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Jagd auf Jim MacLane

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jagd auf Jim MacLane

Copyright

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Jagd auf Jim MacLane

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Sie waren Brüder – Jim, der am Spieltisch gelernt hatte, dass der Mann am längsten lebt, der schneller schießt als seine Gegner; Amos, der bullige, breitschultrige Mann, hart geworden in zahllosen Kämpfen; Johnny, der hübsche, hitzige Linkshänder, der jüngste der drei MacLanes. Sie standen auf verschiedenen Seiten, als sie sich zum ersten Mal sahen. Aber der harte, gemeinsame Kampf um ihr Land und ihr Leben schmiedete sie aneinander, stärker und unauflöslicher als glühender Stahl.

Drei Männer belauern die Ranch der MacLanes. Sie warten auf eine Gelegenheit, Jim MacLane in ihre Gewalt zu bringen. Der eine ist gekommen, um in Jim einen Gegner, den er hasst, aber nicht kennt, zu töten. Die beiden anderen wollen ihm dabei helfen und die Dollars der MacLane-Brüder dafür kassieren.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Rip kommt!“, rief Rusty Gaines und schob das Teleskop zusammen. Er wandte sich zu dem großen Mann um, der zwischen Comabirnsträuchern hockte. „Ich bin gespannt, was er uns von der MacLane-Ranch erzählt.“

Der Schwarzhaarige stand auf, schlug sich den Staub von der Hose und sah Rusty Gaines nachdenklich an. Dann trat er auf ihn zu.

Während er auf den viel kleineren Gaines herabblickte, sagte er: „Du bist nervös, Rusty, viel zu nervös. In unserem Geschäft muss man eiserne Ruhe haben. Die hast du nicht.“

Er nahm Rusty das Teleskop aus der Hand, trat selbst an den Felsvorsprung und blickte hinab auf die Ebene. Ein riesiges Feld von blaugrünem Salbei bedeckte den Hang bis zum wogenden Meer gelbgrünen Grammagrases. In diesem im ständigen Präriewind wehenden Gras näherte sich ein Reiter. Er ritt auf einem Maultier. Hinter sich hatte er nach Mexikanerart Körbe am Sattel hängen.

„Jedenfalls lässt sich Rip Zeit“, meinte der große, muskulöse Mann und lehnte sich an den Felsen.

„Erroll, was ist, wenn dein Plan nicht klappt? Wenn die MacLanes einfach nie einzeln zu fassen sind?“, fragte Rusty Gaines und zeigte wieder diese Nervosität, die Erroll an ihm nicht leiden konnte.

„Mein Plan klappt!“, erklärte Erroll bestimmt, und seine Stimme hatte dabei einen Ton, der auch Rusty verriet, dass Erroll nichts mehr dazu hören wollte.

Rusty Gaines setzte sich auf den Platz, den Erroll vorhin innegehabt hatte. Er war ein schlanker, fast hagerer Mann, etwa an die dreißig Jahre alt und dennoch im Grunde schon verbraucht. Seine

schmalen Spielerhände blieben keine Sekunde ruhig, seine Füße bewegten sich in ständiger Unrast und bewiesen noch mehr als der unstete Blick des Mannes, wie stark die Nervosität war, die ihn beherrschte.

Erroll hingegen stand immer noch wie ein steinernes Monument am Fels, wie ein Stück dieser Caliuro Ranges, verwittert, grob und unvergänglich. Seine riesigen Hände hielten das Fernrohr wie ein winziges Röhrchen, das darin zerbrechlich wirkte.

Beide Männer trugen Chaparals wie Cowboys, und um ihre Hüften waren mit gelb glänzenden Patronen gespickte Waffengürtel geschwungen. Matt schimmerten ihre Revolver in den Holstern.

Gaines besaß noch ein Henry-Gewehr, das er neben sich an den Strauch gelehnt hatte. Errolls Winchester 66 hing mit dem Riemen an einem Felsvorsprung in Reichweite.

„Glaubst du“, fragte Rusty Gaines, „dass diese Ranch so gesund ist, wie du vermutest?“

„Mehr als das“, erwiderte Erroll, ohne sich umzudrehen. „Es ist eine Goldgrube. Die MacLanes geben sich ziemlich viel Mühe damit, und sie verstehen auch etwas davon.“

Rusty Gaines blickte gedankenverloren in den Himmel und murmelte: „Ich habe immer schon mal eine eigene Ranch haben wollen. Dann lohnt sich diese Hundearbeit wenigstens. Vor zwei Jahren, als ich noch Cowboy war, haben wir uns geschunden, Rip und ich, geschunden wie Irre, und das alles für vierzig lächerliche Bucks im Monat. Wenn Mailor dann die Abrechnung brachte, hatten wir schon soviel Schulden im Ranchstore, dass gerade noch fünf oder sechs Dollar herauskamen. Nein, wenn man es für andere macht, bringt es nichts ein.“

Erroll setzte das Fernrohr ab, schob es zusammen und steckte es in die verwitterte Mackinawjacke, die neben dem Gewehr hing.

„Diese MacLanes sind keine harmlosen Vögel, Rusty. Jeder von denen ist auf seine Art ein Ass. Es kommt nur darauf an, dass wir den Kopf des Ganzen allein erwischen. Und das werden wir, Rusty, verlass dich darauf!“

 

 

2

Rip Minor musste das Maultier die letzten hundert Meter führen. Seine krummen Beine schienen das Laufen nicht gewohnt zu sein, und so schlurfte Rip wie ein alter Mann.

„Hallo, Jungs“, krächzte er mit heiserer Stimme. „Ein Königreich für einen kühlen Schluck!“

Rip war klein, ausgemergelt und knochig. Dem Aussehen nach musste er mindestens vierzig Jahre sein, aber er war jünger. Früher hatte er als Broncobuster gearbeitet, und die Folgen davon konnte man ihm ansehen. Er selbst behauptete immer, es gäbe keinen Knochen an ihm, der nicht schon gebrochen gewesen sei. Sein Gesicht trug die Spuren vieler Verletzungen; die Nase und das Kinn ähnelten nur in den groben Konturen ihrer einstigen Form. Vorderzähne hatte Rip schon seit Jahren nicht mehr, und so klang sein Sprechen zischelnd wie bei einem zahnlosen Greis.

Rusty nahm ihm das Maultier ab. Erroll scharrte im Schatten des Felsens den Sand beiseite und zog eine Wasserflasche aus einer kleinen Grube. Er klopfte den Sand vom Fellüberzug und reichte die Flasche an Rip weiter, der sie hastig aufschraubte und dann gierig trank.

