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In den Armen der mordenden Bestie

2020 119 Seiten

Leseprobe

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In den Armen der mordenden Bestie

Copyright

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In den Armen der mordenden Bestie

Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

In der Bevölkerung von Ringpool herrscht Angst und Schrecken. Ein Mädchenmörder ist täglich auf der Suche nach neuen Opfern. Doch Inspector Percy Barrymore und sein Sergeant Stacy Keach sind dem Täter auf der Spur. Werden sie die Mordserie beenden?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER 123rf und Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Lass uns noch in den ‚Pink Star‘ gehen!“, lallte einer der beiden Männer, die schwankend das ‚Belami‘ verließen und in die kühle, neblige Nacht hinaustraten. „Dort sind die Getränke am kühlsten und die Frauen am heißesten.“

Der andere rülpste ungeniert, bevor er mit schwerer Zunge antwortete: „Sorry! In mich passt kein Tropfen Whisky mehr hinein. Und was die Weiber betrifft, das können wir bequemer und billiger haben. Die Puppe dort auf der Bank scheint nur darauf zu warten, dass zwei Gentlemen kommen, um sie zu wärmen.“

Der erste grinste breit und stolperte mit glasigen Augen auf die bezeichnete Bank zu, auf der in der Tat eine junge Frau saß. Sie hatte sich fest in ihren Mantel gehüllt und war offenbar der Meinung, dass mitten in der Nacht noch ein Bus fuhr.

„Sie haben Glück, schöne Dame. Unsere Limousine steht Ihnen zur Verfügung.“

Da er keine Antwort erhielt und die Fremde auch sonst nicht reagierte, ergriff er ihren Arm, um ihr auf die Füße zu helfen. Doch seine eigene Standfestigkeit ließ zu wünschen übrig. Er verlor das Gleichgewicht und riss die Unbekannte mit sich.

Ihr Mantel öffnete sich. Ein Blutschwall traf die beiden Betrunkenen gleichzeitig.

Schlagartig wurden sie stocknüchtern. Gelähmt vor Schreck starrten sie auf die entsetzliche Brustwunde. Erst jetzt bemerkten sie die Striemen in der linken Gesichtshälfte des Mädchens.

„Er hat wieder zugeschlagen“, stammelte der eine erschüttert.

Diese vier Worte kennzeichneten das Geschehene exakt. Der blutrünstige Mörder, der seit Wochen in Ringpool umging, hatte ein neues Opfer gefunden.

 

 

2

„Ich würde sterben vor Angst, wenn ich jetzt noch allein auf die Straße müsste. Willst du nicht doch lieber warten, bis Edgar kommt, Patti? Er bringt dich gerne nach Hause.“

Das blonde Mädchen lachte. „Unsinn, Carol, es sind ja nur ein paar Schritte. Die Leute erzählen immer mehr, als wirklich wahr ist. Das Phantom wird mich nicht gleich umbringen.“

„Das haben die anderen sicher auch geglaubt“, tadelte Carol. „Nun sind sie tot. Der Mörder soll sie grauenhaft zugerichtet haben. Die eine konnte bis heute nicht identifiziert werden, weil sie so verstümmelt ist. Tu mir den Gefallen und bleib’ hier!“

Patti Connell trank ihren letzten Schluck Tee aus. Dann schüttelte sie ihre Locken. „Es kann noch Stunden dauern, bis dein Bruder kommt. Meine Eltern würden sich erst recht Sorgen machen und vielleicht tatsächlich annehmen, es sei etwas passiert. In den Zeitungen stehen nur noch diese Schauergeschichten. Ich rufe dich gleich an, wenn ich zu Hause bin. Die Telefonzelle ist ja direkt vorm Haus.“

„Vergiss es bitte nicht! Vorher habe ich keine ruhige Minute.“

Patti versprach es feierlich und schlüpfte in ihren roten Mohairmantel.

Es war erst Ende Oktober, aber schon empfindlich kühl draußen.

Carol Lamont blickte der Freundin mit gemischten Gefühlen nach. Sie schalt sich selbst, dass sie sie nicht energischer zurückgehalten hatte. Ein beklemmendes Gefühl sagte ihr, dass sie das noch bereuen würde.

Aber Patti war eben ein bisschen eigensinnig. Außerdem würde sie nicht um alles in der Welt zugeben, ebenfalls Angst zu haben.

Carol seufzte. Hoffentlich gelang es der Polizei von Ringpool, den bestialischen Unhold, der schon mindestens vier junge Frauen getötet hatte, bald zur Strecke zu bringen.

Patti Connell war auch nicht so gleichgültig, wie sie vorgegeben hatte. Doch neigte sie nicht zur Hysterie, sondern rechnete sich mit kühler Logik aus, dass die Möglichkeit, unter ungefähr zwölfhundert Mädchen ihres Alters als nächstes Opfer des Mörders ausgewählt zu werden, doch recht gering war.

Sie hatte keinen weiten Weg zurückzulegen. Ihre Eltern wohnten in der gleichen Siedlung wie Carol, nur fünf Straßen weiter.

Dichter Nebel hüllte sie ein. Passanten hasteten an ihr vorüber. In der Ferne jaulte ein Hund.

Patti war unzufrieden mit sich. Carol hatte sie nervös gemacht. Sie fühlte, wie sich bei dem Gedanken an den geheimnisvollen Mädchenmörder eine Gänse' haut auf ihrem Rücken bildete.

Dort vom ... an der Laterne ... lehnte ein Mann. Patti zuckte zusammen. Was wollte er hier? Bei diesem scheußlichen Wetter hielt man sich nicht unnötig auf der Straße auf.

Sie atmete tief durch und ging auf die andere Seite. Ihre Schritte wurden schneller. Nach einer Weile blickte sie sich um und stellte fest, dass der Unbekannte seinen Platz verlassen hatte und ihr folgte.

Sie erreichte das ‚GloriaCinema‘. Die Schaukästen waren beleuchtet. Man spielte einen jener Frankenstein Filme, die groß in Mode waren.

Patti betrachtete die Bilder. Es war ihr lieber, wenn der Mann vor ihr ging. In der spiegelnden Scheibe des Schaukastens entdeckte sie ihn. Sie sah, dass auch er die Straßenseite wechselte und sich dem Kino näherte.

