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Schienenleger nach vorn!

2020 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schienenleger nach vorn!

Copyright

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Schienenleger nach vorn!

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Sie waren Brüder — Jim, der am Spieltisch gelernt hat, dass der Mann am längsten lebt, der schneller schießt als seine Gegner; Amos, der bullige, breitschultrige Mann, hart geworden in zahllosen Kämpfen; Johnny, der hübsche, hitzige Linkshänder, der jüngste der drei MacLanes. Sie standen auf verschiedenen Seiten, als sie sich zum ersten Mal sahen. Aber der harte, gemeinsame Kampf um ihr Land und ihr Leben schmiedet sie aneinander, stärker und unauflöslicher als glühender Stahl.

Mit einem Heer von Planierern und Schienenlegern ziehen Jim und Amos MacLane unter dem Kommando des verkommenen Bahningenieurs Stevenson in die Rocky Mountains. General Casement hat den Berg Alpha nicht bezwingen können. Nun soll sich Stevensons Mannschaft daran die Zähne ausbeißen. Aber sie haben mehr als nur den Berg zu bezwingen. Mörderische Indianerbanden, Gesteinslawinen und Schneestürme begleiten sie. Agenten der Central Pacific Railway schießen aus dem Hinterhalt, und bald weiß keiner mehr, ob am Ende eine Kugel oder klingende Dollars auf ihn wartet ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Der Berg muss weg. Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, Stevenson“, sagte General Casement. Er wischte sich die Eiskristalle aus seinem Schnurrbart und blickte auf den hageren Ingenieur an seiner Seite, der wie eine verbogene Säule neben einem Felsquader wirkte.

Wie hypnotisiert blickte Ingenieur Stevenson nach vorn, wo die planierte Strecke für die Bahn jäh an einer mächtigen Felsschulter endete, als sollte es hier nie mehr weitergehen. Casement, der grauhaarige Haudegen, dessen Initiative die Union Pacific durch tausend Höllen bis hierher in die Rocky Mountains gebracht hatte, der ein Heer wilder irischer und bayrischer Bahnbauer anführte und mit ihnen wahre Wunder vollbracht hatte, schien an diesem Felsbrocken zu scheitern.

„Stevenson“, sagte er ungeduldig. „Sie haben diesen Abschnitt bekommen, weil ich hoffe, dass Sie mit der neuen Mannschaft, die Sie aus Cheyenne herangebracht haben, sogar den Satan am Gaumen kitzeln werden. Hart genug ist sie. Ich will von Ihnen in sechs Wochen die dreißig Meilen gebaut haben. Und in einer Woche möchte ich von Ihnen hören, dass Sie diese verfluchte Felsschulter gebrochen haben. Ich weiß, Sie haben nur vier Zentner Sprengstoff. Es ist Ihre Sache, sich mehr davon zu beschaffen. Sie bekommen von Dr Durant, unserem Manager, zehntausend Dollar Zuschlag, wenn der Brocken weg ist. Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt.“

Stevenson nickte nur. Er starrte immer noch wie gebannt auf den Felsen. Schwarz und böse ragte er aus dem Gebirge heraus, als habe ihn die Natur eigens dafür wachsen lassen, um sich hier mitten in die Linienführung der Union Pacific zu legen. Es war nicht möglich, den Berg einfach zu umgehen. Links gähnte eine Schlucht, rechts ragten die Berge noch höher, noch unüberwindlicher auf. Casement hatte diesen Felsbrocken den Berg Alpha genannt, wie er auch in den Karten der Landvermesser eingetragen war. Berg Alpha war also die Nuss, die Stevenson knacken sollte.

„In Ordnung, Sir. Ich werde tun, was ich kann“, sagte Stevenson. „Zehntausend Dollar sind soviel Geld, dass ich dafür eine Menge zu tun bereit bin.“

Casement nickte, drehte sich um und stapfte zu seinem Pferd zurück. Sein Vormann hielt ihm den Bügel und saß dann selbst auf. Durch den Schnee galoppierten die beiden Männer zurück.

Stevenson lehnte sich an die vereiste Felswand. Während er noch immer nachdenklich auf die drohende Felsschulter blickte, zog er eine Flasche aus seiner Pelzjacke. Er entkorkte sie mit den Zähnen, spuckte den Korken in die linke Hand und trank, ohne den Blick auch nur eine Sekunde vom Felsen zu wenden. Dann nickte er ein paarmal, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und nahm noch einen Schluck. Er schien nicht zu bemerken, dass hinter ihm ein Mann aufgetaucht war und mit verschränkten Armen keine zwei Schritte von ihm entfernt stehenblieb, ihn aufmerksam betrachtete und dann in die Stille hinein sagte: „Nicht wahr, der Klotz macht Ihnen mächtige Sorgen?“

Stevenson zuckte wie von einer Peitsche getroffen herum. Fast wäre ihm die Flasche aus der Hand gefallen, so überrascht war er. Der dunkelhaarige Mann mit dem schmalen Bärtchen auf der Oberlippe lächelte.

„Keine Sorge, Mister, ich habe friedliche Absichten. Sie waren so in diesen Anblick vertieft, dass ich den Eindruck hatte, Sie hätten auch eine Lokomotive nicht gehört. Übrigens, mein Name ist Matree — Bill Matree. Ich habe Sie schon den ganzen Tag im Bahncamp gesucht, Mr. Stevenson.“

Stevenson steckte wie ein ertappter Dieb die Flasche weg und sagte mit rauer Stimme: „Sie hätten dem General begegnen müssen und Ihr Problem mit ihm besprechen können, Mr. Matree.“

„Hätte ich, wollte ich aber nicht. Ich war schon in der Nähe, als Casement noch mit Ihnen sprach, Mr. Stevenson. Sie sehen, ich habe nichts zu verbergen.“

Stevenson beobachtete den ihm völlig fremden Menschen. Matree hatte kein unsympathisches Gesicht. Es war schmal und kantig und verriet etwas von der Härte dieses Mannes, vor allem der Blick. Dem Aussehen nach mochte er dreißig Jahre alt sein.

„Sie sehen mich wie einen Zuchtbullen an, Mr. Stevenson. Ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen. Ich bin ein freier Unternehmer wie Sie. Nur habe ich nicht hundert halbwilde Iren oder Bayern oder — wie die Central Pacific — ein paar tausend chinesische Kulis. Ich beschäftige nur wenige Leute, obgleich ich sozusagen auch für den Bahnbau arbeite.“

Jetzt glaubte Stevenson zu wissen, zu welcher Kategorie er Matree zählen musste: ein Spieler; ja, Matree musste ein Spieler sein. Also einer der Haie aus den „rollenden Städten“, die wie ein Krebsgeschwür den Bahnbau begleiteten.

