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Die verfluchte Gier nach Gold

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die verfluchte Gier nach Gold

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Die verfluchte Gier nach Gold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Einst ritten Dan Brent und Jim Morrison Seite an Seite und halfen sich gegenseitig aus gefährlichen Situationen. Dann jedoch begegnen sie dem sterbenden Goldsucher Ruskin, der ihnen den Lageplan einer sagenhaften Bonanza nahe des Colorado River aushändigt und sie bittet, seine Tochter Rosalee daran zu beteiligen. Morrison und Brent finden die Mine tatsächlich und Gold jenseits all ihrer Vorstellungen. Morrison lässt Brent in einer schier ausweglosen Lage im Stich und macht sich mit einem Teil des Goldes und Rosalee aus dem Staub. Von Rache getrieben, heftet sich Brent an Morrisons Spur und will seinen ehemaligen Freund zur Rechenschaft ziehen. Doch auch andere haben von der sagenumwobenen Mine gehört, wie etwa der skrupellose Salooner Donegan, der Rancher Atkins und eine Schar skalphungriger Indianer. Sie alle sind besessen von der verfluchten Gier nach Gold und bereit, dafür über Leichen zu gehen. Bald fließt Blut am Colorado …

 

 

 

 

 

 

Roman:

„Gold!“, keuchte der Sterbende. Seine Finger krallten sich in Jim Morrisons Jacke. „Vielleicht ’ne Million Dollar …“

Ein Pfeil steckte in der Brust des graubärtigen Goldsuchers. Er lehnte an einem mannshohen Felsblock. Ein Dutzend Yards entfernt lag sein von Kugeln niedergestrecktes Pferd.

Jim hielt ihn. Der blonde, schlanke Mann mit den grünen Augen vergaß die Gefahr ringsum.

„Die Hälfte davon … für Rosalee … Donegans Saloon in Bluff Creek … möchte, dass Rosalee … mit Gold … neues Leben beginnt …“

„Gewiss, Ruskin. Aber wo ist die Mine?“

Dan Brent stand bei den Pferden. Er war dunkelhaarig und etwas stämmiger als sein zwei Jahre jüngerer Partner. Beide waren wie Cowboys gekleidet. Jims Colt steckte in einem tiefgeschnallten Holster. Dan trug den Sechsschüsser hoch an der linken Hüfte. Der Kolben ragte nach vorn.

Ein leises Klirren drang aus dem Schatten. Dan zog die Winchester 66 aus dem Scabbard und lauschte.

Ruskin atmete mühsam. Es war heiß und still. Die Sonne loderte über der Felsenwildnis des südlichen Utah.

„Rede, Ruskin!“, drängte Morrison.

„Norden … Colorado River Canyon … Spanish Stone …“ Die Stimme des Graubärtigen war nur mehr ein Flüstern. Mit der Rechten nestelte er ein zerknittertes Papier aus der Brusttasche. Es entglitt ihm. Sein Kopf sank zur Seite.

„Ruskin!“, rief Jim, aber der Goldsucher hörte ihn nicht mehr.

Jim hob das Blatt auf. Es war ein Lageplan der Goldmine, deren Entdeckung Bill Ruskin mit dem Leben bezahlt hatte. Jims Hände zitterten. „Vielleicht ’ne Million Dollar“, wiederholte er mit belegter Stimme. „Was hältst du davon, Amigo?“

Dan kam näher. Sein Schatten fiel auf den Toten.

„Sie sind da“, raunte er. „Sie beobachten uns. Mindestens zwei hocken auf den Klippen gegenüber. Die andern lauern am Hang hinter uns. Lass dir nichts anmerken.“

„Verdammt!“ Jim faltete das Papier zusammen, steckte es ein und erhob sich. „Was machen wir?“

„Sie werden versuchen, näher ranzukommen“, murmelte Dan. Er hielt die Winchester in der Armbeuge. „Bleib ganz ruhig. Löse den Klappspaten vom Sattel. Lass sie denken, dass wir Ruskin begraben. Wenn ich schieße, saust du in den Sattel. Wir müssen vorn am Felsturm vorbei.“

„Zu Befehl, Sir!“ Jim grinste rissig. Er deutete auf den Pfeil in der Brust des Toten. „Apachen?“

„Nicht so hoch im Norden. Das sind Yampa-Utes. Ruskins Mine liegt wahrscheinlich mitten in ihrem Gebiet.“

„Well, jetzt gehört die Mine zur Hälfte uns beiden.“

„Vorausgesetzt, wir bleiben am Leben, Amigo.“

„Auch wieder wahr.“ Jim spuckte aus. Dann trat er zu den beiden staubbedeckten Braunen und schnallte den Klappspaten los.

Dan nahm den Stetson ab. Seine Lippen bewegten sich. Es sah aus, als würde er beten. Aus den Augenwinkeln entdeckte er ein metallisches Blinken zwischen den Felsen. Die Pferde stampften. Ein Bussard schrie.

Jim klappte den Spaten auseinander. Von dem felsbedeckten Hang hinter den Gefährten kam ein Klicken.

Dan schnellte herum, die Winchester im Hüftanschlag.

„Jetzt!“, schrie er.

Ein Feuerstrahl verließ den Stahllauf. Zugleich ließ Jim den Spaten fallen, sprang in den Sattel und preschte, Dans Wallach im Schlepp, auf den Felsen zu, an dem der tote Goldsucher lehnte.

Dans Gewehr krachte erneut. Ein Schrei antwortete. Ein nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleideter Indianer taumelte zwischen den Sandsteinblöcken hoch, drehte sich und fiel. Pfeile schwirrten, Kugeln pfiffen. Die wirbelnden Hufe umhüllten Dan mit Staub.

Jim warf ihm die Zügel zu. „Ab die Post!“

Das Krachen seines 44er Colts löste Dans Winchester ab.

Dan landete wie ein Puma auf dem Pferderücken. Ein Pfeil bohrte sich in die Deckenrolle hinter ihm. Eine Kugel streifte den rechten Steigbügel.

Seite an Seite preschten die Partner an dem Felsturm vorbei aus dem Tal.

 

*

 

Das Trommeln der Hufe brach sich an rotschimmernden Felsmauern. Sand und Geröllflächen reflektierten die Hitze. Kein Fleckchen Grün beruhigte das Auge. Die vorbeihuschenden Rotdornbüsche wirkten wie Stacheldraht-Rollen. Da und dort gab es halbverdorrte Kakteen. Der Himmel schimmerte messingfarben.

Reiter und Pferde schwitzten. Jim war ein Stück voraus. Seine Jacke flatterte im Reitwind. Ein Kugelloch zierte die Krempe seines Stetsons.

Dan spähte zurück. Die Verfolger kamen einen mit Rotdorngestrüpp und Felsen bedeckten Hang herab. Zehn Krieger waren es, mit Gewehren, Lanzen sowie Pfeil und Bogen bewaffnet. Sie trugen keinen Federschmuck.

Sie schrien und schwangen die Waffen. Dann nahm ein Felswall den Partnern die Sicht auf die Verfolger.

Mit verkniffener Miene starrte Dan wieder nach vorn. Während der Braune ihn hinter Jim Morrison hertrug, erinnerte sich der dunkelhaarige Reiter, wie alles begonnen hatte.

Das Hufgetrappel ging in den Lärm über, der Jim und ihn empfing, als sie vor drei Tagen die staubbedeckten Gäule vor dem einzigen Saloon in Bluff Creek zügelten.

