Lade Inhalt...

Die Zwillinge mit drei Vätern

2020 94 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Zwillinge mit drei Vätern

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Die Zwillinge mit drei Vätern

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

 

Die Dorfbewohner sind empört. Das geht doch nicht, dass Sofie Wasner, so ein junges Ding, ganz allein auf dem einsamen Berghof bleiben will. Aber die hübsche Sofie hat es sich in den Kopf gesetzt, den kleinen Hof selbst zu bewirtschaften. Es dauert nicht lange, da kommt Rudolf Holzmüller zu ihr – heimlich, versteht sich, denn die Dörfler zerreißen sich schon so genug das Maul über Sofie. Dann ist Rudolf fort, und die versprochenen Briefe bleiben aus. Enttäuscht lässt sich Sofie mit zwei verheirateten Männern aus dem Dorf ein …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Das Dorf Ehrwald war in hellem Aufruhr. Jeder zerriss sich den Mund darüber, dass die Sofie Wasner, das junge Ding, ganz allein auf dem einsamen Berghof bleiben wollte. Vor zwei Wochen hatte der Wastl Wasner, der Vater der Sofie, die Augen für immer geschlossen. Die Mutter war schon vor Jahren gestorben. Vater und Tochter hatten den kleinen Berghof bewirtschaftet. Er warf nicht viel ab, aber es hatte zum Leben gereicht. Also, der Wastl war nicht mehr, und nun lebte die zwanzigjährige Sofie allein da oben auf dem Berg und wollte auch allein bleiben, wie sie allen ins Gesicht gesagt hatte. Nun war es eigentlich nur ein kleines Anwesen. Sofie hatte zwei Kühe, dazu ein paar Wiesen. Mehr nicht. Sie kam grad so zurecht, musste aber ganz schön hinlangen. Sie schaffte von früh bis spät, aber sie war jung und kräftig, es machte ihr nichts aus. Und sie war hübsch, die Sofie, das war schon bald sündig, wie hübsch sie war. Und deswegen hatten es die Ratschen im Dorf besonders eilig mit dem Mundwerk. Was konnte in dem einsam gelegenen Berghof alles geschehen bei der bildhübschen Sofie ...

Am schlimmsten trieb es die Xenia Wasner, die unverheiratete Tante der Sofie, was weiter nicht verwunderte. Denn sie rechnete sich aus, zu der Sofie ziehen und sich ins gemachte Nest setzen zu können. Sie war Näherin und wohnte in zwei kleinen Zimmern im Dorf. Schon mit dem Bruder hatte sie sich nicht recht vertragen und hätte mehr Aufträge haben können, wenn sie sich nicht so sehr um die Privatangelegenheiten ihrer Kundinnen gekümmert hätte.

Nun sah sie ihren Weizen blühen, da der Bruder gestorben war und Sofie trotz aller Widerreden eine Aufsicht brauchte. Sie redete nicht mehr lange, sondern handelte kurzentschlossen. Sie packte einen Koffer mit dem Nötigsten, was sie in nächster Zeit brauchen würde und machte sich auf den Weg zum Wasnerhof.

Unterwegs malte sie sich ihre Zukunft in rosigen Bildern. Die Sofie, jung und kräftig, konnte sich um die Landwirtschaft kümmern und alle schweren Arbeiten verrichten, während sie den Haushalt führen würde. So brauchte sie keine Miete zu bezahlen, wenn erst mal die Zimmer im Dorf gekündigt waren, und die Verpflegung bekam sie auch umsonst. Dass niemand wegen der Schneiderei bis zum Berghof steigen würde, machte ihr nichts aus.

Ja, und die Sofie, die hatte sie dann unter den Augen, da konnte sie keine Dummheiten machen.

Xenia bildete sich wahrhaftig ein, aus reiner Christenpflicht und Menschenfreundlichkeit zu handeln.

Sie machte das liebenswürdigste Gesicht, das sie zustande brachte, als sie Sofie unter der Tür stehen sah. Aufschnaufend stellte sie den Koffer ab.

»So, Dirndl, da bin ich.«

Sofie schaute verständnislos auf die Tante, dann auf den Koffer und fragte unfreundlich: »Was willst?«

In Xenias Gesicht erlosch das Lächeln. Für einen Moment war sie sprachlos, was bei ihr schon etwas heißen sollte. Dann schnappte sie nach Luft, stemmte die Arme in die Hüften und legte los: »Ja, was glaubst wohl, was ich will, wenn ich mit meinen Sachen aufkomm’? Hierbleiben werd’ ich und dir den Haushalt machen. Die Leut’ zerreißen sich eh’ schon das Maul über dich, dass du da heroben allein wirtschaften willst!«

»Die Leute? Da hast du wohl den größten Anteil am Maulzerreißen, meine ich.«

Xenia verschlug es erneut die Sprache, sie ließ sich auf der Hausbank nieder.

Sofie verschwand für einen Moment im Haus und kam mit Brot, Speck und Milch zurück, das sie der Tante servierte.

»Ich will mir nit nachsagen lassen, ich wüsste net, was sich gehört. Da hab ich dir eine Brotzeit gerichtet. Nimm dir Zeit und verschnaufe ein bissel, aber dann gehst wieder ab. Ich brauch’ keinen Aufpasser da heroben, und mit der Wirtschaft komm’ ich allein zurecht. Adjes, ich muss in den Stall.« Damit drehte sich Sofie um und überließ die Tante ihrer Brotzeit.

Xenia ließ es sich denn auch schmecken. Einen Vorteil musste dieser beschwerliche Weg da herauf schließlich bringen. Sofie hatte reichlich aufgetragen, und was Xenia nicht aß, steckte sie sich ein. Dann nahm sie ächzend ihren Koffer auf und verschwand mit Groll im Herzen vom kleinen Berghof.

 

 

2

Für Xenia war die Sache aber noch nicht erledigt. Am nächsten Tag war sie beim Pfarrer und redete solange auf ihn ein, bis er versprach, selbst mit der Sofie zu sprechen. Er zog sich die Bergstiefel an und stieg stöhnend und schwitzend zum Wasnerhof hinauf.

Sofie empfing den Seelenhirten freundlich und bewirtete ihn ausgiebig. Aber auch ihm erklärte sie unmissverständlich, dass sie niemanden ins Haus nehmen, sondern allein hausen wolle.

»Schauen S’, Hochwürden, ich bin längst volljährig, mir kann niemand mehr dreinreden. Und ich habe schon immer auf dem Hof geschafft, ich weiß, wie alles läuft. Ich bin gesund und kräftig, mir macht die Arbeit Spaß.«

Der Pfarrer sah Sofie lächelnd an.

»Gewiss, Dirndl, man kann dir nit dreinreden, du bist alt genug um zu wissen, was du tust, aber meinst nit, dass du auf einen guten Rat hören könntest? Du weißt selbst, dass du ein hübsches Madel bist. Vielleicht fallt es einigen Burschen ein, dass sie bei dir jetzt leichtes Spiel haben könnten? Wenn einer hier oben zudringlich wird, hast du keinen Schutz und schreien hilft da nix, das hört man nit im Dorf.«

Sofie musste ein Lächeln unterdrücken, meinte aber mit einem Augenzwinkern: »Vielleicht will ich gar nit schreien, Herr Pfarrer?«

Da verschloss sich das freundliche Gesicht, und Hochwürden griff nach seinem Knotenstock.

»Vergelt’s Gott für die Bewirtung, Dirndl. Wenn du keinen gutgemeinten Rat annehmen willst, so muss ich halt unverrichteter Dinge wieder gehen.«

Sofie sah ihn schelmisch lächelnd an.

»Ich dank’ Ihnen für Ihren Besuch Hochwürden, und der Tante Xenia können Sie sagen, sie soll's aufgeben. Nicht, dass sie etwa auch noch den Herrn Bürgermeister herauf schickt.«

Bei diesen Worten vertiefte sich das Lächeln in ihrem hübschen Gesicht, und der Pfarrer musste sich eingestehen, dass die hantige Xenia eigentlich gar nicht hierher passen würde. Aber wie sollte er es ihr nur beibringen, dass auch sein Besuch auf dem Wasnerhof erfolglos war? Unwillkürlich seufzte er auf und verabschiedete sich dann schnell von der Sofie. Sie geleitete ihn zum Tor und stieg anschließend auf den Altan, um ihm nachzusehen, bis er im Wald verschwunden war.

Sofie lachte vor sich hin, dann drehte sie sich um und ging auf die Kammertür zu und sagte: »Kannst jetzt wieder rauskommen. Die Luft ist rein.«

Rudolf Holzmüller hatte ein ganz rotes Gesicht.

»Jessas, ich dachte schon, er kommt nachschauen.«

»Geh«, schnurrte sie und gab ihm ein Küsschen, »so was tut doch unser Herr Pfarrer net. Hochwürden in der Kammer eines Dirndls, na, das wäre etwas für die Tante Xenia gewesen.«

Er umfasste sie und lachte heiser auf.

»Du bist mir eine«, sagte er lustig. »Wie du das vom Bürgermeister gesagt hast, hätte ich mich ausschütten können vor Lachen. Aber ich glaube, deine Tante brächte es auch noch fertig, meinen Vater zu dir herauf zu jagen, bloß damit deine Keuschheit nit unter die Räder kommt.«

»Na ja«, meinte Sofie, »das, wenn der Herr Pfarrer wüsste, von wegen der Keuschheit ...«

Er legte ihr den Zeigefinger auf den Mund.

»Pst, das weiß nur ich, und das geht niemanden was an.«

Sie lachte ihn an und ließ sich in die Arme nehmen. Der Rudolf hatte ihr schon lange gefallen, und jetzt war er ihr Schatz.

»Was meinst, was hätte der Herr Pfarrer gesagt, wenn ich plötzlich vor ihm gestanden wäre?«

»Bestimmt hätte ihn der Schlag getroffen«, meinte sie. »Aber komm, ärgern wir uns jetzt nicht mehr über die Dörfler. Die können mich gernhaben.«

Das ließ sich der Rudolf nicht zweimal sagen, und so nahm er sie in die Arme und küsste sie herzlich.

Der Rudolf war auch der Grund, warum die Sofie nix von den Reden wissen wollte, und die Tante konnte sie schon gar nicht ausstehen, da sie ein falsches Luder war. Nein, sie fühlte sich hier oben pudelwohl. Bis vor kurzem, da hatte sie noch alles tun müssen, was der Vater wollte. Aber jetzt war sie frei und niemandem Rechenschaft schuldig. Das Leben machte ihr Spaß, sie liebte und wartete fast jeden Abend auf ihren Schatz.

Rudolfs Vater war zwar Bürgermeister in Ehrwald und er hätte bestimmt auch ganz schön getobt, wenn er gewusst hätte, dass sein eigener Sohn der Sofie nachstieg. Aber auch darum kümmerte sich das junge Liebespaar nicht. Überhaupt hatte der Rudolf so seinen eigenen Kopf. Da war der Willi, der ältere Bruder, er würde einmal den Hof erben, so war es nun mal. Gewiss, man würde ihm eine Abfindung zahlen. Aber so groß war der Hof auch wieder nicht, dass er sich damit eine Existenz aufbauen konnte.

Rudolf musste eben sehen, wie er weiterkam. Im Augenblick half er ja noch auf dem Hof. Aber dazu hatte er auch keine rechte Lust. Bestimmt wäre er schon auf und davon gegangen, wenn die Sofie nicht gewesen wäre. Im Augenblick hing er an ihr wie eine Klette. Teufel einmal, sie war auch wirklich ein fesches Dirndl. Sie zierte sich nicht lange und zeigte ganz offen ihre Liebe.

Sie fand die Liebe so schön, und sie sagte sich, man ist nur einmal jung. Außerdem liebte sie den Rudolf wirklich und hoffte insgeheim, er würde auf dem Wasnerhof einmal Bauer werden. Aber zunächst wollte sie nur mit ihm zusammen sein und das möglichst oft.

Kaum wurde es dämmerig unten im Tal, da stahl sich der Rudolf fort und kam zu ihr herauf. Und sie stand schon oben im Laubengang und wartete auf ihn.

Sofie sah schöner denn je aus. Und wenn sie jetzt ins Dorf kam, dann trug sie den Kopf besonders hoch. Viele Männer blickten ihr heimlich nach und rieben sich die feuchten Hände an der Hose ab. Du meine Güte, dachten sie, so ein bildsauberes Madel und lebt dort oben ganz für sich allein. Ihre Augen glitzerten und um ihre Lippen lag ein spöttisches Lächeln. Und die Frauen im Dorf hatten noch immer verkniffene Lippen und abfällige Blicke. Xenia hatte über ihre Abweisung auf dem Wasnerhof nicht geschwiegen.

So verging langsam der Sommer und der Herbst zog ins Land.

 

 

3

Rudolf saß am Holztisch in der Küche, schnitt sich eine Scheibe Brot ab und bestrich sie mit Butter. Sofie stand am Herd und rührte in der Milch.

»Weißt, Schatzerl, das ist die Gelegenheit. Und bei Gott, ich werde sie beim Schopfe packen. Dann bin ich fein heraus. Eines Tages bin ich dann Beamter, na, was sagst du dazu?«

Sofie stand noch wie betäubt am Herd und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Da war vor gut einer halben Stunde der Rudolf den Berg heraufgekommen und hatte ihr ganz arglos mitgeteilt, dass er in einem Monat zu den Grenzern gehen wollte. Er hätte sich angemeldet und heute einen Bescheid erhalten, dass man ihn annehmen würde. Mit anderen Worten also, er würde aus dem Dorf gehen, und das vielleicht für lange Zeit. Ihr Herz wurde ganz schwer, und ihre Augen schwammen in Tränen.

»Aber«, sagte sie leise.

»Geh», meinte Rudolf, der ein Gewissen so rein wie eine Gänsefeder hatte. »Geh, Sofie, wirst doch auch froh sein, wenn mal was Anständiges aus mir wird. Ich werde es dann zu was bringen und die Ehrwälder, die werden sich wundern.«

»Dann wirst aber lange fortbleiben.«

»Freilich«, gab er zu. »Wir müssen ja auch viel lernen, weißt. Aber Urlaub kriegen wir auch, und dann komme ich heim. Und schreiben, das können wir uns doch auch, oder?«

Jetzt stand er auf und legte von hinten seinen Arm um ihre Schultern.

»Bist doch ein gescheites Mädchen, Sofie, wirst doch jetzt nicht ärgerlich, wie? Du meine Güte, wir sind doch jung, und da vergeht die Zeit so schnell.«

Er konnte gut reden, der Rudolf Holzmüller. Im Augenblick interessierte ihn nur, was draußen war, für ihn war es etwas Neues. So wie zu Anfang die Liebe zu Sofie. Und jetzt dachte das Mädchen, ob er meiner wohl schon überdrüssig ist, ob deswegen der Rudolf fort will? Ja, glaubt er denn vielleicht, dass ich mich ihm an den Hals hänge und flenne?

Sie kniff die Lippen zusammen. Wenn er unbedingt weg will, so soll er halt gehen, dachte sie bitter. Ich halte ihn nicht zurück, da braucht er keine Angst zu haben.

