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Katharina Ledermacher: Ölkrieg in Kolumbien

©2020 82 Seiten

Zusammenfassung


Auf das Camp der Rodewyk Oil Group werden mehrere Anschläge verübt. Die zuständige Versicherungsgesellschaft beauftragt Katharina Ledermacher mit den Nachforschungen. Sie soll klären, wer dafür verantwortlich ist, und welches Motiv dahintersteckt. Schon bald muss die Privatdetektivin erkennen, dass sie es mit skrupellosen Gegnern zu tun hat, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Leseprobe

Table of Contents

Katharina Ledermacher: Ölkrieg in Kolumbien

Copyright

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Katharina Ledermacher: Ölkrieg in Kolumbien

von Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

 

Auf das Camp der Rodewyk Oil Group werden mehrere Anschläge verübt. Die zuständige Versicherungsgesellschaft beauftragt Katharina Ledermacher mit den Nachforschungen. Sie soll klären, wer dafür verantwortlich ist, und welches Motiv dahintersteckt. Schon bald muss die Privatdetektivin erkennen, dass sie es mit skrupellosen Gegnern zu tun hat, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Antonio Cordero lenkte seinen Traktor mit dem breiten Doppelflug auf den letzten Streifen seines Ackers, den er noch umzupflügen hatte. Die Strahlen der untergehenden Sonne blendeten ihn. Gedankenverloren blickte er auf die Spitzen der hohen Bohrtürme, die in der Ferne aufragten. Cordero ärgerte sich jedes Mal, wenn er die Bohrtürme sah. Er musste immer daran denken, dass auf seinem Land kein Öl gefunden wurde, wohingegen sein Nachbar, der alte Eduard Brunnert, sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, als die Leute von der Ölfirma bei ihm auftauchten, erfolgreich Probebohrungen durchführten und die Regierung das Land kurzerhand enteignen ließ, um die Bodenschätze ausbeuten zu können.

Selbst die hohe Abfindung hatte den alten Brunnert nicht beruhigen können. Er war ein Viehzüchter, der auf seinem Land nichts anderes duldete als Rinder. Cordero bezeichnete ihn als alten Idioten. Am liebsten hätte er mit ihm getauscht, doch Brunnert war ein starrköpfiger Mann, der nichts von Ölbohrungen hielt und seine Rinder als das einzig Wichtige auf dieser Erde betrachtete.

Cordero hatte das Ende seines Ackers erreicht, als er plötzlich hart auf die Bremse trat und den Traktor dicht an die Uferböschung des Rio Arauca zum Stehen brachte. Der Bauer reckte seinen Kopf in die Höhe und blickte unter seinen buschigen Augenbrauen in die braunen Fluten des Flusses. Dann sprang er von seinem Sitz und kletterte die Böschung zum Ufer hinunter. Vor einem Eisenfass, das noch halb im Wasser lag, blieb er stehen und überlegte, wie er es wohl anstellen sollte, den Behälter die Böschung hinaufzuwuchten.

Er stieß mit der Stiefelspitze gegen die Wandungen des Fasses. Es klang dumpf. Gleichzeitig ertönte ein gluckerndes Geräusch. Cordero watete durch das Wasser, um das Fass ans Ufer zu rollen, aber nach wenigen Minuten gab er den Versuch wieder auf. Der Behälter war verdammt schwer. Außerdem roch er nach Öl. Mit weißer Farbe waren die Anfangsbuchstaben der Petróleos de Colombia darauf gemalt, die ihre Türme auf der anderen Seite des Flusses, etwa zwanzig Kilometer oberhalb des Rio Arauca errichtet hatte.

Cordero interessierte sich nicht besonders dafür, von welcher Firma das Fass stammte. Für ihn war nur wichtig, dass es mit Öl gefüllt war. So etwas konnte er immer gebrauchen. Der Bauer stapfte die Böschung hoch und kuppelte den Pflug von seinem Traktor ab. Dann nahm er die lange Eisenkette aus dem Werkzeugkasten und befestigte sie an der Anhängerkupplung. Cordero fuhr den Traktor bis dicht an die Böschung und lief mit dem einen Ende der Kette hinunter zur Tonne.