Sie kamen von Flagstaff herauf, zwei junge, wettergegerbte Burschen, die „mit dem Wind ritten“ – wie tausend andere, die nach dem Bürgerkrieg westlich des Old Man River einen neuen Anfang versuchten. Sie hatten Rinder getrieben, Postkutschen begleitet und sich zwischendurch als Bodyguards für einen Minenbesitzer verdingt. Nun wollten sie im Mesaland von Süd-Utah Wildpferde fangen. Bluff Creek, zehn Meilen vor der Grenze zwischen Arizona und Utah, war eine willkommene Zwischenstation nach dem anstrengenden Zehn-Stunden-Ritt.

Dämmerung senkte sich auf die Town. Lampenschein erhellte die Fenster von Donegans Saloon. Lachen und Grölen schallte heraus. Die Klänge eines Pianos vermischten sich damit. Eine Reihe Pferde stand am Holm. Dan und Jim banden ihre Tiere an die Pfosten beim Tränketrog. Der blonde Jim wies mit einer Kopfbewegung auf die Saloonfront.

„Hört sich nach ’ner Feier an. Hoffentlich ist noch Whisky übrig.“

Sie stießen die Türflügel auf. Tabakqualm umbrodelte die Lampen.

Den Lärm, der vermuten ließ, dass Donegans Saloon zum Bersten gefüllt war, verursachten sechs bärtige, verwilderte Männer. Sie trugen speckige Lederjacken, derbe Hosen und klobige Stiefel. Verfilzte Haarsträhnen lugten unter den Hüten hervor. Wahrscheinlich waren es Goldsucher, die monatelang die Wildnis durchforscht hatten.

Klatschend und johlend drängten sie sich um einen großen, runden Tisch, auf dem sich eine brünette junge Frau in einem tiefausgeschnittenen Kleid im Takt der Musik wiegte.

Der Mann am Piano hämmerte auf die Tasten. Zufrieden grinste der geiernasige, glatzköpfige Saloonkeeper hinter der Theke. Seine dürren Finger nestelten an der Verschnürung eines mit Goldstaub gefüllten Lederbeutels.

Niemand sonst befand sich in dem verräucherten Raum. Zigarettenkippen und Schnapslachen bedeckten die Dielen. Leere Flaschen lagen überall. Die Tänzerin war hübsch. Fünfundzwanzig, schätzte Jim mit Kennerblick. Die Figur war biegsam, das schmale Gesicht ein bisschen zu grell geschminkt.

„Honey, du bist prächtig!“, lärmte ein breitschultriger Mann mit einer Lederklappe über dem linken Auge. „Aber wir wollen mehr sehen als deine hübschen Beine! Zier dich nicht, Schätzchen! Zeig, was du hast!“

Die Burschen hieben sich auf die Schultern. Einer, der gerade die Flasche ansetzte, verschluckte sich und hustete.

„Zieh dich aus, Puppe, zieh dich aus!“, johlte der raue Chor.

Die Frau wich einer schmutzigen Hand aus, die nach ihrem Kleid grapschte.

„Pfoten weg! Donegan, die Kerle sind besoffen! Bring sie zur Vernunft!“

„Wieso denn?“ Der Glatzkopf kicherte. „Sie haben bezahlt!“

„Nicht dafür …“

„Mach keine Geschichten, Rosalee. Was ist schon dabei? Vergiss nicht, dass dein Pa mir ’ne Menge schuldet.“ Der Saloonbesitzer ließ den Goldstaubbeutel unter der Theke verschwinden. In dem Getrampel und Gejohle hatte er die an der Tür verharrenden Ankömmlinge noch nicht bemerkt.

„Ich habe nichts dagegen, Jungs, wenn ihr ein bisschen nachhelft.“

Die Tänzerin wollte vom Tisch springen. Eine knochige Faust umschloss ihr rechtes Fußgelenk. Die grölenden Goldsucher behinderten sich gegenseitig.

Dan und Jim sahen sich wortlos an.

„He, was …“

Donegans Hände glitten wieder unter die Theke. Dan und Jim beachteten ihn nicht.

„Lasst die Lady in Ruhe!“, rief Dan.

Schlagartig verstummte der Lärm. Die Goldsucher starrten Dan und Jim zuerst mehr überrascht denn wütend an. Der Klotzige mit der Augenklappe hielt einen Fetzen von Rosalees Kleid. Plötzlich grinste er böse. „Welche Lady denn, Mister?“

Seine Kumpane lachten. Gemeinsam machten sie Front gegen die Partner. Statt zu fliehen, verharrte die Brünette auf dem Tisch. In ihren dunkelblauen Augen mischten sich Besorgnis und Faszination. Donegan krächzte:

„Haltet euch da raus, Gents! Das hier ist ’ne geschlossene Gesellschaft.“

„Wir sind die Schließer!“

Jim, der Draufgänger, grinste. Dans Miene blieb ausdruckslos. „Keine Bange, Ma’am, wenn’s gleich ein bisschen laut wird.“

Dan lehnte die Winchester an die Wand neben der Tür.

Ruhig traten sie nebeneinander auf den Tisch in der Saloonmitte zu. Die Männer davor spannten sich.

„Zwei Verrückte“, knurrte einer. Der Einäugige spuckte aus.

„Zwei Tote. Nur wissen Sie’s noch nicht.“

Gleichzeitig griffen sie an. Tische und Stühle kippten polternd um. Sechs Stiefelpaare dröhnten. Dan und Jim spritzten auseinander.

„Hey, Toro!“, lachte Jim, packte einen Hocker und knallte ihn dem ersten Angreifer auf den Kopf. Der nächste fing einen Fußtritt ein, dass ihm die Luft wegblieb. Die Augen drohten ihm herauszuquellen. Ächzend sank er gegen den ungeheizten gusseisernen Kanonenofen.

Inzwischen bediente Dan den Mann mit der Augenklappe mit einer blitzsauberen Doublette. Ein kräftiger, pferdegesichtiger Bursche spuckte wenig später zwei Schneidezähne aus. Er lief voll in Dans Gerade.

Die beiden übrigen Gegner griffen zu den Revolvern. Da zogen auch Dan und Jim, schossen aber nicht. Zwei Hiebe streckten die verwilderten Gesellen nieder.

Jim Morrison richtete sofort den Sechsschüsser auf Donegan, der eine Schrotflinte mit abgesägten Läufen über die Theke hob.

„Zum Abschluss ein Feuerwerk, was?“

„Nein, nein!“ Hastig verstaute der Salooner die Parker-Gun wieder. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Nur „Pferdegesicht“ stand noch. Dan nickte ihm zu.

„Das war’s, Amigo. Schaff sie raus!“

Jim half der Brünetten vom Tisch. „Geschlossene Gesellschaft, Miss Rosalee. Ich lade Sie ein.“

 

*

 

Drei Stunden später betrat Jim pfeifend und mit leicht wackligen Beinen Zimmer Nr. 5 im Obergeschoss von Donegans Tränke. Er trug zwei Gläser und hatte eine bauchige Flasche unter den linken Arm geklemmt.

„He!“ Er blinzelte überrascht, als er die junge Frau auf Dans Bettkante sitzen sah. Ohne Puder und Schminke wirkte sie noch anziehender. Der Schein der Petroleumlampe milderte die feinen, dunklen Linien in ihrem Gesicht.

Dan lehnte an der Wand und drehte sich eine Zigarette.

Jim grinste. „Ich störe hoffentlich nicht.“

„Red keinen Blödsinn. Miss Rosalee ist hier, weil sie unsere Hilfe braucht.“ Dan rauchte. Sein Partner stellte Flasche und Gläser ab. Whiskygeruch breitete sich aus.

