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Der Railroad-Bluff

2020 113 Seiten

Leseprobe

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Der Railroad-Bluff

Copyright

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Der Railroad-Bluff

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Greg Jayson war einst Mitglied der Drury-Bande. Als der Bandenboss ihn wieder anwerben will, weigert er sich. Die Kopfgeldjäger um Phil Raskin verfolgen Drury, und Jaysons Frau wird durch eine verirrte Kugel getötet. Das macht Greg zu einem unerbittlichen Verfolger der Mörder seiner großen Liebe.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Sechs Pferde standen vor dem Ranchhaus. Ihr Fell war staubig, die Nüstern schaumverklebt. Gewehrkolben ragten aus den Scabbards. Greg Jayson zügelte seinen Braunen im Schatten neben dem Stall. Seine Rechte umspannte den Revolverknauf. Die Blätter der alten Sykomore raschelten, das Windrad knarrte. Die Sonne stand tief im Westen. Kein Rauch stieg aus dem Kamin.

Greg kam aus dem Owl Canyon. Er hatte den ganzen Tag Kälber gebrändet. Seine Frau Clancy hatte sich daran gewöhnt, allein auf der Ranch zu sein. Es kam selten vor, dass das junge Paar Besuch erhielt, schon gar nicht zur Roundup-Zeit. Plötzlich drang Poltern und dröhnendes Lachen aus dem Haus. Scherben klirrten. Ein Schrei gellte. Clancy!

Dann flog die Tür auf, Gregs Frau stürzte heraus.

Ihr blondes, sonst im Nacken verknotetes Haar stand zerzaust um das erhitzte Gesicht. Einen Moment hielt sie sich am Vordachpfosten fest. Ein breitschultriger Mann tauchte in der Tür hinter ihr auf. Er hielt einen Fetzen von Clancys Bluse in der Faust.

»Hiergeblieben, Hübsche!«

Clancy floh über die Vorbaustufen. Sie wollte zu den Pferden. Lachend flankte der Breitschultrige über das Geländer und erwischte sie am Arm. Clancy stieß abermals einen Schrei aus. Der Mann riss sie an sich.

Da bemerkte er den Reiter.

Greg preschte mit erhobenem Remington auf ihn zu, konnte aber nicht schießen, da er sonst Clancy gefährdet hätte.

Fluchend stieß der Breitschultrige die Frau zu Boden. Seine Hand fuhr zum Colt. Da war der Reiter heran.

Greg warf sich auf ihn. Der Hieb mit dem Remington verfehlte den Mann jedoch. Greg rollte durch den Sand, federte hoch, und da erkannte er den Mann.

»Bates!«

Der Breitschultrige kniete. Sein Sechsschüsser steckte noch halb im Leder Stoppelbart umrahmte das fleischige Gesicht. Er starrte den Smallrancher böse an.

Greg war achtundzwanzig, ein schlanker, kräftiger, dunkelhaariger Mann, dem das Leben nichts geschenkt hatte. Das Knacken mehrerer Revolverhähne bannte ihn. Schritte malmten.

»Kanone weg, Amigo!«, befahl eine raue Stimme.

Im selben Augenblick wusste Greg, dass eine düstere Vergangenheit ihn eingeholt hatte. Der Revolver kam ihm auf einmal bleischwer vor. Müde halfterte er ihn. Der Breitschultrige stemmte sich hoch. Seine kleinen, hellen Augen glitzerten.

»All right, Jayson, dann wollen wir mal sehen, wie viel du verträgst.«

»Wenn du ihn anrührst, Bates, leg ich dich um.« Das war wieder die raue Stimme. Sie gehörte einem knapp mittelgroßen,gedrungenen Mann. Er war um die Fünfzig. Sein bärtiges Gesicht war verlebt. Narben und Falten durchzogen es. Der Stetson hing an der Windschnur auf dem Rücken. Das eisengraue Haar glich einer Bürste. Grinsend schob er den Colt ins Holster.

»Hallo, Greg! Da staunst du, eh? Ich bin‘s wirklich.«

»Hallo, Sam!«

Greg half Clancy auf die Beine, die die staubbedeckten, abgerissenen Gestalten ängstlich musterte. Außer Sam Drury und Jim Bates standen noch drei Männer, die nun ihre Schießeisen sinken ließen, auf dem Ranchhof. Einer hielt das Ende eines Seils, mit dem die Hände eines hageren, lederhäutigen Mannes gefesselt waren. Ein Fünfzack blinkte an der Lederweste des Gefangenen.

Die junge Frau klammerte sich an Greg.

»Wer sind diese Männer?«

»Alte Freunde von Greg. Tut mir leid, Ma‘am, wenn Bates Sie erschreckt hat.« Drury steckte eine dicke Brasil zwischen die Zähne. »Junge, ich freu mich, dich wiederzusehen. Hatte keine Ahnung, dass du inzwischen verheiratet bist. Wie lange schon?«

»Ein halbes Jahr.«

Drury kniff ein Auge zu. »Weiß sie Bescheid?«

»Clancy weiß, dass ich früher in deiner Bande ritt und dafür zwei Jahre gesiebte Luft atmete. Was wollt ihr?«

»Reden wir später drüber. Wir sind eben erst angekommen. Ich bin durstig und müde und möchte endlich wieder mal die Beine unter ‘nem Tisch ausstrecken. Bates, Leach, bringt die Gäule in den Corral! Strode, Hogan, nehmt den Marshal mit ins Haus! Greg, du kennst Wheeler ja.« Der Anführer der wilden Horde lachte. »Es war Don Wheeler, damals noch Deputy vom alten Feuerspucker Hancock, der dir zu den zwei Jahren hinter Gittern verhalf, stimmt‘s?«

»Das ist lange her.«

Drury überging die Einschränkung. »Wir haben Wheeler drüben am Whitestone Creek geschnappt. Er klebte seit dem Tag auf meiner Fährte, wo ich aus dem Zuchthaus entlassen wurde. Weiß der Teufel, woher er wusste, dass ich meine alte Crew wieder zusammenhole.«

»Ich kenn‘ dich eben, Drury«, bemerkte der Gefangene ruhig. »Wenn damals die Beweise ausgereicht hätten, wärst du nicht in den Steinbrüchen, sondern am Galgen gelandet.«

»Pech für dich, Marshal.« Zorn blitzte in Sam Drurys Augen, aber er lachte. »Gehen wir rein, Greg.«

Greg, der einen Arm um Clancy gelegt hatte, rührte sich nicht.

