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Nur Engel dürfen ewig leben

2020 114 Seiten

Leseprobe

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Nur Engel dürfen ewig leben

Copyright

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Nur Engel dürfen ewig leben

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

,,Wenn nicht ein Wunder geschieht, muss Ihre Frau sterben.” Dr. Sören Härtling sah den Mann, der ihm gegenübersaß, mitleidig an. „Glauben Sie mir, Herr Schönberg, wir haben getan, was in unserer Macht steht — doch auch der ärztlichen Kunst sind Grenzen gesetzt.”

„Kann ich denn gar nichts tun?” Der bekannte Opernsänger barg verzweifelt das Gesicht in den Händen. „Michaela ist mein Ein und Alles, ohne sie ist auch mein Leben vorbei.”

Dr. Härtling schüttelte nur den Kopf. Nein, es gab keinen Ausweg mehr, seiner Patientin konnte nur noch ein Wunder helfen.

Und dann, ganz plötzlich, hatte Mario Schönberg eine Idee.

„Ich werde ihr sagen, dass sich ihr größter Wunsch bald erfüllt”, stieß er hervor. „Ich erzähle ihr, dass wir endlich ein Kind adoptieren dürfen. Vielleicht durchdringt diese Nachricht ihre Bewusstlosigkeit ...”

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Alles in Ordnung, Chef?”, erkundigte sich Schwester Annegret.

Dr. Sören Härtling war in Gedanken. Er sah die fünfundsechzigjährige Krankenschwester geistesabwesend an.

„Wie? Ach so ... Ja. Ja, natürlich ist alles in Ordnung, Annchen. Warum fragen Sie?”

Annegret zuckte die Schultern.

„Nur so. Kaffee?”

„Gute Idee”, nickte Sören Härtling. In wenigen Minuten würde die Nachmittagssprechstunde beginnen, aber für eine Tasse Kaffee reichte die Zeit noch. Schwester Annegret servierte dem Chef der Paracelsus-Klinik den frisch gebrühten Kaffee.

„Danke, Annchen”, sagte Sören. „Sie sind ein wahrer Schatz. Wenn ich Sie nicht hätte ...”

Die alte Schwester winkte schmunzelnd ab.

„Hätten Sie eine andere.”

„Aber bestimmt nicht so eine gute, denn Sie sind die Beste.”

Annegret lachte. „Womit habe ich mir soviel Lob verdient?’’

„Mit Ihrer fürsorglichen Art, mit Ihrem sympathischen Wesen, mit Ihrer vorbildlichen Loyalität ...”

Schwester Annegret schüttelte den Kopf.

„Aufhören! Hören Sie auf, Chef! Sonst keimt in mir der Verdacht, dass Sie mich mit schönen Komplimenten bestechen wollen.”

Sören nahm einen Schluck vom Kaffee.

„Darf man nicht mal freundlich sein, ohne dass sofort ein Hintergedanke vermutet wird?”

„Entschuldigen Sie. Ich wollte Ihnen natürlich nichts unterstellen ...”

„Schon gut. Wann habe ich meiner Frau eigentlich zum letzten Mal rote Rosen geschenkt?”

Schwester Annegret machte große Augen.

„Woher soll ich denn das wissen?”

„Ich hätte es Ihnen ja gesagt haben können.”

Schwester Annegret legte die Stirn nachdenklich in Falten.

„Na ja, ich erinnere mich dunkel, dass Sie so etwas mal erwähnten, aber das liegt bestimmt schon ein halbes Jahr zurück.”

„Ein halbes Jahr ... Dann wird es aber Zeit, mal wieder mit einem wunderschönen Strauß nach Hause zu kommen. Finden Sie nicht?”

Schwester Annegret wiegte den Kopf.

„Hoffentlich legt Ihre Frau das nicht falsch aus und denkt, Sie hätten ein schlechtes Gewissen. Viele Männer bringen ihrer Frau nämlich nur dann Blumen, wenn sie etwas ausgefressen haben.”

„Also lieber keine Rosen”, meinte Sören Härtling.

Schwester Annegret spitzte die Lippen, als wolle sie pfeifen.

„Würden Sie sich darum kümmern, Annchen? Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.”

„Hab’ ich gern. Kein Problem.”

Dr. Härtling warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Fangen wir an”, sagte er. „Wer ist die erste?“

„Frau Quast.”

Sören nickte.

„Schicken Sie sie herein und - behalten Sie die roten Rosen im Auge!”

„Wie viele sollen es sein?”

„Ein Dutzend”, antwortete Sören.

„Ihre Frau wird sich freuen.”

„Das hoffe ich”, schmunzelte Dr. Härtling.

Schwester Annegret ging hinaus, und einen Augenblick später erschien die erste Patientin - Tamara Quast, eine gepflegte, reife Frau, elegant gekleidet, mit flotter Kurzhaarfrisur. Sören kannte sie seit vielen Jahren. Sie war eine sehr angenehme Patientin, und bisher hatte ihm immer ihre lebensbejahende Art imponiert. Doch heute wirkte sie niedergeschlagen und traurig. Etwas schien sie zu bedrücken.

„Guten Tag, Herr Dr. Härtling”, sagte sie, um ein freundliches Lächeln bemüht, das ihr jedoch nicht richtig gelingen wollte.

Sören reichte ihr die Hand.

„Guten Tag, Frau Quast. Wie geht es Ihnen?”

Die Patientin seufzte: „Ach, nicht so gut, ehrlich gestanden.”

Sören forderte sie auf, sich zu setzen.

„Na, dann erzählen Sie mal”, sagte er mit freundlichem Lächeln.

