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Der Wells-Fargo Wolf

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Wells-Fargo Wolf

Copyright

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Der Wells-Fargo Wolf

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Jake Ketlow, auch Wells Fargo Wolf genannt, will den Banditen Rawlins vor seinen Revolver bekommen, denn der erschoss kaltblütig Jakes Bruder. Er weiß, dass Rawlins mit seiner Bande auf die hunderttausend Bucks scharf ist, die Ketlow mit der Kutsche nach Hay Springs bringen will. Dorthin begleiten ihn der Major Winfield, die Spielerin Lorna, Doc Watson und Steve McCall. Aber jeder dieser vier Personen verfolgt sein eigenes Ziel ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Im Staubwirbel schlingerte die Kutsche durch das ausgetrocknete Flussbett. Mit einem Aufschrei warf der bewaffnete Begleiter die Arme hoch und stürzte seitlich vom Bock. Eine Kugel durchlöcherte die Hutkrempe des Kutschers, eine zweite schlitzte den Ärmel seiner Jacke auf. Doch der kräftige Schwarze stemmte die Füße ein, packte die Zügel mit beiden Fäusten und lenkte das Gefährt auf die Biegung zu.

Zwei Reiter galoppierten schräg hinter der Stagecoach. Fesseln umgaben die Handgelenke des jüngeren. Sein Pferd war an Jake Ketlows Sattel festgeleint. Die Banditen nahmen keine Rücksicht auf ihn, obwohl er zu ihnen gehörte.

Ketlow, der Boss der Begleitcrew, feuerte unablässig. Der langläufige Sechsschüsser lag wie festgeschmiedet in seiner Rechten. Der verwaschene Kavalleriemantel flatterte im Reitwind.

Ein Gewehr wirbelte aus dem Kutschenfenster. Kopf und Schulter eines bärtigen Passagiers sanken gegen den Rahmen. Ein Arm hing schlaff ins Freie. Auch das Gewehr des zweiten Passagiers schwieg jetzt.

Ketlow sah die Angreifer nur als Schatten zwischen den Felsbrocken und Büschen. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen füllte die Luft. Trotzdem hörte Ketlow das schrille Wiehern. Sein Kopf ruckte herum. Der Luftzug einer Kugel streifte sein hageres, schnurrbärtiges Gesicht. Der Wells Fargo Revolvermann achtete nicht darauf. Dreißig Schritte hinter der Kutsche lag das Pferd des dritten Reiters. Der Mann, Ketlows jüngerer Bruder, war unter dem Kadaver eingeklemmt, hielt aber noch den Colt.

»Clint!«

Ketlow wendete. Das Seil zwischen seinem Pferd und dem Tier des Gefangenen straffte sich. Da tauchten weitere Reiter im Arroyo auf, allen voran ein breitschultriger Mann in fransenverziertem Lederanzug.

»Rawlins!«, keuchte der Gefesselte.

Rasch vertauschte Ketlow den leergefeuerten Colt mit dem Gewehr. Der Wallach stieg, als eine Kugel seinen Hals streifte.

»Hau ab, Jake! Du kannst nichts mehr für mich tun!«, schrie Clint. Er feuerte auf die Angreifer.

Ein halbes Dutzend Kugeln trafen ihn. Sein Oberkörper wurde hochgerissen, der Todesschrei verklang im Krachen der Waffen.

Jake Ketlows Gesicht glich einer Steinmaske. Sein Karabiner flammte. Einen Augenblick schien es, als wollte er den Banditen entgegenjagen.

»Rawlins, dafür bezahlst du!«, knirschte er und preschte um die Biegung hinter der Stagecoach her.

 

 

2

Laternen blakten an den Vordachpfeilern. Die von Kugeln zernarbte Kutsche stand auf dem Hof der Wells Fargo Agentur in Lonehill.

Smokey, der dunkelhäutige Fahrer, spannte die Pferde aus. Zwei Angestellte trugen die eisenbeschlagene Kiste ins Haus. Zwei andere bewachten den Gefangenen. Der fuchsgesichtige Bandit hatte den Überfall seiner Kumpane mit einem Streifschuss am Arm überstanden. Sein flackernder Blick folgte dem Leichenkarren, auf dem die beiden toten Passagiere lagen. Ein klapperdürrer Maulesel zog ihn. Der Totengräber, ebenso dürr und von einem schwarzen Anzug umschlottert, stelzte nebenher.

Ketlow brannte sich eine Zigarette an. Die dunklen Linien in seinem Gesicht wirkten wie Risse.

»Weiß der Teufel wie Ben Rawlins von dem Transport erfahren hat. Seine Killer versuchten es bereits in Ogallala, als wir die Geldkiste vom Zugpersonal übernahmen. Clint und ich haben den hier dabei geschnappt.« Ketlow wies auf den Gefangenen. »Er behauptet, dass Rawlins am Buffalo Creek auf uns warten würde. Wenn sich rausstellt ...«

»Ich konnte nicht ahnen, dass Ben seine Pläne so schnell ändert. Verdammt, Ketlow, fast hätt’s mich doch selbst erwischt!«

»Besser dich als Clint«, murmelte der Wells Fargo Reiter. »Sperrt ihn ein, Männer! Da es keinen Sternträger und kein Jail in Lonehill gibt, verlass ich mich drauf, dass Ihre Leute auf ihn achten, Baxter. Wir nehmen ihn mit nach Hay Springs.«

Der dicke Wells Fargo Agent trocknete mit einem Tuch die schweißglänzende Stirn. »Selbstverständlich können Sie sich auf meine Angestellten verlassen, Ketlow. Es sind tüchtige Burschen, die wissen, wo bei ’nem Revolver vorn und hinten ist. Doch um sich mit Rawlins und seinen Sattelwölfen ernsthaft anzulegen, reicht’s bei keinem von ihnen. Tut mir leid, Ketlow, aber ich kann Ihnen keinen mitgeben.«

»Es leben doch wohl noch mehr Leute in dem Kaff.«

»Ich weiß niemand, der die Kutsche für hundert Dollar nach Hay Springs begleitet.«

»Zweihundert.«

Der Dicke schnäuzte die Nase.

