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Die Liebe geht ihren Weg - Fünf Heimat-Romane

2020 442 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Liebe geht ihren Weg

Gegen den Willen der Väter

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Der Peter vom Brandnerhof

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Gewonnenes Glück - zerronnenes Glück

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Das verräterische Amulett

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Das einsame Mädchen vom Nebelhof

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Die Liebe geht ihren Weg

 

 

Fünf Heimat-Romane

von Klaus Tiberius Schmidt

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Klaus Tiberius Schmidt

© Cover: Christian Dörge/123rf.

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Gegen den Willen der Väter

› Der Peter vom Brandnerhof

› Gewonnenes Glück - zerronnenes Glück

› Das verräterische Amulett

› Das einsame Mädchen vom Nebelhof

 

 

***

 

 

Gegen den Willen der Väter

 

 

Klappentext:

 

Zwei Familien sind seit zwei Generationen zerstrittene. Eigentlich weiß keiner mehr so genau den Grund für diesen Streit. Trotzdem können es die Väter natürlich nicht dulden, dass sich ihre beiden Kinder näherkommen. Aber Johanne und Raphael finden Wege, sich heimlich zu treffen – bis ihr Vater von dem verschmähten Peter Finkenthal davon erfährt und sie daraufhin bewacht. Doch dann folgt ein Unglück nach dem anderen …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Das Prasseln des Regens wurde immer stärker. Schon nach Sekunden war Johanne Giefner bis auf die Haut durchnässt. Der Wind peitschte ihr das Wasser ins Gesicht und nahm ihr die Sicht. Mit aller Kraft stemmte sich die junge Frau gegen den heulenden Sturm, der das Unwetter über das Gebirge und die tiefen Schluchten und Täler jagte. Sie fror erbärmlich, und die Angst in ihrem Herzen wurde übermächtig. Noch nie im Leben hatte sie sich derart allein und hilflos gefühlt.

Sie war zu einem Spielball der Naturgewalten geworden und wusste nicht, wie sie sich schützen sollte. Rücksichtslos tobte um sie herum eines der schlimmsten Gewitter der letzten Monate.

Ein gleißender Blitz zuckte über den pechschwarzen Himmel. Nur für den Bruchteil einer Sekunde riss er die majestätischen Grate des »Falkenecks« aus der Anonymität der Dunkelheit.

Johanne schrie unterdrückt auf. Für kurze Zeit war sie geblendet und hielt in ihrem Kampf gegen Sturm und Regen inne. Langsam verließen sie die Kräfte.

Ein krachender Donner, dessen Echo sich tausendfach in den Schluchten zu wiederholen schien, steigerte ihre Furcht. Gewaltsam musste sie die Tränen unterdrücken und hetzte weiter. Nirgendwo gab es einen Unterschlupf. Der Weg zum Berghof ihrer Eltern war steil und steinig. Nicht einmal eine überdachte Heukrippe für das Wild im Winter gab es, in deren Schutz sie sich hätte verkriechen können.

Johanne blieb erneut stehen. In ihren Lungen brannte es wie Feuer. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Ihre Knie zitterten vor Schwäche. Bis nach Hause war es noch ein langer Weg. Sie würde es niemals schaffen, denn das Unwetter schien immer schlimmer zu werden. Sie hatte nur noch eine einzige Chance, diesen Urgewalten zu entgehen und vielleicht das Opfer eines einschlagenden Blitzes zu werden. Wenn sie die Almwiese zwischen dem Heiner Joch und dem Fichtenwald überquerte, setzte sie sich auf jeden Fall der Lebensgefahr aus. Wahrscheinlich würde sie den Vater und die Mutter dann nie mehr wiedersehen.

Als sie den Kreuzweg unterhalb des Jochs erreicht hatte, stand ihr Entschluss fest. Nur eins konnte sie retten. Sie musste versuchen, den Hof der Harlanders zu erreichen. Nur so konnte sie dem Gewitter entkommen.

In höchster Not vergaß sie den Zwist zwischen Knut Harlander und ihrem Vater. Seit Jahren waren sich die beiden eigenwilligen Männer nicht wohlgesonnen.

Johanne torkelte weiter.

Wieder raste ein Blitz über den Himmel. Im gleichen Augenblick ließ ein ohrenbetäubender Knall die junge Frau zusammenzucken. Es klang, als ob die Welt aus den Fugen geraten wäre.

Da sah Johanne, was geschehen war.

Auf der höchsten Spitze der »Zinne«, einem bizarren Bergmassiv im Nordwesten, stand das Gipfelkreuz in hellen Flammen. Selbst durch die Regenschleier konnte man sehen, dass das hölzerne Gebilde lichterloh brannte.

Johanne Giefner bekreuzigte sich und rannte weiter. Die Furcht wurde übermächtig.

Ging die Welt unter? Hatte sich Gott von ihnen abgewandt und beschlossen, die Welt, die er geschaffen hatte, wieder zu vernichten?

Die gottesfürchtige Frau wischte sich über das Gesicht. Der Regen perlte aus den Haaren und über ihr Gesicht und verschleierte ihren Blick. Wie durch einen Schleier sah sie plötzlich zwei helle Lichter in greifbarer Nähe. Das mussten die Fenster des Harlanderhofs sein.

Johanne Giefner schöpfte neuen Mut, obwohl das Inferno um sie herum tobte. Blitz und Donner wechselten sich fast unaufhaltsam und scheinbar mit immer größerer Kraft ab.

Schritt für Schritt kämpfte sie gegen den Sturm an, dessen Böen ihr oftmals den Atem nahmen. Der eisige Wind peitschte ihr so brutal ins Gesicht, dass es schmerzte.

Langsam, als würde sich alles um sie herum in Zeitlupe bewegen, kam sie dem Bergbauernhof näher. Längst war der steile Weg dorthin zu einer Morastmasse geworden, die an ihren Schuhen klebte.

Endlich war es geschafft. Mit letzter Kraft stieg sie die drei Stufen zur überdachten Haustür hinauf. Eine Sturmbö packte sie und schleuderte sie gegen das Haus. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Schulter, als sie gegen die Tür prallte. Sie schrie auf und konnte die Tränen nicht zurückhalten, so weh tat es.

Ihre Ankunft war nicht unentdeckt geblieben, obwohl das Heulen des Sturmes und das Krachen des Donners ringsum alles zu übertönen schien. Eine kräftige Frau mit ernstem Blick öffnete die Tür. Sie erschrak, als sie Johanne erkannte.

»Um Gottes willen, Kind«, rief sie entsetzt. »Wie kommst du hierher?«

Statt auf eine Antwort zu warten, packte sie die junge Frau am Oberarm und zog sie ins Haus. Sie musste alle Kraft benutzen, um die Tür wieder zu schließen. Der Sturm versuchte alles, um es mit seinen Böen zu verhindern.

»Ja, Herrschaftszeit’n«, donnerte eine mürrische Stimme. »Warum reißt du bei diesem Wetter die Tür auf?«

Knut Harlander war gerade in diesem Moment in den Hausflur getreten. Der Wind furchte durch sein lichtes Haar und zerrte an seiner Jacke.

Johanne und er standen sich von einer Sekunde zur anderen Auge in Auge.

Seit vielen Jahren waren die Giefners und die Harlanders Nachbarn, aber alles andere als Freunde. Seit einem Zwist ihrer Väter vor mehr als vierzig Jahren würdigten sich besonders die Männer keines Blickes.

»Du?«, fragte Knut Harlander mürrisch und stemmte die Fäuste in die Seite. Die steilen Falten zwischen seinen Augen wurden noch tiefer. »Was treibst du dich bei einem solchen Sauwetter in der Gegend rum?«

Helga Harlander schob sich zwischen ihren Mann und die junge Frau, die völlig außer Atem war.

»Schluss jetzt!«, herrschte sie ihren Mann an. »Siehst du net, wie erschöpft das Madl ist, Knut? Hol lieber ein paar Decken, bevor sich die Johanne den Tod holt. Es ist ja völlig durchnässt, das arme Ding.«

Brummend trollte sich der Hausherr und knurrte etwas in sich hinein. Seiner resoluten Frau zu widersprechen, hatte keinen Sinn. Das bedeutete nur Streit.

»So, meine Kleine«, bestimmte Helga Harlander mütterlich und brachte Johanne in die warme Küche. »Jetzt hockst du dich erst einmal an den Ofen und wärmst dich auf. Ich schau rasch nach, ob ich etwas Trockenes für dich finde.«

Zitternd bedankte sich die junge Frau und ließ sich auf der Ofenbank nieder. Erst jetzt spürte sie, wie erschöpft und am Ende ihrer Kraft sie war.

Die Hausherrin kramte in einer Truhe, die in der Ecke neben einem alten Schrank stand. Wenig später legte sie frische Sachen neben Johanne.

»Die Hose und der Pullover werden zwar etwas groß sein, doch ich denke, es wird für den Notfall gehen«, bemerkte sie und machte sich daran, Johannes Haare mit einem Frottiertuch trockenzureiben.

Die Tür wurde geöffnet, und Knut Harlander trat ein. Wortlos legte er die Decke auf einen der Stühle und verließ das Zimmer ohne jeden Gruß.

»Mach dir nix draus!«, beruhigte Helga Harlander lächelnd. »Er ist halt ein griesgrämiger Bursch, der Knut. Aber er meint’s net so. Komm, zieh die nassen Sachen aus! Ich mach dir inzwischen einen heißen Tee mit Honig. Das wird dich wieder auf die Beine bringen.«

Sie machte sich sofort an die Arbeit und setzte heißes Wasser auf den schmiedeeisernen Herd, der neben dem Kachelofen das ganze Zimmer beherrschte. Johanne zögerte noch ein Weilchen. Sie fühlte sich verunsichert. Jeden Moment konnte Harlander zurückkehren. Sie wagte nicht, sich auszuziehen.

Helga Harlander spürte, was in der jungen Frau vor sich ging und schaute sich um.

»Geh dort in die kleine Kammer!«, schlug sie vor. »Da kannst du dich ohne Scheu umziehen.«

Johanne bedankte sich. Zwei Minuten später saß sie wieder mit dem Rücken am warmen Kachelofen. Langsam fühlte sie sich wohler. Die Kälte wich aus ihrem Körper.

»Das war ganz schön leichtsinnig, bei einem solchen Wetter draußen zu sein«, meinte die Hausherrin und reichte ihr eine heiße Tasse Tee. »Du hättest tot sein können.«

Johanne nickte.

»Als ich in Hallgau war, hab’ ich mich mit der Flamminger Erna verplaudert«, gestand sie. »Als das Wetter losbrach, war ich schon unten am Krähenhang und wollt’ net mehr zurück. Ich dacht’, ich würde es noch bis zum Vater und zur Mutter schaffen.«

Helga Harlander lächelte gütig und ermunterte sie, den Tee zu trinken.

Die Tür öffnete sich wieder. Johanne hielt inne und fürchtete, Knut Harlander könne zurückkommen, um seine üble Laune an ihr auszulassen. Sie wusste nur zu gut, wie verbohrt und stur er war. Besonders, wenn es um einen Giefner ging. Darin bildete sie keine Ausnahme.

Sie sah sich getäuscht.

Der Mann, der auftauchte und ihr ein freundliches Lächeln entgegenschickte, war jung und kräftig. Das braune Haar trug er zurückgekämmt.

»Raphael«, staunte Johanne. »Du bist hier?«

»Er ist erst vor zwei Tagen angekommen«, erklärte Helga Harlander. »Bisher hat er sich nur Zeit genommen, mit dem Vater zu streiten.«

»Aber Mutter«, meinte der junge Mann mahnend und reichte Johanne die Hand. Sie ergriff sie und merkte, wie ihr Herz ein wenig schneller zu schlagen begann. »Wie geht’s dir?«

»Gut«, sagte sie, obwohl ihr noch die Knie zitterten. »Bist du hier im Urlaub?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte Raphael bestens gelaunt. Er hatte sich neben die junge Frau gesetzt. »In nächster Zeit werde ich wohl öfters vorbeischauen.« Ohne Scheu schaute er ihr ins Gesicht. Er machte keinen Hehl daraus, wie sympathisch er sie fand.

Es war ein paar Jahre her, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Früher hatten sie gemeinsam die Schulbank in Hallgau gedrückt und fast täglich den gleichen Weg ins Tal zurückgelegt. Dann war Raphael nach Berlingen aufs Gymnasium und später nach München auf die Universität gegangen. Dadurch hatten sie sich fast aus den Augen verloren.

Das alles war schon lange her. Tief in ihrer Seele aber hatte Johanne ihn immer gemocht und sich später sogar in ihn verliebt. Niemals jedoch hatte sie einer einzigen Menschenseele davon erzählt. Der Zwist zwischen den beiden Höfen war zu schlimm und ihre Schüchternheit zu groß gewesen, um sich von irgendjemand ins Herz schauen zu lassen.

»Wie lange haben wir uns net mehr gesehen?«, fragte Raphael.

»Vier Jahre und zwei Monate.« Viel zu schnell kam die Antwort über ihre Lippen, um nicht auffallend zu sein. Sie merkte, wie sie errötete. In diesem Augenblick fühlte sie sich wie entblößt. Garantiert hatte Raphael gemerkt, dass sie ihn noch immer sehr mochte. Daran hatte sich in all den Jahren nichts geändert.

»Du hast ein gutes Gedächtnis«, meinte der junge Mann lächelnd und ignorierte, dass Johanne den Blick senkte. Etwas Seltsames berührte ihn. In seinem Gehirn begann es zu arbeiten. Das ehemals kleine Mädchen mit den Sommersprossen und den blonden Zöpfen war eine sehr schöne Frau geworden. Das feuchte und zerzauste Haar und die viel zu große Kleidung konnten nicht darüber hinwegtäuschen.

Johanne fühlte sich verunsichert. Rasch fragte sie, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen sei und was er in beruflicher Hinsicht machte.

»Ich bin bei einer Münchner Firma als Vermessungstechniker angestellt«, erzählte er. »In einer Woche muss ich rüber nach Bernstein, wo in zwei Jahren die Straße zwischen Sonnenberg und Krähenhorst durchführen soll. Du hast bestimmt davon gehört.«

Johanne nickte, und Helga Harlander wurde ernst. Sie beide kannten dieses Thema nur zu gut. Der Bauer schimpfte bei jeder Gelegenheit über die Verschandelung des Tales.

»Und wie lange bleibst du?«, fragte Johanne.

»Oh, das kann man nicht so genau sagen. Vielleicht drei oder vier Wochen. Aber danach habe ich noch weitere Monate in der Gegend zu tun. Vielleicht aber suche ich mir auch einen neuen Job in der Gegend. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein bisserl Heimweh gehabt.«

Die junge Frau konnte ein glückliches Lächeln nicht vollkommen verhindern. Raphaels Worte taten ihr gut. Seine Stimme klang noch melodischer als früher. In den Jahren weit weg von zu Hause war er gereift. Sie musste sich eingestehen, dass er ihr noch viel besser gefiel als früher. Von ihm ging etwas Ruhiges und Besonnenes aus. In seinen Augen lagen Offenheit und Ehrlichkeit.

Johanne fand, dass er ganz anders als die Burschen in den Dörfern ringsum war. Ihm fehlte diese Aufdringlichkeit, die mancher schon in seinem Blick hatte.

»Du und Heimweh?«, fragte sie. »Das kann ich mir gar net vorstellen. Du wolltest doch immer raus in die große Welt.«

»Wie wäre es mit einem Brot oder einem Teller Suppe?«, mischte sich Helga Harlander ein. »Gebrauchen könnt ihr’s beide.«

Johanne schüttelte den Kopf. Irgendetwas hielt sie davon ab, die Einladung anzunehmen.

War es Knut, der seit Jahren mit ihrem Vater in Streit lag oder Raphaels Nähe? Sie wusste es nicht. Zu verwirrt war sie. Plötzlich schien alles in ihr aufgewühlt zu sein.

Draußen heulte der Sturm, doch er hatte bereits seine Kraft verloren. Das Prasseln des Regens gegen die Fenster war vor ein paar Minuten verstummt. Letzte Tropfen perlten daran herab, und es wurde auch heller. Noch vor ein paar Minuten hatte man geglaubt, es sei Nacht. Nun aber riss die schwarze Wolkendecke im Westen auf. Das Unwetter zog endlich ab.

»Ich dank’ dir schön, Harlanderin, doch ich muss heim«, erklärte sie und erhob sich. »Die Mutter wird sich schon Sorgen um mich machen. Länger will ich sie net ängstigen.«

Die Bäuerin nickte verstehend. Rasch packte sie Johannes feuchtnasse Sachen in einen Leinenbeutel und reichte ihn ihr. In der kurzen Zeit war es nicht gelungen, sie auf dem Kachelofen zu trocknen.

»Ich werd’ dich begleiten«, erklärte Raphael wie selbstverständlich.

Johanne erschrak. Im ersten Moment wollte sie etwas Heftiges entgegnen, doch sie tat es nicht.

Der junge Mann sah ihren verstörten Blick.

»Oder magst du net?«, wollte er wissen. »Bitt schön, ich wollt’ mich wirklich net aufdrängen, aber ich dacht’, dass es doch besser ist, denn …«

»Nein, nein«, unterbrach ihn Johanne. »Es war net so gemeint. Tut mir leid, aber ich bin noch ein bisserl durcheinander.«

Raphael strahlte über das ganze Gesicht und half ihr in eine Jacke, die seine Mutter ebenfalls für Johanne aus der Truhe gesucht hatte.

»Aber vergiss net, zum Nachtessen zurück zu sein«, sagte die resolute Frau. »Sonst essen der Vater und ich alleine.«

Ihr Sohn versprach es, während sich Johanne herzlich von der Hausherrin verabschiedete und sich mehrere Male bedankte.

»Ist schon recht, Kindl«, sagte Helga Harlander. »Sputet euch! Net, dass das Unwetter zurückkehrt und euch überrascht. Und grüß mir die Mutter recht schön!« Diesmal klang ihre Stimme wesentlich leiser, so dass nur Johanne es verstehen konnte.

Die beiden jungen Leute verließen den einsam gelegenen Hof. Das Anwesen der Giefners lag weiter westlich nahe der engen Falkeneckschlucht, durch die der Bach ins Tal stürzte. Es würde etwa noch eine halbe Stunde dauern, bis sie das höhergelegene Haus mit seinen Stallungen erreichten.

»Um Gottes willen«, stöhnte Johanne, als sie ins Freie traten und den morastigen Pfad zum Kreuzweg hinuntergingen.

Der Sturm, der jetzt nur noch mit heftigen Böen über Berg und Tal raste, hatte seine Kraft zwar verloren, doch eine Bresche voller Zerstörung geschaffen. Viele Tannen und Fichten hatten das Gewitter mit all seiner Macht nicht heil überstanden. Viele waren entwurzelt oder die Stämme auf bizarre Art und Weise regelrecht zerfetzt. Überall lagen abgerissene Äste und glänzten riesige Pfützen im Morast, der einmal ein Weg gewesen war.

»Lass uns über die Wiese und durch den Lärchenwald gehen«, schlug Raphael vor. »Da wird’s net ganz so voller Schlamm sein.«

Johanne war einverstanden. Das rasche Pochen ihres Herzens wollte einfach nicht nachlassen. Immer, wenn sie den jungen Mann anschaute, spürte sie ein eigenartiges Gefühl, das ihr nicht geheuer war. Es war alles ganz anders als früher. Vertrauter, voller Wärme und Nähe, als sei er nie fort gewesen.

Sie wusste selbst nicht, warum sie gerade in diesem Moment an ihren Vater denken musste. An ihn und den ewig scheinenden Streit mit Knut Harlander.

Ohne Hast machten sie sich auf den Weg nach Westen. Die Wiese war zwar triefend nass, doch es störte sie nicht sonderlich. Hauptsache, der Regen hätte aufgehört.

»Schau dort!«, rief Raphael plötzlich. Zufällig hatte er sich umgedreht. Das Grollen und grelle Blitzen im Osten geschah in immer größeren Abständen. Nur noch der schwarze Himmel, dessen finstere Wolken über dem doppelten Felsmassiv der »Zwei Schwestern« stand, hatte noch etwas Bedrohendes an sich. Johanne blieb unwillkürlich stehen, als sie sah, was ihr Begleiter meinte.

Ein gewaltiger Regenbogen spannte sich über den Himmel von Norden nach Süden. Wie eine buntbemalte Brücke erstrahlte er in allen Farben.

»Wunderschön«, flüsterte Johanne. Sie konnte ihren Blick von diesem, herrlichen Naturschauspiel nicht mehr lösen. Selten hatte sie einen solch wunderbaren Lichtbogen in den Bergen gesehen.

Die Zeit verging. Sie wussten hinterher beide nicht mehr, wie lange sie mitten auf der Wiese gestanden und nach Osten geblickt hatten.

Endlich rissen sie sich los, als der Farbbogen seine intensiven Farben verlor und immer mehr verblasste. Nach einer Viertelstunde erreichten sie den lichten Lärchenwald. Sie wählten einen schmalen Wildwechsel als Weg. Die zahllosen Nadeln der Bäume hatten das viele Regenwasser ohne Schwierigkeiten aufgesaugt und durchsickern lassen. Von den Ästen fielen noch schwere Tropfen, die dunkle Flecken auf den warmen Jacken hinterließen. Trotzdem störten sie die beiden kaum.

»Da wären wir«, meine Raphael, als sie den Wald nördlich des Wildbachs verließen. Nun lag der Hof der Giefners zum Greifen nahe unmittelbar an der tiefen Schlucht, durch die der Bach dem Tal zustrebte. Schon von weitem sah man feinen Wasserdunst aufsteigen. Der Bergbach war durch den heftigen Regen zu einem tosenden Ungeheuer geworden.

Raphael wollte weitergehen. Johanne aber hielt ihn am Oberarm zurück.

»Was ist los?«, fragte der junge Mann überrascht.

»Bitt schön, sei mir net böse, Raphael«, flehte sie, »aber du weißt ja, dass die Väter sich nicht mögen.«

Raphael war nicht dumm. Er verstand sofort, dass sich Johanne ängstigte, man könne sie zusammen sehen. Auf keinen Fall wollte er, dass sie Ärger bekam. Er lächelte und legte sanft seine Hände auf ihre Schultern.

»Keine Sorge«, meinte er sanft. »Du hast ja recht. Die beiden Grantier sollen keine Gelegenheit bekommen, sich wieder aufzuregen und alle durcheinanderzubringen. Ist schon recht, Johanne. Ich wünsch dir noch einen schönen Abend.«

»Ich dir auch«, erwiderte sie und schluckte.

Warum fragt er nichts?, flüsterte ihre innere Stimme. Lass ihn net einfach gehen! Nimm endlich deinen Mut zusammen und frag ihn, bevor er davongeht!

Während sie noch innerlich mit sich kämpfte und gegen ihre Schüchternheit rang, kam er ihr zuvor.

»Darf ich dich morgen wiedersehen?«

Über Johannes Rücken rieselte ein wohliger Schauer. Diese Frage hatte sie sich sehnlichst gewünscht. Jetzt, da sie ausgesprochen war, machte sie ihr aber auch Angst.

»Ich … ich weiß net«, entgegnete sie unsicher.

Raphael zeigte sich keinesfalls enttäuscht oder bestürzt.

»Aber die Väter müssen es doch net wissen«, meinte er schmunzelnd. »Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man. Also, seh’ ich dich wieder? Ich hätt’ dir noch so viel zu erzählen, was ich alles in München erlebt habe. Oder willst mir gar einen Korb geben? Hast vielleicht einen Freund?«

Johanne schüttelte den Kopf.

»Nein, das ist’s net«, sagte sie hastig. »Aber wie gesagt, wird der Vater gewiss mit mir schimpfen. Ach, was soll’s! Ich muss morgen rauf zum Fernauer Wirt und ihm ein paar Flaschen Selbstgebrannten bringen, die der Vater ihm versprochen hat. Wenn du magst, können wir gemeinsam rauf zum Berggasthof gehen.«

Raphael lächelte. Er war einverstanden und glücklich, dass Johanne zugesagt hatte. Für wenige Augenblicke war in ihm der Verdacht aufgekeimt, dass sie ihn würde abblitzen lassen.

»Und wann willst du losgehen?«

»Um acht Uhr!«

Raphael nickte zustimmend.

»Dann bis morgen in der Früh?«

»Ja«, bestätigte sie. »Um acht Uhr bin ich oben beim Kreuz, wo vor zwanzig Jahren der Pritzner Hans mit seinem Sohn in die Schlucht gestürzt ist. Da warte ich auf dich.«

»Ich werd’ vor dir da sein«, versprach Raphael. Er streckte die Rechte aus. Sie nahm sie und drückte sie. Danach aber machte er keine Anstalten, sie loszulassen.

»Ich muss mich sputen!«

Der junge Mann nickte verstehend. Alles in ihm forderte ihn auf, die hübsche Frau einfach in die Arme zu nehmen und zu küssen. Etwas aber warnte ihn, derart dreist vorzugehen.

»Bis morgen«, erwiderte er leise.

Johanne ging, und sie drehte sich mehrere Male um, um ihm zu winken. Erst, als sie den Felshang erreicht hatte und umrundete, verlor er sie aus den Augen. Es tröstete ihn nicht, dass er sie in wenigen Stunden wiedersehen würde. Und noch weniger ahnte er, wie enttäuscht Johanne war, dass er sie nicht geküsst hatte. Aber morgen war auch noch ein Tag.

