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Einsam im Herzen - Sechs Heimat- und Schicksalsromane

2020 657 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Einsam im Herzen

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

Veronikas Herz ging einen falschen Weg

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Der Erbe des Hofes

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Mit verordneter Zärtlichkeit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Rückkehr ins Hochtal

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Die Versteigerung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Einsam im Herzen

 

 

Sechs Heimat- und Schicksalsromane

von G. S. Friebel

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by G. S. Friebel

© Cover: Christian Dörge/123rf.

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Veronikas Herz ging einen falschen Weg

› Der Erbe des Hofes

› Mit verordneter Zärtlichkeit

› Rückkehr ins Hochtal

› Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

› Die Versteigerung

 

 

***

 

 

Veronikas Herz ging einen falschen Weg

 

 

Klappentext:

 

Veronika lebt mit ihren Eltern einsam in den Bergen. Von den Dorfleuten wird sie gemieden und so wächst sie ohne Freunde auf. Dem Förster Carl hängt eine alte Geschichte an, sodass ihm ein schlechter Ruf vorrauseilt und man ihm ebenfalls aus dem Wege geht. Eigentlich wären Carl und Veronika das perfekte Paar, aber durch unvorhergesehene Umstände finden sie nicht so recht zueinander. Eines Tages schmeichelt sich ein Wilderer bei Veronika ein und bringt sie mit seiner Rücksichtlosigkeit in eine missliche Lage. Erst eine dramatische Wende lässt Veronika und Carl zueinander finden …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

In den österreichischen Bergen der Nachkriegszeit.

 

Seinerzeit hatte man die Sennhütte in eine Mulde gebaut. So war sie sicher vor den Winterstürmen. Sollte mal eine Lawine von den nahen Bergen hinuntersausen, so würde sie gewiss das Haus verschonen und sich einen anderen Weg suchen. Die Erbauer hatten damals richtig gelegen. Bis jetzt war die Hütte nie verschüttet worden. Zwar war sie im Winter oft von der Ortschaft abgeschlossen, aber das war man ja alleweil in den Bergen gewöhnt. Danach richtete man sich schon seit Urzeiten. Und so würde es wohl auch immer bleiben. Der Fortschritt in der Welt, er mochte mit Riesenschritten davoneilen, hier in den Bergen änderte sich nicht sehr viel. Eine Neuerung hatte man jedoch geschaffen, und diese sollte für die Bewohner der Hütte auch von großem Vorteil sein.

Jetzt war es schon an die zehn Jahre her, da man den Lastenlift zur Drachenlochalm gebaut hatte. Direkt am Drachenloch lag es nämlich, das Häuschen mit dem tiefgezogenen Dach. Damit die Schindeln auch im Winter drauf blieben, hatte man es mit dicken Steinen beschwert. Es zog sich so tief nach unten, dass man, wenn es viel Schnee gab, doch noch immer um das Haus gehen konnte, um Holz für den Ofen zu holen.

Früher, als man den Lastenlift noch nicht hatte, da hatte man immer zu Fuß ins Dorf gehen müssen. Das war sehr beschwerlich. Denn an die zwei Stunden brauchte man hinunter. Und die großen Käselaibe waren recht schwer. Wenn man dann wieder aufsteigen musste, war der Rucksack voll mit all den Dingen, die man nun mal brauchte, um leben zu können.

Mit dem Lastenlift hatte man dann auch den Strom bekommen. Nun brauchte man nicht mehr die Kerze oder die Petroleumlampe. Jetzt hatte man elektrisches Licht, aber zu mehr reichte es leider nie. Die Leute, die die Sennhütte bewirtschafteten, waren nie reich gewesen und würden es auch nie werden. Sie hatten immer im Dienst des Großbauern Lorenz gestanden. Dieser hatte in Mixnitz einen großen Hof. Er war der Einzige, der es sich leisten konnte, die Alm das ganze Jahr zu bewirtschaften. Obwohl sehr hoch und am Fuß des Hochlantsch mit seinen 1722 Metern und dem Speikkogel mit seinen 1989 Metern sowie dem Räthelstein mit seinen nur 1234 Metern, so lag die Alm günstig auf einer weiten Ebene.

Hier oben wuchs das beste Gras für die Kühe. Im Sommer weideten sie draußen und fanden selbst, was sie zum Leben brauchten, aber nebenbei musste der Senn auch für den Winter sorgen und das Heu einfahren. Denn die Kühe, bis auf die tragenden, blieben auch im Winter hier oben. Weil der Stall und das Haus in einer tiefen Mulde lagen, so hatten sie es auch recht warm, denn der Erbauer hatte an alles gedacht.

Ja, er hatte sogar einen tiefen Keller graben lassen. Dort drinnen blieb im Sommer die Milch recht lange kühl, und auch der Käse, den man gleich hier oben machte, wurde wundervoll.

Früher kamen sie noch jede Woche einmal herauf und holten ihn ins Tal. Aber nun hatte man ja den Lastenlift, dort hinein wurde alles gebracht und man legte gleich einen Zettel dabei, was man auf der Alm benötigte. Unten wurde er dann entladen und man besorgte die Dinge, tat sie hinein und somit ging alles ganz einfach. Jetzt kam man vielleicht nur einmal im Monat ins Tal.

So blieb es nicht aus, dass die Bewohner ein wenig menschenscheu geworden waren. Sie hielten sich fern, sprachen nicht viel und hatten auch keine rechten Freunde im Dorf.

Sie waren schon recht eigenartig. Aber dem Großbauern sollte es recht sein, er war froh, dass er die Abschlags hatte, denn wer suchte noch die Einsamkeit, wer tat heutzutage noch den Dienst so hoch oben in den Bergen, am Drachenloch? Niemand mehr!

Vor Jahren waren sie ins Dorf gekommen, der Hubert und seine Frau Therese. Sie hatten nur ein kleines Bündel bei sich gehabt. Der Krieg hatte sie hierhin verschlagen. Und nun suchten sie Arbeit. Man hatte sie gleich zum Lorenz geschickt. Damals war gerade der alte Senn gestorben, und so hatte er ihnen die Stelle angeboten. Sie hatten dankend angenommen und waren so auf die Alm gekommen. Fünf Jahre später war dann die kleine Veronika auf die Welt gekommen. Die Eltern hatten schon gar nicht mehr mit dem Kindersegen gerechnet. Und nun lag das kleine Mädchen in der Holzkiste, mit großen blauen Augen und blonden Haaren. Ein echtes Kind der Berge.

Veronika verbrachte also die ersten Lebensjahre oben auf der Alm. Sie kannte nur Erwachsene und wusste gar nicht, dass es auch noch andere Kinder gab. Erst als sie in die Schule musste, da wurde sie mit ins Dorf genommen. Dort stand sie nun mit großen scheuen Augen und sah die vielen Häuser, die so hübsch und bunt waren, und Blumenkästen hatten sie vor den Fenstern und Gardinen. Das alles kannte sie von daheim gar nicht. Und wie hübsch die Kinder alle gekleidet waren. Sie hatte aus dem alten Rock der Mutter ein Kleid bekommen.

Die Dorfkinder machten es ihr wahrlich nicht leicht, und weil sie niemanden kannte, keine Freundin hatte, so war die erste Zeit recht schwer für das Mädchen. Hinzu kam noch, dass sie auch den weitesten Schulweg hatte und sofort nach der Schule heimgehen musste. Die kleinen Füßchen brauchten an die drei Stunden, um wieder heimzukommen. Ins Dorf ging es ja schneller, besonders im Winter, da rutschte man auf dem Schlitten, aber hinauf, und wenn es dann schon dunkel wurde, das war nicht so einfach.

Veronika war für ihr Alter sehr verständig und außerdem auch sehr klug. Der Lehrer hatte seine Freude an dem gewissenhaften Mädchen. Manchmal aber seufzte er leise auf und dachte: Es hat ja doch keinen Zweck, dass ich ihr so viel beibringe. Sie wird es nie und nimmer brauchen. Die Eltern sind arm, und außerdem brauchen sie das Kind für die Arbeit.

Ja, so war es in der Tat, wenn man sehr viel zu tun hatte, wurde sie nicht in die Schule geschickt. Veronika muckte nie auf, schweigend tat sie, was man ihr auftrug. Nie hatte sie richtig spielen gelernt.

Sie war ein herbes, stolzes Geschöpf. Längst ließ sie sich nicht mehr von den Kindern hänseln. Sie zeigte ihnen einfach die kalte Schulter. Man hielt sie für kalt und bald hieß es, sie sei komisch. Wenn sie nicht so klug gewesen wäre, hätte man sie bestimmt für einen Dorftrottel gehalten.

Veronika war nicht kalt, sie hatte kein Herz aus Stein, wie die Dörfler sagten, nein, es blutete, aber sie konnte einfach nicht hingehen und sagen: So lasst mich doch bei euch sein. Ich bin ja so einsam. Warum mögt ihr mich denn nicht? Was habe ich euch denn getan? Bitte, seid doch ein wenig nett zu mir! Sie konnte es nicht, wie wohl keiner das sagen kann. Und so schwieg sie, stand am Zaun mit brennenden Augen und blutendem Herzen.

Der Lehrer nahm sie unter seine Obhut, bei ihm durfte sie auch zu Mittag essen, als er einmal gesehen hatte, wie mager ihre Brote waren. Das Mädchen tat ihm leid. Da hatte er sie kurzerhand hereingerufen und ihr gesagt: »Kinder, die einen so weiten Schulweg haben wie du, werden stets im Lehrerhaus verköstigt. Die andern können ja in der Zwischenzeit heimgehen, oder sie haben Verwandte im Dorf, bei denen sie zu Mittag essen. Also, du kommst jetzt jeden Tag zu uns, ja?«

Sie hatte ihn mit ihren großen Augen stumm angesehen, und ihr Herz hatte gezittert. Danach nickte sie schwach und war wieder gegangen.

Leider hatte der Lehrer keine Kinder, sonst hätte er ihnen befohlen, sich ein wenig um das einsame Mädchen zu kümmern. Er allein war es, der die ungeweinten Tränen sah, er spürte auch die innere Not. Aber er konnte nicht sehr viel tun. Wusste er doch aus Erfahrung, wenn er über Veronika mit den andern Kindern sprach, dann würden diese sie noch mehr quälen und hänseln.

Für die reichen Bauernkinder kam es sowieso nicht infrage, mit ihr zu spielen. Man hatte einen ausgeprägten Standesdünkel.

So vergingen die Schuljahre für Veronika, wie gesagt in großer Pein. Nie hatte sie eine Freundin gefunden. Als dann endlich der Tag kam, sie war gerade vierzehn Jahre, als sie entlassen wurde, da fühlte sie sich irgendwie erleichtert. Froh war sie!

Zu Hause legte sie die Bücher in die Schrankecke und nahm die grobe Schürze vom Haken.

»Hast du es jetzt überstanden?«, fragte Therese.

»Ja, Mutter«, sagte sie ruhig und nahm den Kübel, um ihn an der Quelle zu scheuern.

»Dann ist es ja gut, jetzt kannst du uns mehr helfen, ich schaff es allein auch nicht mehr so gut.«

Veronika blickte ihre Mutter an. Da stand sie am Trog und knetete den schweren Brotteig. Hier oben machte man noch alles selbst, weil man kein Geld hatte, um es zu kaufen.

Veronika sah das müde Gesicht der Mutter. Sie war erst fünfundvierzig Jahre und sah schon wie sechzig aus. Die Arbeit hier oben war zu hart für eine zarte Frau. Und sie hatte sich nie geschont. Urlaub kannte man nicht, immer an der Luft bei gutem und bei schlechtem Wetter hatte die zarte Haut gebräunt, und die tiefen Falten waren wie mit einem Meißel eingegraben.

Veronika dachte an die Frauen im Tal und schluckte. Und sie dachte auch daran, als sie den Kübel in den kalten Quellbach tauchte und ihre Hände gleich hochrot wurden, trotz des heißen Sonnenwetters.

Ist das mein Leben? Soll ich immer hier oben bleiben? So wie die Mutter ihr Lebtag hier oben gewesen ist? Nie und nimmer die kleinste Freude haben? Zu Kirchweih vielleicht mal ins Dorf, unter fremden Menschen sein? Soll das alles sein?

Sie blickte zum blauen Himmel hinauf und sah einen Adler seine Bahn ziehen. Hier oben gab es noch ein paar und auch Habichte. Sie kannte sie alle, so wie sie auch alle Bergblumen hier oben kannte und jeden Zipfel der Berge. Hier war es schön, und so still und wundervoll. Veronika liebte ihre Bergwelt. Eigentlich konnte sie sich nichts anderes vorstellen. Und doch, da war so ein seltsames Ziehen in der Brust. Sie fühlte das Blut! Sie war doch noch so jung und sehnte sich fort, und zugleich wollte sie auch bleiben. Dies alles verwirrte sie so sehr!

Vielleicht wäre sie auch in Stellung gegangen, um nur mal etwas anderes zu sehen und um auch ein paar Groschen zu verdienen, um sich ein Dirndl kaufen zu können oder Schuhe und einen neuen Umhang mit Fransen. Ach, sie hatte auch Wünsche, nur sagte sie nie etwas davon, denn sie wusste ja, die Eltern konnten ihr diese Wünsche nicht erfüllen. Nicht, weil sie vielleicht hartherzig waren, nein, weil eben kein Geld dafür da war.

Hubert und Therese liebten ihr einziges Kind sehr. Oft lagen sie abends noch lange in der niedrigen Kammer wach und grübelten darüber nach, was einmal werden sollte, wenn sie nicht mehr waren.

Bedrückt sagte dann die Mutter: »Wir haben keine Verwandten, zu denen wir sie schicken könnten. Sie ist dann ganz auf sich allein angewiesen. Und sie ist doch noch so jung, Mann! Was soll nur geschehen?«

»Noch sind wir da, Frau, noch haben wir unser Auskommen, sie hat hier ein Dach über dem Kopf, ein Bett und auch Essen. Jetzt wird sie uns helfen, denn sie ist ein gutes Mädchen. Mach dir doch keine Sorgen, Frau.«

Aber Therese hörte nicht auf, und natürlich auch Hubert dachte voller Schrecken daran, was mal sein würde, wenn ihnen etwas zustoßen sollte. Hier oben in der Einsamkeit und allein, konnte sie unmöglich die Sennwirtschaft weiterführen. Das ging einfach nicht!

Veronika wusste von diesen Gedanken nichts. Sie schrubbte im Augenblick den Kübel, und dabei dachte sie: Vielleicht sollte ich zum Lehrer gehen und ihn fragen. Vielleicht gibt es in Bruck Arbeit für mich, jetzt, wo die vielen Urlauber kommen, um sich unsere Berge anzusehen. Ich möchte so gern einmal fort, und wenn es nur für ein Jahr ist, dann komm ich ja wieder heim.

Ihr junges Herz sehnte sich fort, sie wollte unter ihresgleichen sein, zwar nicht in Mixnitz, denn dort wollte man sie nicht, dort war sie ja nichts wert. Sie hatten ja keinen eigenen Hof. Aber in der Fremde würde man nicht wissen, woher sie kam. Und arbeiten, ja, das konnte sie. Hatte sie doch immer arbeiten müssen.

Veronika erhob sich, nahm ihren Holzkübel und ging den schmalen Weg zum Haus zurück. Da lag es in der Sonne. Die Berge im Hintergrund, darüber der azurblaue Himmel. Aber er vermochte auch nicht die Schäbigkeit zu verdecken. Längst hätte es mal wieder der Farbe bedurft. Und dann der Zaun, wie schief und morsch er doch schon war. Und der kleine Küchengarten war verwildert. Die Mutter schaffte es nicht mehr. Schon die fünfzig Kühe zu melken, zweimal am Tag, das machte so viel Arbeit und dann das Scheuern und den Käse bereiten, das Kochen und Waschen. Alles musste mit der Hand getan werden. Es war eine furchtbar schwere Arbeit. Da achtete man dann nicht mehr darauf, wie man aussah, man war froh, wenn man das Tagwerk einigermaßen über die Runden bekam. Und man hatte auch keinen Blick mehr für die Berge und das Alpenglühen und wenn ein Adler reglos in der Luft stand oder die Gämsen in den Felsen herumsprangen. Man hörte auch nicht mehr den Bergbach. Man war nur noch müde und nochmals müde und so froh, dass jetzt die Tochter da war. Wenn auch noch jung an Jahren, erst vierzehn, aber sie schaffte wie eine junge Magd. Da konnte man dann schon mal hin und wieder für einen Augenblick die Hände in den Schoß legen. Aber nicht für lange, denn der Mann rief, und man musste ihm helfen.

Heute sah Veronika mit ganz anderen Augen ihre Umgebung, auch als sie in die niedrige verräucherte Küche kam, sie war sozusagen der Hauptraum. Hier spielte sich alles ab. Dann gab es da noch zwei Kammern, eine für die Eltern und die ihrige. Sie waren aus dem gleichen rußgeschwärzten Holz, und die Betten und der Schrank waren alt. Die Bilder an der Wand waren vergilbt. Da gab es keine Gardinen vor den Fenstern. Alles sah so trist und ärmlich aus.

Veronika hatte aber einen ausgesprochenen Schönheitssinn, und sie dachte: Bevor ich fort geh, räum ich auf, da mach ich das Haus hell und freundlich, und den Garten rieht ich auch wieder her. Und vielleicht zimmert der Vater mir ein paar Blumenkästen für die Fenster. Und den Zaun richte ich auch wieder, sonst laufen mir die Kühe im Garten herum.

Ach ja, sie hatte im Augenblick so erhabene Gedanken und wollte so vieles.

 

 

2. Kapitel

 

Veronika stieß den kleinen Fensterladen auf. Ihr Blick ging genau auf den Röthelstein. Noch nie war sie oben auf seiner Spitze gewesen, obwohl es von der Sennhütte gar nicht mehr so weit war. Ganz zu schweigen vom Hochlantsch, der ja 500 Meter höher war. Sie dachte, während sie sich die blonden Haare bürstete: Nächsten Sonntag steig ich hinauf, ganz allein. Ich möcht mir auch mal von oben die Welt ansehen. Will doch wissen, was die Urlauber so schön daran finden.

Ja, jetzt kam es immer öfter vor, dass Urlauber an der Sennerei vorbeikamen. Sie alle wollten das Drachenloch sehen, mit seinen nackten roten Felsen. Dort gab es herrliche Felsabstürze, und Wasserkaskaden rauschten die Wand herunter. Das war schon ein schönes Schauspiel. Aber auch schon der Aufstieg dorthin, das hieß vom Dorf an ihrer Alm vorbei. Da musste man erst durch den Hochwald, und dann kam die Klamm mit ihren überhängenden Steinzungen. Es war dort so kalt wie in einem Grab, und danach die Schluchten mit den kleinen Brücken. Veronika kannte das alles genau, wie oft war sie hier schon entlanggeschritten. Sie kannte auch keine Furcht. Nur manchmal, wenn der Nebel gar nicht aufsteigen wollte, und wenn sie dann über das Brückchen schritt und es zu ihren Füßen gurgelte, da konnte man schon an Trolle und Geister denken, und man fühlte, wie es einem ganz kalt den Rücken herunterlief.

Jedes Jahr nach der Frühjahrsschwemme kamen die Männer aus dem Tal und sahen die Brücke nach und auch die anderen Wege ins Tal. Denn sie waren gefährlich, wenn der Regen gar zu schwer nieder kam und alles fortschwemmte. Und man wollte ja die Urlauber heranlocken, da musste man aufpassen, dass alles in Ordnung war.

Veronika war mit der Morgenwäsche fertig und ging in die Küche, steckte das Holz in den Herd und setzte den Kessel auf. Bald roch man den Duft von Kaffee, und sie holte das Brot aus dem Schrank und den Käse und deckte den Tisch. Jetzt kam auch die Mutter aus der Kammer. Der Vater war schon lange auf. Er hatte die Kühe gemolken und sie anschließend herausgelassen. Jetzt kam er herein und lächelte.

»Ja, hab ich einen Hunger. Wonach riecht es denn hier so gut?«

»Ich hab die Kartoffeln von gestern noch mal in die Pfanne getan mit ein wenig Speck. Magst du, Vater?«

»Aber gern, ei, da macht das Schmausen Spaß!«

»Ja«, sagte die Mutter. »Vielleicht wird jetzt alles gut, jetzt, wo wir eine frische Kraft im Haus haben.«

Veronika goss den Kaffee ein.

»Ich hab mir vorgenommen, das ganze Anwesen umzukrempeln, ihr erlaubt es mir doch?«

»Mutter, ein neuer Besen ist da, nun werden die Fetzen fliegen«, schmunzelte der Vater.

Therese verstand, was die Tochter wollte. Als sie noch jung gewesen war, damals, als sie kurz verheiratet waren, da hatte sie auch gedacht, sie könne noch alles ändern, dem Leben trotzen. Aber mit der Zeit und wegen der vielen Arbeit war doch alles so geblieben wie vorher.

»Natürlich darfst du«, sagte sie ruhig, »wenn es dir Spaß macht. Aber darüber darfst du deine tägliche Arbeit nicht vergessen.«

»Nein, ich werd das schon alles schaffen.«

Sie fing auch gleich mit der Küche an, aber sie sollte nicht weit kommen, denn draußen ertönte plötzlich ein lauter Schrei. Sie stürzte hinaus, und der Vater kam auch sofort aus dem Stall. Verkrümmt lag die Mutter auf der Almwiese. Sie hatte die Wäsche aufhängen wollen, alles sollte schnell gehen. Vom letzten Regen war ein ziemlicher Brocken den Berg heruntergekommen, und sie hatte ihn nicht sofort beachtet und war rücklings darüber gestürzt, und zwar so unglücklich, dass sie jetzt allein nicht mehr aufstehen konnte.

»Mutter, hast du Schmerzen?«

Therese verzog das Gesicht und stöhnte leise vor sich hin. »Helft mir doch, es tut so weh, der Rücken.«

»Ja, ja, so wart doch, ich heb dich gleich auf und trag dich in die Kammer.« Doch als Hubert sie dann berühren wollte, schrie sie auf und wurde ohnmächtig.

»So geht es nicht, du meine Güte, hoffentlich ist es nicht etwas Ernstes«, sagte er leise.

Veronika schluchzte auf. »Aber wir können sie doch nit hier liegenlassen, wir müssen es schaffen, Vater.«

Hilfe war weit und breit nicht zu beschaffen. Auf so einer Alm war man auf sich allein angewiesen.

»Wart«, sagte er hastig, »ich häng rasch die Stubentür aus, dort drauf legen wir sie und tragen sie dann hinein. Du schaffst es doch? Du bist ein kräftiges Mädchen!«

»Ja, Vater«, antwortete das Mädchen.

In diesem Augenblick hätte sie alles getan, nur um der Mutter zu helfen. Kurze Zeit später lag die Tür im Gras, und man zog die Mutter vorsichtig darauf. Anschließend trug man sie in das Haus, und hier rollte man sie sacht ins Bett zurück. Man zog sie aus und deckte sie zu. Da kam die Mutter wieder zu sich.

Ihr Gesicht war grau.

»Der Rücken«, murmelte sie leise, »ich glaub, ihr müsst den Doktor holen, es wird nicht so einfach sein.«

Hubert zog Veronika in die Küche.

»Nimm dein Tuch und lauf runter ins Tal und hol den Doktor. Mach rasch, Veronika, sag ihm, die Mutter habe große Schmerzen.«

Veronika nickte. Wenig später sah er sie schon über die weite Almwiese davonlaufen. Aber er dachte: Es wird sehr lange dauern, bis der Doktor da ist, er ist nicht so rasch im Steigen. Und wenn er jetzt nicht daheim ist? Wovon sollen wir ihn nur bezahlen? Wir haben doch kein Geld. Da muss ich den Lorenz bitten, dass er die Rechnung bezahlt, jetzt wo die Veronika hier ist, muss er ihr doch auch wohl etwas für ihre Arbeit geben.

Veronika war noch nie so schnell den Berg nach Mixnitz hinuntergelaufen wie heute. Das Herz tat ihr schon weh, und sie hätte anhalten müssen, um sich ein wenig auszuruhen, aber die Mutter wartete doch auf den Doktor.

Taumelnd erreichte sie nach einer guten Stunde den Ort und lief weiter zum Doktorhaus. Dieser war auch zum Glück da. Er hörte sich kurz an, was sie erzählte. Dann sagte er: »Ruh dich kurz aus, meine Frau wird sich um dich kümmern. Ich hab noch einen Patienten aus der Sägerei zu versorgen. Sobald der fort ist, komm ich mit dir. Können wir nicht ein Stück mit dem Auto fahren?«

»Bis zur Schlucht schon, dort ist der Weg breit und fest, und der Regen hat auch nix fortgerissen. Aber über die Schlucht müssen wir dann zu Fuß weiter.«

»Von dort aus ist es doch nicht mehr weit?«

»Nein, ein Viertelstündchen wird es wohl dann noch dauern«, sagte Veronika.

»Gut, dann werden wir auf alle Fälle keine zwei Stunden brauchen. Und nun geh in die Küche, ich rufe dich gleich.«

Die Doktorsfrau stellte ihr einen heißen Kaffee vor und etwas zu essen. Dankend nahm sie an, und sie merkte auch bald, dass sie sich wohler fühlte. Jetzt würde sie den Rückweg wieder schaffen.

Die Frau des Doktors fragte sie: »Willst du jetzt auch dort oben bleiben?«

Veronika antwortete: »Jetzt ist ja die Mutter krank, aber wenn sie wieder gesund ist, dann möcht ich schon mal für kurze Zeit fort.«

»So ist es recht, Veronika, wenn man so jung ist, dann gehört man ins Tal, zu den Burschen und Mädchen und muss sich vergnügen und nicht immer so ernst sein. Da wollen wir hoffen, dass es der Therese recht bald wieder bessergeht. Der Lorenz sollte sich auch langsam darum kümmern, jemand andern nach oben zu schicken und euch auf den Hof holen.«

Erschrocken blickte Veronika die Frau an. »Das wird der Vater nicht wollen. Er will frei bleiben, sein eigener Herr sein. Und Sie müssen wissen, dort oben ist es wunderschön. So einsam ist es auch nicht, denn jetzt kommen immer mehr Urlauber hinauf, und sie sitzen dann vor unserem Haus und erzählen uns etwas. Sie alle finden die Berge so schön. Nein, ich glaub nicht, dass der Vater je woanders hin will.«

»Aber wenn er die Arbeit dort oben nicht mehr schafft, Veronika, er wird doch auch älter!«

Darauf konnte sie aber schon keine Antwort mehr geben. In diesem Augenblick kam der Doktor und sagte: »So, ich hab alles Nötige eingepackt, wir können jetzt fahren.«

Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte Veronika in einem Auto mitfahren. Das war schon ein komisches Gefühl. Sie sah die Bäume und Berge vorbeiflitzen und die kleinen Schluchten, alles ging so schnell. Sonst musste sie immer keuchend den Heimweg antreten. Jetzt saß sie ganz bequem da und sah zu, wie der Doktor den Berg hinauffuhr. Bis zur Schlucht brauchten sie nur eine gute Viertelstunde. Danach sahen sie schon das Holzbrückchen und hörten auch den tosenden Bach.

Der Doktor stieg aus und blieb für einen Augenblick stehen.

»So kommt man auch mal dazu, die Schönheiten der Heimat zu bewundern. Als ich jung war, bin ich oft in die Berge gekraxelt, aber jetzt bin ich froh, wenn ich mich nach der vielen Arbeit ausruhen kann.«

»Ich möcht auch mal in die Berge steigen«, sagte sie andächtig.

»Ei, da würd ich dir aber raten, tu es nicht allein, das ist gefährlich, Veronika. Schon mancher hat für seinen Leichtsinn bitter büßen müssen, sie sehen so harmlos aus, aber sie haben es in sich.«

So schritten sie weiter und plauderten miteinander. Der Doktor war erstaunt, dass sie so ein kluges und nettes Mädchen war und dachte bei sich: Da muss sie nun hier oben wie eine Gämse zwischen den steilen Hängen leben und hat nix vom Leben und könnte doch so vieles lernen. Wenn ich da an die Dummköpfe im Tal denk, die aber den Kopf recht hochhalten, bloß weil der Vater einen schönen Hof hat. Im Leben ist immer alles verkehrt.

Das Dach der Almhütte kam in Sicht. Jetzt lief Veronika, was sie konnte. Sie rief schon von Weitem: »Wir sind wieder da, Vater, Mutter, wir sind bis zur Schlucht mit dem Auto gefahren, wir kommen.«

»Gott sei Dank«, murmelte Hubert. »Jetzt wirst bald keine Schmerzen mehr haben, Frau!«

Therese lag mit geschlossenen Augen da und wagte kaum zu atmen. Endlich öffnete sich die niedrige Stubentür, und der Doktor trat ein. Mit einem Blick sah er die ganze Ärmlichkeit und schluckte. So also konnte man auch leben, und sofort dachte er: Ob sie wohl immer genug zu essen haben und das Holz im Winter wohl immer reicht?

Der Mann und das Kind mussten jetzt erst einmal die Schlafkammer verlassen. Und dann untersuchte er vorsichtig die Frau. Schmerzen hatte sie schon, aber wie er es sich schon unterwegs gedacht hatte, es war der Rücken. Sie hatte sich die Wirbelsäule angebrochen und würde für den Rest ihres Lebens gelähmt im Bett liegen bleiben müssen. Gewiss, er konnte jetzt zusehen, dass sie in ein Spital kam, aber dort würde man sie auch nicht mehr gesund machen können. Der Weg dorthin würde für die Frau eine rechte Strapaze sein, und später würde man sie wieder zurückschaffen müssen und wofür? Nur um es dann von anderen Ärzten bestätigt zu bekommen? Er strich sich müde über das Haar.

»Ich geb dir jetzt ein Mittel, Therese, danach wirst bald gut schlafen, ich lass dir auch was da. Die erste Zeit wirst es wohl gebrauchen. Ich leg es dir hierhin. Veronika wird dir dann ein Glas Milch bringen, damit wirst es dann einnehmen.«

»Danke, Doktor, jetzt mach ich dir auch noch so viele Mühe, musst meinetwegen den Berg raufsteigen.«

»Das hab ich doch gern getan. Da komm ich mal raus aus dem Dorf, und es hat mir ehrlich Spaß gemacht, du hast da eine nette Person als Tochter, Therese.«

»Wirklich?« Ihr graues Gesicht hellte sich ein wenig auf. »Ja, sie ist unser Sonnenschein, und schon so flink und hurtig bei der Arbeit. Nie denkt sie an sich.«

Er erhob sich von der harten Bettkante.

»So, jetzt nimm auch gleich das Mittel. Ich werd jetzt wohl öfters nach dir sehen.«

Sie umklammerte seine Hand.

»Sag mir, ist es etwas Ernstes, bitte, sag es mir, ich kann die Wahrheit vertragen.«

Er schloss für ein paar Sekunden die Augen, aber dann sagte er sich: Zuerst muss sie die großen Schmerzen hinter sich bringen, sonst wäre es ja reiner Mord, ihr jetzt schon die Wahrheit zu gestehen.

»Ich komm übermorgen wieder, im Augenblick müssen wir erst einmal abwarten, Therese. Schlaf jetzt.«

Ihr Kopf fiel auf das dünne Kissen zurück. Ihre Hände gingen wie suchend über das Deckbett.

»Ja«, sagte sie leise und demütig.

In der Küche saßen der Mann und die Tochter. Ängstlich blickten sie den Doktor an. Veronika sprang jetzt auf und lief zum Ofen.

»Ich habe Kaffee gekocht«, sagte sie leise.

»Danke, den kann ich jetzt gut vertragen, mein Kind.«

»Was ist, Herr Doktor, was ist mit meiner Frau? Wird sie lange liegen müssen?«

Schwer ließ er sich auf einen Holzstuhl fallen.

»Ja«, sagte er müde. »Euch muss ich wohl schon die Wahrheit sagen. Der Therese konnte ich noch nichts erklären, sie muss erst mal von den Schmerzen frei werden.«

»So sprecht doch endlich!«

»Sie wird wohl ab jetzt das Bett hüten müssen. Das Rückgrat ist beim Sturz verletzt worden. Sie ist gelähmt. Ich hab es mir gleich gedacht, als Veronika zu mir herunter kam und davon berichtete. Ich kann nicht mehr sehr viel tun. Werde aber immer mal wieder vorbeikommen und ihr Schmerzmittel bringen. Die erste Zeit wird sie diese brauchen.«

»O mein Gott«, stammelte der Mann. »So wird sie nie mehr laufen können? Und wenn wir sie jetzt in ein Spital bringen? Wenn man sie dort operiert?«

Der Doktor schüttelte den Kopf.

»Natürlich kannst du es tun, aber man wird ihr auch dort nicht helfen können.«

Lange war es sehr still in der Stube. Dann schluchzte Veronika laut auf. »Die arme Mutter, oh du mein Gott!«

»Ich komm wieder vorbei und schau herein. Jetzt wird sie schlafen und das ist gut. Lange können wir es ihr nicht verheimlichen.«

Der Doktor ging und ließ zwei verzweifelte Menschen zurück. Er stand vor der Hüttentür und blickte auf die Berge und dachte: Da kommen die Urlauber, zahlen viel Geld, um diesen Anblick zu genießen, und diese Menschen hier oben, sie sehen ihn alle Tage und sind jetzt recht unglücklich. So ist nun mal das Leben.

Das war ein schrecklicher Schlag. Wohin sollte man mit einer gelähmten Frau?

Das junge Mädchen saß lange still am Fenster und starrte auf die Bergspitzen. Sie wusste, sie war jetzt hier gefesselt. Solange die Mutter lebte, konnte sie nicht fort. Denn wer sollte sie pflegen, den Haushalt machen und für den Vater sorgen?

Heiße Tränen rannen über das zarte Gesicht, und sie bedauerte die Mutter.

Eine Woche lang hatte man sie hinhalten können, aber da fühlte Therese schon selbst, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Sie sah die verweinten Augen der Tochter, der Mann war so bedrückt. Und als dann wieder der Doktor kam, da hatte sie seine Hand gehalten: »Und nun sag mir die Wahrheit!«

Er hatte geschluckt, in die klaren hellen Augen geblickt und ihr dann die Wahrheit eröffnet. Therese hatte seine Hand losgelassen, der Blick war zur Decke gegangen. Ganz still hatte sie dagelegen, und schneeweiß war ihr Gesicht geworden. Nach einer Weile hatte er gehört, wie sie geseufzt hatte: »Oh du gerechter Gott!« Therese haderte nicht, sie lehnte sich auch nicht gegen das Schicksal auf, denn sie wusste, es war ja so sinnlos. Daran würde sich doch nichts mehr ändern. Sie hatte Veronika an ihr Bett gerufen, sie lange stumm angesehen und dann leise gesagt: »Nun liegt alle Last auf deinen Schultern.«

»Mutter«, hatte sie leise erwidert, »du brauchst dich um nichts zu sorgen. Ich werd es schon schaffen, und wenn nicht, dann bist du ja da, und ich kann dich immer fragen.«

»Ich werde euch eine schreckliche Last sein, Kind!«

»Bitte, Mutter, so darfst du nicht reden. Wir sind ja so froh, dass du am Leben bleibst. Wir brauchen dich doch, Mutter. Es wird schon gehen.«

»Du bist ein gutes Kind!«

Was sie damals nicht wussten, war, dass der Doktor zum Lorenz gegangen war und ihm von dem schrecklichen Schicksalsschlag der Familie Abschlag berichtete.

Dieser hatte ihn angeblickt und war im ersten Augenblick geschockt gewesen. Da hatte er endlich eine gute Familie auf der Alm droben, und jetzt sollte sie vielleicht dort nicht mehr schaffen können?