»Nicht genug, den Skalp dafür zu riskieren. Die Leute hier machen sich schon in die Hose, wenn sie bloß den Namen Rawlins hören. Und nachdem auch Sie und Ihr Kutscher nur mit knapper Not entkamen ... Nein, Ketlow, es ist besser, Sie fordern Verstärkung an und bleiben die nächsten Tage mit dem Geld hier.«

»Es würde keine vierundzwanzig Stunden dauern, bis Rawlins und seine Banditen Lonehill anzünden und sich den Zaster aus Ihrem Office holen. Wir sind hier nicht in Omaha oder Cheyenne, sondern in ’nem vergessenen Nest mitten auf der Nebraska Prärie. Der nächste Sternträger sitzt in Ogallala. Es würde mindestens ’ne Woche dauern, bis die Company mir eine neue Crew schickt. Na schön, wenn’s nicht anders geht, bringen Smokey und ich den Transport eben allein durch.«

»Das ist ...« Der Wells Fargo Agent japste nach Luft. »Mann, Ketlow, ich hab davon gehört, dass Sie vor einem Jahr drunten in Wichita allein mit den Farley Brüdern fertig geworden sind. Und ich kenn auch die Geschichte, wonach Sie der Hackett Bande die Beute aus der Wells Fargo Bank in Laramie abgejagt haben. Aber allein gegen Rawlins und seine Meute? Selbstmord ist das, wenn Sie mich fragen.«

»Tu ich aber nicht. Außerdem kann Smokey nicht nur mit Zügel und Peitsche umgehen. Er ist ganz gut mit der Schrotspritze. Wir beide sind nicht zum ersten Mal gemeinsam auf dem Trail ...«

Ketlow nahm die Zigarette aus dem Mund und lauschte. Schüsse krachten am Stadtrand, wo sich ein baumbestandener Hügel erhob, die einzige Anhöhe im Umkreis von fünf Meilen. Ketlows hagere Gestalt spannte sich. Er schob den Kavalleriemantel zurück und legte die Rechte an den Coltknauf. Ein einzelner Schuss fiel noch, dann herrschte Stille. In der Stadt gab es keine Reaktion.

»Auch das noch«, schnaufte der Dicke. »Meritt ist der Kragen geplatzt. Wahrscheinlich lassen seine Boys von Winfields Saloon nur ’nen Trümmerhaufen übrig.«

»Wie das?«

»Major Winfields Saloon gilt seit langem als Treffpunkt für alles mögliche lichtscheue Gesindel. Es heißt, dass sich mitunter auch Rawlins’ Banditen dort ein Stelldichein geben. Winfield hat angeblich unter General Lee gedient. Mit ein Grund, dass George Meritt ihn nicht ausstehen kann. Er kämpfte für den Norden.«

»Ich kenne George. Wir ritten in derselben Einheit. Er war damals ein gefährlicher Hitzkopf.«

»Das ist er immer noch, auch wenn er’s inzwischen zum reichsten Rancher in der Gegend gebracht hat. Nachdem er in Winfields Whiskyburg beim Poker übers Ohr gehauen wurde, seh ich keine Chance für die Figuren, die sich bei Winfield verschanzt haben.«

»Was sind das für Leute?«

»Irgendwelche Herumtreiber: Eine abgetakelte Spielerin, ein versoffener Quacksalber, ein Satteltramp, dazu der Major. Niemand wird denen ’ne Träne nachweinen.«

Wieder drang das Knattern von Schüssen durch die Nacht. Der Wells Fargo Agent zuckte die Achseln.

»Meritt belagert sie schon den ganzen Tag.«

»Mit wie vielen Männern?«

»Zwanzig, der gesamten Crew.«

»Donnerwetter! Wenn George es bisher nicht geschafft hat, den Saloon auszuräuchern, sind die Leute darin es wert, dass ich sie mir ansehe.«

 

 

3

Die Fenster waren zerschossen, die Wände von Kugeleinschlägen übersät. Fackeln beleuchteten die Schlingen an den knorrigen Ästen der Weißeichen, die die Hügelkuppe mit dem klotzigen Gebäude umstanden. Meritts Männer verbargen sich im Schatten. Alle paar Minuten erschütterte ein Geschosshagel den Saloon.

Kugel oder Strick hieß die Alternative, die der wutentbrannte Rancher den Belagerten ließ. Scherben bedeckten den Saloonboden. Eine einzelne Petroleumlampe brannte. Sie hing über den runden, mit grünem Filz bespannten Tisch im geschützten Treppenwinkel.

Der Ring mit dem falschen Stein an Lorna Blaines Hand funkelte. Die grell geschminkte Dreißigerin schob einen Geldschein zu den Münzen in der Tischmitte.

»Zehn dazu, Cowboy.«

In Lornas hochgestecktem rotem Haar schienen Funken zu sprühen. Das rüschengesäumte, bis zu den Hüften enganliegende Kleid passte zu den meergrünen Augen. Der Ausschnitt war tief. Die üppigen Formen der Spielerin konnten einem Mann schon den Atem verschlagen.

Doch Steve McCall ließ sich weder davon noch von dem verführerischen Blick ablenken. Sein sonnengebräuntes Gesicht blieb ausdruckslos. Er fischte einen zerknitterten Zehner aus der ärmellosen Lederweste.

»Ich gehe mit, Lady.«

Lorna blickte zu dem dicken Mann an der Fensterfront.

»Alles ruhig draußen, Doc?«

»So verdammt ruhig, dass es mich nicht wunderte, wenn Meritts Kuhtreiber ’ne Teufelei aushecken«, antwortete der »Wunderdoktor« mit schwerer Zunge. Er hob die Flasche, trank wie ein Verdurstender und rülpste zufrieden. Sein massiger Schädel mit den Froschaugen saß direkt auf den Schultern. Die Knöpfe des speckigen Prinz Albert Rocks schlossen nicht mehr über dem Bauch. Die Röhrenhose war mit Flicken besetzt, die Füße steckten in Schnürstiefeln.