»Sam, du hast nicht richtig aufgepasst. Du wüsstest sonst, dass ich nichts mehr mit euch zu schaffen haben möchte.«

»Was sind denn das für Töne? Hast du vergessen … Ach so, ich verstehe! Junge, du kennst doch Bates. Nimm den Zwischenfall nicht ernst. Soll auch nicht wieder vorkommen. Mein Wort drauf, Amigo!«

Greg schüttelte den Kopf.

»Reitet! Clancy und ich wollen unseren Frieden. Außerdem rate ich dir, Wheeler freizulassen, solange sonst niemand zu Schaden kam.«

»Junge, was ist bloß mit dir?« Drury musterte ihn prüfend. »Ich erkenne dich ja nicht wieder.«

»Ich bin keine achtzehn mehr, Sam. Der Heißsporn von damals, für den die Postkutschenüberfälle und Rinderdiebstähle ein tolles Abenteuer waren, ist für immer im Jail geblieben.«

»Fehlt bloß noch, dass du dich bei Wheeler bedankst.« Drury nahm die Zigarre aus dem Mund und spuckte aus. »Mann, wenn du erst erfährst, was ich vorhabe und wie viel für jeden von uns dabei rausspringt …«

»Die vergangenen zehn Jahre sollten dir eigentlich ‘ne Lehre sein, Sam.«

Sekundenlang schien es, als wollte Drury sich auf den Smallrancher stürzen. Die Narben und Falten in seinem Gesicht zuckten.

»Du weißt nicht, wovon du sprichst, Junge. Zehn Jahre in den Steinbrüchen, das ist schlimmer als der Tod. Das sind zehn Jahre, in denen du Tag für Tag die Hölle erlebst, bis du entweder zerbrichst, den Verstand verlierst oder selbst zu einem von diesen verdammten Felsen wirst, die du mit der Spitzhacke bearbeitest. Nein, du kannst es dir nicht vorstellen. Ich war mit Burschen zusammen, die nach zwölf Monaten Amok liefen, damit sie ‘ne Kugel kassierten. Ich hab baumstarke Männer erlebt, die in der Hälfte der Zeit, die ich dort verbrachte, zu Wracks wurden und krepierten. Andere wurden auf der Flucht erschossen. Ich hab‘s selbst mal versucht und schleppe seitdem ‘ne Bleibohne mit mir ‘rum.«

Der Bandenboss paffte heftig.

»Was mich am Leben erhielt, war der Wunsch, eines Tages zurückzukehren und den Bastarden, die mich in jenes Höllenloch steckten, alles heimzuzahlen. Jede Nacht schmiedete ich Pläne. Und jetzt, wo bald ganz Colorado vor mir zittern wird, faselst du von Frieden. Mir wird übel davon!«

»Du kannst nicht auf mich zählen, Sam.«

»Du hast ‘ne hübsche Frau, Amigo. Sie hat was Besseres verdient, als auf ‘ner Drei-Kühe-Ranch in den Kenosha Hills zu verblühen. Außerdem vergisst du, dass ich dir damals, als Raskin und seine Kopfgeldjäger hinter uns her waren, das Leben rettete.«

»Ich hab‘s nicht vergessen.«

Drury schob die Daumen hinter den Revolvergurt und grinste.

»Dann weißt du ja, dass du uns zumindest ein Nachtquartier schuldest. Wir warten auf Jesse Lorman, der mit Bürden, McKenzie und noch ein paar anderen aus Leadville rüberkommt. Ich hab ihm deine Ranch als Treffpunkt genannt. Morgen früh verschwinden wir wieder. Vielleicht überlegst du‘s dir und reitest mit.«

 

 

2

Kojotengeheul kam aus den nächtlichen Hügeln. Die Petroleumlampe beleuchtete Drurys bärtiges Gesicht. Er schob die Pokerkarten zusammen und lehnte sich zurück.

»Wie wär‘s mit ‘ner warmen Mahlzeit, Mistress Jayson? Ich kann mich fast nicht mehr erinnern, wie ein Steak mit Bratkartoffeln schmeckt.«

Der Aschekegel von seiner Brasil fiel auf den Fußboden. Die Tischplatte war mit leeren Gläsern, Schnapslachen und Zigarettenkippen bedeckt. Die Banditen grinsten. Bates, der auf einer Kiste neben dem Gefangenen saß, schnitzte an einem Holzstück. Er belauerte die junge Frau.

Clancy wollte aufstehen. Greg hielt sie fest. Sie saßen auf der Bank an der fensterlosen Schmalseite.

»Es sind noch Bohnen von gestern da. Ihr braucht sie nur aufs Feuer zu stellen. Brot liegt im Kasten. Erwartet nicht, dass Clancy euch bedient.«

»Du bist nicht sehr gastfreundlich, Greg.«

»Ich such mir gewöhnlich die Gäste auch selbst aus.«

Bates drehte den massigen Schädel. »Wird Zeit, dass ich ihm sein Maul stopfe, Sam.«

»Ich sag‘s dir schon, wenn‘s soweit ist. Außerdem würdest du, wenn mich nicht alles täuscht, den Kürzeren ziehen. Zehn Jahre sind zwar ‘ne lange Zeit, aber ich wette, Greg ist noch genauso fix mit der Kanone und den Fäusten.«

»Lassen Sie Greg endlich in Ruhe!«, rief Clancy, ein Zittern in der Stimme. Drury betrachtete die glühende Zigarrenspitze.

»Hat Greg Ihnen nicht erzählt, Ma‘am, dass ich wie ein Vater zu ihm war? Ich will auch jetzt nur sein Bestes.«

»Hör auf, Sam! Gleich kommen mir die Tränen.«

Drury grinste.

»Zwanzigtausend Bucks sind allemal für dich drin, Amigo. Na, da bleibt dir die Spucke weg, was? Mein Plan wird ein Jahrhundert-Ding!«

»Was hast du vor?«

»Das erfährst du, wenn du mitmachst. Du könntest uns nützlich sein. Dein Alter war Lokführer und hat dich, bevor er bei dem Zugunglück ums Leben kam, oft mitgenommen. Hast mal geprahlt, du wüsstest, wie man ‘ne Lok bedient.«

»Damals war ich achtzehn.«

»So was vergisst einer nicht.«

»Hast du‘s auf ‘nen Geldtransport der Denver and Rio Grande Railroad abgesehen?«

»Wart‘s ab.«

»Alles, was dabei rauskommt, wird ‘ne Hanfkrawatte sein, die der Henker dir anpasst, Drury«, mischte sich Don Wheeler ein. Er war an den Stützpfosten in der Mitte des trüb erhellten Raums gefesselt. Bates schlug ihn ins Gesicht.

