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Wenn ein Engel weint ...

2020 113 Seiten

Leseprobe

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Wenn ein Engel weint ...

Copyright

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Wenn ein Engel weint ...

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Schwester Sabine ging quer über den Parkplatz der Paracelsus-Klinik auf ihren Wagen zu. Es war schon fast dunkel, und die wenigen Lampen warfen bizarre Schatten auf den Asphalt. Die aparte blonde Frau zuckte zusammen, als plötzlich ein Mann neben ihr auftauchte. Er war gut gekleidet, hatte ein ebenmäßiges Gesicht, in dem die blauen Augen jedoch nervös flackerten. ,,Bitte helfen Sie mir”, stieß er hervor. ,,Ich brauche jemanden, der mit mir spricht, der mir ein paar Stunden seiner Zeit opfert.” Als Sabine nur den Kopf schüttelte und auf ihren Wagen zulief, griff der Fremde brutal nach ihr...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dr. Sören Härtling saß auf der Terrasse und blickte versonnen in den Garten. Es war ein milder Abend, die Grillen zirpten unermüdlich, und von irgendwoher kam leise Musik. Jemand lachte. Eine warme, angenehme Frauenstimme.

Jana Härtling trat durch die Terrassentür. „Störe ich?”

„Wie kannst du nur so dumm fragen? Du störst nie. Komm, setz dich zu mir und leiste mir Gesellschaft.”

Sie nahm neben ihm Platz. Der Arzt legte den Arm um ihre Schultern, zog die würzige Luft tief in seine Lungen und sagte: „Ich liebe diese friedlichen Abende.”

Während des Abendessens hatten sich Josee und Tom wie üblich gekabbelt. Jetzt lagen sie in ihren Betten und gaben Ruhe. Die Zwillinge Dana und Ben waren in der Disco. Seit sie volljährig waren, durften sie länger fortbleiben — ein Privileg, das sie nie ausnutzten.

Jana schmiegte sich an ihren Mann. „Ich habe Ottilie gebeten, eine Flasche Rotwein für uns aus dem Keller zu holen.”

„Gute Idee”, sagte Sören. „Sehr gute Idee.”

Die Wirtschafterin brachte die Flasche und zwei Gläser. Sören entkorkte die Flasche und schenkte seiner Frau und sich ein.

Dann hob er sein Glas und sagte lächelnd: „Auf dein Wohl.”

„Und auf deines”, gab Jana Härtling zurück.

Sie tranken. Der Wein schmeckte vorzüglich. Wie Öl rann er durch die Kehle.

„Wie geht es Dr. Westorp?”, erkundigte sich Jana.

Dr. Kurt Westorp war ein äußerst fähiger Chirurg, den Sören vor einiger Zeit an die Paracelsus-Klinik geholt hatte. Er hätte ihn gern behalten, aber in Hannover entstand zur Zeit ein modernes Klinikum, und sobald es fertig war, würde Westorp da die Leitung der Chirurgie übernehmen. In der Zwischenzeit profitierten die Patienten der Paracelsus-Klinik von seinem soliden Fachwissen.

„Hat er sich mittlerweile mit Daniel Falk arrangiert?”, wollte Jana wissen.

Dr. Daniel Falk war Leiter der Chirurgie in der Paracelsus-Klinik, und Dr. Kurt Westorp, an selbständiges Arbeiten gewöhnt, wollte sich von diesem nicht auf die Finger sehen lassen.

Sören Härtling schmunzelte. „Die beiden mussten einige Sträuße ausfechten, doch nun harmonieren sie wie ein ideales Ehepaar. Ich habe mich wohlweislich aus all ihren Querelen herausgehalten. Ich wusste, dass sie die Dinge selbst ins Lot bringen würden und keinen Schiedsrichter brauchten.”

„Möchtest du Dr. Westorp mal zum Abendessen einladen?”, fragte Jana Härtling.

„Ich kann ihn ja mal fragen, ob er Lust hat, zu uns zu kommen.”

„Er lebt allein, nicht wahr?”

„Ja, er ist geschieden”, antwortete Dr. Härtling.

„Gibt es eine neue Frau in seinem Leben?”

Sören Härtling zuckte die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich glaube nicht. Er geht total in seinem Beruf auf. Kein anderer Arzt arbeitet so viel wie er. Auf Freizeit scheint er keinen Wert zu legen.”

„Aus welchem Grund wurde seine Ehe geschieden?”

„Er war nie zu Hause, da hat sich seine Frau einen Liebhaber zugelegt.”

Jana hob verschmitzt den Zeigefinger. „Also, denk immer daran: Nicht zuviel arbeiten, wenn du nicht möchtest, dass eines Tages ein fremder Mann in unserem Schlafzimmerschrank steht.”

„Das würdest du mir nie antun.”

„Was macht dich so sicher?”, fragte Jana.

„Dazu liebst du mich viel zu sehr”, Jana nickte seufzend. „Das ist leider wahr.”

Sören hob irritiert eine Augenbraue. „Leider?”