„Ich schlafe in letzter Zeit sehr schlecht, bin am Tag nervös und gereizt. Die kleinste Kleinigkeit kann mich in Rage bringen. Ich werfe mit Tellern um mich und schreie mit meinem Mann. Unsere Ehe steht durch meine Schuld auf wackeligen Beinen. Aber am schlimmsten sind meine ständigen Depressionen. Oft könnte ich von morgens bis abends nur heulen. Dass das mein Mann kaum noch aushält, ist zu verstehen. Er lässt mich immer öfter allein, geht mit Freunden weg, und ich habe Angst, ihn zu verlieren, aber es gelingt mir nicht, mich zusammenzunehmen. Mir gehen immer wieder die Nerven durch. Ich befinde mich in einem furchtbaren Teufelskreis, aus dem ich nicht ausbrechen kann, obwohl ich es so schrecklich gern möchte Wenn Sie mir nicht helfen ...” Tamara Quast brach ab. „Es ... es ist die Hölle, was ich derzeit durchmache, Herr Doktor”, sagte sie mit belegter Stimme.

„Haben Sie häufig Hitzewallungen?”, erkundigte sich Sören Härtling.

Die Patientin nickte.

„Schweißausbrüche?”, fragte Sören.

Frau Quast nickte wieder.

„Ich weiß, dass ich in den Wechseljahren bin, Herr Doktor ...”

„In Ihrem Körper findet eine große hormonelle Umstellung statt.”

„Ja, aber meine psychischen Probleme müssen andere Ursachen haben. Meine Wechseljahre müssen doch allmählich zu Ende gehen.”

„Die Dauer des Klimakteriums ist bei jeder Frau individuell unterschiedlich”, erklärte Sören Härtling. „Auch die Beschwerden sind es. Eine Frau leidet mehr unter den Wechseljahren, die andere weniger - manche überhaupt nicht.”

„Ich wollte, ich gehörte zu letzteren”, seufzte Tamara Quast.

„Die Eierstöcke vermindern zwischen dem fünfundvierzigsten und dem fünfundfünfzigsten Lebensjahr langsam ihre Hormonproduktion und stellen sie schließlich ganz ein. Dadurch nehmen die Regelblutungen ab und hören eines Tages ganz auf. Beginn und Dauer des Klimakteriums sind sehr von der gesundheitlichen Vergangenheit der Frau abhängig. Schwangerschaften halten die Eierstöcke zum Beispiel länger jung, während chronische Unterleibserkrankungen sie schädigen, wodurch die Wechseljahre häufig früher eintreten. Auch Frauen, die regelmäßig Alkohol trinken und rauchen, kommen eher ins Klimakterium.”

„Dann hängt die Dauer dieser unangenehmen Lebensphase also vom Gesundheitszustand meiner Eierstöcke ab”, sagte die Patientin.

Sören nickte. „So ist es. Sinkt die Hormonproduktion, treten Störungen im Nervensystem und im Seelenleben auf. In der Regel sind sie auf ein bis zwei Jahre begrenzt. Sie können aber auch kürzer sein oder länger dauern — bis der Organismus sich an die neue Situation gewöhnt hat.”

„Und solange diese Anpassung nicht gänzlich vollzogen ist, leide ich unter mehr oder weniger starken Beschwerden”, seufzte Tamara Quast. Sören Härtling nickte. „Und in dieser Zeit schrei ich meinen Mann an, kriege hysterische Anfälle und schmeiße Teller kaputt”, klagte Frau Quast. „Muss das sein, Herr Doktor? Können Sie mir nicht helfen? Für meinen Mann wird die Situation langsam unerträglich.”

„Natürlich gibt es Hilfe”, sagte Dr. Härtling.

Tamara Quast schüttelte den Kopf.

„Mein Gott, warum bin ich nicht schon früher zu Ihnen gekommen?”

„Die Beschwerden, die das Klimakterium mit sich bringt, können mit Hormonpräparaten entscheidend gelindert werden”, erklärte Sören Härtling. „Sie sind in unterschiedlicher Form erhältlich - als Drei-Monats-Spritze, als Pflaster oder in Form von Tabletten. Diese Medikamente enthalten das weibliche Sexualhormon Östrogen und ein weiteres Hormon namens Gestagen. Wenn Sie das Mittel, das ich Ihnen verschreibe, über einen längeren Zeitraum einnehmen, werden Ihre Probleme bald vorbei sein.”

Als die Patientin sich kurz darauf verabschiedete, war sie sichtlich erleichtert. Sie hätte wirklich früher zu mir kommen sollen, dachte Dr. Härtling. Aber manche Menschen gehen erst dann zum Arzt, wenn es bereits fünf vor zwölf ist.

 

 

2

Das Taxi hielt vor dem Haus der Quasts. Tamara stieg aus, das Taxi fuhr weiter. Im Nachbarhaus machte Mario Schönberg seine Stimmübungen. Er war Opernsänger — ein sehr guter sogar, aber der große Durchbruch wollte ihm nicht gelingen. Die Quasts und die Schönbergs waren seit Jahren miteinander befreundet. Sogar Urlaub hatten sie schon zusammen verbracht und sich großartig vertragen. Jedes Mal, wenn Mario Schönberg ein neues Engagement bekam, drückten ihm Tamara und Thomas Quast ganz fest die Daumen, und sie hofften für ihn, dass er es schaffte, ganz nach oben zu kommen, dorthin, wohin er ihrer Meinung nach schon längst gehörte.

Tamara Quast schloss die Haustür auf, trat dann aber nicht ein, sondern schlug die Tür wieder zu und läutete bei den Nachbarn. Sie wollte nicht allein sein, und ihr Mann würde erst spätabends nach Hause kommen.

Mario ließ sich nicht stören, er setzte seine Stimmübungen fort, begleitete sich dabei selbst am Klavier, sang Tonleitern und schwierige Etüden. Michaela Schönberg öffnete.

„Tamara! Komm rein!”

,,Komme ich ungelegen?”

„Überhaupt nicht. Du musst mich nur einen Moment entschuldigen. Ich habe Ingeborg am Telefon.”

Mario Schönberg hatte einen Halbbruder namens Wolf Kretschmer, und dessen Lebensgefährtin hieß Ingeborg Herzfeld. Michaela Schönberg eilte ins Wohnzimmer und nahm den Hörer, der neben dem Apparat lag, wieder auf. „Hallo, Ingeborg? Da bin ich wieder.” Tamara Quast trat ein und schloss die Tür. „Tamara ist soeben gekommen”, informierte Michaela Schönberg die junge Frau am anderen Ende der Leitung.