Aber dann fiel es ihr doch furchtbar schwer, denn sie hatte ihn wirklich lieb und sich keine Zurückhaltung auferlegt. Sie war so fest davon überzeugt gewesen, dass man bald Hochzeit machen würde. Nur noch ein kleines bisschen heimliche Liebe spielen, aber dann ...

Sie hatte doch den Hof, und wenn er ausbezahlt wurde, dann konnte man anbauen und vielleicht im Sommer Gäste aufnehmen. Damit verdiente man ein hübsches Stück Geld. Gewiss, sie hatte zwar keinen stolzen schönen Hof, aber sie liebte ihn.

Rudolf sprach nur noch von seinem Beruf und wie wichtig und gefährlich er sei. Da wurde sie ganz still. Auch später, als sie gemeinsam in der Kammer lagen und die Glut in ihren Körpern erloschen war, sprach er von nichts anderem.

Als er dann im Morgengrauen verschwand, stand sie im Laubengang, über dem Nachthemd das Schultertuch und blickte ihm nach, wie er stolz und federnd den Berg hinunter schritt. Da legte sie die Hände vor die Augen und weinte ein wenig.

Ja, es war nicht leicht, und jetzt wurde es ziemlich still und einsam in dem kleinen Häuschen da oben am Berg. Aber Sofie hoffte auf eine baldige Nachricht von ihm, das würde sie etwas trösten.

Ja, und dann sagte sie sich immer wieder, ich kann dem Rudolf noch nicht mal böse sein, er hat mir nie etwas versprochen. Nie hatte er von Heirat gesprochen. Sie hatten sich einfach geliebt, mehr nicht.

Es war schon bitter, und jetzt stand auch noch der Winter vor der Tür. Jedes Jahr kam es bestimmt ein paarmal vor, dass sie im Winter ganz abgeschnitten war von der Außenwelt. Wenn sie allein war, dann würde es wirklich nicht leicht für sie sein.

Ging sie jetzt ins Dorf, dann leuchteten ihre Augen nicht mehr, und sie war auch stiller. Aber an Schönheit hatte sie nichts verloren. Sie liebte den Rudolf, und es kränkte sie nun doch, wenn man ihr jetzt nachsagte, sie führe da oben ein Lotterleben, und deswegen wollte sie die Tante nicht bei sich haben.

Sofie hörte es sehr wohl, denn sie sprachen mit Absicht so laut, dass sie sich schämen sollte. Und das Mädchen dachte, da ist man nun brav und grämt sich um den Liebsten und tut keiner Fliege was zuleide. Und sie reden über einen, dass man es nicht aushalten kann. Ich frage mich wirklich, ob es da überhaupt noch einen Zweck hat, anständig zu bleiben.

Sofie hatte inzwischen einen Punkt erreicht, wo sie richtig wütend auf den Rudolf war. Bis jetzt hatte er ihr noch keine Zeile geschrieben. Nichts! Und sie war ihm treu und dachte immerzu an ihn.

Sie ballte die Hände, ging auf ihren Hof und schuftete weiter und dachte dabei, wofür tu ich das eigentlich alles. Es ist doch zum Verrücktwerden. Wirklich, ich sollte den ganzen Krempel hinschmeißen und auch fortgehen. In eine Großstadt, oder in einen Ort, wo es viele Urlauber gibt, da ist auch Abwechslung!

Zugleich ließ sie alle Männer des Dorfes Revue passieren. Da war kein Mannsbild darunter, was ihr jetzt noch gefiel. Gewiss waren ein paar fesche dabei, aber die hatten schon alle die Hochzeit hinter sich.

»Soll ich wirklich so dämlich sein und so lange warten, bis der Rudolf heimkommt?«, brummte sie vor sich hin. »Da werde ich ja eine sauertöpfische Alte, und dann will er bestimmt nix mehr von mir wissen.«

Und wie sie so wütend herumfuhrwerkte, da verdunkelte sich die Tür. Sie drehte sich um und sah dort den Paul Gütl stehen.

»Grüß dich, Sofie, wie geht es denn? Wirst fertig mit der ganzen Arbeit?«

Böse antwortete sie: »Du tätest mir auch grad helfen, wenn ich nein sagen würde.«

»Warum soll ich nicht helfen? Komm, sag’ mir was du tun musst, und ich mach es!«

Verblüfft stemmte sie beide Arme in die Seite, aber dann dachte sie sich, so eine Gelegenheit soll man sich wirklich nicht entgehen lassen. So dauerte es auch nicht lange, und der Paul stand im Stall und kalkte die Wände. Eigentlich hätte sie das ganz gut selbst erledigen können, aber wenn einer so wild auf Arbeit ist, soll man ihm welche geben.

»Da gehe ich ins Haus und richte dir eine Brotzeit«, sagte sie freundlich.

Der Paul werkte im Stall und kam ganz schön ins Schwitzen. Wenig später kam er dann auch ins Haus und verkündete stolz: »Der Stall ist fertig, und die Kühe freuen sich.«

»Da bedanke ich mich auch schön im Namen der Kühe«, sagte sie und lächelte ihn an.