„Sie haben wohl noch nichts von Julesburg gehört, Mister?“, fragte Stevenson. „Der General hat dort kürzlich ein paar Dutzend von Ihrer Sorte aufhängen lassen. Der Rest ging im Bleihagel zugrunde.“

Matree lachte.

„Irrtum, Mr. Stevenson. Ich bin keiner von denen, an die Sie jetzt denken. Nein, ich mache andere Geschäfte. Sehen Sie, ich möchte, dass die Bahn mit diesem Felsen noch lange zu tun hat. Und ich will Ihnen auch sagen, warum: Weil mit jedem Tag, den die Union Pacific hier vertrödeln muss, die Central Pacific Railway Meile um Meile nach Osten baut — Meilen, an denen meine Gesellschaft viel Geld verdient. Nun wissen Sie es, Mister. Ich arbeite für den Central. Deshalb bin ich hier.“

„Pech für Sie, Matree! Ich lasse mich nicht bestechen“, sagte Stevenson und nahm wieder einen Schluck aus der Flasche.

Matree lächelte und sah ihm interessiert zu.

„Weiß Casement, dass Sie ein notorischer Säufer sind?“

Stevenson lief vor Wut rot an.

„Dafür schieße ich Sie über den Haufen.“

Seine Hand kam aber nicht einmal bis in die Nähe des Revolvers, da hatte Matree seine Waffe schon in der Hand. Wieder lächelte er spöttisch.

„Auch darin bin ich nicht schlecht, Stevenson. Nun, habe ich etwa unrecht, wenn ich Sie einen Trinker nenne? Bestimmt hat Casement von Ihrem kleinen Laster keine Ahnung. Ich weiß zum Beispiel ganz genau, dass er im Baubezirk jeden Tropfen Whisky verboten hat. Ein Mann, der Alkohol hat, wird nach dem Gesetz der Union Pacific bestraft. Die Strafe kennen Sie doch, Stevenson?“

„Halten Sie den Mund!“, schrie Stevenson, riss die Flasche hoch und schleuderte sie nach Matree.

Matree tänzelte ohne Mühe zur Seite, und die Flasche verfehlte ihn.

„Schade, nun fliegt der teure Whisky in die Schlucht“, sagte er, und fast gleichzeitig zerschellte die Flasche an einem Felsen in der Tiefe.

„Hören Sie zu, Stevenson, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie werden diesen Felsen auch in einer Woche nicht beseitigt haben. Sie werden die dreißig Meilen so bauen, dass Casement Ihnen noch weitere sechs Wochen Zeit geben muss. Alles andere überlassen Sie mir. Die Gründe für Ihre Verspätung liefere ich Ihnen. Sie brauchen nur jede Gelegenheit zu nutzen, alles langsamer und schlechter zu machen. Dafür zahle ich Ihnen dieselbe Prämie wie der General: zehntausend Dollar.“

„Nein“, antwortete Stevenson, der plötzlich von einem elenden Katzenjammer gepackt wurde. Eben hatte er die Flasche weggeworfen. Im Umkreis von vierzig Meilen würde er keine neue bekommen. Gerade jetzt aber hätte er einen Schluck besonders nötig gehabt, meinte er.

Die Wut auf diesen aalglatten Burschen überkam ihn erneut. Obgleich er fast zehn Jahre älter war als dieser schlanke Mann, griff er unvermittelt an. Er raffte alle seine Kraft zusammen und warf sich auf Matree. Matree hatte den Revolver gerade wieder weggesteckt und bekam ihn nicht schnell genug wieder heraus. Stevensons Faust traf ihn am Kinn und warf ihn fast bis zum Rand des Abgrundes zurück. Als Stevenson nachsetzte, um mit dem Fuß zuzutreten, rollte sich Matree zur Seite, packte Stevensons Stiefel und riss ihn zu Boden. Bevor Stevenson überhaupt zu einer weiteren Reaktion kam, war Matree auf den Beinen. Er holte aus und schlug mit einer Wucht zu, dass er damit einen Stier von den Beinen gerissen hätte. Stevenson rutschte fast zwei Schritt weit durch den Schnee, als ihn der Treffer am linken Backenknochen erwischt hatte. Benommen von diesem Schlag blieb er sekundenlang liegen. Matree stand auf, klopfte sich den Schnee von der Kleidung und sagte mit eisiger Schärfe: „Stevenson, ich wollte es mit Ihnen friedlich und wie unter Erwachsenen regeln. Da Sie sich aber wie ein kleiner Junge aufführen, werde ich Ihnen offenbar erst zeigen müssen, wie hoffnungslos unterlegen Sie sind. Ich halte mein Angebot drei Tage lang aufrecht. Danach zahle ich Ihnen nur noch die Hälfte. Ich bin sicher, dass Sie in drei Tagen wissen werden, warum das so ist.“ Er stülpte sich seinen Hut auf und ging mit federnden Schritten den planierten Schienenweg zurück, wo er hinter einer Krümmung verschwand.

 

 

2

„Schneller, Jungs! Wer weiß, wie lange das schöne Wetter anhält“, rief Rory O’Hagan, der bullige Vormann der irischen Mannschaft, die Werkzeug aus dem Waggon auf die Maultiergespanne verlud.

Es begann wieder zu schneien. Der Schnee fiel in kleinen Flocken, die der eisige Wind in die bärtigen Gesichter der Männer trieb. Jim MacLane führte gerade ein neues Gespann heran. Er musste einen Augenblick lang warten, bis der beladene Wagen davor abgefahren war. So hatte er Zeit, die Männer zu betrachten. Ihm schien es eine gute Mannschaft zu sein. Achtundvierzig Iren und Deutsche aus Bayern, gefährlich wie losgelassene Tiger und bissig wie ein Rudel verwilderter Hunde. Aber sie schufteten wie besessen. Jeder einzelne von ihnen war bestes Schwergewicht, hatte einen Körper aus stählernen Muskeln und eisenharten Knochen.

