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Kopfgeld für El Indio

2020 144 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kopfgeld für El Indio

Copyright

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Kopfgeld für El Indio

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

 

Es sieht sehr schlecht aus für El Indio, der fünf Jahre unschuldig im Gefängnis saß wegen eines Bankraubes, den er nicht begangen hat. Nach der Entlassung kehrt er zurück in seine Heimatstadt. Dabei erschießt er in Notwehr seinen Widersacher. Nun ist er wieder ein Gejagter und der korrupte Bankdirektor setzt alles daran, damit die Wahrheit nicht herauskommt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Eine Revolvermündung war direkt auf Hanks Stirn gerichtet. Dahinter funkelten gefährliche Augen zwischen einer tief herab gezogenen Hutkrempe und dem Rand eines Halstuches, das die untere Gesichtshälfte des Banditen verdeckte. Das trockene Knacken des Hammers ging im Lärm des Zuges unter. Die Stimme kam dumpf und wie aus weiter Ferne unter dem dreieckig geknoteten Tuch hervor.

„Sei ganz ruhig, Mister, sonst knallt es!“

Hank lehnte mit dem Rücken gegen das Einfassgitter auf der hinteren Plattform des Schlusswaggons.

„Ich glaube, das muss ein Irrtum sein“, erklärte er langsam, während seine Gedanken verzweifelt arbeiteten. „Was wollen Sie von mir?“

„Das weißt du ganz genau: dein Geld!“

„Geld?“ Hank versuchte ein Lächeln. Es gelang ihm nicht recht. „Wegen zwanzig Dollar riskieren Sie es...“

„Red keinen Unsinn, Mann!“, knurrte der Maskierte ärgerlich. „Du kannst mich nicht bluffen. Los, her mit deiner Brieftasche! Her mit den fünftausend Bucks!“

Schweißperlen standen plötzlich auf Hank Randalls Stirn. Er dachte an das Geld, das er in der Innentasche seiner Wildlederjacke trug —fünftausend Dollar, wie es der Mann vor ihm gesagt hatte. Er dachte daran, wie wichtig dieses Geld für ihn war! Die letzte Möglichkeit, seine Existenz zu retten, die er sich voller Hoffnung und Mühe im Hay Springs County aufgebaut hatte. Das Bild seiner kleinen Ranch stand plötzlich deutlich vor seinen Augen.

„Na los! Wird’s bald!“ Der Revolver vor ihm ruckte ungeduldig.

Hank ballte die Hände zu harten Fäusten. Er starrte in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung in die kalt glitzernden Augen.

„Ich sagte es doch schon vorhin. Es muss ein Irrtum sein! Ich weiß nichts von fünftausend Bucks!“

„Ist es dir lieber, wenn ich dir eine Kugel gebe, hey?“, drohte der Bandit. „Es hat keinen Sinn, wenn du mich belügen willst, mein Lieber. Ich weiß, dass du von dem Viehhändler McBrean in Atchison fünftausend Dollar für deine Herford-Herde erhalten hast. Her mit dem Geld!“

Hank zuckte die Achseln. „Es ist drinnen im Abteil, in meiner Gepäckrolle.“ „Wieder eine Lüge!“, zischte der andere scharf und schob sich mit einem gleitenden Schritt so nahe an Hank heran, dass seine Revolvermündung beinahe Hanks Gürtelschnalle berührte.

„Du hast das Geld bei dir! Wie lange willst du mich noch bluffen, Mister? Ich warne dich! Ich bin kein sehr geduldiger Mann!“

Hank schluckte trocken. Wieder musste er an seine Ranch denken, an seinen Besitz, den er mit den fünftausend Dollar hätte retten können. Er empfand plötzlich stechendes Bedauern, dass er seinen Colt nicht umgeschnallt hatte. Zorn jagte in ihm hoch, als er begriff, dass er verloren hatte.

„Ich zähle bis drei!“, sagte der Bandit dumpf. „Wenn ich dann deine Brieftasche nicht in der Hand halte..."

„Zum Teufel!“, unterbrach ihn Hank grimmig. „Hören Sie auf damit! Ich sehe ja ein, dass Sie gewonnen haben!“

Der Zug kam aus dem Hohlweg hervor. Strauchgruppen flogen wie tintenschwarze Schemen vorbei. Die Sterne spannten einen glitzernden Bogen am Firmament und genau in der Hügelkerbe, aus der die Schienen hervorliefen, erschien die silberne Sichel des Mondes. Ein geisterhaft blasses Licht brach sich an den Gleisen. Wieder heulte die Dampfpfeife. Die Radgestänge hämmerten in gleichbleibendem Takt.

„Wird höchste Zeit für dich, Vernunft anzunehmen!“, sagte der maskierte Bandit und aus dem Tonfall glaubte Hank den Triumph herauszuhören.

Der junge Mann griff langsam in die Innentasche seiner Jacke. Der Bandit rührte sich nicht. Er schien genau zu wissen, dass Hanks Hand mit keiner Waffe zum Vorschein kommen würde. Hank fühlte das weiche Leder der Brieftasche und wieder war da dieser heiße verzweifelte Zorn.

„Hier!“, sagte er rau und zog die Hand aus dem Jackenausschnitt.

Die Augen des Verbrechers verfolgten die Bewegung. Und als dann Hanks Rechte leer hervorkam, war der Bandit nicht mehr schnell genug. Hanks Linke war bereits hochgeschossen. Der junge Rancher verstärkte den Schlag durch eine blitzschnelle Drehung seines Körpers. Er erwischte den Banditen seitlich am Kinn.

Der Mann wurde zurückgeschleudert und prallte gegen die Waggonwand neben der Tür. Ein Feuerstrahl zuckte aus dem Lauf des Revolvers. Der Knall drang nur schwach durch das Dröhnen der Räder. Die Kugel ging durch das Absperrgitter über den Bahndamm hinweg. Ehe der Desperado noch mal zum Schuss kam, war Hank bei ihm und schlug erneut zu. Der Bandit kippte gegen ihn, klammerte sich an seiner Jacke fest und als gleichzeitig der Zug in eine scharfe Kurve ging, verloren sie beide das Gleichgewicht und stürzten hart auf die Stahlplattform.

Hank hörte das schwere Atmen seines Gegners dicht neben sich. Der Hut war dem Banditen vom Kopf gefallen, aber das Tuch saß noch immer vor seinem Gesicht fest. Und die rechte Faust umklammerte wie vorher den Revolver, dessen Lauf nun herum schwang. Hanks Faust stieß vor, bekam das Handgelenk des Verbrechers zu fassen und drehte mit aller Kraft. Der Bandit fluchte gepresst und trat mit den Stiefelabsätzen nach dem Rancher. Hank wich mit einer geschmeidigen Bewegung aus, kam auf die Knie und presste die Revolverfaust seines Gegners schwitzend zwischen die Gitterstäbe der Einfassung. Der Mann keuchte heftig, seine Finger öffneten sich, die Waffe verschwand über den Plattformrand.

Hank ließ ihn los, sprang vollends auf und stürzte auf die Waggontür zu. Aus seiner liegenden Stellung schnellte der Bandit vorwärts, um Hanks Beine zu erwischen. Aber da schaukelte der Wagen in einer neuen Biegung und der Bandit griff ins Leere.

Hank, die rechte Hand nach dem Türgriff ausgestreckt, taumelte zur Seite. Rauchschwaden trieben über das Waggondach weg und zerflatterten im fahlen Mondlicht.

Die Tür wurde von innen aufgerissen, die Gestalt eines hageren Mannes erschien. Hank spürte warme Erleichterung aufsteigen.

„Vorsicht!“, rief er. „Da ist ein...“

Jetzt sah er den Mann von vorn und brach mitten im Satz ab. Es war wie vorher: ein schussbereiter Revolver in einer nervigen Faust, ein funkelndes Augenpaar zwischen Hutkrempe und Tuchrand. Und eine dumpfe drohende Stimme.