Doc Watson hatte es sich mit Colt und Flasche in einem Schaukelstuhl bequem gemacht. Sein kostbarster Besitz, ein roter Holzkoffer, der die »Wunderapotheke« enthielt, stand neben ihm. Als er sich vorbeugte und aus dem Fenster spähte, pfiff eine Kugel an seinem Gesicht vorbei.

»Armleuchter«, schimpfte er. »Wenn ich nachrechne, wie viele Drinks sich ein Mann für die schon verballerten Patronen leisten kann, krieg ich Bauchschmerzen.«

»Vergiss trotzdem nicht, die Augen offenzuhalten, Doc!«, riet die Spielerin. »Well, Cowboy, dann zeig mal, was du hast!«

Steve deckte sein Blatt auf, zwei Damen, zweimal die Acht und eine Sechs.

»Nicht schlecht«, lächelte die Rothaarige, »aber nicht gut genug.« Sie legte die Karten auf den grünen Filz. »Full House, Cowboy.« Es waren drei Asse und zwei Neuner. »Mach dir nichts draus.«

Lorna ließ die Scheine und Münzen in dem perlenbestickten Stoffbeutel an ihrem linken Handgelenk verschwinden.

Steve schob den Stetson zurück und füllte Whisky in sein leeres Glas. Er war ein großer, schlanker Mann, ebenfalls um die Dreißig. Seine Reiterkleidung war abgetragen, aber sauber. Der schwere 44er steckte in einem am rechten Oberschenkel befestigten Holster. Ein schmales Grinsen umspielte seinen Mund.

»Ich dachte, ich hätte das Pik As vorhin noch ganz unten im Päckchen gesehen.«

»Was willst du damit sagen, Cowboy? « Lornas Augen verengten sich. Ihre Stimme klang hart.

»Dass es kein Wunder ist, wenn Meritt innerhalb von zwei Stunden tausend Dollar an dich verlor, Schwester. Vielleicht war’s ein Fehler, dir beizustehen, als er das Geld zurückverlangte.«

»Tut’s dir leid?«

»Das würde auch nichts mehr ändern. Außerdem ...«

Ein dumpfer Schlag traf die Außenwand. Funken wirbelten vor dem Fenster, neben dem der Doc saß.

»Sie schießen mit Brandpfeilen!«, schrie er und sprang auf. Unter den Bäumen krachte es. Die Flasche in Watsons Hand barst. Er fluchte.

»Beruhige dich, Doc, es ist noch genug Whisky da!«

Lorna erhob sich. Schminke und Puder verdeckten ihre Blässe.

Wieder verließ ein Brandpfeil den Schatten der Weißeichen. Er sauste durch ein Fenster im Obergeschoss. Die Frau trat hinter die scherbenübersäte Theke.

»Was darf‘s sein, Doc? Kentucky Bourbon? Oder ’ne Flasche echten Tequila?«

Watson leckte genießerisch die Lippen.

»Kentucky Bourbon, wenn ich bitten darf, Gnädigste.«

»Wie Sie wünschen, Sir.«

Lorna tänzelte mit Flasche und Glas durch den verwüsteten Saloon. Scherben knirschten unter den Sohlen der Stiefeletten. Wieder krachten Schüsse. Späne fielen vor Steve auf den Tisch.

»Schieß den nächsten Pfeil ab, Hank!«, dröhnte Meritts Stimme draußen. »Räuchert das Gesindel endlich aus!«

Lorna füllte das Glas für Watson, aber stattdessen ergriff er die Flasche.

»Du bist ein Schatz, Lady. Wenn wir lebend hier rauskommen, mach ich dir ’nen Heiratsantrag.«

»Hast du das gehört, Cowboy? Wenn du auf ’ne Chance bei mir spekulierst, solltest du dich ranhalten.«

»Werd’ mir Mühe geben.«

Steve kam sich allmählich wie unter lauter Verrückten vor, Meritt und seine schießwütigen Weidereiter eingeschlossen. Das hinderte ihn nicht, sich den Drink schmecken zu lassen. Die rothaarige Spielerin stieß mit Doc Watson an. Gleichzeitig hieb der dritte, einen Funkenschweif nachziehende Pfeil ins Saloondach.

Die Gewehre und Revolver schwiegen. Das Prasseln der Flammen war deutlich vernehmbar. Das trockene Holz brannte, als wäre es mit Petroleum getränkt.

Eine Tür knarrte im Obergeschoss. Dann kam Major Winfield die Treppe herab. Der schlanke, ehemalige Südstaatenoffizier trug einen weißen Anzug, dazu ein cremefarbenes Hemd mit weißer Kragenschleife und einen breitrandigen weißen Alabama-Hut. Er war ausstaffiert wie ein Plantagenbesitzer aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Die Ringe an seinen Händen waren im Gegensatz zu jenen von Lorna echt. Ein schmaler, schwarzer Oberlippenbart zierte das glattrasierte Gesicht. In den dunklen Augen flackerte es. Er blieb neben Steves Tisch stehen.

»Sieht aus, als hätten sie uns.« Seine Stimme klang rau. Steve schob ihm die Whiskyflasche zu. Rauchschwaden umwogten das obere Treppengeländer. Ein Knacken und Prasseln drang herab. Doc Watson verschluckte sich plötzlich.

»Da kommt einer!«

Steve löschte die Lampe. Unter den Bäumen rührte sich nichts. Im zuckenden Schein der Fackeln näherte sich eine hagere Gestalt in einem langen, verwaschenen Kavalleriemantel dem Saloon.

 

 

3

Ketlow blieb im Eingang stehen, ein deutliches Ziel für die auf ihn gerichteten Colts. Er sah nur die schattenhaften Umrisse der im Saloon verteilten Gestalten.

Auch Lorna hielt eine Waffe. Es war ein kurzläufiger Remington, den sie sonst in einer am Unterschenkel befestigten Holster verbarg. Steve saß wieder. Ein roter Lichtschimmer aus dem Korridor im Obergeschoss fiel auf sein Gesicht.

»Tür zu, Mister, es zieht!«

Winfield schnappte: »Wenn Meritt Sie geschickt hat, bleiben Sie besser draußen.«

»Zum Wohl!«

Watson trank, bis die Flasche halb leer war. Sein Sechsschüsser kam trotzdem keinen Moment aus der Richtung.