 

 

2. Kapitel

 

Das Telefon schlug an. Gähnend beugte sich Peter Finkenthal zur Seite und griff nach dem Hörer. Gelangweilt meldet er sich mit seinem Namen. Am anderen Ende der Leitung war sein Chef Bruno Linderer, der Besitzer des einzigen Sägewerks weit und breit. Seine Stimme klang alles andere als gut gelaunt.

»Morgen früh müssen wir rauf zum Falkeneck und sehen, was noch zu retten ist. Dieser verfluchte Sturm hat große Teile der Fichten an der Nordostflanke geknickt. Der Bernauer Franzl hat mich gerade angerufen. Der Schaden geht in die Tausende. Wir müssen bis zum nächsten Regen bergen, was zu bergen ist. Also, sei pünktlich! Hast du verstanden?«

Peter versprach, sich nicht zu verspäten. Er hatte in letzter Zeit mehrere Male verschlafen. Dadurch war sein Boss nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. Einen weiteren Ausrutscher durfte er sich nicht leisten.

Er unterstrich noch einmal, pünktlich zu sein, als sein Chef ihn ein weiteres Mal ermahnte. Wenig später legte er auf.

Der morgige Tag würde ganz schön hart werden. Trotzdem machte es ihm nichts aus. Er war ein kräftiger Bursche, der fest mit anpacken konnte. Wenn die Holzfällerei auch ein verflucht harter Job war, so hatte die Schinderei zumindest am Falkeneck einen besonderen Vorteil. Oben am Hang stand der einsame Giefnerhof, und dort wohnte Johanne. Schon seit Monaten bemühte er sich um die hübsche Frau. Bisher ohne Erfolg. Nur sehr selten kam sie nach Hallgau. Einladungen hatte sie stets mit Ausreden abgewiesen.

Peter Finkenthal galt als nicht besonders intelligent. So merkte er nicht, dass sich seine Kumpane nur über ihn lustig machten, wenn sie ihn abends im Wirtshaus immer wieder aufstachelten, wenn es um Johanne ging

Beim letzten, zufälligen Treffen mit der jungen Frau hatte sie ihm klipp und klar gesagt, dass sie nichts von ihm wolle. Ihr Herz gehörte einem anderen, doch er hatte nicht in Erfahrung bringen können, wer es war.

Das Kreuz werd’ ich ihm brechen, hatte er zornig gedacht und sich wie ein geprügelter Hund getrollt. Das aber war schon eine Weile her. Mit der Zeit fühlte er sich wieder stärker. Gleich morgen gab es bestimmt eine Gelegenheit, Johanne zu treffen.

In zwei Wochen war Jahrmarkttag in Berlingen. Er wollte sie fragen, ob sie ihn vielleicht begleiten wolle. Seine Kumpel würden sich wundern, wenn er Arm in Arm mit ihr im Festzelt der Schützen auftauchte. Er ahnte in diesem Augenblick nicht, dass seine Chancen längst auf Null gesunken waren.

Und so nahm das Schicksal seinen dramatischen Lauf, mit dem keiner im Traum gerechnet hatte.

 

 

3. Kapitel

 

Es war lange her, dass Johanne sich die halbe Nacht in ihrem weichen Bett hin und her gewälzt hatte. Sie war schon früh in ihre Kammer gegangen, nachdem sie Vater und Mutter erzählt hatte, wie es ihr am Gewitter ergangen war. Sie hatte den Vater das erste Mal belogen, und sie fühlte sich alles andere als wohl. Nur der Mutter hatte sie die Wahrheit gesagt.

Seit sie im Bett lag, von Ruhe und Dunkelheit eingehüllt, schossen immer wieder zahlreiche Gedanken durch ihren Kopf. Sie ließen ihr einfach keine Ruhe mehr.

Draußen über der »Zinne«, einem mit dichtem Baumgürtel umgebenen Berg, stand der Mond als silberne Sichel. Er verschwand erst nach Mitternacht aus ihrem Blickfeld. Sein milchiges Licht verblasste und tauchte die kleine Kammer in Finsternis, als er sich hinter dunklen Wolken verbarg.

Johanne versuchte alles, um endlich Schlaf zu finden. Aber es gelang nicht. Selbst in Gedanken an Raphael ließen sie nicht ruhen. Innerlich war sie wie aufgewühlt.

Was mochte der morgige Tag bringen? Was war, wenn der Vater davon erfuhr?

Angst, Hoffnung und Sehnsucht wechselten sich ab und wirbelten wie ein Karussell in ihrem Kopf. Sie ahnte nicht, dass nur wenige hundert Meter unterhalb des Berghofs ein junger Mann genauso dachte und träumte wie sie.

Johanne stand auf und öffnete das Fenster. Kalter Wind wehte ihr entgegen und ließ sie frösteln. Zitternd legte sie ihre Schlafjacke um die Schultern, und schaute nach Norden.

Von hier oben ließen sich die wenigen Lichter, die noch in Hallgau brannten, nur undeutlich ausmachen. Aus dem Tal kroch allmählich leichter Nebel bis in die Höhe hoch. Von Westen her zogen wieder Wolken auf. Johanne konnte nicht sehen, ob sie vielleicht neuen Regen mit sich brachten. Dafür war es zu dunkel.

Das Herz wurde ihr schwer, als ihr klar wurde, dass ein neues Unwetter ihr Vorhaben am nächsten Tag zunichtemachen würde. Dann ließ der Vater sie garantiert nicht den Gang zum Gasthof unterhalb des Gipfels machen.

Ein letztes Mal schaute sie sehnsuchtsvoll zum Wald hinüber. Dahinter, für sie nicht sichtbar, lag der Hof der Harlanders. Dort schlief der Mann, den sie insgeheim seit vielen Jahren liebte.

Seufzend schloss sie das Fenster und betete insgeheim, dass sich das Wetter nicht wieder verschlechtern möge. Vielleicht hing ihr Glück davon ab, kam es ihr in den Sinn.

In den letzten Wochen hatte es viel zu sehr geregnet. Es schien so, als ob auch der nahe Sommer ins Wasser fallen sollte. Das würde für sie üble Folgen haben, wenn die Bergsteiger und Bergtouristen ausblieben.

Johanne legte sich wieder ins Bett und gähnte. Ruhe kehrte in ihr ein. Sie wusste plötzlich, dass sie Raphael auf jeden Fall wiedersehen würde. Und das schon morgen. Sie würde sich das von nichts und niemand nehmen lassen.

 

 

4. Kapitel

 

Ein eigenartiges Poltern weckte Raphael aus einem leichten Schlaf. Er rieb sich die Augen und stand auf. Als er die Vorhänge öffnete, musste er unwillkürlich lächeln. Draußen schien die Sonne. Stahlblauer Himmel wölbte sich über Berg und Tal. Nur ein paar weiße Wolken segelten gemächlich nach Osten. Im Tal selbst lag noch dichter Nebel, der sich in der Nacht und noch stärker vor Sonnenaufgang ausgebreitet hatte. Es würde ein wunderschöner Tag werden. Genauso, wie er ihn sich gewünscht hatte.

Er musste an Johanne denken. In weniger als zwei Stunden würde er sie wiedersehen.

Raphael zog sich rasch an und verließ sein Zimmer. Er war bester Laune und fühlte sich wie neugeboren. In der Küche wartete die Mutter bereits mit dem Frühstück. Knut Harlander hockte vornübergebeugt und löffelte wie immer seinen Haferbrei.

Raphael musste schmunzeln. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sein Vater frühmorgens jemals etwas anderes als diesen Brei gegessen hatte, den er schon als Kind gehasst hatte.

»Schon so früh auf den Beinen«, grüßte ihn der Bauer. »Wie kommt’s?« Er schaute nur kurz auf und widmete sich dann wieder seiner Mahlzeit.

»Guten Morgen, Raphael.« Seine Mutter schenkte ihm ein freundliches Lächeln und hieß ihn, sich an den Tisch zu setzen. Sie hatte für ihn ein kräftiges Frühstück zubereitet.

»Ich möchte das schöne Wetter nutzen und rauf zum Gipfelkreuz«, erklärte er seinem Vater, während er Helga Harlander einen Kuss auf die Wange hauchte und dann ihrer Aufforderung nachkam.

»Warum denn das?« Der Bauer blickte auf. »Hast nix Sinnvolleres zu tun?«

»Iss, Knut!«, forderte Helga Harlander energisch. »Und lass mir den Bub in Ruh! Er ist erst ein paar Tage bei uns, und schon fängst du wieder an, ihn zu kritisieren. Muss das sein?«

Ihr Mann antwortete nicht. Er widmete sich erneut seinem Haferbrei und leerte den Teller. Sekunden später stand er auf und verließ die Küche ohne einen Gruß.

Raphael fühlte sich unangenehm berührt. Er kannte diese Zeremonie, doch das alles war viele Jahre her. Das alles hatte er in Kinder- und Jugendjahren täglich erlebt und nie begriffen oder akzeptiert.

»Er ist noch immer so grantig wie früher«, stellte er fest. »Ich glaub’, er wird sich nie ändern.«

»Ach, lass gut sein«, meinte Helga Harlander und setzte sich mit einer Tasse Kaffee neben ihn. »Ändern kannst du ihn so oder so net mehr. Er ist und bleibt halt ein Grantier.«

Der junge Mann wunderte sich gestern wie heute, wie es seine Mutter überhaupt so lange mit diesem Menschen ausgehalten hatte. Er hatte es immer gescheut, sie jemals danach zu fragen.

»Triffst dich mit der Johanne?«, fragte sie wie aus heiterem Himmel.

»Wie kommst du darauf?«, erwiderte er und hielt inne.

Helga Harlander schmunzelte.

»Leugnen hilft dir nix, mein Junge«, sagte sie und strich ihm über das glatte Haar. »Einer Mutter machst du nix vor. Also, hab’ ich recht?«

Raphael sah keine Veranlassung, seiner Mutter etwas vorzumachen oder sie gar zu belügen. Stets hatte sie in all den Jahren zu ihm gehalten und ihn gegen den strengen Vater verteidigt und oft auch beschützt. Es gab niemanden anderen auf der Welt, zu dem er mehr Vertrauen hatte.

»Ich kann’s net leugnen«, gestand er. »Ich mag die Johanne noch immer so wie früher. Auch wenn ich’s nie ausgesprochen hab’ wegen der Streithähne. Jetzt aber bin ich alt genug, um selbst zu wissen, was ich will.«

In diesem Augenblick begriff Helga Harlander, dass ihr Sohn nicht mehr der schüchterne Bub von früher war, der in die Stadt gegangen war, um der Härte seines Vaters und dem ewigen Nachbarzwist zu entgehen.

»Du hast die Johanne schon früher liebgehabt?«, fragte sie ungläubig. »Aber davon hast du mir nie etwas erzählt, Bub. Warum net?«

Raphael legte seinen Arm um die Schultern seiner Mutter und schaute sie offen an.

»Weil ich net wollte, dass du dich meinetwegen mit dem Vater streitest und wir alle unglücklich werden«, erklärte er. »Die Jahre waren hart genug, und ich hätt’ dir nur wehgetan, weil ich weiß, dass du als die beste Mutter dieser Welt um meine Liebe gekämpft hättest. Aber es wäre sinnlos gewesen, denn wir beide wissen doch, wie arg sich der Vater und der Giefner hassen. Also hab’ ich‘s für mich behalten und auch der Johanne nie etwas gesagt.«

Helga Harlander musste schlucken. Die Worte ihres Sohnes hatte das Tiefste ihrer Seele berührt. Ihr wurde einmal mehr klar, was für einen wunderbaren Sohn sie hatte. Für ihn würde sie durchs Feuer gehen - und er für sie.

Sie hauchte ihm nur einen Kuss auf die Stirn und strich ihm wieder über das braune Haar.

»Ich wusste ja immer, dass du ein schlauer Bursche bist«, meinte sie stolz. »Und vor allen Dingen ein gescheiter Sohn. Iss dein Frühstück, damit dir unterwegs net schlecht wird, wenn du rauf zum Gipfel kraxelst! Du wirst schon wissen, was richtig für dich ist. Und grüß mir die Johanne recht schön von mir, gell?«

»Aber sicher doch, Mutter«, erwiderte Raphael und erwiderte ihren Kuss, indem seine Lippen ihre Wangen fanden.

Während Helga Harlander aufstand und sich dem Abwasch widmete, genoss Raphael das reichliche Frühstück. Wie immer hatte seine Mutter mehr hergerichtet, als er essen konnte.

Er hatte keine Eile. Trotzdem merkte er, dass er immer häufiger zur alten Wanduhr schaute, als befürchte er, es könne irgendwann zu spät sein, rechtzeitig am Treffpunkt zu sein.

Irgendwie fühlte er sich irritiert, während er den letzten Happen Spiegelei aß und mit einem Schluck Kaffee hinunterspülte. Es war lange her, dass er sich derart euphorisch gefühlt hatte.

Vor drei Jahren in München hatte er dieses Empfinden als letztes Mal gehabt. Sie hieß Claudia, war Studentin der Philosophie und ein wunderbares Geschöpf. Sie war die einzige Frau gewesen, die zeitweilig den Gedanken an Johanne hatte verblassen lassen. Er hatte geglaubt, sie zu lieben, doch das Erwachen war umso schrecklicher gewesen. Ihre Beziehung hätte wegen ihrer exzentrischen Lebensvorstellung nicht lange gehalten. Die Zuneigung zu Johanne aber war danach umso stärker geworden.

Plötzlich schrak Raphael auf. Er hatte vor sich hingeträumt und beinahe die Zeit vergessen.

»Ich muss los!« Er wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, stand auf und verabschiedete sich mit einem Kuss von seiner Mutter.

Eine Minute später trat er hinaus in den gleißenden Sonnenschein eines jungen Morgens.

Helga Harlander schaute ihrem Sohn lange durch das Fenster nach. Ihr Gedanken schweiften in die Vergangenheit ab, wo der Grundstein für den ewig scheinenden Zwist zwischen den Harlanders und den Giefners lag.

Ein sinnloser Zwist, der längst seine Bedeutung verloren hatte. Zwei alte Sturköpfe aber führten ihn fort, als wären sie verpflichtet, den Fehlern ihrer Väter und Großväter nachzueifern.

Nein, sie hatte lange genug zugeschaut. Sie wusste nur zu gut, dass auch Frieda Giefner, Johannes Mutter, ähnlich dachte. Das Glück der Kinder ging vor. Dafür würde sie kämpfen und für nichts auf der Welt zurückweichen, wenn es nötig war.

 

 

5. Kapitel

 

Johanne konnte sich nicht entsinnen, jemals in ihrem Leben derart nervös gewesen zu sein. Schon eine halbe Stunde vor ihrer Verabredung war sie am Treffpunkt. Die junge Frau war zwar unruhig, doch innerlich hatte sich auch so etwas wie Genugtuung breitgemacht. Der Vater hatte keinerlei Verdacht geschöpft, da ihre Aufgabe, dem Wirt vom Berggasthof ein paar Flaschen hinaufzubringen, seit Tagen feststand, und auch die Mutter schien ahnungslos zu sein.

Johanne musste keine Furcht haben, dass man sie vielleicht vom Hof aus beobachten könnte. Sie hatte es sich hinter der Wegbiegung auf einem Felsbrocken gemütlich gemacht. Sie genoss die Wärme der Morgensonne. Zu ihrem Glück fehlte nur noch Raphael.

Würde er wirklich kommen?

Obwohl sie wusste, dass es noch zu früh war, wurde sie mit jeder Minute unruhiger. Immer häufiger suchten ihre Augen den Waldrand ab. Kam er vielleicht doch über den Weg, der immer noch einer Morastrinne glich? Nein, gewiss nahm er den schmalen Pfad durch den Lärchenwald, den sie am Vortag gegangen waren.

Ihre Ungeduld wuchs. Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach acht Uhr.

In Johannes Magen bildete sich ein Kloß. Das erste Mal kamen ihr Zweifel, ob Raphael wirklich kommen würde. Gewiss hatte er sich nur einen Scherz mit ihr erlaubt. Von einer Sekunde zur anderen fühlte sie sich wie entblößt. Am liebsten wäre sie in den Erdboden versunken.

Er hatte nur mit ihr gespielt. Ja, und sie dumme Gans hatte sich etwas darauf eingebildet, dass er mit ihr hinauf zum Fernauer Wirt gehen wollte. Wie hatte sie nur so blind sein können.

Raphael Harlander war längst ein Stadtmensch geworden. Da liefen Frauen rum, die hundertmal schöner und begehrenswerter als sie waren.

Sie erhob sich schwerfällig und nahm den Korb mit den schweren Flaschen. Traurig machte sie sich auf den Weg zum Berggasthof. Es würde ein einsamer Pfad werden, doch sie schwor sich, nie wieder einem Mann zu vertrauen.

»Johanne!«

Im ersten Augenblick glaubte sie, der Wind hätte ihr einen Streich gespielt. Trotzdem schaute sie sich um - und ihr Herz drohte, einen Schlag auszusetzen.

Raphael!, durchfuhr es sie. Fast mechanisch stellte sie den Korb neben sich und war danach wie erstarrt. Der junge Mann kam mit großen Schritten den Hang hochgelaufen. Er schien außer Atem zu sein, aber er hielt erst inne, als er schnaufend vor ihr stand und nach Atem rang.

»Ich bin ein Depp«, keuchte er. »Eigentlich wollt’ ich ja zuerst da sein, aber ich hab’ verschlafen«, log er. Noch fand er nicht den Mut, ihr zu sagen, dass er beim Frühstück von ihr geträumt und dadurch die Zeit vergessen hatte.

Johanne war überglücklich, obwohl sich das schlechte Gewissen in ihr meldete.

Wie nur hatte sie so schlecht über ihn denken können?

»Ist schon recht«, meinte sie lächelnd. »Nun müssen wir uns aber sputen.«

Wie selbstverständlich packte Raphael den Korb mit den Flaschen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Ostflanke des Falkenecks mit seinen breiten Waldgürteln und grauen Geröllhalden jenseits der Baumgrenze. Genau dort lag der kleine Berggasthof vom Fernauer Bernd. Besonders Bergtouristen und Bergsteiger suchten das einsame Haus in der Wildnis auf. Obwohl es weit ab oben in den Bergen lag, war es wegen seiner Gastlichkeit und guter Küche bei den Bergsteigern und Wanderern bestens bekannt.

Lange Zeit gingen die beiden jungen Menschen schweigend nebeneinander her. So recht mochte kein Gespräch zustande kommen. Raphael versuchte mehrere Male, Johanne etwas aus der Reserve zu locken, doch es gelang ihm nicht. Sie antwortete ihm zwar freundlich und schien glücklich, dass er mit ihr sprach. Bald aber schon schlief das Gespräch wieder ein.

Das änderte sich, als sie den Fernauer Hof über sich am Rande des Hanges sahen.

»Noch eine halbe Stunde, dann sind wir da«, meinte Johanne. »Soll ich dir den Korb net eine Weile abnehmen?«

»Warum? Sehe ich so schwach und gebrechlich aus«, scherzte Raphael und blieb stehen.

Ehe Johanne etwas erwidern konnte, erreichten sie eine enge Wegbiegung. Ein umgestürzter Baum, der quer über dem engen Pfad lag und ein kleiner Erdrutsch lenkten sie ab.

»Das sieht net gut aus«, wechselte Raphael das Thema. »Meinst du, dass du es bis darüber schaffst?«

»Warum? Sehe ich so schwach und gebrechlich aus?«, wiederholte Johanne seine Worte und schmunzelte.

Im ersten Moment war er ein wenig verwirrt, doch dann lächelte er ebenfalls.

»Auf den Mund bist du jedenfalls net gefallen«, erwiderte er amüsiert. »Also, dann gilt’s. Bleib dicht hinter mir und schau zu, dass du dich immer absicherst, bevor du dich aufs Geröll wagst.«

Er bat sie, vorzugehen. Falls Johanne ausglitt, konnte er sie vielleicht noch halten.

Vorsichtig machten sie sich daran, das Hindernis zu überwinden. Das Geröll war heimtückischer als erwartet. Es war aufgelockert und vom Regen durchwaschen. Jeder Stein konnte plötzlich unter den Schuhsohlen weggleiten.

Um ein Haar wäre es sogar passiert, als Raphael oberhalb eines großen Steines Halt suchte und sein Gewicht zu sehr darauf verlagerte. Johanne hingegen erreichte den umgestürzten Baum wie eine Berggämse ohne jegliche Schwierigkeiten. Sie hielt sich an einem der Äste fest und zog sich hoch. Der junge Mann folgte ihr in kurzem Abstand. Er half ihr, über den mächtigen Baumstamm zu klettern und tat es ihr ächzend nach. Er war froh, als sie es geschafft hatten.

»So, das hätten wir«, meinte er und stellte den Korb ab, um sich ein wenig auszuruhen.

Sie standen ganz dicht beieinander. Plötzlich schien eine Art Funken überzuspringen. Es bedurfte keiner Worte, als Raphael in Johannes Gesicht blickte.

Sie ist schön, wunderschön, dachte er und fühlte die Gänsehaut auf seinem Rücken.

Er liebte ihre Augen und die vollen Lippen, die ihn immerzu lockten, wenn er sie nur anschaute. Es war unmöglich, sich von diesem Anblick loszureißen. Es kam, was kommen musste.

Wenige Sekunden blickten sie sich an. Der Ausdruck ihrer Augen war ernst und doch voller Erwartung und Unsicherheit.

Wortlos fielen sie sich in die Arme. Ihre Lippen fanden sich zu einem sanften Kuss, der jedoch nicht enden wollte.

Vergessen war das gefährliche Hindernis in ihrem Rücken, vergessen der jahrzehntelange Zwist ihrer Väter und Großväter. In diesem Augenblick gab es nur noch sie und ihre Liebe.

»Ich liebe dich«, hauchte Raphael ihr nach einer Zeit glücklichen Schweigens ins Ohr. »Ich habe dich immer schon geliebt, aber nie gewagt, es dir zu sagen.«

Johanne hob den Kopf. Sie schmiegte sich an ihn und umklammerte ihn, als befürchte sie, ihn wieder verlieren zu können, bevor sie ihn richtig gewonnen hatte.

»Ich dich auch«, gestand sie. »Oh Gott, wie oft habe ich mir diesen Augenblick all die Jahre gewünscht.«

Wieder küssten sie sich, und die Zeit verging.

Sie hatten sich viel zu sagen und ließen nichts aus, um ihre Liebe zueinander zu beweisen. Nichts und niemand sollte sie mehr trennen. Das schworen sich beide. Nun wollten sie für immer zusammenbleiben. Auch gegen den Willen der halsstarrigen Väter, wenn es sein musste.

»Wir müssen uns sputen«, riss Johanne ihren Geliebten aus seinen Träumen. »Der Fernauer wartet auf mich. Der Vater wird garstig werden, wenn er sich wegen der späten Lieferung bei ihm beschwert.«

Raphael lächelte. Zärtlich nahm er sie in den Arm und küsste ihre Stirn, während seine Hände über ihren Rücken strichen.

»Nix wird dir geschehen«, versprach er. »Dafür werd’ ich schon sorgen, Schatzerl. Aber recht hast du schon. Wir sollten uns beeilen, denn schau, drüben über dem ›Krähenhorst‹, da braut sich wieder ein Unwetter zusammen. Gut schaut’s net aus, wenn du mich fragst.«

Nun sah auch Johanne die dunklen Wolken, die sich über den Bergmassiven im Westen zusammenballten und an den Graten und Felsspitzen festzukrallen schienen. Zudem war es merklich kühler und windiger geworden.

Hand in Hand folgten sie dem schmalen Pfad, der sich immer mehr in die Höhe schraubte. Die Luft wurde dünner und der Marsch anstrengender.

Aber sie schafften es, den einsamen Berggasthof vor dem ersten Regen zu erreichen.

Gerade hatten sie die breite Terrasse vor dem Haus betreten, als die ersten Tropfen fielen. Rasch traten sie in die gemütlich eingerichtete Gaststätte.

»Ach, da bist ja, Johanne«, wurde die junge Frau von einem hageren Mann mit weißem Haarkranz begrüßt. Ein gleichfarbiger Bart schmückte sein Gesicht. Der Fernauer Bernd, der hinter dem Tresen Gläser geputzt hatte, trocknete seine Hände und kam hinter seinem Arbeitsplatz hervor. Ein strahlendes Lächeln lag auf dem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht.

Niemand wusste, wie alt er war. Äußerlich musste er weit über achtzig sein, doch das weiße Haar und der lange Bart trogen. In den blauen Augen blitzte das Leben.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Johanne, als der Wirt den Korb mit den Flaschen entgegennahm. »Aber drunten am Hang ist ein Stückerl vom Weg weggespült worden. Das hat uns eine Weile aufgehalten.«

»Macht nix«, meinte der Wirt abwinkend. »Hauptsache, du bist gekommen.«

Die ganze Zeit über hatte er Raphael unverhohlen gemustert. Es schien, als müsse er in seiner Erinnerung wühlen, um das Gesicht einordnen zu können.

