Lade Inhalt...

Christinas Liebe ist in Gefahr

2020 93 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Christinas Liebe ist in Gefahr

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Christinas Liebe ist in Gefahr

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 93 Taschenbuchseiten.

 

Christina und Leonhard lieben sich und wollen heiraten, doch Leonhards Vater verbietet diese Ehe, ohne einen Grund zu nennen. Nur wenige Menschen wissen, dass Hans mal die Mutter von Christina geliebt hat, dann aber auf Weisung seines Vaters die Sofie heiraten musste.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Eigentlich hatte es so ausgesehen, als würden Karoline und Hans Enzinger heiraten. Seit dem letzten Trachtenfest waren sie unzertrennlich gewesen. Die beiden waren ein sehr hübsches Paar. Seit Karoline den Hans kannte, lachten ihre Augen, und sie war noch viel hübscher geworden. Das Haar leuchtete in der Sonne, und die Augen waren immerzu blank. In Hirschegg staunte man schon ein wenig. Die Sache war nämlich so, Karoline war nicht reich. Sie hatte nur ein kleines Haus, es klebte da oben an der Wand. Zwar waren die Stuben blitzsauber und alles hatte seine Ordnung. Aber Reichtümer konnte man in den schmalen Truhen und Schränken nicht finden. Und damals wie heute war das in den Bergen so eine Sache. Geld musste immer zu Geld. Und Hans war noch nicht mal Hoferbe. Aber da er von einem großen Hof stammte, war es für die Eltern selbstverständlich, dass er mal in einen anderen Hof einheiratete. So war es immer gewesen, und mit den Jahrhunderten war dann das ganze Tal miteinander verwandt.

Zu ganz frühen Zeiten hatte man noch nicht mal darauf geachtet, ob man nicht zu nahe verwandt war. Und so hatte es viel Unglück und Pein in den Höfen gegeben.

Die Obrigkeit in Wien hatte es zwar verboten. Aber in die abgelegenen Täler kam keine Obrigkeit, und man kümmerte sich nicht viel um die Gesetze. Mit den Jahren, als dann die Straßen gebaut wurden, wurde es schon anders.

Von den Hirscheggern sah niemand die vielen Tränen und den Schmerz, der in Karoline weilte, als Hans ihr sagen musste: »Mit uns zwei, das wird nix. Ich hab mit dem Vater gesprochen. Er will mich enterben, wenn ich nicht die Sofie Namhofer nehme. Die Eltern haben das schon vor Jahren untereinander abgemacht, und ich muss mich jetzt fügen, Schatzerl.«

»Aber wir haben uns doch so lieb«, flüsterte Karoline. »So sehr lieb!«

Da hatte er sie in die Arme genommen und leidenschaftlich geküsst. Auch Hans liebte sein Mädchen über alles. Er hatte das auch gestern dem Vater gesagt, aber da hatte dieser nur kurz gemeint: »Liebe, du meine Güte, das ist doch nit schlimm. Das legt sich alles, man heiratet, weil man es bequem haben will. Eine Frau ist wie die andere, das wirst schon sehen.«

Damals hatte man den Vater auch nicht gefragt und vor ihm nicht den Großvater, und die Mädchen wurden schon gar nicht gefragt. Ja, in den Bergen, da war das schon so etwas mit der Liebe. Man rackerte sich ab, war froh, wenn es klappte und erschöpft von dem vielen Kinderkriegen, da fragte man nicht sehr viel nach Liebe.

Gewiss, so etwas las man immer wieder in den Romanen, und auch im Ort kam es hin und wieder vor, dass man sich erzählte, die beiden haben sich von Herzen gern. Aber wie gesagt, das war so selten, und dann, man konnte sich nichts Rechtes darunter vorstellen. Das eigene Herz hatte selbst solche Stürme nicht erlebt. Liebe – dafür konnte man sich nichts kaufen.

Zuerst hatte sich Hans störrisch verhalten wollen, hatte zu Karoline gehen wollen, trotz alledem. Aber als dann der Vater mit grollender Stimme erklärte, dann sei er nicht mehr sein Sohn, und er würde auch keinen Pfennig von ihm erhalten, da war ihm doch der Mut gesunken.

Nur der erste Sohn und Hoferbe bekam sozusagen fast alles. Das war ein uraltes Gesetz der Berge, und darum hielten sich auch die Höfe so lange hier und blieben ungeteilt. Die anderen Kinder erhielten Geld, damit sie sich Grund und Boden für ein Häuschen kaufen konnten, und aus dem eigenen Wald durften sie dann so viel Holz schlagen, wie sie zu dem Bau des Hauses benötigten. Mehr aber auch nicht.

