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Schwarzes Geld und rotes Blut

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schwarzes Geld und rotes Blut

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21

22.

23.

24.

25.

Folgende Steve McCoy Bände sind bereits erschienen, oder befinden sich in Vorbereitung:

Schwarzes Geld und rotes Blut

 

 

von Hans-Jürgen Raben

 

 

Mafia-Thriller mit dem Geheimagenten Steve McCoy

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Seit Dienstag vogelfrei

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Vier Ganoven landen den großen Treffer; sie überfallen mit einem genauestens ausgetüftelten Plan einen Geldtransporter und erbeuten mehrere Millionen Dollar, viel mehr als ursprünglich erwartet. Wenn sie geahnt hätten, mit wem sie sich dadurch anlegen, hätten sie wahrscheinlich die Finger von diesem Coup gelassen: Innerhalb weniger Augenblicke haben sie sich eine der größten und gefährlichsten Organisationen, für die ein Menschenleben keinen Wert hat, zum tödlichen Feind gemacht.

Bei den Ermittlungen zum Fall gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass die erbeuteten Millionen aus illegalen Quellen stammen, und Steve McCoy bekommt den Auftrag, den Ursprung des Geldes sowie dessen Verbleib herauszufinden, um dem organisierten Verbrechen zu einer nächsten Niederlage zu verhelfen. Und es dauert nicht lange, da gerät auch McCoy ins tödliche Kreuzfeuer…

 

 

***

 

 

1.

 

In der Nähe von Albany, Bundesstaat New York, April 1984

 

„Dort unten kommt er!“

Sam Heskett starrte durch sein schweres Fernglas nach unten, wo die Straße aus der Schlucht hervorkam und sich dann in langen Serpentinen den Berg hinaufwand. Sam regulierte die Feineinstellung des Glases und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Wagendach ab. „Kein Zweifel“, knurrte er. „Das ist der Transporter.“

Larry Turner grinste und lud mit einem trockenen Knacken die kurzläufige Winchester durch.

Charles Weaver stand einige Yard entfernt und drehte sich um, als er das Geräusch hörte. Er winkte ab. „Es dauert noch mindestens zehn Minuten, bis der Wagen hier oben ist. Wir haben noch Zeit.“

„Ich bin gern auf alles vorbereitet“, antwortete Turner, ohne mit seinem Grinsen aufzuhören. Die beiden Männer sahen sich in die Augen, bis Weaver den Kopf wieder zurückdrehte und seine Aufmerksamkeit voll auf den gepanzerten Wagen konzentrierte, der langsam die Steigung emporkroch.

Jeff Mills steckte den Kopf aus dem Wagenfenster der schwarzen Ford-Limousine. „Ist es so weit?“, fragte er aufgeregt.

„Bleib, wo du bist, und pass auf, dass die Kiste funktioniert, wenn wir sie brauchen“, ordnete Heskett an. „Ich werde dir schon rechtzeitig das Zeichen geben.“

Er setzte das Fernglas ab und warf es in den Wagen. „Ich kann keine Veränderung feststellen. In dem Transporter sitzen zwei Mann – wie immer. Ein Begleitfahrzeug ist weit und breit nicht zu sehen. Unser Plan läuft ab wie besprochen.“

Er blickte zu Weaver hinüber. „Ist bei dir alles klar?“

Weaver nickte ärgerlich mit dem Kopf. „Ich war in Vietnam und habe gelernt, wie man mit Sprengstoff umgeht. Du kannst dich darauf verlassen, dass bei mir alles klappt. Wenn’s sein muss, sprenge ich dir einen Stuhl unterm Hintern weg, ohne dass du einen Splitter abkriegst.“

„Ist ja schon gut.“ Heskett hob besänftigend die Hand. „Ich wollte nur noch einmal alles durchgehen. In letzter Sekunde passieren oft Fehler. Und wir können uns jetzt keinen Fehler mehr erlauben.“

Weaver nickte. „Also schön. Wenn der Transporter an der Stelle dort ist“ – er deutete mit der Hand schräg nach unten – „lasse ich die Ladung hochgehen. Sie ist so berechnet, dass sie den Wagen weitgehend außer Gefecht setzen wird. Und auch die beiden Wachen dürften ziemlich mitgenommen sein.“

Er bückte sich und hob einen kleinen schwarzen Kasten hoch, aus dem eine Antenne ragte. Das Gerät ähnelte einer Fernsteuerung für Modellflugzeuge. Weaver klopfte mit dem Daumennagel gegen das Gehäuse. „Es wird nicht versagen.“

„Gut.“ Heskett drehte den Kopf zu Turner. „Du weißt auch, was du zu tun hast?“

Turners Grinsen wurde noch breiter. Er schlug mit der Hand gegen den Schaft seines Gewehres. „Ich bin für den Feuerschutz verantwortlich. Wenn einer dort unten den Kopf aus dem Wagen steckt, kriegt er eine Kugel verpasst. Es ist kein Problem, auf diese Entfernung zu treffen. Das habe ich lange genug geübt.“

„Okay. Dann geh jetzt in deine Stellung.“ Sam Heskett machte jetzt den Eindruck eines Offiziers, der seinen Truppen letzte Anweisungen vor dem Gefecht gibt. Und dieser Eindruck täuschte auch nicht. Er hatte es zwar nicht bis zum Offizier gebracht, aber immerhin bis zum Sergeanten in Uncle Sams Armee. Weaver und Turner hatten in Vietnam gekämpft, nur Mills besaß in dieser Beziehung keine Erfahrungen.

Weaver hockte sich hinter einen Felsen, den Zündauslöser vor sich.

Turner ging ein paar Schritte vorwärts und legte sich in eine Mulde, die für ihn wie geschaffen schien.

Der Lauf des Gewehres schwankte, bis er regungslos auf eine bestimmte Stelle der staubig grauen Straße gerichtet blieb.

Heskett knurrte befriedigt, dann drehte er den Kopf langsam nach allen Richtungen. Heute war Dienstag, ihr Glückstag. Die Landschaft schien völlig verlassen.

Das einzige Fahrzeug war der gepanzerte Transporter, der immer größer wurde.

Sie hatten sich diese Stelle mit Absicht ausgesucht. Von der Bergkuppe aus konnten sie die Straße nach beiden Richtungen überblicken. Sie hatten es ausgemessen: Wenn ein anderer Wagen auftauchte, dauerte es über zehn Minuten, bis er herangekommen war. Zeit genug für sie.

„Ist die Luft rein?“, fragte Mills.