»Du redest nur, wenn man dich was fragt! Kapiert?«

Der Marshal schwieg. Seine Nase blutete. Der breitschultrige Bandit hielt ihm das Bowiemesser an den Hals.

»Ich will wissen, ob du mich verstanden hast!«

Seine Kumpane grinsten. Leach war draußen. Er passte auf, dass sie keinen ungebetenen Besuch erhielten.

Clancy sprang auf. Rote Flecken brannten auf ihren Wangen.

»Mein Gott, was seid ihr bloß für Menschen?«

»Freunde von Greg«, wiederholte der Bandenboss kalt. Seine Rechte verschwand unter der Tischkante.

»Lass die Kanone stecken, Greg. Bates könnte durchdrehen. Das war schlimm für den Marshal.«

»Warum, zum Teufel, schleppen wir den Sternträger überhaupt mit?«, murrte Bates, das Messer an Wheelers Hals. Drury seufzte.

»Hombre, du hast deinen Kopf auch bloß zum Hut aufsetzen. Ein waschechter US-Marshal fällt einem als Trumpfkarte nicht alle Tage zu. Steck das Messer weg. Ich will keinen Streit mit Greg!«

»Ich mach trotzdem nicht mit.«

»Du verpasst die Chance deines Lebens …«

Drury lauschte. Die Pferde im Corral wieherten und stampften. Die Kojoten waren verstummt, der Wind war abgeklungen. Dunkelheit umgab die kleine Ranch. Vereinzelte Sterne funkelten zwischen den Wolkenbänken. Die Berge im Westen ragten wie eine schwarze Mauer auf.

Ein neuerliches Wiehern drang ins Haus. Da packte Drury die Winchester, die neben ihn an der Balkenwand lehnte.

»Bates, sieh nach, was los ist! Ich reiß Leach die Ohren ab, wenn er pennt.«

Bates steckte das Bowieknife in die Lederscheide am Gürtel, nahm ebenfalls das Gewehr und stapfte zur Tür. Gleichzeitig drehte Drury den Lampendocht zurück. Wahrscheinlich rettete er Bates damit das Leben.

Die Schüsse vom Rand der Hügel, die bis an den Corral und die Nebengebäude heranreichten, zertrümmerten die Fenster und fetzten fingerlange Späne vom Türrahmen. Eine Kugel ritzte Bates am Hals, eine zupfte an seiner schenkellangen Jacke. Fluchend prallte der Bandit zurück.

»Runter, du Narr!«, brüllte Drury. Er fegte mit der Winchester die Lampe vom Tisch und sprang zur Wand. Zum Glück entzündete sich das auslaufende Petroleum nicht.

Bates ließ sich fallen und kroch zum nächsten Fenster. Hogan stieß mit dem Gewehr die Tür zu, und Strode schoss auf das aus der Nacht zuckende Mündungsfeuer.

»Sie haben Leach erwischt!«

Ein Kugelhagel beutelte das Gebäude. Splitter umwirbelten den Pfosten, an den Wheeler gefesselt war. Clancy klammerte sich an Greg.

»Bindet mich los!«, verlangte der Marshal.

Die Gewehre der Banditen krachten. Drury schwang die qualmende Waffe herum.

»Greg, du kennst mich. Sag deiner Frau, dass ich schieße, wenn sie dem Sternträger hilft.«

»Geh zum Teufel, Sam!«

Wieder fielen Schüsse. Dann rief eine mitleidlose Stimme: »He, Drury, du hättest in den Steinbrüchen bleiben sollen. Diesmal beißt ihr alle ins Gras.«

»Mann, das gibt‘s nicht! Es ist Phil Raskin!«, stieß Hogan hervor. Der Mond, der zwischen den Wolken hervortrat, leuchtete durch die zerschossenen Fenster. Erschrocken sahen die Banditen einander an. Drury hatte noch die Brasil zwischen den Zähnen.

»Ich dachte, den hätte längst der Teufel geholt.«

»Da hast du falsch gedacht«, meldete sich Wheeler. »Nachdem du Raskins Familie ermordet und seine Ranch zerstört hast …«

»Dafür gibt‘s keine Beweise.«

»Sicher, sonst hätte der Richter dich gleich unter den Galgen geschickt. Raskin ist überzeugt, dass du‘s warst. Er fand in kein geordnetes Leben mehr zurück, blieb Kopfgeldjäger, wurde Boss einer gefürchteten Meute. An der mexikanischen Grenze ist er als Banditenschreck bekannt, der es selbst mit dem Gesetz nicht so genau nimmt. Zehn Jahre hat er drauf gewartet, dass du deine in alle Richtungen verstreute Mannschaft wieder zusammenrufst.«

»Wie du, Marshal.« Drurys Augen funkelten gefährlich. »Es würde mich interessieren, wie Raskin erfuhr, dass mein Entlassungstermin vier Wochen vorverlegt wurde.«

»Das musst du ihn fragen.«

»Raskin!«, rief Drury. Er fluchte, als mehrere, Kugeln durchs Fenster pfiffen. Die Töpfe und Pfannen am Kamin schepperten. Den Schüssen nach waren es mindestens zehn Mann, die Gregs Ranch umstellt hatten. Aufgeregt liefen die Pferde von einer Corralseite zur anderen.

»Wir haben US-Marshal Wheeler!«, schrie Drury. »Wenn ihr nicht verschwindet, legen wir ihn um.«

Die Antwort war ein erneuter Bleihagel. Die Balkenwände bebten. Wütend schossen die Banditen zurück. Ein ohrenbetäubendes Krachen füllte das Haus.

Plötzlich lief Clancy zu Wheeler. Sie hielt ein Küchenmesser, mit dem sie ihn losschneiden wollte.

Da zuckte sie zusammen, schwankte und ließ das Messer fallen. Greg konnte sie gerade noch auffangen.

 

 

3

Der Mond leuchtete das von Kugeleinschlägen zernarbte Ranchhaus aus. Schweiß glänzte auf den Gesichtern der Männer. Die Dielen waren mit Scherben und leeren Patronenhülsen übersät.

