllte das Papier und ließ es unter dem Tisch verschwinden. Dann widmete er sich dem Mädchen, um keinen Verdacht zu erregen.

Er war verblüfft. Chantal verstand ihr Geschäft. Ihr Kuss brannte wie Feuer.

Doch er blieb ruhig.

„Nicht schlecht“, erkannte er an. „Etwas für Fortgeschrittene!“

Details

Seiten
144
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937688
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535785
Schlagworte
archibald duggan treffpunkt pigalle

Autor

Zurück

Titel: Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle