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Höllenjob im Goldenen Dreieck – Tod auf Raten

2020 263 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Höllenjob im Goldenen Dreieck – Tod auf Raten

Teil 1 – Im Feuerhagel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Teil 2 – Todesfalle Grüne Hölle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Tod im Korallenmeer

Folgende Steve McCoy Bände sind bereits erschienen, oder befinden sich in Vorbereitung:

Höllenjob im Goldenen Dreieck – Tod auf Raten

 

 

von Hans-Jürgen Raben

 

 

Gesamtband von Tod im Goldenen Dreieck

 

Mafia-Thriller mit dem Geheimagenten Steve McCoy

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Titel:

 

Teil 1 – Im Feuerhagel

Teil 2 – Todesfalle Grüne Hölle

Bonusgeschichte – Tod im Korallenmeer

 

 

 

Klappentext:

 

Man sollte sich davor hüten Wünsche zu äußern, wenn man nicht bereit ist, die vollen Konsequenzen zu tragen, wenn sie in Erfüllung gehen …

Steve McCoy, der Einzelgänger und Geheimagent für besonders heikle Fälle, träumt davon, Urlaub in einer sonnigen Gegend zu machen – kurz darauf klingelt sein Telefon, und sein nächster Auftrag führt ihn in eine wirklich warme Gegend, die man „Goldenes Dreieck“ nennt. Nur sollte es kein Urlaub, sondern der schlimmste Albtraum seines bisherigen Lebens werden.

Brian Kent ist Profikiller und weltweit einer der Besten in diesem Geschäft. In „Fachkreisen“ gilt er als gradenloses Raubtier in den Dschungeln der Städte. Er hat den Ruf, dass er jeden tötet, der ihm gefährlich wird oder für dessen Tod er den Auftrag hat und diesmal heißt sein Ziel Steve McCoy. Doch er ist nicht der Einzige, der Jagd auf McCoy macht …

 

Mit der Bonusgeschichte „Tod im Korallenmeer“

 

 

***

 

 

Teil 1 – Im Feuerhagel

 

 

1. Kapitel

 

New York, John F. Kennedy Airport, Februar 1984

 

Den beiden Männern entging nichts. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen, obwohl sie keine Zwillinge waren. Aber sie gehörten dem gleichen Typ an. Sie waren hart und schnell.

Auf dem New Yorker John F. Kennedy-Flughafen herrschte der übliche Trubel, der nur in den Nachtstunden abflaute. Tausende von Passagieren hasteten durcheinander, hantierten mit ihren Gepäckstücken oder suchten nach dem Ticket. Sprachfetzen aus vieler Herren Länder schwirrten durch die Luft.

Einer der beiden Männer nahm langsam seine Sonnenbrille ab. Unauffällig nickte er zu einem Zollbeamten an der Sperre hinüber, der nur leicht das Gesicht verzog, zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

Gleichzeitig wandte sich der Mann an seinen Begleiter, der unbeweglich die Menschen anstarrte, die sich durch die Zollschleuse drängten.

„Das ist unser Mann. Der dort drüben in dem braunen Anzug.“

„Er hat nur eine Reisetasche“, bemerkte der zweite Mann. „Reisen die Kuriere heutzutage mit so leichtem Gepäck?“

Der Erste verzog keine Miene. „Es ist unauffälliger. Eine Masse von Koffern erregt die Neugier von Zöllnern auf der ganzen Welt. Der Mann muss einige Kontrollen passieren, ehe er hier ankommt. Meist winkt man einen Passagier mit einer Reisetasche einfach durch. Was kann er schon mitgebracht haben?“

Der andere nickte. „Viel Platz nimmt das Zeug nicht weg. Und schon mit einem oder zwei Kilo lässt sich ein gewaltiger Profit herausholen.“

Inzwischen war der Mann im braunen Anzug in der Schlange ein ganzes Stück weiter gekommen. Nur noch eine Frau stand zwischen ihm und dem Zöllner. Sie musste gerade ihren Koffer öffnen, in den der Beamte neugierig hineinspähte.

Die beiden Männer setzten sich in Bewegung. Sie hatten die Hände in den Taschen vergraben und schlenderten wie Leute, die auf einen Ankömmling warteten, auf den Ausgang zu.

Der Mann im braunen Anzug hatte sie bereits registriert. Seine Lippen verzogen sich unmerklich. Er warf einen raschen Blick über die Schulter, aber er war in der Menge eingekeilt.

Die Frau hatte endlich ihren Koffer wieder geschlossen, schnappte sich ihr Gepäck und ging durch die Sperre. Jetzt war der Mann im braunen Anzug an der Reihe. Er wollte schon durchgehen, aber der Zöllner deutete auf seine Tasche, und mit einem schiefen Grinsen stellte der Mann sie auf den Tresen.

Der Zöllner begann mit einer sehr gründlichen Untersuchung. Er packte alles aus und drehte es hin und her. Aber seine Miene wurde immer länger, und er warf den beiden Männern vor der Sperre einen hilfesuchenden Blick zu. Die reagierten nicht, sondern starrten auf den Passagier im braunen Anzug, dessen Grinsen immer breiter wurde. Schließlich gab der Zöllner auf. Er zog den Reißverschluss der Tasche zu und winkte den Mann weiter.

Als er die Sperre verlassen hatte, stellten sich ihm die beiden anderen in den Weg. Einer zückte einen Ausweis. „Wir möchten Sie bitten, mit uns in unser Büro zu kommen.“

Der Mann im braunen Anzug umklammerte seine Reisetasche fest mit beiden Händen. „Warum? Ich bin gründlich durchsucht worden. Was wollen Sie denn noch von mir? Ich bin jetzt außerhalb des Zollbereichs.“

„Wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie eine größere Menge Rauschgift mit sich führen. Und wir sind sicher, dass wir es bei Ihnen finden werden. Also kommen Sie bitte mit.“

Die Augen des Mannes im braunen Anzug irrten hilfesuchend durch die Gegend. Dann ging plötzlich ein Ruck durch seine Gestalt: „Wie Sie wollen. Wo ist Ihr Büro?“

„Dort drüben.“ Der Mann zeigte die Richtung.

Der Mann im braunen Anzug heftete seinen Blick auf eine bestimmte Stelle der riesigen Ankunftshalle. Seine Unsicherheit schien völlig verschwunden zu sein. Er schien sich überhaupt keine Sorgen um sein Schicksal zu machen, was nicht an seinem guten Gewissen lag.

Die Dreiergruppe hatte kaum zehn Schritte zurückgelegt, als es geschah. Von rechts näherte sich ein Mann, der einen hellen Mantel über dem Arm trug. Er ging sehr zielbewusst.

Mit einer plötzlichen Bewegung flog der Mantel zur Seite und rutschte auf den Boden. Der Mann trug eine kurzläufige Maschinenpistole über dem Arm. Er visierte kurz, und dann ratterte die Waffe los. Aus der kurzen Entfernung konnte es keine Fehlschüsse geben.

Die beiden Beamten hatten keine Zeit, nach ihren Waffen zu greifen, als sie schon durch die Einschläge der Geschosse zurückgeworfen wurden. Der neu angekommene Passagier im braunen Anzug streckte noch mit einer sinnlos abwehrenden Bewegung die Hände nach vorn, ehe ihn die Kugeln ebenfalls trafen. In seinen Augen lag ein Ausdruck ungläubigen Staunens, doch die Worte, die er noch sagen wollte, sollte niemand mehr hören.

Noch ehe die drei Männer vollends zu Boden gegangen waren, eilte ein weiterer Mann zu der angeschossenen Gruppe, schnappte sich die Reisetasche mit einem raschen Griff und rannte zum Ausgang.

Der Todesschütze hatte seine Waffe unter der Jacke verschwinden lassen und drängte sich durch die Menge, die noch gar nicht begriffen hatte, was geschehen war. Der Killer schien keine Eile zu haben.

Der ganze Zwischenfall hatte nur Sekunden gedauert. Erst jetzt gellten die ersten Schreie durch die Halle, und Menschen warfen sich zu Boden, während andere fassungslos auf die Getroffenen starrten.

Die Panik brach aus, als die Gangster bereits den Flughafen verlassen hatten.

 

 

2. Kapitel

 

Steve McCoy, erfolgreicher Geheimagent des Department of Social Research, die Tarnbezeichnung einer Organisation, die sich in Wahrheit dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität widmete, hatte seine Füße auf die Schreibtischkante gelegt und blätterte in der Morgenzeitung.

Er schüttelte beim Lesen der Überschriften den Kopf. Wenn die Welt so blieb, wie sie war, würde er noch lange Zeit in seinem Beruf tätig sein können.

Steve blätterte weiter. Eine farbige Anzeige einer fernöstlichen Luftlinie weckte kurz sein Interesse, die behauptete, dass sie weich wie Seide sei. Er lächelte und dachte kurz daran, dass ein Urlaub in diesen sonnigen Gegenden auch nicht schlecht sei.

Es war gut, dass er in dieser Sekunde nicht wusste, wie rasch sein Wunsch erfüllt werden würde, nur mit einem kleinen Unterschied. – Es sollte kein Urlaub werden, sondern ein Albtraum.

Noch allerdings war es ein schöner Morgen in Washington. Er hatte gerade einen Fall abgeschlossen und rang noch mit sich, ob er diesen Tag freinehmen sollte. Es war Zeit, in seinem Haus in Brooklyn, das er von seinen Eltern geerbt hatte, nach dem Rechten zu sehen. Ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft kümmerte sich zwar um das Haus, doch er war längere Zeit nicht mehr auf dem Brooklyner Friedhof gewesen, wo er seine Verlobte vor einigen Jahren an einem regnerischen Tag beerdigt hatte.

Jill war bei einer Auseinandersetzung zwischen Gangstern als Unbeteiligte in einem Restaurant erschossen worden, als Steve ihr gerade den Verlobungsring an den Finger stecken wollte. Seitdem spürte er einen tief sitzenden Hass auf die Kriminellen, die den Tod von Unschuldigen in Kauf nahmen. Ein gewisser Colonel Alec Greene hatte ihn damals aus seiner Verzweiflung gerissen und ihm einen Weg gewiesen, wie er seine Wut auf Verbrecher aller Art in die richtigen Bahnen lenken konnte. Seitdem war er Feldagent des Departments, das dem Justizministerium unterstand und immer noch von Alec Greene geleitet wurde.

Er seufzte. Arbeit im Büro gehörte nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, auch wenn er die Notwendigkeit einsah, die neuesten Akten und Erkenntnisse zu studieren, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Er schlürfte seinen heißen Kaffee, als das Telefon klingelte.

Er starrte auf den Apparat, der ihn aus seinen Erinnerungen gerissen hatte und ließ ihn erst ein paar Mal klingeln, bevor er den Hörer abnahm und sich meldete.

Wenige Minuten später saß er in Colonel Greenes Büro und hörte sich an, was sein Boss und Mentor ihm zu sagen hatte.

„Steve, es ist Ihnen bestimmt nicht neu, dass in der Politik ein Geben und Nehmen unerlässlich ist. In unserer Position müssen wir häufig Gefallen einfordern, sei es vom Ministerium, vom FBI oder von anderen Diensten. Gelegentlich müssen wir diese Gefallen auch erwidern.“

Jetzt kommt etwas ungewöhnliches, dachte Steve. Mit diesen Anfangsworten hatte er noch nie einen Auftrag erhalten.

„Der Justizminister hat mich persönlich angerufen“, fuhr der Colonel fort. „Er hat einen guten Freund, dem er sehr verpflichtet ist.“

„Mit anderen Worten, der Mann hat für den Wahlkampf des Ministers reichlich gespendet.“

Greene war leicht ungehalten über die Unterbrechung, doch er ging auf die Bemerkung nicht weiter ein. „Der Mann heißt John C. Barwick, und er hat ein Problem, bei dem wir ihm helfen können. Der Minister will keine offizielle Ermittlung durch das FBI oder andere Organisationen, sondern dachte an uns, da wir unter dem Radar operieren können.“

„Welches Problem hat denn Mister Barwick?“

„Das wird er Ihnen selber sagen.“ Colonel Greene schob einen Zettel über den Tisch. „Hier ist die Adresse. Setzen Sie sich mit ihm in Verbindung und helfen Sie ihm. Alle Informationen zu dem Fall laufen ausschließlich über mich. Die Sache hat absolute Priorität und Sie bekommen, was immer Sie benötigen.“

Als Steve wieder in seinem eigenen Büro war, dachte er angestrengt darüber nach, wo er den Namen Barwick schon einmal gehört oder gelesen hatte.

Dann wusste Steve plötzlich, wer John C. Barwick war. Ein vielfacher Multimillionär, der in der Politik und Wirtschaft des Landes eine beträchtliche Rolle spielte. Das heißt: gespielt hatte. Heute hatte er sich ziemlich zurückgezogen. Aber man wusste, wie das bei solchen Leuten war. Sie gingen nie wirklich in den Ruhestand.