Diese Jungs hatten bereits ein halbes Jahr in Casements Mannschaft hinter sich. Nun waren sie von Stevenson angeheuert worden, mitsamt ihrem Vormann O’Hagan, der ihnen allen an Kraft und Schnelligkeit überlegen war. Viele von ihnen hatten bereits im Kampf gegen die Cheyennes bewiesen, dass sie mehr konnten, als Strecken planieren und Schwellen legen. In Julesburg, wo Casement erbarmungslos gegen die Geschäftemacher, Revolvermänner und Spielhöllen vorging, wo er eine regelrechte Schlacht schlug, um eine Pest auszurotten, waren die meisten dieser Männer dabei gewesen. Vor allem O’Hagan war dabei auf seine Kosten gekommen, denn es war eine wahre Freude für ihn gewesen, einmal richtig losschlagen zu dürfen.

Jim MacLane wartete seit zwei Stunden auf Stevenson, und der Ingenieur war immer noch nicht vom Berg Alpha zurück. Dabei wusste er, dass General Casement mit seinem Vormann schon vor mehr als einer Stunde zurückgekommen war.

Kurzentschlossen sprang Jim MacLane vom Bock und rief O’Hagan zu: „Rory, setzen Sie einen Mann auf das Gespann! Ich muss nach dem Boss sehen.“

O’Hagan schien Jim MacLanes Befehl nicht zu passen. Aber bevor er zu einer Entgegnung ansetzen konnte, tauchte ein Reiter auf, der sein Pferd durch das Gewirr von Maultieren, Wagen und herumliegenden Werkzeugen lenkte und genau auf O’Hagan zuhielt. Jim MacLane und Rory O’Hagan sahen gleichzeitig auf den Mann. Wie Jim in O’Hagans Gesicht zu lesen glaubte, wusste der Ire auch nicht, wer der Fremde sein mochte.

„Wer von euch ist Mr. MacLane?“, fragte er und sah O’Hagan an. Dann drehte er sich um.

Jim MacLane nickte. „Ich bin Jim MacLane. Was gibt’s?“

Er betrachtete den schlanken Mann, in dessen schwarzem Haar Schneeflocken hingen. Sein Hut war von Schnee ebenso bedeckt wie die Schultern seiner Felljacke und der Rücken seines Pferdes.

„Ich wollte mit Ihnen reden, Mr. MacLane. Ich bin Bill Matree, wenn Ihnen dieser Name etwas sagt.“

Der Name sagte Jim MacLane nichts, aber irgendwie spürte er, dass dieser Bill Matree wohl kaum wegen einer Lappalie gekommen war. Die selbstsichere Art, das überlegene Lächeln deutete auf einen Mann hin, der seinen Preis kannte. Jim MacLane fiel ein, dass der Mann aus der gleichen Richtung gekommen war, wie zuvor Casement und sein Vormann. Rory O’Hagan schien es ebenfalls aufgefallen zu sein, denn er sagte mit seiner poltrigen Stimme: „Sagen Sie, Mister, kommen Sie nicht vom Alpha?“ Er zeigte zum Ende der planierten Strecke. „Sie haben doch nicht etwa Mr. Stevenson getroffen?“ Er sprang vom Wagen herab und ging mit schweren Schritten auf Matree und sein Pferd zu. Der Braune schien es nicht gern zu haben, wenn jemand zu nahe an seinen Kopf kam. Er legte die Ohren an und zeigte die Zähne. Aber O’Hagan achtete nicht darauf. „He, Mister, ich habe Sie was gefragt!“

Matree runzelte einen Augenblick lang die Brauen, dann lächelte er wieder und überging O’Hagans aggressive Bemerkung.

„Ich habe einen Mann vor dem Alpha gesehen, der eine Flasche in der Hand hielt, den Berg sehr interessiert betrachtete und zwischendurch die Flasche leerte. War das vielleicht Ihr Mr. Stevenson?“ Matree lachte herausfordernd.

O’Hagan verzog das Gesicht, fluchte vor sich hin und wandte sich um, ohne noch einen Ton zu sagen. Er kletterte wieder auf den Wagen und brüllte einem Arbeiter zu: „He, du fauler Sack, nimm das Gespann!“ Er wies auf Jims Wagen.

Jim MacLane hatte alles erwartet, nur nicht diesen sang- und klanglosen Rückzug des sonst so hitzigen Rory O’Hagan. Noch verblüfft darüber, wandte er sich Matree zu.

„Wenn Sie etwas zu sagen haben ...“

Matree schüttelte den Kopf. Er deutete auf einen kleinen Schuppen, der noch von Casements Männern gebaut worden war.

„Wir unterhalten uns dort drüben, Mr. MacLane. Ich habe nicht vor, eine öffentliche Erklärung abzugeben.“

Er ritt zum Schuppen hinüber, und Jim MacLane folgte ihm. Auf halbem Weg kam Jims Bruder Amos mit einem Gespann vorüber. Amos hielt an, beugte sich vom Bock und sagte: „Wir brauchen noch zwei Waggons zum Übernachten. Hast du Stevenson Bescheid gesagt?“

„Er ist noch nicht zurückgekommen. Ich glaube, dieser Mann dort vorn kann mir ein paar Dinge dazu sagen. Seht zu, dass ihr alles Gerät noch heute zum Alpha bringt.“

Amos tippte an die Krempe seines Stetsons und fuhr weiter.

Matree war abgesessen. Er hatte sein Pferd angebunden und lehnte sich unter dem Vordach der Hütte an einen Balken.

„Der Beschreibung nach müsste der Mann auf dem Wagen Ihr Bruder Amos gewesen sein, stimmt’s?“

Jim zuckte die Schultern.

„Sie scheinen sich für unsere Familie sehr eingehend interessiert zu haben.“

„Ich interessiere mich immer noch, Mr. MacLane“, erwiderte Bill Matree. „Sehen Sie, ich habe mich vorhin mit Stevenson unterhalten. Er mag sonst ein heller Kopf sein, aber heute hat er seinen schlechten Tag.“

„Was Sie nicht sagen! Wo ist Stevenson jetzt?“

„Ich vermute, er sucht die Flasche Whisky, die er nach mir geworfen hat. Er wird sie sehr vermissen, wie ich ihn kenne.“

„Whisky? Stevenson mit Whisky?“, fragte Jim MacLane ungläubig.

Matree lachte.