„Grüß sie herzlich von mir”, bat Ingeborg Herzfeld.

„Herzliche Grüße von Ingeborg”, sagte Michaela in Tamaras Richtung.

„Danke”, sagte Tamara. „Liebe Grüße zurück. Auch an Wolf.”

Michaela gab es weiter. Sie war eine schöne Frau von neunundzwanzig Jahren, wirkte zart und zerbrechlich und hatte seidig glänzendes aschblondes Haar.

„Wolf fühlt sich im Moment nicht besonders”, sagte Ingeborg. Ihr Lebensgefährte war Koch in der Mensa der Wirtschafts-Uni. Er sorgte dort für das leibliche Wohl vieler Studenten und war bei ihnen sehr beliebt. Er hatte stets ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte seiner Gäste und half, wo immer er konnte.

„Was fehlt ihm denn?”, wollte Michaela wissen. Nebenan, im Musikzimmer, hinter der gepolsterten Tür, sang Mario jetzt ein Lied von Franz Schubert. Tamara Quast setzte sich und wartete, bis Michaela das Telefonat beendet hatte.

„Es hat vorgestern begonnen”, erzählte Ingeborg. „Schon den ganzen Tag über hatte er unter Fieber und Atemnot gelitten. Bei der kleinsten Anstrengung hat er geschwitzt.”

„Warum ist er denn nicht sofort heimgegangen?”, fragte Michaela verständnislos.

„Du kennst doch Wolf. Er nimmt seine Arbeit sehr ernst.”

„Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wenn man krank ist, gehört man ins Bett und muss sich auskurieren.”

„Er wollte noch nicht mal, dass ich den Hausarzt hole”, sagte Ingeborg. „Gestern habe ich es aber doch getan.”

„Und? Wie lautete die Diagnose?”, wollte Michaela wissen. Sie mochte den Halbbruder ihres Mannes sehr.

„Grippe.”

„Na ja, dann ist Wolf ja in einer Woche wieder auf den Beinen”, meinte Michaela erleichtert.

„Das bezweifle ich”, widersprach Ingeborg. „Er spricht auf das Antibiotikum, das ihm Dr. Steiner verschrieben hat, überhaupt nicht an. Im Gegenteil, es geht ihm immer schlechter, und sein rechtes Bein ist unterhalb des Knies so stark angeschwollen, dass es fast so dick ist wie der Oberschenkel.”

Michaela erschrak.

„Das würde ich aber nicht anstehen lassen. Vielleicht braucht Wolf ein anderes Medikament. Oder kannst du euren Hausarzt nicht bitten, Wolf in die Paracelsus-Klinik einzuweisen?”

„Dr. Steiner meint, das sei nicht nötig.”

„Ja, aber Wolfs dickes Bein - das hat doch nichts mit einer gewöhnlichen Grippe zu tun”, sagte Michaela besorgt.

„Dr. Steiner ist der Arzt. Wir müssen glauben, was er sagt.”

„Wenn sich dieses Ödem in Wolfs Bein nicht bald gibt, würde ich darauf bestehen, dass Dr. Steiner ihn in die Paracelsus-Klinik einweist”, riet Michaela Ingeborg.

„Das hab’ ich vor.”

„Halt uns über Wolfs Gesundheitszustand bitte auf dem Laufenden, ja?”

„Natürlich.”

„Sag Wolf, wir wünschen ihm alles Gute und baldige Genesung.”

„Werd’ ich ihm ausrichten”, versprach Ingeborg Herzfeld und legte auf.

 

 

3

Sie hatte wunderschönes tizianrotes Haar, das in weichen Wellen auf ihre sanft gerundeten Schultern floss, und lustige Sommersprossen bedeckten ihr apartes Gesicht, ohne zu stören. Ein tiefer Seufzer entrang sich Ingeborgs Brust. Sie schaute mit ihren großen, meergrünen Augen zur Decke, stand noch neben dem Telefon und machte sich Sorgen um Wolf, der oben im verdunkelten Schlafzimmer lag und hoch fieberte.

Ingeborg war Grafikerin. Sie arbeitete zu Hause. Die Auftragslage war zufriedenstellend. Hin und wieder illustrierte sie auch Bücher für einen kleinen Jugendbuchverlag, das machte ihr am meisten Spass.

Es war Zeit, mal wieder nach Wolf zu sehen. Dreiundzwanzig war Ingeborg im vergangenen Monat geworden. Wolf war neunundzwanzig. Er und Michaela waren nicht nur gleich alt, sie hatten sogar am selben Tag Geburtstag.

Heirat war für Ingeborg etwas Altmodisches. Sie fand, dass sie auch ohne Trauschein mit Wolf glücklich sein konnte, und das war sie — nun schon seit mehr als drei Jahren. Ein Stück Papier und ein Ring am Finger hätten sie nicht glücklicher gemacht, und sie hielt ihrem geliebten Lebenspartner auch die Treue, ohne es in der Kirche feierlich gelobt zu haben. Und sie würde für ihn in guten wie in schlechten Tagen dasein.

Sie verließ das Wohnzimmer und stieg die Stufen zum Obergeschoss hoch. Wenn sich Wolfs Gesundheit nicht bald besserte, würde sie darauf bestehen, dass er in die Paracelsus-Klinik kam.

An der Schlafzimmertür blieb Ingeborg stehen und lauschte mit angehaltenem Atem. Sie vernahm Gemurmel. Träumte Wolf schlecht? Fantasierte er?

Behutsam öffnete sie die Tür. Wolf drehte sich im Bett unruhig hin und her. Schweißnass war ein Gesicht, und seine Augen glänzten wie Glaskugeln. Er sprach wirr und unverständlich, war geistig nicht da.

„Liebling”, kam es gepresst über Ingeborgs Lippen. „Wolf!”

Er reagierte nicht. Sein Atem ging schnell, und seine Stirn glühte. Ingeborg rannte ins Bad, ließ kaltes Wasser über einen Waschlappen laufen und eilte ins Schlafzimmer zurück. Vorsichtig legte sie ihrem Lebensgefährten den kühlenden Waschlappen auf die Stirn. Schaudernd vernahm sie, wie Wolf im Fieberwahn vom Sterben sprach. Ihre Kopfhaut spannte sich.