„Scheint, es war ganz gut, dass ich nachsehen wollte, warum die Sache so lange dauert! Hände hoch, Gent, wenn du keine Kugel in den Kopf bekommen willst!“

Hanks Erleichterung zerplatzte wie eine Seifenblase. Wie benommen starrte er in die schwarze kreisrunde Mündung. Dann hob er die Arme. Bleierne Müdigkeit saß plötzlich in ihm — eine Müdigkeit, die tief aus seinem Innern kam und nichts mit dem kurzen heftigen Kampf von vorhin zu tun hatte.

„So ist es gut! — Bist du verletzt?“ Die Frage des zweiten Desperados galt dem anderen Banditen, der jetzt langsam auf die Beine kam.

„Gib ihm eine Kugel!“, keuchte dieser. „Worauf wartest du noch? Schieß ihn nieder, diesen verwünschten Kerl!“

„Hat er dich schwer erwischt?“

„Es geht! Ich bin in Ordnung. Verdammt, du sollst ihn...“

„Wir wollen das Geld, nicht mehr! Und das werden wir bekommen!“, unterbrach ihn der andere kalt. „Wie konnte er es nur schaffen, mit dir fertig zu werden? Ich wollte ja nur drinnen aufpassen, dass hier draußen niemand dazwischenkommt. Aber wenn ich nicht nachgesehen hätte, wäre die Sache wohl schiefgegangen!“

„Wenn du nicht auf ihn schießen willst, dann gib mir den Revolver!“ „Nimm dich zusammen! Wir haben nichts davon, wenn wir ihn umbringen, das weißt du!“

„Er ist gefährlicher, als ich dachte! Ich will, dass er...“

„Überlass es nur mir! Er wird uns nicht mehr gefährlich werden! Los, Kuhtreiber, zieh deine Jacke aus und gib sie her!“

Hank zögerte. Er schaute an den beiden Banditen vorbei zur Waggontür. Drinnen war es dunkel, nichts regte sich. Von keiner Seite war Hilfe zu erwarten. Die Plattform zitterte unter seinen Füßen. Das Rattern der Räder und das Hämmern der Gestänge füllten seine Ohren. All die Pläne, die er sich während der vergangenen Fahrtstunden für die Zukunft gemacht hatte, gingen in diesen Minuten zu Ende!

Hank zog die Jacke aus und reichte sie dem bewaffneten Desperado. Der tastete mit geschickten Fingern die Innenseite ab. Als er die pralle Brieftasche fühlte, nickte er.

„Und jetzt mach das Gitter auf!“, befahl er Hank.

„Wozu?“

„Du wirst abspringen!“

„Aber das ist...“

„Du wirst tun, was ich sage! Oder muss ich dich wirklich erschießen, wie es mein Freund gerne möchte?“

Hank atmete scharf ein. Die Versuchung bedrängte ihn, mit bloßen Fäusten auf die beiden Verbrecher loszugehen. Seit sie ihm das Geld abgenommen hatten, saß das quälende Gefühl in ihm, dass er kaum noch etwas zu verlieren hatte. Denn hier ging es für ihn nicht nur um fünftausend Dollar — hier ging es um die Existenz, die dieses Geld für ihn bedeutete. Ohne dieses Geld würde seine Rückkehr nach Hay Springs zu einer bitteren Niederlage werden.

Die Räder rollten jetzt langsamer. Der Zug kroch eine langgezogene Steigung hinauf. Die Rogers-Lokomotive schien zu prusten und zu schnauben. Dicke schwarze Dampfwolken quollen zum Sternenhimmel empor. Links und rechts des Bahndammes wuchs hohes vergilbtes Büffelgras. Dichtbelaubtes Zweigwerk von Cottonwoodbüschen warf groteske Schatten.

„Eine günstigere Stelle zum Abspringen erhältst du nicht, Freundchen!“, sagte der Bandit, der in einer Hand den Revolver, in der anderen die Jacke mit der Brieftasche hielt. „Oder willst du es bei dreifacher Geschwindigkeit versuchen? Es liegt bei dir!“ Er lachte hämisch.

Mit zusammengebissenen Zähnen trat Hank an das rechte Seitengitter und klappte es hoch. Er stand dicht am Rand der Plattform und spürte den Sog des Fahrtwindes im Gesicht. Direkt unter ihm dröhnten die Räder auf den Gleisen.

„Spring, Mann, spring — oder ich schieße!“, hörte er die kalte Stimme hinter sich.

Er sah die vorbeihuschenden Schatten von hohen Büschen. Dann entdeckte er die vereinzelten kantigen Felsstücke im hohen Büffelgras! Ein eisiger Schauder rieselte über seinen Rücken. Wenn er auf einen dieser Steine...

Der harte Druck der Revolvermündung in seinem Rücken unterbrach den Gedanken.

„Spring! Zum Geier, worauf wartest du noch?“

Hank drehte den Kopf. „Ich hoffe nur, ihr werdet dafür eines Tages bezahlen müssen! Die fünftausend Dollar sollen euch kein Glück bringen. Ich...“

„Narr!“, lachte der Bandit höhnisch auf und gab Hank blitzschnell einen kräftigen Stoß.

Hank verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und hatte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen. Der Bahndamm kam mit erschreckender Geschwindigkeit auf ihn zu.

Hank spürte den schmerzhaften Aufprall, überschlug sich, wurde weiter gewirbelt, fühlte, wie kantiges Gestein seine Kleidung zerfetzte und die Haut aufschürfte, rollte und überschlug sich und blieb dann endlich irgendwo im Gras liegen — zerschlagen und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er sich keine erhebliche Verletzung zugezogen hatte.

Sein ganzer Körper schmerzte, als er sich auf die Knie richtete. Blut tropfte von seinem zerschrammten Gesicht. Er schaute den Bahndamm entlang und sah die roten Schlusslichter des Zuges in den dunklen Hügeln verschwinden. Der Heulton der Dampfpfeife kam bereits aus weiter Ferne. Stille breitete sich aus, eine Stille, die ihm seine Einsamkeit und Hilflosigkeit bewusst machte.

Es war vergeblich gewesen, fast seine gesamte Rinderherde an den Viehhändler McBrean in Atchison zu verkaufen! Jetzt würde er seine Schulden an die Brüder Hardesty in Hay Springs doch nicht bezahlen können. Und wenn Scott und Anson Hardesty es so wollten, dann würde seine kleine Ranch in den grünen Hügeln am Bluebird Creek schon morgen nicht mehr ihm gehören! In ohnmächtiger, qualvoller Wut hämmerte er die Fäuste gegen die trockene Erde.

Der sehnige Mann drückte sich noch enger hinter den Kistenstapel, als er die Schritte drinnen im Haus hörte. Die Dunkelheit umhüllte ihn wie ein schützender Mantel. Die Lichtbalken, die aus den Fenstern der Häuser entlang der Main Street von Hay Springs fielen, drangen nicht in diese enge Seitengasse. Vom nahen Saloon wehten dumpfes Stimmengewirr und die Klänge eines Orchesterions heran. Pferde stampften irgendwo. Das kurze Auflachen einer Frau war zu hören. Aber der Mann hinter den Kisten hörte nur auf dieses eine Geräusch: auf die Schritte im Haus, die sich ohne Eile der Seitentür näherten und dort verstummten.

Ein Schlüssel drehte sich knirschend im Schloss. Die Tür ging zögernd auf. Gelbes Lampenlicht flutete über die Schwelle, spülte über den weichen Sand, die gegenüberliegende Hauswand und die Vorderfront des Kistenstapels. Der Mann dahinter duckte sich etwas. Seine rechte Hand lag am Holster, aus der der glatte Kolben eines schweren 45ers ragte.