Während Rusty das Maultier absattelte und wegführte, sagte Rip: „Sie haben mir nichts abgekauft, aber mit dem Koch konnte ich mich lange unterhalten. Er ist ein alter Bursche, mit allen Wassern zwischen Montana und dem Rio Grande gewaschen.“

Rusty kam zurück. „Was machen wir mit dem Stoffplunder, Erroll?“

„Wir bringen ihn in den nächsten Tagen nach Tombstone in den Store zurück. Der Alte wird ihn zurückkaufen; das hat er versprochen. Nun, Rip, erzähle weiter! Hast du einen der MacLanes gesehen?“

„Ja, diesen Amos, ein Schrank von Mensch. Er ist gerade weggeritten, als ich ankam. Hat sich nicht im mindesten um mich gekümmert. Ich ritt also in den Ranchhof, und da waren nur drei Leute. Ein Cowboy, dann dieser alte Koch und ein Mädchen.“

„Ein Mädchen?“, rief Rusty interessiert.

„Ja, ein Mädchen. Hübscher Balg. Dunkelhaarig, schönes Gesicht, eben ein Klasseweib. Aber irgendwas stimmt mit ihr nicht. Sie scheint noch nicht lange auf der Ranch zu sein. Mir ist, als wollte sie weg, aber die MacLanes scheinen etwas dagegen zu haben.“

„Ich kann mir denken, wer dieses Mädchen ist“, sagte Erroll. „Nach allem, was ich über die MacLanes erfahren habe, müsste es die kleine Menard sein. Weiter, Rip!“

Rip trank einen Schluck und sprach dann auf seine zischelnde Art weiter. „Ich bot dem Koch Stoffe an, aber es interessierte ihn nicht. Stattdessen kam das Mädchen. Ich habe mich mit ihm unterhalten, aber der Koch blieb immerzu bei uns. Schließlich hat er das Mädchen weggeschickt. Er nannte sie Bonny.“

„Also doch die kleine Menard“, meinte Erroll.

„Ich habe mit dem Koch über alles mögliche geredet. Ich nehme an, die MacLanes wollen noch vor dem Winter ein Rudel Rinder aus einem Canyon treiben, wo es einer ihrer Reiter entdeckt hat.“

Erroll fuhr hoch. „Was? Hier in unserer Nähe?“

„Nein, es muss viel weiter südlich sein. Der Koch sagte etwas von den beiden Brücken.“

Erroll nickte erleichtert. „Ja, das sind zwei verwitterte Felsen. Sie liegen gut zwanzig Meilen von hier im Norden. Sprich weiter, Rip!“

„Auf diesem Ritt werden die MacLanes dabei sein. Nur der Koch und das Mädchen bleiben zu Hause.“

Erroll sah ihn skeptisch an. „Ist das sicher?“

Rip zuckte die Schultern. „Der Koch hat es erzählt. Er meinte nämlich, ich sollte ihm von Tombstone verschiedene Sachen mitbringen, dann würde er mir auch etwas von meinem Stoff abkaufen. Ich kann hier nicht weg, weil die Mannschaft komplett dem Rinderrudel auf der Spur ist, hat er gesagt.“

Rusty lachte leise. „Das Mädchen als Köder, Erroll, damit kommen wir noch schneller zum Zuge.“

Erroll schüttelte den Kopf. „Nein, nicht mit Gewalt. Keinesfalls soll eine Frau.“

„Erroll“, wandte Rip ein, „das Mädchen scheint sich zu langweilen. Ich glaube, sie wäre längst sonstwo, wenn die MacLanes sie ließen. Der Koch und dieser Cowboy, der sie nachher ins Haus führte, haben sie behandelt wie ein Kind, dabei ist sie ein vollreifes Weib. Und was für eins!“

„In diesem Land kannst du alles tun, Rip, aber wenn du dich an einer Frau vergreifst, hast du alles auf deiner Spur, was Beine hat.“ Erroll sah Rip streng an und fuhr dann fort: „Rusty, du begleitest mich bis zum kleinen Wasserloch, das zwei Meilen vor der Ranch liegt. Dann nimmst du mein Pferd und reitest zurück. Wann ziehen die MacLanes mit ihrer Mannschaft zum Canyon, Rip?“

„Genau weiß ich es nicht, aber dem Gerede des Kochs zufolge schon morgen oder übermorgen. Sonst hätte er ja seine Sachen aus Tombstone von einem der Mannschaft holen lassen können.“

„Gut, dann werden wir morgen früh losreiten. Schnall deinen Revolver wieder um, Rip. Und du Rusty, gehst den Hang hinab und verwischst Rips Spuren. Danach wollen wir alles noch einmal besprechen.“

 

 

3

Saleratus hatte seinen steifen Hut neben sich gelegt und wischte sich den Schweiß von der Stirn. In der Mittagssonne wirkte sein graues Haar wie Schnee.

Der Alte stülpte die Melone wieder auf und fuhr fort, seinen großen Kochtopf unten vom Ruß zu befreien. Das schrille Kratzen schallte über den ganzen Hof.

An einem Tisch, im Schatten des Hausvordaches, saß ein junges Mädchen im langen grauen Kleid. Über die Schuhspitzen, die unter dem Rocksaum hervorlugten, strich schnurrend eine gedeckte Katze.

Mit flinken Händen nähte das Mädchen an einer Schürze, und im Eifer der Arbeit beugte es sich weit nach vorn. Ihr langes dunkles Haar glänzte wie Ebenholz, und der entblößte Nacken wirkte wie reine japanische Seide.

Das Mädchen biss den Rest des Fadens ab, richtete sich auf und betrachtete prüfend die vollendete Arbeit. Dann stand es auf, lächelte erleichtert und rief zu Saleratus hinüber: „Ich hab sie fertig.“

Der Alte hob nicht einmal den Kopf, brummelte etwas, und kratzte weiter unter dem Topf.

Die Schürze schwenkend, die Lippen fröhlich gespitzt, kam das Mädchen mit wippenden Schritten auf Saleratus zu und wedelte ihm mit der Schürze vor dem Topf herum.

Er hielt mit dem Kratzen inne, sah auf, und sein gerötetes Ledergesicht entspannte sich.

„Da hattest du ja nun endlich eine Arbeit, Kind“, sagte er.

