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Die Krieger der Göttin

2020 434 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Krieger der Göttin

Copyright

Kapitel 1 – Der Kampf um Eukion

Kapitel 2 – Die Reise des Narndak

Kapitel 3 – Rückkehr nach Paraskion

Kapitel 4 – Der Atem der Palladaia

Kapitel 5 – Automaton

Kapitel 6 – Die Insel Chrysos

Kapitel 7 – Im Labyrinth

Kapitel 8 – Angeklagt

Kapitel 9 – Der Beginn einer Reise

Kapitel 10 – Atalena, die Jägerin

Kapitel 11 – Die Küsten der Agros-Bucht

Kapitel 12 – Der Verfluchte

Kapitel 13 – Die Rätseleule

Kapitel 14 – Der Schrecken

Kapitel 15 – Der Mann aus Metall

Kapitel 16 – Atalenas Begegnung

Kapitel 17 – die Rückkehr nach Paraskion

Kapitel 18 – Das Erwachen

Kapitel 19 – Aufstand

Kapitel 20 – Paraskion im Krieg

Kapitel 21 – Duell im Palast

Kapitel 22 – Zurück im Labyrinth

Epilog

Die Krieger der Göttin

 

von Alexander Naumann

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 434 Taschenbuchseiten.

 

Schreckliche Dinge passieren in Paraskion.

Um ihre Heimatstadt aus der Gewaltherrschaft des Stierkönigs und dessen wilden Satyrn zu befreien, suchen der Mechanikus Sikulus und der Krieger Theomedes nach dem „Atem der Palladaia“. Dieser Odem gab dem Menschen einst Verstand und Sprache. Doch diesmal soll er eine mechanische Armee für den Kampf gegen den Stierkönig und dessen Schergen beleben. Nicht nur das Schicksal von Paraskion steht auf dem Spiel …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Vladimir Manyukhin mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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***

 

 

Kapitel 1 – Der Kampf um Eukion

 

Theomedes schaute auf die Mauern von Eukion. Der weiße Stein ragte bis zu fünf Metern in die Höhe und umhüllte die gesamte Stadt. Mächtige Mauern, deren Standhaftigkeit Eukion vor vielen Feinden bewahrt hatte. Hinter ihnen erhob sich Eukions Oberstadt einem Hügel, mitsamt seinem Tempel, dem Palast und anderen prächtigen Gebäuden, deren Zweck Theomedes unbekannt war.

Vermutlich blieben nach dem heutigen Tag nur noch Ruinen übrig. Er nahm die Augen von der Stadt und blickte auf das merkwürdige Kriegsgerät: Bronzene Rohre, die in brennenden Öfen steckten und mit ihren Öffnungen auf die Mauern zielten. Um die Öfen anzutreiben, hatten sie eine weite Fläche vor der Stadt abgeholzt. Danach entledigten sie sich ihrer Kleidung, schaufelten das Holz in die Öfen und schwitzten neben der Glut.

Theomedes wusste nicht, ob die Bewohner von Eukion diese Waffen bereits gesehen, ihre zerstörerische Wucht schon zu spüren bekommen hatten. Sie ahnten nicht, dass ihre Mauern bald wie von einem Donnerschlag getroffen niedergerissen würden.

Sikulus nannte sie »Dampfkanonen«. Der Mechanikus, der von manchen für ein Genie gehalten wurde, rannte zwischen diesen Kanonen hin und her und inspizierte die mittlerweile glühenden Bronzekessel. Gelegentlich sprach er mit einigen der Männer, welche daraufhin bronzene Kugeln in die Münder der Rohre hievten und die Öffnungen mit Lehm verstopften.

Theomedes setzte sich seinen Helm auf. Er war damals dabei, als Sikulus die Kanonen dem König vorgeführt hatte, und wusste, welche Lautstärke die Dampfkanonen verursachten. Der Helm würde den Lärm etwas dämpfen.

»Sikulus!«, rief Demetros, einer der Anführer des Heeres. »Wann?!«

Der Tüftler schaute verwirrt zu Demetros hinüber. Auf Theomedes wirkte Sikulus immer so, als wäre er gerade ganz woanders. Nach einigen Sekunden schien er jedoch verstanden zu haben und rief zurück: »Gleich!«

Demetros drehte sich zu Theomedes um und verdrehte die Augen. »Mit Leitern wären wir schon längst auf den Mauern. Was ist, Junge? Du siehst blass aus. Wenn du glaubst, dass die Verteidiger von Eukion verbissen kämpfen werden, dann liegst du wahrscheinlich richtig. Bleib einfach dicht bei mir, dann stehen wir das gemeinsam durch. Und heute Abend speisen wir zwischen den Ruinen ihres Tempels!«

Der alte Demetros klopfte ihm auf die Schulter und setzte dann ebenfalls seinen Helm auf. Theomedes musste sich eingestehen, dass ihm vor dem bevorstehenden Kampf tatsächlich bange war. Es war nicht sein erster Kampf, denn zwischen den Reihen seiner Brüder und Freunde hatte er schon mehrmals dem Feinde die Stirn geboten. Doch wenn sich dem Feind keine Flucht mehr bot, erfüllt sie die Verzweiflung mit neuer Kraft.

Die Kessel glühten mittlerweile so sehr, als würde die Hitze sie bald zum Bersten bringen. Dennoch schaufelten die Männer unaufhörlich weiter. Der nächste Schritt bestand darin, von oben über ein Ventil Wasser in die glühenden Kessel fließen zu lassen. Das Ventil hielt das Wasser bis zum letzten Moment zurück. Auf einen Befehl von Sikulus hin öffneten sie die Ventile, das Wasser strömte hinein und verdampfte augenblicklich. Ein Knall und die Kugeln schossen aus den Dampfkanonen heraus. Das Unglück geschah: Ein paar der Dampfkanonen zersprangen und die Schaufler schrien auf, als der siedende Dampf herausschoss.

Mehrere hundert Meter entfernt erschütterten die Geschosse die Mauern von Eukion. Doch noch schienen sie standzuhalten.

»Kümmert euch um die Verletzten!«, rief Demetros. »Die anderen Kanonen sollen weiterschießen!«

Und so ging die Arbeit weiter. Sie beheizten Kessel um Kessel, beluden sie erneut mit Geschossen und ließen sie abermals auf die Mauern von Eukion prallen. Brocken lösten sich von der Mauer, während sich die Kanonen auf bestimmte Stellen einzuschießen begann. Immer wieder ließ Sikulus die Kanonen neu ausrichten, während ihnen die Zahl der Dampfkanonen schwand, nachdem der Druck weitere zerrissen hatte.

Theomedes hörte ein Sirren in den Ohren und fürchtete schon, dass es niemals mehr fortgehen würde.

Für Minuten, die sich wie Ewigkeiten anfühlten, schlugen die Dampfkanonen auf die Mauer ein wie der Schlägel auf die Trommel. Doch letztlich gab das Bauwerk nach. Unter dem Jubel des Heeres bildete sich eine offene Wunde im Leib der Stadt. Demetros befahl, die Kanonen kühlen zu lassen und kein Holz mehr hinein zu schütten.

Die Zeit des Sturmes war gekommen. Ihr König Nekarios fuhr auf einem Wagen vor das Heer. Vier Pferde mussten das Gefährt ziehen, denn Nekarios war kein normaler König. Er war von riesiger Gestalt, von der Hüfte aufwärts stark behaart und statt des Kopfes eines Menschen war da ein Stierkopf, samt Maul, Nüstern und langen, spitzen Hörnern. Sein Oberkörper war mit bronzenen Platten geschützt. Mit einer grünlich schimmernden Axt zeigte er auf die Breche in der Mauer.

Dieser Stiermensch war ihr König. Und so sehr Nekarios auch Abscheu und Entsetzen bei unvorbereiteten Gemütern hervorrief, so war er es doch, der sie zum Sieg führte. Ihr König stieg vom Wagen und sprach mit tiefer, kehliger Stimme: »Das ist unsere Beute! Lange Kriege haben wir miteinander geführt, unzählige Männer erschlagen und den Boden gemeinsam mit unserem Blut getränkt. Doch heute steht unsere Beute schutzlos da, eine empfindliche Wunde haben wir ihr mit Metall und Dampf zugefügt. Waidwund haben wir Eukion geschossen, wir müssen es uns nur noch packen, ausweiden und uns an ihr laben!«

Die Soldaten stimmten mit einem Kriegsschrei zu und formierten sich. Auch Theomedes reihte sich ein, dicht neben Männern, deren Namen er nicht kennen mochte, auf die er sich dennoch verlassen konnte.

»Heute ist ein Bluttag«, sprach der Stiermensch Nekarios weiter. »Und ich bin hungrig. Holen wir uns, was von Eukion noch zu kriegen ist!«

Nekarios setzte sich in Bewegung und das Heer folgte. Es verwandelte sich in eine Welle, dessen Sogkraft sich Theomedes nicht entziehen konnte. Gegen diese Naturgewalt anzukämpfen war zwecklos; mitsamt all den anderen Soldaten würde er gegen die Verteidigung auf der anderen Seite der Mauer branden und immerfort gegen deren Schilde schlagen. Bis auch diese letzte Verteidigung von Eukion brach.

Schon sah Theomedes die Soldaten auf der anderen Seite, Schild an Schild, die Speere auf sie gerichtet. Verzweiflung und Mut stand in ihren Gesichtern geschrieben. Nekarios setzte zu einem Sprint an und das Heer tat es ihm gleich. Das Herz schlug Theomedes bis zum Hals, Schild und Speer wogen schwer in den Händen.

Der Stiermensch stürzte sich in den Speerwall, brach Schäfte und begrub Leiber unter sich. Auch sein Heer krachte gegen ihre Schilde, quetschte sich durch die Bresche, stieg über Steinhaufen und über die Gefallenen. Mechanisch stieß Theomedes’ Speer nach vorne, immer wieder über die Schultern seiner Kameraden hinweg. Er wurde an der Schulter getroffen und spürte doch keinen Schmerz. Ständig hörte er Demetros »Weiter, nach vorne!« wiederholen, während sich der Druck von hinten erhöhte und vor ihm die Eukioner zugrunde gingen.

Heute war Bluttag.

 

*

 

Stunden später neigte sich die Sonne über die brennenden Ruinen von Eukion. Theomedes sank erschöpft auf den Boden und besah zum ersten Mal seine Wunde. Der Schnitt war nicht tief, hatte jedoch stark geblutet. Er überlegte, sich aus der Stadt zurückzuziehen und im Lager mit frischem Wasser die Wunde auszuwaschen. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun – Lust am Plündern hatte er keine. Bedächtig erhob er sich. Demetros kam mit ein paar Begleitern auf ihn zu. Auch ihn hatte die Schlacht gezeichnet: Der alte Heerführer trug seinen verbeulten Helm unter dem Arm und Blut tropfte ihm oberhalb der Augenbraue über das Gesicht.

»Mein Herr«, sprach Theomedes. »Ihr seid verletzt?«

Demetros tippte sich auf die Stirn. »Ein Stein. Verdammte Schleudern. Und was ist mit dir, mein Junge? Lass mich mal die Wunde anschauen.«

Demetros packte ihn an der Schulter und schloss schnell: »Nicht tief. Wir haben etwas Verbandsmaterial und Wasser.« Er deutete auf einen Mann: »Du.«

Und schon stand einer der Männer bereit, ihm die Wunde mit einem Wasser auszuwaschen und sie daraufhin zu verbinden. Theomedes fragte nach etwas zu trinken, bekam sogleich etwas zu trinken und bedankte sich. Dann packte ihn Demetros abermals.

»Endlich liegt das verdammte Eukion in Trümmern! Aber freut euch nicht zu früh, bald kehren sie wieder heim und bauen die Stadt erneut auf. Es wird wieder Krieg geben, den gibt es immer. Doch heute wollen wir unseren Sieg feiern! Theomedes, du hast dich tapfer geschlagen. Was man sich von dir erzählt, könnte der Wahrheit entsprechen! Jedenfalls kommst du ganz nach deinem Vater, mit dem ich ebenfalls Seite an Seite gekämpft habe. Sag, hast du den König gesehen?«

Das letzte Mal, als Theomedes den Stiermenschen gesehen hatte, den sie als König bezeichneten, hatte der sich gleich mehrere Tote auf seinen Wagen gepackt und war damit weiter in die Stadt gefahren. Nekarios war mit seinem Wagen durch die Stadtmauer gefahren, nachdem sie die Tore von innen geöffnet hatten.

»Ich glaube, er war in diese Richtung gefahren …«

»Geh zu ihm und sage ihm, dass wir bis zur Dämmerung die Stadt plündern werden. Dann ziehen wir uns vor den Mauern zurück.«

Innerhalb dieser Ruinen nach dem König Nekarios zu suchen, gefiel ihm eigentlich nicht, doch Theomedes wollte gehorchen und nickte einfach. Demetros lächelte ihn daraufhin an und zog mit seinen Männern ab.

Theomedes nahm an, dass Nekarios die Hauptstraße in die Stadt genommen hatte, denn die anderen Wege waren zu schmal für seinen übergroßen Wagen. Er folgte der breiten, gepflasterten Straße, schritt vorbei an rauchenden Ruinen und umgestürzten Säulen, welche einst den Weg hinab ins Zentrum säumten, nun aber von seinen Kameraden in blinder Wut umgestürzt wurden. Auf ihnen standen einst Statuen von großen Männern und Frauen, Helden und Göttern; ihre Überreste lagen verstreut auf der Straße. Er erkannte einzelne Füße, Hände, den Torso einer Frau, den behelmten Kopf eines Mannes, welcher wohl einen Krieger darstellen sollte, steinerne Speere und Schilde.

Zwei Männer kamen lachend mit einer Truhe aus einem Haus gerannt. Auf seinem Weg durch die Stadt kamen ihm weitere Plünderer entgegen, mit Stoffen auf den Schultern oder die Arme voll mit Kelchen, Tellern und Krügen aus Bronze, Silber oder gar Gold. Schreiende Kinder wurden, an Haaren oder den Armen gepackt, an ihm vorbeigezerrt. Wer noch am Leben und nicht längst geflohen war, der fand sich in der Sklaverei wieder.

Feuer legten sie dort, wo sie glauben mussten, schon alles geplündert zu haben. Dass von der Stadt nichts weiter als Schutt und Asche übrigbleiben sollte, war bereits vor der Schlacht beschlossene Sache gewesen. Die Eukioner hatten es mit Theomedes’ Heimat nicht anders gehalten. Von Weitem konnte Theomedes den Tempel brennen sehen. Das Heiligtum leuchtete weithin für alle sichtbar. Bald würden die Flammen den Tempel verschlungen haben und nur noch einen rauchenden Haufen übriglassen.

Schließlich fand er den König. Sein Wagen stand neben einer Villa mit einem Garten und das hölzerne Tor zum Anwesen war zerstört. Sicherlich mit der Axt des Königs, wobei es Theomedes auch nicht verwundert hätte, wenn der Stiermensch das Tor mit seinen bloßen, behaarten Händen auseinandergerissen hätte.

Vorsichtig betrat er den Hof. Sogleich hörte er, dass er hier in der Tat richtig war: Ein lautes Schmatzen drang aus dem Garten. Nekarios saß, umringt von toten Eukionern, im Schatten eines Baumes, zwischen Beeten und neben einem kleinen Teich.

Der Stiermensch zerstörte dieses idyllische Bild, indem er mit beiden Händen einen Eukioner gepackt hatte und sich an seinem Leib labte. Nekarios hatte den Rücken zu ihm gewandt und schien seine Anwesenheit nicht bemerkt zu haben.

Theomedes wollte etwas sagen, musste aber zuerst seine Übelkeit herunterwürgen, die ihm aus dem Bauch den Hals nach oben zu kriechen drohte. Eigentlich hatte Theomedes geglaubt sich längst an den Umstand gewöhnt zu haben, dass ihr König ein Menschenfresser war. Doch es mit den eigenen Augen zu sehen …

»Mein König.«

Ruckartig wandte sich der Stierkopf zu ihm und spießte ihn mit gierigen Augen auf. Vom Maul tropfte Blut herab. Es spritzte aufs Gras, als er sprach: »Was?!«

»Der Heerführer … Demetros schickt Euch Kunde. Er will die Männer noch bis zur Dämmerung plündern lassen …« Theomedes spürte, dass er sich gleich erbrechen würde. »Danach werden sie sich vor die Mauer zurückziehen.«

Das Bestienhafte wich langsam aus den Augen des Stiermenschen, klarer Verstand kehrte ein. Nekarios wischte sich das Blut vom Maul. »Gut. Du darfst gehen, Theomedes.«

Dass Nekarios seinen Namen nannte, gab ihm den Rest. Theomedes versuchte es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen, als der Stiermensch sich wieder den toten Eukionern zuwandte und seine Zähne ins Fleisch stieß. Außerhalb des Anwesens übergab sich Theomedes schließlich an der Mauer, noch immer den Geruch des Blutes in der Nase und das Schmatzen des Königs im Ohr.

 

*

 

Auf schwachen Beinen, mit verkrampftem Magen und durstiger Kehle machte sich Theomedes auf den Weg aus Eukion. Sein Ziel war das Lager, aber wenigstens erst einmal weg von Nekarios und seinem Mahl. Das Heer zog sich langsam aus der Stadt zurück, nur noch vereinzelt traten ihm Plünderer entgegen. Über Nacht würden die Feuer von Eukion verlöschen und sich eine gespenstische Stille über die Ruinen legen.

Da traf er ein ihm bekanntes Gesicht: Irgendwie hatte Sikulus es geschafft, auf ein Haus zu steigen. Der Tüftler schaute mit blassem Gesicht auf das, was von der Stadt noch übriggeblieben war. Er war in einen Harnisch gekleidet und trug auf seinem Kopf den Helm mit dem Federbusch, neben ihm lagen ein breiter Schild und ein Speer. Aber auf Theomedes machte der Wirrkopf nicht den Eindruck eines Kriegers. Der Harnisch war ihm zu groß, der schlanke Leib füllte ihn kaum aus und der Helm saß schief. Sikulus selbst schien gänzlich unverletzt zu sein. Gewiss hatten sie ihn genötigt, sich in die Schlachtordnung einzureihen, aber nicht erwartet, dass er seinen Mann stehen würde, und ihn deshalb in die hintersten Reihen gepackt.

Da bemerkte Sikulus ihn und hob die Hand. »Theomedes. Ihr seht nicht gut aus.«

Das musste der gerade sagen. Doch dann fiel ihm ein, dass er eben erst sein letztes Mahl ausgespien hatte und wahrscheinlich nicht weniger blass war als der Mechanikus.

»Ihr auch nicht, wenn ich das so anmerken darf. Was macht Ihr dort oben?«

»Ich schaue mir die Stadt an, bevor das Feuer sie ganz verschlungen hat. Eukion soll einst eine schöne Stadt gewesen sein.«

»Vielleicht wird sie das wieder«, antwortete Theomedes. »Und dann kommen wir wieder, um sie erneut niederzureißen.«

Er versuchte dabei grimmig dreinzublicken, doch Sikulus erwiderte die Herausforderung nur mit ausdruckslosen Augen. Die Stille, welche sich zwischen den beiden ausbreitete, wurde durch ein jähes Schreien und Kreischen aus der Luft unterbrochen. Beide richteten den Blick in nach oben.

Sikulus verzog das Gesicht: »Die Harpyien kommen.«

»Und sie werden sich an dem satt essen, was Nekarios ihnen übriggelassen hat. Ich werde aus der Stadt verschwinden und Euch würde ich dasselbe raten. In ihrem Hunger unterscheiden sie vielleicht nicht zwischen Freund und Feind.«

»Werden wir die Toten also wieder nicht bestatten, so wie es eigentlich Brauch ist?«

»Nur, wenn Nekarios es will.« Mit diesen Worten wandte sich Theomedes ab und verließ die Stadt, so schnell er konnte.

 

 

Kapitel 2 – Die Reise des Narndak

 

Sikulus schaute Theomedes noch eine Weile hinterher und dann zum Himmel hoch. Bilder, wie die Harpyien sich nach früheren Schlachten am Fleisch der Gefallenen satt aßen, stiegen in ihm auf. Nekarios war ein grausamer Sieger und so konnte es vorkommen, dass der Stierkönig den Toten keine angemessene Beisetzung angedeihen ließ und sich stattdessen diese Vogelbiester über sie hermachen durften.

Die Bibliothek! Sikulus war aufgesprungen. Er hatte sich gerade daran erinnert, warum er überhaupt in der Stadt geblieben war, nachdem sie die Schlacht gewonnen hatten. Normalerweise hätte ihn nichts mehr hier gehalten, doch er wollte noch die Bibliothek von Eukion aufsuchen und einige wertvolle Schriften retten. Insbesondere hatte er es auf ein bestimmtes Werk abgesehen, von dem es nur noch wenige Exemplare geben sollte. Doch dann hatte ihn das Bild der untergehenden Stadt übermannt und er konnte nicht anders, als vom Dach aus einen letzten Blick auf Eukions Überreste zu werfen.

Speer und Schild ließ er auf dem Dach liegen, sie waren ihm nicht wichtig. Stattdessen hob er die fragile Windbüchse auf, dieses technische Wunderwerk, das er mit seinem erfinderischen Geist geschaffen hatte. Mit der Waffe eilte er das Gebäude hinunter, drehte sich dann zur Straße und lief in die entgegengesetzte Richtung, in welche Theomedes die Stadt verließ. Soweit er wusste, befand sich die Bibliothek auf halbem Wege zwischen dem Marktplatz und dem Tempel. Vor dem Einbruch der Nacht sollte er es bis zur Bibliothek schaffen und genügend Schriften sammeln können, doch musste er auch wieder aus der Stadt heraus … Vielleicht sollte er sich an den Gedanken gewöhnen, sein Nachtlager zwischen Schriftrollen und Papyrus aufzuschlagen. Für ihn, der Wissen und Schriften liebte, eigentlich ein schöner Gedanke.

Die Flügelschläge und das Gekreische der Harpyien drangen lauter an sein Ohr. Sikulus beeilte sich, geriet jedoch schnell außer Atem. Das war wohl einer der wenigen Momente, in denen er sich verfluchte, nicht über die Konstitution seiner Landsleute zu verfügen. Endlich erreichte er den Marktplatz. Er neigte sich zu Boden und holte erst einmal tief Luft. Der Marktplatz war wie leergefegt, eine breite, offene Fläche und in der Mitte der Sockel, gesäumt von den Überresten der Statue, die einst darauf errichtet war.

»Die Bibliothek …«, sprach er zu sich selbst und drehte sich auf der Stelle. Mehrere große Gebäude waren mit einem Portikus zum Marktplatz hin erbaut, die Säulen und das Gebälk mit leuchtenden Farben bemalt. Sie alle machten den Eindruck wichtiger städtischer Einrichtungen. Dann klatschte Sikulus in die Hände und rief: »Beim heiligen Somokles!«

Die Statue des göttlichen Gelehrten Somokles hatte den Kampf überraschend gut überstanden. Zirkel und Schriftrolle waren deutlich zu erkennen, der kahle Kopf und lange Bart ließen ihn wie den weisen Mann aussehen, der er zu Lebzeiten gewesen sein musste. Seine Statue war direkt vor einem der Gebäude errichtet, woraus sich sofort schließen ließ, dass es sich um einen Hort des Lernens handeln musste. Sikulus schöpfte sogleich neue Kraft und hielt auf den Eingang zu. Im Vorbeigehen küsste er sich auf die Finger und drückte sie auf den Sockel von Somokles’ Statue.

Sikulus hätte sich ein Licht mitbringen sollen. Das Innere war nur schwach erleuchtet, seine Augen mussten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Doch sogleich erkannte er an den unzähligen Schriftrollen, dass es sich hierbei um die gesuchte Bibliothek handelte. Die Regale waren umgeworfen, der Papyrus lag überall verstreut. Sicherlich hatten die Soldaten auch diesen Ort nach wertvollen Schätzen durchsucht, doch in ihrer Oberflächlichkeit den größten Schatz – das Wissen – links liegen gelassen.

