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Liebe im Stau

2020 83 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Liebe im Stau

Copyright

Herzen im Stau

Wolken über Villa Sonnenblick

Thekla schlägt zurück

Warum tust du mir weh?

Liebe im Stau

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

 

- Während der Fahrt in den Urlaub, erfährt Claudia beiläufig, dass Ihr Robert den Aufenthalt in Italien für berufliche Aktivitäten zu nutzen gedenkt. Sie ist stocksauer, bis sie in einem Auto vor sich einen früheren, guten Bekannten entdeckt. Und nun erhält Robert Grund, sauer zu sein…

- Eine überraschende Erbschaft, enthebt Petra aller finanzieller Sorgen. So glaubt sie jedenfalls. Aber mit der Ferienpension in den Bergen fangen ihre Schwierigkeiten erst richtig an…

- Im Skiurlaub flirtet Lorenz hemmungslos mit fremden Frauen. Das findet Thekla, seine Verlobte, überhaupt nicht lustig, obwohl auch sie schnell einen Verehrer hat. Sie will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Da weiß sie etwas Besseres.

- Für Vera bricht eine Welt zusammen, als sie sich völlig unerwartet nicht nur von ihrem geliebten Enkel, sondern auch von ihrem Mann trennen muss. Hat das Leben jetzt noch einen Sinn?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Herzen im Stau

Claudia konnte es noch gar nicht richtig glauben. Sie waren tatsächlich auf der Autobahn, unterwegs nach Italien. Ans Meer! Es war der erste gemeinsame Urlaub mit Robert seit vier Jahren. Sie kuschelte sich in ihren Sitz, schaltete das Autoradio an und suchte romantische Musik.

Sie streifte ihren Mann mit zärtlichem Blick. Er sah abgespannt aus. In letzter Zeit hatte er viel zu verbissen gearbeitet. Auch ihm würden die zwei Wochen guttun.

Robert schmunzelte. „Zufrieden, Schatz?“, erkundigte er sich.

Claudia schnurrte behaglich wie ein Kätzchen. „Und wie!“ Sie schloss die Augen und summte leise die Melodie aus den Lautsprechern mit.

„Weißt du noch?“, erinnerte sie sich. „Damals in Rüdesheim? Sie haben dieses Lied immer wieder für uns gespielt. Früher haben wir überhaupt viel getanzt. Hoffentlich habe ich es noch nicht verlernt. Na, das wird sich ja bald zeigen.“

Robert brummte nur etwas Unverständliches. Dann ließ er etwas Unfeines hören, das so klang wie „blöder Affe, nun gib endlich Gas!“

Claudia öffnete die Augen. „Ist was?“, wollte sie wissen.

Eine Antwort erübrigte sich, denn sie sah selbst vor sich die beiden Lastzüge, die sich gegenseitig überholten, was sich allerdings wegen der augenblicklichen Straßensteigung als schwierig erwies.

Ungeduldig drückte Robert auf die Hupe.

Claudia lachte. „Damit erreichst du gar nichts. Außerdem kommt es auf ein paar Minuten doch wirklich nicht an. Ob wir heute Abend Garnelen essen können?“

Robert blieb die Antwort schuldig. „Verflixt!“, schimpfte er, was zweifellos daran lag, dass die beiden Lastzüge, hinter denen sie noch immer festhingen, nun vollends zum Stehen kamen. Dabei lag die Steigung bereits hinter ihnen.

Gemächlich setzte sich der Tankwagen auf der Überholspur in Bewegung. Robert spähte in den Rückspiegel in der Hoffnung, die Fahrbahn wechseln zu können. Keine Chance.

Endlich ging es im Schritttempo weiter. Roberts Miene entspannte sich nicht. Nervös schaute er auf die Uhr. „Das dauert!“, murmelte er und stieg abrupt auf die Bremse. Die Lastzüge hatte er nun zwar hinter sich gelassen, doch dafür blickte er auf zwei endlos erscheinende Perlenschnüre aus Blechdächern.

„Wahrscheinlich eine Baustelle“, vermutete Claudia gelassen.