Jim lachte glucksend. „Alles geregelt. Ich hab mir eben noch mal Donegan vorgenommen. Der ist so klein, dass er in ein Whiskyglas

passt …“

„Es geht nicht um Donegan., sondern um Miss Rosalees Pa.“

„Auf sein Wohl!“ Jim goss sich einen Drink ein.

„Reiß dich zusammen“, rügte Dan und nahm ihm das Glas ab. „Miss Rosalee macht sich Sorgen. Bill Ruskin, ihr Pa, ist seit ’ner Woche überfällig. Er sucht droben am Colorado River nach ’ner verschollenen spanischen Goldmine. Bis zum Vierzehnten dieses Monats wollte er auf alle Fälle in Bluff Creek zurück sein.“

„Gold am Colorado? So was Verrücktes hab ich lange nicht gehört. Am besten fängst du mit der Story von vorn an.“

„Pa ist weder verrückt …“

„’tschuldigung, Miss Rosalee. Ich wollte weder Sie noch Ihren Vater kränken.“ Jim schielte nach dem Drink, dann trank er aus der Flasche. „Lassen Sie sich von Dan nicht einreden, ich hätte zu viel geschluckt. Ich bin ganz Ohr.“

Die junge Frau maß ihn mit zweifelndem Blick. Sie wandte sich Dan zu, als sie ihre Geschichte wiederholte. „Ich weiß nicht, wie Pa zu dem Lageplan der Mine kam. Jedenfalls ist er felsenfest von seiner Echtheit überzeugt. Sein halbes Leben hat er damit verbracht, die Mine aufzuspüren. Jahre als rastloser Prospektor, voller Strapazen, Entbehrungen, wenigen Glücksfällen und häufigen Enttäuschungen.

Ich war noch ein Kind, als Pa die Jagd auf die Lost Spanish Mine begann. An der mexikanischen Grenze wurde eine Zeitlang viel von ihr gemunkelt. Ich lebte damals bei meiner Mutter in Tucson. Nach ihrem Tod musste ich selbst für mich sorgen. Das bisschen Geld, das Pa mir dann und wann zukommen ließ, reichte nie. Well, ich besitze ’ne annehmbare Stimme, und die Figur kann sich auch sehen lassen. Der Weg als Saloonsängerin war vorgezeichnet …“

Rosalee hob die Schultern. „Fünf Jahre sah und hörte ich nichts von Pa. Inzwischen hatte ich die Nase voll von den Schnaps und Tingeltangel-Buden westlich des Old Man River. Ich wollte in den Osten, mir irgendwo Arbeit suchen … Aber lassen wir das. Pa tauchte plötzlich auf, völlig abgebrannt, aber voller Zukunftspläne. Er hatte die Skizze. Er überzeugte mich, dass das Gold der Lost Spanish Mine schon so gut wie uns gehörte. Alles war nur mehr eine Frage der Zeit – und der von Pa benötigten Ausrüstung.“

Die Frau seufzte. „Pas gesamte Barschaft bestand aus zwei Dollar und fünfundsiebzig Cent. Keine Bank in Arizona war bereit, ihm auch nur zehn Dollar zu leihen. Ich war inzwischen hier in Bluff Creek gelandet. Mit Nat Donegan schloss ich einen Vertrag für ein Jahr, wenn er Pa das Geld vorstreckte. Dafür musste ich mich mit Kost und Unterkunft als Bezahlung begnügen. Das war vor vier Wochen.“

„Du liebe Zeit!“, platzte Jim heraus. „Noch elf Monate mit dem geierköpfigen Schnapspanscher in dieser Bruchbude!“

„Pa versprach, nach spätestens drei Wochen zurückzukommen, mit den Taschen voller Gold. Er wollte mich dann bei Donegan auslösen. Seitdem hörte ich nichts mehr von ihm.“

Jim war jetzt hellwach. „Weiß Donegan von der Mine?“

Rosalee schüttelte den Kopf.

„Sie sollten nicht gleich das Schlimmste fürchten“, beschwichtigte Jim sie. „Es gibt ein Dutzend Möglichkeiten, weshalb Ihr Vater sich verspätet hat …“

„Wir wollen doch ohnehin ins Colorado-River-Gebiet hinauf“, unterbrach ihn Dan. „Wir können uns dabei nach ihm umsehen.“

„Gute Idee.“ Jims Zähne blitzten. „Du vergisst nur, dass wir knapp bei Kasse sind. Wenn wir nicht bald ein paar Mustangs im nächsten Fort losschlagen, können wir uns demnächst keine Patronen mehr kaufen, um ’nen Braten zu schießen.“

„Wenn Pa die Mine gefunden hat, wird er Sie großzügig bezahlen.“

„Wenn nicht?“

Rosalee schluckte.

„Jim scherzt.“ Dan warf dem Freund einen missbilligenden Blick zu. „Natürlich suchen wir Ihren Vater.“

„Danke.“ Die Frau erhob sich. „Sie und Jim haben schon eine Menge für mich getan. Ich werd’ es nicht vergessen. Nun muss ich aber gehen. Es ist spät, und Donegan macht mir die Hölle heiß, wenn ich morgen früh nicht rechtzeitig für das Frühstück sorge.“

„Schade“, meinte Jim. „Wie wär’s mit ’nem Trostpflaster in Form eines Gute-Nacht-Kusses?“ Er grinste pfiffig. „Keine Sorge, Dan ist nicht eifersüchtig. Er macht sich nichts aus Frauen.“

Ein Schatten überflog Rosalee Ruskins Gesicht.

Dan stieß sich von der Wand ab. „Du bist betrunken!“, sagte er scharf.

„Nur ein bisschen“, grinste Jim.

Der Blick der Frau wanderte zwischen den beiden Männern hin und her. Plötzlich lächelte sie, lief zu Dan und küsste ihn rasch auf den Mund. Gleich darauf schloss sich die Tür hinter ihr.

 

*

 

Die krachenden Gewehre der Verfolger holten Dan Brent in die Wirklichkeit zurück. Ein Querschläger jaulte knapp an ihm vorbei. Fetzen von schrillem Geschrei durchdrangen das Hufgetrappel.

Dan und Jim bogen um eine haushohe Klippe. Die Hufe hämmerten auf felsigen Untergrund. Sie jagten am Fuß einer Steilwand entlang.

„Da rein!“, rief Jim. Er lenkte sein Pferd in eine halb von Sträuchern verdeckte Schluchtmündung.

Dan folgte. Es konnte eine Sackgasse sein, aber sie hatten keine Zeit, darüber nachzudenken. Jim wollte vermeiden, dass Ihre Pferde Hufabdrücke hinterließen.

Als er sich umschaute, knickte Dan im Vorbeireiten einen Zweig an einem Manzanitastrauch.

Jim ruckte heftig an den Zügeln. „Bist du närrisch? Wir hätten sie abgehängt! “

Dans Wallach trabte vorbei. Dan blickte über die Schulter. „Nur wenn sie glauben, dass sie uns erwischen, werden sie nicht zu Ruskins Mine zurückreiten, um da auf uns zu warten.“

„Zum Teufel mit Ruskins Gold! Mein Skalp ist mir wichtiger!“

Ein Grinsen zerriss die Staub- und Schweißkruste auf Dans Gesicht. „Wart’s ab!“

Sie lauschten. Das Grollen der Hufe erreichte die Schluchtmündung. Einige Sekunden hoffte Jim Morrison, dass die Indianer weiterpreschten.

Da setzte das Dröhnen aus. Ein Ruf gellte. Gleich darauf tauchten mehrere bronzehäutige Reiter zwischen den Felsmauern auf.

Dan und Jim verschwanden hinter einer Biegung.