„Das haben Sie nicht gewusst, was? Stevenson säuft wie ein Loch. Nun, das ist seine Sache. Mir geht es um andere Dinge. Ich möchte Ihnen ein Angebot machen. Bevor Sie nein sagen, überlegen Sie es sich besser. Ich will Sie kaufen. Was kosten Sie?“

„Uns hat Casement schon gekauft.“

Matree winkte ab. „Mag sein. Aber wie ich Casement einschätze, hat er nicht bezahlt, was Sie wert sind.“

„Vielleicht wissen Sie besser als ich, was ich wert sein könnte, aber ich habe auch ein Abkommen mit Stevenson getroffen.“

„Das ist schlecht, weil Säufer wie Stevenson haltlose Burschen sind. Sie sollten mit mir einen Vertrag schließen, dann hätten Sie einen guten Preis und zudem das Wort eines Mannes, der noch nie ein Abkommen gebrochen hat.“

„Dazu müsste ich Sie besser kennen, Matree. Was wollen Sie also?“

„Ich möchte Sie für die Central Pacific Railway anwerben. Sie und Ihren Bruder. Nein, sagen Sie noch nichts! Ich weiß, warum Sie hier sind. Ihre Mannschaft sitzt in einem Nest namens Haxtun, hat kaum Geld zum Leben, und Sie wollen mit Ihrem Bruder hier bei etwas mithelfen, was Casements wilder Bande missglückt ist. Der Berg Alpha — die Prämie, die Casement inzwischen auf zehntausend Dollar erhöht hat, was Sie nicht einmal wissen dürften ...“

„Aber sicher. Er hat es mir vorhin gesagt, als er zurückkam.“

„Das ändert nichts. Jedenfalls wollen Sie Ihren Anteil an so einem Brocken kassieren, um Ihre Mannschaft über den Winter zu bringen. Ein feiner Zug an Ihnen, MacLane. So etwas imponiert mir. Aber der Alpha ist ein harter Brocken. Zudem haben Sie kein richtiges Pulver. Casements lächerliche vier Zentner Sprengstoff reißen am Alpha ein winziges Loch, mehr nicht. Schwarzpulver! Wissen Sie, was die Central in der Sierra Nevada benutzt hat? Nitroglyzerin, wenn Sie wissen, was das ist. Mit zwei Kanistern können Sie die halben Rocky Mountains in die Luft jagen.“

„Ich habe auch gehört, dass die Central dadurch mehr als zweihundert chinesische Kulis verloren hat, weil es so gefährlich ist.“

„Mehr als zweihundert, richtig. Aber niemand fragt danach. Jim Strowbridge hat für die Central im Bahnbau alle Rekorde gebrochen. Wir sind bei einer Strecke von zehn Meilen pro Tag angekommen. Natürlich eine Ausnahme, aber sieben machen wir allemal. Und Casement? Jetzt schafft er sechs Meilen an seinem besten Tag. Den Alpha hat er einfach liegengelassen und baut auf der anderen Seite weiter. So geht’s natürlich auch.“

„Für uns ist das ein zusätzlicher Verdienst, Matree. Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie den Alpha gern noch länger stehen sehen.“

„Sie sind klüger als Stevenson.“

„Sie haben wenig Menschenkenntnis, Matree.“

„So?“

Jim nickte. „Weil ich nicht zu kaufen bin.“

„Ach! Und Ihre Mannschaft in Haxtun? Wenn Sie jetzt fünftausend Dollar bekämen, sich mit Ihrem Bruder auf die Pferde schwingen und nach Haxtun reiten könnten, ohne eine Hand dafür gerührt zu haben — wie wäre das?“

Jim lachte, schob sich den Hut ins Genick und sagte: „Das wäre prächtig. Die Sache hat nur einen Haken, Matree.“

„Zu wenig? Wollen Sie mehr Geld?“

„Das würde nichts ändern. Nein, der Haken ist, dass ich auch noch nie mein Wort gebrochen habe. Casement und Stevenson haben mein Wort.“

Matree nickte, als habe er im Grunde keine andere Antwort erwartet.

„Na gut, das ist ein Argument, MacLane. Schade, denn von jetzt ab sind wir Gegner. Trotzdem freue ich mich, dass Sie es sind — ein Mann und kein Trunkenbold wie Stevenson.“ Er wollte auf sein Pferd steigen, aber Jim MacLane legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Einen Augenblick, Matree. Sie haben da etwas über Stevenson gesagt. Ich weiß, dass er ein ausgezeichneter Ingenieur ist ...“

Matree nickte.

„Ja, das ist er. Aber seit einiger Zeit säuft er. Ich sagte das schon. Irgendwie hängt es mit seiner Frau zusammen.“

„Mit seiner Frau?“

„Ja. Er ist verheiratet, aber er lebt nicht mit seiner Frau zusammen. Vielleicht säuft er deshalb. Finden Sie es selbst heraus! Vielleicht bereuen Sie dann Ihr Wort. Aber nun ist es nicht mehr zu ändern.“ Er schwang sich in den Sattel und ritt an. Jim MacLane sah ihm nach. Die Art, wie er den Braunen antrieb, verriet, dass Matree ein guter Reiter und Pferdekenner war. Matree hielt auf die provisorische Umgehungsstraße zu, die Casement für seine Frachtwagen gebaut hatte. Die Straße führte von hier aus, dem Endpunkt der durchgehenden Strecke, direkt zu dem Teilstück auf der anderen Seite des Gebirgszuges.

Jim ging zurück zu den Waggons, an die gerade die Lokomotive angekuppelt wurde. Sie stieß einen schrillen Pfiff aus. Jim nahm O’Hagan beiseite und erklärte dem untersetzten Iren: „Wenn das hier alles aufgeladen ist, stellen Sie zehn Männer ausschließlich für die Bewachung ab. Wir dürfen unsere Wagen und die Baustelle keine Minute aus den Augen lassen.“

„Hängt das mit dem Kerl zusammen, der Sie eben sprechen wollte?“, fragte O’Hagan.

„Ja. Er arbeitet für die Central. Wenn er noch einmal in der Nähe der Baustelle oder hier im Camp auftaucht, sagt ihr mir oder Amos Bescheid. Wir werden uns dann mit ihm befassen.“

O’Hagan stellte keine Fragen. Er nickte nur, sah Jim MacLane von unten herauf nachdenklich an und brummte: „Gut, ich habe das verdammte Gefühl, dass hier bald der Teufel los sein wird.“

 

 

3

Jim MacLane kam vom Proviantdepot zurück. Er ritt schneller, als er die Schüsse vorn am Alpha hörte. Von den Wagen war der Schnee festgefahren und von den Hufen der Mulis war er zertrampelt. Der eisige Nordwind hatte ein wenig nachgelassen, und seit etwa einer Stunde schneite es nicht mehr. Fast alle Männer waren am Berg. Nur wenige räumten noch die Station auf. Alle übrigen waren Männer aus General Casements eigener Bautruppe und der dazugehörigen Schutzmannschaft. Mit dem Bauabschnitt vom Ende der Schienen bis zum Felskopf des Alpha hatten sie erst dann etwas zu tun, wenn Stevenson dem General melden konnte: „Wir sind fertig mit dem Planieren. Schienenleger können vor.“ Aber daran war noch lange nicht zu denken.