Der Besucher wartete, bis seine Augen sich an die Dämmerung gewöhnten. Dann schloss er die Tür.

»Ich bin Jake Ketlow, Transportbegleiter der Wells Fargo Company.«

»Halleluja«, grölte der Doc. »Falls Sie irgendein Wehwechen haben, Hühneraugen und Verstopfung eingeschlossen, sind Sie bei mir richtig, Mister. Für lumpige fünf Bucks verkauf ich Ihnen ein Fläschchen von meiner Wundermedizin, die Sie von allen Übeln befreit ...«

»Hör auf, Doc! Er weiß genau, dass du längst nicht so besoffen bist, wie du tust.« Lorna musterte den Wells Fargo Kämpfer misstrauisch. »Ich hab Sie in Wichita erlebt, Ketlow, als Sie den Farley Brüdern zu ’ner kostenlosen Reise über den Jordan verhalten. Wenn ich mich recht erinnere, nennt man Sie auch den Wells Fargo Wolf.«

»Ihr Gedächtnis funktioniert bestens, Ma’am.«

»Ich bin Lorna Blaine. Das sind Doc Watson, Steve McCall und Major Winfield, dem der Saloon gehört. Wenn Sie ’nen faulen Trick vorhaben ...«

»Ich kann Sie und Ihre Freunde hier rausbringen.«

»Der Zufall hat uns zusammengewürfelt. Wir kennen uns erst seit einem Tag.«

»Ziemlich gut, scheint mir.«

»Das ist Meritts Verdienst«, bemerkte Steve. »Ich hab von Ihnen gehört, Ketlow. Sie sind ein berüchtigter Revolvermann. Dass Sie sich gelegentlich als Menschenfreund versuchen, ist mir allerdings neu.«

»Alles hat seinen Preis - auch euer Leben.«

»Geld?« Winfields Frage kam wie aus der Pistole geschossen.

Jake Ketlow schüttelte den Kopf.

»Im Gegenteil. Ich hab’ nen Zweihundert-Dollar-Job zu vergeben.«

Sie starrten ihn an.

»Teufel, ich brauch ’nen Drink!«, schnaufte Watson. Droben polterte es. Funken sprühten über das Treppengeländer. Ein jäher Luftzug wirbelte Rauch durch den Saloon. Die Männer und die Frau reagierten nicht darauf. Steve lehnte sich zurück.

»Und wie werden wir mit Meritt und seiner Crew fertig?«

»George ist ein alter Kriegskamerad. Ich hab ihm mal das Leben gerettet. Er lässt keine Schuld unbeglichen. So einfach ist das.«

»Zu einfach«, zischte Winfield. »Meritt hasst mich, seit ich den Saloon betreibe. Lorna hat ihm beim Pokern tausend Dollar abgenommen. McCall war so verrückt, Meritt mit dem Eisen aufzuhalten, als er den Zaster zurückforderte. Und dieses wandelnde Schnapsfass hier, das sich Doc Watson nennt, riss blöde Witze dazu. Ich will nicht behaupten, Ketlow, dass Ihre Story nicht stimmt. Aber ich weiß, dass George Meritt nicht ruhen wird, bis wir alle vier in der Hölle schmoren.«

Watson rülpste Zustimmung und genehmigte sich einen neuen Schluck.

Kein Muskel bewegte sich in Ketlows schnurrbärtigem Gesicht.

»Schätze, ihr habt keine Wahl.«

»Vielleicht doch«, grinste Steve. »Wenn Sie ein Freund von Meritt sind, könnten wir Sie als Geisel nehmen und mit Ihnen gemütlich fortspazieren.«

»George und ich sind nicht befreundet. Wenn die alte Schuld nicht wäre, würde er mich garantiert in einer Reihe mit euch aufknüpfen lassen. Der Handel gilt nur, wenn ihr euch bei der Wells Fargo Company verdingt.«

»Für wie lange?«

»Vier, fünf Tage. Das wird sich rausstellen.«

»Auch Lorna?«

»Auch sie.«

Winfield blickte nervös zum Obergeschoss. Flammen leckten an den Korridorwänden. Krachend stürzte ein Dachbalken herab. Die Saloondecke begann sich an etlichen Stellen dunkel zu färben. Durch die Ritzen quoll Rauch.

»Zum Teufel, um was für ’nen Job handelt es sich?«

»Mein Auftrag lautet, eine Kutsche mit einer Geldsendung für die neugegründete Bank in Hay Springs durchzubringen.«

»Wieviel Geld?«

»Das geht Sie nichts an, solange Sie den Job nicht akzeptieren, Major. Ich brauch Leute, die mit ’nem Eisen umzugehen verstehen. Die Stadtfräcke taugen nicht dafür.«

»Das heißt, dass Sie mit Verdruss rechnen«, stellte Lorna fest.

»Sonst wäre ich nicht hier.«

»Und wie sind Sie mit dem Geld nach Lonehill gekommen?«

»Wir waren zu sechst, als wir Ogallala verließen. Jetzt sind nur noch Smokey, der Kutscher, und ich übrig.«

»Verdammt!« Doc Watsons Stimme klang bemerkenswert nüchtern. »Das bedeutet nur eins: Ben Rawlins und seine Banditen sind hinter dem Zaster her.«

»Richtig.«

»Dann, verehrter Mister Ketlow, lassen Sie sich nicht aufhalten. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Was Ihr Angebot betrifft, Sir, muss ich leider passen. Ich bin zwar nur ein heruntergekommener Säufer, besitze aber noch genug Grips unter dem Skalp, um die Finger von Ihrem Zweihundert-Dollar-Job zu lassen. - Halleluja.«

Das Donnern im Obergeschoss wirkte wie ein Paukenschlag. Die Decke brach an einer Stelle durch. Brennende Holztrümmer fielen herab. Watson sprang erschrocken zurück. Winfield löschte die Glut mit einem Schwall aus dem Wassereimer, der neben der Theke stand. Durch die Lücke leuchtete es rot. Der Dachstuhl brannte. Feuerschein umfloss die Baumkronen und spiegelte sich in den Fenstern der zweihundert Yard entfernten Häuser.