Sie küsste ihn liebevoll auf den Mund. „Gott sei Dank.”

Sie leerten eine halbe Flasche, dann gingen sie zu Bett und schenkten sich gegenseitig all die Liebe und Zärtlichkeit, die sie füreinander empfanden.

Am nächsten Morgen herrschte in der Härtlingschen Villa die übliche Betriebsamkeit. Sören war spät dran, deshalb ging er ohne Frühstück aus dem Haus.

Moni Wolfram, seine tüchtige Sekretärin, machte ihm einen belebenden Kaffee, und dann stürzte er sich kopfüber in die Arbeit.

Während der Vormittagssprechstunde wurde er zweimal zu einer Patientin in den Kreißsaal gerufen. Beim zweiten Mal konnte er sie endlich von einem gesunden Knaben entbinden.

Wieder zurück fragte er Schwester Annegret: „Wer ist die nächste Patientin, Annchen?”

„Frau Koller”, antwortete die grauhaarige Pflegerin, die schon seit vielen Jahren an der Paracelsus-Klinik arbeitete.

„Kommt sie zur Routineuntersuchung?”

„Nein, Chef, sie hat ein gesundheitliches Problem. Sieht ziemlich mitgenommen aus, hat ganz rotgeweinte Augen.”

„Bitten Sie sie herein”, sagte Dr. Härtling ernst.

Barbara Koller war eine Frau von siebenunddreißig Jahren — schlank, attraktiv, eine alleinerziehende Mutter, nachdem ihr Mann, ein erfolgreicher Architekt, auf einer Baustelle zu Tode gestürzt war.

Völlig aufgelöst reichte sie Dr. Härtling die Hand. „Herr Doktor”, sagte sie mit belegter Stimme, „ich — ich glaube, ich habe Brustkrebs.”

„Haben Sie bei der regelmäßigen Selbstuntersuchung einen Knoten ertastet.”

„Ja, er hat fast Kirschengröße. Ich bin ziemlich fertig.”

„Nun verlieren Sie nicht gleich die Nerven, Frau Koller”, sagte Dr. Härtling beruhigend.

„Ich habe einen Sohn, er ist erst sechzehn. Wenn mit mir etwas passiert, steht er ganz allein auf der Welt.”

Sören Härtling untersuchte die aufgeregte Frau sehr gründlich.

„Ich habe ganz entsetzliche Angst, Herr Doktor”, flüsterte sie verzweifelt.

Sören stellte fest, dass der vermeintlich bösartige Tumor deutlich verschiebbar war. Er lag im unteren inneren Brustbereich und war weich und elastisch.

„Sieht mir eher nach einer Zyste aus”, sagte der Klinikchef.

„Nach einer Zyste?”

Sören Härtling nickte. „Nach einer zystischen Veränderung.”

„Ja —und . . .?”

„Wenn meine Diagnose stimmt, ist Ihre Furcht unbegründet”, machte Dr. Härtling der Patientin Mut.

Sicherheitshalber unterzog er die Frau einer Spezialuntersuchung, doch weder Mammographie noch Thermographie erbrachten einen pathologischen Befund.

Unendlich erleichtert atmete Barbara Koller auf. „Ich — ich kann Ihnen nicht sagen, wie froh ich bin, Dr. Härtling. Mir fällt ein Riesenstein vom Herzen. Ich dachte — ich müsse ... Und ich machte mir so große Sorgen um meinen Jungen.”

„Neue Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen, die ihr erstes Kind relativ früh bekommen haben, also Frauen wie Sie, seltener an bösartigen Brusttumoren erkranken. Bisher hatte man angenommen, dass das Prolaktin, das die Milchdrüsenproduktion anregt, in ursächlichem Zusammenhang mit der Entstehung von Brustkrebs steht, doch das hat sich inzwischen als falsch erwiesen.” Barbara Koller nickte und hörte aufmerksam zu.

„Durch die Schwangerschaft”, fuhr Dr. Härtling mit seinen Ausführungen fort, „wird im allgemeinen eine vermehrte Bildung von Prolaktin ausgelöst und damit der Hormonhaushalt verändert. Nach der Schwangerschaft kommt es dann aber wieder zu einer Abnahme der Prolaktinkonzentration. Tritt nun die Schwangerschaft sehr früh ein, so bleibt der senkende Effekt auf die Bildung dieses Hormons über zwölf bis dreizehn Jahre erhalten, und das führt bei jungen Müttern erfreulicherweise zu einer dreifach niedrigeren Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken.”

Barbara Koller nickte wieder. „Und — die Zyste, Herr Doktor?”

„Die muss natürlich raus.”

„Sie meinen, ich muss operiert werden?”, fragte die Patientin gepresst.

„Vor diesem Eingriff brauchen Sie sich wirklich nicht zu fürchten, Frau Koller. Das ist in null Komma nichts geschehen.”

„Wie lange werde ich in der Klinik bleiben müssen?”, wollte die Patientin wissen.

„Zwei, höchstens drei Tage”, antwortete Dr. Härtling.