Sikulus beugte sich hinunter und hob eine der Schriftrollen auf. Er musste die Buchstaben nahe ans Gesicht halten, um sie genauer lesen zu können.

»Das Problem der Würfelverdopplung und die Lösung durch die Kurve des Alchios …«, las er laut vor. »Ein alter Hut.« Dann ließ er die Schriftrolle fallen. Das Problem war ihm wohlbekannt.

Er hob die nächste auf. »Die Handlichen Tabellen des Parthemedes. Habe ich schon.« Aus Respekt vor diesen mathematischen Tabellen, welche er oft zur Hand genommen hatte, legte er die Schriftrolle wieder sorgsam zu Boden.

So kam er nicht weiter. Er konnte nicht jedes Werk vom Boden aufheben und erwarten, irgendwann etwas Interessantes zu finden. Etwas, das es wert war, vor der etwaigen Zerstörung gerettet zu werden. Er watete durch das Papyrus-Meer und versuchte an den Regalen zu erkennen, wie die Schriften angeordnet waren. Sicherlich hatten die Eukioner ein System und so ganz durcheinander dürften die Schriften auch nicht gekommen sein, eine Rolle dürfte unweit ihres vormaligen Lagerplatzes liegen. Anscheinend befand er sich hier im Bereich der Mathematik. Normalerweise sein liebstes Fach, dem er die meiste Aufmerksamkeit widmen würde. Doch suchte er nach etwas anderem.

»Narndak!«, rief er den fremdartigen Namen des Autors, von dem er gehört hatte, dass hier eine seiner seltenen Werke aufbewahrt wurde. Da es sich um einen Reisebericht handelte, sollte sie sich im Bereich Geographie befinden.

Sikulus hob Schriftrolle um Schriftrolle auf und versuchte, sich von Bereich zu Bereich vorzuarbeiten.

»Die weisen Lehren des Paojian. Nein. Von der Anatomie des Menschen. Kenne ich auch schon. Geist und Herz – Das Strömen des Lebens. Humbug. Alles ist Licht – die Güte der Sonne … Verfasser unbekannt, das nehme ich mal lieber mit. Die Tierwelt hinter östlich des Drachenwirbels. Sehr interessant.«

So kam es, dass Sikulus mehr und mehr Schriftrollen mit sich herumtrug und bald kaum noch in der Lage war, einen seiner Arme freizumachen, um eine weitere vom Boden aufzuheben. Doch schließlich schien er sich zum Bereich der Geographie durchgekämpft zu haben. Er schob einige Rollen zur Seite und machte Platz für seinen eigenen Stapel. Wie viel Zeit er bereits damit verbracht hatte, diese Werke anzuhäufen. Er musste sich auf die Suche nach Narndaks Werk konzentrieren.

Sikulus merkte kaum, wie es in der Bibliothek immer dunkler wurde, als er eine Schriftrolle nach der anderen in Augenschein nahm und mit zusammengekniffenen Augen versuchte, Titel und Autor zu lesen. Unter all dem Papyrus befand sich ein in Tuch gewickelter Gegenstand. Zuerst hatte er ihn ignoriert, kam dann jedoch auf die Idee, dass sich unter dem Stoff genau das befinden könnte, was er suchte. Vorsichtig enthüllte er den Stoff, bis er der zusammengerollten Schrift im Inneren gewahr wurde. Sogleich wurde offensichtlich, warum sie in dieses Tuch gehüllt war: Der Papyrus war bereits löchrig und zur Gänze vergilbt. Die Seiten waren nicht zu einer Buchrolle zusammengefügt, sondern lagen lose aufeinander. Mit den Fingerspitzen nahm Sikulus die erste Seite auf und hielt sie nahe ans Gesicht.

»Die Lange Fahrt des Narndak …«, las er. »Ich hab’s gefunden!«

In seinen Jubel mischte sich ein Schrei. Jemand stieß sich an Regalen, fiel auf die Schriftrollen, schrie erneut auf und kämpfte sich durch das Schriftenmeer. Papyrusseiten und Rollen flogen umher. Sikulus packte die Seite wieder ins Tuch und nahm darauf seine Windbüchse zur Hand. Er fragte sich, warum diese Person so einen Lärm veranstalte, bis er den Flügelschlag hörte.

Dann kreischte die Harpyie laut auf, ein schauerliches Geräusch, das dem einer menschlichen Frau zu ähneln versuchte, doch dem eines Monstrums näher kam. Sikulus wagte einen Blick ins Innere der Bibliothek und sah, wie die Harpyie mit ihren riesigen Klauen über die Regale stakste. Ihr menschliches Antlitz folgte den Bewegungen des Mannes, welcher über die Schriftrollen stolperte und einen hilfesuchenden Japser nach dem anderen ausstieß. Die obere Hälfte der Harpyie glich der einer jungen Frau, nur Gefieder wuchs ihr über den freien Brüsten und dem Gesicht fehlte die Ausstrahlung eines Menschen, stattdessen steckte in ihrem Blick die Gier und Grausamkeit einer Bestie.

Sikulus schlug das Herz kräftiger und seine Gedanken rasten. Sollte er sich in dieser Ecke der Bibliothek verstecken und warten, bis die Harpyie ihre Klauen in den Mann dort geschlagen und sich an seinem Fleisch satt gegessen hatte?

Er würde hier sitzen und zuhören, wie sich das Biest an dem Leib gütlich tat, womöglich noch während der Mann lebte und um Hilfe schrie …

Er hob seine Windbüchse. Eine Waffe, die er selber konstruiert hatte, getestet und für effektiv befunden. In seinen Händen hielt er ein Mittel, diesen Mann vor der Bestie zu retten, wer auch immer er sein sollte. Er fasste sich ein Herz, betete zu Somokles und sprang aus seiner Deckung.

Dass er dabei auf einer der Schriftrollen ausrutsche und zu Boden fiel, dürfte bestimmt die Harpyie ebenso überrascht haben wie ihr Opfer, was allerdings nicht Sikulus’ Absicht gewesen war. Er rappelte sich auf und hoffte, der Sturz hatte seine empfindliche Waffe nicht beschädigt. Die Windbüchse gab ein beunruhigendes Klacken von sich, während er sie anlegte und auf die Harpyie zielte.

»B-bestie!«, versuchte Sikulus, die Harpyie einzuschüchtern. »Verschwinde, oder ich schieße dir die Federn vom Leib!«

Interessiert hob sie ihren Frauenkopf und blickte ihn eindringlich an. Die Harpyie stelzte nun über den auf dem Boden kauernden Mann hinweg auf Sikulus zu.

Sikulus machte sich bereit, den Rückstoß der Schusswaffe abzufangen. Es klackte, als er den Abzug betätigte. Klack, klack. Aber die Luft presste nicht das Geschoss heraus. Die Harypie kam immer näher, den Mann unter sich vergessend, während Sikulus auf die Mechanik der Windbüchse schlug. Das spärliche Licht fiel auf die Klauen der Harpyie und Sikulus wurde sich ihrer Schärfe und Größe bewusst. Wie Dolche würden sie in ihr Ziel stechen.

Irgendetwas klackte … anders! Das musste es gewesen sein! Erneut legte er die Windbüchse an, betete zu Somokles und betätigte den Abzug.

Der Windstoß riss ihn um und ließ ihn in ein Pergamentbett fallen. Das Gekreische der Harpyie betätigte ihm den Treffer. Als er sich aufrichtete, krümmte sich die Gestalt vor ihm und flatterte wild mit den Flügeln, sodass die Federn durch den ganzen Saal flogen. Sikulus hatte sie im oberen Brustbereich getroffen. Der Schuss war nicht sofort tödlich, dennoch würde die Harpyie verbluten. Der Papyrus um sie herum färbte sich bereits rot.

Neben ihr lag der Mann, der sich wegen des Geschreis die Ohren hielt und gleichzeitig mit großen Augen auf die Waffe in Sikulus’ Händen schaute.

»Du befehligst die Winde …«, bemerkte der Mann schließlich. »Wer bist du? Bist du ein Halbgott?«

»Oh je, nein, natürlich nicht! Das Gekreische …« Er deutete mit dem Lauf der Windbüchse auf die sich windende Harpyie. »Habt Ihr etwas, um …«

»Dem Biest den Garaus zu machen?« Der Mann verstand sofort und zog ein Messer. Jede Furcht schien wie verflogen, als er sich das Mischwesen packte und ihm den gefiederten Hals durchtrennte. Die beiden sahen der Kreatur noch eine Weile dabei zu, wie sie ihren letzten Lebensfunken ausröchelte – der Fremde mit einer Spur von Genugtuung, welche man ihm nicht nachtragen konnte, während Sikulus sich jedoch halb abwenden musste.

Die Harpyie starb und Sikulus erinnerte sich daran, warum er eigentlich hier war.

»Narndak!«, rief er aus. Der Kampf hatte alles durcheinandergebracht, selbst sein sorgsam hergerichteter Haufen an Schriften, die er ebenfalls mit sich nehmen wollte.

»Narndak?«, fragte der Mann. »Ist das Euer Name, mein Herr?«

»Nein! Das ist der Name des Reisenden, dessen Aufzeichnungen ich hier suche. Es ist äußerst wichtig. Bitte helft mir, sie zu finden! Die Notizen sind in ein Tuch gehüllt.«

Wortlos machte sich der Mann an die Arbeit. Gemeinsam wühlten sie sich durch den Wust an Papyrus.

»Mein Herr«, begann der Mann. »Wenn ich fragen darf: Was war das für eine Waffe? War sie verantwortlich für den Windstoß?«

»Das war kein Windstoß«, erklärte Sikulus, während er einige Rollen zur Seite schob. »In den Lauf der Windbüchse, so der Name meiner Erfindung, wird eine Kugel gesteckt. Sie kann aus Eisen oder aus Stein bestehen, was immer man will. In den hinteren Teil der Windbüchse kommt ein Behälter gefüllt mit Pressluft. Wenn ich den Abzug betätige«, er imitierte das stoßartige Austreten der Luft mit den Händen, »dann schießt die Kugel aus dem Lauf mit einer Wucht, die selbst die einer gut geführten Schleuder übersteigt.«

»Ist nicht wahr.«

»Ihr habt es gerade gesehen. Aber das Gerät ist empfindlich, sehr zerbrechlich und … noch nicht ganz ausgereift. Ihr habt vielleicht bemerkt, wie ich mehrmals versuchte, auf die Bestie zu schießen. Ich muss mich wieder an die Werkbank setzen und die Mechanik neu einstellen.«

»Also seid Ihr es, der diese Waffe erfunden hat?«

»Meine Ideen basieren auf den Errungenschaften des göttlichen Somokles, der uns die Kraft von Dampf und Druckluft geschenkt hat. Aber ja, diese Waffe stammt aus meinen Händen. Die Dampfkanonen da draußen wurden jedoch von Somokles erfunden. Die Kanonen vor den Mauern wurden aber unter meiner Anleitung hergestellt und aufgebaut.«

»Da draußen …«, sprach der Mann und seine Miene verfinsterte sich. »Ihr seid nicht aus Eukion, richtig?« Er hörte mit seiner Suche auf und mit stockendem Atem schaute er zu dem Mann.

Was für ein Narr Sikulus doch war! Jeder in seiner Heimat kannte ihn, jedoch kümmerte ihn das nur wenig. Hier allerdings hätte er sich darüber wundern müssen, dass der Fremde ihn nicht kannte. Nur langsam dämmerte es ihm, dass es sich bei dieser Person nicht um einen Landsmann handelte, sondern um einen Bürger von Eukion. Der diese Stadt wahrscheinlich mit seinem Leben verteidigte hatte und gerade noch so davongekommen war. Nach der Schlacht fand er jedoch keinen Frieden, stattdessen jagte ihn eine der Harpyien bis in die Bibliothek.

Der Mann hatte unterdessen Narndaks Notizen gefunden. In seinen Händen hielt er das Tuch. »Ist es das?«, fragte er. Jede Spur von Freundlichkeit und Dankbarkeit in seiner Stimme wich einer scharfen Kälte.

Auch in Sikulus machte sich ein kaltes Gefühl breit, als wiche ihm langsam alles Blut aus den Adern. Zögernd streckte er die Hände nach dem Tuch aus, welches der Mann ihm bereitwillig hinhielt. Sikulus lüftete ein paar Lagen und sah die Notizen darunter. Er hatte, wozu er hergekommen war, sah sich aber nun von dem Mann, einem Feind seines Stadtstaates, in die Ecke gedrängt. Das Messer lag in greifbarer Nähe. Sie schauten es beide an, dann sich gegenseitig in die Augen.

»Ich bin dankbar«, sprach der Mann, »dafür, dass Ihr mich gerettet habt und schulde Euch mein Leben. Wenn Ihr es jedoch seid, der diese schrecklichen Waffen da draußen gebaut und auf Eukion gerichtet habt …« Seine Hand glitt zum Messer. »Dann würde ich der Welt wahrscheinlich einen großen Gefallen tun, würde ich Euch hier umbringen. Und wohl auch viele meiner Landsmänner rächen.«

»Hilft es vielleicht … wenn ich Euch sage, dass ich eigentlich kein Interesse an den Dampfkanonen und anderen Waffen habe? Ich baue die nur, weil ich von unserem König dazu gezwungen werde.«

»Nein, das hilft nicht.«

Pferdehufe, das Rollen von Rädern. Ein Wagen hielt vor der Bibliothek. Etwas Schweres stiegt von ihm ab. Sikulus kannte dieses Geräusch nur zu gut.

»Wollt Ihr meinen König treffen?«, fragte er.

Der Mann wurde bleich im Gesicht. »Nekarios, der menschenfressende Stiermensch?«

Sikulus rollte mit den Augen. »Ach, von dem hast du gehört …«

Nekarios schob seinen massigen Körper durch den Eingang der Bibliothek. Er hob die Nüstern schnüffelte.

»Dafür haben wir keine Zeit!«, zischte der Mann leise. »Was soll ich nur tun!«

»Versteckt Euch zwischen den Schriftrollen. Da, in die Ecke!«

Der Mann nickte, warf sich zwischen die Regale und machte sich so klein wie möglich. Sikulus warf Schriftrollen auf ihn, versuchte ihn so gut wie möglich zu begraben. Er gab sich nicht einmal Mühe, dabei irgendwie leise zu sein; Nekarios näherte sich ihm bereits mit mächtigen Schritten.

»Habe ich dich!«, brummte der Stiermensch. »Was ist hier geschehen? Sikulus, bist du das? Ich roch Menschenfleisch und glaubte, einer der Eukioner verstecke sich hier drinnen. Dabei ist es einer meiner eigenen Untertanen. Die anderen haben die Stadt bereits verlasse.«

»Ja, mein König. Ich bin noch auf der Suche nach ein paar brauchbaren Schriften, um neue Waffen zu konstruieren!«

»Und das hier?«, fragte Nekarios und deutete mit seiner Axt auf die Harpyie.

»Ach, das! Ja, ich bin untröstlich, doch hatte mich diese Harpyie angegriffen. Ihr freut Euch sicherlich zu hören, dass meine Windbüchse gut funktioniert hatte.«

Der Stiermensch lachte, es hörte sich eher wie das Blöken eines Rindes an.

»Das werde ich dir nicht übelnehmen, kleiner Erfinder. Ja, wenn die Harpyien hungern, dann vergessen sie manchmal, wer Freund und Feind ist. Zu deinem Glück bin ich bei klarem Verstand! Nun los, Mechanikus, sammle alles zusammen, ich nehme dich auf meinen Wagen mit. Allein schaffst du es wahrscheinlich nicht aus der Stadt.«

Sikulus, froh darüber, dass seine List geglückt war, sprach: »Jawohl!«. Er nahm seine Windbüchse und die Schriften des Narndak auf. Er konnte noch ein paar der Schriftrollen finden, die er sich zuvor zusammengesucht hatte. Die wertvollen Papyri reichten ihm bis zum Kinn, während er sie aus der Bibliothek trug. Draußen wartete Nekarios in seinem breiten Wagen. Sikulus legte seine Beute ab und platzierte sich neben den König. Es war bereits dunkel geworden, nur einzelne Feuer und der Mond erhellten die Straßen, die aus der Stadt führten.

 

 

Kapitel 3 – Rückkehr nach Paraskion

 

Ihre Heimatstadt empfing die Sieger feierlich. Nekarios führte den Zug auf seinem Wagen an. Ihm folgten die von Ochsen gezogenen Dampfkanonen, die nicht vor Eukions Mauern zerbarstet waren, eine Reihe von Sklaven und danach das Heer.

Das Heer zog über die gepflasterte Hauptstraße, zuerst durch das große Haupttor von Paraskion, dann durch die Stadt selbst. Die Menschen kamen aus den Häusern, Kinder drängten aus den Eingängen und selbst die Alten mühten sich hinaus, um mit einem Lächeln die Verteidiger der Stadt zu empfangen. Links und rechts von ihnen kamen immer mehr Menschen zusammen, jubelten, grüßten Freunde und Verwandte, gaben vorbeikommenden Soldaten etwas zu Essen oder zu Trinken. Wer auf der Straße keinen Platz fand, der rief aus dem Fenster oder schaute vom Dach aus zu, wie die Armee zum Zentrum der Stadt zog.

»Theomedes!«, hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme, doch er konnte sie nicht sogleich in der Menge ausmachen. »Theomedes! Hier!«

Dann sah er eine Hand, die winkend über den Köpfen der Menschen auf und ab sprang. Er folgte dem Arm und fand im dichten Gedränge das strahlende Gesicht seiner jüngeren Schwester.

»Ephianessa!«, rief er aus und brachte das Heer in Unordnung, als er sich zu ihr durchschlug. Bei ihr angekommen nahm er sie in die Arme und wusste erst einmal nicht, was er sagen sollte. Es war Monate her, dass er sie zuletzt gesehen hatte. Vielleicht war es seine Freude, sie wiederzusehen, oder ihre Freude, die sie strahlender erscheinen ließ, doch sie kam ihm ein Stück hübscher vor, auch wenn sie kaum älter geworden war. Ihren sechzehnten Geburtstag hatte er nun verpasst. Er musste sich etwas einfallen lassen, um das wiedergutzumachen.

»Mutter und Vater sind zu Hause«, sprach sie plötzlich. »Bitte kehre so schnell heim, wie du kannst.«

»Glaub mir, das ist das Erste, was ich vorhabe.«

»Und dir …«, fragte sie, »geht es auch gut? Wurdest du verletzt?«

»Nur leicht«, antwortete Theomedes, »sonst hätte es sich nicht gelohnt.«

Ephianessa nickte, als hätte sie nichts verstanden. »Hast du Sikulus bei seinen Kanonen gesehen?« Sie lachte. »Er versuchte noch nicht einmal zu verbergen, dass er da ganz fehl am Platze war.«

Warum sie das Gespräch auf diesen Wirrkopf lenken wollte, war ihm unverständlich. Beinahe raubte es ihm die gute Laune.

»Ich muss weiter«, sprach er.

»Ich gehe nach Hause«, erwiderte sie, »und sage Mutter und Vater Bescheid. Jeden Morgen und jede Nacht haben sie um dich gebetet. Jetzt kann ich diese Last endlich von ihnen nehmen.«

»Mach dich auf, bevor jemand schneller ist und dir den Spaß vermasselt.«

»Richtig! Aber …« Sie schaute unschlüssig an ihm vorbei. »Ich muss dazu auf die andere Straßenseite.«

Theomedes überlegte kurz und überreichte ihr dann seinen Speer: »Halte das fest.« Anschließend hob er seine kleine Schwester auf die Schulter und brachte das Heer erneut in Unordnung, als er mit ihr auf die andere Seite zu kommen versuchte. Die Soldaten reagierten teils lachend, teils verwundert über das Geschwisterpaar.

Ephianessa schien der Scherz sehr zu gefallen, mit dem stumpfen Ende des Speeres dirigierte sie die Soldaten auseinander.

»Macht Platz, ihr Tapferen von Paraskion und lasst mich auf die andere Straßenseite!«

Gute Erziehung war ihr in Fleisch und Blut übergegangen; sie zupfte an ihrem Rock und hielt die Beine geschlossen. Theomedes war gar nicht in den Sinn gekommen, dass er durch diesen Scherz seine Schwester vielleicht in Verlegenheit gebracht haben könnte.

Ihr Lachen war klar und hell, als er sie auf der anderen Straßenseite wieder absetzte, und ihre Wangen gerötet. Sie händigte ihm seinen Speer aus und hielt sich die Brust.

»Danke Fährmann Theomedes«, sagte sie, »dass Ihr mich über diesen reißenden Fluss gebracht habt. Wir sehen uns dann später!«

Sie nahmen sich nochmals in die Arme. Ephianessa verschwand und Theomedes reihte sich wieder ein. Noch eine Weile trug er das Lächeln mit sich herum.

Nach einigen hundert Metern fühlte er sich beobachtet. Ihm war, als folgte ihm ein Augenpaar in der Menschenmenge. Die meisten blieben auf der Stelle stehen, suchten nach dem einen Freund oder Verwandten, liefen vielleicht ein paar Meter mit. Aber diese eine Person, wenn sich Theomedes nicht täuschte, war ihm jetzt schon seit einer Weile gefolgt. Stets hinter den Jubilierenden verborgen, blitzten die Augen zwischen Köpfen und Schultern immer wieder auf. Theomedes versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Es kam ihm auch in den Sinn, dass er gar nicht das Ziel dieser Bespitzelung war.

Als er glaubte, die Person wäre ihm nun ganz nahe, wandte er ruckartig den Kopf – und versank in die dunklen Augen von Danaea. Das Mädchen stand dort zwischen den anderen Paraskionern, als befände sie sich die ganze Zeit schon dort. Theomedes ließ sich nichts anmerken und deute nicht durch ein wissendes Lächeln an, wie er ihre Verfolgung mitbekommen hatte. Doch noch etwas länger in diese dunklen Augen schauen, das ließ er sich nicht nehmen, bis er den Hals nicht mehr nach ihr wenden konnte und sie aus seinem Blickfeld verschwand.

Schließlich erreichten sie die Agora von Paraskion. Als Erster Nekarios auf seinem Streitwagen; er bog nach links und drehte innerhalb des Platzes eine Runde. Ihm folgten die von den Ochsen gezogenen Dampfkanonen. Die Sklaven führte man weiter, bis sie in den Straßen der Stadt verschwanden. Der Rest des Heeres, welches sich auf dem Platz einfinden konnte, folgte seinem König und befüllte somit nach und nach die Agora. Wer es nicht mehr auf den Platz schaffte, beendete den Triumphzug in der Straße, welche zur Agora führte.

Theomedes befand sich relativ weit vorne und durfte somit auf der Agora Aufstellung nehmen. In der Nähe befanden sich auch die verbliebenen Dampfkanonen, einschließlich Sikulus. Der saß auf einem Ross, etwas steif und äußerst blass. Die Leute munkelten, dass er freie Plätze des öffentlichen Lebens vermied, da er bei großen Menschenansammlungen Panik bekam. Der Heereszug musste ihm nicht gut bekommen sein. Nun war Theomedes doch froh, von seiner Schwester auf den Wirrkopf aufmerksam gemacht worden zu sein. Er bot tatsächlich einen witzigen Anblick.

»Bürger von Paraskion«, sprach Nekarios mit seiner tiefen Tiermenschenstimme. »Eukion liegt in Trümmern!«

Das Volk nahm diese Worte mit Jubel auf.

»Mit Dampf und Stahl besiegten wir den alten Feind von Paraskion erst auf dem Felde und dann schleiften wir dessen Stadt! Die Mauern rissen wir nieder und ein Feuer verschlang den Rest!«

Propaganda. Das Feuer griff nicht auf die gesamte Stadt über, zerstörte nur Teile von Eukion. Wer an den Kämpfen teilgenommen hatte, wusste das. In diesem Moment mochte es egal gewesen sein. Diese Worte klangen ruhmvoller und nach Genugtuung.