Robert drückte eine Taste des Autoradios. „…lometer Stau nach einem Auffahrunfall bei Offenstetten. Es wird empfohlen…“

„Auch das noch“, seufzte Robert. „Die letzte Ausfahrt vor Offenstetten liegt hinter uns. Das schaffe ich nie.“

Ein verwunderter Blick traf ihn. „Wach auf, Liebling! Du hast Urlaub. Niemand hetzt dich. Keiner…“

„Aber die Besprechung in Ancona. Schlimmstenfalls hängen wir hier Stunden fest.“

Claudia fuhr herum. „Besprechung?“ Ihre Stimme klang ungewöhnlich schrill. „Habe ich richtig verstanden?“

„Reg‘ dich nicht auf, Schatz! Ich setze dich in Rimini ab, und am Abend bin ich dann bei dir. Spätestens morgen früh.“

„Oder nächste Woche“, giftete Claudia. „Oder aber…“ Wütend hieb sie mit der Faust auf die Handschuhablage. „Und das nennst du gemeinsamen Urlaub. Du hast versprochen…“

„Ich weiß ja“, versuchte Robert, die Aufgebrachte zu beschwichtigen. „Es hat sich eben ganz kurzfristig ergeben. Es hängt viel von diesem Gespräch ab.“

„Mehr als unsere Ehe?“

„Nun sei nicht albern! Wegen dieser paar Stunden geht doch keine Beziehung in die Brüche.“

„Ich rede nicht von ein paar Stunden“, hielt Claudia zornig dagegen. „Ich spreche von den vergangenen Jahren. Du versprichst immer und bist in Wahrheit doch nur mit deiner Arbeit verheiratet. Ich habe es gründlich satt.“

Das Auto schob sich einige Meter vor, um erneut stehenzubleiben. Claudia presste die Lippen zusammen und schaute demonstrativ zur Seite, wo sich andere Autofahrer ebenfalls über den Stau ärgerten. Sie schüttelte die Hand, die sie auf ihrem Arm spürte, ab und kämpfte die aufsteigenden Tränen zurück. Hätte sie es sich nicht denken können, als sich Robert daheim doch noch völlig überraschend mit diesem Urlaub einverstanden erklärte?

„Mach doch nicht so ein Gesicht!“, hörte sie ihn sagen. „Ich verspreche dir, dass ich mich in Ancona beeile. Es wird ganz bestimmt ein herrlicher Urlaub.“

„Versprich mir nichts mehr“, entgegnete Claudia frostig. „Du hast mich hereingelegt. Ich will…“ Sie brach ab und kniff ihre hübschen Rehaugen, die momentan gar nicht sanft dreinschauten, zusammen. „Das gibt es doch nicht.“

Irritiert musterte Robert seine Frau. Er folgte ihrem fassungslosen Blick, konnte aber außer der doppelten Fahrzeugschlange nichts Sensationelles entdecken. „Ist dir nicht gut, Schatz?“

Claudia antwortete nicht sofort. Sie starrte unverwandt in die gleiche Richtung und murmelte endlich: „Ich werd‘ verrückt. Das ist Patrick.“

„Patrick?“, wiederholte Robert pikiert. „Was für ein Patrick?“

„Patrick Reimann. Er trug damals einen Bart, aber ich bin mir völlig sicher. Na, so etwas!“

Ihre Erregung übertrug sich nicht auf Robert, der noch immer nur Bahnhof verstand.

Claudia lächelte jetzt verklärt. „Du kennst ihn nicht“, erklärte sie erstaunlich sanft. „Das war vor deiner Zeit, äh, genau genommen ganz knapp vor deiner Zeit. Wenn ich dich nicht kennengelernt hätte, wer weiß…“

„Du meinst, du und dieser Typ? Welcher ist es denn überhaupt?“

„Dort im metallicblauen Mazda. Gleich hinter dem Wohnmobil. Offenbar wohnt er immer noch in Kehlheim. Das liegt doch hier in der Nähe, oder?“

Robert konzentrierte sich erneut auf seinen Vordermann, der gerade ein Stückchen weiterfuhr. Dass sie dadurch dem Mazda erheblich näher kamen, interessierte ihn kaum. Für ihn war nur eins von Bedeutung: Claudias Laune hatte sich offensichtlich gebessert. Das schlimmste Gewitter war also wohl überstanden.