Die Schlucht stieg an, die Wände verengten sich. Vor jeder weiteren Biegung befürchteten die Partner, dass ihr Fluchtweg dahinter zu Ende war. Wenn sie zwischendurch anhielten, vernahmen sie das Hufgetrommel der Indianerpferde wie ein heraufziehendes Gewitter.

Plötzlich traten die Felsen auseinander. Ein weites, von Felsmassiven und Hügelketten durchbrochenes Plateau erstreckte sich vor Dan und Jim. In den Senken und an den Hängen wuchs Gras. Da und dort ballten sich Inseln von Zedern und Wacholdergebüsch. Die Sonne stand tief im Westen. Kupferne Röte überstrahlte die Wildnis.

Jim blickte zum Schluchtausgang. „Wir könnten sie aufhalten.“

„Ich verabscheue sinnloses Blutvergießen.“

Dan ritt auf die sinkende Sonne zu, die sich am dunstigen Horizont zu einem riesigen dunkelroten Ballon zu blähen schien. Achselzuckend schloss Jim sich an. Weit hinter ihnen tauchten die Verfolger in einer Staubwolke auf. Sie waren zurückgefallen.

Dan und Jim ließen die Pferde im Schritt gehen. Schaum verklebte die Nüstern der Tiere. Sie waren erschöpft.

Die Sonne sank in einem letzten purpurnen Aufflammen unter den Plateaurand. Die Verfolger waren jetzt nur noch stecknadelkopfgroße Punkte, die sich in der hereinbrechenden Dämmerung aufzulösen begannen. Am Rand eines Zederndickichts saßen die Partner ab. Felsblöcke umschlossen den Lagerplatz. Jim versorgte die Pferde. Er schüttelte den Kopf, als Dan trockenes Reisig für ein Feuer zusammentrug.

„Nimm’s mir nicht übel, Amigo, aber bist du sicher, dass dir die Sonne nicht geschadet hat? Warum reitest du nicht zurück und lädst die Rothäute zum Abendessen ein?“

„Sie werden von selbst kommen.“

Jim schluckte. „Mann, davon red ich ja! Nun setz dich mal brav hin Vielleicht hilft ein kühler Wickel. Du solltest …“

„Wir werden sie nur los, wenn wir ihnen die Gäule wegschnappen. Auf diese Weise erhalten wir einen Vorsprung, der uns genügend Zeit lässt, zu Ruskins Mine zu reiten. Wir brauchen wenigstens so viel Gold, um Rosalee aus Bluff Creek wegzuholen.“

„Alles hübsch der Reihe nach, Amigo. Du meinst also, einer von uns bleibt hier, schürt das Feuer und spielt Zielscheibe für die roten Besucher. Der andere holt währenddessen die Mustangs, die sie höchstwahrscheinlich zurücklassen.“

„Du hast’s erfasst.“

 

*

 

Das Feuer brannte nieder. Das mit Gras und Zweigen ausgestopfte Deckenbündel am Rand des Lichtkreises ähnelte verblüffend einem schlafenden Mann, der den Sattel als Kopfkissen benutzte.

Dan Brents Stetson und die von ihm zurückgelassene Winchester vervollständigten den Eindruck. Die Pferde dösten. Sie waren an einem Zedernbusch festgeleint.

Jim warf ein paar trockene Zweige in die Glut und blickte auf die Uhr. Die Zeiger standen. Er konnte nur schätzen, wie lange Dan fort war: etwa eine Stunde.

Die Nacht war still. Kein Kojote heulte. Die fahle Mondsichel verbreitete nicht genug Helligkeit, dass Jim mehr erkannte als die Umrisse der Felsbrocken ringsum. Die Flammen beleuchteten sein angespanntes Gesicht. Vergeblich wartete er auf Dans Coltschuss. Das Signal würde bedeuten, dass Dan die Mustangs kassiert hatte und Jims Ausharren nicht länger nötig war.

Die Pferde schnaubten und bewegten sich plötzlich. Unauffällig brachte Jim die Rechte an den Coltkolben. Aber in der Schwärze, die das Camp umschloss, rührte sich nichts. Trotzdem spürte Jim ein Kribbeln in den Fingern. Seine Kopfhaut zog sich zusammen.

Wie Dan besaß auch er den Instinkt eines Mannes, den die Wildnis prägte. „Verdruss wittern“ nannte Dan es.

Die Braunen stampften. Jim schloss die Augen. Es schien, als würde er am Feuer einnicken. In Wahrheit konzentrierte er sich auf seine Umgebung. War da nicht ein leises Schaben, höchstens zwölf Yards seitlich?

Jim wandte den Kopf vom Feuer, ehe er die Augen öffnete, und schickte einen Blick in die Richtung. Er sah nur die schattenhaften Konturen eines Felsblocks, neben dem ein hüfthoher Strauch wuchs.

Jims Kehle wurde plötzlich trocken. Er kniff die Augen zusammen. Täuschte er sich, oder war dieser Strauch vor fünf Minuten noch nicht dagewesen?

Die Pferde beruhigten sich. Ihre zuckenden Ohren und geblähten Nüstern verrieten jedoch, dass sie nach wie vor irgend etwas für nicht ganz geheuer hielten.

Der Strauch bewegte sich nicht.

Jims Blick streifte das Deckenbündel. Wenn es wirklich losging, brauchte er Dans Gewehr.

Ein Rascheln erreichte ihn. Jim blickte sofort zu dem Felsblock. Der Strauch war nicht mehr da. Ein Schatten bewegte sich zum Rand des Zederndickichts.

Gleichzeitig hörte Jim ein metallisches Knacken.

Er zog. Das Krachen seines 44ers wirkte in der nächtlichen Stille wie ein Kanonenschuss.

Die Pferde wieherten schrill. Jim hechtete zur Seite. Pfeile schwirrten aus der Dunkelheit. Kugeln fetzten die Glut des Lagerfeuers auseinander.

Jim schoss, drehte sich, packte die neben dem Deckenbündel liegende Winchester, schoss abermals und rollte hinter einen Felsbrocken.

Kriegsgeschrei gellte. Katzenhafte Gestalten schnellten aus dem Gras zwischen den Felsen.

Jim stieß den Colt ins Holster, ergriff den vorbereiteten, mit besonderen Kräutern gefüllten Leinenbeutel und warf ihn in die züngelnden Flammen. Pfeile prallten gegen seine Deckung. Er hob die Winchester, zielte auf eine lanzenschwingende Gestalt und feuerte.

Der Leinenbeutel verbrannte. Eine bläuliche Stichflamme zuckte empor. Es zischte, fauchte, knisterte. Dann breitete sich dichter, blauschwarzer Qualm aus. Wiehernd und stampfend zerrten die Pferde an den Zügeln. Die Sicht reichte nur mehr wenige Yards. Wutgeheul schallte.

Jim federte hoch und rannte zu den Braunen.

Mitten in den Schwaden stieß er mit einem Indianer zusammen. Ein Tomahawk bedrohte ihn. Jim fing den Hieb mit der Winchester ab. Der Kolben traf den Gegner am Hals. Ächzend stürzte er zu Boden.

Jim erreichte die Pferde, löste die Zügel und schwang sich auf den Braunen mit der Stirnblesse. Eine schemenhafte Gestalt sprang durch den Qualm. Ein Messer blitzte.

Jim blieb keine Zeit, das Gewehr zu heben. Er stieß den Angreifer mit einem wuchtigen Fußtritt zurück. Rasch band er Dans Pferd am Sattel fest. Dann lenkte er die beiden Braunen nach rechts.