»Wir müssen raus«, keuchte der Saloonbesitzer.

Ketlow brannte sich eine Zigarette an.

»Davon rede ich ja.«

Steve stand auf. »Woher wollen Sie wissen, dass wir die richtige Crew sind?«

»Gute Frage.« Der Wells Fargo Mann langte unter den vorn offenen Mantel und warf einen großen Lederbeutel mitten in den Saloon. Die lose Verschnürung öffnete sich, der schuppige Leib einer mittelgroßen Klapperschlange ringelte sich heraus.

Sofort blitzten drei Revolver. Das Reptil bäumte sich auf, zappelte, das Schwanzende peitschte. Dann rührte es sich nicht mehr. Ketlows Tritte pochten durch den Raum. Er schob eine Stiefelspitze unter die tote Schlange. Drei Kugeln hatten sie getroffen. Die Revolver von Major Winfield, Doc Watson und Lorna Blaine qualmten noch.

Nur Steve McCall hatte sich nicht ablenken lassen. Nach wie vor deutete sein Sechsschüsser auf den Wells Fargo Wolf. Ketlow sah ihn an.

»Nun weiß ich’s.«

Der Cowboy halfterte den Colt.

»Gleich stürzt das Dach ein. Geh‘n wir.«

 

 

4

Die Kutsche verließ Lonehill im Morgengrauen. Meritt verabschiedete Ketlows neue Mannschaft auf seine Weise. Lautlos trat er aus dem schwimmenden Grau, das die Häuser umgab. Steves Kugel hatte ihn am Arm getroffen. Er trug ihn in der Schlinge. Sein Nussknackergesicht wirkte noch grimmiger als sonst. Er schaute Steve, Lorna, Winfield und Watson der Reihe nach an.

»Wenn wir uns wiedersehen, landet ihr in der Grube.« Es klang wie ein Schwur. Der Doc, der mit seinem Apothekenkoffer auf den Knien bereits im Fahrzeug saß, rülpste empört. Der Rancher entfernte sich. Er blickte Ketlow nicht an. Gleich darauf knallte Smokeys Peitsche. Die Concord rumpelte aus der noch schlafenden Stadt.

Bis Mittag folgten sie dem alten Oregon Trail nach Fort Laramie. Es war Spätsommer. Gelbbraunes Büffelgras säumte die Radfurchen. Ringsum dehnte sich die tellerflache Prärie. Der Himmel strahlte in seidigem Blau. Es war heiß und windstill. Das Stampfen der Hufe und Knarren der Räder klang verloren in der schier endlosen Weite.

Smokey thronte allein auf dem Bock. Lorna, Winfield und der Doc saßen in der Kutsche. Ketlow, Steve und Curly, Ketlows Gefangener, ritten nebenher. Das Pferd des jungen Banditen war wieder an Ketlows Sattel festgeleint.

Als die Sonne im Zenit brannte, erreichten sie einen halb ausgetrockneten Tümpel. Wildspuren führten nach allen Himmelsrichtungen. Sonst wirkte die Ebene wie ausgestorben.

»Eine Stunde Rast!«, entschied Ketlow.

Sie versorgten die Pferde, dann widmeten sie sich der eigenen kargen Ration. Es gab Schwarzbrot und Ziegenkäse. Watson spülte jeden Bissen mit einem Schluck aus der Whiskyflasche hinunter. Er hatte sich mit einer ganzen Batterie seiner Lieblingsmarke versorgt.

»Medizin«, beantwortete er Ketlows Stirnrunzeln.

Der Wells Fargo Reiter faltete eine Armeekarte auseinander. Sein Zeigefinger suchte die Wasserstelle, an der sie sich befanden.

»Wir verlassen hier den Trail und fahren nach Norden.«

Alle starrten ihn an. Steve murmelte: »Das bedeutet, dass wir bis Hay Springs auf keine Siedlung und Pferdewechselstation treffen, höchstens auf Büffel und Indianer.«

»Dafür sind wir zwei Tage früher am Ziel.«

»Vorausgesetzt, dass die Rawlins Bande uns keinen Strich durch die Rechnung macht.« Steve schüttelte den Kopf. »Wir müssen drei Nächte auf offener Prärie verbringen. Sie wissen doch wohl, Ketlow, welche Chance das für Rawlins ist.«

»Rawlins lauert irgendwo am Trail.«

»Ich bin trotzdem dafür, dass wir abstimmen.«

»Ich auch!«, rief Winfield. »Außerdem möchte ich endlich wissen, mit wieviel Geld wir unterwegs sind. Wenn Rawlins nach zwei missglückten Überfällen noch immer hinter der Kutsche her ist, dann sind es mindestens zehntausend Bucks.«

»Hunderttausend!«, bemerkte Lorna mit einem Kratzen in der Stimme. Ruckartig wandten die Männer sich ihr zu. Sie trug noch dasselbe grüne, tiefausgeschnittene Seidenkleid. Ein dünner Schal schützte Schultern und Hals vor Sonnenstrahlen.

Doc Watson vergaß, dass er sich eigentlich wieder einen Drink hatte genehmigen wollen.

»Hör ich schlecht oder bin ich schon besoffen? Ich hab Hunderttausend verstanden.«

»Hast richtig gehört, Doc.«

»O Lord!«, ächzte der Quacksalber.

Ketlows Mundwinkel spannten sich.

»Haben Sie Baxter ausgehorcht, Ma’am?«

»Ihn.« Lächelnd wies die Spielerin auf Ketlows Gefangenen, der am Tümpelrand hockte. Das Lächeln erreichte jedoch nicht Lornas grüne Augen.

Curly grinste herausfordernd.

»Jetzt wisst ihr hoffentlich, worauf ihr euch eingelassen habt. Für ’ne Kiste mit hunderttausend Bucks, würde Ben Rawlins sogar gegen eine Kompanie Blauröcke losschlagen.«

»Halt die Klappe!« Ketlow faltete die Karte zusammen. »Wir brechen auf - ohne Abstimmung. Ich bin der Boss.«

»Ketlow«, begann Steve. Da berührte Lorna seinen Arm.