Paul bekam ein ganz rotes Gesicht und sagte hastig: »Ich war droben auf der Alm und hab für den Winter alles dicht gemacht. Weißt ja selbst, wie das ist.«

Sofie war erstaunt, weshalb er ihr so ausgiebig erklärte, warum er hier oben war, sagte er aber nicht. Sie blickte ihn nur von der Seite an. Paul Gütl war Mitte Dreißig und hatte einen beachtlichen Hof unten in Ehrwald. Sein Vater hatte tüchtig geschafft und Marianne, die Frau vom Paul, hatte bei der Hochzeit auch noch eine hübsche Stange Geld mit in die Ehe gebracht. Hübsch war sie nicht, die Mariann und sie hatte ein so loses Mundwerk, dass sie es gut mit der Xenia aufnehmen konnte. Weil sie keine Kinder hatte, war sie wohl so giftig geworden. Zeit hatte sie zudem auch, und dann plusterte sie sich immer so auf, als wäre sie weiß Gott was.

Ja ja, dachte die Sofie Wasner in diesem Augenblick, kein Wunder, dass der Paul hin und wieder aus dem Haus muss und in den Bergen ein wenig Frieden sucht. Ich könnte es auch nicht mit ihr aushalten.

»Tja«, sagte Paul dann nach einer Weile, »da muss ich wohl wieder runter. Gleich läutet es zu Abend, und dann wird es schon bald Nacht.«

Sofie bedankte sich noch einmal herzlich. Sie stand in der Laube und blickte ihm nach. Sie dachte darüber nach, welch eigenartige Blicke der Paul ihr hin und wieder zugeworfen hatte. Sie hatte zwar so getan, als bemerke sie es nicht, aber es war ihr nichts entgangen.

Und sie dachte bei sich, wenn ich die Mannsbilder richtig einschätze, dann wird er bald wieder angeblich oben auf der Alm was zu schaffen haben.

Wirklich, nach fünf Tagen kam der Paul wieder vorbei.

»Wie a liebeskranker Kater streicht er um den Zaun«, murmelte sie leise vor sich hin, ließ sich aber nicht blicken.

Sofie wusste jetzt ganz genau, was der liebe Paul wollte. Im ersten Augenblick hatte sie einen unbändigen Zorn und wollte ihm einen Besenstiel ins Kreuz schmeißen. Wie konnte so ein gestandenes Mannsbild, das noch dazu verheiratet war, glauben, dass man bei ihr bekommen könne, was man wolle. Doch dann sah sie den Rudolf wieder vor sich, und der Zorn entlud sich auf ihn. Wegen dem sollte sie enthaltsam leben? Ihm treu bleiben? Wo er in der Stadt bestimmt schon eine Liebste hatte? Wäre das nicht der Fall, dann hätte er ihr doch bestimmt schon einen Brief geschrieben.

Pah, dachte die Sofie. Die Mannsbilder wollen angeschmiert werden. Und im Dorf, da habe ich sowieso keinen guten Ruf, und was schert sich der Teufel darum, was ich hier oben treibe. Aber ich werde es schlau beginnen.

Wenige Tage später stand der verdutzte Paul vor einem Holzklotz und spaltete die Kloben für den Winter. Ganz scheinheilig stand Sofie dabei, ermunterte ihn und lobte ihn, pries seine Kräfte, so dass er immer fixer zu arbeiten begann.

Wieselflink sammelte sie alles ein und brachte es in den Schuppen.

Na, dachte sie befriedigt, wenn der noch ein paarmal zu mir kommt, dann habe ich das Holz für den Winter auch gerichtet und habe mich selbst nicht anstrengen müssen.

Paul dachte wohl, daheim habe ich einen Mann, der die Arbeit für mich macht, und hier spiele ich den Knecht, aber beim Teufel, seit ein paar Tagen liegt die Sofie mir im Blut und ich komme nicht davon los. Ich habe schon ganz wilde Träume. Ich sehe sie immer vor mir, mit den lachenden Augen und den Hüften, die sie so raffiniert hin und her schwingen kann.

Er war rein narrisch nach der Sofie, und manchmal schien ihn sein klarer Verstand zu verlassen.

An die sieben Mal verrichtete er Knechtsdienst, bis er endlich den Mund aufmachte. Paul war nämlich ein wenig schüchtern.

»Du gefällst mir, Sofie, ich bin verrückt nach dir, du musst mich erhören.«

»So?«, sagte sie lachend. »Muss ich das?«

»Du hast den Teufel im Leib, und spielst mit mir, wie die Katz’ mit einer Maus. Ich halt’ das nicht mehr aus. Du bist ein tolles Weib.« Er umfasste sie und drückte sie an sich. So zum Schein wehrte sie sich ein wenig. Aber Sofie fühlte sich geschmeichelt, und außerdem, sie war hungrig nach Liebe und Zärtlichkeit - dieser verflixte Rudolf, sie tat ganz recht, wenn sie ihm untreu wurde. Und der Paul war eigentlich gar nicht so übel. Ja, und wenn sie dann im Dorf der Marianne begegnen tat, dann würde sie genauso hoch den Kopf tragen und sich innerlich totlachen.