Weit gefehlt! „Patrick hat Musik studiert“, erinnerte sich Claudia. „Er war überhaupt ein äußerst zartfühlender, rücksichtsvoller Mann.“ Ihr Seufzen hörte sich nach einer gehörigen Portion Bedauern an. „Du dagegen denkst nur an deinen Job.“

„Von brotloser Kunst habe ich noch nie etwas gehalten“, verteidigte sich Robert und öffnete das Handschuhfach. „Sind keine Zigaretten mehr da?“

„Bist du nicht dabei, dir das Rauchen abzugewöhnen?“, erinnerte Claudia mit leicht ironischem Unterton. Im nächsten Augenblick löste sie den Sicherheitsgurt und öffnete die Autotür.

Robert fuhr herum. „Was hast du vor? Willst du zu Fuß weitergehen?“

Sie hörte ihn schon nicht mehr, sondern schlängelte sich zwischen den ungeduldig vibrierenden Blechkarossen hindurch, bis sie den Mazda erreichte.

Kurz darauf kehrte sie zurück. „Er ist es tatsächlich“, sprudelte sie hervor und strahlte übers ganze Gesicht. „Stell dir vor, er hat mich zuerst gar nicht wiedererkannt. Doch dann fand er, ich sei noch hübscher geworden.“

„Als ob den Burschen das etwas anginge“, maulte Robert, entschied sich aber für gnädige Nachsicht, als er die Zigarettenpackung in Claudias Hand entdeckte.

Während er schweigend rauchte, entnahm Claudia ihrer Handtasche Spiegel und Lippenstift und widmete sich ihrem Make-up.

Ein missbilligender Blick traf sie. „Einen Friseur wirst du hier im Stau schwerlich finden.“ Gereizt bearbeitete Robert trommelnd das Lenkrad mit den Fingerkuppen.

Claudias Miene drückte eitel Wonne aus. „Er gibt Konzerte“, plauderte sie drauflos. „Aber jetzt will er einmal so richtig ausspannen. Übrigens ist er immer noch nicht verheiratet.“

„Sehr wichtig!“, kam es gepresst. Gas – Bremse. „Himmel, geht das denn hier endlich weiter?“

Ein Brummifahrer neben ihnen schien Genaueres zu wissen. Er stand über sein Funkgerät mit anderen Kollegen in Verbindung. „Da vorne soll es fürchterlich gekracht haben“, erklärte er mit stoischer Bierruhe und zwinkerte Claudia zu. „Wo soll’s denn hingehen, schöne Frau?“

„Nach…“ Claudia brach ab und kräuselte ihre Stirn. „Weiß ich noch nicht genau“, sagte sie schließlich.

Robert schüttelte verwundert den Kopf. „Was soll das heißen, du weißt es nicht? Das Zimmer in Rimini ist fest reserviert, aber wenn das hier noch lange dauert, müsste ich mal dringend telefonieren.“

„Mit Ancona?“, fragte Claudia ironisch.

„Nun ja, ich hoffe nicht, dass ich mich zu sehr verspäte. Was soll denn das? Tür zu! Es geht anscheinend weiter.“

Claudia war bereits draußen und lief zum Mazda vor. Im nächsten Augenblick saß sie in dem anderen Wagen.

Robert knirschte mit den Zähnen. Wütend schleuderte er die halb aufgerauchte Zigarette aus dem heruntergelassenen Fenster und zündete sich eine neue an.

„Frauen!“, schimpfte er. „Wegen der paar Stunden, die sie allein im Hotel ist.“

Das Hupkonzert hinter ihm erinnerte ihn daran, dass er sich wieder um eine Autolänge seinem noch sehr fernen Ziel im sonnigen Süden nähern durfte. Wenn er doch nur etwas früher den Verkehrsfunk eingeschaltet hätte!

Was trieb Claudia denn bei dem Typ da vorne? Die Beiden schienen sich, soweit er das durchs Rückfenster erkennen konnte, prächtig zu unterhalten. Patrick Reimann? Sie hatte diesen Namen früher nie erwähnt, aber offenbar handelte es sich nicht nur um eine flüchtige Affäre.