Er setzte den Topf ab, nahm die Schürze und band sie sich um. Zufrieden setzte er sich wieder und brummte, während er den Topf wieder ergriff: „Danke, Bonny.“

„Darf ich mich neben Sie setzen, Saleratus?“, fragte Bonny.

Er rückte auf der zweisitzigen Bank zur Seite, ohne dazu noch etwas zu sagen.

Bonny setzte sich neben ihn und sah ihm eine Weile zu. Dann, als er nur noch mit einem groben Lappen über den Topfboden rieb, fragte sie mit heller Stimme: „Glauben Sie, Saleratus, dass Jim mich jemals hier weglässt?“

„Hast du etwas auszustehen?“, fragte er zurück, ohne sie anzusehen.

„Nein, aber ich öde mich vor Langeweile schon bald selbst an. Sie lassen mich nicht kochen. Die Cowboys tun so, als sei ich aus Glas. Und Jim MacLane redet mit mir wie mit einem Kind. Sie auch, Saleratus, aber Sie sind ja auch alt genug. Ich könnte Ihre Tochter sein. Aber Jim …“

„Was erwartest du denn von ihm?“ Der Alte hob den Kopf und sah sie prüfend an. „Willst du, dass er dir um den Hals fällt?“ Es klang schon mehr wie eine Feststellung und nicht wie eine Frage.

Bonny zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht“, erwiderte sie und blickte errötend auf ihre verschlungenen Finger. „Alle sind freundlich, das stimmt. Ich habe auch alles, aber …“

Saleratus lächelte spöttisch. „Aber du bist ein Mädchen, das unbedingt alle Männer um sich zu seinen Liebhabern machen möchte, nicht wahr? Nun, Kind, du hast eine schwere Zeit hinter dir gehabt, als dich Jim hierher brachte. Jetzt bist du drei Wochen hier, und Jim hat gewollt, dass du über dein Unglück hinwegkommst. Ich meine, du bist so gut wie über dem Berg. Du beginnst schon an eine Menge anderer Dinge zu denken. Aber du musst vernünftig sein. Bleib den Winter über hier, und wenn du im Frühjahr immer noch weg willst, dann geh. Wohin wolltest du denn jetzt gehen?“

Sie betrachtete sein Faltengesicht, sah in das Augenpaar, das so listig dreinblicken konnte, jetzt aber gütig und väterlich auf sie sah.

„Saleratus, ihr seid alle nett, ja, aber ich langweile mich hier. Wenn Sie mich doch wenigstens in der Küche …“

Saleratus zuckte wie unter einem Keulenhieb zusammen. Dann machte er sich steif, und mit einem Mal war alles Gütige aus seinem Gesicht geschwunden.

„Nein!“, rief er barsch. „Die Küche ist mein Reich! Mein Reich, wo niemand und auch du nicht …“

„Verzeihen Sie“, sagte sie leise, stand auf und ging wieder zum Haus hinüber. Sie verstand den alten Mann nicht, der aus seinem Dutch-Ofen einen Altar und aus einem Dutzend zerbeulter Töpfe so etwas wie einen Kult machte. Sie konnte nicht begreifen, warum er schon rot anlief, wenn sie sich nur seiner Küche näherte, dabei wollte sie ihm doch nur helfen. Sie brauchte eine Aufgabe, etwas zu tun, um sich abzulenken. Stattdessen wurde sie bedient wie eine Prinzessin. Wenn sie wirklich einmal mit ausreiten wollte, erhob sich gleich allerseits heftiger Protest, als wäre sie ein Wesen aus Gelee, das in Wind und Regen zerschmelzen könnte. So wie Saleratus waren sie im Grunde alle, besonders Amos und Johnny MacLane.

Und Jim!

Sie ballte ihre schlanken Hände bei dem Gedanken an ihn. Spürte er denn nicht, dass sie mehr für ihn empfand als für alle anderen Männer auf der Ranch? Warum war er so schroff zu ihr und so beleidigend herablassend, als wäre sie seine Tochter oder eine kleine dumme Schwester?

Sie steckte noch tief in ihren verzweifelten Gedanken, als sie Saleratus sagen hörte: „Wo kommst du denn her, Sohn einer Kanone?“

Bonny fuhr aus ihren Vorstellungen auf und sah sich um.

Vorn am Hofeingang wankte ein großer Mann in über und über staubbedeckter Kleidung heran. Wie mit letzter Kraft schleppte er einen schweren McClellan-Sattel auf der Schulter.

Als er zehn Schritt vor Saleratus stand, ließ er den Sattel einfach von der Schulter rutschen, schwankte ein wenig vor sichtlicher Erschöpfung und wischte sich übers Gesicht. Nun erst gewahrte er Bonny.

Er sah sie an, griff etwas schwerfällig an den Hut und krächzte mit heiserer Stimme: „Madam …“ Bevor er weitersprechen konnte, musste er husten. Schließlich fuhr er fort: „Mein Name ist Kinsley, Erroll Kinsley.“

„Willkommen, Mr. Kinsley“, sagte Bonny mit heller Stimme.

Kinsley nickte nur und wandte sich dann Saleratus zu. „Ich habe mein Pferd verloren. Präriehundbau. Wo bin ich hier?“

„Das ist die MacLane-Ranch. Wo hast du das Pferd verloren, Sohn?“, fragte Saleratus.

Erroll Kinsley deutete in Richtung auf die Caliuro Ranges. „Irgendwo da drüben und verflucht weit von hier.“ Er ließ sich am Rande der Pferdetränke nieder und schöpfte sich Wasser mit der hohlen Hand, wischte sich übers Gesicht und trank schließlich auch.

„Und jetzt willst du ein Pferd? Woher kommst du, Mister?“, fragte Saleratus.

„Santa Fè. Ich wollte über die Grenze. Man soll dort drüben eine Menge Geld machen können, habe ich gehört.“

Er schlug mit der flachen Hand an seinen Patterson-Revolver, der matt glänzend in dem Holster steckte. Unten lugte der abgekornte Lauf heraus.

Saleratus wusste damit Bescheid. Das also war ein Revolvermann, der gedrückt schoss, und er war auf dem Weg nach Mexiko, wo zur Zeit solche Typen hoch im Kurs standen. Wer von den unzähligen Revolutionären etwas auf sich hielt, mietete sich einen schnellen Revolver.

„Kann man in Mexiko wirklich viel Geld verdienen?“, erkundigte sich Bonny naiv.