Heskett nickte nur. Er öffnete die Wagentür und machte sich fertig zum Einsteigen. „Wenn ich das Zeichen gebe, fährst du los. Und mach es genau so, wie wir es geübt haben. Nicht schneller und nicht langsamer. Wir müssen in der richtigen Sekunde ankommen.“

Mills presste die Lippen zusammen und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Seine Hände hatten das Lenkrad umklammert, sodass die Knöchel weiß wurden.

Die Automatik war eingeschaltet, der linke Fuß trat auf die Bremse, der rechte ruhte knapp über dem Gaspedal.

Das einzige Geräusch war der ruhig laufende Motor. Die Spannung war fast körperlich spürbar.

Weaver und Turner waren für Heskett jetzt nicht mehr sichtbar. Er spähte angestrengt nach vorn. Wenn der Transporter in der Lücke zwischen zwei Felsen auftauchte, war der richtige Moment gekommen.

Mitten in dieser öden, von Felsen übersäten Landschaft war genau der richtige Ort für einen Überfall auf einen Geldtransporter. Monatelang hatten sie alles genau beobachtet und geplant. Und dann hatten sie gemerkt, dass der Fahrer einmal im Monat an einem Dienstag eine andere Strecke fuhr. Eine Abkürzung über die Berge. Sie wussten nicht, warum er das tat, und es war ihnen auch egal. Auf jeden Fall hatten sie den idealen Ort für ihren Plan gefunden.

Heskett spürte, wie seine Handflächen feucht wurden. Die Sekunden dehnten sich unerträglich lang. Und als es dann soweit war, reagierte er fast zu langsam.

Die weiß-grün gestrichene Karosserie des Geldtransporters tauchte zwischen den Felsen auf.

Heskett schwang sich in den Wagen. „Fahr los!“, schrie er, lauter als es notwendig war. Mills reagierte wie ein Automat. Sein rechter Fuß trat das Gaspedal fast bis zum Anschlag nieder, und der schwere Wagen schoss mit einem Satz vorwärts.

„Nicht so schnell!“, fluchte Heskett. Seine Finger tasteten auf dem Wagenboden herum, bis er die Maschinenpistole fand. Er hob sie hoch und machte sie feuerbereit.

Der Wagen holperte über den unebenen Boden, und die Stoßdämpfer wurden bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit beansprucht. Heskett hielt sich mit einer Hand an einem Haltegriff fest und starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die leichte Staubwolke, die hinter ihnen aufstieg.

Mills bremste heftig. Sie hatten die Straße erreicht. Der Transporter war über ihnen und keuchte die Steigung hinauf.

Heskett hielt den Atem an. Die Vorderfront des Transporters war noch einen knappen Yard von der Holzstange entfernt, die unauffällig neben der Straße im Boden steckte. Dann war er auf gleicher Höhe.

Die Explosion war lauter, als er es bei der Probe in Erinnerung hatte. Der Transporter wurde wie von einer Riesenfaust hochgehoben und schwebte einen Augenblick in der Luft. Beängstigend langsam kippte er dann zur Seite und rutschte von der Straße runter. Das gequälte Metall kreischte, Glas splitterte, und der hohe Schrei eines Menschen in höchster Angst stieg in die Luft. Wie abgeschnitten brach der Schrei plötzlich ab.

Mills hatte bereits Gas gegeben und jagte den Wagen die Steigung hinauf. Es dauerte nur Sekunden, bis sie bei dem Transporter waren.

Heskett sprang hinaus, ehe Mills stoppte. Zwei rasche Schüsse peitschten auf, und wie in Zeitlupe fiel ein Körper aus der weggesprengten Fahrertür des Geldtransporters.

Heskett kniff die Augen zusammen und sah nach oben. Ein winziges Rauchwölkchen schwebte dort, und Turner winkte einmal.

Heskett warf einen flüchtigen Blick zu der aufgerissenen Straße. Die Panzerminen hatten ganze Arbeit geleistet. Weaver verstand sein Handwerk, das musste man ihm lassen. Der Transporter war nur noch ein Wrack. Heskett pirschte sich langsam näher, die Maschinenpistole im Anschlag. Seine Vorsicht war überflüssig. Der vordere Teil des Wagens war total zerstört. Das Fahrerhaus sah aus, als hätte eine Granate eingeschlagen, und so ähnlich musste die Mine wohl auch gewirkt haben.

Der Boden des Wagens war aufgerissen. Fahrer und Beifahrer mussten von Metallsplittern durchsiebt worden sein. Beide bluteten aus zahlreichen Wunden. Dem Fahrer, der neben dem Wagen lag, hatten Turners Schüsse den halben Hinterkopf weggerissen.

Heskett gab Mills ein Zeichen, und der Ford kam langsam näher. Er setzte sich hinter das Heck des anderen Wagens und schob ihn vorsichtig an. Es geschah alles so, wie sie es berechnet hatten. Ein kleiner Anstoß genügte, und der Transporter rutschte in die breite Rinne zwischen den Felsen. In einer Staubwolke glitt er tiefer, bis er zwischen Geröll zur Ruhe kam. Von der Straße aus war er jetzt nicht mehr zu sehen.

Weaver kletterte den Abhang hinunter, während Turner noch oben auf der Bergkuppe blieb und die Gegend im Auge behielt. Mills war ausgestiegen und kramte im Kofferraum herum. Er setzte eine Art Schneeschieber zusammen. Seine Nervosität war wie weggeblasen. Jeder wusste genau, was er zu tun hatte, und sie arbeiteten schnell und präzise. Worte waren jetzt nicht mehr notwendig.

Mills begann, die Straße von den herumliegenden Asphaltbrocken zu säubern. Die Explosion hatte ein relativ kleines Loch gerissen, da der Druck steil nach oben gegangen war. Zusammen mit Weaver dauerte es nur wenige Minuten, bis die Straße wieder einigermaßen normal aussah. Dann fuhr Mills den Wagen über das Loch. Er stieg wieder aus und öffnete die Motorhaube. Wenn jetzt jemand vorbeigekommen wäre, hätte er das Ganze für eine Panne gehalten.

Heskett war inzwischen nicht untätig geblieben. Er zerrte die Leiche des Fahrers von der Straße und verschwand ebenfalls in der schräg verlaufenden Rinne.

Weaver warf oben einen letzten Blick in die Runde. Alles sah normal und unverdächtig aus. Es hatte viel weniger als zehn Minuten gedauert. Er lächelte, griff in den Wagen und holte ein kleines Päckchen in einer Wachstuchhülle heraus. Dann folgte er Heskett und kletterte ebenfalls in die Rinne. Mills tat so, als sei er mit dem Wagen beschäftigt.