Steve holte sich eines seiner Nachschlagewerke über bedeutende Persönlichkeiten aus dem Bücheregal und sah nach. Barwick stand drin, aber nur mit wenigen Zeilen, die praktisch nichts aussagten. Immerhin konnte man sein Alter entnehmen. Er war verwitwet und weit über sechzig. Und er hatte einen Sohn.

 

 

3. Kapitel

 

Das Büro war nicht so prächtig eingerichtet, wie Steve vermutet hatte. Der Millionär schien einen einfacheren Lebensstil vorzuziehen. Aber das konnte auch nur Tarnung sein.

Barwick hatte eisengraue Haare und dunkle Augen unter buschigen Brauen. Sein Blick strahlte eine seltsame Faszination aus, und an seinen ganzen Bewegungen merkte man, dass er es ein Leben lang gewohnt war, Befehle zu erteilen und Widerspruch nicht zu dulden.

„Setzen Sie sich!“ Barwick deutete auf einen Sessel vor dem Schreibtisch.

Steve McCoy nickte und nahm Platz. Dann wartete er darauf, wie es weitergehen sollte.

Barwick öffnete einen Umschlag, zog ein Bild heraus und schob es über den Tisch. „Sehen Sie sich das Foto an.“

Steve studierte das Bild. Es zeigte einen männlichen Weißen von knapp dreißig Jahren, der offensichtlich tot war. Er trug einen braunen Anzug, in dem man deutlich mehrere Einschusslöcher erkennen konnte.

Steve gab das Bild zurück. „Ich habe den Mann noch nie gesehen, falls es das ist, was Sie wissen wollen.“

Barwick winkte ab. „Ich weiß, wer das ist.“ In seinen Augen war ein merkwürdiger Ausdruck von Trauer. „Dieser Mann war als Kurier für eine Drogenlinie beschäftigt, und außerdem …“

Steve beugte sich vor. „Was außerdem?“

Barwick blickte zur Seite. „Er war mein Sohn“, sagte er leise.

„Wer hat ihn erschossen?“

„Vermutlich die Gangster, für die er arbeitete. Er hatte gegen die Killer keine Chance.“

Steve McCoy schwieg einen Moment. Er konnte gut nachfühlen, wie es dem Mann ergehen musste, der seinen Sohn verloren hatte. Die Erinnerung an die tote Jill stieg schmerzhaft in ihm hoch.

Barwick starrte auf die Tischplatte. Seine Augen glänzten feucht. Er schien jedoch genau zu wissen, dass sein Sohn gegen Gesetze verstoßen hatte.

„Erzählen Sie mir zunächst, was genau passiert ist“, sagte Steve.

Barwick sah Steve beim Sprechen nicht an. „Zwei Beamte der Drug Enforcement Administration haben meinen Sohn am Flughafen erwartet. Es hieß, dass er ein bis zwei Kilo Heroin bei sich haben sollte. Als die Männer meinen Sohn in ihr Büro bringen wollten, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Mann auf und schoss alle drei mit einer Maschinenpistole zusammen. Ein zweiter Gangster nahm die Reisetasche an sich, die mein Sohn bei sich hatte. Die Angreifer konnten unbehelligt entkommen.“

„Was ist mit den beiden Beamten geschehen?“

„Einer ist so schwer verletzt, dass die Ärzte keine Hoffnung mehr haben. Der andere muss noch ein paar Wochen im Krankenhaus liegen. Von ihm kommen die wichtigsten Informationen. Vor allen Dingen eine: Er hat uns ein Phantombild des Schützen geliefert.“

„Uns?“, fragte Steve scharf.

Barwick lächelte schwach. „Ich meine natürlich die Polizei. Aber Sie können davon ausgehen, dass ich eine Menge Freunde bei den einschlägigen Behörden habe. Sie schlagen mir selten einen Wunsch ab – und sie haben Verständnis dafür, dass ich den Tod meines Sohnes aufklären will.“

Steve McCoy nickte. „Ich verstehe.“ Bei den Verbindungen des Millionärs war es in der Tat kein Problem, an die notwendigen Informationen heranzukommen.

„Wer war der Schütze?“

Barwick schob ein zweites Bild über den Tisch. Es war ziemlich unscharf und zeigte ein verschwommenes Gesicht hinter einer Sonnenbrille. Der Mann mochte knapp über dreißig sein. Sein Mund wirkte wie ein schmaler Strich, und die hochstehenden Wangenknochen gaben ihm ein slawisches Aussehen. „Ich konnte nur dieses Bild bekommen. In den Archiven der Polizei und des FBI gibt es kein besseres Bild dieses Mannes, der nach dem Phantombild identifiziert wurde.“

„Wer ist der Mann?“

„Sein Name ist Brian Kent. Er ist Engländer und Profikiller. Er gilt in Fachkreisen als Spezialist für schwierige Sachen. Er ist sehr teuer, aber auch sehr erfolgreich, wenn man bei dieser Arbeit von Erfolg sprechen kann. Die Polizeidienststellen verschiedener Länder haben dicke Akten über ihn angelegt, können ihn aber nicht überführen. Kent arbeitet international. Man macht ihn für eine ganze Reihe von Morden verantwortlich, hat aber keine Beweise. Er hat den Ruf, dass er jeden tötet, der ihm gefährlich wird. Vielleicht war dies auch ein Grund, der ihn der Mafia sympathisch machte. Meine Verbindungsleute bei den Behörden sind ziemlich sicher, dass er für diese Verbrecherorganisation arbeitet, und zwar für eine New Yorker Familie, einen gewissen Robert Lucas, der zurzeit allerdings in Untersuchungshaft sitzt.“

Steve McCoy nickte. „Das wäre also die erste Spur. Und nun erzählen Sie mir etwas über Ihren Sohn.“

Barwicks Gesicht verfinsterte sich. Er sprach leise. „Ich habe mich zu wenig um den Jungen gekümmert. Meine Frau ist vor vielen Jahren gestorben, und ich habe mich in die Geschäfte gestürzt. Als ich merkte, wie weit ich mich von meinem Sohn entfernt hatte, war es schon zu spät. Er hatte sich anderen Kreisen angeschlossen. Er bekam von mir Geld – nicht allzu viel, aber ausreichend. Ich habe ihm außerdem eine Wohnung finanziert und einen Wagen. Jahrelang dachte ich, dass dies ausreichend sei, und ich glaubte ihm, dass er sich künstlerisch verwirklichen wolle. Ich fragte ihn nie, wie weit er gekommen ist. Vielleicht habe ich geglaubt, dass er genauso sei wie ich, und dass er seinen Weg schon machen würde.“

„Aber dann geriet er in schlechte Gesellschaft“, unterbrach Steve McCoy, der ähnliche Schicksale zur Genüge kannte.

„Ja. Er wurde rauschgiftsüchtig. Auch das habe ich zu spät bemerkt. Wir haben uns nicht sehr häufig gesehen. Lange Zeit dachte ich, es sei harmlos. Aber es wurde immer schlimmer. Die Gangster machten meinen Sohn bewusst süchtig, um ihn abhängig zu machen.“

„Ich kenne solche Fälle. Wie ging es weiter?“

„Irgendwann übernahm mein Sohn Kurierdienste für die Gangster. Heute weiß ich, dass es für die Organisation dieses New Yorker Mafiabosses war, doch leider fehlen die Beweise. Mein Sohn hatte offensichtlich die Route Bangkok–New York. Er nahm unterschiedliche Flugverbindungen, meistens die östliche Route über Hongkong nach San Francisco, seltener die westliche Verbindung über London nach New York. Die Fluggesellschaften waren unterschiedlich. Offenbar wurde er von den Gangstern überwacht, und als sie am Schluss der letzten Reise merkten, dass mein Sohn von den Beamten angehalten wurde, haben sie ihn einfach umgelegt.“

„Wer hat der Behörde den Tipp gegeben, dass Ihr Sohn Rauschgift schmuggelt?“

Barwick erstickte fast an seinen Worten. „Ich. Ich war es! Ich wollte nur, dass er mit diesem Job aufhört. Ich bin damit auch schuld an seinem Tod, und ich will jetzt wenigstens versuchen, die Gangster zu stellen, die meinen Sohn auf dem Gewissen haben. Ich kann es nicht selbst, dazu bin ich zu alt. Aber Sie können es! Und deswegen müssen Sie diesen Auftrag auch übernehmen. Ihr Boss hat mir versichert, dass Sie dafür der beste Mann sind.“

„Wenn Ihr Sohn aus Bangkok kam, stammt das Heroin vermutlich aus dem Goldenen Dreieck.“

Barwick nickte. „Das Grenzgebiet zwischen Burma, Laos und Thailand ist das größte Opiumanbaugebiet der Welt, und niemand konnte bisher etwas gegen den stetigen Strom von Drogen tun, die in unser Land geschmuggelt werden. Gehen Sie hin und versuchen Sie, diesen Zustand zu ändern!“

Steve lächelte. „Nicht gerade eine leichte Aufgabe.“

„Denken Sie an die Mädchen in Thailand. Man hört in dieser Beziehung doch einiges!“

Steve schüttelte den Kopf. „Wo ich hingehe, wird es keine Mädchen geben, sondern nur Schlangen, Moskitos, Staub, Hitze und feindliche Bergstämme.“

Barwick sah Steve McCoy an. „Wahrscheinlich stoßen Sie auch noch auf ein paar vertraute Gestalten aus der amerikanischen Unterwelt. Sie werden sich rasch heimisch fühlen.“

„Entzückende Aussichten“, sagte Steve. „Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen müsste?“

„Denken Sie an Brian Kent, den englischen Killer. Meine Informanten sind der Ansicht, dass er sich ebenfalls in den Fernen Osten begeben wird. Sobald ich Näheres erfahre, werden Sie es wissen.“

„Wie halten wir Verbindung miteinander?“, fragte Steve McCoy.

„Meine Sekretärin hat alles vorbereitet. Sie werden nachher einen dicken Umschlag erhalten, in dem alles drin ist: Geld, Flugtickets, Hotelreservierungen, bekannte Adressen und so weiter.“

Steve blickte den Millionär fest an. „Sie waren sich wohl sicher, Mister Barwick, dass nur eine Zusage in Frage kommen würde?“

Sein neuer Auftraggeber nickte ungerührt. „Ja. Im Übrigen habe ich noch etwas für Sie, nämlich eine Unterstützung. In Chiang Mai, das ist eine Stadt im nördlichen Thailand, werden Sie einen Kontaktmann treffen, den mir meine Freunde vom Geheimdienst empfohlen haben. Der Mann heißt Kamol Songgram und hat einen Motorradverleih in der Changklan Road. Er kennt sich im Rauschgiftgeschäft bestens aus und kann Ihnen sicher helfen. Bezahlen Sie ihn gut.“

„Mal sehen, ob ich ihn brauche.“

Barwick ging darüber hinweg. „Ohne die Unterstützung korrupter Politiker und Militärs ist der ausgedehnte Rauschgifthandel nicht möglich. Achten Sie also darauf, dass Sie keinem hohen Tier auf die Zehen treten. Auch die Bergstämme werden nicht glücklich sein, wenn sich jemand um ihre Geschäfte kümmert. Sie leben vom Opium. Und dann gibt es noch die Chinesen.“

„Rotchina ist weit weg. Ich habe nicht die Absicht, mich in die Nähe dieser Grenze zu begeben.“

„Ich rede nicht von den Rotchinesen“, sagte Barwick leise.

Steve sah ihn fragend an, dann dämmerte eine Erinnerung. „Wollen Sie behaupten, dass die ehemaligen Kuomintang-Gruppen immer noch im Goldenen Dreieck sitzen und den Opiumhandel kontrollieren?“

„Bisher hat sie niemand dort vertrieben. Sie sind gut organisiert und hervorragend bewaffnet. Die alten Soldaten haben die neue Generation gut erzogen. Sie sitzen in ihren Dörfern und beherrschen das ganze Gebiet. Ohne ihre Erlaubnis kommt niemand hinein.“

„Sehr tröstliche Aussichten“, bemerkte Steve sarkastisch. „Unter all diesen netten Menschen soll ich die herausfinden, die den Tod Ihres Sohnes auf dem Gewissen haben.“

Barwick ballte die Hände zu Fäusten. „Mehr als das. Sie sollen diesen Gangstern das Handwerk legen. Zerstören Sie die ganze Organisation. Machen Sie den Kerlen das Geschäft kaputt!“

„Bisschen viel für einen einzelnen Menschen.“

Barwick starrte ihn an. „Sie müssen es schaffen“, flüsterte er. „Ich weiß auch, dass niemand meinen Sohn zurückholen kann, aber ich will verhindern, dass es noch mehr Väter gibt, die ihre Söhne unter solchen Umständen verlieren. Ich möchte mein restliches Leben diesem Kampf widmen. Dafür lohnt es sich, mein Geld auszugeben.“

 

 

4. Kapitel

 

Der kleine dunkelhäutige Mann hatte ein mongolisches Aussehen. Er sprach gebrochen englisch, und er gehörte dem Stamm der Akhas an, die im nördlichen Grenzgebiet Thailands lebten.