Zusammengesunken kniete Greg Jayson neben seiner toten Frau. Er hielt ihre rechte Hand. Clancys Lider waren geschlossen. Ihr schmales Gesicht wirkte entspannt. Es sah aus, als schliefe sie.

Seit einer Weile war nur das Stampfen und Schnauben der Pferde im Corral zu hören. Aber alle im Haus wussten, dass Raskin und seine Kopfgeldjäger auf der Lauer lagen.

Bates zählte seine Patronen.

»Neun Schuss, dann ist Feierabend! Zum Teufel mit allen Kopfgeldjägern! Wie steht‘s mit eurer Munition, Amigos?« Hogan besaß noch elf Patronen, Strode acht. Bates knurrte: »Verdammt, wo Jesse bloß solange bleibt! Wenn die Kerle angreifen, sind wir erledigt. Sam, wir müssen zu den Pferden!«

»Genauso gut kannst du dir ‘ne Kugel in den Kopf schießen, Mann!«

»Lasst mich frei, dann sorge ich dafür, dass Raskin mit seinen Leuten abzieht«, schlug Wheeler vor.

Drury sah ihn misstrauisch an.

»Steckst du also doch mit Raskin unter einer Decke? Rechne dir nichts aus! Wenn wir zur Hölle fahren, begleitest du uns!«

Wheeler presste die Lippen zusammen. Der Pfosten, an dem er saß, war eine Handbreit über seinem Kopf bis zur Decke hinauf von Gewehrkugeln zerschrammt. Der Marshal hatte es aufgegeben, an den Fesseln zu zerren. Seine Handgelenke waren wund gescheuert. Das Messer lag außer Reichweite.

Drury lud die Winchester durch. Eine Wolke schob sich vor den Mond. Fahle Dunkelheit senkte sich auf die Ranchgebäude. Plötzlich gellte ein Schrei von den Hügeln. Hufe trommelten, Schüsse fielen.

Drury hob den Kopf wie ein witterndes Raubtier. Nur Greg zeigte keine Reaktion. Er kniete da, als hätte die Umgebung zu existieren aufgehört. Am Hofrand blitzten Gewehre und Colts. Männer schrien, Pferde wieherten.

»Jesse«, keuchte Bates.

Drury hob die Hand, als er zur Tür wollte.

»Warte! Raskin ist ein mit allen Wassern gewaschener Bastard. Es könnte ein Trick sein.«

Sie horchten gespannt. Raskin schrie irgendwelche Befehle, die in dem Stakkato der Revolver und Gewehrschüsse untergingen.

»Amigos, worauf wartet ihr?«, schallte es von der Remise. Bates schwang sein Gewehr.

»Yaahuu! Mach sie fertig, Jesse, alter Kumpel! Mach sie fertig!«

Hufschlag brauste am Rand der Hügel entlang. Der Lärm entfernte sich.

»All right, verschwinden wir!«, entschied Drury. »Nehmt Wheeler mit.«

Bates stürmte auf die Veranda. Strode und Hogan banden den Gefangenen los. Kein Schuss wurde mehr auf das Ranchhaus abgefeuert. Aber jenseits der Hügelkuppen, die sich schwarz und düster vor dem Nachthimmel abhoben, krachte es immer noch. Strode und Hogan schleppten den Marshal zum Corral. Bates sah nach, wo Drury blieb. Der bärtige Anführer berührte Gregs Schulter.

»Junge, du kannst nichts mehr ändern. Irgendwann zahlen wir‘s Raskin heim. Komm jetzt!«

Greg hob den Kopf. Sein Gesicht war aschfahl, von dunklen Linien durchzogen.

»Du und deine Männer, Sam, ihr seid genauso für Clancys Tod verantwortlich wie Raskin und seine Killer.«

»Red keinen Blödsinn, verdammt noch mal!«

Drury trat zurück, als der zwanzig Jahre Jüngere sich erhob und den Revolvergriff umklammerte. Bates hob das Gewehr.

»Zur Seite, Sam! Ich leg ihn um!«

»Nein, zum Teufel!«

Doch Bates‘ hasserfüllte Stimme wirkte auf Greg wie ein Peitschenhieb.

Er drehte sich, sein Remington schwang hoch.

Bates wollte abdrücken. Da schlug Drury den Smallrancher mit der Winchester nieder.

 

 

4

Jesse Lorman, Drurys Adjutant, war ein sehniger, falkenäugiger Sattelpirat, der zwei schwerkalibrige Sechsschüsser auf den Oberschenkeln trug. Er begrüßte Drury mit einem Lachen und kräftigem Händedruck.

»Schätze, ich hab mir ‘nen Orden verdient, Sam. Wo steckt Leach?«

»Wo wir alle mal landen«, antwortete Drury achselzuckend. Prüfend musterte er die Reiter hinter Lorman. Es waren verwegene Kerle, alle mit Gewehren, Revolvern und Messern bestückt. Drei oder vier waren früher schon mit Drury geritten. Er konnte sich darauf verlassen, dass auch die restlichen ausgesucht harte Brocken waren. Patronengurte kreuzten sich über ihren Oberkörpern. Sie waren wie für einen Feldzug ausgerüstet. Eine Remuda Pack- und Reservepferde gehörte dazu.

»Sieh mal an, noch ein alter Bekannter«, dehnte Lorman, als sein Blick auf Don Wheeler fiel. Da preschte ein Reiter über die inzwischen wieder vom Mond beglänzten Kämme.

»Sie kommen!«

Die Verfolger tauchten in einer Hügelkerbe auf. Ein dunkler, waffenstarrender Pulk von Reitern, die sofort das Feuer eröffneten. Mündungsblitze beleuchteten die über die Pferdehälse gebeugten, von Ponchos und Mänteln umflatterten Gestalten. Eine Kugel streifte Drurys Pferd. Wiehernd stieg es.

»Fort!«, brüllte er. Die Bande stob auseinander.

Lorman, Bates und noch ein paar der Neuen schossen auf die Angreifer. Blei pfiff, Pulverdampf brodelte.

Plötzlich stieß Wheeler einen dumpfen Schrei aus und sank nach vorn. Bevor Strode, an dessen Sattel Wheelers Pferd festgebunden war, ihn festhalten konnte, kippte der Marshal seitlich herab. Hufe stampften vorbei. Die Schüsse der Kopfgeldjäger trieben die Bande in die Flucht.

Gleich darauf näherte sich Hufgetrappel dem im Gras Liegenden. Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Ein Mann schimpfte.