Im offenen Türrahmen erschien eine hohe breitschultrige Gestalt, deren Konturen scharf vom Lampenlicht nachgezeichnet wurden. Der Mann trug einen dunklen Tuchanzug. Sein Gesicht wurde von einem flachkronigen Hut beschattet. Er zog die Tür langsam hinter sich ins Schloss, die Lichtflut wurde abgeschnitten, Dunkelheit füllte im Bruchteil einer Sekunde wieder die enge Gasse.

Der Mann, der aus dem Haus gekommen war, steuerte auf die Main Street zu.

Hinter ihm glitt der Versteckte hinter dem Kistenstapel hervor.

Der andere hörte das leise Mahlen des Sandes, blieb sofort stehen und drehte sich um. „Wer ist da?“

„Einen Augenblick, Hardesty! Ich möchte Sie nur ganz kurz sprechen!“ Die Stimme des Mannes klang leise und völlig ruhig.

Der Breitschultrige beugte sich etwas vor. Seine ganze Haltung wirkte plötzlich angespannt. Heisere Erregung zitterte in seinem Tonfall. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ Seine Augen versuchten, die Dunkelheit zu durchdringen.

„Erkennen Sie mich nicht mehr an der Stimme, Hardesty? Sie haben mich doch oft genug sprechen gehört — damals in Omaha vor dem Bundesrichter!“

„Das ist doch... das kann nicht...“ „Nur keine Aufregung! Ich bin es wirklich!“ Eine seltsame Kälte mischte sich in die Worte. „Sie rechneten wohl nicht damit, dass ich so frühzeitig zurückkommen würde, nicht wahr?“

„El Indio!“, murmelte Anson Hardesty betroffen.

„Bleiben Sie nur ganz ruhig stehen! Ich will nur mit Ihnen sprechen! Ich will nur...“

„Zum Kuckuck!“, keuchte Hardesty. „Machen Sie, dass Sie von hier wegkommen!“

„Erst wenn Sie mir einige Fragen beantwortet haben! Ich will nicht umsonst drei Stunden vor diesem Haus auf Sie gewartet haben!“

„El Indio“, schnaufte Anson Hardesty schwer, „wenn ich rufe...“

„Das werden Sie nicht tun! So unklug sind Sie doch nicht!“

„Zur Hölle mit Ihnen!“, stieß Hardesty in jäher Wildheit hervor. Seine Hand sauste unter den dunklen städtisch geschnittenen Rock.

„Mann!“, schrie El Indio scharf. „Tun Sie es nicht! Seien Sie...“

Hardestys Faust kam mit einem Revolver hervor.

El Indio ließ sich auf die Knie fallen. Sein Colt schien ihm förmlich in die Hand zu springen. Vor ihm zerschnitt Anson Hardestys Mündungsfeuer die Dunkelheit. El Indio spürte einen harten Schlag gegen den linken Oberschenkel, verlor das Gleichgewicht und feuerte noch, während er zur Seite in den Sand kippte. Er rollte sofort herum und erwartete, erneut in das Flammen eines Mündungsblitzes zu sehen. Das Dröhnen der Schüsse verrollte zwischen den Häuserfronten. Vor ihm regte sich nichts mehr. Die massige Gestalt Anson Hardestys war aus dem fahlen Viereck der Gasseneinmündung verschwunden.

Der Schmerz kam und wühlte wie ein glühendes Eisen in El Indios linkem Oberschenkel. Er schob den 45er ins Holster zurück und tastete nach der Wunde. Er fühlte Blut an den Fingern. Eine leichte Übelkeit breitete sich in seiner Magengrube aus. Er überwand die Schwäche, kroch auf dem Bauch zu den Kisten, hinter denen er sich vorher verborgen gehalten hatte und zog sich mühsam und keuchend daran in die Höhe. Seine Knie zitterten. Er konnte das linke Bein kaum aufsetzen. Noch immer lag der beizende Geruch des Pulverrauches in seiner Nase und rief einen merkwürdigen Ekel hervor.

Von der Main Street trieben aufgeregte heisere Rufe zu ihm. Im Haus, das Anson Hardesty vorhin verlassen hatte, polterte etwas. Eine Männerstimme schimpfte ungeduldig, dann waren Schritte innen dicht vor der Tür.

El Indio tastete sich von den aufgestapelten Kisten zur Hauswand. Schwer atmend drückte er sich gegen die Bretter, die noch warm von der Sonnenbestrahlung des vergangenen Tages waren. Der Stoff seiner Hose sog sich voll von Blut. Krampfhaft drückte er eine Hand gegen die Wunde, als könne er so die Schmerzen zurück dämmen.

Die Seitentür sprang auf. Wieder brach sich eine Flut gelben Lampenlichts seine Bahn. Ein Mann sprang über die Schwelle ins Freie, ein Mann, groß und breitschultrig wie Anson Hardesty. Er hielt eine doppelläufige Greenerbüchse unter den Arm geklemmt. Seine ärmellose Weste stand vorn weit offen. Das weiße Hemd schimmerte grell. Er spähte wild umher, im nächsten Augenblick versteinerte sich seine Haltung. Seine Augen waren auf eine ganz bestimmte Stelle getroffen. Und El Indios Blick folgte der Richtung.

Einige Schritte von der Einmündung der Gasse in die Main Street entfernt lag eine dunkle Gestalt bewegungslos und merkwürdig verkrampft im Sand, das Gesicht nach unten, die Arme leicht angewinkelt. Dicht daneben blinkte das blanke Metall eines Revolvers. El Indio staute den Atem. Er war erfahren genug, um zu erkennen, dass Anson Hardesty tot war.

Beißende Bitterkeit wallte jäh in ihm hoch. Ein schaler Geschmack breitete sich in seiner Mundhöhle aus. Für etliche Augenblicke vergaß er seine Wunde.

Er beobachtete aus engen Augen den Mann, der vor der offenen Tür stand — genau in seiner Schusslinie. Aber er dachte gar nicht daran, den schweren 45er Colt erneut aus dem Holster zu holen. Obwohl der andere der Bruder des Getöteten war. Scott Hardesty, ein Mann, der nicht ruhen würde, bis er gnadenlose Rache genommen hatte. Langsam, mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete sich El Indio an der schattigen Bretterwand entlang. Vorn tauchten erregt durcheinander rufende Männer in der Gasse auf.

Mit einem schnellen Blick über die Schulter stellte El Indio fest, dass Scott Hardestys Erstarrung zerflossen war.

Der große Mann hatte das schwere Greenergewehr einfach fallen gelassen und kniete jetzt, tief gebeugt, neben seinem Bruder. Die anderen Gestalten drängten in den Lichtkreis, die lauten Stimmen sanken zu einem dumpfen Gemurmel herab.

Schweiß floss El Indio über das dunkel gebräunte Gesicht. Er hatte eine Hausecke erreicht und hielt keuchend inne. Seine Hände zitterten, als er einen Streifen von seinem schwarzen Hemd riss und ihn hastig und straff um den verletzten Oberschenkel schnürte. Der Blutverlust schwächte ihn und das war das einzige, wovor er sich fürchtete.

Vorne in der Gasse stand Scott Hardesty langsam auf, die Augen noch immer starr auf die reglose Gestalt seines Bruders gerichtet. Sein kantiges Gesicht wirkte wie aus grauem Gestein gemeißelt. „Es gibt nur einen Mann, der das getan haben kann!“, murmelte er heiser. „El Indio, der Revolvermann!“

Ein hagerer Mann schob sich aus dem Kreis der Umstehenden. Der Sheriffstern an seinem Baumwollhemd schimmerte matt.