Ein Künstler! Auf so etwas flogen ja die Frauen. Aber seine Claudia war schließlich verheiratet. Und zwar mit ihm.

Ungeduldig betätigte er die Hupe. Sein Vordermann, der sich angesprochen fühlte, drehte sich um und tippte unmissverständlich gegen die Stirn. Dabei meinte Robert doch seine Frau, die gefälligst wieder zurückkommen sollte! Sie befanden sich auf der Autobahn und nicht in irgendeinem Café. Es konnte jeden Moment weitergehen. Hoffentlich jedenfalls.

Es dauerte aber noch einige Minuten, ehe Claudia sich von dem Mazdafahrer trennte. Sie war richtig aufgekratzt, als sie Robert von dessen Plänen berichtete. „Patrick ist unterwegs zum Gardasee. Er besitzt dort eine kleine Villa. Er hat mir Fotos gezeigt. Traumhaft, sage ich dir. Dort tankt er neue Kraft für seine nächste Tournee durch Osteuropa.“

„Gute Reise!“, fauchte Robert. „Ich werde mir bestimmt keine Eintrittskarte kaufen.“

Claudia sah ihn ernst an. „Natürlich nicht. Dafür fehlt dir ja sowieso die Zeit. Früher waren wir wenigstens gelegentlich in der Oper. Aber heute?“

„Das kommt schon wieder“, betonte Robert. „Wenn die Besprechung heute gut verläuft, dann…“

„…dann kommt die nächste und danach wieder eine.“ Claudia wurde nicht laut, aber ihre Stimme besaß einen gefährlich entschlossenen Klang. „Das ist wie mit unserem Urlaub, auf den ich mich so gefreut hatte. Ständig vertröstest du mich auf morgen. Aber wir leben heute, vergiss das nicht. Patrick hat…“

„Was willst du eigentlich?“, unterbrach Robert sie ungeduldig. „Dein Patrick muss für seine Konzerterfolge vermutlich auch etwas tun. Von nichts kommt nichts.“

„Du hättest Philosoph werden sollen“, konterte Claudia bissig. „Patrick versteht es, Arbeit und Erholung zu kombinieren. Gestresste Künstler sind schlechte Künstler. Er hat mich übrigens eingeladen. In seine Villa.“

„Aber du hast selbstverständlich abgelehnt?“

Claudia schwieg. Sie wirkte sehr nachdenklich.

Über ihnen knatterte ein Hubschrauber hinweg und verschwand im Dunst der Mittagshitze. Robert seufzte. „Fliegen müsste man können.“

Claudia würdigte ihn keiner Antwort. Sie stieß die Tür erneut auf und wandte sich diesmal dem Kofferraum zu. Im nächsten Augenblick marschierte sie, mit Koffer und Reisetasche beladen, Richtung Mazda.

Robert traute seinen Augen nicht. Also das war doch… „Flippst du jetzt völlig aus?“, rief er ihr nach. Sekundenlang überlegte er, ob er ihr nachlaufen sollte, doch setzte sich die Autoschlange vor ihm in Bewegung. Er fuhr los, und als er sich in gleicher Höhe mit Claudia befand, stoppte er und wollte aussteigen.

Da ging ein heftiger Ruck durch das Auto, und hinter ihm hörte es sich hässlich nach knirschendem Blech an.

Auch das noch! Welcher Trottel war denn da eingeschlafen?

Der Trottel war blond und sah unglaublich süß aus. Die hübsche, grazile Frau kam auf ihn zu, und Robert sah es in ihren Aquamarinaugen feucht blinken. „Es tut mir ja so leid“, stammelte sie. „Ich war einen Moment abgelenkt. Ihr schönes Auto! Was machen wir jetzt nur?“

Robert spürte, dass hier Trostspenden angesagt war. Die Stoßstange seines Wagens hatte das Schlimmste verhindert. Der winzige Fiat der Blondine sah schon übler aus.