„Er verdient es auf seine Art“, erwiderte Saleratus knapp. Dann wandte er sich wieder an Kinsley. „Was können Sie ausgeben?“

Unbewusst sagte er nun nicht mehr du zu Kinsley.

„Ich besitze gerade noch vierzig Dollar.“

Saleratus lachte trocken.

„Wollen Sie ein Fohlen kaufen?“, spottete er.

„Ich könnte vielleicht ein paar Tage hierbleiben und arbeiten, damit es reicht“, erklärte Kinsley lächelnd.

„Auf der MacLane-Ranch gibt es nur gute Pferde, keines unter hundert Bucks. Sie müssten schon mehr als einen Monat hierbleiben, wenn Sie das verdienen wollen. Nun, ruhen Sie sich erst aus“, fügte er versöhnlicher hinzu, „vielleicht finde ich einen Weg für Sie. In einer Stunde können Sie etwas mit uns essen. Falls Sie jetzt schon Hunger haben, steht noch Pemmikan in der Küche.“

„Ja, Mister, das wäre …“

Saleratus nickte nur und ging zur Küche hinüber.

Bonny betrachtete den Fremden. Etwas an ihm gefiel ihr, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte, was es sein könnte. Er sah sie an, aber er schwieg. Bonny errötete, als sie merkte, wie genau er sie musterte. Dennoch war es ihr nicht unangenehm, und sie blieb stehen, obgleich ihr Verstand ihr riet, wieder ins Haus zu gehen.

„Sie haben einen weiten Weg hinter sich“, sagte sie, um irgend etwas zu sagen.

Er lächelte und antwortete: „Ja, das stimmt.“

Mehr sagte er nicht, und damit war das Gespräch schon wieder versandet.

Sie überlegte verzweifelt, wie sie ihn aus der Reserve locken könnte. Da war nun endlich einmal jemand gekommen, und nun stand er da wie ein Stockfisch.

Sie drehte sich abrupt um und ging zum Haus, trat in den Schatten des Vordaches und setzte sich wieder auf den Korbstuhl.

Als sie aufsah, stand Kinsley plötzlich neben ihr, dabei hatte sie seinen Schritt gar nicht gehört. Erschrocken blickte sie ihn an, aber wieder lächelte er auf eine gewinnende Art, der sie nichts an scharfer Ablehnung entgegensetzen konnte. Sie lächelte, doch ihr selbst kam es einfältig vor.

Er setzte sich auf den zweiten Stuhl und legte seine große Hand flach auf die Platte des runden Tisches, der zwischen ihm und Bonny stand. Dann sah er sie an.

Bonny errötete abermals, und es kostete sie Überwindung, seinen Blick zu erwidern. Sie sah, dass er diesmal nicht lächelte, sondern dass etwas in seinen Augen war, was sie erschauern ließ. Es war zwingend, bannend, und sie kam sich plötzlich vor wie ein Kaninchen, das dem hypnotischen Blick einer Schlange nicht ausweichen kann. Nein, dachte sie, nicht wie der Blick einer Schlange. Dies hier war anders, angenehmer.

Plötzlich sagte er: „Sie sehen nicht aus wie jemand, der glücklich ist.“

Sie erschrak. „Wieso? Wie kommen Sie darauf? Ich bin sehr glücklich. Ich – bin – ich bin …“

„Wie heißen Sie, kleine Fee?“, fragte er dunkel.

„Bonny Menard. Warum wollen Sie das wissen?“

„Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie verteufelt hübsch sind, Bonny?“

Sie richtete sich auf und musterte ihn kühl. „Natürlich, das haben schon sehr viele getan.“

Er lachte leise. „Haben jene, die es sagten, auch dabei erwähnt, dass Sie zu den wenigen Frauen gehören, die nicht nur hübsch sind, sondern auch klug?“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Weil Sie kluge Augen haben, Bonny. Einem Mann wie mir entgeht das nicht. Ich habe schon viele Menschen kennengelernt und taxiere alle nach den Augen ein. Ah, da kommt der Pemmikan!“

Saleratus watschelte näher, ein Tablett mit einem Krug, Brot und Pemmikan-Pastete in den Händen. Er setzte es auf dem Tisch ab und sagte schnaufend: „Nun essen Sie, Mister. Ich werde inzwischen sehen, ob es nicht doch einen Hutständer auf dieser Ranch gibt, den man für vierzig Dollar losschlagen könnte.“

Kinsley lächelte ihm zu und sagte: „Sie sind ein ganz famoser Bursche, Häuptling! Was ist in dem Krug?“

„Ein Spezialgetränk nach meinem Rezept. Kalter Kaffee, Brandy und Wildbienenhonig. Das hebt einen toten Indianer wieder aus der Grube.“

Saleratus wartete, bis Kinsley gekostet hatte. Dann sah er ihn gespannt an.

Kinsley war von dem Trank nicht unbedingt begeistert, aber er zeigte es nicht. Da er das Wesen des Kochs erriet, rief er begeistert: „Donnerwetter, das schmeckt ja!“

Er hatte Saleratus damit bereits gewonnen. Und vollends, als er dann noch hinzufügte: „Das werde ich zwischen Tombstone und Fort Pease jedem erzählen, den ich treffe.“

„Hm“, brummte der alte Koch und grinste breit. „Jetzt, Sohn, werde ich ganz bestimmt auch ein Pferd für dich finden, das vierzig Dollar kostet.“

Es war kein Zufall, dass er Kinsley nun wieder geduzt hatte. Sehr mit sich und seinem Besucher zufrieden, zog Saleratus wieder weg und verschwand hinterm Haus, wo der große Corral der Ersatzpferde lag.

Kinsley aß und trank, und Bonny schaute ihm zu. Zwischendurch stellte sie Fragen nach Kinsleys Heimat, und er erzählte ihr etwas von Kentucky. Er spürte sehr bald, dass sie sich förmlich an jedes Wort klammerte, das er sprach, als wäre sie eine Gefangene, die seit Wochen den ersten Menschen sprechen darf.

Als er gegessen hatte, rollte er sich eine Zigarette, sah sie an und lächelte siegessicher.

Bonny machte ihm seinen Plan nicht schwer. Ihm schien es, als hätte sie überhaupt nur auf ihn gewartet, um hier wegzukommen.

Sie gefiel ihm. Er ertappte sich selbst bei Gedanken, die an sich nicht zu seinem Plan passten. Aber da stieß ihm wieder der Name Jim MacLane auf. Sofort ergriff ihn neuer Zorn auf den Mann, der seinen Bruder tötete.