Heskett stand vor der noch verschlossenen Tür des Transporters und versuchte daran zu rütteln. Weaver schüttelte den Kopf. „Das hilft nichts. Die Explosion war so berechnet, dass sie nur den vorderen Teil des Wagens zerstört.“

Er warf einen Blick in die Fahrerkabine. „Waren sie beide gleich tot?“

Heskett nickte. „Ich glaube schon. Das ist ja ein einziger Trümmerhaufen. Aber wir haben jetzt keine Zeit zum Diskutieren. Wir müssen die Tür aufkriegen.“

„Kein Problem“, meinte Weaver und packte sein Paket aus. Es enthielt mehrere Stücke Plastiksprengstoff, Zündkapseln und Zündschnüre mit einer elektrischen Zündvorrichtung. Er arbeitete schnell und konzentriert. Den Sprengstoff drückte er über die Schlösser der Panzertür, befestigte die Zündkapseln daran und schloss die Leitungen an den Auslöser an. „So, jetzt trete mal einen Schritt zurück.“

Vorsichtshalber drückten sie sich beide hinter einem Felsbrocken, ehe Weaver den Auslöser betätigte. Die Explosionen waren nicht sehr laut, aber als der Staub sich verzogen hatte, hing die schwere Panzertür nur noch lose in ihren Angeln.

„Na, also“, knurrte Heskett befriedigt. „Das wär’s dann wohl.“

Sie traten näher und blickten ins Innere des Transporters. Auch hier sah alles ziemlich beschädigt aus, wenn die Verwüstungen auch lange nicht so schlimm waren wie in der Fahrerkabine.

Die Wand zwischen Ladefläche und Fahrerkabine war durch den Explosionsdruck nach innen gedrückt worden, hatte aber gehalten. Die Säcke auf der Ladefläche lagen wild durcheinander. Einer war aufgerissen, und man konnte deutlich die Geldscheinbündel sehen. An einer Seitenwand lagen zwei Metallkisten, die sich aus ihren Halterungen gelöst hatten.

Hinter ihnen knirschten Schritte auf den Steinen. Sie fuhren herum. Es war Turner. Er kam langsam näher, die Winchester locker in der Hand. Seine Augen glänzten. „Na, wie viel ist es?“ Seine Stimme klang heiser.

Hesketts Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Er starrte wieder ins Innere des Wagens. „Das ist sehr merkwürdig“, murmelte er. „Die Säcke mit Geld, die da liegen, dürften eigentlich gar nicht da sein. Mein Informant hat nur von den beiden Metallkisten gesprochen.“ Er schüttelte den Kopf.

Turner trat näher. „Was heißt das? Ist nicht genug da? Du hast uns erzählt, dass in dem Wagen zwischen einer halben und einer Million befördert wird. Gebrauchte Scheine in allen Größen.“

Heskett lächelte. „Sieh doch hin. Da liegt mehr. Viel mehr.“

Er sprang auf die Ladefläche und warf die Säcke hinaus. „Los! Seht zu, dass ihr die Säcke zu unserem Wagen kriegt. Beeilt euch. Wir haben schon genug Zeit vertrödelt.“

Die beiden anderen ließen sich das nicht zweimal sagen. Jeder nahm mehrere Säcke, und dann rannten sie zur Straße hinauf. Turner hatte sein Gewehr achtlos auf die Felsen fallen lassen.

Heskett hatte inzwischen alle Säcke nach draußen befördert. Sie trugen keine Aufschrift und sahen auch nicht aus wie Geldsäcke. Nur eines war sicher: Sie enthielten Dollarscheine. Er wuchtete auch die beiden Metallkisten aus dem Wagen. Dann stand er schweigend vor dem Haufen Geld. „Das müssen Millionen sein“, murmelte er. „Wir haben den ganz großen Treffer gelandet.“

Er nahm so viele Säcke, wie er tragen konnte, und eilte zum Wagen. Turner und Weaver kamen ihm mit leuchtenden Augen entgegen.

 

 

2.

 

Johnny Maddox trommelte mit den Fingern unruhig auf der Schreibtischplatte. Er war nervöser, als er vor sich selbst zugeben wollte. Gebannt starrte er auf das Telefon. Er hoffte, dass sich noch alles aufklären würde.

Maddox war Präsident der A.C.C. Das stand für Armoured Car Corporation. Ihm gehörte eine Flotte von zehn Geldtransportern, kleine, schwer gepanzerte Wagen, die täglich Geld oder andere Wertsachen von einem Ort zum anderen beförderten. Die Fahrzeuge waren überfallsicher, das hatte ihm jedenfalls die Herstellerfirma zugesichert. Sie konnten nur von innen geöffnet werden, das Glas war schusssicher, ein Funkgerät hielt Verbindung zur Zentrale.

Seit drei Jahren hatte es nur einen einzigen Überfall gegeben. Und der war misslungen. Zwei jugendliche Gangster hatten einen Transporter mit einer Straßensperre gestoppt und versucht, die Schlösser mit Revolvern zu zerschießen. Ehe sie sich versahen, hatte die Besatzung über Funk die Polizei gerufen, und die Gangster waren verhaftet worden, ehe sie nur einen einzigen Schein zu Gesicht bekommen hatten.

Heute schien wieder etwas passiert zu sein. Der Kontrollruf eines der Wagen war seit Stunden ausgeblieben. Natürlich konnte es vorkommen, dass ein Funkgerät ausfiel. Aber daran glaubte Maddox nicht. Er hatte sofort reagiert und einen Wagen losgeschickt, der die Strecke abfahren sollte. Jetzt wartete er auf Nachricht.

Das Telefon klingelte. Seine Hände zitterten unkontrolliert. Er musste ein paar Sekunden warten, bis er den Hörer aufnehmen konnte. „Ja? Hier Maddox.“ Seine Stimme klang brüchig.