Jim trieb sein Pferd an, einen Grauschimmel aus Casements Corral, wie das UP-Brandzeichen auf dem linken Hinterschenkel bewies.

Die Schüsse waren verklungen. Jim MacLane ritt über die planierte Strecke nach vorn, an der rechts und links Schwellenstapel lagen. Später wurde die Strecke schmaler. Links fiel eine Schlucht ab, rechts ragte der Fels, zum Teil überhängend, auf. Die Streckenführung machte hier einen weiten Bogen, und als Jim fast herum war, sah er die Baustelle vor dem Alpha-Felsen.

Stevensons Iren waren hinter Felsbrocken und ausgespannten Frachtwagen in Deckung gegangen. Sie feuerten jetzt wieder wie auf ein Kommando auf eine Gruppe Indianer, die genau gegenüber auf der anderen Schluchtseite aufgetaucht war und in halsbrecherischem Tempo einen schmalen Pfad am Rande des Abgrundes entlang jagte. Die Cheyennes schossen vom Rücken ihrer sattellosen Pferde aus mit großkalibrigen Hawken-Gewehren auf die Männer des Bautrupps.

Das Gefecht ging vorbei wie ein Spuk. Bevor Jim MacLane seine Winchester 66 überhaupt aus dem Scabbard gezogen hatte, waren die Indianer verschwunden. Er ritt bis zu den Männern, die sich gerade aus der Deckung erhoben. Rory O’Hagan kam ihm entgegen und rief: „Diese roten Teufel halten uns seit ein paar Stunden in Trab. Sie tauchen auf, ballern drauflos, und wir müssen mit der Arbeit aufhören. Ich bin dafür, dass wir unsere Wachen auf die andere Seite schicken und die Bande zum Teufel jagen, wenn sie wieder aufkreuzt.“

„Wenn wir das machen, kommen sie nachher auf dieser Seite. Habt ihr Verwundete?“

O’Hagan schüttelte den Kopf.

„Noch nicht, aber was nicht ist, kann noch werden. Mr. Stevenson erwartet Sie, Jim. Er ist vorn am Felsen.“

Jim saß ab und führte sein Pferd an den langen Haltebalken, wo auch die Mulis im Windschutz des Felsens angebunden waren. Während er nach vorn zum Alpha-Felsen schritt, begannen die Iren wieder zu arbeiten. Sie waren dabei, mit Meißeln, Spitzhacken und Keilen den noch nicht geebneten Fels zu glätten. Am Alpha-Felsen, der als Barriere im Weg stand und die Arbeit der Männer sinnlos erscheinen ließ, hielt sich nur Stevenson auf. Vergeblich suchte Jim nach seinem Bruder. Er nickte Stevenson zu, dessen linke Wange stark geschwollen war.

„Haben Sie Amos gesehen?“

„Amos führt das Schutzkommando. Sie hocken oben auf dem Felsen.“ Stevenson wandte sich ab, als wollte er vermeiden, von Jim genauer betrachtet zu werden.

Jim MacLane ging zu den Wagen zurück, wo er einen der Sprengmeister sah, einen Mann, den er kannte. Bryan verstand sein Handwerk. Er war von Anfang an beim Bahnbau dabei. Der kleine, krummbeinige Mann mit dem feuerroten Haar sortierte gerade Papphülsen für das Pulver, als Jim neben ihm stehenblieb.

„Werden wir ihn sprengen können?“, fragte er und wies über die Schulter auf den Felsen.

„Es ist ein merkwürdiges Gestein“, sagte Bryan. „Es ist härter als alles, was ich bisher gesprengt habe. Aber es wird brüchig, wenn es einmal zerschlagen ist. Es scheint vulkanisches Gestein zu sein. Ich weiß nicht, wie wir es in die Luft jagen können. Meines Erachtens - und das meint auch Stevenson - kommt es darauf an, so tief wie möglich in den Fels zu bohren, um die Sprengsätze anzulegen. Der Felsen ist sprengbar, und er wird zerkrümeln wie frisches Brot, wenn er erst einmal in Stücke gerissen ist. In der Nähe von Cheyenne wollte ich mal ein Fundament für eine Brücke absprengen, da war so ähnlicher Felsen. Erst ging überhaupt nichts davon ab, und nachher war er so locker, dass wir ein Fundament mauern mussten.“

„Ich hörte, wir haben nur vier Zentner Schwarzpulver. Reicht das?“

„Das ist so viel wie eine Handvoll Salz, wenn man ein ganzes Schwein einpökeln will. Erstechen Sie mal einen Bison mit einem Nagel. Ein guter Vergleich, wie?“ Er lachte über seinen Scherz, aber Jim fand es trotzdem nicht komisch.

„Und wie wollt ihr wirklich vorankommen?“

„Bei der UP“, sagte der alte Sprengmeister trocken, „gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der liebe Gott hilft oder Casement. Das ist so gut wie dasselbe.“

„Er hat auf alles, was wir haben, schon einen Vorschuss gegeben.“

„Der General will die Bahn bauen. Er hat Stevenson so ungefähr das gemeinste Stück zugewiesen, das zwischen Cheyenne und der Wüste Nevada zu finden ist. Er will aber die Schienen nicht am Alpha enden lassen und auf der anderen Seite neu anfangen. Er will die Strecke ganz bauen. Deshalb wird er helfen müssen, wenn er sein Ziel erreichen will. Aber umsonst tut Casement nichts. Gar nichts! Wenn wir es nicht schaffen, jagt er uns zum Teufel, wie er es mit vielen kleinen Unternehmern gemacht hat. Andere werden kommen, weil sie glauben, ihr großes Glück machen zu können und meinen, den Erfolg in Erbpacht zu haben. Alles Quatsch. Wir schaffen es schon. Es fragt sich nur, wie wir es schaffen.“

Jim nickte und ging zum Alpha zurück. Aufmerksam blickte er zur anderen Schluchtseite hinüber, aber die Indianer ließen sich nicht sehen. Stevenson stand noch immer vorn am Felsen und schien nachzudenken, wie er ihm zu Leibe rücken konnte. Jim trat neben ihn und musterte ihn eine Zeitlang. Der Mann sah krank aus.