„Warum machen Sie plötzlich ein so böses Gesicht, Mr. Kinsley?“, fragte Bonny.

Er zwang sich zu einem Lächeln, und als er sie ansah, fiel es ihm sogar leicht.

„Sie wollen hier weg, nicht wahr?“, fragte er unverblümt.

„Nein.“

Er lachte.

„Natürlich wollen Sie weg. Ich habe ein Auge für Leute, die fliehen wollen und nicht wissen, wie sie es machen könnten.“

„Und wenn es so wäre?“

Sie sah ihn an wie ein Schulmädchen, das einen Streich plant.

„Ich würde Sie mitnehmen, Bonny.“

„Zu den Rebellen in Mexiko? Oder auf ein Duell mit einem anderen Revolvermann, der sich für schneller hält, als Sie es sind?“

„Nein. Ich könnte meine Ziele ändern.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Aber doch nicht Ihren Job, Mister! Ihr Geld haben Sie doch bisher mit dem da verdient.“ Sie zeigte auf seinen Revolver.

„Nein, Geld habe ich damit nicht verdient. Er war nur der einzige Freund, auf den ich mich verlassen konnte.“ Er zeigte ihr die Innenseiten seiner schwieligen Hände. „Sehen die Hände eines Revolvermannes, der nur schießt, so aus?“

„Also ein Rindermann.“

„Ein Pferdefänger, Bonny, das ist noch härter.“

„Wollen Sie für mich Pferde fangen, wo Sie im Augenblick selbst kein Pferd haben?“, spottete sie schelmisch.

„Ja, das werde ich. Kommen Sie mit!“ Sie schüttelte lachend den Kopf.

„Nein, ich bin keine Abenteurerin.“

„Schade.“

Er stand auf und wandte sich um, als er das Hufgeklapper hörte. Saleratus brachte ein Pferd, einen alten Falben, der gewiss nur wenig mehr als vierzig Dollar wert war.

„Da ist ein Pferd!“, rief er schon von Weitem. „Nicht gerade ein Prachtexemplar, aber immerhin …“

Kinsley ging ihm entgegen, nahm das Pferd am Zügel und führte es ein Stück im Kreis, dann packte er es am Maul und zog ihm die Zähne auseinander. Sachkundig blickte er auf das Gebiss und sagte: „Elf Jahre. Ein ziemlich betagter Zeitgenosse. Schnell wird er auch nicht sein. Ist das euer bestes Stück?“

Saleratus grinste. „Für vierzig Dollar soll man keine Wunder erwarten. Es ist schon Wunder genug, dass er gestern vom Camp gekommen ist. Wir haben ihn aus der Rancharbeit herausgenommen. Er ist ein bisschen dämpfig geworden, aber für einen normalen Ritt taugt er noch lange. Nur die Herdenarbeit ist zu hart für ihn. Trotzdem ist er das beste Cowpony, das wir haben. Er ist besser abgerichtet als jedes andere Pferd auf der Ranch.“

„Kein Wunder bei dem Alter. Der fängt ja die Kälber fast von selbst. Nun gut, Häuptling, dann nehme ich ihn.“ Kinsley zog seine Geldtasche unter dem Gürtel hervor, griff hinein und brachte vier Eagle heraus, die er Saleratus in die Hand drückte.

Der hielt sie prüfend gegen die Sonne und murmelte dann: „In Ordnung, viermal zehn Dollar.“

„Gib ihm noch etwas zu fressen, Heldenvater, und auch Wasser genug, ich werde dann losreiten, wenn es dunkelt. Wahrscheinlich bekommt ihm der Nachtritt besser als die Tageshitze.“

Saleratus nickte zufrieden. „So ist es, Sohn einer Kanone. Ich sehe, du hast ein Pferdeherz.“

„Aber kein dämpfiges“, brummte Kinsley.

 

 

4

Als es dunkelte, sattelte Kinsley den alten Falben. Bonny stand an die Veranda gelehnt und sah ihm zu. Saleratus hantierte in der Küche.

Kinsley nahm sich Zeit. Als er endlich alles fertig hatte, ging er auf die Küche zu, steckte den Kopf durch den Türspalt und sagte: „Also dann, Häuptling aller Heldenväter, ich reite.“

Saleratus backte gerade Biskuits, und da ließ er sich ungern stören. Er wandte nur den Kopf zur Seite und brummte: „Auf ein andermal.“

„So ist es“, erwiderte Kinsley lächelnd, schloss die Tür und schob den Riegel von außen vor. Dann war er mit einem Sprung am Fenster und schloss die beiden Läden, die sich von innen nicht öffnen ließen.

Saleratus brüllte und fluchte, aber Kinsley lachte nur, dann ging er ohne Hast zu Bonny hinüber, die ihn verblüfft ansah. „Warum tun Sie das?“, fragte sie und runzelte die Stirn.

„Er würde Sie daran hindern, mit mir zu reiten, Bonny“, erwiderte Kinsley lächelnd.

„Wer sagt Ihnen, dass ich …“

„Komm, Mädchen, ich weiß genau, was du denkst. Und ich weiß auch, dass du jetzt deine Chance hast, jetzt und nie wieder.“

Sie wollte ihm entrüstet antworten, aber er fasste sie an den Armen, zog sie vom Stuhl hoch und hielt sie fest.

„Komm, Bonny, du weißt genau, wie recht ich habe.“

Er presste sie an sich und sah sie fest an. Als sie den Kopf zurücknahm, um ihn anzusehen, küsste er sie unvermittelt.

Erst versuchte sie, von ihm loszukommen, doch dann gab sie nach, und endlich erwiderte sie seinen Kuss mit einer Leidenschaft, die ihn verblüffte.

Indessen hämmerte und trommelte Saleratus an der Küchentür, schrie und tobte, aber er selbst hatte diese schwere Tür dort angebracht, und nun wurde sie ihm zum Verhängnis.

Ohne Widerstand folgte Bonny, als Kinsley sie zum Falben führte. Kurze Zeit später hatte er für sie ein zweites Pferd gesattelt und ritt mit ihr in die Nacht hinaus.

Die dröhnenden Schläge, mit denen Saleratus schließlich versuchte, die Läden von innen aufzuschlagen, hallten noch lange in den Ohren der beiden Reiter.

Kinsley hielt auf die Berge zu.