„Ich frage wegen des Jungen, wissen Sie? Oliver war noch nie drei Tage sich selbst überlassen. Er ist noch ziemlich verspielt. Deshalb hatten wir auch schon einigen Ärger mit unseren Nachbarn. Immer wieder fliegt sein Ball auf deren Grundstück.” Barbara Koller seufzte. „Man fühlt sich erheblich belästigt. Es hat deswegen schon einige recht unschöne Szenen gegeben.”

„Wer sind denn Ihre Nachbarn?”, fragte Sören.

„Felicitas Moll und ihr Sohn Martin wohnen neben uns.”

„Moll?”

„Moll-Verlag”, nickte die Patientin. „Golo Moll, der verstorbene Ehemann von Felicitas Moll, hat ihn gegründet, sein Sohn Martin führt ihn weiter. Frau Moll arbeitet nicht mit. Ihr gehört zwar die Hälfte des Verlages, doch ihr Sohn kann schalten und walten, wie er will. Sie zieht es vor, daheim in ihrer feudalen Villa zu sitzen, und beschränkt sich darauf, ihr Gift nach allen Seiten zu verspritzen.”

Dr. Härtling bat Schwester Annegret, sich um einen Operationstermin für die Patientin zu kümmern. Frau Koller hatte Glück. Sie würde bereits in einer Woche drankommen, und operiert würde sie aller Voraussicht nach von Dr. Westorp werden.

 

 

2

Obwohl ihr eine Operation bevorstand, war Barbara Koller unendlich erleichtert, als sie nach Hause kam. Kein Krebs. Kein Krebs. Kein Todesurteil. Sie hatte sich umsonst verrückt gemacht. Sie durfte weiterleben. Dr. Westorp würde den Knoten aus Ihrer Brust entfernen, und es würde ihr bald wieder ganz gutgehen. Gott, mit welch schrecklichen Vorstellungen hatte sie sich in die Paracelsus-Klinik begeben!

In ihr hatte Weltuntergangsstimmung geherrscht, und ihr persönlicher Himmel war von pechschwarzen, unheilschwangeren Wolken verhangen gewesen.

Doch nun schien für sie wieder die Sonne. Sie durfte weiterhin dasein für ihren geliebten Sohn, würde ihn, hoffentlich, noch ein weites Stück auf seinem Lebensweg begleiten, beschützen und umsorgen dürfen. Ach, es war ja so schön, zu leben und zu wissen, dass man gebraucht wurde!

Barbara warf in der Diele ihres Hauses die Handtasche schwungvoll auf einen antiken, gepolsterten Stuhl. Das Architekturbüro ihres Mannes existierte noch.

Barbara hatte Johann Blum, den Freund und Kollegen ihres tödlich verunglückten Ehemanns, gebeten, die Leitung des Büros zu übernehmen.

Blum wäre gern auch privat der Nachfolger ihres Mannes geworden, doch Barbara hatte eine scharfe Grenze gezogen, die kein Mann überschreiten durfte.

In ihrem Leben war nur noch für einen Mann Platz, und der hieß Oliver.

Sie rief ihn. „Oliver! Oliver, bist du da? Ich bin wieder zu Hause!”

Er kam aus seinem Zimmer und stürmte die Treppe herunter, ein Blondschopf wie sein Vater, mit blauen Augen, die mit funkelndem Sternenstaub gesprenkelt waren — quirlig und unheimlich lebendig.

„Wie oft muss ich dir noch sagen, du sollst die Treppe nicht so runterrennen!”, rügte sie ihn. „Du brichst dir noch mal den Hals!”

„Mir passiert schon nichts”, erwiderte Oliver. Er war gerade im Stimmbruch, kiekste und krächzte ganz fürchterlich.

„Die Krankenhäuser sind voll von Leuten, die gesagt haben: ,Mir passiert schon nichts’. Sie tragen dicke Halskrausen, haben eine gebrochene Schulter, einen gebrochenen Arm, ein Gipsbein, einen Silbernagel in der Ferse ...”

„Ach, hör schon auf, Mutti. Ich bin der beste Turner meiner Klasse.”

„Es sind schon Rettungsschwimmer ertrunken”, sagte Barbara Koller ernst.

„Warum bist du immer so pessimistisch?”

„Weil ich schon etwas länger auf der Welt bin als du und die Erfahrung gemacht habe, dass man nicht genug aufpassen kann”, gab Barbara zurück.

Oliver grinste mit jugendlicher Unbekümmertheit. „Das Leben ist lebensgefährlich. Das hat schon Erich Kästner gesagt.”

„Du solltest ihm das glauben und dich danach richten.”

Es blitzte plötzlich in Olivers blauen Augen. Er hob die Hand. „Ich hab’ was für dich.”

„So? Was denn?”, wollte Barbara wissen.

„Machst du bitte die Augen zu?”

„Okay”, nickte Barbara.

„Aber nicht mogeln.”