Er zupfte den Amerikaner am Ärmel, der ihm brummend folgte. Die Hitze war drückend. Schwärme von Moskitos umschwirrten den Amerikaner, dem der Schweiß in breiten Bahnen über den Körper rann.

„Ich zeige Ihnen!“, rief der kleine Mann und lief leichtfüßig durch den Dschungel. Mit einer Machete hieb er ab und zu einen Bambusstamm zur Seite, damit der Amerikaner ihm folgen konnte.

Die Augen des Amerikaners musterten misstrauisch die Umgebung. Nicht, dass er einen Feind fürchtete. Aber er hatte Angst vor Schlangen, und er wusste, dass es hier welche gab.

Manchmal fragte sich der Amerikaner, was er in diesem gottverdammten Dschungel eigentlich zu suchen hatte, aber dann besänftigte ihn jedes Mal die Aussicht auf die hohe Bezahlung. Er wusste, dass seine Arbeitgeber Gangster waren, aber das störte ihn nicht sonderlich.

Sie hatten ihn ausgesucht, weil er sich hier auskannte. Er beherrschte sogar ein paar Brocken der örtlichen Dialekte. Als es den Krieg in Vietnam noch gab, war er ein wichtiger Mann gewesen. Sondereinsätze nannte man die Aufträge, die ihn weit hinter die feindlichen Linien geführt hatten. Die Bergstämme sollte er aufwiegeln, sie ausrüsten und an modernen Waffen ausbilden.

Damals war die Agency sein Auftraggeber gewesen. Sie hatten geglaubt, mit diesen Methoden den Krieg zu gewinnen. Der Amerikaner machte ein bitteres Gesicht. Sie hatten es nur geschafft, ihn zugrunde zu richten. Ihn und die anderen Verlorenen, die irgendwo im Dschungel hockten und um die sich keiner mehr kümmerte, als alles in die Brüche ging.

Er hatte überlebt! Das war das Wichtigste. Seitdem wusste er das Opium zu schätzen. Die Einheimischen rauchten es wie Zigaretten. Zehn Pfeifen schon zum Frühstück waren keine Seltenheit.

Er war zum Spezialisten für Opium geworden. Es hatte sich rasch bis zu ihm herumgesprochen, dass man eines Tages einen solchen Spezialisten brauchte, der keine überflüssigen Fragen stellte. Er hatte seine Kontakte bis nach Bangkok ausgedehnt, seitdem er sich nach Thailand zurückgezogen hatte. Meistens lebte er im Dschungel. Zwei- oder dreimal im Monat fuhr er nach Chiang Mai, nahm sich ein Mädchen und besoff sich ausgiebig.

Es war nicht gerade das Leben, das er sich vorgestellt hatte, als er noch in Wisconsin auf die Schule ging. Aber andererseits lag diese Zeit so lange zurück, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte. Es fiel ihm schon schwer, seinen Namen zu behalten, nachdem er jahrelang nur unter Decknamen gelebt hatte.

Hier nannten ihn alle nur Charlie. So hatten sie früher den Vietcong genannt. Er wusste nicht, ob es deshalb war.

Sein eigentlicher Name lautete Ronald Meade, aber das spielte eigentlich keine Rolle. Es ging auch niemanden was an.

Der Dschungel wurde lichter. Charlie blinzelte nach oben in den Himmel. Zwischen den hoch aufragenden Teakholzstämmen mit ihren riesigen Blättern wurde immer mehr Blau sichtbar. Banyanbäume mit ihren zahllosen Luftwurzeln spendeten unter ihrem dichten Blätterdach Schatten.

Eine große Eidechse huschte über den Weg, und für einen winzigen Augenblick erschrak er. Der Eingeborene drehte sich um und winkte ihm. „Wir gleich da“, gab er bekannt.

Der Amerikaner nickte nur müde. Er wusste, dass Zeit- und Ortsangaben hier nicht so genau zu nehmen waren. Gleich – das konnte alles Mögliche bedeuten. Eine Stunde oder zwei – oder nur hundert Meter. Man musste Geduld haben. Es war auch sinnlos, sich aufzuregen.

Der Weg senkte sich abwärts. Der Amerikaner erkannte tatsächlich weiter vorn den Rand des Dschungels.

Sekunden später trat er zögernd ins Freie. Vor seinen Augen wiegten sich Mohnpflanzen in endloser Reihe. Ein ganzes Tal voller Mohn. Drüben, auf der anderen Seite, begann wieder der übliche Dschungel. Ein unbekannter Vogel schrie.

Der Amerikaner hob den Kopf. Über dem dunklen Waldrand wuchsen dunstige Berghänge empor. Sie mussten bereits auf burmesischem Gebiet liegen. Egal – Grenzen besaßen für diese Leute hier keine Bedeutung.

Der Amerikaner schlug nach einem Moskito, der sich auf seinem Arm niedergelassen hatte, und blickte zu dem Akha, der jetzt ein spezielles Messer aus dem Gürtel zog. Es besaß drei kleine, parallel verlaufende Klingen. Er nahm eine Mohnkapsel in die linke Hand, setzte das Messer an und schnitt die Kapsel mit einer oft geübten Bewegung auf.

Fast augenblicklich quoll eine weiße, zähe Flüssigkeit aus der Kapsel. Der Eingeborene prüfte sie mit dem Finger. „Morgen“, sagte er. „Morgen ist Ernte. Gute Ernte.“

Der Amerikaner nickte gleichgültig.

Der Akha prüfte eine weitere Kapsel und deutete dann mit einer ausholenden Bewegung über das Mohnfeld. „Viel Opium“, sagte er.

Der Amerikaner nickte. „Okay, wir kaufen das Zeug. Gehen wir ins Dorf zurück, damit wir die Einzelheiten besprechen können. Über den Preis gibt es noch ein paar Worte zu sagen.“

„Guter Preis“, meinte der Eingeborene.

Charlie grinste. „Bringt erst mal die Ernte ein, ehe ihr sie verkauft.“

 

 

5. Kapitel

 

Robert Lucas genoss im Untersuchungsgefängnis eine ganze Reihe von Vorrechten. Die anderen Häftlinge wussten, wer er war, und sie wussten auch, dass man sich besser nicht mit ihm anlegte. Ein Mafiaboss war auch als Gefangener gefährlich. Seine Verbindungen reichten immer noch weit, und er besaß genügend Macht, über Tod und Leben zu entscheiden.

Auch die Wächter behandelten Robert Lucas höflich und zuvorkommend. Man konnte nie wissen, wozu es gut war.

Lucas’ Zellentür war nur nachts verschlossen. Ansonsten herrschte bei ihm ein reges Kommen und Gehen. Er hörte sich Klagen und Beschwerden von Häftlingen an, die er anschließend schlichtete, denn er war hier die größte Autorität. Er erließ seine Anweisungen und konnte sich darauf verlassen, dass sie auch nach draußen gelangten. Seine Geschäfte liefen weiter wie eh und je.

Sein wichtigster Kontaktmann war sein Anwalt, der schon lange in den Diensten der Familie stand. Er war nicht nur Rechtsberater, sondern erfüllte noch eine Reihe weiterer Funktionen, wie es dem sogenannten „Consigliere“ einer Familie zustand.

Lucas vertraute ihm. Wenn er es recht überlegte, war dies der einzige Mensch, dem er vertraute. Aber das störte ihn nicht weiter, denn mit dieser Methode war er bisher gut gefahren. Es war besser, sich nicht in anderer Leute Hand zu begeben.

Sie saßen im Besucherraum, wo sie ungestört waren. Noch nicht einmal ein Wächter hielt sich hier auf. Lucas galt schließlich nicht als Ausbrecherkandidat, und was er mit seinem Anwalt zu besprechen hatte, ging niemanden etwas an.

Robert Lucas nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre und blies den blauen Rauch in die Luft. „Wie ist die Lage?“

Luigi Belloni, sein Anwalt, lächelte leicht. Er nahm seine Brille ab und polierte die Gläser. „Die Staatsanwaltschaft bereitet immer noch die Anklageschrift vor, aber wir haben gute Chancen, einige der Punkte auszuräumen. Es wird nicht sehr viel übrig bleiben. Unglücklicherweise hat damals die Gegenseite einige Beweisstücke in die Hand bekommen, die nur schwer zu entkräften sind.“

Belloni zuckte die Schultern. „Jammern hilft uns da nichts. Wir müssen uns mit der Justiz auseinandersetzen. Wir werden sicher einige Zeugen herbeischaffen können, die Sie entlasten, trotzdem wird einiges hängen bleiben. Ein paar Jährchen können es schon werden.“

Robert Lucas lief rot an. „Wozu bezahle ich dich eigentlich, Luigi? Du sollst dafür sorgen, dass ich bald hier rauskomme!“

Belloni machte ein unglückliches Gesicht. „Ich würde mir nichts anderes wünschen, doch so einfach wird es nicht gehen. Die andere Seite hat zu viel in der Hand. Es sind schriftliche Beweise, keine Zeugen, die wir möglicherweise beeinflussen könnten.“

„Na schön“, beruhigte sich Robert Lucas. „Reden wir von den Geschäften, wenn es in dieser Beziehung nichts Erfreulicheres gibt.“

Bellonis Gesicht hellte sich auf. „Die Geschäfte laufen gut. Ich habe Nachrichten aus Fernost bekommen, wonach jetzt eine größere Lieferung vorbereitet wird. Unsere Kontaktleute in Bangkok warten auf die neue Ernte im Norden. Wir haben einen guten Mann vor Ort, der sich mit den Bergstämmen gut auskennt. Er spricht sogar ihren Dialekt. Er wird dafür sorgen, dass es bei den Lieferanten keine Probleme gibt.“

„Und was machen die Chinesen?“, warf Robert Lucas ein.

„Sie werden gut bezahlt. Sie leben schließlich vom Verkauf des Opiums. Sie erhalten ihre Prozente und geben uns dafür sogar einen gewissen Schutz, zumindest solange das Zeug in ihrem Bereich ist. Sobald sich die Ladung auf dem Fluss befindet, sind wir selbst dafür verantwortlich.“

Robert Lucas legte die dicken Fingerspitzen gegeneinander. „Wer könnte uns dann noch Schwierigkeiten machen?“

„Die Regierung natürlich, oder das Militär. Wir haben unsere Verbindungen. Die entsprechenden Leute werden gut geschmiert, sodass sie nichts hören oder sehen werden. Korruption hat eine lange Tradition in diesem Land. Es kostet nicht allzu viel.“

Robert Lucas nickte. „Wo wird der Stoff verarbeitet?“

„Es gibt Dschungellabors, aber ihre Qualität ist nicht besonders, und es kommt schon mal vor, dass ein solches Labor in die Luft fliegt. Wir haben uns entschlossen, die Verarbeitung in einer größeren Stadt durchzuführen. Es ist einfacher und leichter zu kontrollieren.“

„Gut. Wie kommt der Stoff dann in die Staaten?“

Belloni blickte zu Boden. „Das hat bisher immer gut funktioniert. Wir hatten einen Kurier, der zwischen Bangkok und New York oder San Francisco hin und her pendelte. Beim letzten Mal haben die Bullen auf unseren Mann gewartet. Glücklicherweise hatten wir noch eine letzte Sicherung eingebaut. Wir konnten ihn ausschalten und den Stoff sicherstellen.“

Robert Lucas runzelte die Stirn. „Ist er tot?“

„Ja, und die beiden Sicherheitsbeamten hat es auch erwischt. Unsere Leute konnten unerkannt entkommen, nachdem sie sich die Tasche mit dem Stoff geschnappt hatten. Die Gegenseite hat also immer noch keine Ahnung. Sie haben weder Informationen noch den Stoff.“

Robert Lucas erhob sich von dem harten Gefängnisstuhl und wanderte mit auf dem Rücken verschränkten Armen durch den Raum. „Das gefällt mir alles nicht besonders. Durch diesen Zwischenfall haben wir die Gegenseite erst recht aufmerksam gemacht. Sie wissen jetzt, dass sie es mit einer größeren Organisation zu tun haben. Sie werden den Fall nicht auf sich beruhen lassen. Und wenn wir großes Pech haben, setzen sie auch noch weitere Leute auf uns an.“

„Wir haben einen guten Mann im Einsatz“, wandte Belloni ein. „Sie wissen schon, dieser Engländer. Er hat auch den Kurier erledigt, bevor er das Maul aufmachen konnte.“