»Verdammt, sie haben Ersatzpferde. Die holen wir nicht mehr ein.«

Raskin blieb gelassen.

»Wenn wir sie heute nicht kriegen, dann ein andermal. Eher fließt der Mississippi stromauf, als dass mir dieser Dreckskerl Drury durch die Lappen geht. Well, wir reiten erst mal nach Colorado Springs.«

Der Hufschlag verlangsamte sich.

»Da liegt einer!«, rief der Kerl, der anfangs gemurrt hatte. Gewehrschlösser knackten. Die Pferde standen. Dann kamen sporenklirrende Schritte auf den Marshal zu, der zusammengekrümmt auf der Seite lag. Riemen umspannten seine Handgelenke. Der Schatten des Kopfgeldjägers fiel auf ihn.

»Verdammt, das ist Wheeler!«

»Mist!« Der Mann, der abgestiegen war, beugte sich über den scheinbar Toten.

»Lass ihn liegen!«, befahl Raskin. »Es wird so aussehen, als hätten Drurys Leute ihn erschossen, als er zu fliehen versuchte.«

»Auch ‘ne Grabrede, nur ein bisschen zu früh.«

Der »Tote« kniete plötzlich, den Colt des verdattert neben ihm stehenden Mannes in den ausgestreckten gefesselten Händen. Die Waffe schimmerte bläulich. Die Mündung wies auf Raskin.

Ein hartes Grinsen spannte das Ledergesicht des Marshals. Die Reiter bewegten sich nicht. Ihr Anführer war ein breitschultriger, sichelbärtiger Mann mit schmalen, stechenden Augen, groben Wangenknochen und hartem Mund. Er glich einem Nachfahren von Dschingis Khan. Ein Goldring funkelte an seinem linken Ohr. Er trug einen Prinz-Albert-Rock, Weste, Röhrenhose, alles pechschwarz. Von gleicher Farbe waren die Stiefel und der flachkronige Hut. Der weiße Hemdkragen stach deutlich davon ab. Raskins Pferd war ein Schimmelhengst. Die Hände ruhten auf dem Sattelhorn.

»Feiner Trick, Marshal.«

Wheeler stand auf. Im Mondlicht besaßen seine Augen einen stählernen Glanz.

»Wie viele Morde hast du auf diese Weise schon anderen in die Stiefel geschoben?«

»Was willst du, Marshal? Wir sind hinter der Drury-Bande her. Du kannst uns ohne Zeugen nichts anhängen.«

»Du vergisst Jayson.«

»Ein lausiger Bandit, der über kurz oder lang in einer Reihe mit seinen ehemaligen Kumpanen baumeln wird.«

»Ihr habt seine Frau erschossen.«

»Verdammt!«, entfuhr es dem Kerl, dessen Schießeisen Don Wheeler hielt. Raskin lenkte den Schimmel so dicht vor den Marshal, dass er ihm den Blick auf die übrigen Reiter versperrte.

»Wir sind Banditenjäger. Das Gesetz steht genauso hinter uns wie hinter dir. Ich hatte keine Ahnung, dass Jayson verheiratet ist. Er bot Drury und seinen Halunken Unterschlupf. Also bestand kein Grund, ihn zu schonen …«

»Es gibt da einiges, was du nicht weißt, Raskin«, unterbrach Wheeler kalt. »Zum Beispiel wurde Jayson von seinen ehemaligen Kumpanen nicht gefragt, ob sie ihm willkommen waren. Dazu hat Drury seine Strafe verbüßt. Wenn du ihn hundertmal für den Mörder deiner Angehörigen hältst, so gibt dir das noch nicht das Recht …«

»Übertreib‘s nicht, Marshal! Immerhin bist du selbst hinter Sam Drury her!«

»Um ‘rauszufinden, was er plant.«

»Ich werde ihn, ob‘s dir passt oder nicht, zur Hölle schicken, sobald ich ihn vor die Knarre bekomme. Und für alle, die zu ihm halten, Mann oder Frau, ist ebenfalls schon die Kugel gegossen. Kein Mensch wird je erfahren, was auf Jaysons Ranch geschah, sollte dir, hm, was zustoßen.«

Ein Grinsen flackerte wieder auf Wheelers Gesicht.

»Wenn du auf die Kerle hoffst, die da hinten an ihren Schießeisen rumfummeln – vergiss sie. Wenn hier geschossen wird, bist du der erste, der auf die Nase fällt.«

Die Bewegungen erstarben. Nur die Pferde prusteten, und von weit her kam wieder Kojotengeheul. Der Schwarzgekleidete bog den Kopf zur Seite und spuckte aus.

»Sonst noch was?«

»Allerdings. Ich brauch ein Pferd.«

Der Kopfgeldjägerboss blickte mit verkniffener Miene auf Wheelers Waffe.

»Gib ihm den Falben, Cliff. Du kannst bei Tom aufsteigen.«

»Vielen Dank, Raskin, aber ich leih mir lieber deinen Schimmel. Du willst sicher auch, dass ich Drury einhole, also steig ab.«

 

 

5

Im Morgengrauen sattelte Greg den Braunen. Das Corralgatter stand offen. Die übrigen Pferde mit dem Brandzeichen der Jayson-Ranch tummelten sich irgendwo in den Hügeln. Dämmerung umgab den frischen Erdhügel unter der knorrigen Sykomore. Ein schlichtes Holzkreuz steckte darin. Clancys Grab.

Greg band den Wallach am Corralzaun fest und kehrte ins Haus zurück. Er bewegte sich wie in Trance. Seine Augen schienen alles und zugleich nichts zu sehen. Er zündete eine Petroleumlampe an, die den Kugelhagel unbeschädigt überstanden hatte. Wo Clancy gestorben war, bedeckte ein Blutfleck die Bretter. An den Wänden lagen Patronenhülsen.

Der junge Smallrancher presste die Lippen zusammen. Das Dröhnen der Schüsse hallte wider in seinen Ohren.

Alles kam ihm fremd und unwirklich vor. Er öffnete eine Schublade, nahm Clancys Bild heraus und schob es in die Innentasche der Cordjacke.

Dann holte er die Winchester aus dem Gewehrrechen. Eine Schachtel mit der dazugehörigen Munition befand sich bereits in den Ledertaschen am Sattel des Braunen.

Seine Lippen bewegten sich. Seine Stimme klang wie brechendes Glas.