»Das Beste wird sein, du gehst hinauf und sprichst mit dem Hubert, Bauer. Ich weiß nicht, ob die zwei das schaffen, aber zugleich frag ich mich auch, wo sie sonst hin sollen, denn Geld besitzen sie ja nicht.«

So war denn am Sonntag der Großbauer zur Alm gegangen. Er hatte mit dem Hubert ein langes Gespräch gehabt, auch mit der Tochter hatte er gesprochen. Nein, wenn es irgend ging, dann wollten sie von der Alm nicht fort. Hier war ihre Heimat. Im Ort mussten sie ja dann auch Miete zahlen und überhaupt, wenn es irgend ging, dann wollten sie weitermachen, Vater und Tochter.

Als der Großbauer das hörte, war er froh. Der Hubert war ja erst fünfundvierzig Jahre und würde noch an die zwanzig Jahre rüstig bleiben.

»Tja, ich will euch jetzt auch einen Lastenlift bauen, und dann kommt auch Strom auf die Alm. So braucht man nicht mehr den Käse auf dem Buckel runterschleppen. Die Kannen stellt ihr hinein, und ich besorg dann immer, was ihr mir auf den Zettel schreibt, der im Kasten liegt. Und eine elektrische Melkanlage werd ich dann auch einrichten.«

So war dann der Strom ins Haus gekommen. Man hatte jetzt immer Licht und einen Ofen, den man nicht erst umständlich mit Holz anzünden musste, sondern brauchte nur den Knopf herumdrehen. Und jetzt bekam man immer frische Ware aus dem Ort, wenn man wollte, jeden Tag.

Es war zwar sehr beschwerlich, den Lastenlift über die Schlucht zu bauen. Erst sah es auch so aus, als sei das unmöglich, aber dann schafften sie es doch. Und wie glücklich war man, als er endlich in Betrieb genommen wurde. Nun brauchten Veronika oder Hubert nicht mehr jede Woche den beschwerlichen Weg ins Dorf zurückzulegen, um einzukaufen.

Und mit der elektrischen Melkanlage ging es auch viel schneller. Gewiss, nun hatten sie dafür auch an die sechzig Stück Vieh hier oben, denn Lorenz tat nichts aus Barmherzigkeit. Und im Sommer waren noch die Kälber hier oben und die tragenden Kühe. Da hatte man schon alle Hände voll zu tun. Aber der Lohn stieg auch mit der Zeit. Nebenbei besaß man jetzt auch zwei eigene Kühe. Die Milch und den Käse, den man davon machte, verkaufte man an die Urlauber.

Wie froh waren sie nach dem beschwerlichen Aufstieg, wenn man hier oben in der Sennhütte frische kühle Milch bekam und herrlich duftenden Käse sowie Butter. Ja, das schmeckte alles noch nach Natur.

Veronika war flink und schaffte alles. Sie versorgte nebenbei auch noch die Mutter wie eine gelernte Krankenschwester.

Als dann die Schmerzen nachließen, zimmerte Hubert ihr einen Liegestuhl mit Rädern. Im Sommer trug er sie nach draußen auf die Almwiese, so brauchte sie nicht immer in der dunklen Stube zu bleiben. Dort lag sie und sah die Berge und konnte noch Kartoffeln schälen und auch stopfen und stricken. Mit der Zeit waren ihre Hände zart und durchsichtig wie bei einer Städterin geworden.

Nie zeigten die zwei, dass ihnen alles zu viel wurde, im Gegenteil, sie fanden immer mal wieder einen Augenblick, wo sie sich einen Stuhl holten und sich zur Mutter setzten und mit ihr plauderten.

Die Urlauber unterhielten sich auch gern mit der gelähmten Frau. Sie waren sehr freundlich zu ihr. So mancher brachte ihr auch etwas aus dem Dorf mit. Es gab Leute, die kamen regelmäßig jeden Sommer nach Mixnitz. Sie kannten schon die Abschlags. Das war dann ein Begrüßen und Fragen, und Therese hatte ganz glückliche und frohe Augen.

Ja, sie konnte dem Schicksal noch dankbar sein, dann sie hatte eine gute Tochter und einen Mann, der ihr auch jetzt noch treu blieb. Und was Veronika damals als junges Mädchen versprochen hatte, das hielt sie auch. Das Haus sah immer sauber und nett aus, und überall blühten Blumen vor dem Fenster. Und der kleine Garten gedieh prachtvoll. Von früh bis spät war sie auf den Beinen und arbeitete fleißig neben dem Vater und gönnte sich kaum eine Pause.

 

 

3. Kapitel

 

Veronika Abschlag war ein stolzes schönes Geschöpf, aber sehr herbe und schweigsam. Ihre großen klaren Augen konnten bis auf den Grund der Seele blicken. Sie war hart im Zupacken und schreckte vor nichts zurück.

Die Dörfler nannten sie ein wenig verschroben. Nie hatte man sie lachen gehört. Immer ging sie schweigend durch das Dorf. Zu einem Klatsch ließ sich das Mädchen nie verleiten.

»Ja, ja, die hat Haare auf den Zähnen«, wisperten die Klatschweiber. »Kein Wunder, dass da kein Bursch anbeißt. Sie wird mit der Zeit wohl noch schrulliger, komisches Mädchen. Und der Herr Pfarrer und der Herr Lehrer halten so große Stücke auf die Veronika. Also wirklich, die ist schon narrisch.«

Veronika wusste sehr wohl, was man sich im Dorf über sie erzählte, und sie lächelte dann bitter. Sollte sie sich verteidigen? Sie war nun mal so. Wenn man das ganze Jahr über hoch in den Bergen zwischen Himmel und Erde lebt, von dem wirklichen Leben abgeschieden, da wird man so. Da nimmt man alles sehr ernst und kann sich nicht lustig geben. Das Leben, die Berge formen den Menschen, prägen ihnen ihren Stempel auf. Und sie hatte doch einst fortgewollt, hinaus in die Welt. Sie hatte etwas anderes lernen wollen, aber dann war ja alles ganz anders gekommen.

Seit zehn Jahren war nun die Mutter gelähmt. Der Vater war jetzt fünfundfünfzig und sie selbst fünfundzwanzig Jahre.

Was wussten denn schon die Dörfler von ihrer großen Sehnsucht. Sie hatte doch auch ein Herz und sehnte sich nach Liebe, nach einem Menschen, dem sie gut sein konnte. Sie wollte auch Kinder haben. Aber da war niemand, der die Sehnsucht in den großen Augen von Veronika bemerkte.

Zwar sagte der Vater immer: »Du musst nicht auf uns Rücksicht nehmen, Kind. Du musst auch mal an dich denken. Wenn wir alt sind, dann wird der Lorenz für uns wohl ein Plätzchen finden, und dann kann ich ja auch von meiner Rente leben, und die Mutter wird man schon versorgen. Du aber bist jung, du musst jetzt auch an dich denken. Geh doch mal ins Dorf und misch dich unter die Jugend. Heuer, wenn wieder Kirchweih ist, dann gehst du, und dann tanzt du und bist lustig und vergisst uns einmal.«

Veronika stand am Zuber und knetete den Brotteig. Ihre Augen flimmerten in der Sonne. Kirchweih, dachte sie, und die Brust wurde ihr sehr eng. Aber was soll ich denn dort? Ich kenne doch niemanden, und niemand spricht mit mir. Sie alle blicken mich von der Seite her an. Und ja, wenn ich wirklich gehen will, dann muss ich tagelang vorarbeiten und alles in der Hütte richten und das Essen vorkochen. Ja, und dann endlich kann ich mich um mich selbst kümmern und mir mein Sonntagsdirndl richten, und dann geh ich los. Über zwei Stunden muss ich dann in der prallen Sonne laufen. Wenn ich endlich unten ankomme, ist mein Dirndl zerknittert, und ich bin müde und erschöpft, und die Füße tun mir weh, und ich möcht mich ausruhen. Dann seh ich mir den Festzug an, später strömen sie alle zum Zelt und vergnügen sich. Aber wie kann ich mich vergnügen, wenn ich schon wieder an den Heimweg denken muss, der drei Stunden dauern wird? Ich hab doch niemanden, bei dem ich im Ort nächtigen könnte.

Die Dörfler nennen mich auch gottlos, weil ich am Sonntag nicht mehr in die Kirche geh, früher hab ich es ja noch gemacht. Aber der Herrgott hilft mir auch nicht, ich muss sehen, wie ich mir allein helfe. Fünf Stunden für eine kurze Stunde in der Kirche, und dann an einem Tag, wo ich ein wenig mehr Zeit für die Mutter hätte. Nein, ich bleib lieber hier oben und schau ins Gebetsbuch und singe ein wenig mit der Mutter.

»Hörst du, Veronika?«

Nun war sie doch in Gedanken gewesen und hatte gar nicht mehr gehört, was der Vater sagte.

»Ich werd es mir überlegen, Vater.«

Hubert hatte einen krummen Rücken und müde Augen. Sein Herz war auch schwer, denn er wusste nicht, was einmal werden sollte, wenn er nicht mehr war. Was würde sein, wenn er vor der Frau sterben würde? Dann würde die ganze Last auf den Schultern der Tochter liegen. Sie hatten eine gute Tochter, ja, aber sie sollte doch selbst leben. Und manchmal sah er sie am Rand der Schlucht stehen, die Augen bedeckt, und sie starrte ins Dorf. Er fühlte ihre Sehnsucht. Sie wollte fort, und doch blieb sie.

Wieder seufzte er schwer auf.

Was nützt mir die Kirchweih, dachte sie müde. Ich werde mir einen schönen Tag machen. Dann kommen bestimmt keine Urlauber herauf.

 

 

4. Kapitel

 

Carl Pfeifer, der Förster, und Veronika kannten sich jetzt schon bald ein ganzes Jahr. Der Glaube an die Frau war ihm in der Stadt genommen worden. Er hatte eine Frau wirklich geliebt, alles hätte er für sie getan, aber sie hatte nur mit ihm gespielt, ihn mit dem besten Freund betrogen. Und bald wäre es ihretwegen sogar zu einem Mord gekommen. Damals als das Blut hochschlug und heiß war, da hatte er nur rot gesehen und um sich geschlagen, nicht mehr sehend, was er tat. Sein Herz war tödlich verletzt. Wäre der Freund nicht auch groß und stark gewesen, so hätte er ihn gewiss totgeschlagen. So kam es zu einer mörderischen Schlägerei, und er verlor dabei ein Auge. Fast verblutet wäre er, wenn man ihn nicht rechtzeitig gefunden hätte.

Der Freund war damals mit dem Mädchen auf und davon und hatte ihn einfach im Blut liegen lassen. Auch später, als die Polizei wissen wollte, wieso es zu dieser schrecklichen Schlägerei gekommen sei, da war er nicht gekommen. Carl hatte verbissen geschwiegen und sich gewünscht, er möge sterben, denn dann würde sein Herz endlich Ruhe geben.

Aber er blieb am Leben, und man machte ihm das Leben auch noch schwer. Jetzt hieß es, er sei ein jähzorniger Mensch, der einfach wehrlose Menschen anfalle und sie zusammenschlagen würde. Den besten Freund habe er so zugerichtet. Er hatte alles still geduldet. Dann hatte man ihn zum Amt befohlen, und dort hatte man ihm gesagt: »Also, das geht nimmer, hier herrscht Ordnung, und darum sind Sie strafversetzt. In Bruck können wir solche Leute wie Sie nicht brauchen. Nächsten Monat siedeln Sie über nach Mixnitz, dort werden Sie dann Ihren Dienst tun.«

So war er also vor einem Jahr in das Dorf gekommen. Natürlich war ihm sein Ruf vorausgeeilt So mancher besaß Verwandte in Bruck, und denen erzählte man, man bekäme einen neuen Förster. Als man den Namen nannte, wussten dann die Verwandten nichts anderes zu tun, als ihnen zu erzählen, welch böser Mensch der Pfeifer sei.

»Nehmt euch vor dem bloß in Acht. Also, macht keinen Zank, oder er schlägt euch tot.«

Da hatten sie sich aufgelehnt und waren zum Amt gegangen und hatten Beschwerde eingelegt, bevor er überhaupt sein Amt antreten konnte. Aber beschlossen war nun mal beschlossen. Mit zusammengepressten Lippen sah man dann zu, wie der neue Förster ankam. Er bezog das Forsthaus unten in der Schlucht. Mehr recht und schlecht versorgte er sich selbst. Er war zu jung und bekam noch zu wenig Geld, als dass er sich eine Haushälterin hätte leisten können. Bestimmt wäre auch keine zu ihm gezogen.

Carl Pfeifer bemerkte sehr wohl, woher der Wind kam, und sein Herz versteinerte sich. Nie ging er in den Krug. Nur kurz kam er ins Dorf, um seine Einkäufe zu tätigen. Dann aber verschwand er wieder in seine Berge.

Wenn er nicht ein so guter Förster gewesen wäre, dann hätte man vielleicht noch eine Eingabe gemacht, sich bitter beklagt, aber alles, was recht war, er sorgte für Ordnung und Ruhe im Revier, und der Wald kam wieder in Ordnung, und die Holzfäller mochten ihn ganz gerne.

»Er ist ein netter Mensch, er spricht kaum und trinken tut er auch nicht, aber sonst ist er ein feiner Kerl.«

Pfeifer litt noch sehr lange unter dem, was man ihm angetan hatte. Sein Herz fand auch hier nicht sofort die Linderung, die es so dringend brauchte, um zu gesunden. Und dann wurde er menschenscheu, hasste sie alle abgrundtief, besonders die jungen Mädchen. Alle waren sie falsch und gemein, nein, man konnte ihnen einfach nicht trauen. Und die alten Weiber waren ihm auch verhasst, sie klatschten den ganzen Tag und machten dem Mann das Leben schwer. Pfeifer ging ihnen allen aus dem Weg. Wenn er einer begegnete im Wald, dann wurden seine Augen so böse und zornig, dass sie gleich machten, dass sie ins Dorf zurückkamen. Nein, da wagte sich keine an das Forsthaus, obwohl es früher immer eine Ehre für eine Dirn war, wenn sie den Förster ehelichte. Bekam er doch einmal eine Staatspension, wär er für das Dorf doch auch so etwas wie eine Respektsperson und lebte man doch auch in dem schönen Forsthaus. Alles wunderbare Vorzüge, sonst konnte man doch nur einen Bauernbursch bekommen oder einen Holzfäller. Handwerker gab es so gut wie gar keine.

Aber der Carl Pfeifer, nein, lieber ließ man sich mit dem Teufel höchst persönlich ein als mit diesem Menschen. Nein, da bekam man ja das Fürchten, wenn man ihn sah, und dann seine Augen: Die waren so dunkel und so kalt und seine grollende Stimme. Recht hatte man getan, als man ihm das Auge ausschlug.

Dafür trug er jetzt ein Glasauge, und es war gut gemacht, sodass man nicht mal genau wusste, welches denn jetzt nun bei ihm fehlte.

Als sich der Förster mit seinem Revier vertraut gemacht hatte, kam er auch eines Tages auf die Alm beim Drachenloch. Anfangs hatte er immer einen großen Bogen darum gemacht. Hinter der Alm ging der Wald weiter bis zum Loch und dann steil hinauf. Aber nicht nur im Wald musste er für Ordnung sorgen, sondern überhaupt, und besonders die Gämsen musste er schützen, kam es doch immer wieder vor, dass sich einer herauswagte, um sie zu schießen. Das Gehörn war bei den Urlaubern sehr beliebt, und die Decke konnte man auch gut verkaufen. Ganz früher wurde ja noch viel mehr gewildert, in den großen Kriegen und kurz danach, als das große Hungern war. Doch jetzt war es ruhig im Revier. Das heißt, der Förster hatte das Gefühl, es würden bei den Gämsen welche fehlen. Aber ganz sicher war er sich da noch nicht. Doch er würde auf der Hut bleiben und aufpassen. Irgendwann würde er eine Spur finden.

Ja, wie gesagt, er hatte zuerst immer einen Bogen um das Anwesen gemacht. Man sah ihn immer in der Ferne Vorbeigehen. Veronika hatte die Augen zugekniffen und ihm nachgeblickt. Hubert hatte im Dorfkrug gehört, welch schlechter Ruf ihm anhing.

»Lass ihn nur, wenn er nicht will. Er sieht doch, dass unsere Tür immer offensteht.«

Veronika war schweigend ihrer Arbeit nachgegangen und hatte sich um die Mutter gekümmert.

Eines Tages hatte Carl dann durch sein Glas die gelähmte Frau im Liegestuhl bemerkt und sich gewundert. So wenig wusste er von den Abschlags da drüben. Und da saß er nun auf einem Felsvorsprung und grübelte nach. Dann sagte er sich: Vielleicht sollte ich wirklich hinübergehen. Vielleicht kennen sie noch nicht meinen schlechten Ruf, und ich kann mich ein wenig mit ihnen unterhalten.

Carl litt sehr darunter, dass man ihn im Dorf mied. Er war auch ein Mensch und suchte die Gesellschaft. Oft kam es vor, dass er tagelang kein Wort sprach. Er hatte schon Angst, er würde das Sprechen noch mal ganz verlernen. So hatte er sich denn einen Ruck gegeben und war eines Tages über die weite blumenbestreute Wiese geschritten, und dann hatte er an der Liege gestanden und sich freundlich mit Therese unterhalten. Veronika hatte es gar nicht bemerkt und war ganz arglos um die Hausecke gekommen. Da war es aber dann zu spät gewesen, und sie hatte nicht mehr zurückgehen können.

»Grüß Gott, Herr Förster«, hatte sie kurz gesagt.

Carl hatte aufgeblickt und sie erstaunt angesehen, aber dann war sein Blick schnell zur Seite gegangen, und er hatte sich wieder mit der Mutter beschäftigt. Sein Blut regte sich aber, und das Herz bäumte sich auf.

Sicher hat sie auch einen Liebsten und mit dem ist sie auch nicht immer so lieb, wie sie sich gibt, dachte er. Diese Mädchen, oh, ich kenne sie. Sie locken mit den Augen, mit dem Mund und sind doch so schlecht.

Die Vergangenheit stand wie eine Wand zwischen ihnen, und er brachte kaum ein Wort über die Lippen. Veronika merkte wohl, dass er sehr seltsam war, aber zugleich bemerkte sie auch, wie nett er mit der Mutter sein konnte, und da sagte sie sich: So schlecht kann er gar nicht sein.

Das erste Mal blieb der Förster nur sehr kurz. Aber merkwürdigerweise konnte er jetzt nicht mehr um den Hof herumgehen. Immer, wenn er jetzt in ihrer Nähe war, machte er einen kurzen Abstecher in die Almhütte.

Er lernte auch den Vater kennen, und immer war die Tochter dabei. Mit Veronika hatte er noch kein Wort gesprochen. Sie flößte ihm noch immer Angst ein und verwirrte ihn auch zugleich.

Veronika ließ ihn gewähren, aber wenn er die Stube verließ, dann blickte sie ihm lange nach. Carl ging in den Wald zurück und zergrübelte sich den Kopf über sie. Zu gern hätte er alles über sie gewusst. Aber lieber hätte er sich selbst die Zunge herausgerissen, als ins Dorf zu gehen, um zu erfragen, was mit ihr sei. Aber das brauchte er auch gar nicht, schon bald hörte er selbst, dass man an der Veronika kein gutes Haar ließ. So erfuhr er auch, dass sie ihr ganzes Leben oben auf der Alm zugebracht hatte. Einen Freund besaß sie auch nicht. Das wunderte ihn sehr, denn sie war doch eine Persönlichkeit, ja eine Schönheit, und schaffen konnte sie doch auch. Merkwürdig, warum man das nicht bemerkte! Bis ihm aufging, dass man sie mied, und sehr bald wusste er auch den Grund, und er hätte für einen kurzen Augenblick am liebsten all diese harten Bauernschädel genommen und entzweigeschlagen. So hart und gemein konnte man also sein. Da war nun ein junges Mädchen, das sich opferte, und zum Dank dafür lachte man noch hinter ihrem Rücken her.

Es trug sich zu, dass Veronika eines Tages im Dorf war, als auch er bei der Krämerin eingekauft hatte. Manchmal musste man eben selbst mal einkaufen und konnte nicht alles in den Lastenlift legen.

Veronikas Wangen waren leicht gerötet, und sie hörte sehr wohl die beiden Frauen hinter ihrem Rücken reden. Da war dann der Förster hervorgetreten, hatte sich an ihre Stelle gesteht und laut gefragt:

»Wenn du fertig bist, dann will ich dir gern tragen helfen, Veronika.«

Zum ersten Mal war da ein Mensch, der sie in Schutz nahm. Veronika hatte für einen Augenblick Tränen in den Augen.

»Danke«, sagte sie leise, »aber ich schaff das wohl.« Sie nahm den Rucksack und schnallte ihn auf den Rücken. Die eine Tasche hielt sie in der Hand. Als sie sich aber nach der zweiten bücken wollte, nahm sie der Carl und hob sie hoch. Sie war sehr schwer.

»Dann komm, machen wir uns auf den Weg, Veronika!«

Da hatten die Frauen gestanden und ihnen offenen Mundes nachgeblickt.

Zuerst waren sie ziemlich lange stumm nebeneinander geschritten, aber dann waren sie doch ins Gespräch gekommen. Jeder merkte recht bald, dass der andere heimlich kluge Gedanken hatte und man sich prachtvoll mit ihm unterhalten konnte. Und worüber man sich nicht alles unterhielt. Noch nie war Veronika der Weg so kurz vorgekommen. Ehe sie sich versah, stand sie schon in der Schlucht, und da war der Weg, der zum Forsthaus abzweigte.

»Jetzt kann ich die Tasche gut selbst tragen«, sagte sie und blickte ihn einmal kurz an.

»Warte, wenn du mit ins Haus kommen willst, so bring ich meine Sachen fort, und dann gehe ich mit. Aber bei mir ist es nicht so blitzsauber wie in der Almhütte.«

Veronika staunte nicht schlecht, als sie die Stuben sah.

»Morgen will ich putzen«, sagte der Förster hastig.

Zum ersten Mal nach langer Zeit lachte sie kurz auf. »Du meine Güte, da brauchst halt jeden Tag sehr viel Zeit, um alles zu finden?«

Carl besaß auch Humor, nur war er ganz verschüttet.

»Komm, jetzt tragen wir die Sachen hinauf, und ich bin da ganz eigennützig, denn ich hoff, dass ich dann ein Stück von dem selbstgemachten Brot erhalte.«

»Ach, so ist das also«, sagte sie und lächelte. »Man arbeitet also nur für reellen Lohn und nicht für ein Vergelt’s Gott!«

»Davon wird der Magen nicht voll«, sagte der Förster und lachte ebenfalls zum ersten Mal nach langer Zeit. Er war selbst ganz erstaunt darüber und legte erschrocken die Hand über den Mund.

Wenig später sah man dann die beiden, Seite an Seite den Rest des Weges zurücklegen. Der Vater stand oben vor der Haustür und sah sie ankommen. Sein erster Gedanke war: Vielleicht wird doch noch alles gut. Wenn jetzt der Förster Gefallen an unserer Veronika fände, dann bliebe sie hier in den Bergen und würde doch glücklich. Alles würde sich dann endlich zum Guten wenden und die vielen Sorgen hätten endlich ein Ende. So ein Förster sucht nicht nach einer großen Mitgift, der hat ja selbst keinen Hof.

Beide ahnten sie nichts von den Gedanken des Vaters. Veronika selbst ging gleich in die Küche, brühte einen Kaffee auf und ging dann zum Fenster, wo die Mutter im Sessel lag und schüttelte ihr die Kissen auf.

»Ich hab dir auch wieder ein Buch mitgebracht, Mutter. Jetzt kannst du wieder lesen.«

»Ach, Veronika, du sollst doch das Geld für dich ausgeben, hörst du!«

»Aber du liest doch so gern, und ich tu es auch und der Vater. Wir haben doch dann alle unsere Freude daran.«

Carl Pfeifer saß am Tisch und hörte erst stumm zu. Er wurde mit hineingerissen, ob er wollte oder nicht, und seine Bewunderung für das Mädchen kannte bald keine Grenzen mehr. Langsam ebbte der alte Schmerz ab. Nur hin und wieder, besonders des Nachts, da fühlte er noch die nackte Angst in sich hochkriechen. Dann stand alles wieder so klar und deutlich vor seinen Augen, als sei es erst gestern geschehen. War es doch sein allerbester Freund gewesen. Er hatte ihm voll und ganz vertraut.

»Ich hab daheim noch eine Kiste Bücher stehen, von der Stadt her, ich bring sie gern, wenn ihr so gern lest, Abschlagin.«

»Wirklich?«, lächelte die Kranke gütig. »Wissen Sie, Förster, da liegt man nun schon an die zehn Jahre und muss sich noch bedienen lassen und kann so wenig tun, und dann verursacht man auch noch Kosten. Warum sterbe ich denn nicht endlich? Ich bin doch so nutzlos.«

»Mutter, red doch nicht so, das bist du wirklich nicht. Wir sind so froh, dass wir dich noch haben, nimm den Kaffee! Ich hab dir hier auch ein Brot gestrichen. Komm, ich richt’ dich ein wenig auf.«

Carl sprang auf und half dem Mädchen, denn es war eine schwere Arbeit für sie allein. Der Vater war noch im Stall. Wieder einmal hatte er ganz dunkle Augen und versuchte zu ergründen, was hier vorging. Gab es denn wirklich so verschiedene Menschen? Oder waren die Berge daran schuld? Blieb man hier oben rein und gut? Wurde man in der Stadt vielleicht böse und hart?

Manchmal spürte der junge Förster sehr wohl, dass auch Veronika unter Fernweh litt, oder zumindest sehnte sie sich nach einem anderen Leben. Ganz besonders, wenn an einem Tage besonders viel Urlauber oben gewesen waren. Sicher, sie verdienten dann immer dabei, und so konnte man sich hin und wieder etwas mehr leisten. Aber wenn sie dann fortgingen, den Berg hinunter, diese jungen Frauen mit ihren Männern, dann fühlte sie wohl, wie ihr Herz sich aufbäumte. Sie war doch nicht blind und sah, wie nett sie miteinander waren und wie viel Spaß sie hatten.

Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie bis jetzt nur Arbeit und Verachtung kennengelernt.

 

 

5. Kapitel

 

Hin und wieder blieb Veronika stehen und blickte auf die Bergspitzen.

»Es ist schon so lange her, da bin ich auch mal droben gewesen.«

»Wenn es dir so viel Spaß macht, warum gehst dann nicht wieder hinauf?«

Sie zuckte die Schultern.

»Ich möcht auch schon mal zum Gipfelkreuz. Wie ist es, Veronika, würdest du mich führen?«

»Freilich«, sagte sie leise. »Das wäre wirklich nicht so dumm!«

»Also abgemacht, sobald ich Zeit hab, melde ich mich und dann steigen wir in die Wand.«

Veronika ging voraus, er sollte nicht sehen, wie ein Rot über ihre Wangen zog. Schon seit einiger Zeit freute sie sich sehr, wenn sie den Förster in der Ferne sah, aber lieber biss sie sich die Zunge ab, als dass sie je ein Wort darüber verlieren würde.

Er ist doch Beamter, dachte sie bei sich, und wird sich hüten, so ein armes Mädchen wie mich anzublicken. Gewiss hat er schon eine andere im Sinn! Zu ihr war das ganze böse Geschwätz noch nicht direkt gedrungen. Sie wusste wohl, da gab es ein Geheimnis um ihn, aber fragen tat sie nun doch nicht.

Sie war ja dem Schicksal schon dankbar, dass es ihr so eine Art Freund geschickt hatte.

So stand sie also als Erste unter der Drachenwand, und sie blickte hinauf und sah das Abendrot sich in der Wand brechen. Ach, sie hatte schon gar nicht mehr gewusst, wie schön es hier oben war. Aber dann ging ihr Blick weiter, und sie sah plötzlich etwas in Gebüsch liegen. Sie lief sofort hin und kniete sich nieder.

»Oh«, sagte sie erschrocken.

Carl kam ihr nach, und dann sah er auch die tote Gämse. Er fluchte nicht schlecht.

»So ist also doch wieder ein Wilderer im Revier, man sollte ihnen die Hälse durchschneiden. Schau mal, wie man es zuschanden gejagt hat, und dann ist es die Wand hinuntergestürzt. Erst als es mit gebrochenen Knochen hier unten lag, da hat man ihm den Gnadenschuss verpasst. Und das Gehörn ist natürlich schon fort. Die Decke taugte wohl nichts mehr!«

Veronika war ganz erschrocken.

»Aber«, stammelte sie leise, »in all den Jahren, wo wir hier oben leben, hat es nie einen Wilderer gegeben. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.«

»Sieh doch hin, so musst du es glauben. Ein Jäger tut so etwas nicht, seine Beute liegen lassen. Und überhaupt, Gämsen stehen unter Naturschutz und dürfen gar nicht geschossen werden. Hier schon gar nicht, denn wir haben so wenig an der Zahl. Das muss ich unbedingt melden.«

Er war wirklich sehr zornig.

Carl Pfeifer war Förster aus Leidenschaft, und er liebte das Wild und dies hier, das war wirklich arg.

»Jetzt werd ich nicht rasten noch ruhen bis ich den erwisch, der mir das angetan hat, und dann gnade ihm Gott, mit dem werd ich hart ins Gericht gehen. Anzeigen werde ich ihn auf der Stelle. Da kenne ich keine Gnade mehr!«

Veronika sah die zornigen schwarzen Augen auf sich gerichtet und zuckte unwillkürlich zusammen. Jetzt hatte sie richtig ein wenig Angst vor ihm.

Carl bemerkte es gar nicht, er sah noch immer die tote Gämse an und war wütend.

»Es kann sich nur um einen Einheimischen handeln, denn nur die wissen ganz genau, wo sie sich aufhalten. Und nur sie können hier oben so hinschleichen, dass sie weder von mir noch von euch gesehen werden. Du hast doch nix gesehen, oder?«

»Nein«, sagte sie hastig. »Nein, hier war außer dem Lorenz schon lange keiner mehr oben. Bis auf die Urlauber, aber die haben alle kein Gewehr bei sich, nur den Feldstecher. Seit wir den Lift haben, kommen sie auch nicht mehr, um den Käse zu holen. Früher musste man ja noch raufkommen, und wir mussten ins Tal.«

Der Förster stand an die Wand gelehnt und wischte sich über die Stirn, dabei ließ er alle Dörfler vor seinen Augen vorbeiziehen, aber soweit er das beurteilen konnte, war keiner darunter, dem man so eine Gemeinheit Zutrauen konnte. Und wenn es doch ein schwarzes Schaf gab, und das tat es ja, dann war es seine Pflicht, es zu entlarven, damit würde er sich aber nur noch verhasster machen.

Hart traten die Backenknochen hervor. Er würde wirklich keine Gnade kennen, und er pfiff darauf, wie man hinter seinem Rücken redete. Dieser Mensch, der ihm das angetan hatte, dem würde er schon heimleuchten.

»Komm«, sagte er rau, »mir ist jetzt die Lust vergangen, ich will heim.«

Alles war wie weggeweht. Vorhin hatte man noch so lustig geplaudert, sich hin und wieder auch ein wenig geneckt, aber jetzt schritt er an ihrer Seite zurück, und Veronika hatte das Gefühl, als merke er gar nicht, dass sie bei ihm war.

Kurz vor der Sennhütte besann er sich wieder auf das Mädchen. Er reichte ihr die Hand und sagte: »Da werd ich mich jetzt wohl des Nachts herum treiben müssen und am Tag schlafen. Vorläufig kann ich nicht mehr kommen. Grüß mir die Mutter. Ich werd die Bücher vor die Tür legen, denn wenn ich hier vorbeikomme, schlaft ihr gewiss noch.«

Sie hätte so gern gesagt: Ich will gern aufstehen und Kaffee kochen und ein Brot schmieren. Nach so einer langen Nacht muss der Hunger doch groß sein. Aber sie brachte es nicht über ihre Lippen.

Pfeifer ging davon, über die Almwiese und bog in den Tannenwald ein.

 

 

6. Kapitel

 

Als Veronika die Küche betrat, erzählte sie den Eltern, was sich ereignet hatte. Der Vater meinte: »Das kann ich mir kaum denken. Früher haben sie es alle getan, da war der Hunger auch groß. Aber da hat man auch keine Gämsen geschossen, die waren sowieso so hoch und zeigten sich kaum.« Das war alles, was die Abschlags darüber redeten.

Die Arbeit ging weiter, und man dachte nicht mehr daran. Wie versprochen, lagen aber eines Morgens ein paar Bücher auf der Schwelle. Und wieder ein paar Tage später noch ein paar. Er hatte sie also doch nicht ganz vergessen, und ihr Herz schlug ein wenig höher. Doch dann sagte sich das Mädchen: Er bringt die Bücher doch nur für die Mutter. Er hatte Erbarmen mit ihr, er meint mich ja gar nicht. Traurig brachte sie die Bücher in die Schlafkammer der Mutter.

Es war Herbst, und da konnte sie nicht mehr draußen sein, das war nicht gut für ihre Knochen. Alle paar Monate kam der Doktor vorbei und sah sich die Kranke an. Aber das machte er nur, um mal an die Luft zu kommen, wie er sagte.

Draußen regnete es jetzt sehr viel und es kam wieder die Zeit, da die Einsamkeit sehr groß wurde. Im Sommer hielt man sich die meiste Zeit draußen auf. Alles war dann licht und hell, und man freute sich, und die Urlauber brachten Abwechslung. Aber sobald die ersten Herbststürme einsetzten, war es dann ganz aus. Da lebten sie wie in einem Iglu. Nur wenn sie zum Lift mussten, kamen sie noch aus dem Haus. Das Vieh war höchstens zwei Stunden draußen, denn hier oben war ja alles anders, da wurde es schneller dunkel und auch kühler, und der Winter kam auch früher. Oft hatten sie schon im Oktober eine dicke Schneedecke auf der Wiese liegen. Im Augenblick war es aber noch nicht so.

Es würde der erste Winter sein, da in der Schlucht der Förster wohnte. Aber wenn der Schnee erst mal hoch lag, dann würde er auch wohl nicht mehr kommen. Jetzt waren schon über vierzehn Tage vergangen, und sie hatte ihn nicht mehr gesehen.

Veronika versuchte ihn zu vergessen.

Aber dann sollte etwas passieren, das ihr ganzes Leben verändern sollte. Am Tag war alles so wie sonst gewesen, nur die Mutter hatte stärkere Schmerzen, und auch der Vater klagte jetzt mehr über Rheuma. Sie machte sich an die Wäsche, buk das Brot und war am Abend rechtschaffen müde, als sie in ihre Kammer ging. Sie hatte das Licht noch nicht gelöscht und las noch ein wenig in ihrem Buch. Dann mussten ihr doch wohl die Augen zugefallen sein. Plötzlich hörte sie so etwas wie einen Schuss!

Erschrocken richtete sie sich in ihren Küssen auf, dann sprang sie aus dem Bett und ging in die Küche, aber die Eltern hatten nichts bemerkt. Danach war auch alles sehr still. Aber soweit sie sich erinnern konnte, war der Schuss aus der Richtung des Drachenlochs gekommen. Sie versuchte, durch das Dunkel der Nacht zu blicken, aber diese stand wie eine pechschwarze Wand vor dem kleinen Fenster.

Schon wollte sie wieder in die Kammer zurückgehen, als die Stalltür zuschlug. Hier oben schloss man nie die Türen ab. Wer sollte denn auch schon kommen?

Veronika blieb starr und steif stehen, sie fühlte ganz deutlich, es war jetzt jemand im Stall. Sofort dachte sie an den Förster. Vielleicht suchte er wegen des Unwetters Unterschlupf, wollte sie aber nicht wecken und war einfach in den Stall gegangen.