Zehn Minuten später hatte er seine Beute an Land gebracht. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Er schätzte den Gesamtwert auf runde achtzig Kolumbianische Peso. Es kostete ihn eine Menge Anstrengung, das Fass in seinen Schuppen zu transportieren. Er legte es auf die Seite, sodass die handtellergroße Öffnung oben lag. Er löste den Verschluss und roch daran. Es war gutes kolumbianisches Erdöl. Cordero holte eine Handpumpe aus einer Ecke. Als er das Ansaugrohr in die Öffnung schob, stieß er auf Widerstand.

„Verdammt!“, knurrte er leise vor sich hin. „Da ist ja Sand drin!“

Er zog die Pumpe heraus und stieß noch einmal zu. Aber tiefer als zwanzig Zentimeter ging das Rohr nicht. Cordero warf die Pumpe wütend auf den Boden und starrte in das Loch. Aber er sah nur die grünlich schimmernde Flüssigkeit. Er überlegte, ob er noch vor dem Abendessen der Sache auf den Grund gehen sollte. Schließlich siegte seine Neugier. Er verschloss die kleine Öffnung wieder und richtete das Fass auf.

Mit Hammer und Meißel bearbeitete er dann den oberen Deckel, der in die Rundungen des Behälters eingelassen war. Dumpf dröhnten die Hammerschläge von den Wänden des Schuppens wider. Der Deckel saß ziemlich fest, aber nach einigen vergeblichen Anstrengungen konnte der Bauer ihn doch herausheben. Er lehnte ihn gegen die Wand und tauchte seinen Finger in die Flüssigkeit. Der penetrante Geruch des Öls stieg Cordero in die Nase.

Aber das störte ihn nicht. Was ihn irritierte, war, dass er knapp unter der Oberfläche auf Widerstand stieß. Nun war er erst recht neugierig geworden. Er holte einen Eimer und eine Schöpfkelle. Dann machte er sich daran, die dunkle Brühe in den Eimer zu füllen. Im Schuppen war es ziemlich dunkel. Deshalb konnte Cordero nicht sofort erkennen, um was für eine Masse es sich handelte, die er da freigelegt hatte.

Seine Ausbeute betrug vielleicht zehn Liter Öl. Das Fass mitgerechnet, mochte sein Fund etwa zwanzig Kolumbianische Peso wert sein. Ziemlich mager, dachte er und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Dann griff er nach dem dunklen Fleck, der matt glänzte. Er bekam etwas Weiches zu fassen und zog es hoch. Cordero musste zwei Mal hinsehen, bevor er begriff, was er da in seinen Händen hielt. Fassungslos starrte er darauf. Er stieß einen entsetzten Schrei aus, und rannte nach draußen. Sein Gesicht war bleich.

Cordero stürzte ins Haus. Im Flur befand sich der Telefonapparat. Er wählte die Nummer der Polizeistation in Arauca. Es dauerte fast eine Minute, bis am anderen Ende angenommen wurde. Er brauchte fast fünf Minuten, um den Beamten davon zu überzeugen, dass er eine Leiche gefunden hatte.

„Rühren Sie nichts an“, sagte der Polizist. „Wir kommen sofort.“

Cordero legte den Hörer auf den Apparat und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann holte er sein altes Jagdgewehr vom Kleiderschrank, lud es nach und stellte es neben sein Bett. Er war allein im Haus und hatte zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Angst.