Ein Pfeil streifte ihn. Die Schwaden trieben auseinander. Die Yampa-Utes versuchten, Jim den Weg abzuschneiden. Da dröhnte fünfzig Yards vom Lagerplatz entfernt ein Schuss. Der vorderste Krieger warf die Arme hoch und fiel vornüber. Seine Gefährten prallten zurück.

„Hierher, Amigo!“

„Dan!“, keuchte Jim. Gleich darauf zügelte er den Braunen.

Dan saß auf einem Ute-Mustang. Weitere Indianerpferde waren an ein am Sattel festgeknotetes Lasso gekoppelt. Die Dunkelheit verbarg Dans Gesicht. Er hielt ein kurzläufiges Henry-Gewehr. Schüsse blitzten, Geschrei gellte. Die Partner lenkten die Pferde hinter einen Felsen.

„Tut mir leid, dass ich fast zu spät kam“, wandte Dan sich an den Partner. „Ich hatte mit einem Pferdewächter gerechnet, aber es waren zwei. Beinahe hätten die Burschen mich erwischt. Beim Kampf verlor ich den Colt. Er fiel in eine Felsspalte. Die Rothäute besaßen nur Messer, Tomahawk und Lanze, so dass ich keinen Signalschuss abfeuern konnte.“

Jim starrte ihn an. Das Geschrei und das Krachen der wütend abgefeuerten Gewehre kam näher. „Woher hast du dann die Knarre?“

„Von einem der Burschen, die dir ans Leder wollten. He, du glaubst doch wohl nicht …“

„Unsinn!“ Jim stieß dem Wallach heftig die Fersen gegen die Flanken. „Auf zur Lost Spanish Mine!“

 

*

 

Eine turmhohe Felsmauer versperrte ihnen zwei Tage später den Weg nach Norden. Die Sonne glühte, obwohl es erst Vormittag war. Dünne Wolkenschleier hingen über den gleißenden Zinnen der Abajo Mountains. Das monotone Stampfen der Hufe setzte aus. Die Pferde ließen die Köpfe hängen.

Dan und Jim musterten das von Rissen und Kaminen durchzogene Hindernis, das sich mehrere Meilen in Ost-West-Richtung erstreckte als unüberwindlicher Wall, an der jede Fährte endete.

„Verdammt!“ Jim Morrison stärkte sich mit einem Schluck aus der Canteen-Flasche. „Ich hätte gewettet, dass wir dicht dran sind vorausgesetzt, Ruskins Karte stimmt.“

Stille umgab sie. Die Felsen schimmerten in roten, gelben und grauen Farbtönen. Vereinzelte Dornbüsche und Fettholzstauden waren die ganze Vegetation. Riesige Klippen und Felstürme warfen Schatten auf die Barriere, die eine Viertelmeile vor den Reitern aufragte.

Dan zog die Karte hervor, auf der der Weg zur Goldmine eingezeichnet war. Sein Zeigefinger berührte die Stelle, wo die Strichellinie und ein dicker Querstrich sich kreuzten.

„Schätze, wir sind hier.“

Oberhalb des Querstrichs schlängelte sich eine mit CRC benannte Linie, zweifellos der Colorado River Canyon. Dort befand sich das Ziel. Auf dem Plan war es als buckelartiges Gebilde vorgegeben.

Spanish Stone, hatte Ruskin hier vermerkt.

Jim, der über Dans Schulter auf das Papier schaute, rieb sich die Bartstoppeln.

„Er hätte aufschreiben sollen, wie wir’s anstellen, dass unseren Kleppern Flügel wachsen.“

Dans Finger glitt am Querstrich entlang. Eine Sonne war an den Blattrand gezeichnet. Darüber stand die Zahl Zwölf.

„Vielleicht ist das die Lösung. Wie spät ist’s jetzt?“

„Mein Wecker steht. Schätze, zehn Uhr.“

Dan faltete das Blatt zusammen. „Wir verlieren nichts, wenn wir zwei Stunden warten.“

„Und du glaubst, Punkt zwölf erleben wir das Sesam-öffne-dich. All right, ich lass mich überraschen.“

Sie saßen ab, führten die Pferde in den Schatten und rasteten. Die Sonne stieg. Auf den Steinen hätte man Eier backen können. Dan und Jim beobachteten den Felswall, auf dem die Schatten mehr und mehr zerflossen. Das nackte Gestein gleißte und flimmerte.

Dan schaute wieder auf den Plan. „Es muss einen Durchlass geben.“

Als die Sonne im Zenit loderte, schien die gesamte Felsbarriere in Flammen getaucht – bis auf einen senkrechten Schattenstreifen schräg vor den Gefährten.

Jim richtete sich auf. „Mann, das ist gar kein Schatten, sondern die Passage!“

Schon saß er im Sattel und galoppierte auf die Stelle zu. Dort drehte er sich und winkte. Ein Lächeln umspielte Dans Mund. Er folgte ihm. Der Einschnitt verbreiterte sich zu einem Canyon, durch den sie auf ein steiniges, mit Dornbüschen und Kakteen bewachsenes Plateau gelangten. In der Ferne ragte ein gewaltiger Felsbuckel auf. Jims Augen funkelten.

Spanish Stone!“

 

*

 

Mit den Waffen in den Fäusten betraten sie die Höhle. Der Boden bestand aus grobkörnigem Sand. Die Überreste von Bill Ruskins Lager waren ringsum verstreut: Decken, Seile, Riemen, Pickel, Schaufeln, Siebe und leere Konservenbüchsen.

Die Hufabdrücke verrieten, dass der Prospektor auch sein Pferd in der Höhle untergebracht hatte. Auf einem Felssims lagen ein rostfleckiger spanischer Brustpanzer und ein abgebrochener Spanierdolch. Die darüber eingeritzten Buchstaben waren nicht mehr zu entziffern. Eine Jahreszahl stand dabei: 1668.

„Verdammt lang her“, knurrte Jim. Vergeblich hielten die Gefährten nach Gold Ausschau. Jim suchte sogar in der von Steinen umschlossenen Feuerstelle. Enttäuschung zeichnete ihre Mienen, als sie die Höhle verließen.

Der Spanish Stone ragte weithin sichtbar in den flammenden Himmel. Nur wenige Yards entfernt verlief die Kante des Colorado Canyon. Dumpf drang das Rauschen des Flusses herauf. Nichts rührte sich sonst.

Es war Dan, der die Pflöcke am Canyonrand entdeckte. Eine Strickleiter war daran befestigt.

Dan und Jim spähten in die Tiefe. Der Colorado floss zwischen senkrechten rötlichen Felsmauern. Einige entwurzelte Sträucher schwammen auf ihm.

Die Strickleiter endete auf einer Holzplattform in halber Höhe der Canyonwand. Es waren Planken aus jungen Zedernstämmen, die auf tief in Felsspalten gerammten horizontalen Pfählen ruhten.

„Die Mine!“, stieß Dan hervor.

Sie konnten den Eingang des Stollens zwar nicht sehen, aber der Pickel, der auf der Plattform lag, sagte genug. Es war ein waghalsiges Unterfangen gewesen, an einem Seil diese Plattform zu zimmern. Aus der Zeit der eigentlichen Entdecker hatten gewiss nur mehr morsche Überreste existiert.

Jim schüttelte ein ums andere Mal den Kopf. „Kein Mensch hat jemals was von Gold im Colorado Canyon gehört. Kannst du dir vorstellen, wie die Spanier es fanden? “

„Vielleicht wollten sie Wasser aus dem Canyon schöpfen, und einer ließ sich hinab. Dabei mag er die Goldader, wenn es sie gibt, entdeckt haben.“

Jim schwang sich auf die Strickleiter. So abgeschlafft er noch vor einer halben Stunde im Sattel saß, jetzt war ihm keine Müdigkeit mehr anzumerken. Wie eine Katze turnte er hinab. Die Plattform besaß kein Geländer. Aber sie war groß genug, dass mehrere Männer darauf Platz fanden.