Söhne sehr reicher Bauern, wohlverstanden die zweiten, studierten oft, wurden entweder Geistliche oder Richter. Aber die ärmeren mussten sich umsehen. Zum Glück gab es ja immer wieder Höfe, wo kein Hoferbe vorhanden war, sondern nur ein Madel, und das war dann eine begehrte Partie für diese jüngeren Söhne. Die Eltern versuchten dann schon ziemlich früh, mit den anderen handelseinig zu werden.

Leider war es aber auch oft der Fall, dass gerade die Mädchen nicht besonders hübsch waren. Sicher, da war es schon gut, wenn sie einen prachtvollen Hof im Hintergrund hatten, aber wie gesagt, das Herz ging meistens leer aus. Die Söhne fügten sich und freiten schließlich doch diese Mädchen, wurden aber nicht glücklich. Waren sie friedfertig, so konnte man sich darauf verlassen, dass diese Ehe eine ruhige Bahn zog. Aber oft konnten sie die alten Lieben nicht vergessen, und dann wurden sie zornig und böse, und die Frau musste es dann erdulden und still sein.

Karoline litt wirklich, und manchmal dachte sie, das Herz würde ihr brechen. Der alte Vater bekam nicht viel davon mit. Verzweifelt weinte sie oft in der kleinen Schlafkammer. Aber davon wurden nur die Augen rot, das Herz schwer, ändern tat sich dadurch nichts.

Dabei hatten sie sich alles so schön ausgedacht. Mit dem Geld, das Hans bekommen würde, hatte man das kleine Anwesen vergrößern wollen. Sie waren jung und kräftig und hätten es bestimmt zu etwas gebracht.

Karoline kannte auch einen Mann mit Namen Josef Langsteiner. Er war Förster und schon an die fünfunddreißig Jahre. Er selbst kam aus einem ganz anderen Tal und hatte hier noch keine Freunde gefunden. Gegen Fremde war man immer kalt eingestellt. Und wenn sie schon zwanzig Jahre im Ort lebten, so hießen sie noch immer die Zugereisten.

Josef musste immer an dem kleinen Häuschen vorbei. So kam es, dass er sich mit Karoline unterhielt. Sie war wirklich sehr hübsch, und sie gefiel ihm. Weil sie auch so freundlich war, öffnete sich sein Herz ihr ganz. Zwar trat er still zurück, als er merkte, dass sie einen anderen Burschen liebte. Doch dann vernahm er im Ort die Kunde, und sein Herz schlug gleich höher.

Zuerst versuchte er sie zu trösten, und Karoline war ihm dankbar dafür. Es war gut, wenn man einen Menschen hatte, mit dem man sich aussprechen konnte.

Josef war auch nur ein Mann, und er hatte jetzt schon so lange gewartet. So kam es, dass er ihr gleich seine Liebe erklärte.

Karoline überdachte das eine ganze Nacht. Und dann sagte sie sich, so einen guten Mann bekomme ich nie wieder. Er ist sogar Staatsbeamter und hat eine gute Rente, also werden wir nicht arm leben müssen. Den Hans bekomme ich doch nit, also ist es doch egal.

So sagte sie am nächsten Tag zu, und sie bestellten das Aufgebot. Der Vater war zufrieden und lächelte. Die Dörfler aber staunten nicht schlecht, und Hans lief herum und hatte ein böses Gesicht. Als sie getraut wurden, rannte er in die Berge und blieb für vier Tage verschollen.

Obwohl ihr Herz dem Hans gehörte, war Karoline so gerecht, dass sie sich sagte, ich werde es dem Josef nie zeigen und ihm in allem eine gute Frau sein. Er soll es nicht bereuen, dass er mich zur Frau genommen hat.

Manchmal traten ihr die Tränen in die Augen, wenn sie sah, wie lieb und nett er zu ihr war, und sie es nicht auch so konnte. Josef hörte nicht auf, seine junge Frau zu lieben und versuchte, ihr das Leben leicht zu machen.

Sie waren kaum einen Monat verheiratet, da fühlte sich Karoline unwohl, und sie stieg den Berg hinunter und suchte im Nachbarort den alten Doktor auf.

»Ja, du wirst wohl bald was Kleines bekommen, Karoline, da gratulier ich dir auch recht herzlich.«

»In acht Monaten?«, stammelte sie, »so schnell schon, aber ich hab immer gedacht …«

»In sieben«, lächelte der Arzt sie an.

Karoline starrte ihn an.

»Aber Doktor!«

»Also, ich kann noch rechnen, Karoline, ja, so ist das nun mal im Leben. Aber ich rat dir, geh ins Krankenhaus, wenn es so weit ist. Versuch schon ein wenig früher von daheim fortzugehen, hast so ein enges Becken, da könnt es Schwierigkeiten geben. Nicht, dass ich dir Angst machen will, es ist normal, das gibt es bei vielen Frauen, weißt, aber da haben sie halt alles, was man dazu gebraucht.«

Sie versprach es ihm stammelnd, zog sich wieder an und verließ das Haus. Zuerst lief sie die ganze Zeit herum und dachte an gar nichts. Es war ihr, als läge ein Stein auf ihrem Herzen. So durcheinander war sie.

