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Pistolero-Erbe

2020 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Pistolero-Erbe

Copyright

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Pistolero-Erbe

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Der Name Carango flößt jedem entlang der mexikanischen Grenze Respekt ein. Als der Mann von den Bewohnern Rosarios gebeten wird, gegen eine Bande Texaner vorzugehen, beginnt eine gnadenlose Jagd. Carango wird von einem jungen Mann begleitet, der sich hartnäckig an sein großes Vorbild klammert, obwohl er kein Fettnäpfchen auslässt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Revolverlauf fegte die Lampe vom Tisch. Ein Stuhl kippte. Dunkelheit füllte die Cantina.

Gleitende Schritte brachten Tom Gorman zur Tür.

Der Mond beschien die Dächer von Rosario. Die Plaza lag verlassen. Aus der Schwärze drangen Gitarrenklänge.

Es war eine düstere, sich wiederholende Melodie der Deguello. Santa Anas Truppen hatten seinerzeit die in Alamo Eingeschlossenen damit zu zermürben versucht.

»Carango«, knirschte Gorman. Schweiß bedeckte das bärtige Gesicht. Im schwarzen Prinz-Albert-Rock, der schwarzen Röhrenhose und ebenfalls schwarzen Stiefeln wirkte er wie ein Berufsspieler.

»Fahr zur Hölle, Carango!«

Donnernd brach sich der Schuss an den weißgetünchten Mauern.

Die Melodie brach nicht ab. Gormans brennende Augen fanden kein Ziel. Hastig ersetzte er die abgeschossene Patrone. Dann ging er zur Theke.

»Gib mir deinen Revolver, Alvarez. Muss es mit ‘nem Trick versuchen. Der Hundesohn da draußen ist einer der gefährlichsten Revolverschwinger im Südwesten.«

Mit zitternder Hand legte der Dicke die Waffe auf die Platte. Gorman schob den eigenen Sechsschüsser unter den Prinz-Albert-Rock, ehe er sie nahm. Er kehrte zur Tür zurück.

Nichts hatte sich geändert. Das Dorf wirkte ausgestorben. Mondlicht lag auf den nur wenige Meilen entfernten Gipfeln der Sierra Morelos.

»Ich hab‘s satt, vor dir davonzulaufen, Carango! Komm schon, du Bastard, kämpfen wir‘s aus!«

Gorman trat ins Freie, den rostfleckigen Colt des Cantineros in der Faust.

Der Deguello verklang.

Dann malmten Hufe. Ein großer, schlanker Reiter löste sich aus dem Schatten. Er trug ein schwarzes Hemd, eine Wildlederhose, an deren Seitennähten Silberknöpfe funkelten, und hochhackige Vaquerostiefel. Der Sombrero hing auf dem Rücken. Ein 44er Army Colt steckte im tief geschnallten Holster. Silberbeschläge zierten den Sattel, von dessen Horn die Gitarre baumelte.

Gorman schob den Sechsschüsser ins Leder. Ein Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. Es war eine alte Regel, dass ein Mann zu Fuß einem Reiter mit gleicher Waffe überlegen war. Gormans Hände packten die Rockaufschläge. Der grobe Stoff verbarg den zweiten Revolver.

»Hättest in Texas bleiben sollen, Carango. Du schickst niemanden mehr zur Hölle.«

Der Gitarrenspieler parierte das Pferd. Lässig ruhten seine Hände auf dem Sattelhorn. Kein Muskel bewegte sich im scharflinigen Gesicht. Die blauen Augen, die bei Tageslicht einen auffälligen Kontrast dazu bildeten, wirkten dunkel. Eine dünne Narbe zeichnete die rechte Wange.

»Du hast immer noch die Möglichkeit, dich zu ergeben, Gorman. Dann bring ich dich in Texas vor die Jury.«

»Du doch nicht!«

Gorman zog den versteckten Revolver. Die Waffe schwang hoch.

Da lag der 44er wie hingezaubert in Carangos Faust. Im Dröhnen des Schusses brach Gorman zusammen. Nur die Ohren von Carangos Falben zuckten. Mann und Pferd glichen einem Denkmal.

Dann stieg Carango ab. Seine Sporen klirrten.

Laternen blakten. Ein Kreis drohender Gestalten umgab den Pistolero. Die Dorfbewohner trugen verwaschenes Leinenzeug, Ponchos und Sandalen. Der Schatten breitkrempiger Strohsombreros lag auf den verkniffenen Gesichtern. Machetas blinkten. Schwielige Fäuste umklammerten alte Vorderlader. Einige Männer besaßen Revolver.

Ein hagerer Alter mit einer Lederklappe über dem rechten Auge richtete sich neben dem Toten auf. Graue Strähnen fielen auf seine Schultern. Er stützte sich auf einen knorrigen Stock.

»Ich bin Juan Rivaras, der Alkalde«, krächzte er. »Wir hatten Gorman zu unserem Schutz angeworben, Carango.«

Drohendes Gemurmel brandete auf, als Carango sich eine Zigarette anzündete. Lässig schnippte er das Streichholz weg.

»Er war ein Mörder. Er erschoss in Texas einen Sheriff. Auf seinen Kopf sind dreihundert Dollar ausgesetzt.«

Der Alkalde pochte mit dem Stock auf die Erde.

»Hier ist Coahuila. Und Gorman behauptete, er hätte in Notwehr geschossen. Er war unsere letzte Hoffnung. Wir hätten ihn freigekauft.«

»Ich bin kein Kopfgeldjäger.«

»Weshalb hast du ihn verfolgt?«

»Der Sheriff war mein Freund.«

Der Einäugige seufzte.

»Wir leben hier weit weg von der nächsten Stadt. Kein Rurale verirrt sich jemals in das Tal des Rio Manzano. Gorman war als einziger bereit, uns gegen die Gringobanditen beizustehen, die uns terrorisieren.«

»Carango gehört zu ihnen!«, schallte es aus der Menge. »Lasst ihn nicht ungeschoren!«

Der Kreis schloss sich enger. Auch Frauen gehörten dazu. Ihre Gesichter drückten dieselbe Verbitterung aus wie die der Männer. Türen und Fenster standen offen. Irgendwo weinte ein Kind. Gewehrschlösser knackten.

»Hängt Carango!«, forderten wütende Dörfler.

Carango zeigte keine Regung. Rivaras hob die Hand.

»Seid still! Carango ist ein Pistolero, kein Mann, der aus dem Hinterhalt mordet wie die verfluchten Gringobanditen. Jedermann weiß, dass er niemals für eine Sache kämpft, die gegen das Gesetz ist.«

»Ich brauch‘ keinen Verteidiger. Es ist nicht mein Fehler, dass ihr ausgerechnet Tom Gorman zum Beschützer erkoren habt. Warum helft ihr euch nicht selbst?«

Der Alkalde schüttelte den Kopf.

»Wir sind Bauern und Handwerker, keine Revolverkämpfer. Die Gringos haben sich auf Rodrigez‘ verlassener Hazienda eingenistet. Niemand im Tal ist vor ihnen sicher. Sie tauchen plötzlich auf, töten erbarmungslos, brandschatzen und verschwinden wieder.«

»Was bezwecken sie damit?«

»Sie hoffen, dass wir das Tal aufgeben: Sie haben bereits mehrere Ranchos am Fluss niedergebrannt, ihre Bewohner ermordet. Es sind bezahlte Killer. Wir wissen, dass sie aus Texas kommen, aber nicht, wer sie schickt. Einige Männer aus dem Dorf wollten sie auf der verlassenen Hazienda überrumpeln. Keiner kam zurück. Am nächsten Morgen trieb der Fluss die Leichen an. Seitdem steht fest, dass die Gringos auch Rosario zerstören wollen. Zuerst jedoch werden sie sich Mojada vornehmen.«

»Wenn sie Mojada und seine Frau töten, ist es seine Schuld!« Ein junger Mexikaner schob sich nach vorn. Mit blitzenden Augen deutete er auf Carango. Er trug einen weißen Leinenanzug und Ledersandalen. In seiner Schärpe steckte ein Revolver. Carango rauchte gelassen.

»Wer ist Mojada?«

Rivaras hüstelte.

»Sein Rancho liegt zwei Meilen nördlich vom Dorf. Er war Soldat. Vielleicht traut er sich deshalb zu, seinen Besitz zu verteidigen. Der Junge, Felipe Mendez, arbeitet für ihn.«

»Mojada verlässt sich drauf, dass Gorman eingreift, wenn die Mörder kommen!«, stieß der junge Mexikaner hervor. »Allein hat er keine Chance.«

Carango musterte ihn kühl.

»Wenn du für ihn arbeitest, warum bist du dann nicht auf dem Rancho?«

Eine Blutwelle verdunkelte Felipes Gesicht.

»Mojada wollte, dass ich Gorman verständige.«

»Da schickte er dich, nicht seine Frau? Wozu schleppst du eigentlich den Revolver mit dir ‘rum?« Carango wandte sich ab und griff nach dem Sattelhorn. Da hob Mendez die Waffe.

»Wenn du aufsteigst, schieße ich!«

Der Pistolero blickte über die Schulter. Der Revolver wackelte.

»Ich bleib‘ dabei, du gehörst zu den Schurken auf Rodrigez‘ Hazienda!«, fauchte der Junge.

»Mach dich nicht lächerlich, Chico. Wahrscheinlich triffst du auf die Entfernung nicht mal ein Scheunentor.«

»Geh von dem Pferd weg! Schnall ab!«

Der große, schlanke Halbmexikaner drehte sich bedächtig um. Seine Hände hingen locker herab. Er ließ die Zigarette fallen. Unwillkürlich wichen die Dorfbewohner einige Schritte zurück.

»Bedrohe niemals einen Mann mit der Waffe, Chico, wenn du nicht wirklich bereit bist, sie zu benutzen.«

»Ich bluffe nicht, Carango! Ich zähle bis … Caramba, bleib stehen, ich schieße sonst!«

Der Junge duckte sich.

Ruhig ging Carango auf ihn zu. Seine Sporen klirrten.

»Du redest zu viel, Chico. Gewiss hat Mojada dich weggeschickt, weil du ihm nur hinderlich bist. Gib das Eisen jemandem, der damit umgehen kann.«

Felipe wechselte die Farbe. Dann stürzte er mit einem Wutschrei los.

Carango bewegte sich gerade soviel, dass der sausende Revolverlauf ihn knapp verfehlte. Seine Faust traf den Angreifer wie eine Keule.

Felipes Sechsschüsser wirbelte zwischen die Zuschauer. Brettsteif fiel der Junge um. Carangos Rechte senkte sich auf den 44er.

»Glaubt noch jemand, dass ich mit Mordbrennern gemeinsame Sache mache?«

Niemand rührte sich. Carango nahm die Zügel.

»Warte!«, krächzte Rivaras, als er sich in den silberbeschlagenen Sattel schwang. Der Alkalde beugte sich über Gorman, fischte einen Lederbeutel aus Gormans Rocktasche und humpelte damit zu dem Reiter.

»Das sind Nuggets im Wert von tausend Dollar Gormans Revolverlohn. Sie gehören dir, Carango, wenn du seine Stelle einnimmst.«

Die Hand des Alten zitterte. Carango nahm den Beutel, löste die Verschnürung und holte ein haselnussgroßes Nugget heraus. Er biss darauf. Es war reines Gold. Der Dorfvorsteher beobachtete ihn gespannt.

»Lass uns nicht im Stich, Carango, sonst sind wir verloren.«

»Ich schulde euch nichts.«

Der Pistolero gab das Goldkorn in den Beutel zurück und verschloss ihn. Sein Blick ruhte auf dem gefurchten Gesicht des Einäugigen. »Wissen die Gringobanditen von dem Gold?«

Juan Rivaras schüttelte den Kopf. Als er etwas sagen wollte, drang das Knattern ferner Schüsse ins Dorf.

»Sie sind auf Mojadas Rancho!«, keuchte einer der Umstehenden. Rivaras schluckte. Er wartete, dass Carango sich entschied.

Die Schüsse steigerten sich zum Stakkato, das jäh verstummte. Hilflos ballten die Dorfbewohner die Fäuste. Einige knirschten mit den Zähnen. Eine Frau schluchzte. Carango schien von all dem nichts zu bemerken. Lässig warf er Rivaras den Beutel zu.

»Ich werd‘s mir überlegen.«

 

 

2

Die Läden waren geschlossen, die Tür verriegelt. Pablo Mojada stand mit der einschüssigen Springfield an der Schießscharte. Sein rundes, braunes Gesicht mit dem martialischen Schnurrbart glänzte.

Eine Talgkerze brannte vor dem blumengeschmückten Bild der Heiligen Jungfrau von Guadeloupe.