„El Indio?“, wiederholte er rau. „Sind Sie wirklich davon überzeugt, Hardesty?“

„Natürlich! Er wurde vorgestern aus dem Staatsgefängnis in Omaha entlassen, nicht wahr? Ich hatte nur nicht erwartet, dass er so früh hier auftauchen würde — und Anson auch nicht!“ Plötzlich flog sein Kopf hoch, sein Blick glitt über die unruhigen Gesichter der Männer ringsum. „Holt ihn mir!“, schrie er. „Schafft ihn herbei — tot oder lebendig! Und ich zahle dafür zehntausend Dollar!“

Die scharfe Stimme drang deutlich zu der Hausecke, an der der sehnige dunkel gekleidete Verwundete lehnte, um Atem zu schöpfen. Scharfe Falten kerbten sich um seine Mundwinkel, als er sich von der Bretterwand abstieß und sich, eine Hand gegen das Holz gestützt, um die Ecke schob.

„Zehntausend Dollar!“, gellte hinter ihm wieder Scott Hardestys Stimme. „Habt ihr denn nicht gehört, zum Donner? Worauf wartet ihr noch?“

Das Stimmengewirr setzte wieder ein, lauter noch als vorher. Schritte pochten im Sand. Als El Indio in der Dunkelheit eines Hinterhofes untertauchte, wusste er, dass die gnadenlose Jagd auf ihn bereits begonnen hatte.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, seit er unter die Veranda des Palace Saloons gekrochen war, wie ein verwundetes gehetztes Tier. Er wusste nur eines: Es musste etwas geschehen!

Er musste fort aus dieser Stadt, wenn er nicht schon in der ersten Nacht nach seiner Rückkehr hier sterben wollte!

Mitternacht musste längst vorbei sein und noch immer suchten sie nach ihm — getrieben von der Ungeduld und dem Hass Scott Hardestys. Er hörte ihre Schritte auf den hölzernen Gehsteigen, in den Seitengassen und auf den Hinterhöfen.

El Indio hörte ihre heiseren erregten Stimmen und manchmal, wenn er den Kopf drehte und unter den Stützpfählen, die die Veranda trugen, hervor spähte, sah er den Schein der Fackeln ganz in der Nähe geistern, verschwinden und wieder aufleuchten.

Es war trocken unter der Saloonveranda. Er hatte mit den Händen eine Mulde in den weichen feinkörnigen Sand geschaufelt und sich darin einigermaßen bequem zurechtgelegt. In der Dunkelheit konnte er kaum die Hand vor den Augen sehen. Ganz nahe roch es nach verfaultem Stroh und Abfällen. Er hatte, sein Hemd vollständig zerrissen und einen Verband daraus gemacht. Die Wunde hatte zu bluten aufgehört, aber noch immer pulsten die Schmerzwellen in gleichmäßigen Abständen durch seinen Körper.

Die Zeit des reglosen untätigen Wartens verstrich mit nervenzermürbender Langsamkeit. Seine Erschöpfung steigerte sich von Minute zu Minute. Manchmal dachte er, es sei am besten, die Augen zu schließen und der Schwäche nachzugeben — einfach von nichts mehr zu wissen, wenigstens eine Stunde lang. Aber dann hörte er wieder die Schritte, die Eile und Anspannung verrieten, hörte die vor Erregung und Jagdfieber kratzenden Stimmen und sah den Fackelschein die Saloonveranda streifen. Und dann hämmerte es wieder in seinen Schläfen, der Schweiß trat ihm aus allen Poren und er musste sich immer wieder sagen, dass er nicht aufgeben durfte, dass er die Nerven behalten und nach einem Ausweg suchen musste!

Es gab niemanden in der Stadt, von dem er Hilfe zu erwarten hatte. Vor zwei Tagen war er aus dem Staatsgefängnis in Omaha entlassen worden, nachdem er fünf Jahre hinter Mauern und Gittern verbracht hatte — fünf entsetzliche Jahre als unschuldiger Mann!

Aber hier in Hay Springs glaubte niemand an seine Unschuld. Hier war er

für jeden Menschen ein Zuchthäusler, ein Bandit, der keinen Skrupel kannte — und der nur gekommen war, um die Brüder Hardesty zu ermorden!

El Indio unterdrückte ein bitteres Aufseufzen. Er hatte in Notwehr auf Anson Hardesty gefeuert und trotzdem wünschte er, dass dieser eine entscheidende Schuss nie gefallen wäre!

Wieder kamen Schritte die Straße entlang. Er presste die Arme in den Sand und legte das Gesicht darauf. Die Gehsteigplanken dröhnten hohl unter den Stiefeltritten. Sporen klingelten silbern.

„Zwei Stunden“, sagte eine raue Stimme, „durchstöbern wir jetzt schon jeden Winkel nach ihm! Zwei Stunden und nichts zu finden! Ich gebe auf!“ „Aber er muss noch hier sein. Der Bahnhofsvorsteher sagte, er habe ihn mit dem Zug in die Stadt kommen sehen. Er hat kein Pferd. Er kann Hay Springs nicht verlassen haben. Und außerdem ist er verwundet, nicht wahr? Wir haben sein Blut da hinten bei Hardestys Haus in der Gasse gesehen.“

„Was nützt das schon? Wenn wir ihn in den zwei Stunden nicht gefunden haben, finden wir ihn nie. Die ganze Stadt ist auf den Beinen ...“

„Zehntausend Dollar sind es wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, nicht wahr?“

„Stimmt! Ich könnte diese Riesensumme so gut gebrauchen, wie du auch, Joe. Aber — ich bin nicht mehr so jung, verstehst du? Ich habe eine Frau und zwei Kinder draußen auf meiner Ranch und sie alle werden sich bestimmt über mein langes Ausbleiben Sorgen machen. Ich wollte vor Mitternacht bereits zurück sein. Tut mir leid, Joe, du musst dich für diese Nacht nach einem anderen Partner für die Jagd auf El Indio umsehen.“

Die Schritte waren direkt vor der Saloonveranda verstummt. Der Verwundete konnte zwei Stiefelpaare mit blinkenden Sporenrädern sehen. Er hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um sie zu fassen. Er wagte nicht die geringste Bewegung. Sein Herz pochte in harten Stößen und er hatte schon Angst, sein Atem könnte ihn verraten.

„Na schön, Tom, ich kann dich nicht mit Gewalt zurückhalten. Komm gut nach Hause, alter Junge! Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Joe!“

Das eine Stiefelpaar setzte sich in Bewegung und entfernte sich staubschaufelnd aus El Indios Blickfeld. Der andere Mann verharrte eine Weile, dann ging er langsam die Saloonveranda entlang. Seine Stiefel hoben und senkten sich müde und verschwanden schließlich im Schatten. Pferdehufe stampften, Räder knirschten und die ruhige Stimme des Mannes sprach gedämpft auf die Gäule ein. Gleich darauf sah El Indio Hufe nahe an der Veranda vorbeikommen, dahinter tauchten Räder auf, gruben sich tief in den Straßensand und drehten sich langsam.

El Indio biss sich auf die Unterlippe. Ein Funkeln erwachte in seinen dunklen Augen. Der Gedanke, der in seinem Gehirn aufgeflammt war, straffte seine Miene. Es gab nur eine Möglichkeit, diese Stadt unbemerkt zu verlassen, und zwar auf diesem Wagen, der da gemächlich am Palace Saloon vorbeirollte!

Er hatte keine Zeit zu verlieren. Er robbte zwischen den Stützpfosten vorwärts. Die Verandabretter scheuerten gegen seinen Rücken. Sand rieselte dünn auf ihn herab. Sein verletztes Bein schleifte kraftlos nach und schmerzte wie Feuer. Er kam an die entgegengesetzte Schmalseite der Veranda. Schatten lag vor ihm und er war zutiefst erleichtert darüber. Auf einem nahen Hinterhof wurden ein paar Eimer scheppernd umgestoßen. Eine schimpfende Männerstimme war zu hören. Irgendwo flog eine Tür mit knallendem Ruck zu. Der rötliche Schein von Pechfackeln spiegelte sich sekundenlang in einer Fensterscheibe.