 

 

2

„Seit zwei Wochen ist hier die Hölle los“, sagte der Mann mit dem flachen Schutzhelm. „Es vergeht fast kein Tag, ohne dass wir auf eine kleine Bombe mit einem primitiven, selbst gebastelten Zeitzünder stoßen. Bis jetzt haben wir Glück gehabt, und nur eines der Teufelsdinger riss ein Loch in einen leeren Öltank.“

Privatdetektivin Katharina Ledermacher saß dem Mann gegenüber auf einem Stuhl und hörte interessiert zu. Joachim Hunke, der Chefingenieur der Rodewyk Oil Group blickte sie erwartungsvoll an.

„Ist das der einzige Grund, weshalb Ihre Versicherung mich beauftragt hat, hier einige Untersuchungen anzustellen?“

„Nein, auf die Idee, Sie einzuschalten, kam man erst, als vor vier Tagen unser bester Mann, Arnold Kaletzki, spurlos verschwand. Er hatte einen besonderen Riecher für ergiebige Stellen. Vorgestern tauchte er wieder auf. Man hatte ihn in ein Ölfass der Petróleos de Colombia gesteckt.“

„Wo hat man ihn gefunden?“

„Am Ufer des Rio Arauca.“

„Woran ist er gestorben?“

„An einer Kugel aus einer Pistole, Kaliber 9-mm“, entgegnete Hunke langsam. „Sie saß genau zwischen seinen Schulterblättern.“

„Wurde die Polizei eingeschaltet?“

„Selbstverständlich.“

„Und?“

Hunke machte eine abweisende Handbewegung. „Die Polizei in diesem Land ist korrupt. Von denen können wir keine Hilfe erwarten, außer, wenn wir dafür bezahlen.“

„Nun ja“, erwiderte Katharina. „Ich fürchte, ich werde Ihnen auch keine große Hilfe sein. Ich beherrsche weder die Landessprache, noch kenne ich mich hier in Kolumbien aus. Weshalb hat die Versicherung keinen örtlichen Privatdetektiv beauftragt?“

„Weil man von denen ebenfalls keine große Hilfe erwarten kann. Sie nehmen zwar das Geld, sind ansonsten aber unfähig.“

Katharina erhob sich und trat an das Fenster des Büros. Vor ihr ragten die Bohrtürme und die weit auseinander stehenden Tanks auf. Das Geräusch der schweren Dieselmotoren, die Tag und Nacht liefen, drang in den Raum.

„Haben Sie einen Anhaltspunkt, wer hinter dem Mord und den Anschlägen stecken könnte?“, fragte Katharina, während sie sich wieder umdrehte und den Ingenieur anblickte.

Hunke zuckte mit den Schultern. „Keinen bestimmten“, antwortete er. „Wir haben es schon oft erlebt, dass irgendein unzufriedener Arbeiter Mist verzapfte, oder dass ein Konkurrenzunternehmen uns schaden will, aber das war immer ziemlich harmlos.“

„Welche Konkurrenz käme da infrage?“

„Höchstens die Petróleos de Colombia“, sagte Hunke. „Sie bohren etwa zwanzig Kilometer östlich von hier. Aber ich halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass sie ihre Finger im Spiel haben.“

„Wie kommen Sie darauf?“

Er zögerte einen Moment. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie deswegen jemanden umbringen würden.“

„Und was ist mit Ihren eigenen Leuten?“

„Ich lege für jeden meiner Männer die Hand ins Feuer. Kaletzki hatte keine Feinde.“

„Ein Freund wird ihn kaum in das Fass gesteckt haben“, meinte Katharina.

„Das glaube ich auch nicht.“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „So eine verdammte Scheiße aber auch. Als ob wir hier nicht schon genug Schwierigkeiten hätten.“

„Was für Schwierigkeiten?“

„Ach, es geht um die einheimischen Arbeitskräfte. Sie fürchten sich vor einer dummen Legende und halten den Mord an Kaletzki für ein böses Omen.“

„Eine Legende?“, fragte Katharina.