Irgendwann fand sie sich auf dem Kirchplatz wieder, und dann bestieg sie den Bus und fuhr heim. Vom Ort aus musste sie zum Häuschen hochsteigen. Der Weg dauerte fast eine Stunde, und dazu musste sie ein Stück durch den Hochwald. Ihr Mann hatte Dienst und würde erst am Abend wieder da sein.

Also hatte sie noch viel Zeit zum Überlegen.

Das Wetter war heute sehr schwül, und das Ansteigen war ihr noch nie so schwergefallen wie heute. So setzte sie sich auf einen Baumstumpf und grübelte lange. Ihr Gesicht wirkte müde und eingefallen, und die Augen hatten einen eigenartigen Glanz.

Wie sie noch so dasaß und sich mit dem Schnupftuch über die Stirn fuhr, hörte sie hinter sich im Unterholz etwas rascheln. Karoline war nicht ängstlich, und zuerst dachte sie auch an Wild oder dergleichen, aber das Rascheln verstärkte sich, und so drehte sie sich um.

Vor ihr stand Hans mit brennenden Augen.

»Karoline«, sagte er leidenschaftlich. »Verzeih, dass ich dir heimlich nachgegangen bin. Aber ich konnte nicht anders, ich musste es. O Karoline!«

Sie blickte ihn an, als sei er ein Waldgeist. Dann nach geraumer Zeit wusste sie, dass er es wirklich war. Sie wollte aufspringen, aber die Beine versagten ihr den Dienst.

Hans kam zu ihr, nahm ihre Hände und drückte sie leidenschaftlich.

»Ich kann dich nicht vergessen, Karoline, ich kann es einfach nicht. Mein Gott, was soll nur werden?«

»Sei still«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Geh, ich will dich nicht mehr sehen, das ist nicht gut. Ich bin mit dem Josef verheiratet, und ich will nicht, dass du hier bei mir herumschleichst. Was nützt es denn noch?«

Hans blickte sie an und fragte: »Ist er gut zu dir, der Josef?«

»O ja«, sagte sie rasch, senkte aber sofort die Lider. Sie konnte ihn nicht ansehen, ihr Herz selbst war ja in Aufruhr. Oh mein Gott, dachte sie entsetzt. Ist das nicht Sünde? Eine große Sünde? Bestimmt wird er mich bestrafen, ich bin doch jetzt ein Eheweib, und da sitze ich mit dem Liebsten von einst und lass es zu, dass er meine Hände hält, mir über das Gesicht streicht. Aber es tut doch so gut, ich hab ihn ja noch immer lieb, ich …

»Aber du siehst so müde und erschöpft aus«, sagte Hans mit unglücklicher Stimme. »Ach Karoline, oh du meine Liebste, ich …«

Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen. Und dann äußerte sie etwas, was vielleicht besser gewesen wäre, sie hätte es nicht getan.

»Ich war beim Doktor.«

Er blickte sie mit schmerzlichen Augen an.

»Bist du krank?«, flüsterte er. »Die Ehe hat dich also doch krank gemacht? So wird es mir auch ergehen, Karoline. Ach, ich hätt auf das Geld pfeifen sollen.«

»Nein«, sagte sie ruhig. »Ohne den Segen der Eltern zu heiraten, das geht nicht gut. Nein, wir müssen es ertragen, still …«

»Karoline, aber wenn ich weiß, du leidest auch, wie kann ich da eine andere nehmen, Karoline, ich …«

»Ich bin schwanger«, sagte sie mit leiser Stimme.

Der junge Mann starrte sie entgeistert an, dann schoss die Röte in sein Gesicht. Natürlich, der Josef war ja ihr Mann, da waren sie zusammen, hatten eine Schlafstube, bis zu diesem Augenblick hatte er das nicht wirklich beachtet, aber jetzt, wo sie ihm das sagte, da …

Ein glühendes Schwert bohrte sich in das Herz des jungen Mannes.

»So wirst du eben glücklich sein«, sagte er mit dumpfer Stimme.

Er war noch immer ihr Liebster, und sie hatte solche Angst und war so verzweifelt, und so stammelte sie: »Hans, in sieben Monaten werd ich Mutter sein.«

Zuerst verstand der Mann gar nichts, blickte sie nur mit starren Augen an. Aber dann, ganz langsam, stieg die Erkenntnis in ihm hoch.

»Karoline«, keuchte er. »Warum hast mir das nie gesagt, warum nit? Ich …«

Sie legte schnell ihre Hand auf seinen Mund.