Fast blieb ihr Herz stehen. Rasch trat sie an die Kasse und begrüßte die Frau hinter dem kleinen Fenster. Zwar konnte sie die neugierige Mrs. Muldoon nicht besonders gut leiden, jetzt aber war sie ihr rettender Engel.

Sie unterhielten sich ein paar Minuten über belanglose Dinge, bis Mrs. Muldoon fragte:„Ein Verehrer von Ihnen, Kindchen?“

Patti folgte ihrer Handbewegung und erkannte zu ihrem Entsetzen, dass der fremde Mann noch immer die Reklamefotos betrachtete.

„Kennen Sie ihn?“, wich sie der Frage aus.

Die Kassiererin schüttelte den Kopf.

„Seinen Namen weiß ich nicht. Aber ich habe ihn schon oft gesehen. Meistens schaut er sich hier die Bilder an. Eine Eintrittskarte hat er allerdings noch nie gekauft.“

Patti Connell war beruhigt. Der Mann würde nicht so dumm sein, ihr etwas tun, wenn er vorher von Zeugen gesehen worden war.

Sie verabschiedete sich und setzte ihren Weg fort. Selbstbewusst ging sie dicht an dem Fremden vorbei. Er roch nach Schnaps und war schlecht rasiert.

„Miss!“, rief er hinter ihr her.

Sie reagierte nicht, sondern beschleunigte noch ihre Schritte. Es war nicht mehr weit...

Der Mann ließ nicht locker. Schon war er neben ihr.

„Es ist leichtsinnig, Miss, ohne Begleitung zu gehen. Wissen Sie nicht, was in letzter Zeit alles passiert ist? Ich werde Sie begleiten. Dann wird Ihnen nichts geschehen.“

„Danke“, erwiderte sie knapp, „ich bin mit meinem Freund verabredet. Ich fürchte mich nicht.“

„So, so“, grinste der Mann spöttisch. „Dann lassen Sie Ihren Freund nur nicht warten.“

Patti antwortete nicht. Schaudernd wandte sie sich von dem Mann ab, dessen vorstehende Zähne einen raubtierhaften Eindruck vermittelten.

Noch immer spürte sie seinen Schnapsdunst im Nacken. Sie klappte den Pelzkragen hoch und begann zu laufen.

Da fasste er sie am Arm und hielt sie zurück.

„Überlegen Sie es sich noch mal, Miss! Warum wollen Sie sich unnötig der Gefahr aussetzen? Sie sind noch so jung, so schön jung.“

Patti wusste nicht, ob es Angst oder Ärger war, jedenfalls stieß sie den Mann so energisch zurück, dass er taumelte.

„Blödes Weibsstück!“, schrie er hinter ihr her. Aber er belästigte sie nun nicht mehr.

Pattis Absätze trommelten eilig über das Pflaster. Sie sah sich erst wieder um, als sie das Haus ihrer Eltern erreicht hatte.

Der Fremde hatte aufgegeben. Sie befand sich völlig allein auf der Straße. Schon steckte sie den Schlüssel in das Haustürschloss, da erinnerte sie sich an das Versprechen, das sie ihrer Freundin gegeben hatte.

Die Telefonzelle war nur zwanzig Schritte entfernt. Patti überzeugte sich noch mal, dass ihr der Bursche wirklich nicht gefolgt war, dann rannte sie zu dem kleinen roten Häuschen.

Carols Nummer wusste sie auswendig.

Die Stimme der Freundin hörte sich erleichtert an. Offensichtlich hatte sie sich tatsächlich Sorgen gemacht.

„Ich bin froh, dass du anrufst, Patti. Aber du hast lange gebraucht.“

Patti schilderte rasch ihr kleines Erlebnis und hatte Mühe, ihre Freundin zu beruhigen. Dann legte sie den Hörer auf.

Als sie die Zellentür öffnen wollte, erstarrte sie. Eine grauenvolle Fratze glotzte sie durch das Glas an. Sie konnte sie nur schemenhaft erkennen und war sich nicht sicher, ob sie zu einem Menschen oder einem Tier gehörte. Dass aber ihr Besitzer wenig freundliche Absichten hegte, war ihr völlig klar.

Fieberhaft überlegte sie. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Flucht erschien ihr aussichtslos. Bereits beim Verlassen der Zelle wäre ihr Schicksal besiegelt.

Die Chance, dass Passanten vorüberkamen und ihr zu Hilfe eilten, war ebenfalls äußerst gering. Bei diesem Wetter saßen die Leute vor dem Fernsehgerät oder machten keine Spaziergänge.

Verzweifelt stemmte sie sich gegen die Tür. Atemlos suchte sie nach ein paar Münzen. Die meisten rollten auf den Boden. Mit zitternder Hand drehte sie die Wählscheibe.

Da splitterte Glas hinter ihr. Noch bevor sie sich umdrehen konnte, fühlte sie, wie sich etwas um ihren Hals legte. Sie sah einen dicht behaarten Arm und gierig fletschende Zähne.

Wahnsinnig vor Angst schrie sie in den Hörer, doch ihr antwortete lediglich das monotone Rufzeichen.

Verzweifelt dachte sie an ihre Mutter, die nur zwanzig Schritte entfernt sorgenvoll auf die Uhr schaute.

Dann spürte sie den heißen Atem und die scharfen Zähne an ihrer Kehle…

 

 

3

Müde kam Inspektor Percy Barrymore nach Hause. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Viviane, seine Frau, hütete sich, ihn gleich mit ihren Sorgen und Problemen zu überfallen. Sie war geduldig und wusste, dass ihr Mann bei einem so schwierigen Fall seine ganze Kraft brauchte.

Anfangs war sie stolz gewesen, dass man ausgerechnet ihn mit der Überführung des geheimnisvollen Mädchenmörders betraut hatte. Aber inzwischen quälte es sie, wie er unter seiner Erfolgslosigkeit litt.

Es war schon deprimierend. Seit Wochen machte ein Unbekannter Ringpool unsicher, und trotz zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung war die Polizei noch keinen Schritt weiter.