„Wolf! Wolf, komm zu dir!”, rief sie eindringlich.

Sein Atem rasselte. Er sah sie an, ohne sie wahrzunehmen. Er blickte durch sie hindurch. Diese Leere in seinen glasigen Augen machte ihr Angst. Sie schlug die Decke beiseite und stellte bestürzt fest, dass Wolfs Bein blau angelaufen war. Grippe? Nein, wahrlich nicht. Ingeborg deckte Wolf wieder zu und hastete aus dem Schlafzimmer.

Sie rief Dr. Steiner an und bat ihn, sofort zu kommen. Wolfs Zustand habe sich erheblich verschlechtert.

„Ich bin in fünfzehn Minuten bei Ihnen”, versprach der Hausarzt, dann klickte es im Hörer.

Von diesem Moment an hatte Ingeborg Herzfeld das Gefühl, auf glühenden Kohlen zu stehen ...

 

 

4

„Warst du in der Paracelsus-Klinik?”, erkundigte sich Michaela Schönberg.

Tamara Quast nickte. „Ja.”

„Was sagt Dr. Härtling zu deinen Beschwerden?”

Tamara gab wieder, was Sören Härtling ihr gesagt hatte.

„Dumm von mir, dass ich nicht schon eher zu ihm gegangen bin”, fügte sie hinzu. „Aber du weißt ja, wie die meisten Menschen sind. Sie sagen sich: Was von selbst gekommen ist, soll auch von selbst wieder vergehen. Ich bin da keine Ausnahme. Und dann wartet man viel zu lange. Idiotisch ist das.”

„Na, Hauptsache Dr. Härtling kann dir helfen, diese psychische Krise zu überwinden.”

Tamara lächelte schmal.

„Thomas wird aufatmen, wenn ich endlich wieder normal bin. Mein armer Mann! Er hat einiges mit mir mitgemacht, aber das wird nun bald der Vergangenheit angehören. Die Stürme werden sich legen, und unser Eheschiff wird in ruhigere Gewässer zurückkehren.”

„Das wünsche ich euch. Einen Campari Soda?”

„Sehr gern.”

Nebenan sang Mario Schönberg eine schwierige Passage aus La Traviata.

„Er hat eine wunderschöne Stimme”, stellte Tamara begeistert fest. „Nach meiner Ansicht müsste er neben Carreras, Domingo und Pavarotti stehen.”

Michaela seufzte. „Wenn er nur ein wenig mehr Selbstvertrauen hätte!” Sie reichte Tamara das Glas.

„Er muss doch wissen, dass er ein ganz hervorragender Sänger ist.”

„Leider nicht.” Michaela nahm einen Schluck von ihrem Campari Soda. „Jede Kleinigkeit wirft ihn sofort um. Er ist zu sensibel. Die vielen Intrigen hinter seinem Rücken machen ihm schwer zu schaffen. Wenn man ihm einen Kollegen vorzieht, der nachweislich schlechter, dafür aber umso skrupelloser ist, macht ihn das jedes Mal fertig.”

„Qualität hat sich noch immer durchgesetzt”, sagte Tamara. „Das wird auch bei Mario so sein.”

„Er sollte nicht so sehr auf mich fixiert sein.”

„Findest du das denn nicht schön? Ist doch wunderbar, dass du ihm so viel bedeutest.” Die Eiswürfel klingelten leise, als Tamara trank.

„Ja, das schon”, gab Michaela zu, „aber Mario hält mich für seinen absoluten Glücksbringer, für seinen lebenden Talisman, ohne den er als Künstler angeblich nicht bestehen kann, und das ist Quatsch. Aber ich kann es ihm nicht ausreden. Er hat die fixe Idee, ohne mich bei jeder künstlerischen Herausforderung durchzufallen. Das wird bei ihm mehr und mehr zur Manie. Eine Premiere ohne mich, sein Maskottchen, ist für ihn undenkbar. Zweimal war ich verhindert, konnte nicht dabei sein - und beide Male hat er prompt versagt.”

„Auch einem Luciano Pavarotti ist schon mal ein Kiekser passiert.”

„Für Mario ist das eine ganz schlimme Katastrophe”, sagte Michaela. „Wenn ihm so etwas widerfährt, dauert es eine Ewigkeit, bis er sich davon erholt.”

„Na schön, dann spielst du eben sein Maskottchen”, meinte Tamara.

„Ich finde auch gar nichts dabei, aber stell dir mal vor, ich werde krank, wenn er gerade eine wichtige Partie zu singen hat. Das könnte ihm künstlerisch das Genick brechen, und ich weiß nicht, wie ich ihn von diesem — diesem Wahn befreien kann.”

Mario beendete seine Gesangsübungen.

„Wir verlieren besser kein Wort darüber, wenn er kommt”, sagte Michaela schnell.

Tamara nickte. Sie konnte schweigen, wenn es sein musste. Die gepolsterte Tür öffnete sich, und Mario Schönberg - ein stattlicher, gut aussehender Mann von fünfunddreißig Jahren - betrat das Wohnzimmer. Sein dichtes Haar war pechschwarz, und er hatte die sensibelsten braunen Augen, die Tamara je bei einem Mann gesehen hatte.

„Da ist er ja, der große Meister”, sagte sie lächelnd. „Es ist ein Vergnügen, dir zuzuhören.”

Mario küsste die Nachbarin auf die Wangen und setzte sich zu den Frauen.

„Ich habe in zwei Wochen eine wichtige Premiere.”

„Du wirst die Kritiker begeistern”, sagte Tamara überzeugt.

Mario schmunzelte.

„Aber nur, wenn meine geliebte Frau in der ersten Reihe sitzt. Michaela bringt mir nämlich Glück.”

Die Frauen wechselten einen bedeutungsvollen Blick, ohne dass es ihm auffiel, gingen jedoch nicht auf das ein, was er gesagt hatte.

„Ingeborg hat angerufen”, erzählte Michaela stattdessen. „Wolf ist krank.”