»Ich hab es doch selbst erst heut erfahren«, erklärte sie weinend. »Ich hab es wirklich nicht gewusst, Hans, ich schwör es dir.«

Seine Augen glühten auf. Er dachte an eine Nacht, sie war so mild und schön oben auf der Alm, da hatten sie zueinander gefunden, leidenschaftlich und jung wie sie waren. Und jetzt …

»O mein Gott«, sagte er mit zerbrechender Stimme.

Karoline zitterte.

»Jetzt weißt die Wahrheit, Hans, es ist das Unterpfand unserer Liebe, aber ich beschwör dich, sag es niemandem, ich fleh dich an, nie darf es über deine Lippen kommen. Es ist unser Geheimnis.«

Er senkte den Kopf.

»Bitte, Hans, es muss sein, ich fleh dich an. Ach, ich hätte es dir nie sagen dürfen, nie, nie …«

Seine Hände fielen in den Schoß, dunkel waren seine Augen.

»Du willst also bei ihm bleiben? Dem Josef sagen, dass das Kind von mir ist?«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie legte die Hände davor und schluchzte. Er ließ sie eine lange Zeit so gewähren, aber dann sagte er leidenschaftlich: »So red doch endlich, ich hab ein Recht darauf zu wissen, was mit meinem Kind geschieht.«

»Ich kann es nicht«, erwiderte sie. »Ich kann es nicht, es würde ihn so schmerzen, ihn umbringen, er hat mich doch lieb. Wenn ich es ihm jetzt erzähle, o Hans, es ist ja so schrecklich, ich möcht es so gern ungeschehen machen.«

»Du willst unsere Liebe vergessen?«, rief er wild.

»Hans, der Josef ist so gut zu mir, er hat mich doch so lieb, und ich, ich …« Wieder weinte sie heftig.

Hans schloss die Augen, und er dachte, ich versteh sie ja so gut. Wenn Karoline mir sagen würd, ich hab da mal mit einem anderen Mannsbild … Er ballte unwillkürlich die Hände. Er hatte sie doch auch so lieb und konnte den Josef so gut verstehen.

»Ich werde immer schweigen«, sagte er mit zerbrechender Stimme.

Sie öffnete die Augen.

»Nicht wahr, du verstehst mich doch?«

Schmerz überzog das Männergesicht.

»Karoline«, sagte er bewegt.

»Es ist für mich ein Kreuzweg«, erklärte sie leise. »Es ist Sünde gewesen, damals, und vielleicht ist das auch der Grund, warum wir nicht zusammen bleiben durften, Hans. Wir hätten es nicht tun dürfen. Gott straft alle, mal schnell, mal langsam. Ich werd mein ganzes Leben daran zu tragen haben. Nie werd ich dem Josef ganz frei ins Auge blicken können. Ja, ich hab ihn betrogen, bitter betrogen. Vielleicht hätte ich es ihm sagen müssen, vorher. Aber ich war doch so verzweifelt, so traurig und dann …«

Er legte den Arm um ihre Schultern.

»Karoline!«

Mehr konnte er nicht sagen. Was wollte er zum Trost vorbringen? Was denn? Sie hatte ja so recht. Hier in den Bergen wurden sie noch immer in Gottesfurcht erzogen.

»Geh«, stammelte sie, »und versprich mir, nie mehr zu kommen. Geh und nimm die Sofie, sie ist ein gutes Mädchen. Wir haben gefehlt, Hans, es ist unsere Schuld. Geh und lass mich allein.«

Sie erhob sich, nahm ihr Schultertuch und legte es über den Kopf. Da ging sie hin, schmal und hochgewachsen wie eine Tanne. Sonst war ihr Schritt so leichtfüßig und schnell wie eine Gämse.

Hans blickte ihr sehr lange nach, dann drehte er sich um und ging ins Dorf zurück.

Am nächsten Morgen hingen sie im Kasten, der Hans und die Sofie Namhofer.

»Na also«, sagten die Väter. »Ich hab es doch gewusst, dass er Vernunft annimmt. Die Enzingers haben es sich bis jetzt noch immer überlegt.«

Sofie hatte den Hans Enzinger schon immer gemocht. Er war ja auch ein hübscher Bub, und ihr Herz flog ihm zu. Aber Hans bemerkte es nicht. Er warb um sie, wie ein Bauer um ein schönes Pferd wirbt. Er strengte sich ein wenig an, aber Liebe war dabei nicht im Spiel. Sofie merkte das sehr wohl und war sehr traurig.

Aber so bescheiden wie sie war, sagte sie sich, wenn wir erst mal zusammenleben, dann wird es kommen. Ich werd ihm eine gute Frau sein. Eines Tages wird er mich kennen, richtig kennen. Ich bin ja schon so glücklich, dass ich seine Frau werden darf.