Seine Frau, eine füllige Fünfzigerin mit weißen Strähnen im zurückgekämmten Haar, kniete davor. Hölzerne Rosenkranzperlen klapperten zwischen ihren Fingern.

Die Schüsse waren verhallt. Jenseits des Rio Manzano heulte ein Kojote den Mond an. Weißes Licht lag auf den strauchbewachsenen Kämmen. Die Blätter der Weiden und Cottonwoods schimmerten silbrig. Die Mauern und Zäune warfen scharfe Schatten. Ein Meer von Sternen funkelte über dem Tal.

»Wo Gorman bloß bleibt«, schnaufte der Ranchero. »Der Teufel soll ihn holen, wenn er kneift!«

»Versündige dich nicht, Pablo!«

Der ehemalige Sargento bei den Durango-Dragonern entdeckte eine Bewegung zwischen den Sträuchern am Fluss, zielte und feuerte. Doch es war lange her, dass er auf Gegner geschossen hatte, zu lange. Nur ein paar zerfetzte Blätter wirbelten davon. Hohngelächter antwortete.

»Nur weiter so, Greaser. Bald hast du keine Munition mehr. Dann holen wir uns deinen Skalp!«

»Warum nicht gleich? Kommt doch, ihr Feiglinge! Ich hab Blei für euch alle!«

Schweißrinnsale sickerten über Mojadas Wangen, während er hastig das Gewehr lud. Eine Anzahl leerer Patronenhülsen war um ihn verstreut. Beklommen zählte er die restliche Munition. Acht Schuss – und er hatte keinen der Angreifer, die draußen lauerten, auch nur angekratzt.

»Gib nicht so an, Greaser!«, meldete sich die höhnische Stimme wieder. »Bisher haben wir uns nur ein bisschen die Zeit vertrieben. Ich wette, dass du dir in die Hosen machst, Fettwanst, wenn wir erst richtig loslegen. Hast du eigentlich mitgekriegt, dass wir neulich deinen Nachbarn weiter oben am Fluss erwischten? Der Dummkopf glaubte auch …«

»Gringos maleditos!« Es war halb Schluchzen, halb Fluch. »Toribio war mein Freund! Ihr habt ihn wie ein Stück Vieh abgeschlachtet, ihr Dreckskerle!«

Die Springfield dröhnte.

Ein Wiehern gellte, ein Mann schimpfte.

»He, Clint, bring die Pferde weg! Wir heizen dem Fettwanst ein bisschen ein!«

Hufe stampften, Zweige brachen. Dann versank alles im Krachen von einem halben Dutzend Gewehren und Colts.

Die Sträucher und Bäume ringsum schienen Feuer zu speien. Pulverdampfschwaden trieben durchs Mondlicht. Ein Kugelhagel erschütterte den mit Erdschollen gedeckten Adobebau. Mörtelbrocken fielen von den Wänden. Die Bohlenläden klapperten, aber die Riegel hielten.

»Santa Madonna, hilf uns!« flehte Mojadas Frau.

Der bullige Ranchero schob die Springfield aus der Schießscharte und drückte aufs Geratewohl ab. Nach einer Weile hörte das Schießen auf.

Mojada hustete. Pulverrauch reizte die Schleimhäute. Seine Hände zitterten, als er die nächste Patrone in die qualmende Kammer schob. Noch sechs Schuss, weniger als es Gegner waren. Vorsichtig spähte er hinaus.

Der Mond spiegelte sich im Rio Manzano. Die Sträucher schwankten, doch Mojada ließ sich zu keinem Schuss verleiten. Der Corral war leer, das Gatter offen. Mojadas Maultiere waren fort, und auch im Bretterverschlag, in dem die Ziegen und Hühner untergebracht waren, rührte sich nichts.

Die Banditen hatten von Anfang an auf alles geschossen, was einen Laut von sich gab. Nun war auch das Kojotengeheul verstummt. Irgendwo knisterte es. Aber der Mexikaner konnte nicht feststellen, woher das Geräusch kam. Plötzlich schnupperte er.

Sein Blick schnellte zur Scheune. Rauch quoll aus den Ritzen. Dann züngelte Feuerschein hinter dem Torspalt.

Eine Gestalt huschte um die Ecke. Mojadas Gewehr krachte den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Nun dachte Mojada nicht daran, dass er nur mehr fünf Patronen besaß. Wenn die Scheune brannte, war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis das Feuer auch das Wohngebäude erfasste. Ein Brausen erfüllte die Mondnacht.

Der Rosenkranz entglitt Mojadas Frau. Schwankend stand sie auf.

»Die Scheune … das Korn …« Flammen schlugen aus dem Tor. Das Dach bog sich. Funken sprühten.

»Das war‘s für diesmal, Chilifresser!«, schallte es über den in blutrotes Licht getauchten Hof. Pferde wieherten, Metallzeug klirrte. Ein raues Lachen ertönte. »Doch freu dich nicht zu früh! Wir kommen wieder. Wenn du dann noch da bist, beißt du ins Gras!«

Hufschlag trommelte. Ein Reiterpulk jagte über den nächsten Hügelkamm. Keuchend schob Mojada den schweren Riegel zurück.

»Schnell zum Brunnen! Nimm die Eimer mit, Teresa!«

»Bleib! Warte, Pablo …« Da stolperte der Ranchero schon hinaus. Der Gluthauch des Brandes traf ihn. Schützend hob er einen Arm vor das Gesicht.

»Pablo!«, gellte es aus der Tür.

Gleichzeitig krachte der Schuss. Mojada schwankte, presste beide Hände gegen den Leib und fiel auf die Knie.

»Pablo!« Die Frau wollte zu ihm. Das metallische Schnappen eines Repetierbügels ließ sie erstarren. Das Feuer brauste. Eine rot angestrahlte Rauchsäule hob sich in den sternklaren Himmel von Coahuila.

Ein Mann trat mit angeschlagener Winchester aus dem Buschstreifen am Fluss. Die Flammen beleuchteten das brutale Gesicht. Es war ein stämmiger Gringo in Cowboykluft, die eine ärmellose Kalbsfellweste vervollständigte. Grinsend kam er heran.

»Siehst du, so einfach ist das, Fettwanst. Wie konntest du dir bloß einbilden, dass du ‘ne Chance gegen uns hast!«

Mojada krümmte sich.

»Teresa, das Gewehr!«, ächzte er. Die Mexikanerin bewegte sich. Sofort ruckte die Waffe des Gringos herum.