Aber ich bin doch auf, dachte sie, und da kann er doch auch in die Stube kommen. Sofort rannte sie in die Kammer und kleidete sich an. Danach nahm sie die Lampe und ging in den Stall. Sie wollte nicht das große Licht anknipsen, dann würden die Kühe nur unruhig. Zuerst sah sie nichts. Der lange Gang lag unheimlich vor ihr. An der rechten Seite befand sich die Melkanlage, und an der linken lag noch Heu vom Abend zuvor. Darüber war die Bodenluke, aus der sie es geworfen hatten. Veronika war so erstaunt, dass sie den Förster nicht vorfand, dass sie schon glaubte, sie habe sich geirrt. Aber da vernahm sie ein leises Stöhnen. Es kam aus der Hausecke.

»Wo sind Sie denn?«, wisperte sie. »Warum kommen Sie denn nicht näher? Kommen Sie doch!«

Die Kühe wandten träge ihre Köpfe herum und blinzelten sie an. Hier war es immer warm. Veronika lief hastig den Gang entlang. Bang sagte sie sich, vielleicht ist er verletzt. Ich hab doch ganz deutlich einen Schuss gehört. Dann bog sie um die Ecke und sah richtig einen Mann im Heu liegen. Sie war so erstaunt, dass sie im ersten Augenblick kein Wort über die Lippen brachte.

Es war nicht der Förster Carl Pfeifer, sondern ein junger Bursch. Das Haar hing ihm nass im Gesicht, und seine Kleidung war arg zugerichtet, zudem hielt er sich die ganze Zeit den linken Arm. Und jetzt sah sie auch zwischen den Fingern Blut hervorquellen.

»O du mein Gott«, stammelte das Mädchen erschrocken, stellte die Lampe nieder und beugte sich über den Mann.

Dieser wischte sich jetzt mit der gesunden Hand über das Haar und hob den Kopf. Im Schein der Lampe erkannte sie ihn sofort.

Es war Loni Schnepper, der Sohn vom Bürgermeister.

»Du meine Güte, bist du verletzt?«, fragte sie hastig.

»Ja«, stöhnte er. »Ein Streifschuss, nicht schlimm, aber es tut verdammt weh.« Wieder stöhnte er vor sich hin und drückte sich noch mehr in das Heu hinein.

»Lass mich mal sehen, ich versteh ein wenig von Verletzungen. Hier oben muss man das ja können, da kann man nicht um jeden Kratzer zum Arzt laufen.«

Vorsichtig streckte er ihr seinen Arm hin. Sie schob mit einem Ruck den Ärmel hoch. Er hatte recht, es war wirklich nicht sehr schlimm, aber die Wunde musste gesäubert werden, sonst konnte es wirklich noch eine Blutvergiftung geben.

Sie starrte ihn an.

»Wie kommst du zu der Wunde? Und was tust du hier oben, in der Nacht? Bist denn total narrisch geworden? Ein Fehltritt, und du landest in einem der vielen Grate und Schluchten.«

Der junge Mann, er war grad an die Zwanzig, fühlte sich hundeelend. Jetzt kam der ganze Jammer über ihn, und er begann zu zittern und klammerte sich an das Mädchen.

»Ich fleh dich an, verrat mich nicht, oh Veronika, bei allen guten Geistern, ich schwör dir alles, aber verrat mich nicht. Bitte!«

»An wen soll ich dich denn verraten, Loni?«

Er wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und stöhnte wieder.

»Der Pfeifer ist doch hinter mir her. Er hat mir auch eins auf den Buckel gebrannt. Aber zum Glück hab ich ihn noch rechtzeitig gesehen und konnte so verhindern, dass er mich totschießt. Du meine Güte, ich hab noch nie so viel Angst ausgestanden wie in dem Augenblick.«

»Der Pfeifer wollte dich totschießen?«, keuchte das Mädchen. »Das glaub ich dir niemals, das ist Verleumdung, wenn du das sagst.«

»Und doch ist es so, er ist doch im Drachenloch. Da hält er sich versteckt, und ich komm ganz ahnungslos heran, und da schießt er gleich.«

Hastig erhob sich das Mädchen, ihre Lippen zitterten. Nun war ihr plötzlich alles ganz klar.

»Du hast also wieder eine Gämse geschossen«, sagte sie böse. »Du bist also der Wilderer, du bist der gemeine Mörder und Dieb, der sich an unseren Gämsen vergreift. Wo sie dazu noch unter Naturschutz stehen. Du hast doch so viel Geld daheim. Oh du mein Gott, recht hat der Förster getan, ja, nicht grad totschießen, aber du wirst deine gerechte Strafe bekommen, oh ja, das hat er mir gesagt.«

»Nein«, stammelte Loni erschrocken und riss seine dunklen Augen weit auf. »Nein, ich fleh dich an, wenn du mich verrätst, dann schlägt mich der Vater tot. Ich bitt dich, hilf mir doch. Ich flehe dich an.«

Er lag vor ihren Füßen und weinte. Veronika blickte auf die Lampe und sah im Geist den alten Schnepper vor sich. Der Loni hatte insofern recht, er war wirklich ein jähzorniger Mensch, und die Frau litt auch unter seinem Wesen. Alles wollte er besser haben, keiner durfte ihm gegen den Strich kommen. Sogar hier oben wusste man um das Wesen dieses Mannes.

Veronikas Lippen zuckten kurz auf.

»Wirst mir versprechen, nie mehr auf Gämsen zu schießen, überhaupt nicht mehr zu wildern?«

»Ja, ja, ich versprech dir bei der Heiligen Jungfrau, ich werd es nie und nimmer mehr tun. Bei meiner Ehr, ich halt mein Wort.«

»Gut«, sagte sie leise, »wenn das so ist, dann will ich mal überlegen.«

»Oh, ich danke dir, ich danke dir von ganzem Herzen, Veronika. Das werd ich dir nie und nimmer vergessen.«

»Warte hier, ich hole jetzt rasch heißes Wasser, die Salbe und Verbandzeug. Ich werde dich erst verarzten, und danach wirst du mir alles erzählen.«

Sie rannte in die Küche zurück. Ihr Herz war in Aufruhr. Wenig später war sie wieder im Stall und behandelte Loni. Tapfer war er kein bisschen, und wenn sie ihn nicht ermahnt hätte, so hätte er mit seinem Geschrei noch die Eltern geweckt. Dabei stellte sie sich schon so hurtig und flink an und tat ihr Möglichstes.

»So, das ist jetzt geschafft, jetzt kannst du aufatmen und dich zurücklehnen.«

Die dunklen Augen blickten sie dankbar an, um seine Lippen schwebte ein kleines Lächeln.

»Ich danke dir, Veronika, du bist ein wundervolles Mädchen, ich hab gar nicht gewusst, wie hübsch du bist, in der Tat, da lebst du hier oben und wir im Ort wissen es nicht einmal, oder kommen die Burschen zu dir herauf?«

Sie schien ihm wirklich zu gefallen. Veronika kannte das gar nicht, das Aufblitzen in den Augen eines jungen Mannes, das unwillkürliche Werben. Sie errötete heftig und strich sich den Rock glatt.

»Jetzt wirst mir erst sagen, warum du es überhaupt getan hast, Loni. Das will ich wissen, das ist mein Recht!«

»Ich brauchte doch Geld«, sagte er leise. »Der Vater hält mich arg knapp, immer wenn ich mal mehr haben will, dann sagt er nur, wart bis ich tot bin, dann gehört dir alles, also wart noch. Aber er kann mit seinem Herzen hundert Jahre alt werden, und ich bin jung. Ich bin doch kein Schulbub mehr. Ich bekomm so wenig, dass ich mir sonntags kaum ein Bier leisten kann. Ja, und dann haben wir mal eine Autotour gemacht, der Ferdinand Schranz und ich. Er hat doch ein Auto, und da wollte ich auch mal fahren, ich fahr doch daheim auch immer den Trecker. Er hat mich gelassen, aber da war die verdammte Kurve, und just in dem Augenblick kam jemand von oben, und da hab ich den Wagen vom Ferdinand geschrammt. Er war ganz schön sauer, und ich musste die Reparatur bezahlen. Wenn ich das dem Vater gebeichtet hätte, du meine Güte, der hätte mir doch auf der Stelle den Kopf abgerissen. Ich war so verzweifelt. Der Ferdinand pochte auf sein Geld. Da ist mir halt die Idee mit den Gämsen gekommen. Die Fremden sind doch ganz wild auf das Gehörn und die Decken. Und ich wollt ja auch nur zwei bis drei schießen, mehr nicht. Die erste Gämse hab ich neulich geschossen, das ging ganz leicht. Ich hab das Gehörn abgetrennt und wollt mir am nächsten Tag die Decke holen. Die muss man am hellen Tag abziehen, sonst wird sie nicht gut, aber da war die Gämse schon nicht mehr da.«

»Der Förster und ich haben sie gefunden«, sagte sie ruhig.

Der Bursche stöhnte auf.

»Und ich hab gedacht, ein paar Urlauber, die kreuchen doch überall herum.«

»Doch nicht mehr um diese Zeit«, sagte Veronika. »Wir stehen doch kurz vor dem ersten Schneefall. Vielleicht um Weihnachten, da könnt es noch mal angehen, aber ein gutes Skigelände haben wir hier oben ja nicht.«

»Verflucht, hätte ich doch bloß an den verdammten Förster gedacht, dann wäre ich nicht hinaufgestiegen.«

Veronika sagte: »Du hast mir also versprochen, es nie mehr zu tun.«

»Ich werde mich hüten, ich will mich doch nicht über den Haufen schießen lassen.«

Veronika dachte gründlich nach. Der Carl wollte ihn, wenn er ihn fing, sofort der Polizei übergeben. Das würde einen Skandal, im Dorf geben, alle würden sie auf dem Loni herumhacken, und sein Vater würde ihm nachher das Leben zur Hölle machen. Womöglich wurde er dann erst richtig böse und gemein. Sie kannte seinen Vater. Wenn er erfuhr, was sein Sohn getan hatte, nein, das konnte nicht sein, so weit durfte man nicht gehen.

Es reute ihn ja, und er hatte ihr fest versprochen, nie mehr auf Gämsen zu schießen. Das war es doch, was auch der Carl erreichen wollte. Jetzt würden sie wieder geschont bleiben. Gewiss, er hätte eigentlich eine Strafe verdient, der Loni. Aber war er nicht unschuldig, wenn der Vater ihn wirklich so kurzhielt? Da musste ja ein junger Mann auf dumme Gedanken kommen.

Der Loni tat ihr leid und sie wollte ihm helfen, wollte nicht, dass er unglücklich wurde.

Sie wollte es ihm gerade sagen, als laut an der Haustür ein Pochen ertönte.

Loni stöhnte auf und vergrub sein Gesicht im Heu.

»Das wird der Förster sein, oh du mein Gott, der bringt mich noch um, ich lauf fort.«

Veronika sprang auf.

»Warte hier, ich mach das schon. Verhalt dich ganz still. Oder noch besser, kriech nach oben und versteck dich im Heu, ich schick ihn wieder fort.«

Hastig versteckte sie die Schüssel und das Handtuch, dann nahm sie ihre Lampe und ging in die Küche.

»Aufmachen, sofort aufmachen«, hörte Veronika den Förster rufen.

Mit einem Ruck zog sie die Tür auf und sagte halblaut: »Aber sie ist doch gar nicht verschlossen, und bitte nicht so laut, die Mutter und der Vater schlafen.«

Der Förster stolperte in die Küche. Er war völlig durchnässt und verdreckt.

»Wo ist der Lump?”, fragte er Veronika.

Diese nahm sich sehr zusammen und tat ganz harmlos.

»Was ist denn los, Carl, bist ja so aufgeregt, weißt eigentlich, wie spät es ist? Also, für einen Besuch bestimmt nicht die richtige Zeit.«

»Ich hab ihn ganz deutlich gesehen, er muss auch verletzt sein, er lief vor mir her, und ich weiß, dass er diese Richtung eingeschlagen hat. Er muss sich hier versteckt halten.«

»Wer denn?«

»Der Wilderer, der Lump und gnade ihm Gott, jetzt sitzt er in der Falle. Nun kenn ich keine Gnade mehr. Da wollt er sich doch schon wieder eine holen. Er wollte sich anschleichen, und wenn am frühen Morgen die Gämsen hervorkommen, dann wollt er wieder auf sie schießen. Aber das hab ich ihm verleidet. Wo ist er also?«

»Ich bin nur hier und die Eltern«, sagte Veronika ruhig, obwohl sie ganz weiche Knie hatte, denn sie log zum ersten Mal in ihrem Leben. Und es tat ihr eigentlich ein wenig leid, ausgerechnet den Förster anzulügen. War er nicht so etwas wie ein Freund?

Carl Pfeifer starrte das Mädchen an.

»Das glaub ich nicht«, sagte er, »er ist in diese Richtung gelaufen, er kann nicht weit gekommen sein. Er muss hier sein. Veronika, du hast hier einen Verbrecher im Haus, und ich werd ihn jetzt suchen, diesen Lumpen. Er kann sich vor mir nicht verstecken.«

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass hier niemand ist, Carl.«

Er kniff die Augen zusammen. Sie kam ihm sehr merkwürdig vor.

»Wieso regst du dich so auf?«

»Ich will nicht, dass du so viel Lärm machst, und außerdem, das hier ist nicht dein Haus, und du kannst nicht einfach darüber verfügen. Wenn ich dir sage, dass hier niemand ist, dann musst du mir das schon glauben.«

Jetzt erst fiel ihm auf, dass das Mädchen vollständig angekleidet war.

»Und woher weißt du das so genau? Er kann sich ja im Stall versteckt haben. Und wieso bist du noch um diese Zeit auf? Veronika, weißt du etwas? Verschweigst du mir etwas? Steckst du vielleicht mit dem Wilderer unter einer Decke? Soll er dir vielleicht das Fleisch bringen?«

Sie wurde totenblass.

»Das hättest du nicht sagen dürfen«, stammelte sie. »Wie gemein du doch bist, du kennst mich also so wenig. Oh, und ich hab gedacht, wir wären Freunde, aber jetzt weiß ich, ich war nur Mittel zum Zweck, mehr nicht. Ja, jetzt glaub ich auch, dass du böse und gemein bist, dass du kein Herz hast. Dir ist alles egal, Hauptsache, du bist auf dem Amt gut angeschrieben. Darum willst du doch auch den Wilderer, um zu zeigen: So ein toller Kerl bin ich, das schaff ich alles.« Sie geriet in Erregung und merkte schon gar nicht mehr, was sie alles sagte. Es hatte sie halt hart getroffen, dass er von ihr glaubte, sie könne wirklich zulassen, dass man die Tiere abschoss.

Carl Pfeifer fühlte sich auch sehr getroffen. So also dachte sie von ihm. Sie hatte sich also von dem Geschwätz aus dem Dorf anstecken lassen.

Das tat sehr weh! Und dabei war er so schnell gekommen, um ihr zu helfen, sie zu schützen, denn Wilderer waren mitunter recht gefährliche Menschen. Und er hatte ihn doch nicht erkannt. Fühlte er sich in die Enge getrieben, konnte er einfach losschießen. Wer so gemein Wild abknallte, dem kam es mitunter auch nicht auf einen Mord an.

Beide Menschen standen nun in der niedrigen Stube und blickten sich an, jeder totenblass und mit wundem Herzen. Carl fühlte wieder die Vergangenheit in sich hochsteigen. Er hatte es ja gewusst, Frauen waren nicht so selbstlos, sie spielten den Männern immer etwas vor. Und er wäre bald ein zweites Mal darauf hereingefallen.

Es zuckte in seinem Gesicht, aber der Bart verdeckte es. Kalt verbeugte er sich vor dem Mädchen.

»Es tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Ich gehe jetzt wieder.«

Veronika fühlte sich elend. Wenn er jetzt einfach ging, dann würde er nie mehr wiederkommen, das fühlte sie ganz genau. Aber da war auch Loni, dem sie versprochen hatte zu helfen. Und wenn sie einmal etwas versprach, dann hielt sie das auch.

»Carl«, sagte sie leise.

Er war schon an der Tür und drehte sich jetzt langsam herum. Geisterblass wirkten die Augen in ihrem schmalen Gesicht.

»Ich hab es nicht so gemeint, Carl, bitte verzeih mir.«

»Schon gut«, sagte er kalt. »Ich hab es gehört.«

»Bleib doch noch, ruh dich aus, deine Kleidung ist doch durchnässt, ich mach rasch ein Feuer, und dann braue ich uns einen Grog, den kannst jetzt gut gebrauchen, sonst erkältest dich noch.«

Er sah nicht, dass sie dadurch um Verzeihung bitten wollte, er glaubte, sie wollte ihn damit bestechen, sodass er in Zukunft die Augen zuhielt, wenn er hier oben vielleicht etwas sah, was er nicht sehen durfte. Durch ihr Wesen, das sie jetzt an den Tag legte, war er fest davon überzeugt, dass sie mit dem Wilderer unter einer Decke stecke. Wie anders konnte es denn auch sein? Sie kannte sich hier oben aus, jeden Stein, jede Schlucht. Vielleicht war sie es auch, die ihn hinführte!

»Nein, danke, ich danke auch schön für das Anerbieten, aber ich hab selbst ein Heim und kann mich gut selbst verpflegen.« Damit hatte er die Tür aufgerissen und war gegangen. Sofort hatte ihn die Dunkelheit geschluckt.

Veronika stand lange Zeit wie gelähmt da. Dann sagte sie sich aber: Ich hab recht, er hat kein Herz im Leib, er ist ein Hagestolz und ein Hochmut, es ist mir nicht schad darum, dass er jetzt nicht mehr kommen wird. Nur wegen der Mutter tut es mir leid, denn die hat sich recht gern mit ihm unterhalten. Und dann seine Bücher. Jetzt muss ich womöglich noch zu ihm gehen und sie ihm zurückbringen.

Sie biss die Zähne zusammen.

Dies war wirklich eine wilde Nacht! Aber sie fühlte sich nicht als Helfershelferin, sie hatte nur Barmherzigkeit gezeigt, als sie den Loni schützte.

Sie nahm die Lampe und ging in den Stall zurück.

 

 

7. Kapitel

 

Veronika musste die kleine Leiter hinaufsteigen. Erst auf ihr leises Rufen hin kroch er aus dem Heu. Er blickte sie etwas unsicher an.

»Ist der Lump fort?«

»Ich hab den Förster fortgeschickt, dazu musste ich ihn sogar anlügen.«

»Deswegen brauchst dir doch keine grauen Haare wachsen zu lassen, Veronika, wirklich, das ist doch ein blöder Hund.«

Sie schluckte ein paar Mal.

Loni sah sie im Schein der Lampe an und meinte: »Ja, was machen wir denn jetzt?«

»Draußen ist noch immer ein Unwetter, ganz nass wirst sein, wenn du unten im Dorf ankommst.«

Er blickte sie düster an. »Wie ich den Förster kenne, wird er bestimmt noch irgendwo auf der Lauer liegen. Ich muss doch durch die Schlucht.«

»Freilich musst du das und es könnt auch sein, dass das kleine Brückchen wieder einmal fortgeschwemmt ist. Wirklich, in der stockdunklen Nacht kannst nicht gehen.«

»So bleib ich halt hier. Es ist trocken und warm, und du verrätst mich ja nicht. Die Eltern glauben sowieso, ich sei bei meinem Freund in Frohnleiten und wolle dort auch ein paar Tage bleiben. Jetzt ist in der Landwirtschaft ja nicht viel los. Man wird mich also nicht so schnell vermissen. Und was der Ferdinand ist, der wird seinen Mund schon halten.«

Veronika war ein echtes Kind der Berge, und die Gesetze waren hier anders, hier musste man sich gegenseitig helfen, oder man war verlassen, besonders wenn die nächste Behausung ein paar Stunden weiter weg lag.

»Gut«, sagte sie, »und bleib ja hier oben, dann findet dich auch der Vater nicht. Ich werd dir in der Frühe etwas zu essen bringen. Du musst dich aber still verhalten. Ich weiß sonst nicht, was der Vater tun wird.«

»Ich bin dir sehr dankbar, Veronika, dafür hättest eigentlich einen Schmatz verdient, ehrlich.«

Als sie rot wurde, da lachte er leise auf. Ja, so war der Loni halt. Er hatte ein sonniges Gemüt und nahm nicht alles auf die schwere Schulter. Er musste schon so handeln, sonst wäre er ein Duckmäuser neben dem strengen Vater geworden. Loni machte sich auch nicht viele Gedanken, er ließ alles einfach laufen, ging den Weg des geringsten Widerstandes. Jetzt erst einmal war er hier oben, und er lachte sich eins ins Fäustchen, wenn er daran dachte, dass vielleicht in diesem Augenblick der Förster draußen im Wald auf der Lauer lag und ordentlich nass wurde.

Dem war zwar nicht so. Zuerst hatte Carl wohl daran gedacht, aber gewusst, er würde sich dabei den Tod holen. Und dann dachte er auch: Der Bursch ist bestimmt schon längst über alle Berge. Dem hab ich eins aufgebrannt. Morgen gehe ich ins Dorf und frag den Doktor. Vielleicht kann er mir einen Hinweis geben.

So ging der Carl zu Bett, seltsamerweise war er noch immer verärgert, und sein Herz tat ihm mal wieder weh, diesmal wegen der Veronika. Und ihr hatte er geglaubt, sie heimlich angebetet. Und jetzt dies! Seltsam, er konnte sie nicht so schnell vergessen, und dann taten ihm auch wieder seine Worte sehr leid, aber sie hatte sich auch zu seltsam verhalten, wo sie vorher doch so gut miteinander waren. Sogar zur Kirchweih hatte er sie einladen wollen. Und das sollte doch schon was heißen. Wenn man mit einem Mädchen auf ein Fest ging, dann wusste man sofort Bescheid, dann war es etwas Ernstes. Und er hatte gehofft, Veronika würde ihm dann irgendwie zu verstehen geben, ob sie ihn auch mochte.

In dieser Nacht waren seine Träume recht wirr.

Auch Veronika konnte nicht gut schlafen, sie musste immer an Loni denken und an seine Worte, und dabei wurde es ihr ganz heiß. So seltsam hatte er sie angeblickt und dazu noch gelacht.

Mein Gott, sie war ja auch nur ein Mensch, und sie sehnte sich so sehr nach Liebe, dass es schon fast krankhaft war. Nur ihr Stolz hielt sie davor zurück. Und jetzt, wo sie auch nicht mehr mit dem Carl reden konnte! Tief wühlte sie ihren Kopf in die Kissen und stöhnte auf.

Am nächsten Morgen war sie noch ganz übernächtigt. Therese blickte ihre Tochter an.

»Du kommst mir so seltsam vor, was ist denn nur los? Siehst so müde aus!«

»Hab wohl zu viel gelesen gestern Abend, das Buch war so spannend.«

Hubert kam in die Küche und meinte: »Mir war gestern, als hätte ich Stimmen in der Küche vernommen.«

Veronika bekam einen tiefen Schreck, aber dann sagte sie sich, sie müsse den Eltern erzählen, dass der Förster dagewesen sei, sonst würde sich dieser wundern, falls er mal den Vater traf.

»Du hast recht vernommen, Vater, der Carl war hier.«

»Was, mitten in der Nacht?« Die Eltern blickten sich groß an. Also, das hätten sie von ihm wirklich nicht gedacht. Wenn es so war, dann konnte er doch offen am Tage kommen, und sie brauchten keine Heimlichkeiten zu haben.

»Ja«, sagte sie mit möglichst fester Stimme, »er hat einen Wilderer angeschossen und der ist dann fort, und er hat doch tatsächlich angenommen, wir würden ihn aufnehmen, würden sozusagen mit ihm eine Sache machen.«

»Das hat er wirklich gesagt?«, fragte Therese leise.

»Ja, Mutter, und ich war sehr empört und hab ihm meine Meinung gesagt.«

Der Vater setzte hinzu: »Er soll nicht denken, bloß weil wir arm sind, könnte er sich alles erlauben.«

Veronika fühlte sich ganz elend. Ihr tat der Carl schon wieder leid, und sie hatte ihn doch auch gern gehabt.

»Lassen wir ihn doch, er war müde und ganz nass und zornig, da er fort war. Da sagt man schon mal ein Wort, weißt, und wo er doch die ganzen Nächte auf der Lauer gelegen hat.«

»Nimmst ihn also noch in Schutz?«

Veronika erwiderte nichts. Sie stand auf und räumte den Tisch ab. Dabei versteckte sie aber ein paar Scheiben und auch einen Krug mit Kaffee.

Da die Mutter wieder ein wenig schlafen wollte, schloss sie die Kammertür. Der Vater wollte draußen nach den Zäunen sehen. Und so war sie allein im Haus. In der Frühe, als man die Kühe gemolken hatte, da hatte er nichts bemerkt. Jetzt nahm sie die Esssachen und schlich sich damit auf den Speicher. Der Loni war schon ganz ausgehungert. Gierig warf er sich auf die Esssachen, dabei schäkerte er mit Veronika und sagte ihr allerhand Nettes. Er hielt sie auch einmal fest, so, als wolle er sie küssen.

»Ich muss mich doch dankbar erweisen«, erklärte er lachend.

Wieder war sie recht verwirrt. Doch den Tag über, immer wenn es keiner merkte, schlich sie sich zu ihm, und sie musste bald über seine Späße lachen.

»Ich bleib noch ein paar Tage, du bist so lieb zu mir, in der Tat, da mag ich gar nicht fort, Veronika. Oder hast du schon einen Schatz? Nicht, dass er mir nachher auflauert und eins über den Schädel gibt.«

»Nein, nein, ich habe keinen Schatz.«

»Umso besser, und heute Abend, wenn die Alten schlafen, dann kommst du zu mir, und dann plaudern wir zwei zusammen: Sonst ist mir das viel zu langweilig. Denn ich hab beschlossen, so lang die Wunde nicht verheilt ist, geh ich nicht heim, sonst findet der Förster mich doch noch. Das ist nämlich ein ganz schlauer Kopf, weißt.«

Veronika war so arglos, und überhaupt, was war denn schon dabei? Sie steckte ja nicht mit ihm unter einer Decke, sie hatte im Gegenteil dafür gesorgt, dass die Gämsen jetzt wieder in Frieden dort leben konnten. Und was sie jetzt tat, das war doch reine Christenpflicht.

Abends, als der Vater sich in seine Kammer zurückgezogen hatte, da ging sie zu ihm, und sie fand es sehr lustig. Er hatte so viel zu erzählen, und dazwischen machte er ihr immer Komplimente. O ja, der Loni, der wusste wohl, was Mädchen gerne hören.

Hinzu kam noch, dass Veronika dachte: Er ist mir dankbar, dass ich ihn nicht verraten hab, und jetzt mag er mich vielleicht wirklich. Ihr Herz klopfte recht stürmisch. Zwar war sie um gute vier Jahre älter als er, aber das war nicht so schlimm, und wenn sie auch nicht reich war, so war sie doch stattlich und konnte jede Arbeit auf einem Hof. Ja, weil er ihr schöne Augen machte und wirklich nichts unversucht ließ, um sich bei ihr einzuschmeicheln, so glaubte sie in der Tat, der Loni habe sie lieb gewonnen. Liebe auf den ersten Blick. So etwas sollte es ja geben. Sie mochte ihn auch recht gern, er war so lustig und nicht so schwerblütig wie sie.

So blieb es denn nicht aus, was kommen musste. In der zweiten Nacht war sie so berauscht und glaubte so fest an seine Schwüre, dass sie sich ihm hingab. Weil sie sich so sehr nach Liebe sehnte und ihr Blut brannte, dachte sie: Wir haben uns doch lieb, warum soll es da nicht jetzt schon passieren. Veronika hatte einfach den Kopf verloren, und die Welt um sie herum versank in ein Meer von Liebe. Es war so schön, so wundervoll. Sie lag träumend im Heu und konnte es gar nicht glauben, wie verwandelt alles war. Selbst der düstere Boden war jetzt wie ein lichter Palast, und sie hörte die Glocken läuten.

Loni war zwar im ersten Augenblick ein wenig erschrocken, als er fühlte, dass er der erste Mann war und wie rein sie doch eigentlich war. Aber nicht lange machte er sich Gewissensbisse, dazu war er eben zu jung und ein Luftikus. Er nahm, was ihm geboten wurde. Und beim Teufel, da sollte man wirklich verrückt sein, wenn man das nicht tat.

Veronika war wirklich ein tolles Geschöpf und vollkommen und sehr schön. Seine Liebe, die aber nur ein Strohfeuer war, entflammte sich in seiner Brust und hätte Häuser anzünden können. Jetzt, wo ihm die Langeweile genommen war, wo sie sich alle Augenblicke heiß liebten, da hatte er es gar nicht mehr so eilig, nach Hause zu kommen. Aber er wusste auch, man durfte nichts übertreiben. Der Vater konnte sonst womöglich Verdacht schöpfen und beim Freund nachfragen. Dieser wusste ja von nichts.

»Weißt, ich glaub, in der nächsten Nacht muss ich heim. Da ist ja dann auch Vollmond, Veronika. Sonst krieg ich noch Ärger mit meinem Alten, und das möcht ich wirklich nicht. Die Wunde ist verheilt, also, mir kann man nichts nachweisen.«

»Ja«, seufzte sie, »du musst wohl gehen. Aber du wirst doch wiederkommen?«

»Freilich«, versprach er großartig. »Aber sag im Augenblick noch nichts! Ich muss das erst mit dem Auto erledigt haben.«

Veronika machte sich zurecht und sagte: »Ich werd dann vorgehen und sehen, ob du auch wirklich gehen kannst.«

»Das ist lieb von dir, ich möcht dem Förster wirklich nicht in die Arme laufen.«

Am nächsten Abend, als der Mond hoch am Himmel stand, schlichen sie sich aus dem Haus. Veronika ging zuerst neben ihm über die weite Wiese. Sie sah die vielen Sterne über sich und fühlte sich glücklich. Und sie dachte: Jetzt war ich wohl die längste Zeit allein. Nun wird alles gut, und eines Tages werde ich dann nicht mehr hier oben leben, sondern unten im Dorf, und man wird mich nicht mehr verachten und mit mir reden. Wir werden eine glückliche Ehe führen und Kinder haben. Ach, dass es so gekommen ist, wer hatte das gedacht!

Nun hatten sie den Hochwald erreicht. Veronika kannte sich hier genau aus, und sie war es, die vorging und ihm sagte, wo er hintreten musste. Schließlich hatten sie die Schlucht erreicht. Brausend stürzte das Wasser in die Tiefe. Sie hörten es schon von Weitem. Hier war es immer kalt und feucht, und im Sommer schien die Sonne nie in diesen Spalt. Am Tag hatte sie sich vergewissert, ob auch die Brücke wirklich noch ganz war. Nicht weit davon entfernt stand das Forsthaus.

»Du musst jetzt gehen, Loni. Niemand ist zu sehen.«

Noch einmal umschlang er sie und küsste sie heftig. »Du bist wirklich wunderbar.«

Veronika lächelte und strich ihm über das Haar.

»Geh jetzt!«

»Ja.«

Dann lief er los. Er drehte sich auch nicht mehr um. Veronika stand noch eine Weile ganz reglos unter den Bäumen und blickte zum Forsthaus hinüber. In der Stube brannte noch Licht. Er hatte keine Gardinen vor dem Fenster. Und sie musste auf einmal daran denken, wie sie mit ihm nach dem Aufstieg aus dem Dorf ins Forsthaus gegangen war. Ihr war, als sei eine Ewigkeit darüber vergangen. Ihr Herz zog sich zusammen. Seltsam war es schon. Obwohl sie doch jetzt einen Liebsten hatte, so konnte sie es doch nicht gutheißen, dass der Förster sich nicht mehr bei ihr sehen ließ. Irgendwie fühlte sie sich sehr traurig, und sie wusste auch, dass man sich mit ihm viel besser unterhalten konnte als mit Loni. Aber jeder Mensch war nun mal anders. Und sie wollte auch jetzt keine Vergleiche ziehen.

Später würde sie ihm vielleicht mal die Wahrheit sagen, aber jetzt konnte sie das noch nicht. Auch den Eltern hatte sie noch nichts von Loni erzählt.

Langsam ging sie nach Hause zurück, ging in ihre Kammer und träumte von einer seligen Zukunft zu zweit. Sie sah sich auch schon im Kreise von vielen Kindern auf dem Hof der Schneppers.

 

 

8. Kapitel

 

Ein paar Mal kam Loni, und Veronika ging ihm auch ein Stück entgegen. Niemand hatte etwas bemerkt, keiner fragte ihn, wo er denn so lange gewesen sei. Aber dann fiel ganz plötzlich der erste Schnee, und überhaupt, dem Loni war das schon alles zu langweilig. Und dann erst immer drei Stunden hinaufsteigen, um sich mit der Liebsten zu vergnügen, wo man es doch im Tal viel bequemer haben konnte.

Zuerst war er ja noch voller Dankbarkeit gewesen. Nicht auszudenken, was der Vater mit ihm gemacht hätte. Ein paar Mal traf er den Förster mitten im Ort, und dann wurde ihm immer ganz mulmig. Carl hatte ihn nicht finden können, da auch der Doktor nichts sagen konnte.

Ja, und wie gesagt, dann kam der Schnee, und da ging es nicht mehr an, dass man zur Alm stieg. Zum Teufel, dachte der junge Bursche, ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Die Veronika wird das wohl verstehen. Alles was recht ist, sie ist wirklich ein fesches Mädchen. Aber der Vater wird mir den Kopf abreißen, wenn ich ihm sage, ich wollt die Veronika heiraten. Ja, wollte er das überhaupt? Zumal er noch jung war und noch gar nicht daran dachte, sich eine Ehefrau zuzulegen.

Bei Veronika war das natürlich alles ganz anders. Sie hatte ihn wirklich lieb, sonst hätte sie sich doch nicht mit ihm eingelassen. Als er dann nicht zum Treffen kam, schob sie es auf den Schnee und hatte sorgenvolle Augen. Im Winter kam es oft vor, dass sie viele Tage von der Außenwelt abgeschnitten waren. Was sollte sie dann nur machen? So lange ohne den Loni? Sie dachte: Er wird wohl bald kommen und mir sagen, was sein wird.

Der Dezember kam herauf, und in diesem Monat kam dann auch Carl wieder zur Alm hinauf. Er hatte lange geglaubt, Veronika würde kommen und sich entschuldigen. Oft sah er sie an seinem Haus ins Tal vorbeigehen. Aber sie ging immer hastig weiter und blickte nicht mal in seine Richtung.

Als Vorwand gab er an, der Mutter wieder ein paar Bücher zu bringen. Diese freute sich sehr und meinte: »Hast dich lange nicht mehr sehen lassen. Jetzt, wo es doch Winter ist, da musst öfter kommen.«

Veronika stand am Tisch und buk Plätzchen, dabei fühlte sie sich gar nicht wohl. Überhaupt, immer wenn sie nur ans Essen dachte, dann kam es ihr schon hoch. Schon am Morgen fühlte sie sich oft ganz zerschlagen. Und dabei brauchte sie jetzt noch nicht mal so viel zu arbeiten wie im Sommer. Alles war viel leichter. Die tragenden Kühe, in diesem Jahr waren es besonders viel, hatte man zum Herbst hinuntergebracht. So hatte man im Augenblick nur an die dreißig hier oben und nicht fünfzig, wie es üblich war. Also ging alles viel schneller, und doch hatte sie jetzt oft das Gefühl, als habe sie dicke Gewichte an ihren Beinen.

Carl blickte sie von der Seite an.

»Ja, ich will sehen, was sich einrichten lässt. Jetzt wo der Schnee so hoch liegt, da beginnt ja wieder die Wildfütterung.«

Im Sommer hatte Veronika ihm mal gesagt, dass sie das besonders gern sähe. Er erinnerte sich daran und wollte jetzt alles, was zwischen ihnen stand, einfach vergessen.

»Möchtest du vielleicht mitkommen?«, fragte er freundlich.

Veronika fühlte sich hundeelend und zugleich todunglücklich. Seit vier Wochen hatte sich Loni nicht mehr blicken lassen, und dazwischen waren so schöne Tage gewesen, da hätte er gut kommen können.