»Ich werde sie jagen, Clancy.«

 

 

6

Der Sonderzug mit dem Gouverneur verließ Denver um Punkt sieben Uhr. Die massige Baldwin-Lok blies funkensprühende Rauchwolken in die Luft. Eine Militärkapelle spielte, bis der Zug nur mehr ein Punkt auf den glitzernden Gleisen war.

Zwei Wochen nach seinem Amtsantritt wollte Floyd William Bancroft die Städte entlang der von der Denver and Rio Grande Railroad Company fertiggestellten Bahnlinie besuchen.

Bancroft reiste in einem Pullman-Waggon, einem rollenden Luxussalon, der zugleich sein Office war und außerdem ein prunkvolles Schlafabteil enthielt. Der Wagen war mit Fähnchen und Girlanden geschmückt. Im Waggon davor waren die Sicherheitsbeamten, die Angestellten und das Zugpersonal untergebracht. Hinter dem Pullman war der Pferdewaggon angekoppelt. Den Abschluss bildete der Waggon mit einer Abteilung Kavalleristen, die dem Kommando eines schneidigen Captain unterstanden.

Die erste Station mit einem geplanten zweistündigen Aufenthalt war Castle Rock. Bis zur Ankunft blieb genug Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Der Gouverneur war ein großer, breitschultriger Mann mit zimtfarbener Löwenmähne. Drei Sicherheitsbeamte, der Sekretär und Bancrofts Diener befanden sich mit ihm im Waggon. Auf halber Strecke nach Castle Rock verlangsamte der Zug die Fahrt. Der Gouverneur war beim Nachtrunk, einem Scotch, angelangt.

»Sehen Sie nach, was es gibt, Hancock.«

Einer der Leibwächter kurbelte das Fenster herab und beugte sich hinaus. Die Gleise durchschnitten eine nach Osten bis zum Horizont ausgedehnte Grasebene. Im Westen erhoben sich die gewaltigen Steinhäupter der Rocky Mountains. Eine halbe Meile vor dem Zug verdeckte eine Herde von etwa zweihundert Rindern den Schienenstrang. Die Baldwin 440 rollte mit halber Fahrt auf sie zu. Die Dampfpfeife schrillte. Peitschen schwingende Reiter versuchten die Rinder von der Bahnstraße zu treiben.

»Cowboys, Sir.« Der Leibwächter trug wie seine Kollegen einen eleganten Nadelstreifenanzug. Seine Waffe, ein 38er Smith and Wesson, steckte im Schulterholster. Der Gouverneur winkte dem livrierten Diener, das Glas nachzufüllen.

»Interessant. Ich werde mir die Leute ansehen.«

Mehrere Reiter preschten rufend und Hüte schwenkend von der Herde herüber. Ihre Staubmäntel und Halstücher flatterten.

Hancock runzelte die Stirn, als er die Gewehre an ihren hochbordigen Sätteln sah. Cowboys waren normalerweise mit den weniger sperrigen und schneller zu handhabenden Colts bewaffnet.

»Sir, mit Verlaub, ich halte es für besser, wenn Sie dem Fenster nicht zu nahe kommen.«

»Sie sind zu misstrauisch, Hancock.« Der Gouverneur befolgte den Rat trotzdem. Drei, vier Reiter jagten winkend neben dem Zug her. Ein sehniger, falkenäugiger Bursche schob sich auf gleiche Höhe mit dem Pullman-Waggon. Er schwenkte ein seidig schimmerndes Pumafell.

»Ein Geschenk von den Cowboys der Bar-T-Ranch für den Gouverneur!«, schrie der Mann durch das Rattern der Räder. Der Leibwächter blickte Bancroft an, der nickte.

»Geben Sie her!« Der Sehnige befand sich jetzt dicht neben dem Fenster. Sein Pferd hatte sich dem Zugtempo angepasst. Bancrofts Leibwächter griff nach dem Fell.

Es verdeckte den Sechsschüsser in Jesse Lormans Faust. Die Kugel traf Hancock mitten in die Stirn.

Während die Männer im Waggon noch fassungslos auf den Toten starrten, zog Drurys Adjutant eine an zwei Eisenhaken befestigte Strickleiter unter dem Mantel hervor. Schon hing sie am offenen Waggonfenster.

Mittlerweile rollte der Zug so langsam, dass Lorman sich problemlos vom Pferd auf die Leiter schwingen konnte.

Die beiden noch übrigen Sicherheitsbeamten brachten zwar ihre Revolver heraus, doch Lormans auf Bancroft gerichteter Colt ließ sie erstarren. Der sehnige Bandit hielt sich mit einer Hand am Fensterrahmen fest.

»Kanonen weg, sonst stirbt der Gouverneur!«

Bancrofts Diener ließ vor Schreck das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr fallen. Dann landeten auch die Revolver auf dem Teppich. Bancroft hielt sich an der an der Decke montierten Griffstange fest.

»Das … das ist doch …«

»Ein Überfall, wenn Sie gestatten, Sir«, höhnte Jesse Lorman. Der Zug fuhr langsam in die Herde. Muhend wichen die Rinder zur Seite. Das Peitschenknallen war verstummt. Einige der angeblichen Cowboys enterten die Lok. Schwerkalibrige Colts bedrohten den Maschinisten und Heizer.

Die Soldaten im Schlusswaggon wurden von einer dumpf krachenden Explosion zwischen die Bänke geschleudert. Scherben klirrten. Als der Rauch sich verzog, stand der Waggon. Der übrige Zug entfernte sich.

Der Captain und seine Männer drängten sich auf der vorderen Plattform. Ihre auf die neben dem Zug reitenden Banditen abgefeuerten Schüsse blieben wirkungslos. Die Flut der Rinder schloss sich wieder hinter den Waggons. Das Ganze hatte nur wenige Minuten gedauert.

»Tür auf!«, befahl Lorman, als Bancrofts Begleiter nicht auf das energische Klopfzeichen reagierten. »Ein bisschen fix, sonst geht mein Kracher los!«

»Tut, was er verlangt!«, befahl der Gouverneur.

Ein Leibwächter öffnete. Sam Drury stiefelte herein, eine dicke Brasil zwischen den Zähnen. Er hielt den Colt. Mehrere Banditen schoben sich an ihm vorbei und verteilten sich an den Waggonwänden.

»Hallo, Bancroft. Erkennst du mich noch?«

»Drury!«

Floyd William Bancroft war kein Feigling, doch nun wich alle Farbe aus seinem Gesicht. Er hatte als Richter Drury vor zehn Jahren in die Steinbrüche geschickt.