„Wohin reiten wir?“

„Zu Freunden, die uns erst einmal helfen könnten. Du wirst es gut haben.“

„O ja, Erroll, ich glaube, dass wir eine schöne Zukunft erleben werden.“

„Hm, hoffen wir es, Bonny. Ich werde mir Mühe geben.“

Er musste sich eingestehen, dass er diesmal alles ehrlich meinte, was er sagte. Fast verdammte er seinen Plan und die Absicht, Bonny als Köder für Jim MacLane mitzunehmen. Er war kurze Zeit fest entschlossen, wirklich einfach mit ihr wegzureiten, ja, sogar nicht mehr mit Rip und Rusty zusammenzutreffen.

Da sagte Bonny: „So ganz wohl ist mir nicht, Erroll, Jim MacLane, dem die Ranch gehört, hat mir vor ein paar Wochen aus größten Schwierigkeiten geholfen. Ich bin etwas undankbar.“

Der Name des Mannes, den er vernichten wollte, brachte alles wieder in Gang.

„Was ist dieser Jim MacLane für ein Mann?“, erkundigte sich Kinsley.

„Oh, er ist ein fabelhafter Mensch, nur …“

„Nur?“, fragte er interessiert.

„Ich glaube, er hat eine eigenartige Ansicht von Frauen“, erklärte sie.

Er lachte leise. „Wirklich? Nun, ich hoffe, dass ich da anders denke.“

Sie ritten schweigend, jeder in seine Gedanken versunken.

Jim MacLane, dachte er. Er hat meinen Bruder erschossen, und dafür werde ich ihm das Fell über die Ohren ziehen. Nein, ich reite nicht mit ihr weg; das kann ich später immer noch tun. Erst werde ich die Rechnung präsentieren, sobald dieser Jim MacLane in meine Falle springt.

 

 

5

Kurz nach Mitternacht war Saleratus im Herdencamp angekommen und hatte seine Geschichte mit Flüchen gewürzt herausgesprudelt.

Jim MacLane, der als einziger neben dem Feuer stand, blieb ruhig. Auch Amos, noch halb von den Schlafdecken umhüllt, sagte nichts. Dafür krähte Andy Killoe mit überschnappender Stimme: „Wir müssen diesem Kerl nach!“

„Ruhe!“, befahl Jim MacLane mit sonorer Stimme. Dann blickte er auf seine Mannschaft, die um das Feuer lagerte. Die meisten waren noch in ihre Decken gewickelt.

Saleratus trat an den Kaffeetopf und schöpfte sich etwas in eine Blechtasse. Er trank und schnaufte. Dann sagte er: „Jim, wir sollten uns diesem Hundesohn wirklich gleich bei Tagesanbruch auf die Fersen setzen.“

„Bist du sicher, dass er sie entführt hat?“, fragte Jim, dessen Gesicht im Flammenschein wie aus Stein gemeißelt wirkte.

„Nun – hm, sicher nicht. Aber sie wird doch diesem Mann, den sie kaum einen halben Tag gekannt hat, nicht freiwillig nachgelaufen sein.“

„Wie nannte er sich?“

Saleratus kraulte sich am Kinn.

„Kinsley, hat er gesagt, Erroll Kinsley.“

Jim zuckte die Schultern. „Nie gehört.“

Amos stand nun auf, und sein mächtiger Körper warf einen breiten und langen Schatten, der sich infolge der züngelnden Flammen, die ihn verursachten, wie tanzend bewegte. Aber Amos stand ganz ruhig.

„Jim“, sagte er mit abgrundtiefer Bassstimme, „wenn ich darüber nachdenke, sieht es wirklich nicht wie Gewalt aus. Er hat sie nicht schreien hören, er hat nichts gesehen, was auf Gewalttätigkeit hinweist. Bonny ist ein komisches Mädchen. Ich glaube, wir haben sie nicht richtig behandelt, Jim. Sie wollte wie eine Frau behandelt werden, nicht wie ein Kind.“

Jim sah ihn nachdenklich an.

„Ich weiß es, aber ich wollte keinen Ärger mit einem Mädchen unter lauter Männern haben, das unbedingt einen Liebhaber will.“

„Jim, du bist ungerecht!“, empörte sich Johnny, der sich aus seinen Decken schälte und aufsprang. Sein schlanker Körper wirkte im flackernden Licht wie eine gespannte Sehne. „Bonny ist …“

„Schon gut, Johnny, schon gut!“, rief Amos. „Wir wissen alle, dass du etwas für sie übrig hast. Wir alle haben sie gern, nur …“

„Eben“, sagte Jim, „und deshalb wollte ich nicht, dass sie zu sehr die umworbene Lady spielt. Doch davon kommt sie jetzt nicht wieder. Saleratus, was ist dieser Kinsley für ein Bursche?“

Der Koch zuckte die Schultern. „Er sah eigentlich nicht übel aus. Ein großer, breiter Kanonensohn. Er hatte ein ganz nettes Gesicht. Gute Augen, würde ich sagen. Aber wer schaut schon hinter die Fassade. Ich konnte es nicht begreifen, dass er …“

„Hat er dich nur eingesperrt, sonst nichts?“

„Nein, es fehlt auch nichts, außer dem Pferd für Bonny,“

„Und Bonny fehlt!“, rief Johnny aufgebracht.

„Am besten reiten wir gleich los, dann holen wir sie noch ein“, schlug Amos vor.

„War er allein, wirklich allein?“, fragte Jim.

„Ich bin seiner Spur gefolgt, bis ich zu euch abzweigen musste“, sagte Saleratus. „Er war allein, und sogar seine Fußspur konnte ich noch sehen im Mondschein. Er ist bestimmt allein.“

„Jetzt nicht mehr! Jetzt hat er Bonny“, stellte Johnny erregt fest. „Jim, wir beide sollten sofort …“

Jim hob beschwörend die Hände. „Nichts! Wir haben hier zweihundert Rinder auszusortieren. Jetzt ist September. Wenn wir die Tiere nicht heraussuchen, kriegen wir sie vor dem Winter nicht mehr nach Camp Grant, und dort müssen sie hin, wenn wir die dreitausend Bucks verdienen wollen, die uns die Armee dafür zahlt. Ich werde allein reiten. Der Bursche ist jetzt entweder schon mit Bonny in den Caliuro Ranges, oder er hat einen Bogen geschlagen. Dann taucht er heute noch in Tombstone auf. Ich werde das herausfinden.“

Amos wiegte bedenklich den Kopf.