 

 

2

Hans stand unten am Fenster seiner Kammer und starrte den Berg hinauf. Zwischen den drei hohen Tannen stand das kleine weiße Häuschen. Da lebte die Liebste mit seinem Kind unter dem Herzen mit einem Mann zusammen, der alle Rechte auf sie hatte.

Er presste die Lippen zusammen.

Gestern noch hatte er den Josef Langsteiner unten im Ort getroffen. Josef war so glücklich, dass er bald Vater wurde, dass er es jedem erzählen musste. Hans hatte mit unbewegtem Gesicht dabeigestanden und sich selbst gewundert, dass er ihm nicht ins Gesicht geschlagen hatte. Sein Kind! Das war kaum zu ertragen, aber er musste es, er hatte es Karoline versprochen. Und er würde nie aufhören, sie zu lieben.

Karoline nahm das Leben nicht leicht. Schwere Demut hatte sie befallen. Josef verstand sie nicht mehr. Jede Frau freute sich doch auf das erste Kind. Schon als sie es ihm gesagt hatte, war ihr Gesicht so leer gewiesen. Und wie demütig sie für ihn war.

»Liebes, streng dich doch nicht so an, das kann ich doch machen. So bleib doch sitzen.«

»Nein, lass nur, ich hole dir den Kaffee.«

Karoline hoffte und betete inbrünstig, wenn sie sich selbst ein schweres Los auferlegte, ein wenig Seelenfrieden zu finden..

Wenn Josef sie nicht so geliebt hätte, vielleicht wäre das dann nicht so schlimm gewesen. Aber er tat es nun einmal. Und das Kind wuchs unter ihrem Herzen.

Josef war es, der die alte Bauernwiege vom Speicher holte und sie frisch bemalte. Er war es, der über die Zukunft des Kindes mit ihr sprach. Immer nur er.

Seit damals im Wald hatte sie Hans nicht mehr gesehen. Josef war es auch, der jetzt nach der Dienstzeit in den Ort ging und alles einkaufte. Sie konnte die schweren Taschen nicht mehr tragen, und der weite Weg hätte sie auch ermüdet.

Ihr Vater war vor drei Monaten gestorben. Jetzt lebte sie mit ihrem Mann allein in dem Haus. Sie hielt es auch weiterhin so hübsch wie eine Puppenstube und tat alles, dass er sich wohl fühlte. Josef Langsteiner war mit seinem Leben zufrieden.

Sah er das traurige Gesicht seiner Frau, dann dachte er, sie hat es jetzt nicht einfach. Aber sie ist ja so gut und klagt nie. Wenn erst mal das Kind da ist, dann wird sie wieder fröhlich und guter Dinge sein.

Zu Weihnachten sind wir schon zu dritt!

Es war auch Josef, der von der großen Bauernhochzeit bei den Enzingers und Namhofers sprach. Er tat es ganz belanglos, um ihr eine kleine Freude zu machen. Josef wusste ja nicht, wie sehr seine Frau den Hans geliebt hatte. Er hatte es für eine Schwärmerei gehalten.

Ihr Herz blutete, und die Lippen zitterten, und das Kind bewegte sich unter ihrem Herzen.

Und dann waren wiederum zwei Monate vergangen, und das ganze Dorf wusste schon, dass auch Sofie schwanger war. Ja, ja, diese Mannsbilder hatten es immer eilig, so lachten sie.

»Ein Hoferbe muss natürlich kommen, das ist doch selbstverständlich, dazu heiratet man ja.«

Karoline war sehr viel allein. Am Tag war ihr Mann im Wald. Das war dann auch die Zeit, wo ihr Herz ein wenig Ruhe fand. Wenn sie ihn nicht vor Augen sah, dann bekam sie auch keine Gewissensbisse. Dann konnte sie sich ganz ihrer Arbeit widmen. Da gab es ja jetzt all die vielen kleinen Sächelchen zu nähen und zu stricken.

Josef war rein närrisch. Jeden Abend musste sie ihm zeigen, was sie am Tag geschafft hatte.

»Wir werden ihn wie einen Prinzen halten«, sagte er dann lachend und legte den Arm um ihre Schulter.

Sie fühlte die Tränen in sich hochsteigen, und verzweifelt dachte sie, ich wünschte so sehr, es sei wirklich sein Kind. Er ist so gut zu mir, so unendlich gut. Wie habe ich das nur verdient?

Josef küsste sie leicht.

»Wart nur, wenn erst mal der kleine Erdenbürger da ist, dann werden wir ein lustiges Leben haben. Wir werden zusehen, dass die Kinder nicht alle hintereinander kommen, Karoline, o nein, dann sollst du etwas von deinem Leben haben. Und wir werden sparsam sein und uns ein Auto kaufen. Jetzt haben es ja schon einige, und dann machen wir Spazierfahrten, wir zwei.«

Sie blickte ihn an.