»Oh Sofie, ich verbrenne, du bist ein Weib, so wie ich es liebe, so fest und feurig und verwirrst mir den Sinn.«

»Und die Marianne?«, sagte sie sanft.

»Red’ jetzt net von der Marianne, das ist unfair. Sie ist mein Weib und bleibt es auch. Aber du bist so anders.«

Er küsste sie leidenschaftlich. Er wunderte sich über sich selbst. Oh ja, vor seiner Ehe war er ein rechter Schwerenöter gewesen, und jetzt war alles wieder da. Mit der Marianne waren die ehelichen Pflichten zur Gewohnheit geworden. Es gab keine Besonderheiten mehr.

Damals hatte der Vater es gewollt, dass er sie nahm, weil man Geld brauchte. Wenn man auch einen großen Hof besaß, zum Modernisieren braucht man nun mal flüssiges Geld, und das hatte die Marianne mitgebracht. Nach Liebe fragte man da nicht lang. Es wäre wohl auch alles gutgegangen, wenn sie ein paar Kinder gehabt hätten. Aber es kamen keine. Paul litt darunter. Denn die Dörfler waren rau und machten ihren Spaß. Und immer, wenn sie einen über den Durst getrunken hatten, musste er es sich gefallen lassen, dass sie ihn verspotteten, wo sie nur konnten. Bei der Marianne wagten sie nichts zu sagen, denn die hatte sich im Lauf der Jahre zur wahren Beißzange entwickelt. Und mittlerweile glaubte er selbst schon daran, ein Versager zu sein. Das war auch ein Grund mehr, dass er jetzt der Sofie nachstieg. Den ganzen Sommer über war sie ihm im Kopf herumgegangen. Aber dann hatte er sich doch nicht so recht getraut.

»Ich liebe dich wirklich«, sagte er leidenschaftlich.

Sofie war jung und schön, und sie liebte das Leben und wollte auch ihren Spaß haben. So tat sie ihm und sich selbst den Gefallen und ließ sich zum Bett tragen.

»Mei, dich hätte ich damals kennen müssen, du liebe Güte!«, meinte Paul, als er verschnaufend neben ihr lag.

Sofie schlüpfte in die Kleider, bürstete sich die dunklen Haare und lächelte ihn an. Er kam und küsste ihre schlanken nackten Arme.

»Du hast den Teufel im Leib.«

»Wirklich?«, sagte sie lachend.

»Ich komm’ wieder, bei Gott, ich komm’ wieder.«

Er ging den Berg hinunter, und Sofie blickte ihm nach. Sie lächelte hintergründig.

»So«, sagte sie halblaut, »den hab’ ich am Gängelband, und er wird tun was ich möchte. Schon aus Angst vor der Marianne wird er alles tun.

Ich weiß ganz genau, dass ihn nur die Leidenschaft zu mir raufkommen lässt, dachte sie. Irgendwann legt sich das wieder, aber die Zeit muss ich nutzen. Es gibt noch viel zu richten in Haus und Hof. Und wenn die da unten, die Marianne eingeschlossen, meinen, ich führe ein Lotterleben, so sollen sie recht behalten. Bis jetzt hab’ ich es nicht gemacht, aber jetzt sollen sie mich kennenlernen. Alle werden sie noch mal staunen.

Zufrieden wandte sie sich ab und ging ins Haus. Von Paul war schon längst nichts mehr zu sehen.

 

 

4

Langsam fiel es der Marianne auf, dass ihr Paul so oft außer Haus war. Und immer nahm er einen vollen Rucksack mit. Auf ihre Frage, ob er denn immer noch nicht fertig sei auf der Alm, hatte ihr Mann, der in seinem zweiten Frühling stand, bereits die Ausrede parat: »Es hat einigen Bruch gegeben dort oben, und je besser ich es jetzt richte, desto weniger Arbeit haben wir im Frühjahr.«

Vorsorglich hatte er stets Werkzeug obenauf im Rucksack liegen.

Die Marianne ahnte wirklich nicht, dass er auf der Alm längst fertig war und gleich hinter dem Schatzloch vom Weg abging und über die Wiesen zum Wasnerhof lief.

Was Paul dann aus dem Rucksack holte, das unter dem Werkzeug lag, nahm Sofie freudig in Empfang. Da kamen Würste, ein halber Schinken und eine Flasche Enzian zutage. Und Süßes hatte er auch mitgebracht.

»Ja mei.« Sofie lachte. »Merkt die Marianne das denn nit?«

»Gefragt hat sie schon, ob ich nicht bald fertig bin auf der Alm, aber ich hab’ halt gesagt, dass viel zu richten wäre. Und dann hat sie auch schon gesehen, wenn ich das Werkzeug hier obenauf in den Rucksack packe.«

»Aber irgendwann musst du ja mal fertig sein. Und was wirst du im Winter für Ausreden haben, Paul?«

Ein wenig betroffen starrte er sie an.