»Du schickst sie in den Tod, du Narr!«

»Wenn hier jemand stirbt, bist du‘s, Bandit!«

Die harte Stimme kam aus dem Schatten des Ziegen und Hühnerstalls. Der Stämmige duckte sich. Das Grinsen fiel aus seinem Gesicht.

»Wirf die Knarre weg!«

Die Winchester fiel auf die Erde. Hufe pochten, Sattelleder knarrte.

»Wie heißt du?«

»Clint McKeen.« Zögernd drehte der Gringo sich um. Feuerschein umfloss den schlanken Reiter. Das scharf geschnittene Gesicht schimmerte wie Bronze. Die Silberknöpfe an der Wildlederhose funkelten. Das erste, was McKeen erfasste, war, dass der Colt des Mannes im Holster steckte und die Hände auf dem Sattelhorn ruhten.

Da griff er zum Revolver. Im letzten Moment erkannte er den Reiter. Erschrocken riss er die Hand zurück.

»Carango!«

Der Sechsschüsser des Halbmexikaners deutete auf ihn. Fahrig öffnete McKeen die Schnalle des Revolvergurts. Die Waffe landete neben dem Gewehr.

»Ich wollte den beiden nur Angst einjagen!«

Carangos 44er tauchte ins Leder zurück.

»Verschwinde! Bestell deinen Amigos, wenn sie bei Sonnenaufgang noch im Tal sind, hol ich mir ihre Skalps!«

 

 

3

Zwei Mexikaner hoben Mojada auf die Bahre und trugen ihn in Rivaras‘ Haus. Die Frau des Verwundeten drückte noch einmal dankbar Carangos Hand, dann folgte sie ihnen. Gaffer standen ringsum. Die Morgensonne schien.

Carango führte den Falben zur Cantina, band ihn an den Zügelholm und nahm die Gitarre mit hinein. Bei jedem Schritt klirrten seine Sporen. Der dicke Wirt hatte bereits einen Tisch für ihn gedeckt. Er verbeugte sich eifrig.

»Das Frühstück kommt gleich, Señor. Selbstverständlich sind Sie mein Gast.«

»Aber gern, Amigo.« Carango grinste. Der Dicke verschwand in der Küche. Töpfe und Pfannen klapperten.

Carango setzte sich, einer eingefleischten Gewohnheit gehorchend, mit dem Rücken zur Wand. Er rauchte und klimperte einige Takte auf der Gitarre. Nebenan brutzelte es. Der Karren rumpelte vorbei, auf dem Carango den Ranchero und seine Frau ins Dorf gebracht hatte. Die beiden Maultiere gehörten Mojada. Carango hatte sie am Fluss eingefangen.

Als er die Zigarette geraucht hatte, brachte ein junger Mexikaner das Frühstück. Felipe Mendez hatte eine Schürze umgebunden. Krampfhaft vermied er es, Carango anzusehen. Es gab Kaffee, Schinken mit Eiern und frischgebackene Tortillas. Der Cantinero hantierte noch in der Küche. Grinsend lehnte der Pistolero sich zurück.

»Mach dir nichts draus, Chico. Ich bin sicher, das ist der bessere Job für dich.«

Der Junge wurde rot und knallte das Besteck auf den Tisch.

»Ich nehm‘ ‘nen Schluck Whisky zum Kaffee«, wünschte Carango. Mit verbissener Miene brachte Felipe die Flasche.

»Gracias, Amigo.« Carango legte eine Münze auf den Tisch. Aber der Junge entfernte sich, ohne das Geld anzurühren. Während Carango aß und trank, humpelte der Alkalde herein. Unsicher blieb er an Carangos Tisch stehen.

»Setz dich! Nimm dir ‘nen Drink.«

Rivaras nahm Platz. Geduldig wartete er, bis Carango den letzten Bissen hinunterspülte. Dann legte er den Nuggetbeutel auf den Tisch. Eine Falte erschien zwischen Carangos Brauen. Der Dorfvorsteher hüstelte.

»Sie sind noch auf der Hazienda. Ich hab einen Späher über den Fluss geschickt. Er sah Kaminrauch.«

Carango schwieg. Rivaras legte einen zweiten gleich großen und ebenso prall gefüllten Beutel dazu.

»Wenn jemand es fertig bringt, sie uns vom Hals zu schaffen, bist du es, Carango.«

»Habt ihr ‘ne Mine überfallen oder ‘ne Bank ausgeraubt?«

»Diego Rodrigez, dem die Hazienda weiter oben im Tal gehörte, hinterließ uns das Gold für Notzeiten. Er nahm vor vielen Jahren das Land am Rio Manzano in Besitz, unfruchtbare Wildnis bis auf dieses Tal. Die Felder, die Weiden, das Dorf – alles gehörte ihm. Er war ein gütiger Patron, der für uns über den Tod hinaus sorgte, wie du siehst.«

»Weißt du, woher das Gold stammt?«

Der Alkalde schüttelte den Kopf.

»Don Diego war ein weitgereister Mann. Niemand erfuhr, woher er kam. Er besaß das Gold bereits, als er uns ins Tal des Rio Manzano rief.«

»Könnte es sein, dass der Mann, der die Gringobanditen auf euch hetzte, was davon weiß?«

Rivaras stützte sich auf seinen Knotenstock.

»Die Schurken auf Rodrigez‘ Hazienda wollten, dass wir aus dem Tal verschwinden. Mehr wissen wir nicht. Wir haben beschlossen, dass das Gold dir gehört, wenn du uns beistehst.«

»Ihr werdet erst Ruhe haben, wenn der Auftraggeber der Mörder hinter Schloss und Riegel sitzt oder in der Hölle schmort.«

»Ich weiß«, krächzte der Alte. »Dieses Gold ist alles, was wir dir dafür bieten können. Tom Gorman war für die Hälfte bereit, es mit den Mördern aufzunehmen.«

»Ich will das Gold nicht.«

»Dann sind wir verloren.«

»Ich hab nicht gesagt, dass ich euch nicht helfe.«

»Wenn du das Gold nicht willst, was dann?«

»Die Hazienda.«

Rivaras duckte sich.

»Weshalb?«

»Ich suche seit Langem einen Platz, wo ich den Colt in die Truhe legen und ohne Feindschaft leben kann. Auch ein Mann wie ich ist das Kämpfen leid. Hier am Rio Manzano, weit weg von allen Städten und Trails, wird es mir gefallen. Ich werde Vaqueros anheuern und Rinder züchten wie früher euer Patron.«

Der Alkalde schluckte.