„Hör mal, wie sprichst du denn mit deiner Mutter?”, sagte Barbara Koller mit gespielter Strenge. „Ich habe noch nie gemogelt, im Gegensatz zu einem jungen Mann namens Oliver Koller. Der nimmt es mit der Aufrichtigkeit nicht immer so ganz genau.”

„Das ist nicht wahr”, wies Olive die Anschuldigung krächzend zurück.

„Muss ich dich an unser gestriges Scrabble-Spiel erinnern?”

Oliver senkte den Blick. „Na schön, ich habe ein Wort erfunden, aber das geschah nicht mit Absicht. Ich dachte, dieses Wort würde es wirklich geben.” Barbara Koller schloss die Augen, ihr Sohn eilte in die Küche und kam mit einer Geschenktüte wieder. Barbara musste die rechte Hand vorstrecken, und Oliver hängte ihr die Tragkordeln über die Finger.

„Das habe ich für dich besorgt”, krächzte er.

„Darf ich die Augen jetzt aufmachen?”

„Erlaubnis erteilt.”

In der Geschenktüte befand sich eine Schachtel mit Schokoladenherzen, auf denen „Ich hab’ dich lieb”, stand. Barbara Koller war gerührt.

„Die hast du doch so gern”, sagte Oliver.

,, Ach, Oliver, du bist so süß.” Sie strich ihm liebevoll übers blonde Haar und küsste ihn zärtlich. „Danke.” Ihre Augen schimmerten feucht.

„Mist, ich hab vergessen, den Preis abzumachen.”

„Das macht doch nichts”, lächelte Barbara Koller. „Ich weiß ja ohnedies, was diese Herzen kosten. Die verputzen wir natürlich gemeinsam. Jeder die Hälfte. Es wird ganz genau geteilt.” Sie musterte ihren hübschen Sohn mit fragendem Blick. „Aber, wieso beschenkst du mich? Ich habe nicht Geburtstag, Muttertag ist auch nicht ...”

„Du warst heute morgen so traurig, dass ich dachte, ich müsse dir eine kleine Freude machen.”

„Du bist ein guter, braver Junge”, seufzte sie ergriffen. „Du hast mir eine Riesenfreude gemacht. Ich bin sehr stolz auf dich.”

„Verrätst du mir, wieso du heute morgen so traurig warst, Mutti?”

Ein Schatten legte sich über Barbaras Augen. „Ich dachte, ich wäre sehr, sehr krank.”

„Aber du bist es nicht, nicht wahr?”

„Nein, ich bin es Gott sei Dank nicht”, antwortete die junge Frau. „Ich war in der Paracelsus-Klinik und habe mich untersuchen lassen. Es ist alles in Ordnung.”

„Du bist gesund?”

„Ja, Oliver, ich bin gesund”, bestätigte Barbara.

Der Junge lächelte. „Das ist schön.”

„Allerdings muss ich nächste Woche noch einmal rein.”

„In die Klinik?”, fragte Oliver.

„Ja”, nickte Barbara Koller.

Oliver sah sie verständnislos an. „Wozu?”

„Man wird mich operieren.”

Das begriff der Junge nicht. „Seit wann werden gesunde Menschen operiert?”, fragte er.

„Ich habe eine Zyste in der Brust, und die muss raus”, erklärte Barbara Koller ihrem Sohn.

„Was ist eine Zyste?”

„Eine harmlose Geschwulst”, beruhigte ihn Barbara. „Man wird sie herausschneiden ...”

„Tut das weh?”, fiel er ihr ins Wort. Barbara Koller schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Ich bekomme eine Narkose, werde eine Weile schlafen, und wenn ich aufwache, wird alles vorbei sein.”

„Und — wie lange musst du in der Paracelsus-Klinik bleiben?”

„Höchstens drei Tage”, antwortete Barbara.

„Darf ich dich besuchen?”

„Aber sicher”, sagte Barbara. „Wir müssen nur noch klären, wer sich in diesen zwei bis drei Tagen um dich kümmert.”

„Um mich braucht sich doch niemand zu kümmern, Mutti. Ich bin sechzehn. Ich kann doch mal drei Tage für mich selbst sorgen, ’n Fertiggericht in die Mikrowelle schießen kann jedes Baby. Und Hamburger gibt es in München auch an jeder Ecke zu kaufen. Also, was machst du dir Sorgen?”

„Ich habe dich noch nie allein gelassen.”

„Hast du Angst, dass unser Haus abbrennt, wenn du nicht da bist?”, fragte Oliver.

„Nein, natürlich nicht. Ach, Mütter sind eben immer ein bisschen überängstlich, weißt du? Du darfst mich ruhig auslachen, wenn du möchtest.”

Das Telefon läutete.

„Die Schokoladenherzen führen wir uns nach dem Mittagessen zu Gemüte”, sagte Barbara Koller und drückte dem Jungen die Schachtel in die Hand. Sie ging an den Apparat und meldet sich. Als sie die arrogante, kalte Stimme der Nachbarin erkannte, wurde ihr Mund verkniffen. „Guten Tag, Frau Moll”, sagte sie frostig. „Was gibt’s?”

„Ihr Sohn ...”