»Tja«, meinte er da überlegend. »Vielleicht können wir uns woanders treffen, wenn du mal ins Dorf kommst?«

»Bist narrisch?«, sagte sie aufgebracht. »Wir können uns doch nit im Dorf zusammen sehen lassen, wie stellst dir das vor?« Als sie sah, wie traurig Pauls Augen wurden, lenkte sie ein. »Warten wir ab, bis der erste Schnee fällt, dann kannst ja eh nimmer auf die Alm.«

Damit gab er sich vorerst zufrieden. Insgeheim dachte Sofie, dann hört das alles von selbst auf, da wird er sich wieder auf seine Marianne besinnen. Eigentlich langt es mir auch. Auf die Dauer ist das ja sowieso nichts.

Ja, und der andere Grund hieß Karl Köhldorfer. Er war in den Vierzigern und besaß das Sägewerk am Ende des Dorfes. Auch er war verheiratet und kinderlos.

Komisch, dachte Sofie manches Mal, es hat ähnlich angefangen wie mit Paul, und die Gegebenheiten waren die gleichen.

Der Köhldorfer hatte sie kürzlich ein Stück in seinem Wagen mitgenommen, als sie aus dem Dorf kam und schwer zu tragen hatte. Als sie beim Hof angekommen waren und Sofie sich bedanken wollte, meinte der Karl, für ein Busserl von ihr würde er ihr noch manchen Gefallen tun. Sofie hätte am liebsten laut gelacht. Noch einer, dachte sie, und gleichzeitig fielen ihr wieder die alten Ratschen im Dorf ein. Die sagten ihr eh alles Schlechte nach. Warum sollte sie ihnen nicht den Gefallen tun, wenn es für sie Vorteile davon gab?

So hatte die Sofie dem Karl versprochen, bei dem nächsten Gefallen, den er ihr erwies, erhalte er ein Busserl. Daraufhin war er am nächsten Tag schon erschienen, hatte Latten mitgebracht, und der Herr Sägewerksbesitzer reparierte eigenhändig den Zaun um den Küchengarten.

Bei soviel Gefallen, den er ihr tat, blieb es natürlich als Dankeschön nicht beim Busserl, das sie ihm versprochen hatte.

So hatte sie nun auch den Karl am Gängelband und musste höllisch aufpassen, dass die beiden nicht bei ihr zusammentrafen. Deshalb wollte sie das Verhältnis mit Paul langsam beenden. Er sollte sich nur wieder auf seine Marianne besinnen. Und insgeheim hoffte sie noch immer auf eine Nachricht von Rudolf.

 

 

5

Sofie Wasner stand am Fenster und blickte mit trüben Augen auf die weiße Landschaft. Im letzten Winter hatte noch der Vater gelebt und sie hatte droben bleiben müssen, weil er schon recht hinfällig war. Als junges Ding, da wäre sie auch gern auf den Tanzboden gegangen, hätte alle Lustigkeiten im Dorf mitgemacht. Aber sie wohnten ja so hoch droben, da musste man schon eine Weile laufen, bis man im Tal und dann wieder zurück war. Und da wollte kein Bursche sie dann heimbringen, weil es einfach zu anstrengend war. Zudem hatte sie ja wegen der Eltern nicht fort können.

Vielleicht machte sie sich deswegen auch nichts aus ihrem jetzigen Lebenswandel. Sie war jung und hatte ihrer Meinung nach viel nachzuholen.

Rudolf hatte ihr noch immer nicht geschrieben, und darüber grämte sie sich doch sehr, und in letzter Zeit fühlte sie sich gar nicht wohl. Bis jetzt war sie noch nie krank gewesen, war sogar richtig stolz darauf, wie sie alles allein schaffte.

Ja, aber wenn sie jetzt schon am Morgen aufstand, da wurde ihr mitunter schwarz vor den Augen und an Essen mochte sie gar nicht denken, obschon ihr der Hunger die Gedärme zerriss. So zwang sie sich dann, etwas zu essen, aber sie behielt nichts bei sich.

Mit Mühe schaffte sie es, den Schnee von der Tür fernzuhalten. Eine schmale Spur führte zum Schuppen. Den Weg musste sie am Tage ein paarmal gehen, um Holz für den Kachelofen zu holen. Und die beiden Kühe mussten auch gemolken werden.

Im Augenblick stand ihr auch nicht der Sinn nach Liebe. Sie hockte wie ein Häuflein Elend am Kachelofen und sinnierte vor sich hin. Dabei hielt sie die Hände auf den Leib gepresst und dachte über die Worte des Pfarrers nach. Wenn sie jetzt ernsthaft krank wurde? Bis ins Dorf schafft sie es nimmer.

Das war einfach grauenvoll. Der kalte Schweiß brach ihr bei diesen Gedanken aus. Das nächstliegende Haus war das von Threse Köhler. Sie war aber schon an die siebzig. Hebamme war sie früher gewesen. Aber jetzt, in der modernen Zeit, da gingen auch die Dörfler ins nächste Krankenhaus, um zu entbinden.