»Endlich, nach Jahrzehnten, ist der Befreiungskampf abgeschlossen. Als Paraskion noch ein kleines Dorf war, knechtete die Feindstadt es, behandelte das Volk wie Untertanen. Kein freies Volk war Paraskion damals. Doch dann habt ihr mich zu eurem König erwählt und gemeinsam trutzten wir der Fremdherrschaft.«

Das war eine dieser Ansprachen, bei der sich der König selbst legitimierte. Doch konnte Theomedes dem Stiermensch nicht absprechen, dass sein Auftreten sehr zur Unabhängigkeit von Paraskion beigetragen hatte.

»Aus dem Dorf wurde eine Stadt mit einem eigenen Heer, voll mit mutigen und tugendhaften Menschen. Mit blutigem Kampf, neuen Technologien und meiner Kraft hatten wir uns die Freiheit erkämpft. Nun, da wir Eukion dem Feuer übergeben haben, haben wir unsere Unabhängigkeit besiegelt. Das Volk von Paraskion ist frei!«

Erneuter Jubel. Wie eine Woge brauste es durch Theomedes’ Körper. Er musste sich eingestehen, mit allzu geschwellter Brust in diesem Jubelschwall zu baden. Auch er war an diesem Befreiungskampf beteiligt gewesen, wenn auch wegen seiner Jugend nur in den letzten Phasen. Doch er warf sein Leben in die Bresche und sein Speer kostete Blut.

»Darum sei versichert, Volk von Paraskion«, endigte der Stiermensch. »Solange ich euer König bin, braucht ihr keinen Feind zu fürchten!«

Theomedes schaute zu Nekarios hinüber. Er mochte mit diesen Worten recht gehabt haben. Nekarios brachte ihnen den Sieg und die Sicherheit vor äußeren Feinden. Doch wusste Theomedes so gut wie jeder andere Bürger dieser Stadt, dass er sich gerne am Menschenfleisch gütlich tat. Und wenn es keine Feinde zu fressen gab, wie jene Soldaten in Eukion, dann musste eben die eigene Bevölkerung herhalten. Bald würde es wieder so weit sein …

 

*

 

Theomedes’ Elternhaus befand sich weit von der Agora entfernt, auf einem Hügel gelegen, auf dem sich die vermögenden und angesehenen Familien von Paraskion angesiedelt haben. Die dichtgedrängten Häuser der Stadt wichen hier weitläufigen Villen. Er folgte zielstrebig der Straße und grüßte hin und wieder Bürger, sobald sie freundlich das Wort an ihn richteten. Theomedes trug noch immer seinen Harnisch, den Helm hatte er abgenommen und unter den Arm geklemmt. Seinen Schild hatte er sich auf den Rücken geschnallt, der Speer ruhte lässig auf seiner Schulter. Von Weitem erkannten die Bürger ihn als einen heimgekehrten Krieger und Theomedes versuchte auch gar nicht, einen anderen Eindruck zu vermitteln. Mit der Zeit wich der Stolz und machte einem freudigen Herzschlag Platz. Er kam seinem Elternhaus immer näher.

Schließlich stand er vor dem Eingang zum Hause. Er lehnte den Speer gegen die Mauer und klopfte mehrmals kräftig an die Tür. Sofort wurde ihm aufgemacht, der Diener musste gewartet haben.

»Der junge Herr ist zurück«, bemerkte der ältere Diener.

Theomedes nahm es ihm nicht übel, dass der Bedienstete nicht so erfreut wirkte. Sein Kommen war bestimmt bereits von Ephianessa angekündigt worden. Er trat ein, unterließ es aber, dem ihm seinen Speer und den Helm zu übergeben. Die wollte Theomedes seinem Vater selber überreichen.

»Dolethos, gut dich zu sehen. Sind mein Herr Vater und die ehrenwerte Mutter zugegen?«

»Gewiss«, antwortete der Diener. »Sie warten bereits auf Euch im Hof.«

»Dann ist meine Schwester schon hier?«

»Ephianessa hat mich hierhergestellt.«

»Verstehe.«

Theomedes trat durch den Eingang ins Innere des Anwesens. Der Weg zum zentralen Säulenhof führte ihn durch einen länglichen Nebenraum. Seine Freude war groß, sich stolz seinen Eltern präsentieren zu können, doch versuchte er mit Würde in den offenen Hof zu treten.

Sein alter Vater saß dort auf einem Stuhl, seine Mutter und Schwester Ephianessa auf Hockern neben ihm. Auf diese Art beliebten seine Eltern hohe Gäste zu empfangen; entweder um gleich hier etwas zu besprechen oder um anschließend die Versammlung in einen anderen Raum zu geleiten.

Auf dem mit kunstvollen Voluten geschmückten Stuhl lag ein purpurnes Kissen, über die Hocker seiner Mutter und Schwester waren feine, blaue Tücher gebreitet.

Menenias, der Herr und momentane Stammhalter dieses hohen Hauses, erwartete seinen einzigen Sohn mit auf den Oberschenkeln ruhenden Händen und mit leicht nach vorne geneigtem Oberkörper. Sein Haupthaar war bereits ergraut, nur der lange Bart trug noch einen goldenen Schimmer, welcher ihn von den zumeist dunkelhaarigen Bürgern von Paraskion unterschied. Auch seine Kinder hatten die hellen Haare geerbt. Seine Mutter hingegen hörte sich das Getuschel ihrer Tochter stumm an, während sie die Freudentränen kaum verhehlen konnte.

»Vater, Mutter, ich bin heimgekehrt.«

Menenias erhob sich. »Das bist du in der Tat, mein Sohn. Siegreich bist du heimgekehrt und was noch wichtiger ist: wohlbehalten.«

Sein Vater besah ihn von unten nach oben. »Noch alles dran, wenn mich meine alten Augen nicht trügen. Und die Wunde an der Schulter verheilt gut?«

»Soweit keine Schwierigkeiten«, antwortete Theomedes. »Die Stelle wurde genäht, mit Salben eingerieben und von fähigen Händen verbunden.«

Menenias nickte, fasste seinen Sohn an die andere Schulter und sprach: »Schön, dass du wieder zu Hause bist.« Dann nahm er Theomedes in den Arm.

Das war das Zeichen dafür, dass auch seine Mutter sich erheben durfte und ihn ebenfalls unter Tränen begrüßte. Hethemesia begrub ihn unter Küssen, die sich für Theomedes als heimgekehrten Krieger nicht ganz ziemten. Doch wer war er, seiner Mutter diese Liebesbezeugungen abzusprechen? Auch seine Schwester machte munter mit, aber mehr zum Spaß und um ihn etwas zu ärgern.

»Jetzt ist genug«, sprach Menenias, jedoch ohne Strenge in der Stimme. »Theomedes ist bestimmt noch müde von dem Marsch, oder? Ihr seid doch gerade erst angekommen. Wenn du willst, kannst du dich im Garten oder auf einer der Klinen (Liegebank) ausruhen, bis das Mittagessen bereitsteht. Und heute Abend feiern wir ein Fest.«

»Ich denke«, sprach Theomedes, nachdem seine Mutter von ihm abgelassen hatte, »heute feiert die ganze Stadt.«

»Wir haben jedoch Gäste geladen«, meinte daraufhin seine Mutter. »Aber jetzt, da du hier bist, wird der Kreis noch größer werden. Sollten wir nicht auch etwas den Göttern opfern?«

»Ich werde selber für eine Ziege zahlen«, sagte Theomedes. »Ich bin ihnen genauso dankbar wie Palladaia, gesund zurückgekommen zu sein.«

»Wir teilen sie uns«, schloss Menenias. Widerworte waren unangebracht.

 

*

 

Theomedes und sein Vater gingen gemeinsam auf den Markt und unterhielten sich währenddessen über die vergangenen Kämpfe. Er erzählte seinem Vater alles, was der wissen wollte, auch wenn er wahrscheinlich später einiges davon wiederholen würde. Sie kauften nicht nur eine Ziege, sondern gleich zwei. Die eine gaben sie dem Diener Dolethos, er sollte mit ihr gleich nach Hause zurückkehren und sie für das abendliche Mahl zubereiten. Mit der anderen gingen Vater und Sohn, jeder von einer anderen Art von Stolz erfüllt, hoch zum Tempel von Paraskion.

Der Tempel war der Göttin Palladaia gewidmet, ihre Statue thronte vor dem Altar. Die göttliche Jungfer zeigte sich von ihrer wehrhaften Seite: Der mit Gold überzogene Helm war in den Nacken gelehnt, an der Seite des Thrones ruhten ein runder Schild und ein langer Speer, dessen Ende sie mit ihrer Rechten gefasst hatte. Mit leuchtend blauen Augen sah sie auf den Altar herab, auf dem Vater und Sohn ihr eine Ziege opferten und ihr für den Sieg und die sichere Heimkehr dankten. Eine große Menschenansammlung wartete vor dem Portikus außerhalb des Tempels, mit Ziegen, Schafen oder nur Obst. Es war Brauch, bei solchen Gelegenheiten der Palladaia zu opfern, und viele Paraskioner wollten sich an diesem Tag dankbar zeigen.

Theomedes und Menenias traten danach aus dem Tempel, ihre Stimmung wechselte wieder von andächtig zu fröhlich. Der Tag neigte sich langsam dem Ende entgegen, als sie zu Hause angekommen waren. Die Dienerschaft bereitete bereits die Mahlzeit zu, sorgsam von Hethemesia überwacht. Auch wenn sie nicht an der Versammlung teilnehmen sollte – nur Männer waren zugelassen – so oblag ihr doch die Verwaltung dieses Teils des Hauses.

Die Gäste kamen, einer nach dem anderen. Auch Demetros, der alte Heerführer, ließ es sich trotz der verbundenen Stirn nicht nehmen, an dem Gelage teilzunehmen.

Zu Theomedes’ Überraschung trat auch Sikulus in den Versammlungsraum. Der Mechanikus blickte mit wirren Augen um sich, reagierte nicht, als einer der Diener ihn auf eine leere Kline verwies und schaffte es noch nicht einmal, alle Anwesenden zu grüßen. Der Diener schob ihn schließlich zu seinem Platz. Sikulus legte sich steif auf die Seite, hantierte eine Weile mit dem Kissen herum, fand jedoch keine bequeme Position, was wahrscheinlich eher an seiner Unfähigkeit lag, es sich in der Versammlung gemütlich zu machen, als an der Weichheit des Kissens. Theomedes musste sich eingestehen, dass es wenigstens Spaß machte, den Tüftler zu beobachten.

Der Diener Dolethos reichte eine Runde Schale herum. Das Wasser darin diente zur rituellen Reinigung. Dolethos und ein anderer Diener trugen daraufhin das schwere, bauchige Gefäß heran, indem der Wein mit Wasser vermischt schwappte. Sie bekamen alle ihre Becher, tranken einen Schluck aus dem Gefäß und sprachen ein paar Dankesworte an die Götter, besonders an Palladaia; Dann verschütteten sie den restlichen Wein auf dem Boden. Alles Rituelle war nun abgeschlossen, man durfte sich entspannen und mit den Reden beginnen.

Es kam, wie Theomedes es vorausgesehen hatte: Das Gespräch fiel sofort auf den kürzlichen Sieg. Die Gäste, welche nicht an dem Feldzug gegen Eukion teilgenommen hatten, sprachen sogleich Theomedes und Demetros an, ihnen doch etwas über die Kämpfe zu erzählen. Sikulus wurde dabei geflissentlich übergangen.

»In der Stadt erzählt man sich«, begann da Demetros, »dass Ihr göttliches Blut in den Adern fließen habt, geehrter Menenias. Euer Sohn hat Euch gewiss keine Schande gebracht. Tapfer stand er in den vordersten Reihen, Schulter an Schulter mit seinen Landsmännern. Er hat sich mit dem Feind geschlagen und war ihm sein Verderben.«

»Wir führen unsere Stammreihe auf einen Reitergott aus dem Norden zurück, das ist wahr«, antwortete Menenias. »Aber zügelt die Erwartungen etwas, das göttliche Blut hat sich verdünnt, so ist das nach jeder Generation. Bemisst uns daher nach den Maßstäben eines Sterblichen.«

»Ach, dabei hätte ich schwören können, einer der Heroen aus alten Zeiten wäre unter uns«, sprach Demetros mit einem Zwinkern an Theomedes.

Der war langsam der Schmeichelreden überdrüssig. Theomedes hatte sich nicht bedeutend besser geschlagen als die anderen Paraskioner. Stolz war Theomedes heimgekehrt, aber es war kein persönlicher Stolz, der allein auf seine Taten beruhte. Er teilte ihn mit der ganzen Stadt und dem siegreichen Heer. Wieso war der alte Feldherr nur so erpicht darauf, ihn an diesem Abend so zu preisen? War das eine Form von Dankbarkeit, zu diesem Fest geladen worden zu sein? Mit der Zeit zerstreuten sich die Gespräche und man redete nicht nur über den Feldzug. Menenias unterhielt sich unterdessen mit Sikulus. Ausgerechnet ihm.

Langsam stieg Theomedes selbst der mit Wasser verdünnte Wein zu Kopf. Er machte den Marsch und die Strapazen der letzten Tage dafür verantwortlich. Schließlich war er erst heute in Paraskion eingetroffen. Die seitliche Liegeposition, das weiche Kissen, die einlullenden Gespräche – das alles machte ihn nur schläfrig. Seine schweren Augenlider senkten sich unbarmherzig, eine wohlige Wärme stieg in ihm auf. Lautes Gelächter ließ ihn aus dem kurzen Schlummer aufwachen. Theomedes war nicht imstande zu sagen, ob das Gelächter ihm gegolten hatte. Sein Vater saß neben ihn, gütig lächelnd.

»Niemand wird es dir übelnehmen, wenn du dich lieber schlafen legen möchtest«, sprach er leise, sodass die anderen Gäste es nicht hören konnten.

Theomedes richtete sich auf und rieb sich die Stirn. Er bemerkte, dass Sikulus’ Platz verweist war, schenkte dieser Tatsache aber keine weitere Beachtung.

»Das wäre vielleicht das Beste«, antwortete er und erhob sich. Die Gäste verstummten, erwarteten etwas von ihm. »Meine Herren, ich werde mich zur Ruhe begeben. Es war ein langer Tag für mich.«

»Dir sei es gegönnt«, war einer der Rufe, welcher ihm entgegenschallte.

Ohne weiteres Aufsehen zu erregen, trat er aus der Versammlungshalle heraus und überlegte, ob er wirklich sogleich sein Bett aufsuchen sollte. Ihm kam stattdessen in den Sinn, sich zuerst in den Garten des Hauses zu begeben, etwas frische Luft zu schnappen und den Sternenhimmel zu betrachten.

Theomedes war nicht der Erste, der auf diese Idee gekommen war; er wollte gerade in den Garten treten, da bemerkte er zwischen den Hecken eine Gestalt. Der Mond verbarg sich hinter Wolken, daher konnte er nur Umrisse ausmachen. Sicherlich war es nicht ungewöhnlich, dass sich Hausbewohner im Garten aufhielten. Doch heute waren auch Gäste anwesend und er fragte sich, wer sich denn im Garten befinden könnte. Seine Neugierde war geweckt, er verbarg sich im Gang und lugte zum Garten hinaus.

Die Person stand still. Von der Größe her hätte er auf einen Mann getippt, doch war die Gestalt auch recht schlank. Bald bemerkte Theomedes, dass die Gestalt nicht allein im Garten war: Etwas bewegte sich in der Dunkelheit, die Umrisse einer zweiten Person wurden deutlich. Kleiner, zierlicher … war das seine Schwester?

Theomedes ließ jegliche Vorsicht fahren und trat auf den Hof.

»Was ist hier los?«

Seine Schwester – er erkannte sie sogleich an dem Schreckenslaut, den sie ausstieß – wich einen Schritt zurück. »Theomedes … das ist …«

»Was?!«, zischte er und versuchte den anderen genauer zu betrachten. Der Mann wandte sich ab, die Dunkelheit verhüllte noch immer seine Identität. Theomedes packte ihn an den Schultern und zehrte ihn zu sich heran.

Er konnte es kaum glauben. »Sikulus?!«

»Derselbe«, antwortete dieser und befreite sich aus Theomedes’ Griff. »Und glaubt nicht, dass ich Eure ehrenwerte Schwester unsittlich berührt hätte oder etwas derart. Wir … hatten nur geredet.«

»Geredet?« Theomedes fasste seine Schwester scharf ins Auge. »Geredet? Um diese Zeit? Hier, allein im Garten?«

»Es ist wahr«, beteuerte seine Schwester. »Hier ist nichts vorgefallen, was dich beunruhigen könnte.«

»Ephianessa, du sollst dich doch nicht im Haus herumtreiben, während wir Gäste haben. Erst recht nicht während eines Gelages. Einige der Gäste sind betrunken, selbst der redlichste Mann kann da zum Tier werden.« Er blickte zu Sikulus, welcher sich das Handgelenk hielt, das Theomedes noch gerade unsanft angefasst hatte. »Er vielleicht nicht. Bestimmt nicht. Dennoch: Was, wenn dich einer der anderen Gäste hier draußen bemerkt hätte? Die Gerüchte könnten dein Ansehen ruinieren, das Ansehen unseres Hauses.«

»Sehr lebhafte Fantasie«, gab da Sikulus von sich.

Die Wut wallte wieder in Theomedes auf. Er griff erneut das Handgelenk von Sikulus, genau dieselbe Stelle, aber noch fester. Mit Genugtuung sah er zu, wie sich Sikulus unter dem Griff wand und das Gesicht verzog.

»Theomedes!«, rief Ephianessa. »Lass ihn los! Er hat sich redlich verhalten!«

»Höre auf deine Schwester«, sprach da eine ihm ebenfalls vertraue Stimme. Seine Mutter erschien mit einer Lampe. »Alles hier geschieht unter meinen achtsamen Augen. Deine Sorge um deine kleine Schwester ist rührend, doch in diesem Falle unangebracht. Wir haben Sikulus eingeladen, damit er und Ephianessa sich abseits des Festes etwas kennenlernen können.«

»Mutter«, sprach Theomedes und ließ aus Fassungslosigkeit Sikulus los. »Was geht hier vor sich?«

Hethemesia trat zwischen die drei. »Wir hätten es dir später gesagt, auch wenn du wahrscheinlich nicht anders reagiert hättest. Wir planen, Ephianessa und Sikulus miteinander zu verloben. Er stammt aus einem guten Haus und hat noch eine vielversprechende Zukunft vor sich.«

»Wenn ihm nicht der Dampf seiner Maschinen um die Ohren fliegt.«

»Oh, wenn es das ist«, sagte Sikulus in einem leicht beleidigten Tonfall. »Ihr könnt mich jederzeit in meiner Werkstatt besuchen und ich zeige Euch, wie zuverlässig meine Erfindungen sind. Die meisten von ihnen, jedenfalls. Die Erfindungen, welche schon Einsatz bereit sind.«

Theomedes versuchte ihn zu ignorieren. »Wieso er?«

»Das habe ich gerade erklärt«, antwortete seine Mutter.

»Und wieso nicht ein anderer?«

»Es ist nicht Sache des Bruders, den Gatten auszuwählen.«

»Und weiß Vater …«

»Das habe ich nicht allein entschieden.«

Theomedes seufzte, was anderes blieb ihm nicht übrig. Gegen den Beschluss seiner Eltern zu protestieren, war zwecklos und seine Schwester machte nicht den Eindruck, gegen diese Vermählung zu sein. Auf sein Seufzen war eine unangenehme Stille in den Garten getreten, bei der ein jeder lieber auf seine eigenen Füße schaute, als das Wort zu erheben. Nur seine Mutter Hethemesia mahnte Theomedes mit ihrem Blick, keine weiteren Wiederworte zu sprechen.

Es war Sikulus, der das Wort erhob: »Ein schöner Abend. Ich gedenke trotzdem, mich nun zurückzuziehen. Theomedes, wehrte Frau Mutter.« Er nickte beiden zu und wandte sich dann an Ephianessa. Was auch immer er vorhatte, ein Seitenblick zu Theomedes ließ ihn innehalten und er beließ es bei einem Nicken. Dann machte er sich davon.

Die drei schauten ihm noch lange nach. »Wieso er …?«, wiederholte Theomedes. Mutter und Schwester ließen ihn mit dieser Frage, welche ihm eine schlaflose Nacht bereitete, in dem Garten allein.

 

 

Kapitel 4 – Der Atem der Palladaia

 

Mehrere Dinge störten Sikulus daran, wie dieses Fest zu Ende gegangen war: Zum einem fand er die Unterhaltungen nicht intellektuell stimulierend. Es war verständlich, dass die vergangenen Schlachten, Kämpfe und andere Gräueltaten den Hauptteil des Gesprächsstoffs ausmachten, doch kannten diese Rohlinge keine anderen Themen? Lediglich Menenias, Vater von Theomedes, schien seine Langeweile bemerkt zu haben und kam auf andere Dinge zu sprechen. Für den Vater eines so hitzköpfigen Jungens war er ein ausgesprochener Feingeist, das sollte man ihm gar nicht zutrauen. Vielleicht lag es auch am Alter, jugendliche Kraft wurde an seinen Sohn weitergegeben, um der Weisheit Platz zu machen.

Die zweite Sache war die jähe Unterbrechung seines Zwiegesprächs mit Ephianessa. Bei diesem Wort schwelgten seine Gedanken dahin zu ihrem süßen Lächeln und ihrem klaren Lachen, sodass er den hervorstehenden Stein im Boden nicht bemerkte und beinahe zu Boden gefallen wäre. Wären Zuschauer zugegen, hätten sie ihn für einen Betrunkenen gehalten, der es kaum nach Hause schaffte. Dabei war er nur etwas – durfte er diesen Gedanken wirklich schon wagen? – Liebestrunken. Möge Theomedes oder wer auch immer schlecht von dieser Verbindung denken, es war ihm einerlei. Wer sagt denn, dass in seiner Werkstatt, zwischen all diesen Maschinen, Öfen und Werkzeugen, nicht auch Platz wäre für dieses Kleinod einer Frau? Gewiss, er würde die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen müssen … das hatte er eh vor.

Er stolperte erneut, diesmal begleitet von leisen Flüchen. Es diente ihm als Mahnung, Palladaia legte ihm in ihrer Weisheit Steine in den Weg, damit er sich wieder auf das Wesentliche konzentrierte. Dennoch ließen ihn die Geschehnisse des Abends nicht los.

Das dritte, was ihn störte, war Theomedes schlechte Meinung über ihn. Sikulus war daran gewöhnt, dass man über ihn spottete, ihn als Eigenbrötler und Individualisten schief ansah.

Wann immer es möglich war, zog Sikulus es vor, Tage bis Wochen in seiner Werkstatt zu verbringen und die vielen Versammlungen und Feste zu meiden. Ein einzelner Mann brachte durchaus kluge und sinnvolle Gedanken zustande. Befand er sich jedoch in der Masse, dann sank er schnell zum Tier hinab. Schlimmer noch, wenn verschlagene Redner ihm den Verstand vernebeln, wird aus ihm schnell nichts weiter als ein Sklave, der einem fremden Willen gehorcht. Und in der Masse war der Mensch noch immer leichter zu manipulieren, denn die meisten ziehen lieber mit der Herde, als einsam auf der Weidefläche zurückzubleiben.

Diesmal stieß er auf äußerst schmerzhafte Weise gegen einen der Steine. Er ließ dem Fluchen freien Lauf, mehr an sich selbst gerichtet als an die Pflasterung der Straße. Aber wo war er?