Plötzlich konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

»Du sollst nicht so gut zu mir sein«, stammelte sie.

Erschrocken blickte er sie an.

»Aber Weibl«, sagte er leise, »was ist dir denn?«

Sie wandte den Kopf zur Seite.

»Josef, verzeih, ich bin …«

Er verschloss ihren Mund mit einem Kuss.

»Hör auf, hör endlich auf zu sagen, du seist nicht gut genug für mich. Das muss ich doch wohl besser wissen. Ich bin doch glücklich, ich bin stolz und glücklich, Liebes. Wieso sagst du das nur immerzu?«

»Du hättest eine ganz andere bekommen können«, schluchzte sie.

Sie setzte sich auf die Ofenbank und wischte sich mit der Schürze über die Augen.

»Ich wollte aber keine andere, ich wollte dich, und das weißt du doch. Du bist verwirrt, so sind die jungen Frauen manchmal. Wart nur, bis erst das Kindlein da ist, dann geht es dir auch wieder besser.«

»Ja«, sagte sie demütig.

Vielleicht hat er recht, dachte sie verzweifelt. Vielleicht bin ich jetzt nur überempfindlich. Ach, wenn er es sich doch nicht so sehnlichst wünschen würde. Es ist doch nicht sein Kind.

Jetzt lag sie oft wach und grübelte über alles nach. Immer wieder nahm sie sich vor, ihm die Wahrheit zu erzählen, aber sie wusste auch, dass sie und das Kind dann in einen Abgrund stürzen würden. Josef musste sie dann einfach verlassen, er musste es tun, wenn er nicht als Waschlappen gelten wollte. Und dann war sie mit dem Kind und der Schande allein. Hans war verheiratet, mit einer anderen. Und was ja noch viel schlimmer war, die Dörfler würden die Wahrheit erfahren, nicht nur die Dörfler, Sofie auch. Über alle würde das Unglück hereinbrechen.

Und dann dachte sie wieder, er liebt mich wirklich, der Josef. Um des Kindes willen muss ich alles auf mich nehmen. Ich muss …

 

 

3

Josef Langsteiner überließ nichts dem Zufall. Seit er von Karoline wusste, dass sie sich vorsehen musste bei der Geburt, ließ er auch nicht locker und brachte sie rechtzeitig in die nahe Kreisstadt. Zum Glück lebte dort eine alte Tante. Diese versprach ihm, in der Zwischenzeit auf seine Frau aufzupassen.

Es war vier Wochen vor der Geburt. Am Sonntag fuhr er immer zu ihr und berichtete ihr die Neuigkeiten aus dem Dorf.

Jetzt wo sie hochschwanger war, glaubte sie felsenfest, sie würde bei der Geburt sterben. Vielleicht war das die Lösung. Dann würde ihr Herz endlich Ruhe finden. Doch die Tante sagte immerzu: »So denken sie alle, das ist normal. Du bist kräftig und wirst es schon überstehen, keine Sorge, mein Kind.«

»Ich weiß es besser«, murmelte sie leise vor sich hin. Aber die Tante hörte nicht darauf.

Dann kam der Tag, wo sie in die Klinik musste. Weil es ein Samstag war, so war auch Josef zur Stelle. Er konnte sie selbst begleiten und war sehr froh darüber. Zärtlich hielt er ihre Hand.

»Nun ist bald alles über standen. Bald sind wir zu dritt.«

»Ja«, sagte sie. Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerzen.

In der Klinik wies man ihn an, ins Wartezimmer zu gehen.

»Wir geben Ihnen Bescheid, Herr Langsteiner.«

Das waren keine schönen Stunden, die er da durchmachte. Er dachte an Karoline, und sein Herz zog sich vor Mitleid zusammen. Jeder wusste, wie sehr die Frauen darunter litten. Und jetzt machte er sich auch noch Selbstvorwürfe, denn der Doktor hatte doch selbst gesagt, es würde nicht einfach sein.

Josef saß da und hatte den Kopf in seine Hände vergraben und stöhnte auf.

Karoline lag da und blickte mit starren Augen zur weißen Decke. Eine Schmerzwelle überrannte die andere. Es war so schrecklich. Sie kämpfte, war tapfer, biss sich die Lippen blutig, aber das Kind wollte nicht kommen.

Stunden verrannen, und sie litt und dachte immer wieder gequält: Das ist die Strafe Gottes, das ist die Strafe Gottes. Auch jetzt gaukelte das Gesicht von Hans vor ihr auf und ab.

Sie schrie auf. Man gab ihr eine Spritze.

Sie sah schon graue Schleier vor ihren Augen und dachte, das ist jetzt das Ende. Und ich muss vor unseren Herrgott treten und hab noch nicht mal diese schreckliche Sünde gebeichtet. O du mein Gott!