„Sind Sie verletzt?“, erkundigte er sich und ließ seinen suchenden Blick über ihren Körper gleiten.

„Ich glaube nicht“, hauchte sein Gegenüber und erkundigte sich im gleichen Atemzug: „Hatten Sie Ärger mit Ihrer Freundin?“

„Meine Freundin? Ach so, nun ja, der Stau hat sie wohl etwas nervös gemacht. Claudia ist ziemlich impulsiv.“

„Ich heiße Jennifer“, zwitscherte die Unglückliche, die eigentlich schon wieder recht optimistisch dreinschaute. „Finde ich irre nett von Ihnen, dass Sie nicht mit mir schimpfen. So tolle Männer trifft man selten. Die meisten drehen doch durch, wenn ihr Lieblingsspielzeug einen Kratzer bekommt.“

Robert wuchs merklich. Nach dem Stress mit Claudia taten ihm solche Schmeichelworte gut. „Halb so schlimm“, fand er gönnerhaft. „Zahlt doch sowieso die Versicherung. Aber können Sie mit Ihrem eingebeulten Kotflügel überhaupt noch fahren?“

Während er sich um das Blech kümmerte und sich bemühte, es wieder in die frühere Lage zu biegen, standen neben ihm zwei aufregend wohlgeformte Beine, und weiter oben gurrte es bewundernd: „Wie stark Sie sind! Wie kann ich Ihnen nur danken? Ohne Sie wäre ich völlig hilflos.“

Robert musste grinsen. Natürlich wusste das hilflose Wesen ganz genau, was es wollte. Wäre das nicht eine willkommene Gelegenheit, es Claudia heimzuzahlen? Einfach mit fliegenden Fahnen zu diesem Musikanten überzuwechseln, und das nach fünfjähriger Ehe. Allerhand!

Sie bildeten mit ihren Fahrzeugen ein Hindernis. Neben ihnen rollten die Autos vorbei. Robert schaute auf seine Uhr. „Ich müsste dringend nach Ancona zu einer Besprechung“, verriet er nervös. Er musste Zeit gewinnen. Angesichts dieser Versuchung war es nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen. Aber hatte Claudia sich nicht längst entschieden?

„Oh!“, flötete Jennifer beeindruckt. „Sie sind Geschäftsmann. Sicher sehr erfolgreich. Man sieht es Ihnen sofort an. Bestimmt erreichen Sie alles, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben.“ Ihr Blick sprach Bände.

Robert betrachtete unschlüssig seine mit Schmutz und Rost verschmierten Hände.

„Ich habe Erfrischungstücher im Handschuhfach“, meldete sich seine erwartungsvolle Bekanntschaft und holte rasch das Benötigte.. Sie ließ es sich nicht nehmen, Robert die Hände zu säubern. „Das bin ich Ihnen schuldig.“

Robert räusperte sich. „Wir sollten weiterfahren“, fand er. „Aber vielleicht geben Sie mir mal Ihre Adresse. Wegen der Versicherung. Sie wissen schon.“

Jennifer nickte enttäuscht und kritzelte ihre Adresse auf einen Handzettel. „Dann sehe ich Sie wohl nie wieder. Ich fahre auch Richtung Ancona. Kennen Sie das Hotel ‚Garibaldi‘? Nicht gerade groß, aber unheimlich gemütlich. Ich werde dort übernachten.“

Robert zeigte ein Erobererlächeln. „Hotel ‚Garibaldi‘. Alles klar!“. Er drehte sich um und kehrte zu seinem Wagen zurück.

Trippelnde Schritte holten ihn ein. Zwei gespitzte Lippen drückten ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke nochmals – und bis bald.“

Was für ein Tag! Dieser Stau schien ihm vom Schicksal höchstpersönlich geschickt worden zu sein. Schien die Katastrophe anfangs unvermeidlich zu sein, stellte sich plötzlich alles anders dar. Eine Frau, die ihn verstand und die darüber hinaus einiges zu bieten hatte, war ihm über den Weg gelaufen. Ein Narr, der diese Gelegenheit ungenutzt ließ! Claudia wollte es ja nicht anders. Und mit der Sitzung würde es vielleicht auch noch klappen.