Robert Lucas nickte. „Brian Kent. Ich habe ihn selbst engagiert. Er ist ein guter Mann, aber nicht gerade billig. Und ich weiß nicht, wie zuverlässig er im Notfall ist. Schließlich ist er nichts anderes als ein Söldner, der sich an den Meistbietenden verkauft. Er darf nicht zu viel über unsere Organisation erfahren. Gebt ihm fest umrissene Aufträge und achtet darauf, dass er sie auch erfüllt.“

„Ich habe daran gedacht, ihn nach Thailand zu schicken, damit er dort nach dem Rechten sehen kann. Wir haben drüben eigentlich keinen Mann unseres vollen Vertrauens. Kent wäre genau der Richtige. Außerdem ziehen wir ihn hier aus der Schusslinie, falls es doch einen Verdacht gegen ihn geben sollte.“

„Das ist eine gute Idee. Er soll sich bald auf den Weg machen. Wie hast du dir nach dem Ausfall des Kuriers den Transport über den großen Teich vorgestellt?“

„Daran arbeiten wir noch. Wir brauchen einen Weg, der nicht so schnell in den Blickpunkt gerät. Wir haben noch ein bisschen Zeit, denn erst müssen wir die Ware aus dem Hochland haben. Das Goldene Dreieck ist keine Gegend, in der man so einfach herumspazieren kann. Es sind noch einige Vorbereitungen zu treffen, doch in dieser Beziehung sehe ich keine Probleme. Wenn Kent in Bangkok ist, kann er sich um alles kümmern. Ich bin sicher, dass wir auch schon bald einen Transportweg gefunden haben. Die Ware muss nach New York, denn hier ist unser größter Absatzmarkt.“

„Ich weiß, wo unsere Märkte sind“, knurrte Robert Lucas. „Was ist mit der örtlichen Verteilerorganisation?“

„Sie ist intakt. Hier haben wir nichts zu befürchten. Es gibt immer mal wieder Spannungen mit den Schwarzen oder den Puerto-Ricanern, aber das ist nichts, was wir nicht in den Griff kriegen könnten. Wir haben Fachleute, die für Disziplin sorgen können. Voraussetzung ist natürlich, dass wir bald über Ware verfügen. In der letzten Zeit ist der Stoff ein wenig knapp geworden. Wir müssen aufpassen, dass nicht andere Gruppen in unser Geschäft drängen, die schneller liefern können.“

Robert Lucas hob die Hand. „Das sind Einzelheiten, um die du dich kümmern musst. Sie interessieren mich im Moment nicht. Gibt es irgendwelche Probleme, die ich entscheiden muss?“

Belloni schüttelte den Kopf. „Alle Weichen sind gestellt. Die Vorarbeiten werden sich auszahlen. Ich denke, dass wir mit dem Goldenen Dreieck die bisher besten Geschäfte machen werden. Früher haben wir die Ware aus dem Mittleren Osten bekommen, und es gab doch einige Schwierigkeiten. Diesmal werden wir die Organisation anders aufziehen. Wir werden alles selbst in der Hand haben und sind nicht von anderen abhängig. Vor allen Dingen gibt es im Goldenen Dreieck genügend Stoff. Lieferschwierigkeiten werden wir bestimmt nicht haben.“

„Diesmal muss auch alles funktionieren“, erklärte Robert Lucas und setzte sich wieder. „Wir haben eine Menge Geld investieren müssen, um dieses Geschäft anzukurbeln. Es muss sich auszahlen.“

„Das wird es.“ Belloni lächelte. „Das wird es ganz bestimmt. Ich werde Ihnen in Kürze gute Nachrichten überbringen können.“

Robert Lucas musterte ihn grimmig. „Das will ich auch hoffen.“

 

 

6. Kapitel

 

Die Hitze war drückend und feucht. Kein Lufthauch rührte sich. Nur das Sirren der Moskitos war zu hören.

Die kleinen, braunhäutigen Männer stapelten die Ballen auf einem Haufen. Das Rohopium war gut verpackt, in fertige Traglasten für die Elefanten.

Ronald Meade, genannt Charlie, musterte die einzelnen Ballen. Sackleinwand, mit Bambusfasern umwickelt. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich an den Stammeshäuptling. „Wann kommen die verdammten Elefanten endlich?“

Der Akha sah ihn freundlich an. „Halbe Stunde“, antwortete er.

Charlie nickte. „Ich kenne eure halben Stunden. Also kann es auch einen halben Tag dauern. Schick einen von deinen Leuten los. Er soll sich nach den Elefanten umsehen. Ich habe nicht so viel Zeit, wir müssen unseren Plan einhalten.“

Der Mann betrachtete den Amerikaner ziemlich verständnislos. Dann nahm er einen Zug aus seiner meterlangen Wasserpfeife, die aus Bambusrohr hergestellt war. Es blubberte im Inneren, und die Marihuana Zigarette glühte auf. Rauschgiftgenuss war bei diesen Stämmen weit verbreitet. Kein Wunder, hier war es billig.

Schließlich bequemte sich der Akha-Häuptling doch, einen seiner Leute loszuschicken. Die Elefanten wurden nämlich von einem anderen Stamm gestellt. Es war alles sehr kompliziert, und es gab Augenblicke wie diesen, in denen der Amerikaner das Land, in dem er heimisch geworden war, hasste.

Doch dann dauerte es keinen halben Tag. Der erste der Dickhäuter stampfte durch den Dschungel. Gleich darauf wurden auch die anderen Dickhäuter der bestellten Karawane sichtbar.

Charlie ging ihnen entgegen und sah zu, wie die schmächtigen kleinen Kerle, die als Treiber fungierten, die riesigen Tiere dirigierten. Schließlich standen sie alle aufgereiht und waren fertig zum Beladen. Die Ketten, mit denen die Elefanten an den Füßen gefesselt waren, klirrten leicht.

Unter großem Geschrei wurden die Tragegeschirre angebracht und anschließend die Ballen verstaut. Die Treiber setzten sich auf den Köpfen der Elefanten zurecht, und Charlie wollte gerade das Zeichen zum Abmarsch geben, als eine Gruppe Männer aus dem Busch trat.

Er ließ den schon erhobenen Arm wieder sinken und kniff die Lippen zusammen. Diese Typen hatten ihm gerade noch gefehlt!

Es waren Chinesen, und sie trugen eine Art Uniform, die allerdings nicht in bestem Zustand war. Ihre Gewehre waren jedoch relativ modern. Sie waren zu fünft, und einer war eine Art Offizier.

Er kam ohne zu Zögern auf den Amerikaner zu, der neben dem ersten Elefanten stand. Der Chinese grinste. „Wie schön, dass ich Sie noch sehe, bevor Sie die Reise nach Süden antreten.“

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Tschung.“ Der Amerikaner verbeugte sich leicht.

Tschung erwiderte den höflichen Gruß. Sein Englisch klang fast perfekt, wenn man davon absah, dass er mit dem R einige Schwierigkeiten hatte.

„Wie wäre es mit einem Tee?“, erkundigte sich Tschung mit strahlendem Gesicht.

Der Amerikaner beherrschte sich mühsam. Er deutete auf die Tiere. „Sie sehen, dass wir zum Abmarsch fertig sind. Es wäre nicht so gut, wenn wir jetzt noch Zeit verlieren würden. Der Abend kommt schnell, und wir haben ein Etappenziel zu erreichen. Es tut mir leid, aber wir müssen den Tee ein anderes Mal miteinander trinken.“

Das Lächeln des Chinesen änderte sich nicht. „Ihr Amerikaner seid unhöfliche Leute. Eine Einladung zum Tee schlägt man nicht aus, wenn man nichts Böses im Sinn hat. Ich möchte mit Ihnen ein paar Worte reden – bevor Sie abmarschieren.“

Der Amerikaner sah zu den anderen vier Chinesen, die sich inzwischen im Gelände verteilt hatten. Damit hatten sie alles unter Kontrolle. Ihre automatischen Gewehre waren in jedem Falle die überlegene Autorität. Tschung selbst trug nur einen amerikanischen Colt Goverment im Gürtel. Er war uralt, aber gut gepflegt. Charlie besaß nur einen Revolver, und die Akhas waren unbewaffnet. Außerdem würden sie sich in einen eventuellen Streit sowieso nicht einmischen.

Er musste also gute Miene zum bösen Spiel machen. Er wusste, worum es ging. Tschung wollte mehr Geld. Das war klar.

Der Chinese gehörte zu einer Einheit der ehemaligen Kuomintang-Armee, die diesen Sektor des Goldenen Dreiecks kontrollierte. Er gehörte bereits zur zweiten Generation, denn er selbst hatte bestimmt nicht gegen die Japaner gekämpft, dazu war er viel zu jung. Allerdings schien er genau zu wissen, was er wollte.

Einige der Akhas bereiteten rasch ein kleines Feuer vor, und ein schwarzer Kessel wurde erhitzt. Alle starrten schweigend in die Flammen, während das Wasser brodelte.

Erst als Charlie und Tschung einen Becher Tee in den Händen hielten und von der heißen Flüssigkeit genippt hatten, konnte die Besprechung beginnen. Alles andere wäre unhöflich gewesen.

„Es ist eine gute Ernte auf diesem Feld gewesen“, eröffnete Tschung das Gespräch.

Der Amerikaner warf einen raschen Blick zu den aufgeladenen Ballen. „Es gab schlechtere Ernten, das ist richtig.“

„Ich meine, es war diesmal eine ganz besonders gute Ernte“, bohrte der Chinese weiter. „Ihr habt das ganze Feld gekauft und dabei einen guten Schnitt gemacht.“

Charlie zuckte die Schultern. „So wird es immer gemacht. Mal ist die Ernte ein wenig schlechter, mal ein wenig besser. Es gleicht sich alles aus.“

Tschung nickte verstehend und schlürfte seinen Tee. „Sie stimmen mir doch zu, dass der Preis für diese Ernte günstig war.“

Ronald Meade fühlte sich ein wenig unbehaglich. Er wusste genau, dass er gegen die Chinesen nichts unternehmen konnte. Sie besaßen die Gewehre und damit die Macht. Er wusste zwar, dass sie es nicht zu weit treiben würden, weil auch sie vom Opium lebten, aber andererseits versuchten sie möglichst viel aus dem Geschäft herauszuholen. Er verstand sie sogar, denn er hätte es nicht anders gemacht.

„Die Preise sind überall gestiegen“, stellte Charlie mit Grabesstimme fest. „Alle halten sie die Hand auf. In Bangkok hat eine regelrechte Inflation eingesetzt, was Bestechungsgelder angeht. Unsere Profite schmelzen wie Schnee in der Sonne.“

Tschung nickte. „Es ist überall dasselbe. Aber auch unsere Kosten sind gestiegen. Was sollen wir machen? Wir haben keine Möglichkeit, uns das Geld von den Endverbrauchern zu holen – wie Sie. Wir müssen mit den bescheidenen Mitteln auskommen, die wir hier zusammenkratzen. Dabei wird es immer schwieriger, unsere Leistungen zu erfüllen. Wir bieten Ihnen schließlich Schutz bis zum Fluss. Dabei gibt es immer mehr Militärpatrouillen, die das Grenzgebiet durchstreifen. Die Burmesen sind gefährlich, und ab und zu zeigen auch die Thais die Zähne – von den Laoten gar nicht zu reden.“

Charlie biss die Zähne zusammen. „Ich verstehe. Wie viel?“

Tschung sah ihn betrübt an. „Es soll nur ein kleiner Inflationszuschlag sein. Sagen wir: dreitausend.“

„Baht?“

„Nein, Dollar natürlich.“

Dieser miese, kleine Erpresser, dachte der Amerikaner. Eines Tages werde ich ihm das Handwerk legen, aber im Augenblick sitzt er leider am längeren Hebel.

„Ich wäre unter Umständen bereit, tausend Dollar zu zahlen“, erklärte Charlie. „Schließlich habe ich eine Verantwortung meinen Auftraggebern gegenüber.“

Tschung schüttelte den Kopf. Und dann begannen sie zu feilschen, bis sie sich auf zweitausend Dollar einigten.

Der Amerikaner musste bar zahlen, eine andere Zahlungsweise war hier nicht erwünscht. Als die Scheine ihren Besitzer gewechselt hatten, zogen sich die Chinesen zurück, nicht ohne ihm mit freundlichem Gesicht gute Reise zu wünschen. Sie waren eben höfliche Leute.

Minuten später setzten sich die Elefanten in Bewegung. Die Karawane hatte eine gute Stunde verloren. Charlie blinzelte in den Himmel. Hier wurde es früh dunkel. Bis dahin mussten sie ihr Ziel oder einen guten Rastplatz erreicht haben.