„Wir haben sie gefunden, Chef“, klang eine aufgeregte Stimme an sein Ohr. „Sie sind überfallen worden. Auf der Nebenstrecke, die nach der Ortschaft Albany über die Berge führt. Kurz vor der Kuppe hat es sie erwischt.“

„Was ist mit Bill und Dick?“

„Sie sind tot, Chef. Da ist nichts mehr zu machen. Und der Transporter sieht aus, als hätte er einen Volltreffer abbekommen. Auf der Straße ist ein Loch, wahrscheinlich haben die Gangster den Wagen mit einer Sprengladung hochgejagt und ihn dann neben die Straße gefahren, um ihn in Ruhe auszunehmen. Er ist restlos leergeräumt.“

Maddox fühlte den Schweiß über sein Gesicht rinnen. Seine Hand umkrampfte den Hörer. „Okay. Verständigt die Polizei. Ich komme selber hin. Rührt nichts an, damit ihr keine Spuren verwischt. Diese Banditen werden wir kriegen.“

Der Hörer glitt auf die Gabel, und Maddox kramte in seinem Schreibtisch nach einer Flasche Cognac. Die Flasche klirrte auf dem Rand des Glases, als er sich eingoss.

Wir müssen sie erwischen, dachte er. Es steht zu viel auf dem Spiel. Er schloss die Augen. Es hat ja so kommen müssen, es ist schon viel zu lange gutgegangen. Ausgerechnet dieser Transport! Nur einmal alle vier Wochen hatte einer seiner Wagen eine Fracht an Bord, die in keinem Papier verzeichnet war. Und die deshalb natürlich auch nicht versichert war. Aber es gab jemand, der diesen Verlust nicht so ohne Weiteres hinnehmen würde. Man würde ihn dafür verantwortlich machen.

Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? Aber es war so einfach verdientes Geld. Er erinnerte sich, wie alles angefangen hatte. Eines Tages war ein Rechtsanwalt zu ihm gekommen, von dem man wusste, dass er ausschließlich Mitglieder des Syndikats vertrat. Er hatte ihm den Vorschlag gemacht, einmal im Monat eine große Summe Bargeld nach New York zu transportieren, unter der Bedingung, dass niemand von diesem Geld erfuhr.

Sie waren sich schnell einig geworden, und Maddox hatte ein System ersonnen, bei dem niemand seiner Angestellten Verdacht schöpfte. Es war ja auch nichts Ungewöhnliches, denn schließlich war es sein Job, Geld zu transportieren.

An einem bestimmten Tag im Monat holten die Fahrer außer ihrer normalen Fracht einige weitere Geldsäcke ab, die ihnen von zwei Männern übergeben wurden, die niemals ein Wort sagten. Sie passten nur auf, dass die Säcke ordnungsgemäß verstaut wurden, und warteten, bis sich der Wagen in Bewegung setzte.

Diese Säcke lieferten sie bei einer Luftfrachtfirma am New Yorker Kennedy-Airport ab. Dort warteten sie, bis die Säcke in einem Container verstaut waren, dann war ihr Auftrag erledigt. Keiner der Fahrer hatte sich jemals Gedanken darüber gemacht, was mit dem Geld weiter passierte. Warum auch? Es lief ja alles völlig normal und unter persönlicher Kontrolle ihres Chefs.

Maddox nahm noch einen kräftigen Schluck. Er wusste inzwischen, wem dieses Geld gehörte und was damit geschah.

Es waren illegale Einnahmen des Syndikats, die auf dem Luftwege aus den Vereinigten Staaten geschafft wurden. Im Ausland wurde dieses Geld mit allerlei Finanzmanipulationen in bestimmte Geschäfte gesteckt und floss dann ganz legal in die USA zurück. Aus dem heißen Geld war normales Kapital geworden, und der Steuer hatte man auch noch ein Schnippchen geschlagen.

Es war für Maddox im Grunde ein völlig sicheres Geschäft, ihm konnte nichts passieren, denn er beging keine kriminelle Handlung. Er transportierte Geld, weiter nichts. Nur etwas durfte nicht passieren: Das Geld durfte nicht geraubt werden.

Und genau das war heute geschehen.

Maddox fröstelte, wenn er an die Männer des Syndikats dachte, die ihm jetzt sehr präzise Fragen stellen würden.

Er beugte sich vor und drückte auf den Knopf seiner Sprechanlage. Seine Sekretärin meldete sich sofort.

„Geben Sie mir Rechtsanwalt Visconti!“

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich der Anwalt meldete. Seine Stimme klang unwillig. „Was gibt’s, Maddox? Ich habe wenig Zeit.“

„Es wäre mir auch lieber gewesen, wenn ich Sie heute nicht stören müsste. Aber es ist etwas Schreckliches passiert. Einer meiner Transporter ist überfallen worden.“

„Das ist doch nicht unser Problem“, entgegnete der Anwalt, unterbrach sich aber plötzlich. „Wollen Sie damit sagen, dass der Transporter mit unserem Geld überfallen worden ist?“ Seine Stimme klang gefährlich ruhig.

„Ja. Ich habe die Nachricht vor wenigen Minuten erhalten. In der Nähe von Albany ist es passiert. Noch weit außerhalb New Yorks. Ich will gleich hinfahren und mir die Sache selbst ansehen. Man fährt bestimmt zwei bis drei Stunden.“

Der Anwalt überlegte ein paar Sekunden, dann sagte er: „Warten Sie noch, ich schicke jemand zu Ihnen, den Sie mitnehmen. Es wird zwanzig Minuten dauern. Alles Weitere später.“

Es klickte, und sein Gesprächspartner hatte ohne ein weiteres Wort aufgelegt. Maddox zwang sich zur Ruhe. Das Wichtigste war, dass er jetzt einen klaren Kopf behielt und keine Fehler beging. Er befand sich in einer verdammt schwierigen Situation, und er musste sich jeden seiner Schritte gut überlegen.

Eine falsche Entscheidung, und er konnte seine Firma verlieren. Vielleicht sogar sein Leben.

 

 

3.

 

Steve McCoy blätterte lustlos in einem dicken Aktenordner. Seit nahezu zwei Tagen tat er nichts anderes, und langsam fiel ihm die Decke auf den Kopf. Er war Innendienstarbeiten im Department of Social Research nicht gewohnt. So nannte sich die Organisation, für die er tätig war. Es handelte sich allerdings um eine Tarnadresse, denn die Firma beschäftigte sich nicht mit Sozialforschung, sondern mit dem geheimen Kampf gegen das organisierte Verbrechen, und Steve McCoy war einer der besten Feldagenten des Departments.

Eine der Assistentinnen hatte ihm einen Riesenstapel auf den Tisch geknallt und gemeint, es sei jetzt endlich an der Zeit, dass er den Papierkram erledigte. Sie wäre sehr für Ordnung und könnte auch das meiste machen, aber es gäbe ein paar Sachen, mit denen er sich schon selbst beschäftigen müsste.