Bewegung geriet in die Autoschlange vor ihm. Nun aber schnell!

Robert startete den Motor neu und sah im Rückspiegel, wie ihm Jennifer in ihrem Fiat dichtauf folgte. Sie winkte ihm zu.

Es ging zügig voran, doch nach ein paar hundert Metern gerieten seine Vorderleute erneut ins Stocken, und dann ging gar nichts mehr.

Robert wurde der Kragen eng. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er sprang aus dem Auto und sprintete los. Für die süße Jennifer hatte er kein Auge mehr. Er dachte nur noch an seine Claudia, und ihm wurde heiß, wenn er sich vorstellte, dass vielleicht alles schon zu spät war. Er liebte sie doch. Und nur sie. Alle verführerischen Püppchen dieser Welt interessierten ihn nicht die Spur!

Wie sollte er Claudia nur davon überzeugen? Wie konnte er das an diesen Patrick Reimann verlorene Terrain zurückerobern?

Die Beiden plauderten jetzt zweifellos vergnügt miteinander, schwelgten in romantischen Erinnerungen. Und was wurde aus ihm?

Plötzlich verharrte er. Claudia hockte neben der Standspur auf ihrem Koffer und lächelte zu ihm herüber.

Im Nu war er bei ihr und riss sie in seine Arme. „Oh Schatz, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt.“

„Dachtest du wirklich, ich würde mit dem erstbesten Mann durchbrennen?“, flüsterte Claudia vorwurfsvoll. Und merklich erleichtert ergänzte sie: „Ich bin so froh, dass du da bist.“

„Ancona wird abgesagt“, erklärte Robert entschieden, während er seine Frau zärtlich küsste. „Irgendeine Erklärung fällt mir schon ein. Wir machen Urlaub. Ab sofort. Und in Zukunft wird sich noch einiges ändern. Ich meine, was Opern und Tanzen betrifft. Du brauchst keinen Patrick Reimann.“

Patrick Reimann?, dachte Claudia amüsiert. Vielleicht gebe ich eines Tages zu, dass ich diesen Burschen nur erfunden hatte, um Robert eifersüchtig zu machen, und dass ich den Mazdafahrer überhaupt nicht kannte. Nur gut, dass dieser Trick geklappt hat. Es hätte auch schiefgehen können. Diese attraktive Blondine zum Beispiel…

Wütendes Hupkonzert schreckte sie aus ihren Gedanken.

„Ich schätze, da steht ein herrenloses Auto den anderen im Weg“, sagte Robert und griff nach Koffer und Tasche. „Manche Leute haben es eben mächtig eilig.“

Sie steckten noch fast zwei Stunden im Stau. Aber was kümmert ein Stau zwei Verliebte?

 

 

 

Wolken über Villa Sonnenblick

Petra Forstmanns Gesicht wurde blass, während sie den Brief las. Entlassen! Zwei Wochen lang würde sie noch Geld verdienen. Und dann?

Seit Monaten hatte sie mit ständig wachsender Besorgnis beobachten müssen, dass vielen ihrer Kolleginnen von der Firma gekündigt wurde. Nun hatte es sie selbst getroffen. Höfliches Bedauern. Die Bitte um Verständnis für die schwierige Lage. Was konnte sie sich dafür kaufen? Woher bekam sie möglichst schnell einen neuen Job?

Sie war Verkäuferin. Angeblich eine sehr gute. Aber leider eine arbeitslose.

Petra stiegen Tränen in die Augen. Wie sollte es weitergehen?

Seit ihre Eltern vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sie tapfer versucht, auf eigenen Füßen zu stehe und ihrem um sieben Jahre jüngeren Bruder Stefan etwas Geborgenheit zu geben.

Es hatte ihre ganze Kraft gekostet, und sie hatte auf vieles verzichten müssen. Nun war alles umsonst gewesen.

Die 24-Jährige blickte aus dem Küchenfenster und seufzte leise. Unten auf dem Hof spielten ein paar Kinder. Ihr Lachen klang zu ihr herauf und schnitt ihr ins Herz. Wann hatte sie Stefan zum letzten Mal lachen hören?