Jim winkte. „Komm!“

„Besser, einer passt hier oben auf. Es könnten weitere Rothäute in der Nähe sein.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand, Amigo.“ Mit heiserem Lachen verschwand Jim in dem Felsstollen. Dan wartete mit schussbereitem Gewehr. Zehn Minuten verstrichen, eine Viertelstunde, dann straffte sich die Strickleiter wieder. Gleich darauf stieg Jim über die Felskante.

Sein Gesicht glühte. Die Augen glänzten fiebrig. „Ich würd’ es nicht glauben, wenn ich’s nicht selbst gesehen hätte!“

Er zog ein nussgroßes Goldstück aus der Jackentasche.

„Ruskin hat bereits ’nen ganzen Korb aus dem Fels herausgeschlagen. Pures Gold, Amigo! Mindestens ’ne Million!“

Lachend warf er das Nugget in den Fluss hinab, riss sich den Hut vom Kopf und hieb Dan auf die Schulter. „Amigo, wir müssen keine Mustangs mehr fangen! Wir haben’s geschafft!“

 

*

 

Die nächsten Tage arbeiteten sie abwechselnd in der Mine. Es war ungewöhnlich, aber die Bonanza bestand tatsächlich aus reinem Gold. Jeder Pickelhieb brachte Dollars.

Ruskin hatte die Ausbeute im Stollen aufbewahrt. Dan und Jim hievten das Gold in an einem Seil befestigten Korb hinauf. Zu Ruskins Hinterlassenschaft gehörten auch mehrere Ledersäcke, in die sie die Nuggets füllten.

Einer von ihnen wachte ständig. Aber kein Ute zeigte sich, und ein Weißer verirrte sich erst recht nicht in diese von der Sonne ausgeglühte Fels- und Dombuschwildnis. Nur Bussarde kreisten über dem Canyon. Nachts erklang Kojotengeheul.

Am vierten Tag besaßen sie bereits mehr Gold, als die Pferde zusätzlich zum Gewicht der Reiter tragen konnten.

„Morgen reiten wir nach Bluff Creek“, entschied Dan.

Ausschlaggebend war vor allem, dass sie nicht mehr genug Proviant und Pferdefutter hatten. Außerdem dachte Dan immer häufiger an Rosalee.

Jim hatte die zweite Nachthälfte gewacht, so dass Dan an diesem Vormittag in der Mine an der Reihe war. Er arbeitete mit nacktem Oberkörper. Der Stollen reichte acht Yards tief in den Fels. Wahrscheinlich hatte Ruskin mit etlichen Dynamitstangen nachgeholfen. Die Decke war mit Zedernbalken abgestützt. Der Schein einer Petroleumlampe flackerte auf dem schenkeldicken Goldband, aus dem Dan mit Spitzhacke und Meißel Brocken für Brocken herauslöste.

Seine Kehle wurde trocken dabei. Er trat auf die Plattform, damit Jim ihm die Wasserflasche am Seil herabließ. Der Fluss rauschte. Droben wieherten Pferde. Dan traute den Augen nicht: Die Strickleiter war fort.

Der dunkelhaarige Mann spürte einen Stich. Sein erster Gedanke war: die Utes. Doch die Geräusche auf der Felskante entfernten sich.

„Jim!“, schrie Dan.

Das Rauschen des Colorados klang lauter und bedrohlicher als sonst.

Dan vergaß den Durst. Er schob sich bis zum Rand der Plattform, wölbte die Hände trichterförmig vor den Mund rief mehrmals: „Jim!“

Er kehrte in den Stollen zurück und wartete. Die Lampe brannte. Glitzernde Goldklumpen lagen am Boden. Dan wollte nicht glauben, dass Jim wirklich mit dem Gold abgehauen war. Nach einer halben Stunde versuchte er es nochmals: „Jim!“, Aber nur ein Bussardschrei antwortete.

Die Strickleiter blieb verschwunden. Kein Mensch konnte an der steilen Canyonwand emporklettern.

Ein Würgen stieg Dan Brent in die Kehle. Er dachte an das Flackern in Jims Augen, als sie sich beim Frühstück zur Rückkehr nach Bluff Creek entschlossen hatten. Wie viele Meilen waren sie seit Kriegsende miteinander geritten? Sie hatten ihr letztes Brot und den letzten Tabak geteilt. In einer Rinderstampede hatte Dan dem Freund das Leben gerettet. Jim hatte ihn rausgehauen, als eine Bande Postkutschenräuber Dan in die Mangel nahm.

Er besaß keinen Colt, kein Gewehr, keine Lebensmittel. Wasser gab es hundert Fuß unter ihm. Im Stollen lag ein zusammengerolltes Seil. Vielleicht konnte er sich an ihm zum Fluss hinablassen. Er holte es. Da vernahm er Hufgetrappel.

Jim kommt zurück, dachte er. Was auch geschehen war, Jim ließ ihn nicht im Stich!

Rasch streifte er das Seil über Kopf und Schulter. Erwartungsvoll sah er empor. Aber es waren mehrere Pferde, die sich dem Spanish Stone näherten. Dans Herz pochte hart. Die Geräusche verstummten. Minuten vergingen. Dan überlegte, ob er wieder rufen sollte.

Eines stand fest: es war nicht Jim. Die hitzegesättigte Stille schien sich zu verdichten.

Dann lugte ein breitknochiges Indianergesicht über den Canyonrand.

 

*

 

Jim Morrison blieb gerade noch Zeit, die beiden Pferde hinter eine Felsecke zu treiben. Fünfzig Yards vor ihm tauchten die Indianer zwischen den Klippen auf, acht Krieger, einer hinter dem ändern. Ihre struppigen Mustangs gingen im Schritt. Es waren dieselben Burschen, die neulich hinter Dan und ihm hergewesen waren. Jim fragte sich, wie sie so schnell wieder zu den verscheuchten Mustangs gekommen waren.

Jim glitt aus dem Sattel und hielt den Braunen die Nüstern zu. Ein einziges Schnauben konnte sein Todesurteil besiegeln. Beide Gäule waren so schwer bepackt, dass Jim keine Chance blieb, wenn er um sein Leben reiten musste. Er hoffte, dass die Utes seine Spur nicht bemerkten. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Das Pochen der Hufe kam näher.

Der Felsschatten lag auf Jim. Die Indianer blickten geradeaus.

Jim kannte ihr Ziel: der Spanish Stone. Er dachte an Dan, und trotz der Hitze, die auch den Schatten durchdrang, überlief ihn ein Frösteln. Die Utes ritten so nahe vorbei, dass er die Raubtierkrallen an ihren Halsketten und die buntgefärbten Stachelschweinborsten an den Mokassins erkannte.

Unwillkürlich streckte er die Rechte nach der im Scabbard steckenden Winchester aus. Doch es waren zu viele. Höchstens gemeinsam besaßen Dan und er eine Chance.

Jim presste die Lippen zusammen. Zu spät! Er hatte sich entschieden – für das Gold, gegen Dan – für Rosalee!

 

*

 

Ein kehliger Ruf ertönte. Weitere Utes spähten über die Kante. Gewehrläufe, Pfeil und Lanzenspitzen funkelten.

Mit einem Satz war Dan im Stollen.. Wo er zuletzt stand, bohrte sich ein Pfeil in die Planken. Ein Gewehrschuss fetzte Splitter vom Rand der Plattform. Gutturale Stimmen schwirrten durcheinander. Nach einer Weile fiel die Strickleiter herab. Dan hob den Pickel auf, seine einzige Waffe.