Barbara Koller straffte ihren Rücken, ihr Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an. „Was ist mit meinem Sohn?”

„Die reinste Plage ist er!”, behauptete Felicitas Moll.

„Ach, und wieso?”, fragte Barbara spitz.

„Sein Ball ist schon wieder auf unser Grundstück geflogen!”, beschwerte sich Felicitas Moll.

„Das tut mir leid.”

„Diesmal bekommt er ihn nicht wieder!”, rief die Nachbarin feindselig. „Ich habe unserem Gärtner aufgetragen, den Ball kaputtzumachen, damit diese ewigen Belästigungen endlich aufhören.”

Barbara seufzte genervt. „Ach, Frau Moll, waren Sie denn nie jung?”

„Wenn die Erziehung Ihres Sohnes Sie überfordert, warum geben Sie ihn dann nicht in ein Internat?”

Barbaras Blick wurde hart. „Über meinen Sohn bestimme ich, Frau Moll. Ich ganz allein und sonst niemand. Merken Sie sich das!” Zornig legte sie auf.

Oliver stand mit gesenktem Kopf da. „Tut mir leid, Mutti”, murmelte er.

„Warum hast du mir nichts davon gesagt?”

„Wollte ich ja”, gab Oliver kleinlaut zurück, „Es war bloß noch keine Gelegenheit dazu.”

„Deinen Ball bist du los. Der Gärtner hat ihn auf Frau Molls Wunsch kaputtgemacht.”

Oliver riss die Augen empört auf. „Das darf er nicht.”

„Du darfst auch nicht fortwährend deinen Ball zu den Molls hinüberschießen. Ich kann schon ein bisschen verstehen, dass unsere Nachbarn sauer sind.”

„Aber der Ball ist mein Eigentum!”, entrüstete sich Oliver. „Niemand hat das Recht, ihn absichtlich kaputtzumachen.”

„Ich werde die Molls bestimmt nicht auf Schadenersatz verklagen. Es wird wohl das beste sein, wenn du eine Weile ohne Ball auszukommen versuchst.” Oliver ballte die Hände zu Fäusten und knirschte: „Einen Ball mutwillig kaputtmachen — das sind Barbaren!”

„He, junger Mann, ich liege wohl nicht so ganz falsch, wenn ich annehme, dass du mit den Schokoladenherzen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wolltest, wie? Sollte mich dieses Geschenk nicht nur aufheitern, sondern auch milde stimmen, weil du wusstest, dass Frau Moll mich anrufen würde? Ganz schön raffiniert, mein lieber Herr Sohn.”

„Ich mag diese Frau nicht”, zischte Oliver böse.

„Wer mag sie schon? Aber wir müssen nun mal mit ihr leben. Sie ist unsere Nachbarin und wird es wohl noch lange bleiben.”

 

 

3

„Aufgelegt!”, sagte Felicitas Moll empört. Sie war eine resolute Frau von fünfundfünfzig Jahren, groß, elegant, das aschblonde Haar kunstvoll hochgesteckt, eine teure Perlenkette um den Hals. Das Mieder, das sie trug, vermochte ihren üppigen Busen kaum zu bändigen. „Diese Person hat einfach aufgelegt!”, wetterte sie. „So eine Frechheit! Ich hätte Lust, hinüberzugehen und ...“

„Aber Mutter, reg dich doch nicht so auf”, beschwichtigte Martin Moll sie, „das ist die Sache doch überhaupt nicht wert.”

„Sie hat mir einfach das Wort abgeschnitten. Was glaubt sie denn, wer sie ist?”

Ihr fünfunddreißigjähriger Sohn trug einen taubengrauen Maßanzug mit Weste. Er hatte schwarzes Haar, seine Augenbrauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen, und seine Wangenknochen waren etwas zu hoch angesetzt, deshalb konnte man ihn auch nicht als schönen Mann im herkömmlichen Sinn bezeichnen. Aber hässlich war er auch nicht. Er lag irgendwo dazwischen. Und seine gute Kleidung machte ihn zumindest interessant.

„Du warst nicht besonders freundlich zu ihr”, sagte er.

„Dazu hatte ich auch absolut keinen Grund”, gab Felicitas Moll scharf zurück.

„Ach, Mutter, was ist denn schon so Schreckliches passiert? Ein Ball ist über den Koniferenzaun geflogen.”

„Zum fünfhundertsten Mal!”, rief Felicitas Moll feindselig.

„Du übertreibst.”

„Er hätte mich beinahe getroffen.”

„Er ist dir vor die Füße gefallen”, sagte Martin Moll sachlich.

„Eben. Er hätte mir ins Gesicht fliegen können. Ich bin sehr erschrocken.” Moll machte ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken und wiegte den Kopf. „Meinst du nicht, du solltest etwas mehr Nachsicht üben? Barbara Koller ist eine alleinstehende Frau. Sie hat es bestimmt nicht leicht ...”

Seine Mutter starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Hör mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich?”

„Ich versuche nur, objektiv zu sein.”