„Ist Ihnen nicht gut, Stevenson?“, fragte er. „Sie sehen so blass aus.“

„Alles in Ordnung“, brummte Stevenson mürrisch.

„Sie haben mit Matree gesprochen, nicht wahr?“, fragte Jim und beobachtete den hageren Ingenieur aufmerksam. Es entging ihm nicht, wie nervös der Mann mit einem Mal wurde. Sogar die Hände Stevensons zitterten.

„Ja“, sagte er nach einigem Zögern. „Er war hier.“

„Er behauptet, Sie wären ein Trinker, Stevenson. Ist das richtig?“

Stevenson wandte Jim den Rücken zu.

„Geht Sie das etwas an, MacLane?“

„Ja, wenn dadurch unsere Arbeit in Gefahr gerät. Außerdem gilt für Sie, was für alle gelten sollte: Casement hat den Whisky und jeden anderen Alkohol im Baugebiet verboten.“

„Sind Sie ein Vormann oder arbeiten Sie für mich?“, fragte Stevenson scharf, wandte sich brüsk Jim zu und sah ihn mit verzerrtem Gesicht an. „Sie haben doch genug zu tun, wie? In Cheyenne hatte ich den Eindruck, als wären Sie froh, diesen Job zu bekommen.“

Jim wollte etwas sagen, aber da brüllte Amos vom Felsen herab: „Geht in Deckung! Die Indianer sind wieder da!“ Dann krachte eine Salve von Schüssen.

Stevenson warf sich zu Boden. Jim MacLane sprang noch bis zu einem Felsbrocken, der irgendwann einmal abgesprengt worden war. Er repetierte sein Gewehr und blickte auf die andere Seite der Schlucht, wo die Indianer diesmal zu Fuß zu kommen schienen. Er sah nur einen Haarschopf, zielte und schoss. Der Krieger drüben zuckte hoch, und da trafen ihn noch zwei weitere Schüsse, die von Amos’ Männern abgefeuert worden waren. Von drüben krachten jetzt an fünf Stellen gleichzeitig schwere Hawken Gewehre. Der donnernde Knall dröhnte wie ein einziger Kanonenschuss durch die Schlucht. Das Echo ließ den Eindruck entstehen, als stünde ein Gewitter über dem Tal.

Jim MacLane wartete, und als es drüben wieder aufblitzte, sah er auch den Kopf des roten Kriegers. Er schoss und hörte über sich das peitschende Knallen der Henry Gewehre. Stevenson lag flach am Boden, und da er nur seinen Revolver trug, konnte er in diesem Kampf nicht mitmischen. Zudem hatte er kaum Deckung. Nach Jims Ansicht war es eine Frage der Zeit, wann die Indianer Stevenson treffen würden.

„Kriechen Sie zurück, Stevenson! Ich gebe Ihnen Feuerschutz“, rief Jim dem Ingenieur zu.

Doch in diesem Augenblick hatten es sich die Indianer anders überlegt. Sie schossen noch einmal von weit rechts herüber, aber so hatten sie kaum eine Chance, ein Ziel zu finden. Offenbar waren sie bereits auf dem Rückzug. Jim nutzte diese Gelegenheit. Er sprang auf, lief über den vereisten Felsboden und warf sich unweit von einem blattlosen Strauch zu Boden. Gerade rechtzeitig, denn von drüben krachten erneut zwei Hawken Gewehre. Jim hatte die Mündungsblitze gesehen und wusste nun, dass zwei der Krieger hinter dem schneebedeckten Gestrüpp auf der anderen Hangseite liegengeblieben waren. Jim sprang auf, denn die Hawken waren Einzellader, die erst wieder schussbereit gemacht werden mussten. So geschickt die Cheyennes darin auch sein mochten, sie mussten Zeit dazu haben.

Oben schossen Amos’ Männer eine Salve auf das Gesträuch. Eine schwarzhaarige Gestalt zuckte hinter dem verschneiten Busch hoch und verschwand wieder wie eine Marionette. Indessen war Jim MacLane bis zu einer Stelle gekommen, wo der Abhang nicht ganz so steil war. Er ließ sich auf dem Schnee hinabgleiten, blieb an einem Vorsprung hängen und überschlug sich. Doch er stemmte die Absätze in den Schnee und konnte seine rasende Fahrt so sehr abbremsen, dass er ohne weiteren Überschlag unten in der Schlucht anlangte. Unten watete er durch hohen Schnee und wischte sein Gewehr ab. Nun musste er mühsam auf der anderen, nicht ganz so steilen Seite wieder hinauf.

Amos und seine Männer hielten die Cheyennes durch gutgezielte Schüsse in ihren Deckungen.

Jim keuchte. Nach zwanzig Minuten war er auf dem schmalen Sims angelangt, über den die Cheyennes vorhin geritten waren. Jim war über und über mit Schnee bedeckt, sein Atem quoll ihm wie Dampf aus Nase und Mund, und trotz der Kälte lief ihm der Schweiß über den ganzen Körper.

Ohne zu verschnaufen, robbte Jim an dem Sims entlang auf die Büsche zu, wo sich die beiden zurückgebliebenen Cheyennes versteckt haben mussten. Vielleicht, so sagte er sich, ist es auch nur noch einer, aber das ändert nichts.

Er hob den Arm, damit Amos ihn sehen konnte. Sofort hielten die Männer auf der hochragenden Felsnase des Alpha mit ihren Schüssen weiter nach rechts, so dass Jim nicht durch eine Kugel von der eigenen Mannschaft getroffen werden konnte. Diese Chance wollte wohl auch einer der Cheyennes nutzen. Plötzlich zuckte etwas auf einer Wolke von Schnee keine zehn Schritt von Jim hoch. Jim überlegte nicht eine Sekunde, sondern schoss. Ein schriller Schrei erscholl, dann kippte der fellbedeckte Körper des getroffenen Indianers über den Rand der Schlucht in die Tiefe.

Jim sprang auf und lief los, während Amos und seine Schutzmannschaft wie besessen auf die weiter vorn verschanzten Indianer schossen.

Jim sah plötzlich den zweiten Cheyenne. Mit verdrehten Gliedern lag der Mann am Boden. Dicht neben ihm warf sich Jim in den Schnee, griff nach dem Leblosen und drehte seinen Kopf herum. An den Augen sah er, dass dem Indianer nicht mehr zu helfen war.