Wütend klappte Steve den Ordner zu und starrte aus dem Fenster. Er überlegte, ob er auf einen Sprung zur Bar auf der anderen Straßenseite hinuntergehen sollte, als die Assistentin ihr hübsches Blondköpfchen zur Tür hereinsteckte. „Alles fertig?“, fragte sie mit unschuldiger Miene.

Steve verzog das Gesicht und lächelte mühsam. Er drohte ihr mit dem Ordner. „Bitte keine Störung, sonst werde ich ja nie fertig.“

Er blickte zum Telefon. „Ist es abgestellt?“

Er hob den Hörer hoch, aber das Freizeichen kam laut und deutlich. „Merkwürdig. Die Ganoven werden doch nicht ausgestorben sein?“

Die Assistentin hob die Schultern

In diesem Augenblick schrillte das Telefon unangenehm laut los. Sie erschraken beide und starrten das Plastikgehäuse verblüfft an. Steve griff zum Hörer.

Es war der Boss, Colonel Alec Greene, langjähriger Leiter des Departments. Freund und Mentor zugleich. Er hatte Steve aus seiner Verzweiflung gerissen, als er nach dem Tod seiner Freundin, die bei einer Bandenschießerei ums Leben gekommen war, in tiefe Trauer und Selbstmitleid gefallen war. Greene hatte ihm einen Job angeboten, der ihm die Möglichkeit bot, gegen das Verbrechen zu kämpfen.

Wenige Minuten später saß Steve im Büro des Colonels. Durch die breite Fensterfront blickte man weit über Washington und den Potomac.

„Ich habe hier eine merkwürdige Sache“, begann Alec Greene. „Wir hören einige der Bosse des Syndikats in New York ab.“

Er machte eine Handbewegung. „Also eigentlich ist das FBI für das Lauschen zuständig, und die haben etwas aufgeschnappt, auf das man sich keinen Reim machen konnte. Und deshalb haben sie mich angerufen.“

Er unterbrach sich kurz. „Es geht um den Überfall eines Geldtransporters, der einen sehr interessanten Aspekt aufweist, und das bezieht sich nicht auf die dabei getöteten Wachmänner.“

„Das ist doch eher ein Fall für die Polizei“, warf Steve ein.

Alec Greene schlug eine Akte auf „Ja, schon. Die kümmert sich auch darum. Der Inhaber des Transport-Unternehmens, ein gewisser Maddox, hat alle Unterlagen zur Verfügung gestellt. In dem Fahrzeug befanden sich danach genau fünfhundertvierundfünfzigtausend Dollar von verschiedenen Kunden. Es gibt jedoch einen Widerspruch zwischen dieser Summe und dem abgehörten Telefongespräch, das es zwischen einem der Bosse und einem windigen Anwalt namens Visconti gab. Denn Visconti teilte seinem Auftraggeber mit, dass über sechs Millionen Dollar beim Überfall eines Geldtransporters verschwunden seien.“

„Haben die beiden von dem gleichen Überfall gesprochen?“

Der Colonel nickte. „Es gab keinen anderen Überfall auf einen Geldtransporter, weder im Raum New York noch sonst in den Staaten. Unsere Freunde vom FBI denken, dass es hier um illegale Geldwäsche oder Ähnliches geht.“

„Sieht ganz danach aus.“

„Da das FBI keine juristischen Möglichkeiten hat, sich in diesen Polizeifall einzumischen und man nicht will, dass die Gangster Wind von der Abhöraktion kriegen, hat man uns gebeten, einige Nachforschungen anzustellen. Fühlen Sie diesem Maddox doch mal auf den Zahn. Geben Sie sich als Ermittlungsbeamter der Staatsanwaltschaft aus. Das ist unverdächtig.“

„Hängt dieser Maddox mit drin?“, fragte Steve.

Der Colonel reichte ihm die Akte. „Vermutlich schon. Versuchen Sie es erst mal auf die sanfte Tour. Fahren Sie nach New York. Sie haben dort zwar das Haus Ihrer Eltern, doch wir haben ein Hotelzimmer in Manhattan gebucht. Das ist etwas zentraler als Brooklyn.“

 

 

4.

 

„Guten Morgen. Armoured Car Corporation. Was können wir für Sie tun?“

„Hallo! Mein Name ist McCoy, Staatsanwaltschaft New York. Ich möchte gern mit Mister Maddox sprechen. Es geht um den Überfall.“

„Einen Moment“, flötete die Telefonistin. „Ich verbinde.“

Es dauerte nur ein paar Sekunden. „Maddox“, meldete sich eine unsicher klingende Stimme.

„Hier spricht McCoy, Staatsanwaltschaft New York. Ich würde gern so schnell wie möglich mit Ihnen reden.“

„Das ist klar. Ich schlage vor, Sie kommen morgen früh um zehn Uhr in mein Büro. Third Avenue, Ecke 34th Street East, können Sie gar nicht verfehlen, draußen ist ein großes Schild.“

„Mir wäre es eigentlich lieber, wenn ich mich sofort mit dem Fall befassen könnte. Je eher man beginnt, desto größer sind die Chancen, ihn aufzuklären.“

„Das geht leider nicht“, antwortete Maddox. „Ich muss in wenigen Minuten das Büro verlassen. Ich will mir selbst den Ort ansehen, wo es passiert ist.“

„Dann können wir uns ja dort treffen“, meinte Steve.

Er spürte das kurze Zögern bei seinem Gesprächspartner, ehe die Antwort kam. „Meinetwegen. Trotzdem schlage ich vor, dass wir die Einzelheiten erst morgen besprechen.“

„Das ist mir recht. Aber so habe auch ich Gelegenheit, mir den Tatort anzusehen. Alles Weitere folgt dann morgen früh in Ihrem Büro. Und jetzt sagen Sie mir bitte noch, wo der Überfall stattgefunden hat.“

Maddox beschrieb ihm den Weg genau, und sie legten auf.

Steve runzelte die Stirn. Er hatte deutlich herausgehört, dass Maddox nicht gerade darauf versessen war, ihn am Tatort zu treffen. Die Geschichte versprach, interessant zu werden.

 

 

5.

 

Rechtsanwalt Luigi Visconti hatte ein sehr kleines Büro, aber es brachte ihm sehr viel Geld ein. Er hatte nur wenige Klienten, aber die bezahlten ihn fürstlich. Visconti arbeitete für mehrere Mafiafamilien in New York, die sich gern „Das Syndikat“ nannten.