»Vielleicht«, sagte sie leise.

Der Förster blickte sie von der Seite an. Später, als er fortging und neben ihr in der Tür stand, fragte er ein wenig traurig: »So bist du mir also noch immer böse? Wegen damals?«

»Nein, ich war dir nie so recht böse, nur ...« Aber dann schluckte sie und sagte nichts mehr.

Die Zeit verstrich, und Loni ließ sich nicht mehr blicken. Eines Tages musste sie ins Dorf und auch die Medizin für die Mutter holen. Es war eine schöne Wanderung. Der Schnee lag jetzt fest auf den Wegen, und in der Schlucht war der Wasserfall zu Eiskristallen gefroren. Die Sonne warf ihre Strahlen darauf, und es sah wunderschön aus. Veronika hatte sich warm angezogen und fuhr auf Skiern hinunter. Da ging es sehr schnell. Bald war sie unten im Dorf.

Weil sie sich noch immer so erbärmlich fühlte, ging sie zum Doktor.

»Hast du das schon eine ganze Weile?«, fragte er forschend.

»Nein, seit ein paar Wochen. Zuerst habe ich gedacht, es würde wohl wieder vergehen, und dann bin ich auch immer so zerschlagen.«

»Du hast dich vielleicht überarbeitet, oder es ist Blutarmut. Aber ich will dich mal gründlich untersuchen, dann wissen wir gleich mehr. Wie geht es der Mutter?«

»Soweit ganz gut, aber jetzt im Winter plagen sie die Schmerzen wieder.«

»Achtest du auch darauf, dass sie sich nicht durchliegt?«

»Freilich, ich tu alles, was Ihr mir sagt.«

Während er sich also mit ihr unterhielt, untersuchte er sie. Und da er von einer gründlichen Untersuchung sprach und auch so seine Befürchtungen hatte, so nahm er ihr die Scheu und Angst. Kurze Zeit später sagte er dann: »Du kannst dich wieder anziehen, Veronika.«

Sie wunderte sich ein wenig und fragte sich: Ich hab doch was mit dem Magen. Wieso er mich da überall untersucht und so komische Fragen stellt. Aber der Doktor wird es wohl wissen.

Wenig später saß sie wieder vor seinem Schreibtisch und blickte ihn ein wenig ängstlich an. Er machte ein so ernstes Gesicht.

»Was ist es denn?«, fragte sie leise. »Doch nichts Schlimmes, Herr Doktor?«

Dieser nahm die Brille ab und putzte sie gründlich. Er kannte Veronika schon, seit sie auf der Welt war. Da hatte man sie auf gewisse Weise gern, freute sich an dem stolzen Mädchen, und jetzt dies.

»In gewisser Weise ja, aber das kann ich nicht beurteilen, Veronika.«

»O Gott, was ist es denn? So sprecht doch endlich, ich muss doch gesund sein, wegen der Mutter. Der Vater allein schafft es doch nicht.«

»Veronika, kannst du es dir denn nicht denken?«

»Nein«, sagte sie sprachlos.

»Du bist schwanger!«

»Was?« Dann wurde sie leichenblass und fing zu zittern an. Aber im gleichen Augenblick fiel ihr Loni ein, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Oh du mein Gott, wie hatte sie nur so naiv sein können.

»O nein«, stammelte sie leise.

»Du bist im zweiten Monat schwanger, und ich würd dir raten, es dem Bursch gleich zu sagen. Du kennst doch die Dörfler. Sie sollen nicht über dich reden. Wenn du sofort heiratest, dann kann man es noch als Frühgeburt hinstellen und niemand wird etwas merken.«

Sie taumelte, das ganze Zimmer schien sich vor ihren Augen zu drehen. Mit letzter Kraft erhob sie sich. Das Herz lag wie ein Stein in ihrer Brust.

»Ja«, sagte sie leise, »ich bedank mich auch schön.«

Der Doktor brachte sie zur Tür.

»Also, ich bin immer für dich da, Veronika, das weißt du doch?«

Sie rückte unter Tränen, dann schleppte sie sich fort. Loni, dachte sie mit wundem Herzen, jetzt musst du mich ehrbar machen. Jetzt musst du es tun, du bist doch der Vater meines Kindes.

Sie ging ins Dorf. Aber bald sollte sie erfahren, dass Loni schon vor einer Weile von seinem Vater fortgeschickt worden war. Damit er etwas Rechtes wurde und mehr konnte, hatte er ihn auf der Landwirtschaftsschule in Bruck angemeldet, und dort war er jetzt. Und das war schon vor gut zwei Wochen.

Veronika stand wie erschlagen unter der Dorflinde. Nun begriff sie alles. Er hatte sie nie wirklich geliebt, hatte es als kleines Abenteuer angesehen und war jetzt wohl recht froh, dass der Vater auf diese Idee gekommen war. So ging er ihr elegant aus dem Weg, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie war also ein sitzengebliebenes Mädchen.

Und sie hatte sich mit einer Leidenschaft an ihn geklammert, sie hatte geglaubt, durch ihn würde sich jetzt endlich ihr Leben ändern. Sie wurde ja geliebt, und jetzt wusste sie, dass seine Worte nur Lug und Trug waren. Er hatte all das nur zu ihr gesagt, um sie herumzukriegen. Damals oben auf dem Speicher hatte er aus Langeweile eine Liebschaft mit ihr angefangen. Und sie hatte es nicht gewusst. Jedes seiner Worte hatte sie für echt gehalten. Und sie hatte es auch noch hingenommen, als er nicht mehr so oft zu ihr auf die Alm kam. Sie hatte es auf die Witterung geschoben. Aber jetzt kannte sie die ganze Wahrheit!

Er war fort, und sie konnte ihm noch nicht mal sagen, dass sie ein Kind, sein Kind, unter dem Herzen trug. Sollte sie vielleicht zu seinen Eltern gehen und diesen davon Mitteilung machen? Würde man sie nicht auslachen? Jetzt wusste sie auch, warum Loni nicht wollte, dass sie etwas erzählte. Er hatte sie wohl von Anfang an nicht heiraten wollen.

Veronika stand da, und der Boden schien zu zittern, alles schien sich um sie zu drehen, und sie hielt sich mit letzter Kraft fest.

Sie war so tief gefallen, so tief! Nicht nur, dass sie keinen Mann hatte, keinen Liebsten mehr, nein, jetzt trug sie auch noch ein Sündenkind unter dem Herzen.

»Oh du mein Gott«, stammelte sie vor sich hin. Sie fror, und sie wusste, sie musste gehen, sonst würde man noch auf sie aufmerksam.

So besorgte sie alles und schleppte sich anschließend den Weg in die Berge zurück. Niemand traf sie hier. Sie ging allein durch die Ebene, und dann stieg sie immer höher und höher. Ihr Herz war tot und leer, und das Blut pochte in ihren Schläfen.

Was soll ich tun, was soll ich tun? Bei jedem Schritt dachte sie dasselbe. Zum ersten Mal kam ihr der Weg so kurz vor. Sie wollte noch nicht nach Hause, vielleicht würden die Eltern die Veränderung an ihr bemerken. Sie war in der Schlucht, stand auf der kleinen Brücke. Ein Eishauch kam aus der Tiefe, sie schauderte zusammen. Sie umklammerte das Geländer und starrte nach unten. Ich brauche nur darüber zu springen, dann stürze ich in die Tiefe. Ich werde sofort tot sein. Man wird im Dorf an ein Unglück denken und nie erfahren, warum ich es getan habe. Der Doktor wird schweigen. Er muss ja schweigen.

Wenn ich tot bin, dann hat alles ein Ende, dann brauche ich nicht mehr zu leiden. Bleibe ich am Leben, dann wird man bald mit Fingern auf mich zeigen, hinter meinem Rücken zu tuscheln anfangen. Alles wird noch viel schrecklicher sein.

Und meine Eltern? Tragen sie nicht schon genug an ihrer eigenen Bürde? Sie waren so stolz auf mich, und jetzt dies! Ich bringe ihnen ein Sündenkind heim. Und das muss dann auch noch von dem wenigen Lohn ernährt und versorgt werden. Soll ich denn mein ganzes Leben hier oben allein verbringen?

Ich kann doch nicht mehr!

Sie legte die heiße Stirn auf das eiskalte Geländer und fing an zu weinen. Sie war so verlassen, so trostbedürftig, so sehr am Ende. Veronika konnte nicht mehr! Die starke Veronika war innerlich einfach zerbrochen.

»Veronika!«

Wie aus weiter Ferne hörte sie ihren Namen rufen. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

Sie weinte weiter.

»Veronika, was machst du denn da? Um Gottes willen, lehn dich doch nicht so weit hinüber, du weißt doch, wie morsch es mitunter ist! Veronika!«

Jetzt war der Mann bei ihr und riss sie zurück.

»Du hast mir aber Angst eingejagt, Veronika!«

Sie starrte in das Gesicht des Försters. Er hielt sie an den Schultern umklammert. Erst jetzt bemerkte er, dass ihr die Tränen aus den Augen stürzten.

»Lass mich doch«, lehnte sie sich gegen ihn auf.

Er starrte sie an. Noch nie hatte er sie so außer Fassung gesehen. Richtig unheimlich war ihm in diesem Augenblick. Carl war bei der Wildfütterung gewesen, heuer würde es ein besonders strenger Winter werden, und da musste man rechtzeitig damit beginnen. Als er durch den Hochwald geschritten war, hatte er unten in der Schlucht jemanden gesehen. Zuerst hatte er nicht wirklich ausmachen können, wer das war. Und dann hatte er gedacht, vielleicht will da jemand zu mir. Je näher er aber dann gekommen war, umso deutlicher erkannte er Veronika.

 

 

9. Kapitel

 

Sein Herz hatte heftig zu schlagen angefangen. War sie nun doch wieder wie früher? So hatte sie ihm verziehen, seinen heftigen Ausbruch in der Nacht. Wie bitter hatte er das schon bereut.

Und dann hatte er sie in der merkwürdigen Haltung gesehen, und die Angst hatte ihn gepackt. Jetzt stand er vor ihr und hielt sie fest, und ihre Augen wirkten wie tot.

»Lass mich doch«, sagte sie noch einmal mit müder Stimme.

»Ich soll dich lassen? Ja, willst du vielleicht in die Schlucht?«

Sie starrte an ihm vorbei.

»Und wenn?«, sagte sie ganz leise.

»Du musst verrückt sein, die Kälte muss dir was angetan haben, Veronika. Komm, jetzt kommst du erst mal mit und wärmst dich bei mir auf.«

Sie merkte gar nicht, wie er sie an der Hand nahm und wie ein Kind fortführte. In ihrem Herzen war alles tot – und leer.

Erst als sie in der warmen Stube stand, das prasselnde Feuer im Kamin sah, und als sie spürte, wie er ihr den schweren Umhang abnahm, da erwachte sie wieder zum Leben.

»Setz dich, ich bin gleich wieder da!«

Apathisch ließ sie sich in den Sessel fallen, unwillkürlich streckte sie die Beine der Wärme entgegen. Das tat gut, sie waren schon zu Eis gefroren.

Wärme, Geborgenheit, all das sehnte sie herbei, all das wollte sie auch haben und jetzt war es noch viel weiter in die Ferne gerückt.

Carl Pfeifer kam zurück.

»Hier, trink erst mal den heißen Grog, der wird dir guttun.«

Sie nahm ihn und legte ihre Hände um den heißen Becher. Dann nippte sie kurz daran. Sofort spürte sie die innere Wärme in sich aufsteigen. Irgendwie fühlte sie sich in diesem Augenblick nicht mehr so allein und verlassen. Und die Tränen hörten auch auf zu fließen.

Carl saß ihr gegenüber und trank ebenfalls. Zwei einsame Menschen, hoch oben im Gebirge.

Der Förster zergrübelte sich den Kopf, was ihr wohl zugestoßen sein mochte, dass sie so außer Fassung war. Vielleicht hatte sie schlechte Nachrichten wegen der Mutter erhalten? Aber eigentlich musste man ja immer damit rechnen. Über zehn Jahre war sie nun schon gelähmt und ihre Kräfte aufgebraucht. Sehr lange würde sie nicht mehr machen.

»Veronika?«

Sie hob den Kopf, ihre Lippen zitterten leicht.

»Ich dank dir auch für den Grog.«

»Aber das ist doch nicht der Rede wert, Veronika. Ich möchte dir helfen, hörst du, wirklich helfen.«

Ihre blauen Augen wurden ganz dunkel vor Trauer.

»Mir kann man jetzt nicht mehr helfen«, sagte sie spröde. »Niemand kann mir helfen.«

Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Aber du wirst es nicht tun?«

»Was?«

»In die Schlucht springen!«

Veronika schloss die Augen und lehnte sich zurück. Carl war wirklich ein Freund, jetzt spürte sie es ganz genau. Und damals hatte sie ihn verraten, hatte sich auf die andere Seite gestellt. Aber doch nur, weil sie barmherzig war, weil sie nicht wollte, dass Loni so streng bestraft wurde. Sie hatte ihm nicht die Wahrheit gesagt, sie hatte den einzigen Freund belogen. Damals hatte alles angefangen, so zart und fein. Ach, es war ihr, als wären inzwischen tausend Jahre vergangen.

Bitter war die Erkenntnis, sehr bitter sogar. Sie wusste, er hatte Hochachtung vor ihr, so oft hatte sie es in seinen Augen lesen können. Aber wenn er erst einmal erfuhr, was mit ihr war, dann würde er sich auch von ihr abwenden. Alle würden das tun, vielleicht auch die Eltern!

Sie würde bitter, hart und kalt werden. Nie mehr würde sie lachen können.

Armes Kind, dachte sie müde, armes liebes Kind! Sie fühlte etwas in sich, sie wusste noch nicht was, aber da war etwas, und auf einmal wusste sie, vielleicht würde dieses Kind ihr die Liebe bringen. Sie würde ein Kind haben! Wie sehr hatte sie sich schon immer danach gesehnt. Jetzt würde sie ein Kind haben, aber keinen Mann! Sie straffte auf einmal wieder die Schulter. Sie würde es mit ihnen allen aufnehmen! Ja, dieses Kind, sie würde es lieben, herzen, küssen. Dieses Kind würde ihr die Einsamkeit nehmen, und sie würde dafür kämpfen, und wenn sie fortgehen musste, weit fort, aber jetzt fühlte sie eine tiefe Ruhe in sich aufsteigen. Ihr Kind! Bald würde sie es im Arm halten! Ihr Kind!

Sie öffnete wieder die Augen. Carl merkte zu seinem Erstaunen, dass eine große Verwandlung mit ihr vorgegangen war. So plötzlich, dass man es kaum glauben wollte, wenn man es nicht selbst erlebt hatte.

»Nein, ich werde nicht in die Schlucht springen«, sagte sie laut. »Und ich dank dir dafür, dass du mich vor einer Dummheit bewahrt hast.«

Woher nahm sie die Kraft? Was war geschehen, dass sie so plötzlich wieder die alte Veronika war?

Sie erhob sich.

»Ich möchte jetzt heimgehen, die Eltern werden schon auf mich warten. Ich hab doch die Medizin für die Mutter geholt.«

Carl brachte sie zur Tür.

Draußen kamen schon die ersten Sterne hervor. Die Berge hatten sich eine dicke Mütze aus Schnee über die Ohren gezogen. Im nahen Wald knisterte und knackte der Schnee auf den Tannen. Sonst war es ganz still.

Veronika tat ein paar Schritte, der Schnee knirschte und sang sein eigenes Lied.

»Darf ich euch morgen besuchen kommen?«

Veronika wandte sich um, sie sah den Förster in der Tür stehen, groß und hager, mit dem dunklen Bart. Fast spürte sie so etwas wie Zärtlichkeit für ihn. Ja, vielleicht liebte sie ihn wirklich. Vielleicht hatte sie es schon die ganze Zeit getan. Veronika lächelte, er würde vielleicht nie Kinder haben, würde einsam sterben, nicht wissen wie es war, wenn sich zwei weiche Arme um den Hals legten. Vielleicht, dachte sie weiter, hat er Charakter genug und wird auch zu uns kommen, wenn mein Kind da ist, es würde dann nicht so allein aufwachsen. Der Förster würde ihm Geschichten erzählen von der großen weiten Welt.

Sie kam sich auf einmal so groß vor.

»Ja, gern«, sagte sie freundlich. »Morgen back ich einen Kuchen, du bist herzlichst eingeladen.«

»Danke«, sagte Carl und lächelte.

Das Band war wieder geknüpft. Sie war ihm wieder gutgesinnt. Ihre Augen hatten ihn angestrahlt. Wie hatte er nur so von ihr denken können! Veronika war das wundervollste Mädchen, das er kannte. Vielleicht wurde doch noch alles gut! Sie hatten den langen Winter vor sich. Von seiner Behausung bis zur Almhütte war es nur eine halbe Stunde, und auch im Winter konnte man den Weg gut durch den Hochwald gehen. Unter den Bäumen lag nicht so viel Schnee.

Sie würden sich wieder näherkommen, und dann würden sie sich lieben. Er würde sie bitten, seine Frau zu werden und man würde ins Forsthaus ziehen und glücklich sein. Veronika würde ihm eine wundervolle Frau sein.

»Ja, ich werde kommen«, rief er ihr nach. Aber sie war schon so weit fort, sie hörte, ihn gar nicht mehr.

Ruhig schritt sie das letzte Stück Weg hinauf, und dabei nahm sie sich vor: »Wenn ich die Mutter zur Ruhe gebettet hab, dann werd ich es ihr sagen. Sie kann es dann dem Vater berichten.

Veronika blieb noch einen Augenblick vor der niedrigen Tür stehen und blickte zum Sternenhimmel auf. Hier war es so still, so hoch, fast fühlte man sich schon im Himmel, so wie in diesem Augenblick.

Ich werde ein Kind haben!

 

 

10. Kapitel

 

Therese Abschlag blickte ihre Tochter fassungslos an. Sie wollte und konnte einfach nicht glauben, was diese ihr da eben gesagt hatte.

»Kind«, flehte die Kranke, »sag doch so etwas nicht, damit scherzt man nicht.«

»Ich scherze nicht, Mutter, ich war beim Doktor, und er hat es mir gesagt.«

»Du bist schwanger, oh Gott, Veronika, wer ist denn um Gottes willen der Vater des Kindes?«

Veronika blickte hastig zur Seite.

»Bitte, Mutter, ich fleh dich an, frag mich nie nach ihm. Ich werd es nie sagen.«

»Willst du mir vielleicht damit andeuten, dass du es nicht weißt?”, keuchte die Kranke.

»Doch, ich weiß es, Mutter, aber es ist mein Kind, er hat mich verlassen, und ich werd allein für dieses Kind sorgen. Niemand kann es mir streitig machen. Ich bin stark und kann arbeiten, es wird ihm an nichts fehlen.«

»Oh mein Gott«, stammelte die alte Frau immer wieder. »Warum hast du uns das angetan? Ist denn so nicht schon alles schwer genug im Leben, Veronika? Wie stellst du dir das vor? Und die Dörfler, sie werden über dich herfallen und dich schmähen, sie werden kein gutes Wort mehr über dich reden. Und dann, die Arbeit, ich bin krank, kann nicht laufen und wenn dann noch ein kleines Kind zu versorgen ist, oh, ich kann das nicht verstehen. Warum hast du das getan?«

Veronikas Lippen zuckten.

»Ich habe an alles gedacht, und ich fürchte mich nicht. Ich werde mein Kind lieben, trotz allem, ja, es wird ein Sündenkind sein, es wird keinen Vater haben, aber ich werde ihm alles sein. Und wenn du glaubst, du kannst mich jetzt nicht mehr ertragen, so muss ich dich verlassen, Mutter.«

»Kind, Kind, ich denk doch nur an dich. Du kennst die Menschen noch nicht.«

»Oh doch«, sagte sie mit blutendem Herzen, »oh ja, ich kenne die Menschen sehr wohl.« Damit ging sie aus der Kammer. Wenig später ging der Vater zur Mutter, weil diese ihn gerufen hatte. Ihm erzählte sie nun alles.

Veronika stand in der Küche und spülte das Geschirr. Sie dachte: Die erste Hürde habe ich überstanden. Ich werde es schaffen, ich werde die Zähne zusammenbeißen und kämpfen, du, mein Kind, wirst nicht leiden müssen.

Die Eltern saßen gebrochen in der Kammer. Aber tun konnten sie auch nichts. Und der Vater hatte auch keine Ahnung. Verzweifelt blickten sie sich an.

»Was soll nur werden?«

Therese flüsterte: »Glaubst du, dass es der Förster war?«

»Ich weiß es nicht«, sagte der Mann. »Ich weiß es wirklich nicht. Wenn er jetzt nicht mehr kommt, dann kennen wir den Vater.«

»Du musst dann zu ihm gehen und ihn zur Rede stellen. Er kann unsere Tochter nicht einfach in Schande allein lassen. Sie ist doch ein so gutes Mädchen.«

Hubert nickte schwer.

»Ja, das muss ich wohl tun, aber zuerst müssen wir mal abwarten.

Veronika ging in ihre Kammer und lag noch lange wach. Sie sah schon das Kind vor sich. Ab jetzt würde sie jede freie Minute dazu verwenden, um all die kleinen Dinge zu schaffen, die so ein Menschlein nun mal braucht, wenn es auf die Welt kommt. Jetzt würde sie noch mehr jeden Groschen umdrehen, bevor sie ihn ausgab. Ja, und dann musste sie auch später die alte Wiege vom Speicher holen und sie frisch anstreichen. Als sie an den Speicher dachte, erinnerte sie sich wieder an die Stunden mit Loni und die Tränen kamen heiß und sie zerwühlte ihr Kissen.

Nein, der Förster war es nicht. Da waren sich die Eltern jetzt einig. Er kam am Sonntag frohgemut und hatte ein Lächeln in den Mundwinkeln. Als er Veronika ansah, war es ein richtig verliebter Blick. Ach Gott, seufzte der Vater in der Herdecke, warum hat sie das getan, jetzt, wo er sie mag, man fühlte es doch ganz deutlich, da ist sie in Schande.

Veronika war genauso wie früher, nur stiller und in sich gekehrter. Carl beobachtete sie sehr scharf und dachte immer: Was sie wohl hatte, als sie auf der kleinen Brücke stand?

Doch er fragte sie nie danach.

Das Weihnachtsfest kam herauf, und sie feierten es still wie immer. Er brachte ihnen Bücher mit und war jetzt so etwas wie ein viertes Mitglied des Hauses. Veronika war nett und freundlich zu ihm. Aber zwischen ihnen stand eine gläserne Wand.

»Willst nicht mit mir eine Skiwanderung machen? Ich hab frei, und der Schnee ist wirklich prächtig!«

Sie blickte ihm tief in die Augen. Dann seufzte sie leise und sagte: »Ja, das letzte Mal.«

»Wieso?«, fragte der Mann erstaunt.

»Ach, gehen wir.«

Er ging hinter ihr her, und der Vater blickte aus dem Fenster und grübelte. Warum können sie nicht zusammenkommen?

Veronika genoss diesen Ausflug wie noch nie. Und ganz besonders schön war es, dass sie allein waren. Sehr hoch stiegen die zwei. Es war ein ganz klarer Tag. Sehr weit konnte man sehen.

Carl stand neben ihr und fühlte jetzt den Augenblick gekommen, um über sich zu reden.

»Veronika«, sagte er leise.

Sie wandte sich ihm zu. Still und groß waren ihre Augen. Sie sah schöner denn je aus.

»Nein«, sagte sie leise, »sag es nicht, lass uns diesen Augenblick genießen. Er wird nie mehr wiederkommen. Und darum möchte ich jede Sekunde genießen.«

»Ich verstehe dich nicht, wir können so oft hier heraufkommen. Veronika, du weißt ja gar nicht, was ich sagen will!«

»Doch«, sagte sie leise und blickte zu Boden. Aber dann hob sie entschlossen den Kopf und blickte ihn durchdringend an: »Lass uns Freunde sein, immer! Ich wünsche mir so sehr, dass du mein Freund bleibst!«

Erregt nahm er ihre Hände und sagte mit sehr leiser Stimme: »Veronika, ich möchte aber mehr sein, viel mehr.«

»Es kann nicht sein«, antwortete sie genauso leise.

»Aber warum denn nicht?«, flehte er. »Ich hab dich lieb, von Herzen lieb. Jetzt weiß ich es genau. In der Stadt hat man mir mal sehr wehgetan, und ich hatte den Glauben an die Frauen verloren. Ja, ich hab sie lange gehasst. Aber du hast mich gelehrt, dass es auch andere gibt. Ich bin jetzt wieder frei, ich habe alles überstanden, und darum möchte ich dich fragen, Veronika!«

»Und ich müsste dir mit einem Nein antworten«, erwiderte sie.

Er blickte sie schmerzlich an.

»Veronika, gibt es da einen anderen?«

»Nein, nicht mehr!«

»Aber dann bist du doch frei.«

Sie sah zu den Gleinalpen, die höchste Erhöhung war der Speikkogel.

»Oder hast du mich nicht lieb, Veronika? Bitte, sag es mir doch. Ich fleh dich an, ich muss es wissen.«

»Ich habe dich sogar sehr lieb, Carl. Ich glaub, ich hab dich schon recht lange lieb. Warum hast du mir nicht viel früher davon etwas gesagt? Damals vor der Nacht, als wir die Gämse fanden, hab ich dich schon lieb gehabt, aber du hast mir nichts gesagt, du warst so kalt, so abweisend, und das hat sehr wehgetan, ja und dann in der Nacht!«

»Diese verfluchte Nacht«, stöhnte er. »So steht sie noch immer zwischen uns? Und ich dachte, du hättest mir schon längst verziehen.«

»Ach, was du damals gesagt hast, das hab ich schon ganz vergessen, nein, das ist es nicht. Aber mit dieser Nacht, da fing alles an, und weil es diese Nacht gegeben hat, darum kann ich dir jetzt auch nicht mit Ja antworten, Carl. Bitte, du musst mich verstehen.«

»Du bist frei, du hast mich lieb, und doch willst du nicht meine Frau werden, wie soll ich das verstehen, wie klug daraus werden.«

»Es wird nicht mehr lange dauern, dann wirst du mich verstehen, Carl. Weil ich das weiß und es dann vielleicht sein wird, dass du mich hasst, darum möcht ich dich jetzt schon um Verzeihung bitten und dir sagen, dass es mir so leidtut, so schrecklich leid, dass ich dir wehtun muss, denn ich weiß ja selbst, wie bitter weh es tut, wenn die Liebe, die man jemandem schenken will, verschmäht wird. Aber ich verschmähe sie ja nicht, ich kann sie nur nicht annehmen!«

Carl Pfeifer war tief verletzt. Er verstand Veronika nicht und glaubte nun, sie spiele mit ihm. Damit hatte er nicht gerechnet. Wenn sie ihm gesagt hätte; ich liebe dich nicht, ich kann dich nicht heiraten; das hätte nicht so wehgetan wie jetzt.

An ihrem Gesicht sah er, dass sie auch nicht mehr erklären würde. Und weil er verbittert war, so sah er auch nicht ihren gequälten Ausdruck und wie weh ihr selbst ums Herz war.

So blieb man nicht lange, sondern kehrte zurück. Er brachte sie zur Hütte. Veronika lud ihn ein, doch noch zu bleiben, doch er wollte nicht. In sausender Fahrt fuhr er zum Forsthaus. In seinem Herzen schrie es: Du bist allein, allein, allein!

Veronika blickte ihm lange nach. Sie hatte Tränen in den Augen. Ob er sie je verstehen und ihr damit auch verzeihen konnte?

Stumm machte sie ihre Arbeit weiter. Der Mutter ging es nicht gut, und sie hatte auch unter der Schwangerschaft zu leiden. Die Mutter sagte ihr: »Das ist normal, viele Frauen leiden darunter. Das musst du hinnehmen.« Und nach einer langen Pause sagte sie: »Hast du es dem Förster erzählt?«

»Nein«, erwiderte sie spröde.

»Warum nicht?«

»O Mutter, ich kann es nicht.«

»So schämst du dich also doch um das Kind, das du unter dem Herzen trägst.«

Sie wurde brennend rot. Zum ersten Mal verstand sie die Mutter nicht.

»Schämen«, sagte sie, »warum soll ich das tun?«

»Es ist nicht recht, es ist gegen das Gesetz, du kannst dich nicht auflehnen, Veronika, warum bist du störrisch, warum bist du nicht wie andere Mädchen?«

»Was soll ich denn tun?«, rief sie gequält.

»Der Förster mag dich, ich weiß es.«

»Ja«, sagte sie leise, »ja, er hat mir alles erklärt.«

»Und?«, rief die Mutter erregt. »Merkst du denn nicht, dass das die Wende ist? Dann wird für dich alles gut. Du wirst die Frau eines Beamten und bist versorgt. Vater und ich können in Ruhe sterben.«

»Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn nicht heiraten kann, unmöglich, Mutter.«

»Oh Kind, du hast dir dein Leben selbst zerstört. Das Schicksal hat dir diesen Mann gebracht, und du nimmst ihn nicht, hast alles selbst kaputt gemacht.«

Veronika hielt es nicht mehr aus, sie sprang auf und rannte in die eigene Kammer. Dort warf sie sich auf das Bett und weinte bitterlich. Sie dachte an Loni und dass sie ihn vor dem strengen Vater hatte retten wollen. Sie hatte ihn wirklich geliebt, hatte seinen Treueschwüren geglaubt, war so glücklich gewesen. Und jetzt musste sie dafür bezahlen, alles sollte sie allein tragen.

Musste man da nicht langsam bitter und hart werden? Wie konnte man da noch lachen, und wenn man wusste, wie die Eltern darüber dachten. Sie sähen es lieber, wenn das Kind nicht da sei. Sie verstanden es nicht, dass sie das ungeborene Kind wirklich liebte. Dass sie es weder aussetzen noch sonst irgendetwas damit tun wollte. Es war ihr Kind und niemand konnte es ihr fortnehmen. Niemand!

Veronika brauchte recht lange, bis sie sich wieder gefasst hatte. Draußen türmte sich der Schnee, und sie konnte jetzt auch nicht mehr hinaus, einfach wandern, um so Linderung für ihr gequältes Herz zu finden.

 

 

11. Kapitel

 

Carl Pfeifer war gekommen. Veronika war mit dem Vater noch im Stall und molk die Kühe. Therese hörte ihn und rief ihn zu sich. Er kam in die kleine Kammer.

»Ich hab wieder ein paar Bücher mitgebracht.«

»Hast dich schon lange nicht mehr blicken lassen, Förster«, sagte Therese leise.

»Nein!«

»Hast viel im Revier zu tun?«

»Es geht!«

Therese schloss für ein paar Augenblicke die Augen. »Oder ist es wegen Veronika?«

Der Förster wurde rot.

»Sie will ja nicht«, stieß er hervor. »Abschlagerin, wirst es schon bemerkt haben, dass ich die Veronika lieb hab. Ich hab sie gefragt, neulich, ob sie mich heiraten will, aber sie war so komisch. Kannst du es mir nicht erklären? Weißt du, warum sie nicht will, obwohl sie mich lieb hat, das hat sie jedenfalls zugegeben, lieb hätte sie mich, und da wär auch kein anderer, aber trotzdem will sie mich nicht.«

»Du hast sie also recht lieb?«

»Ja!«

»Ich weiß den Grund«, sagte die Mutter leise. »Ja, ich weiß ihn.«

»So nenn ihn mir!«

Therese wollte der Tochter nur helfen, sie glaubte, bei dem Mann Verständnis zu finden.

»Ich hab ihr gesagt, sie soll es dir selbst erzählen, aber sie tut es nicht. Veronika ist schwanger!«

Carl Pfeifer sprang auf.

»Was?« Völlig entgeistert starrte er die Gelähmte an. »Das ist nicht wahr«, keuchte er, »das lügt Ihr!«

Die Mutter lächelte müde. »Warum sollte ich denn lügen, ich sag es dir, weil ich hoff, dass du sie verstehst, dass du sie trotzdem nimmst. Veronika ist nicht schlecht, sie ist ein gutes Mädchen, tapfer und gut.«

»Nein«, würgte er wieder hervor. »Nein, nein, nicht Veronika, sie doch nicht, sie ist rein und edel, Veronika ...«

Aber als er die Augen der Mutter sah, da wusste er, dass dies ihr Geheimnis war.

»Wer?« stammelte er.

»Das wissen wir auch nicht, sie sagt es uns nicht.«

»Oh mein Gott!«

Er fiel auf den Stuhl zurück und bedeckte die Augen mit der Hand. Ein Bild stand vor ihm auf, wie sie da auf der kleinen Brücke in der Schlucht stand. Damals vor Weihnachten und wie sie ausgesehen hatte, als wolle sie sich runterstürzen. Damals musste sie es wohl erfahren haben!

Veronika war schwanger! Seine Veronika, die er liebte, die er begehrte, die er für rein hielt. So hatte sie also auch nur mit ihm gespielt, alles war also Lüge. Sie war nicht anders als die Frauen in der Stadt. Sie hatte ihn belogen und betrogen! Und er wollte ihr sein Herz schenken, er betete sie an.

Das ging über seine Kraft! Er stürzte aus der Stube und rannte davon. Veronika sah ihn durch die Stalltür. Wenig später kam sie in die Kammer.

»Ich habe es ihm erzählt«, sagte Therese.

Veronika hatte blutleere Lippen. Sie sagte nichts.

Die Zeit verging, und der Förster ließ sich nicht mehr sehen. Sie hatte es ja gewusst, nun würde er auch nichts mehr von ihr wissen wollen. Auch das schluckte sie tapfer hinunter. Die ganze Zeit, auch als die ersten drei Monate vorbei waren, fühlte sie sich nicht sehr gut. Sie schleppte, sich herum und konnte nur schwer ihre Arbeit tun. Der Vater tat alles und er war es auch, der jetzt ins Dorf ging, wenn es mal nötig war. Sie war froh darüber, denn so konnte sie nicht zufällig Loni in die Arme laufen. Nein, dieses Kapitel war für alle Zeiten abgeschlossen.

Sie saß in der Stube, nähte und strickte für das Kleine. Der Vater hatte ihr versprochen, dass er die Wiege richten würde. Aber dazu war ja noch Zeit genug. Im Sommer sollte das Kind geboren werden.

Der Februar kam herauf, mit viel Schnee, klirrender Kälte und Stürmen. Diesmal war es wirklich ein harter und sehr kalter Winter. Oft waren sie tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Aber sie hatten ja den Lift, und so wurden sie mit Lebensmitteln versorgt.

Carl Pfeifer ließ sich nicht mehr sehen!

 

 

12. Kapitel

 

Veronika war im fünften Monat schwanger. Das Kind spürte sie jetzt schon ganz deutlich, und ihr war dann immer ganz eigenartig zumute, wenn sie die kleinen Stöße spürte. Sie fühlte eine warme Glückswelle in sich hochsteigen. Dieses Kind würde sie für alles entschädigen. Sie beide würden glücklich sein. Veronika verstand gar nicht, wie eine Mutter ein ungewolltes Kind einfach aussetzen oder fortgeben konnte. Sie liebte es wirklich. Darin lag ja auch die ganze Tragik. Wie gesagt, sie hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt. Aber eines Nachts wurde es dann ganz schlimm. Sie wurde wach und krümmte sich vor Schmerzen. Als sie das Licht anmachte, sah sie das Bett voller Blut. Wieder kam eine Schmerzwelle, und sie hielt den Atem an, sonst hätte sie laut aufgeschrien.

Als es vorüber war, schleppte sie sich in die Kammer der Eltern. Die Mutter hatte einen leichten Schlaf.

»Mutter, Mutter, was soll ich nur tun?«, stammelte sie unter Tränen.

»Oh mein Gott«, rief Therese, »da lieg ich hier wie ein Stück Holz und kann nicht helfen. Veronika, du musst zum Arzt, du musst sofort einen Arzt haben, sonst geht es nimmer gut.«

Auch der Vater war jetzt wach und sprang aus dem Bett.