Threse Köhler bekam eine kleine Pension und lebte da am Berg. Sofie musste an dem Häuslein immer vorbei, wenn sie ins Tal wollte. Oft blieb sie stehen und plauderte ein wenig mit der Alten. Obwohl man im Ort sagte, sie sei schon ein wenig verrückt. Sofie mochte sie ganz gern. Threse sagte einem zwar immer die blanke Wahrheit ins Gesicht, für so manchen war das eben ein wenig peinlich. Zudem hatten ihre Augen soviel gesehen und sie kannte ihre Pappenheimer. Wenn Sofie geahnt hätte, dass Threse von Rudolf wusste, dann hätte sie vielleicht immer einen Umweg gemacht. Aber sie wusste es nicht.

In diesem Augenblick zergrübelte sie sich den Kopf darüber, was ihr widerfahren war. Threse kannte sich mit vielen Krankheiten aus. Vielleicht wusste sie einen Rat? So ging es nun wirklich nicht mehr. Dabei ging man ja vor die Hunde. Sie sah schon gar nicht mehr frisch und hübsch aus. Richtig hohle Wangen hatte sie und Ränder unter den Augen.

»Gleich morgen, nachdem ich die Küh’ gemolken hab’, geh’ ich zu ihr und red’ mit der Threse«, versprach sie sich selbst.

Gesagt getan. Zum Glück war in der Nacht kein Schnee gefallen. Zwar war es trotzdem sehr beschwerlich, aber sie schaffte es doch. Über eine halbe Stunde musste sie zum Häuschen der Alten gehen. Aber es ging immer bergab und der Wind hatte sich gelegt. Ganz glasklar stand der Himmel über ihr. Kein Wölkchen, nichts. Leise knirschte der Schnee zu ihren Füßen. Es war ein wunderschöner Tag. Sämtliche Tannen und Gipfel hatten sich eine weiße Schneemütze über die Ohren gezogen.

Sofie hatte eigentlich für die Schönheit der Natur sehr viel übrig. Aber im Augenblick war sie doch froh, als sie endlich das Dach von Threses Häuschen sah. Aus dem Schornstein kringelte sich der Rauch. Sofie klopfte und stieß sogleich die Tür auf. Sie schlüpfte aus den dicken Bergschuhen, legte das Schultertuch ab und kam dann in die Stube.

»Da schau her«, sagte Threse. »Da bist du ja.«

Verblüfft blieb Sofie stehen und blickte die Alte an.

»Hast mich etwa erwartet?«

»Je nun«, sagte Threse ruhig. »Das ist ja wirklich nicht sehr schwer. Aber setze dich, ich gieße dir einen Kaffee auf, der wird dich wärmen.«

Seltsamerweise konnte sie ihn sogar trinken, und er blieb ihr im Magen. Sofie dachte, vielleicht bin ich schon wieder gesund. Aber als die Alte den Gugelhupf reintrug, da fühlte sie schon wieder, wie ihr der Schweiß aus allen Poren gekrochen kam. Sofie beugte sich über den Tisch, hielt sich den Leib und stöhnte. Threse blickte sie mit ihren scharfen Augen durchdringend an.

»Na, wie lang’ hast das schon?«

»Seit ein paar Tagen«, keuchte sie. »Deswegen komm’ ich ja auch zu dir, Threse, kannst du mir helfen? Es ist ...« Weiter kam sie nicht. Sie stürzte davon und kam wenig später, ganz weiß um die Nase, zurück.

»Oh Gott«, murmelte sie. »Ich war noch nie krank. Ob es etwas Ernstes ist?«

Threse saß mit ihrem Strickstrumpf am Ofen und lächelte ein wenig.

»Na«, sagte sie. »Davon stirbt es sich nit so schnell, aber a Weilchen wirst jetzt wohl zu krebsen haben.«

»Was?«, keuchte das junge Mädchen.

»Na ja!«

»Threse, was ist mit mir?«

Sie ließ die Nadeln sinken und blickte sie an.

»Sag’ bloß, du bist so naiv und weißt es wirklich nicht?«

Sofie schüttelte heftig den Kopf.

»Woher sollt’ ich«, sagte sie zitternd. Wieder fühlte sie die Übelkeit in sich hochsteigen.

»Rechne mal nach!« Sofie Wasner begriff noch immer nicht. »Na, das kommt halt davon, wenn man sich mit Mannsbildern einlässt. A Kind kriegst, Sofie, und anfangs, nun ja, da hat man dann so seinen Ärger.«

Sie war so entsetzt, so entgeistert, dass sie sich zuerst einmal auf den Stuhl fallen ließ und den Mund nicht wieder zubekam.

»Nein«, sagte sie fassungslos.

»Doch.«

Jetzt hatte ihr Gesicht schon einen Stich ins Grüne bekommen.

»Du lieber Himmel«, seufzte sie und wurde dann blutrot. So dumm konnte man sein, so dumm! Jetzt, wo die Threse es ihr gesagt hatte, ging ihr ein Licht auf. Und sie hatte gedacht, nun ja, es würde halt mal ausbleiben, später kommen, wegen der vielen Arbeit und so. Und jetzt wurde ihr auch bewusst, dass es schon ziemlich lange nicht mehr der Fall war. Richtig gesagt ...

Details

Seiten
94
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937633
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535352
Schlagworte
zwillinge vätern

Autor

Zurück

Titel: Die Zwillinge mit drei Vätern