Seine Spezialität war das Umwandeln von Geld. Er hatte verschiedene Systeme ersonnen, wie die zahlreichen Gelder, die täglich durch viele illegale Geschäfte in die Kassen des Syndikats strömten, in sauberes Geld verwandelt werden konnten, sodass die Herkunft nicht mehr festzustellen war.

Visconti war so eine Art Spezial-Wäscherei für Geld. Er hatte internationale Geschäftsverbindungen, spekulierte mit Aktien, Wertpapieren und Devisen, kaufte und verkaufte, gründete Firmen und beteiligte sich über Strohmänner an anderen.

Auf seine Art war er ein Genie. Viele Firmen würden sich glücklich schätzen, wenn sie ihn als Berater hätten. Aber die wenigsten Firmen konnten ihm ein so hohes Gehalt zahlen. Visconti saß in mehreren Aufsichtsräten, hielt Verbindungen zu Politikern und anderen wichtigen Leuten und versteuerte ein ziemlich hohes Einkommen. Außerdem hatte er noch ein Konto in der Schweiz, für das er keine Steuern zahlte. Er konnte beruhigt in die Zukunft sehen.

Heute allerdings wirkte er außerordentlich nervös. Die Luft in seinem Büro war von Rauchschwaden durchzogen. Einer seiner Besucher rauchte eine Zigarre nach der anderen.

Die drei Männer saßen in bequemen Ledersesseln und schwiegen. Der Zigarrenraucher war Alfredo Cellini, ein dicker, rotgesichtiger Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war Finanzchef der Syndikatsgruppe und direkt den Bossen unterstellt. Die Sache war so wichtig, dass er sich selbst zu Visconti bemüht hatte.

Der zweite Mann war von hagerer Figur und wirkte sehr kräftig. Er war sehr groß und hatte eine blasse Haut. Seine dunklen Augen lagen in tiefen Höhlen und konnten sehr durchdringend wirken. Er rauchte nicht und hatte nur einmal an einem Bourbon genippt. Sein Name war Desmond Lee, und auch er war ein Spezialist. Allerdings lagen seine Fähigkeiten auf anderen Gebieten, und deshalb war er heute hier.

Visconti brach das Schweigen. „Es war kein Fehler am System“, sagte er entschuldigend. „Das würde ich jederzeit wieder benutzen. Aber es ist einfach unberechenbar, wenn ein Transporter überfallen wird. Es kommt auch sehr selten vor.“

Cellini hob die Hand. „Es interessiert die Bosse nicht, woran es gelegen hat. Die stellen nur fest, dass uns rund sechs Millionen Dollar gestohlen worden sind. Sechs Millionen Dollar in gebrauchten Scheinen. Und die hätten wir gerne wieder.“

„Es kann doch für die Organisation kein Problem sein, die Burschen zu finden, die den Wagen überfallen haben.“

Cellini lehnte sich zurück und paffte eine dicke Rauchwolke aus. „Sicher, wenn diese Burschen existieren, werden sie sich verraten. Wir werden sie finden, daran habe ich gar keinen Zweifel. Die Frage ist nur, ob der Fall nicht ganz anders liegt.“

Visconti hob den Kopf. „Wie meinen Sie das?“

„Es gibt drei Möglichkeiten. Es können erstens völlig fremde Gangster gewesen sein, die durch Zufall gerade diesen Transporter überfallen haben. In dem Falle werden sie sich im Augenblick sehr freuen. Zweitens besteht die Möglichkeit, dass dieser Mister Maddox das Ding gedreht hat. Auch das muss überprüft werden. Und drittens kann es auch jemand aus unseren Reihen gewesen sein. Wir müssen feststellen, wer über diese Sache Bescheid wusste.“

Visconti nickte. „Ich muss zugeben, dass wir alle Möglichkeiten genau überprüfen müssen, obwohl mir persönlich die erste am liebsten wäre.“

„Mir auch“, meinte Cellini. „Es wäre auch am leichtesten. Wenn es normale Gangster waren, ist der Coup für sie eine Nummer zu groß. Sie werden es selbst merken und Fehler machen. Wir werden sie finden und hetzen, bis wir sie haben. Was ist bis jetzt geschehen?“

„Maddox ist auf dem Wege zum Tatort“, berichtete Visconti. „Ich habe einen Vertrauten mitgeschickt, der alles beobachten soll. Ich werde ab sofort über jeden Schritt unterrichtet sein, den Maddox tut.“

„Sehr gut! Und weiter?“, knurrte Cellini.

„Logischerweise schaltet die Polizei sich ein, allerdings die örtliche Polizei, denn es ist in der Nähe von Albany passiert. Man kann schwer sagen, wie schnell die Bullen Erfolge erzielen.“

Cellini sog heftig an seiner Zigarre. „Das ist mir gleich. Nur eines muss ganz klar sein: Wir müssen die Burschen vor der Polizei schnappen, denn schließlich wollen wir das Geld wiederhaben. Und zu diesem Zweck schalten wir Desmond Lee ein.“

Er wandte sich zu dem hageren Mann, der aber keine Reaktion zeigte. „Lee ist Spezialist im Aufspüren von Menschen, und vor allen Dingen im Ausfragen.“

Visconti spürte einen leichten Schauer, als er den Blick mit Lee kreuzte. Die Augen des anderen waren ausdruckslos und erinnerten ihn an eine Schlange.

„Haben wir einen Draht zur Polizei, um zu erfahren, wie weit die sind?“, fragte Cellini.

„Das können wir über Maddox herauskriegen.“

„Gut. Lee, Sie haben alle Vollmachten. Die Organisation steht zu Ihrer Verfügung. Sie können Hilfe anfordern, soviel Sie wollen, Sie werden sie bekommen. Ihr Auftrag lautet: Wer auch immer den Transporter überfallen hat, finden Sie ihn und bringen Sie das Geld zurück. Sie sind ausdrücklich ermächtigt, alle Mittel anzuwenden. Die Organisation wünscht nicht, dass später noch über diesen Fall gesprochen wird. Die Organisation erwartet eine saubere und endgültige Lösung.“

Desmond Lee beugte sich leicht vor und sagte mit erstaunlich leiser und sanfter Stimme: „Ich habe verstanden. Der Auftrag ist eindeutig.“

Er erhob sich, nickte den beiden Männern kurz zu und verließ den Raum.