Die Zeugenaussagen waren teilweise widersprüchlich und die Personenbeschreibungen so haarsträubend, dass sie beim besten Willen nicht auf einen Menschen passten. Eher auf ein wildes Tier. Aber in Ringpool gab es weder einen zoologischen Garten noch gastierte ein Zirkus. Ganz sicher wurde die Objektivität der Zeugen von der allgemeinen Hysterie beeinträchtigt.

Schon vier Mädchen waren ermordet worden. Keines älter als zwanzig und jedes auf bestialische Weise. Ein Motiv war nicht zu erkennen. Eine ganze Reihe von Verdächtigen musste wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Percy Barrymore schlürfte seinen heißen Tee.

„Er hat wieder zugeschlagen“, sagte er wütend.

„Entsetzlich!“

„Sie heißt Patti Connell und ist neunzehn Jahre alt. Sie starb ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Die Bestie hat sie förmlich zerfleischt.“

„Gibt es schon Hinweise auf den Täter?“

Barrymore schnaubte verächtlich.

„Hinweise gibt es jedes Mal. Wir haben eine Zeugin, die das Mädchen angeblich kurz vorher mit einem Mann gesehen hat. Stacy geht der Sache nach. Ist Suzanne zu Hause?“

Seine Frage klang besorgt.

Viviane beruhigte ihn.

„Sie ist in ihrem Zimmer. So spät geht sie nicht mehr aus.“

„Schon ihretwegen muss ich den Mörder finden“, stieß Percy hervor. „Ich mache mir Sorgen um sie.“

Viviane strich ihrem Mann über das Haar.

„Das brauchst du nicht“, sagte sie fest. Aber sie war selbst nicht davon überzeugt. „Sie ist ein kluges Mädchen und nicht leichtsinnig.“

„Sie kommt mir in letzter Zeit so verschlossen vor. Vielleicht liegt es daran, dass ich so wenig Zeit für sie habe.“

Viviane Barrymore lächelte. „Sie ist verliebt, das ist alles. Da ziehen sich junge Menschen zurück. Bei mir war das nicht anders, als ich dich damals kennenlernte.“

Nun musste auch Percy schmunzeln. An diese Zeit erinnerte er sich gern. Wie lange das schon wieder her war. Er vergaß oft, dass Suzanne bereits neunzehn war, genauso alt wie Viviane, als sie ihn heiratete.

„Kennst du den Glücklichen?“, fragte er neugierig.

Sie nickte bestätigend.

„Er soll Student sein und kurz vor dem Examen stehen.“

Percy Barrymore sagte lange Zeit nichts. Schweigend beobachtete er das flackernde Kaminfeuer. Ahnungsvolle Gedanken gingen durch seinen Kopf. Er setzte die Teetasse an den Mund und merkte gar nicht, dass sie bereits leer war.

Viviane beobachtete ihn. Sie wusste, was in ihm vorging und ahnte seine Forderung schon lange, bevor er sie aussprach.

„Ich möchte den Mann kennenlernen. Vielleicht lädst du ihn am Sonntag, zum Essen ein.“

Seine Frau runzelte die Stirn.

„Meinst du nicht, dass es dafür noch ein bisschen zu früh ist?“

Percy sah sie ernst an.

„Willst du warten, bis es zu spät ist?“

 

 

4

Seine Wohnung lag in dem Teil der Stadt, den man den Touristen gewöhnlich nicht zeigte. Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Kneipe, deren Bierdunst sich durch das ganze Treppenhaus zog. Das Geländer war fettig. Chips Bosley benutzte es trotzdem.

Er machte einen gehetzten Eindruck. Seine Augen waren ständig auf der Suche nach einer Gefahr. Er saß in der Klemme.

Die Alte vom Kino würde ihn genau beschreiben können. Vielleicht hing morgen schon sein Steckbrief an allen Anschlagsäulen.

Warum musste er auch ausgerechnet an dieses Mädchen geraten? Bis jetzt hatte immer alles gut geklappt. Natürlich erschwerte das seine Arbeit für die Zukunft. Aber er musste schließlich leben. Ihm wurde nichts geschenkt.

Für die Polizei war er kein Unbekannter. Schon seit seiner frühesten Jugend verdiente er sein Brot auf unkonventionelle Weise.

Man hatte ihn häufig erwischt. Ungefähr ein Drittel seines Lebens hatte er Gefängnisluft geatmet. Sein Strafregister reichte vom einfachen Diebstahl und Betrug über Schmuggel und Körperverletzung bis zur versuchten Erpressung und schwerem Raub.

Ein Mord aber stand nicht auf dieser Liste.

Sicher würden die Cops bald hier sein. Sein Aufenthaltsort war bekannt. Er musste sich eine andere Bleibe suchen. Nur die wichtigsten Dinge konnte er mitnehmen. Alles andere musste er im Stich lassen.

Er öffnete die Wohnungstür im obersten Stock und betrat einen finsteren Flur. Erst nachdem er die Tür sorgfältig von innen verriegelt hatte, machte er Licht. Die schwache Glühbirne erhellte ein trostloses Bild.

Es befanden sich keine Möbel in der Wohnung. Schmutzige Kisten dienten als Behälter für seine wenigen Habseligkeiten, sowie als Tisch und Sitzgelegenheit. Sein Bett bestand aus einer uralten Matratze, die schon mehrfach geflickt war und aus der die Füllung quoll.

Bosleys Blick fiel auf das Fensterbrett. Dort stand eine kleine Spieluhr, die absolut nicht zu der übrigen Einrichtung passte. Der Ganove nahm sie fast zärtlich in die Hand und betrachtete sie versonnen.

Es war eine niedliche Tänzerin mit kurzem Röckchen, die auf Zehenspitzen stand und den Mund spitzte. Zu ihren Füßen kauerte eine weiße Katze.

Chips Bosley zog das Uhrwerk auf, und die Tänzerin begann sich zu drehen. Der Mann mit den vorstehenden Zähnen sah sie glücklich an. Leise summte er die Melodie mit, die aus dem Kästchen ertönte.

Als das Lied verklungen war, steckte er die Spieluhr in seine weite Manteltasche.

Dann trat er an die dem Fenster gegenüberliegende Wand. Sie war fast ganz mit Zeitungsausschnitten beklebt. Es waren alles Fotos von jungen Frauen. Hübsche, verführerische Mädchen mit blonden oder schwarzen Haaren.