»Bist net der Bub vom Harlander?«, fragte er schließlich. Sein Blick wechselte zu der jungen Frau und wieder zurück.

»Der bin ich«, bestätigte Raphael. »Ich bin seit ein paar Tagen wieder im Tal und wollt’ die Johanne net allein gehen lassen. Nach so vielen Jahren in der Stadt gibt’s viel zu erzählen.«

»Da hast du recht«, meinte der Fernauer und grinste breit. »Hockt euch nieder! Bestimmt habt ihr Hunger und Durst. Ich bin gleich wieder da.« Er verschwand in der Küche, die hinter dem Tresen lag.

Die beiden Verliebten wählten einen Platz direkt am Fenster. Von hier aus hatte man bei guter Sicht einen herrlichen Blick auf die wilde Bergwelt zwischen »Sonnenberg« und »Steingau«.

Das Unwetter raste heran. Dicke Tropfen prasselten gegen die Scheiben. Die Regenschleier hüllten alles in ein tristes Grau. Man konnte kaum zwanzig Meter weit sehen.

»Was wird nur, wenn das Wetter net bis zum Abend aufhört?«, fragte Johanne. Sie hielt seine warmen Hände zwischen ihren und betrachtete den Mann an ihrer Seite mit einem glücklichen Lächeln.

»Gefangen in der Einsamkeit der Berge«, philosophierte Raphael. »Wie romantisch.«

Der Fernauer Bernd unterbrach ihr Liebesgeflüster. Er stellte einen Korb Brot, eine Schüssel mit frischem Rührei und eine Platte mit Käse und Schinken auf den Tisch.

»So, jetzt zapf ich euch noch eine frische Maß, und dann lasst es euch schmecken«, verlangte er. »Entschuldigt mich danach bitte, denn ich muss mich noch um einige Sachen im Haus kümmern. Heut’ Abend kommen ein paar Bergsteiger, die die Nacht hierbleiben wollen.«

»Kann ich dir zur Hand gehen?«, bot sich Johanne an..

»Nix da«, winkte der Fernauer ab. »Bleib du ruhig bei deinem Raphael! Da bist besser aufgehoben.« Er runzelte fragend die Stirn, als seien ihm gerade Zweifel gekommen. »Oder seid ihr kein Paar?«

Die junge Frau errötete. Sie fühlte sich ertappt. Raphael aber ließ sich nicht irritieren.

»Doch, das sind wir. Allerdings erst seit heute Morgen.«

Der alte Mann nickte zustimmend und murmelte sich etwas in den Bart, das keiner von ihnen verstand. Leicht vornübergebeugt verschwand er aus der Gaststube.

Sie genossen ihre einsame Zweisamkeit. Während sie aßen, sprachen sie viel über Vergangenheit und Zukunft. Das Wetter, das draußen tobte, interessierte sie nicht. Es würden auch wieder sonnige Stunden folgen. Es konnte ihr Glück nicht stören.

Das Unwetter würde bald abziehen, wie die helleren Streifen am Horizont schon andeuteten. Dafür aber zogen unsichtbar für das menschliche Auge andere düstere Wolken auf. Sie waren nicht natürlicher Art, sondern Vorboten des Schicksals.

 

 

6. Kapitel

 

»Schluss für heute«, schimpfte Peter Finkenthal. »Es hat keinen Sinn mehr, bei diesem Wetter weiterzuarbeiten.«

Missgestimmt schlug er die Axt in den Stamm der Fichte, unter der sie zusammengekauert standen. Er wischte sich über das regennasse Gesicht und stieß einen Fluch aus.

»Stimmt«, bestätigte sein Kollege Bruno Atztaler. »Ich bin nass wie ein Fisch. Ein Irrsinn ist’s, wenn ihr mich fragt. Heut’ wird nix mehr mit dem Wetter.«

Auch der Dritte im Bund, Beppo Bergner, nickte zustimmend. Es war unmöglich, bei einer solchen Witterung die ganzen umgestürzten Bäume zu entästen und zu zersägen.

Seit einer Viertelstunde goss es wie aus Kübeln. Eine Weile hatten sie den Regen einfach ignoriert, doch nun wurde er noch heftiger. Sie mussten sich unter eine mächtige Fichte stellen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis auch die mächtige Krone die Tropfen nicht mehr zurückhalten konnte.

»Los, lasst uns rauf zum Fernauer Bernd gehen«, schlug Peter Finkenthal vor. »Da können wir uns wenigstens ein bisserl aufwärmen. Und eine Maß oder ein Enzian wären bei diesem Sauwetter gewiss auch net schlecht.«

Die beiden anderen Holzfäller nahmen den Gedanken gerne auf. Sie schulterten ihre Äxte und Sägen und machten sich an den anstrengenden Aufstieg zu dem einsamen Berggasthof. Sie benötigten eine knappe halbe Stunde. Völlig durchnässt und missmutig erreichten sie das Haus und traten ein. Peter Finkenthal war der Erste, die anderen folgten prustend und schüttelten den Regen von den Umhängen und Hüten.

Der junge Holzfäller erstarrte, als er die beiden einzigen Gäste in der Gaststube entdeckte. Das Blut schoss ihm ins Gesicht, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er seinen Schrecken und Zorn in den Griff zu bekommen versuchte.

Er hatte Johanne sofort erkannt.

Während seine Begleiter den alten Wirt freundlich grüßten und über das Wetter schimpften, nickte er der jungen Frau knapp zu und steuerte den wuchtigen Tresen im hinteren Teil der Stube an.

»Grüß dich, Fernauer«, sagte er schlecht gelaunt. »Schenk mir auch eine Maß und einen Enzian ein! Ich kann’s brauchen.«

Als er sich auf einen der hohen Hocker setzte, warf er einen verstohlenen Blick zur Seite. Er zermarterte sich das Gehirn, wer der Mann an Johannes Seite sein mochte.

Der Zorn in ihm wuchs. Niemand hatte das Recht, mit seiner Johanne herum zu poussieren. Sie gehörte ihm und niemand anderem.

Die anderen Männer merkten, dass er nicht ganz bei der Sache war und entweder abwesend in sein Glas schaute oder zum Fenster hinüber schielte. Hin und wieder ließ Bruno Atztaler eine Bemerkung los, die ihn ärgerte. Noch aber hatte er sich in der Gewalt und antwortete entsprechend.

»Hör mit dem Gerede auf, Bruno!«, warnte er, als sein Kollege die spitzfindigen Bemerkungen nicht unterließ. »Trink lieber deine Maß aus! Die nächste Runde geht auf dich.«

Nach einer halben Stunde wurde die Stimmung in der Gaststube knisternd. Es war kein böses Wort gefallen, doch man konnte die Spannung fast spüren.

Der Fernauer Bernd merkte es genauso wie Johanne und Raphael. Sie hatte ihn schnell über Peter Finkenthal und die Ansprüche, die er sich einbildete, aufgeklärt.

Nach der dritten Maß und zahlreichen Schnäpsen erhob sich der Holzfäller und kam auf den Tisch beim Fenster zu. Er ignorierte die mahnenden Worte des Wirtes.

»Jetzt weiß ich auch, wer du bist«, erklärte Finkenthal und fixierte Johannes Begleiter. »Du bist der Sohn vom Harlander, net wahr?«

»Der bin ich«, bestätigte Raphael und streckte Finkenthal die Hand entgegen. »Komm, hock dich nieder, Peter! Lass uns auf alte Tage trinken! Deine Freunde sind natürlich auch eingeladen. Fernauer, schenk bitte noch vier Enzian aus!«

Finkenthal brummte böse. Er kannte Raphael von Kindheit an, und er hatte schon früher seine Überlegenheit und Intelligenz nie gemocht.

»Das kannst sein lassen, Fernauer«, lehnte er ab. »Ich wollt die Johanne nur etwas fragen.«

»Und das wäre?« Die junge Frau kannte Peter sehr gut und wusste, dass er nur Streit suchte.

»Draußen hat’s zu regnen aufgehört«, begann Finkenthal.. »Komm, ich bring dich heim! Allein ist’s an den Hängen nach so einem Regen net ungefährlich.«

Er griff nach ihrem Unterarm, doch sie wich ihm aus.

»Ich kann schon selbst auf mich aufpassen«, meinte sie ernst. »Warum lässt du mich net in Ruhe, Peter? Ich möcht’ mich hier in Ruhe unterhalten. Warum also störst du uns?«

»Reden kannst du auch mit mir«, murrte Finkenthal. »Also, sput’ dich! Wir wollen gehen.«

Erneut versuchte er sie zu zwingen, ihm zu folgen.

»Meinst du net, dass die Johanne alt genug ist, selbst zu entscheiden, wann sie …«

»Jetzt reicht es mir, Finkenthal«, mischte sich der alte Wirt ins Gespräch und kam mit einem klobigen Wanderstab bewaffnet quer durch den Raum. »Hier unter meinem Dach gibt’s keinen Streit, Finkenthal, versteht mich? Die beiden hocken hier friedlich beieinander, und seitdem du hier hereingekommen bist, suchst nur Streit. Mach’, dass du deine Maß austrinkst und verschwind’, wenn du keine Ruhe geben kannst!«

Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als ob sich der Holzfäller auf den alten Mann stürzen wollte. Dann aber verschwand das eigenartige Funkeln in seinen hellen Augen.

»Wie du meinst, Fernauer«, zischte er wütend. Er drehte sich auf dem Absatz um, warf einige Münzstücke auf die Theke und stampfte auf die Tür zu.

»Wie ist’s Leute? Wollt ihr etwa noch länger in diesem verräucherten Loch bleiben?«

Weder Bruno Atztaler noch Beppo Bergner machten Anstalten, ihm zu folgen.

»Warum hast du’s plötzlich so eilig?«, fragte Atztaler provozierend. Er hasste Peters Wutausbrüche und seine Unbeherrschtheit wie die meisten in der Gegend. Er war und blieb ein unangenehmer Zeitgenosse, mit dem er zwangsläufig als Kollege leben musste.

»Dann eben net«, schimpfte Finkenthal aufgebracht.

Er hatte die Tür fast erreicht, als die harte Stimme des alten Wirts ihn zurückhielt.

»Finkenthal«, rief er fast herrisch und gefährlich leise. »Bevor du gehst, noch ein Wort.«

Der Holzfäller drehte sich verwirrt um und musterte Fernauer mit einem giftigen Blick.

»Was willst du noch?«

»Bedenk’, dass ich heute Zeuge war«, erwiderte Fernauer gedehnt. »Ich denk’, du weißt, was ich meine.«

Finkenthal räusperte sich. Er hatte die Drohung verstanden und wusste, dass alles, was Raphael Harlander in nächster Zeit zustoßen könnte, sofort auf ihn zurückfallen würde. Voller Zorn schlug er die Tür hinter sich zu. Mit der geschulterten Axt marschierte er mit großen Schritten über die nasse Almwiese nach Norden.

Eine Weile herrschte atemlose Stille in der kleinen Gaststube. Beppo nippte an seinem Bier, und der Fernauer Bernd schüttelte den Kopf und brummte wieder etwas Unverständliches in seinen Bart. Bruno Atztaler hingegen seufzte und griff nach seinem Umhang, der mittlerweile wieder trocken war. Als sein Kollege merkte, dass er ebenfalls gehen wollte, tat er es ihm gleich.

Nachdem sie bezahlt hatten, verabschiedeten sie sich per Handschlag vom Wirt und entschuldigten sich für Peter Finkenthals schlechtes Benehmen.

Ehe sie die Gaststätte verließen, kam Atztaler an den Tisch der beiden Frischverliebten.

»Nix für ungut, Harlander«, begann der Holzfäller. »Schön, dass mal wieder ins Tal gefunden hast. Wie ich hörte, bist jetzt ja ein Studierter.«

»Das hört sich ja schrecklich an«, amüsierte sich Raphael. »Mit meinem Charakter hat’s aber nix zu tun. Da bin ich immer noch wie früher.«

Atztaler nickte ernst. »Mag sein«, fuhr er fort und beugte sich etwas nach vorne. Seine Stimme klang leiser als zuvor. »Aber pass auf dich und die Johanne auf, verstehst du mich? Der Finkenthal ist manchmal net ganz richtig im Kopf, wenn du mich fragst. Also, gib acht auf dich.«

Johanne merkte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Sie schaute in Bruno Atztalers Augen und wusste, dass dies nicht als Drohung, sondern als der gut gemeinte Rat eines Freundes zu verstehen war. Das erste Mal, seit sie Raphael wiedergesehen hatte, spürte sie Angst. Angst um ihn und ihre Liebe, die ein besitzergreifender Mann geschürt hatte.

»Ich dank’ dir schön, Atztaler«, erwiderte Harlander und reichte ihm die Hand. »Das werd’ ich dir net so schnell vergessen.«

Sekunden später hatten die beiden breitschultrigen Männer in den weiten Umhängen den Berggasthof verlassen. Zurück blieb eine gedrückte Stimmung, die das Glücksgefühl der beiden Verliebten längst verdrängt hatte. Um sie herum herrschten Verwirrung und Furcht, die sie erst langsam begriffen.

»Net aufregen, Schatzerl«, meinte Raphael nach einer Weile. »Hunde die bellen, die beißen net.«

Johanne lächelte verkniffen. Sie ließ sich nicht so einfach beruhigen. Ein Mann wie Peter Finkenthal war unberechenbar. Für ihn war diese Begegnung so etwas wie eine Niederlage gewesen. Das ließ er nicht einfach auf sich sitzen. Sie kannte ihn seit vielen Jahren. Ihn und seine Zudringlichkeiten, gegen die sie sich nur mühsam hatte zur Wehr setzen können.

Nun aber verspürte sie Angst in ihrem Herzen.

 

 

7. Kapitel

 

Tage vergingen.

Johanne hatte den Zwischenfall oben am Berg nicht vergessen, aber aus ihrer Erinnerung doch ein wenig verdrängt. Nur noch einmal war sie einen Tag danach mit Peter Finkenthal zusammengetroffen.

Unterhalb des Berghofs ihres Vaters hatte er ihr aufgelauert und um Verzeihung gebeten. Sie war geneigt gewesen, ihn schroff abzuweisen, doch sie hatte es nicht getan und seine Entschuldigung angenommen.

Es hatte sich als großer Fehler erwiesen, denn er war kurz darauf zudringlich geworden und hatte als Beweis einen Kuss verlangt und sie aufgefordert, mit ihm zum Fest nach Berlingen zu gehen. Sie hatte abgelehnt, und er war erneut voller Wut davongezogen.

Johanne hatte Raphael dies alles erzählt. Nur mit ihm konnte sie über so etwas reden. Es tat ihr in der Seele weh, dass sich ihr Leben in den letzten Tagen derart verändert hatte. Sie fühlte sich wie bei einem Katz- und Mausspiel, und sie war die Maus.

Der Vater und der alte Harlander durften nichts von ihrer Liebe zueinander wissen. Peter Finkenthal war in diesem Spiel eine fürchterliche Bedrohung, denn in seiner Eifersucht würde er nichts auslassen, um ihrer Liebe zu schaden.

Johanne schaute auf die Uhr. Es war kurz nach drei Uhr. Sie musste sich sputen, wenn sie nicht unpünktlich sein wollte. Heute hatte sie sich mit ihrem Liebsten beim Paradiesweg unterhalb der Weißburgerklamm verabredet.

»Ich geh jetzt, Mutter«, verabschiedete sie sich und gab der korpulenten Frau einen Kuss. »Vor dem Nachtmahl werd’ ich net zurück sein.«

Ihre Mutter nickte und strich ihr über das dichte Haar.

»Gib auf dich acht, Madl«, erwiderte sie. »Und mach’ dir keine Sorge wegen dem Vater. Der ist sowieso bis heut Nachmittag unten im Dorf und verhandelt mit dem Zittler wegen der nächsten Fleischlieferung. Ihm werd’ ich schon eine Geschicht erzählen, warum du weg bist. Mach dir ruhig einen schönen Tag! Auch, wenn’s Wetter wieder mal net so mitspielt.« Sie seufzte.

Dieser Sommer zehrte immer häufiger an den Nerven. Es regnete fast ununterbrochen. Die wenigen Stunden, die die Sonne schien, konnte man zählen. Im Tal machten sich die Bauern schon ernsthafte Sorgen, denn Wind und Wetter drohten die Ernte zu vernichten.

Johanne verließ das elterliche Haus und machte sich auf zum Paradiesweg. Sie freute sich auf Raphael, denn am gestrigen Tag hatte sie sich nicht mit ihm treffen können. Sein Vorgesetzter hatte ihn nach Sonnbach zu einer Konferenz bestellt gehabt. In drei Tagen sollte die Straßenvermessung nach einigen Anfangsschwierigkeiten endlich beginnen. Sie selbst war nicht sehr glücklich darüber. Dann würde sie ihren Liebsten garantiert viel seltener sehen.

Sie lief mehr, als dass sie ging. Endlich hatte sie die Wegbiegung unterhalb der Klamm erreicht. Jeden Augenblick würde sie Raphael sehen.

Plötzlich erschrak sie und erstarrte wie unter einem Schock.

Raphael war wirklich schon da, doch er war nicht allein. Neben ihm stand ihr Vater und sprach heftig mit ihm. Gestikulierend und drohend redete Sebastian Giefner auf ihn ein. Es sah fast so aus, als ob er Raphael jeden Augenblick angreifen würde.

»Vater«, rief sie voller Entsetzen, als der hagere Mann ihren Liebsten plötzlich am Kragen packte und nah an sich heranzog.

Erschrocken verharrte Sebastian Giefner in derselben Sekunde mitten in der Bewegung, ohne den jungen Mann loszulassen. Er sah seine Tochter mit fliegenden Röcken auf sich zulaufen und schien irritiert. Mit ihrem Erscheinen hatte er offensichtlich nicht gerechnet. Als sie nahe genug heran war, entdeckte er das Entsetzen in ihren blauen Augen. Unwillkürlich ließ er Raphael Harlander los, als hätte er sich an ihm verbrannt.

Dann stand seine Tochter atemlos vor ihm.

»So also verbringst du deine Freizeit«, stieß Sebastian Giefner unterdrückt hervor und strich sich mit gespreizten Fingern durch das dünne Haar. »Mit dem Harlander. Das darf doch wohl net wahr sein!«

Johanne suchte nach Worten der Erklärung. Sie wollte um Verständnis bitten, doch in ihr herrschte plötzlich der Trotz vor. Sie sagte sich, dass sie alt genug sei, selbst für sich zu entscheiden.

»Ja, und ich bin gerne mit Raphael zusammen«, erwiderte sie. »Das geb’ ich offen zu.«

Der Giefner schnappte nach Luft. Er glaubte, sich verhört zu haben. Zuerst hatte er nicht glauben wollen, was man ihm unten in Hallgau zugetragen hatte.

»Und so etwas sagst du deinem Vater ins Gesicht?«, fragte er empört. »Unten im Dorf pfeifen’s die Spatzen von den Dächern. Meine Tochter die Geliebte vom Harlander. Ich kann’s einfach net fassen!«

Harlander wurde hellhörig und neugierig.

»Reg dich net auf, Giefner!«, forderte er. »Ich lieb’ die Johanne, und daran kannst du auch nix ändern. Wer aber posaunt es drunten in Hallgau aus? Niemand weiß davon.«

Johanne fröstelte, doch es war nicht der kühle Wind, der dies bewirkte. Das erste Mal hatte Raphael zu ihrer Liebe vor einem anderen Menschen gestanden. Und das gerade vor ihrem verbohrten Vater. Sie wollte sich an ihm vorbeidrücken. Es gelang nicht. Sebastian Giefner packte zu und hielt sie gewaltsam am Oberarm fest.

»Nix da«, herrschte er. »Du gehst jetzt sofort rauf zum Hof, und keine Widerrede!«

Johanne aber war nicht geneigt, der Aufforderung ihres Vaters nachzukommen.

»Das werd’ ich net tun«, erwiderte sie trotzig. »Ich bin kein kleines Madl mehr, das sich rumstoßen lässt. Ich bleib’ hier beim Raphael und sonst nirgendwo.«

Giefner schluckte. In seinen Augen begann es böse zu funkeln. Man sah dem hageren Mann deutlich an, dass er wütend wurde. Sein leicht gebräuntes Gesicht lief rot an.

»Lass gut sein, Johanne«, mischte sich Raphael ein. Er spürte, dass die Situation zu eskalieren drohte. »Tu, was dein Vater sagt, bitte. Es hat keinen Sinn, dass alles noch schlimmer wird, als es unsere Großväter und sogar unsere Väter schon gemacht haben.«

Die junge Frau wollte erneut aufbegehren. Ehe sie jedoch etwas sagte, sah sie den Blick ihres Liebsten und wusste fast augenblicklich, dass Raphael recht hatte. Außerdem war er ein besonnener Mensch. Vielleicht half es, wenn er jetzt mit dem Vater allein redete. Sie nickte und ging den schmalen Pfad zum Berghof zurück. Immer wieder drehte sie sich um, doch die beiden Männer standen reglos da und schienen zu warten, bis sie bei der Wegbiegung an der vom Blitz gespaltenen Eiche verschwunden war.

»So, Giefner«, meinte Raphael, nachdem er Johanne aus den Augen verloren hatte. »Nun gilt’s! Was zwischen dir und meinem Vater ist, schert mich net. Das macht’ untereinander aus. Schlagt euch die Nasen platt, aber es wird euch net gelingen, die Johanne und mich auseinanderzubringen. Ich lieb’ sie, und damit basta.«

Der Berghofbauer schnaubte wie ein wilder Stier. Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle er sich auf den jungen Mann stürzen. Er besann sich, denn dumm war der Sebastian Giefner nicht. Gegen den kräftigen Burschen hätte er nicht die geringste Chance.

»Das werden wir ja sehen«, giftete er zurück und stemmte die Fäuste in die Seite. »Noch ist die Johanne meine Tochter und lebt in meinem Haus.«

Raphael nickte.

»Da hast recht, Giefner«, bestätigte er. »Aber du schuldest mir noch eine Antwort. Wer in Hallgau führt sich als altes Waschweib auf?«

Sebastian Giefner räusperte sich. Er schien nicht geneigt zu sein, es auszuplaudern, woher er die Information hatte.

»Was ist?«, fragte Raphael fordernd. »Muss ich mich wirklich auf den Weg nach Hallgau machen und rumfragen? Das kannst einem Harlander ruhig ersparen, auch wenn du sie hasst.«.

Der Bergbauer war ein wenig irritiert. Die ganze Zeit über hatte Raphael sich ruhig und ohne jegliche Aggression verhalten, obwohl er ihm anfangs bei ihrer Begegnung sofort an den Kragen gegangen war.

»Der Finkenthal Peter hat’s mir erzählt«, gestand er nach einer Weile. »Droben beim Fernauer Bernd hat er euch gesehen, Eine Schand’ ist’s, dass die Johanne mich so hintergangen hat.«

»Ach, red’ keinen Schmarr’n«, schimpfte Raphael. Er wurde böse. »Deine Tochter kann nix dafür. Was hat sie denn schon getan?«

Sebastian Giefner verspürte keine Lust mehr, sich länger mit dem jungen Mann zu unterhalten.

»Jetzt troll’ dich«, murrte er. »Und wag’ dich net noch einmal in die Nähe meiner Tochter, verstehst mich? Sonst brenn’ ich dir eine Ladung Schrot ins Kreuz. Ein Harlander hat nix mit uns Giefnern zu schaffen. Basta!« Abrupt machte er auf dem Absatz kehrt und stampfte den Weg hinauf.

Raphael blieb allein zurück. Er seufzte und zuckte mit den Schultern. Den Tag hatte er sich schöner vorgestellt. Rascher als erwartet, war er wieder in den Strudel der verfluchten Familienfehde gerissen worden. Es war wie vor Jahren gewesen, als er das Tal wegen dieser ewigen Streiterei verlassen hatte. Nichts hatte sich seither zwischen den beiden verfeindeten Parteien geändert.

Doch, eins war anders als früher.

Er hatte seine Liebe zu Johanne Giefner entdeckt und das erste Mal ihre Zärtlichkeit genossen.

»Giefner«, rief er hinter dem wütenden Mann her. »Noch auf ein letztes Wort.«

Unwillkürlich blieb der Bergbauer stehen und drehte sich um. Sein Gesicht war ernst. Er wirkte ungehalten.

»Was gibt’s?«, fragte er herrisch.

Raphael Harlander machte eine kleine Pause und antwortete nicht sofort.

»Du hasst meinen Vater, warum auch immer«, erklärte er fast sanft. »Ich aber hab’ nix gegen dich und werd’ auch nie etwas gegen dich haben. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo wir uns die Hände reichen.«

Sebastian Giefner erwiderte nichts. Er knurrte etwas Unverständliches, ehe er weiterging und Raphael allein in der Wildnis der Berge stehenließ.

»So«, murmelte der junge Mann nach einiger Zeit und machte sich auf den Weg nach Hallgau. »Jetzt möchte ich wissen, was der Peter Finkenthal zu alledem zu sagen hat.«

Alles in ihm war aufgewühlt wie ein See während eines heftigen Sturmes. Wenn er in diesem Zustand dem verhassten Mann gegenübertreten würde, konnte es nur einen verhängnisvollen Zusammenstoß geben.