Ja, es störte ihn nicht, wie andere über ihn dachten. Doch es freute ihn, dass er mit Ephianessas Eltern auf gutem Fuß stand. Leider war es mit ihrem Bruder anders. Das Traurige daran war, dass Sikulus Theomedes gerne zum Freund hätte. Sikulus hatte ihn beobachtet, wenn Gepflogenheiten und Gebräuche ihn zwangen, doch mal aus dem Haus zu treten. Theomedes war klüger, als er sich selbst zugestand, und skeptisch gegenüber den Autoritäten. Sikulus sah ihn, wie er bei Nekarios’ Reden mit der Stirn runzelte, die Arme verschränkte und sich innerlich zurückzog. Daher glaubte er, dass der Sohn des Menenias genauso eine Abneigung gegen den König hegte wie er selbst. Nicht zufälligerweise war Nekarios auch einer dieser Redner, über den er vor ein paar Minuten noch nachgedacht hatte. Trotz seiner monströsen Gestalt wusste der Stiermensch, die Menschen mit seinen Worten zu überzeugen.

Plötzlich blieb er stehen und schaute sich um. Palladaias gütige Warnung war nicht bei ihm angekommen: Sikulus hatte sich verirrt.

 

*

 

Sikulus musste sich nur kurz orientieren, um nach diesem kleinen Umweg zurück zu seinem Anwesen zu finden. Schließlich befand es sich nicht weit vom Haus von Menenias entfernt, am Rande der Stadt. Auch wenn er sich gebot, sich darauf zu konzentrieren, wohin seine Füße traten, so beschäftigten ihn die Vorkommnisse des Abends noch immer. Am nächsten Tag wollte er darüber nachdenken, wie er Theomedes auf seine Seite ziehen konnte.

Er trat in den Hof seines Grundstückes und fühlte sich angenehm erfrischt. Es schien ihm, als ob der Spaziergang durch die kühle Nacht ihm neue Kräfte und Klarheit verliehen hatte. Der benommen machende und ermüdende Effekt des Alkohols, von dem er nie ein Freund gewesen war, war wie weggeblasen. Geschwind ging er an den bronzenen Dampfkanonen, die einer Reparatur bedurften, bevor sie zurück ins Arsenal kamen. vorbei ins Innere seiner Werkstatt. Er war fest davon überzeugt, noch diese Nacht einen Durchbruch erzielen zu können. Schlaf brauchte er nun keinen mehr und es wäre nicht das erste Mal, dass Sikulus bis zum Morgengrauen und darüber hinaus arbeiten sollte.

In der Mitte des Raumes spendete eine Feuerstelle ein wenig flackerndes Licht. Sikulus’ Diener waren angewiesen, dieses Feuer ständig zu unterhalten. Denn selbst mitten in der Nacht könnte Sikulus von einem Geistesblitz getroffen werden. Wenn er sich dann in seine Werkstatt begab, wollte er sich nicht erst darum kümmern müssen, die Dunkelheit aus ihr zu verscheuchen.

Gleich neben der Tür stand ein Regal, darin eine Reihe von Öllampen. Er stieg über herumliegende Werkzeuge, Bänke, metallene Einzelteile seiner vielen, unfertigen Erfindungen. Jedem Besucher schien die Werkstatt wie ein chaotisches Sammelsurium, doch Sikulus kannte sich hier bestens aus.

Er tauchte den Docht ins Feuer, bis sich eine kleine Flamme bildete und legte ihn in die Rinne der Öllampe. Anschließend ging er zu seiner Werkbank hinüber, vorbei an einem großen Ofen samt Blasebalg, in dem im Moment kein Feuer glühte. Er zog einen Hocker heran und legte die Lampe auf dem Tisch ab.

Vor ihm lag die Windbüchse, in ihre Einzelteile zerlegt. Sikulus vermutete, dass die Fehlfunktion, welche ihm fast das Leben gekostet hätte, entweder im Luftbehälter des Kolbens oder im Verschluss zu finden war. Die Luftzufuhr zwischen beiden Bestandteilen war noch nicht ausgereift und verhinderte ein zuverlässiges Abgeben der Schüsse. Seiner Meinung nach durfte die Waffe eher ungenau sein oder eine langsame Feuerrate haben. Sie würde dennoch ihren Zweck erfüllen. Wenn jedoch etwas beim Schießmechanismus nicht funktioniert, dann war sie nutzlos. Schlimmer noch: Würde etwas beim Ausstoß der Pressluft schiefgehen, dann könnte ihm die Waffe in der Hand explodieren. Ganz so, wie die Dampfkanonen, wenn die Kessel der erhitzten Luft nicht mehr standhielten.

Er nahm den Luftbehälter und ein gekrümmtes Glas zur Hand, welches jedes Objekt vergrößerte, das man durch das Glas betrachtete. Besonders die Kontaktstelle zwischen dem Luftbehälter und dem Verschluss fasste er genauer ins Auge.

Doch nach einer gewissen Zeit musste er sich eingestehen, nichts finden zu können. Außerdem machte sich doch so langsam Müdigkeit in ihm breit. Er legte den Luftbehälter und das Vergrößerungsglas wieder hin, rieb sich die Augen und die Stirn. Sein Blick wanderte zu einem weiteren höchst interessanten Gegenstand, mit dem er allerdings noch weniger anfangen konnte: Die lange Fahrt des Narndak. Unglücklicherweise war das Werk in einer ihm fremden Sprache und Schrift verfasst. Zwar konnte er die Schrift als Kareolisch ausmachen, jedoch war er nicht imstande, sie zu lesen. Die merkwürdig verschlungenen Buchstabenreihen entzogen sich seinem Verständnis und verbargen dadurch, was der alte Narndak auf seinen Reisen gefunden hatte. Zum Glück war wenigstens der Titel übersetzt und Sikulus dankte demjenigen im Stillen.

Da lagen die Seiten nun neben ihm und dennoch war es ihm nicht erlaubt, etwas über den Aufenthaltsort des Atems der Palladaia zu erfahren. Dieser besondere Odem, mit dem die Göttin der Weisheit einst den Menschen Verstand eingehaucht haben soll. Und der sich im Besitz von Narndak befinden soll.

Sikulus stand auf, denn ihm war danach, beim Gehen nachzudenken. Er kannte Personen, die ihm eine Übersetzung anfertigen konnten. Möglicherweise müsste er noch nicht einmal etwas dafür bezahlen. Doch das wären wieder Wochen, wenn nicht Monate oder gar Jahre, die er damit verbringen müsste, immer noch nichts über den Verbleib des Atems der Palladaia zu erfahren. Und bis dahin könnte jemand herausfinden, was er damit vorhatte …

Es war zum Haareraufen! Wenn er doch nur bei den alten Sprachen so bewandert wär’ wie mit der Technik. Dann hätte er sich sogleich an die Arbeit gemacht und wäre das Werk durchgegangen. Doch so musste er es wahrscheinlich in fremde Hände übergeben. Es nutzte nichts. Gleich morgen würde er sich auf den Weg machen.

Während Sikulus diesen Beschluss gefasst hatte, blieb er vor einem mit einem Tuch verhangenen, mannsgroßen Gegenstand stehen. Er blickte sich in der Werkstatt um. Sie war verlassen, niemand versteckte sich in den dunklen Ecken und abgesehen vom leisen Knistern der Feuerstelle war nichts zu hören. Langsam zog er das Tuch herunter und der Automaton kam zum Vorschein. Sikulus strich mit seinen Händen über den bronzenen Oberkörper, über die Zahnräder und Gelenke, hin zum matt schimmernden Gesicht. Er stellte sich vor, wie in diese leeren, dunklen Augenhöhlen Verstandeslicht drang und die menschenähnliche Gestalt aus Metall und Getriebe zum Leben erwachte. Wenn der Automaton endlich von selbst sich bewegen, agieren und wirken könnte, wäre der nächste Schritt, ihm eine Stimme zu schenken. Denn da, wo Geist und Wille ist, da musste auch eine Sprache und eine Stimme sein, um Gedanken zu formulieren und anderen mitteilen zu können.

Sikulus zog das Tuch wieder über den Maschinenmenschen. Eines nach dem anderen, sagte er im Stillen zu sich selbst. Hatte ihm Palladaia nicht zu erklären versucht, einen Schritt nach dem anderen zu setzen? Erst musste jemand die Schriften übersetzen. Er sah ein, dass er in dieser Nacht nichts mehr zustande bringen würde und begab sich ins Bett.

 

*

 

Sikulus schlief länger, als er erwartet hatte, und verfluchte dafür sowohl den Wein als auch seinen nächtlichen Spaziergang. Gleich nachdem er aufgestanden war, machte er sich auf den Weg zum Tempel der Palladaia und hoffte, dort den Priester zu treffen.

Kein Fest wurde an diesem Tag gefeiert, kein Kult abgehalten, es gab keine besonderen Anlässe, welche die Leute zum Tempel strömen ließen. Die schwere, bronzene Tür stand offen unter dem dreieckigen Gebälk. Die Sonne, die zwischen Morgen und Mittag stand, schien direkt in das Gebäude hinein und erhellte die Statue der Palladaia.

»Polybion!«, rief Sikulus.

Der alte Priester drehte seinen Kopf zu ihm. Sein weißes Haar hing ihm nur noch an den Seiten, sodass die Sonne ihm auf das blanke Haupt schien. Seine Haltung war leicht gebückt, jedoch nicht in einem solchen Maß, dass es ihn bei seinem täglichen Tun behinderte. Mit dem Mantel und dem Unterkleid unterschied er sich nicht von den anderen Bewohnern der Stadt, nur an der Brosche des Mantels erkannte man ihn als einen Diener der Palladaia. Ein geflügeltes Pferd war darauf abgebildet.

»Sikulus, mein guter Freund. Was treibt dich in dieser Stunde zum Tempel?«

In der Tat war der alte Polybion einer der wenigen Bürger von Paraskion, den Sikulus als einen Freund bezeichnen würde. Der Priester besaß einen erstaunlichen Intellekt und eine Neugierde, welche der von Sikulus beinahe gleichkam. Auch wenn Polybion nicht so viel von der Mechanik und der Mathematik verstand wie Sikulus, so konnten sich die beiden doch stundenlang über Geschichte, Geographie, Medizin, die Natur- und Pflanzenwelt sowie die Götter unterhalten. In vielen Feldern war der Priester Sikulus sogar überlegen.

Das war der Grund, weswegen Sikulus ihn aufsuchte. Die beiden kamen aufeinander zu und schüttelten sich die Hände. Polybions Blick glitt sogleich zu dem Schriftenbündel in Sikulus Armen.

»Und was hast du mir da mitgebracht, wenn ich fragen darf?«

»Ich muss dir danken«, sprach Sikulus, hielt die Schrift jedoch noch immer unter Verschluss. »Dein Hinweis war das größte Geschenk, was du mir jemals hättest machen können. Sage mir, was ich Palladaia opfern oder dem Tempel stiften soll, und es wird geschehen.«

»Ah, du musst mir da weiterhelfen. Welchen Hinweis soll ich dir gegeben haben?«

Sikulus rückte ein Stück näher heran und schaute sich um. Es befanden sich kaum Menschen auf dem Platz und keine … anderen Dinge, die zu Nekarios gehörten. Was die anbelangte, war Sikulus am misstrauischsten.

»Können wir das drinnen besprechen?«, fragte Sikulus. »Bei geschlossenen Türen?«

Polybion runzelte die Stirn. »So bist du doch sonst nicht, aber wenn du das verlangst.«

»Ja, das wäre mir sehr genehm.«

Sie gingen in den kühlen, dunklen Tempel hinein. Lediglich aus einer Öffnung in der Decke drang Licht, nachdem Polybion die schwere Tür geschlossen hatte. Sikulus war das nicht genug, er ging die ganze Säulenhalle auf und ab, schaute in jede Ecke, hinter der Statue, bis er sich vergewissert hatte, dass sie alleine im Tempel waren.

»Also«, riss Polybion ihn aus den Gedanken. »Was regt dich so auf? Wozu die Heimlichtuerei?«

»Ich habe es gefunden! Hier!«

Sikulus drückte ihm die Seiten in die Hand. Der Priester hielt die Schrift nahe ans Gesicht. »Die Lange Fahrt des Narndak … Wo hast du das gefunden?«

»Du erinnerst dich wirklich nicht mehr? Du warst es, der mich darauf hingewiesen hatte, dass sich in der Bibliothek von Eukion eine Kopie dieser Schrift befinden sollte. Du hattest mir von einem Gelehrten berichtet, der selber dorthin gereist war und ein paar der seltenen Stücke genannt hatte. Zwar hätte ich auch ohne deinen Hinweis die Bibliothek besucht und bei der Belagerung gerettet, was ich retten könnte. Doch da du mich speziell auf diese Schrift aufmerksam gemacht hast, habe ich auch gezielt danach gesucht. Und da ist sie!«

»Wir wollten die Speerspitze schon lange mal mit Gold überziehen«, sprach Polybion, während er die Seiten umblätterte.

»Was?«

»Ich sollte dir doch sagen, was du dem Tempel stiften sollst. Blattgold für die Speerspitze wäre mein Vorschlag.«

»Ah, natürlich! Blattgold, sicherlich! Aber erst einmal …«

»Es ist in Kareolisch verfasst«, bemerkte Polybion. »Lass mich raten: Du verstehst kein Wort?«

»Weißt du, guter Polybion, eine der angenehmsten Aspekte unserer Freundschaft ist, dass wir sogleich zur Sache kommen. Ja, ich habe mich noch immer nicht mit dieser altertümlichen Sprache befasst. Wieso auch? Die meisten Werke sind übersetzt und keiner spricht sie mehr. Nun weißt du vielleicht auch, warum ich hier bin. Ich wollte dich nicht nur mit meiner Entdeckung überraschen. Ich brauche deine Hilfe bei der Übersetzung.«

»Was heißt hier Hilfe? Ich soll das bestimmt alles alleine übersetzen.« Polybion schüttelte mit dem Kopf. »Das wird eine Weile dauern, ich habe viel zu tun.«

»Soll ich noch etwas vergolden lassen?«, fragte Sikulus.

»Nein, ich werde auch meine Freude an der Übersetzung haben. Aber ich kann dir keine raschen Ergebnisse versprechen. Ist da etwas Spezielles, das dich interessiert?«

Wieder trat Sikulus näher, diesmal flüsterte er: »Der Atem der Palladaia.«

Polybion sah ihn mit weiten Augen an. »Das ist nur ein antiker Reisebericht von Narndak. Was hat er mit dem Atem der Palladaia zu tun?«

»Es heißt, Narndak war kein Mensch. Er war aus Lehm, Metall oder Stein geschaffen und der Atem hatte ihm, wie uns Menschen vor Tausenden von Jahren, mit Verstand und Sprache gesegnet. Und er soll einen Teil dieses Atems selber besitzen. Ich will diesen Atem. Daher interessiert mich vor allem, wo seine Reise endete, ob es Hinweise darauf gibt, ob der Atem noch existiert oder weitergegeben wurde.«

»Also am besten am Ende anfangen, oder? Was hast du damit vor? Ich wette, es wird eh früher oder später explodieren.«

»Nein, diesmal nicht. Denke ich. Jedenfalls wage ich es kaum auszusprechen, was ich mit diesem Atem geplant habe.« Nochmals suchte er den Raum ab. »Ich will künstliche Menschen erschaffen.«

Polybion trat einen Schritt zurück und bedachte seinen Freund mit langem Schweigen. Dann ging er zur Statue der Palladaia. Er legte die Schrift auf den Altar und schien lange in sich gesunken nachzudenken.

Schließlich fragte er: »Warum, bei allen Göttern?«

Sikulus wollte antworten, doch die Worte versagten ihm. Er musste sich die gleiche Frage stellen: Warum? Er hatte bisher mit niemandem darüber gesprochen, hatte dieses Vorhaben gänzlich geheim gehalten. So hatte er auch nicht die Gelegenheit gehabt, in Erklärungsnot zu geraten. Sich selbst war er bisher keiner Antwort schuldig gewesen. Wieso auch? Während er darüber nachdachte, fand er nichts Verwerfliches daran, konnte keine Gefahr ausmachen, welche vielleicht daraus entstehen würde. Ja, was spräche dagegen?

»Ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht machen sollte«, gestand Sikulus. »Würde ich damit jemanden schaden? Nehme ich jemanden etwas weg? Ist den Atem der Palladaia einem Ding einzuflößen etwa eine Gotteslästerung? Das solltest du mir am ehesten beantworten können. Hat die weise Göttin etwa ein Problem damit, wenn ich mithilfe ihres Atems einen künstlichen Menschen erschaffe?«

Polybion sah ihn erst an. »Ich werde sie fragen. Ich werde viel Zeit vor dieser Statue verbringen und darauf warten, dass ich eine Antwort bekomme.«

Sikulus zeigte auf die Speerspitze. »Hast du denn nicht weniger Zeit für die Übersetzung?«

»Vielleicht lasse ich auch die Übersetzung sein.«

»Ach komm schon, mein guter Freund, was stört dich denn daran? Ich bringe dir auch den Atem mit und du kannst damit machen, was du willst. Wir können ihn im Tempel aufbewahren und von überall strömen die Gläubigen herbei.« Sikulus faltete die Hände zusammen und blickte ehrfürchtig zur Statue hinauf. »Denk nur an die Einnahmen für die Stadt und den Tempel.«

»Glaubst du«, begann Polybion, »dass die Götter einverstanden damit sind, wenn wir einfach alles und jedem Leben einhauchen?«

»Das habe ich überhaupt nicht vor. Soweit ich verstanden habe, lässt sich der Atem nicht einfach in jedes beliebige Ding einhauchen. Es muss schon ein menschliches Antlitz haben. Ich weiß noch nicht einmal genau, wie dieses Einhauchen vonstattengehen soll. Alles, was ich erst einmal gerne hätte, wäre eine Übersetzung und ein paar Informationen über den Aufenthaltsort von Narndak oder von dem, was er uns hinterlassen hat. Bis dahin ist alles, worüber wir hier reden, reine Spekulation.«

»Und wieso dann diese Heimlichtuerei?«

»Ja, das …« Sein Blick ging hoch zur Öffnung in der Tempeldecke. Sikulus hätte schwören können, dass er etwas dort oben gesehen hatte. Vielleicht sprang auch nur ein Vogel auf dem Dach herum. Er sprach leise weiter: »Ich will nicht, dass Nekarios davon etwas erfährt.«

»Und wieso? Sage mir nicht, ich werde gerade in etwas hineingezogen, das sich als großer Fehler herausstellen könnte.«

Sikulus fuhr sich über das Gesicht, sein Blick wich dem von Polybion aus. »Weißt du, ich arbeite schon eine Weile an diesem Automaton. Dem König habe ich davon nichts berichtet und wäre sehr froh darüber, wenn er auch weiterhin nichts davon erfahren würde. Ein paar der Materialien und Gelder, die er mir für die Entwicklung seiner Waffen zur Verfügung gestellt hatte, die habe ich für meine eigene Forschung genutzt … Und wahrscheinlich wäre er nicht sehr erfreut darüber, wenn er das erführe.«

»Sikulus, du treibst ein gefährliches Spiel.«

»Es ist nicht nur das, mein Freund. Nekarios ist kein guter Herrscher.«

»Er bringt uns den Sieg über unsere Feinde.«

Und nun kamen sie zu einem Thema, dessen Sikulus eigentlich schon längst überdrüssig war. Polybion konnte man nicht unbedingt als Königstreu bezeichnen, es war keine blinde Loyalität, die ihn solche Worte sprechen ließ. Jedoch urteilte er öfters positiv über den König in Stiergestalt. Dabei zeigte er sich ganz als Pragmatiker und verwies in erster Linie auf die Erfolge der Stadt. Argumente, die Sikulus schlüssig fand, ihm aber zu kurz griffen.

»Nekarios ist ein Segen, wenn er seinen Hunger an feindlichen Städten stillt. Doch ist er ein Fluch für die Stadt. Bald wird es wieder so weit sein und er wird sich ein Opfer zur Jagd aussuchen. Wie jeden Monat wird die Urne an den Familien vorbeigehen, wie jeden Monat werden die Jungen und Mädchen eines gewissen Alters in den Topf greifen und das Los ziehen. Und eine Familie wird es treffen, sie wird über das verlorene Kind weinen.«

»Denkst du, ich weiß das nicht?«

»Wie viele hat er schon gefressen?«

Polybion verstummte.

»Ich habe es ausgerechnet. Er ist seit sechsundfünfzig Jahren und sechs Monaten unser König …«

»Sikulus.«

»Gehen wir davon aus, er fraß jeden Monat seit seiner Herrschaft ein Kind.«

»Es reicht.«

»Das macht dann sechshundertachtundsiebzig Kinder. Sechshundertachtundsiebzig Söhne und Töchter hat er sich bereits einverleibt. Diesen Monat nicht mit eingerechnet. Bald geht die Urne wieder um und wieder wird ein Kind in sein Labyrinth geworfen, damit er es jagen kann.«

Wieso sahen sie es nicht? Die Gier einer Bestie in den Augen des Königs. Er aß jeden Tag Unmengen an Fleisch vor allem, von Tieren, die sie ihm schlachteten. Doch verlangte es ihn auch nach der Jagd und nach dem Geschmack von Menschen. Das war sein Preis dafür, dass er sich dieser Stadt annahm, sie beschützte und zum Sieg führte.

»Polybion, ich will nicht, dass er einen der Automaten in die Finger bekommt. Denn ich weiß nicht, was er damit anstellen wird. Vielleicht zwingt er mich dazu, eine gewaltige Armee aufzubauen, mit der er das ganze Land und darüber hinaus mit Krieg überzieht. Oder er richtet sie gegen die eigene Bevölkerung, an der er sich jetzt schon gütlich tut. Verstehst du mich?«

So wie Polybion ihn anschaute, verstand er ihn sehr deutlich. »Dann solltest du die Suche nach dem Atem lieber bleiben lassen, wenn du dich so sehr davor fürchtest, wozu der König deine Erfindungen missbrauchen könnte.«

»Das tue ich schon«, gestand Sikulus. »Glaubst du, ich sah gerne dabei zu, wie die Dampfkanonen die Stadtmauer von Eukion zerschossen? Verstehe mich nicht falsch, ich genoss die Arbeit an diesen Wunderwerken, die uns der Heilige Somokles schenkte. Es kommt eben immer darauf an, wie man sie einsetzt. Wir können die Kraft des Dampfes und der Mechanik auch dazu verwenden, unsere Leben zu verbessern und uns vor Feinden zu schützen!«

Polybion lachte leise. »Seit wann bist du ein solcher Menschenfreund?«

Sikulus winkte ab. »Um ehrlich zu sein – aber behalte das für dich – eigentlich will ich nur jemanden, der mir die schwere körperliche Arbeit abnimmt, den ich aber dafür nicht bezahlen muss. Meine Güte … wir könnten damit die Sklaverei überflüssig machen!«

Polybion lachte lauter, schüttelte dann den Kopf. »Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Ich werde zuerst Palladaias Rat einholen. Schließlich geht es um ihren Atem.«

»Sicherlich, mach das nur.«

»Und einen Seher werde ich auch fragen, wenn sie mir nicht antworten sollte.«

»Gehst du da nicht etwas zu weit?«

»Es ist mir sehr ernst. Aber in meinen Händen sind Narndaks Aufzeichnungen gut aufgehoben, das kann ich dir versichern. Jedoch frage ich mich gerade, ob ich dir nicht ein Wörterbuch hätte schenken sollen. Nun bin ich ja doch ein Komplize geworden.«

 

*

 

Polybion schloss die Tür des Tempels hinter sich, als Sikulus nach draußen trat. Die Schriften von Narndak befanden sich nun in seinen Händen. Sikulus wusste, dass sie dort gut aufgehoben waren. Er würde sich nur etwas gedulden müssen und sich mit anderen Arbeiten beschäftigen. Mit dem guten Gefühl, diese wichtige Erledigung abgeschlossen zu haben, machte er sich auf den Weg in seine Werkstatt.