Chips Bosley atmete tief und hörbar. Seine Augen verdunkelten sich. Mit wütendem Schrei riss er die Bilder von der Wand. Er ruhte nicht eher, bis der letzte Fetzen zu seinen Füßen lag.

Schweiß stand auf seiner Stirn. Hasserfüllt starrte er auf sein zerstörerisches Werk.

Dann trat er an eine der Kisten und wühlte darin. Nach kurzem Suchen fand er eine Taschenlampe und zwei Messer. Alles steckte er zu sich.

Mit einem letzten bedauernden Blick verabschiedete er sich von seinem Aufenthaltsort der vergangenen Monate. Dann schob er den Riegel an der Wohnungstür zurück und öffnete sie.

Er zuckte zusammen, als er in die hässliche Mündung einer Pistole starrte.

„Was soll das?“, polterte er.

„Machen Sie keine Mätzchen, Bosley“, antwortete der Mann mit der Pistole. „Sie sind verhaftet!“

Der Gauner lachte rau und gekünstelt.

„Ist das ein Überfall oder kommen Sie tatsächlich von der Polizei?“

„Das Scherzen wird Ihnen noch vergehen“, wies ihn der Polizist zurecht. „Ich bin Sergeant Keach vom Morddezernat. Sie haben vorgestern Nacht Patti Connell umgebracht und vorher vier andere Mädchen. Aber der Mord an Patti wird die letzte verbrecherische Tat gewesen sein.“

Chips Bosley bemühte sich, seiner Stimme einen beleidigten Klang zu geben: „Ich werde mich über Sie beschweren, Sergeant. Ich bin ein anständiger Bürger und habe mir nichts zuschulden kommen lassen.“

Stacy Keach lachte grob.

„Halten Sie Ihren Mund! Keine Unschuldsbeteuerungen! Ich weiß, wie man mit Leuten Ihres Schlages umgehen muss. Eine Bewegung, die mir nicht gefällt, und Sie sind dran! Sie dürfen mir glauben, dass ich nicht bluffe. Ich habe nichts dagegen, wenn ich den Steuerzahlern Kosten erspare.“

„Das ist ungesetzlich“, stammelte Bosley unsicher.

„Wenn Sie sich so gut in den Gesetzen auskennen, werden Sie auch wissen, was auf Gräueltaten steht.“

„Ich habe es nicht getan.“

„Nicht?“ Sergeant Keach grinste verächtlich. „Lange genug hat man uns an der Nase herumgeführt. Jetzt ist das Spiel aus. Vorwärts!“

Er stieß den Mann vor sich her und war auf der Hut. Inspektor Barrymore sollte mit ihm zufrieden sein. Dafür, dass er ihm den Killer präsentierte, konnte er gewiss mit einem Entgegenkommen seinerseits rechnen.

Chips Bosley stolperte die ausgetretenen Stufen hinunter. Er wusste, dass er verloren war, wenn er erst mal in der grünen Minna saß. Dort wartete sicher ein weiterer Beamter. Dann hatte er keine Chance mehr.

Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock blieb er stehen, weil ihn ein Hustenanfall schüttelte.

Stacy Keach gönnte ihm keine Pause. Unerbittlich bohrte er ihm die Pistole in den Rücken.

„Kein Theater!“, warnte er. „Mein Zeigefinger ist verdammt nervös.“

„Sie machen einen großen Fehler, Sir. Ihr Boss wird Sie nicht loben, wenn Sie ihm einen Unschuldigen bringen. Sehen Sie mich doch, an! Ich bin krank und kaum bei Kräften. Wie sollte ich so viele gesunde Mädchen umbringen können?“

„Das zu begründen, übernimmt der Staatsanwalt. Sie können von Glück reden, wenn es mir gelingt, Sie ins Untersuchungsgefängnis zu bringen, ohne dass unterwegs die aufgebrachte Bevölkerung dazwischenfährt.“

„Das werden Sie doch nicht zulassen, Sir.“ Chips Bosley wandte sich angstvoll zu dem Polizisten um. Er klammerte sich an das Geländer. Sein Atem ging stoßweise.

Sergeant Keach packte den Mann am Arm und wollte ihn losreißen.

Da traf ihn das angewinkelte Knie des Ganoven, und im gleichen Moment musste er das Trommelfeuer zweier geballter Fäuste abwehren.

Die Pistole war gleich beim ersten Hieb davongeflogen. Das Kräfteverhältnis war nun wieder ausgeglichen. Aber Bosley wurde durch die Todesangst beflügelt, während seine blinde Wut Keachs Blick trübte.

Das Treppenhaus dröhnte von den Schlägen.

Von unten schaute das neugierige Gesicht des Kneipenwirts herauf. Er zog sich jedoch schleunigst wieder zurück. Was ging ihn die Schlägerei an? Da hielt man sich am besten heraus.

Der Kampf war bald entschieden. Plötzlich hielt Chips Bosley die Pistole in der Hand und drohte: „Bleib mir vom Leib! Wenn ich schon wegen Mordes verurteilt werden soll, dann will ich wenigstens auch einen begangen haben. Ich haue jetzt ab, und du wirst mir nicht folgen! Kapiert?“

Keach knirschte mit den Zähnen. So hatte er sich den Ausgang seiner Mission nicht vorgestellt. Es war sein Fehler, dass er allein den Verbrecher aufgesucht hatte. Aber er hatte mit einem sensationellen Erfolg aufwarten wollen. Nun musste er diese Schlappe einstecken. Beim nächsten Mal war er gewarnt.

Und es würde sicher ein nächstes Mal geben...

 

 

5

Auf den ersten Blick sah das Tier aus wie ein Gorilla. Es lief leicht gebückt auf zwei Beinen. Der Brustkorb wies erstaunliche Ausmaße auf. Das Fell war kurz und schwarz.

Bei näherem Hinsehen waren jedoch einige beträchtliche Unterschiede zu einem Menschenaffen zu erkennen. Finger und Zehen endeten in gewaltigen Krallen, die jeder Raubkatze Ehre gemacht hätten.

Als die Bestie die Zähne fletschte, konnte man ihr messerscharfes Gebiss sehen, das dem eines Hais glich.

Die Augen funkelten heimtückisch.