Als Raphael den Paradieshang, eine steil abfallende Felswand südlich des Ortes, erreicht hatte und Hallgau direkt unter sich sah, besann er sich. Was hatte es für einen Sinn, diesen einfältigen Finkenthal zur Rede zu stellen? Die Sache würde gewiss eskalieren und alles noch viel schlimmer machen. Das half weder ihm noch seiner Liebe zu Johanne.

Er wandte sich um und machte sich auf den Weg zum elterlichen Hof. Dazu wählte er die Abkürzung quer durch die Wälder. Dort war er allein und musste nicht Gefahr laufen, noch einmal einem unliebsamen Mitmenschen über den Weg zu laufen. Sein Bedarf an Streitigkeiten war vorläufig gedeckt. Er wollte seine Ruhe haben, denn er musste nachdenken.

Nie und nimmer würde er Johanne aufgeben. Es musste eine Lösung geben.

 

 

8. Kapitel

 

Johanne begann zu laufen, als sie den heimatlichen Hof vor sich auftauchen sah. Die ganze Zeit über hatte sie mit den Tränen gekämpft. Plötzlich ergriff sie die Verzweiflung, wie sie sie noch nie empfunden hatte. Alles in ihr krampfte sich zusammen. Sie war hilflos und allein mit ihrem Schmerz.

Vielleicht würde sie Raphael nie wiedersehen. Hemmungslos begann sie zu weinen.

Als sie die Haustür aufriss und in den Flur lief, kam ihre Mutter gerade aus der Küche. Entsetzt sah sie Johannes tränennasses Gesicht.

»Was ist geschehen, Kind?«, fragte sie aufgeregt.

Johanne antwortete nicht. Sie warf sich in die Arme ihrer Mutter und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte, so dass Frau Giefner angst und bange wurde.

»Nun red doch endlich!«, forderte sie.

Johanne schluchzte und versuchte, etwas zu sagen. Immer wieder aber versagte ihre Stimme. Es vergingen Minuten, ehe sie in der Lage war, ihrer Mutter. zu erzählen, was passiert war. Frieda Giefner stöhnte gequält auf und bekreuzigte sich.

»Oh, mein Gott«, seufzte sie. »Das hat ja einmal so kommen müssen. Nimmt das denn überhaupt kein Ende mit diesen verrückten Mannsbildern?«

Sie streichelte ihrer Tochter über die Wangen. Es tat ihr unsäglich leid, dass Johanne jetzt auch unter dieser unsinnigen Fehde leiden musste.

»Es wird schon alles wieder gut werden«, meinte sie sanft und führte Johanne zur Wohnstube hinüber. »Der Raphael findet bestimmt eine Möglichkeit. Er ist doch ein schlauer Bursche. Und ich werde auch noch mal mit dem Vater sprechen.«

»Nix wird gesprochen«, herrschte eine Stimme hinter ihnen.

Johanne zuckte wie unter einem Hieb zusammen und zitterte noch mehr als zuvor. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass der Vater ins Haus gekommen war. Er hatte ihre Unterhaltung gewiss mitbekommen. Entsprechend wütend musste er sein.

»Geh auf dein Zimmer!«, schlug die Mutter leise vor und stellte sich wie ein Schutzengel zwischen Tochter und Vater. Die junge Frau gehorchte und nickte schluchzend. Sie wagte es nicht, aufzusehen. Sie kannte den bösen Ausdruck in Sebastian Giefners Augen zur Genüge, wenn er zornig war.

Sie hatte ihr Zimmer noch nicht erreicht, als sie hörte, wie Vater und Mutter zu streiten begannen. Bald wurde es mehr als laut, als Frieda Giefner ihren Mann einen Tyrannen nannte. Kurz danach vernahm man heftiges Poltern und das Schlagen der schweren Haustür.

Johanne wusste, dass der Vater das Haus verlassen hatte. Bestimmt machte er sich jetzt auf den Weg ins Dorf, um dort seinen Zorn zu ertränken.

Hilflos wie ein Häuflein Elend saß sie auf ihrem Bett. Sie wusste weder ein noch aus. Vor wenigen Stunden hatte sie sich noch als die glücklichste Frau im ganzen Tal gefühlt. Nun schien alles zerbrochen und der Himmel über ihr eingestürzt zu sein.

Die Tür wurde geöffnet. Das leise Quietschen ließ sie aufblicken. Es war ihre Mutter. Die geröteten Wangen bewiesen, wie sehr sie sich aufgeregt hatte. So sah man sie nur ganz selten, denn der letzte Streit zwischen den Eheleuten war schon sehr lange her, wenn man sich recht besann.

»Er ist weg«, erklärte Frieda Giefner und setzte sich neben Johanne. Zärtlich legte sie einen Arm um die Schultern der Tochter. »Nun haben wir ein bisserl Zeit für uns. Wenn der Vater heut’ Abend betrunken nach Hause kommt, ist er morgen wieder ruhiger, denn dann plagt ihn der Kater. Danach wird er sich wohl wieder besinnen. Dann rede ich noch einmal mit ihm. Du wirst sehen, es wird alles gut werden.«

»Ach, Mutter«, stöhnte Johanne und hauchte ihr einen Kuss auf die heißen Wangen. »Wenn du doch nur recht hättest …«

Frieda Giefner wusste, dass es nicht an der Zeit war, viele Worte zu machen. Ihre bloße Nähe und Anwesenheit war in dieser Situation wichtiger denn je. Johanne durfte nicht den Eindruck gewinnen, ganz allein mit ihrem Kummer zu sein.

Lange saßen sie beieinander und sagten kein Wort. Allmählich fühlte die junge Frau, wie die schwere Last von ihrem Herzen fiel. Es tat immer noch weh, an die verloren geglaubte Liebe zu denken, doch es war nicht mehr ganz so schlimm.

»Vertrau auf den Herrgott!«, sagte Frieda Giefner leise. Sie war eine fromme Frau, die streng nach den Geboten lebte und dreimal wöchentlich zur Messe ging. »Er wird dir helfen. Da bin ich mir ganz sicher. Er lässt dich ebenso wenig im Stich wie ich.«

Johanne nickte und versuchte ein Lächeln, das jedoch kläglich ausfiel.

»Ich will’s versuchen, Mutter«, versprach sie.

»Ruh’ dich ein bisserl aus«, meinte Frieda Giefner und erhob sich. »Dann geht’s dir gleich viel besser.«

Johanne kam ihrer Aufforderung nach. Plötzlich fühlte sie sich wie leer und ausgelaugt. Die geistige Erschöpfung breitete sich über ihren gesamten Körper.

Die Mutter hatte die kleine Kammer unter dem Dach noch keine zwei oder drei Minuten verlassen, als sie auch schon eingeschlafen war. Es wurde ein schwerer Schlummer voller Visionen und Alpdrücke. Sie sah Raphael vor sich, dann den wütenden Vater und dazwischen Peter Finkenthal, den Verursacher des neu aufgeloderten Streits zwischen den Harlanders und den Giefners. Er grinste schäbig und begann laut zu lachen, als würde ihn dies alles fürchterlich amüsieren.

War es nur ein Traum oder das Spiegelbild der Zukunft im wahren Leben?

Behielt Peter Finkenthal die Oberhand in diesem grässlichen Spiel von Gefühlen aller Art?

 

 

9. Kapitel

 

Die Tage vergingen.

Anfang der Woche hatte Raphael den elterlichen Hof für ein paar Tage verlassen, ohne Johanne auch nur noch einmal zu Gesicht zu bekommen.

Seine Sehnsucht wurde immer größer. Eines Nachts hatte er versucht, zum Hof der Giefners zu schleichen. Das Unternehmen war völlig unsinnig gewesen, denn der Hofhund hatte rasch seine Witterung aufgenommen und das ganze Haus geweckt.

Auch ein zweiter Versuch, Johanne tagsüber heimlich anzutreffen und nur kurz zu sprechen, schlug fehl. Wie ein eifersüchtiger sturer Haremswächter rannte der alte Giefner mit dem Gewehr, einer alten Schrotflinte herum, wenn seine Tochter nach draußen ging, um Wäsche aufzuhängen oder das Federvieh zu füttern.

Wenn die Sache nicht zu ernst gewesen wäre, hätte man über diese Szenen lachen können.

Aber es war kein Spaß, sondern blutiger Ernst.

Aus diesem Grund hatte Raphael beschlossen, früher als geplant nach Sonnbach zu fahren und sich bei seiner neuen Firma zu melden. Die ersten Vermessungsarbeiten begannen zwar erst in ein paar Tagen, doch Arbeit lenkte ihn ab. Deshalb bereitete er die erforderlichen Unterlagen früher als nötig vor und suchte das zu vermessende Landstück zwischen »Sonnenberg«, »Krähenhorst« und »Zinne« auf.

Als er am Abend des dritten Tages in sein Büro kam, erwartete ihn bereits die Sekretärin seines Chefs.

»Sie kommen genau fünf Minuten zu spät, Herr Harlander«, begrüßte sie ihn und nahm ihre Brille ab. »Gerade war ein Bekannter von Ihnen hier. Er hat Ihnen diesen Brief hinterlassen.«

Raphael stutzte und nahm das Kuvert entgegen.

»Ein Bekannter?«, fragte er. »Hat er sich vorgestellt?«

Die Sekretärin verneinte.

»War ein ziemlich finster dreinblickender Bursche, vor dem man Angst bekommen konnte«, bekannte sie. »Irgendwie war er unheimlich.«

Raphael ahnte, um wen es sich handelte, doch er schwieg. Mit einem Dankeschön verabschiedete er sich und ging in sein Büro. Erst dort öffnete er den Brief.

Sein Verdacht bestätigte sich. Niemand anderes als Peter Finkenthal hatte diese Nachricht für ihn hinterlassen. Was aber mochte er von ihm wollen?

»Hallo Raphael, wahrscheinlich wunderst du dich, das ich dir schreibe. Lass uns den Streit begraben! Ich will dich sprechen, aber allein, denn ich muss dir etwas wichtiges sagen. Komm heute Abend rauf zum Falkeneck. Hinter der etwas apseits gelegenen Scheune beim Giefnerhof warte ich um 9 Uhr auf dich. Es ist ganz dringent. Peter.«

Raphael Harlander zog die Augenbrauen hoch und schmunzelte trotz allem. Die furchtbar gekritzelte Schrift und die zahlreichen Schreibfehler bewiesen eindeutig, dass Finkenthal der Schreiber dieses Briefes sein musste. Schon in der Schule war er keine große Leuchte gewesen und hatte sich höchstens durch Schulhofkeilereien und anderes schlechtes Benehmen hervorgetan.

Nachdenklich faltete er den Brief zusammen und steckte ihn in die Innentasche seiner Jacke.

Was plante Peter? Wieso setzte er sich überhaupt mit ihm in Verbindung?

Und was gab es Wichtiges auf dem Hof von Sebastian Giefner?

Er fand keine Antwort. Stattdessen hatte er ein eigenartiges Gefühl, das ihn nicht mehr losließ.

Unwillkürlich musste er an die Worte von Peters Kollegen oben beim Fernauer Bernd denken. Die Warnung würde er nicht vergessen. Er musste also auf der Hut sein.

Aber war Peter Finkenthal, dieser einfältige Holzklotz, überhaupt in der Lage, Intrigen zu spinnen? Dafür war er eigentlich zu dumm.

Raphael versuchte, sich abzulenken. Auf jeden Fall würde er am Abend zurück nach Hallgau fahren und seinen Widersacher treffen. Er musste jede Möglichkeit ausnutzen. Vielleicht half sie, Johanne wiederzugewinnen.

Nach einer halben Stunde vergeblichen Bemühens, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, gab er auf und meldete sich bei seinem Chef ab. Er flunkerte ein bisschen und erzählte von einer Magenverstimmung und Kopfschmerzen. Auf dem Weg nach Hallgau machte er auf der östlichen Seite der Lorgau, einem kleinen Flüsschen, das das Tal von Süden nach Norden durchfloss, ein wenig Pause. Den Wagen ließ er stehen und schlenderte den Weg entlang des Ufers Richtung »Zinne«.

Die Spitze des waldumsäumten Berges lag im goldenen Licht der Nachmittagssonne. Es war angenehm warm, und Raphael genoss es. Auf einer Bank ließ er sich nieder und lauschte dem Rauschen der Bäume und dem Plätschern des Wassers.

Seine Gedanken schweiften ab. Er musste an Johanne denken. In den letzten Tagen seiner Einsamkeit war ihm immer klarer geworden, dass ihm die junge Frau mehr als alles andere bedeutete. Ohne sie gab es kein Glück mehr in seinem Leben und kein herzhaftes, freies Lachen. Ohne sie war er leer, nur eine Hülle, die existierte.

Wie sehr hätte er sich gewünscht, sie möge neben ihm sitzen und sich an ihn schmiegen, während sie auf den Fluss schauten. Die Einsamkeit konnte selbst in einer solch majestätischen Umgebung mehr als grausam sein.

Seufzend erhob er sich. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke verzogen. Der Wind frischte auf und wurde kühler. Als Raphael nach Westen schaute, sah er, dass sich über dem »Sonnenberg« neue Regenwolken türmten. Er blickte auf die Uhr. Es war kurz nach sechs. Noch drei Stunden bis zum Treffen. Langsam konnte er sich auf den Weg machen.

Von der »Lorgau« bis zur Westflanke des »Falkenecks«, benötigte er nicht einmal eine Viertelstunde. Er ließ seinen Wagen auf einem einsam gelegenen Parkplatz, den man für Touristen angelegt hatte, stehen und zog sich um. Seine Jacke tauschte er gegen einen Lodenmantel, die Halbschuhe gegen derbe Halbstiefel, die besseren Halt beim Kraxeln und Wandern boten. Und noch etwas steckte er ein.

Einen Hirschfänger. Man konnte nie wissen, was ihn da oben in der Einsamkeit der Berge erwartete.

Als er das Messer samt Lederscheide an den Gürtel band, überkam ihn wieder das eigenartige Gefühl, das ihn schon Stunden zuvor beim Lesen des Briefes beschlichen hatte. Instinktiv ahnte er, dass sich an diesem Abend Vieles in seinem Leben ändern konnte. Trotzdem zögerte er nicht und machte sich auf den Weg in die Tiefen der Wälder und steilen Schluchten an der Westflanke des Berges.

Er musste sich beeilen, denn von hier aus war es ein weiter Weg bis zum Giefnerhof.

 

 

10. Kapitel

 

Gähnend streckte sich Peter Finkenthal. Das unbequeme Niederhocken ermüdete, doch er hatte keine andere Wahl. Nur das kleine Vordach seitlich der Scheune bot ausreichende Sicht über den Hang unter sich. Zum Greifen nahe lag der Hof der Giefners vor ihm. Im unteren Stockwerk waren alle Fenster beleuchtet. Mehrere Male hatte er Johanne gesehen. Sie hielt sich in der Küche auf und schien der Mutter zur Hand zu gehen. In Finkenthal regte sich die Sehnsucht und das Verlangen nach der hübschen Maid, die ihn stets abgelehnt hatte. Er musste sich zusammenreißen. Jetzt war nicht die Zeit, daran zu denken, wie schön es in ihren Armen sein mochte.

Finkenthal schielte zum Himmel. Schwarze Wolken rasten über das Gebirge hinweg und entluden ihre nasse Fracht. Zum Glück saß er unter dem Holzdach im Trockenen, doch es war empfindlich kalt geworden.

Früher als gewöhnlich hatte sich die Nacht breitgemacht. Die schweren Regenwolken hatten das letzte Licht verschluckt und ließen manchmal sogar selbst vage Konturen in ihrer Schwärze ertrinken.

Peter grinste schäbig. Ihm sollte es recht sein. Alles lief so, wie er es geplant hatte. Die Nacht war vollkommen, und der Wind wehte von Westen, so dass der Hofhund ihn nicht wittern konnte.

Er brauchte nur zu warten. Keine Sekunde lang zweifelte er daran, dass sein Plan fehlschlagen würde. Jeden Punkt, da war er sicher, hatte er durchdacht. Raphael Harlander sollte sein blaues Wunder erleben. Einem Peter Finkenthal nahm man nicht das Madl weg.

Sein Blick schweifte wieder über den Steilhang und zur Waldgrenze hinunter. Es wurde Zeit, dass sein Widersacher auftauchte. Kaum hatte er den Gedanken beendet, als er eine Bewegung auf dem Weg durch das hohe Gras der Almwiese wahrnahm. Ein zufriedenes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Es konnte nur Raphael sein.

Der Schatten hielt sich östlich und verließ den Pfad, um nicht gesehen zu werden. Er beschrieb einen großen Bogen, denn auch er wusste, dass die Giefners einen aufmerksamen Wachhund besaßen.

Peters Herz begann schneller zu schlagen. Hastig erhob er sich aus der Hocke und huschte zur rückwärtigen Scheunentür. Das Quietschen der Scharniere war im Tosen des heftigen Windes nicht einmal zehn Meter weit zu hören. Ringsum herrschte nun absolute Dunkelheit. Selbst durch die Fugen und Ritzen drang kein Licht mehr. Man konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen.

Es roch nach frisch gemähtem Gras und Feuchtigkeit. In diesem Sommer verging kaum ein Tag, an dem es nicht regnete. Aber noch ein anderer Geruch schwebte in der kleinen Scheune, die an einer Seite bis zur Decke mit Strohballen gefüllt war. Er passte nicht in diese Gegend, wirkte durchdringend, wenn man sich längere Zeit in dem Gebäude aufhielt.

Benzin.

Peter Finkenthal hatte genügend Zeit gehabt, alles bestens vorzubereiten. Der Gestank würde nicht verdächtig sein, denn Raphael wusste garantiert, dass der Giefner in dieser Scheune auch seinen Traktor untergestellt hatte.

Draußen vernahm er eine Art Rascheln. Der Wind schien sich etwas beruhigt zu haben. Das Geräusch stammte aber nicht davon, sondern es musste von Stoff stammen. Wahrscheinlich trug Raphael einen Regenumhang, den er gerade abstreifte.

Peters Sinne waren bis aufs Äußerste gespannt. Sein Gegner musste unmittelbar vor der Scheunentür stehen. Er schien zu zögern, was er tun sollte.

Ohne den geringsten Laut zu verursachen, bückte sich Peter und fand das kurze Stahlrohr. Er umklammerte es und hob die Hand zum Schlag.

In diesem Augenblick wurde die Tür, die in das große Tor eingelassen war, leise geöffnet.

»Peter, bist du hier?«, fragte eine leise Stimme.

Der Mann im Dunkeln presste sich gegen die Holzwand und hielt den Atem an.

Sekunden vergingen, dann betrat Raphael die Scheune.

Finkenthal zögerte keinen Wimpernschlag. Brutal schlug er zu und traf den Mann mit dem schweren Eisenrohr voll im Nacken.

Raphael Harlander hatte gegen dieses Attentat nicht die geringste Chance. Ohne einen einzigen Seufzer sank er wie ein gefällter Baum zusammen und schlug lang zu Boden.

Finkenthal keuchte aufgeregt und schloss die Tür. Mit der freien Hand ließ er ein Feuerzeug aufflammen. Selbstgefällig betrachtete er den bleichen Mann, der leblos vor ihm im Stroh lag. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde im Nacken und färbte das Heu rot.

»So, das hast du davon«, murmelte Finkenthal ohne ein Anzeichen von Reue. »Du kommst mir nicht mehr in den Weg. Das schwöre ich dir.«

Eisige Kälte sprang plötzlich in seine Augen. Der ganze Hass, der sich in ihm aufgestaut hatte, war darin zu lesen. Eifersucht und gekränkte Eitelkeit hatten ihn gefühllos werden lassen. Ohne Hast machte er sich an die Arbeit. Raphael Harlander war tot, aber es sollte wie der tragische Unfall eines Brandstifters aussehen.

Peter hatte keine Eile. Es war alles vorbereitet.

Als er das Feuerzeug an die Kerze hielt und der Docht Feuer fing, blieb ihm noch etwas mehr als eine halbe Stunde für ein Alibi. Ein letztes Mal betrachtete er den leblosen Mann in seiner Blutlache und die brennende Kerze, die bald einen einfachen Mechanismus eine Bewegung und dann die gesamte Scheune in Brand setzen würde.

Wieder zog ein schäbiges Grinsen über sein breites Gesicht. Dann huschte er lautlos in die Nacht und machte sich auf den Weg ins Tal.

 

 

11. Kapitel

 

Sebastian Giefner saß in der Wohnküche beim Fenster und las in der Tageszeitung von gestern. Seine Frau Frieda hockte auf der Ofenbank und strickte. Johanne hatte er den ganzen Abend noch nicht gesehen. Sie ließ sich sogar das Essen aufs Zimmer bringen und ging ihm überall aus dem Weg. Seit dem Tag, da er ihr den Umgang mit Raphael verboten hatte, herrschte zwischen ihnen eisige Stille, die fast schon körperlich zu spüren war.

Sebastian Giefner wusste, dass es eigentlich nicht recht war, was er getan hatte. Trotzdem blieb er bei seiner Meinung und nahm auch das eisige Verhalten seiner Frau in Kauf.

Mit den Harlanders wollte er nichts zu schaffen haben. Das war für ihn ungeschriebenes Gesetz, so wie er es von seinem Vater übernommen hatte.

Gelangweilt faltete er die Zeitung zusammen, um sich eine Pfeife zu stopfen. Gemächlich erhob er sich. Nur zufällig schaute er durch das Fenster in die Dunkelheit, die an diesem Abend durch die schwarzen Regenwolken sehr früh hereingebrochen war. Draußen prasselten die Wassertropfen gegen die Scheiben. Man konnte meinen, dass Gott mit einer zweiten Sintflut die Erde heimsuchen wollte.

Plötzlich verharrte der Bergbauer mitten in der Bewegung.

Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Für einen kurzen Augenblick hatte er geglaubt, sich getäuscht zu haben, doch dann wusste er, dass der helle Schein in der Finsternis keine Sinnestäuschung war.

»Die Scheune brennt«, schrie er und rannte nach draußen.

Gewaltige Regenmassen empfingen ihn, doch er schien sie überhaupt nicht zu spüren. Wie gebannt hing sein Blick an der kleinen Scheune oberhalb des Anwesens. Dicker Qualm quoll aus den Fugen und Ritzen der Holzwände, während dahinter heller Schein durchschimmerte.

»Oh Madonna, Mutter Gottes«, dachte er. »Das darf doch wohl nicht wahr sein!«

Keuchend erreichte er die Scheune und riss das Tor auf. Hinter sich vernahm er den warnenden Schrei einer Frau, aber er registrierte ihn nur wie aus weiter Ferne.

Fauchend raste die Hitze auf ihn zu und ließ ihn aufstöhnen. Er riss die Arme ans Gesicht und machte sich so klein wie möglich. Überall prasselte das Feuer. Längst hatte es Heu und Strohballen erreicht und sich immer weiter bis hinauf zum Dachstuhl gefressen.

Der Traktor und die Geräte, war Giefners einziger Gedanke. So rasch wie möglich musste er ihn hinausfahren, sonst war er ruiniert. Es wurde ein Kampf gegen Feuer und Zeit. Die Hitze stieg, und nur mit äußerster Kraftanstrengung schaffte es der Bergbauer, alles aus dem Gebäude zu schaffen, ehe es ein Raub der Flammen wurde.

Hustend, das Gesicht voller Ruß, stürzte er sich ein weiteres Mal in die Höllenglut, die seine alte Lederjoppe und seine Haare angesengt hatte. Er konnte kaum noch atmen, und er musste alle Kraft aufbringen, um nicht zu stürzen.

Frieda Giefner und seine Tochter standen hilflos im prasselnden Regen. Sie konnten ihm nicht helfen, und er hätte es ihnen auch nicht erlaubt.

»Komm raus da, Sebastian!«, flehte Frieda Giefner. »Das Gebälk bricht gleich zusammen. Bitte, hör auf!«

Ein ohrenbetäubender Knall unterbrach das Knistern und Knacken brennenden Holzes. Funken sprühten, dann raste eine Feuerlohe durch die halbe Scheune.

Sebastian Giefner wurde nach hinten geschleudert und knallte mit der Schulter gegen die Innenseite des Torholmes. Ächzend wälzte er sich zur Seite. Auf allen Vieren brachte er sich aus der Gefahrenzone. Seine Frau und seine Tochter sprangen herbei und halfen ihm auf. Er selbst war mit seiner Kraft fast am Ende.

Plötzlich schrie Johanne voller Grauen auf, als sie die gekrümmte Gestalt inmitten des quellenden Rauchs aus der Scheune auf sie zuwanken sah. Sie erkannte den Mann augenblicklich und glaubte, von einem furchtbaren Schlag getroffen zu werden.

»Raphael«, keuchte sie außer sich vor Entsetzen und rannte auf den jungen Mann zu.

Ehe sie ihn erreichte, brach er in die Knie und fiel in das nasse Gras. Nur noch ein Röcheln drang aus seinen gepeinigten Lungen, die viel zu viel Rauch geschluckt hatten. Er verdrehte die Augen und versuchte, etwas zu sagen. Es gelang ihm nicht.