„Jim, vielleicht sollten wir besser zu zweit …“

„Nein“, entschied Jim. „Wir reiten nicht zu zweit, denn hier wird jede Hand gebraucht. Vor dem Winter müssen auch die streunenden Rinder zur Herde getrieben werden. Wir haben soviel Arbeit, dass ich am liebsten gar nicht reiten würde, wenn ich ganz sicher wäre, dass sie freiwillig mitgeritten ist.“

Johnny schrie empört auf: „Du willst sie einfach ziehen lassen?“

Jim lächelte. „Reisende Leute soll man nicht aufhalten. Aber ich bin nicht sicher, dass sie wirklich freiwillig mit ihm gegangen ist. Ich werde das herausfinden. Will sie mit ihm ziehen, soll sie es in Teufels Namen tun. Ich bin nicht Miss Menards Amme.“

 

 

6

„Das sind meine Freunde“, sagte Erroll Kinsley und deutete auf Rip Minor, der wie ausgetrocknet wirkte und neben dem großen schlanken Rusty Gaines noch kleiner aussah als er war.

Rusty Gaines lächelte sein Spielerlächeln, kalt und ausdruckslos. Man wusste nie, was er wirklich dachte.

Rip Minor starrte aus seinen Laubfroschaugen begierig auf Bonny, die sich unbehaglich zu fühlen schien. Sie wandte sich an Erroll, um ihn etwas zu fragen, aber da sprach er schon selbst.

„Hier oben in den Bergen ist es hübsch, nicht wahr?“ Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, stellte er dann Rip und Rusty vor, ließ sie auch jetzt nicht zu Wort kommen und fuhr fort: „Zwei oder drei Tage bleiben wir hier oben. Dann reiten wir unserem gemeinsamen Ziel entgegen, Liebling.“

Bonny sah ihn zweifelnd an, doch als sich ihre Blicke trafen, schmolzen ihre Bedenken wie Schnee in der Sonne. Errolls überlegene Art und sein sympathisches Wesen taten ihre Wirkung.

Rip warf Rusty einen vielsagenden Blick zu, sagte aber nichts. Aber sein Grinsen verriet, was er dachte.

Plötzlich erkannte ihn Bonny.

„Sie sind doch der Händler!“, rief sie.

Rip sah Erroll hilfesuchend an, doch stattdessen antwortete Rusty.

„Ja, er ist der Mann, der auf der MacLane Ranch Stoff verkaufen wollte. Erroll, wir sollten das Mädchen aufklären, meinst du nicht?“

Rip schnaufte erleichtert: „Ja, Erroll, sag ihr, was los ist …“

Bonny schwante Böses, und sie blickte Kinsley fordernd an.

„Was sollst du mir denn sagen?“, fragte sie scharf. Ihre Zweifel schienen aufs Neue erwacht zu sein.

Erroll wollte den Arm um ihre Schulter legen, doch sie streifte ihn ab und trat bis zur Felswand zurück.

„Schau, Liebling“, sagte er sanft, „wir hatten etwas vor, und wir haben es noch vor, aber es hat sich durch dich viel verändert. Ich mag dich wirklich, und ich werde mein Versprechen halten. Nur ist da noch zuvor eine Kleinigkeit zu regeln. Übrigens heiße ich nicht Kinsley, Bonny, sondern Kinney. Ich bin Clifton Kinneys Bruder, Bonny.“

Sie sah ihn entsetzt an. „Nein! Jetzt weiß ich alles. Du willst … Sie wollen weiter nichts als …“

„Weiter nichts? Nein, Bonny. Ich sagte doch, dass sich verschiedene Dinge geändert haben. Ich habe aber noch eine alte Rechnung an Jim MacLane. Er hat Clifton erschossen.“

„Ihr Bruder war ein Bandit!“, keuchte sie und sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an, in denen nichts mehr von Zutrauen und Zärtlichkeitsbedürfnis zu sehen war.

„Er war mein Bruder, in erster Linie mein Bruder, Bonny“, erwiderte! Erroll rau.

„Sind Sie auch ein Bandit?“

„Nein, aber ich bin ein Kinney, und die Kinneys sind eine Sippe, wo einer zum anderen steht, ob der eine ein Marshal und der andere ein Bandit gewesen ist oder nicht.“

Er sah an Bonny vorbei auf den kleinen Felsenkessel hinab, in dem die Pferde weideten. Hier befand sich auch die kleine Höhe, die fast dreißig Meter tief in den Felsen hineinführte. Und das sollte für die nächste Zeit ihr Versteck sein. Unweit von hier war die Falle, die sie aufgebaut hatten, um Jim MacLane zu fassen. Aber daran dachte Erroll Kinney jetzt nicht. Er erinnerte sich der Zeit, da er als Wells-Fargo-Marshal geritten war, bis er von seines Bruders Tod gehört hatte. Nun ritt er andere Pfade, aber es war so, wie er Bonny erklärte: Die Kinneys hielten zusammen wie Pech und Schwefel.

„Ich will wieder zur MacLane-Ranch“, sagte Bonny trotzig. Sie sah jetzt wie ein kleines Mädchen aus, das die Lust an einem abenteuerlichen Spiel verloren hatte und wieder nach Hause wollte.

Rip lachte leise. Rusty räusperte sich und sah Erroll gespannt an. Erroll hingegen blieb ganz ruhig.

„Leider geht das nicht, Bonny“, sagte er.

Sie stampfte mit dem Fuß auf.

„Ich will weg hier!“, rief sie heftig.

„Bonny“, erwiderte Erroll sanft, „dir geschieht nichts, und ich würde immer noch gern mit dir weiter in ein neues Leben reiten. Aber erst will ich mit MacLane …“

Sie wurde ganz ruhig, als sie ihn unterbrach: „Sie wollen ihn töten, nicht wahr?“

Erroll schien gar nicht zugehört zu haben. Er blickte über die Felskämme hinweg, auf die rot und warm die Morgensonne schien. Unten auf der Ebene der Prärie stieg leichter Dunst wie ein bläulicher Vorhang auf.

Rip stieß Rusty mit dem Ellenbogen an, dann tauschten sie verständnisinnige Blicke und grinsten.

Erroll wandte sich wieder Bonny zu, die ihn unverwandt ansah.

„Nein“, sagte er. „Ich werde ihn nicht töten.“

„Sondern?“, fragte sie mit der Strenge eines Inquisitors.

Er lächelte kalt, und seine Augen wirkten in diesem Moment wie Eis.