»Die Hazienda mit allem Land ringsum befindet sich nach wie vor in Rodrigez‘ Besitz.«

»Ich dachte, Rodrigez ist tot, die Hazienda seit vielen Jahren verlassen?«

»Don Diego hat einen Sohn. Ramón wuchs bei seiner Mutter jenseits der Grenze auf. Nach ihrem Tod verbrachte er einige Monate auf Don Diegos Hazienda. Ich erinnere mich, dass er ein wilder Bursche war, den es im Tal des Rio Manzano nicht hielt. Er stellte sich das Leben voller Abenteuer vor. Seit damals haben wir nichts mehr von ihm gehört. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Hazienda und das Tal sein Eigentum sind.«

»Wie lange ist er fort?«

»Zehn … nein, warte, es sind nun schon vierzehn Jahre. Ramón war damals gerade zwanzig.«

»Eine lange Zeit. Wahrscheinlich ist er längst umgekommen – oder das Erbe seines Vaters ist ihm gleichgültig.«

»Wenn nicht?«

Carango drehte sich eine Zigarette. Sein Blick schweifte aus dem Fenster zu den blauen Gipfeln der Sierra Morelos.

»Ich will die Hazienda. Falls Ramón Rodrigez jemals Anspruch erhebt, lass ich mich mit eurem Gold auszahlen und verschwinde. Das kannst du schriftlich haben, Rivaras. Überleg‘s dir.«

Sekunden verstrichen. Carango rauchte. Der Alkalde atmete gepresst.

»Machen wir den Vertrag.«

 

 

4

Ed Baxter, der Anführer der Mordbrenner, ließ das Fernglas sinken. Sein glattrasiertes, durchaus sympathisches Gesicht drückte Zweifel aus. Im Gegensatz zu seinen derb gekleideten Kumpanen trug er einen eleganten hellbraunen Anzug mit weißem Hemd und Kragenschleife. Sein Stetson hatte garantiert den Monatslohn eines gewöhnlichen Weidereiters gekostet. Weizenblonde Haare ringelten sich darunter hervor. Ein Ring funkelte an seiner Linken, ein Goldreif umspannte sein Handgelenk.

»Bist du sicher, Clint, dass es Carango ist?«

Der Stämmige hielt ebenfalls ein Fernglas.

»Absolut. Die Gitarre ist sein Markenzeichen. Ich hab ihn in El Paso erlebt, als er den Boston-Brothers zu ‘ner Freifahrt in die Hölle verhalf.«

»Das ist vier Jahre her.«

»Er ist noch genauso schnell wie damals. Du hättest bloß erleben sollen …«

»Mach dir bloß nicht in die Hosen, Clint.« Baxter lachte. Dann spannten sich seine Mundwinkel. Der Reiter jenseits des Flusses lenkte das Pferd die Böschung hinab und verschwand aus dem Blickfeld der Banditen. Sie standen zu fünft an der halb zerfallenen Mauer, die die Rodrigez-Hazienda umschloss: Ed Baxter, Clint McKeen, Bill Crewley, Joe Lattigan und Sam Easton.

Die Hazienda lag auf einer terrassenförmigen Anhöhe. Der Fluss war eine halbe Meile entfernt. Gestrüpp und Unkraut umwucherten die seit Jahren verwaisten, in spanischem Stil errichteten Gebäude. Mächtige Steineichen reckten ihre Äste über die Ziegeldächer. Fenster und Türen klafften wie Höhlenlöcher. Der Springbrunnen auf dem gepflasterten Innenhof war versiegt. Wilder Wein umrankte die Säulen. Da und dort klafften Löcher in der Mauer, aus denen Grasbüschel sprossen.

Es war heiß. Im Osten drohte eine schwarze Gewitterfront. Ferner Donner grollte, doch noch übergoss stechende Helligkeit das Tal.

»Es heißt, Carango verschießt keine Kugel unter fünfhundert Bucks, es sei denn, er wird angegriffen.« Easton mit den Rattenaugen spuckte einen Strahl Tabaksaft über die Mauer. »Kann mir nicht vorstellen, dass die Greaser mehr als zweihundert Bucks zusammenkratzen können.«

»Kannst ihn ja mal fragen.« Joe Lattigans knochiges Pferdegesicht verzog sich zu einem Grinsen. McKeen wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

»Die Boston-Brothers waren auch zu fünft …«

»Wir sind nicht die Boston-Brothers!«, fuhr Baxter ihn an. Seine blass-blauen Augen funkelten. »Denk an die Bucks, die wir kassieren, wenn wir die Greaser aus dem Tal jagen.«

»Nicht genug, ums dafür mit dem schnellsten Pistolero aus Mexiko aufzunehmen.«

»Auch für Carango ist die Kugel schon gegossen.« Baxter schob die Anzugjacke hinter den Revolver. Sein Blick bohrte sich in McKeens Augen. »Vergiss nicht, wer hier der Boss ist, Clint.«

Der breitschultrige Bill Crewley hielt eine Hand über die Augen.

»Er müsste, verdammt noch mal, längst auf unserer Seite des Flusses sein.«

»Der Bastard wartet auf das Gewitter«, vermutete Baxter. »Er glaubt wohl, dann kann er uns wie beim Taubenschießen abservieren. Well, lasst ihn nur kommen. Wartet, bis wir ihn in der Zange haben, und dann zum Teufel mit ihm!«

Die schwarze Wand über den Bergen wuchs. Ein drohender Schatten senkte sich auf die östliche Talhälfte. Der Donner grollte lauter. Es klang wie näher rückendes Schlachtengetöse.

Baxter sah wieder durchs Fernglas. Kein Lufthauch bewegte die Sträucher am Fluss. Der Reiter blieb verschwunden.

Zwischen Fluss und Anhöhe gab es keine Deckung, nur Gras und Fettholz-Stauden. Auch jenseits des Rio Manzano erstreckte sich Prärie. Das Gras war saftig, eine ideale Rinderweide. Rosario lag mehrere Meilen entfernt hinter einer Flussbiegung. Wieder donnerte es. Eine Böe fauchte von den Bergen und wirbelte den Staub zwischen den Gebäuden auf.

Baxter wandte sich ab.