Petra setzte sich an den Tisch und holte ihr Haushaltsbuch aus der Schublade. Sie begann zu rechnen, wobei ihre Lippen die Zahlen lautlos formten. Sie rechnete lange. An ihrer finanziellen Misere änderte das nichts.

Stefan kam von der Schule. Er brauchte seine Schwester nur anzusehen, da wusste er schon Bescheid.

Stürmisch nahm er Petra in die Arme und versuchte, sie zu trösten: „Lass den Kopf nicht hängen! Sei froh, dass du dich über die Bande nicht mehr ärgern musst. Die haben doch sowieso nur deine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Petra lächelte schmerzlich. „Alles schön und gut. Aber wovon sollen wir jetzt die Miete zahlen? Herr Keller räuspert sich schon immer vernehmlich, wenn ich an ihm vorbeigehe. Wir schulden ihm das Geld für drei Monate. Ich hatte fest mit dem Urlaubsgeld gerechnet. Daraus wird nun nichts.“

Stefan schlug vor, die Schule an den Nagel zu hängen und einen Job zu suchen, aber Petra schüttelte entschieden den Kopf.

„Kommt überhaupt nicht in Frage! Du machst dein Abitur und wirst Architekt. Das war schon immer dein Traum, und du hast auch das Zeug dazu. Irgendwie werde ich es schon schaffen.“

Sie glaubte aber selbst nicht an diese Prophezeiung, und die Wirklichkeit bestätigte ihre Befürchtung.

Trotz intensiver Bemühungen gelang es ihr nicht, eine andere Arbeitsstelle zu finden. Dafür stand sie inzwischen auf siebzehn Vormerklisten.

Eines Tages beschränkte sich Herr Keller, der Hausverwalter, nicht nur mehr auf sein Räuspern. Er setzte ihr klipp und klar eine Frist von drei Tagen, innerhalb der sie die überfällige Miete zu bezahlen hätte. Andernfalls…

Petra lief sich die Absätze schief und brachte es auf acht weitere Vormerklisten. Sie versuchte, ihr Auto zu verkaufen, doch das uralte, klapprige Modell wollte nicht einmal mehr ein Bastler haben. Ihre Hoffnungen auf einen kleinen Bankkredit scheiterten an der Forderung nach entsprechenden Sicherheiten. Man las ihr die Sorgen förmlich vom Gesicht ab.

Auch Gustav Pollmeier blieben sie nicht verborgen. Pollmeier wohnte zwei Etagen tiefer. Er schickte sich an, die fünfzig zu überschreiten und einen ansehnlichen Bauch anzusetzen. Viel mehr wusste Petra nicht von ihm.

Als sie sich vor der Haustür trafen, erfuhr sie, dass er anscheinend auch noch ein Herz besaß.

„Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich Ihnen helfen kann, Frau Forstmann“, erklärte er mit Bedauern in der Stimme. „Was halten Sie davon, wenn ich Herrn Keller erschieße?“

Für diesen, natürlich nicht ernst gemeinten Vorschlag konnte sich Petra nicht erwärmen.

„Er ist ja im Recht“, meinte sie betrübt. „Wenn er mir nur noch ein wenig Zeit ließe! Wenn ich wieder Arbeit habe, zahlte ich als Erstes meine Schulden. Das versteht sich von selbst.“

„Vielleicht könnte ich Ihnen mit einem kleinen Betrag aushelfen“, schlug Gustav Pollmeier schmunzelnd vor.

Petra hielt den Atem an. „Würden Sie das tatsächlich tun?“

„Natürlich! Als Nachbarn muss man sich doch gegenseitig helfen, sage ich immer. Kommen Sie! Ich gebe Ihnen das Geld. Dann können Sie es Keller in den gierigen Rachen stopfen.“

„Ich weiß aber noch nicht, wann ich es Ihnen zurückzahlen kann“, wandte Petra zaghaft ein.

Gustav Pollmeier wehrte ab. „Das eilt doch nicht. Sie laufen mir schon nicht davon.“

Details

Seiten
83
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937374
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520790
Schlagworte
liebe stau

Autor

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Titel: Liebe im Stau