»Ich werd ins Dorf laufen und den Doktor holen«, sagte er und zog sich schon die Hose an.

»Das dauert viel zu lang«, stöhnte Therese. »Wenn ich doch nur helfen könnt, bis er hier oben ist, er kann doch jetzt bei dem Wetter nicht mit dem Wagen fahren, er würde in die nächste Schlucht stürzen.«

Veronika umkrampfte den Bettpfosten.

»Ich muss gehen«, keuchte sie, »ich muss selbst hinunter, so bekomm ich eher Hilfe.«

»Wirst das denn schaffen?«, fragte der Vater entgeistert.

Die Schmerzen hatten nachgelassen.

»Es muss«, stöhnte sie, »ich muss es einfach können.«

»Wenn wir nur bis zum Forsthaus kommen, der Förster hat doch einen großen Schlitten ...«, sagte der Vater.

»Nein«, würgte sie hervor. »Nein, ich geh allein. Ich zieh mich rasch an, und dann gehen wir.«

Die Mutter jammerte und betete zugleich. Bei diesem Wetter, und es war so dunkel, würden sie sich da nicht den Tod holen, und Veronika! Oh mein Gott!

»Vielleicht ist das die Strafe«, murmelte sie leise vor sich hin. »Lieber Gott, Lass mir meine Tochter. Sie ist doch ein gutes Mädchen, ich fleh dich an, hilf ihr doch.«

Veronika hatte sich angezogen. Schon das war sehr anstrengend gewesen.

»Komm, Vater, jetzt können wir gehen.«

Als sie vor die Almhütte traten, war es bitter kalt, und der Frost klirrte unter ihren Füßen. Sie hielt den Atem an und dachte schaudernd an den langen Weg ins Dorf hinunter. Sie hatte Schmerzen und konnte nicht so schnell gehen wie sonst, über zwei Stunden würde es schon dauern …

Oh mein Gott, sie war noch nicht einmal ein paar Schritte vom Haus entfernt, als sie schon wieder einen Krampf im Unterleib bekam.

Veronika stöhnte und ächzte und umklammerte den Arm des Vaters.

»Hör nicht drauf, geh weiter, schlepp mich mit, ich muss es schaffen, das Kind, ich muss alles tun, hörst du, ich muss ins Dorf.«

Sie hatten den ersten Buckel hinter sich gebracht, vor ihnen lag die weite Almwiese, und am Rand stand das Holzgerüst mit dem Gestell des Schleppliftes. Als sie daran vorbeigingen, hielt Veronika ruckartig an.

»Ich fahr hinunter«, sagte sie kurz. »Zu Fuß schaff ich es nicht, ich fahr mit dem Lift.«

Erschrocken starrte der Vater sie an.

»Bist narrisch, weißt doch, dass kein Mensch damit fahren darf. Und dann bei diesem Wetter, die Seile sind dann oft vereist, und die Rolle könnte rausspringen. Veronika, das kannst nicht tun.«

»Ich muss, um des Kindes willen, Vater, ich darf jetzt nicht daran denken. Hilf mir lieber. Mit dem Lift bin ich in einer Viertelstunde unten und dann ist es nicht mehr weit bis zum Doktor. Aber zu Fuß komm ich nimmer heil unten an. Der Lift ist meine Rettung.«

Hubert spürte selbst, dass die Tochter es nicht schaffen würde.

»Lass mich gehen, ich lauf so schnell, wie ich kann und hol den Doktor. Geh zur Hütte zurück, Veronika!«

Sie kletterte schon in den Kasten.

»Stell den Lift an, Vater, stell ihn an, ich hab keine Angst. Stell ihn doch endlich an!«

»Veronika, und wenn du in die Schlucht stürzen tust, wenn das Seil reßt, wenn die Rolle das Eis nicht aushält, Veronika, tu es nicht, ich fleh dich an.«

»Bitte, Vater!«

Der eisige Wind pfiff ihnen um die Ohren. Veronika würde womöglich auch sterben, wenn sie jetzt nicht bald zum Arzt kam, er wusste das, Frauen konnten verbluten. So oder so schwebte sie in großer Gefahr, er musste es tun.

Der Vater setzte den Lastenlift in Bewegung. Veronika schwebte davon, war gleich über den nächsten Buckel verschwunden und schwebte dem grausigen Abhang und der Schlucht entgegen. Dort war es immer nass. Das Seil war dort schon vor Jahren gerissen. Und wenn sich oberhalb eine kleine Lawine löste und das Seil mit sich riss! Wie viel konnte es überhaupt tragen?

Hubert bekreuzigte sich. Dann rannte er los, er wollte mit ihr unten sein, vielleicht, wenn sie hängen blieb, dass er ihr dann zu Hilfe kommen konnte.

Er näherte sich der Schlucht und sah das Forsthaus, dunkel, nirgends brannte ein Licht. Warum war sie nicht mit ihm gekommen, zum Förster! Carl musste helfen, er musste ihnen jetzt beistehen, er musste ihm sagen, was sie getan hatten.

Seine Fäuste trommelten gegen die Tür.

»Aufmachen, aufmachen, Carl, ich bin es, Hubert Abschlag, so mach doch endlich auf!«

Die Hunde des Försters schlugen an, davon wurde er wach. Noch nie hatte man ihn in der Nacht geweckt. Sollte das vielleicht ein dummer Scherz sein?

»Was gibt es?«, rief er unwirsch von oben herunter.

»Ich bin es. Der Hubert! Du musst mir helfen, ich fleh dich an, bei Gott hilf mir!«

»Was ist passiert?«

»Veronika ist mit dem Lift hinunter ins Dorf!«

»Was?« Carl wollte mit der Familie nichts mehr zu tun haben. Gar nichts! »Bist du wahnsinnig?«

»Ich musste es tun, sonst verblutet sie uns, sie muss zum Arzt.«

»Warum seid ihr nicht zu mir gekommen? Ich hab doch den Schlitten!«

»Sie wollte nicht«, schrie Hubert hinauf.

Carl schrie: »Ich komm sofort, warte!«

Er hatte sich noch nie so schnell angezogen wie in dieser Nacht. Dann stand er unten und ließ sich von dem Vater alles erzählen. Er hatte sie gehasst, zumindest hatte er die ganze Zeit versucht, sie zu hassen und war ihr aus dem Weg gegangen. Ihr Stolz hatte es nicht zugelassen, dass er helfen sollte.

»Sie wird in die Schlucht stürzen, du hättest es nicht zulassen sollen!«

»Was sollte ich denn tun? Es ist wirklich ernst, Carl!«

»Komm, wir gehen den Jägerpfad und sind in der Nähe, er kommt ja nur langsam voran. Vielleicht können wir ihr helfen, aber in der Todesschlucht gibt es kein Zurück mehr.«

Die beiden Männer machten sich auf den Weg.

 

 

13. Kapitel

 

In dem Augenblick, als sie in den eisverkrusteten Kasten gekrochen war, wusste Veronika, sie legte ihr Leben in Gottes Hand. Als sich dann das Seil straffte und sie davonschwebte, fühlte sie, wie ihr für Augenblicke das Blut in den Adern Stillstand.

Zuerst ging es ganz sacht und leicht, und sie fühlte eine große Erleichterung. Und sie sagte sich: Jetzt brauch ich nicht mehr zu laufen, da wird das Blut nicht mehr kommen. Ich hab es noch einmal geschafft.

Aber dann, nach kurzer Zeit, stellten sich wieder die Schmerzen ein, das junge Mädchen ahnte nicht einmal, dass es schon die Wehen waren. Sie waren so schrecklich und grausam, dass sie sich krümmte und stöhnte. Der Kasten kam ins Schwanken, und sie schwebte der Schlucht mit dem Wasserfall entgegen. Starr vor Angst saß sie reglos da. Wenn sie sich jetzt viel bewegte, dann konnte wirklich die Rolle vom Seil springen.

Der Mond kam hinter den Wolken hervor. In seinem fahlen Licht sah sie den eingefrorenen Wasserfall. Sonst war hier immer ein schreckliches Getöse, aber jetzt war es totenstill. Verzweifelt starrte sie immer wieder nach oben.

Das Mondlicht lag gleißend auf dem vereisten Drahtseil. Sie betete zu Gott, er möge sie hier sicher über die Schlucht tragen. Dann bäumte sich ihr Körper wieder auf, die Schmerzwelle brachte sie bald um den Verstand. Sie krallte ihre Hände in das Holz. Die Kiste, in der sie hockte, schaukelte, und das Seil bog sich unter der Last, das Eis knirschte.

»Oh mein Gott!« Mehr brachte sie nicht über die Lippen. Und das war auch schon viel. Dann war da ein Getöse in der Wand, sie schrie auf. Sie fühlte fast die Lawine, obwohl sie diese nicht sehen konnte. Aber sie lebte schon zu lange in den Bergen, um das Geräusch nicht zu kennen.

»Nein!« Ihr Schrei hallte von der Wand wider. Die beiden Männer befanden sich noch im Hochwald. Sie hörten den Schrei und es lief ihnen kalt den Rücken herunter. Aber auch das, was sie taten, war nicht ungefährlich. Dieser schmale Trampelpfad, den nur der Förster im Sommer nahm, er ging so nah an der Schlucht entlang, ein Fehltritt, und man sauste in die Tiefe. Aber schaffte man diesen Weg, dann war man um vieles früher als sonst unten auf der Landstraße, die zum Dorf führte.

»Schneller«, keuchte Carl.

Der Vater sah nichts mehr, blind stolperte er hinter dem Jungen her und hielt sich an diesem fest. Carl kannte diesen Steg, er konnte ihn auch mit geschlossenen Augen gehen, aber manchmal glitt auch er ab, musste sich in letzter Minute an einem Baum festkrallen.

Veronika öffnete wieder die Augen. Donnernd toste die kleine Lawine in die Schlucht, um Haaresbreite hatte sie die Gondel verfehlt. Ihre Lippen waren blutig gebissen. Sie war am Ende, sie wusste, sie würde es nicht mehr lange durchstehen. Es ging mit ihren Kräften zu Ende. Wäre sie doch oben geblieben, der Mutter in Reichweite. Sie hätte ihr vielleicht mit Ratschlägen helfen können. Jetzt befand sie sich in dieser grausigen Natur, und niemand war da, der ihr helfen konnte.

Dann, als sie schon glaubte, die Fahrt würde nie ein Ende nehmen, sah sie die Landstraße vor sich liegen. Mit einem Ruck blieb er stehen.

Veronika rappelte sich hoch. Füße und Hände waren nur noch ein paar Eisklumpen. Das Blut floss schwer in den Adern. Sie taumelte auf die Landstraße. Die Blutungen hatten wieder eingesetzt, sie spürte es nicht mal mehr. Sie war am Ende, sie fühlte wohl die Kälte in sich hochkriechen, aber sie war zu schwach, um sich dagegen zu wehren. Nur noch ein paar hundert Meter, dann war sie im Dorf. Aber die Häuser lagen noch zu weit weg, als dass man ihre Schreie würde hören können. So lag sie auf der Landstraße, dem Tod preisgegeben, bewusstlos.

Der Förster war als Erster bei ihr.

»Hier liegt sie!«

»O mein Gott«, stammelte der Vater.

»Sie lebt, sie ist nur ohnmächtig.«

Dann sahen sie die große Blutlache.

»Wir müssen sie sofort zum Arzt bringen, komm …«

Selbst am Rand der Erschöpfung, hoben sie das Mädchen hoch und schleppten sie mit sich fort. Sie sprachen kein Wort, jeder sparte mit seinen Kräften. Veronika kam nicht wieder zu sich, und das war vielleicht auch gut so, denn sonst wäre sie schon vor Schmerzen gestorben.

Sie dachten schon selbst nicht mehr daran, dass sie diesen grausigen Wettlauf gewinnen würden. Da sahen sie die Häuser, und das zweite Haus war gleich das vom Doktor. Er war daheim. Weil er oft des Nachts herausgeholt wurde, so hatte er nur einen leichten Schlaf. Er wurde sofort wach, als die Glocke anschlug.

»Ich gehe schon«, sagte er zu seiner Frau. »Bleib du nur liegen. Es ist bestimmt die alte Matten, mit der geht es dem Ende zu.«

Er öffnete die Tür und sah die beiden eisverkrusteten Gesichter, dazwischen die ohnmächtige Veronika. Ohne viel zu fragen, führte er sie sofort ins Sprechzimmer. Behutsam legte man sie auf die Liege …

»Sie verblutet, Doktor«, sagte Carl.

Der Arzt wusste, was los war.

»Um Gottes willen, ist sie den ganzen Weg gelaufen? In diesem Zustand?«

»Sie ist mit dem Lift runter«, stammelte Hubert.

Der Arzt starrte ihn an.

»Das hätte ihr Tod sein können!«

»Aber anders, es ging doch nicht, wenn ich Sie geholt hätte, ich meine …«

Er ging in die Schlafstube und weckte seine Frau. Sie war ausgebildete Krankenschwester.

»Komm, du musst mir helfen, schnell, es geht jetzt nur noch um Minuten.«

Auch sie fragte nicht viel, war sofort auf dem Posten.

Der Doktor fragte die beiden Männer nach ihren Blutgruppen. Carl hatte die gleiche wie Veronika. »Wollen Sie spenden? Sie hat viel Blut verloren, sonst stirbt sie mir unter den Händen fort. Bis ich in Bruck die Stelle hab, ist es zu spät.

»Natürlich werde ich das«, sagte Carl.

Frau Plattner hatte Veronika entkleidet, jetzt kam sie wieder zu sich, sie fühlte die Wärme und öffnete die Augen.

»Ruhig, ganz ruhig, Veronika, jetzt wird alles gut. Mein Mann wird sich um dich kümmern, ganz ruhig liegenbleiben.«

Aber da kam wieder eine Wehe und riss ihr den Schrei von den Lippen. Das Mädchen bäumte sich auf. Carl stand leichenblass an der Tür.

»Das Kind kommt, rasch, Elenora, mach den Förster bereit, sobald ich sag, muss alles fix und fertig sein.«

Er lag wenig später auf der zweiten Liege, und die Kopfhaut zog sich ihm zusammen. Mit eigenen Augen und Ohren musste er sehen, wie grausam sich Veronika abplagen musste. Es war einfach schrecklich.

Und dann, als er glaubte, er hielte es nicht mehr aus, nach einem fürchterlichen Schrei, da war es dann ganz still. Sie lag wie tot da! Er starrte entgeistert in das maskenhafte Gesicht. Er spürte noch nicht mal den Einstich in seinem Arm, er fühlte auch nicht, wie sein Blut durch den Schlauch rann und so Veronika neues Leben gab. Er konnte nur in dieses stille Gesicht sehen, und seine Lungenflügel wurden ihm plötzlich zu eng. Er hatte ein so eigenartiges Gefühl in der Magengrube.

»Was ist?« flüsterte er gebrochen.

»Beten wir, dass sie es übersteht, sie ist ein starkes Mädchen, bestimmt wird sie es schaffen.«

Carl fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. Arme Veronika, dachte er.

Elenora Plattner legte ein Laken um ein Bündel und trug es hastig aus dem Zimmer.

»Was?«

Der Doktor folgte seinem Blick.

»Veronikas Kind, es ist tot! Es war ein kleiner Junge!«

Carl bedeckte mit einer Hand seine Augen, der Doktor sollte nicht sehen, dass er weinte.

Irgendwann, es ging schon auf den Morgen zu, da zog er die Nadel heraus.

»Kommen Sie, jetzt wird sie schlafen, gehen wir, ich glaube, wir haben alle ein Frühstück verdient, und starken Kaffee, Sie besonders!«

Taumelnd erhob sich Pfeifer. Er war ein wenig wackelig auf den Beinen. Wenig später saßen sie in der gemütlichen Wohnstube. Das Mädchen hatte man geweckt. Knuspriger Speck lag auf dem Teller, Spiegeleier, und starker Kaffee. Sie langten tüchtig zu.

Hubert saß tief gebeugt am Tisch und seufzte nur immer wieder.

 

 

14. Kapitel

 

Plattner erklärte: »Das Dorf weiß noch nichts von der Schwangerschaft, ich werde nichts sagen. An mir soll es nicht liegen, Hubert.«

Dieser blickte ihn dankbar an. Das hieß mit anderen Worten, keiner würde mit bösen Worten über sein Mädchen herfallen. Man würde von einem Unfall reden, mehr nicht. Nie würde je die Wahrheit ans Licht kommen. Sie war in den Augen der Dörfler dann noch rein.

»Ich werd mit dem Pfarrer reden, er wird es auf den Gottesacker tragen.«

»Danke«, sagte der Vater.

Pfeifer dachte: Das Schicksal hat es noch einmal gut mit Veronika gemeint. Sie kann sich noch freuen, dass es so gekommen ist, so ist sie von dieser Schmach befreit, sie kann ihr früheres Leben wieder aufnehmen. Sie kann also wieder ganz von vorn anfangen. Und er dachte an seine Liebe! Vielleicht würde sie ihm jetzt alles sagen, und es konnte zwischen ihnen beiden noch gut werden. Sie konnten sich endlich finden.

Jetzt stand das Kind nicht mehr zwischen ihnen.

Veronika muss wirklich dem Schicksal noch einmal froh und dankbar sein, und für das Kind ist es auch das Beste, dass es so gekommen ist. Niemand hätte es lieb gehabt, immer wäre es herumgestoßen worden.

Aber dann sollte er noch etwas erleben, was er zuerst nicht begreifen konnte! Was einfach über seinen Verstand ging.

Hubert Abschlag machte sich gleich nach dem Frühstück wieder auf den Weg.

»Die Frau kann sich doch nicht allein versorgen. Und die Kühe, du meine Güte, ich muss mich ja jetzt um alles allein kümmern.«

»Ich komm mit dir«, sagte Carl. »Ich helf dir.«

»Wie lang wird sie brauchen, die Veronika, Doktor?«

»Fünf bis sechs Tage muss sie wohl bei uns bleiben, bis ich ganz sicher bin, dass auch nichts Neues hinzukommt. Eher darf sie nicht gehen, sie braucht diese Ruhe und meine Beobachtung.«

»Ja, ich werd dafür sorgen, dass sie sich dann auch noch weiter schont.«

Bevor sie Schließlich fortgehen wollten, mussten sie Veronika noch sehen. Sie war inzwischen erwacht. Die Frau Doktor war bei ihr. Gerade als Carl die Tür aufmachte, hörte er sie fragen: »Was ist denn los? Ich kann mich an nichts erinnern. Wieso bin ich hier?«

»Veronika, du hast eine Frühgeburt gehabt. Es ist alles überstanden. Ein paar Tage wirst du noch bei mir bleiben, bis du dich völlig erholt hast.«

»Tot?«, stammelte sie und richtete sich auf. Ihre Augen waren weit aufgerissen. »Du sagst, mein Kind ist tot?«

»Ja, Veronika, es war doch eine Frühgeburt. Im fünften Monat, da bleiben auch die Kinder in der Klinik nicht am Leben. Bedenke doch, es war das Beste für dich und das Kind. Niemand im Dorf wird etwas erfahren.«

»Tot, tot, tot, nein, nein!« Sie schrie die Frau des Doktors an. »Sag, dass es nicht wahr ist, sag, dass es lebt, es darf nicht tot sein. Das darf es nicht, oh nein.« Und dann brach sie in ein Weinen aus, das so heftig war, dass die Frau erschrak.

»Veronika«, sagte sie erschrocken, »ich verstehe dich nun wirklich nicht.«

»Du verstehst mich nicht«, stammelte sie unter Tränen. »Du verstehst mich wirklich nicht? Aber du bist doch auch eine Mutter! Ich habe das Kind geliebt, über alles geliebt, ich habe mich so sehr darauf gefreut, und jetzt soll ich mich freuen, dass es tot ist? Ich werde vor Kummer sterben. Alles nimmt man mir, nie darf ich eine auch noch so kleine Freude behalten.«

Fassungslos blickte man die Jammernde an. Auch Doktor Plattner war am Ende seines Lateins. Damit hatte man nun nicht gerechnet. Sie hatte sich auf dieses Sündenkind gefreut! Obwohl sie doch wissen musste, was damit alles auf sie zukam. Hier im Gebirge, da blieb die Zeit stehen, draußen in der Stadt, da dachte man jetzt schon ganz anders, und doch, immer hatten die jungen Mütter auch dort zu leiden und ebenso die Kinder.

»Veronika, ich hab es nicht gewusst, es tut mir wirklich leid, ich dachte, im Gegenteil«, sagte Elenora Plattner leise. »Ich dachte, für dich würde das eine große Erleichterung sein. Wenn du das Kind geliebt hast, dann kann ich dich sehr gut verstehen.«

»Bitte geht, Lasst mich allein, ich kann nicht mehr. Bitte lasst mich jetzt allein.«

Veronika hatte noch nicht mal bemerkt, dass Carl und ihr Vater die ganze Zeit im Zimmer gestanden hatten. Beide waren sie fassungslos. Carl noch viel mehr, denn er legte es jetzt ganz falsch aus.

Er sagte sich: Wenn sie so verzweifelt an dem Kind gehangen hat, es schon so sehr geliebt hat, wie sehr muss sie dann erst den Vater des Kindes geliebt haben. Darum also kann sie mich nicht wirklich lieben, sie denkt noch immer an den Vater des Kindes. Und jetzt, wo es tot ist, da hat sie wohl auch keine Hoffnung mehr, dass er je zu ihr zurückkommt. Vielleicht hat sie die ganze Zeit angenommen, er wird sie ehrbar machen, das Kind sollte die Brücke sein.

Carl konnte sie nicht begreifen, nicht verstehen. Er wusste ja nicht, wie einsam sie all die Jahre gewesen war, wie sehr man auf ihrem Herzen herumgetrampelt hatte. Wie sehr sie unter der Verlassenheit litt. Wie konnte er es ahnen, wenn sie ihm nichts sagte?

Schweigend verließen sie das Zimmer.

»Ich werd mich um sie kümmern und sie trösten«, sagte Elenora zum Vater. »Bei uns ist sie in guten Händen.«

»Aber das kann ich doch nicht zulassen, ich meine …«

»Doch, doch, für solche Fälle haben wir die zwei Gästezimmer. Da lohnt es sich nicht, sie ins Krankenhaus zu schaffen, aber heim kann sie auch nicht. Andere Kranke in der Umgebung kann ich mit dem Wagen besuchen. Wer aber weiter weg in den Bergen wohnt, der bleibt dann ein paar Tage bei mir, so ist es. Wir haben uns schon lange darauf eingerichtet.«

Hubert ging fort, er musste sich jetzt beeilen. Zwar war der Tag noch nicht ganz angebrochen. Aber es war schon so hell, dass sie gut vorwärts kamen. An seiner Seite ging der Förster stumm einher. Jetzt konnte er auch nicht mehr so schnell laufen. Er hatte ja Blut gespendet und das machte sich jetzt doch ein wenig bemerkbar.

Sein Herz war zerrissen. Warum musste er ausgerechnet Veronika lieben?

Weil sie anders war? So stark, so gut? Oder weil sie stark in der Liebe war? Nie würden sie zueinander finden. Nie, und vor ein paar Stunden war alles noch so greifbar gewesen. Und jetzt?

Hubert brauchte seine ganze Kraft, um bergan zu steigen, und oft rutschten sie wieder zurück.

»Man muss hier bald eine Straße bauen, bei den vielen Urlaubern«, sagte einmal der Förster. »Bei der nächsten Gemeindesitzung werd ich das mal anregen. Bewohnen wir doch einen sehr schönen Flecken Erde, und zu uns kommen sie doch in der Hauptsache, ich mein wegen des Drachenlochs, und alles bleibt so beschwerlich.«

Der Vater fühlte sehr wohl, er wollte ihn ablenken und sprach deswegen von anderen Dingen.

»Ja«, sagte er nur einsilbig.

»Ich komm mit, wie versprochen und helf mit.«

»Das ist nicht nötig, hast schon genug für uns getan, Carl. Wir stehen tief in deiner Schuld.«

»Ich kann euch auch mal brauchen, und da wird es mir dann leicht fallen, euch zu bitten. Es ist das Gesetz der Berge, zu helfen. Und ich versäum ja nix. Daheim ist es kalt und einsam.«

»Musst heiraten, Carl. Willst immer wie ein einsamer Kauz in dem schönen Forsthaus leben?«

»Ich war mal nah daran, Hubert, du weißt es.«

»Meine Veronika?«

»Ja!«

»Wir sähen nichts lieber, Carl. Du bist ein guter Kerl. Im Dorf mögen sie sich die Zunge über dich zerreißen, ich hab dich kennengelernt. Du bist der Beste von allen, auf dich kann man sich verlassen.«

»Ich hätte bald mal einen totgeschlagen«, sagte er leise. Bis jetzt hatte er noch nie über seine Vergangenheit gesprochen.

Abschlag sagte: »Dann wirst wohl einen Grund gehabt haben. Hinterhältig hast es bestimmt nicht versucht.«

»Nein, es war mein bester Freund, er hatte mir meine Braut gestohlen. Als ich das erfuhr, frech sagte er es mir ins Gesicht, da hab ich einfach rot gesehen. Es war die schwärzeste Stunde in meinem Leben.«

»Und da hast dein Auge verloren?«

»Ja, und den Glauben an die Frauen. Aber dann hab ich deine Veronika kennengelernt. Und damals, alles war so schön, so gut!«

Der Vater sagte: »Im Sommer haben die Therese und ich gedacht, nun werdet ihr euch finden.«

»Ja«, stöhnte Carl. »Ja, so hat es ganz ausgesehen, der Wilderer hat alles kaputt gemacht, Alles!«

»Der Wilderer?«

Abschlag blieb kurz stehen, um mal wieder zu verschnaufen. »Ja, in der Nacht, als ich ihn angeschossen hab, da war ich hinter ihm her, und ich war mir so sicher, dass er bei euch im Stall verschwunden war. Ich bin deswegen so schnell gelaufen, weil ich Angst um euch hatte. Er war doch bewaffnet. Aber Veronika wurde ziemlich böse, und da sind auf beiden Seiten Worte gefallen, die man nicht hätte sagen sollen. Aber ich war im Dienst, völlig durchnässt, müde und wollte doch nur helfen. Die Worte haben alles zerstört was gerade angefangen hatte.«

Erregt hielt Hubert seinen Arm fest.

»Du meinst, Veronika habe mit ihm unter einer Decke gesteckt? Mit dem Wilderer? Niemals, das glaub ich nicht, nie und nimmer.«

Carl kniff die Augen zusammen. Plötzlich wurde sein Gesicht kantig.

»Doch«, stöhnte er leise auf. »Bis jetzt hab ich noch nie darüber nachgedacht. Es hat mir so leidgetan, und ich hab gedacht, es könnte noch einmal werden. Aber Hubert, nun rechne doch mal nach, das, Kind! Es passt alles zusammen, so genau passt es zusammen. Veronika hat es gewusst, sie kennt den Wilderer. Er ist ihr Liebster, Hubert.«

»Nein, das ist doch nicht möglich. Sie macht sich doch strafbar. Das gibt es doch nicht!«

»Es ist aber so, jetzt weiß ich es ganz genau, es waren nicht die Worte allein, nein, Veronika war so erregt, als ich in die Küche kam, da war er im Stall, und sie hatte Angst, ich würde nachschauen. Darum fielen die harten Worte, ich war wie vor den Kopf geschlagen und bin fort, ohne im Stall nachzusehen. Sie hat den Wilderer vor mir versteckt.«

Sie hatten die letzte Kuppe genommen. Nun lag die verschneite Almwiese vor ihnen. Tief unter den Schneemassen vergraben lag die Almhütte. Während sie fort gewesen waren, hatte es hier oben wieder geschneit. Das kam sehr oft vor. In den Bergen schneite es viel mehr als in den Tälern.

Stumm schritten sie eine Weile nebeneinander her. Dann gingen sie in den Stall, was ihnen viel Mühe machte. Sie holten sich die Schaufeln und machten erst den Weg zur Tür frei. Das Vieh muhte, es wollte gemolken und gefüttert werden. Verbissen kämpften sie sich durch die weißen Massen. Endlich standen sie in der Küche. Der Ofen war ausgegangen. Kalt war es und traurig sah es hier aus. Nichts war mehr gemütlich und anheimelnd. Veronika fehlte mit ihrer sorgenden Hand.

Therese lag in der Kammer, allein und verzweifelt, weil sie so hilflos war.

Der Mann ging zu ihr.

»Es ist alles in Ordnung, Frau, wir haben es noch geschafft, rechtzeitig kam sie zum Doktor. Der Carl hat mir geholfen.«

»Sie ist das ganze Stück gelaufen?«

»Nein, mit dem Lift.«

»Jesus, Maria«, schrie die Mutter auf, »und das hast du zugelassen.«

»Es ist alles gut gegangen, sie wäre mir sonst verblutet, Therese.«

»Und das Kind?«

»Es ist tot. Man wird nichts erzählen, niemand im Dorf wird es erfahren.«

Die arme Gelähmte faltete die Hände und betete.

Hubert sagte: »Veronika ist unglücklich, dass sie das Kind verloren hat.« Dann hatte er keine Zeit mehr, er musste in den Stall. Dort war schon Carl damit beschäftigt, den Kühen das Heu in die Krippen zu werfen. Mit der Melkmaschine war er nicht vertraut. Stumm und schnell arbeiteten die beiden Männer. Nach gut einer Stunde hatten sie es geschafft. Nun hatten sie bis zum Abend wieder frei. Sie gingen in die Küche, machten den Ofen an, kochten sich Kaffee, und dann konnten sie sich heute zum zweiten Male stärken. Der Aufstieg und die harte Arbeit hatten sie wieder hungrig gemacht.

Erst als sie sich ihre Pfeifen in Brand steckten, nahm Hubert das Wort wieder auf.

»Von Rechts wegen könntest du sie jetzt anzeigen, Carl.«

Er nickte zögernd.

»Ich versteh sie nicht«, sagte der Vater gequält. »Ein Wilderer ist doch das Gemeinste, was es gibt. Und wer es einmal getan hat, der tut es immer wieder. Dazu leb ich schon zu lange hier droben, um das nicht zu wissen. Es liegt ihm im Blut, er kann es nicht lassen. Darum ist es ja auch so sinnlos, ihn zu decken, er muss seine Strafe haben.«

Carl erwiderte nichts.

»Was wirst du jetzt tun?«

»Ich weiß es nicht!«

Wieder langes Schweigen.

Der Vater sagte schließlich: »Ich kann es immer noch nicht glauben, ich kann es einfach nicht. Ich hab auch nie jemand den hier in der Nähe gesehen. Nie, keinen Bursch aus dem Dorf, oder sollte er vielleicht über die Berge gekommen sein? Aber das wär doch Mord, auf der anderen Seite, da sind doch auch Gämsen! Und hat er nur immer Gämsen geschossen, nicht auch Damwild? Hirsche? Weißt du das so genau?«

»Bis jetzt hab ich noch keine andere Spur gefunden. Und seit damals ist auch nichts mehr gewesen.«

»Kein Wunder, es war ja Spätherbst, und du hast ihm doch eins aufgebrannt. Aber im Frühjahr, wenn die Bäche wieder sprudeln, dann ist es möglich, dass er wiederkommt. Er wildert ja nicht nur, er hat ja noch etwas, was ihn anzieht!«

Carl ballte die Hände. Wenn er nur daran dachte, dass jemand anderer und Veronika! Aber sie war ja nicht sein Schatz, er hatte ja gar keine Rechte! Wenn er wollte, konnte er sich jetzt rächen, sie anzeigen, dann musste sie vor Gericht aussagen, wer ihr Schatz war, er konnte ihn dann stellen, ach was stellen, Gefängnis würde er bekommen, und danach würde er bestimmt nie mehr die Alm besuchen. Aber würde Veronika ihm das je verzeihen? Würde sie dann je zu ihm finden?

»Soll ich mit ihr darüber reden, Carl? Ich als Vater, ich könnte, ja ich muss es doch tun!«

»Nein«, sagte dieser schnell. »Ich möcht das nicht, tun wir so, als wüssten wir von nichts. Ich werd die Augen aufhalten, und ein zweites Mal vergreift er sich nicht an meinem Bestand. Dafür werd ich schon Sorge tragen. Und sollt ich einen mit einem Gewehr hier antreffen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.«

»Arme Veronika«, sagte der Vater leise. »Ich möcht bloß mal wissen, was es war, das sie so in die Irre getrieben hat! Sonst ist sie doch ein so gutes gottesfürchtiges Mädchen.«

Bitter auflachend meinte Carl: »Ich weiß sehr wohl, was es war?«

»Ja?«

»Liebe!«

Hubert schüttelte immer wieder den Kopf. »Ich kann es einfach nicht glauben, nein, vielleicht weiß sie gar nicht, dass er der Täter ist!«

»Oh doch, und sie wird ihn immer decken. Frauen decken ihre Liebsten immer.«

Der Vater stöhnte.

»Vielleicht sollten wir fortziehen, weit weg. Ich bin alt, sehr lange schaff ich es hier doch nicht mehr. Und Veronika allein, nein, das geht nimmer. Ich glaub, ich muss mal mit dem Lorenz reden. Die Rente, sie wird doch wohl bald ausbezahlt werden, dann können wir uns irgendwo zwei Stuben nehmen. Therese und ich werden damit auskommen, und Veronika kann dann in Stellung gehen.«

Dem Carl wurde es in der Brust ganz kalt. Wenn sie fortzogen, dann würde er sie nie mehr wiedersehen. Und dann würde es hier droben einsam sein. Er konnte sich noch nicht mal versetzen lassen, war er doch strafversetzt, ja, er konnte ja noch froh sein, dass sie ihn damals nicht ganz aus Amt und Würden verjagt hatten.

»Vielleicht wird doch noch alles gut«, meinte er leise.

Hubert sah ihn aufmerksam an.

»Du hast die Veronika noch immer lieb?«

»Ja.«

Ein Hoffnungsschimmer glomm in der Brust des Vaters auf. Es plagte ihn, dass seine Tochter noch immer nicht versorgt war. Jetzt ging sie schon auf die Sechsundzwanzig zu. Wer um diese Zeit nicht verheiratet war, der bekam in der Regel keinen Ehemann mehr mit, der blieb einspännig, und für ein Mädchen war das bitter.

 

 

15. Kapitel

 

Veronika litt sehr unter dem Tod ihres Kindes. Sie konnte es lange Zeit nicht fassen und erregte sich so sehr, dass das Fieber anstieg. Es dauerte dann auch nicht nur fünf, sondern fast vierzehn Tage, bis sie endlich wieder so weit hergestellt war, dass sie heimgehen konnte.

Manchmal sah es noch nicht mal sehr gut aus. Elenora gab sich alle Mühe und opferte sich auf. Veronika war einfach innerlich zerbrochen. Sie hatte auch keinen Lebenswillen mehr. Alles, was sie tat und anpackte, war doch verkehrt. Sie empfand den Tod als Barmherzigkeit. Nur weil Elenora sie immer wieder an die Mutter erinnerte, nur deshalb versuchte sie es noch einmal mit dem Leben.

Von der Kirche wollte sie nichts mehr wissen.

»Gott ist grausam«, sagte sie immer wieder. Oder: »Ich glaube, es gibt gar keinen Gott. Wenn es einen Gott gibt, dann müsste er doch gerecht sein, das verlangt man ja auch von uns. Aber was hab ich denn getan? Was denn?«

Was sollte man ihr darauf antworten? Das war so schwer. Veronika war verbittert und kalt geworden. Sie konnte nicht mehr lachen. Apathisch und gleichgültig, ja so war sie jetzt. Ihr war alles egal.

Im Dorf munkelte man vieles, aber keiner wusste etwas Genaues. Man versuchte den Förster auszufragen, aber der schwieg wie ein Grab. Den Doktor und den Pfarrer wagte man nicht so direkt anzusprechen. Vor Veronika hatte man Angst bekommen. Sie hatte jetzt immer so unheimliche Augen.