Der Wagen befand sich noch vor dem Saloon. El Indio rollte unter der Veranda hervor. Er kam geduckt auf die Knie, noch immer lag dabei der Schatten des Verandavorbaus über ihm. Die beiden struppigen braunen Zugpferde schoben sich an der Verandaecke vorbei. Dann sah er den Mann auf dem Bock, einen hageren Mann mit faltigem Gesicht, der eben die Peitsche niedrig über dem Rücken der Tiere knallen ließ. Die Pferde wurden schneller. Schaukelnd tauchte das Fahrzeug auf der mondbeschienenen Main Street auf.

Es war ein hochrädriger leichter Präriewagen mit einem hochgewölbten Planendach über dem rückwärtigen Wagenteil. Schon sah El Indio die Rückfront des Fahrzeugs dicht vor sich. Er richtete sich blitzschnell auf — und ein rasender Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper. Einen Moment glaubte er, das linke Bein würde unter ihm nachgeben. Dann hatte er mit einem mühsamen Sprung den Wagen erreicht, seine Hände klammerten sich krampfhaft um die obere Kante des Schlussbrettes, gleichzeitig stieß er sich vom Boden ab und warf den Oberkörper schräg vorwärts. Vorne knallte wieder die Peitsche. Der aufgewirbelte Staub wurde dichter. Die Pferde beschleunigten das Tempo.

El Indio lag halb über dem Wagenkasten, den Oberkörper unter dem Planendach, wo tiefe Dunkelheit herrschte, die Beine im Freien. Die Schmerzen und die Anstrengung waren so heftig, dass er glaubte, jeden Moment die Besinnung zu verlieren. Mühsam zog er sich ins Wageninnere, landete auf weichen Säcken und blieb keuchend und schweißüberströmt liegen.

„Hallo, Waterson, einen Augenblick!“, rief da jemand vom Straßenrand her.

El Indio erstarrte, als der Mann auf dem Sitzbrett sofort die Pferde zügelte.

„Was ist los, Sheriff?“, sagte der Fahrer.

Schritte kamen über die Fahrbahn auf den Wagen zu. El Indio versuchte, sich aufzurichten. Aber sein Körper war wie ausgehöhlt. Mit einem unterdrückten Ächzen sank er auf die Säcke zurück. Er gab sich verloren!

„Willst du schon auf die Ranch zurück, Waterson?“, hörte er dicht neben der Wagenplane die Stimme des Sheriffs. „Wir könnten in der Stadt jeden Mann gebrauchen. El Indio kann nicht weit gekommen sein. Er muss...“

„Darüber habe ich mich schon mit Joe Wells unterhalten. Tut mir leid, Sheriff, meine Familie wartet. Und wenn ihr ihn ohne mich nicht findet, dann hätte es mit mir auch keinen Sinn, glauben Sie mir.“

„Es war nur so eine Frage, Waterson. Ich will Sie nicht auf halten.“

„Schön, Sheriff. Gute Nacht — und viel Erfolg.“

„Den können wir brauchen. So long, Waterson.“

In El Indios Gehirn begann, etwas zu kreisen, als sich das Fahrzeug nach einem scharfen Peitschenknall wieder in Bewegung setzte. Durch die rückwärtige Öffnung im Planendach sah er über der Mondlicht durchdrungenen Staubfahne die Dächer von Hay Springs, die verwitterten Hausfassaden, die steilen Kamine, die schwarz in den Sternenhimmel von Nebraska hineinragten.

Wie aus weiter Ferne vernahm er die mürrischen Rufe, die zwischen den einzelnen Suchtrupps getauscht wurden. Fackellicht leuchtete rot durch die Wagenplane. Und vorn auf dem Bock rief der Fahrer den Pferden ein paar undeutliche Worte zu.

Dann blieben Hausdächer, Stimmen und Fackeln plötzlich zurück. Und da war nur noch der Sternen übersäte samtschwarze Nachthimmel über dem weiten stillen Land.

El Indios tastende Hände fanden einen Lederriemen am Wagenkasten. Er hielt sich daran fest und zog den Oberkörper hoch. Der Staub wehte jetzt nur noch ganz dünn hinter dem Wagen her. Das schmale Band einer Straße zog sich weiß durch das dunkle wellige Weideland.

Die Luft war angenehm kühl und voll vom Geruch von Salbei — ein Geruch, den El Indio mehr als fünf Jahre nicht mehr eingeatmet hatte. Die Spannung fiel plötzlich von ihm ab. Er lehnte sich nicht mehr gegen seine Schwäche auf. Und als er wieder auf die zusammengefalteten Hafersäcke zurückfiel, glich seine Besinnungslosigkeit einem tiefen erholsamen Schlaf.

Als er erwachte, merkte er sofort, dass etwas nicht in Ordnung war und das machte ihn schlagartig hellwach. Er setzte sich auf, froh darüber, dass diese entsetzliche Kraftlosigkeit endlich von ihm gewichen war. Die bohrenden Schmerzen im linken Oberschenkel beachtete er kaum. Der hochrädrige Planwagen hatte angehalten. Die Planenklappe war vorn herabgelassen, deshalb konnte El Indio den Rancher auf dem Sitzbrett nicht sehen. Er überlegte, wie lange er wohl bewusstlos im Wagen gelegen hatte, fand jedoch keine Antwort auf diese Frage. Er lauschte angespannt.

Wenn sie bereits auf der Ranch dieses Mannes angekommen waren, dann sah es schlimm für ihn aus, dann war es wahrscheinlich unmöglich, ungesehen und ungehindert von hier fortzukommen.

Hufschläge trieben heran. El Indio staute den Atem und beugte sich ein wenig vor. Als er ins Freie spähte, stellte er fest, dass sie sich noch immer im offenen Hügelland befanden — er hatte keine Ahnung, wo. Da war noch immer die schmale mondhelle Straße, die sich wie eine endlose Schlange durch die dunkle Weide wand. Und auf dieser Straße kam ein Reiter heran.

El Indios Hand kroch zum Coltkolben und blieb dort liegen. Das Geklapper der eiligen Hufe lag beinahe schmerzhaft in seinen Ohren. Die Gestalt des Näherkommenden wurde deutlicher, fahles Licht streifte über ein wettergegerbtes energisches Gesicht. Vom Bock des Planwagens kam die Stimme des Fahrers:

„Hallo, Joe, bist du es?“

„Okay, Tom! Ich bin es! Fahr ruhig weiter!“

Es war die Stimme des Mannes, mit dem der Planwagenbesitzer vor dem Palace Saloon in Hay Springs gesprochen hatte.

Das Fahrzeug hielt noch immer. Der Mann auf dem Bock sagte:

„Ist etwas nicht in Ordnung, Joe?“ „Wieso?“

„Ich dachte, du wolltest noch in der Stadt bleiben und nach dem Kerl suchen, der Anson Hardesty erschoss!“

Der Reiter war jetzt dicht hinter dem Wagen. Der Pferdekopf nickte über der rückwärtigen Bordwand auf und ab. Die Metallteile am Zaumzeug blitzten wie Silber. Der Mann im Sattel antwortete: „Ich hab eingesehen, dass du Recht hattest, Tom. Es hat keinen Sinn! Sie finden ihn ja doch nicht mehr! Hast du was dagegen, wenn ich ein Stück mit dir reite, bis ich abbiegen muss?“

„Im Gegenteil, Joe. Willst du nicht zu mir auf den Bock kommen?“

Der Pferdekopf verschwand vor der Planenöffnung, der Reiter trabte am Wagen entlang.

El Indio hörte seine Stimme durch das Klopfen der Hufe dringen:

„Ich bleib lieber im Sattel, Tom. Nun fahre schon endlich! Worauf wartest du noch!“

Eine seltsame Ungeduld schwang in seinen letzten Sätzen. Das Misstrauen, das in El Indio beinahe schon abgeklungen war, loderte wieder auf. Er richtete sich auf die Knie und schob sich vorsichtig durch den Wagen vorwärts, sorgfältig bemüht, keine Kiste oder ein Fass umzustoßen.