»Du verfluchter Brandstifter, du«, stieß Sebastian Giefner voller Zorn hervor. »Das … das wirst du mir büßen, du verdammter Kerl.«

Weiter kam er nicht. Alles um ihn herum begann sich zu drehen. Er versuchte gewaltsam, sich dagegen zu wehren, doch trotz der unbändigen Wut gegen den Mann, der offenbar seine Scheune angezündet hatte, war die Natur stärker. Ihn ereilte das gleiche Schicksal wie den Mann, der nur wenige Meter vor ihm wie leblos im prasselnden Regen lag.

Ohnmächtig brach er zusammen.

 

 

12. Kapitel

 

Eine Stimme, die scheinbar aus einer anderen Welt in sein Bewusstsein drang, rief seinen Namen. Etwas Weiches, Warmes berührte seine Wange, doch Raphael wehrte sich dagegen. Die Stimme aber ließ nicht locker und hieß ihn, aufzuwachen. Sie ignorierte seine Lustlosigkeit, die schweren Lider zu öffnen. Nach einer Weile spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Er kam vom Nacken her und pflanzte sich bis zur Stirn und den Schläfen fort.

Plötzlich war die Erinnerung wieder in seinem Bewusstsein und verdrängte die Trägheit, die ihn bisher beherrscht hatte. Er riss die Augen auf und ächzte, als helles Licht in seine Pupillen drang und ihn peinigte.

»Ganz ruhig«, sagte die sanfte Stimme und drückte ihn sanft in die Kissen zurück, als er sich unwillkürlich danach aufrichten wollte. »Es geht gleich vorbei.«

Die Stimme hatte recht. Der Schmerz ließ rasch nach, und die Schleier vor seinen Augen wichen ebenfalls. Er blickte in das schmale, leicht gebräunte Gesicht einer jungen Frau. An dem weißen Kittel erkannte er sofort die Krankenschwester.

»Wo bin ich?«, fragte er verwirrt. »Was ist mit dem Giefner? Und wo ist Johanne?«

»Immer mit der Ruhe«, meinte die junge Frau sanft. »Ich bin Schwester Hildegard, und Sie befinden sich im Sankt Marien Krankenhaus in Sonnbach. Sie müssen ganz ruhig liegenbleiben, denn Sie haben eine große Platzwunde am Kopf und dadurch jede Menge Blut verloren und eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen. Ein Glück, dass sie überhaupt noch leben. Sie scheinen einen treuen Schutzengel zu haben. Außerdem haben Sie eine Rauchvergiftung, mit der nicht zu spaßen ist.«

Der stechende Schmerz im Kopf, den Raphael plötzlich wieder empfand, wenn er sich nur wenig bewegte, und das würgende Brennen in seinen Lungen bestätigte die ausführliche Erklärung der jungen Schwester.

»Wo ist Johanne?«, fragte er leicht verwirrt, obwohl er nicht verlangen konnte, dass die Frau wusste, was er meinte.

»Sie wartet bereits seit Stunden draußen, dass Sie endlich aus der Narkose erwachen«, sagte sie lächelnd. »Wenn Sie ganz brav sind, hole ich sie jetzt herein. In Ordnung?«

Raphael nickte, und er bereute es im gleichen Augenblick wieder, denn der Schmerz war kaum zu ertragen. Er griff sich an den Kopf und merkte erst jetzt, dass er einen festen Verband trug.

Die Krankenschwester verließ das Zimmer. Wenig später trat eine andere Frau in den Raum.

»Johanne!«

Seine Freude, die Geliebte zu sehen, wurde getrübt, als er den traurigen und zweifelnden Blick in ihren wunderschönen Augen entdeckte.

Schlagartig wurde ihm bewusst, was Johanne denken musste. Irgendjemand hatte ihn in der Scheune niedergeschlagen, sie angezündet und versucht, ihn umzubringen. Wer ihm aufgelauert hatte, war ihm klar, obwohl ihm die Beweise fehlten. Aber das war auch zweitrangig. Viel schlimmer zählte die Tatsache, dass er aus der brennenden Scheune gewankt und den Giefners regelrecht in die Arme getorkelt war. Für sie konnte nur er der Brandstifter sein. Erschwerend hinzu kam, dass er sogar ein Motiv für einen solchen Racheakt hatte.

»Wie geht es dir?«, fragte Johanne steif. Sie machte sich Sorgen um Raphael, doch zwischen ihnen stand eine Wand, die sich nicht so einfach wegreißen ließ.

»Es wird schon werden«, entgegnete er und fühlte ein heißes Brennen in seiner Brust. Er musste husten und hatte das Gefühl, sich die Lungen aus dem Leib zu husten.

»Wie geht es deinem Vater?«, fragte er, nachdem der Hustenanfall vorüber war. Es dauerte eine Weile, bis Johanne antwortete.

»Er ist auf dem Weg der Besserung, doch er hat neben einer Rauchvergiftung Verbrennungen an den Armen und im Gesicht. Viel schlimmer aber ist der Schock, denn wir haben viel verloren.«

»Ich weiß«, meinte Raphael und empfand eine Art Mitschuld, obwohl er mit der ganzen verbrecherischen Tat nichts zu tun hatte. Wie ein kleiner Junge war er in eine Falle getappt.

Johanne stand noch immer stocksteif neben seinem Bett. Sie schaute ihn seltsam an und wagte es nicht, näher zu kommen. Irgendetwas schien sie abzuhalten, sich ihm zu nähern und ihn zu trösten.

»Raphael«, sagte sie mit einem seltsamen Tonfall in der Stimme, der voller Zweifel und Furcht war. In ihren Augen stand zudem ein eigenartiger Glanz, den er noch nie an ihr bemerkt hatte. »Bitte, beantworte mir eine Frage!«

Der junge Mann nickte, doch er kam ihr zuvor.

»Du willst wissen, ob ich eure Scheune angezündet habe, net wahr?«, sagte er schwerfällig.

Johanne nickte. Sie senkte den Blick, denn sie schämte sich. Noch vor Stunden hätte sie ihrem Liebsten alles geschenkt und war voller Vertrauen und Hoffnung gewesen. Ein Bild aber ließ sich nicht aus ihrem Kopf verdrängen. Halbblind vor Hitze und Qualm, mit Blut überströmt, war er aus der Scheune getorkelt.

»Nein, Johanne«, entgegnete Raphael ernst und streckte seiner Liebsten die Rechte entgegen. »Ich habe mir nix zuschulden kommen lassen, was dir hätte schaden kennen. Wie nur kannst du so etwas von mir denken?«

Sie fröstelte, als sie in seine Augen blickte. Er schaute sie offen an, und in seinem Blick war kein Falsch. Etwas in Johanne zerbrach. Es war, als ob eine böse Hülle aufplatzen würde, die ihr Vertrauen eingepuppt hatte, um es zu endgültig vernichten. Sie kämpfte gegen die Tränen an, aber sie verlor. Schluchzend näherte sie, sich dem Bett und sank daneben auf die Knie. Weinend umklammerte sie Raphaels Hand und drückte sie gegen ihre feucht werdenden Wangen.

»Warum nur habe ich dir so unrecht getan?«, fragte sie tränenüberströmt.

Raphael drehte sich zur Seite und streichelte ihr über das Haar. Jede Bewegung schmerzte ihn, aber er ließ es sich keine Sekunde lang anmerken.

»Bitte, höre auf zu weinen, Liebes«, flehte er. »Es wird schon alles wieder gut.«

Johanne wischte sich über das nasse Gesicht und versuchte, ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Ganz gelang es ihr nicht, denn sie wusste, dass ihr Glauben für die anderen null und nichtig war.

Ihr Vater hatte die Gendarmerie noch im Krankenhaus informiert und Raphael Harlander als Brandstifter angegeben. Jeden Augenblick konnten die Beamten hereinkommen und ihren Geliebten verhaften. Gewiss brachten sie ihn noch heute ins Gefängnishospital nach Sonnbach.

Nie in ihrem Leben war Johanne derart hilflos gewesen wie in diesen Minuten. Sie wusste, dass sie Raphael nicht helfen konnte, obwohl sie ihm glaubte. Es gab keine Beweise, nicht einmal ein Indiz, dass er nicht als Täter in Frage kam. Immerhin hatte sie selbst ihn aus der Hütte torkeln sehen.

»Was soll denn nur werden, wenn die Polizei dir net glaubt?«, fragte sie gequält. »Sie werden dich einsperren, Raphael. Nein, das würd’ ich nie ertragen.«

.Der junge Mann lächelte besänftigend und zwinkerte ihr aufmunternd zu.

»Mach dir keine Sorgen, Schatzerl«, meinte er. »Wenn ich erst wieder auf den Beinen bin, werd’ ich’s schon richten. So leicht kriegt man einen Harlander net auf die Knie.«

»Aber sie werden dich einsperren«, klagte Johanne verzweifelt. »Was willst du gegen die Polizei ausrichten? Der Vater hat dich angezeigt.«

Der junge Harlander nickte ernst. Er wusste selbst, in welch kritischer Situation er sich befand. Er konnte es dem alten Giefner nicht einmal verdenken. Alles sprach gegen ihn.

Es klopfte.

Johanne zuckte regelrecht zusammen. Sie fuhr herum und starrte auf die Tür.

Das Klopfen hatte energisch und keinesfalls zaghaft geklungen, wie man es bei Krankenbesuchen eigentlich gewohnt war.

»Das ist die Polizei«, keuchte Johanne voller Angst.

»Ganz ruhig, Schatzerl«, beschwichtigte Raphael die völlig aufgelöste Frau. »Herein!«

Die Tür wurde geöffnet, und ein Uniformierter trat in das Einzelzimmer. Die jungen Leute kannten Hauptwachtmeister Gregor Brauner seit ihrer Kindheit. Er war ein gutmütiger Mann, der seinen Beruf jedoch sehr ernst nahm, wenn er Dienst hatte.

»Sind Sie Herr Raphael Harlander?«, fragte er ernst und musterte den Mann im Krankenbett mit strenger Miene.

»Aber das wissen Sie doch, Herr Brauner«, meinte Johanne verwirrt. All die Jahre hatte der Beamte, der im nächsten Jahr in Pension ging, sie nur geduzt.

Hauptwachtmeister Brauner blieb ernst.

»Ich muss Sie leider bitten, diesem Herrn die Antwort zu überlassen, mein Fräulein«, tadelte er dienstbeflissen.

Am liebsten hätte Raphael laut losgelacht. So, wie der kleine, gedrungene Mann in der grünen Uniform vor ihm stand und auf seine Antwort wartete, musste er sich bezwingen, nicht einmal zu schmunzeln. Wie Brauner sich gab, glich er einer Witzfigur. Allein sein wichtigtuender Gesichtsausdruck reizte zum Lachen, wenn die Sachlage nicht so furchtbar ernst gewesen wäre.

»Ja, mein Name ist Raphael Harlander, Herr Wachtmeister«, bestätigte er ernst. »Um was geht es?«, fragte er, obwohl er wusste, warum der Beamte ins Krankenhaus gekommen war.

»Hauptwachtmeister, bitte«, korrigierte Brauner, nachdem er sich beleidig geräuspert hatte. »Gegen Sie liegt eine Anzeige vor, Herr Harlander.« Er unterbrach sich und ließ seinen Blick über die beiden Verliebten gleiten. Man sah ihm nicht an, was er in diesem Augenblick dachte oder fühlte. Er kannte diese jungen Menschen seit vielen, vielen Jahren und hatte sie schon im Sandkasten oder auf dem Schulhof spielen sehen. Nun musste er einen solchen schrecklichen Verdacht aussprechen. Wohl konnte ihm bei diesem Gedanken nicht sein.

Raphael Harlander ein Brandstifter?

Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Er war immer ein netter, freundlicher Junge gewesen, der wie Johanne unter der Familienfehde gelitten hatte. Aber solch ein Verbrechen traute er ihm nicht zu.

»Der Raphael hat nix Unrechtes getan«, sagte Johanne hastig und erhob sich. Mit in die Hüften gestemmte Hände stellte sie sich vor den Kranken, als könne sie ihn auf diese Art und Weise schützen.

»Der Herr Hauptwachtmeister tut auch nur seine Pflicht«, bemerkte Raphael und ergriff ihre Hand. Der Schmerz in seinen Gliedern wurde langsam wieder unerträglich. Die Schmerzmittel, die man ihm verabreicht hatte, schienen nachzulassen.

»Genau«, erwiderte der Beamte und begann plötzlich zu lächeln. »Deshalb darf ich auch nicht vergessen zu erwähnen, dass die Anzeige hinfällig ist.« Er schmunzelte und freute sich scheinbar wie ein kleiner Junge über einen gelungenen Streich.

»Wieso das?«, wollte Johanne entgeistert wissen. »Mein Vater würde so etwas nie und nimmer tun.«

»Das stimmt zwar«, erwiderte Brauner, »doch gegen Beweise und Zeugenaussagen kann er nicht an. Der wahre Brandstifter, Peter Finkenthal, ist verhaftet und bereits geständig.«

Raphael und Johanne glaubten, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Ihre Ungläubigkeit aber schlug rasch in riesige Freude um. Die junge Frau lief auf den Beamten zu und umarmte ihn wie einen alten Freund.

»Bitte, bitte«, meinte Brauner lachend, »ich bin im Dienst.«

Dem jungen Harlander fiel ein Stein vom Herzen. Keinen Augenblick zweifelte er an den Worten des Polizisten, doch ein paar Fragen blieben noch offen.

Wieso hatte sein Widersacher gestanden?

»Was ist geschehen?«, wollte er wissen.

Hauptwachtmeister Brauner räusperte sich und löste sich mit sanfter Gewalt aus Johannes stürmischer Umarmung. Solch eine Spontanität hätte er der eher als schüchtern bekannten jungen Frau niemals zugetraut. Mit einer ungelenken Bewegung richtete er seine Uniformjacke.

»Vor zwei Stunden war der Hornauer Seppl bei mir und hat seine Aussage gemacht«, erzählte er. »Ihm kannst du verdanken, dass die Wahrheit ans Tageslicht gekommen ist. Sonst wär’s gewiss bös’ für dich geworden, Bub.« Er räusperte sich und murmelte eine zaghafte Entschuldigung, als er bemerkte, dass er im Eifer des Gefechtes, in ein persönliches Du verfallen war.

»Der Hornauer?«, fragte Raphael verwirrt. »Was hat er mit der ganzen Sache zu tun?«

Harlander kannte den Landstreicher schon seit Jahren. Die meiste Zeit hielt sich der Mann mit den grauen Haaren und dem uralten Wildledermantel, der ihn wie einen Menschen aus der Pionierzeit des Wilden Westens erscheinen ließ, im Tal auf. Keiner wusste genau, wo er wohnte. Mal schlief er in einer Scheune oder verkroch sich im Winter in einen warmen Stall. Alle kannten den harmlosen, etwas eigenartigen Mann, und sie ließen ihn gewähren. Längst war er in Hallgau und Umgebung zu einer Art Original geworden.

»Er muss unterhalb vom Giefnerhof unter einer Wildkrippe Zuflucht vor dem Unwetter gesucht haben«, erklärte der Polizist. »Rein zufällig hat er Peter Finkenthal an diesem Abend kurz vor Ausbruch des Feuers auf dem Giefnerhof ins Tal rennen sehen. Daraufhin haben wir Finkenthal verhört. Lange hat er net geleugnet, als er hörte, dass es einen Zeugen gibt.«

Raphael atmete erleichtert durch.

Der Hornauer Seppl mochte ein Landstreicher und eigenartiger Einzelgänger sein, doch als Spinner stempelte ihn in Hallgau keiner ab. Jeder würde glauben, was er zu Protokoll gegeben hatte.

»Dem lieben Gott sei Dank«, stöhnte Johanne und schloss kurz die Augen. »Das werd’ ich dem Seppl nie vergessen. Wo ist er jetzt? Ich möcht’ mich bei ihm bedanken.«

Brauner zuckte mit den Schultern.

»Ihr kennt ihn ja, den Hornauer«, meinte er bedauernd. »Er ist mal hier, mal da. Wer weiß schon Genaues über ihn. Gewiss streift er wieder irgendwo durch die Berge. Ein Mann wie er hält nix von großen Worten oder Dankeshymnen. Vielleicht hast einmal irgendwann in den nächsten Wochen Gelegenheit, ihm zu danken, wenn du ihn zufällig über den Weg läufst.«

Johanne nickte. Brauner hatte recht.

»Auf jeden Fall dank’ ich Ihnen schön, dass Sie mir meinen Raphael net verhaften müssen«, sagte sie erleichtert. »Oder kann mein Vater ihm noch etwas anhaben?« Ihre Frage klang plötzlich wieder voller Unsicherheit und unterschwelliger Furcht, die sie noch nicht ganz losgelassen hatte.

»Nein«, sagte der Hauptwachtmeister und hatte wieder sein Dienstgesicht aufgesetzt. »Die Anzeige verliert durch die Zeugenaussage automatisch ihre Wirkung. Es sei denn, Sebastian Giefner besteht auf einer Gerichtsverhandlung und schaltet einen Anwalt ein. Aber ich denk’, dazu wird’s net kommen, Johanne, wenn ich mich net täusche, oder?«

Er zwinkerte ihr schmunzelnd zu.

Johanne verstand und fühlte sich besser. Ihr Vater mochte verbohrt sein, wenn es darum ging, den Harlanders Ärger zu bereiten. Aber er war auch geizig. Einen Prozess, den er mit größter Wahrscheinlichkeit verlor, würde er niemals anzetteln. Dafür war ihm sein Geld zu schade.

»Noch mal herzlichen Dank.« Mit einem festen Händedruck und dem schönsten Lächeln einer jungen Frau verabschiedete sie sich von Hauptwachtmeister Brauner.

»Gute Besserung, Raphael«, wünschte der Beamte und nickte dem Verletzten freundlich zu. »Kopf hoch, Bub! Es wird schon wieder werden.«

Wenige Augenblicke später hatte er das kahle Krankenzimmer verlassen.

Johanne und ihr Liebster waren allein. Als sie sich neben Raphaels Bett setzte und ihn anschaute, durchströmte sie ein Gefühl von Glück, wie sie es lange nicht mehr empfunden hatte. Vertrieben waren die trüben Gedanken, obwohl sie wusste, dass der Streit der Väter noch lange nicht beendet war.

»Ich liebe dich«, hauchte sie und beugte sich über Raphael.

»Ich dich auch«, entgegnete er und ignorierte die Schmerzen n seinem Körper.

Ihre Lippen fanden sich, und der Kuss, der sie vereinte, wollte nicht enden. Sie beide wussten, dass ihnen nur wenige Stunden blieben. Selbst die bewiesene Unschuld würde Sebastian Giefner nicht davon abhalten, auch weiterhin dafür zu sorgen, dass er Johanne nicht treffen durfte.

 

 

13. Kapitel

 

Die Tage zogen ins Land. Der Frühsommer präsentierte sich in tristem Grau und so nass wie schon seit Jahren nicht mehr. Es gab kaum sonnige Stunden, geschweige denn Tage, die sich warm und freundlich zeigten.

»Ein Gräuel ist’s mit dem Wetter«, schimpfte Knut Harlander, als er triefend nass in die Wohnstube trat. Prustend wischte er sich über das Gesicht und zerrte sich das dunkelgrüne Ölzeug von den Schultern.

»Kannst dich net draußen im Flur ausziehen«, meinte seine Frau genervt. »Schau, was du angerichtet hast. Der ganze Fußboden ist nass geworden.«

Der Bergbauer reagierte nicht. Ohne ein Wort zu entgegnen, warf er den Umhang neben dem Kachelofen in die Ecke und setzte sich an den Tisch.

»Mach’ mir eine Brotzeit, Frau!«, forderte er. »Ich habe Hunger, und in einer halben Stund’ muss ich rauf zur Hütte und nach dem Rechten schauen.«

Helga Harlander stemmte ihre Hände in die runden Hüften. Sie war zornig, denn sie liebte es ganz und gar nicht, herumkommandiert zu werden. Trotzdem schluckte sie die spitze Bemerkung, die sie auf der Zunge hatte, hinunter.

»Wann kommt der Raphael?«, wollte Harlander wissen, während seine Frau Brot, Wurst, Käse und einen Krug Bier vor ihm auf den Tisch stellte.

Sein Sohn war seit Tagen die meiste Zeit in seinem Büro. Die eigentlichen Vermessungsarbeiten hatte man wegen des schlechten Wetters verschieben müssen. Trotzdem kam er immer seltener zum Berg hinauf und übernachtete nur selten auf dem Berghof.

»Eigentlich müsste er längst hier sein«, entgegnete Helga Harlander. Sie war stets betrübt, wenn sie an ihren einzigen Sohn dachte. Sie wusste, was ihn quälte.

Der Bergbauer machte sich über die Brotzeit her und schien mit der Antwort zufrieden zu sein.

»Ich denk’, dass der Bub bald überhaupt net mehr kommen wird«, bemerkte seine Frau tonlos.

Knut goss sich gerade ein Glas Weizenbier ein. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten.

»Was redest da«, murrte er. »Warum sollte er net mehr zu seinen Eltern herauf zum Hof kommen? Das ist doch ein Schmarr’n. Der Bub hat keinen Grund dazu. Oder meinst du, dass er sich als etwas Besseres fühlt?«

Seine Frau schaute ihn eindringlich an und schüttelte den Kopf. In ihrem Blick lag so etwas wie Mitleid.

»Du weißt genau, was ich meine, Knut«, erwiderte sie. »Du bist schuld, wenn’s eines Tages dazu kommt. Dann beschwere dich bloß net wieder wochenlang bei mir.«

»Ach, red net so dumm daher, Weib«, konterte er und widmete sich wieder seiner Brotzeit. Er wusste nur zu gut, worauf seine Frau hinauswollte. Er verspürte keine Lust, sich immer wieder mit ihr über Johanne Giefner zu unterhalten. Sie war eine Giefner, und das war Grund genug, es nicht zu dulden, dass der Raphael mit ihr poussierte.

Helga Harlander schaute nach draußen. Es regnete in Strömen. Zur Zeit zeigte sich im Westen ein kleiner, grauer Streifen, der vielleicht dafür sorgte, dass der Regen in den nächsten Minuten für eine Weile aufhören würde. Diese Zeit würde sie nutzen und rüber zum Hühnerstall laufen, um das Federvieh zu füttern.

»Wann kommen die Stuttgarter?«, fragte Knut nach einer Weile. Genüsslich kaute er auf einem Stück Rauchschinken herum. »Ist es net nächsten Samstag?«

Helga nickte. Ihr Mann wurde langsam vergesslich. In letzter Zeit fragte er alle drei oder vier Tage, wann die Touristen, die ihre Hütte oben am Wald für drei Wochen gemietet hatten, anreisen würden.

»Wenn sie bei diesem Wetter überhaupt kommen«, meinte sie. »Wundern tät’s mich net, wenn sie lieber zu Hause blieben und sich das Geld sparen.«

Harlander zuckte mit den Schultern und erhob sich. Im Stehen trank er den Bierkrug leer und bückte sich nach dem dunklen Regenumhang in der Ofenecke.

»Ich schau oben auf der Wiese nach den Kühen«, erklärte er. »Gegen sechs Uhr bin ich wieder zurück.«

 

 

14. Kapitel

 

So mürrisch wie die letzten Tage kam Sebastian Giefner aus der Scheune und stampfte in die Küche. Er murmelte einen Fluch wegen des ständigen Regens und setzte sich auf die Bank.

Plötzlich horchte er auf. Das Mürrische verschwand aus seinem Gesicht.

Frieda Giefner vernahm das seltsame Geräusch fast im gleichen Augenblick und schaute ihren Mann verwirrt an.

»Was ist das?« Ein eisiger Schauer rieselte über ihren Rücken. Plötzlich verspürte sie Unbehagen, nein, es war Angst, wie sie sie oft im Winter hatte. Da draußen, irgendwo weit in der Ferne rumorte und donnerte es, doch es war kein Unwetter, kein Gewitter, das sich über den Bergen entlud, kein Donner, dessen fürchterliches Krachen als Echo in den Tälern widerhallte. Die Erde schien zu beben, als würde sich etwas im Inneren der Berge aufbäumen und versuchen, die Felsen zu sprengen, um frei zu kommen. Unbändige Kräfte schienen am Werk zu sein.

Irgendwie war dieses seltsame Geräusch, das langsam anschwoll und ständig an Intensität zunahm, vertraut. Und doch passte es irgendwie nicht in diese Zeit, aber Giefner ahnte als Erster, was irgendwo in der Nähe passierte. Er war kreidebleich geworden und mied es, seine Frau anzuschauen.

»Bleib im Haus und rühr’ dich net«, stieß er hervor und rannte nach draußen in den strömenden Regen. Kaum hatte er die Tür geöffnet, als ihm das Blut in den Adern gefror. Sekundenlang starrte er den Berg hinauf und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Die lähmende Lethargie dauerte nur Sekunden, dann handelte er blitzschnell. Er fuhr auf dem Absatz herum und brüllte den Namen seiner Frau. »Frieda, schnell nach oben«, schrie er.

Draußen schwoll das Grollen und Rumoren immer mehr an. Es klang, als sei tief in den Felsen ein urzeitliches Tier erwacht, das nun an die Oberfläche drängte.

Die Frau kam verstört aus der Küche. Sie wunderte sich über das Entsetzen in den Augen ihres Mannes. Plötzlich bekam sie es mit der Angst zu tun.

»Was ist los?«, fragte sie furchtsam.