Visconti atmete auf, als Lee draußen war. „Solche Leute beunruhigen mich. Sie haben eine Ausstrahlung, die einen nervös macht.“

Cellini zuckte mit den Schultern. „Man braucht solche Leute hin und wieder. Er ist sehr gut, und er wird die Burschen finden.“

„Was wird er dann tun?“

Cellini grinste. „Er wird seinen Auftrag erledigen. Spurlos, sauber und endgültig.“

„Das heißt …?“

„Ja. Das heißt es. Die Burschen werden keine Gelegenheit zu einem zweiten Überfall haben.“

Visconti nahm einen kräftigen Schluck Bourbon. „Ich bin froh, dass ich nicht oft mit so einem Mann zu tun habe. Ich bin sicher, dass er gut bezahlt wird.“

Cellini nickte. „Oh, ja. Das wird er. Wie jeder Spezialist. Wie Sie auch!“ Sie tranken schweigend, und Maddox überlegte, ob er das eine kaum verhüllte Drohung gewesen war.

 

 

6.

 

Keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie saßen in einem Wagen, der vollgepackt mit Geldsäcken war. Sie hatten keine Ahnung, wie viel es war. Sie wussten nur, dass es viel mehr war, als sie erwartet hatten. Jeff Mills hockte geduckt hinter dem Steuer und fuhr so schnell, wie er konnte, ohne dabei die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zu übertreten.

Sam Heskett saß neben ihm und kontrollierte mit wachen Augen die Umgebung. Niemand folgte ihnen, weit und breit war keine Polizeisirene zu hören. Trotzdem gelang es ihm nicht, sich jetzt schon zu entspannen. Das viele Geld beunruhigte ihn, obwohl er eigentlich über den gelungenen Fischzug hätte froh sein sollen.

Turner und Weaver saßen auf den hinteren Sitzen und starrten gebannt auf die Geldsäcke zu ihren Füßen. Der Kofferraum hatte nicht ausgereicht, und so mussten sie das Risiko eingehen, das Geld fast vor aller Augen zu transportieren. Heskett war dafür gewesen, einige Säcke zurückzulassen, aber die anderen hatten ihn überstimmt. In ihren Augen stand nur noch die nackte Gier.

Sie hatten den Holland-Tunnel hinter sich gelassen und befanden sich jetzt in Manhattan. Gleich nach der Ausfahrt bogen sie links ab und fuhren an der Pennsylvania-Station vorbei in Richtung Broadway. Auf dem Broadway ging es weiter nach Süden, bis sie die Canal Street kreuzten. Sie bogen wieder nach links ab und waren in China-Town. Hier war der Verkehr längst nicht so stark.

Mills schien sich hier gut auszukennen. Selbst wenn sie einen Verfolger gehabt hätten, spätestens hier wäre er abgehängt worden. Mit kreischenden Reifen bog er in eine Nebenstraße ein, jagte eine schmale Rampe zu einem Parkhaus hoch und stand endlich in einer dunklen Parkbucht gleich neben der Feuertreppe im ersten Stock.

„Da wären wir“, meinte Turner gleichmütig. Die Spannung begann langsam von ihnen abzufallen.

Heskett riss die Tür auf. „Also los! Jeder nimmt so viele Säcke mit, dass wir es mit zwei Touren schaffen. Und denkt auch an die Metallkisten. Wir wollen nichts liegen lassen.“

Befreiendes Gelächter setzte ein. Dann beluden sie sich mit den kostbaren Säcken und schleppten sie in ihren provisorischen Unterschlupf, eine reichlich verkommene Wohnung in einer alten Mietskaserne, die den Vorteil hatte, dass niemand sich um den anderen kümmerte. Sie hatten sowieso vor, das Domizil so schnell wie möglich aufzugeben, aber als erstes Versteck war es ganz nützlich. Vor allen Dingen wollten sie jetzt natürlich wissen, wie groß ihre Beute war.

Als sie alle Säcke in die Wohnung geschleppt hatten, standen sie wieder schweigend um den Berg herum, und jeder von ihnen dachte das gleiche: Wie viel ist es?

„Worauf warten wir noch? Fangen wir mit dem Zählen an“, sagte Turner und löste die Verschnürung des ersten Sackes.

Und plötzlich arbeiteten sie alle fieberhaft. Schnell war ein System gefunden, und die Bündelung der Banknoten erleichterte ihnen die Arbeit sehr.

Große Stapel grüner Banknoten bedeckten den Tisch. Heskett rechnete auf einem Stück Papier. – Alle starrten ihn an.

„Wenn ich mich nicht verrechnet habe“, sagte er langsam, „dann liegen auf diesem Tisch rund sechs Millionen und sechshundertfünfzigtausend Dollar.“

Larry Turner formte die ungeheure Summe mit den Lippen lautlos nach. Mills schüttelte nur den Kopf und hielt sich am Tisch fest. Weaver grinste, seine Augen leuchteten, er nahm eines der Bündel und ließ seine Finger spielerisch hindurchgleiten.

„Wir müssen jetzt sehr genau überlegen, was wir als Nächstes tun“, sagte Heskett.

„Wieso? Wir teilen das Geld und hauen ab, jeder für sich.“ Weaver sah triumphierend in die Runde. „So hatten wir es damals abgemacht.“

„Aber damals wussten wir noch nicht, dass wir so viel erbeuten. Wir sind davon ausgegangen, dass wir ungefähr Dreihunderttausend Dollar in dem Transporter finden. Bei dieser Summe wäre alles kein Problem gewesen.“ Heskett wirkte sehr nachdenklich.

„Wir haben ein paar Cent mehr gefunden“, meinte Turner. „Was ändert das an der Sache?“

Heskett fuhr herum. „Das ändert sehr viel! Seid ihr denn zu dämlich, um das zu begreifen? Hier stimmt doch etwas nicht! Es ist nicht normal, dass ein Geldtransporter der Firma Armoured Car Corporation an einem solchen Tag eine solche Summe transportiert. Unser Gewährsmann hätte davon gewusst! Wir hätten uns doch von Anfang an darauf konzentriert, den ganz großen Fang zu machen.“

„Sam hat recht“, sagte Mills. „Mir kommt das auch ein bisschen komisch vor. Vielleicht handelt es sich um Falschgeld.“

Heskett warf nur einen flüchtigen Blick auf die Notenbündel. „Nein, das Geld ist echt. Aber ich glaube, es gehört jemandem, der diesen Besitz nicht an die große Glocke hängen will. Ich habe ein verdammt ungutes Gefühl bei der Sache. Es stinkt ganz gewaltig, ich weiß nur noch nicht, wo.“

Turner schüttelte den Kopf. „Ich verstehe euch nicht. Da machen wir den größten Fischzug, den es seit langer Zeit in dieser Gegend gegeben hat, und ihr habt die Hosen voll! Wir sind unerkannt entkommen, wir sind nicht verfolgt worden – was soll uns passieren? Wenn ihr zu feige seid, ich nehme meinen Anteil und mache mich aus dem Staub.“

Er trat an den Tisch und fingerte an den Bündeln herum.