 

 

7

Nieselregen hüllte die Häuser von Colorado Springs in bleifarbenen Dunst. Die Dächer glänzten, die Straße war aufgeweicht, hinter den Fenstern brannten Petroleumlampen. Ein struppiger Köter kläffte den einsamen Reiter an, der aus den Kenosha Hills kam.

Greg Jayson spürte die Nässe nicht. Er hatte seit dem vergangenen Abend nichts gegessen und getrunken. Trotzdem waren seine Sinne hellwach. Das Pferd war müde, aber Greg hätte der Spur der Kopfgeldjäger noch viele Meilen folgen können. Sie verlor sich auf der Main Street in einem Gewirr von Radfurchen und Hufabdrücken. Die neugebaute Bahnstrecke durchschnitt das Häuserlabyrinth. Ein Güterzug rollte nach Süden. Klagend hallte der Pfiff der Lok durch die feuchte Dämmerung des Spätnachmittags.

Gregs Ziel war der Elkhorn Saloon. Er stellte das Pferd unters Vordach, gab dem an der Bretterwand lungernden Penner einen halben Dollar, damit er es trocken rieb und stand kurz darauf an der Theke. Obwohl noch verhältnismäßig früh, war der Raum brechend voll. Es waren zumeist Minenarbeiter, deren Schicht erst in zwei Stunden begann, dazu einige Weidereiter, Frachtfahrer und Stadtbewohner. Schwaden von Tabaksqualm wogten über den dicht umlagerten Tischen. Gläser klirrten, Würfel klapperten, Karten klatschten. Der Boden war wegen des Straßenschmutzes, den die Gäste hereintrugen, mit Sägemehl bestreut.

Ein fremder Besucher fiel nicht auf. Der bullige Keeper hatte alle Hände voll zu tun, ebenso die beiden Girls, die an den Tischen bedienten. Greg bestellte einen Whisky. Sein Gesichtsausdruck veranlasste den Barmann zu einem forschenden Blick. Im Spiegel über dem Flaschenregal sah Greg sich selbst wie einen Fremden, hager, unrasiert, mit tiefen Falten im Mundwinkel.

Der Whisky wirkte auf nüchternen Magen doppelt. Greg bezahlte noch einen. Er schlenderte mit dem Drink zu einem der Stützpfeiler, von wo er den verqualmten Raum besser überschauen konnte. Er kannte Raskins Männer nicht, war aber überzeugt, dass sie sich noch in der Town befanden, möglicherweise im Saloon. Eine seltsame Ruhe erfüllte ihn, so, als besäße er die Gewissheit, dass ihm keine Kugel, kein Messer, kein Strick etwas anhaben konnten.

»Greg!« Eine der beiden Bedienungen blieb mit dem Tablett voll Flaschen und Gläsern vor ihm stehen. »Himmel, bist du‘s wirklich, Greg?«

Sie war mittelgroß, vollbusig und versuchte mit reichlich Puder und Schminke wie damals auszusehen, als Sam Drury sie zu seiner Geliebten gemacht hatte. Sie und Greg waren gleichaltrig. Er fand sie nach wie vor hübsch. Ihr rotblondes Haar war hochgesteckt. Eine falsche Perlenkette hing in den tiefen Busenausschnitt. Der Rock war ein Fähnchen, zu dem sie Netzstrümpfe mit Rüschenbändern und hochhackige Schuhe trug.

»Hallo, Joyce.« Kein Lächeln erhellte Gregs Miene. Sie war so in Eile, dass sie es nicht bemerkte.

»Ich hab schon gehört, dass Sam draußen ist. Warte hier. Ich komm gleich wieder.«

Greg blickte ihr nach. Plötzlich wusste er, weshalb Raskin und seine Schießer nach Colorado Springs geritten waren.

Joyce Fielding wartete auf Drury, ohne zu ahnen, dass die Kopfgeldjäger sie als Köder benutzten.

Zwei Männer fielen Greg auf. Während alle anderen Joyce mit Zurufen, Lachen oder einem Klaps auf die pralle Kehrseite bedachten, belauerten die beiden sie wie Wölfe. Einer saß nur zwei Tische von Greg entfernt. Der andere stützte sich, Zigarillo im Mundwinkel, das Glas in der Hand, aufs Treppengeländer. Beide trugen Cowboykluft. Ihre bärtigen Gesichter waren verkniffen. Die Revolver hingen tiefer als das bei gewöhnlichen Weidereitern der Fall war.

Joyce kam mit wiegenden Hüften zu Greg zurück. Sie merkte noch immer nicht, wie es um ihn stand. Ihre blauen Augen leuchteten.

»Ich hab nicht viel Zeit. Maxwell wird sonst sauer. Du glaubst nicht, wie ich mich freue. Hat Sam dich geschickt?«

»Ich gehöre nicht mehr zu seiner Crew.«

Die Frau stutzte. Ihr Blick wurde prüfend.

»Was ist, Greg? Du machst ein Gesicht, als hättest du seit Tagen nur Kakteen gefrühstückt …«

»Pass auf, da sind zwei Burschen …«

Der Mann am Tisch erhob sich. Er wollte zum Ausgang, nachdem für ihn und den Zigarilloraucher feststand, wer der Mann in der nassen Cordjacke war, mit dem Drurys Ex-Geliebte sprach.

Greg gab Joyce das Whiskyglas und stellte sich dem Mann in den Weg. Es war ein knochiger Bursche. Stechende Augen musterten Greg.

»Was willst du?«

»Du bist einer von Raskins Reitern, stimmt‘s?«

»Was geht dich das an?«

»Ihr Dreckskerle habt meine Frau erschossen.«

Der Lärm im Saloon ebbte ab. Eine leere Flasche rollte über den Boden. Ein Betrunkener lallte. Joyce erbleichte.

Der Kopfgeldjäger wich einige Schritte zurück. Seine Rechte hing über dem kerbenbedeckten Revolverknauf.

»Keine Ahnung, wovon du spricht.«

»Ich bin Greg Jayson, dessen Ranch ihr überfallen habt. Wo steckt Phil Raskin?«

Der Mann fluchte, duckte sich, sein Revolver flog hoch.

Greg bewies, dass er tatsächlich noch so schnell wie vor zehn Jahren war. Ein Naturtalent mit dem Sechsschüsser, wie Drury einmal behauptet hatte. Der Donnerknall ließ die Fenster klirren. Der Kopfgeldjäger stürzte zwischen die Tische.