„Du nimmst diese Frau und ihren Rangen in Schutz!”, warf Felicitas Moll ihrem Sohn vor.

„Aber nein, Mutter.”

„Doch, das tust du”, beharrte Felicitas Moll auf ihrer Meinung. „Weil sie dir gefällt.”

Röte schoss ihm in die Wangen. „Unsinn, Mutter.”

„Sie gefällt dir. Denkst du, ich merke nicht, wie deine Augen glänzen, wenn von ihr die Rede ist? Hältst du deine Mutter für blind?”

„Ich bin verlobt, Mutter.”

„Allerdings”, gab ihm Felicitas Moll recht, „du bist verlobt. Aber wenn dir eine schöne Frau über den Weg läuft, scheinst du das regelmäßig zu vergessen.”

Er wurde blass. „Mutter! Ich muss schon sehr bitten! Wofür hältst du mich denn? Für einen gewissenlosen Schürzenjäger? Ich bin Alena Gottlieb treu. Ich liebe sie.”

„Und wann entschließt du dich endlich, sie zu heiraten?”

Martin Moll sah auf seine glänzenden Schuhspitzen. „Bitte dräng mich nicht.”

„Ihr seid seit zwei Jahren verlobt. Seit zwei Jahren, Martin! Da kann von ,drängen’ ja wohl keine Rede sein.”

„Ich — ich bin eben innerlich noch nicht soweit”, versuchte der Mann sich zu rechtfertigen.

„Du wirst es nie sein”, behauptete seine Mutter hart.

„Das ist nicht wahr.”

„Worauf wartest du?”, wollte Felicitas Moll wissen.

„Das — das kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht.”

„Aber ich weiß es: Du hoffst, dass dir eine Frau begegnet, die dir besser gefällt als Alena.”

Martin Moll schüttelte heftig den Kopf. „Bestimmt nicht.”

„Du kannst Alena täuschen, aber nicht mich. Ich bin deine Mutter”, sagte Felicitas Moll eisig. „Wenn ich an Alenas Stelle wäre, würde ich keinen Tag länger warten. Ich würde dich vor die Wahl stellen: Entweder legalisieren wir unsere Beziehung mit einem Trauschein — oder sie ist mit sofortiger Wirkung zu Ende.”

„Du bist eine sehr harte Frau”, stellte Martin Moll trocken fest. „Hast du Vater eigentlich geliebt?”

„Selbstverständlich habe ich ihn geliebt! Aber deshalb durfte er mir noch lange nicht auf der Nase herumtanzen. Eine Frau muss genau wissen, was sie einem Mann erlauben darf und was zu weit geht, sonst ist sie verkauft und verraten.”

Draußen hielt ein Wagen. Martin Moll trat ans Fenster. Er sah einen weißen Mercedes. Eine schlanke, rothaarige Frau Ende zwanzig stieg aus.

„Es ist Alena”, sagte Martin.

Alena Gottlieb war Marketing-Managerin des Moll-Verlages, eine starke, tüchtige Kraft, die es verstanden hatte, sich innerhalb kurzer Zeit unentbehrlich zu machen.

Das war mit ein Grund, weshalb Martin Moll sich mit ihr verlobt hatte. Sie sollte nicht nur ans Haus, sondern auch an ihn persönlich gebunden sein. Eigentlich war das die Idee seiner Mutter gewesen, aber er hatte sie gut gefunden und zu der seinen gemacht.

Alena beugte sich in den Wagen. Er genoss den Anblick, den sie ihm bot. Sie hatte eine sehr gute Figur, trug einen kurzen, engen, sandfarbenen Rock und eine hübsche Jacke in derselben Farbe.

Martin drehte sich um und sagte zu seiner Mutter: „Ich wäre dir dankbar ...” Felicitas Moll winkte ab. „Schon gut, ich werde nichts sagen.” Sie hob drohend den Zeigefinger. „Aber ewig werde ich nicht schweigen!”

Alena Gottlieb kam ins Haus. Sie trug einen weinroten Lederaktenkoffer. Sie begrüßte Felicitas Moll respektvoll und gab ihrem Verlobten einen Kuss.

„Darf ich dich geschäftlich kurz in Anspruch nehmen?”, fragte sie.

„Wir essen in einer halben Stunde”, sagte Felicitas Moll.

„Ich brauche höchstens zehn Minuten”, gab Alena zurück.

„Ich hoffe, Sie gehen nicht gleich wieder.”

„Das habe ich nicht vor”, sagte Alena Gottlieb.

„Gut, dann gebe ich dem Mädchen Bescheid, dass es ein Gedeck mehr auflegen soll.”

„Vielen Dank, Frau Moll.”

„Sie wissen, dass Sie in diesem Haus immer gern gesehen sind, Alena.” Felicitas Moll verließ den gediegen eingerichteten Raum.