Da packte ihn eine haarige Hand an der Schulter. Eher die Klaue eines Tieres, welches sich die Gestalt eines Menschen zu geben versuchte. Sikulus drehte sich langsam herum, schaute den ebenfalls behaarten Arm hinauf bis zum Gesicht des Satyrn Basynthes. Basynthes’ Nase war eingedrückt, die Ohren lang gezogen und buschig wie die eines Esels. Aus seinem Kopf wuchsen ihm kleine Hörner heraus. Ein breites Grinsen erschien unter dem dichten, ungekämmten Bart.

»Sikulus«, sprach der Satyr und ging um ihn herum. »Mein Freund, was hat dich zu dieser Zeit zum Tempel verschlagen?«

Der Satyr trug, wie sonst auch immer, nichts außer sein dichtes, schwarzbraunes Fell. Sikulus brauchte nicht an ihm hinunterzuschauen, um dessen außergewöhnliches Glied zwischen den Beinen baumeln zu sehen. Er hatte es bereits gesehen, die ganze Stadt hatte es bereits gesehen. Der Satyr stellte es gerne zur Schau oder machte seine Späße damit. Die meisten Neulinge in der Stadt bemerkten es eher als den Eselsschwanz an seinem Hinterteil.

»Ihr wisst«, begann Sikulus und ermahnte sich im Stillen, seine Worte wohl zu wählen, »ich bin ein guter Freund von Polybion. Seit ich den König auf dem Feldzug begleitet habe, habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Ah, du achtest also die Freundschaft zu dem Priester. Wunderbar. Nun, daran ist natürlich nichts Verwerfliches, wieso sollte es auch?«

Basynthes ging ein paar Schritte von ihm weg. Sikulus hörte dessen Hufe auf dem Boden klappern und wurde sich wieder mal bewusst, dass dies die Stadt der halben Bestien war. Nekarios und die Harpyien waren nicht die einzigen Mischwesen in Paraskion. Der Satyr glich nur von der Hüfte aufwärts einem Menschen, sein Unterleib war wie der eines Paarhufers geformt. Und dann wären da noch die Eselsohren und die Hörner. Ähnlich wie Nekarios war der Satyr kein Dummkopf, im Gegenteil, das Mischwesen besaß einen scharfen Verstand, welchen den von Nekarios weit übertraf.

Welch Unglück für die Stadt, dass Basynthes der Berater und engste Vertraute des Königs war.

»Wieso hattet ihr eure Unterhaltung dann nicht draußen fortgeführt? Es ist ein angenehmer Morgen. Ich sehe keinen Grund dazu, sich so heimlich zurückzuziehen und die schweren Tempeltüren hinter sich zu verschließen.«

Sikulus dämmerte es: Der Satyr hatte gelauscht. Vermutlich vom Dach aus. Die Frage, wie Basynthes dort hoch und so schnell wieder herunterkam, brauchte er sich gar nicht zu stellen. Basynthes war dafür berüchtigt, über die Dächer der Stadt zu springen und ungefragt irgendwo aufzutauchen. Manchmal noch mit weiteren Satyrn im Schlepptau.

»Manchmal«, sprach Sikulus, »wünscht man sich dennoch, ungestört zu sein.«

Basynthes nickte und machte ein freundliches Gesicht. Sikulus jedoch wusste, dass der Satyr ihm kein Wort glaubte.

»Aber bist du, mein lieber Freund Sikulus, nicht mit etwas unter dem Arm in den Tempel getreten? Ich sehe, du hast es nicht mehr bei dir.« Der Satyr trat wieder näher und schlang seinen beharrten Arm um Sikulus’ Schulter.

Am liebsten hätte er sich aus diesem Griff befreit; er konnte es nicht leiden, wie Basynthes immer so körperlich wurde, alle anfassen musste, seinen eigenen Körper an anderen rieb und der Geruch erst. Zum Glück war das Mischwesen nüchtern …

Sikulus schalt sich innerlich. Er musste sich auf seine Worte konzentrieren. Doch nun war zu viel Zeit verstrichen, in der er nichts geantwortet hatte. Das machte ihn nur verdächtiger.

»Da hast du recht, ich kam nicht nur vorbei, um Polybion zu grüßen. Ich hatte ihn ein Schriftstück mitgebracht, welches ich in der Bibliothek von Eukion ergattert hatte.«

»Ah, richtig! Der König hatte davon berichtet, wie er dich in der Bibliothek fand. Du hattest eine der Harpyien getötet, nicht wahr? So war das doch. Keiner nimmt dir das übel. Es gibt so viele von ihnen und manchmal lässt der Hunger sie grässliche Dinge tun.«

Und was dich der Suff tun lässt …

»Jedenfalls«, sprach Sikulus weiter, »fand ich dort eine Schriftrolle, dessen Titel mein Interesse weckte. Jedoch musste ich später feststellen, dass das Werk in Kareolisch verfasst war. Eine Schrift und Sprache, derer ich nicht mächtig bin. Der gute Polybion jedoch wird sie für mich übersetzen.«

»Und was war das, wenn ich fragen darf?«

Wieso eigentlich nicht? Sikulus konnte sich nicht vorstellen, dass der Titel dem Satyr etwas sagen würde.

»Die lange Fahrt des Narndak.«

»Aha«, gab Basynthes von sich und ließ ihn los. Lange bedachte der Satyr ihn mit einem nachdenklichen Blick. »Entschuldige meine Aufdringlichkeit. Aber du musst wissen, dass du dieser Stadt und dem König sehr wichtig bist. Dein Wissen ist ausschlaggebend für den Erfolg von Paraskion.«

»Danke, das ist sehr freundlich.«

»Daher ist es weder in meinem noch im Interesse des Königs oder dem von Paraskion, wenn du heimlich an etwas forschst, das der Stadt schaden könnte.«

»Das ist gewiss nicht meine Absicht.« Das entsprach der Wahrheit, dennoch wünschte sich Sikulus, der Satyr würde seine Nervenstärke nicht länger auf die Probe stellen. »Zu keinem Zeitpunkt habe ich daran gedacht, diese Stadt zu hintergehen.«

Basynthes’ behaartes Gesicht kam näher. Leise sprach er: »Was gab es dann zu tuscheln? Meine Eselsohren hatten nicht alles mitbekommen. Doch eines vernahmen sie trotzdem: Dir ist nicht daran gelegen, dass Nekarios etwas von deinen Forschungen erfährt. Also … worum geht es?«

Sikulus bewahrte Stillschweigen. Basynthes’ Griff wurde fester, schon schmerzhaft.

»Mein Guter, hättest du es lieber, wenn ich mir den alten Polybion vornehmen würde? Nur ungern würde ich dir ein Leid antun müssen. Deine Hände sind wichtige Werkzeuge für uns alle. Und dein Kopf erdenkt all diese siegbringenden Erfindungen, wie die tosenden Dampfkanonen. Aber dieser Priester …« Basynthes blickte zur bronzenen Tempeltür hinüber. »Wir könnten einfach einen neuen bestimmen.«

»Nein«, sprach Sikulus mit schwacher Stimme. Dann entschlossener: »Nein! Lass Polybion aus dem Spiel! Ich habe ihn nur um eine Übersetzung gebeten.«

»Gut, gut, behalten wir den Priester. Also, was gab es da zu tuscheln? Willst du es mir gleich hier verraten? Oder soll ich ein paar meiner Freunde holen und wir durchsuchen deine Werkstatt? Wer weiß, was wir da finden könnten.«

Der Automaton!, dachte Sikulus. Er stand noch mitten in der Werkstatt, zwar von einem Tuch verhüllt, aber leicht zu finden, wenn man wirklich nach etwas suchte. Wenn die Satyrn ihn finden würden, käme er vielleicht in Erklärungsnot.

»Wir können auch zum König gehen«, schlug Basynthes vor, »wenn du es mir nicht hier verraten möchtest.«

»Ja!«, erwiderte Sikulus. »Ich erkläre mich lieber dem König.«

Der Satyr hob eine seiner buschigen Augenbrauen. »Wenn du das für richtig hältst.«

Das gab Sikulus wenigstens Zeit zum Nachdenken.

 

*

 

Ihm fiel nicht wirklich etwas ein. Während er und Basynthes sich vom Tempel entfernten und sich zum Palast von Nekarios begaben, dachte Sikulus angestrengt darüber nach, was er dem Stiermenschen sagen könnte. Der Palast befand sich nicht weit vom Tempel entfernt, am Hang des Berges, über dessen Gipfel am Mittag die Sonne stieg. Die meiste Zeit schwiegen er und der Satyr. Basynthes richtete immer wieder ein Wort an ihn und versuchte ein Gespräch anzuzetteln. Wahrscheinlich vermutete er, was in Sikulus vor sich ging und wollte ihn ablenken. Sikulus jedoch antwortete nur knapp und ließ sich von den Worten des beredten Satyrs nicht ablenken. So blieb Basynthes nichts weiter übrig, als ein paar der vorbeikommenden Stadtbewohner zu belästigen, die lediglich ihrem Tagesgeschäften nachgehen wollten.

Doch Sikulus wollte einfach nichts einfallen. Ihm, der sonst so viel auf seinen wachen Verstand hielt. Egal, was ihm in den Sinn kam, welche Ausflüchte er auch versuchen könnte, alles ging wieder zurück auf Polybion. Der besaß nun die Schrift von Narndak, jederzeit könnten sie zu dem alten Priester gehen und ihn danach fragen, was die beiden im Tempel besprochen hatten. Jetzt verfluchte sich Sikulus dafür, die Schrift so einfach aus den Händen gegeben zu haben. Andernfalls könnte er einfach eine Lügengeschichte erdichten und somit von seinem wahren Vorhaben ablenken. Gesetzt den Fall, dass weder der Stiermensch noch der Satyr diese alte Sprache beherrschten, jedoch konnte man sich nie sicher sein …

»Mein Freund«, riss ihn Basynthes aus den Gedanken und zeigte auf ein riesiges Bronzetor. Beide Torflügel besaßen einen gegossenen Stierkopf, welche direkt auf die Besucher herunterstarrten. Das ganze Anwesen war von einer hohen Steinmauer umgeben. Sie verbarg den Blick auf das Gelände dahinter, nur der hohe Palast von Nekarios ragte darüber hervor. Sikulus standen die Haare zu Berge; er hörte Flügelschläge. Sofort erkannte er dieses Geräusch, es rief furchtbare Erinnerungen an seine Begegnung in der Bibliothek von Eukion wach. Die Harpyien verweilten gerne in Nekarios’ Garten.

Eine der Harpyien landete auf der Mauer. Sie beugte ihren Körper zu ihnen herunter und schaute sie mit beunruhigender Neugierde an. Nein, ihm schien so, als würde sich das Mischwesen nur auf ihn konzentrieren.

Es weiß doch nicht, dass ich eine ihrer Schwestern umgebracht habe, oder?

Die Harpyie reckte ihren gefiederten Hals in die Luft und stieß einen hohen Schrei aus. Dann schlug sie mit den Flügeln, schwang sich in die Lüfte und kreiste über ihren Köpfen. Sikulus sah die scharfen Klauen aufblitzen, als er sich erschrocken wegduckte.

Basynthes rührte sich nicht, sondern betrachtete ihn nur mit einem belustigten Grinsen. Der Satyr trat an das metallene Tor und nahm den Ring des Türklopfers, der sich im Maul eines – wie könnte es anders sein – Stierkopfes auf Brusthöhe befand. Das Metall schepperte und wurde mit mehreren Harpyienschreien beantwortet. Es musste sich eine ganze Schar in dem Garten aufgehalten haben.

Basynthes trat wieder an Sikulus’ Seite und wartete mit verschränkten Armen.

»Na«, sagte der Satyr plötzlich, »schon sorgfältig die Worte zurechtgelegt? Du weißt, der König ist kein Dummkopf und keine wilde Bestie. Du kannst vernünftig mit ihm reden.«

»Vernünftig? Ja, gewiss. Das kann ich am besten.« Dabei war sich Sikulus bewusst, dass er alles andere als sicher klang.

Knarzend öffnete sich eine der beiden Torflügel und ein Satyrgesicht erschien dahinter. Die gleichen kleinen Hörner, der gleiche fellartige Bart und die anderen tierischen Merkmale. Basynthes war als Berater des Königs, der sich gerne in die Angelegenheiten der Leute einmischte, in der ganzen Stadt bekannt. Allerdings wusste jeder, dass sich an Nekarios’ Hof auch andere dieser Kreaturen aufhielten. Ihre genaue Zahl war unbekannt, möglicherweise handelte es sich nicht um eine feste Gruppe. Stattdessen kamen und gingen die Kreaturen vielleicht, wie es ihnen beliebte. Ähnlich verhielt es sich bei den Harpyien. Niemand wusste so recht, woher sie eigentlich kamen. Sie waren einfach da, seitdem Nekarios über sie als König herrschte.

»Darf der König im Moment gestört werden?«, fragte Basynthes.

»Er ist gerade erst bei seinem zweiten Fass«, sagte der Satyr. »Nicht zu nüchtern, um schlecht gelaunt zu sein, nicht zu betrunken, um gefährlich zu werden.«

Das Lächeln, welches der Satyr an Sikulus richtete, gefiel ihm überhaupt nicht.

»Wunderbar«, schloss Basynthes. »Dann lass uns eintreten.«

Basynthes trat vor und zog Sikulus gleich mit sich. Als sich hinter ihm die Tür lautstark schloss, spürte er, wie ihm das Blut in den Adern stockte.

Der Palast des Stiermenschen war aus Marmorblöcken gehauen. Der Dachgiebelschmuck über dem Säuleneingang zeigte in einer Reihe die Heldentaten des Königs, etwa wie er mit seinem Streitwagen über eine feindliche Armee herfiel. Oder im Zweikampf mit seiner Axt. Allesamt vor Rot strotzende, blutige Szenen.

Basynthes schubste ihn in Richtung Eingang. Der Hof im Inneren war beinahe breit genug, um Wagenrennen zu veranstalten. Tatsächlich bestand der Großteil des Palastes nur aus dem Peristyl ohne weitere Räume oder Hallen. Der König hatte kaum einen Nutzen für übliche Behausungen und seine einzigen Gäste waren die Satyrn und Harpyien, welche es vorzogen, im Freien zu schlafen. Die Harpyien hielten sich lieber in den Wipfeln der Bäume auf und die Satyrn schliefen gerne im Schatten der Blätter während der Mittagshitze. Auch der König zog es angeblich vor, auf dem Boden zu nächtigen.

In diesem Moment fragte sich Sikulus, ob dieses Gebäude nichts weiter war als eine Fassade an Menschlichkeit. Lediglich ein Dekorum an Zivilisiertheit.

Die Natur drang in der Form von Ranken in den Palast ein, Bäume wuchsen ungehindert im Hof. Sikulus konnte den König nicht am anderen Ende des rechteckigen Peristyls sehen, doch glaubte er ihn zu hören. Laute Schluckgeräusche, begleitet von Lachern. Dann zuckte Sikulus zusammen; Keramik splitterte, ein sicheres Zeichen dafür, dass der König einen weiteren Krug Wein geleert hatte und ihn auf den Boden schmiss.

»Begib dich schon mal zum König«, meinte Basynthes, »aber lass dir Zeit. Nur wandere nicht durch den Garten außerhalb des Palastes.«

»Ich weiß darüber Bescheid.«

»Natürlich«, sprach der Satyr mit einem Lächeln. »Dann werde ich dem König mal die Situation erklären.«

Damit sprang Basynthes los. Mit einigen beeindruckenden Sätzen war er bald aus seinem Blickfeld verschwunden.

Sikulus atmete tief durch. Es half nichts, nun war er hier. Kurz kam ihm der Gedanke, einfach davonzurennen, aus dem Garten zu verschwinden und sich dem Verhör zu entziehen. Doch sogleich wurde ihm bewusst, welch törichtes Unterfangen das doch war. Sollte er auch noch aus der Stadt fliehen und seine Werkstatt zurücklassen?

Sikulus begab sich zum anderen Ende des Hofes. Nekarios saß dort auf einem aus Stein gemeißelten Thron. Um den König lagen die Scherben zerbrochener Weinkrüge, süßlich riechende, rötliche Pfützen und besoffene Satyrn. Viele von ihnen schliefen oder dösten, mit Weinkrügen in den Armen. Andere stolperten über das Gras und lachten, als sie Sikulus nahen sahen. Sie stupsten sich gegenseitig an, um den wachen Satyrn sein Kommen zu melden und tranken daraufhin aus vollen Zügen ihren Wein.

Nekarios neigte seinen Körper zu Basynthes und legte die Stirn in Falten, während der Satyr ihm etwas ins Ohr flüsterte. Dann griff er sich einen weiteren Krug. Für das leibliche Wohl war ebenfalls gesorgt: Hinter dem Thron lag eine Kuh – wahrscheinlich bereits tot – und wartete nur darauf, heute noch gebraten zu werden. Sikulus ging einfach davon aus, dass der König und die Satyrn das Tier nicht roh essen würden. So ganz sicher konnte er sich aber nicht sein, denn der König lud keine menschlichen Gäste zu seinen Festessen ein.

Sikulus wartete und der Satyr flüsterte weiter. Es beunruhigte ihn, wie viel der Satyr Nekarios zu erzählen hatte. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Die Stirnfalten vertieften sich, je länger der ihm zuhörte.

»Narndak also«, sprach da der König mit seiner unmenschlich tiefen Stimme. Nekarios erhob sich und baute sich zu seiner Riesengestalt vor Sikulus auf. »Ich weiß zwar nicht, wer das sein soll, doch gefällt mir diese Geheimniskrämerei gar nicht. Wieso erzählst du uns nicht etwas über diesen Narndak und was du mit dieser Schrift vorhast?«

»Noch gar nichts«, antwortete Sikulus. Leider überschlug sich seine Stimme und machte jeden Versuch, gefasst zu wirken, zunichte. »Schließlich weiß ich ja noch nicht, was darin steht.«

»Wieso ist dieses Werk dann so wichtig für dich?«

»Es geht nicht darum, wie wichtig dieses Werk ist«, begann er. »Dort drinnen soll … etwas über eine Erfindung stehen, die ich nachbauen will.«

Stimmte das nicht, mehr oder weniger? Nun, die Erfindung selber befand sich bereits in seiner Werkstatt, aber sie brauchte noch den Atem der Palladaia, um wirklich zu funktionieren. Sikulus versuchte sich eine Geschichte auszudenken, die er sich biegen und wenden konnte, wie er wollte, sollte sein wahres Vorhaben irgendwann zutage kommen.

»Das ist doch kein Grund, irgendetwas zu verheimlichen. Du weißt, ich bin für neue Erfindungen immer offen. Worum soll es sich handeln?«

»Nun, es wird Euch vielleicht nicht gefallen. Es hat nichts mit dem Kriegshandwerk zu tun.«

Nekarios machte eine wegwischende Bewegung. »Jeder Fortschritt hilft. Es wird bestimmt etwas Nützliches sein, sonst würde es dich nicht interessieren.«

»Ich … wollte mir einen Helfer für die Werkstatt bauen.«

Der Stiermensch und der Satyr schauten sich gegenseitig. »Einen Helfer? Bauen?«, fragte Nekarios.

»Ja. Eine Maschine, die mir in der Werkstatt hilft. In der Schrift von Narndak soll möglicherweise von so einer Maschine die Rede sein. Der gute Polybion muss sie allerdings erst für mich übersetzen.«

»Und was ist daran so schlimm, dass du es ganz heimlich mit Polybion besprechen musst und auch nicht Basynthes erklären konntest?«

Sikulus breitete die Arme aus. »Ich befürchtete, die Menschen würden Angst vor diesem mechanischen Helfer bekommen. Am liebsten hätte ich ihn geheim gehalten. Sonst halten sie mich vielleicht noch für einen Zauberer, der eine Maschine mit Dämonen zum Leben erweckt hat.«

Nekarios fasste sich mit der behaarten Hand an die Stierschnauze und schaute prüfend auf Sikulus.

Der sprach unterdessen weiter: »Da ich allerdings nicht wusste, ob wirklich in Narndaks Schrift von so einer Maschine etwas geschrieben steht und ob ich überhaupt in der Lage sein würde, sie zu konstruieren, habe ich Euch vorerst lieber nicht damit belästigt. Wie Ihr sehen könnt, ist das alles nur ein Missverständnis.«

Nekarios schnaufte, verschränkte die Arme und schloss die Augen. So beliebte er nachzudenken und Entscheidungen zu fällen.

»Ich denke«, sprach Basynthes, »er spricht die Wahrheit. So eine Maschine würde die Menschen wahrscheinlich verunsichern. Ich habe ihn in eine missliche Lage gebracht. Es war mein Fehler.«

Basynthes wandte sich mit einem Lächeln an Sikulus. Möglicherweise wollte der Satyr freundlich wirken, ihm kam das Lächeln dennoch dreckig vor.

»Gut«, sagte Nekarios und löste seine Haltung. Er trat näher an Sikulus heran. Seine gewaltige Pranke fasste ihn an die Schulter und drückte ihn beinahe zu Boden. »Aber gib mir Bescheid, wenn du Erfolg hast. Mich interessiert jeder deiner Fortschritte.«

Das wusste Sikulus nur zu gut. »Darf ich dann gehen? Ich habe noch viel Arbeit vor mir.«

Nekarios lachte auf. »Natürlich. Basynthes, führe ihn hinaus.«

Auch wenn es Sikulus noch gerade so geschafft hatte, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, gefiel es ihm dennoch nicht, dass der König von der Schrift wusste. Seine Arbeit geheim zu halten, würde ihm jetzt nur noch schwerer fallen.

 

 

Kapitel 5 – Automaton

 

»Wieso Sikulus?«, fragte Theomedes schließlich.

Ephianessa drehte sich zu ihm herum und lächelte ihn wissend an. Sie musste erwartet haben, dass er ihr früher oder später diese Frage stellte. Vor allem, da sie zumeist schweigend die Stadt verlassen und in die umliegenden Hügel gezogen waren. Als Kinder hatten sie sich öfters hierher zurückgezogen und die Umgebung erkundet. Ihr Forscherdrang hatte seinem in Nichts nachgestanden.

»Das beschäftigt dich schon eine Weile«, sprach sie und stellte sich unter den knorrigen Stamm eines Olivenbaumes. »Hast du schon mit unseren Eltern darüber gesprochen?«

»Ein guter Sohn stellt die Entscheidungen seiner Eltern nicht infrage.«

Das Lächeln nahm spöttische Züge an. »Na dann ist ja alles geklärt, oder nicht?«

»Aber ich kann dich infrage stellen. Oder hattest du an dieser Entscheidung keinen Anteil? Wurde diese Heirat über deinen Kopf hinweg entschieden, während ich nicht da war? Jedoch war Sikulus auch auf dem Feldzug, also müssen die Verhandlungen schon vorher begonnen haben …«

»Schon eine Weile, ja. Du hättest viel mehr Zeit zu Hause verbringen sollen.«

»Also, war es deine Entscheidung oder die unserer Eltern?«

»Hilfst du mir hoch?«

Theomedes bildete eine Trittleiter mit den Händen und verhalf seiner Schwester auf einen der oberen Äste. Sie suchte Halt, setzte sich und begann damit, die Oliven zu pflücken. Nacheinander fielen die reifen, schwarz-purpurnen Früchte zu Theomedes herunter, der sich bückte und sie in einen Korb sammelte.

»Beides, könnte man sagen«, antwortete sie schließlich. »Glaube ja nicht, dass wir uns diese Entscheidung leicht gemacht haben. Ich habe viele Interessenten, musst du wissen.«

Da lag eine Spur von Stolz in der Art, wie sie diese Worte flötete. Seine kleine Schwester war zur Frau gereift, an diesen Gedanken musste er sich gewöhnen. Bald würde sie in dem Haus eines anderen leben, die Ehefrau eines anderen Mannes sein, ihm Kinder gebären … Für ihn schwer vorstellbar.