Gerade als er den Sims entlang nach vorn blickte, sah er dort einen Krieger kriechend näherkommen. Blitzschnell riss Jim das Gewehr an die Schulter und schoss. Der Cheyenne drückte dennoch seine Hawken ab, und das Geschoss schlug haarscharf neben Jims Fuß in angewehten Schnee. Als Jim nach vorn sah, lag der Cheyenne reglos. Sein Kopf war auf das Gewehr gesunken. Der Mann lebte noch; seine Hand verkrampfte sich im Schnee.

Bevor Jim MacLane sich erheben konnte, fiel von drüben ein Schuss. Der Cheyenne wurde abermals getroffen, diesmal offenbar tödlich. Sein Kopf ruckte zur Seite. Aus der Schläfe floss Blut.

Jim hob die Hand, und drüben schwiegen die Gewehre. Dann stand er auf. Von den Cheyennes war nichts mehr zu sehen. Jim folgte dem Sims, bis an die Biegung, aber die Krieger waren offenbar abgezogen. Er fand Blutspuren im Schnee. Etwas weiter entfernt lag ein blutdurchtränkter Mokassin. Es kam Jim MacLane darauf an, die Cheyennes an dieser Stelle ein für allemal an der Rückkehr zu hindern. Er kannte ihre Methoden gut genug und wusste auch, was sie davon abhalten würde, noch einmal diesen Pfad zu benutzen.

Er wandte sich um, blickte hinüber zu der drohenden Felsnase des Alpha, die jetzt von aufkommendem Nebeldunst umflort war. Oben sah er die Wachtruppe, aus der Amos mit seiner wuchtigen Figur herausragte. Unten am Alpha standen einige Arbeiter mit Gewehren, Stevenson war auch dabei. O’Hagan hatte sich breitbeinig dicht vor den Abhang gestellt und hielt die Hände trichterförmig an den Mund.

„Genug?“, schrie er.

„Ja!“, gab Jim laut zurück. Er ging zu den Toten zurück und schleppte einen nach dem anderen bis an die Biegung heran. So weit, dass man von da aus beide Richtungen der Schlucht einsehen konnte. Er legte die Gefallenen quer auf den Sims, schnitt ihnen die Haarzöpfe ab und begann, die Leichen mit Schnee zuzudecken. Schließlich wirkte sein Werk wie eine weiße Pyramide. Auf die Spitze steckte Jim einen Ast, an dem er den Tomahawk eines Kriegers und die Haarbüschel befestigte.

Nach dieser Arbeit ging er den Sims zurück und musterte das Gelände oberhalb des schmalen Pfades. Als er einen begehbaren Aufstieg entdeckt hatte, kletterte er hinauf und arbeitete sich weiter nach oben. Der Berg war hier nur stellenweise felsig, aber etwas höher hinauf bestand er nur noch aus nacktem Stein.

Jim ging Tritt für Tritt langsam weiter, parallel zum Sims, und konnte von hier oben auch auf die Plattform des Alpha sehen. Amos’ Männer hatten dort ein Feuer entfacht und wärmten sich daran.

Je weiter Jim in dieser Höhe in jene Richtung ging, in der die Cheyennes abgerückt waren, desto unsicherer wurde der Untergrund. Immer wieder stürzte Gestein in die Tiefe, das er losgetreten hatte. So sehr schien es noch nicht gefroren zu sein, dass es nicht mehr zu lösen war.

Schließlich glaubte Jim, weit genug zu sein. Er trat einige größere Brocken los, doch nur drei vermochte er in Bewegung zu setzen. Sie polterten knallend und splitternd, zu Tal und rissen anderes Gestein mit. Aber es war Jim zu wenig, um den Sims damit zu verschütten, da viele der Sterne über den Pfad hinwegsprangen und einfach weiter in die Schluchtsohle stürzten.

Als er einen größeren Felsklotz mit den Händen losdrücken wollte, kam von oben ein Schneebrett herab, wuchtete auf Jim und riss ihn um ein Haar in die Tiefe. Verzweifelt klammerte er sich an dem Steinungetüm fest, das zu seinem Glück nicht wankte. Als es vorbei war und er sich den Schnee von Hut, Hals und Felljacke streifte, begann der Felsklotz vor ihm plötzlich zu knacken. Jim stemmte sich nochmals dagegen, und nun kippte das Ungetüm mit einem Mal über, rollte, polterte, riss eine tiefe Spur in die dünne Erdkrume auf dem Berg, fegte Gebüsch weg, löste Dutzende kleinerer und größere Felsfragmente und knallte dann mit der Wucht einer schweren Kanonenkugel auf den Sims. Wildes Schneegestöber nahm Jim jede Sicht, aber er hörte das Prasseln und Donnern des übrigen Gesteins, das der Felsbrocken zur Lawine gemacht hatte. Unter Jim rutschte plötzlich die Erde ab, und er kletterte hastig zurück, um nicht mitgezogen zu werden. Dann ergoss sich die Nachhut der gewollten Lawine ebenfalls über den Sims.

Als sich der wirbelnde Schnee gelegt hatte, konnte Jim sehen, dass der Pfad nun unpassierbar geworden war. Jim machte sich auf den Rückweg.

 

 

4

Stevenson deutete auf das Schneegrab der beiden Indianer, das im aufkommenden Nebel kaum noch zu sehen war.

„Wozu soll das helfen?“, fragte er mürrisch und mit leisem Spott.

Jim wandte sich an O’Hagan, der breit grinste und Jim freundschaftlich ansah.

„Sagen Sie es ihm, Rory!“

Er wandte sich ab und ging zum Alpha vor, wo ein Dutzend Iren gerade den Sprengstoff in die Papphülsen zu stopfen begannen. Drei andere waren mit Langmeißeln dabei, Löcher in den Felsen zu schlagen.