Martin und Alena setzten sich. Alena entnahm ihrem Aktenkoffer handschriftliche Notizen und Computerausdrucke. Sie hatte sich Gedanken über eine langfristige Verlagsstrategie gemacht und war gekommen, um mit ihrem Verlobten darüber zu reden. Sie wollte auf aktuelle Verkaufszahlen und Vertreterprognosen reagieren, hier eine Front begradigen, dort aggressiv vorpreschen, diesen Autor ausmustern, jenen aufbauen, bekannte Namen noch mehr als bisher als Zugpferde benutzen und dem Markt in den neuen Bundesländern mehr Gewicht einräumen.

Sie argumentierte wie immer sehr klug. Alles, was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Dennoch stimmte Martin Moll nicht sofort zu, sondern erklärte, sich in den nächsten Tagen alles gründlich überlegen zu wollen.

Sie kannte das. Das machte er immer so. Damit wollte er demonstrieren, dass er der Chef war und sie nur seine— geschätzte — Mitarbeiterin.

„Du kriegst von mir bis zum Ende der Woche Bescheid”, sagte er wichtig.

Wie dieser Bescheid aussehen würde, wusste sie jetzt schon. Er würde auf einigen lächerlichen, unbedeutenden Änderungen bestehen, im Grunde genommen aber zu allem, was sie sich hatte einfallen lassen, ja und amen sagen.

„Hat keine Eile”, erwiderte sie, überließ ihm die Unterlagen, schloss ihren Aktenkoffer und stellte ihn auf den Boden. Dann lächelte sie ihn an.„Freust du dich, mich zu sehen?”

„Was für eine Frage! Natürlich freue ich mich.”

„Unternehmen wir heute Abend irgend etwas?”, fragte Alena.

„Und was?”

„Mach einen Vorschlag”, forderte Alena.

Martin lächelte. „Mach du einen.”

„Wir könnten ...”

Es klopfte. Das Mädchen öffnete die Tür und bat Alena und Martin zu Tisch.

 

 

4

„Juten Hunger”, sagte Ben Härtling grinsend. „Übrigens — kennt ihr den schon? Was ist das? Es hängt über Berlin und fängt mit ,J’an.”

Dana, Tom und Josee dachten angestrengt nach, kamen aber nicht darauf.

„Ein ,Jewitter’”, sagte Ben lachend.

„So ein Blödsinn”, maulte Tom, der Dreizehnjährige.

„Nur über einen Blödsinn kann man lachen”, belehrte ihn sein Bruder.

Die Familie hatte sich vollzählig um den Mittagstisch versammelt. Es gab klare Hühnerbrühe, Spitzkohlrouladen und hinterher für jeden ein schönes Stück Ananas-Kokos-Torte. Die neunjährige Josee war auffallend schlecht gelaunt. Sie schien nur zu essen, weil es sein musste.

„Was ist?”, fragte Jana Härtling das Nesthäkchen der Familie. „Schmeckt es dir nicht?”

„Kann ich deine Torte haben, Josee?”, fragte Tom sofort.

Josee schob ihm den Teller zu. „Da hast du.”

Tom stürzte sich sogleich darauf. „Danke.”

„Josee, was ist los mit dir?”, fragte Jana Härtling besorgt.

„Ach, nichts, Mutti”, gab das Mädchen zurück.

„Man sieht nicht so drein, wenn alles in Ordnung ist.”

„Ärger in der Schule, Kleines?”, erkundigte sich Sören Härtling.

„Ja”, dehnte Josee verdrossen.

„Erzähl uns davon”, verlangte Jana Härtling.

„Da ist ein Junge. Thorsten heißt er. Er ist saublöd.”

„Wieso?”, wollte Jana Härtling wissen. „Er mag mich nicht”, behauptete Josee und verzog das Gesicht.

„Warum mag er dich nicht?”

„Weiß ich nicht.” Josee zuckte die Schultern. „Er mag mich einfach nicht.”

„Wäre es möglich, dass du dir das bloß einbildest?”, fragte Jana.

„Er streckt die Zunge raus, wenn er mich sieht, zieht mich an den Haaren ...”

„Vielleicht möchte er auf diese Weise erreichen, dass du ihm Beachtung schenkst”, sagte Jana Härtling.

„Ich kann ihn überhaupt nicht leiden!”, zischte Josee.

„Hast du ihm das gesagt?”

„Klar.” Josee nickte heftig. „Und er hat gesagt, dass er mich auch überhaupt nicht leiden kann.”

„Weißt du, was ich glaube?” Jana Härtling lächelte. „Ich glaube, dass du diesem Thorsten gefällst.”

„Er ist der doofste Junge von der ganzen Schule.”

„Gefällt er dir nicht auch?”, fragte Jana Härtling.

„Nein, ganz und gar nicht”, bestritt Josee auf das energischste.

„Nicht einmal ein ganz kleine bisschen?”, versuchte ihr Jana ein kleines Geständnis abzuringen.

„Ich finde ihn zum Kotzen!”

„Josee!”, ermahnte Jana Härtling ihre Tochter. „Das sagt man nicht.”

„Ich will, dass er mich in Ruhe lässt!”

„Ich werde dafür sorgen”, versprach Tom.

Josees Augen leuchteten auf. „Wirklich?”