Bevor sie auf die Alm zurückging, machte sie ein paar Spaziergänge, dabei war sie immer allein. Sie mied die Menschen. Man hatte das Gefühl, als hasse sie diese.

Und als der Doktor ihr erzählte, dass Carl ihr buchstäblich das Leben gerettet habe, da lehnte sie sich noch einmal auf.

»Warum habt ihr mich nicht sterben lassen? Dann wäre jetzt alles vorbei.«

»Aber du bist doch noch jung, das ganze Leben liegt doch noch vor dir, Veronika. Eines Tages wirst du alles vergessen haben und froh sein, dass es so gekommen ist.«

»Ich bin sechsundzwanzig Jahre und stehe mit leeren Händen da. Ich erwarte nichts mehr vom Leben«, sagte sie mit müder Stimme. »Und es wäre besser gewesen, ihr hättet es nicht getan.«

»Er tat es aus Christenpflicht.«

Veronika war zum ersten Mal in ihrem Leben wütend.

»Jetzt muss ich ihm wohl mein ganzes Leben lang dankbar sein, ja?«

Der Doktor blickte sie traurig an.

»Warum bist du so kalt, Veronika?«

Da schmolz für einen Augenblick die Kruste um ihr Herz, und sie weinte sich noch einmal aus.

»Es ist alles so schlimm, ich hab alles falsch gemacht, und jetzt muss ich dafür leiden.«

»Und der Vater deines Kindes, weiß er davon?«

Sofort verdunkelten sich wieder die Augen. Sie erhob sich und verabschiedete sich.

»Der Vater steht draußen, ich will ihn nicht länger warten lassen.«

»Geh und wenn du mich brauchst, du weißt, wo du mich finden wirst.«

»Ich bedank mich auch schön«, sagte sie leise.

»Ich wünsche dir Glück, Veronika.«

An der Seite des Vaters schritt sie wieder heim. Sie fühlte sich noch sehr schwach, und sie mussten viele Pausen machen. Und so dauerte es an die vier Stunden, bis sie endlich an der Schlucht waren. Das Tauwetter hatte eingesetzt, und der Wasserfall war wieder frei.

Sie blieb auf der kleinen Brücke stehen und starrte in die Tiefe, wie immer stand ein kleiner Regenbogen vor der Wand. An den Rändern war noch Eis, aber es bröckelte immer mehr. So schnell war heuer der Frühling gekommen.

»Wollen wir nicht den Förster besuchen?«

»Vater«, sagte sie leise, und Tränen liefen ihr über das Gesicht, »ich fühle mich so einsam, so verzweifelt, ich glaub, ich werd nie mehr lachen können.«

»Er ist dein Freund, Veronika, das hat er mir gesagt. Er ist ein wirklicher Freund.«

»Vielleicht, Vater, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr glauben. Weißt, einmal, da hat mir der Carl erzählt, er habe den Glauben an die Frauen verloren gehabt, lange Zeit. Jetzt ist mir so zumute, ich kann einfach nicht anders. Mir ist alles verhasst, ich bin so traurig, aber ich kann nicht anders. So bin ich nun mal.«

Hubert hatte sich vorgenommen, mit ihr über den Wilderer zu sprechen, er wollte die Wahrheit wissen, aber als er sie so verzweifelt sah, da brachte er es einfach nicht über sich. War sie nicht schon genug bestraft worden? Die Mutter freute sich, als sie ihre Tochter wieder bei sich hatte. Das Leben nahm somit wieder seinen alten Gang auf.

 

 

16. Kapitel

 

Da lebte Veronika nun wieder auf einem der schönsten Flecken der Erde und konnte sich doch nicht freuen. Spröde wirkte ihre Stimme, abweisend ihr Gesicht. Stumm und klaglos tat sie all die Arbeit, die sie auch früher getan hatte. Und sie dachte bei sich, so wird es in alle Ewigkeit sein. Nie werde ich von hier fortkommen. Wenn die Eltern mal nicht mehr leben, vielleicht kommt dann jemand herauf, der mir hilft, und wenn nicht, dann geh ich fort in die Fremde. Aber auch dort werde ich nicht mehr glücklich werden.

Carl hatte zum Verwaltungsamt nach Bruck gemusst. So war er die erste Woche, als sie wieder auf der Alm war, nicht da. Aber jetzt war er da, und sie hörte ihn. Aber sie wich ihm aus, sie hatte noch nicht die Kraft, ihm ins Gesicht zu sehen. Seit damals hatten sie sich nicht wiedergesehen. Sie hatte Angst, einfach Angst.

Oft saß sie allein in der Kammer, und dann sah sie ihn in der Ferne über die Wiese zum Hochwald oder zum Drachenloch gehen, und ihr Herz zog sich zusammen. Sie hatte dem Vater gesagt, sie hasse die Männer. Aber sie fühlte jetzt ganz deutlich, sie liebte ihn, sie liebte ihn wirklich, aber sie konnte nicht zu ihm gehen. Sie war ihrer Meinung nach nicht mehr rein, sie war nicht mehr fleckenlos.

Heiße Tränen weinte sie in der Kammer und fühlte jetzt so etwas wie Scham in sich aufsteigen. Damals, als sie das Kind getragen hatte, da war sie glücklich gewesen. Da hatte sie sich nicht geschämt. Aber jetzt, und drum wich sie ihm aus.

Sie war jetzt schon wieder vier Wochen daheim, sie stand in der Küche und knetete den Brotteig, von dem Fenster aus konnte sie die ganze Almwiese überblicken. Im Hintergrund sah sie den Röthelstein und den Hochlantsch. Auf ihren Kuppen lag noch Schnee. Mitte Mai würde er wohl verschwunden sein.

Plötzlich sah sie unten am Rand der Wiese einen Mann stehen. Unwillkürlich hielt sie inne und starrte durch das kleine Fenster. Zuerst konnte sie ihn nicht deutlich sehen. Er benahm sich recht eigenartig und ging nur zögernd weiter. Dann sah sie ihn aber ganz deutlich, und das Herz wollte ihr stehenbleiben.

Da hinten stand Loni Schnepper. Sie erkannte ihn ganz deutlich, er trug einen Rucksack. Sie wurde sofort aschfahl. Wollte er vielleicht zu ihr? Hatte er im Dorf etwas vernommen und dachte sich jetzt seinen Teil? Aber sie hatte doch schon lange mit ihm abgeschlossen. Sie wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Damals hatte er sie schmählich im Stich gelassen. Er sollte gehen. Schon wollte sie die Tür aufreißen und ihm zurufen, dass sie ihn nicht mehr sehen wolle. Aber der Vater war im Stall und würde sie hören. Jetzt kam er sogar um die Hausecke, er sah den Loni nicht, weil er gar nicht in die Richtung blickte. Aber Loni sah ihn und ging sofort zurück in die Mulde. Dann musste er sich in der Senke befinden, denn sie konnte ihn nicht mehr sehen. Sicher hatte er auch den Vater bemerkt, er wollte also immer noch nicht erkannt werden. Hätte er seine Schuld bekennen wollen, so hätte er durch die Tür schreiten können, aber auch jetzt zog er es vor, sich nicht zu zeigen. Bitternis stieg in ihr hoch. Und sie hatte ihn einmal wirklich geliebt, ihm geglaubt, jetzt fühlte sie ganz deutlich, dass sie einen Unwürdigen geliebt hatte.

Wartete er vielleicht da unten, dass sie zu ihm kam? Sie kniff die Lippen zusammen. Nie und nimmer würde sie das tun! Glaubte er vielleicht, sie würde das alte Spiel wieder aufnehmen? Seine Geliebte werden? Schon allein der Gedanke machte sie fast verrückt.

Sie machte weiter beim Brotbacken und blickte nicht mehr aus dem Fenster. Wie lange Zeit verstrichen war, das wusste sie nicht mehr. Vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht auch mehr! Sie wusste es nicht!

Plötzlich ertönte ein Schuss! Sie hätte fast das Brot fallen lassen. Der Schuss kam wie damals aus dem Drachenloch, und die Wand gab das Echo tausendfach zurück. Atemlos stand sie in der Küche und rührte sich nicht. Und dann fiel noch ein Schuss. Im gleichen Augenblick stürzte der Vater in die Küche.

»Hast du das gehört?«, keuchte er.

»Es kam vom Drachenloch«, sagte Veronika leise.

»Ja, und der Carl ist dort. Ich hab ihn in der Frühe dort gesehen, ich mein, wie er sich auf den Weg machte, und seither ist er nicht mehr zurück.«

»Was sagst du da?«

»Ihm muss etwas passiert sein, Veronika, komm, wir müssen nachsehen.«

Sie wurde schneeweiß und musste sich für einen Augenblick die Hand auf das Herz pressen. Carl in Not? Carl vielleicht tot?

»Ja, Vater, ich komm sofort mit.« Sie riss sich die Arbeitsschürze herunter, und schon rannten die beiden über die weite Wiese. Irgendwo im Wald hörten sie Äste brechen, konnten aber nichts ausmachen. Vielleicht war es ein Reh, das dort flüchtete. Sie hatten jetzt auch keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Sie mussten an die zehn Minuten laufen, dann waren sie im Drachenloch. Der Vater rief immer wieder den Namen des Försters. Aber sie erhielten keine Antwort. Veronika fühlte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg. Vielleicht hatte sich der Vater auch nur getäuscht, vielleicht war er gestern hierhin gegangen. Ja, aber wer hatte dann hier geschossen? Und um diese Zeit?

Plötzlich stolperte sie und wäre gefallen, wenn sie sich in letzter Sekunde nicht gefangen hätte.

»Vater, hier liegt ein Gewehr!«

Hubert bückte sich. »Das ist dem Carl seine Waffe, ich erkenne sie genau.«

»Warum?« stammelte sie. »Ich verstehe das nicht, Vater.«

»Jemand hat sich an den Gämsen zu schaffen gemacht, und der Carl wollte endlich erfahren, wer es ist.« Hubert blickte seine Tochter scharf an. Er wusste es vom Förster, aber weil sie beide den Verdacht hatten, hatte man Veronika nichts davon erzählt. Jetzt sah er, wie sie schneeweiß wurde und zu schwanken begann.

»Nein«, stammelte sie verwirrt. »Nein, das ist doch nicht wahr?«

Sie brauchten nicht mal weit zu gehen, da sahen sie eine tote Gämse. Veronika fühlte ein Würgen in der Kehle. Wie damals! Ihr schwamm alles vor den Augen, der Film schien zurückzulaufen. Wie damals!

Hubert suchte schon weiter, und jetzt rief er sie. Sie rannte um den Felsspalt, und dann sah sie den Förster. Er lag bewusstlos am Boden und rührte sich nicht. Aus der linken Schulter tropfte Blut.

»Oh mein Gott«, stammelte Veronika und ließ sich neben dem Schwerverletzten auf die Erde fallen.

»Dieser Lump«, knirschte Abschlag, »er hat ihn töten wollen. Er hat ihn wirklich töten wollen, ein wenig weiter, und er hätte das Herz getroffen.«

»Vater, so hilf mir doch, ich muss ihm die Jacke ausziehen und einen Notverband anlegen, sonst verblutet er uns. Oh Gott, Vater!« Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Zu zweit schafften sie es, und sie waren froh, dass er ohnmächtig war, denn sonst hätte er schreckliche Schmerzen aushalten müssen.

Veronika zerriss sein Hemd in Streifen und machte einen Notverband. Sofort hörte die Blutung auf.

»Bleib du hier«, sagte der Vater. »Ich lauf ins Tal und werd dem Doktor Bescheid geben, man wird wohl einen Hubschrauber schicken müssen. Er muss sofort nach Bruck.«

»Ja, Vater«, sagte das Mädchen leise.

Hubert rannte davon.

Veronika blieb bei ihm. Sie wischte ihm mit ihrem Taschentuch, das sie an der Quelle im Drachenloch nässte, immer wieder über die Stirn. Überall war Blut. Weil es noch so kalt war, nahm sie ihr Schultertuch ab und deckte ihn damit zu. Jetzt war ihr sehr kalt, aber das bekümmerte sie im Augenblick nicht. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, als sie sein stilles Gesicht sah. Unter dem Bart war die Haut schneeweiß, und seine Augen waren tief eingefallen. Er sah müde und abgespannt aus. So hatte er also wieder viele Nächte hier gesessen. Als der Wilderer dann endlich gekommen war, hatte dieser den Förster einfach abgeknallt. Ganz kalt und grausam.

Welcher Mensch war nur dazu fähig?

Veronika wusste nicht, wie lange sie neben ihm gesessen hatte, als er die Augen aufschlug. Zuerst wusste er von nichts mehr, aber als er sie erblickte, staunte er, und dann sah er den Himmel über sich und meinte leise: »So hat es mich also getroffen?«

»Der Vater holt schon Hilfe, du musst ganz ruhig liegenbleiben, Carl. Ich hab dich notdürftig verbunden, aber mehr kann ich nicht tun. Der Doktor wird wohl bald da sein.«

Carl Pfeifer versuchte trotz der Schmerzen ein Lächeln. »So retten wir uns also gegenseitig das Leben, Veronika?«

»Bitte, sprich doch nicht.«

»Aber ich hab jetzt keine Schmerzen, im Augenblick nicht.«

Sie blickten sich scheu an. So lange waren sie sich aus dem Weg gegangen, und jetzt waren sie sich so nahe, sie fühlten, wie der eine um den anderen litt, und das machte sie irgendwie froh.

»Carl«, fragte sie leise, »hast du gesehen, wer auf dich geschossen hat?«

Er schloss für Sekunden die Augen. Dann sagte er: »Nein, es ging alles so schnell, und er hat mich von hinten angeschossen. Er muss mich gehört haben, ein Stein hatte sich gelöst, ich konnte nur noch sehen, wie er fortlief. Ich weiß seine Größe, seine Kleidung, mehr nicht. Sein Gesicht hab ich nicht gesehen.«

»Wie sah er aus? Vielleicht kenne ich ihn?«

Er blickte sie starr an. Liebte sie ihn so sehr, dass sie jetzt hingehen wollte, um ihn zu warnen?

»Warum willst du das wissen?«

»Weil ich dir helfen möchte!«

»Wirklich?«

»Du glaubst mir nicht?«

»Ich hab dich schon mal gefragt«, sagte er leise, »vor einiger Zeit, damals im Herbst.«

Sie wurde weiß, dann hatte sie auf einmal ganz starre Augen. Loni! Sie hatte ihn in der Mulde gesehen, Loni war hier oben gewesen. Sie hatte gedacht, er wolle zu ihr, sich mit ihr aussprechen, aber jetzt wusste sie ganz plötzlich, dass er nur deswegen so seltsam war, weil er sich an der Alm vorbeischleichen wollte. Er hatte nie vorgehabt, zu ihr zu kommen. Er hatte wieder zu den Gämsen gewollt. Alles, was er ihr versprochen hatte, war Lüge, alles! Nicht nur die Liebesschwüre, auch das andere! Er wollte wieder Geld haben, er war ein Luftikus und dachte nicht lang. Weil er Angst hatte, erkannt zu werden, hatte er einfach geschossen, um so wieder fliehen zu können.

Veronika bemerkte gar nicht, dass Carl sie die ganze Zeit scharf beobachtet hatte. Starr blickte sie auf die Wand! Aber noch wollte ihr Herz es nicht glauben, konnte es einfach nicht.

»Wie hat er ausgesehen?« Ihre Stimme war erregt.

Carl schloss für Sekunden die Augen. Konnte er ihr vertrauen? So viel hing jetzt davon ab! Alles!

Langsam begann er, den Mann zu beschreiben. Er hatte kaum angefangen, da wusste Veronika sofort, es war Loni! Kein anderer als Loni!

»Oh mein Gott«, sagte sie betroffen.

»Veronika, du kennst ihn?«

Sie nickte, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Carl schluckte. Er musste jetzt alles wissen, die Wahrheit, er musste es, denn auch sein Leben stand in Zukunft auf dem Spiel. Wenn man den Wilderer jetzt nicht fasste, würde er wiederkommen, immer wieder.

»Nicht wahr, er war damals im Stall?«

Sie nickte unter Tränen.

»Warum hast du ihn beschützt, Veronika?«

Und dann brach es aus dem Mädchen heraus. So lange schon hatte es auf ihrer Seele gedrückt, dass sie ihn damals belogen hatte.

»Ich hatte Mitleid mit ihm, er versprach mir, nie mehr eine Gämse zu schießen. Er hatte solche Angst vor seinem Vater. Ich kenne ihn, und weil ich wusste, dass du ihn anzeigen würdest, darum hatte ich Mitleid. Ich glaubte, wenn ich ihm jetzt helfe, dann täte ich das auch für die Gämsen, er würde aus Dankbarkeit schon nicht noch einmal versuchen, sie zu töten.«

Sie schwiegen lange. Was sollte er auch sagen? Was denn nur? Er wusste doch, dass sie ihn immer noch liebte. Er wollte noch etwas sagen, für ihre Hilfe danken, aber da sah er den Hubschrauber am Himmel. Wenig später musste er wohl auf der Almwiese vor der Hütte gelandet sein. Dann hörten sie die Männer kommen. Bei ihnen war auch Doktor Plattner.

»Also, wenn das so weitergeht, dann werd ich hier oben meine Praxis eröffnen«, scherzte er, während er den Förster untersuchte. »Veronika, das hast du gut gemacht. Bis in die Klinik kann man das so lassen. Also, hast noch mal Glück gehabt, Carl. Alles Gute, man wird dich jetzt in die Klinik nach Bruck fliegen. Dort wartet man schon auf dich. Wie ich glaub, steckt nämlich die Kugel noch im Schultergelenk. Sie muss herausoperiert werden.«

Die Männer von der Bergwacht kamen und verschnürten ihn auf die Trage. Das tat höllisch weh, aber er biss die Zähne zusammen.

Bevor sie ihn wegtrugen, wollte er Veronika noch etwas sagen, aber er hatte einen Kloß in der Kehle, und dann waren die Schmerzen so stark.

Als er fort war, sagte sie zum Arzt: »Er wird doch am Leben bleiben?«

»Also hast ihn gern?«

Sie nickte.

Der Arzt schnürte die Tasche wieder zu. »Also, ihr seid mir wirklich ein komisches Liebespaar, das ist mir schon lang nicht mehr untergekommen. Wann endlich seid ihr so vernünftig und gesteht euch eure Liebe?«

»Aber das Kind«, sagte sie leise, »er wird es nicht vergessen können. Er sagt ja nix, ich hab ihn ja schon so lange lieb, aber ich kann es ihm nicht verdenken, ich meine, ach, es ist alles so schwierig …

Der Doktor wusste aus Erfahrung, dass man da nix machen konnte. Die hatten ihre Dickköpfe hier, und so dachte er sich nur sein Teil. Er mochte sie beide gern, die Veronika und auch den Carl, obwohl dieser nicht von hier kam. Aber er stand seinen Mann. Veronika war ein tapferes Mädchen, und er konnte sich einfach nicht denken, dass Carl noch immer an das unglückliche Wurm dachte, oder glaubte er vielleicht noch immer, sie würde den andern lieben? Vielleicht sollte er ihm doch mal bei Gelegenheit zustecken, was Veronika ihm gestanden hatte?

Als sie bei der Alm waren, sagte Veronika: »Wenn Sie einen Augenblick warten möchten, so komm ich mit ins Dorf. Ich muss noch etwas erledigen.«

Man hatte ihn mit dem Hubschrauber von daheim geholt, doch der Kranke ging vor, und so musste er jetzt zu Fuß ins Dorf zurück. Hinunter ging es ja schneller, und die Leute im Wartezimmer hatten allemal Verständnis, kam es doch immer wieder vor, dass ihr Doktor mitten aus der Sprechstunde herausgerufen wurde, weil irgendwo ein Unglück passiert war.

»Da werden wir ja den Hubert unterwegs wohl treffen. Nun, ihr seid ja jetzt recht wanderfreudig, mich soll es freuen, zu zweit macht das Absteigen viel mehr Spaß.«

Veronika lief in die Stube und sagte der Mutter Bescheid. Danach zog sie sich hastig ihr Sonntagsdirndl an und schlüpfte in die Wanderschuhe. Wenig später ging sie neben dem Doktor dem Dorf zu.

Dort trafen sie den Vater auf halbem Weg.

»Wo willst du denn hin, Veronika?«

»Ich muss auf die Gendarmerie, Vater.«

Dieser blickte sie erstaunt an. Auch der Doktor war ganz verwundert. »Ja mei, hast den lumpigen Menschen denn gesehen, weißt du denn, wer diese Tat vollbracht hat?«

»Ja«, sagte sie ruhig. »Ja, ich weiß, wer es getan hat, und ich werde jetzt eine Aussage machen.«

»Kind«, sagte der Vater leise. »Gott mit dir!«

»Da komm ich mit«, meinte der Doktor. »Ich muss ja auch einiges zu Protokoll geben, die Wunde und dergleichen, da erspar ich mir den Papierkram.«

»Und die Kranken?«, wollte Veronika wissen.

»Weißt«, zwinkerte er ihr mit einem Auge zu. »Was meine Elenora ist, die ist schon ein halber Doktor. Die sortiert sie schon aus. Und wer nur ein Zwickerlein hat, dem wird es zu langweilig und wird sich trollen, so hab ich weniger Arbeit, und die andern sind in Elenoras Hand gut aufgehoben, und ich bin ja bald unten.«

So schritten sie denn ziemlich stramm aus, und bald sahen sie auch schon die Kirchturmspitze und die Häuser. Sie gingen geradewegs auf die Wache zu. Natürlich lugten aus allen Häusern die Menschen hervor. Es kam nicht alle Tage vor, dass auf dem Gemeindeanger ein Hubschrauber hielt und man den Doktor holen musste. Der Abschlag hatte es jedem erzählt, dass man den Förster von hinten angeschossen habe. Obwohl sie ihn eigentlich nie gemocht hatten und er ihnen recht unheimlich vorkam, aber bei Gott, das hatten sie nun doch nicht gewollt. Und wenn ein Mensch mit einem Gewehr durch die Wälder lief, ja mei, wenn das erst mal die Urlauber hörten, würden sie bestimmt nicht mehr kommen.

Jetzt sahen sie Veronika mit dem Doktor zum Gendarmen laufen. Einige Leute mussten die Lippen fest zu machen, sonst hätten sie noch neugierig gefragt. Doch aus Erfahrung wussten sie, dass die zwei schweigen konnten.

Der Polizeimeister wartete schon auf den Bericht des Doktors, umso erstaunter war er jetzt, als er Veronika Abschlag sah.

»Ja«, sagte Doktor Plattner, »sie hat eine wichtige Aussage zu machen. Sie weiß, wer diese Schandtat begangen hat.«

Veronika holte tief Luft. Sie wusste, dass sie jetzt alles sagen musste.

»Ja«, erklärte sie leise, »ich weiß es. Es war der Loni Schnepper, ich hab ihn gesehen, wie er sich an das Drachenloch geschlichen hat. Und ich weiß auch, dass er letzten Herbst eine Gämse geschossen hat, und beim zweiten Male wurde er vom Förster erwischt …« Anschließend erzählte sie mit leiser Stimme die ganze Geschichte. Nun wusste auch Doktor Plattner, warum der Mann nie in seine Praxis gekommen war.

Seine Augen wurden immer größer. So einer war er also gewesen, hatte Veronika mit in sein böses Spiel gezogen. Sie hatte seinen Worten geglaubt, gewiss, sie konnten sehr einschmeichelnd sein, das wussten sie alle, aber im Dorf wusste man auch, dass Loni ein rechter Lump war und der Vater gut daran tat, dass er ihn so kurz hielt. Er hatte seine Sorge mit dem Buben, und er konnte tun und lassen, was er wollte, vieles hatte er bis jetzt vertuscht, aber dies war wohl das gemeinste. Doktor Plattner wusste also jetzt auch, wer der Vater des Kindes war. Veronika hatte erst Mitleid mit dem Buben gehabt, und dann hatte er sie schamlos ausgenutzt. Jetzt konnten er und der Polizeimeister sich recht gut vorstellen, wie sich alles zugetragen hatte.

Veronika saß mit niedergeschlagenen Augen da. Sie wagte nicht, die beiden Männer anzublicken. »Ich hab es doch nur gut mit ihm gemeint, hab gedacht, er wird dann wieder ehrlich, er nimmt sich das zu Herzen.«

»Dich trifft keine Schuld, Veronika, du konntest es nicht wissen, welch ein Schlawiner er ist. Aber warum bist du nicht schon früher zu mir gekommen?«

Sie blickte zur Seite. »Das hab ich schon alles vergessen, was er mir angetan hat, aber dass er den Carl von hinten angeschossen hat, das ist bös, das ist gemein, und jetzt konnte ich einfach nicht schweigen. Jetzt doch nicht mehr …«

Der Polizeimeister schickte seine Leute zum Schnepperhof, und wenig später kamen sie mit Loni zurück. Der hatte in der Küche bei der Mutter gesessen und so getan, als sei überhaupt nichts geschehen. Er schrie Zeter und Mordio, als man ihn fortführte, doch als er auf der Wache die Veronika sah, da sackte er in sich zusammen. Damit hatte er nicht gerechnet, dass sie ihn verpfeifen würde.

»Du gemeines Luder«, zischte er ihr zu, »bloß, weil ich nicht mehr gekommen bin, hast mich jetzt wegen damals verraten, das ist doch schon eine alte Geschichte.«

Veronika wurde brennend rot. Aber dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Er konnte ihr nicht mehr wehtun, jetzt nicht mehr. Die Zeiten waren vorbei.

»Nein«, sagte sie laut, »wegen damals klagen sie dich nicht an, aber wegen heute, du hast den Carl ermorden wollen, deswegen haben sie dich geholt.«

Er wurde weiß.

»Nein«, kreischte er, »sie lügt, sie lügt, sie kann mich ja gar nicht gesehen haben, ich war ja in der Mulde …« Damit hatte er sich also selbst verraten. Man führte ihn ab.

»Wir danken dir, Veronika.«

Zum ersten Mal nach langer Zeit lächelte sie wieder. Danach verließ sie mit dem Doktor die Wache.

»Komm, trink bei uns eine Tasse Kaffee, bevor du wieder aufsteigst. Meine Elenora hat auch einen Kuchen gebacken.«

»Da sag ich nicht nein«, erklärte sie lächelnd.

Als sie wenig später von den Doktorsleuten fortging, sagte dieser an der Pforte: »Also, nun gehst du morgen nach Bruck und besuchst den Carl! Und dem erzählst dann alles!«

»Aber …«

»Nichts aber, ich glaub, ich muss jetzt doch wohl mal eingreifen, du berichtest ihm, wie das mit dem Vater des Kindes war. Am besten, du erzählst ihm die ganze Geseichte, und dann wirst du schon sehen, was daraus wird.«

»Du meinst?«, fragte sie leise.

»Und ob ich das meine«, sagte er lachend. »Ich war schon lange auf keiner Hochzeit mehr, das wird jetzt wirklich Zeit.«

Plötzlich lachte sie befreit auf.

 

 

17. Kapitel

 

Man hatte Carl die Kugel herausoperiert und ihm noch einmal versichert, wie groß sein Glück gewesen sei. Es war jetzt nur noch eine Fleischwunde, und auch der Knochen war nicht getroffen worden. Er würde also keinen steifen Arm behalten, konnte also auch in Zukunft seinen Dienst weiter ausüben.

Gleich nach der Operation war man vom Landratsamt gekommen. Man war jetzt nicht mehr so böse auf ihn zu sprechen. »Also, Carl Pfeifer, da gibt es eine schöne Försterstelle, hier in der Nähe von Bruck, da lebst dann nicht so einsam. Hast sie dir redlich verdient.«

Leise sagte er: »Vielleicht komm ich noch mal darauf zurück.«

Danach lag er im Bett und grübelte darüber nach. Vielleicht sollte er doch fortgehen, er würde sie dann schneller vergessen können.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Zu seiner allergrößten Überraschung stand Veronika auf der Türschwelle.

»Darf man eintreten?«, fragte sie leise.

»Veronika«, sagte er fassungslos. »Bist du es wirklich, du kommst mich besuchen? Das war doch wirklich eine Belastung.«

»Der Doktor hat mir geraten, ich solle dich besuchen und dir einiges erklären, aber ich wäre auch so gekommen, Carl«, sagte sie lächelnd.

Sie war so ganz anders, gar nicht mehr bedrückt und verhärmt. So hatte sie damals ausgesehen, im Herbst, der Mann konnte nur noch staunen. Sie war zu ihm gekommen.

»Du sollst mir etwas erklären? Ja, aber was denn?«

»Man hat den Täter festgenommen, Carl.«

»Der mir eins aufgebrannt hat? Aber wie denn?«

»Ich hab es gesagt«, sagte sie leise.

»Du?«

»Ja!«

Er atmete schwer. »Hast du ihn denn nicht mehr lieb, Veronika?«

»Schon lange nicht mehr. Das ist schon lange her.« Und dann erzählte sie auch ihm endlich die ganze Geschichte. Carl konnte es zuerst nicht fassen, dass es Loni war. Ausgerechnet dieser Schlawiner hatte Veronika auf dem Gewissen. Seinetwegen hatte sie so viel leiden müssen, seinetwegen waren sie beide die ganze Zeit unglücklich gewesen.

Danach war es für eine ganze Weile still im Zimmer. Carl Pfeifer musste das erst einmal verkraften. Schließlich meinte er mit leiser Stimme: »Und ich hab geglaubt, du hättest ihn noch immer lieb, darum hab ich nie ein Wort gesagt.«

»Und ich hab gedacht, es sei wegen des Kindes«, erwiderte nun Veronika. »Gestern hat mir der Doktor gesagt, ich müsse dir alles erklären.«

Carl streckte seine Hand aus und ergriff die von Veronika. »Recht hat er«, rief er strahlend. »Da hätten wir uns womöglich noch länger das Leben schwer gemacht. Jetzt kann also endlich alles gut werden, Veronika.«

Sie lächelte leicht.

»Kann es das wirklich?«

Er zog sie mit der gesunden Hand zu sich herunter. »Hast du mich denn lieb?«

Sie nickte. »Das hab ich schon so lange, damals, ich glaub, das war nur, weil ich so einsam, so verzweifelt war. Vielleicht hab ich ihn nie wirklich geliebt, den Loni. Er hat mich ja bitter für meine Tat bereuen lassen. Kannst du mir das je verzeihen, dass ich dich angelogen habe?«

Er küsste sie zärtlich.

»Das hast du doch alles nur getan, weil du ein so gutes Herz hast, Veronika. Du wolltest ihm nicht wehtun, ihm helfen, so bist du nun einmal, so wird es immer sein. Ach, ich bin ja so glücklich, dass du mir alles gesagt hast, Veronika!«

Da strahlten ihre Augen auf.

»Jetzt werden wir nie mehr einsam sein, Carl?«

»Nein, nie mehr und ich brauch auch nicht fort. Stell dir vor, man hat mir vergeben, ich kann jetzt sogar eine Stelle hier bei Bruck bekommen.«

»Wirst du sie annehmen?«

»Aber nein, dort in den Bergen gefällt es mir am besten, und du wirst schon sehen, jetzt werden wir das Forsthaus erst einmal herrichten. Jetzt macht das Leben ja wieder Spaß. Ach Veronika, ich kann es noch immer nicht glauben.«

Sie blieb eine Weile, aber dann musste sie wieder fort, denn sie musste mit dem Bus heim nach Mixnitz und von dort heimgehen.

Als sie am Nachmittag aus dem Landbus stieg, traf sie mit dem Doktor zusammen.

»Da schau her, hast also meinen Rat angenommen?«

»Ja!«

»Und? So lass dir doch nit die Würmer aus der Nase ziehen. Was hat er gesagt, der Carl?«

Sie holte tief Luft, dann lächelte sie ihn an.

»Weißt, kannst schon mal deinen guten Anzug rauslegen, ich glaub, du wirst bald auf einer Hochzeit tanzen!«

»Ja mei«, lachte der Doktor. »Das ist ja eine ganz große Neuigkeit. Ich wünsch dir auch viel Glück. Ihr habt es verdient.«

Wenige Augenblicke später wusste es das ganze Dorf. Sonst war der Doktor ja kein Tratscher, aber diese Neuigkeit sollten sie alle wissen, damit sie endlich aufhörten, hinter der Veronika her zu reden. Ja, da war so manch eine, die ihr den Bräutigam nicht gönnte, man hätte ja selbst so gern den Förster geehelicht.

Veronikas Eltern waren von Herzen froh, als sie ihnen mitteilte, sie würde jetzt doch den Carl heiraten. So hatte die Sorge um das Kind endlich ein Ende gefunden.

Carl musste an die vier Wochen in der Klinik bleiben, dann war er wieder gesund und konnte heimgehen. Jetzt wurde nicht mehr lange gewartet. Gleich ging man zum Pfarrer und bestellte das Aufgebot.

Hubert hatte dem Lorenz schon mitgeteilt, dass er nicht mehr auf der Alm bleiben würde. Jetzt würden sie zum Schwiegersohn ziehen. Er würde dort den Garten richten und sich schon zu beschäftigen wissen.

Für Veronika war jetzt alles viel leichter. Erst einmal war das Forsthaus viel komfortabler eingerichtet, mit Heizung und Bad, und dann lag es auch nicht mehr so weit vom Dorf ab. Carl versprach ihr, gleich nach der Hochzeit einen Wagen zu kaufen. So würden sie immer schnell dort unten sein, die Straße wurde jetzt im Frühling auch endlich gerichtet.

Die Alm wurde jetzt nur noch im Sommer bewirtschaftet, wegen der Urlauber. Für den Winter konnte Lorenz keinen mehr finden, der es sich gefallen ließ, so lange von der Dorfgemeinschaft abgeschlossen zu leben.

Therese durfte noch ihr erstes Enkelkind im Arm halten, den kleinen Peter, dann starb sie friedlich. Veronika und Carl bekamen noch zwei Mädchen und waren sehr glücklich darüber.

 

 

ENDE

 

Der Erbe des Hofes

 

 

1. Kapitel

 

Die kleine Katrin blickte mit großen Augen zum Himmel hinauf und beobachtete die Vögel. Fliegen müsste man können, dachte sie sehnsüchtig. Fliegen, weit fort, über die Berge und immer weiter. Bis zum Königssee und noch weiter. Und wenn sie müde wurde, würde sie sich auf den höchsten Bergspitzen ausruhen. Das wäre schön, wunderschön.

Onkel Tobias hatte ihr einmal gesagt, von der Spitze eines Berges sähe alles ganz winzig aus. Und man habe das Gefühl, in den Himmel sehen zu können. Wunderschön musste das sein.

Sie seufzte leise.

Katrin schloss ein wenig die Augen. Aber noch immer sah sie die Berge.

Sie wohnte am Fuße des Watzmann. Dahinter lag der viel besungene Königssee, und dann kamen wieder Berge. Man nannte sie Steinernes Meer. Katrin wusste das alles von Onkel Tobias. Er konnte wunderbar erzählen. Viele Fremde kamen jedes Jahr, um ihre Heimat zu bewundern. Sie stiegen auf die Berge und konnten sich die Welt von oben betrachten.

Das Kind legte die Hände in den Schoß und seufzte. Einsamkeit und Verlassenheit, das war ihr Los; und so würde es auch immer bleiben.

Sie wusste es. So klein sie auch noch war, hatte sie sich damit abgefunden. Aber manchmal konnte sie es nicht mehr ertragen. Das Weh riss in ihrem Herzen. Aber sie konnte nur hier in ihrem Rollstuhl sitzen und mit tränenblinden Augen in den weitläufigen Park starren. Sie würde nie wie andere Kinder herumtollen können.

Katrin war erst sieben Jahre alt, von Geburt an gelähmt. Sie war von Reichtum umgeben. Aber was nützte es ihr?