Von Zeit zu Zeit stieß das Untier ein tiefes Grunzen aus. Es klang wie ein nahendes Gewitter...

Konstabler Benson, der mit seinem Kollegen Keith im Garden of Kingdom Streife ging, blickte automatisch zum Himmel.

„Ob wir ein Unwetter bekommen?“

Dann unterhielten sie sich weiter über das letzte Spiel ihres Fußballklubs. Die Bestie, die in knapp zehn Schritt Entfernung hinter einer dichten Hecke kauerte und sie beobachtete, bemerkten sie nicht.

Die beiden Polizisten waren fast die einzigen Besucher des Parks. Inspektor Barrymore hatte dafür gesorgt, dass die Gegenden der Stadt, die besonders für einen Überfall geeignet waren, verstärkt bewacht wurden.

Aber Benson und Keith konnten nicht überall sein. Deshalb versuchten sie auch, die wenigen Passanten, die ihnen begegneten, zu veranlassen, die unübersichtliche Anlage zu meiden.

„Die Leute fordern das Verbrechen oft geradezu heraus“, schimpfte Keith. Damit meinte er ein verliebtes Pärchen, das sich natürlich die dunkelste Ecke des Parks ausgesucht hatte.

Er ging auf die beiden zu, die erschrocken auseinanderfuhren.

„Kinder, ihr könnt einem alten Polizisten viel Arbeit ersparen, wenn ihr möglichst rasch nach Hause geht.“

„He! Ist es vielleicht verboten, sich im Garden of Kingdom zu küssen?“, kam die schnippische Antwort.

Keith hatte Mühe, ruhig zu bleiben.

„Es ist stockdunkel. Der Mädchenmörder wartet nur auf solche Gelegenheiten. Wir können nicht die ganze Zeit bei euch Wache halten.“

Das Mädchen kicherte.

„Das wäre mir auch gar nicht so angenehm. Keine Angst, Herr Wachtmeister, mein Bobby passt schon auf mich auf.“

Bobby reckte sich, um zu unterstreichen, dass er den Killer nicht fürchtete.

„Der soll nur kommen“, prahlte er. „Bei mir gerät er an den Falschen.“

Er führte ein paar Boxbewegungen aus, und das Mädchen strahlte vor Bewunderung.

„Er ist nämlich Meister im Leichtgewicht auf dem College“, erklärte sie.

Dann schmiegte sie sich eng an ihren Freund und betrachtete die Angelegenheit als erledigt.

„Und wenn was passiert, schimpft man auf die Polizei“, brummte Konstabler Keith, als er zu Benson zurückgekehrt war.

Dieser gab ihm recht, und sie waren froh, ein neues, ergiebiges Gesprächsthema gefunden zu haben. Die Nacht würde noch lang dauern.

Das Pärchen teilte nicht im mindesten die Sorgen der Beamten. Eng umschlungen saß es auf der Bank und flüsterte die gleichen Worte, wie seit Jahrhunderten auf Parkbänken in aller Welt.

Dass sie dabei beobachtet wurden, ahnten Arlene und Bobby allerdings nicht. Sengende Blicke brannten auf ihren Rücken. Die Bestie stieß ein bedrohliches Grunzen aus.

Das verliebte Paar war zu selbstvergessen, um darauf zu achten.

Da schlug das Untier zu. Mit seinen mächtigen Armen teilte es das Buschwerk.

Arlene schrie auf, als sie die Bewegung hinter sich spürte. Doch es war bereits zu spät. Der erste Hieb traf Bobby und wischte ihn wie eine Pappschachtel von der Bank.

Der junge Mann rappelte sich verdutzt auf, sah Blut über Arlenes Gesicht laufen und erkannte den riesigen Schatten hinter ihr, der unbarmherzig zuschlug.

Das Mädchen war von der Bank gerutscht. Da brach der Gorilla aus dem Gebüsch hervor, um sein tödliches Werk zu vollenden. Wild fuhren die Krallen durch die Luft.

Bobby warf sich der Bestie entgegen. Seine Fäuste zielten auf die blutunterlaufenen Augen. Er erntete lediglich ein verwundertes Brüllen und fühlte sich von zwei starken Armen hochgehoben und weggeschleudert.

Beim Aufprall verlor er das Bewusstsein. Es blieb ihm erspart, das schreckliche Ende seiner Freundin mitzuerleben.

Die beiden Konstabler Benson und Keith hatten in der Zwischenzeit ihre Streife fortgesetzt. Sie befanden sich am äußersten Ende des Parks, als sie die Schreie vernahmen. Sie liefen sofort los, kamen aber zu spät...

Arlene war tot, auch Bobby atmete nur noch schwach. Vom Täter war nichts zu sehen.

Während Benson die Mordkommision und den Rettungswagen verständigte, blieb Keith bei den Überfallenen. Der Mann war vielleicht noch in der Lage, den Mörder zu beschreiben. Er war überhaupt das erste Opfer, das man noch lebend fand.

Noch bevor der Arzt eintraf, öffnete Bobby die geschwollenen Augen.

„Arlene!“, flüsterte er.

Keith konnte ihn kaum verstehen.

„Wer war der Mann? Wie sah er aus?“

„Kein Mann! Ein wildes Tier! Groß und fürchterliche Zähne. Es ist schrecklich ... Arlene!“ Die Worte tropften mühsam aus seinem Mund. Bobby starb, noch bevor er die ganze Wahrheit erfuhr.

 

 

6

Stacy Keach machte sich heftige Vorwürfe.

„Die beiden könnten jetzt noch leben, wenn ich mich nicht hätte übertölpeln lassen“, schimpfte er. „Wenn ich ihm gleich eine Kugel durch die Rippen gejagt hätte, wäre dies nicht passiert.“

Percy Barrymore versuchte, seinen Sergeant zu beruhigen.

„Wenn ich Ihnen auch den Vorwurf nicht ersparen kann, sehr leichtsinnig gehandelt zu haben, so kann ich mir doch Chips Bosley beim besten Willen nicht als berüchtigtes Phantom vorstellen. Der Bursche ist ein durchtriebener Gauner und mit allen Wassern gewaschen, aber der Typ des Massenmörders ist er nicht. Zumal wir noch kein vernünftiges Motiv für die Verbrechen gefunden haben. Den Opfern wurde weder etwas gestohlen noch waren Anzeichen für Sittlichkeitsdelikte vorhanden.“

„Der Kerl mordet lediglich aus Freude am Töten. Vielleicht ist er sogar ein Blutsauger.“

Inspektor Barrymore winkte ab.