Dann wurde sie ohnmächtig.

Karoline merkte nicht mehr, wie man ihr eine leichte Narkose gab. Der Arzt hatte sich dazu entschlossen, das Kind mit der Zange zu holen.

»Ich kann nicht länger warten«, erklärte er.

Später mussten sie dann Karoline versorgen. Manchmal sah es wirklich so aus, als wolle sie sterben, so entkräftet war sie. Alles zog sich über Stunden hin.

Josef wurde schon ganz wirr im Kopf. Aber endlich hörte er Schritte auf dem Gang. Es war der Arzt.

»Wie geht es meiner Frau?«

Wie demütig seine Stimme klang.

»Kommen Sie, Sie können Sie noch nicht ansprechen, aber sie hat es überstanden.«

Da stand er nun am Bett von Karoline und sah sie totenblass in den Kissen ruhen. Er schluckte.

»Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, Herr Langsteiner.«

Josef drehte sich herum.

»Was meinen Sie damit?«, flüsterte er. »Sie wollen doch nicht sagen, dass sie …« Er brachte das Wort nicht über die Lippen.

»Nein, Ihre Frau wird das überstehen, Herr Langsteiner. Es wird zwar eine Weile dauern, aber sie wird es schon wieder schaffen.«

Wieder eine lange Pause.

»Was ist mit dem Kind?«, würgte er hervor. »Sie haben mir noch gar nicht gesagt …«

»Das Kind ist tot!«

»Nein!« Seine Knie wurden so weich, dass er sich setzen musste. »O nein, du mein Gott, so grausam kannst du doch nicht sein. Alles umsonst, die ganze lange Zeit, alles umsonst, mein Gott!«

»Es war ein kleines Mädchen, es hat sich mit der Nabelschnur erdrosselt. Das kommt immer mal wieder vor, da sind wir einfach machtlos.«

Dem Josef liefen die Tränen über das Gesicht.

»Wir haben uns so sehr darauf gefreut. Jetzt müssen wir wieder von vorn beginnen. Alles noch einmal, das lange schreckliche Warten, die Anstrengungen für die Frau, oh mein Gott, das ist hart, sehr hart.«

Der Arzt sagte behutsam: »Herr Langsteiner, es wird kein nächstes Mal geben.«

Josef blickte ihn an. Im ersten Augenblick verstand er ihn nicht richtig.

»Aber«, stammelte er.

»Das Kind hat sie innerlich zerrissen. Ihre Frau kann keine Kinder mehr bekommen.«

Josef sah ihn an. Er war tief traurig. Sein Blick irrte zu der Frau.

»Weiß sie es schon?«

»Nein.«

Sie würden nie eine richtige Familie sein! Nicht ein Kind haben! Und sie hatten sich doch so gefreut. Die Wiege musste wieder auf den Speicher geschafft werden. Nie würde ein Kindlein darin liegen.

Ach, dachte der Mann, so muss das wohl im Leben sein. Wenn man besonders glücklich ist, und das bin ich doch mit meiner Karoline, dann schlägt das Schicksal zu. Das tut weh, oh, das tut sehr weh. Die ganzen langen Wochen und Monate hatte sich nun seine Frau umsonst gequält. Ihm kamen fast die Tränen.

»Ich kann es ihr nit sagen«, stammelte er und wandte sich schnell ab. »Das ist zu viel für mich, ich …«

»Bleiben Sie, die Schwester wird dafür sorgen, dass man Ihnen ein Frühstück bringt. Sobald Ihre Frau wach ist, werde ich mit ihr reden. Wir machen es lieber gleich, einmal muss sie es sowieso erfahren.«

»Ja«, sagte er leise und schleppte sich aus dem Zimmer.

 

 

4

Karoline Langsteiner erwachte. Zuerst wusste sie gar nicht, wo sie war und was sich in der Zwischenzeit zugetragen hatte. Dumpf spürte sie einen Schmerz in sich hochsteigen. Als sie sich bewegen wollte, blieb ihr fast die Luft weg, so weh tat ihr alles.

Und dann auf einmal stand alles wieder klar vor ihr. Sie war ja in der Klinik. Sie hatte ein Kind geboren. Das Kind von ihrem Geliebten! Sie presste die Lippen zusammen. Armes liebes Kind, dachte sie verzweifelt. Hoffentlich bin ich stark genug, alles zu ertragen, hoffentlich hält das mein Herz aus. Immer weiter lügen, den Mann, der sich für sie opferte, musste sie immerzu belügen.

Eine weiße Gestalt trat zu ihr.

»Ich bin Doktor Lech«, sagte er und zog sich einen Stuhl heran. »Frau Langsteiner, ich muss mit Ihnen reden.«

»Wo ist mein Mann?«, fragte sie leise.