„Ja, angeblich lebte hier in diesem Gebiet vor unendlich langer Zeit ein Amazonen-Volk. Männer, die hierher kamen, wurden gnadenlos gejagt. Ihre Leichen säumten die Grenzen des Landes. Die Frauen lebten in vollkommener Harmonie mit der Natur. Selbst die wildesten Raubtiere des Dschungels und des Flusses respektierten sie. Doch eines Nachts brach Unheil in Gestalt einer Horde Zentauren über sie herein. Die Amazonen wurden im Schlaf überrascht. Sie kamen nicht mehr dazu, die Waffen zu ergreifen. Alles wurde dem Erboden gleichgemacht. Die wenigen, die den Blitzen der Zentauren entkamen, sprangen in den Fluss. Aber durch ihre Niederlage hatten die Frauen auch die Kontrolle über die wilden Tiere verloren. Krokodile und Killerfische vollendeten das grausige Werk. Nach ihrem Sieg nahmen die Zentauren das Gebiet in Besitz und ließen sich dort für alle Zeiten nieder.“

„Eine spannende Geschichte“, sagte Katharina. „Aber eben nur eine Geschichte.“

„Trotzdem haben die einheimischen Arbeiter Angst.“

„Sagen Sie bloß nicht, wegen der Zentauren?“

„Sie sind davon überzeugt, dass alles, was hier geschieht, seinen Ursprung in dieser Geschichte hat.“

„Aber Zentauren sind Fabelwesen. Sie existieren nicht.“

„Den Einheimischen zufolge sind sie vor vielen hundert Jahren gestorben. Aber sie leben als Geister weiter und bekämpfen jeden, der in ihr Gebiet eindringt.“

„Das ist doch Unsinn“, meinte Katharina. „Oder glauben Sie an Geister?“

„Natürlich nicht. Alles, was hier passiert, hat einen realen Ursprung. Aber es ist nicht leicht, das den Arbeitern begreiflich zu machen. Und die Versicherungsgesellschaft ist offenbar auch mit ihrer Geduld am Ende, sonst hätte man Sie nicht hinzugezogen.“

„Na ja, man will wohl verhindern, dass noch schlimmere Sachen passieren.“

„Was kann es Schlimmeres geben als einen Mord?“, fragte Hunke.

„Ich werde mich erst einmal bei der Petróleos de Colombia umhören“, entschied Katharina. „Vielleicht wissen die etwas.“

„Gut, kommen Sie“, sagte Hunke, während er sich erhob und die Tür öffnete. „Ich bringe Sie hin.“

Er führte Katharina zu einem offenen Jeep, der neben den Baracken stand.

„Ist zwar schon ziemlich alt, aber zuverlässig“, meinte er. „Man kann mit ihm durchs Gelände zuckeln und dabei die Gegend im Auge behalten.“

Katharina kletterte auf den Beifahrersitz. Hunke hockte sich hinter das Steuer und startete den Motor. Langsam setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.

„Wie viele Männer arbeiten hier im Camp?“, fragte Katharina.

„Einhundertzweiunddreißig.“

„Und wie viele Kolumbianer?“

„Sechsundvierzig. Die anderen Arbeiter stammen alle aus Deutschland.“

„Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“, wollte die Detektivin wissen.

„Unsere Leute sind besser ausgebildet. In dieser Branche ist kein Platz für Amateure. Hier muss jeder Handgriff sitzen. Schon der kleinste Fehler kann zu einer Katastrophe führen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Kolumbianer sind keine schlechten Arbeiter, aber sie haben eben nicht die nötige Erfahrung, die für diesen Job notwendig ist. Deshalb können wir sie auch nur für Hilfsdienste einsetzen.“

Plötzlich krachte hinter ihnen ein Schuss. Im selben Augenblick durchschlug eine Kugel die Windschutzscheibe. Hunke trat auf die Bremse. Der Wagen ging hinten hoch und sank dann ächzend zusammen. Der Motor war abgewürgt. Nur das leise Zischen des Kühlers unterbrach die Stille, die gleich darauf von einem zweiten Schuss unterbrochen wurde. Die Kugel sirrte an der Karosserie entlang und streifte den rechten Kotflügel.