Sebastian Giefner wusste, dass er keine Zeit hatte, große Erklärungen abzugeben. Er packte Frieda beim Oberarm und zerrte sie die Treppe hinauf.

»Wo ist Johanne?«, keuchte er. »Ist sie in ihrem Zimmer?«

Er bekam keine Antwort mehr. In diesem Moment brach das Unheil über den Berghof herein.

 

 

15. Kapitel

 

Johanne hatte sich bereits kurz nach dem Essen in ihre Kammer zurückgezogen. So, wie sie es in den letzten Tagen meistens tat, wenn sie der Mutter nicht mehr zur Hand gehen musste. Die Einsamkeit nagte an ihrem Herzen, doch sie war hilflos gegen dieses Gefühl. Nur in Raphaels Armen hätte sie wieder die Ruhe und das Glück vergangener Tage empfunden.

Er fehlte ihr sehr. Es war für sie fast eine Ewigkeit her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen und geküsst hatte. Fast schien es so, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Seufzend trat sie ans Fenster und öffnete es. Draußen regnete es noch immer, doch ihr Entschluss stand trotz allem fest. Sie musste nach draußen, heraus aus dieser qualvollen Enge des Berghofes mit dem herrischen Vater, der sie ständig bevormundete und eifersüchtig bewachte.

Sie nahm ihren Regenmantel und zog ihn an. So leise wie irgend möglich verließ sie die Kammer und schlich nach unten. Sie verließ das Haus durch den Hintereingang. Der Vater war vor einiger Zeit durch den Regen in die benachbarte Scheune gegangen, und die Mutter hantierte in der Küche. So bemerkte sie niemand. Doch erst, als sie den schlammigen Weg unterhalb der Wiese erreicht hatte, atmete sie erleichtert auf.

Als sie so durch den Regen ging, der bald ihre Schuhe völlig durchnässt hatte und sie durch seine Kälte frösteln ließ, hatte sie plötzlich ein eigenartiges Gefühl. Unwillkürlich schaute sie ins Tal hinab. Weit vermochte sie nicht zu sehen, denn die Regenschleier hatten die Ferne und die Berge verhängt und sich selbst in den nahen Wipfeln der Tannen eingenistet.

Sie wusste selbst nicht, wieso sie in diesem Augenblick an Raphael dachte, und sie spürte instinktiv, dass er in der Nähe war.

Hier draußen hielt sich bei diesem Wetter eigentlich nicht einmal ein wilder Hund auf. Und doch war sie sich völlig sicher, dass sie ihren Liebsten noch heute treffen würde, obwohl sie wusste, dass er in der Stadt war und sich seit Tagen nicht bei den Eltern hatte sehen lassen. Der Postbote hatte es ihr erst gestern erzählt.

Johanne wandte sich nach rechts und stieg die bewaldete Anhöhe, die die beiden verfeindeten Höfe trennte, hinauf. Von dort konnte sie die gesamte Senke und den Weg zum Harlanderhof bestens überblicken. Außerdem boten die weit ausladenden Äste der Bäume etwas Schutz vor dem Regen. Als sie den Waldrand erreichte, musste sie enttäuscht feststellen, dass weit und breit keine Menschenseele zu entdecken war. Das einzige, was sie sah, waren die drei erleuchteten Fenster des nahen Harlanderhofs. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie das väterliche Anwesen nicht sehen.

Fröstelnd kreuzte sie die Arme und trat von einem Fuß auf den anderen. Es war bitterkalt, und schon bald schalt sie sich einen Narren, bei diesem Wetter einfach hinausgelaufen zu sein. Ohne jeglichen Grund war es ganz einfach töricht, sich den Unbilden der Natur auszusetzen.

Das einzige, was als Resultat ihres Ausfluges herauskam, war ein Tadel vom Vater, wenn er ihre Abwesenheit inzwischen entdeckt hatte. Dann saß er mittlerweile bestimmt mit in die Hüften gestemmten Armen und überlegte sich, wie er ihr erneut ins Gewissen reden konnte.

Seufzend schaute Johanne nach Westen. Die Wolkendecke war aufgebrochen, und zwischen den grauschwarzen Wolken zeigte sich erstes Blau. Dahinter aber braute sich bereits das nächste Unwetter zusammen.

Ein letzter Blick zum Weg ins Tal hinab zeigt, dass ihr Gefühl nur der unerfüllte Wunsch nach Raphael bleiben würde. Er kam nicht, und es war auch dumm zu glauben, dass er sich freiwillig diesen Regengüssen aussetzte, nur um hier heraufzukommen. Er wusste ja nur zu gut, wie eifersüchtig der Vater über sie wachte.

Sie wischte sich über das nasse Gesicht und trat unter der mächtigen Tanne, unter der sie Schutz gesucht hatte, hervor, um wieder nach Hause zu gehen.

»Wartest du auf mich?«, fragte eine sonore Stimme.

Johanne erschrak und wirbelte herum. Sie glaubte, ihren Augen nicht trauen zu dürfen.

Keine drei Meter von ihr entfernt stand Raphael.

Einen Augenblick lang war sie wie vom Donner gerührt, als könnten ihre Augen nicht glauben, was sie sahen, dann stieß sie einen freudigen Schrei aus und lief ihrem Liebsten entgegen. Sie warf sich in seine Arme, und ihre Lippen suchten seinen warmen Mund. Voller Glück klammerte sie sich an ihn und schaffte es nicht, ihre Tränen zurückzuhalten.

»Ich habe dich ja so sehr vermisst«, keuchte sie zwischen zwei leidenschaftlichen Küssen. »Sag, dass ich net träume. Bitte, sag es mir!«

»Ich bin’s doch wirklich, Schatzerl«, erwiderte er hastig. »Ich habe dich auch so sehr vermisst. Ich bin bald wahnsinnig geworden, da unten im Tal.«

Wieder küssten sie sich, und als würde selbst der Regen sich darüber freuen, die Verliebten wieder vereint zu sehen, zogen die düsteren Wolken davon und erlaubten der Sonne für kurze Zeit, ihre Strahlen auf das nasse Land zu werfen.

Ein düsteres Grollen, das irgendwie nicht in die friedliche Stille der Berge passte, ließ Johanne und Raphael aufhorchen. Verwundert blickten sie sich an.

Der Zauber innigsten Glücks war plötzlich wie fortgewischt und schuf Platz für ein Gefühl der Beklemmung, die nicht mehr von ihnen wich.

»Was ist das?«, fragte Johanne ängstlich.

Raphael zuckte mit den Schultern und horchte. Er hob den Kopf und schaute in den Wald hinein.

»Komm!«, verlangte er und nahm die junge Frau bei der Hand. »Es kommt droben vom Hang. Irgendetwas tut sich da. Lass uns nachschauen!«

Während sie gemeinsam durch den dichten Tannenwald liefen, beschlich Raphael eine böse Ahnung. Er kannte dieses Geräusch, obwohl es mehr in den Winter passte.

Nach wenigen Minuten verließen sie den halbdunklen Wald und hatten klare Sicht den Berg hinauf.

Johanne schrie entsetzt auf und presste beide Hände vor das Gesicht, während Raphael die Luft aus den Lungen stieß, als hätte er den Atem minutenlang angehalten. Der ganze Berg jenseits des Wildbachs schien in Bewegung geraten zu sein. Oberhalb der Baumgrenze hatte sich ein gewaltiges Stück Erdreich gelöst. Schlamm und Geröll, vom wochenlangen Regen durchtränkt, waren in Bewegung geraten und wie eine Lawine in die Schlucht gerast. Nichts hatte sich ihr in den Weg stellen können. Der halbe Wald war mitgerissen worden. Die Wurzeln konnten der gewaltigen Macht nicht widerstehen.

Die Schlammflut mitsamt Geröll und zerborstenen Bäumen war mit unverminderter Wucht talwärts geschwappt. Ein Ausläufer war bis zum Giefnerhof gedrungen. Schlamm und Dreck schoben sich fast meterhoch an dem Gebäude vorbei.

»Lauf und hol Vater!«, sagte Raphael und packte Johanne bei den Schultern. »Schnell! Er muss mir helfen!«

»Aber meine Eltern«, schrie Johanne hysterisch. »Sie müssen noch im Haus sein.«

Der junge Mann wusste, dass er viel von Johanne verlangte. Er wusste nicht einmal, wie sein Vater reagieren würde, doch er hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Es ging um jede Sekunde.

Die Schlammlawine hatte oberhalb des Gehöfts in einer sanften Senke ihre volle Wucht verloren und den Giefnerhof dadurch vor dem sicheren Untergang bewahrt. Aber die richtige Gefahr baute sich erst langsam auf - und sie würde den Hof mitsamt seinen Stallungen unwiderruflich in die Tiefe reißen. Geröll, Erde und Wurzelwerk hatten einen natürlichen Damm geschaffen. Das Wasser des Wildbachs konnte nicht mehr ablaufen. Bald war der Druck der aufgestauten Fluten so stark, dass es zwangsläufig zur Katastrophe kommen musste.

»Bitte, Johanne, ruf meinen Vater«, flehte er und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Schnell, es geht um Minuten.«

Die junge Frau war unschlüssig. Sie wusste nicht, was in diesem Moment richtig war. Da unten inmitten von alles erstickendem Schlamm kämpften ihre Eltern vielleicht um ihr Leben - und sie sollte zu ihrem größten Feind laufen und Hilfe holen?

Das alles war zu viel für sie in dieser kurzen Zeitspanne. Sie schaffte es nicht, es zu verarbeiten. Ein Blick in Raphaels Augen aber sagte ihr, dass sie ihm gehorchen musste. Er wusste, was in dieser schlimmen Lage zu tun war.

Hastig wirbelte sie herum, während Raphael den Hang hinunterrannte.

Der Wettlauf gegen den Tod hatte begonnen.

 

 

16. Kapitel

 

Je näher Harlander der Schlammlawine kam, desto unruhiger wurde er. Sein Herz pochte, und er ahnte, dass er mit seinem eigenen Leben spielte, wenn er sich in diese tödliche Masse aus nasser Erde und brüchigem Gestein wagte. Jeden Augenblick konnte der Damm oben bei der Schlucht brechen und mit ungeheurer Wucht ins Tal donnern. Dann gab es keine Rettung mehr für ihn und für die Eltern von Johanne.

Er zögerte nicht, sondern nahm das Wagnis auf sich. Ein Zurück gab es nicht mehr. Zwei Menschen waren in Gefahr. Auf sie lauerte der Tod in seiner heimtückischsten Art. Er durfte nicht dastehen und tatenlos zuschauen.

Der Schlamm war zu einer zähen Masse geworden. Es schmatzte, als er hineinsprang und sich einen Weg durch die erstarrte Mure bahnte. Fast bis über die Knie reichte die klebrige Masse, und er hatte das Gefühl, irgendwelche unsichtbaren Hände versuchten ihn zurückzuhalten.

Der Weg bis zum Haus war nicht weit, doch er glaubte, Ewigkeiten wären vergangen, bis er die Außenmauer erreicht hatte und sich durch ein zerborstenes Fenster ins Innere zog.

»Giefner, hörst du mich?«, rief er laut und schaute zum Hang hinüber. Es war niemand zu sehen. Er war ganz auf sich alleingestellt. Er lauschte, während er versuchte, einen Teil des Schlammes von seiner Hose zu wischen. Zum Glück hatte die zähe Masse die Zimmer in der Parterre noch nicht überflutet. Die Mauern waren stark, aber wenn der Damm brach, würde es den Hof nicht mehr geben. Nicht ihn, nicht die Giefners.

»Hier sind wir«, vernahm er eine weinerliche Stimme. »Hier oben.«

Raphael wusste sofort, dass es Johannes Mutter war, die ihm geantwortet hatte. Sie musste im ersten Stock sein.

So schnell er konnte, hetzte er die Treppe hinauf. Frieda Giefner saß auf dem Boden des kleinen Flurs. Den Kopf ihres Mannes hatte sie in den Schoß gelegt. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

»Er … er ist einfach zusammengebrochen«, sagte sie schluchzend. »Ich weiß net, was ich tun soll. Bitte, hilf mir und such die Johanne! Sie ist weg.«

»Keine Sorge«, meinte Raphael besänftigend. »Die Johanne ist außer Gefahr. Sie holt gerade Hilfe. Ich hab’ sie zufällig drüben beim Hang getroffen. Sie holt den Vater.«

Er übersah den fassungslosen Ausdruck im Gesicht der Bergbäuerin und kümmerte sich um Sebastian Giefner. Rasch öffnete er das derbe Hemd des Mannes und legte sein Ohr auf dessen Brust. Erleichtert stellte er fest, dass das Herz noch schlug. Der Puls fühlte sich ebenfalls noch kräftig genug an. In der Aufregung hatte er zum Glück keinen Herzinfarkt bekommen. Wenn sich Raphael nicht täuschte, handelt es sich um einen Schwächeanfall.

In dieser dramatischen Situation aber konnte solch eine Schwäche tödliche Folgen haben.

»Rette dich, Bäuerin!«, stieß er aufgeregt hervor. »Rasch, mach, dass du aus dem Haus kommst! Hier bist du net sicher.«

Frieda Giefner starrte ihn ungläubig an, als könne sie nicht glauben, was er gesagt hatte.

»Ich soll aus meinem Haus gehen?«, fragte sie gedehnt, »Ist das dein Ernst, Harlander? Nie und nimmer. Und schon gar net ohne meinen Mann. Das kannst du net von mir verlangen.«

Raphael hatte mit dieser Ablehnung gerechnet.

»Willst du schon sterben?«, fragte er knapp. »Dann kann ich dir auch net helfen. Da oben, keine zwei Steinwürfe von uns entfernt, kommt gleich eine riesige Schlammlawine herunter. Weißt du das überhaupt?«

Die Bäuerin wurde kreidebleich. Ihr Blick hastete von Raphaels zwingenden Blick zum Fenster und wieder zurück auf das bleiche Gesicht ihres bewusstlosen Mannes.

»Bitte, Bäuerin, geh!«, forderte Raphael eindringlich. »Ich kümmere mich um deinen Mann. Aber du musst jetzt erst einmal an dich denken. Und außerdem braucht dich die Johanne.«

Frieda Giefner erhob sich schwerfällig. Ein seltsamer Ausdruck stand in ihren Augen, und für eine Weile war sie gedanklich weit, weit weg.

Er konnte in diesem Augenblick nachempfinden, was diese Frau empfand. In wenigen Minuten würde alles, für das sie gearbeitet hatte, im Schlamm versinken. Wenn kein Wunder geschah, dann verlor sie vielleicht sogar ihren Mann.

»Ich gehe«, erklärte sie tonlos. »Aber was wird aus meinem Sebastian?« Mit Tränen in den Augen betrachtete sie ihn. Sie wusste, dass sie nicht in der Lage war, ihm zu helfen.

»Ich kümmere mich um ihn«, versprach Raphael, obwohl ihm klar war, dass seine Kräfte nicht ausreichen würden, den schweren Mann durch den zähen Schlamm in Sicherheit zu bringen. Er hatte es kaum alleine geschafft, ihn zu überwinden.

Einen Augenblick lang blickte ihn die Frau dankbar, aber auch ein wenig skeptisch an.

»Rasch, raus hier!«, verlangte Raphael und lud sich den bewusstlosen Mann auf die Schulter.

Giefner war schwer, doch er traute es sich zu, ihn eine Weile zu tragen. Die Bäuerin gehorchte ihm und öffnete die Tür. Als sie den kniehohen Schlamm sah, verließ sie der Mut.

»Das kann ich net«, sagte sie konsterniert. »Nein, da komme ich niemals durch.«

»Versuch’s wenigstens!«, keuchte der junge Mann und stellte sich knapp hinter sie, so dass Frieda Giefner nicht zurückweichen konnte.

Sein Blick folgte dem Hang zum Berg hinauf, und es gefror ihm fast das Herz, als er sah, wie der Schlammwall immer höher zu werden schien. Überall ragten zerborstene Stämme wie bizarre Speerspitzen in den Himmel.

Wehe, wenn der Damm in den nächsten Minuten zerbrach und seine ganze Kraft frei wurde. Dann waren sie rettungslos verloren. Mitsamt dem Berghof würden sie in die Tiefe gerissen und vielleicht niemals gefunden.

Widerwillig stapfte die Bäuerin in die graue Masse. Schmatzend schloss er sich um Füße und Beine und gab sie nur widerwillig wieder frei. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts. Bereits nach wenigen Metern merkte Raphael, dass das Gewicht des Mannes für ihn zu groß war. Da Sebastian Giefner wie leblos über seiner Schulter hing, war er doppelt schwer.

Die Frau blickte sich um. Sie hörte sein Schnaufen und Keuchen und ahnte, dass er mit seinen Kräften am Ende war. Als ob gierige Hände im Sumpf nach ihnen griffen und sie in die Tiefe zu zerren versuchten, wurden ihre Schritte immer langsamer.

Sehnsüchtig starrte Raphael nach vorne. Der Schweiß perlte von seiner Stirn und in die Augen. Es brannte fürchterlich, doch er hatte nicht einmal die Möglichkeit, sich von dieser Pein zu befreien.

Wo nur blieben Johanne und der Vater?

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Dabei hätten sie längst oben am Hang auftauchen müssen.

Für einen kurzen Augenblick keimte ein böser Verdachten ihm auf, den er jedoch sofort wieder verwarf. Nein, er konnte es sich nicht vorstellen, dass Knut Harlander in größter Not seine Hilfe versagte. Dazu war er nicht fähig, obwohl er der sturste Mensch war, den Raphael kannte.

Oder etwa doch? War der Hass so groß, dass er selbst seinen einzigen Sohn dafür opfern würde.

Er erhielt keine Antwort. Stattdessen gab es plötzlich einen berstenden Knall, ein zweiter folgte. Danach füllte sich die Luft mit einem dumpfen Grollen und Rauschen.

Raphael standen die Haare zu Berge, als er unwillkürlich nach rechts schaute.

»Schneller!«, schrie er Frieda Giefner zu. »Schneller!«

Die Frau hatte die Gefahr ebenfalls erkannt. In ihrer Angst kreischte sie wie von Sinnen, verlor das Gleichwicht und fiel nach vorne. Über und über mit klebrigem Schlamm verdreckt kam sie wieder auf die Beine, während zwei Steinwürfe weiter oberhalb am Hang das Inferno losbrach.

Mit einem peitschenden Krachen zerbarst der bizarre Damm aus niedergerissenen Tannen, Wurzelwerk und Felsgestein an der Bergflankenseite. Fauchend drückte sich das gischende Wasser des Wildbaches durch den Spalt, der rasch größer wurde. Die Schlammmassen ergossen sich, ohne dass irgendetwas sie hätte aufhalten können, in die vom Wasser des Baches tief in den Fels gefressene Schlucht und donnerte zu Tal.

Nur die Tatsache, dass der westliche Teil des Dammes dem gewaltigen Druck des Wassers noch standhielt, verhinderte die Katastrophe und totale Vernichtung des Berghofs.

Aber die Gefahr war noch nicht gebannt. Ein Teil des Wassers wurde abgelenkt und kam den Hang herunter. Nur wenige Sekunden vergingen, und sie bekamen das eiskalte Wasser zu spüren. Sprudelnd weichte es den Schlamm auf und spülte Wurzelwerk und Tannenäste mit sich.

Raphael merkte, wie ihm durch die unmenschliche Kraftanstrengung sehr schwindelig wurde. Seine Knie wurden weich, und nur noch wie durch einen Schleier sah er, dass es die Bäuerin endlich geschafft hatte, sich aus dem Schlamm zu befreien.

Er jedoch musste einen Augenblick stehenbleiben. Es brannte wie Feuer in seinem Hals. In diesem Moment wäre er nicht in der Lage gewesen, auch nur einen Schritt weiterzugehen.

Das Krachen und Rauschen über und hinter ihm ließ nicht nach. Immer noch wälzten sich gewaltige Schlamm- und Geröllmassen Richtung Tal.

Da sah er zwei Gestalten den Hang unterhalb des Waldes heranlaufen. Er erkannte sofort, wer es war.

Johanne und sein Vater.

Das war der Augenblick, in dem er zu wanken begann und nicht mehr wusste, wie lange er durchhalten würde. Langsam entglitt der ohnmächtige Giefner seinen Armen.

»Halt durch, Bub!«, vernahm er die Stimme seines Vaters. »Ich komm, Bub.«

Wenig später sah er, wie Knut Harlander mit einem großen Satz in den Schlamm sprang. Mit aller Macht bahnte er sich, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, einen Weg durch den Morast zu seinem Sohn. Nur einmal blickte er zu den Schlammmassen hinauf, die jeden Moment auf sie niederstürzen konnten. Er zögerte nicht, sondern verstärkte seine Anstrengungen.

Endlich hatte er Raphael erreicht und packte fest zu. Mit einer Leichtigkeit, die man dem kleinen, korpulenten Mann nicht zugetraut hatte, nahm er ihm die menschliche Last ab.

»Ganz ruhig, Bub«, machte er Raphael Mut, obwohl er sah, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. »Nur noch ein paar Meter. Komm, halt dich an mir fest! Gemeinsam schaffen wir es schon!«

Der junge Mann nickte hastig. Er biss auf die Zähne und mobilisierte seine letzten Reserven. Keine zehn Meter von ihm entfernt wartete seine große Liebe, während zu seiner Rechten der Tod auf eine Chance lauerte.

»Wach auf, Giefner!«, knurrte Knut Harlander. »Ein bisserl könntest du schon mithelfen, anstatt dich tragen zu lassen.«

Raphael wusste, dass es nicht böse gemeint war. Sein Vater machte sich nur selbst Mut, denn das drohende Verderben zerrte an den Nerven, während sie sich durch die Schlammmassen wälzten.

Dann endlich war es geschafft.

Mit vereinten Kräften liefen sie den Hang hinauf, bis sie sich in absoluter Sicherheit befanden.

Während sie Sebastian Giefner auf Raphaels Jacke betteten, damit er nicht im nassen Gras liegen musste, tauchte Helga Harlander mit Decken und einer Thermoskanne heißen Tee und einer Flasche Enzian auf. Entsetzt sah sie, wie es stand. Doch aller Schrecken wich, als sie feststellte, dass alle zwar voller Dreck, aber sonst unversehrt waren. Nur Raphael machte einen völlig erschöpften Eindruck. Auch Sebastian Giefner war noch nicht aus seiner Ohnmacht erwacht.

»Oh, mein Gott«, murmelte sie, als sie den Schlammdamm erblickte. Sie schauderte. Ihr Magen verkrampfte sich, wenn sie daran dachte, dass sich Raphael dieser Gefahr ausgesetzt hatte, um die Giefners aus ihrem Gefängnis zu befreien.

Wieder erscholl ein bestialisches Krachen, das jedem durch die Glieder fuhr. Johanne schrie entsetzt auf, während Frieda Giefner kreidebleich wurde. Die Harlanders saßen stumm im Gras und schauten fassungslos zu, wie der linke Teil der von Stämmen, Geäst und Wurzelwerk gestoppten Geröllflut wieder ins Rollen kam.

Der Hof der Giefners war dem Tode geweiht. Keine Mauer konnte dieser Wucht widerstehen. Die Schlammmassen würden das Haus dem Erdboden gleichmachen und unter sich begraben, so dass kein Stein auf dem anderen blieb.

Johanne klammerte sich an Raphaels Arm fest und weinte. Zitternd wartete sie auf das Unabwendbare. Er strich ihr über das nasse Haar und suchte nach beruhigenden Worten. Er wusste, dass alles, was er sagen wollte, eigentlich sinnlos war. Johanne musste miterleben, wie ihr Geburts- und Elternhaus ein Raub der Berge wurde.

Aber das Wunder geschah.

Der Mittelteil des Dammes brach seitlich weg und wurde in die Tiefe gerissen. Das nachströmende Wasser hatte sich plötzlich einen anderen Weg gewählt.

»Es fließt ab, es fließt ab!«, keuchte Raphael, der die veränderte Situation als Erster erkannt hatte. »Der Schlamm wird in die Schlucht gedrückt.«

Heftig drückt er Johanne an sich und vergaß für einen Moment die Schwäche, die sich in jede Faser seiner Muskeln eingenistet hatte.

Die junge Frau konnte es zuerst nicht fassen. Eben noch war scheinbar alles verloren gewesen, nun hatte Gott offenbar ein Einsehen. Auch Knut und Helga Harlander schienen die Meinung ihres Sohnes zu teilen. Sie lächelten erleichtert und lagen sich ebenfalls in den Armen.

So sehr sich Frieda jedoch freuen wollte und glücklich war, dass ihr Heim erhalten geblieben war, so betrübt war sie über den Zustand ihres Mannes. Sebastian Giefner lag kreidebleich im Gras und rührte sich nicht. Sein Atem war regelmäßig, doch er erwachte nicht aus seiner Ohnmacht.

Knut Harlander bemerkte die Sorge der verzweifelten Frau. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten, als er sich über den kahlen Kopf mit dem grauen Haarkranz strich. Das tat er immer, wenn er überlegte.

»Gib mir mal die Enzianflasche, Frau!«, verlangte er und kniete sich neben dem Bewusstlosen nieder. Vorsichtig nahm er dessen Handgelenk und fühlte seinen Puls.