»Er frühstückt gerade.«

Sie zitterte leicht und schloss für einen Augenblick die Augen.

»Ich habe ein Kind geboren«, sagte sie mit schwerer Zunge. Und weil der Arzt sich zu ihr gesetzt hatte, dachte sie, vielleicht sieht es dem Hans so ähnlich, dass Josef alles erraten hat. O mein Gott, an diese Möglichkeit habe ich ja noch nie gedacht. »Bitte«, stammelte sie, »sagen Sie mir alles!«

»Ihr kleines Mädchen ist tot zur Welt gekommen, Frau Langsteiner.«

Karoline riss die Augen weit auf, sie starrte den Arzt an.

»Jesus Maria«, keuchte sie und fiel in die Kissen zurück. »Es ist tot?«

»Ja, Frau Langsteiner, wir konnten es nicht mehr retten. Es war schon tot, als es zur Welt kam.«

»Tot«, flüsterte sie leise vor sich hin. Das Wort hatte nichts Erschreckendes an sich, sondern Tröstliches. Daran hatte sie nie gedacht, an diese Möglichkeit, dass durch den Tod ihres Kindes die Schande fortgewischt werden konnte. Hans’ Kind war tot, sie konnte sich jetzt ganz ihrem Mann widmen. Ja, jetzt konnte sie endlich anfangen glücklich zu werden. Sie würde ihm Kinder schenken, ja, sie würde es tun, er freute sich doch so sehr auf das Kind, jetzt konnte auch für sie das Glück endlich beginnen.

Der Arzt war sehr erstaunt, dass sie es so gelassen hinnahm. Sonst litten die jungen Mütter schrecklich darunter, wenn man ihnen sagen musste, sie hätten ihr Kind verloren. Viele Wochen brauchten sie oft, um über diesen Schock hinwegzukommen. Und jetzt diese Frau, sie sah fast glücklich aus, ja heiter. Verstand einer die Welt.

»Ich danke Ihnen, dass Sie mir das gesagt haben. Weiß es schon mein Mann? «

»Ja, er ist sehr gebrochen, er leidet sehr darunter.«

Karoline lächelte zärtlich.

»Aber das braucht er doch nicht, nein, das braucht er doch wirklich nicht. Die Zeit vergeht doch so schnell. So kurz ist die Zeit, ein Jahr ist so schnell um, und dann werde ich ein Kind haben, ich verspreche es Ihnen, in einem Jahr bin ich wieder hier, und dann darf das Kind nicht sterben, es muss dann leben, für Josef!«

Der Arzt holte tief Luft.

Sie sah so glücklich aus, so heiter, dass es ihm fast weh tat, den Mund zu öffnen, um ihr die Wahrheit zu sagen.

»Frau Langsteiner«, begann er behutsam, »es wird kein nächstes Mal geben.«

Zuerst hatte sie ihn gar nicht begriffen, sie sah ihn nur mit übergroßen Augen an.

»Herr Doktor …«

»Das Kind hat Sie innerlich zerrissen. Sie werden nie mehr schwanger werden.«

»Nein!«

Der Schrei brach sich an den Wänden. Karoline wälzte sich trotz der Schmerzen im Bett hin und her. »Nein, nein, nein, das ist nicht wahr, sagen Sie mir, dass es nicht wahr ist, ich flehe Sie an, ich …« Dann brach sie zusammen und weinte bitterlich.

Sie besitzt also doch Gefühle, dachte der Arzt. Aber das begreife ich nicht. Ein Kind verschmerzt sie lächelnd, und wenn man ihr sagt, es werden nie mehr welche kommen, dann will sie den Verstand verlieren.

Das Weinen erschütterte ihn.

Es war nicht leicht, sie zu beruhigen. Er musste jetzt tröstende Worte finden, aber Karoline wollte sich nicht trösten lassen.

Ich werde sie eine Weile allein lassen, dachte er und erhob sich und verließ das Zimmer. Die junge Bäuerin blieb verzweifelt und wehklagend zurück. Gott hatte sie also gestraft, so hart hatte er sie gestraft, so furchtbar. Wie konnte sie jetzt nur weiterleben? Mit Josef, der sich so sehr ein Kind gewünscht hatte? Der sich so auf dieses Kind gefreut hatte? Und jetzt war es auch noch tot! Und sie würde nie mehr ein Kindlein unter dem Herzen spüren.

Und dann war Josef bei ihr, und er besaß so viel Stärke, dass er über seinem eigenen Schmerz auch noch die Kraft hatte, seine Frau zu trösten. Wie viele liebe Worte fand er und sagte sie ihr. Ja, er brachte sie so weit, dass sie sich nicht mehr grämen sollte.

Details

Seiten
93
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937503
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535060
Schlagworte
christinas liebe gefahr

Autor

Zurück

Titel: Christinas Liebe ist in Gefahr