»Kam er zu unseren Eltern? War es Sikulus, der diese Heirat vorgeschlagen hatte?«

»Oh nein, ganz und gar nicht. Er zeigte sich sogar überrascht, hatte man mir erzählt. Ich war nicht dabei.«

Sie schaute sich eine der Oliven genauer an. Die Frucht bestand nicht den Test; Ephianessa schmiss sie weit weg, außerhalb Theomedes’ Reichweite.

»Sikulus hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht, sich eine Frau zu nehmen. Sein Herz gehört der Werkstatt, seinen Erfindungen und Schriften. Und daran werde ich wahrscheinlich nichts ändern.«

»Was uns zu meiner eigentlichen Frage zurückführt: Warum er?«

»Warum nicht? Warum denkst du schlecht von ihm? Egal was die Leute über ihn denken oder reden, er ist einer der angesehensten Bürger der Stadt, kaum einer in Paraskion steht so hoch in der Gunst des Königs. Er ist reich, die Leute vergessen es nur immer wieder, weil er es nicht zur Schau stellt. Sein Vater war ein berühmter Architekt und hat unter anderem den Tempel, das Versammlungshaus …«

»Und das Labyrinth«, warf Theomedes ein.

»Ja, das hat sein Vater auch entworfen. Sikulus besäuft sich nicht, er redet nicht schlecht über andere, macht sich keine Feinde. Was ist so falsch an ihm?«

»Er ist ein Wirrkopf und Schwächling und ihm wird seine Werkstatt um die Ohren fliegen, bevor ihr ein Kind haben werdet.«

Ihr Lachen klang aufrichtig, als schreckte sie der Gedanke nicht mal. »Er hatte unserer Mutter bereits versprochen, dass er die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen würde. Und für einen Schwätzer halte ich ihn nicht. Sage mir, lieber Bruder, da du so ein vortrefflicher Kuppler bist: Wen würdest du an seiner Statt vorschlagen?«

»Wie wäre es mit einem der Söhne von Demetros?«

Der alte General hatte mehrere Söhne im heiratsfähigen Alter. Mit einigen war Theomedes wohlbekannt, vielleicht sogar befreundet. Sie alle erschienen ihm eine bessere Wahl als der Tüftler von Paraskion.

Ephianessa seufzte. »Politik.«

»Wie bitte?«

»Demetros ist ein Kriegstreiber, genau wie der König. Unser Vater wollte lieber, dass wir Verbindungen zu Häusern eingehen, die nicht so scharf auf jeden neuen Feldzug sind. Letztlich ist es noch immer der Rat, welcher einer Kriegserklärung zustimmen muss.«

»Aber Sikulus baut für den König all diese Waffen.«

Ephianessa fasste einen Ast und schwang sich auf die andere Seite des Baumes. Wie es aussah, war diese Stelle bereits zur Genüge gepflückt worden.

»Und Sikulus ist nicht gerade glücklich darüber. Er ist viel vernünftiger, als du denkst. Er glaubt, die Stadt würde sich zu viele Feinde machen. Unser Vater und er sind sich in vielen Belangen einig. Hast du nie gemerkt, wie Vater immer das Gespräch mit ihm sucht? Deine Verachtung für Sikulus schärft dir nicht gerade den Blick.«

Theomedes brütete vor sich hin. Minutenlang sammelte er schweigend die herunterfallenden Oliven auf und dachte darüber nach, wer sonst infrage käme. Er ging einen heiratsfähigen Mann oder Burschen nach dem anderen durch, musste sich allerdings bald eingestehen, dass er von diesem Handwerk, einen passenden Ehepartner auszuwählen, nichts verstand. Schließlich musste er all seine Überlegungen verwerfen und sich widerwillig eingestehen, dass dieser Sikulus möglicherweise keine so schlechte Wahl war.

Eine Olive traf ihn am Kopf und riss ihn unsanft aus den Gedanken.

»Ich habe dich etwas gefragt«, sagte Ephianessa vom Baum herunter.

»Entschuldige, ich hatte nicht zugehört. Was war es?«

»Wie sieht es bei dir aus?«

»Bei mir? Was meinst du?«

»Wie hieß sie? Danaea? Hast du dich bereits ihren Eltern vorgestellt?«

Theomedes schüttelte den Kopf. »Glaubst du, es wird Zeit dafür?«

»Vielleicht. Weißt du eigentlich, dass auch auf dich viele heiratswillige Mädchen warten?«

»Versuchst du mir zu schmeicheln?« Das wäre ihm eigentlich nur ganz recht, musste er sich eingestehen. Welcher Mann hörte nicht gerne, bei den Frauen beliebt zu sein?

»Wenn ich dich gefragt habe, woher du diese Danaea überhaupt kennst, bist du mir immer ausgewichen. Jetzt habe ich dir schon so viel verraten. Also, wie fing das überhaupt an?«

Sie war einfach irgendwann da.

»Ich weiß es nicht mehr. Wir mussten uns vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet sein.«

Auf dem Markt? Oder war es auf dem Weg zum Tempel?

Sie blickte ihn nur von oben herab an und schwieg. Schließlich sprach sie: »Hilfst du mir hinunter?«

 

*

 

Auf dem Rückweg hatten sie zu anderen Gesprächsthemen gewechselt. Zumeist redete Ephianessa über Belanglosigkeiten, welche sich während seiner Abwesenheit ereignet hatten. Theomedes antwortete knapp und dachte darüber nach, dass seine geliebte Schwester bald das Haus der Eltern verlassen würde. Wie leer es ihm erscheinen, wie sehr ihm ihre Anwesenheit fehlen würde. Da erschien der Gedanke, sich selber zu verheiraten und einen eigenen Hausstand zu gründen, wesentlich tröstlicher.

Ephianessa hielt ihm die Tür auf und Theomedes trat mit dem Korb in den Händen ein. Sie wollten sich zum Wohnbereich begeben, als sie ihr Diener Dolethos aufhielt. »Wenn Ihr den Korb abstellen würdet«, sprach Dolethos an Theomedes gerichtet, »Ihr und der Herr Vater werden bereits erwartet.«

Theomedes platzierte die Oliven auf dem Boden. »Ach ja? Wo gehen wir denn hin?«

Da erschien Menenias und warf sich einen Mantel um. »Zum Haus von Sikulus. Er hat uns beide eingeladen, das Essen bei ihm einzunehmen und sich eine Weile zu unterhalten. Ich möchte, dass du mitkommst.« Sein Vater trat näher. »Und schlage dir jegliche Einwände aus. Mir ist bekannt, wie wenig dir an Sikulus liegt. Also, willst du dich noch waschen und umkleiden oder kommst du gleich mit?«

Seine Schwester grinste ihn keck an: »Was hast du kürzlich gesagt? Ein guter Sohn stellt die Entscheidungen seiner Eltern nicht infrage?«

Darauf wollte ihm auch nichts einfallen, Theomedes gab sich geschlagen. »Ich werde mich umziehen. Gib mir ein paar Minuten, Vater.«

Das Anwesen des Tüftlers lag nicht weit von seinem Elternhaus entfernt, ganz am Rande der Stadt. Man entschied sich dagegen, die Werkstatt inmitten von Paraskion zu errichten. Das war der Sicherheit der Bewohner geschuldet. Wie Theomedes hörte, kam dieser Vorschlag von Sikulus selbst, was er dem Wirrkopf zugutehalten musste.

Dessen Anwesen erkannten sie schnell an dem Zirkel und der Schriftrolle, welche die Außenmauer zierten. Sie wiesen dieses Gebäude als die Wohn- und Arbeitsstätte eines Anhängers des Heiligen Somokles aus, des vergöttlichten Mathematikers und Erfinders. Nach dem Zeichen hätten sie eigentlich nicht suchen müssen, es reichte lediglich, dem Lärm der schlagenden Hämmer zu folgen. Auf dem Hof herrschte reger Betrieb: Ein Dutzend Männer arbeitete an den Dampfkanonen, wobei es zumeist darum ging, die bronzenen Kessel herzustellen und in die richtige Form zu bringen.

Auch wenn die Kessel der Dampfkanonen gerade nicht brannten, missfiel es Theomedes, über den Hof zu treten und sich zwischen all diesen Geschoss und Lärm schleudernden Schlünden aufzuhalten.

Menenias schien seine Gedanken erraten zu haben und bedachte ihn mit einer erhobenen Augenbraue. »Lassen wir Sikulus nicht warten«, sprach er und trat in den Hof.

»Gewiss«, erwiderte Theomedes und folgte ihm widerwillig.

Keiner der Arbeiter schien sie zu beachten oder aufhalten zu wollen. Vielleicht war es gang und gäbe, dass Besucher kamen und gingen. Schließlich standen sie vor der Tür der Werkstatt. Daneben befand sich ein kleiner Altar des Somokles in die Wand eingelassen: Der vergöttlichte Erfinder stand aufrecht in der Nische, Zirkel und Schriftrolle in der Hand.

Menenias klopfte an die Tür. »Herein!«, rief Sikulus aus der Werkstatt heraus.

Innen war es stickig und dunkel, selbst am helllichten Tag. Überall standen Kanister, metallene Gefäße und unterschiedlichste Gerätschaften herum. Zahnräder drehten sich, angetrieben von einer für Theomedes unsichtbaren Kraft. Andere Apparaturen stießen, ohne einen für ihn ersichtlichen Grund, Dampf aus oder bliesen ihn in andere Geräte und brachten damit Kurbeln und Kolben in Bewegung. Überall hingen Schläuche aus Tierhaut, sogar von der Decke herab, und gaben ein unheilvolles Zischen von sich. Aus anderen tropfte es heraus. Theomedes fühlte sich bei diesem Anblick erschlagen. All diese Maschinen bewegten, bliesen, drehten, kurbelten und trieben ohne ersichtlichen Sinn irgendetwas oder nichts an. Für ihn war es das reinste Chaos.

Zwei Personen befanden sich in der Werkstatt: Die eine war Sikulus, welcher sich von seiner Werkbank erhob und sicher über Schläuche und Röhren sprang wie ein Fuchs, der sich durch ein ihm wohlbekanntes Unterholz schlug. Die andere Person befand sich weit hinten in der Werkstatt. Theomedes konnte sie nur schwach erkennen, doch schien sie den Blasebalg eines Ofens zu betätigen.

»Es freut mich, dass Ihr so kurzfristig erscheinen konntet.« Sikulus schüttelte abwechselnd Menenias und dann Theomedes die Hand. Sogleich zog er sie zurück, zu spät bemerkte er den Ölfilm zwischen seinen Fingern. »Entschuldigt, ich reiche Euch ein Handtuch.«

Nun war es an Theomedes, seinen Vater mit einer erhobenen Augenbraue anzuschauen, was dieser wortlos hinnahm.

Sikulus kehrte mit einem Stück Stoff aus den Eingeweiden seiner Werkstatt zurück und überreichte es Menenias.

»Ich muss schon sagen«, begann dieser, während er sich die Hand abwischte, »Ihr habt mich überrascht, als Ihr uns so unvermittelt eingeladen hattet. Das ist sonst nicht Eure Art. Gibt es dafür einen besonderen Grund?«

Das Handtuch wechselte zu Theomedes.

»Ja, dafür gibt es tatsächlich einen Grund, aber lasst uns nichts übereilen. Zuerst möchte ich Euch beiden etwas zeigen. Nicht unbedingt eine meiner neuesten Erfindungen, eher die Verbesserung und Weiterentwicklung eines Projektes, an dem ich schon länger arbeite. Wenn Ihr mich bitte zum Außengelände begleiten würdet.«

Sikulus huschte wieder durch das Dickicht seiner Werkstatt. Nun war es an Menenias und Theomedes, ihre Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen. Behutsam traten sie durch das Gestrüpp aus Metall, Dampf und Schläuchen aus Tierhaut. Vorsichtig tasteten sie sich vor, vorbei an den klickenden und zischen Maschinen und den Dämpfen, welche sie beständig ausstießen. Am anderen Ende der Werkstatt öffnete Sikulus die zum Außengelände führende Tür und Sonnenlicht drang herein. Sie brauchten wesentlich länger, um den Ausgang zu erreichen. Währenddessen kamen sie an der Person vorbei, welche den Blasebalg bediente. Sie stand mit dem Rücken zu ihnen, ganz in der Arbeit an dem Ofen versunken, und würdigte sie nicht einmal eines Blickes. Obwohl es vor dem Ofen ungeheuerlich heiß gewesen sein musste, kleidete sich diese Person in einen Umhang, welcher den ganzen Körper verdeckte. Ohne diese Person genau in Augenschein nehmen zu können, trat Theomedes aus der Werkstatt.

Sikulus wartete draußen mit einem langen Rohr in der Hand auf sie. Ein Kanister war hinten an das Rohr angebracht. Es sah wie eine verlängerte Version seiner Windbüchse aus. Theomedes schaute sich auf dem Gelände um und seine Vermutung wurde bestätigte: Weit entfernt stand eine Zielscheibe im Rasen. Hier erprobte der Tüftler seine neuen Erfindungen.

»Zuerst würde ich Euch gerne einladen«, sprach Sikulus, »die Zielgenauigkeit dieser besonderen Windbüchse zu testen. Ihr müsst wissen, dass ich sie zwar herstelle, allerdings nicht unbedingt der beste Schütze bin. Ich übe, das könnt Ihr mir glauben, und eine ruhige Hand habe ich auch. Das kommt daher, dass ich mich bei meiner Arbeit um viele Kleinteile kümmern muss. Fast wie bei einem Arzt, der die kleinsten Venen und Muskelfasern des Körpers zerschneidet, muss ich dabei sehr präzise vorgehen. Was allerdings das Treffen weit entfernter Objekte anbelangt«, er deutete auf seine Augen und dann auf die Zielscheibe, »fehlt es mir noch etwas an Übung.«

Sikulus legte die längliche Windbüchse an und richtete den Lauf auf die Scheibe in etwa fünfzig Metern Entfernung. Er betätigte den Abzug, das Geschoss zischte aus dem Lauf heraus und Holz splitterte auf der anderen Seite des Geländes.

»Ein Treffer!«, feierte Menenias auf eine Weise, die Theomedes die Stirn runzeln ließ.

Sikulus blickte kritisch zur Zielscheibe hinüber und schraubte währenddessen den Behälter ab.

»Kein guter Treffer«, urteilte er. »Doch kann ich nicht sagen, ob das an meinen Fähigkeiten oder an einem verzogenen Lauf liegt. Wollt Ihr es nicht probieren?«

»Ich?«, fragte Menenias und schaute überrascht Theomedes an. Noch bevor dieser mit dem Kopf schütteln konnte, war sein Vater bereits an den Tüftler herangetreten. Der schraubte einen weiteren Kanister an das hintere Ende der Windbüchse. Ein ganzes Lager dieser mit Luft gefüllten Behältnisse lag neben ihm im Gras.

»Geduldet Euch bitte etwas.« Und er schraubte. Und schraubte. Und … Theomedes kreiste mit den Augen. Wie hatte sich der Tüftler nur vorgestellt, ein solches Gerät auf dem Schlachtfeld einzusetzen? Der Nachladevorgang dauerte viel zu lange. In der Zwischenzeit hätte er ihn schon mit einem Speer abstechen können. Selbst wenn Theomedes weit von ihm entfernt wäre, bräuchte Sikulus nur danebenzuschießen und er hätte in dieser Zeit längst die Entfernung durch einen Lauf überbrückt. Vielleicht eignete sich dieses zischende Rohr für die Jagd, aber wohl kaum für den Kampf.

Es machte klick und Sikulus überreichte Menenias die Waffe. »Achtet auf den Rückstoß«, sprach er.

»Den Rückstoß?«, fragte Theomedes. »Vater, lass mich das lieber machen. Nicht, dass Ihr Euch verletzt.«

»Wieso sollte ich mich dabei verletzen? Der Rückstoß sah doch gar nicht so stark aus.«

»Wenn man sich vorbereitet«, mischte sich Sikulus ein, »wird das die Verletzungsgefahr verringern. Am besten, Ihr drückt den Lauf gegen Eure Schulter und federt damit den Rückstoß ab. Ja, so in etwa. Nutzt zum Zielen den Lauf, richtet ihn auf die Mitte der Zielscheibe. Nur etwas niedriger …«

»Vater, ist das wirklich eine gute Idee?«, fragte Theomedes, dem es schon wehtat, beim Anlegen dieser Waffe zuzusehen. »Was ist, wenn sie in die Luft fliegt?«

»Sehr unwahrscheinlich«, erklärte Sikulus. »Nicht unmöglich, dennoch sehr unwahrscheinlich. Ich werde für jede Verletzung, die Euch möglicherweise auf meinem Anwesen zustößt, geradestehen, so gut ich nur kann. Sollte Eurem wehrten Vater etwas zustoßen, werde ich für seine Familie sorgen.«

»Oh, das beruhigt mich aber«, sprach Theomedes und versuchte nicht einmal, die Ironie in der Stimme zu verbergen.

»Theomedes, zügele deine Sorgen und lass deinen alten Herrn etwas Spaß haben. Also gut …« Menenias stellte sich breitbeinig hin und drückte die Waffe fest an die Schulter. Mit klopfendem Herzen beobachtete Theomedes seinen Vater dabei, wie dessen Finger langsam den Abzug betätigte. Er hielt den Atem an, wartete auf den Schuss und hoffte, dass die Waffe seinem Vater nicht um die Ohren flog …

Die Luft flog pfeifend aus dem Kanister und presste das Geschoss aus dem Lauf. Ein Ruck erfasste Menenias Körper, doch sein Vater hielt ihm stand. Staunend schaute er über das Gelände.

»Habe ich getroffen?«

»Ich bin froh, dass es Euch gut geht, Vater«, antwortete Theomedes. »Aber ich habe nicht gehört, wie das Geschoss auf Holz traf.«

Seinem Vater schien das egal zu sein, er lächelte, von einer für Theomedes unbekannten kindlichen Freude ergriffen. So kannte der Sohn seinen Vater eigentlich nicht. Menenias reichte Sikulus die Windbüchse. »Ich will noch einmal.«

Sikulus machte sich daran, den Kanister wieder auszutauschen. »Sie muss in den Erdhügel dahinter eingeschlagen sein«, nahm Sikulus an. »Ich ließ ihn extra herrichten, um danebengegangene Kugel aufzufangen. Wir wollen ja nicht, dass jemand, der gerade hinter der Mauer Oliven pflückt, zufällig getroffen wird.«

Ein neuer Kanister, ein weiterer Schuss. Auch dieses Mal zuckte Theomedes zusammen, er konnte noch immer nicht mit ansehen, wie sein Vater sich der Unbeständigkeit dieser Gerätschaften aussetzte. Im Gegensatz zum ersten Versuch traf er dieses Mal die Zielscheibe. Sie hörten deutlich, wie Menenias ein Loch in sie schoss.

»Ha! Nimm das!«, jubilierte sein alter Herr. Menenias rutschte vor Theomedes’ Augen weiter ins Kindliche.

»Sehr gut«, sprach Sikulus. »Glaubt Ihr, genau dort getroffen zu haben, wo Ihr hingezielt habt?«

»Ich bin froh, überhaupt getroffen zu haben.«

»Verstehe. Vielleicht möchtet Ihr auch mal ein paar Schüsse abfeuern?« Sikulus blickte ihn an.

»Ich?«, fragte Theomedes und überlegte augenblicklich, wie er nur aus dieser Sache wieder herauskommen könnte.

»Ja, Theomedes, warum versucht Ihr Euch nicht mal an der Windbüchse?«

Sikulus hatte gerade einen neuen Luftbehälter angebracht und gab die Waffe Menenias, welcher sie an seinen Sohn weiterreichte. Theomedes atmete tief ein und aus.

Es hilft wohl nichts.

Widerwillig nahm er die Windbüchse entgegen. Das Klicken und Klacken des Mechanismus, während er die Waffe anlegte, ließ in ihm nur unheilvolle Vorahnungen aufkommen. Er tat es seinem Vater gleich, spreizte die Beine etwas, drückte seine Schulter gegen das Ende der Windbüchse und machte sich auf den Rückstoß gefasst. Sein Finger glitt zum Abzug hinab und verharrte dort mehrere Sekunden. Sein Vater und Sikulus – ihn verwünschte er gerade am meisten – sollten glauben, er ließe sich Zeit zum Zielen. Tatsächlich fürchtete er sich davor, was passieren würde, wenn die Luft den Behälter auseinanderriss und die Splitter sich in seinen Hals, Nacken und sein Gesicht fraßen …

»Was ist?«, fragte sein Vater.

»Findet Ihr den Abzug nicht?«, wollte Sikulus wissen.

Hielten sie ihn für dumm? Oder spotteten sie gar? Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Theomedes betätigte den Abzug.

Etwas drückte gegen seine Schulter. Das soll der Rückstoß gewesen sein? Die Kugel flog über das Gelände und schlug auf der anderen Seite in die Zielscheibe, nur knapp von der markierten Scheibenmitte entfernt.

»Das war ein guter Schuss«, urteilte sein Vater.

»Ja, sehr gut. Theomedes, habt Ihr genau auf die Mitte gezielt?«

»Ich weiß nicht«, musste er eingestehen. Tatsächlich hatte er sich nicht wirklich auf das Zielen konzentriert. »Darf ich noch mal?«

»Natürlich. Nur her damit. Wir haben noch mehrere Behälter voll mit Luft, wenn Ihr es noch einmal probieren wollt.«

Theomedes gefiel das Lächeln seines Vaters überhaupt nicht, als er die Waffe an Sikulus zurückgab.

 

*

 

Theomedes verlangte weitere Male danach, einen neuen Kanister aufgeschraubt zu bekommen, schoss noch mehrmals und kam der Zielmitte immer wieder ein Stückchen näher. Er wollte sich dafür schellten, so viel Gefallen an diesem Ding zu finden. Das war eigentlich keine Waffe für einen echten Mann und Krieger. Er sollte sich mit dem Speer, Schild und Schwert üben, die Muskeln und Ausdauer stärken, anstatt feige aus der Entfernung mit Luftdruck Geschosse zu versenden. Doch es dauerte nicht lange und schon waren alle Kanister aufgebraucht.

»Wenn noch Interesse daran besteht«, sprach Sikulus, während er den leeren Behälter abschraubte, »kann ich Pressluft mit der Luftpumpe nachfüllen lassen. Mein Diener Automaton erledigt das für uns. Aber vielleicht sollten wir erst einmal in die Werkstatt treten.«

»Automaton?«, fragte Menenias. »Was für ein ungewöhnlicher Name. Woher kommt denn dieser Diener?«

Sikulus öffnete die Tür und trat als Erster in die Werkstatt. »Von hier, aus Paraskion. Ihr habt ihn bereits kennengelernt. Er befindet sich gleich dort.« Er zeigte auf dieselbe Person, die vorhin den Blasebalg betätigt hatte. Wer auch immer dieser »Automaton« war, er arbeitete tüchtig. Und dann sollte er auch gleich die Luftpumpe bedienen?

»Macht Automaton auch mal eine Pause?«, scherzte Theomedes.

»Nur wenn ihm die Luft ausgeht. Oder ich ihn warten muss.«

»Ja, das ist … was? Wenn Ihr ihn warten müsst?«

Vater und Sohn sahen ihn verwundert an. Sikulus fuhr sich mit der Hand über den Mund und wirkte so, als hätte er gerade etwas Falsches gesagt, das er gerne wieder zurücknehmen würde. Er war wieder ganz der Wirrkopf, wie Theomedes ihn kannte.

»Ach, was soll’s«, sprach Sikulus, trat an Automaton heran und fasste den Umhang mit beiden Händen. Mit einem Ruck entkleidete er den Diener und enthüllte seine tatsächliche Gestalt. Zuerst glaubte Theomedes, dieser Automaton würde eine Rüstung tragen, doch dann bemerkte er, dass der Körper aus Metall bestand. Unterhalb der metallenen Arme sah er Metallstäbe und Zahnräder, welche sich unaufhörlich drehten. Die Bewegungen waren plötzlich, abgehackt, einfach nicht natürlich. Kein Menschenkörper verhielt sich so.