„Ja, ich knöpfe mir diesen Thorsten vor und sage ihm: ,Wenn du meine Schwester noch einmal belästigst, gibt’s was auf die Nase’!”

„Ich wette, das tut er nur, weil Josee ihm ihre Torte gegeben hat”, grinste Ben.

Dana schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Was unterstellst du ihm denn da?”

„Ich kenne doch meinen kleinen Bruder!”

Ein Schrei — das Klirren zerschellenden Geschirrs! Ottilie!

Die ganze Familie sprang gleichzeitig auf. „O mein Gott, Ottilie!”, stieß Jana Härtling nervös hervor.

Alle eilten in die Küche, wo die Wirtschafterin sich stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht am Herd festhielt und unglücklich auf die Scherben von zwei Tellern starrte.

„Tut mir leid wegen der Teller ...!“, ächzte sie.

„Ach was”, gab Jana Härtling besorgt zurück. „Was haben Sie denn, Ottilie?”

„Ich habe mich gebückt, und als ich mich wieder aufrichten wollte ...”

„Hexenschuss”, diagnostizierte Dr. Härtling. „Kommen Sie, Ottilie, wir bringen Sie in Ihr Zimmer.”

„Aber ich habe doch hier noch ...”

„Keine Widerrede!”, fiel Sören Härtling ihr streng ins Wort.

„Ich muss ...”

„Sie müssen ins Bett, sonst gar nichts”, sagte Dr. Härtling. Er und seine Frau stützten die Haushälterin. Die Kinder litten mit der armen Ottilie.

Sören und Jana Härtling brachten die Wirtschafterin ins Bett. Dann holte Dr. Härtling seine Bereitschaftstasche und verabreichte Ottilie eine Spritze.

„So”, sagte er. „Und nun bleiben Sie so lange im Bett, bis ich Ihnen erlaube, wieder aufzustehen, verstanden?”

„Aber das geht doch nicht, Herr Doktor.”

„Selbstverständlich geht das.”

„Ich muss doch ...”

„Sie müssen die Anweisungen Ihres Arztes befolgen, um so rasch wie möglich wieder gesund zu werden”, sagte Sören Härtling.„Versuchen Sie nur auf dem Rücken zu liegen. Meine Frau wird Ihnen heiße Umschläge machen und Ihr Leiden mit einigen schweißtreibenden Maßnahmen bekämpfen.”

„Ich gehöre zum alten Eisen”, jammerte Ottilie niedergeschlagen, „das ist mir schon seit langem klar.”

„Unsinn”, widersprach Jana Härtling. „Jeder kann mal krank werden, und vor so einem Hexenschuss ist niemand gefeit.”

„Ich muss zurück in die Klinik”, sagte Dr. Härtling. „Aber Sie sind bei meiner Frau in den besten Händen.”

Jana sprach von einer bewährten Kräuterabkochung — bestehend aus Angelikawurzel, Baldrianwurzel, Holderblüten, Lindenblüten, Wacholderbeeren und Wollkraut, die der kranken Wirtschafterin bestimmt helfen würde, schneller auf die Beine zu kommen.

Ottilie presste die Lippen zusammen und war todunglücklich.

„Können wir irgend etwas für Ottilie tun?”, fragte Josee, als ihre Eltern das Zimmer der Haushälterin verließen.

„Nicht direkt für Ottilie”, antwortete Sören Härtling, „um die kümmert sich schon Mutti. Aber ihr könnt ein bisschen mehr Ordnung halten als sonst, und wenn ihr außerdem dafür sorgt, dass es im Haus etwas ruhiger ist als normalerweise, würde das unserer armen Ottilie auch sehr guttun.”

„Wird sie lange krank sein, Vati?”, erkundigte sich Josee.

„Wie ich Ottilie kenne, ist sie in zwei, drei Tagen wieder ganz die alte”, antwortete Sören Härtling.

Er verabschiedete sich von Jana und den Kindern und kehrte in die Paracelsus-Klinik zurück, wo er einer sehr schlanken jungen Frau begegnete.

Sie war bildhübsch und sympathisch, hatte das zarte, makellose Gesicht eines Engels, sanfte Augen und aschblondes Haar. Ihr Name war Sabine Dammler.

Sie hatte eine Zeitlang als Pflegerin in der Paracelsus-Klinik gearbeitet und war dann in die private Krankenpflege übergewechselt. Dr. Härtling hatte sie nur ungern gehen lassen, und er freute sich nun, sie wiederzusehen.

„Hallo, Schwester Sabine”, grüßte er herzlich. „Wie geht es Ihnen?”

„Danke, sehr gut”, antwortete die schöne Frau mit dem engelhaften Aussehen.

„Großartig.”

„Und wie geht es Ihnen, Dr. Härtling?”, erkundigte sich Sabine Dammler.

„Oh, ich kann nicht klagen. Was führt Sie in die Paracelsus-Klinik? Möchten Sie wieder bei uns arbeiten?”

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937497
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
wenn engel

Autor

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Titel: Wenn ein Engel weint ...