»Du willst ihm doch wohl net deinen Selbstgebrannten zu trinken geben?«, fragte Frieda Giefner entsetzt. Brummend schaute der Bergbauer auf.

»Bildet euch nix ein auf euren Enzian, Giefnerin«, meinte er ernst. »Mein Schnaps ist besser als eurer. Außerdem weckt er Tote auf.«

Ohne weiter darauf zu achten, was die anderen denken mochten, öffnete er die Flasche und flößte Sebastian Giefner ein paar Tropfen zwischen die halboffenen Lippen. Beim dritten Versuch hatte er Erfolg. Sebastian Giefner begann zu husten und schlug die Augen auf. Sein abwesender Blick zeigte, dass er noch nicht voll bei Bewusstsein war.

»Ich bin’s, Sebastian«, sagte die Bäuerin, die neben ihm kniete und strich ihm über die Stirn. »Wie geht’s dir?«

Die wohlvertraute Stimme schien den Bergbauern endgültig in die Realität zurückzuholen.

Entgeistert starrte er Knut Harlander an, der ihn halb im Arm hielt. Die Flasche hielt er dicht vor sein Gesicht und wartete geduldig.

»Du?«, fragte Giefner ungläubig. In seiner Stimme klang so etwas wie Abscheu mit. Sein Blick wanderte zu seiner Frau, die jedoch schwieg.

»Ja, ich«, erwiderte sein Gegenüber kühl. »Am besten ist’s, du hältst erst einmal dein Maul, damit du wieder auf die Beine kommst. Los, trink noch ein Schluckerl!«

Giefner wehrte sich mit einer abfälligen Geste.

»Deinen Fusel kann man doch net trinken«, knurrte er angriffslustig.

»Besaufen sollst du dich ja auch net«, bemerkte Harlander. »Aber ist ja auch Wurscht. Hauptsache, es hat dich wieder geweckt.«

»Tote hätte es geweckt, Harlander. So schlecht ist dein Enzian. Potzteufel! Das darf …«

»Wie ihr seht, hat sich nix geändert.« Es war Raphael, der dies leise vor sich hingemurmelt hatte. Er war enttäuscht. Nichts schien die beiden Streithähne versöhnen zu können. Selbst im Angesicht des Todes schienen sie sich spinnefeind. Besonders der alte Giefner zeigte sich streitlustig wie eh und je.

Die ganze Zeit über hatten sich die beiden Verliebten und Helga Harlander zurückgehalten und atemlos abgewartet, wie sich die Lage entwickeln würde.

Giefner blickte zur Seite, und sein Blick verfinsterte sich zusehends, als er die anderen Harlanders entdeckte. Er wollte etwas entgegnen und sich erheben, als Johanne weinend zu schimpfen begann.

»Gibst du denn nie Ruhe, Vater?«, schrie sie außer sich. »Der Raphael und sein Vater haben dir das Leben gerettet, und du murrst nur herum. Ist das dein Dank dafür, dass sich keiner gescheut hat, euch vom Hof zu holen, der jeden Moment hätte fortgerissen werden können? Schäm’ dich! Das wird dir der Herrgott net verzeihen, Vater!«

Weinend warf sie sich in die Arme der betrübt dreinschauenden Mutter. Frieda Giefner dachte ähnlich. Häufig suchte sie Helga Harlanders Blick. Sie zuckte nur hilflos mit den Schultern, da sie auch kein Mittel gegen die Sturheit ihres Mannes wusste.

Die leidenschaftlich gesprochenen Worte seiner Tochter ließen Giefner zusammenzucken. Erst jetzt schien ihm wieder einzufallen, warum er überhaupt im feuchten Gras auf dem Boden lag. Er stemmte sich hoch, obwohl ihm sofort wieder schwindelig wurde.

»Dein Haus ist noch da«, bemerkte Knut Harlander und half ihm auf die Beine. »Du hast Glück gehabt, Giefner. Die Schlammlawine ist durch die Schlucht abgeflossen und hat kaum Schaden angerichtet. Nur wirst du morgen ein bisserl Dreck schaufeln müssen. Die erste Welle hat aus deinem Hof einen Schlammsee gemacht.«

Der Bergbauer betrachtete das Plateau vor der Schlucht des Wildbaches und atmete tief ein. Der Schaden hielt sich in Grenzen. Das Haus schien unbeschädigt.

Er schaute sich um. Sein Blick traf den jungen Harlander, der ihm nicht auswich.

»Und du hast die Frieda und mich aus diesem Dreck rausgeholt?«, fragte er verwirrt.

Raphael nickte, doch er sprach kein Wort.

»Ich dank’ dir schön. Das hätt’ ich net gedacht, dass mich einmal ein Harlander retten würde. Vergelt’s dir Gott, Bub! Das werd’ ich dir net vergessen.«

Er wollte auf Raphael zugehen und ihm die Hand reichen, doch ihm wurde wieder schwindelig. Als er zu wanken begann, stützte ihn sein ärgster Feind, als sei es selbstverständlich.

»Komm, trink noch einen Schluck!«, verlangte Knut Harlander. »Es ist zwar ein Teufelszeug gegen deinen Schnaps, doch es weckt die Lebensgeister.«

Giefner krauste die Stirn, musterte den Inhalt der bauchigen Flasche wie eine Giftmixtur und grinste breit.

»Wenn du meinst«, sagte er und setzte die Flasche an die Lippen. Er nahm einen kleinen Schluck und reichte sie prustend zurück.

»Ich glaub’, ich muss dir demnächst einmal zeigen, wie’s richtig geht«, bemerkte er.

Knut Harlander nickte, und ein Blick zu Frau und Sohn zeigte ihm, dass die beiden diesen Vorschlag ebenso gedeutet hatten wie er. Auch über Johannes Gesicht huschte ein glückliches Lächeln, während Frieda Giefner immer noch ein bisschen skeptisch schien.

»Wie wäre es mit einer kräftigen Brotzeit, Giefner?«, fragte Harlander unumwunden. »Ein ordentliches Brot und ein Schinken bringen dich rasch wieder auf die Beine.«

»Warum net«, erwiderte der Bergbauer. »Dann lass uns zu euch ins Haus gehen.«

»Stütz dich auf, Giefner!«, schlug ihm Harlander ein. »Es ist noch ein Stückerl Weg bis herauf zum Hof. Aber gemeinsam werden wir’s schon schaffen, oder meinst du net?«

»Wo du recht hast, da hast du recht«, stimmte der Bergbauer zu. »Komm, Frieda! Hilf mir ein bisserl! Wenn ich ehrlich bin, wackeln mir ganz schön die Knie.«

Für Johanne waren diese Worte wie etwas aus einer fernen Welt. Sie konnte es einfach nicht fassen, was sie hörte und sah. Die beiden ärgsten Feinde im ganzen Tal standen Arm in Arm nebeneinander, als seien sie die besten Freunde.

Ihre Mutter schaute kurz zu ihr herüber, als sie etwas zurückblieb, während sie ihrem Mann unter die Arme griff. Sie zwinkerte ihr zu.

»Bringt ihr bitte die Decken mit!«, sagte sie.

Johanne nickte, und während die Eheleute langsam den Hang hinaufgingen, blieben sie und Raphael noch eine Weile zurück. Ohne Hast packte sie die Sachen zusammen. Ihr Liebster half ihr.

Als keiner mehr in Sicht war, hielt sie mit der Arbeit inne. Sekunden später lagen sie sich voller Glück in den Armen. Ihre Küsse ließen allen Kummer und allen Schmerz vergessen.

Sie beide brauchten keine Worte, um sich zu sagen, was zu sagen war. Ihre Blicke waren klar und rein genug, um ihre Liebe und ihre Sehnsucht, auszudrücken.

Heute hatte es das Schicksal sehr gut mit ihnen gemeint, und sie wussten, dass sie ein glückliches Leben Seite an Seite verbringen würden. Ein Leben, wie sie es sich immer gewünscht und ersehnt hatten.

 

 

ENDE

Der Peter vom Brandnerhof

 

 

1. Kapitel

 

Eisig fegte der Sturm heran und trieb schwere Schneewolken vor sich her.

Jaulend stießen die Böen in die Alpentäler hinab. Mit ganzer Kraft brach der Winter an diesem tristen, dunklen Abend über das Land herein.

Noch schlimmer aber traf es den kleinen Tross, der sich langsam durch das Brockertal quälte. Mensch und Tier zitterten vor Kälte und fühlten sich schwach vor Hunger. Trostlosigkeit und lähmendes Entsetzen machte sich allmählich unter den Menschen des Trecks breit.

Kein Laut der Freude drang aus den buntbemalten Wagen des kleinen Wanderzirkus. Die Natur hatte kein Mitleid mit ihnen. Der Tod lauerte überall in dieser tristen Bergwelt, die langsam aber sicher im lautlos herabschwebenden Schnee erstickte. Bald würde es kein Vorwärtskommen mehr geben.

Wirbelnde Schneeflocken nahmen dem Kutscher des ersten Wagens die Sicht. Fröstelnd zog er den Kopf noch weiter ein und schlug den Kragen seines Mantels hoch.

Die Kälte drang schneidend scharf durch die Kleider in seine Haut.

Schon seit Stunden nahm er das erschöpfte Schnauben der Pferde, vor seinem bunten Wagen nicht mehr wahr.

Sie fuhren durch eine kleine Ortschaft, ohne anzuhalten. Er wusste nur zu gut, dass man ihnen keinen Unterschlupf bieten würde. Zu oft schon waren sie in den letzten Tagen und Wochen mit Schimpf und Schande aus anderen Dörfern weggejagt worden. Fahrende Zirkusleute, wie sie, waren in dieser Gegend nicht gerne gesehen. Man verwechselte sie mit nutzlosen Herumtreibern.

Er war froh, als er die Ortschaft mit seinem Tross hinter sich gelassen hatte. Noch etwa dreißig Kilometer, dann waren sie endlich in ihrem Winterquartier.

Antonio Barelli seufzte, während er leicht mit der Peitsche auf die Hinterbacke des müden Gauls schlug. Keiner wusste, was in jüngster Zukunft mit ihnen passieren würde. Viel Geld besaß er nicht, um all die Mäuler und Münder zu stopfen.

Das Schicksal meinte es in letzter Zeit nicht gut mit ihm. Sein Zirkus verkam immer mehr, denn die Besucher waren im Herbst fast ausgeblieben. Bald würde er ihn aufgeben müssen.

Er war viel zu sehr mit sich und seinen Gedanken beschäftigt, um im Toben des Sturmes und den wirbelnden Schneeflocken die schlanke, schwarzgekleidete Gestalt zu bemerken, die leicht nach vorne gebeugt von einem der bunten Wagen sprang und lautlos in der Dunkelheit verschwand.

Die Nacht, dichtes Gestrüpp und Unterholz am Wegrand schluckten die junge Frau. Hastig blickte sie sich ein letztes Mal um und hastete die enge Straße zurück bis zu einer Stallung, die zum letzten Hof des Ortes gehörte.

Behutsam, als sei es zerbrechlich, hielt sie ein Bündel im Arm und schützte es mit ihrem Körper gegen den schneidenden Wind.

Sie zögerte nicht lange und huschte in den Stall.

Der Hofhund schlug an und begann wütend zu bellen. Er hatte Witterung aufgenommen und gebärdete sich wie wild. Rücksichtslos riss er an seiner Kette.

Die junge Frau erschrak bis ins Tiefste ihres Herzens. In ihren Augen lag plötzlich etwas Gehetztes. Sie durfte keine Zeit verlieren.

Zitternd blickte sie sich um. Es brannte genügend Licht im Stall, um alles ausreichend erkennen zu können.

Zu ihrer Linken waren die Stallungen mit dem Vieh. Ein paar Kuhaugen glotzten sie desinteressiert an. Auf der anderen Seite des hölzernen Gebäudes hatte man Stroh- und Heuballen aufgestapelt. Eine nackte Glühbirne baumelte an einem Kabel von der Decke herab. Sie verströmte nur diffuses Licht.

Der Hofhund hörte nicht auf zu bellen. Erste Stimmen wurden laut. Eine Tür schlug zu, und ein Mann brüllte wütend gegen den Sturm an und fluchte ungehemmt. Vergeblich versuchte er, den Hund zu beruhigen.

Die Fremde wusste, dass ihr kaum noch Zeit blieb, unerkannt zu fliehen.

Behutsam legte sie das Bündel in das weiche, warme Stroh. Erst dann schlug sie die dicke Decke zurück. Ein Neugeborenes, nicht älter als ein paar Tage, kam zum Vorschein. Es schlief und ahnte nicht, was mit ihm geschah.

Einen Augenblick lang blieb der Blick der jungen Frau auf dem unschuldigen Gesicht des Kindes haften. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie sanft über die roten Wangen des Kleinen strich. Still weinte sie in sich hinein. Sie griff sich mit beiden Händen in den Nacken und löste den Verschluss ihres Amuletts, das sie immer bei sich trug. Vorsichtig legte sie das kostbare Schmuckstück um den Hals des Kleinen.

»Leb wohl! Möge dich der Heilige Christophorus alle Zeit beschützen und behüten«, flüsterte sie. »Verzeih mir, aber ich kann nicht anders. Bestimmt hast du es hier dein Leben lang besser, als bei einem Vater, der dich nicht will«

Der Hund draußen an der Kette gab keine Ruhe. Wieder schlug eine Tür. Durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Holzbohlen der Stalltür konnte die Frau sehen, dass sich jemand näherte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Hastig wischte sie sich die Tränen aus den Augen und huschte zum Hintereingang. Lautlos wie ein Schatten verschwand sie in der Nacht. Als Sekunden später zwei Männer in die Stallung traten, war sie bereits verschwunden.

In diesem Moment erwachte das kleine Bündel Mensch und begann herzzerreißend zu schreien.

 

 

2. Kapitel

 

Acht Jahre später.

Max Brandner stand am Fenster und schaute nach draußen. Heute war ein warmer, wolkenloser Tag, wie er ihn liebte.

Draußen tobte sein Sohn Peter herum und versuchte, ein Huhn zu fangen. Sein Vorhaben misslang kläglich und endete mit einer Bauchlandung im Staub des Innenhofs.

Max Brandner lachte still in sich hinein.

Margot Brandner, seine geliebte Frau, hatte das Schauspiel ebenfalls mitbekommen und riss das Fenster auf. Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie nicht so amüsiert.

»Peter«, schimpfte sie. »Wie oft muss ich es dir denn noch sagen? Lass die Hühner in Ruhe! Wie sollen sie Eier legen, wenn du sie dauernd ärgerst?«

Pete kaute schuldbewusst an seinen Fingernägeln.

Er fühlte sich bei einem seiner Lieblingsspiele ertappt. Hühnerjagen machte ihm am meisten Spaß.

»Ist schon gut, Mutter«, meinte er leise und zog es vor, lieber erst einmal eine Runde mit seinem neuen Fahrrad zu drehen. Irgendwann würde ihm schon noch etwas Neues einfallen, um die Langeweile zu vergessen.

»Du bist viel zu nachgiebig mit ihm«, warf Margot Brandner ihrem Mann vor, als sie das Fenster geschlossen hatte. »Warum muss denn gerade ich ihn immer zurechtweisen?«

»Aber Schatz«, meinte Max Brandner beschwichtigend. »Jungs in seinem Alter sind halt Lausbuben. Sei nicht so grantig, und gib mir einen Kuss. Seien wir doch froh, dass wir einen so gesunden und netten Burschen haben.«

Als Max Brandner seine Margot in die starken Arme nahm, war aller Ärger vergessen.

»Recht hast du, Maxi«, lenkte sie ein. »Und Anna, dieses faule Federvieh, ist sowieso reif für den Kochtopf.«

Ihre Gedanken schweiften ab.

Viele Jahre war es her, seit sie Peter, in eine alte Decke gewickelt, im Stall gefunden hatten. Der Säugling hatte einen goldenen Talisman um den Hals getragen. Einen weiteren Hinweis auf seine Eltern hatten sie jedoch nicht gefunden. Bis heute wussten sie nicht, wer die leibliche Mutter war und woher der Junge überhaupt kam. Wahrscheinlich würden sie es auch niemals erfahren.

Liebevoll, wie ein eigenes Kind, hatten sie ihn aufgezogen und auf den Namen Peter taufen lassen. Im Laufe der Jahre war das einstige Findelkind zu einem feschen Jungen herangewachsen und die ganze Freude seiner Zieheltern.

Er selbst wusste nichts von seinem Schicksal und seiner ungewissen Herkunft. Noch sahen die Brandners auch keinen Grund, es ihm zu sagen, aber eines Tages sollte er es erfahren.

Es war schon fast ein Wunder, dass jedermann im Dorf schwieg und sich nicht wichtigmachte, indem er über Peters Herkunft plauderte. Dabei gab.es genug Klatschtanten, die sonst ihren Mund nicht halten konnten. In Peters Fall war alles anders. Man vermied es, Tratsch-Geschichten über das Findelkind zu verbreiten. Jedermann hatte den kleinen, stets vergnügten Jungen mit den blonden Locken liebgewonnen und in sein Herz geschlossen.

»Wo ist der Junge überhaupt hin?«, wollte Max Brandner wissen. »In einer Stunde gibt es doch Brotzeit. Wieso radelt er dann einfach davon?«

»Gewiss ist er rüber zum Kraininger-Hans«, erklärte die Hausherrin. »Dort soll heute eine der Kühe kalben. Ich denke, dass er sich das nicht entgehen lassen wird.«

Max Brandner nickte. »Er wird gewiss ein guter Bauer werden, der Peter«, meinte er stolz.

 

 

3. Kapitel

 

Wie seine Mutter richtig vermutet hatte, brannte Peter vor kindlicher Neugierde. Sein Ziel war der Hof von Vaters Nachbarn, dem Kraininger-Hans. Er wusste, dass er bei dem rothaarigen Mann mit den vielen Sommersprossen immer willkommen war. Jede freie Minute verbrachte er bei den Krainingers. Für ihn war Hans so etwas wie ein großer Bruder geworden.

Peters Gedanken schweiften ab, während er auf den Hof zu radelte und kräftig in die Pedale trat. Es war nicht mehr weit. Bei der nächsten Wegbiegung würde er das kleine, saubere Gehöft sehen können.

Ja, neben Vater und Mutter gab es noch zwei Menschen, die er besonders gerne mochte. Es waren Hans Kraininger und die junge Magd Christi, die seiner Mutter oft im Haushalt zur Hand ging. Sie hatte stets Zeit für ihn, selbst wenn ihr die Arbeit manches Mal über den Kopf wuchs.

»Grüß dich, Peter«, rief eine tiefe Stimme, als er auf den Kraininger-Hof fuhr. Der Bauer kam gerade aus dem Stall, aus dem ein schwaches Muhen zu vernehmen war. »Du kommst gerade recht. Das Kälbchen ist gerade geboren.«

»Oh, fein«, freute sich Peter und sprang mit einem Satz vom Rad. »Darf ich es sehen?«

Hans Kraininger musste lächeln, als er die roten Wangen des Jungen sah. Er war aufgeregt und konnte es kaum erwarten.

»Aber warum nicht?«, meinte er und legte seinen kräftigen Arm um die schmächtigen Schultern des Jungen. »Komm mit! Man könnte meinen, du hast noch nie ein Kälbchen gesehen.«

»Aber sicher doch«, meinte Peter fast empört. »Aber es ist immer wieder schön.«

Gemeinsam gingen sie in den kleinen Stall. Es roch nach frischem Heu, das gerade eingelagert worden war. Nur eine Box war belegt. Die anderen Tiere befanden sich zu dieser Jahreszeit Tag und Nacht auf der Weide hinter dem Hof.

»Na, was sagst du zu dem Prachtkerl?«, fragte Kraininger und hob Peter hoch.

Der Junge schielte über die hölzerne Boxenwand.

»Oh, ist das süß«, sagte er entzückt.

Das Kalb stand noch auf etwas wackligen Beinen. Das Muttertier beleckte das feuchte Fell und nahm kaum Notiz von den beiden Menschen. Es wusste, dass von ihnen keine Gefahr drohte.

Peter konnte von dem Anblick des jungen Lebens nicht genug bekommen. Er löcherte Hans mit vielen Fragen und wollte immer mehr wissen. Für ihn verging die Zeit wie im Fluge. Am liebsten wäre er zu dem Kälbchen in die Box gestiegen, um es zu streicheln. Hans aber erlaubte es nicht. Das Muttertier galt als hin und wieder unberechenbar. Hans wollte kein Risiko eingehen und den Jungen gefährden.

»Lassen wir Mutter und Sohn besser ein wenig allein«, schlug er nach einer ganzen Weile vor. »Wie wäre es mit einem Marmeladenbrot? Ich habe noch etwas von dem Erdbeergelee aufbewahrt, das du so gerne isst.«

Peter lehnte dankend ab. Nur widerwillig ließ er sich zum Verlassen des Stalles überreden. Tiere liebte er über alles. Stundenlang konnte er ihnen zuschauen.

Heller Glockenschlag vom Kirchturm im nahen Dorf drang bis zum Hof herüber. Fünfmal schlug es.

Erschrocken blickte Peter unwillkürlich seinen Freund Hans an. Er hatte sich verbummelt.

»Oh, schon so spät?«, meinte er und rannte zu seinem Fahrrad, das mitten auf dem Vorplatz zum Herrenhaus lag. »Die Mutter wartet gewiss schon mit dem Abendbrot auf mich.«

»Dann spute dich«, ermahnte ihn Hans. »Sonst bekommst du noch Schelte.«

Peter schmunzelte spitzbübisch.

»Ach, das glaube ich nicht«, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Mutter meint es nicht so arg, wenn sie hin und wieder auch schimpft. Dafür mag sie mich viel zu sehr.«

»Na, du musst es wissen«, bemerkte der Kraininger amüsiert »Aber du solltest sie doch nicht warten lassen. Also, dann bis morgen, Peter.«

Der kleine Junge schwang sich auf sein Fahrrad und führ los. Ehe er hinter der nächsten Biegung verschwand, winkte er seinem väterlichen Freund ein letztes Mal zu.

Hans Kraininger blieb noch eine Weile vor dem Haus stehen. Peter war ihm wie ein eigenes Kind ans Herz gewachsen. Er freute sich jedes Mal, wenn er sah, wie glücklich der Junge bei den befreundeten Brandners aufwuchs. Es fehlte ihm an nichts.

Ihm war es als Kind nicht so gut ergangen. Die Eltern waren früh verstorben, und als einziger Sohn hatte er den Hof geerbt. Er war zwar noch klein, aber er machte viel Arbeit. Außerdem drückten die Schulden. Zum Glück hatte ihm Max Brandner vor ein paar Jahren ein zinsloses Darlehen gegeben, damit die Bank den Hof nicht pfänden konnte. Seither schuftete er Tag und Nacht.

Die viele Arbeit ließ nicht zu, dass er sich um etwas anderes kümmerte. Und so war es ihm auch noch nicht gelungen, eine Frau zu finden, die ihn heiraten wollte.

Peter würde es auch in dieser Hinsicht einmal besser haben. Max Brandner war der reichste Mann im Tal. Er besaß die meisten Ländereien und zudem das größte Sägewerk weit und breit und eine Molkerei. Zwanzig Männer und Frauen standen bei ihm auf der Lohnliste. An Geld mangelte es ihm wirklich nicht. Und wer Geld besaß, konnte sich alles kaufen.

Hans Kraininger strich sich mit beiden Händen durch das störrische rote Haar und ging ins Haus. Für heute war die Arbeit getan.

Nur kurz vor Mitternacht wollte er noch einmal nach dem Kalb schauen.

 

 

4. Kapitel

 

»Da bist du ja, Peter«, begrüßte Margot Brandner ihren Ziehsohn. »Ich dachte schon, du hättest keinen Hunger oder wärst abhandengekommen.«

»Entschuldigung, Mami«, meinte der Junge und setzte sich. Seine Mutter stellte gerade die kleine Kanne frische Milch vor ihn auf den Tisch, der fast gedeckt war.

Max Brandner schaute über den Rand der Zeitung und schenkte Peter ein Lächeln.

»Na, was gibt es Neues, Junge?«, wollte er wissen. »Was macht die Kuh vom Kraininger? Hat sie schon gekalbt?«

Peter nickte hastig. »Ja, es hat keine Schwierigkeiten gegeben, wie Hans gesagt hat. Es ist ein wirklich schönes Kälbchen. Es hat eine Blässe und ganz große Augen.«

Margot Brandner setzte sich ebenfalls an den Tisch. Sie wirkte ein wenig blass und müde. Ihre Bewegungen erinnerten an eine alte Frau und nicht an eine Bäuerin in den besten Jahren.

Schweigend versorgte sie Peter und schmierte ihm zwei Brote. Sie selbst aß nichts und nippte nur an einer Tasse Milch.

Max Brandner blickte seine Frau mehrere Male besorgt an.

Schon die ganzen Tage hatte sich seine Margot nicht so benommen wie sonst. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.

»Wirst du krank?«, fragte er. »Geht es dir nicht gut?«

Die Bäuerin seufzte gequält, als wäre sie froh, dass es der geliebte Mann endlich gemerkt hatte. Sie zählte nicht zu den Frauen, die bei jeder Kleinigkeit stöhnten und sich wegen jedem Schnupfen gehenließen.