„Hören Sie auf, Keach! Solche Märchen gehören nicht in den Mund eines Beamten der britischen Krone. Es ärgert mich, dass dieser Doppelmord geschah, obwohl zwei tüchtige Polizisten in der Nähe waren.“

„Wenn ich eine Tochter hätte“, meinte Sergeant Keach gedehnt, „würde ich sie nur noch in Begleitung eines zuverlässigen Polizeibeamten auf die Straße lassen. Wie geht es eigentlich Suzanne?“

Percy Barrymore grinste breit. Er wusste seit langem, dass Keach ein Auge auf seine hübsche Tochter geworfen hatte. Allerdings hatte er bei ihr noch kein Zeichen von Gegenliebe festgestellt.

Vielleicht konnte man ein wenig nachhelfen. Der Sergeant hatte einen sicheren Beruf. Bei dem Studenten, auf den Suzanne ein Auge geworfen hatte, wusste man nicht, was mal aus ihm werden würde.

„Wollen Sie sie nicht selbst fragen?“, schlug er deshalb vor. „Wir haben am kommenden Sonntag ein paar Gäste zum Essen. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch kämen.“

Stacy Keach schmunzelte. Der Boss trug ihm offensichtlich seinen Fehler bei Chips Bosley nicht nach.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir. Natürlich komme ich gern. Vielleicht haben wir dann schon einen Grund zum Feiern, wenn es uns gelingt, den Unhold zur Strecke zu bringen.“

„Das wäre mir eine Flasche Whisky wert“, erklärte Barrymore. „Aber ich fürchte, wir werden vorher noch eine Menge Niederlagen einstecken müssen. Der Bursche ist kaltblütig und unverfroren und hat das Glück auf seiner Seite.“

„Nicht mehr lange“, versprach Keach grimmig. „Ich kenne jetzt unseren Gegner, und ich werde ihn wiederfinden, das schwöre ich. Und dann wird er den Tag verfluchen, an dem er geboren wurde.“

„Tun Sie nichts Unüberlegtes!“, warnte der Inspektor. „Wenn Sie Bosley verdächtigen, müssen Sie ihm vorher die Schuld nachweisen. Das Urteil spricht in jedem Fall der Richter. Unsere Aufgabe besteht lediglich darin, den Mörder zu fangen, nicht ihn zu bestrafen.“

„Schon gut, Sir. Ich werde der Kanaille nichts tun. Aber ich bringe sie hinter Gitter. Wenn dann die Morde aufhören, kann Bosley nicht mehr leugnen.“

„Was haben Sie vor?“

„Ich kenne einige seiner Schlupfwinkel. Er entwischt mir kein zweites Mal.“

„Sie werden auch kein zweites Mal allein gehen, Keach.“

Der Sergeant wollte protestieren, doch Barrymore fiel ihm ins Wort: „Konstabler Benson geht mit Ihnen, Sergeant. Meinetwegen können Sie auch noch Keith mitnehmen. Ich erwarte jede halbe Stunde Ihren Anruf hier im Büro. Fordern Sie Verstärkung an, wenn Sie es für notwendig halten. Ich werde selbst kommen, sobald ich den Bericht für den Chefinspektor fertig habe.“

 

 

7

Der Mann war allein und genoss die Stille. Sie tat seinen Nerven gut. Er litt unter heftigen Kopfschmerzen, die ihn von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach überfielen.

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Seine Augen waren geschlossen. Sie sahen Bilder, die nicht vorhanden waren. Es schien, als träume er. Er machte einen zufriedenen, ja glücklichen Eindruck.

Leise summte er eine Melodie vor sich hin. Es war ein altes irisches Volkslied. Sein Kopf wiegte sich im Takt.

Plötzlich verzerrte sich sein eben noch so friedliches Gesicht. Er sprang auf und lief im Zimmer auf und ab. Gehetzt blickte er sich um, als würde er verfolgt. Sein Atem ging stoßweise.

Schließlich stürmte er zur Tür, riss sie auf und verließ fluchtartig das Zimmer. Mit einem Fußtritt knallte er die Tür hinter sich zu.

An der frischen Luft wurde ihm keineswegs besser. Tief grub er seine Hände in die Jackentaschen. Mit eingezogenem Kopf marschierte er geradeaus, ohne nach rechts oder links zu blicken.

Einige Passanten sahen ihm verwundert und kopfschüttelnd nach. Dann kümmerten sie sich nicht mehr um ihn. Jeder hatte seine eigenen Sorgen.

Er strebte stadtauswärts. Der Nebel wurde dichter. Der Mann bemerkte es nicht. Erinnerungen schossen durch sein Gehirn. Hässliche Erinnerungen, die ihm körperliche Schmerzen bereiteten.

Er blieb stehen und krümmte sich gequält. Als er sich wiederaufrichtete, glich sein Gesicht einer satanischen Fratze. Der Mund stand schräg, die Augen glühten. Heftig stieß er den Atem durch die Nase.

Der Mann gab einen leisen Schrei von sich. Der Kragen wurde ihm zu eng. Mit raschem Griff zerriss er das Hemd und verschaffte sich Luft. Seine Hand war unnatürlich behaart.

Er näherte sich dem Ortsende. Sein Gang war schwerfällig geworden, als schleppe er eine erdrückende Last. Sein Rücken wurde rund. Die Arme baumelten an den Seiten herab. Seine Hände steckten nicht mehr in den Taschen. Seine Jacke, die er getragen hatte, war verschwunden.

Dafür glänzte im Schein einer trüben Straßenlaterne ein kurzes, struppiges Fell, das, vom Kopf ausgehend, seinen ganzen Rücken bedeckte.

Wären ihm hier draußen noch Menschen begegnet, sie hätten panikartig die Flucht ergriffen.

Aber er war allein. Seine Schritte waren fast nicht zu hören. Seine Füße hatten sich in mächtige Pranken verwandelt. Sie erlaubten ein fast lautloses Gehen. Nur die scharfen Krallen verursachten ein unangenehm kratzendes Geräusch.