In diesem Augenblick befand sie sich auf der Terrasse. Sie war dem Haus vorgelagert. Der Jasmin duftete betörend. Langsam ging die Sonne hinter den Bergen unter. Die Spitzen waren blutrot. Katrin dachte dann an ihr Lieblingsbuch »Heidi«. Ach, da hatte es auch ein gelähmtes Mädchen gegeben. Die Berge hatten es gesund gemacht.

Warum wurde sie nicht gesund?

Onkel Tobias wusste um ihren Lieblingsplatz und hatte sie hierher gefahren, war aber dann wieder gegangen. Er war Maler und konnte sich nicht immer um ein kleines Mädchen kümmern. Und Katrin war still und bescheiden, niemals beklagte sie sich. Nur ihre Augen sprachen von einem unendlichen Leid, von Weh und Sehnsucht.

Sie senkte den blonden Kopf. Eine Träne fiel auf ihre Finger. Plötzlich hörte sie Schritte, sie wandte den Kopf zur Seite und wischte hastig die Tränen fort.

»Onkel Tobias!« Sie liebte den alten Mann. Er hatte gute Augen und immer ein Lächeln für sie. »Du kommst zurück? Hast du denn dein Bild fertig?«

Der Mann stopfte sich eine Pfeife und blies das Streichholz aus. »Nein«, sagte er. »Aber jetzt habe ich wieder Zeit. Was soll ich dir bringen, mein Herzblatt? Ein Bilderbuch, deine Puppe? Du sitzt so still hier. Warum spielst du nicht?«

»Ach nein«, erwiderte sie zaghaft. »Was soll ich damit? Ich schaue mir lieber die Berge an. Sag, Onkel Tobias, können Berge kleine Mädchen gesund machen?«

Er wusste, was sie damit meinte. Musste er ihr doch immer wieder dasselbe Buch vorlesen. Sollte er sie enttäuschen? Aber durfte man Hoffnung machen, wo keine war?

Er legte den Arm um die zerbrechlichen Schultern. Katrin hatte auch so verstanden.

»Kannst du mich nicht ein wenig in den Park fahren, Onkel Tobias?«

Das Gesicht des alten Mannes verzog sich schmerzhaft. Er wich dem bittenden Blick der tiefblauen Augen aus. Behutsam legte er seine Hand auf Katrins blonden Scheitel.

»Ich würde es ja gern tun, mein Kind, aber du weißt doch – heute gibt deine Mutter wieder ein Fest, und gleich werden die Gäste erscheinen. Ich kann dich jetzt nicht spazieren fahren.«

Wusste Katrin, dass die Mutter nicht wollte, dass man ihr krankes Kind bemerkte?

Ein Schatten legte sich auf das Gesicht des Kindes. Es nickte traurig, ja, es hatte verstanden. Den Wünschen der Mutter durfte man sich nicht widersetzen, das war nicht gut, und dennoch tat es weh, wieder einmal verzichten zu müssen.

In diesem Augenblick erschien Johannes Weitgasser, Katrins Vater. Er war ein großer, schlanker Mann mit müden Augen und gebeugten Schultern. Erst achtunddreißig Jahre war er alt und Herr dieses herrlichen Bauerngutes. Es war seit Jahrhunderten im Besitz der Weitgassers. Früher sollte es mal einem echten Baron gehört haben, aber der war ohne Erben geblieben, und so hatte eine Seitenlinie das Gut geerbt. Der Name war geblieben, nur Baron waren sie nicht mehr.

»Noch nicht müde, mein Herz?«, fragte er, als er auf seine kleine Tochter zuging.

»Nein, Vater!« Ihre Augen leuchteten auf. Sie liebte ihn über alles. Johannes strich ihr sanft über die blassen Wangen:

Jetzt, wo der Vater neben seiner kleinen Tochter stand, sah man die große Ähnlichkeit. Beide hatten blonde Haare, tiefblaue Augen und edle Züge. Die des Kindes waren zart, leidvoll, die des Mannes herb. Aber es war ein hübscher Mann, der Ruhe und Sicherheit ausstrahlte. Beide hatten einen edlen Charakter und liebten alles Schöne und Gute.

Bei Katrin erinnerte nichts an die Mutter. Vater und Tochter waren ernst und verschlossen. Kummer, Demütigungen und Resignation hatten sie vorsichtig gemacht. Vater wie Tochter waren äußerst menschenscheu geworden. Sie ließen keinen Fremden an sich heran.

Johannes Weitgasser strich sich müde über das Haar, das an den Schläfen schon grau wurde. Ja, die Jahre flogen so schnell dahin. Im Nu war man alt und verbraucht, und was zurückblieb, war nur diese kleine Tochter. Immer wenn er sie sah, krampfte sich sein Herz zusammen. Er bemerkte sehr wohl die stumme Qual in ihren Augen. Nie lachte sie. Viel zu ernst war das kleine Mädchen.

»Bist du nicht müde?«, fragte er sie noch einmal, da sie so einen abgespannten Eindruck machte.

Katrin schob ihre Hand in die seine, und so blieben sie für eine Weile. Tobias sah es und lächelte. Er war ein Bruder von Johannes‘ Vater. Da er nie geheiratet hatte und als Maler oft in der Welt herumreiste, hatte ihm der Neffe ein Wohnrecht auf dem Gut gewährt.

»Ich bin nicht müde, Vater, nur einsam, sehr einsam. Niemand ist da, mit dem ich spielen könnte. Keiner möchte mit mir zusammen sein. Warum sehen mich die Kinder aus dem Dorf so komisch an, Vater?«

»Ja«, sagte der Vater leise. Sein Herz schmerzte, als er nun auf seine kleine Tochter niederschaute. Die großen, traurigen Augen, das blasse Gesicht, die zerbrechliche Gestalt in dem hellblauen Kleid. Da hatten die Bauernkinder wohl Angst, sie würden sie zerbrechen. Sie kraxelten und stiegen in die Berge. Stillsitzen, nein, das kannten sie nicht. Katrin war ein Mensch mit einem empfindsamen Herzen. Niemand nahm sich Zeit für sie, auch er nicht, weil er sich mit seinem Kummer vergrub und um sich herum alles vergaß. Wie sehr musste das Kind leiden, und er konnte ihr nicht helfen.

»Armes Hascherl!«, sagte er zärtlich. »Weißt du, im Winter habe ich wieder mehr Zeit, und dann werden wir spielen, du und ich. Möchtest du das?«

»O ja, wirst du dann auf dem Klavier spielen, mir vorlesen und mir alle die hübschen Sachen in deinem Zimmer zeigen?

»Gewiss, wenn du das wünschst.«

Sie nickte strahlend.

Er wollte ihr noch etwas Tröstendes sagen, aber er kam nicht mehr dazu. In diesem Augenblick erscholl eine Stimme aus dem Hintergrund, hart und metallisch. Alle drei, Vater, Tochter und Onkel, zuckten zusammen und starrten sich an, als hätte man sie bei einer verbotenen Tat ertappt.

»Johannes, Johannes! Ich habe dir doch gesagt, dass heute das Rosenfest ist und du dich beeilen sollst. Nun stehst du noch immer hier herum, und du hast dich noch nicht einmal umgezogen.«

Viola Weitgasser kam näher, ihre Nasenflügel bebten vor Zorn. Johannes sah kurz auf, aus seinem Gesicht war alle Fröhlichkeit wie weggeweht.

Viola machte eine herrische Bewegung. Tobias drehte sich brüsk um und ging davon.

»Jetzt bist du nicht fertig, und ich kann die Gäste allein begrüßen. Was bildest du dir eigentlich ein? Glaubst du, man ist erfreut darüber? Denkst du, du kannst dir das leisten? Ach«, sie lachte grell auf. »Nur weil du ein Weitgasser bist und dir das Herrengut gehört? Was bist du denn schon?«

Ihre Augen waren dunkel vor Zorn, und sie sah ihn hochmütig an.

»Bitte«, sagte Johannes, »doch nicht vor dem Kind, Viola, ich bitte dich!«

Sie sah für einen Augenblick ihr Kind an, hob den Kopf und lachte.

»Du und das Kind, ihr seid beide gleich, beide unnütz und zu nichts zu gebrauchen. Du bist gar nichts, Johannes, weder im Leben noch in der Liebe. Ein Bauerntölpel, mehr nicht. Einen Sohn hast du haben wollen, nicht mal das hast du geschafft. Sieh dir dein Werk an – ein Mädchen – und noch dazu ein Krüppel! Aber Klavier spielen, ja, das kann der feine Herr. Weißt du auch, dass du dich damit zum Gespött der Dörfler machst? Dass es unmännlich ist?«

Sie lachte erneut und weidete sich an der Verlegenheit ihres Mannes. Sie fühlte sich ihm überlegen. Sie, Viola, konnte alles, war schön, klug, begehrenswert. Und sie betrog ihren Mann, ohne dass er davon etwas ahnte.

Tobias stand in der weitläufigen Halle. Sein Herz blutete für das Kind. Konnte eine Mutter wirklich so grausam sein? Er wagte nicht, sich einzumischen. So wie er sie kannte, wurde dann alles noch viel schlimmer.

Und Katrin? Obwohl sie erst sieben Jahre alt war, wusste sie doch sehr gut, dass sie der Mutter eine Last war. Die Mutter hatte keine Kinder gewollt, aber der Vater; und dann war sie, Katrin, gekommen.

Und nun hasst Viola das Kind, dachte Johannes. Er sah seine Frau an. Wunderschön war sie, eine begehrenswerte Frau, groß und schlank. Keine Frau im Dorf war so schön wie Viola mit dem kupferroten Haar und den meergrünen Augen.

Im Augenblick trug sie ein Goldbrokatkleid, sehr tief ausgeschnitten. Für eine Bäuerin ungeheuerlich, denn das war sie doch? Wie eine Schlange wirkte sie darin, geschmeidig und gefährlich, und das war sie auch. Sie liebte nur das Leben und kümmerte sich nicht um Haus und Hof. Das Geld gab sie mit vollen Händen aus.

Johannes sah sie stumm an. Diese Frau hatte er einmal geliebt, so unendlich geliebt, sich selbst dabei vergessen. Sein Herz, seine Seele hatte er ihr geschenkt und geglaubt, mit ihr den Himmel auf Erden zu haben. Seine Mutter hatte ihn gewarnt und ihm gesagt, das ginge nie gut. Er solle an das Gut denken und sich eine Frau aus dem Dorf suchen. Eine gute Bäuerin, die es verstand, die Wirtschaft zu führen.

Viola war einst ein armes Mädchen. Er hatte sie in der Stadt kennengelernt. Dort neidete man ihm die schöne Frau und bewunderte ihn, weil er, der stille Mann aus den Bergen, diesen schillernden Schmetterling hatte einfangen können.

In Schönau hatte man sie angestarrt und den Kopf geschüttelt. Das sollte eine Bergbäuerin werden? Niemals, eher würde der Königssee austrocknen. Wenn es auch der reichste und schönste Hof war, ein Herrengut, so war es doch nicht gut, so eine Stadtfrau heimzuführen.

Die Dörfler sahen das Unheil kommen, sie glaubten Johannes bald verschuldet. Aber es kam alles ganz anders.

Johannes stöhnte auf. So viele Jahre waren sie nun schon verheiratet, aber es hatte nur Wochen gedauert, bis er entdeckte, dass er eine Frau ohne Herz geheiratet hatte. Sie demütigte ihn, machte ihn lächerlich, setzte ihn herab und quälte ihn. Seine Liebe trat sie mit Füßen, amüsierte sich über seinen Schmerz, lachte und feierte alle Augenblicke irgendwelche Feste. Dazu lud sie alte Freunde aus der Stadt ein.

Enttäuscht hatte er sich zurückgezogen, für alle Zeiten, mit einem wunden Herzen. Resigniert und demütig lebte er an ihrer Seite. Qualvoll war dieses Leben. Aber wer wusste schon darum? Vor den Leuten spielte Viola die strahlende, glückliche Frau.

Dann wurde die Tochter geboren, und alles war noch schrecklicher geworden. Schon vor Jahren hatte er Viola die Scheidung angeboten. Etwas Ungeheuerliches für einen Bergbauern. Er wollte sie großzügig abfinden, wenn sie nur ginge. Aber sie hatte ihn ausgelacht und erwidert: »So, fortschicken willst du mich. O nein, mein Lieber, so haben wir nicht gewettet, so nicht. Ich bin deine Frau, ich bin die Mutter deines Kindes, und ich führe hier das Gut. Deshalb werde ich so lange bleiben, wie es mir passt. Oder willst du etwa einen Skandal und dich vor den Dörflern lächerlich machen? Willst du sagen, ich wäre davongelaufen, weil du mich misshandelt hättest?«

»Aber Viola, das ist doch nicht wahr! So etwas kannst du nicht behaupten«, hatte er geantwortet.

»Nein? Ich kann vieles, merk dir das, lass mich in Ruhe! Du ekelst mich an. Geh und spiel Klavier, amüsier’ dich mit deinen Büchern! So etwas will ein Mannsbild sein! Ein Nichts bist du! Du kannst nichts! Dass du von der Liebe nichts verstehst, habe ich vorher nicht gewusst! Kann ich etwas dafür?«

So war sie dann geblieben – all die Jahre, acht Jahre schon.

Heute sollte wieder eines ihrer Feste stattfinden, und er musste dabei sein. O ja, sie wickelte alle um den Finger.

»Geh und zieh dich um«, herrschte sie ihn an. Sie drehte sich um, ohne auf eine Antwort zu warten, und ging in die große Stube. Es war ein wundervoller Raum, Wände und Decke waren mit Holz getäfelt. Uralter Bauernrat stand auf Regalen und Schränken. Das Haus war groß und weitläufig. Einst hatte ein Baron darin gelebt, Viola war stolz darauf.

Katrin zitterte und hielt die Lider gesenkt. Johannes beugte sich nieder und schloss sie in seine Arme.

»Mein Kleines, wein doch nicht. Bitte, weine nicht mehr!«

Sie schluchzte, und ihre Stimme bebte, als sie flüsterte: »Oh, Vater, warum ist Mama so? Wir haben ihr doch nichts getan! Oh, Vater!«

Es klang wie ein Aufschrei. Auch der Mann hätte vor Schmerz aufschreien mögen. Katrins Weh brachte ihn fast um den Verstand. Sie war doch wehrlos und noch so klein.

Seine Wangenmuskeln spielten. Jäh wandte er sich um und stürzte davon.

»Komm«, sagte Tobias rau. Er schob den Stuhl auf die Terrassentür zu. »Ich rufe Elisabeth, sie wird sich um dich kümmern.«

Das kleine gelähmte Mädchen schluckte noch ein paar Mal.

»Ja, ist recht«, sagte es dann ergeben.

 

2. Kapitel

 

Cordula Buxner saß auf den Treppenstufen, den Kopf in die Hand gestützt, und dachte nach. Ihre Stirn war gefurcht. Das war nämlich nicht so einfach. Mit bald sechs Jahren gab es so viel, über das man nachdenken wollte, und dann musste man sich gehörig anstrengen, und auf einmal purzelten die Gedanken alle durcheinander.

Peterle, ihr kleiner Kater, hatte bis jetzt in der Sonne gelegen. Nun erhob er sich, gähnte, streckte sich und drehte einmal den Kopf nach rechts, und dann nach links. Ein Blatt flog auf, und er sprang täppisch danach. Dann ließ er es wieder sein, schielte hinüber zu Cordula und kam ganz gemächlich angetrottet. Das Dirndl breitete die Arme aus, und mit einem Sprung war er auf ihrem kleinen Schoß. So waren sie wieder vereint.

Cordula Buxner war ein Waisenkind. Bei einem Zugunglück kamen ihre Eltern ums Leben. Das war sehr traurig, und eigentlich hätte sie auch traurig sein müssen, doch als das damals geschah, war sie so klein, wie Elke immer sagte. Ja, und wenn sie Elke nicht gehabt hätte, wäre es bestimmt traurig gewesen.

Elke Steiger war die Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Cordula wusste das genau, schließlich war sie bald sechs Jahre alt, und da konnte man wohl etwas behalten. Auch wenn sie ins Dorf zum Bäcker geschickt wurde, vergaß sie nichts. Und das wollte etwas heißen, den ganzen langen Weg hinunter, alles zu behalten. Sie war Elke eine große Hilfe.

Sie beide also, und natürlich der Kater Peterle, lebten im Jägerhäuschen. So wurde ihr Haus genannt. Es war ganz aus Holz und sehr klein. Da gab es eine kleine Küche, eine winzige Badestube, eine große Wohnstube und ein kleines Schlafzimmer für sie beide. Und darum hatten sie auch Etagenbetten aufgestellt. Elke schlief unten und sie oben. Aber manchmal kroch sie zu Elke ins Bett. Dann lagen sie eng zusammen und flüsterten sich Geschichten zu, oder lauschten nur einfach dem Wind, der an ihrem kleinen Häuschen rüttelte.

Es war jedenfalls sehr gemütlich in dem Jägerhäuschen, das zum Gut gehörte. Oben auf dem Hügel stand es, nahe dem Hochwald. Das letzte Stück musste man ordentlich steigen. Früher, als es noch große Jagden gab, da hatten die Jäger hier gewohnt und waren bei Nacht zur Jagd aufgebrochen.

Hinter dem Häuschen hatten Elke und Cordula ein winziges Gärtchen angelegt. Aber viel lieber spielte Cordula im Wald oder rutschte ein wenig den Hang hinunter, kroch unter den Zaun und spazierte in dem schönen Rosengarten herum. Aber das tat sie nicht oft, denn sie hatte Angst vor der Bäuerin, sie hatte so böse stechende Augen. Johannes Weitgasser war nicht böse, aber immer sehr traurig, und er sprach mit leiser Stimme, was so wehmütig klang. Man konnte dann gar nicht mehr lachen.

Sie hatten nicht immer in dem Jägerhäuschen gelebt, vielmehr Elke nicht. Ihr Vater war früher als Arzt im Dorf tätig gewesen. Sie war oft mit ihm über Land gefahren zu den Patienten und hatte dann mit den Kindern gespielt und sich amüsiert. Eine sehr glückliche Jugend hatte sie mit ihrer Schwester genossen. Oft waren sie auch zum Gut gefahren. Ihr Vater war mit Johannes‘ Vater befreundet gewesen. Elke erinnerte sich gern an jene Zeit. Damals war Johannes auch ganz anders, lustiger und zu allen Streichen aufgelegt. Er war ja nur acht Jahre älter als sie.

Seltsam, wie doch die Zeit verging. Manchmal meinte Elke, es wäre erst gestern gewesen, da sie und Johannes hier durch den Garten tollten, über die Wiesen liefen und im Bergbach badeten.

Aber alles war verweht und vergessen. Die Eltern und die Schwester waren tot. Nur sie und Cordula waren übriggeblieben. Sie hatten damals in Salzburg gelebt, vielmehr hatte sie sich dahin geflüchtet. Denn als sie erfuhr, dass Johannes Weitgasser heiratete, da war ihr Herz verwundet worden. Sie hatte ihn geliebt und von einer gemeinsamen Zukunft geträumt. Aber er ahnte nichts von alledem und hatte eine andere genommen.

Als einzige von den Dorfkindern hatte sie damals mit der Schwester eine höhere Schule besucht und anschließend eine Kunstschule. So war sie Musterzeichnerin geworden. Weil sie die Blumen ihrer Bergheimat so wunderschön wiedergeben konnte, erhielt sie viele Aufträge, besonders Kleiderstoffe sahen wunderhübsch aus.

Dann war das Unglück mit ihrer Schwester geschehen. Sie hatte Cordula zu sich genommen. Doch mit einem kleinen Kind war es schwierig. Sie hatte ja arbeiten müssen, um sich und Cordula zu ernähren. Sie hatte niemanden gehabt, der auf das Kind achtete. Außerdem war das Leben in der Stadt sehr teuer. Und in ihrer kleinen Wohnung hatte sie das Kind auch nicht halten dürfen.

Dann hatten ihr gute Bekannte aus dem Dorf geschrieben, das Jägerhäuschen sollte vermietet werden. Und so war sie nach hier zurückgekommen. Nun lebte sie schon fünf Jahre mit dem Kind hier im Gebirge, am Fuß des Watzmann. In all den Jahren hatte sie ihren einstigen Gespielen nur flüchtig wiedergesehen, denn sie begegneten sich nicht oft.

Davon hatte Cordula natürlich keine Ahnung. Sie war glücklich und wuchs heran, stark und gesund wie die Buben und Mädchen im Dorf und den Nachbarhöfen. Und so sollte es auch bleiben. Unten auf dem Weg zum Herrenhaus fuhren mehrere Wagen hintereinander. Cordula staunte mit großen Augen.

»Schau mal, Elke, die vielen Leute! Und die schönen blanken Autos!«

Das junge Mädchen war aus dem Haus getreten und sah der Staubwolke nach. Sie trug ein einfaches Wollkleid. Das weißblonde Haar hatte sie mit einem Band zusammengebunden.

»Sicher geben sie wieder ein Fest«, meinte das Kind. »Warum dürfen wir nie hingehen, Elke? Ich könnte dann mit Katrin spielen. Du hast mir doch gesagt, dass in dem feinen Haus ein kleines Mädchen lebt!«

Elke legte den Arm um Cordula. »Man sagt, Katrin sei krank, darum dürfen keine Kinder zu ihr!«

»Und du?«

Ein leichtes Rot huschte über Elkes Züge. Warum musste das Kind auch an alte Wunden erinnern? Aber da Cordula aufgesprungen war und einem Schmetterling nachlief, brauchte sie keine Antwort zu geben.

Wagen auf Wagen rollte unten über den gelben Weg.

Es begann dunkel zu werden. Cordula kehrte aus dem Wald zurück. Elke hatte heute keine Lust mehr, am Zeichentisch zu arbeiten.

»Komm, mein Mäuschen, wir machen einen kleinen Spaziergang. Es ist doch so schön warm draußen«, sagte sie.

Sie wanderten über die Wiesen in der Nähe des Herrenhauses. Die Musik drang bis zu ihnen hin. Zwischen den hohen Tannen erblickten sie das Haus. Groß und wuchtig, das Untergeschoss war aus schweren Steinen erbaut, und darüber erhob sich das reich geschnitzte Holzgebälk mit den Laubengängen, den kleinen Erkern. Trutzig und mächtig, so kam es Elke vor. Das tiefhängende Dach war wie eine schützende Hand. Es bewahrte die Einwohner vor Sturm und Schnee.

Oft ging Elke hier spazieren, wenn Cordula schon lange in ihrem Bettchen lag und schlief und der Mond hoch am Himmel stand. Mitunter hörte sie in diesen Nächten leise Klaviermusik. So fremdartig machte sich das in dieser rauen Bergwelt aus. Überirdisch! Viola musste wohl die Spielerin sein. Sie neidete ihr nicht das Glück, den herrlichsten aller Männer bekommen zu haben. Nein, das nicht! Aber manchmal fragte sie sich, ob Johannes wirklich so glücklich war, wie man sich im Dorf erzählte.

Die wenigen Male, die sie ihn in den Jahren gesehen hatte, sind seine Augen immer umschattet gewesen, gebeugt seine Schultern. Doch vielleicht kam das daher, weil er sich Sorgen um die Gesundheit seiner kleinen Tochter machte.

Das also ist mein Leben, dachte sie. Ich habe ein Kind und liebe es, aber es ist nicht mein eigenes Kind und doch fehlt etwas.

Elke sehnte sich nach Geborgenheit, nach der Liebe eines Mannes. Doch mit dreißig Jahren musste man wohl aufhören, solchen Träumen nachzuhängen.

 

3. Kapitel

 

Wuchtige schwarze Holzbalken durchzogen die Decken und machten die Räume heimelig. Uralter Hausrat, wertvolle geschnitzte Schränke waren zu sehen, und auf den Fußböden lagen wertvolle Teppiche. In den vielen Jahren, da der Besitz ihnen gehörte, hatte Generation auf Generation so manches gute Stück zusammengetragen.

Jetzt erscholl laute Musik und Lachen aus den Räumen. Das Fest war in vollem Gange. Viola verstand zu feiern. Johannes wollte noch nach Katrin sehen, doch dann hörte er, dass noch mehr Gäste kamen. Eine Unmutsfalte bildete sich zwischen den Augen. Früher hatte er sich gesträubt mitzumachen, da er die Leute nicht kannte, die seine Frau einlud. Deswegen hatte er sich einfach davon ferngehalten.

Als er aber in seinem eigenen Haus nicht aufzufinden war, machte man Witze über den Hausherrn und nannte ihn einen Bauerntölpel, der nichts gelernt habe. Und seine Frau trieb es noch toller.

Oft fuhr sie auch allein nach Salzburg, angeblich um Freundinnen zu besuchen, die sie von früher kannte. Aber Johannes wusste, was sie dann tat. Aber so lange die Dörfler nichts erfuhren, schwieg er verbittert.

Viola war schön, er hatte sie leidenschaftlich geliebt. Aber sie hatte sich lustig über ihn gemacht und gelacht, wenn er um ihre Liebe bettelte, immer wieder zu ihr kam, um sich abermals verwundet zurückzuziehen. Sie nannte ihn einen Hampelmann, einen Stümper. Sie lachte ihn auch in Situationen aus, in denen kein Mann es vertragen kann, ausgelacht zu werden.

Aber das war jetzt schon lange her. So weit lag das zurück. Manchmal stieg das Verlangen in ihm hoch. Aber dann schämte er sich und hielt sich zurück. Nein, seine Frau würde ihn nie verstehen, ihn nie lieben.

Viola war durch und durch herzlos. Sie dachte nur an sich, nur sie galt, sie und ihre Launen. In der Stadt war sie die Schönste. Doch dort kannte man sie zur Genüge, und niemand hatte sie gebeten, die Frau eines reichen Mannes zu werden. Johannes, der Bauerntölpel, der viel Geld hatte, er war gekommen. Darum hatte sie ihn genommen und war in die Berge gezogen. Aber eines Tages würde sich das ändern. Dann würde sie ein Haus in Salzburg haben, und dann würde sie aufblühen.

Sie hatte Angst vor dem Verblühen. Noch ein Kind! Pah! Wie dumm Johannes war! Glaubte er wirklich, es läge nur an ihm? Möglich, dass er es annahm. Sie lachte auf, als sie daran dachte. Was wusste er denn von den kleinen Mittelchen! Jetzt kam er nicht mehr, nein, aber sie musste sich trotzdem vorsehen. Sie wusste ganz genau: Würde sie von einem anderen Mann schwanger werden, so war dann in diesem Hause kein Bleiben mehr.

Langsam stieg Johannes die Treppe hinunter. In der breiten Diele unter den vielen Geweihen tanzten ausgelassen die Gäste. Niemand aus der Nachbarschaft war geladen worden. Alles Fremde aus der Stadt. Man aß, trank und tanzte die ganze Nacht hindurch. Und er durfte dieses Fest bestreiten.

Die Sterne waren längst verblasst, als endlich die letzten Wagen verschwanden. Lautlose Stille senkte sich über das Haus. Johannes schloss die schwere Haustür.

Viola flegelte sich halb betrunken in einen Sessel. Ihr Kleid war hochgerutscht. Er sah ihre schlanken Beine.

Er ging durch die Räume, löschte die Lichter, schloss die Fenster und wollte dann gleich nach oben gehen. Viola jedoch sprang, geschmeidig wie eine Katze, aus dem Sessel hoch und stand plötzlich vor ihm.

»Spielst du mal wieder den Diener?«

»Viola, geh schlafen, du bist doch sicherlich müde!«

»Ich bin nicht müde!«

Plötzlich hatte sie die Stimme eines Kindes, sah verlassen und schutzbedürftig aus.

»Bitte!«, sagte er leise.

»Du hasst mich, nicht wahr, Johannes! Warum hasst du mich? Bin ich denn nicht mehr schön? Warum kommst du nicht mehr zu mir?«

Er sah sie stumm an und wollte sich dann abwenden. Doch sie hielt ihn zurück.

»Du kannst mich nicht mehr einfangen, Viola, gib dir keine Mühe. Es ist aus, schon seit Langem. Du weißt auch, wessen Schuld es ist. Dir ist ja gar nicht klar, was Liebe ist!«

Langsam wandte er sich der Treppe zu. Viola lief ihm nach. Sie bebte vor Zorn. Hass loderte in ihren Augen. Sie beschimpfte ihn mit den gemeinsten Worten, benahm sich wie toll. Endlich ließ sie von ihrem Mann ab und stürmte davon. Viola eilte auf ihr Zimmer und warf sich auf das Bett. Morgen wollte sie in die Stadt fahren und sich austoben. Dieses verdammte Nest, diese verfluchten Berge, und dann diese langweiligen Dörfler hier. Man konnte regelrecht dran ersticken.

 

4. Kapitel

 

Gegen Morgen hatte es kurz geregnet. Auf den Gräsern glitzerten die Tropfen. Aber jetzt stieg die Sonne hinter den Bergen auf. Johannes kam die Treppe herunter. Er trug einen Reitanzug und wollte gleich nach dem Frühstück ausreiten. Nicht nur Wiesen, Äcker und Almen besaß er, sondern auch ein wertvolles Gestüt, das hatte sein Großvater aufgebaut.

Die Fensterflügel waren weit geöffnet. Der Duft vieler Bergblumen strömte herein. Die Baumwipfel neigten sich im Wind.

Katrin saß mit dem Mädchen Maria am Tisch und wartete auf den Vater. Maria kam aus dem Dorf und betreute die Kleine, darum kümmerte sich die Mutter ja überhaupt nicht.

Sie frühstückten jeden Morgen gemeinsam. Mit der Zeit hatten sie beide vergessen, dass es noch die Mutter gab. Katrin war nur von fremden Menschen umgeben. Niemand nahm sich die Zeit, sie mal zu herzen und zu streicheln. Das kleine Kinderherz war mit der Zeit erkaltet. Katrin war nicht fähig zu lieben, da man es ihr nie gezeigt hatte.

Der Vater liebte seine kleine Tochter über alles. Aber er war so scheu geworden, enttäuscht durch das Wesen seiner Frau, dass er Angst hatte, abermals zurückgewiesen zu werden. So verbarg er seine Liebe zu dem Kind.

Die Augen des Kindes leuchteten auf, als es den Vater erblickte.

»Vater, schau dort drüben, der Jasminstrauch, wie er blüht!«

»Ja, mein Kind«, sagte der Vater. Beim Frühstück betrachtete er das Kind. Es wurde Zeit, dass sie einen Hauslehrer bekam, denn sie war schon sieben Jahre alt. Armes Kind, dachte er, sie hat noch nie das Haus verlassen. Er wollte sie nicht der Öffentlichkeit preisgeben, man würde das Kind nur anstarren. Nein, sie sollte hier glücklich sein. Als sie noch klein war und es sich herausstellte, dass sie nie laufen würde, da hatte er viele Ärzte kommen lassen. Er würde mit dem Lehrer im Dorf sprechen, bestimmt würde er ihr gegen ein gutes Entgelt Unterricht geben.

Johannes legte die Serviette beiseite und stand auf.

»Du gehst schon wieder?« Trauer lag in der Kinderstimme.

Er beugte sich hinab. »Leider, aber zu Mittag bin ich wieder da.«

»Wohin gehst du?«

»Ich reite zu den oberen Wiesen, weißt du!«

Nein, sie wusste es nicht, denn sie war noch nie dort gewesen. Immer nur im Haus oder Garten.

»Ja, du musst wohl«, sagte sie leise.

Johannes ging schnell aus dem Zimmer. Er sattelte seine Stute Nadja, dann galoppierte er davon. Solch ein Ritt am frühen Morgen war wie eine Erlösung für ihn. Hier war sein Reich, und man hörte auf ihn.

Am Gatter angelangt, sprang er ab, band das Pferd an und lehnte sich über den Zaun. Ganz hinten in einer Mulde grasten die Tiere. Plötzlich hoben sie die Köpfe, lauschten, drehten sich um und gingen alle zur anderen Seite hinüber. Sie gingen nicht eilig, aber sie strebten vorwärts. Johannes rief sie, aber sie ließen sich nicht stören. Was war da hinten los? Er ging um die große Weide herum. Und dann sah er sie!

Cordula, mit zerzausten braunen Haaren, einem Lederhöschen und zerrissener Bluse, war unter dem Zaun hergekrochen und stand nun mitten in der Herde. Ihre Taschen und Hände waren voller Zuckerstückchen. Ein so winziges Ding zwischen den großen Tieren! Angst schien es wohl nicht zu kennen. Er hörte das Kind mit den Pferden reden. Es kannte alle beim Namen. Und die Pferde drängten sich um die Kleine, einige versuchten sogar, mit den weichen Mäulern ein Zuckerstückchen aus ihrer Tasche zu holen. Da kamen sie bei Cordula aber schlecht an. Sie drehte sich um und schimpfte mit dem Sünder.

»Jeder bekommt nur eines, so viel kann ich doch gar nicht mitbringen. Und derjenige, der stiehlt«, ein strafender Blick auf den Dieb, »der bekommt gar nichts. Hört ihr?«

Endlich hatte sie alle gefüttert, bis auf ein Pferd, es war die naschhafte Resi, die den Zuckerstückchen immer so schlecht widerstehen konnte. Cordula leckte zum Schluss ihre Finger ab, während die Pferde sich von dannen trollten. Sie hatten begriffen, dass es nichts mehr gab. Nur Resi harrte aus und blieb wartend vor Cordula stehen.

Diese schielte unter den langen Wimpern hervor. »Na, du – aber sag es nicht den andern, hörst du?«

Resi senkte den Kopf ganz tief herab, schnaubte leicht an dem weichen Kinderhals und legte für einen Augenblick ihren schönen Kopf auf die Schulter des kleinen Mädchens. Cordula legte die Arme um Resis Hals und klopfte sie zärtlich, dann gab sie ihr einen Kuss auf die Nüstern. Und wahrhaftig – Resi bekam drei dicke Zuckerstückchen. Schließlich war sie Cordulas Lieblingspferd.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich und drehte sich schnell um. Ein Mann stand am Gatter und starrte sie an. Sie erkannte ihn gleich.

»Oh«, sagte sie gedehnt. Das äußerte sie immer, wenn sie keine rechte Antwort wusste. Sie gab Resi einen Nasenstüber und kroch unter dem Zaun her. Ihre Bluse verfing sich abermals in dem Draht, und Johannes musste sich bücken, um sie zu befreien.

»Danke«, sagte sie und reichte ihm ihre schmutzige, klebrige kleine Hand. Er nahm sie und schüttelte sie.

»Sag mal, tust du das oft?«, fragte er.

Cordula sah zu den Pferden hinüber. Dann betrachtete sie eingehend den Zaun und zuletzt den Himmel. Als Johannes noch immer auf eine Antwort wartete, schaute sie ihn schelmisch an.

»Ja.«

»Die Tiere scheinen dich ja sehr zu mögen, besonders Resi!«

»Ja, nicht wahr? Ich mag sie auch sehr gern. Wissen Sie, ich tu immer so, als wären es meine Pferde. Aber ich stehle Ihnen bestimmt keines. Sie können nachzählen, sind noch alle da, ganz bestimmt.«

Johannes lachte. »Wer bist du eigentlich? Ich kenne dich ja gar nicht? Bist du ein Feriengast aus dem Dorf?«

»Ich bin doch die Cordula!«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Die Cordula!«, wiederholte er gedehnt. Das Kind hatte es so gesagt, als müsse er es kennen.

Cordula ließ sich ins Gras fallen. Johannes setzte sich neben sie.

»Ich wohne doch in dem Jägerhäuschen. Haben Sie das denn ganz vergessen?«

»Ach, jetzt entsinne ich mich wieder. Richtig, das haben wir ja vermietet!«

Langes Schweigen folgte. Johannes sah das Kind von der Seite an. Es strotzte vor Gesundheit. Warum war seine kleine Katrin nicht so gesund und munter? Weshalb konnte sie nicht richtig über die Wiesen tollen und einfach nur Kind sein?

»Sind Sie mir vielleicht böse?«, fragte Cordula ängstlich.