„Was hat er?”, fragte Mario.

„Grippe - meint der Arzt.”

„Meint der Arzt? Was soll das heißen?”

„Ich habe noch nie gehört, dass man ein dickes Bein bekommt, wenn man Grippe hat”, sagte Michaela. „Diese Flüssigkeitsansammlung muss eine andere Ursache haben. Ich habe Ingeborg geraten, Wolf vom Hausarzt in die Paracelsus-Klinik einweisen zu lassen. Dort kann man besser feststellen, was ihm fehlt.” Marios Stirn legte sich in Falten. „Hoffentlich ist es nichts Ernstes.” Er war seinem Halbbruder sehr zugetan. „Ist noch Kamillentee in der Küche?”

„Ich hol’ ihn dir.”

„Nicht nötig. Ich geh’ schon selbst”, sagte Mario und verließ das Wohnzimmer.

„Du hast einen ganz goldigen Mann”, schwärmte die achtundvierzigjährige Nachbarin.

Michaela schmunzelte.

„Ich bin mit ihm auch sehr zufrieden ...Wenn er diesen Tick - du weißt schon - nicht hätte, wäre er geradezu makellos.”

 

 

5

Dr. Joseph Steiner war nicht sehr groß - er reichte Ingeborg Herzfeld nur bis zur Schulter, hatte kleine Augen und einen grauen Oberlippenbart.

„Wolf fantasiert, Herr Doktor”, berichtete Ingeborg besorgt. „Er nimmt mich nicht mehr wahr, spricht vom Sterben ...”

„Na, na, so schnell stirbt man nicht”, meinte Dr. Steiner beschwichtigend und begab sich mit Ingeborg nach oben.

„Er fiebert so furchtbar hoch und spricht auf das, was Sie ihm verschrieben haben, überhaupt nicht an ...”

„Na, wir werden gleich sehen, was mit ihm los ist.”

Ingeborg öffnete die Schlafzimmertür. Dr. Steiner trat ein und stellte seine große Bereitschaftstasche auf die weiße Schleiflackkommode links neben der Tür.

Der Patient gefiel ihm nicht. Ingeborg Herzfeld hatte gut daran getan, ihn anzurufen. Er musste seine erste Diagnose revidieren. Wolf Kretschmer war nicht an Grippe erkrankt. Die nunmehr ausgeprägten Symptome deuteten auf eine Herzfunktionsstörung hin, das ergab eine kurze Untersuchung des hoch fiebernden Patienten.

Ingeborg brauchte nicht darauf zu bestehen, dass der Hausarzt ihren Lebensgefährten ins Krankenhaus einwies. Dr. Steiner sagte von sich aus: „Ich sorge dafür, dass er sofort in die Paracelsus-Klinik kommt.”

„Ist es ernst, Dr. Steiner?”, fragte die junge Frau heiser.

„Man wird in der Paracelsus-Klinik die Ursache seiner Beschwerden ermitteln und eine entsprechende Behandlung einleiten.”

„Ist es ernst?”, wiederholte Ingeborg Herzfeld ihre Frage eindringlich. „Bitte sagen Sie mir die Wahrheit.”

Joseph Steiner zog die grauen Augenbrauen zusammen.

„Ich fürchte, es sieht nicht gut aus”, gestand er dann leise.

Ingeborg sah ihn erschrocken an.

„Wird er ... Er wird doch nicht ...”

„Man wird ihn in der Paracelsus-Klinik wiederherstellen. Aber es wird seine Zeit dauern. Sie dürfen sich kein Wunder erwarten, Frau Herzfeld.”

 

 

6

„Was für ein Tag ist heute?” fragte Ben, Sören Härtlings siebzehnjähriger Sohn.

„Mittwoch”, antwortete Dr. Härtling.

„Das weiß ich”, sagte Ben.

„Warum fragst du dann?”

„Ich frage, weil du mit einem Riesenstrauß roter Rosen nach Hause kommst”, erklärte Ben.

„Darf ich meiner Frau keine Blumen bringen?”

„Doch”, antwortete Ben, „aber du tust es doch sonst nie.”

„Heute tu’ ich’s eben mal. Was dagegen, Sohn?”

„Nein, Vater, überhaupt nichts”, grinste Ben.

„Das freut mich.” Sören trat von der Diele ins Wohnzimmer.

„Guten Abend, Herr Doktor”, grüßte Ottilie, die Perle des Hauses Härtling. „Oh, die Rosen - sind die wunderschön. Irgendein besonderer Anlass? ”

„Kein besonderer Anlass.”

Ottilie atmete erleichtert auf. „Da bin ich aber froh.”

„Wieso?”

„Ich hab’ kein Festtagsmenü gekocht”, sagte die Haushälterin.

„Es ist ein Tag wie jeder andere.”

Die Wirtschafterin wiegte den Kopf.

„Ein Tag wie jeder andere ... Und Sie bringen Ihrer Frau rote Rosen ... Das ist kein Tag wie jeder anderer für mich.”

„Wo ist Jana?”, wollte Sören wissen.

„Oben”, antwortete Cäcilia „Sie macht sich die Haare.”

Sören drehte sich um, eilte aus dem Wohnzimmer - und stieß mit Dana, seiner siebzehnjährigen Tochter, Bens Zwillingsschwester, zusammen.

„Für wen sind denn die wunderschönen Rosen, Vati?”

„Nicht für dich, mein Schatz”, lächelte Sören.

„Für Mutti? Da wird sie sich aber freuen. Hast du irgendetwas gutzumachen?”

„Nein”, brummte Sören Härtling. „Stell dir vor, ich habe ein absolut reines Gewissen und wage mich trotzdem mit Blumen nach Hause.”

Im Obergeschoss traf er auf den fast dreizehnjährigen Tom und auf die neunjährige Josee. Himmel, es ist wie ein Spießrutenlauf, dachte er.

„Sind die Rosen aus unserem Garten?”, fragte Tom.

„Nein”, grollte Sören, „so etwas gibt es auch im Blumenladen zu kaufen.”