Mit einem Ruck blieb er stehen. Von irgendwoher klang unterdrücktes Lachen. Angespannt lauschte er in diese Richtung und stieß ein heiseres Grunzen aus. Dann beschleunigte er sein Tempo.

Am Ortsausgang standen zwei Mädchen. Sie kamen von einer Tanzveranstaltung und kicherten. Offenbar hatten sie den letzten Bus versäumt und warteten nun auf einen Autofahrer, der sie mitnahm.

Sie waren unbeschwert und sangen den neuesten Hit, den die Music-Box den ganzen Abend geplärrt hatte. Ungeduldig blickten sie stadteinwärts, ob nicht endlich ein motorisierter Kavalier kam.

Als sie die Bestie bemerkten, war sie höchstens noch zwanzig Schritt entfernt. Anfangs glaubten die Mädchen noch, es handle sich um einen späten Spaziergänger. Der Nebel war so dicht, dass man keine Einzelheiten erkennen konnte.

Erst als sich die Distanz halbiert hatte, beschlich sie ahnungsvolles Unbehagen. Sie zogen sich von der Straße zurück und liefen auf die Tankstelle zu, die um diese Zeit allerdings nicht mehr besetzt war.

Nun standen sie direkt im Licht der grell leuchtenden Reklameschilder. Zwar versuchten sie, sich hinter den Zapfsäulen zu verbergen, doch der Verfolger war längst auf ihrer Spur.

Zornig stampfte er auf sie zu, das Maul weit geöffnet, das mörderische Gebiss entsetzlich in Sichtweite.

„Lauf!“, schrie die eine der anderen zu und begann selbst zu fliehen.

Die hochhackigen Schuhe flogen in hohem Bogen davon. Eilig zog sie ihren engen Rock bis über die Knie, damit er sie beim Laufen nicht behinderte.

Die zweite trug ein Jeanskleid. Sie folgte der Freundin. Beide schrien, als spürten sie bereits die Klauen im Nacken.

Die Augen der Bestie waren blutunterlaufen, ihr Brüllen war weit zu hören.

Aus der Feme hörte man genagelte Stiefel auf dem Pflaster.

„Es kommt doch von Westen“, rief Konstabler Keith seinem Kollegen zu. „Sergeant Keach ist in die falsche Richtung gelaufen.“

„Das schaffen wir auch allein“, gab Benson zurück. „Diesmal dürfen wir nicht wieder zu spät kommen.“

Während des Laufens rissen sie ihre Pistolen heraus und entsicherten sie.

Das Brüllen der Bestie und die Schreie der Mädchen waren immer deutlicher zu vernehmen. Schweißgebadet erreichten die Beamten die Tankstelle. Sie fanden einen Schuh. Weiter war nichts zu sehen.

Aber der Lärm führte sie in die richtige Richtung.

Benson fiel der Länge nach hin. Er war über einen menschlichen Körper gestolpert. Im Schein seiner Taschenlampe erkannte er sofort, dass das Mädchen nicht verletzt war.

Es schrie hysterisch auf, als er ihm ins Gesicht leuchtete. Die schwachen Fäuste trommelten verzweifelt gegen den Polizisten.

„Verdammt noch mal!“, brüllte der Konstabler den Teenager an. „Wo ist er hin? Waren Sie allein?“

Das Mädchen stellte seine Attacken ein und klammerte sich an Benson. Es stieß Worte aus, die völlig unverständlich blieben.

Dann krachte ein Schuss.

Sofort schrie das Mädchen erneut. Benson riss sich gewaltsam los, um seinem Kollegen zu Hilfe zu eilen. Weitere Schüsse peitschten durch die Nacht. Dazwischen ertönte ein Brüllen, dass dem Beamten das Blut in den Adern gefror.

„Wo sind Sie, Keith?“

„Ich habe ihn erwischt“, klang es aus einiger Entfernung.

Benson legte den Rest der Strecke zurück. Dort stieß er auf Konstabler Keith.

„Das Mädchen ist schwer verletzt“, berichtete der Kollege.

„Wo ist der Killer?“

„Er ist fort. Aber ich habe ihn zweimal getroffen. Weit kommt er nicht.“

„Sind Sie sicher, dass Sie ihn nicht verfehlt haben?“

„Ich konnte ihn fast mit der Hand berühren. Er wollte sich gerade erneut auf das Mädchen stürzen, als ich ihn erwischte. Die Kugeln landeten ziemlich genau in der Herzgegend, wenn das Monster überhaupt ein Herz hat.“

„Es war also kein Mensch?“

Keith schüttelte sich vor nachträglichem Grauen.

„Ich kann das Vieh nicht beschreiben, aber etwas Menschenähnliches hatte es nicht an sich. Ich weiß jetzt noch nicht, woher ich die Kraft nahm zu schießen. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Gegner nicht sogar Feuer spie.“

„Na, na!“ Benson machte ein ungläubiges Gesicht. „Wieso hat er Sie dann nicht gefressen?“

„Ich sagte doch, dass ich ihn angeschossen habe. Vermutlich hat sich das Untier unter Schmerzen verzogen und ist hier in der Nähe verendet.“

„Demnach wäre die Mordbestie tot, und Sie hätten ihr den Garaus gemacht. Da wird Sergeant Keach aber sauer sein, dass Sie ihm seinen Triumph genommen haben.“

„Was ist mit mir?“, erklang eine rauhe Stimme aus dem Dunkeln.

„Oh, gut, dass Sie da sind, Sir“, sagte Konstabler Benson eifrig. „Man muss sich um die Mädchen kümmern. Eines ist beträchtlich verletzt.“

„Und Bosley?“

Keith schüttelte energisch den Kopf.

„Es war nicht Chips Bosley, Sir. Diese Kreatur war das Scheußlichste, was ich je gesehen habe. Aber nun wird sie nicht mehr morden. Ich habe sie getötet.“

Er reckte sich stolz. Morgen würde er in allen Zeitungen stehen…

Stacy Keach kniff die Augen zusammen.

„Hoffentlich irren Sie sich nicht.“

 

 

8

Percy Barrymore betrachtete belustigt seine Frau, die aufgeregt im Zimmer hin und her lief, hier eine Blumenvase zurechtrückte, dort eine Falte im Tischtuch glattstrich und fortwährend ans Fenster eilte, um auf die Straße zu spähen.