Er ging zu Fuß hinter dem Führungselefanten. Ein Fußgänger konnte das Tempo bequem mithalten. Er achtete nur auf Insekten oder Schlangen, die ihm aber bei seinen hohen Stiefeln kaum etwas anhaben konnten.

Morgen Abend würde er in Chiang Mai sein. Und dann würde er sich volllaufen lassen. Und danach ein Mädchen. Oder besser vorher …

 

 

7. Kapitel

 

Gerade als sein Flug aufgerufen wurde, wurde auch sein Name ausgerufen. Er sollte sich am Informationsschalter melden.

Steve McCoy zuckte zusammen. Ein solcher Ausruf hatte noch nie etwas Gutes zu bedeuten gehabt. Wer wusste von seinem Flug nach Bangkok? Eigentlich nur John C. Barwick.

Steve seufzte, dann drehte er sich um und marschierte zum Informationsschalter. Er bemerkte nicht, dass noch ein Mann aufgehorcht hatte, als man seinen Namen ausrief.

Das Mädchen am Informationsschalter lächelte ihn an, als er nähertrat, nachdem er einige Minuten überprüft hatte, ob die Luft rein war. Er sah nichts Verdächtiges.

„Ich habe eine Nachricht für Sie“, sagte das Mädchen, nachdem er seinen Namen genannt hatte.

Steve nahm den Umschlag in Empfang und zog den Zettel heraus, der darin lag. Die Nachricht stammte von Barwick. Die Nachricht selbst war in Klarschrift. Und sie bestand nur aus einem einzigen Satz: Der Engländer befindet sich in der gleichen Maschine.

Steve zerriss den Zettel gründlich und warf ihn in den nächsten Papierkorb. Ihr Verdacht war also richtig gewesen. Brian Kent befand sich auf dem Weg nach Bangkok. Offenbar trat dort die Operation in eine entscheidende Phase, und die Gegenseite wollte sichergehen, dass es keinen weiteren Zwischenfall gab, nachdem man einen ihrer Kuriere entdeckt hatte. Es musste sich um ein ziemlich großes Geschäft handeln.

Steve ging langsam zum Flugsteig. Er war der Letzte, und die Boden-Stewardess sah ihn ein wenig vorwurfsvoll an. Aber da er ein Ticket der ersten Klasse besaß, genoss er einige Vorrechte.

Das Flugzeug war eine 747, und eine freundliche Stewardess brachte ihn in zu seinem Platz im Bug der Maschine. Die etwa zwanzig Sitze waren nur zur Hälfte besetzt. Er bekam sofort einen Drink serviert, und sie erkundigte sich nach weiteren Wünschen. Steve schüttelte den Kopf.

Als die Triebwerke angelassen wurden, musterte er unauffällig die anderen Passagiere. Brian Kent saß zwei Reihen vor ihm. Und er war nicht allein. Zwei andere Typen gehörten offenbar zu ihm. Sie rekelten sich in der zweiten Reihe und hielten Drinks in der Hand.

Noch hatte sich keiner von ihnen umgedreht. Auch wenn sie es täten, würde Steve noch keine Gefahr spüren. Schließlich kannte ihn keiner von den Typen. Nur er kannte den Engländer. Vielleicht hätte er ihn nicht einmal erkannt, wenn die Nachricht nicht gewesen wäre. Das Foto, das er gesehen hatte, war nicht besonders gut gewesen, um einen Menschen zu identifizieren. Vielleicht gab es jetzt ein besseres von dem Killer, nachdem man immerhin festgestellt hatte, dass er nach Bangkok flog.

Steve bewunderte die Organisation und die Möglichkeiten von Barwick. Der Millionär verfügte offenbar über einen gut eingespielten Informationsapparat. Für Geld konnte man natürlich auch alles kaufen. Selbst Informationen. Spione lebten davon.

Vermutlich hatte ein Mann vom Kaliber Barwicks auch einige Querverbindungen zum FBI oder zu anderen Polizeibehörden. Sicher besaß er auch seine Freunde in bestimmten Ministerien. Schließlich war er ja lange genug in der Politik tätig gewesen, und dass Steve überhaupt hier war, verriet so einiges über den Einfluss des Multimillionärs.

Ganz sicher hatte er auch Zugang zu einem Computer, der in der Lage war, eine Menge Daten zu speichern und auszuwerten. Ohne die Hilfe solcher Maschinen waren viele Informationen wertlos, wenn es nicht gelang, lose Enden miteinander zu verbinden. Das menschliche Gehirn war hier oft überfordert, aber ein Computer konnte in Sekundenschnelle einen ganzen Datenberg bewältigen.

Die Maschine rollte zum Start. Es gab noch einen kurzen Aufenthalt, dann beschleunigte das riesige Flugzeug. Steve sah nach draußen. Schneller und schneller glitten die Flughafenbauten an ihm vorbei, schließlich hob sich die Nase der Maschine, und nach einem letzten Rumpeln des Fahrgestells verließen sie die Rollbahn. In einer weiten Kurve schraubte der Pilot die Maschine höher, bis sie Kurs auf die offene See nahm.

Steve schloss die Augen, denn es würde ein verdammt langer Flug werden. Er musste versuchen, möglichst viel Schlaf zu bekommen, denn er hatte keine Ahnung, was ihn im Fernen Osten erwartete. Klimaunterschiede und Zeitverschiebungen würden ihm ohnehin zu schaffen machen.

Wenig später wurde ein leichter Lunch serviert, und als wieder abgetragen war, holte Steve McCoy aus seiner Tasche einen dünnen Aktenordner, in dem sich das Material befand, das er von Barwick erhalten hatte.

Seine Augen hefteten sich auf den Hinterkopf des Mannes, dessen Bild vor ihm lag. Wie würde ihre Begegnung wohl ausgehen? Wie gut war Brian Kent wirklich?

Wenn man den Unterlagen glauben durfte, ein höchst gefährlicher Mann. Der Engländer war vor sechsunddreißig Jahren in London geboren worden. Bis zu seinem Eintritt in die Armee gab es nichts Bemerkenswertes außer einer Jugendstrafe auf Bewährung, weil er einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen hatte. Immerhin schien die spätere Entwicklung schon vorgezeichnet zu sein.

Kent erhielt eine Ausbildung in einer Spezialtruppe der britischen Armee. Er war zur Terroristenbekämpfung in Nordirland eingesetzt. Dort schien er nicht besonders zimperlich gewesen zu sein, was die Verhöre von Gefangenen der IRA anging. Er stand auf deren schwarzen Liste, aber jeder Anschlag gegen ihn missglückte, weil er besser war als seine Gegner. Er schien einen natürlichen Instinkt für Gefahr zu besitzen.

Er brachte einen Einsatz auf Cypern hinter sich und gab ein kurzes Zwischenspiel bei einem Geheimauftrag im Mittleren Osten. Die Unterlagen verrieten nicht, worum es sich im Einzelnen handelte. Kent musste auf jeden Fall besondere Fähigkeiten besitzen, wenn er all das ungeschoren überlebte.

Er brachte es bis zum Unteroffizier, hatte dann aber keine weiteren Chancen einer Beförderung, weil er sich regelmäßig mit seinen Vorgesetzten anlegte. Für einen kurzen Zeitraum wurde er vom Special Air Service übernommen, verließ diese Spezialtruppe aber bereits nach einem halben Jahr. Man vermutete, dass er in dieser Zeit beim Sturm auf eine Maschine dabei war, die von Palästinensern gekapert worden war. Die Flugzeugentführer starben bei diesem Ansturm.

Kent wurde erneut nach Nordirland versetzt. Sein Name war von der IRA gefürchtet. Als ein Gefangener ein Verhör nicht überlebte, wurde Brian Kent aus der Armee entlassen. Der Vorfall wurde ansonsten vertuscht, um die Armee nicht in Misskredit zu bringen.

Zu diesem Zeitpunkt war Kent neunundzwanzig Jahre alt und hatte nur das gelernt, was man ihm in der Armee beigebracht hatte. Dabei handelte es sich um ziemlich einseitige Fertigkeiten. Er bemühte sich nicht weiter um einen anderen Arbeitsplatz, sondern ging in den Libanon, in dem gerade der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Vermutlich nahm er an, dass man dort für einen Mann mit seinen Fähigkeiten Verwendung fände.

Und damit hatte er Recht!

Damals wechselte Brian Kent endgültig die Fronten. Die Veranlagung zum Killer hatte er wohl schon immer besessen, aber im Libanon entwickelte er sie zur Perfektion.

Seine Spuren verwischten sich, aber hin und wieder wurde sein Name im Zusammenhang mit einem Mord genannt. Irgendwann wurde ihm dort der Boden zu heiß, und er musste beschlossen haben, ab jetzt vom Töten auf Bestellung zu leben.

Es gab nur sporadische Hinweise auf ihn. Er tauchte überall auf. Die italienische Polizei hielt ihn für einen Killer im Auftrag der Roten Brigaden. In Madrid tötete er einen hohen Militär im Auftrag der Baskischen Befreiungsfront. Ein amerikanischer Botschafter ging zweifelsfrei auf sein Konto. Der Auftraggeber blieb unbekannt.

Man sah ihn in Südafrika und in Hongkong. Er wurde in Rio gesehen und in Mexiko City. Informanten, die etwas über ihn berichten wollten, bekamen nie dazu Gelegenheit. Man fand sie vorher, mit dem Gesicht nach unten in einem Fluss treibend oder mit einem Messer im Rücken auf einem Schrottplatz. Es gab keine neueren Fotos von ihm, und keine Anhaltspunkte über seine jeweiligen Auftraggeber.

Brian Kent war wie ein tödliches Phantom, das mal hier, mal dort auftauchte. Und man schnappte ihn nie.

Kein Wunder, dass irgendwann die Mafia auf dieses bemerkenswerte Talent aufmerksam wurde. Seitdem wurden die Hinweise etwas deutlicher. Denn die Mafia war nicht ganz so abgeschirmt wie die unterschiedlichen Terroristengruppen, für die Kent gearbeitet hatte.

Als Profikiller war er einer der Bekannten im Geschäft. Manchmal reichte es schon, wenn man in einschlägigen Kreisen bekanntgab, dass man ihn angeheuert hatte. Er besaß schließlich den Ruf, dass er bisher noch nie versagt hatte.

Und jetzt arbeitete er also im Auftrage von Robert Lucas. Der Mord auf dem Flughafen zeigte schon, dass Kent auch unmöglich scheinende Aufgaben mit jedem Mittel löste. Er hatte überhaupt keine Hemmungen.

Steve hob den Blick und sah wieder auf den Hinterkopf des Killers zwei Reihen vor ihm. Er unterhielt sich mit seinen beiden Begleitern, aber die Worte waren nicht zu verstehen.

„Wünschen Sie etwas?“ Steve zuckte zusammen, als ihn die Stewardess mit berufsmäßigem Lächeln anblickte. Er schüttelte den Kopf.

Die beiden Typen neben Kent waren nicht schwer einzuordnen. Sie ähnelten sich sehr. Beide hatten bullige Figuren und kantige Schädel. Sie waren jünger als Kent, vielleicht Anfang zwanzig. Heutzutage hatten die Killer schon ihre eigene Leibgarde!

Steve versenkte sich wieder in die Unterlagen, aber mehr gaben sie nicht her. Er war ganz froh darüber, dass Kent in seiner Nähe war, denn mit einem bisschen Glück konnte er ihn in Bangkok beschatten. Auf diese Weise wurde er vielleicht bedeutend früher dorthin geführt, wohin er wollte. Die Fäden des Geschäfts liefen sicher in Bangkok zusammen, auch wenn das Opium aus dem Norden des Landes kam.

Steve blätterte um. Über Kamol Songgram stand nicht viel in den Akten. Das Wesentliche hatte John Barwick ihm schon erzählt. Auch ein Bild existierte nicht.

Songgram war sicher einer dieser zahllosen Zuträger, die für viele Leute arbeiteten, wenn die Kasse stimmte. Steve beschloss, vorsichtig zu sein. Songgram hatte schon für den Geheimdienst gearbeitet, und eine solche Tätigkeit konnte den Charakter ganz schön verderben. Trotzdem hatte er keine andere Wahl, als den Mann aufzusuchen.

Es war nicht viel, was er in der Hand hatte. Ein Name in einem fremden Land. Und ein erbarmungsloser Killer in Reichweite.

Steve verschloss die Akte und schob sie wieder in den Koffer. Es wurde Zeit, die Unterlagen zu vernichten, ehe ein unbefugtes Auge darauf fiel. Er löschte das Licht über seinem Sitz, schloss die Jalousie vor dem Fenster und drückte sich in die Ecke. Dann schlief er übergangslos ein.

 

 

8. Kapitel

 

Der Akha auf dem Führungselefanten stieß einen Schrei aus, und der Amerikaner eilte nach vorn.