Sofort schwang Greg die Waffe in Richtung Treppe. Pulverdampf vernebelte das Geländer. Ein Feuerstrahl stach heraus. Greg spürte den Luftzug des Projektils. Sein Remington antwortete. Der Zigarilloraucher ließ den Colt fallen, krümmte sich und polterte kopfüber die Stufen herb.

Greg verharrte breitbeinig. Alle starrten ihn an. Der Keeper schwitzte. Niemand rührte sich. Die Pferde vor dem Saloon wieherten. Langsam sank Gregs Revolver herab. Er wollte sich Joyce zuwenden.

Da knallte auf der Galerie eine Tür. Der Schatten eines Mannes fiel an die Wand über der Treppe. Eine überkippende Stimme schrie: »Er gehört zur Drury-Bande! Lasst ihn nicht entkommen!«

Ein Gewehrlauf blinkte. Greg reagierte mit einem raschen Schuss. Die Männer an den Tischen fuhren hoch. Flüche schallten, Stühle polterten. Der Keeper hob die abgesägte Schrotflinte über die Theke, konnte aber in dem Gedränge damit nichts ausrichten.

»Auf ihn!«, gellte es.

Greg hielt sich nicht mit Erklärungen auf. Er schlug einen Minenarbeiter, der ihm den Remington entreißen wollte, mit dem Stahllauf nieder. Die Angreifer prallten zurück, als er einen Schuss über ihre Köpfe abgab. Der Mann auf der Galerie traf eine Petroleumlampe. Scherben und brennendes Öl spritzten über die Tische.

Greg rammte einen Betrunkenen, erreichte die Tür und zerschoss aus der Drehung die nächste Lampe. Dann war er auf dem Vorbau und flankte über das Geländer in den Sattel. Der Braune wieherte.

Die Verfolger behinderten sich gegenseitig. Der Fetzen eines verzweifelten Rufs erreichte Greg – Joyce.

Hastig löste Greg die Zügel. Das Pferd gehorchte seinem Schenkeldruck. Da flammte es zwischen den gegenüberliegenden Häusern. Greg erkannte die Umrisse eines breitschultrigen Mannes, der einen flachkronigen Hut und einen Prinz-Albert-Rock trug. Ein Goldring funkelte am linken Ohr.

»Raskin!«

Greg feuerte. Einen Augenblick war er nahe dran, den Wallach über die schlammige Straße zu treiben. Da klappten die Flügel der Saloontür auf. Männer mit schussbereiten Revolvern stürzten ins Freie. Gleichzeitig tauchten hinter Raskin weitere Gestalten auf.

Greg duckte sich. Kugeln pfiffen um ihn. Er floh westwärts aus der Stadt. Sein Ziel waren die Kenosha Hills.

 

 

8

Bei Tagesanbruch waren es nur mehr sechs Mann, die Greg verfolgten. Greg sah sie als düstere Scherenschnitte auf den Kämmen hinter sich.

Raskin führte sie an. Die anderen waren nach Colorado Springs zurückgekehrt. Der Himmel war wolkenverhangen. Am östlichen Horizont zeichnete sich ein Streifen goldfarbener Helligkeit ab.

Greg ritt nach Nordwesten, fort aus der Gegend um den Owl Canyon, wo seine kleine Ranch lag. Die bewaldeten Flanken des Pikes Peak ragten weit vor ihm auf.

Greg strebte in das Gebiet der Canyons und Fichtenwälder. Die Hügel um ihn waren baum- und strauchlos. Ein graugrünes erstarrtes Wellenmeer, das keine Deckung bot, wenn die Kopfgeldjäger ihn einholten. Es regnete zwar nicht mehr, aber die aufgeweichte Erde hielt jeden Hufabdruck. Allmählich wurde es heller. Die Reiter auf Gregs Fährte hielten gleichen Abstand. Eine halbe Meile, schätzte Greg.

Von einem grasbewachsenen Höhenrücken aus entdeckte er im Osten das glitzernde Schienenband. Drury fiel ihm ein. Doch er fand keine Zeit, über die möglichen Pläne des ehemaligen Sattelpartners nachzudenken. Der Braune begann zu lahmen.

Greg schaffte noch eine Meile, dann stieg Greg ab. Die linke Vorderfessel war geschwollen. Das Pferd wieherte kläglich, wagte nicht, den Huf aufzusetzen. Eine Sehne war entweder gezerrt oder gerissen.

»Du bringst mich ganz schön in Schwierigkeiten«, murmelte Greg.

Die grasbestandenen Kämme verwehrten ihm die Sicht auf die Verfolger. Greg befreite den Braunen von Sattel und Zaumzeug. Mehr konnte er nicht für ihn tun. Mit der Winchester stieg er den Hügel hinauf, an dem seine Spur vorbeilief. Er legte sich ins Gras und wartete. Die Erinnerung an Clancys Tod erfüllte ihn mit derselben kalten Entschlossenheit, die ihn nach Colorado Springs getrieben hatte.

Die Reiter tauchten in einer hundert Yard entfernten Hügelkerbe auf, voran, der sichelbärtige Anführer. Jeder hielt ein Gewehr.

Greg zog den Winchesterkolben in die Schulter, brauchte nur abzudrücken. Aber er hatte noch nie aus dem Hinterhalt auf einen Gegner geschossen. Er konnte das auch jetzt nicht.

Raskin hielt plötzlich. Zwei seiner Begleiter überholten ihn, dann setzte das Hufgetrappel aus. Sie sprachen. Einer schwang sich vom Pferd und untersuchte die Trittsiegel von Gregs Wallach. Gregs Schuss durchlöcherte seinen Stetson.

Erschrocken fuhr der Mann herum. Sein Karabiner flog hoch. Greg zielte auf Phil Raskin, aber in dem Moment, als er abdrückte, warf der Boss der Kopfgeldjäger das Pferd nach rechts. Gregs Kugel traf den Mann hinter Raskin in die Schulter.

»Er liegt dort auf dem Hügel!«, schrie der Fährtensucher. Die krachenden Gewehre hüllten die Reiter in Pulverrauch. Die Pferde wieherten. Greg feuerte aufs Geratewohl. Statt anzugreifen, wie er erwartete, preschten die Gegner in die Hügelkerbe zurück.

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937473
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535057
Schlagworte
railroad-bluff

Autor

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Titel: Der Railroad-Bluff