„Rausgeschmissenes Geld”, meinte Tom sachlich. „Ich hol’ sie immer aus dem Garten, wenn ich Mutti eine Freude machen möchte.”

„Ach, du bist das!”

„Du verpetzt mich hoffentlich nicht”, sagte Tom.

„Vati nicht. Aber ich, wenn du mir morgen nicht bei meinen Hausaufgaben hilfst”, nutzte Josee die Situation sofort aus.

„Das nennt man Erpressung!”, beschwerte sich Tom. „He, Vati, darf sie das? Darf Josee mich erpressen?”

„Nein, mein Junge, das darf sie nicht.”

Tom wandte sich an seine kleine Schwester.

„Hast du gehört? Das darfst du nicht.”

„Na schön, ich sage nichts, aber du hilfst mir morgen trotzdem, ja?”

Tom legte sich nicht fest.

„Wir werden sehen”, sagte er.

„Wir werden sehen, ob ich es schaffe, meinen Mund zu halten“, sagte Josee pfiffig.

Sören schickte die beiden hinunter.

„Es gibt gleich Abendbrot”, bemerkte er und ging weiter. Er fand Jana im Bad. „Frag mich bitte nicht, was heute für ein Tag ist, woher ich die Blumen habe und warum ich dir mitten unter der Woche rote Rosen schenke”, sagte er grinsend. ,,Nimm sie einfach und erfreue dich an ihrem betörenden Duft und an ihrem göttlichen Anblick! Ich will dich nicht bestechen, mein Gewissen ist so rein wie das eines neugeborenen Kindes, und ich verfolge mit diesem Präsent keinerlei wie auch immer geartete hinterlistige Ziele. Alles klar?”

Jana Härtling schmunzelte.

,,Was für eine merkwürdige Vorrede hältst du denn da?”

Sören hob schmunzelnd die Schultern.

„Man wird vorsichtig, wenn man in einer Welt lebt, die von Misstrauen geprägt ist.”

Jana nahm die Rosen und gab ihrem Mann einen zärtlichen Kuss.

„Sie sind wunderschön.”

„Deine Frisur ist es auch”, sagte Sören und küsste seine schöne Frau wieder.

 

 

7

Moni Wolfram, Sören Härtlings aparte Sekretärin, verheiratet mit dem jungen Assistenzarzt Dr. Michael Wolfram, brachte die Morgenpost.

„Guten Morgen, Chef.”

„Morgen, Moni”, antwortete Dr. Härtling freundlich. „Hübsche Bluse, die Sie da anhaben. Woher ist die?”

„Aus Wien. Mein Mann hat sie mir gekauft. Wie Sie wissen, verbrachten wir vor vierzehn Tagen ein verlängertes Wochenende in der Walzerstadt.”

„Wenn meine Frau die Bluse sieht, möchte sie mit Sicherheit auch mal für ein paar Tage nach Wien.”

„Kann ich nur empfehlen. Sind ja bloß vierhundertfünfzig Kilometer.” Moni ging hinaus. Eine halbe Stunde später fragte sie über die Sprechanlage: „Haben Sie Zeit für Doktor Falk?”

„Natürlich. Schicken Sie ihn rein!” Sören Härtling und Daniel Falk waren nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Als der sechsundvierzigjährige Chefarzt der Chirurgie zur Tür hereinkam, sah ihm Sören sofort an, dass er Kummer hatte.

Sören schüttelte dem Freund die Hand.

„Setz dich! Probleme?”

Dr. Falk nickte mit düsterer Miene. Dr. Härtling drückte auf die Sprechanlage.

„Moni, zwei Kaffee, bitte.”

„Bin schon unterwegs, Chef.”

„Danke.” Dr. Härtling wandte sich an den Chirurgen. „Also, was ist los, Daniel?”

„Gestern wurde ein Patient namens Wolf Kretschmer eingeliefert”, erzählte Dr. Falk.

Sören stützte sich mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch. „Und?”

„Der Hausarzt diagnostizierte zuerst Grippe, dann Herzfunktionsstörung. Inzwischen haben wir eine lebensgefährliche Schädigung der Herzschlagader festgestellt. Kretschmer ist der Halbbruder des Opernsängers Mario Schönberg.”

Dr. Härtling nickte. Der Name Schönberg war ihm bekannt. Michaela Schönberg gehörte seit zwei Jahren zu seinen Stammpatientinnen. Sie kam regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zu ihm.

„Sieht nicht gut aus für Kretschmer”, sagte der Chirurg. „Das hohe Fieber hat ihn stark geschwächt.”

„Muss er operiert werden?”, fragte Dr. Härtling.

Dr. Falk nickte. „Und zwar so schnell wie möglich.” Moni brachte den Kaffee und zog sich gleich wieder zurück. „Wir müssen Kretschmers Schlagader durch eine Kunststoffprothese ersetzen”, referierte Daniel Falk, „und höchstwahrscheinlich braucht er auch eine künstliche Herzklappe.”

„Wer wird dir assistieren? ”

„Doktor Wolfram”, antwortete der Chirurg.

„Und wer übernimmt die Anästhesie?”, wollte Sören Härtling wissen.

„Andrea Keilberg.”

Dr. Härtling nickte ernst.

„Hoffentlich geht es gut.” Er griff nach seiner Kaffeetasse und trank.

 

 

8

„Bist du soweit? Können wir gehen?”, fragte Thomas Quast seine Frau.

Tamara war noch mit dem Schminken beschäftigt.

„Ich bin gleich fertig”, sagte sie.

Er lehnte sich an den Türrahmen. Seine Stirn war sehr hoch, das Haar an den Schläfen stark angegraut. Er war einundfünfzig und — seinem Alter entsprechend — nicht mehr ganz schlank.

Sie sah ihn durch den Spiegel ärgerlich an.

„Mach mich bitte nicht nervös, sonst dauert es noch länger.”

„Was tu’ ich denn?”, fragte Thomas, der sich keiner Schuld bewusst war.

„Du siehst mir beim Schminken zu”, antwortete Tamara, „obwohl du weißt, dass ich das nicht haben kann.”

„Was ist denn schon dabei? Darf ich das Geheimnis deiner immerwährenden Schönheit nicht erfahren?”