Der Eingeborene deutete mit den Händen schräg nach rechts. Da sah Charlie das schlammige Wasser des Flusses zwischen den Bäumen.

Sie mussten unmittelbar an der burmesischen Grenze sein. Charlie gab ein Zeichen, sodass die anderen ganz still waren. Hoffentlich hatten sich seine Vertragspartner an die Vereinbarungen gehalten, und hoffentlich hatten die Akhas die richtige Stelle erwischt.

Die Dickhäuter blieben schwankend stehen und suchten mit den Rüsseln nach Nahrung. Charlie ging vorsichtig weiter.

Links gab ihm übermannshohes Elefantengras Deckung. Er achtete darauf, nicht mit der bloßen Haut damit in Berührung zu kommen, denn man konnte sich an dem harten Gras höllisch schneiden.

Eine sanfte Böschung führte zu einer Sandbank hinunter. Der Fluss wälzte sich träge durch sein Bett. Die Schlammmassen, die er mit sich führte, verhinderten, dass man auf den flachen Grund blicken konnte. Einige Felsen verengten an dieser Stelle das Flussbett, sodass das Wasser rascher strömte.

Der Amerikaner sah sich aufmerksam um, ehe er die schützende Deckung des Buschwerks verließ. Gegenüber ragte die grüne Wand des Dschungels auf, schon nach wenigen Metern undurchdringlich wirkend.

Er senkte den Blick, und plötzlich sah er das Boot. Nein, zwei!

Also hatten sie tatsächlich die richtige Stelle gefunden. Der Orientierungssinn dieser Bergvölker war unglaublich. Und der andere Stamm war zuverlässig gewesen. Es waren Angehörige des Stammes der Karen, der ebenfalls vor langer Zeit aus dem mongolischen Raum eingewandert war.

Die Boote waren speziell für diese Flüsse hier gebaut, lang und sehr flach. Ein starker Außenborder saß auf dem Heck. Die zwei Meter lange Antriebswelle mit der Schraube diente gleichzeitig als Steuer. Mit diesen schnellen Booten würden sie in wenigen Stunden in Chiang Rai sein, der nächsten größeren Stadt. Von dort war es nicht mehr weit bis Chiang Mai. Vor allem gab es dort eine Flugverbindung und eine, wenn auch schlechte Straße.

Charlie trat auf die Sandbank hinaus, die nur bei schweren Regenfällen überschwemmt wurde. Dann wurde dieser Fluss zum reißenden Strom, und nur erfahrene Männer wagten es, die Stromschnellen zu passieren.

Die beiden Männer erhoben sich. Sie hatten ihn schon gehört. Sie verneigten sich voreinander, wobei sie die Hände vor dem Gesicht falteten.

Der Amerikaner inspizierte die Boote und nickte. Für die teure Fracht war genügend Platz. Es gab auch wasserdichtes Verpackungsmaterial, falls ein Boot doch einmal kenterte.

Sie verhandelten kurz über den Preis, aber es gab keine Schwierigkeiten. Die Männer hatten sich an das Vereinbarte gehalten, eine seltene Erscheinung in dieser Gegend.

Unter lautem Geschrei wurden die Ballen abgeladen und auf der Sandbank gestapelt. Charlie zahlte die Akhas aus, und wenig später waren sie mit ihren Elefanten wieder im Dschungel verschwunden. Der Amerikaner starrte ihnen noch einen Augenblick nach. Schließlich drehte er sich zu seiner kostbaren Ware um.

Die beiden Männer waren bereits dabei, die Ballen in den Booten zu verstauen. Es dauerte keine zehn Minuten, und alles war verladen.

Der Amerikaner bestieg das zweite Boot. Jetzt ruhte die Verantwortung für die Fracht ganz allein bei ihm. Er tastete nach seinem Revolver in der Tasche. Die Waffe gab ihm ein wenig Sicherheit.

Die beiden Männer stießen die Boote in tieferes Wasser und warfen anschließend die Motoren an. Es dröhnte unnatürlich laut nach der langen Stille. Die Schrauben tauchten ins Wasser, und die Boote setzten sich langsam in Bewegung. Als sie die Flussmitte erreichten, wurde die Umdrehungszahl erhöht, und der Bug der Boote erhob sich aus dem Wasser.

Der Amerikaner lehnte sich bequem zurück und dachte an Chiang Mai und an den Mekong-Whisky, den er dort trinken würde.

Auf dem Fluss war es kühler als im Dschungel. Dafür gab es keinen Schatten, in dem man sich vor der gnadenlosen Sonne verbergen konnte.

Auf dem Fluss gab es nur wenig Verkehr. Dieses nördliche Gebiet war sehr dünn besiedelt, und es konnten Stunden vergehen, bis wieder einige der typischen Hütten am Ufer auftauchten. Die Bergstämme bauten ihre Behausungen immer auf Pfählen. Darunter gab es Platz für die Haustiere, und es war gleichzeitig ein Schutz gegen Überschwemmungen oder Ungeziefer.

Das eintönige Brummen der Motoren schläferte Charlie ein, und er schloss die Augen.

 

 

9. Kapitel

 

Steve McCoy wachte auf. Er öffnete nicht gleich die Augen, da er das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Er veränderte seine Atemzüge nicht, sodass jeder denken würde, dass er noch schliefe.

Ganz allmählich öffnete er sie einen Spalt breit.

Brian Kent stand mit verschränkten Armen mitten im Gang und starrte ihn an. Der Gesichtsausdruck des Engländers verriet nichts. Seine beiden Begleiter waren nicht zu sehen.

Plötzlich kam Kent zwei Schritte näher und beugte sich ein Stück vor, um Steve genauer in Augenschein zu nehmen.

Steve hielt es für angezeigt, jetzt den Aufwachenden zu spielen. Langsam klappte er die Lider hoch und gähnte. Er tat so, als würde er den anderen nicht bemerken, der sofort zurückzuckte.

Ihre Blicke tauchten ineinander, und Kent runzelte die Stirn. Dann trat er noch einen Schritt vor. „Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?“

Steve blickte ihn verständnislos an. Dann schüttelte der den Kopf. „Das scheint mir ausgeschlossen zu sein. Ich habe Sie noch nie gesehen. Tut mir leid.“

Kent machte eine nichtssagende Handbewegung. „Dann habe ich mich wohl geirrt. Ich war meiner Sache auch nicht ganz sicher. Aber Sie wissen, wie das ist. Man trifft so viele Leute.“

Steve nickte. „Das geht mir nicht anders.“

Kent zog sich zu seinem Platz zurück. Er blickte sich noch einmal um, und Steve McCoy wusste, dass sein Gesicht jetzt gespeichert war. Das würde seine Aufgabe nicht gerade erleichtern.

Kent verschwand aus seinem Blickfeld, und Steve McCoy sah, dass dessen beide Begleiter sich dicht neben ihn setzten. Die Männer sprachen leise miteinander, und Steve hatte den dringenden Verdacht, dass er selbst Mittelpunkt dieses Gespräches war.

Zwar konnte er sich nicht vorstellen, dass Brian Kent wirklich wusste, dass sein Mitpassagier ein Geheimagent war, der den Auftrag hatte, den Killer und seine Bande zu stellen und ihnen das Handwerk zu legen.

Natürlich war ein solcher Mann äußerst vorsichtig. Das garantierte ihm das Überleben. Er musste einen Instinkt wie ein Raubtier haben. Und er war im gewissen Sinne auch ein Raubtier. Ein menschliches Raubtier in den Dschungeln der Städte.

Steve McCoy verstand leider kein Wort von dem, was die drei dort flüsterten. Er stellte sich vor, wie es seine Arbeit erleichtern würde, wenn er jetzt eine hochmoderne Ausrüstung besäße. Zum Beispiel ein empfindliches Richtmikrofon im Miniformat. Dann könnte er die Augen schließen und an dem Gespräch teilnehmen.

Steve lächelte. Die moderne Technik ersetzte trotzdem nicht den Menschen. In seinem Job schon gar nicht. Und vor allem nahm die Technik das Denken nicht ab. Eine Tatsache, die oft vergessen wurde.

Stunden um Stunden vergingen, und der Flug kam ihm endlos vor. Das Flugzeug flog nach Osten, immer der Sonne entgegen. Sie überflogen Länder und Städte, immer weiter ihrem fernen Ziel entgegen.

Irgendwann gab es eine Zwischenlandung in Karatschi. Draußen war nicht viel zu erkennen. Es war noch zu dunkel. Da der Aufenthalt nur eine knappe Stunde dauerte, mussten die Passagiere an Bord bleiben. Es stiegen nur wenige Leute aus – und noch weniger zu.

Dann erhob sich der Riesenvogel wieder brüllend in die Lüfte und schraubte sich in die Höhe. Für Steve McCoy hatte das Fliegen immer noch eine gewisse Faszination, obwohl er insgesamt schon eine Strecke geflogen war, die er nicht einmal abschätzen konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass er mit seinem Pilotenschein selbst fliegen konnte, wenn auch nur kleinere Maschinen. Leider hatte er nur selten Gelegenheit dazu.

Kent rührte sich nicht mehr, und der Killer versuchte auch nicht weiter, mit Steve McCoy ins Gespräch zu kommen. Es war nicht möglich, daraus einen Schluss zu ziehen. Steve kannte die Denkweise des Mannes nicht, auch wenn er gewisse Vorstellungen hatte.

Er dachte immer noch darüber nach, ob Kent ihn tatsächlich kannte. Ausgeschlossen war es nicht. Steve McCoy war in Gangsterkreisen nicht unbekannt.

Es war also durchaus möglich, dass Brian Kent McCoys Gesicht – vielleicht auf einem Foto – schon einmal gesehen hatte. Da ein solcher Mann von seinem guten Gedächtnis lebte, musste er sich Gesichter einprägen, die ihm vielleicht irgendwann einmal gefährlich werden konnten.

Steve wusste ja selbst, wie gut er sich an bestimmte Typen erinnern konnte, von denen er vor langer Zeit nur ein Foto gesehen hatte. Für ihn galt das Gleiche. Sein Gedächtnis war sein Kapital.

Die Maschine begann ihren Landeanflug. Automatisch legte Steve McCoy den Sicherheitsgurt an. Die Stewardess räumte rasch das Glas von seinem letzten Drink weg. Gleich darauf konnte Steve auch erkennen, wie der Boden näherkam. Langsam wurden Einzelheiten sichtbar.

Sanft wie eine Feder setzte der riesige Vogel auf und rollte über die Piste. Steve warf einen letzten Blick auf Brian Kent. Viel hatte er nicht über ihn gelernt. Nur eines: Es würde verdammt schwierig sein, dem Killer in Bangkok auf den Fersen zu bleiben.

 

 

10. Kapitel

 

Der Amerikaner schlug die Augen auf, als sich das Geräusch der Motoren veränderte. Verwirrt blickte er sich um. Sie näherten sich bereits Chiang Rai. Er hatte die ganze Fahrt verschlafen.

Rasch überflogen seine Blicke die beiden Boote. Mit den Ballen schien alles in Ordnung zu sein. Er drehte sich zu seinem Steuermann um, und der grinste ihn an.

Es hatte also keinen Schiffbruch gegeben, und die Boote waren nicht auf Untiefen aufgelaufen. Seine Erschöpfung musste ziemlich groß gewesen sein, wenn er von der ganzen Fahrt nichts mitbekommen hatte. Er tastete nach seiner Waffe. Der Revolver befand sich an seinem Platz.

Das erste Boot steuerte aufs Ufer zu, und das zweite folgte. Sie wollten nicht in der Stadt selbst anlegen, das war so ausgemacht. Irgendein dämlicher Polizist konnte sonst über das Opium stolpern – und das wäre sehr ärgerlich, nachdem er den schwierigsten Teil seiner Reise hinter sich gebracht hatte.

Sanft schoben sich die flachen Boote auf den Strand. Der Kies knirschte unter dem Kiel, und das Geräusch der Motoren erstarb.

In der Ferne waren einige Fischer zu sehen, die mit den Netzen in der Hand im Fluss standen. Ein mühsames Geschäft!

Der Amerikaner kletterte aus dem Boot und reckte die Glieder. Er sah auf seine Uhr. Sie waren eine halbe Stunde zu früh. Die beiden Männer hatten eine gute Leistung vollbracht. Sie hatten nicht nur die Verspätung wettgemacht, sondern sogar einen Vorsprung herausgefahren. Sie tuschelten miteinander und deuteten auf seine Uhr. Er lächelte. Sie rechneten selbstverständlich mit einem höheren Trinkgeld.

Charlie setzte sich auf einen Stein. Erst musste die letzte Etappe der Reise in Angriff genommen werden. Die beiden anderen ließen sich in ihrer typischen Hockstellung nieder und warteten schweigend. Sie hatten Zeit, viel Zeit.