Vorne hatte der Reiter sein Pferd dicht neben den Bock gelenkt. Er sprach hastig und gedämpft auf den Fahrer ein.

El Indio hörte den Mann auf dem Sitzbrett überrascht rufen:

„Das ist doch nicht möglich, Joe! Das ist doch...

„Sssst!“, zischte der andere. Und die Worte gingen wieder im Tacken der Hufe und im Knarren des Fahrzeugs unter.

El Indio machte sofort kehrt. Nur ein Gedanke erfüllte ihn: Er musste sofort von diesem Wagen herunter!

Irgendwie waren sie misstrauisch geworden; wie, das konnte er sich nicht erklären. Und es blieb auch keine Zeit für lange Überlegungen!

Er kroch zum rückwärtigen Wagenrand. Die weiße Straße schien unter dem Fahrzeug hervorzufliegen. Er biss die Zähne zusammen, als er an seine Wunde dachte. Aber es blieb ihm keine andere Wahl! Bevor sie anhielten, um den Wagen zu durchsuchen, musste er fort sein!

Er stemmte sich hoch, schob das gesunde Bein über die Bordwand und zog dann das verletzte Bein nach. Der Schmerz trieb ihm wieder den Schweiß auf die Stirn. Ihm graute bei dem Gedanken daran, was ihm bevorstand. Aber er war nicht fünf Jahre im Gefängnis gewesen, um sich dann von aufgewiegelten Männern zur Strecke bringen zu lassen!

Er schloss die Augen, löste die klammernden Hände vom Rückbrett und ließ sich fallen.

Der Anprall kam mit harter Wucht. Staub wolkte auf. Er spürte Sandkörner zwischen den Zähnen. Vor seinen Augen tanzten Funken und der Schmerz, der von seinem verwundeten Oberschenkel ausstrahlte, drohte seinen ganzen Körper zu lähmen. Sekundenlang lag er völlig reglos. Dann warf er sich mit knirschenden Zähnen herum. Benommenheit drückte noch immer gegen seine Schläfen und vernebelte seinen Blick. Die Straße unter ihm schien zu schwanken. Das Räderknarren lag in seinen Ohren, dann ein scharfer Ruf.

Er nahm alle Kraft und Energie zusammen und stemmte sich in die Höhe. Er taumelte, seine Hände suchten unwillkürlich nach einem Halt. Hinter ihm war das Holpern des Planwagens verstummt. Hufgetrappel in der Luft. Der Reiter schrie: „Schnell, Tom! Da ist er! Er ist abgesprungen! Schnell!“

El Indio sah die Sträucher am Wegrand und humpelte darauf zu.

„Stehenbleiben!“, schrie der Mann hinter ihm. „Halt an, oder ich verpass dir eine Kugel!“

El Indio drehte den Kopf. Der Reiter kam mit angeschlagenem Colt vom Wagen her auf ihn zugeprescht. Der Fahrer sprang vom Bock und riss ebenfalls die Waffe heraus.

Und die Büsche waren noch mindestens fünf Schritte von El Indio entfernt — eine Strecke, die er in seiner Verfassung nicht mehr zurücklegen konnte, ohne getroffen zu werden. Schnaufend blieb er stehen und wandte sein schweißnasses Gesicht den Gegnern zu. Der Gedanke, den 45er aus dem Holster zu reißen, durchzuckte ihn.

Der Reiter brachte mit einem harten Zügeldruck sein Pferd zum Stehen.

„Keine Dummheiten!“, warnte er. „Ich brauch nur den Finger krumm zu machen!“

El Indios Schultern sanken vornüber. Und plötzlich hatte er nicht mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten. Mit einer halben Seitwärtsdrehung stürzte er zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Der Mann im Sattel ließ den Colt ins Holster zurückgleiten. Stirnrunzelnd blickte er auf den Verwundeten nieder. Der Planwagenfahrer kam heran.

„Mein Gott! Tatsächlich, er ist es!“, keuchte er und wischte sich fahrig über die Stirn.

Der Reiter zuckte die Achseln. „Ich hab es dir gleich gesagt, Tom! Meine Vermutung, dass er versuchen würde, auf deinem Wagen aus Hay Springs zu kommen, war richtig. Kurz nachdem du losgefahren bist, kam ich beim Saloon vorbei. Ich sah Schleifspuren unter der Veranda hervorkommen, verstehst du? Spuren von einem Mann. Und die Radgleise deines Wagens führten dicht daran vorbei. Ich kombinierte richtig, Tom! Jetzt haben wir uns zehntausend Dollar verdient. Für jeden fünftausend. Was sagst du nun?“

„Er ist ein armer Teufel!“, murmelte der Ältere rau. „Ein verdammt armer Bursche. Es hat ihn schwer erwischt.“

„Ach was! Ein Mörder ist er, Tom! Komm, heben wir ihn auf den Wagen!“

Er rutschte aus dem Sattel, machte einen Schritt auf El Indio zu — und da setzte sich der Verwundete plötzlich auf und richtete seinen Colt auf die beiden Rancher. „Ich muss euch enttäuschen, Gents!“, brachte er heiser zwischen schmalen Lippen hervor. „Ich war nicht bewusstlos! Lasst nur eure Schießeisen in Ruhe, ich warne euch!“

„Höllenfeuer!“, schimpfte Joe. „Siehst du jetzt, Tom, wie arm dieser Kerl, in Wirklichkeit ist?“

„Schnallt eure Gurte ab!“, befahl El Indio drängend. „Los, beeilt euch!“ Er wusste, dass alles schnell gehen musste. Diese Sache würde ihm die letzte Kraft kosten und er wollte nicht in Bewusstlosigkeit fallen, solange diese beiden Männer noch in seiner Nähe waren. Er ließ die Coltmündung von einem zum anderen wandern. „Vorwärts, schnallt ab!“

Sie tauschten einen schnellen Blick. Dann zuckte der Ältere resignierend die Schultern und löste die Schnalle des Revolvergurts. Sein Gefährte folgte nach kurzem Zögern dem Beispiel. Er knurrte wütend: „Sie schaffen es ja doch nicht, Mann! Unmöglich mit dieser Wunde! Sie sollten aufgeben!“

„Um eine Schlinge um den Hals gelegt zu bekommen? Ich danke!“

„Damit mussten Sie rechnen, als Sie Anson Hardesty umbrachten.“

„Es hat wohl keinen Sinn, Ihnen zu erklären, dass es Notwehr war, oder?“

„Nein“, sagte der Mann, dem das Pferd gehörte, beißend. „Nein, das hat wirklich keinen Sinn.“

El Indio richtete sich mit zusammengebissenen Zähnen auf. Er sah das Lauern in den Augen der beiden Rancher auftauchen, als sie merkten, wie unsicher er stand. „Macht euch keine falschen Hoffnungen!“, sagte er grimmig. „Und jetzt will ich das Pferd haben. Los, bringen Sie es mir her!“

„Sie können sich ja doch keine drei Minuten im Sattel halten!“

„Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein! Wollen Sie jetzt endlich das Pferd bringen — oder muss ich Ihnen beweisen, wie gut ich noch zu schießen verstehe?“

Der Mann packte den Gaul an den Zügeln und führte ihn langsam auf El Indio zu.

„Zurück jetzt!“, befahl der Verwundete rau und lehnte sich aufatmend gegen das Tier. Mit der freien Linken klammerte er sich am Sattelhorn fest.

Die beiden Rancher wichen an den Straßenrand zurück. „Jetzt bin ich bloß gespannt, wie Sie da hinaufkommen!“, sagte der Jüngere kalt.

El Indio starrte ihn mit flammenden Augen an.