Tamara drehte sich um und sah ihm kriegerisch in die Augen.

„Entweder du lässt mich jetzt in Ruhe, oder ihr besucht Wolf ohne mich.”

Thomas trollte sich kopfschüttelnd. Es war in letzter Zeit nicht leicht, mit Tamara auszukommen. Die Wechseljahre machten ihr - und damit auch ihm - zu schaffen. Obwohl sie bei Dr. Härtling gewesen war und seither Medikamente einnahm, konnte Thomas Quast noch keine Besserung ihrer Klimakterium-Beschwerden feststellen, aber man durfte sich von diesen Hormonpräparaten wohl keine Wunder erwarten. Er zündete sich im Wohnzimmer eine Zigarette an. Das Telefon läutete. Thomas hob ab. „Ja, bitte?”

„Fertig?”, fragte Michaela Schönberg, die Nachbarin.

„Ich schon, aber Tamara ist noch mit ihrer Kriegsbemalung beschäftigt.” Er zog an der Zigarette. „Wie lange wird es noch dauern?” Thomas blies den Rauch an der Sprechmuschel vorbei. „Ich schätze, in fünf Minuten müsste mein liebes Weib startklar sein.”

„Mario fährt inzwischen den Wagen aus der Garage”, sagte Michaela.

„Wenn ihr nicht warten wollt, fahrt schon mal vor - wir kommen nach.”

„Ist doch Blödsinn, mit zwei Autos zu fahren - wegen fünf Minuten”, erwiderte Michaela.

„War ja nur ein Vorschlag.”

„Bis gleich”, sagte Michaela und legte auf.

Thomas zog wieder an der Zigarette. Er rauchte zu viel. Er wusste es, und Tamara meckerte auch immer wieder mit ihm, aber er konnte die Zigaretten einfach nicht sein lassen. Hypnose, Akupunktur, Nikotinpflaster und Kaugummi hatten nichts bewirkt. Vielleicht hatte er eine Zeitlang ein paar Zigaretten weniger geraucht, aber das hatte er hinterher mit verstärktem Nikotingenuss schnell wieder wettgemacht.

Er sah aus dem Fenster. Die Schönbergs verließen soeben ihr Haus. Es lag ihm auf der Zunge „Jetzt wird es aber langsam Zeit, Schätzchen!” zu rufen, aber er verkniff es sich um des lieben Friedens willen.

Die Schönbergs warteten im Wagen auf Tamara und Thomas. Endlich kam Tamara die Treppe herunter. Thomas wich ihrem Blick aus.

Er ärgerte sich über seine Frau. Nie wurde sie rechtzeitig fertig. Immer kam sie zu spät. Immer mussten alle auf sie warten. Er konnte ihr das einfach nicht abgewöhnen. Er konnte sich damit aber auch nicht abfinden. Jeder andere Ehemann hätte wahrscheinlich schon längst resigniert - er nicht. Er ärgerte sich immer wieder über Tamaras Saumseligkeit.

„Ich bin fertig”, sagte Tamara.

Ihm lag ein ironisches „Schon?” auf der Zunge. Er schluckte es mühsam hinunter, stieß die Zigarette in den Aschenbecher und verließ mit seiner Frau das Haus.

Sie stiegen zu den Schönbergs in den Wagen. Mario fuhr los. Sein Halbbruder war gestern operiert worden. Vierzehn Stunden hatte die Operation gedauert, und Wolfs Leben hatte an einem sehr dünnen Faden gehangen.

Die Ärzte hatten seine Schlagader durch eine Kunststoffprothese ersetzt, und er hatte eine künstliche Herzklappe bekommen. Nun ging es ihm den Umständen entsprechend. Die Lebensgefahr war zum Glück gebannt, Wolf erholte sich langsam von seiner Krankheit und vom chirurgischen Eingriff. Die Schönbergs und die Quasts sprachen über ihn.

„Wolf hat mit einem Bein im Grab gestanden”, sagte Mario betroffen. „Man stelle sich das mal vor: Mit neunundzwanzig Jahren musste er dem Tod schon ins Auge sehen! Ist das nicht schrecklich?”

„Wie schnell etwas passieren kann”, seufzte Michaela.

„Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kann es einen treffen”, sagte Tamara. „Heute fühlt man sich noch pudelwohl — und morgen kann man bereits sterbenskrank sein.”

„Deshalb sollte man niemals zu leben vergessen”, bemerkte Thomas. „Bewusst leben meine ich. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute mitnehmen, was möglich ist, um später, wenn es nicht mehr geht, nicht bereuen zu müssen, irgendetwas ausgelassen zu haben.”

Mario Schönberg musste an einer ampelgeregelten Kreuzung anhalten. Nebenan stand ein japanischer Kleinwagen. Wummernde Basstöne drangen aus dem Fahrzeug, in dem ein langhaariger junger Mann saß.

„’ne rollende Diskothek”, grinste Thomas.

„Der Bursche macht sich sein Gehör kaputt”, sagte Mario kopfschüttelnd.

„Und er gefährdet sich und andere”, behauptete Michaela, „denn dreißig Prozent aller Gefahren nimmt der Mensch im Straßenverkehr übers Gehör wahr.”

Grün. Der Kleinwagen zischte ab wie eine Rakete. Mario sah ihm nach und meinte: „Der Junge braucht einen sehr wachsamen Schutzengel.”

Sie erreichten kurz darauf die Paracelsus-Klinik. Auf dem Weg zu Wolf Kretschmer begegneten sie Dr. Härtling, der über den derzeitigen Zustand des frisch operierten Patienten Bescheid wusste und ihnen reinen Gewissens Hoffnung machen konnte. Sören Härtling bezeichnete es als Glück im Unglück, dass Wolf Kretschmer erst neunundzwanzig war, also noch jung genug, um den Eingriff gut zu überstehen und rasch wieder zu Kräften zu kommen.

„Wird er seinen Beruf wieder ausüben können?”, erkundigte sich der Opernsänger.