Nach allem, was geschehen war, hatte es keinen Sinn, mit den Indianern zu verhandeln. Jim und er waren Eindringlinge in ihrem Land, genau wie Ruskin. Die Utes wussten aus bitterer Erfahrung, dass es nicht bei einem oder zwei Bleichgesichtern bleiben würde, wenn sie nichts unternahmen.

Doch das änderte nichts daran, dass Dan entschlossen war, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

Die Strickleiter knarrte.

Dann verdunkelte ein Schatten den Stolleneingang. Es war ein breitschultriger Krieger, über dessen Brust eine lange Säbelnarbe verlief. Er hielt einen schwerkalibrigen Sechsschüsser.

Dan hatte die Lampe gelöscht, so dass der Indianer ihn nicht sofort sah.

Er ließ die Spitzhacke fallen und sprang den Gegner an.

Er musste den Colt haben!

Mündungsfeuer blendete ihn. Der Knall drohte sein Trommelfell zu sprengen.

Dans Anprall warf den Ute auf die Plattform. Der Mann ließ die Waffe fallen und klammerte sich an ihn, so dass Dan auf ihn fiel.

Geschrei kam von oben. Statt des Sechsschüssers hielt der Krieger plötzlich ein Messer. Doch das Seil, das Dan um den Oberkörper geschlungen hatte, lenkte die Klinge ab.

Dans Linke umschloss das Handgelenk des Indianers. Mit der Rechten versuchte er, ihn an der Kehle zu packen. Sie drehten sich. Die Planken ächzten.

Über die Schulter des Gegners entdeckte Dan zwei weitere bronzehäutige Gestalten auf der Strickleiter. Verzweifelt stieß er dem Ute die Faust ins Gesicht. Sie rollten weiter.

Dan sah noch den Plattformrand, konnte den Schwung aber nicht mehr stoppen.

Der Indianer ließ ihn los. Nebeneinander stürzten sie in die Tiefe.

 

*

 

Der Aufprall raubte Dan für Sekunden die Besinnung. Die eisige Kälte des Wassers brachte ihn wieder zu sich. Dunkelheit umgab ihn. Er wurde wie von einer Riesenfaust gebeutelt.

Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er sich hoch. Seine Lungen drohten zu platzen. Plötzlich umflutete ihn gleißende Helligkeit. Er spuckte und würgte, versuchte sich an der Oberfläche zu halten, versank jedoch wieder.

Der Colorado war reißender, als es von oben aussah. Die Strömung wirbelte Dan wie ein Stück Treibholz mit. Seine Stiefel sogen sich voll. Das um den Oberkörper gewickelte Seil behinderte ihn. Aber vielleicht brauchte er es noch.

Er tauchte wieder auf. Dan war ein guter Schwimmer, doch der Colorado, zwischen himmelhohen Felsmauern eingezwängt, ließ ihm keine Chance.

Wellen klatschten auf ihn. Der Sog eines Strudels packte ihn. Im letzten Moment erwischte er ein vorbeitreibendes Baumskelett. Er klammerte sich fest. Der Stamm drehte sich einige Mal, dann gab der Sog ihn frei. Er schoss mit der Strömung davon.

Dan keuchte. Jetzt erst sah er, dass der Fluss ihn bereits zweihundert Yard fortgetragen hatte. Die Mine mit der Plattform war nur mehr ein faustgroßer Fleck an der Schluchtwand. Hundert Fuß darüber schwangen sich die Utes auf ihre Mustangs.

Dans Gegner waren verschwunden. Das Brausen der Wassermassen verschluckte alle Geräusche. Gleich darauf trieb der Baumstamm in die Flussbiegung – Dan mit ihm.

Die Canyonwände verengten sich. Senkrecht, in verschiedenen Rottönen schillernd, ragten sie aus dem gurgelnden Wasser. Die Wellen trugen Schaumkämme. Dans Arme schmerzten, seine Finger wurden klamm. Der Baum stieß gegen einen Felsvorsprung und drückte Dan unter Wasser. Seine Finger glitten ab. Er wollte hoch, hatte es fast geschafft, da traf ihn der Stoß.

Als er auftauchte, schwamm der Stamm zehn Yard vor ihm. Die Strömung spülte Dan an der Schluchtwand entlang. Nirgendwo gab es eine Nische oder einen Sims, wo er sich festkrallen konnte. Seine Lungen pumpten, seine Schwimmzüge wurden langsamer. Er konnte nur versuchen, sich über Wasser zu halten.

Die Erschöpfung kroch bleiern durch seine Glieder. Benommenheit umnebelte sein Gehirn. Er bewegte sich nur mehr unbewusst.

Ein anschwellendes Brausen füllte seine Ohren. War es der Fluss oder das eigene Blut?

Dan wehrte sich, als er spürte, dass seine Sinne zu schwinden begannen. Er dachte an Jim und das Gold. Und an Rosalee.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als er merkte, dass der Fluss nur mehr seine Beine umspülte. Er lag auf einem Kiesstreifen. Der Colorado hatte hier Gestrüpp und Äste angeschwemmt.

Ächzend setzte Dan sich auf.

Die Sonne brannte senkrecht herab.

Die Steilwände flimmerten. Kein Pfad, kein Einschnitt führte aus dem Canyon. Dan band, nachdem er sich halbwegs erholt hatte, mehrere schenkeldicke Stämme mit dem Seil zusammen. Ein primitives Floß entstand.

Er war noch nicht völlig fertig, als auf der gegenüberliegenden Felskante die Utes auftauchten.

Schüsse krachten. Fetzen von wütendem Geschrei übertönten das Rauschen des Flusses.

Verbissen knotete Dan das Seil fest. Zwei, drei weittragende Büffelgewehre sandten ihr Blei zum Rand der Kiesbank. Keuchend schob Dan das Floß ins Wasser und warf sich darauf. Sofort riss die Strömung ihn mit.

 

*

 

Am nächsten Morgen erwachte Dan Brent mit quälendem Hunger. Der Fluss lag noch im kühlen Schatten. Senkrechte Felswände glitten vorbei, Mauern eines Gefängnisses, aus dem es für den Mann auf dem Floß kein Entrinnen gab. Er stillte seinen Durst. Dann beobachtete er, wie die Schatten allmählich wegschmolzen und die Schluchtwände immer tiefer herab in roten, braunen und gelben Farben zu glühen begannen, bis auch der Fluss ein einziges Glitzern und Flimmern war.

Dan spürte die Sonnenstrahlen wie Feuerpfeile. Die Canyonränder blieben leer. Für die Yampa-Utes war der Weiße tief unten auf dem reißenden Fluss so gut wie tot.

Das Floß schaukelte gefährlich, wenn er sich bewegte. Er drehte sich auf den Bauch und spähte nach vorn.

„Jim, du verfluchter Verräter, wir sehen uns noch“, ächzte er. Dann entdeckte er an der rechten Schluchtseite eine Verfärbung des Wassers. Ein Einschnitt klaffte dort, aus dem sich ein Nebenfluss ergoss. Strauchbedeckte Hänge säumten ihn.

Dan tauchte die Hände ins Wasser und paddelte mit aller Kraft. Träge änderte das Floß die Richtung. Dans Zähne knirschten. Vor Anstrengung traten die Adern an seinem Hals hervor. Die Flussmündung rückte näher. Eine Stauwelle schäumte vor ihr.

Der Colorado River hielt das Floß wie mit unsichtbaren Krallen. Im Abstand von nur zehn Yards jagte es an den rettenden Hängen vorbei.