Nach zwanzig Minuten hörten sie das Geräusch eines Wagens, der sich den schmalen Weg entlangquälte. Der Amerikaner sprang auf.

Es war ein kleiner japanischer Transporter, der ziemlich vergammelt aussah. Die Kotflügel schienen nur noch an wenigen Schrauben zu hängen. Mit einem rumpelnden Geräusch kam der Wagen zum Stehen.

Zwei Typen stiegen aus und grinsten den Amerikaner an. Es waren Einheimische mit knallbunten Hemden. Sie trugen keine sichtbaren Waffen. Einer von ihnen spuckte seinen Kaugummi aus. „Ihr seid ja pünktlich. Das ist sehr gut.“

„Ihr weniger“, entgegnete Charlie ungerührt.

Der andere beugte sich vor und flüsterte dem Amerikaner ein Wort in das Ohr. Es war das richtige Kennwort.

„Okay“, Charlie nickte. „Da sind die Ballen mit dem Zeug. Ihr könnt aufladen.“

„Die beiden dort könnten uns helfen.“

Charlie seufzte. Dann winkte er die Bootsleute heran. Es hatte keinen Sinn, sich auf die Hinterbeine zu stellen und Schwierigkeiten zu machen. Sein Job war fast erledigt. Er würde den beiden eben ein paar Dollar mehr zahlen. Darauf kam es nicht an.

Nach zehn Minuten war die kostbare Fracht verladen, nachdem die Neuankömmlinge zwei rasche Stichproben gemacht hatten. Das Opium fand ihren Beifall. In diesem Geschäft wurde Misstrauen großgeschrieben.

Wenig später wendete der Transporter. Der Amerikaner sah dem Wagen lange nach. Das Rauschgift war eine Etappe weiter. Jetzt würde es auf den langen Weg nach Bangkok gebracht werden. Unterwegs waren einige Schmiergelder zu zahlen. In zwei oder drei Tagen würde der Stoff dann in Bangkok sein. Dort übernahm eine gut eingespielte Organisation die Ware. Vermutlich würde man das Opium in einem versteckten Labor zu Morphinbase verarbeiten oder gleich zu Heroin. Das kam auf die Wünsche der Abnehmer an.

Nun, ihn ging das alles nichts mehr an. Die beiden würden ihn noch bis Chiang Rai bringen, wo er sie bezahlte. Und danach konnte er sich unbeschwert auf den Weg machen, um sich endlich volllaufen zu lassen. Die Mädchen durften natürlich auch nicht vergessen werden.

Der Amerikaner namens Charlie wandte sich um und stieg wortlos wieder in sein Boot. Es war ein verdammt schmutziges Geschäft – aber er lebte davon. Was sollte er sonst tun?

 

 

11. Kapitel

 

Die Hitze auf dem Flugfeld war erdrückend. Der Asphalt schien zu kochen. Es wehte kein Wind, und Steve McCoy war in wenigen Minuten völlig durchgeschwitzt. Er eilte mit den anderen Passagieren in die Ankunftshalle, aber es dauerte ein bisschen, bis er sich akklimatisiert hatte. Zum Glück war die Halle mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Dann kam die langwierige Prozedur mit dem Zoll. Die Schlange der Wartenden schob sich nur langsam vorwärts.

Brian Kent und seine beiden Begleiter hatte er aus den Augen verloren. Sie mussten irgendwo in der Menge stecken.

Der Zöllner musterte ihn scharf und blätterte den Pass gelangweilt durch. Schließlich drückte er sorgfältig seinen Stempel hinein und befestigte die ausgefüllte Einreisekarte mit einer Klammer im Pass.

Steve erhielt sein Gepäck und stand endlich draußen vor dem Gebäude. Sofort stürzten mehrere Männer auf ihn zu, die ihm ihre Dienste als Taxifahrer anboten. Er schüttelte den Kopf und sah sich nach dem Engländer um.

Es dauerte ein paar Minuten, und der Schweiß rann ihm über den Rücken. Endlich kamen die drei, und sie nahmen das erste Taxi, ohne lange zu überlegen. Steve stieg in das Nächste, erklärte dem Fahrer, dass er dem anderen Wagen folgen sollte und handelte den Preis ohne viel zu feilschen aus.

Die Augen des Mannes leuchteten auf. Das war eine Aufgabe, so richtig nach dem Herzen der hiesigen Automentalität. Steve musste sich erst an den Linksverkehr gewöhnen. In dem dichten Gewühl auf der Straße, die nach Bangkok hineinführte, fiel eine Verfolgung kaum auf. Der Fahrer hatte inzwischen auch begriffen, dass er ein wenig Abstand halten musste. Steve schob eine Dollarnote als Ansporn über die Rückenlehne.

Er fühlte sich müde. Der lange Flug und der Zeitunterschied machten ihm zu schaffen. Krampfhaft bemühte er sich, die Augen offen zu halten. Aber sein Fahrer erledigte die Aufgabe gut. Er blieb an dem anderen Taxi mühelos dran.

Plötzlich waren sie mitten in der Großstadt. Das Verkehrsgewühl wurde immer dichter. Steve verlor den anderen Wagen für ein paar Sekunden aus den Augen, aber der Fahrer machte eine beruhigende Handbewegung und grinste ihn im Rückspiegel an.

Dann tauchte das erste Taxi wieder hinter einem Lastwagen auf, scherte aus und bog zu einem großen Hotel ab. Steve erkannte erst beim zweiten Blick, dass es sich um das Gleiche handelte, das man auch für ihn reserviert hatte. Auf diese Weise wich er Brian Kent nicht von der Seite, aber diese Nähe hatte natürlich auch ihre Gefahren. Das war ihm jedoch im Moment ziemlich gleichgültig.

Er wartete, bis die anderen in der Hotelhalle verschwunden waren, dann bezahlte er seinen Fahrer, gab ein reichliches Trinkgeld und stieg ebenfalls die Stufen zum Hoteleingang empor. Die Türen öffneten sich automatisch. Ein Page eilte auf ihn zu und wollte ihm den Koffer abnehmen, aber er wehrte unwillig ab.

Er ging zur Rezeption und erkundigte sich nach seinem Zimmer. Von den anderen dreien war nichts zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis man die Reservierung gefunden hatte, aber dann erhielt er seinen Schlüssel. Sein einziger Wunsch war jetzt eine kalte Dusche und danach ein paar Stunden Schlaf.

In diesem Augenblick tippte ihm jemand auf die Schulter. Steve fuhr herum, und beinahe wäre seine Hand in altgewohntem Reflex an die Hüfte gefahren, wo er häufig seine Waffe trug. Heute befand sich natürlich nichts an diesem Platz.

Brian Kent stand vor ihm und lächelte. Er trug eine Sonnenbrille. „Welch ein Zufall!“, bemerkte er. „Eben saßen wir noch zusammen in der Maschine und jetzt wohnen wir im gleichen Hotel. Die Welt ist doch ziemlich klein geworden, sage ich immer. Finden Sie nicht auch?“

Steve zuckte mit den Schultern. „Finde ich nicht. In exotischen Ländern gibt es immer nur wenige Hotels, die von Amerikanern bevorzugt werden.“

„Ich bin Brite“, erklärte Kent lächelnd.

„Für die gilt wohl das Gleiche“, entgegnete Steve und drängte sich an ihm vorbei in Richtung Lift.

Kent nahm seine Sonnenbrille ab, faltete sie sorgfältig zusammen und schob sie in die Brusttasche. Das Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen und hatte einem nachdenklichen Ausdruck Platz gemacht. Steve atmete auf, als sich die Lifttüren hinter ihm schlossen.

Sein Zimmer lag fast am Ende eines endlos langen Ganges. Es war geräumig und mit allen notwendigen Dingen ausgestattet. Es roch nur ein wenig muffig. Die Klimaanlage lief auf vollen Touren, und er stellte sie eine Stufe zurück.

Zehn Minuten danach lag er auf dem Bett und wachte genau zwei Stunden später nach einem kurzen, aber trotzdem erfrischenden Schlaf wieder auf. Und er verspürte Hunger.

Das hoteleigene Restaurant war um diese Zeit wenig besucht. Er studierte die Speisekarte und entschied sich schließlich für ein Reisgericht, dessen Name ihm nichts sagte.

Es schmeckte gut, und nach einer halben Stunde kehrte er zu seinem Zimmer zurück. Irgendwann musste er schließlich anfangen, sich mit seinem Auftrag auseinanderzusetzen.

Als seine Hand die Tür berührte, sagte ihm sein Instinkt, dass etwas nicht stimmte. Es war nur ein Gefühl, aber er wusste, dass er sich in der Regel auf diese Art von Gefühl verlassen konnte. Es signalisierte Gefahr, und die Gefahr befand sich in seinem Zimmer.

Er legte das Ohr an das Holz der Tür und lauschte. Es war nur ein ganz schwaches Geräusch zu hören, aber es gab keinen Zweifel mehr. In seinem Zimmer befand sich eine andere Person.

Vorsichtig steckte er den Schlüssel in das Schnappschloss. In diesen Dingen hatte er Routine. Es gab nicht den geringsten Laut.

Steve drehte millimeterweise den Türknauf. Sein Atem ging ruhig und langsam. Er war völlig auf seine Aufgabe konzentriert. Gleich würde alles sehr schnell gehen müssen – was auch immer ihn dort drinnen erwartete.

Die Tür flog auf, und er war mit einem Satz im Raum. Und er erfasste die Situation blitzschnell.

Mit dem Rücken zu ihm stand einer der Begleiter von Brian Kent. Der Mann richtete sich überrascht auf. Steves Koffer war geöffnet, und die Sachen lagen verstreut auf dem Bett. Er ärgerte sich, dass er die Pistole noch nicht ausgepackt hatte. Sie lag mit anderen wichtigen Dingen immer noch wohlverwahrt im Geheimfach seines Koffers, das selbst bei gründlichen Überprüfungen nicht so leicht entdeckt werden konnte.

Steve registrierte, wie der Mann zu seiner Achsel griff. Er hatte offensichtlich den Fehler nicht gemacht und sich seine Kanone bereits wieder umgeschnallt.

Ehe die Hand den Kolben der vermutlichen Waffe berühren konnte, schnellte Steve durch die Luft. Der Sprung war genau berechnet. Seine ausgestreckten Hände krallten sich in das Revers des anderen, und durch den Zusammenprall wurden sie beide auf das breite Bett geschleudert.

Der andere Mann grunzte und setzte sich wütend zur Wehr. Seine Hände tasteten fahrig herum und versuchten, eine günstige Stelle für den Gegenangriff zu finden.

Sie wälzten sich herum, und Steve versuchte, den anderen mit einem bestimmten Griff festzunageln. Er hoffte nur, dass jetzt niemand durch den Gang kam und einen Blick in das Zimmer warf. Die Szene wäre wohl jedem merkwürdig vorgekommen.

Wieder versuchte der Gangster, seine Waffe zu ziehen, aber Steve presste den rechten Arm des anderen in eine Zange, aus der es kein Entkommen gab.

Er hatte die bessere Position. Der Gangster konnte sich kaum noch rühren. Schließlich sagte er in reinstem Bronx-Tonfall: „Hören Sie auf, Mann. Sie brechen mir den Arm!“

„Wäre nicht das Schlimmste“, knurrte Steve McCoy.

„Also hatte Brian doch recht“, meinte der andere und wand sich.

„Wer ist Brian?“, fragte Steve McCoy.

Der Ganove machte ein verblüfftes Gesicht. „Sie haben doch mit ihm gesprochen. Im Flugzeug.“

„So? Habe ich das?“ Steve verstärkte den Griff noch. Dann konnte er für einen winzigen Augenblick die Linke freimachen. Einen Sekundenbruchteil später hatte er die Pistole des anderen in der Hand. Es handelte sich um ein gängiges amerikanisches Modell.

Rasch löste er sich von dem Mann, zielte mit der Waffe auf ihn und ging zur Tür, um sie zu schließen.

Der andere richtete sich auf, blieb aber auf dem Bett sitzen. Er musterte Steve neugierig, schien aber nicht besonders viel Angst zu haben. „Seien Sie vorsichtig damit, sie ist geladen.“

Das hatte Steve schon am Gewicht gemerkt, und er ging auf diese Bemerkung nicht weiter ein. „Was wollt ihr von mir? Weshalb halten Sie sich in meinem Zimmer auf und durchwühlen meine Sachen? Das gefällt mir nicht. Hat dieser Brian Sie dazu angestiftet?“

Der andere schüttelte den Kopf. „Entweder sind Sie sehr dumm oder ganz schön gerissen. Wir hatten einen Verdacht. Brian hat Sie schon einmal irgendwann gesehen. Sein Gedächtnis für Personen ist nämlich ganz erstaunlich. Und er wollte nur herausfinden, wer Sie sind. Es war mehr ein Spaß, verstehen Sie?“

„Ich verstehe überhaupt keinen Spaß“, antwortete Steve und hob die Pistole ein Stück. „Ich möchte nur den wahren Grund wissen, weshalb mein Zimmer von euch durchsucht wird. Wertsachen lasse ich grundsätzlich nicht in Hotelzimmern herumliegen. Wenn ihr das gesucht habt, habt ihr vergeblich gesucht.“

Steve hoffte nur, dass der andere den Aktenordner mit den Unterlagen über Brian Kent noch nicht gefunden hatte. Aber der Gangster war von ihm gestört worden. Die kleine Tasche, in der sich die Akte befand, schien noch unberührt zu sein. Der Eindringling hatte sich zuerst den Koffer vorgenommen.