»Clint und Sam, ihr legt euch im Haupthaus auf die Lauer. Bill postiert sich im Stall, Joe in der Kapelle. Ich mach‘s mir auf dem Wachturm bequem. Dann sitzen wir hübsch im Trockenen und haben ihn, wenn er aufkreuzt, genau zwischen uns. He, Clint, was willst du mehr?«

»Verdammt, du musst mir nicht zureden wie ‘nem kranken Kalb. Hab ich gekniffen?«

»Vergiss es.« Der Anführer grinste. »Drüben in Texas gibt‘s genug Burschen, die anstandslos tausend Bucks blechen, wenn wir ihnen Carangos Skalp bringen. Ich schlag vor, sie gehören dem, der den Hundesohn zuerst erwischt.«

»Du glaubst, vom Turm aus hast du die beste Chance, was?« Easton kicherte. »Wart‘s ab, Ed. Du bist zwar mit dem Colt ein Ass, aber ich kenne keinen, der mit der Winchester besser trifft als ich. – Komm, Clint, zeigen wir‘s ihnen.«

McKeen schloss sich ihm an. Die anderen verteilten sich ebenfalls.

In der Eingangshalle der Casa Grande war es angenehm kühl. Das Gepäck der Banditen lag auf den Marmorfliesen. Die Topfpalmen neben der Treppe zum Obergeschoss waren verdorrt. Staub bedeckte die Sockel, Läufer und Teppiche. In den Ecken und Nischen hingen Spinnweben.

McKeen setzte sich neben der schief in den Angeln hängenden Tür auf eine Kiste. Easton lehnte sich mit der Winchester in eine Fensternische.

Fahle, von Blitzen durchglühte Dunkelheit umgab die Hazienda. Der Donner krachte in immer kürzeren Abständen, aber kein Tropfen Regen fiel.

McKeen hörte die Gitarre zuerst. Ruckartig hob er den Kopf und lauschte. Da dröhnte wieder ein Donnerschlag. McKeen blickte zu Easton, aber der hatte nichts gemerkt. Der stämmige Bandit erhob sich.

»Spinn ich schon?«

»Was hast du gesagt?«, rief Easton. Dann hielten beide den Atem an. Deutlich tönte die Gitarre durch den Nachhall des Donners.

Es waren die Klänge des Deguello.

Easton wirbelte geduckt herum. McKeen hob den Revolver. Ein Schatten verharrte neben der Treppe. Im Flackern eines erneuten Blitzes glänzten die Zierknöpfe an den Seitennähten der Wildlederhose.

»Carango!«, keuchte McKeen.

»Ich hab gesagt, dass ich mir eure Skalps hole, wenn ihr heute noch da seid.«

Die Gitarre hing am Schulterriemen. Die Rechte des großen Halbmexikaners lag am Colt.

»Wie, zum Teufel, kommst du hierher?«

»Die meisten alten Haziendas besitzen einen unterirdischen Fluchtgang. Ihr hättet die Festung genauer inspizieren sollen.«

»Quatsch nicht, schieß!«, schrie Easton dem Kumpan zu. Die Winchester flammte mit dem nächsten Blitz.

Da feuerte auch McKeen.

Doch Carango stand nicht mehr am selben Fleck. Sein 44er antwortete mit einem halb vom Donner verschluckten Knall.

Easton ließ das Gewehr fallen, prallte gegen die Mauer und sank an ihr nieder. Die zweite Kugel warf McKeen auf die Fliesen. Katzenhaft durchquerte Carango die Eingangshalle. Statt der Stiefel trug er weichsohlige Mokassins. Draußen tanzten Staubwirbel.

»Ed, Bill, habt ihr‘s gehört? Da waren Schüsse im Haus!«, rief Joe Lattigan.

»Mach keine blöden Witze!«, schallte es vom Turm.

»Es stimmt, Ed!«, meldete sich Bill Crewley. »Ich wollte gerade … Da ist er!«

Ein Blitz erhellte den Eingang der Casa Grande. Crewleys Gewehr peitschte. Doch die Schattengestalt war bereits verschwunden. Dämmerung umhüllte die Mauern.

»Der Bastard hat Clint und Sam erwischt!«

Lattigan tauchte im Stalltor auf. Erschrocken prallte er zurück, als eine Kugel nur eine Handbreit an seinem Gesicht vorbeipfiff.

»Zu den Pferden!«, brüllte Crewley. Er stürmte aus der Kapelle, kam aber nur fünf Schritte weit, dann durchlöcherte eine Kugel die flatternde Jacke. Fluchend warf der Bandit sich zu Boden und kroch blindlings schießend hinter eine Mauerecke.

Baxter feuerte aus der Turmluke.

Doch Carango hatte schon die Stellung gewechselt. Seine Schüsse flammten jedes Mal von woanders, ohne dass die Gringos ihn zu sehen bekamen. Wenn sie selbst auch nur die Nase aus der Deckung streckten, krachte sofort Carangos Colt. Sein Blei nagelte sie fest. Crewley fluchte wie ein Frachtfahrer.

Böen fauchten über die Anhöhe. Staubschleier wogten. Ein Reiter tauchte darin auf, eine schmale, weißgekleidete Gestalt, die mit einem Revolver fuchtelte.

»Hierher, Carango! Ich geb‘ dir Feuerschutz!« Es war der Junge aus dem Dorf, Felipe Mendez. Sein schwarzes Haar flatterte.

»Hau ab!«, schrie Carango. »Ich brauch‘ dich nicht!«

Schüsse krachten.

Felipes Brauner stieg. Ein Blitz spaltete den dunklen Himmel über der Hazienda. Mehrere Kugeln trafen das Pferd. Blutüberströmt brach es zusammen.

Der junge Mexikaner blieb mit dem linken Fuß am Steigbügel hängen.

 

 

5

Der Aufprall trieb Felipe die Luft aus den Lungen. Krampfhaft hielt er den Revolver. Weitere Kugeln trafen das Pferd. Es schlug noch einige Male mit den Hufen, dann lag es still.

Der Steigbügelriemen hatte sich um Felipes Fuß gewickelt. Vergeblich zerrte und riss er daran. Sandfontänen spritzten neben ihm hoch. Im Krachen immer neuer Donnerschläge waren die Schüsse nicht lauter als das Brechen dürrer Äste.

Keuchend presste der Junge sich an den Pferdeleib. Staubschwaden jagten vorbei. Mündungsfeuer blitzte aus dem Turm. Als er zurückschießen wollte, klemmte die Revolvertrommel. Sand war hineingeraten.