„Wenn ich wirklich der skrupellose Mörder wäre, für den Sie mich halten, dann würde ich Ihnen jetzt wohl als Antwort eine Kugel geben!“

Der Angesprochene verfärbte sich. Ehe er etwas sagen konnte, stieß El Indio wild hervor: „Verschwindet jetzt von hier! Auf den Wagen mit euch, und zwar sofort!“

Sie setzten sich wortlos in Bewegung. Der Verwundete behielt den Colt in der Faust, bis sich das Fahrzeug in Bewegung gesetzt hatte. Dann steckte er die Waffe aufseufzend ins Holster zurück. Das Pferd neben ihm schnaubte leise. Mit zitternden Händen betastete El Indio den Sattel. Er wusste, bis er da hinaufkam, würden die schlimmsten Minuten seines Lebens vergehen.

 

 

2

Der kleine grauhaarige Mann hinter dem Kassenschalter der Nebraska-Bank blickte auf, als Hank Randall vor das Gitter trat. Er rückte seine Brille zurecht und ein höfliches Lächeln kräuselte seine Mundwinkel.

„Ah, Mr. Randall! Guten Morgen! Sie bringen das Geld, wie? Mr. Hardesty wird sich freuen.“

„Ich muss ihn sprechen!“, sagte Hank heiser.

„Das ist nicht notwendig, Sir. Sie können das Geld hier einzahlen und bekommen von mir dafür die Quittung. Mehr brauchen Sie ja nicht. Es ist...“

„Ich muss ihn sprechen“, wiederholte Hank. „Es ist dringend!“

Der Schalterbeamte räusperte sich. „Ich verstehe nicht...“ Erst dann schien ihm die Veränderung in Hanks Gesicht bewusst zu werden. Es war nicht mehr das Gesicht eines jungen, heiteren, unbekümmerten Mannes, es war kantig, verschlossen und hart. Dunkle Linien zeichneten sich dort ab, die vor einigen Tagen noch nicht zu sehen gewesen waren. Sie verliehen Hanks Miene eine Spur von Bitterkeit und Enttäuschung.

„Ich fürchte“, murmelte der Bankangestellte, „Mr. Hardesty hat gerade keine Zeit für Sie, Mr. Randall.“

„Wo finde ich ihn?“

„In seiner Wohnung. Aber er ist...“ „Diese Tür da, nicht wahr?“, unterbrach Hank ihn.

„Ja, aber...“

Hank hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Er durchquerte mit schnellen Schritten den Schalterraum und öffnete die Nebentür, an der ein kleines Schild mit der Aufschrift „Privat“ befestigt war. Der Bankangestellte rief ihm etwas nach, aber die Stimme verstummte wie abgeschnitten, als Hank rasch die Tür hinter sich zuzog. Ein dämmeriger Korridor lag vor ihm. Rechts stand eine Tür halb offen, drinnen rührte sich nichts. Langsam ging Hank den Korridor hinab. Und dann hörte er Scott Hardestys kräftige Stimme wütend aus einem der Zimmer schallen.

„Und ich sage Ihnen, Sheriff, es ist zum Teil auch Ihre Schuld! Sie wussten so gut wie ich, dass seine Entlassung aus dem Gefängnis bevorstand!“

„Was sollte ich dagegen tun?“, kam Sheriff Fowlers zögernde Erwiderung. „Er war ein freier Mann. Ich...“

„Sie hätten verhindern müssen, dass er jemals nach Hay Springs zurückkam! Kapieren Sie das? Sie wussten, dass er Anson und mich hasste! Nicht wahr, das wussten Sie doch?“

„Wer konnte annehmen, dass er so weit gehen würde!“

„Ich habe es Ihnen früher schon mal gesagt, erinnern Sie sich denn nicht? Ich sagte Ihnen, wir würden noch von diesem El Indio hören! Er ist ein Mann, der nichts vergisst! Zum Teufel, Sheriff, wozu tragen Sie eigentlich den Stern? Ein Mann ist ermordet worden! Sie hätten es verhindern können, wenn Sie...“ „Ich hatte nicht das geringste Recht, gegen El Indio etwas zu unternehmen!“

„Ach was! Recht, Recht! Es war Ihre Pflicht, zum Donner! Ganz einfach Ihre Pflicht! Sie sehen ja, was passiert ist!“ „Außerdem steht es nicht fest, ob es überhaupt Mord war.“

„Was?“ Ein Stuhl kippte polternd um. „Was sagen Sie da?“

Hank vergaß, weswegen er gekommen war. Wie gebannt stand er auf der Stelle. Er konnte sich vorstellen, wie zornrot Scott Hardestys eckiges Gesicht jetzt war.

Sheriff Will Fowlers Stimme klang etwas belegt:

„Ihr Bruder hat einen Schuss abgefeuert — die Kugel, die El Indio verwundete, nicht wahr?“

„Und? Finden Sie es seltsam, dass er sich wehrte? Hören Sie, Sheriff, gehen Sie bloß nicht zu weit! Sie wissen so gut wie ich, dass El Indio ein Bandit ist! Meinen Sie, er beabsichtigte, Anson eine Chance zu geben? Zur Hölle mit diesen Vermutungen! Er ist einzig und allein nach Hay Springs gekommen, um Rache zu nehmen! Dass Anson noch schnell genug war, um ihn mit einer Kugel zu erwischen, ist sein Pech. Und außerdem, Sheriff, warum sollte er denn fliehen, wenn er unschuldig war?“ „Nun, vielleicht haben Sie Recht, Hardesty! Vielleicht...“

„Vielleicht, vielleicht! Hören Sie auf damit, Mann. Ich habe Recht. Und ich verlange, dass Sie nicht länger in der Stadt herumsitzen, sondern Jagd auf ihn machen. Wir wissen jetzt, dass er auf Tom Watersons Wagen aus der Stadt entkam. Aber mit seiner Wunde kann er nicht weit gekommen sein, das ist doch klar! Also, Sheriff, suchen Sie ihn!“

„Ich weiß selber, was ich zu tun habe, Hardesty!“

„So? Ich hoffe es! Jedenfalls werde ich mich bei der nächsten Sheriffwahl an einige Dinge erinnern.“

„Davon kann ich Sie nicht abhalten, Hardesty. Ich nehme an, die Unterredung ist damit zu Ende!“

Schritte kamen auf die Tür zu. Sheriff Fowlers hagere Gestalt schob sich in den Korridor. Sein faltenzerfurchtes Gesicht war grimmig angespannt. Er streifte Hank nur mit einem flüchtigen Seitenblick und ging wortlos dem Ausgang zu. Der junge Rancher nahm den Hut ab, fuhr mit den Fingerspitzen hastig durch sein volles blondes Haar, trat dann an die Tür und klopfte kurz.

„Ja! Was ist?“

Er trat über die Schwelle. Scott Hardesty stand neben dem Fenster und zündete sich eine Zigarre an. Der Nachglanz seiner Wut lag noch in den grauen Augen. Seine Mundwinkel waren verkniffen. Er war in Hemdsärmeln, seine Anzugjacke hing achtlos über eine Stuhllehne.

„Guten Morgen, Mr. Hardesty!“ Hank ließ die Tür ins Schloss fallen. Der Raum war groß und hell, ein dicker Teppich lag am Boden, die Möbel waren dunkel gebeizt und mit kunstvollen Schnitzereien versehen. An den Wänden hingen Bilder, Porzellanfiguren waren aufgestellt, an der Decke befand sich ein schwerer Kristallleuchter. Die ganze Einrichtung verriet den Reichtum des Mannes, dem die Nebraska-Bank gehörte.

Scott Hardesty warf das halb verkohlte Streichholz achtlos zu Boden.