»Gib dir keine Mühe, Cowboy! Er will verhindern, dass wir uns auf der nächsten Station absetzen. Er traut uns nicht.«

»Sollte ich das?«, dehnte Ketlow.

Der Major murmelte eine Verwünschung. Sein hackender Blick streifte die eisenbeschlagene Kiste unter der Fahrerbank, ehe er sich dem Kutschenschlag zuwandte.

Plötzlich wieherten die Pferde. Ketlow schnellte herum. Curly saß bereits im Sattel. Er hatte die Leine gelöst und warf das Tier mit einem wilden Schrei herum. Die Hufe zerrissen die Grasnarbe am Tümpel.

»Bleib, sonst knall ich dich ab!«, schrie Ketlow. Doch statt den Colt zu ziehen, rannte er zu seinem Wallach und schwang sich hinauf. Sein Mantel, den er trotz der Hitze trug, bauschte sich. Curly floh zu den Hügelkämmen im Westen. Mit den vorn zusammengebundenen Händen hielt er die Zügel.

Steve zerrte die Winchester 66 aus dem Sattelfutteral, konnte jedoch nicht feuern, da Ketlow dem Flüchtenden nachjagte.

»Warum, zum Teufel, schießt er nicht?«, stieß Winfield hervor.

Steve fluchte. Wenn der Bandit entkam, dauerte es bestimmt keinen halben Tag, bis Rawlins die neue Route erfuhr. Die Reiter entfernten sich rasch. Da sprang Steve aufs Pferd.

 

 

5

Verwitterte Felskegel ragten aus dem Büffelgras am Hang. Weiter unten wuchsen Wacholder und Ginsterbüsche. Sie bedeckten die Fläche bis zur nächsten Bodenwelle.

Steve sah einen Schatten dazwischen, dann leuchtete Curlys blonder Schopf durchs Gestrüpp. Der Fliehende wich einem Hindernis aus, überquerte einen Grasstreifen und verschwand wieder. Von Ketlow war nichts zu sehen.

Steve hielt, hebelte eine Patrone in den Lauf der Winchester und visierte die Stelle an, wo Curly, wenn er die Richtung hielt, in ein paar Sekunden wieder zum Vorschein kommen musste. Der Schatten der Felskegel lag auf Steve. Mann und Pferd glichen einem Denkmal. Da preschte Curly aus einer strauchgesäumten Senke. Steve zielte auf das Pferd.

Plötzlich prallte ein Reiter gegen ihn. Steve stürzte und verlor die Winchester. Keuchend drehte er sich auf den Rücken. Seine Hand fuhr zum Colt. Jake Ketlows Gewehr bannte ihn. Das schnurrbärtige Gesicht des Wells Fargo Reiters sah aus wie aus Stein gehauen.

»Steig auf, McCall! Wir reiten zur Kutsche zurück.«

»Bist du wahnsinnig? Wenn der Kerl entkommt ...«

»Er wird Rawlins verständigen.« Ketlows Gewehr bewegte sich, als Steve aufstand. Der Bandit verschwand hinter einer zweihundert Yard entfernten Bodenwelle.

»Steckst du vielleicht mit Rawlins unter einer Decke, he?«

»Ich will seinen Skalp.«

»Dann versteh ich überhaupt nichts mehr.«

»Rawlins und seine Banditen haben meinen Bruder erschossen. Ich werde nicht ruhen, bis die Halunken in der Hölle schmoren.«

»Du willst sie also gar nicht abschütteln.«

»Behalt es für dich, wenn wir zu den anderen zurückkommen! Es würde Rawlins nur nützen, sollte es zu einer Auseinandersetzung zwischen uns kommen.«

»Du rechnest dir doch nicht im Ernst ’ne Chance aus, wenn du Rawlins den nächsten Schachzug überlässt.«

»Die Chance, dass ich ihn vor meine Knarre bekomme.«

»Oder er dich.«

»Mein Risiko.«

»Und unseres, verdammt noch mal! Du hast kein Recht ...«

»Ich hab euch keine Spazierfahrt versprochen, als ich euch aus dem brennenden Saloon holte.«

Steve starrte den Mann im verwaschenen Kavalleriemantel halb wütend, halb ungläubig an.

»Du setzt nicht nur unser Leben für deine Rache aufs Spiel, auch das Geld, Ketlow, dein Auftrag ...«

»Meine Sache, McCall, ob und wie ich das Geld durchbringe. Steig jetzt auf! Es hätte ja doch keinen Zweck mehr, wenn du Curly verfolgst. Vergiss die Winchester nicht, aber sei vorsichtig!«

»Ich kann verstehen, Ketlow, dass der Tod deines Bruders dich mitnimmt ...«

»Halt den Mund, McCall! Je eher du dich dran gewöhnst, dass ich die Befehle gebe, desto besser kommen wir miteinander aus.«

Steve spuckte aus.

»Du kannst mir nicht verbieten ...« Er duckte sich, als Ketlow das Pferd auf ihn zujagte und den Karabiner zum Schlag hob. Der Hieb verfehlte ihn. Er erwischte Ketlows Bein und warf ihn aus dem Sattel.

Steve bückte sich nach dem Gewehr. Da war Ketlow schon auf den Beinen. Sein Faustschlag warf den jüngeren Mann ins Gras. Drohend ragte Ketlows hagere Gestalt über Steve auf.

»All right, McCall, klären wir die Sache!«

Er wartete, bis Steve stand. Noch halb benommen, reagierte er auf das Zucken von Ketlows geballter Rechter. Da knallte ihm die Linke des Wells Fargo Kämpfers seitlich ans Kinn. Steve stürzte gegen einen Felskegel. Seine Beine knickten ein. Ketlows Gestalt verschwamm zu einem Schatten.

»Du verträgst nicht viel, McCall.«

Steve biss die Zähne zusammen und taumelte vorwärts. Ketlows Faust streifte ihn nur. Sein Anprall trieb Ketlow zurück. Gleichzeitig zerriss der Schleier vor Steves Augen. Er traf Ketlow mit einer Doublette über der Gürtelschnalle und am Hals. Ketlow prallte gegen sein Pferd. Sein rechtes Knie zuckte hoch. Er erwischte Steve nicht voll, sonst wäre der Kampf wahrscheinlich entschieden gewesen. Trotzdem bekam Steve keine Luft mehr. Er krümmte sich, sank auf die Knie.