Theomedes und Menenias traten um die Gestalt herum. Da war kein Leben in den Augen, nur ein bronzener Schädel, der ins Leere starrte. Erst jetzt fielen Theomedes die Schläuche auf. Sie führten vom Rücken aus zu einer der vielen Maschinen.

»Was ist das?«, fragte Menenias. »Meine Augen funktionieren noch gut genug, um zu erkennen, dass das kein Mensch ist. Ist dieser Automaton eine Eurer vielen Erfindungen?«

»Das ist richtig, ja.« Sikulus stellte sich hinter den Maschinenmenschen und hantierte etwas an dessen Rücken. Er stellte seine Arbeit am Blasebalg ein, die Arme erschlafften, doch sogleich schoss der Rest des Körpers in die Höhe. Sowohl Theomedes als auch Menenias erschraken.

»Keine Sorge, der kann Euch nichts tun. Ich habe ihm dafür nicht die Abläufe einprogrammiert.«

»Einprogrammieren?«, fragte Menenias.

Was für ein Wahnsinn ist das?, dachte Theomedes. Eine Maschine, die sich von selbst bewegt? Mit dem Antlitz eines Menschen? Da habe ich gerade erst angefangen, mich an die Windbüchse zu gewöhnen …

»Richtig. Es ist so, als würde man einer Person einen Befehl geben. Nur muss eine Maschine nicht erst versuchen, den Befehl zu verstehen oder ihn zu interpretieren. Ebenso kann die Maschine nicht ihrer Programmierung zuwiderhandeln. Sie muss so agieren, wie sie programmiert wurde. Solange die Maschinen über keinen eigenen Willen und Verstand verfügen, ist es notwendig, ihnen zu befehlen, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen.«

»Das ist erstaunlich. Ich habe noch nie etwas von diesem Automaton gehört. Sind wir die Ersten, die von ihm erfahren?«, fragte Menenias.

Sikulus seufzte. »Seit gestern weiß der König, dass ich an etwas wie ihn arbeite. Eigentlich habe ich versucht, ihn vor ihm zu verheimlichen.«

»Und nun habt Ihr uns mit hineingezogen«, grollte Theomedes. Langsam dämmerte es ihm: Sikulus hatte das alles hier geplant. Wenn er vorgehabt hätte, die Existenz dieser Menschmaschine zu verheimlichen, dann hätte er ihn besser versteckt. Er hielt ihn zwar für einen Wirrkopf, doch so unvorsichtig war er nicht. Nein, es war zu offensichtlich. Sikulus hatte mit voller Absicht das Gespräch auf ihn gelenkt. »Jetzt wissen auch wir von diesem Ding. Da steckt doch eine Absicht dahinter!«

»Beruhige dich«, sprach sein Vater. »Sikulus hegt bestimmt keine schlechten Hintergedanken.«

Sikulus verzog das Gesicht. »Eigentlich schon. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer. Ich wollte Euch ein Bündnis vorschlagen.«

Er »programmierte« wieder etwas in den Automaton ein. Sogleich stakste die Maschine los, mit ungelenken und künstlichen Bewegungen marschierte sie durch die Werkstatt, stieß ein paar Kanister um und blieb plötzlich stehen. Daraufhin bückte sie sich hinunter und öffnete eine Tür im Boden.

Sikulus stellte sich daneben. »Wenn Ihr mir bitte folgen würdet.« Dann stieg er eine Leiter hinunter.

Menenias war dabei, ihm zu folgen. Doch Theomedes hielt ihn auf. »Wir sollten verschwinden. So tun, als wüssten wir nichts. Noch können wir alles abstreiten.«

»Was redest du da?«, fragte Menenias.

»Ich traue ihm nicht«, antwortete Theomedes flüsternd.

»Das solltest du aber. Schließlich wird er bald dein Schwager. Mir gefällt deine Einstellung ihm gegenüber nicht. Sikulus ist kein schlechter Mensch und wenn er etwas vor dem König verheimlichen will, dann spricht das wahrscheinlich nur für ihn.«

»So würde auch ein Feind von Paraskion sprechen«, bemerkte Theomedes. In Gedanken ohrfeigte er sich; nie hatte er so gegen seinen Vater aufbegehrt.

Und genauso scharf schaute ihn dieser auch an. »Sag mir: Schlägst du dich lieber auf die Seite des Menschenfressers oder auf die Seite eines Mitgliedes deiner Familie? Ich gehe jetzt hinunter und es interessiert mich nicht, was du machst.«

Obwohl Menenias vorgab, Sikulus zu vertrauen, hielt er doch respektvollen Abstand zum Automaton, während er sich zur Leiter begab und hinabstieg. Theomedes verschränkte die Arme, unschlüssig, ob er hierbleiben und einfach nur vor Wut kochen oder doch die Werkstatt verlassen sollte. Zum König zu rennen, das kam für ihn nicht infrage. Doch etwas in ihm weigerte sich noch immer, Sikulus zu folgen. Gleichzeitig war da doch eine gewisse Neugierde. Er hasste sich selber, als er ebenfalls an der Maschine vorbeischritt und auf die erste Sprosse trat.

Es handelte sich um einen Keller, direkt unter der Werkstatt. Zuerst sah Theomedes nichts, dann ein Licht mehrere Meter entfernt und die Umrisse nicht nur von Sikulus und Menenias, sondern noch vielen anderen Personen. Mit offenem Mund starrte er auf eine ganze Schar von Automatonen. Sie standen mit dem Gesicht zu ihnen in Reih und Glied, wie eine disziplinierte Armee.

»Wie viele sind das?«, fragte Theomedes staunend.

»Gut fünfzig sollten einsatzbereit sein«, antwortete Sikulus. »Die Programmierung fehlt jedoch.«

»Wann hattet Ihr überhaupt die Zeit, die alle zu bauen? Und die Materialien?«

»Ein paar Jahre. Nach dem ersten Model ging der Rest eigentlich ganz flott. Was die Materialien und das Geld dafür anbelangt: Nun, niemand prüft wirklich nach, was ich hier mache. Auch die Mittel nicht, welche ich vom König erhalte, solange ich ihm liefere, was er verlangt. Zugegebenermaßen ist es etwas kriminell.«

Das hatte Theomedes dem Wirrkopf wirklich nicht zugetraut. Er war gefährlicher, als er dachte.

»Und warum«, begann Menenias, »wolltet Ihr nicht, dass der König hiervon erfährt?«

»Denkt doch nur, was Nekarios mit rund fünfzig Mann anstellen könnte, die auf jeden seiner Befehle hören? Nichts infrage stellen, einfach alles tun, was er verlangt. Er könnte sie gegen die Feinde von Paraskion richten, sicherlich. Oder gegen die Stadt selbst. Die meisten Bürger der Stadt sind ihm treu, doch viele zweifeln auch, wohl wissend, welche Bestie wir als König haben. Sie könnten sich gegen ihn entscheiden, schließlich besitzen sie einen freien Willen. Nicht aber diese Automatonen.«

Theomedes konnte den Blick nicht von dieser kleinen Armee von Maschinen wenden. Es schien ihm, als könnten sie jederzeit zum Leben erwachen.

»Und warum sollten wir von ihnen erfahren?«, fragte Menenias.

»Ihr sollt wissen, dass sie existieren. Und dass sie möglicherweise das Kräfteverhältnis zu Euren Gunsten verändern könnten. Wenn das mal nötig sein sollte.«

 

 

Kapitel 6 – Die Insel Chrysos

 

Polybion begrüßte ihn mit verdrießlicher Miene. Sikulus war verwirrt, normalerweise freute sich der Priester, wenn Sikulus vorbeikam.

»Du hättest nicht im Tempel mit mir darüber sprechen sollen.«

»Wie bitte?«, fragte Sikulus.

Polybion deutete auf den Versammlungsraum. Ein Tablett mit frischen Trauben stand bereit, daneben lag Die lange Fahrt des Narndak und eine weitere Schrift. »Basynthes war hier und wollte erfahren, worüber wir gesprochen hatten.«

Sie nahmen nicht entspannt Platz, wie es bei einem solchen Treffen üblich gewesen wäre. Polybion legte die Arme auf seine Oberschenkel und neigte den Oberkörper zu Sikulus.

»Polybion, mein alter Freund, ich kann dir versichern, dass ich nichts gesagt habe, das dir irgendwie schaden könnte. Er hatte mich gleich danach selbst befragt und ich habe ihm und dem König erzählt, worum es sich bei dieser Schrift handelt.«

»Ja, das hat er mir berichtet. Allerdings wollte er selbst sichergehen, dass du nicht gelogen hast, komme das nächste Mal direkt zu mir.« Er schüttelte den Kopf.

Nun wurde Sikulus misstrauisch. »Und was hast du ihnen über mein Projekt erzählt? Du weißt schon, über das, woran ich da arbeite?«

»Nichts. Ich erzählte ihnen nur etwas über die Schrift. Hoffentlich nimmst du mir meinen Schwindel nicht übel: Ich erzählte Basynthes, dass ich nicht verstanden habe, wofür du diese Schrift verwenden willst. Möglicherweise nannte ich dich auch einen Wirrkopf. Oder war es ein Spinner

Sikulus winkte ab. »Das macht mir nichts aus, von mir aus sollen sie mich unterschätzen.« Sein Blick wanderte zur Schrift von Narndak. »Warst du mit deinen Übersetzungen erfolgreich? Hast du etwas herausgefunden?«

»Für eine gute Übersetzung musst du mir schon ein paar Monate mehr Zeit geben. Möglicherweise Jahre. Zum Glück schreibt unser guter Narndak in einem sehr leserlichen und hohen Stil. Du wolltest, dass ich mich zuerst auf das Ende konzentriere?«

Sikulus trat mit dem Fuß ungeduldig auf der Stelle. »Ja, bitte erst einmal nur, wo sich Narndak befinden könnte.«

»Ich habe mir die letzten Abschnitte vorgenommen. Narndaks letzter Aufenthaltsort ist die Insel Chrysos.«

Sikulus’ Mund öffnete sich, doch die Worte versagten ihm. Er holte tief Luft, stieß sie seufzend wieder aus und legte sich schließlich auf die Liege. Er faltete die Hände und schaute zur Decke.

»Eine mystische Insel …«, sagte Sikulus.

»Die sich weder finden noch verlassen lässt«, ergänzte Polybion.

»Außer die Götter erlauben es«, schloss Sikulus.

»Nun, mit seiner Reise nach Chrysos endigte seine lange Fahrt. Damit schließt der Bericht ab. Es tut mir leid. Eigentlich bist du selber schuld, wenn du deine Hoffnungen und Ziele in eine solche sagenhafte Gestalt legst, von der nur wenig bekannt ist.«

Plötzlich richtete sich Sikulus auf. »Kann ich die Stelle sehen, in der das deutlich beschrieben wird?«

Polybion hob eine Braue. »Wieso? Hast du zwischenzeitlich Kareolisch gelernt? Oder glaubst du mir etwa nicht?«

»Doch, ich glaube dir schon. Allerdings muss ich es mit meinen eigenen Augen sehen, damit ich Gewissheit habe. Also, verzeih mir meine Macken und zeige mir bitte die Stelle. Das dort neben der Schrift ist doch ein Wörterbuch des Kareolischen, richtig? Ich muss nur die Schlüsselwörter kennen, das reicht mir aus.«

Polybion seufzte und gab ihm Narndaks Schrift sowie das Wörterbuch. Er schlug die Seite auf, überflog den Text und zeigte auf einen Satz. Danach wies er auf die Wörter »ziehen« und »nach« und erklärte ihm daraufhin, wie die Bezeichnung der Insel Chrysos in der alten kareolischen Schrift geschrieben wurde. Mit dieser Anleitung konnte Sikulus den grundlegenden Sinn des Satzes nachvollziehen.

Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Von allen Inseln, die er sich als seine letzte Ruhestätte hätte aussuchen können, musste es unbedingt Chrysos sein. Warum nur Chrysos?«

»Ich glaube«, sprach Polybion, »Narndak wollte den Atem der Palladaia an einen Ort bringen, der von der Außenwelt abgeschnitten ist. Soweit ich bei meinen eher oberflächlichen Übersetzungen herauslesen konnte, ging es ihm darum, den Atem nicht in die falschen Hände geraten zu lassen. Er war sich der Kraft dieses Atems, um was für ein Objekt es sich auch immer handeln möge, durchaus bewusst. Es soll Geist, Denken, Sprache und letztlich Leben in Dinge fließen lassen können, die sonst nur aus reiner Materie bestehen. Ja, selbst wir Menschen sollen einst nur leere Hüllen gewesen sein, bis Palladaia uns Sinn und Worte einflößte und sich in uns die ersten Gedanken regten.«

Sikulus hörte kaum zu, in ihm regten sich ganz andere Gedanken. Befand sich Narndak, und damit der Atem der Palladaia, wirklich in Chrysos? Er hatte keinen anderen Anhaltspunkt und es sollte so gut wie unmöglich sein, die Insel zu finden. Es sei denn, man besaß den Rückhalt der Götter selbst. Etwas, das Sikulus nicht einfach mit seinem Erfindungsreichtum herbeizaubern konnte. Vielleicht sollte er schon heute mit den Opferungen beginnen …

»Polybion?« Ihm kam etwas in den Sinn. »Wie fand Narndak überhaupt die Insel? Hast du darüber etwas gelesen?«

»Ja, das habe ich. Palladaia selbst hat ihn dorthin geführt. Er stieg, soweit ich den Text richtig verstanden habe, einfach ins Boot und ist losgesegelt. Palladaia soll selbst den Wind ins Segel geblasen haben, um ihn zur Insel zu führen.«

»Das hilft mir nicht wirklich weiter«, verzagte Sikulus. »Hat er dafür irgendetwas getan?«

»Nun, er hat ihr geopfert. Es war nur eine Ziege, ein ganz normales Opfer. Der Palladaia einfach eine Ziege zu opfern, dürfte dir in deinem Fall nichts bringen.«

Sikulus legte sich wieder hin. »Ja, das tut es nicht. In Paraskion opfern wir ihr dauernd Ziegen.«

»Wenigstens etwas kann ich dir sagen: Narndak brach von der Agros-Bucht aus auf.«

»Das ist nicht weit von hier!«

Polybion nickte. »Die Agros-Bucht erstreckt sich über eine weite Strecke und führt direkt auf das offene Meer zu. Aber ja, sie ist nicht weit von hier. Wenigstens ein Anhaltspunkt. Auch wenn ich nicht weiß, inwieweit dieses Wissen dir nützen könnte.«

»Du hast mir bereits unendlich geholfen, mein guter Freund und ich kann kaum erwarten, die ganze Übersetzung in den Händen zu halten. Auch wenn ich dadurch vielleicht nicht an den Atem der Palladaia komme, wirst du der Welt einen großen Dienst mit deiner Übersetzung erweisen.«

Polybion lächelte, die schlechte Laune von vorhin schien verflogen zu sein. »Vergiss deine Lobhudeleien und spende der Statue von Palladaia einfach die goldüberzogene Speerspitze.«

Polybion nahm die Schrift und den Diktionär wieder an sich. Sikulus bemerkte, wie sich die gute Laune verflüchtigte, die Augen müde zu Boden blickten und sich ein Schatten über das Gesicht seines Freundes legte.

»Polybion, ist noch etwas vorgefallen?«, fragte er.

»Sieht man es mir an?« Er seufzte. »Es ist wieder jemand verschwunden. Bald schon können die Leute in Paraskion nicht mehr nachts von Haus zu Haus ziehen, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen. Die Leiche wurde noch nicht gefunden, aber die Eltern gehen bereits von dem Schlimmsten aus. Wir werden eine Totenfeier ohne den Leichnam abhalten.«

»Wer?«, fragte Sikulus.

»Das Mädchen einer Familie, aus dem Viertel der einfachen Leute. Nicht mehr aufgetaucht, keine Nachricht hinterlassen, kein Hinweis auf den Verbleib. Sie ist das zweite Kind diesen Monat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so oft Menschen verschwinden, nicht in einer Stadt von der Größe von Paraskion. Vielleicht in einer der Metropolen im fernen Osten, aber doch nicht hier.«

»Und die Stadtwache?«

»Untersucht es. Demetros ist schon dran, aber erwarte nichts. Erst kürzlich haben die Satyrn versucht, einen Jungen in eine Gasse zu zerren. Nicht auszudenken, was sie mit ihm vorhatten. Zum Glück war seine Mutter in der Nähe. Die hat ein solches Geschrei veranstaltet, dass die Satyrn tatsächlich abgehauen sind.«

»Willst du damit sagen, dass die Satyrn hinter den Verschwundenen stecken?«

»Ich mache mir einfach Sorgen. Bald schon ist der Erste des neuen Monats. Ein Kind wird wieder auserwählt und in den Palast von Nekarios geführt. Das sehen wir dann auch nicht wieder.«

»Auserwählt?« Sikulus schnaufte verächtlich. »Es wird geopfert.«

Polybion schaute ihn finster an. »Du hast leicht reden, du bist nicht dabei und musst die Zeremonie leiten. Was ich sagen will, ist, dass in dieser Stadt einfach zu viele Menschen spurlos verschwinden.«

Sikulus verschränkte die Arme. »Wir wissen beide, wer dafür verantwortlich ist.«

»Willst du damit sagen, dass Nekarios auch hinter den anderen verschwundenen Menschen steckt? Ach, wir reden schon wieder über Dinge, die uns nur in Gefahr bringen. Bitte geh, ich habe noch viel zu tun und du wahrscheinlich auch.«

 

*

 

Sikulus war immer beschäftigt, hatte immer mehrere Projekte, an denen er gleichzeitig arbeitete. Doch jetzt warf er alles beiseite und breitete die Karten auf seinem Tisch aus. Vor ihm lag die Agros-Bucht. Mit dem Finger fuhr er die Zackenlinie des Küstenstreifens entlang und rief sich die Namen der Städte in Erinnerung, die an dem Meerbusen lagen. Er könnte sie innerhalb mehrerer Tagesreisen erreichen und vor Ort seine Suche beginnen. Sein Finger wanderte über das Meer und über die Inseln. Sie alle hatten ihre Namen sowie ihre Geschichten und waren durchaus mit einem Schiff zu erreichen.

Sein erster Gedanke war, dass »Chrysos« eigentlich eine Bezeichnung für eine dieser Inseln war, das mystische Chrysos also gar nicht existierte, sondern nur der Name. Möglicherweise befand sich der Atem der Palladaia auf einer dieser Inseln. Sikulus suchte zusammen, was er an geschichtlichen und geographischen Werken zur Verfügung hatte, und las so viel wie möglich über die Inseln. Ihre Historie, die Geschichten um Götter und Gestalten aus alter Zeit, welche die Menschen sich über sie erzählten. Irgendwelche Hinweise darauf, ob sich hinter einer dieser Inseln doch Chrysos verbergen könnte.

Sikulus lehnte sich zurück und rieb sich die Stirn. »Nein, das ist es nicht.« Es war bereits dunkel geworden, seine Studien haben den ganzen Tag gedauert. Er hatte sogar vergessen, eine Mahlzeit einzunehmen. Nichts wies darauf hin, dass es sich bei einer der bekannten Inseln möglicherweise um Chrysos handeln könnte.

»Sie ist wohl wirklich nicht einfach zu finden.«

Er stand auf und blickte sich im Raum um. Einer der Diener hatte eine Schale Obst neben ihn gestellt, ohne dass er es bemerkt hatte. Der Apfel kam gerade richtig, Sikulus nahm einen herzhaften Bissen. Sein Magen war gierig, seine Gedanken hingegen waren noch immer bei der Insel. Als der Apfel halb aufgegessen war, beschlich ihn die Vorahnung, dass es die Insel nie gegeben hatte.

»Moment!«, traf es ihn wie einen Geistesblitz. »Woher haben wir denn den Text?«

Wenn Narndak selber noch davon berichtete, nach Chrysos gereist zu sein und der Nachwelt dann seinen Reisebericht hinterlassen hatte, dann musste es einen Weg zurück geben. War jemand mit ihm gereist, der darauf gewartet hat, dass er die Schrift zu Ende schrieb und hat dann mit dem Text in der Tasche die Insel verlassen? Stünde davon etwas in dem Text, dann hätte Polybion ihm bestimmt davon erzählt.

Also, wie kam der Text zu ihnen? Hatte Narndak ihn zu Ende geschrieben, bevor er nach Chrysos gereist war? Oder musste sich Sikulus von dem Gedanken verabschieden, dass Narndak ihn überhaupt verfasst hatte. Vielleicht gab sich der eigentliche Autor nur als Narndak aus. Oder die Person hatte nie existiert …

Sikulus schüttelte den Kopf. Das brachte ihn nicht weiter. Er musste auf die vollständige Übersetzung warten, bevor er über die Richtigkeit des Textes urteilen konnte. Bis dahin konnte er nur spekulieren. Doch Spekulationen bildeten nur selten die Basis für gute Entscheidungen.

Er setzte sich wieder, seine Hand pflückte von selbst Trauben aus der Schüssel und führte sie zu seinem Mund.

»Was«, sprach er zu sich selbst, »wenn Narndak gefunden werden wollte? Vielleicht steckt in dem Text noch mehr. Ich muss mich gedulden und auf das konzentrieren, was vor mir liegt.«

Erneut stand er auf, diesmal nahm er die Schale mit sich. Er ging durch die Werkstatt, an dessen Unordnung er sich schon lange gewöhnt hatte, trat vor den Automaton und nahm das Tuch herunter. Mit seinen herabhängenden Schultern und dem geneigten Kopf wirkte er auf Sikulus traurig. Vielleicht spiegelte sich in dieser Vorstellung nur sein eigener Gemütszustand wider. Die Vorstellung, nie die Insel erreichen zu können, auf der sich der Atem der Palladaia befinden könnte, bedrückte Sikulus sehr.

Wie viel ich wohl opfern müsste, damit Palladaia mich erhört?, fragte er sich und zog das Tuch wieder über den Automaton.

 

*

 

Sikulus kannte zwei Schlaf-Modi: Entweder schlief er tief und fest, weil es ihm an Schlaf mangelte. Oder er lag mit offenen Augen im Bett, starrte die Decke an und dachte über seine Erfindungen nach. Dann geschah es oft, dass er eine plötzliche Eingebung hatte, aus dem Bett sprang und sich wieder in die Werkstatt begab.

Doch dieses Mal träumte er. Er träumte, dass er sich während eines Sturmes an der Küste befand. Neben ihm fiel der weiße Stein steil ins Meer hinab. Wellen türmten sich zu Ungetümen auf und donnerten mit aller Gewalt gegen die Felswand. Die Gischt schoss in die Höhe und schlug ihm ins Gesicht. Es fröstelte ihn, der Wind zog scharf an seinen Kleidern und die brausenden Wellen benetzten seine Haut mit Wasser. Über ihm zogen sich finstere Wolken zusammen. Sie kamen über das Meer und verdunkelten das Wasser. Die schwarzen Wolkenmassen zogen immer weiter landeinwärts und machten sich daran, jedes Licht zu verschlucken.

Sikulus schien in seinem Traum nach etwas zu suchen. Der kräftige Wind, die Nässe und selbst die drohende Gefahr, auf dem nassen Stein auszurutschen und in die Tiefen zu stürzen, das alles kümmerte ihn nicht. Stattdessen kletterte er eilig, doch mit Bedacht, über die glitschigen Felsen und schaute beständig ins Meer hinab. Immer wieder erschien ihm etwas zwischen der Wasserbrunst und dem weißen Gestein der Klippen. In einem Moment glaubte er noch, einen Fisch gesehen zu haben, der von den Wellen immer wieder nach oben gespült wurde. Doch dann wollte er Flügel gesehen haben und es schien ihm nicht mehr, als ob dieses Wesen von den wilden Wassermassen erfasst und herumgeschleudert wurde, sondern dass es zwischen den Wogen tanzte, eigentlich vergnügt spielte und ihnen eher geschickt auswich.