Er schrak aus seinen Gedanken auf.

»Warum?«

»Nun, wegen der Pferde und so – und weil ich immer so tu, als wären das meine.«

Wieder musste er über das drollige Kind lachen.

»Sag mal, woher kennst du denn die Namen der Tiere?«

»Von Stephan!«

Stephan war Pferdepfleger.

»So, den kennst du also auch!«

»Natürlich, wir sind nämlich ganz dicke Freunde, und wenn ich groß bin, dann werde ich ihn heiraten.«

»Ei, warum denn das?«

»Ganz einfach, er ist doch Ihr Pferdepfleger, und wenn ich dann seine Frau bin, vielleicht darf ich dann auch mal auf den Pferden reiten. Stephan hat das nämlich gesagt!«

»Soso.«

»Die Resi hab’ ich nämlich ganz lieb, und ich mache sie auch wirklich nicht kaputt. Elke schimpft immer mit mir und sagt mir immer wieder: Warte nur, wenn der Herr Weitgasser dich mal erwischt, er wird dir den Hosenboden strammziehen. Das sind nämlich seine Pferde.«

»Wer um Gottes willen ist denn jetzt schon wieder Elke? Deine große Schwester etwa?«

Cordula schüttelte den Kopf und lachte. Sie wollte ihm gerade antworten, aber dazu kam sie nicht mehr. Plötzlich wurde ihr Name gerufen.

»Himmel, ich muss fort!«

Sie rappelte sich hoch. Aber in diesem Augenblick kam Elke aus dem Wald und entdeckte Cordula. Den Gutsbesitzer bemerkte sie gar nicht.

»Hiergeblieben«, befahl sie ärgerlich. »Glaubst du, ich renne mir die Beine aus dem Bauch, und du versteckst dich erneut? Sicher hast du wieder Dummheiten gemacht. Cordula, du bist ein unmögliches Kind, weißt du das?«

Das Kind lachte sich halbtot, und Johannes sah zu seinem Erstaunen, dass die weißblonde Dame – wahrscheinlich die Mutter des Kindes – mitlachte. Und da lachte er auch. Das Lachen der beiden war so herzlich, dass es ansteckte.

Elke wandte sich um und erschrak.

»Oh, ich habe nicht gewusst, dass Sie auch hier sind. Sicher hat Cordula wieder irgendetwas ausgefressen. Und wie ihre Bluse aussieht. Sie bekommt heute wieder zur Strafe nur Wasser und Brot. Dauernd muss ich ihre Kleidung flicken!«

Cordula quietschte vor Vergnügen. Das war eines ihrer schönsten Spiele miteinander, denn es war ja nicht ernst gemeint.

Johannes fühlte sich verpflichtet, das Kind in Schutz zu nehmen. Er erkannte Elke, die einstige Gespielin, nicht wieder. Nur bemerkte er, dass sie eine bezaubernde, junge Frau war. Sein Herz zog sich zusammen. In diesem Augenblick dachte er an Viola und Katrin.

Elke war verwirrt. »Ich werde Cordula verbieten, auf Ihrem Grund herumzuzigeunern. Aber ich muss Ihnen gleich sagen, dass sie ein schreckliches Kind ist. Sie hört nicht auf mich.«

Johannes lachte auf. »Das macht doch nichts, wenn es ihr gefällt. Cordula, wenn deine Beine etwas länger geworden sind, dann werde ich dir das Reiten beibringen, dann brauchst du nicht zu warten, bis Stephan dich mal heiratet.«

Das Kind hüpfte von einem Bein aufs andere.

»Siehst du, Elke, er ist sehr nett und verhaut mich gar nicht. Ich glaube, du hast mich angeschwindelt.«

Elke lächelte wehmütig und trat den Rückweg an. Auch der Mann ging langsam davon. Doch ein Lichtstrahl war in sein Herz gedrungen. Er fühlte sich auf einmal so frei und heiter wie schon lange nicht mehr.

 

5. Kapitel

 

Viola Weitgasser erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sie schlief in einem echten Himmelbett. Es war schon über zweihundert Jahre alt. Die Vorhänge waren aus schwerem Brokat. Sie hatte Geschmack, und nur Luxus umgab sie.

Sie sah aus dem Fenster. Ein schöner Tag, aber sterbenslangweilig. Wieso kamen bloß die vielen Urlauber her und starrten die blöden Berge an? Da gab es doch in einer Stadt viel mehr zu sehen und zu erleben.

Das Kleid hatte sie achtlos zu Boden geworfen. Jetzt war es arg zerdrückt und hatte viel von seiner Schönheit verloren. Sie würde sich eben ein neues kaufen und noch mehr, soviel sie nur wollte. Johannes hatte ja Geld genug, und sie sorgte dafür, dass es nicht schimmelig wurde.

Als die Frau an ihren Mann dachte, wurde sie wieder wütend. Sicher, sie war gestern betrunken, aber sie hatte seine Abweisung sehr wohl verstanden. Er hatte es also überwunden. Sie konnte ihn nicht mehr quälen. Und gerade diese Tatsache machte sie fuchsteufelswild.

Über dem Kamin hing sein Bild. Tobias hatte es gemalt, und ihre Schwiegermutter hatte veranlasst, dass es dort aufgehängt wurde. Vor dieser Frau hatte sie Angst. Sie war die einzige, die sie nicht beherrschen konnte. Zum Glück war Charlotte Weitgasser nur selten zu Hause. Das hätte ihr noch gefehlt, mit der Schwiegermutter unter einem Dach leben zu müssen. Doch wenn sie mal im Haus weilte, musste Viola sich immer mustergültig benehmen. Charlotte Weitgasser war rheumakrank und musste deshalb viele Bäder aufsuchen. Sie war gegen diese Heirat gewesen. Sie hatte die zukünftige Schwiegertochter durchschaut. Aber Johannes war so verliebt und hatte nicht auf ihre mahnenden Worte gehört.

Viola starrte mürrisch auf das Bild ihres Mannes. Es war gemalt worden, als sie noch nicht verheiratet waren. Johannes stand unter den Tannen, neben sich sein Lieblingspferd. Das Bild zeigte einen Mann mit offenen, heiteren Zügen, das blonde Haar ein wenig zerzaust vom Wind, mit blauen, lachenden Augen.

Die Frau merkte gar nicht, wie sie immerzu dieses Bild anstarrte. Seltsam, an diesem Morgen kamen ihr so viele Gedanken.

Auch damals, als sie sich kennenlernten, hatte sie ihn nicht geliebt, sie hatte immer nur sein Geld gesehen. Er hätte anders sein müssen, hart und brutal, dann wäre sie zu Kreuze gekrochen. Sie hätte alles für ihn getan. Doch er war weich und verletzlich, wie sehr, das hatte sie bald gemerkt.

Und sie hasste ihn, verachtete ihn, weil er so geduldig litt und sie nie anschrie. Er kam und ging, war fast nur ein Schatten.

Und sie hasste ihre Tochter; diese hatte ihr die Schönheit genommen. Ihr Körper begann schon zu welken. Aber dass es ihr ausschweifendes Leben war, das sie vorzeitig altem ließ, daran dachte sie nicht. Sie war nur glücklich, wenn sie jemanden hassen konnte. Es lag in ihrer Natur.

Der Gong schlug die Mittagsstunde. Da sie sich um nichts kümmerte, musste Johannes eine Haushälterin anstellen. Zum Glück war er reich genug und konnte sich das leisten. Eine junge Witwe aus der Nähe, froh, so eine Arbeit im Dorf zu erhalten, verrichtete diesen Dienst schon seit Jahren. Die Bäuerin selbst führte ein regelrechtes Drohnenleben.

Viola hörte die Pferde. Johannes war also schon wieder zurück. Sie warf die Seidendecke zurück und sprang aus dem Bett. Dann duschte sie, zog wahllos ein Kleid über und bürstete sich die roten Haare. Da sie dunkle Schatten unter den Augen hatte, schminkte sie sich noch stärker als sonst. Niemand sollte sehen, dass sie langsam alt wurde. Davor hatte sie fürchterliche Angst.

Wenig später betrat Viola das Esszimmer. Johannes und Katrin saßen am Fenster und unterhielten sich angeregt. Als sie die Mutter bemerkten, brachen sie das Gespräch ab.

»Redet doch weiter«, höhnte sie. Und als sie trotzdem schwiegen, zwang sie sich zur Ruhe. Aber das hielt sie nicht lange aus.

»Habt wohl wieder über mich gesprochen, was?«, fragte sie wütend.

»Nein, Mama«, sagte das Kind wahrheitsgemäß.

Viola blickte Katrin an.

Der Blick des Kindes ging ihr durch und durch. Und jetzt musste sie mit leisem Erschrecken feststellen, dass Katrin überaus schön war – schöner als sie. Und diese Schönheit war so eine ganz andere. Edel und rein, so klar wie ein Bergsee waren ihre Augen. Neben ihrer kleinen Tochter fühlte sie sich verbraucht und hässlich. Dass sie das noch nicht bemerkt hatte!

Bevor der Zorn in ihr hochzusteigen begann, dachte Viola wieder daran, dass Katrin ja ein Krüppel war. Niemand würde sie begehren, denn sie würde niemals die Männer so betören können, wie sie, ihre Mutter.

Stumm wandte Viola sich ab und setzte sich an den Tisch. Johannes schob den Rollstuhl näher und setzte sich ebenfalls. Warum ist sie gekommen?, fragte er sich. Sonst blieb sie doch die meiste Zeit für sich.

»Ich fahre heute in die Stadt«, sagte sie.

Johannes schwieg.

»Willst du nicht wissen, wohin?«

»Mutter kommt nächste Woche«, sagte er ruhig. »Ich wäre dir dankbar, wenn du bis dahin wieder zurück sein würdest.«

Für einen Augenblick vergaß sie sich und starrte ihn mit offenem Mund an. Hatte er ihre Gedanken erraten? Wusste er um ihre Angst vor seiner Mutter?

Johannes zerteilte das Fleisch für seine kleine Tochter. Er sah nicht auf. Viola merkte ihm an, dass er nervös war, denn seine Hände bebten. Das versöhnte sie wieder.

»Ich brauche Geld«, sagte sie.

»Aber ich bezahle alle deine Rechnungen, das weißt du!«

»Ich will Geld, ich bin kein Kind mehr. Von dir will ich mich schon gar nicht bevormunden lassen«, schrie sie ihn unbeherrscht an.

Seine Lider hoben sich kurz, er blickte sie an, stumm und sehr traurig.

Viola saß im Sonnenlicht und war bezaubernd schön, trotz des einfachen Kleides. Ihr Gesicht schien lieblich und fein – wie das eines Engels!

Plötzlich sah er ein anderes Gesicht vor sich, er erinnerte sich an das junge Mädchen von heute Morgen und an die kleine Cordula. Er lächelte ganz leicht. Seltsam, als er an die beiden dachte, fühlte er sich wieder sicher und ruhig.

»Nein!« Es war das erste Mal, dass er Viola etwas verweigerte. Nein, nicht das erste Mal, in der Nacht auch schon. Hatte er endlich alles überwunden?

»Wenn du glaubst, dass du mich los wirst, so irrst du dich, Johannes. Ich bin die Herrin hier, und ich bleibe, hörst du?«

»Das weiß ich«, sagte er ergeben. »Wenn ich dich fortschicke, wirst du mich überall im Dorf unmöglich machen, indem du Lügen erzählst. Ich weiß es, Viola, aber vielleicht gehe ich eines Tages!«

Viola konnte den Triumph in ihren Augen kaum verbergen. Das war es ja, was sie erreichen wollte. Dann würde sie allein hier herrschen. Dann konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Wann würde es nur endlich soweit sein?

Kurze Zeit später verschwand Viola mit dem Wagen. Unten im Dorf sah man eine breite Staubwolke. Da brauste sie dahin, ohne auch noch einen Gedanken an ihren Mann, geschweige denn an ihre kleine Tochter zu verschwenden.

 

6. Kapitel

 

Es war Abend, im Kamin brannte ein kleines Feuer. Die Mauern des Hauses waren so dick, dass man auch im Sommer abends gut ein bisschen Wärme vertragen konnte.

Tobias hatte den ganzen Tag auf einer Alm verbracht. Seine Bilder waren berühmt. Jetzt saß er mit Johannes und Katrin im Wohnzimmer am runden Tisch und spielte Domino. Die drei fühlten sich nur glücklich, wenn Viola fort war. Sie waren ganz ins Spiel vertieft, und die Wangen des Kindes glühten. Hurtig wühlte sie mit den zarten Händen die Steine durcheinander.

»Gewonnen!«, jubelte sie.

Johannes sah Tobias empört an.

»Ich verstehe nicht, wie du immer verlieren kannst!«

»Wieso?«, fragte Tobias und lächelte.

»Ich habe doch viel weniger Augen, ich bin der zweite Gewinner, oder hast du nicht aufgepasst?«

»Katrin schummelt«, sagte Johannes und zog sein Gesicht in Falten.

Das Kind lachte herzlich auf, und das war es, was Johannes wollte. Es wurde ihm seltsam warm ums Herz. Auch Tobias freute sich über das Lachen des Kindes. So vergnügt, so ausgelassen war sie nur, wenn die Mutter fort war. War sie daheim, schlug sie alle in ihren Bann. Und keiner wagte sich so zu geben, wie er gern wollte. Tobias zog dann immer in die Einsamkeit und machte sich unsichtbar.

»Musst du nicht schlafen gehen, Katrin? Ich glaube, Maria wartet schon auf dich!«

»O nein, das sagst du nur, weil du verloren hast. Bitte, jetzt noch nicht. Ich bin noch gar nicht müde.«

»Na schön, einmal noch, aber wehe, wenn ich verlieren sollte, dann spiele ich nicht mehr mit.«

Sie sortierten die Steine und begannen ein neues Spiel. Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Zuerst bemerkte es keiner von ihnen.

Stephan kam herein. Er war ein netter junger Mann. Schon viele Jahre arbeitete er auf dem Gestüt. Johannes hob den Kopf und sah Stephan fragend an.

»Was gibt es? Ich dachte, du wolltest ins Kino gehen! Springt der Wagen nicht an? Sollen wir anschieben helfen?«

Stephan starrte auf seine Fußspitzen und dann auf seinen Chef, es fiel ihm sichtlich schwer zu reden.

»Ich wollte gerade gehen. Als ich die Halle durchquerte, läutete es. Ein Mann steht draußen und möchte Sie sprechen. Es ist ein Polizist!«

Tobias stand auf und fuhr wortlos den Rollstuhl mit der kleinen Katrin aus dem Zimmer. Johannes erhob sich langsam, und ging zur Tür. Seltsam, er dachte gleich an Viola.

»Bitte, führ ihn herein, Stephan!«

»Ja, dann will ich mal gehen.« Damit entfernte sich Stephan.

Ein junger Polizeibeamter betrat kurz darauf das Zimmer. Die Dienstmütze hatte er unter den Arm geklemmt. Er verbeugte sich leicht.

»Herr Weitgasser?«

»Ja, was wünschen Sie von mir?«

»Mein Chef schickt mich mit einer dringenden Nachricht zu Ihnen!«

Johannes nahm den verschlossenen Briefumschlag entgegen, öffnete ihn und las ihn schnell durch. Dann warf er den Brief in den Kamin. Sofort züngelten die Flammen darum und verkohlten ihn.

»Es ist gut, ich komme sofort. Bitte, gedulden Sie sich einen Augenblick. Ich hole nur eben meine Jacke.«

Damit verschwand er, zog sich im Flur die Lederjacke über und nahm die Autohandschuhe. Johannes Gesicht war sehr blass, die Züge wirkten eingefallen. Tobias kam zurück. Er sah seinen Neffen an.

»Viola hat einen Unfall erlitten. Ich soll gleich ins Krankenhaus kommen!«

Dann wandte er sich ab, winkte dem Beamten und verließ mit ihm das Haus.

Sie stiegen in das Auto und brausten durch die Nacht. Schwarz standen die Berge im Hintergrund. Mit sachlichen Worten sprach der Beamte über den Vorfall. Viola hatte wahrscheinlich getrunken. In einer Kurve war sie ins Schleudern geraten. Ein entgegenkommendes Fahrzeug wurde gestreift, und dann war sie in eine Schlucht gestürzt. Der Fahrer des anderen Wagens war aber nicht verletzt.

Johannes hörte schweigend zu. Sie erreichten die Stadt und fuhren durch die nachtstillen Straßen zum Krankenhaus. An der Pforte erwartete sie der Kommissar. Viola befand sich im Augenblick noch im Operationsraum. Der Mann sprach tröstend und zuversichtlich und machte ihm Hoffnung. Johannes konnte nur schwach nicken.

Dann wurde die Tür geöffnet, und man schob die Bahre heraus. Er sah zuerst nur das weiße Laken und die roten Haare auf dem Kissen. Violas Gesicht war schneeweiß, sie hatte die Augen geschlossen. Ihr Atem ging schwer.

Man brachte sie in einen kleinen Raum. Der Arzt sah auf und erkannte Johannes. Sie waren alte Schulkameraden.

»Was ist mit ihr?«, fragte er leise.

Robert sah ihn scharf an.

»Johannes, ich kann dich nicht belügen, das weißt du!«

»Sag mir also die Wahrheit.«

»Sie wird diese Nacht nicht überleben. Ihr Körper ist total zerschmettert. Sie würde nur als Krüppel weiterleben können. Aber ihre Lungenflügel sind eingeklemmt, und du weißt, was das bedeutet. Ich will dir weitere Einzelheiten ersparen.«

»Darf ich hierbleiben?«

»Natürlich!«

Viola öffnete die Augen. Sie waren groß und blickten verwirrt. Sie erkannte nichts und erinnerte sich auch an nichts. Schmerzen spürte sie noch keine. Sie wandte den Kopf und entdeckte ihren Mann. Robert verließ lautlos das Zimmer. Die beiden Eheleute waren allein.

»Was willst du hier?«, lallte Viola mit schwerer Zunge.

»Man hat mich gerufen!«

»Gerufen, warum?«

Er wollte ihr antworten. Doch dann begriff sie alles und starrte ihn an. Sie spürte Eiseskälte in ihrem Rücken, sie merkte, wie diese Kälte langsam an ihr hochzukriechen begann. Das war also der Tod! Verdammt sei der Alkohol, sie wollte doch die Siegerin bleiben – über ihn, Johannes!

»Du freust dich, dass es mit mir zu Ende geht, nicht wahr? Und du wirst lachen vor Freude!«

»Viola, bitte«, flehte er leise. »Nein, das habe ich dir nicht gewünscht, niemals!«

»Schweig!«, keuchte sie. Sie war wie von Sinnen. Die Schmerzen, die sie plötzlich spürte, raubten ihr den Verstand.

»Schweig, aber das sage ich dir: Du wirst mich nicht los. Niemals, hörst du? Ich bin in dir, und du wirst immer an mich denken. Immer! Ich beherrsche dich, auch wenn ich nicht mehr bin. Du wirst nie frei sein, nie!«

Ihr Mund verzog sich zu einer Fratze.

»Ich bleibe Siegerin über dich, immer. Du wirst noch an meine Worte denken. Ich bin doch die Stärkere, und du bist ein Schwächling, immer, immer …«

Ihr Kopf sank zurück. Sie keuchte wild und heftig. Ihre Hände tasteten über das weiße Laken, der kostbare Ring blitzte auf. Johannes beugte sich über sie.

»Viola, soll ich einen Priester holen lassen?«

Ihre Augen verdrehten sich. Sie konnte nicht mehr sprechen. Blut quoll aus ihrem Mund, und die Hände wurden still, ganz still. Ein letzter Blick streifte Johannes. Wie musste sie ihn hassen. Auch jetzt, in ihren letzten Sekunden. Dann verschleierte sich ihr Blick. Ihr Kopf blieb still liegen, ein Ruck ging durch ihren Körper. Viola Weitgasser war tot!

 

7. Kapitel

 

Zehn Tage später war es. Johannes Weitgasser stand vor dem Haus. Den Rucksack hatte er geschultert, die Wanderschuhe an. In den letzten Tagen war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Das Gesicht war hart und kantig. Katrin saß wie verloren auf der Terrasse. Er sah das Kind nicht. Sein Blick war auf die Berge gerichtet.

»Wo willst du hin?«

Tobias sprach diese Worte. Johannes drehte sich nicht um.

»Fort«, sagte er nur.

»Du bist verrückt. Komm doch zur Besinnung, Junge!«

»Ich geh in die Berge.«

Der Onkel spürte, er konnte ihn nicht aufhalten. Unheimlich war er. Aber durfte er ihn gehen lassen? Jetzt? In dieser Verfassung?

»Wenn du bleibst, so ist es besser für das Kind. Gehst du aber trotzdem, so werde ich mitkommen!«

»Lass mich gehen. Ich muss es tun!« Johannes Gesicht wirkte versteinert.

»Nein, nicht allein. Warte, ich bin gleich fertig.«

Eine halbe Stunde später verließen sie schweigend den Hof. Als sie in die Berge kamen, nahm Johannes die schwersten Wege, die steilsten Pfade und Pässe. Verbissen kämpfte er sich vor. Tobias war in seiner Jugend ein guter Bergsteiger gewesen. Auch jetzt hatte er noch nicht viel von seiner Elastizität verloren. Aber was der Junge da tat, war Raubbau. Machte er so weiter, würde er sich selbst umbringen.

Johannes spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken herunterrann. Aber er hörte nicht auf, weiter, immer weiter. Eine Triebfeder war in ihm.

Tobias rettete ihn vor einer Schlucht. Wäre er hinuntergestürzt, man hätte ihn mit zerschmetterten Knochen wiedergefunden.

»Narrischer Bub, nun ist aber Schluss. Jetzt wird getan, was ich sag‘. Das ist ja Mord, was du da treibst. Kannst du mir mal sagen, wovor du fliehst?«

Johannes ließ sich erschöpft nieder und vergrub sein Gesicht in beide Hände.

»Das kannst du nicht begreifen, Onkel. Ich fliehe vor dem Hass. In mir ist eine schreckliche Kälte. Ich friere.«

»Johannes, Bub, sie ist doch nicht mehr da! Begreife doch endlich! Viola kann dich nicht mehr quälen. Oder …«

Der Onkel blickte ihn an.

»Hast du sie vielleicht immer noch geliebt, Junge? Sag mir die Wahrheit!«

»Nein«, erwiderte er ruhig, »geliebt habe ich sie schon lange nicht mehr. Aber vielleicht ist es auch meine Schuld. Wie kann ein Mensch so hassen, Onkel Tobias? Ich begreife das einfach nicht. Habe ich denn nicht alles für sie getan? Habe ich ihr nicht jeden Willen gelassen?«

»Du musst die Zeit wirken lassen, Junge. Davor fliehen, das hat doch wirklich keinen Zweck. Denk doch an deine kleine Tochter! Um die hast du dich die ganzen letzten Tage nicht gekümmert! Fliehst in die Berge! So ein Blödsinn! Und ich alter Mann steige auch noch mit. Was suchst du hier?«

Johannes hob den Blick. Welche Schönheit umgab ihn doch. Früher war er oft hier hinaufgestiegen. Immer wenn er Kummer hatte, war er in die Berge gegangen. Sie hatten ihn tatsächlich getröstet, ihm gezeigt, wie klein und unscheinbar er doch war. Ein winziges Sandkorn im Getriebe der Welt! Aber jetzt! Tobias bückte sich und pflückte ein paar rote Moosblumen.

»Schau, sind sie nicht schön?«

Nein, die Berge schenkten ihm auch nicht den Frieden. Sein Herz war kalt wie Stein.

»Komm«, sagte er ruhig. »Du hast recht. Man soll nicht vor sich selbst fliehen.«

Aber dann blieben sie doch eine Woche fort. Der Onkel meinte, wenn man schon einmal so weit sei, könne man doch eine zünftige Bergtour unternehmen. Sie hätten ja alles mit. Er wäre schon lange nicht mehr ins Steinerne Meer gewandert.

Tobias tat es mit Bedacht. Und Johannes verausgabte sich bis zur Erschöpfung. Wenn sie abends in einer Berghütte rasteten, dann sprach er kein Wort mehr. Er fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Das war gut so. Grübeln tat nie gut. Es machte den Menschen kaputt.

Unterwegs trafen sie hin und wieder auf andere Gruppen und schlossen sich für eine Weile an. Aber später waren sie dann wieder allein.

Als sie wieder auf den Hof zurückkamen, war Johannes ein ganz anderer geworden. Tobias ging umher und sagte den Leuten, sie sollten ihn nicht mit Fragen belästigen.

 

 

8. Kapitel

 

Schneeflocken wirbelten zur Erde nieder. Tief hingen die grauen Wolken. Alles war weiß, die Wiesen, Felder und Äcker, und es sah richtig romantisch aus.

Im Kamin prasselte das Feuer und verbreitete behagliche Wärme. Johannes saß davor und schaute sinnend in die Flammen und beobachtete deren Spiel.

Das Haus war wie in einen tiefen Schlaf versunken. Immer noch lag lähmende Stille über allem. Auch jetzt, fünf Monate danach, konnte er es kaum glauben, dass Viola tot war. So seltsam es auch klingen mochte. Er dachte oft, sie sei in der Stadt und würde bald wiederkommen. Sie war ja so oft fort gewesen. Aber Viola kam nicht mehr zurück. Sie ruhte auf dem Friedhof. Johannes wusste das, und doch saß die Beklemmung immer noch in ihm. Zu lange hatte sie ihn gequält, bis zum letzten Augenblick.

Wenn er an ihren Tod dachte und an ihre letzten Worte, so erschauerte er jedes Mal. Er fragte sich, ob er jemals Ruhe finden würde.

Der Winter war diesmal sehr früh gekommen. Draußen gab es für einen Bergbauern jetzt nichts mehr zu tun. So saß er jeden Abend vor dem Feuer und sann vor sich hin. Weihnachten kam und ging still vorüber. Die Zeit der lauten, wilden Feste war vorbei.

Als Charlotte Weitgasser die Nachricht vom Tod der Schwiegertochter erhielt, war sie gleich nach Hause geeilt. Sie führte nun den Haushalt und wies das Mädchen an. Johannes war ihr sehr dankbar dafür. Aber seine Mutter war schon recht alt und hinfällig. Mit ihren siebzig Jahren konnte sie nicht mehr so flink wie früher sein. Durfte er das überhaupt von ihr verlangen?

Als die erste Februarsonne zögernd hervorkam, war die Erde immer noch mit einer dicken Schneeschicht bedeckt.

Es war an einem dieser Winterabende, als Charlotte Weitgasser ihrem Sohn am Kamin Gesellschaft leistete. Katrin schlief schon. Nur sie und er waren noch auf. Der Onkel hatte sich in seinen Trakt zurückgezogen.

Johannes war in letzter Zeit alt geworden. Seine Schläfen waren schon fast weiß. Die Mutter sah es mit Wehmut. Sie wusste von der tragischen Ehe, sie wusste um alles, aber sie hatte, um es dem Sohn nicht noch schwerer zu machen, immer geschwiegen. Was sollte sie auch dazu sagen? Hätten sie es zu einem Skandal kommen lassen sollen? Nein, Viola wäre niemals freiwillig gegangen. Aber Gott hatte noch einmal Erbarmen gezeigt. Jetzt war ihr Sohn frei, von allen Fesseln gelöst. Nun konnte er wieder aufatmen. Aber er tat es nicht. Im Gegenteil, wenn sie nicht bald etwas unternahm, würde sie ihn noch überleben.

»Wenn es Frühling wird, dann muss ich wohl wieder ein Bad aufsuchen. Meine alten Knochen – weißt du, ich würde so gern bleiben, aber die Kälte im Frühling – das macht mich ganz krank.«

Johannes blickte erstaunt auf.

»Aber natürlich sollst du wieder reisen, Mutter. Du darfst auf mich keine Rücksicht nehmen. Es ist überhaupt unverantwortlich von mir, dir so viel Arbeit aufzubürden. Hast du nicht dein Leben lang gearbeitet hier auf dem Hof?«

»Natürlich, aber damals war es auch mein Hof, und ich hatte Vater und dich!«

»Ich werde schon zurechtkommen, Mutter!«

Die alte Dame mit den schlohweißen Haaren sah ihren Sohn lange an. Sie war einmal sehr schön. Doch sie war sich dieser Schönheit nie bewusst. Ihr Herz war stets voller Liebe und Wärme für die anderen. Sie hatte ein erfülltes und reiches Leben hinter sich. Im Dorf wurde sie sehr geachtet. Damals, in der schlimmen Zeit, als der Krieg so viel Leid brachte, hatte sie viel geholfen. Nein, man vergaß das nicht.

»Junge, so kann es aber nicht weitergehen. Wohl für den Übergang. Aber nicht für immer. Wie hast du dir das gedacht, Johannes? Willst du unseren Besitz, der schon seit Jahrhunderten den Weitgassers gehört, verkaufen? Wie denkst du darüber?«

»Aber warum soll ich ihn denn verkaufen, Mutter? Ich bin doch noch da, gesund und kräftig, wie du siehst!«

»Ja, aber eines Tages wirst auch du alt sein. Wenn man es auch nicht glauben will. Und dann? Dann ist nur noch deine Tochter da. Du weißt ganz genau, dass sie niemals heiraten kann. Also wird mit ihr unser Geschlecht aussterben.«

Johannes starrte in die prasselnde Glut; sein Herz zog sich zusammen.

»Ich hatte mir so sehr einen Sohn gewünscht«, sagte er mit ganz leiser Stimme.

»Was nicht ist, das kann noch werden, mein Junge, denn du bist noch jung. Du kannst das Leben noch einmal von vorn beginnen. Glaub mir, ich gehe erst dann beruhigt fort, wenn ich weiß, hier schaltet eine richtige Frau. Auch für Katrin ist es sehr wichtig. Sie braucht endlich eine Mutter. Vielleicht denkst du über meine Worte einmal nach.«

Johannes hatte sich aufgerichtet. Er starrte seine Mutter entgeistert an.

»Nein«, keuchte er. »Das kannst du nicht verlangen. Alles, aber nicht das, niemals, hörst du?«

»Warum nicht? Du hast doch Viola nie geliebt, also kannst du ihr auch nicht nachtrauern. Sicher findest du dein Glück, du musst es nur wollen, mein Junge,«

Johannes war in sich zusammengesunken.

»Das kannst du nicht wirklich wollen, Mutter. Du weißt nicht, was du von mir verlangst. Das Leben mit Viola war die Hölle für mich. Jetzt habe ich endlich Ruhe gefunden. Und ich will sie mir nicht wieder zerstören lassen. Ich kann es nicht, ich kann es wirklich nicht. Fürs Leben bin ich gezeichnet. Viola lässt mich nicht los. Ich habe das Gefühl, als wäre sie noch immer da. Sie quält mich. Wie soll ich da an eine andere Frau denken, geschweige denn mit ihr leben?«

Die Mutter schwieg.

»Johannes«, sagte sie nach einer langen Pause. Ihre alte, verwelkte Hand lag auf seinem Arm.

»Ich weiß es ja, aber eine neue Frau wird all diese Spuren bei dir verwischen. Glaube mir, eines Tages wirst du glücklich sein und alles vergessen haben, was einmal war. Nicht alle Frauen sind so wie Viola, glaube es mir doch!«

Er schüttelte den Kopf.

»Verzeih mir, Mutter, aber ich bin müde, ich möchte mich schlafen legen.«

Er stand auf und floh aus dem Zimmer.

Zurück blieb seine Mutter und blickte ihm wehmütig nach. Sie verstand ihren Sohn, und dass er Angst vor den Frauen hatte. Aber hier ging es um das Erbe, um die Zukunft, und nicht zuletzt um sein kleines Mädchen. Man musste ihm die passende Frau aussuchen. Sanft, zärtlich und fügsam musste sie sein. Das Gegenteil von Viola. Dann erst konnte sie, die Mutter, in Ruhe sterben. War sie das ihrem verstorbenen Gatten nicht schuldig? Sie musste sich um ihren Sohn kümmern. Sie würde alles daran setzen, um ihn eines Tages wieder glücklich zu sehen.

Johannes floh in die Wälder und auf die Berge, er wollte nicht mehr daran erinnert werden, wollte alles vergessen. Aber die Mutter schnitt das Thema immer wieder an. Sie sprach fast täglich davon. Er hielt sich die Ohren zu, denn er wollte nichts mehr hören, aber sie redete ihm ins Gewissen, erinnerte ihn an seine Pflicht Katrin gegenüber.

Zwei außerordentlich harte Naturen kämpften miteinander.

»Ich kann es doch nicht«, rief er immer wieder.

»Du meinst, du kannst dir keine gute Frau suchen, du wärst dazu nicht fähig?«

»So ungefähr, ich kenne niemanden!«

Er glaubte, sie damit endlich zur Ruhe gebracht zu haben. Aber er kannte seine Mutter schlecht.

Diese lächelte nur.

»Wenn es das ist, ich wüsste schon jemanden für dich!«

Er sah sie verblüfft an. Dann lachte er heiser auf.

»Mutter, du willst …«

Für einen Augenblick vergaß er seine Angst.

»Warum nicht? Man muss dich nur dazu bringen.«

»Ich kann aber nicht, bitte lass mir meinen Frieden, Mutter. Ich flehe dich an. Verstehst du das denn nicht? Ich soll das alles noch einmal durchmachen, dieses …« Er brach ab.

»Du brauchst sie ja nicht zu lieben, Johannes. Dein Herz lass dabei aus dem Spiel. Das verlange ich ja gar nicht. Du heiratest sie. Und sie ist dir dankbar dafür, hier leben zu dürfen und nicht mehr arbeiten zu müssen. Du hast dann eine Hausfrau. Wer spricht denn von Liebe?«

Er schloss die Augen. Vielleicht hatte die Mutter recht. Vielleicht war das sein Fehler gewesen. Er hatte Viola so sehr geliebt, dass er all ihre Fehler übersehen hatte. Hätte er sie nicht so geliebt, wäre ihm ihr Charakter bestimmt schon früh genug aufgefallen.

»Wer ist es denn, die du ausgesucht hast?«

Die Mutter lächelte. Endlich waren sie einen Schritt vorwärts gekommen. Er fragte schon nach dem Namen.

»Du kennst sie sehr gut, mein Junge! Damals hatten Vater und ich schon gedacht, du würdest sie zu deiner Frau machen.«

»Wen kenne ich?«

»Elke Steiger!«

»Meinst du die Tochter von unserem früheren Hausarzt, Papas Freund? Erich Steiger?«

»Erraten, sie ist ein prächtiges Mädchen, mein Junge. Gerade die Richtige für dich. Auch kein junges Ding mehr. Sie erwartet bestimmt keine himmelstürmende Liebe.«

Johannes musste wider Willen lachen.

»Aber ich weiß nicht einmal, wo sie wohnt. Und bestimmt ist sie schon verheiratet.«

»Lebst du auf einem anderen Stern, Junge, oder bist du so vergesslich geworden?«

»Wieso?«

»Kannst du dich nicht erinnern, dass sie unser Jägerhäuschen gemietet hat? Und das schon seit fünf Jahren.«

»Das Jägerhäuschen am Wildbachsteig? Aber darin lebt doch die Cordula«, sagte er verblüfft.

Nun war es an der Mutter erstaunt zu sein.

»Sag einmal, wer ist denn die Cordula?«

»Ein kleines Mädchen, von ungefähr sechs Jahren. Sie lebt mit ihrer Mutter dort. Im letzten Sommer habe ich sie kennengelernt. Mein Gott, ich habe sie vollkommen vergessen. Seltsam.«

Und dann erzählte er von der lustigen Begebenheit.

Die Mutter lachte.

»Jetzt erinnere ich mich, wer die Cordula ist. Natürlich, das ist das Kind von Elkes Schwester. Sie ist doch damals mit ihrem Mann bei einem schweren Zugunglück ums Leben gekommen.«

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Titel: Einsam im Herzen - Sechs Heimat- und Schicksalsromane