»Ich glaube, ich bekomme die Grippe«, gestand sie. »Ich habe so ein Gliederreißen und Kopfschmerzen. Alles tut mir weh. Ich weiß auch nicht, was die ganze Zeit mit mir los ist.«

»Dann musst du aber rasch ins Bett, Mama«, meinte Peter besorgt und legte seine kleine Hand auf den Unterarm seiner Mutter. »Essen und Trinken kann ich dir mit der Christi zusammen ja ans Bett bringen. Das macht mir keine Mühe.«

»Nett von dir, Peter«, bedankte sich Margot Brandner mit einem müden Lächeln und strich ihm zärtlich über das dichte Haar. »Aber ich denk, morgen geht es mir schon wieder besser.«

Max Brandner erhob sich. Der Zustand seiner Frau gefiel ihm nicht. Bei der vielen Arbeit war es ihm bisher überhaupt nicht so richtig bewusst geworden.

»Das Abräumen und den Abwasch kann wirklich die Christi übernehmen«, bestimmte er. »Du gehst jetzt ins Bett und schläfst dich einmal richtig aus, hörst du? Komm Peter, lauf ins Gesindehaus und sag der Christi, dass ich sie hier im Haus brauche. Ihre Arbeit soll die Gundi und die Bernauer-Traudl eine Weile übernehmen.«

»Ist schon recht, Vater«, sagte der Kleine und rannte nach draußen, während Max Brandner seine kranke Frau in die Schlafkammer brachte. Er musste sie dabei stützen. Erst jetzt merkte er, wie schwach sie war.

 

 

5. Kapitel

 

Peter fand Christi nicht, wie sein Vater vermutet hatte, im Gesindehaus, sondern auf dem Platz neben den Stallungen. Sie fütterte gerade die Hühner, während Traudl im angrenzenden Gewürzgarten hockte und einige Blätter zupfte.

Der kleine Peter mochte die zwei Mägde, doch die blonde Christi hatte er am liebsten von den beiden. Wann immer er Zeit hatte, suchte er ihre Nähe. Er freute sich schon jetzt auf die Zeit, wenn sie im Haus war.

»Grüß dich, Peter«, rief die junge Magd freundlich, als sie den Jungen entdeckte. »Willst du mir helfen?«

Sie beugte sich zu Peter hinab und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. So tat sie es immer, wenn sie sich trafen.

Peter hatte nichts gegen ihre Zärtlichkeiten. Aber küssen durfte ihn von den Mägden nur die Christi. Zu ihr hatte er sehr viel Vertrauen. Sie wusste immer Rat und kannte seine kleinen Probleme und Ängste.

»Vater möchte, dass du sofort ins Haus kommst und die Küche und die Hausarbeit übernimmst, weil Mutter krank geworden ist«, richtete er der Magd aus. »Du kommst doch, oder?«, fragte er zweifelnd.

»Aber sicher«, erwiderte Christi. »Ich füttere nur noch die Hühner und komme gleich nach. In Ordnung?«

»Lass nur«, mischte sich Traudl ein und verließ den Gewürzgarten mit einem Korb voller Blätter. »Gib mir das Futter. Ich mache das schon. Geh nur! Du weißt doch, dass der Bauer es nicht gerne sieht, wenn man ihn warten lässt«

Christi war dankbar für das Angebot ihrer Freundin. Seit sie damals vor fast fünf Jahren auf den Brandnerhof gekommen war, hatte sie sich sofort mit der jungen, drallen Frau verstanden.

Mit Peter an der Hand betrat Christi das Herrenhaus. Es freute sie, dass sie wieder in der Küche helfen konnte. Kochen und Hausfrauenarbeit lagen ihr mehr als die harte Arbeit in den Ställen und auf den Feldern, denn sie war von Statur eine sehr zierliche Person.

Als sie in den geräumigen Flur traten, kam Max Brandner die Treppe herunter. Tiefe Sorgenfalten durchfurchten seine hohe Stirn. Ein unruhiges Flackern lag in seinem Blick.

»Wie geht es der Bäuerin?«, fragte Christi.

Brandner schien die Frage überhaupt nicht gehört zu haben. Er erwachte wie aus einem Traum.

»Sieh zu, dass du dem Peter so gegen sieben Uhr etwas zum Nachtessen machst«, forderte er abwesend. »Ich muss rasch nach Feldringen und den Doktor holen. Das Telefon ist unterbrochen. Ich bekomme keine Verbindung.«

Er stürmte nach draußen, ohne eine Jacke überzuziehen. Draußen heulte der Motor von Max Brandners Wagen auf.

Christi war erschrocken und wusste im ersten Augenblick nicht, was sie denken sollte. Stand es plötzlich wirklich so schlimm um die Hausherrin, dass Brandner kopflos ins Nachbardorf fuhr, um den Arzt zu holen? Normalerweise hätte er einfach einen der Knechte geschickt.

»Kann ich zur Mami?«, fragte Peter und blickte Christi aus großen, fragenden Augen an.

Die junge Magd verneinte. Sie wusste nicht, was passiert war. Auf keinen Fall durfte sie den kleinen Jungen mit Dingen konfrontieren, die ihm vielleicht sein Leben lang nachlaufen würden.

Plötzlich hatte sie Angst um Margot Brandner, die dem Peter immer eine sehr gute Mutter gewesen war. Sie selbst konnte es beurteilen, denn in den ganzen fünf Jahren hatte es von der Bäuerin nie ein böses Wort gegeben.

»Ich denke, dass es besser ist, wenn wir abwarten, bis der Doktor kommt«, wich sie aus. »Wahrscheinlich schläft deine Mutter jetzt, und wir würden sie nur stören.«

Peter nickte verständnisvoll und merkte nichts von der quälenden Unruhe, die Christi erfasst hatte.

»Da hast du recht«, meinte er und ging in die Küche. Christi folgte ihm nachdenklich. Erst einmal musste sie sich um die Hausarbeit und den kleinen Jungen kümmern. Es war nicht gut, wenn er alles mitbekam.

Eine böse Ahnung beschlich sie und ließ sie nicht mehr los.

 

 

6. Kapitel

 

In seinem kurzen Leben konnte sich Peter nicht daran erinnern, sich jemals so große Sorgen gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Höchstens damals, als die kleinen Kaninchen auf rätselhafte Weise verschwunden und nie wiederaufgetaucht waren.

Peters Mutter lag den ganzen Tag im Bett, und fast jeden Abend kam Dr. Fischer aus Feldringen und gab ihr eine Spritze. Aber die schien nicht zu wirken.

Als er von der Schule kam, warf er seinen Ranzen neben die Eingangstür und lief zum Schlafzimmer seiner Mutter. Man hatte sie in den Raum am Ende des Flurs gebettet. Dort hatte sie mehr Ruhe und könnte sich ausruhen.

Leise öffnete er die Tür und blickte hinein.

Das Zimmer war abgedunkelt. Nur eine kleine Nachttischlampe brannte und ließ das blasse Gesicht seiner Mutter noch bleicher und eingefallener erscheinen.

Ohne ein Geräusch zu verursachen näherte sich der kleine Junge dem Bett der kranken Frau. Er wagte kaum zu atmen, als befürchte er, sie könne sonst aufwachen.

Margot Brandner aber schlief nicht. Träge drehte sie den Kopf zur Seite und öffnete die Lider. Ein erschöpftes Lächeln huschte, über ihr ausgemergeltes Gesicht, als sie ihren Sohn erkannte. Sie streckte ihre Rechte aus und hieß ihn, sich auf die Bettkante zu setzen.

»Geht es dir besser, Mami?«, fragte der Kleine voller Sorge. Dankbar ergriff er die Hand seiner Mutter. Sie fühlte sich heiß und schwitzend an.

»Ein wenig«, erwiderte Margot Brandner schwach. »Bald bin ich wieder gesund.«

»Wirklich?«, wollte der Jung wissen. »Wann denn?«

»Bald, sehr bald.«

»Hast du Schmerzen?«, fragte er weiter und nahm den Waschlappen aus der Schüssel mit kaltem Wasser, die auf dem Nachttisch stand. Behutsam wischte er seiner Mutter die schweißnasse Stirn und das Gesicht, so wie er es beim Vater abgeschaut hatte.

»Peter!« Die Stimme hinter ihm klang nicht laut, aber sehr energisch und herrisch. »Was machst du hier?«

Erschrocken drehte er sieh um. Es war sein Vater.

»Ich wollte doch nur nach Mutter sehen«, versuchte er, sich zu entschuldigen.

»Los raus!«, führ ihn Max Brandner an. »Es ist unverantwortlich von dir, deine Mutter zu wecken. Los, verschwinde!«

»Aber er hat mich gar nicht geweckt, Max«, mischte sich Margot Brandner mit schwacher Stimme ein.

»Ganz ruhig, Liebes«, meinte der Bauer sanft. »Komm, schlaf ein wenig! Es wird dir guttun.«

Margot Brandner war zu schwach um noch etwas zu entgegnen. Ihr fehlte die Kraft, sich gegen ihren Mann zur Wehr zu setzen. Schon längst hatte sie gemerkt, wie streng Max mit dem Jungen geworden war.

Ein letztes Mal blickte Peter seine Mutter aus traurigen Augen an. Seit Tagen verstand er die Welt nicht mehr. Alles war so anders geworden, seit die Mutter erkrankt war. Noch nie hatte er den Vater so böse und unbeherrscht gesehen.

Peter schloss leise die Tür hinter sich. Er kämpfte mit den Tränen, doch er weinte nicht. Wie ein geschlagenes Tier ging er in die Küche.

»Grüß dich, Peter!« Christi stand am Herd und rührte in einem gusseisernen Topf. Es roch herrlich nach Suppe, der Duft zog fast durchs ganze Haus. Der kleine Junge aber verspürte keinen Appetit.

Halbherzig erwiderte er den Gruß und hockte sich gedankenverloren auf die Ofenbank. Immer noch versuchte er, die Tränen zurückzuhalten.

Christi sah, was mit Peter los war, ohne zu wissen, warum er derart niedergeschlagen war. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und setzte sich neben ihn.

»Welcher Kummer drückt dich denn?«, fragte sie freiheraus und legte ihren Arm um seine Schultern. »Möchtest du es mir nicht sagen?«

Peter nickte heftig. Eine Sekunde später sprudelten die Sorgen und Ängste aus ihm heraus. Diesmal ließ er den Tränen freien Lauf, denn vor der Christi schämte er sich nicht.

Die junge Magd wurde sehr ernst. Auch sie hatte gemerkt, wie sehr sich Max Brandner in der letzten Woche verändert hatte. Aus dem liebenswürdigen Mann war ein wahres Ekel geworden. Alle auf dem Hof verstanden den Kummer und den Schmerz, den der Bauer litt Trotzdem fiel es manches Mal schwer, stillzuhalten, wenn er seine Launen an Unschuldigen ausließ. Selbst vor seinem kleinen Sohn machte er keinen Halt und dem Halbinger-Sepp, einem seiner besten Knechte, hatte er bereits wegen einer Geringfügigkeit fristlos gekündigt.

Es stand schlimm um Max Brandner, und keiner wusste, was werden würde, denn die Bäuerin wollte einfach nicht gesund werden. Stattdessen schien sie von Tag zu Tag schwächer zu werden.

»Ach weißt du, Peter«, meinte Christi seufzend. »Dein Vater hat gerade jetzt viele Probleme. Irgendwann wird es schon wieder besser werden.«

»Meinst du wirklich?«

»Natürlich«, entgegnete sie und zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. »Nun aber isst du erst einmal einen Teller Suppe, und dann machst du deine Hausaufgaben, in Ordnung?«

Peter war einverstanden, und für kurze Zeit war die Sorge um die kranke Mutter vergessen. Wenn Christi etwas sagte, dann war es schon recht.

Gewiss würde bald alles wieder gut werden. Dieser Überzeugung war er auch, als er von Christi nach Sonnenuntergang ins Bett gebracht wurde.

 

 

7. Kapitel

 

Ein weiter, weißer Raum lag vor Peter, als er die große Tür geöffnet hatte. Das Licht, das darin erstrahlte, schmerzte in den Augen. Er hörte, wie seine Mutter seinen Namen rief, doch er konnte sie nur schemenhaft, erkennen. Er lief weiter in den Raum hinein und erkannte eine durchsichtige Gestalt. Erfreut lief er ihr entgegen, denn das konnte nur seine Mutti sein.

Dann vernahm er den Schrei.

Erschrocken riss er die Augen auf. Die Helligkeit verschwand. Ringsum herrschte Dämmerlicht. Nur eine kleine Nachttischlampe brannte neben seinem Bett.

Es dauerte eine Weile, bis Peter begriffen hatte, dass alles nur ein Traum gewesen war. Er wollte sich auf die andere Seite drehen, als er die Schritte vernahm. Dumpfes Stimmengewirr drang bis in sein Zimmer. Jemand weinte unterdrückt.

Peter hielt es nicht länger im Bett. Er schaute auf die Uhr neben seinem Bett und wunderte sich. Es war kurz nach Mitternacht. Normalerweise herrschte um diese Zeit längst Stille im ganzen Haus, denn sein Vater musste früh aufstehen.

Der zweite Schrecken folgte, als er an seine kranke Mutter dachte.

Peter hielt es nicht länger in seinem Zimmer. Leise schlich er zur Tür und öffnete sie. Die Scharniere knarrten, doch sie verrieten ihn nicht.

Was er in diesem Augenblick sah, ließ sein kleines, unschuldiges Herz rasend schnell schlagen.

Christi stand mitten auf der Treppe und weinte still in ihre Schürze, die sie vor das Gesicht gedrückt hatte. Wastl, einer der Knechte des Hofes, lehnte an der Wand direkt neben der Tür zu Mutters Zimmer und starrte gegen die Decke.

Peter bekam es mit der Angst zu tun. Was hatte das alles zu bedeuten?

Wie hypnotisiert verließ er sein Zimmer und ging durch den Flur. Weder Christi noch der starke Knecht Wastl sahen ihn. Sie waren mit sich selbst beschäftigt und sahen sehr traurig aus.

Die Furcht stieg in Peter, und als er das Gemurmel vernahm, wurde diese Angst noch schlimmer. Etwas Schreckliches musste passiert sein.

Endlich hatte er die Tür erreicht. In diesem Moment entdeckte ihn Wastl. Er wollte ihn packen und mit sich fortziehen, doch es war zu spät. Peter war einfach weitergegangen.

Seine Mutter lag im Bett. Im Zimmer duftete es normalerweise angenehm nach frischer Wäsche. Heute aber war es anders.

Ein komischer Geruch lag in der Luft. So roch es immer in der Kirche während der Messe. Vater hatte ihm einmal erklärt, dass das Weihrauch war, eines der Gaben, das das kleine Jesuskind als Geschenk zu seiner Geburt von einem der Heiligen Drei Könige bekommen hatte.

Was aber machten Pfarrer Hendrik und zwei seiner Messdiener so spät in der Nacht in Mutters Schlafzimmer?

Er spürte zwei kräftige Arme, die ihn hochhieven und auf den Arm nehmen wollten. Peter aber schlug um sich und trat

»Lass mich los!«, schrie er entsetzt. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihm klar, was um ihn herum passierte.

Seine Mutter lag bleich und schlafend auf dem Bett, die Hände zum Gebet gefaltet. Sein Vater kniete daneben und hatte seinen Kopf gesenkt Sein Körper bebte, und Peter wusste, dass er weinte, während Pfarrer Hendrik mit diesem widerlichen Weihrauchgefäß hantierte und irgendetwas Lateinisches murmelte.

»Mami.«

Peter rannte los, und der Knecht konnte ihn nicht mehr halten. Er begriff, dass seine Mutter nicht antworten würde.

Sie war tot.

Max Brandner schrak hoch. Seine Augen waren rotumrändert. Tiefer Schmerz lag in seinem Blick. Sekundenlang schien er nicht zu wissen, was um ihn herum geschehen war.

Der kleine Junge warf sich schluchzend auf seine Mutter. Immer wieder rief er leise ihren Namen, doch Margot Brandner antwortete nicht.

Irgendwann, Peter wusste nicht wie lange er auf dem Bett gelegen hatte, spürte er zwei Hände an seinen Schultern. Sanft zogen sie ihn von der Toten weg.

»Nicht weinen, Peter«, sagte Christi und wischte ihm die Tränen von den Wangen. »Sieh mal, jetzt ist deine Mami oben im Himmel bei den Engeln und gibt auf dich Acht. Du musst nicht weinen, oder willst du, dass deine Mami da oben traurig ist?«

Peter schüttelte den Kopf und drückte sich gegen Christls Körper. Es fiel ihm schwer, gegen die Traurigkeit anzukämpfen, aber er wollte ein tapferer Junge sein.

Er suchte den Blick seines Vaters, doch Max Brandner stand wie angewurzelt im Zimmer und rührte sich nicht. Unablässig starrte er auf seine tote Frau.

»Bring den Jungen bitte wieder in sein Zimmer, und kümmere dich um ihn«, verlangte er nach einer Weile. »Ich möchte jetzt allein sein.«

Steifbeinig ging er auf das Bett zu, setzte sich auf die Kante und griff nach Margot Brandners Hand. Er ignorierte alles um sich herum und sagte auch nichts, als sich der Pfarrer verabschiedete. Wastl war es schließlich, der sich für das rasche Kommen bedankte und den Geistlichen und seine Messdiener nach draußen geleitete.

Die junge Magd nahm Peter auf den Arm, obwohl sie eine leichte Gegenwehr spürte. Der Junge wollte das Zimmer eigentlich nicht verlassen.

»Ich möchte aber nicht allein sein«, beschwerte er sich, als Christi ihn wieder zu Bett brachte. »Es ist so komisch.« Er merkte, wie ihm wieder die Tränen kamen.

Die junge Frau nickte verständnisvoll. »In Ordnung«, meinte sie. »Rutsch ein Stück, dann leg ich mich neben dich, bis du eingeschlafen bist.«

Peter war damit einverstanden. Trotz der Trauer empfand er Dankbarkeit. Wenigstens hatte er noch Christi. Sie ließ ihn bestimmt nicht im Stich wie seine Mutter.

Schluchzend kuschelte er sich an sie und wischte die Tränen aus den Augen. Er wollte nicht mehr weinen. Immerhin war er doch ein großer Junge. Ihm wurde schwer ums Herz, und gerade deshalb genoss er es, dass Christi seine Wangen und seine Haare streichelte.

Irgendwann schlief er ein, doch es wurde ein unruhiger Schlaf mit schlimmen Träumen.

 

 

8. Kapitel

 

Es dauerte nicht lange, bis das gesamte Tal wusste, dass Margot Brandner einer heimtückischen Virusinfektion zum Opfer gefallen war. Niemand hatte ihr helfen können. Jeder hatte gewusst, wie krank sie war, trotzdem löste ihr plötzlicher Tod einen Schock unter den Dörflern aus. Die Trauer um sie war groß. Ganz Wolfsberg war wie gelähmt.

Peter entging nicht das Getuschel und die mitleidigen Blicke der Frauen im Dorf. Auch in der Schule ließ man ihn nicht in Ruhe. Seine Mitschüler fragten ihn alles Mögliche. Überall wurde er mit dem Tod seiner geliebten Mutter konfrontiert Er fand ganz einfach keine Ruhe mehr. Nur wenn er bei der Christi war, fühlte er sich geborgen und nicht mehr so furchtbar allein.

In diesen Tagen bekam Peter die ganze Grausamkeit zu spüren, zu der Kinder und auch Erwachsene fähig sind. Den Lehrern gelang es nicht, ihn voll zu schützen. Auf der Straße erging es ihm oftmals noch schlimmer. Am liebsten wäre er einfach weggelaufen, um nicht ständig das »Ach, du armer, armer Junge«, oder »Was soll nur aus ihm werden, dem Kleinen« hören zu müssen.

Drei Tage später wurde Margot Brandner beerdigt. Obwohl Max Brandner bestimmt hatte, dass Peter nicht mit zum Grabe gehen sollte, bestand der Junge darauf, dabei sein zu dürfen. Nichts hätte ihn davon abbringen können, und so gab sein Vater schweren Herzens nach.

An diesem trüben Tag waren das ganze Dorf und viele Leute aus den Nachbarorten auf den Beinen. Die Kirche platzte fast vor Menschen aus allen Nähten. Die Brandners waren weit und breit bekannt, und viele waren gekommen, um der beliebten Frau die letzte Ehre zu erweisen.

Nach der Beerdigung gingen die drei Menschen über den nördlichen Teil des Friedhofs, während die Trauergäste am offenen Grab vorbeidefilierten.

Max Brandner und Christi hatten den kleinen Peter zwischen sich genommen. Gleich nach der Ansprache des Pfarrers hatten sie den Ort der Trauer verlassen.

»Bring den Jungen nach Hause«, verlangte Max Brandner, als sie das Friedhofstor durchschritten hatten. Er überreichte der jungen Frau die Autoschlüssel und strich Peter flüchtig über das Haar.

»Wo willst du denn hin, Vater?«, fragte der Junge betrübt. »Ich dachte, du fährst mit uns heim.«

»Fahrt schon mal vor«, meinte sein Vater ernst und ohne ein Lächeln. »Ich komme später nach. Gegen Abend bin ich bestimmt daheim.«

Christi verbarg ihren Schrecken. Am liebsten hätte sie gefragt, was Max Brandner vorhatte. Bis zum Abend waren es mehr als vier Stunden.

Sie machte sich große Sorgen, denn seit der Nacht, in der Margot Brandner gestorben war, schien ein Fremder der Herr des Brandnerhofs zu sein.

Christi wusste nur zu gut, wie sehr Max Brandner seine Frau geliebt hatte. Nein, er hatte sie regelrecht vergöttert. Schon am ersten Tag vor fünf Jahren, als sie völlig verarmt auf den Hof gekommen war, hatte sie es gespürt. Mit Margots Tod musste irgendetwas in ihm erloschen sein.

Max Brandner war ein anderer Mensch geworden. Es ging sogar so weit, dass die väterlichen Gefühle, die er Peter entgegengebracht hatte, in dieser Nacht irgendwie auch gestorben waren.

Der Großbauer drehte sich um und ging die Straße zum Dorf hinunter. Bald war er hinter einer Kurve verschwunden.

»Wo geht Papa hin?«, fragte Peter bekümmert »Warum will er nichts mehr mit uns zu tun haben?«

Christi erschrak bei diesen Worten. Nun hatte auch der Kleine schon gemerkt, welch große Veränderung mit seinem Ziehvater vor sich gegangen war.

»Aber das stimmt doch nicht«, erklärte Christi, um das Empfinden von Peter zu zerstreuen. »Er ist nur sehr, sehr traurig wie wir auch. Lass ihm nur ein bisschen Zeit dann wird er schon wieder so nett wie früher sein. Nun lass uns nach Hause fahren und die Hühner füttern.«

Peter nickte und stieg ein. Sie führen gerade ab, als die ersten Trauergäste den Friedhof verließen. Im Gasthof »Zum goldenen Hirsch« gab es zu essen und zu trinken. Max Brandner hatte alles bestellt, würde aber garantiert nicht dabei sein.

Keiner wusste, wo er war, und kaum jemand interessierte sich dafür. Nur Christi machte sich viele Gedanken, aber sie wusste, dass auch sie es wohl nicht so rasch erfahren würde.

 

 

9. Kapitel

 

Es war spät in der Nacht, als Christi Gepolter hörte. Bisher war es ihr nicht gelungen, auch nur ein Auge zuzumachen. Sie grübelte seit Stunden und überlegte, wie es wohl weitergehen würde.

Neben ihr schlief Peter. Lange hatte sie sein entspanntes Gesicht betrachtet Er war ein hübscher Junge, und in seinen Zügen erkannte sie etwas Wohlbekanntes, an das sie eigentlich nicht mehr erinnert werden wollte. In letzter Zeit aber verstärkte sich dieser Eindruck.

Es tat ihr weh, Peter so leiden zu sehen. Er war noch keine neun Jahre alt und musste nun schon so viel Leid ertragen. Sie hätte viel dafür gegeben, es ihm ersparen zu können.

Unten im Flur vernahm sie eine Stimme. Jemand fluchte, dann krachte etwas gegen die Tür.

Vorsichtig schälte sich Christi aus der Decke und stand leise auf. Peter schlief fest und bekam nichts von dem höllischen Lärm mit.

Sie wusste, dass Max Brandner nach Hause gekommen war. Als sie die Treppe hinunterging, sah sie ihn mit hochrotem Gesicht neben der Tür stehen. Er war betrunken und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.

»Ah, die Christi«, meinte er mit unsicherer Stimme. Gewaltsam bemühte er sich tun Haltung und schaffte es sogar, nicht zu wanken. »Nett, dich zu sehen. Ich habe nämlich mit dir zu reden, musst du wissen. Komm eine Weile ins Wohnzimmer, geh und hole den Enzian aus dem Schrank.«

Christi fühlte sich irritiert In diesem Zustand hatte sie Max Brandner noch nie erlebt, doch sie konnte ihn sehr gut verstehen.

»Hat das nicht bis morgen in der Früh Zeit, Bauer?«, fragte sie. »Es ist besser, wenn du jetzt schlafen gehst.«

Brandner holte tief Luft und wischte sich mit der Hand über das gerötete Gesicht.

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Titel: Die Liebe geht ihren Weg - Fünf Heimat-Romane