„Du hast mir nicht gesagt, dass du den Minister erwartest“, neckte er sie. „Soll ich nicht lieber meinen Smoking anziehen?“

„Sei nicht albern“, tadelte Viviane. „Mister Clayton kommt aus einer guten Familie. Schließlich wollen wir uns nicht blamieren.“

„So, so, Clayton heißt der Supermann. Du betrachtest ihn wohl bereits als Schwiegersohn. Glaub’ mir, er ist nicht der letzte, den Suzanne ins Haus bringt.“

„Ich glaube, da kenne ich unsere Tochter besser. Sie fängt nicht so leicht Feuer. Es scheint wirklich ernst zu sein. Warum hast du eigentlich diesen unmöglichen Keach eingeladen? Er wird noch alles verderben.“

Barrymore lachte gutgelaunt.

„Dann war die Liebe nicht sehr groß. Aber im Ernst, ich hielt es auch für den jungen Mann für angenehmer, wenn er nicht der einzige Gast ist. Er müsste sich ja wie ein Schlachtopfer vorkommen. Außerdem kann ein wenig Konkurrenz nicht schaden.“

„Konkurrenz?“ Vivianes Augen weiteten sich ungläubig. „Du wirst doch nicht allen Ernstes annehmen, dass dieser ungehobelte Mensch bei Suzanne zärtliche Gefühle weckt.“

„Warum nicht? Man darf nicht den Kern wegwerfen, nur weil die Schale rau ist. Sergeant Keach ist ein ausgezeichneter Polizist. Seine Frau kann sich mal bestimmt nicht beklagen. Bei diesem Clayton habe ich dagegen kein gutes Gefühl. Was studiert er denn überhaupt?“

„Ich weiß es nicht genau. Psychologie, glaube ich.“

„Und damit will er Geld verdienen?“

Viviane Barrymore antwortete nicht. Sie war sicher, dass Suzanne die richtige Wahl treffen würde.

Es läutete.

Stacy Keach war an der Tür.

„Ich bin zu früh, nicht wahr? Ich wollte noch den gestrigen Fall mit Ihnen besprechen.“

„Gibt es etwas Neues?“, fragte der Inspektor.

„Nichts. Obwohl Konstabler Keith nach wie vor Stein und Bein schwört, den Killer schwer verwundet zu haben, wurde er nicht gefunden. Nicht mal eine Blutspur konnten wir entdecken. Seine Beschreibung deckt sich allerdings recht genau mit der der Mädchen, die ihn als haarigen Teufel mit riesigen Krallen schilderten.“

„Aber Sie beharren auf Ihrer Meinung, dass es sich um Chips Bosley gehandelt hat.“

„Davon bin ich fest überzeugt. Der Strolch benutzt eine Maskierung. Damit bleibt er erstens unerkannt, zweitens jagt er seinen Opfern einen solchen Schrecken ein, dass sie zu keiner Abwehrreaktion mehr fähig sind.“

„Die Wunden, die die Toten aufwiesen, deuten aber tatsächlich auf ein wildes Tier hin.“

„Das wildeste Tier war schon immer der Mensch!“

Dagegen konnte Barrymore nichts einwenden.

Viviane betrat mit Suzanne und einem jungen Mann das Zimmer.

Dieser stellte sich als Trevor Clayton vor und bedankte sich für die freundliche Einladung. Er war ein Zweimetermann, sportlich durchtrainiert und braungebrannt. Er ließ sich nicht anmerken, ob ihm Sergeant Keachs Anwesenheit missfiel.

Dieser dagegen belauerte ihn misstrauisch, da er sofort erkannte, welche Rolle Clayton im Leben Suzanne Barrymores zu spielen hoffte. Er geizte auch nicht mit abfälligen Bemerkungen über eine gewisse Sorte Menschen, die das Arbeiten nicht nötig zu haben schienen.

Die Damen mussten ihren ganzen Charme aufbringen, um der Situation ihre Peinlichkeit zu nehmen. Viviane warf ihrem Mann vorwurfsvolle Blicke zu.

Die Gewitterstimmung verflog erst, als nach dem Essen wie selbstverständlich die Rede auf den Mädchenmörder kam. Dieses Thema interessierte nicht nur die Beamten, sondern auch den Studenten.

Trevor Clayton hatte sich offenbar bereits gründlich mit dem Fall befasst, der ohnehin Tagesgespräch in Ringpool war. Er äußerte einen überraschenden Gedanken.

„Haben Sie eigentlich noch nie an die Möglichkeit gedacht, dass es sich um einen Fall von Identitätsveränderung handeln könnte?“

Inspektor Barrymore und Sergeant Keach sahen ihn verständnislos an, deshalb fuhr er erklärend fort: „Es gibt Beispiele, dass Menschen aus ungeklärter Ursache nicht nur von ihrem geistigen, sondern auch von ihrem körperlichen Ich Abstand nehmen. Es handelt sich dabei also nicht nur um bloße Bewusstseinsspaltung, die von keinem Mediziner und Wissenschaftler mehr bestritten wird, sondern um einen regelrechten Tausch des ganzen Körpers.“

„Davon habe ich gehört“, räumte Barrymore ein.

„Totaler Blödsinn!“, verwarf Keach die Ansicht. „So was kann nur Leuten einfallen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Vor ein paar hundert Jahren hätte man Sie noch wegen solcher Äußerungen verbrannt.“

Clayton überging diese Frechheit. Er wandte sich an den Inspektor.

„Mich interessiert dieser ungewöhnliche Fall brennend. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir nähere Einzelheiten über die Opfer und die Tatumstände mitteilen würden.“

„Ich kann und darf Ihnen nicht mehr sagen, als Sie ohnehin aus den Zeitungen erfahren. Falls wir jemals den Täter erwischen, können Sie prüfen, ob Sie mit Ihrer Theorie recht hatten.“

„In der heutigen Morgenausgabe las ich, dass einer Ihrer Beamten ihn bereits gestellt hatte, er aber trotz tödlicher Verwundungen entkommen konnte.“

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937466
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535055
Schlagworte
armen bestie

Autor

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Titel: In den Armen der mordenden Bestie