Dann sah er es genauer: Es war kein Fisch, sondern ein Pferd mit mächtigen Schwingen. Sein Fell war weiß, weswegen es zwischen dem Schaum der Brandung schwer zu erkennen war. Sikulus jagte einem Pegasus hinterher. Das geflügelte Pferd löste sich aus den Wogen und schoss die steile Felswand empor. Mit einem Wiehern, das Kraft und eine ungebändigte Natur verriet, landete es auf der Klippe.

Sikulus stürzte ihm hinter und vergaß dabei jede Vorsicht. Der Pegasus schien ihn nicht zu beachten, sondern blickte starr auf das Meer hinaus. Schließlich konnte Sikulus das geflügelte Tier erreichen. Ehrfurchtsvoll hielt er einige Meter Abstand. Die Mähne des Pegasus flatterte im Wind, während sich Sikulus vorsichtig näherte. Er wagte nicht, auch nur einen Ton von sich zu geben und damit das Tier zu verschrecken.

Er war nun nahe genug, um das Fell zu berühren. Als er seine Hand ausstreckte, schnaubte das Pferd verächtlich und biss nach ihr. Sikulus schreckte zurück, doch es verlangte ihm, das Tier zu berühren und er versuchte es erneut. Wieder die gleiche Reaktion, der Pegasus schnappte nach seiner Hand und nachdem Sikulus sie verschreckt zurückgezogen hatte, schaute das Tier wieder auf das Meer hinaus.

Da verstand Sikulus und wendete seinen Kopf. Er folgte dem Blick der Pferdeaugen und sah weit entfernt hinter den Sturmfluten eine Insel.

Das war das Ende seines Traumes.

 

 

Kapitel 7 – Im Labyrinth

 

Schweißgebadet wachte Theomedes aus einem Traum aus. Das war für ihn ungewöhnlich, denn er war es gewöhnt, ruhig zu schlafen und sich nicht an seine Träume zu erinnern. Doch dieses Mal war ihm im Schlaf ein Pegasus erschienen. Ein geflügeltes, weißes Pferd, das über ein stürmisches Meer flog und schließlich auf einer Klippe landete. Theomedes erinnerte sich, wie er im Traum unbedingt dieses geflügelte Pferd erreichen musste und als er es berühren wollte, es nach ihm schnappte. Dann ließ er von dem Pegasus ab und schaute stattdessen auf das Meer hinaus. In der Ferne sah er eine Insel. Das war das Letzte, woran er sich aus seinem Traum erinnern konnte.

Er legte das nasse Laken beiseite, sein Mund fühlte sich trocken an und ihm war noch immer schläfrig zumute. Keine gute Nacht und nicht der beste Beginn für einen neuen Tag. Während er sich die Stirn rieb, fiel ihm ein, dass es der erste Tag des neuen Monats war. Die Urne würde herumgehen, sie würden wieder nach einem neuen Auserwählten suchen.

 

*

 

Angeblich gab es in Paraskion keine größere Ehre, als für Nekarios’ Labyrinth auserwählt zu werden. Was mit den jungen Mädchen und Knaben geschah, darüber schwiegen sich der König und die Satyrn aus. Gewiss war nur, dass die Familien ihre auserwählten Kinder für immer verabschiedeten. Manche von ihnen behaupteten, ihre Kinder dienen dem König an seinem Hof als Mundschenk, auch wenn bisher niemand die Auserwählten nach dem verhängnisvollen Tag im Palast des Königs gesehen hatte. Andere beugten sich der Realität und begannen mit den Bestattungsriten. Normalerweise mussten diese Riten an dem Toten durchgeführt werden und die meisten Familien entscheiden sich dafür, den Körper des Verstorbenen am Ende zu verbrennen, so wie es Brauch im Volke war. Jedoch konnte es auch geschehen, dass ein Verwandter auf einem fernen Schlachtfeld dahinschied oder auf einer Reise im Meer versank. Auch hierfür gab es Riten, sollte es nicht möglich sein, den Verstorbenen in die Heimat zu schaffen. Und solchen Riten kamen oft zum Einsatz, wenn wieder die Urne in Paraskion umging. Schließlich war es weithin bekannt, dass der König in Stiergestalt ein Menschenfresser war.

Doch wieso ein Labyrinth? Das fragten sich viele Menschen außerhalb von Paraskion, die von dem ungewöhnlichen Herrscher der Stadt hörten. Angeblich diente das Labyrinth dazu, seine Jagdlust zu befriedigen. Er gebärdete sich zumeist wie ein Mensch, konnte gute Reden führen und umsichtige Entscheidungen treffen. Doch tief in ihm steckte auch eine Bestie und das Verlangen, eine Beute zu jagen, die Zähne in das noch warme Fleisch zu schlagen und das pulsierende Blut zu schmecken. Manche Leute glaubten, dass es diese monatliche Jagd war, welche die tierische Natur des Königs im Zaum hielt. Würden die Familien von Paraskion dieses Opfer nicht bringen, dann würde die Bestien-Natur gänzlich die Oberhand gewinnen. Jedoch war das reine Spekulation. Das Wesen und der Ursprung von Nekarios lagen im Dunkeln. Sicher war, dass in Kriegszeiten diese Tradition unterbrochen wurde. Wieso das so war, hatte Theomedes in den Ruinen von Eukion gesehen.

Der Vorgang der Urnenwahl war immer der gleiche und begann am Morgen des letzten Tages des Monats. Zuerst wurde eine große Vase geholt und auf dem Boden vor dem Tempel zerschmettert. Es oblag dem Priester Polybion, sich eine der Scherben auszuwählen und zu markieren. Ein einfaches Kreuz, mit Farbe auf die Scherbe geschmiert, reichte aus. Anschließend nahmen Diener die Scherben zusammen und füllten sie in eine große Urne.

Ihre Aufgabe war es auch, die Urne durch die Stadt zu tragen, wobei Demetros und ein paar bewaffnete Männer die Prozession begleiteten. Polybion war ebenfalls mit dabei, um zusammen mit Demetros den Vorgang zu überwachen. Vom Tempel aus zogen sie zuerst zum Marktplatz und von dort aus zu einem der vielen Wohnviertel der Stadt. Welche Richtung sie einschlugen, hing von den Göttern ab. Polybion blickte in den Himmel und entschied gemäß den Zeichen, welche die Götter ihm gaben, wie etwa dem Flug der Vögel oder dem Vorhandensein bestimmter Wolkenformen. Dort zogen sie von Haus zu Haus.

Jedes Mädchen und jeder Junge zwischen dreizehn und zwanzig Jahren war dazu angehalten, in die Urne zu greifen und eine Scherbe herauszunehmen. Polybion wie auch Demetros wiesen dabei immer auf die große Ehre hin, welche den Kindern zuteilwürde, sollten sie die Scherbe mit der Markierung aus der Urne ziehen. Demetros, der alte General, sprach von dieser Ehre mit stolzgeschwellter Brust und einem sicheren Lächeln auf den Lippen, als würde er tatsächlich daran glauben. Bei Polybion, so fand Theomedes, schwang auch immer etwas Bedauern mit.

Auch dieses Mal: „Wenn die Kinder zwischen dreizehn und zwanzig Jahren dieses Haushaltes bitte vortreten würden.“

Ein einstudierter Text. Polybion trug diesen Satz vor jedem Haus vor, bei dem die Prozession Halt machte. In ihrem Falle traf das nur noch auf Ephianessa zu. Theomedes war einundzwanzig Jahre alt, womit der König kein Interesse mehr an seinem Fleisch hatte. War er nicht mehr genießbar in diesem Alter? Niemand wusste es, niemand stellte irgendwelche Fragen.

Theomedes stand mit seiner Schwester und den Eltern vor der Tür. Unzählige Male ist die Urne an ihnen vorbeigegangen, ohne dass sie die zweifelhafte Ehre bekamen, von Demetros’ Männern abgeführt zu werden. Der alte General stand etwas abseits, stumm den Vorgang beobachtend. Der Urnengang ist nie ganz zur Routine geworden, weder für Demetros und Polybion, noch für die Familien, deren Kinder in das Gefäß greifen mussten. So oft Ephianessa und Theomedes auch eine Scherbe ohne Markierung herausgezogen hatten, konnten sie dennoch die Angst nie ganz loswerden. Und jetzt, wo Theomedes nicht mehr in die Urne greifen musste, machte er sich umso mehr Sorgen um seine Schwester.

Hethemesia schob sie sanft ein paar Schritte nach vorne. »Bringen wir es hinter uns«, sagte ihre Mutter.

Ephianessa nickte gehorsam. Polybion lächelte verständnisvoll und deutete auf die Urne.

»Es ist besser, es schnell zu erledigen«, sprach er.

Wieder nickte Ephianessa, zögerlich streckte sie die Hand nach der Urne aus. Ihr Arm versank in ihr, man hörte die Scherben klackern, als könnte Ephianessa mit den Händen das Zeichen erfühlen und sie tastete jede Scherbe einzeln ab. Schließlich nahm sie die Hand aus der Urne. Sie öffnete die Hand.

»Was ist?«, fragte Polybion.

Anstatt dem Priester zu antworten, drehte sie sich zu ihrer Mutter um und zeigte Hethemesia ihre offene Hand. Die stieß einen Seufzer aus, wankte und fiel zur Seite auf den blanken Boden.

»Mutter!«, rief Theomedes und lief zu ihr. »Mutter! Was ist mit dir?«

Alle Farbe war aus dem Gesicht von Hethemesia gewichen. Er fühlte ihren Puls; sie war so sehr erbleicht, dass er sie beinahe für tot gehalten hätte. Im Hintergrund hörte Theomedes Menenias nach einem der Diener und frischem Wasser rufen, dann trat auch sein Vater heran, fühlte ihren Herzschlag und sah ihn mit Schrecken geweiteten Augen an.

»Mädchen«, sprach er leise und stand auf. »Sag mir nicht …«

Und dann dämmerte es auch Theomedes. In ihrer Hand hielt Ephianessa eine Scherbe mit einem roten Kreuz darauf. Die Hand zitterte und Tränen rollten ihr über die Wangen. Auch sie war leichenblass geworden, jedoch stand sie kerzengerade da, fast verkrampft.

»Ist das …?« Theomedes konnte es noch immer nicht fassen. Nur langsam realisierte er, was seine Mutter wie einen Blitz getroffen hatte: Ephianessa, seine geliebte Schwester, war auserwählt worden. Die Diener eilten hinaus, Wasser aus einem Eimer schwappte und plätscherte auf den Boden. Sie stürzten zu Hethemesia und gaben ihr Wasser zum Trinken. Theomedes nahm das wie aus weiter Ferne wahr.

»Polybion …«

»Sie muss mit uns kommen, Theomedes. Du kennst das Gesetz von Paraskion. Es tut mir leid.«

Theomedes zog seine Schwester an sich heran, sie schrie auf und ließ die Keramik fallen. »Das lasse ich nicht zu!«

»Nimm die Finger von ihr!«, befahl Demetros. Die Männer traten vor, Speerspitzen zeigten auf ihn und seine Schwester. »Theomedes, sie wird mit uns kommen! Das ist das Opfer, welches die Bürger von Paraskion erbringen müssen. Und jetzt wird diese Familie ihren Beitrag leisten. Stelle keine Dummheiten an, Junge. Es ist beschlossene Sache, die Götter haben entschieden. Auch ich musste bereits eines meiner Kinder hergeben und dennoch stehe ich hier und vollziehe das Gesetz, also nimm dir ein Beispiel an mir und lass sie los.«

»Das werde ich nicht …«, knurrte Theomedes.

»Bruder«, sprach seine Schwester schluchzend. »Lass mich gehen. Demetros hat recht. Wir alle müssen unsere Pflichten erfüllen.«

Doch er gab sie nicht frei. »Wir werden einen Ausweg finden!«

»Es gibt keinen Ausweg!«, widersprach Demetros.

Ephianessa schüttelte den Kopf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Willst du dich mit der ganzen Stadt anlegen?«

»Nein, nicht mit der ganzen Stadt. Ich weiß, dass der König seine Feinde hat …«

»Theomedes«, hörte er jemanden sagen.

»Und dieser Brauch verhasst ist«, sprach er weiter.

Diesmal lauter: »Theomedes!«

»Wir sind nicht allein.«

»Drehe dich um, verdammt!«

Jetzt erst realisiert er, dass es sein Vater war. Menenias blickte ihn mit strengem Blick an, während er neben seiner noch immer ohnmächtigen Mutter kniete, und deutete auf etwas hinter ihm. Theomedes drehte sich um und sah dort eine ganze Schar von Satyrn, angeführt von Basynthes. Der hatte die Hände in die Hüften gestemmt und lächelte auf eine Weise, die nichts Gutes bedeuten konnte.

»Es lohnt sich immer«, begann der Satyr und trat näher, »dem Ritual beizuwohnen, denn hier zeigt sich am ehesten, wer auf wessen Seite ist. Mein lieber Theomedes, der König kennt dich und deinen Vater. Bringe mich nicht dazu, euren guten Namen in Verruf zu bringen, indem ich ihm hiervon berichten muss.«

Er fühlte sich eingekreist zwischen Demetros’ Männern und den Satyrn. Wie er diese Wesen verdammte. Diese nackten, grässlichen, beharrten Untiere. Sie konnten sich noch so menschlich geben, noch so gewählt ausdrücken, doch Theomedes wusste, welche Bestien sich dahinter verbargen. Alle in der Stadt wussten es, aber man schwieg lieber, flüsterte es nur auf den eigenen Treffen oder in den dunklen Gassen der Stadt. Sie wussten es, dennoch gaben sie Monat für Monat eines ihrer Kinder her. Und nun, da es auch seine Schwester getroffen hatte, spürte Theomedes erst, welche Ungerechtigkeit es doch war. Wenn er nur bewaffnet wäre …

»Halt!«, gebot ihm da sein Vater. Der war aufgestanden und fasste ihn an die Schulter. »Ich weiß, was in dir vorgeht. Denke ja nicht daran.«

»Vater, wollt Ihr Eure geliebte Tochter tatsächlich diesen Bestien überlassen?«

»Lass sie los, habe ich gesagt.«

Die Hand des Vaters krallte sich in seine Schulter. Gleichzeitig drang Traurigkeit in den sonst so festen Blick des Mannes, die in Theomedes eine tiefe Resignation bewirkte. Und somit ließ er los.

»So ist es gut«, sagte der Satyr Basynthes. »Du hast einen klugen Vater und eine vernünftige Schwester, du solltest dir an ihnen ein Beispiel nehmen. Alles läuft geregelt ab, wie sonst auch.«

Wie sonst auch, hallte es in Theomedes’ Kopf wider. Wie viele Male machte die Urne bereits die Runde? Wie wütend hatte sich Theomedes damals gezeigt? Wie bereit war er gewesen, die Töchter und Söhne anderer Familien zu verteidigen? Die Wahrheit war, dass er nur jetzt, als es seine Schwester traf, bereit war, etwas zu unternehmen. Diese Erkenntnis machte ihn nur noch wütender. Gewiss kannte er Familien, deren Kinder mitgenommen wurden und er hatte sein Beileid ausgesprochen. Doch war es nicht heuchlerisch, nur dann zur Tat schreiten zu wollen, wenn es um seine eigene Schwestern ging?

»Verabschiede dich, Kind«, sprach Polybion zu Ephianessa.

Sie zögerte. »Meine Mutter ist nicht aufgewacht. Ich würde mich auch gerne von ihr verabschieden.«

Polybion schaute zu Menenias hinüber.

»Riechsalz«, sprach der. »Holt Riechsalz aus dem Haus.«

Die Diener nickten und sprangen auf. Schweigen bemächtigte sich der Straße, nur Ephianessas leises Schluchzen war zu hören. Sie versuchte es zu unterdrücken und hielt die Hand vor den Mund. Doch den Tränenfluss konnte sie nicht zum Versiegen bringen.

Menenias trat als Erster an sie heran. Er nahm seine Tochter in den Arm und flüsterte ihr Worte zu, die nur für sie bestimmt waren. Die Diener kamen zurück und hielten Hethemesia das Riechsalz unter die Nase. Sie wachte auf und erinnerte sich sogleich daran, was vorgefallen war. Anders war ihre beinahe hysterische Art aufzustehen und sich sofort nach der Tochter umzuschauen, nicht zu erklären. Sie fand sie noch immer von Menenias umschlungen und warf sich um den Hals der Tochter. Die drei bildeten ein schluchzendes Bündel aus Armen. Schließlich lächelte Ephianessa die beiden an. Es war das tapferste Lächeln, das Theomedes jemals gesehen hatte.

Mutter und Vater ließen von ihr ab. Theomedes war an der Reihe. Ephianessa hatte sich ausgeheult, hatte sich gefasst und mit ihrem Schicksal abgeschlossen. Stattdessen spürte nun Theomedes, wie ihm die Tränen zu kommen drohten und Wut sich in Schmerz wandelte. Was sollte er nur zu ihr sagen?

»Theomedes«, sprach sie mit zitternder Stimme.

Ja, was sollte er nur sagen?

»Lebewohl.« Sie drückte sich an ihn.

»Nein«, brachte er nur hervor. Er achtete darauf, dass niemand sonst es hörte. Er nahm sie in den Arm und flüsterte ihr zu: »Ich finde einen Weg.«

Eine letzte Träne schenkte Ephianessa ihm noch, bevor sie diese mit der Hand wegwischte. »Natürlich. Aber bitte bringe dich nicht selbst in Gefahr.«

Dass er genau das vorhatte, verschwieg er. Ephianessa wartete nicht auf eine Antwort, sondern zog seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn auf die Stirn. Theomedes schmiedete still seine Pläne. Aus der Verzweiflung geborene Entschlossenheit stieg in ihm auf.

 

*

 

Die Familie sagte alle Erledigungen ab, die für diesen Tag geplant waren. Seine Mutter verbrachte ganze Stunden damit, im Frauengemach zu heulen – zuerst noch laut, sie weinte sich die Seele aus dem Leib, dann hörte man sie nur noch leise schluchzen. Der Rest des Hauses hüllte sich in Schweigen, sogar die Diener wagten nicht, den Hausherrn anzusprechen. Der saß im Garten, nahm weder etwas zu Essen zu sich, noch verlangte er, seine Trauer in Wein zu ertränken. Nach einigen Stunden wurde es dunkel, die Nacht brach herein und Menenias starrte die Sterne an.

Theomedes war in den Garten getreten, da er sich sorgte, dass sein Vater an Kummer gestorben wäre. Er hatte Geschichten von Eltern gehört, die vor Trauer über den Verlust ihrer geliebten Kinder bald selbst aufhörten zu leben. Doch Theomedes hörte seinen Vater seufzen, sah den Brustkorb sich heben und dessen Augen feucht werden. Menenias hatte ihn nicht bemerkt, so schien es jedenfalls. Der Sohn wagte es nicht, sich zu seinem Vater zu gesellen, vielleicht wollte er in diesem Zustand nicht gesehen werden oder brauchte lediglich Zeit für sich. Außerdem hatte Theomedes eigene Pläne.

Zu diesem Zeitpunkt kümmerte sich niemand um die Truhe. Theomedes öffnete den Deckel und hell schimmerte die Bronze in den Klingen. Zuerst nahm er das breite Kurzschwert an sich. Eine Waffe, die bereits Menenias geführt hatte und auch Theomedes in den letzten Krieg begleitet hatte. Zu der blattförmigen Klinge gehörte die passende Scheide, die er sich um den Brustkorb band. Auf Schild und Speer wollte er verzichten, sie waren zu auffällig. Doch mit nur einem Schwert fühlte er sich etwas schutzlos. Der Dolch mit seiner gebogenen Schneide, der sich ebenfalls in der Truhe befand, schien ihm ein guter Ersatz. Theomedes verbarg ihn in seinem Hemd. Als Nächstes legte er Arm- und Beinschienen an, doch verzichtete er auf Helm und Brustpanzer.

Theomedes hatte es sich erlaubt, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten. Die ›auserwählten‹ Kinder wurden nicht sofort ins Labyrinth geworfen, es folgten ein paar Rituale im Tempel, um sich den Anschein eines echten Rituals zu geben. Angeblich betraten sie erst, wenn die Dämmerung einbrach, das Labyrinth. Die Dunkelheit sollte auch Theomedes nutzen, denn er wollte nicht gesehen werden.

Schwert und Dolch, Arm- und Beinschienen. Dabei sollte es bleiben. Er war bereit. Doch jemand fehlte noch. Leider war er bei seinem Vorhaben auf eine bestimmte Person angewiesen.

Theomedes hastete und versuchte dabei, die offene Straße zu meiden. Zum Glück wohnte die Person nicht weit von seinem Elternhaus entfernt.

Schließlich erreichte er das Anwesen von Sikulus. Niemand arbeitete mehr im Hof, aber wie Theomedes erwartet hatte, brannte Licht in seiner Werkstatt.

Theomedes schritt über den Hof und klopfte an die Tür.

»Ja?«, fragte Sikulus aus der Werkstatt heraus. Die Tür wurde geöffnet und Sikulus blinzelte Theomedes überrascht an. »So spät hier? Was wollt Ihr?«

»Euer Vater Rhodokus, er war der Architekt des Labyrinthes, richtig?«, fragte Theomedes.

»Rhodokus? Ja, das war er … Theomedes, was ist los mit Euch? Ihr seid bewaffnet.«

»Sie haben Ephianessa.«

»Ephianessa? Sie? Wer sind sie?«

»Der König. Nekarios.« Theomedes musste erst seine Gedanken ordnen. Er atmete tief ein und dann aus. »Ephianessa hat das Los gezogen. Sie befindet sich nun im Labyrinth und wenn wir sie nicht dort herausholen, wird der König sie umbringen.«

Wieder blinzelte der Tüftler, dann weiteten sich seine Augen. »Nein«, sprach er mit brüchiger Stimme.

»Doch. Ich plane, sie dort herauszuholen. Nur deshalb wende ich mich an Euch.« Es kostete ihm Überwindung, seine Hand auf die Schulter des Wirrkopfs zu legen. »Und ich brauche Eure Hilfe. Ihr müsst doch irgendetwas über dieses Labyrinth wissen, oder?«

Sikulus wich einen Schritt zurück, mit noch immer geweiteten Augen auf Theomedes starrend. »Aber es ist Gesetz … Der König wird uns umbringen.«

Er drehte sich um und verschwand halb in der Dunkelheit der Werkstatt. Hatte Theomedes auf den falschen gesetzt? Würden die Verlobung und die Zuneigung Sikulus’ nicht ausreichen, ihn zu dieser Tat zu bewegen? Gewiss handelte es sich um ein gefährliches Unterfangen und sie beide könnten den Zorn des Königs auf sich ziehen. Was ihren Tod zur Folge haben könnte. Doch hatte Sikulus ihnen noch vor wenigen Tagen versichert, dass er sich auf ihre Seite schlagen würde. Konnte Theomedes jetzt nicht dasselbe von ihm erwarten?

Da kam ihm in den Sinn, dass der Tüftler dem König doch treuer ergeben sein könnte, als er eingeschätzt hatte. Dass Sikulus nicht nur Ephianessa nicht zu befreien gedachte, sondern ihn ebenfalls beim König verraten könnte. Dieser Gedanke schoss Theomedes gerade erst durch den Kopf, da erfüllte sie ihn bereits mit Zorn und ließ ihn zum Dolch greifen. Noch befand es sich in seinem Hemd, versteckt und doch bereit, zuzuschlagen.

»Mein Vater hatte den Auftrag, das Labyrinth so zu bauen, dass der einzige Ausgang auch der Eingang ist. Und dieser wird mit Sicherheit bewacht werden«, sagte Sikulus. Er ging tiefer in die Werkstatt hinein und kramte nach etwas.

Details

Seiten
434
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937480
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535058
Schlagworte
krieger göttin

Autor

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Titel: Die Krieger der Göttin