Dan fluchte, hämmerte die Fäuste auf die immer wieder überschwemmten Stämme und wartete auf die nächste Chance. Aber nur vereinzelte Kies- und Felsbänke säumten die Ufer. Dahinter stiegen die Canyonmauern unüberwindbar in den glutübergossenen Himmel von Utah. Dans Hunger nahm zu. Die Sonne drohte ihn zu rösten.

Die zweite Nacht seiner unfreiwilligen Flussreise verbrachte er auf einer Felsbank. Das Floß vertäute er an einer Klippe. Es war kalt. Trotz der Erschöpfung fand Dan kaum Schlaf.

Ein Meer von Sternen funkelte über dem Colorado Canyon. Dan kam sich wie der einzige Mensch in einer baum- und strauchlosen Urweltwildnis vor. Beim ersten Tageslicht ließ er sich auf dem Floß weitertreiben. Er hatte keine Wahl. Seine einzige Hoffnung war, dass die Steilwände endlich auseinanderwichen und ihm den Fluchtweg freigaben.

Drei Tage verstrichen, ohne dass Dan etwas anderes sah als den Fluss, die Felsen und den von der Sonne in eine messingfarbene Kuppel verwandelten Himmel. Das Tosen der Wassermassen hörte er schon nicht mehr. Seine Augen waren entzündet. Die verbrannte Haut schälte sich. Er hatte das Gefühl, dass in seinem Bauch ein riesiges Loch klaffte. In seinen Träumen spukten Jim Morrison, Rosalee Ruskin und die Ute-Indianer. Manchmal träumte er auch von festlich gedeckten Tafeln, und beim Aufwachen wühlte der Hunger doppelt heftig in seinen Eingeweiden.

Nach sechs Tagen auf dem Fluss spürte er keinen Hunger mehr, nur eine Schwäche, die schon das Wasserschöpfen zur Anstrengung machte. Seine Wangen waren eingesunken, die Rippen stachen hervor. Brandblasen bedeckten die Schultern. Seine Stiefel waren völlig durchweicht. Mehrmals war das Floß nahe an der Mündung eines Creeks vorbeigetrieben, aber Dan Brent besaß nicht mehr die Kraft, gegen die Strömung anzukämpfen. Gelegentlich zeigte sich jedoch ein Funkeln in seinen Augen, und seine Lippen formten ein heiseres: „Jim, du bist mich noch nicht los!“

Irgendwann drang ein dumpfes Donnern in sein Bewusstsein. Dan regte sich, hob den Kopf. Seine rotgeränderten Augen blinzelten. Das Floß jagte in der Flussmitte dahin, schneller, immer schneller. Hundert Yard voraus wölbte sich ein Regenbogen über dem Colorado.

Da verflog Dans Benommenheit. Er klammerte sich an das Seil, das die Stämme zusammenhielt.

Gleich darauf war er in den Stromschnellen. Gischt umsprühte ihn. Brüllend stürzte der Colorado ein mehrere Yards tiefes Felsgefälle hinab. Klippen ragten aus den kochenden Fluten. Das Floß tauchte unter, wurde wieder hochgeschleudert und sauste durch eine mit brodelndem Schaum gefüllte Rinne.

Dan presste sich auf die Planken, seine Fäuste umkrampften das Seil. Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war.

Plötzlich krachte es. Das Floß rammte einen Felsen, das Seil riss. Trümmer wirbelten in der Gischt. Dan spürte einen Schlag an der Schulter. Er sank.

Instinktiv krallte er sich am Seil fest.

 

*

 

Bratengeruch stieg ihm in die Nase.

Dan öffnete die Augen und schnupperte. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Sein Magen knurrte.

Es war keine Halluzination. Eine hüfthohe Felskante ragte über ihm auf. Der Kiesstreifen davor war einen halben Yard breit. Dan hielt noch immer das Seil, das die Überreste seines Floßes umspannte, zwei Zedernstämme. Sie boten kaum genug Platz zum Liegen.

Dan hörte Stimmen. Vorsichtig spähte er über die Kante. Er schluckte unwillkürlich, als er das Feuer mit der darüber brutzelnden Antilopenkeule sah.

Zwei Indianer, Utes, saßen daran, einer mit einem Gewehr bewaffnet. Neben dem anderen lagen Köcher und Bogen. Das Feuer brannte zwischen Kreosot- und Catclawsträuchern. Ringsum wuchs frisches Gras. Ein buschbedeckter Hang schwang zur Canyonwand, in der ein Einschnitt klaffte.

Erregung befiel Dan. Er begann, zu zittern. Sein Blick kehrte zum Feuer zurück.

Der Indianer, der ihm halb den Rücken zudrehte, schnitt ein Bratenstück ab und kaute genüsslich. Der Gefährte mit dem Gewehr stand auf und trat zu den in der Nähe angepflockten Pferden.

Dan hob einen faustgroßen Stein, schwang sich auf die Felsstufe und rollte sich hinter einen Kreosotbusch. Seine Augen brannten. Er musste alle Willenskraft aufbieten, nicht einfach auf das Feuer loszustürzen. Er kroch zum nächsten Busch, dann wieder zum nächsten.

Der Bratenduft war verlockender als alles Gold. Die Mustangs schnaubten.

Ein Zweig knackte seitlich von Dan. Sein hochzuckender Blick traf das halb überraschte, halb triumphierende Gesicht des Gewehrbesitzers.

Der Indianer verharrte breitbeinig. Die Mündung seines Karabiners bedrohte den auf dem Bauch liegenden, nur mit Hose und Stiefeln bekleideten Weißen.

Dans Rechte sauste hoch. Der Felsbrocken traf den Ute-Krieger an der Stirn. Sein Schuss traf einen Zweig.

Dan wusste selbst nicht, wie er so schnell auf die Füße kam. Bevor der Indianer wieder abdrücken konnte, rammte Dan ihm das Knie in den Leib und entriss ihm das Gewehr.

Erschrocken fuhr der Indianer am Feuer hoch. Dan stürmte auf ihn zu. Die zuckende Messerklinge verfehlte ihn.

Dans Hieb mit dem Gewehrkolben schleuderte den Ute ins Gras. Die Pferde wieherten.

Dan packte den Holzspieß mit der Antilopenkeule. Er wollte zu den Mustangs. Da fauchte ein Pfeil an seinem verschwitzten, bärtigen Gesicht vorbei. Er fluchte, als er die Reiter in dem Felseinschnitt sah. Ein Gewehr krachte.

Dan ließ den Karabiner fallen. Der Antilopenbraten war wichtiger. Er stolperte zum Ufer, rutschte über die Felskante und schob die beiden vom Seil umwickelten Baumstämme ins Wasser. Hufschlag prasselte heran. Ein Pfeil bohrte sich in die Planken. Keuchend klammerte Dan sich fest.

 

*

 

Dans nächstes Erwachen war von einem Durcheinander rauer Stimmen begleitet. Blauer Himmel gleißte über ihm. Der Fluss rauschte. Dan lag auf trockenem Sand.

„Verdammt, er sieht aus, als hätte die Hölle ihn ausgespuckt!“, verstand er.

Ein bärtiges Gesicht neigte sich über ihn. „Mister, woher kommen Sie?“

Mühsam hob Dan den Kopf. Er sah, dass die Mauern des Grand Canyon weit zurücktraten. Die Hütten einer kleinen Siedlung standen nahe am Ufer. Kaminrauch stieg in die flimmernde Luft. Ein breiter Wagenweg führte in einen Seitencanyon.

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937343
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520782
Schlagworte
gier gold

Autor

Zurück

Titel: Die verfluchte Gier nach Gold