Jim hörte, wie O’Hagan gerade zu Stevenson sagte: „Die Cheyennes werden auf der einen Seite nicht mehr den Pfad entlanggehen oder darauf reiten können, weil er durch die Lawine versperrt ist. Auf der anderen Seite aber ist das Grab. Ein Schneegrab. Die Indianer glauben, dass ein Mann nur dann wirklich tot ist, wenn er unter Erde und Stein begraben liegt. Dann hat auch Manitou den Geist des Toten zu sich in die ewigen Jagdgründe genommen. Tote aber, die unter Schnee liegen, die außerdem ihren Zopf nicht mehr haben, sind Männer, die Manitou nicht gewollt hat. Er wird sie erst holen können, wenn der Schnee geschmolzen ist, sagen die Cheyennes. Also werden sie bis zum Frühjahr nicht mehr an diese Stelle kommen, denn dort spukt der Geist der Toten, der den Weg zu Manitou nicht finden kann. Manitou kann den Geist ja nicht an den Zöpfen packen und zu sich hinauf ziehen.“

„In anderen Worten“, meinte Stevenson, „dort drüben tritt kein Indianer mehr auf.“

„Genau.“

Jim lächelte, als er Rory O’Hagans überzeugte Stimme hörte und ging weiter auf die vorbereitete Sprengstelle zu. Als er jedoch die geringe Pulvermenge sah, beschloss er, mit Stevenson zu reden. Er kehrte um und wollte gerade zu dem Ingenieur gehen, als eine Explosion die Luft erschütterte. Die Druckwelle kam die Schlucht herauf und drückte Jim bis zu den Hauern zurück, die vor dem Fels standen.

„Verdammt, was war das?“, hörte Jim den Vormann O’Hagan brüllen.

Ratlos blickten die Männer die Schlucht zurück, aber es war nichts zu sehen.

Jim MacLane hastete los. Amos brüllte vom Felsen herab: „Ein Rauchpilz in der Nähe des Proviantlagers!“

Stevenson sah Jim wie gehetzt entgegen.

„Es ist ja gar kein Pulver mehr dort. Was kann es sein?“

Jim wusste es selbst nicht. Er rannte bis zu seinem Pferd, das aufgeregt tänzelte. Auch die Maultiere waren aufgebracht und schrien auf ihre schrille Art. Jim machte den Grauschimmel los, saß auf und ritt, so schnell es auf dem glatten Untergrund möglich war, die Schlucht zurück.

Dort, wo sie breiter wurde und das Gebirge sich zur Hochebene absenkte, konnte Jim schon mehr sehen. Links vor sich hatte er die von Casements Männern erbauten Werkzeugbaracken und das Proviantlager — oder vielmehr das, was noch davon übriggeblieben war. Er sah nur mehr ein Gewirr von Balken, zerfetzten Kisten und im weißen Leichentuch des Schnees im Umkreis von hundert Schritt einen schwarzen Fleck. Hier lag keine einzige Schneeflocke mehr.

Andere Männer folgten Jim. Irgendwo erteilte Amos Befehle, und O’Hagans lautstarkes Organ übertönte das Fluchen der Männer.

Jim war zuerst am Lager. Hier hatten einmal drei Blockhütten gestanden, aber davon war nichts mehr übrig. Die Explosion musste genau in der Mitte der Hütte erfolgt sein. Teile des einen Daches lagen fast zweihundert Schritt weit weg. Am Rand des Explosionsherdes lagen die beiden Wächter. Beide waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

O’Hagan erreichte nach Jim die Stelle. Er stürzte auf die Toten zu und sah sie erschüttert an.

„Benny - verdammt, Junge! Ich habe ihn extra auf diesen ruhigen Posten gestellt, weil er in Cheyenne eine große Familie hat, die auf ihn wartet und für die er geschuftet hat. Zwei Jahre arbeitete er mit mir.“ Er wandte sich um, und das harte Irengesicht war schmerzverzerrt. „Jim, verstehen Sie, wie das geschehen konnte?“

Jim zuckte die Schultern und trieb den Grauschimmel an. In weitem Bogen ritt er um die verwüstete Stelle, bis er die frischen Hufspuren fand. Sie führten genau in Richtung auf die Station. Ein Pferd und ein Mann also, dachte Jim. Und es war ihm klar, dass beide Wächter zumindest schon besinnungslos gewesen waren, bevor die Explosion erfolgte.

Hatte ihm Matree nicht etwas von Nitroglyzerin erzählt, das sie bei der Central Pacific verwendeten? So sah es hier aus.

Er ritt zurück, und da war auch Stevenson schon da. Während die anderen Männer noch debattierten, wandte sich der Ingenieur Jim zu.

„Nitro, MacLane. Sie hatten Nitro im Lager.“

„Wer?“

„Die Posten - oder es hat sonst wer hier abgestellt. Solche Explosionen ohne Bohrloch gibt es nur bei Nitro. Es ist flach explodiert. Sicher waren nur ein paar Kisten darauf gepackt worden.“

„Es war ein Anschlag, Stevenson“, sagte Jim. Er wandte sich an Amos, der eben ankam. „Amos, ein Reiter ist noch vor einer Viertelstunde hier gewesen. Er hat das Lager zur Bahn hin verlassen. Komm!“

Stevenson hielt Jim auf.

„Wissen Sie, MacLane, was diese Explosion für uns bedeutet?“

„Ja“, erwiderte Jim, „natürlich weiß ich es. Wir haben jetzt weder Proviant noch genug Werkzeug.“

„Wir haben auch kein Geld, MacLane.“

„Nein, deshalb sind wir ja hier, um welches zu machen. Kommen Sie am besten mit und sehen Sie, ob Casement uns neuen Proviant vorstreckt!“

„Der hier war schon vorgestreckt, auch das Material.“ Stevensons Hände zitterten wieder. Jim sah ihm an, dass er jetzt einen kräftigen Schluck brauchte.

„Er muss es ein zweites Mal vorstrecken, Stevenson“, sagte Jim MacLane. „Und wenn unsere ganze Mannschaft zu ihm gehen muss, um es aus ihm herauszuholen, er muss es tun. Wir haben hier noch nicht einmal angefangen und stehen schon vor dem Ende. Stevenson, gehen Sie zu Casement. Gehen Sie jetzt!“

„Und Sie?“

„Ich?“ Jim lachte, aber es klang absolut nicht fröhlich. „Ich werde jetzt diesen Burschen aufspüren, der uns das hier eingebrockt hat. Ich glaube, dass ich sogar weiß, wem wir’s zu verdanken haben - und es wird nicht der letzte Versuch gewesen sein.“

Stevenson wischte sich nervös über die Stirn.

„Erst der Überfall der Cheyennes, so dass kaum ein Handgriff getan werden konnte, und nun das hier.“

„Sie müssen zu Casement, Stevenson. Mein Bruder reitet mit Ihnen.“

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937435
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v534860
Schlagworte
schienenleger

Autor

Zurück

Titel: Schienenleger nach vorn!