»Wir könnten längst unterwegs sein, wenn du nicht so verdammt dickschädelig wärst, McCall.« Ketlows Stimme verriet keinen Zorn, nur Entschlossenheit.

Da umschlang Steve Ketlows Beine und riss ihn um. Sie rollten den Hang hinab. Steve bekam den Gegner an der Kehle zu fassen. Ketlow hieb ihn ins Gesicht. Keuchend lösten sie sich voneinander, rappelten sich auf. Ketlow wischte eine Strähne aus der Stirn.

»Du machst dich, McCall ...«

Steve griff ihn an. Ketlow wich geschmeidig aus, feuerte eine Gerade zurück, doch Steve blockte ab. Ketlow wollte nachsetzen. Da ließ das Krachen eines Schusses aus der Richtung, wo die Postkutsche stand, die Kontrahenten erstarren.

 

 

6

Winfield wartete, bis von dem Hufgetrappel jenseits der grasbewachsenen Kämme nichts mehr zu hören war. Seine ringgeschmückte Rechte umschloss das Handgelenk des Quacksalbers.

»Hör auf zu saufen, Doc! Ich bin dafür, dass wie weiterfahren. Wenn wir auf dem Trail bleiben, sind wir morgen Mittag in Scott’s Bluff.«

Watson grinste glasig. Lorna, die ihre Füße im Tümpel badete, hob den Kopf.

»Ohne Ketlow?«

»Zum Teufel mit ihm!« Winfield warf einen Blick auf Smokey, der im Schatten am rechten Vorderrad saß. Die Parker Gun lag auf seinen Knien. Der Hut war über das kaffeebraune Gesicht gerutscht. Er schlief. Winfield hob die Schultern.

»Ketlow hat uns erpresst. Wir schulden ihm nichts.«

»Was machen wir, wenn Rawlins auf die Kutsche lauert?«

»Wir verstecken das Geld. Es wird nicht schwer sein, ihn davon zu überzeugen, dass Ketlow die Hunderttausend selbst nach Hay Springs bringen will, wenn wir ihm die leere Kiste zeigen. Außerdem ist die Summe schon ein gewisses Wagnis wert.«

»Viel Geld für einen niedergebrannten Saloon.« Die rothaarige Spielerin lächelte.

Winfield erwiderte heftig: »Wir wären verrückt, wenn wir die Chance sausen ließen!«

»Ich hielt sie für ’nen Ehrenmann, Major.«

»Reden Sie keinen Blödsinn! Es ist Yankeegeld. Und die verdammten Yankees haben uns Südstaatler nach dem verlorenen Krieg ausgeplündert.«

»Lassen Sie die Politik aus dem Spiel, Major! Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Wie, zum Teufel, glauben Sie, bin ich an Meritts tausend Dollar gekommen?«

»Dann sind wir uns also einig?«

»Was meinst du, Doc?«

Watson hockte wie eine große Kröte auf seinem Holzkoffer. Der runde, schmalkrempige Hut saß schief auf seinem Kopf. Alles, was ihn zu interessieren schien, war der Inhalt der Whiskyflasche, die er prüfend gegen die Sonne hielt.

»Stell dich nicht taub, Doc!«, zischte Lorna. Sie zog die Schuhe an.

»Hunderttausend wären schon was«, dehnte Watson grinsend. »Aber nicht mit dem Wells Fargo Wolf auf der Spur.«

»In Scott’s Bluff lassen wir die Kutsche stehen und besorgen uns Pferde und Ausrüstung für den Ritt nach Kalifornien«, drängte Winfield. »Wenn wir erst in den Bergen sind ...«

»Wir kommen mit dem verdammten Rumpelkasten nicht mal bis Scott’s Bluff, ohne dass Ketlow uns einholt. Ohne mich, Major!«

»Auch gut. Hunderttausend lassen sich besser durch zwei teilen.« Winfield schob die Hand an den Revolvergriff. »Von hier aus schaffen Sie den Rückweg noch zu Fuß, Doc.«

»Sie sind ein wahrer Menschenfreund, Major.« Watson prostete ihm grinsend zu.

»Kommen Sie, Lorna!«

»Ich weiß nicht, Major. Ich fürchte, Doc hat recht.«

»Er ist besoffen.«

»Ich werd’ nie vergessen, wie Ketlow in Wichita allein mit den drei Farley Brüdern fertig wurde, obwohl sie ihn in der Zange hatten. Wir hätten keine Chance gegen ihn. Außerdem vergessen Sie McCall.«

»Und mich!« Smokey saß noch genauso da wie zuvor, nur dass er den Hut aus dem Gesicht geschoben hatte und die Parker Gun hielt. »Bleiben Sie so stehen, Major. Ziehen Sie vorsichtig Ihre Kanone und werfen Sie sie in den Tümpel!«

Winfield drehte sich mit verkniffener Miene.

»Da, wo ich herkomme, hält ein Nigger das Maul, wenn Weiße reden.«

Smokey stand gemächlich auf.

»Mag sein, Major. Nur sind wir hier in Nebraska, wo nicht die Hautfarbe eines Mannes zählt, sondern das, was er im Kopf und in den Fäusten hat. Wenn Sie mich noch mal beschimpfen, Major, geb ich Ihnen die eigenen Zähne zu schlucken.« Er ging drei Schritte vorwärts und drückte Winfield die Parker gegen den Bauch. »Und jetzt weg mit dem Eisen, Sie nachgemachter Südstaatenbaron.«

»Dafür leg ich dich um, Nigger!«

»Es wäre schade um den schönen Anzug, wenn Sie das versuchen, Sie verdammtes Großmaul.«

Hass brannte in Winfields Augen, aber plötzlich grinste er.

»Wenn du ein Weißer wärst, würdest du mir jetzt leidtun. Ich hab nämlich die Schrotspritze entladen, während du mit den Gäulen beschäftigt warst.«

Der Kutscher fuhr zurück. Winfield zog. Es klickte nur, als Smokey abdrückte.