Katharina und Hunke waren zur gleichen Zeit in Deckung gegangen. Hunke öffnete die Wagentür. Vorsichtig ließ er sich zu Boden fallen und kroch vor das Fahrzeug. Katharina folgte ihm. Sie blickten unter dem Jeep hindurch zu den Bäumen und Büschen, zweihundert Meter vor ihnen, aber sie konnten niemanden entdecken.

„Wenn ich den Kerl erwische“, flüsterte Hunke, „werde ich ihm eigenhändig …“

Zwischen den Baumstämmen blitzte es kurz auf. Ein peitschender Knall ertönte – und dann noch einer. Aber diesmal handelte es sich nicht um einen Schuss. Der rechte Hinterreifen war geplatzt. Hunke wurde wütend. Er wollte aufspringen. Katharina hatte Mühe, ihn zurückzuhalten.

„Sie sind wohl lebensmüde“, rief sie.

Der Ingenieur konnte sich nur schwer beruhigen. Seine grauen Augen starrten wütend zu den Bäumen hinüber.

„Der Dreckskerl ruiniert mir meinen Wagen!“, jammerte er.

„Besser die Kiste als ihren Schädel“, meinte die Detektivin gelassen und versuchte, den Schützen ausfindig zu machen. Auf der anderen Seite rührte sich nichts mehr.

„Wer kann das nur gewesen sein?“, überlegte Hunke laut.

„Vermutlich will jemand verhindern, dass wir zur Petróleos de Colombia hinüberfahren“, sagte Katharina und richtete sich vorsichtig auf. Langsam schob sie den Kopf über den dampfenden Kühler, kniff die Augen zusammen und blickte zu den Büschen. Der Schütze schien verschwunden zu sein.

„Haben Sie ein Reserverad?“, fragte sie.

„Ja.“

„Wechseln Sie den Reifen. Ich sehe mich drüben mal um.“

Katharina wollte losmarschieren, aber Hunke hielt sie zurück. „Wollen Sie sich aus dem Hinterhalt abknallen lassen? Ich werde gehen. Ich kenne mich hier besser aus.“

Katharina nickte und ging hinter Hunke her. Nach wenigen Metern erreichten sie einen schmalen Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte. In der Ferne ertönte das Brummen eines Motors, das schnell leiser wurde. Hunke entdeckte die Stelle, wo der Schütze gelegen hatte.

„Der Kerl hat seine Patronenhülsen mitgenommen“, sagte er. „Aber ich habe einen Fußabdruck. Vermutlich Schuhgröße vierundvierzig.“

Katharina kniete an der Stelle, wo der Unbekannte seinen Wagen geparkt hatte. Hunke kam auf sie zu und blieb grinsend neben ihr stehen.

„Was suchen Sie denn noch?“, wollte er wissen.

„Der Wagen hat Geländereifen, Marke Goodyear“, antwortete die Detektivin, ohne aufzublicken. „Reifengröße 15 x 6.40.“

Hunke spuckte wütend aus und machte sich auf den Rückweg. Fluchend bockte er seinen Jeep hoch und wechselte das Rad. Inzwischen war es jedoch so spät geworden, dass sie ihren Besuch bei der Petróleos de Colombia auf den nächsten Morgen verschieben mussten. Kurz vor Sonnenuntergang tauchten die Bohrtürme der Rodewyk Oil Group wieder vor ihnen auf. Der Lärm der Pumpen, das krachende Mahlen der Bohrer und das klirrende Hämmern auf Stahl drangen weit über das Land.

In der Ingenieursbaracke setzten sie sich mit einigen Arbeitern zusammen. Der Mord an Arnold Kaletzki war das Hauptthema. Katharina spürte, dass diese hart arbeitenden Männer eine begreifliche Unruhe erfasst hatte. Sie diskutierten verschiedene Möglichkeiten und Strategien über das weitere Vorgehen, ohne jedoch zu einem brauchbaren Entschluss zu kommen.