»He, Joe, du hast ihn genau im Schussfeld! Sieh zu, dass du ihn erwischst!«, rief Baxter.

Eine Kugel zersplitterte das Sattelhorn. Die nächste pflügte den Sand neben Felipe.

»Carango!«, schrie er verzweifelt.

Gleißende Helligkeit übergoss die Hazienda. Dann stürzte der Regen wie ein Wasserfall herab. Binnen Sekunden war der Junge bis auf die Haut durchnässt. Die Sicht betrug nur wenige Yard. Der Sand verwandelte sich in Morast. Sturzbäche rauschten über die Mauern und Dächer. Der Regen wusch das Blut von dem Pferdekadaver. Eine Lache bildete sich um Felipe.

Blitze durchglühten den Wolkenbruch. Ein Schatten tauchte vor dem Jungen auf und verschwand wieder. Von irgendwoher kam der Fetzen eines schrillen Wieherns. Abermals versuchte Felipe den Fuß zu befreien. Plötzlich ragte eine Gestalt neben ihm auf.

Ein Messer funkelte. Felipe wollte schreien, da erkannte er Carango. Die Klinge durchtrennte das Leder. Kräftige Fäuste zerrten Felipe hoch.

»Komm!«

Ein mehrfach verästelter Blitz beleuchtete die Mauern, aber kein Schuss fiel. Felipe folgte dem Pistolero ins Haupthaus. Carango zündete die Kerze auf dem Tisch an. Die Gitarre lehnte an einer Säule.

Felipe fröstelte, als er McKeen und Easton sah. Carango hob Eastons Winchester auf und spähte aus dem Fenster. Es schüttete noch immer. Ein harter Blick traf Felipe.

»Das hast du großartig hingekriegt. Die Kerle sind abgehauen.«

Der Junge schluckte.

»Ich wollte … ich dachte …«

»Du wolltest beweisen, dass du nicht nur Teller spülen, Zäune flicken und Maultiere füttern kannst. Die Friedhöfe der Grenzstädte sind voll von Narren wie dir.«

»Ich hatte Pech. Wenn die Gringos nicht das Pferd …«

»Sei froh, dass sie nicht dich trafen.«

»Wir dürfen sie nicht entwischen lassen. Sie werden sonst mit Verstärkung zurückkommen!«

McKeen bewegte sich. Carango trat zu ihm.

»Wer hat euch geschickt?«

McKeen atmete mühsam. Blut sickerte unter der Hand hervor, die er gegen den Leib presste.

»Geh zum Teufel, Carango!«

»Antworte, McKeen. Du hast nicht viel Zeit.«

Hasserfüllt starrte der Bandit zu ihm empor. Carango hob die Schultern.

»Ich bin nicht auf dich angewiesen. Du hast nichts mehr zu verlieren, deine Partner alles.«

»Sie werden dich töten, du verdammter …« McKeen bäumte sich auf. Sein Kopf fiel zur Seite. Blut lief aus seinem Mund. Er atmete nicht mehr.

Carango überzeugte sich, dass auch Easton tot war. Nur die flackernde Kerzenflamme belebte sein Gesicht.

»Richte Rivaras aus, dass ich ihnen folge.«

»Ich komme mit.«

»Ich reite allein. Ich werde genug Verdruss bekommen, ohne dass ich Kindermädchen für dich spiele.« Carango grinste nur, als Felipe die Fäuste ballte. »Außerdem hast du kein Pferd.«

Da drang ein Wiehern durch den Regen. Eines der Banditenpferde befand sich noch innerhalb der Mauern. Felipe lief hinaus. Es dauerte nur fünf Minuten, bis er mit dem gesattelten Braunen zurückkam. Die Kerze brannte noch.

Carango war verschwunden.

 

 

6

Zwei Tage später erreichte Felipe Mendez den Rio Grande del Norte. Sonnenschein glänzte auf dem Fluss. Weiden und Cottonwoods säumten die Ufer, wo Vögel zwitscherten. Eine deutliche Spur lief über die Sandbank in der Mitte des Flusses. Es war die Fährte, auf der der junge Mexikaner seit zwei Tagen ritt. Wie ein Speer zielte sie nach Nordosten, in die sonnenverbrannte Weite von Texas, die jenseits der schimmernden Wasserfläche begann.

Durstig tauchte der Braune sein Maul ins klare Nass. Felipe zögerte. Bisher war er nur wenige Male aus der Sierra Morelos herausgekommen. Die flimmernde Ebene jenseits des Rio Grande kam ihm wie Feindesland vor. Unwillkürlich umschloss die Rechte den Revolvergriff. Irgendwo da drüben ritt Carango auf der Mörderspur. Felipe hatte keine Ahnung, wie groß der Vorsprung der Gringos war. Die Prärie wirkte ausgestorben. Keine Wolke trübte das leuchtend blaue Firmament.

Felipe gab sich einen Ruck und trieb das Pferd in den Fluss. Das Wasser spülte den Staub von seinen Sandalen. Dann stampfte der Braune auf die Sandbank. Die Vögel schwiegen plötzlich. Zwischen den Sträuchern gegenüber blinkte Metall.

Felipe zerrte an den Zügeln, brachte den Revolver frei, da krachte es schon. Pulverrauch schwebte über den Büschen. Wieder erwischte es das Pferd. Wiehernd knickte der Braune ein.

Felipe rollte über die Sandbank. Seine Hände waren leer. Beim Sturz hatte er die Waffe verloren.

Drüben brach Bill Crewley aus dem schwankenden Gestrüpp. Er zielte mit einem Gewehr auf den jungen Mexikaner. Trotz der Entfernung sah Felipe das Glitzern in seinen Augen. Bartstoppeln bedeckten Crewleys Kinn und Wangen.

Felipes Gedanken rasten. Der Mann war allein. Er hatte absichtlich auf das Pferd geschossen.

»He, Junge, wieso kommst du allein? Wo steckt Carango?«

»Hier!« Die Antwort kam aus dem Dickicht am mexikanischen Ufer. Ein Vogelschwarm stob über den Fluss. Fluchend riss der Gringo den Karabiner nach rechts.

Carangos Schuss traf ihn am Arm. Crewley schrie auf. Das Gewehr klatschte ins Wasser. Mit einem verzweifelten Satz rettete der Mann sich ins Gebüsch. Zweige brachen, dann wieherte ein Pferd. Hastig kroch Felipe zu seinem auf der Sandbank liegenden Revolver. Als er sich taumelnd erhob, entfernte sich das Trommeln von Hufen hinter der Buschmauer.