„Sie sind ein Bulle“, stellte der Gangster plötzlich fest. „Ich weiß zwar nicht, von welcher Sorte, aber das werden wir schon noch herausbekommen.“

Steve lächelte spöttisch. „Damit geben Sie zu, dass Sie auf der anderen Seite des Gesetzes stehen. Wenn ich bis jetzt noch keinen Verdacht gehabt hätte, jetzt hätte ich einen.“

„Wir sind hier nicht in den Vereinigten Staaten. Das hier ist Bangkok. Hier gibt es verdammt viele Kanäle, in denen schon so mancher verschwunden ist, der seine Nase zu tief in anderer Leute Angelegenheiten gesteckt hat. Klongs nennt man diese Kanäle übrigens.“

„Vielen Dank für die Belehrung.“ Steve wedelte mit der Pistole. „Haben Sie auch einen Namen?“

Der andere biss sich auf die Lippen. „Was wollen Sie eigentlich? Haben Sie etwas gegen mich vorzubringen? Ich habe mich in der Zimmernummer geirrt, das ist alles. Kein Grund, mich mit einer Waffe zu bedrohen.“

„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein. Im Übrigen: Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.“

Der Gangster grinste frech. „Dann kann ich jetzt wohl gehen.“

Steve nickte. Er ließ das Magazin der Pistole in seine Hand gleiten und nahm die Patronen heraus. Dann warf er Waffe und Magazin dem anderen zu, der beides geschickt auffing.

„Vergessen wir den Zwischenfall“, sagte Steve. „Ich hoffe, dass Sie mir nicht mehr über den Weg laufen.“

„Das hoffe ich auch. Es könnte sonst unangenehm für Sie werden. Denken Sie an die Klongs. Es sind stinkende Kloaken, in denen Sie sich schon eine Vergiftung holen, wenn Sie die Hand hineinstecken.“

„Soll das eine Drohung sein?“

„Nur eine freundliche Ermahnung, weiter nichts.“

Der Ganove stand auf und ging zur Tür. Steve trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Die Situation war im Moment unentschieden. Er hatte gegen den anderen nichts in der Hand, und das wusste der Kerl ganz genau. Er hätte ihn höchstens wegen des Einbruchs in sein Zimmer anzeigen können, aber da wäre er sich ziemlich lächerlich vorgekommen, und die Polizei in Bangkok würde sich deswegen wohl kein Bein ausreißen.

Trotzdem war es außerordentlich ärgerlich, dass die Gegenseite bereits Verdacht geschöpft hatte. Zwar wusste der englische Killer nichts Genaues, doch ein Mann wie er musste im höchsten Grade misstrauisch sein. Er durfte sich keine ungeklärten Fälle erlauben. Aus diesem Grund musste Steve davon ausgehen, dass die Gegenseite ihn beobachtete oder einfach aus dem Weg räumte, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.

Der Gangster griff zur Türklinke. In seinen Augen funkelte Hass. „Denken Sie an meine Worte und wünschen Sie sich nicht, dass wir uns noch einmal wiedersehen.“

Steve drückte hinter ihm den Knopf, der die Tür verschloss. Dann öffnete er das Geheimfach seines Koffers und nahm die Pistole heraus. Sorgfältig lud er das Magazin mit Neun Millimeter-Para-Patronen und prüfte die Waffe auf Funktionsfähigkeit.

Anschließend schnallte er sich ein Spezialholster an die Wade. Dort gab es die einzige Möglichkeit, eine solche Waffe zu verbergen. Vor seinem Abflug nach Fernost hatte er glücklicherweise nicht vergessen, welches Klima in Bangkok herrschte. Wenn er eine Jacke tragen müsste, würde er vermutlich zerfließen. Blieb nur zu hoffen, dass es bei seinem Einsatz nicht auf schnelles Ziehen ankam.

Als Nächstes nahm er sich die Akte vor. Sie musste verschwinden, denn es war nicht auszuschließen, dass man sein Gepäck erneut durchwühlte. Schließlich hatte er keine Ahnung, wer alles auf der anderen Seite stand. Dass auch einheimische Stellen ihre Finger im Drogengeschäft hatten, war völlig klar. Vermutlich waren auch Polizisten und Drogenfahnder geschmiert. Die Mafia war in dieser Beziehung nie kleinlich gewesen. Und Korruption besaß in diesem Land eine lange Tradition.

Steve hatte sich alles, was in der Akte wichtig war, eingeprägt. Er verbrannte die Unterlagen Blatt für Blatt im Aschenbecher und spülte die Asche anschließend in die Toilette.

Danach legte er sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen aufs Bett und dachte nach. Die Situation war schon ziemlich verfahren, noch ehe der Fall Konturen angenommen hatte. Er brauchte dringend einen Plan …

 

 

12. Kapitel

 

Brian Kent war ungehalten. Seine Finger trommelten auf der Sessellehne, während er sich den Bericht von Sam Chester anhörte.

„Du hast also nicht herausfinden können, ob dieser Kerl ein Bulle ist oder nicht?“

Chester nickte. „Er kam zu früh zurück. Er muss das Essen in sich hineingeschlungen haben. Ich hatte gerade Zeit, seinen Koffer zu untersuchen.“

„Und?“

„Nichts.“ Chester zuckte mit den Schultern. „Ganz normales Gepäck. Dinge, die man halt auf so eine Reise mitnimmt.“

„Keine Waffe?“

Chester schüttelte den Kopf. „Nein, ganz sicher nicht. Da war zwar noch eine kleine Tasche, aber die hatte er schon im Flugzeug, also kann dort auch keine Waffe drin gewesen sein. Allerdings habe ich mich gewundert, dass er verdammt gut mit meiner Pistole umgehen konnte.“

Kent hob den Kopf. „Was soll das heißen?“

„Die Pistole wirkte in seiner Hand, als gehörte sie zu ihm. Es gab kein Zögern, kein Prüfen des Mechanismus. Der Kerl kannte diese Waffe. Er muss häufiger mit Kanonen zu tun haben. Es war, als hätte er sein Arbeitsgerät in der Hand.“

„Vielleicht gehört er auch zur Konkurrenz“, überlegte Kent laut.

„Das glaube ich nicht. Ich habe schließlich mit ihm gesprochen.“ Chester lachte. „Wenn wir die Bösen sind, gehört er zu den Guten. Ich bin ganz sicher, dass er eine Art von Bulle ist. Sicher kein normaler Schnüffler. Vielleicht irgendein Spezialagent. Bei uns zu Hause gibt es viele Organisationen, die uns das Leben schwermachen.“

„Ich kenne das Gesicht“, murmelte Kent leise. „Wenn ich nur wüsste, wo ich den Kerl schon mal gesehen habe! Es macht mich unruhig, wenn ich es nicht herausbekommen kann.“

„Wir sollten kein Risiko eingehen. Wir müssen in Kürze zu unserem Treffpunkt. Es wäre nicht gut, wenn wir einen Schatten hinter uns hätten.“

„Mick passt doch auf ihn auf?“

Chester nickte. „Er sagt uns Bescheid, wenn der Kerl sein Zimmer verlässt. Der Typ wird keinen Schritt ohne unsere Aufsicht tun können. Wenn wir erst unsere Verbindungen hergestellt haben, können wir ihn vielleicht ganz offiziell aus dem Verkehr ziehen lassen.“

Kent schüttelte den Kopf. „Nein, das kommt nicht in Frage. Wir werden alle anderen aus dieser Sache heraushalten. Sonst werden nur dumme Fragen gestellt. Ich traue den Typen hier außerdem nicht. Für eine Handvoll Dollar verkaufen sie ihre eigene Mutter. Wir werden uns selbst um unseren Freund kümmern. Wenn er tatsächlich hinter uns her sein sollte, müssen wir ihn unauffällig umlegen. Ich habe es am liebsten, wenn ich weiß, dass meine Feinde mir nie mehr in die Quere kommen können.“

Kent durchquerte das Hotelzimmer und nahm eine Stahlkassette aus seinem Koffer. Sie schien ziemlich schwer zu sein.

„Mein Handwerkszeug“, erläuterte er.

Chester sah gespannt zu, wie Kent die Kassette öffnete. Auf schwarzem Samt lagen Musterwerkzeuge. Poliertes Chrom blitzte.

Chester sah den Engländer erstaunt an. „Das schleppen Sie mit sich herum? Ganz normale Sachen?“

Kent grinste und hob einen Einsatz heraus. Darunter befand sich ein zweiter Satz Werkzeuge, ebenfalls in Schaumstoff und Samt versenkt.

Chester blickte hinein. „Und wo ist der Trick?“

Kent nahm einen Steckschlüssel heraus. Es war nur eine Attrappe. Man dachte, dass die Werkzeuge den restlichen Raum der Kassette einnahmen, aber in Wirklichkeit bestanden die massiv aussehenden Werkzeuge nur aus einer flachen Oberkante.

Kent griff in die Kassette und fummelte an einem geheimen Verschluss herum. Es gab ein fast unhörbares Klicken, und er konnte den zweiten Einsatz herausnehmen, der das wahre Geheimnis der Kassette verbarg.

Darunter befand sich in einer Spezialhalterung eine automatische Pistole, eine M 39 von Smith & Wesson. Daneben lagen ein Schalldämpfer und ein Ersatzmagazin, komplett geladen.

Kent nahm die Pistole mit einer fast zärtlichen Bewegung heraus. Sie besaß spezielle Griffschalen, die nach seiner Hand geformt waren. Er schwenkte das tödliche Werkzeug mit einer eleganten Bewegung herum. „Da ich so viele Grenzen überschreite, brauche ich ein sicheres Versteck für meine Waffe. Auch eine Durchleuchtung würde nichts bringen. Der geheime Raum ist mit Blei verkleidet. Da die Kassette so schwer ist, musste ich den übrigen Raum mit schwer aussehenden Gegenständen füllen. Ich bin auf diese Weise Vertreter einer Werkzeugfabrik geworden. Bisher hat mir die Geschichte jeder abgekauft.“

Chester leckte sich über die Lippen. „Das ist auch eine verdammt gute Tarnung. Jetzt wundert mich nicht mehr, dass man Sie für einen wirklichen Spezialisten hält. In den Staaten besitzen Sie in eingeweihten Kreisen einen sehr guten Ruf. Ich bin froh, dass ich bei diesem Fall mit Ihnen zusammenarbeiten kann.“

Kent lächelte geschmeichelt. Er wusste, dass er eitel war, aber in seinem Job konnte man kaum öffentliches Lob erwarten, und so war er für jede andere Schmeichelei empfänglich.

„Weil ich gut bin, bin ich auch teuer. Aber eure Organisation hat bisher immer gut gezahlt, und deshalb arbeite ich für sie.“

Chester nickte. „Unser Boss weiß, was er will. Er hat eine Nase für gute Geschäfte, und mit Drogen ist einfach am meisten Kohle zu machen. Es fällt für uns alle genug ab. Außerdem bin ich gern mal in einer anderen Gegend. Bisher bin ich aus New York kaum herausgekommen. Mir gefällt es hier gut. Noch ruhiger wäre ich allerdings, wenn wir uns keine Sorgen um diesen Typ hier im Hotel zu machen brauchten.“

Kent streichelte über den Pistolenlauf. „Damit werde ich den Kerl erledigen. Er wird es nicht einmal merken. Ich habe ein bisschen Übung in solchen Dingen.“

„Dann bin ich beruhigt.“ Chester grinste böse.

„Mick ist auf seinem Posten. Wir können also später unseren Treffpunkt aufsuchen?“

Chester nickte. „Ja. Er bleibt an dem Kerl dran und wird ihn nicht aus den Augen lassen. Ich habe Mick gesagt, dass er nach eigenem Ermessen handeln kann, falls der Kerl etwas Komisches unternimmt.“

Kent schnitt eine schiefe Grimasse. „Dazu ist Mick nicht in der Lage! Er kann doch kaum bis drei zählen!“

Details

Seiten
263
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937206
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520278
Schlagworte
höllenjob goldenen dreieck raten

Autor

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Titel: Höllenjob im Goldenen Dreieck – Tod auf Raten