„Hallo, Randall!“, sagte er brummig. „Was wollen Sie denn? Wurden Sie angemeldet? Ich kann mich nicht daran erinnern.“

„Ich muss Sie sprechen! Wegen des Geldes, das ich Ihnen schulde, Mr. Hardesty!“

„Ach richtig!“ Hardesty sog an der Zigarre. „Warum kommen Sie zu mir? Sie hätten das Geld am Schalter einzahlen können und...“

„Ich habe das Geld nicht, Mr. Hardesty!“

Der schwergewichtige Bankbesitzer nahm langsam die Zigarre aus dem Mund. „Was sagen Sie da?“

„Ja, es ist schon richtig! Ich habe es nicht!“

„Hören Sie, Mann“, knurrte Hardesty gereizt. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, um faule Witze zu machen! Mir ist verdammt nicht danach zumute! Heute ist der Fälligkeitstag, wie? Sie kennen doch unseren Vertrag! Entweder Sie bezahlen die fünftausend Dollar, die ich Ihnen vorstreckte, damit Sie da draußen am Bluebird Creek die kleine Ranch aufbauen konnten oder Ihr Besitz geht auf mich über!“

„Ich war in Atchison. Ich hab fast meine ganze Rinderherde verkauft, um die fünftausend Dollar zu bekommen.“ „Und? Was weiter?“

„Auf der Rückfahrt wurde ich überfallen und ausgeraubt!“

„Hm!“, machte Hardesty, sog wieder an der Zigarre und blies eine blaugraue Rauchwolke zur Zimmerdecke hoch.

Schweigen hing drückend im Raum. Draußen auf der Main Street knirschten Räder, eine Peitsche knallte. Dann war es wieder still.

„Pech!“, sagte Hardesty schließlich langsam und schaute Hank voll an.

Hank nickte. Seine Lippen waren zusammen gepresst. Er drehte den Stetson zwischen den Fingern. „Es liegt jetzt natürlich bei Ihnen, Mr. Hardesty, ob...“

„Natürlich, natürlich! Wenn es mir gefällt, kann ich Sie noch heute von Ihrer Ranch vertreiben! Ich weiß!“ Hardestys Stimme klang hart.

Hank schluckte. Er senkte den Kopf und schwieg. In seinem sonnengebräunten Gesicht arbeitete es.

Der Bankbesitzer stieß sich von der Wand ab. Mit langsamen schweren Schritten kam er durch den Raum, bis er dicht vor dem jungen Rancher stand.

„Sie sind natürlich zu stolz, um eine Verlängerung der Frist zu erbitten, wie, Randall?“

Hank schaute auf. „Hätte es überhaupt einen Sinn?“

Hardesty lachte kurz auf. „Sie haben Recht! Ich habe lange genug auf das Geld gewartet. Meine Bank ist darauf angewiesen, dass die Forderungen rechtzeitig eingehen, das verstehen Sie doch. Und ich muss in erster Linie an das Geschäft denken!“

„Damit dürfte alles klar sein“, sagte Hank rau. „Geben Sie mir noch diesen Tag Zeit, um meine Sachen...“

„Warten Sie, Randall! Nur nicht so eilig!“ Der Zigarrenrauch legte einen Nebel vor Hardestys Gesicht, so dass sich Hank vergeblich bemühte, den Ausdruck in den grauen Augen seines Gegenübers zu erkennen.

Hardesty ging zu seinem Schreibtisch, setzte sich und legte die Hände flach auf die Tischplatte. Er bot Hank keinen Stuhl an. Aus engen Augen musterte er den jungen Rancher. Schließlich fragte er knapp: „Randall, ich denke, Sie wissen, was vorgestern in der Stadt passierte?“

„Yeah! Es tut mir leid, dass Ihr Bruder...“

„Schon gut, Randall! Haben Sie schon von diesem El Indio gehört?“

„Nur, dass er fünf Jahre im Staatsgefängnis in Omaha saß und dann zurückkehrte, um sich angeblich zu rächen!“ „Ja, sich zu rächen!“, wiederholte Hardesty. Er schnippte nachlässig die Asche von seiner Zigarre auf den dicken Teppich. Sein breitflächiges Gesicht wirkte angespannt, hart und entschlossen. Ein kaltes Licht stand in seinen grauen Augen.

„Wissen Sie, warum er Rache nehmen will?“

„Keine Ahnung!“

„Weil Anson und ich ihn damals vor den Richter brachten, das ist es! Kennen Sie die Geschichte nicht?“

„Nein, ich lebe erst zwei Jahre in dieser Gegend.“

„Ach ja, richtig! Well, damals versuchte El Indio unsere Bank auszurauben. Anson und ich überraschten ihn dabei. Aber er entkam mit dem Geld — mit vierzigtausend Dollar. Eine schöne Summe, wie? Erst ein halbes Jahr später wurde er geschnappt. Von dem Geld war nichts mehr vorhanden. Er leugnete natürlich alles ab, erklärte, Anson und ich wollten ihm zu Unrecht die Schuld in die Schuhe schieben. Aber er hatte keinen Erfolg. Ansons und meine Aussage standen gegen ihn. Er landete da, wo er hingehörte: hinter Gittern.“ „Ich verstehe! Aber wie hängt diese Sache mit mir und meiner Ranch zusammen?“

„Haben Sie nicht gehört, dass ich...“

Hardesty brach ab. Die Tür wurde aufgerissen. Zwei Männer standen auf der Schwelle — kräftige, sehnige Gestalten mit kantigen Gesichtern und wachsamen Augen. Jeder von ihnen trug einen tief gehalfterten Colt an der Seite.

Das waren die Männer, die seit mehreren Jahren als eine Art Leibwache für die Hardesty-Brüder und zum Schutz für die Nebraska-Bank arbeiteten: Jeff Darwell und Ryan Slawson. Wie die meisten Bewohner von Hay Springs und der näheren Umgebung war Hank Randall den beiden Revolvermännern nach Möglichkeit ausgewichen und sie hatten niemals Wert darauf gelegt, sich den Ranchern oder Bürgern anzuschließen.

Ihre finsteren Blicke glitten prüfend über Hank. Die Hände schwebten griffbereit dicht über den Revolvern. „Alles in Ordnung, Boss?“, fragte Darwell schnell.

Hardesty zog die Augenbrauen hoch. „Warum auch nicht? Was ist denn los, Leute?“

„Gordon in der Schalterhalle sagte, dass ein Mann unangemeldet bei Ihnen eingedrungen sei. Wir dachten...“

„In Ordnung, Männer! Ich habe mit Randall noch zu reden. Lasst uns allein!“

„Schön, Boss!“, nickte Darwell. Ein letzter finsterer Blick streifte den jungen Rancher, dann zogen sich die beiden Revolvermänner zurück und die Tür fiel hinter ihnen zu.

„Nehmen Sie es ihnen nicht übel, Randall“, brummte Hardesty. „Sie haben nur ihre Pflicht getan. Es ist gut, revolvergewandte Männer an der Seite zu haben, auf die man sich verlassen kann!“

„Sie wollten mir sagen...“

„Ja, ich wollte Ihnen erklären, in welchem Zusammenhang El Indio mit Ihrer Angelegenheit steht. Hören Sie zu, Randall!“

Hardesty beugte den schweren Oberkörper halb über die Schreibtischplatte. Sein Blick ruhte eindringlich auf Hanks Gesicht. „Sie wissen doch, dass ich zehntausend Dollar Kopfgeld für Indio ausgesetzt habe — zehntausend, ob er nun tot oder lebendig herbeigeschafft wird.

Wäre das keine Möglichkeit für Sie? Sie könnten nicht nur Ihre Schulden bezahlen, sondern hätten noch mal soviel Bucks obendrein für sich!“ Sein Blick blieb unverwandt auf Hanks Gesicht gerichtet.

Hank hatte den Atem angehalten. Jetzt stieß er heiser hervor: „Hardesty, ich will damit nichts zu tun haben! Ich bin kein Menschenjäger!“

Details

Seiten
144
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937657
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535354
Schlagworte
kopfgeld indio

Autor

Zurück

Titel: Kopfgeld für El Indio