Nach einer Stunde verließ Katharina die Baracke. Ihr Blick schweifte über das Gelände. An sämtlichen Bohrtürmen wurde gearbeitet. Tag und Nacht trieben die Männer den harten Stahl immer tiefer, bis eine neue Quelle erschlossen war. Die Pumpen stampften in monotonem Rhythmus. Motoren brummten, Stimmen und Rufe schwirrten durch die Nacht. Scheinwerfer, die an die Spitzen der Türme montiert waren, warfen ihr grelles Licht auf die Welt aus Stahl und Eisen. Das Camp besaß eine eigene Stromversorgung, die aus einem mächtigen Diesel-Aggregat gespeist wurde.

Nachdenklich schlenderte Katharina durch die Barackenstadt. Einhundertzweiunddreißig Menschen lebten hier, und es war nicht auszudenken, was passieren würde, wenn einer der Türme durch irgendeinen Umstand explodierte. Katharina geriet in den Schatten eines Schuppens, als sie plötzlich über einen Gegenstand stolperte und nach vorn taumelte. Zuerst glaubte sie, über einen Stein gestolpert zu sein, doch als sie sich wieder aufrichtete, stellte sie fest, dass es sich um einen Fuß handelte.

Aber da war es bereits zu spät. Eine dunkle Gestalt stürzte aus dem Schatten und warf sich auf sie. Katharina sah einen schweren Schraubenschlüssel in der Hand des Gegners aufblitzen und konnte dem Schlag gerade noch rechtzeitig ausweichen. Wieder kam der Arm mit dem Werkzeug hoch. Katharina bekam ihn zu fassen und versuchte ihn, nach hinten zu drücken, aber der Mann war sehr kräftig. Ihre Faust schoss vor und prallte gegen den Bauch des anderen. Der Mann war wenig beeindruckt.

Als Nächstes verpasste sie ihm einen Tritt gegen das Schienbein, aber auch diesmal hatte sie wenig Erfolg. Erneut kam die Faust mit dem Schraubenschlüssel auf sie zu. Sofort wich sie zur Seite. Doch sie war nicht schnell genug. Der Schlag fuhr an ihrer rechten Gesichtshälfte vorbei und traf ihre Schulter. Einen Schrei ausstoßend stürzte sie nach hinten. Sie hörte noch, wie der Gegner davonlief, dann umgab sie für einige Minuten tiefe Stille.

Stöhnend richtete sie sich wieder auf und betastete ihre rechte Gesichtshälfte. Bis auf eine blutige Schramme war alles heil geblieben. Nur oberhalb der Schläfe hatte die Begegnung mit dem Unbekannten eine Beule hinterlassen. Außerdem schmerzte ihre Schulter. Katharina holte tief Luft und rappelte sich hoch. Aus der Jackentasche zog sie eine kleine Stablampe. Der helle Strahl fuhr suchend über den Boden. Als er an einem Schuhabdruck haften blieb, stieß sie einen leisen Pfiff aus. Es war der gleiche Abdruck, den Hunke entdeckt hatte.

Aber noch etwas anderes fiel Katharina auf. Keine zehn Zentimeter neben der Spur lag ein kleiner Gegenstand, der matt aufblitzte. Sie griff danach und hob eine kleine Messingkette mit einem Schlüsselanhänger hoch. Es war eine kleine Plakette, wie sie von vielen Firmen als Werbegeschenk verteilt wurde. Und sie trug eine Aufschrift, die Katharina immerhin bemerkenswert erschien. Es waren nur drei Worte, aber die Detektivin hatte jetzt den Eindruck, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten gelohnt hatte. „Petróleos de Colombia“ war in den Anhänger eingraviert.