Carango bog um eine Trauerweide. Gemächlich ritt er zur Sandbank. Sein Colt steckte im Holster. Die Gitarre hing am Sattel. Der spitzkronige Sombrero war mit Silberfäden bestickt.

»Dein Pferdeverschleiß ist enorm, Chico.«

»Ich dachte, du wärst längst über den Fluss.«

»Ich wollte erst sicher sein, dass ich nicht in einen Hinterhalt reite.«

»Da hast du mich als Köder benutzt.«

Carango grinste. »Immerhin bist du nicht auf den Kopf gefallen, Chico.«

»Ich heiße Felipe, verdammt noch mal!«

»Schon gut. Adios, Chico.« Carango lenkte den Falben über die Sandbank. Felipe drehte sich mit. »He, du kannst mich nicht zu Fuß hier zurücklassen!«

»Wieso nicht?«

 

 

7

Der Falbe warf schnaubend den Kopf hoch.

Sofort presste sich Felipe an den Boden. Ein Kreosotstrauch ragte vor ihm auf. Weitere Kreosots wuchsen an den Hängen, die die Senke umschlossen. Die Glut des herabgebrannten Lagerfeuers schimmerte durch die Zweige. Ringsum herrschte Dunkelheit. Der Mond war untergegangen, der neue Tag nicht mehr fern.

Felipe erkannte nur die Umrisse der in eine Decke gewickelten Gestalt. Der Sattel diente als Kopfkissen. Das Pferd war an einen Felsbrocken gebunden. Es schnaubte abermals, aber der Schläfer reagierte nicht.

Trotzdem wartete der junge Mexikaner einige Sekunden, ehe er weiterkroch. Stunde um Stunde war er verbissen Carangos Spur und der Fährte der Gringos gefolgt. Auch nach Einbruch der Nacht hatte er die Richtung gehalten. Der Mond war sein Verbündeter gewesen, bis Felipe kurz nach Mitternacht auf das Camp des Pistoleros stieß.

Er wollte das Pferd.

Dann konnte er Carango vor die Wahl stellen, gemeinsam mit ihm die Gringos zu jagen oder auf Schusters Rappen die nächste, viele Meilen entfernte Siedlung zu erreichen. Der Junge brannte vor Ehrgeiz und verletztem Stolz. Er war wütend auf Carango, gleichzeitig eiferte er ihm nach.

Lautlos erreichte er den nächsten Busch. Das Pferd stampfte, eine Eule rief. Irgendwo raschelte es. Wahrscheinlich ein Nachttier, das seinem Bau zustrebte.

Felipe schwitzte. Seine Muskeln schmerzten.

Allmählich verblasste die Glut. Die Eule rief wieder, so nahe, dass der Junge unwillkürlich den Kopf drehte. Als er dann nach vorn schaute, sprang eine große, dunkle Gestalt auf den Schläfer zu. Ein dumpfer, klatschender Laut folgte. Funken sprühten um den Angreifer.

Es war ein athletischer, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleideter Indianer. Gesicht, Brust und Beine waren mit weißen Streifen bemalt.

Eine federgeschmückte Lanze steckte in dem Deckenbündel neben dem erloschenen Feuer. Es dauerte einen Moment, bis der Krieger merkte, dass er genau wie Felipe auf einen Trick hereingefallen war.

Carangos Stiefel ragten aus der Decke, auch der Sombrero war da, aber nicht Carango.

Ein Wutschrei gellte. Dann verschluckte die Finsternis den Indianer. Prustend zerrte der Falbe am Strick. Er witterte nicht Felipe, sondern die Krieger, die sich wie Raubkatzen in der Senke verteilten.

Die Eule rief, ein Kojote jaulte. Das Rascheln wiederholte sich. Felipes Kehle war trocken, sein Herz hämmerte. Gleichzeitig fror er. Es kam ihm wie ein Wunder vor, dass die Indianer ihn noch nicht entdeckt hatten. Es waren mindestens drei.

Felipe umkrampfte den Sechsschüsser, sah aber nur die Sträucher und das Pferd. Dabei wuchs das Gefühl, selbst beobachtet zu werden, mit jeder Minute, die zähflüssig verstrich.

Panik keimte in ihm. Er spannte sich, zog ein Knie an, entschlossen, um sein Leben zu laufen, wenn ringsum gleich die Hölle aufbrach.

Da spürte er eine Hand an der Schulter.

»Rühr dich nicht!«

Felipes Herzschlag drohte auszusetzen. Lähmende Leere war in seinem Gehirn. Dann drehte er den Kopf. Carango kauerte neben ihm, den 44er in der Faust. Etwas Wölfisches haftete ihm an.

»Comanchen!«, raunte er. »Pass auf das Pferd auf! Sie werden versuchen, es sich zu holen! Dann kannst du beweisen, wie gut du mit dem Eisen bist!«

Die Dunkelheit verbarg Carangos Gesicht, aber Felipe hätte gewettet, dass er grinste. Ehe er etwas erwidern konnte, sog die Nachtschwärze Carango auf. Der Falbe beruhigte sich. Felipe lauschte, aber kein Zweig bewegte sich mehr.

Schweiß biss in Felipes Augen. Er wagte nicht, ihn wegzuwischen. Das Pferd war ein großer, immer mehr mit der Dunkelheit verschmelzender Schatten.

Dann tauchte ein zweiter, kleinerer Schatten daneben auf. Felipe hob den Revolver. Seine Augen begannen vom angestrengten Starren zu schmerzen. Die Sekunden dehnten sich.

Plötzlich glühte ein Lichtpunkt, eine Streichholzflamme, dann übergoss Röte die Sträucher und Hänge. Der Reisighaufen, den Carango heimlich vorbereitet hatte, brannte lichterloh. Ein wilder Schrei folgte, Schüsse krachten. Der weiß bemalte, athletische Comanche schwang sich auf Carangos Falben.

Felipe sprang auf, schoss, fehlte aber. Der Krieger drehte sich. Er hielt eine Winchester. Da schmetterte Carangos Schuss ihn zwischen die Kreosotbüsche.

»Pass auf, hinter dir!«, verstand Felipe, wirbelte herum und entging um Handbreite dem funkelnden Stahl eines Tomahawks.

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937640
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535353
Schlagworte
pistolero-erbe

Autor

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Titel: Pistolero-Erbe