»Kein Mord, Major!«, warnte Lorna schrill.

Watson stellte die Whiskyflasche ab.

»Der Major ist ja nicht lebensmüde. Er weiß, dass Ketlow und McCall den Schuss hören und sofort zurückkommen werden.«

Winfield sah ihn misstrauisch an. Der Doc kniff ein Auge zu und grinste. Da ging Winfield um den Schwarzen herum und kletterte auf den Kutschbock.

»Was ist, Lorna?«

»Können Sie überhaupt mit einem Sechsergespann umgehen?«

»So schwer kann das nicht sein.« Winfield löste den Bremshebel und knotete die Zügel los. Die Pferde stampften und prusteten.

Da stieß Smokey einen durchdringenden Schrei aus, der dem Kreischen eines angreifenden Pumas ähnelte. Die sechs Braunen reagierten, als wäre eine Dynamitpatrone unter ihnen explodiert. Der Ruck, mit dem sie das Fahrzeug vorwärtsrissen, schleuderte Winfield fast vom Bock. Er verlor die Zügel. Das Krachen seines Revolvers machte die Pferde vollends verrückt. Die Kugel streifte den Schwarzen am Hals. Smokey rannte um den Tümpel herum.

»Geben Sie mir Ihren Colt, Doc!«

Aber die Concord Kutsche sauste ab wie eine Rakete. Die Zügel schleiften. Fluchend klammerte Winfield sich fest.

 

 

7

Winfield hob den Revolver, aber die Männer auf der grasbewachsenen Bodenwelle befanden sich noch außer Schussweite. Bleierne Stille umgab den Saloonbesitzer. Er saß auf dem Trittbrett und wartete. Die Kutschentür stand offen, das rechte Vorderrad war zersplittert. Mit voller Wucht war die Concord gegen einen im Büffelgras verborgenen Stein gerast. Müde ließen die Braunen die Köpfe hängen. Ihr Fell war schweißbedeckt. Die Luft über der Prärie flimmerte. Wie ein leckgeschlagenes Schiff ragte das kugelzernarbte Fahrzeug neben dem Trail auf.

Winfield knurrte eine Verwünschung, als die Verfolger auf die Fährte der Kutsche stießen. Smokey ging voran. Er wirkte so energiegeladen, als hätte er nicht vier Meilen, sondern nur vierhundert Yard auf Schusters Rappen zurückgelegt. Lorna saß auf McCalls Pferd, das der Cowboy am Zügel führte. Sie hielt sich am Sattelhorn fest. Ihr Kleid war bis zu den Knien hochgerutscht. Den Abschluss bildete Doc Watson. Er hinkte, wechselte den roten Holzkoffer von einer Hand in die andere und wischte alle paar Sekunden den Schweiß vom gedunsenen Gesicht.

Ketlow fehlte.

»Weit genug!«

Die Gruppe war bis auf sechzig Schritte heran. Schnaubend drehten die Gespannpferde die Köpfe. Der Schwarze ging unbeirrt weiter.

»McCall, nimm ihm die Schrotspritze ab, sonst leg ich ihn um!«, drohte Winfield.

Steve folgte Smokey und hielt ihn fest.

»Was wollen Sie, Major?«

Winfield beabsichtigte, in die Kutsche zu springen, falls Steve und Smokey das Feuer eröffneten. In dem deckungslosen Gelände war das Fahrzeug wie eine Festung.

»Ich brauch jemand, der mir beim Radwechseln hilft, McCall - für fünfzigtausend Bucks!«

»Gestohlenes Geld.«

»Wär ’s dir lieber, wenn Rawlins den Zaster kassiert?«

»Wir können die Kutsche nicht zu zweit aufbocken.«

»Dann bring den Neger mit, verdammt! Aber ohne die Schrotspritze! Und keine Dummheit, McCall, sonst ...«

»Was - sonst?« fragte eine leise, aber messerscharfe Stimme. Winfields Kopf ruckte, seine Augen weiteten sich. Ketlow bog um das Fahrzeug. Sein Sechsschüsser reflektierte das grelle Sonnenlicht. Die Hufe des Wallachs waren mit Lappen umwickelt. Winfield musste erst den Revolver herumschwingen, wenn er auf Ketlow schießen wollte. Er verkrampfte sich.

»Übernehmen Sie sich nicht, Major!«

Winfield ließ die Waffe fallen.

»Ketlow, ich wollte nur ...«

»Ich weiß, Major. Beinahe hätten Sie Smokey erschossen.«

»Mein Revolver ging versehentlich los ...«

»Ich bezweifle, Winfield, dass Sie jemals Offizier bei den Konföderierten waren. Feiglinge hatten da nämlich nichts zu suchen.« Ketlow stieg ab und hob Winfields Revolver auf.

Inzwischen kamen Steve, Smokey, Lorna und Watson heran. Der Schwarze marschierte schnurstracks auf den Saloonbesitzer zu.

»Es ist ja wohl klar, Boss, dass er mir gehört.«

»Völlig, Smokey.«

»Ketlow, das verstößt gegen alle Regeln, wenn Sie zulassen, dass ein Schwarzer mich anfasst.«

»Gegen welche Regeln?«

Mit einem Wutschrei warf Winfield sich dem dunkelhäutigen Driver entgegen. Der ließ die Parker fallen, duckte sich unter Winfields wirbelnden Fäusten und trieb Winfield mit einem Uppercut gegen die Stagecoach.

»Ich habe dich gewarnt, weißer Mann. Wenn du mich noch mal Nigger nennst ...«

»Nigger!« Winfield griff erneut an, traf aber nur Smokeys Schulter. Smokeys Schwinger schleuderte ihn ins Gras. Mühsam rappelte Winfield sich auf. Wieder schlug der Schwarze zu, und Winfield wälzte sich vor seinen Stiefeln.

»Was hast du gesagt, Sklavenhalter?«

»Nigger!«, zischte Winfield stur.

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937411
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v534846
Schlagworte
wells-fargo wolf

Autor

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Titel: Der Wells-Fargo Wolf