Der Bursche scheint demnach von der anderen Firma zu sein, dachte Katharina, als sie den Anhänger in die Tasche steckte. Sie wollte zurückgehen, um Hunke zu informieren, dass seine Leute in dieser Nacht besonders wachsam sein sollten, als sie plötzlich stehenblieb. Etwa zweihundert Meter vor ihr schoss eine gelb-rote Stichflamme in den dunklen Himmel. Im gleichen Augenblick erloschen die Scheinwerfer und die Lichter in den Baracken.

Erst dann hörte Katharina das laute Krachen der Explosion. Metallteile wirbelten durch die Luft, flogen gegen die Stahlträger der Bohrtürme und landeten klirrend auf den Dächern der Öltanks. Menschen schrien, Schritte hasteten durch die Dunkelheit. Taschenlampen blitzen auf.

„Das Aggregat ist explodiert!“, brüllte ein Mann.

Kurz darauf durchbrachen die Scheinwerfer des Löschwagens die Dunkelheit und suchten sich ihren Weg zur Unglücksstelle. Katharina lief hinter dem Fahrzeug her. Die Flammen waren in sich zusammengesunken und leckten nur noch an den Stellen, an denen der Dieseltreibstoff ausgelaufen war. Die Löschmannschaften hatten nicht mehr viel zu tun. Wenige Minuten später leuchteten die Scheinwerfer wieder auf. Die Techniker hatten ein Notstrom-Aggregat in Betrieb genommen.

Hunke kam auf Katharina zugelaufen. Er wollte an der Detektivin vorbei, doch sie hielt ihn am Ärmel fest.

„Wohin wollen Sie?“

„Blöde Frage!“, erwiderte der Ingenieur. „Ich will mir diesen Dreckskerl schnappen.“

„Sie können sich die Arbeit sparen. Ich habe ihn schon gefunden. Es ist der gleiche Bursche, der Ihnen das Hinterrad zerschossen hat.“

„Was? Und das sagen Sie erst jetzt?“

Er riss sich von Katharina los und wollte davonlaufen.

„Denken Sie an die Reifenspur“, gab Katharina zu bedenken. „Kolumbien ist ein weites Land. Es kann Jahre dauern, bis …“

Der Rest ging in Hunkes Flüchen unter, der sich wütend umdrehte und auf die Baracken zumarschierte.

 

 

3

Am nächsten Morgen brachen Joachim Hunke und Katharina Ledermacher schon sehr früh auf, um die Petróleos de Colombia zu besuchen. Die Straße führte in südöstlicher Richtung gerade durch üppige Wiesen. Zu beiden Seiten grasten Rinderherden, die von einigen Männern bewacht wurden.

„Das gehört alles schon dem alten Brunnert“, erklärte Hunke. „Ein komischer Kauz. Sie müssen ihn unbedingt kennenlernen.“

„Später vielleicht.“

Hunke nickte.

Nach einer Stunde tauchten die Türme und Öltanks der Petróleos de Colombia in der Ferne auf. Die Straße führte direkt in die Barackenstadt hinein und endete dort. Vor einem Gebäude mit der Aufschrift „Oficina del ingeniero“ hielt Hunke an. Ein Mann mit ölverschmiertem Overall kam aus der Tür und starrte den Ankömmlingen neugierig entgegen. Als er Hunke erkannte, ging ein flüchtiges Lächeln über sein unrasiertes Gesicht.

„Hallo.“

Hunke grüßte zurück, stieg aus und ging auf den Mann zu.

„Das ist Pasquale Moravec, der Boss des Vereins hier“, stellte Hunke der Detektivin den Mann vor.

Katharina stieg ebenfalls aus und gab ihm die Hand. „Wir suchen nach einem Verbrecher“, sagte sie.

Details

Seiten
82
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937312
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
katharina ledermacher ölkrieg kolumbien

Autor

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Titel: Katharina Ledermacher: Ölkrieg in Kolumbien