Heskett griff unter seine linke Achsel und hielt plötzlich einen kurzläufigen Smith & Wesson-Revolver in der Hand. Seine Stimme war von schneidender Schärfe. „Das wirst du nicht tun! Wir beschließen gemeinsam, was geschehen soll. Ich habe keine Lust, mir durch irgendeine Dummheit die Tour vermasseln zu lassen.“

Turner blickte fassungslos auf die Waffe und trat vorsichtig zwei Schritte zurück. „Ist ja schon gut. Wenn du die Sache so ernst nimmst, lass uns darüber reden. Aber dann lass es uns gleich tun, denn ich habe keine Lust, weitere wertvolle Zeit zu verlieren. Wir stehen schon lange genug hier herum.“

„Gut.“ Heskett ließ den Revolver wieder verschwinden. „Ich möchte euch nur eines klar machen. Diese Summe ist so gigantisch, dass jeder in dieser Stadt, der davon weiß, hinter uns her sein wird. Und ich glaube, es sind Leute dabei, die in der Wahl ihrer Mittel nicht sehr wählerisch sind.“

„Das sind wir auch nicht unbedingt“, warf Weaver ein.

„Nein“, erwiderte Heskett, „doch wir müssen uns darauf einstellen. Wir sind davon ausgegangen, dass bei einem solchen Coup natürlich die Polizei hinter uns her sein wird. Deshalb haben wir es ja auch außerhalb von New York gemacht, um unsere Spuren zu verwischen. Wir wissen außerdem, dass auch die Versicherung hinter uns her sein wird. Aber auch das dürfte nicht allzu schlimm sein.“

„Die haben wir ja wohl nicht zu fürchten.“ Turner lachte.

Heskett kniff die Augen zusammen. „Dein Fehler ist, dass du die Menschen unterschätzt. Daran wirst du eines Tages scheitern. Irgendwann kommt nämlich einer, der besser ist als du. Aber das soll heute nicht unser Problem sein.“

Er wandte sich wieder den anderen zu. „Wir werden es mit einem Rattenschwanz von Leuten zu tun haben, die alle hinter diesem Geld her sind. Die rechtmäßigen Besitzer werden Profis einschalten, vielleicht sogar Killer oder Kopfgeldjäger. Es wird einiges durchsickern, und die halbe Unterwelt wird uns jagen.“

Es war still geworden, alle blickten stumm vor sich hin.

„Ab heute sind wir vogelfrei, sobald jemand merkt, dass wir das Geld haben. Niemand wird uns unterstützen, wir werden an keinem Tag vor Verrat sicher sein. Diese Summe ist einfach zu groß. Wir werden nur noch Feinde haben. Man wird uns jagen und hetzen, bis wir tot sind. Das müsst ihr einfach zur Kenntnis nehmen.“

Mills machte ein sehr unbehagliches Gesicht. „Ich glaube, du hast wirklich recht. Es klingt jedenfalls sehr überzeugend. Was können wir also tun?“

„Wir müssen unauffällig untertauchen, und kein Mensch darf merken, dass wir viel Geld ausgeben könnten. Ich bin überzeugt davon, dass schon in dieser Stunde zahllose Augen und Ohren nur darauf warten, dass irgendjemand sich verdächtig benimmt. Und wenn auch nur einer von uns das Maul aufreißt, sind wir alle verloren. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Geld an einem sicheren Ort zu verstecken und dann abzuwarten, bis sich die erste Aufregung gelegt hat. Wir dürfen noch nicht einmal aus der Stadt verschwinden, weil das sofort auffallen würde, und der kleinste Hinweis kann schon unser Verderben sein.“

„Das heißt, wir dürfen uns nichts anmerken lassen und müssen so weiterleben, wie wir es bisher getan haben?“, fragte Mills.

Heskett nickte. „Niemand darf eine Veränderung an euch feststellen. Ihr dürft nicht zu viel Geld ausgeben. Ich schlage vor, dass wir jeder nur zehntausend Dollar mitnehmen, um die dringendsten Unkosten zu decken, der Rest wird versteckt.“

„Und wo wird das Geld versteckt?“, fragte Weaver.

„Ich kenne einen sicheren Ort, der auch von euch kontrolliert werden kann, wenn ihr mir nicht traut.“

„So habe ich das nicht gemeint.“

Heskett sah Weaver scharf an. „Natürlich hast du das so gemeint. Wir haben jetzt keine Zeit für solche Kindereien. Wir müssen uns trennen, sobald wir das Geld versteckt haben, und dürfen uns in den nächsten Wochen nur immer einzeln treffen. Auf keinen Fall darf uns jemand zusammen antreffen, das könnte schon für einen Hinweis genügen. Wir werden einen telefonischen Code vereinbaren, und einer ruft immer den Nächsten an.“

„Wann wollen wir das Geld verstecken?“, erkundigte sich Turner.

„Sofort. Je schneller es in Sicherheit ist, desto besser. Es muss auf jeden Fall aus der Wohnung. Hier ist es viel zu unsicher. Zu viele Leute wissen, dass wir uns hier manchmal treffen. Wir sollten die Wohnung noch nicht aufgeben, um keinen Verdacht zu erregen.“

„Und wo hast du dein fabelhaftes Versteck?“, fragte Weaver.

Heskett griff in seine Innentasche und zog einen zusammengefalteten Stadtplan heraus. Er öffnete ihn mit sorgfältigen Bewegungen, schob ein paar Geldbündel zur Seite und breitete ihn auf dem Tisch aus. Die anderen beugten sich über den Plan.

„Hier“, sagte Heskett und tippte mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle.

 

 

7.

 

Steve McCoy sah den Tatort schon von Weitem. Er war an einer Reihe von parkenden Autos und einem Gewimmel von Männern erkenntlich, viele davon in Uniform. Er beschleunigte den schweren Mercedes sanft und fuhr die Serpentinen empor. Er hatte sich noch keinen Plan zurechtgelegt, wie er vorgehen wollte, sondern überließ alles seiner Intuition. Er wusste bisher noch viel zu wenig über den Fall. Aber immerhin war seine Neugier geweckt, und es wäre kaum möglich gewesen, ihn jetzt noch davon abzubringen.

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Titel: Schwarzes Geld und rotes Blut