„Mit Sicherheit”, nickte der Chef der Paracelsus-Klinik. „Wenn wir ihn entlassen, kommt er noch für einen Monat in eine Reha-Klinik. Danach wird er soweit wiederhergestellt sein, dass er seine Arbeit wieder aufnehmen kann. Aber große Anstrengungen werden für ihn nicht mehr drin sein. Keine Gewalttouren ins Gebirge. Keine Kraftakte beim Freizeitsport ...”

Mario Schönberg winkte ab. „Hat er sowieso nie gemacht.”

„Dann können wir ihm ein relativ beschwerdefreies Leben garantierten”, sagte Dr. Härtling, nickte allen freundlich zu und ging weiter.

„Ein netter Mensch, dieser Doktor Härtling”, bemerkte Mario.

„Ein Arzt, wie er sein soll”, sagte Michaela. „Man hat sofort Vertrauen zu ihm, und er versteht es meisterhaft, einem Mut zu machen, wenn man mal krank ist.”

Sie gingen weiter. Ingeborg Herzfeld war schon bei Wolf, der blass und eingefallen in seinem Bett lag. Aber bei klarem Verstand. Und er freute sich über den Besuch der Schönbergs und der Quasts.

 

 

9

Als Dr. Sören Härtling am Abend dieses Tages nach Hause kam, überfiel ihn Josee sofort mit einer Neuigkeit, die sie unmöglich für sich behalten konnte.

„Ben hat eine neue Freundin! Ben hat eine neue Freundin, Vati!”

Sören schmunzelte.

„Ben ist siebzehn, warum sollte er keine Freundin haben? Ich habe nichts dagegen. Wenn du siebzehn bist, wirst du auch einen Freund haben.”

Josee schüttelte heftig den Kopf.

„Ich nicht. Jungs sind doof.”

„In ein paar Jahren wirst du deine Meinung ändern.”

Wieder schüttelte Josee ganz fest den Kopf.

„Nie. Und ich werde auch nie heiraten. Ich bleibe immer bei Mutti und dir.”

„Ist mir auch recht”, lächelte Sören.

„Sie heißt Leontine.”

„Wer?”, fragte Sören.

„Bens neue Freundin. Und sie ist alt”, behauptete Josee.

„So? Wie alt ist sie denn?”

„Einundzwanzig”, sagte Josee.

Sören Härtling verkniff sich ein Grinsen.

„Ein biblisches Alter”, meinte er ernst.

„Sie hat schon ein eigenes Auto.”

„Es sei ihr gegönnt”, erwiderte Sören.

„Wir werden sie heute kennenlernen”, kündigte Josee an. „Sie wird Ben mit dem Wagen abholen.”

„Ich wette, du platzt jetzt schon vor Neugier.”

„Ich bin gespannt, wie sie aussieht”, gab Josee zu.

„Du wirst mit Sicherheit etwas an ihr auszusetzen haben.”

„Wieso denn?”, fragte Josee. „Wie kommst du darauf?”

„Weil dir bisher noch kein Mädchen gefallen hat, das sich für Ben interessierte”, antwortete Sören.

Später, nach dem Abendessen, fragte Ben: „Leihst du mir die Krawatte, die ich dir zum Geburtstag geschenkt habe, Vati?”

Sören hatte das knallbunte Ding noch nie getragen. Die Krawatte war ihm etwas zu schrill. Nicht einmal ein Blinder konnte sie übersehen. Er lieh sie seinem Sohn sehr gerne. So vergammelte sie wenigstens nicht in seinem Schrank.

„Du wirst Leontine damit gefallen”, sagte Sören lächelnd.

Bens Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Josee konnte mal wieder nicht den Mund halten, was?”

„Sie hat mir kein großes Geheimnis verraten. Wenn Leontine dich abholt, sehe ich sie sowieso.”

„In Josees Augen ist Leontine viel zu alt für mich. Sie ist einundzwanzig - schon vorbei. Sie wird in vier Monaten zweiundzwanzig. Mir ist das egal. Wir verstehen uns super, und nur darauf kommt es an.”

„Wo hast du sie denn kennengelernt?”, fragte Sören.

„Sie saß im Kino neben mir. Wir haben uns beim Hinausgehen über den Film unterhalten. Wir waren beide mit dem Schluss nicht einverstanden. Ich hab’ Leontine auf ’ne Cola eingeladen und - na ja ... Ich sehe sie heute zum vierten Mal.”

„Hat sie einen Beruf?”, erkundigte sich Sören Härtling.

„Sie ist Sekretärin. Sie wird dir bestimmt gefallen.” Ben fing an zu zappeln. „Ich muss mich beeilen.” Er sauste die Treppe hoch.

Sören sah ihm schmunzelnd nach.

„Er ist verliebt”, sagte er zu seiner Frau, die soeben aus der Küche kam. „Unser Sohn ist verliebt, Jana.”

„Ja”, lachte Jana Härtling. „Bis über beide Ohren.”

Sören grinste. „In eine Großmutter - meint unser Nesthäkchen.”

Jana machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Für Josee ist alles alt, was über fünfzehn ist. Ich möchte lieber nicht wissen, wie alt ich in ihren Augen bin.”

„Eltern sind zeitlose Wesen. Wir laufen gewissermaßen außer Konkurrenz mit.”

Jana verdrehte die Augen.

„Da bin ich aber froh! Ich habe nämlich keine Lust, von meiner Tochter mit einem alten Flugsaurier verglichen zu werden.”

Als draußen ein Wagen hielt, rasten Josee, Tom und Dana zum Fenster.

„Kinder, ihr seid unmöglich”, tadelte Jana Härtling sie „Man muss sich für euch direkt schämen.”

„Mensch, die sieht ja noch älter aus, als sie ist!”, rief Josee enttäuscht aus.

„Ich finde sie klasse”, sagte Tom.

„Dir gefällt ja jede”, stellte Josee abwertend fest.

„Ich finde, sie ist sehr hübsch”, gab Dana ihr Urteil ab.

Natürlich war auch Sören neugierig, aber er beherrschte sich.

Details

Seiten
114
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937275
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520508
Schlagworte
engel

Autor

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Titel: Nur Engel dürfen ewig leben