„Ich werde ihn ruinieren. Töten will ich ihn nicht. Es sei denn, er zwingt mich dazu. Und sicherlich wird er das tun.“

 

 

7

Gegen neun Uhr stand die Sonne schon hoch, und die Felsen der Ranges flimmerten in der Wärme des Indianersommers. Jim MacLane zügelte den stämmigen Braunen, den er sich für diesen Ritt ausgesucht hatte. Der untersetzte Hengst mit der ausgeprägten Hinterhand war wie geschaffen für die schmalen und stark ansteigenden Felspfade.

Jim hatte die Spuren von zwei Pferden bis zum Beginn des felsigen Weges verfolgen können. Jetzt sah er nur noch hie und da Kratzer von Hufeisen im Felsen, sonst keinen deutlicheren Hinweis. Dieser Kinsley und Bonny konnten aber gar nicht anders geritten sein.

Wiederholt hatte sich Jim gefragt, warum Kinsley mit Bonny in diesen zerklüfteten Teil der Ranges geritten war, wenn sie tatsächlich freiwillig mit ihm ging. Die Vermutung, dass sie vielmehr gezwungen wurde, mit Kinsley zu reiten, verstärkte sich in Jim immer mehr. Es gab dafür praktisch keine Hinweise außer der Tatsache, dass niemand in dieses Felsenlabyrinth ritt, der sich nicht verstecken wollte.

Der Tag versprach sehr warm zu werden. Wie so oft im scheidenden Sommer zeigte die Sonne noch einmal alle ihre Kraft. Jim schwitzte, und der Braune bekam allmählich nasse Flanken.

Gegen elf Uhr war Jim bereits in ziemlicher Höhe des Gebirges, und hier begannen die nach Osten verlaufenden Canyons die bizarren Felsformationen und ihre von Wind und Wetter ausgewaschenen Säulen, die wie groteske Skulpturen anmuteten.

Für Jim war das kein erfreulicher Anblick. So reizvoll dieses Naturwunder sein mochte, für ihn bedeutete es nichts anderes als eine Vielzahl von Hinterhalten, von unübersichtlichen Ecken und Nischen, die für eine Falle wie geschaffen waren.

Jim rechnete immer noch mit einem Mann, mit Kinsley. Trotzdem spähte er wachsam nach allen Seiten und zügelte den Braunen immer wieder, um seine Umgebung genauestens zu beobachten.

Plötzlich sah er Pferdedung. Er lag mitten auf dem Felspfad, und das Pferd musste hier längere Zeit gestanden haben, denn es war nachher mehrfach mit den Hufen in diesen Dung getreten.

Während Jim noch nachdenklich auf diesen Hinweis blickte, hörte er hinter sich Geröll auf den Pfad prasseln. Er drehte sich um, blickte den steilen Hang hinauf, von dem es herabgekommen sein musste, sah aber nichts.

Misstrauisch trieb er den Braunen an, um einem eventuellen Hinterhalt zu entgehen. Vor sich sah er eine Plattform, die groß genug schien, um zehn Pferde unterzubringen. Rechts stieg der Steilhang auf, links fiel der Fels jäh in die Tiefe eines Canyons ab. Der Felspfad führte von der Plattform aus weiter hinauf zur Hochfläche.

Jim ritt auf die Plattform, saß ab und nahm das Gewehr in beide Hände Der Braune blieb reglos stehen. Sein Atem ging heftig; das Tier war zu erschöpft, um sehr wachsam zu sein.

Doch plötzlich hob der Hengst den Kopf, blähte die Nüstern und stellte die Ohren nach vorn.

Jim bemerkte es nicht gleich, weil er immer noch zum Hang hinauf spähte, von wo aus das Geröll geprasselt war. Als er dann zu seinem Pferd blickte und dessen Kopfhaltung erkannte, sah er im gleichen Augenblick auch den Mann, der oben auf dem Steilhang auftauchte.

Es war ein großer, breitschultriger Mann mit schwarzem Haar, genauso, wie ihn Saleratus beschrieben hatte.

„MacLane? Jim MacLane?“, rief der Mann herunter. „Lassen Sie das Gewehr fallen!“

Jim entdeckte in den Händen des anderen eine Winchester. Trotzdem gab er nicht auf. Mit einem Satz sprang er hinter den Braunen und riss sein Gewehr in Anschlag, aber da tauchte der Mann oben weg, als sei er ein Spuk.

Gleichzeitig fiel hinter Jim ein Schuss. Der Braune machte einen Satz nach vorn. Er geriet zu nahe an den Rand der Plattform und bäumte sich auf, aber es war zu spät. Vom eigenen Schwung nach vorn gerissen, kippte das verzweifelt mit den Hufen schlagende Tier in die Tiefe. Ein schrilles Wiehern schallte misstönend und durchdringend aus dem Canyon, dann erfolgte der Aufschlag.

Jim war herumgefahren, sah noch eine wegtauchende Gestalt dort, wo vorhin das Geröll herabgekollert war, und sein Schuss kam zu spät.

Als er seine Winchester zum Repetieren durchhebelte und gleichzeitig nach einem seiner beiden Gegner spähte, begriff er auch, wie hoffnungslos er auf den Präsentierteller geraten war. Er hatte kaum Deckung. Doch seine beiden Gegner konnten abwechselnd ohne großes Risiko auftauchen und kämpfen.

Plötzlich rief es von oben, wo dieser Kinsley stecken musste: „MacLane, geben Sie auf! Werfen Sie die Waffe weg!“

„Das könnte euch so passen!“, erwiderte Jim grollend.

Im gleichen Moment sah Jim hinten auf dem Pfad, wo er vorhin gekommen war, einen dritten Mann. Dieser große, schlanke Bursche hatte ein Gewehr in der Armbeuge im Anschlag, der Größe

nach eine Seitenhammersharps. Jetzt riss er sie hoch an die Schulter, um zu schießen.

Diesmal war Jim schneller. Er sprang zur Seite. Der Donner der großkalibrigen Büffelbüchse dröhnte von den Felswänden wider. Dort, wo der Schütze stand, quoll blau-weißer Pulverdampf auf, aber Jim war unversehrt.

Er zielte, schoss und sah, wie der Mann dort vorn gegen den Felsen geschleudert wurde, wie er zusammenbrach und vergeblich wieder auf die Beine zu kommen suchte.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937428
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v534857
Schlagworte
jagd maclane

Autor

Zurück

Titel: Jagd auf Jim MacLane