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Fahrerflucht vor der Liebe

2020 70 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Fahrerflucht vor der Liebe

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Fahrerflucht vor der Liebe

Wie ein Spatz in der Hand

Ich bin doch kein Kind mehr

Wackelkontakt zweier Herzen

Fahrerflucht vor der Liebe

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 70 Taschenbuchseiten.

 

- Erst fährt der Typ Astrids Auto an und verzögert dadurch ihre Urlaubsreise, und dann kreuzt er auch noch am Ferienort auf. Aber irgendwie kann sie gar nicht sauer auf ihn sein …

- So hatte Anita sich ihren Traummann nicht vorgestellt. Armin nimmt es mit der Treue nicht so genau. Wie soll sie ihm das nur abgewöhnen? Und was soll sie anstellen, dass er sie überhaupt zur Kenntnis nimmt?

- Nadine findet, dass ihre verwitwete Mutter mit ihr viel zu streng ist. Sogar ihren Freund Bobo möchte sie ihr am liebsten verbieten. Sie selbst hat mit Männern leider nichts mehr im Sinn – bis eines Tages durch ein Missverständnis der nette Horst auftaucht …

- Nach neun Ehejahren braucht Gabrielas Mann Christian prickelnde Abwechslung. Die Scheidung ist beschlossene Sache. Wohl oder übel muss Gabriela einen Weg suchen, wie sie ihr künftiges Leben gestalten soll. Ohne Christian?

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Fahrerflucht vor der Liebe

"Und melde dich, sobald du in Riva angekommen bist", bat Mona, mit der Astrid die Dreizimmerwohnung teilte. "Mädchen, du bist zu beneiden! Drei herrliche Wochen voll Sonne, Faulenzen und feuriger Italiener. Aber ich gönne sie dir. Du brauchst dringend Erholung nach dem monatelangen Stress im Büro und der Sache mit Jochen."

"Hör schon auf!", wehrte Astrid ungeduldig ab. Ihre braunen Augen blitzten ärgerlich. "Von Jochen will ich nichts mehr hören. Und auch nicht von feurigen Italienern. Die Männer können mir allesamt gestohlen bleiben. - Habe ich auch nichts vergessen?" Sie musterte ihren Koffer und die Reisetasche, hängte sich den Fotoapparat um den Hals und umarmte die Freundin.

Wie ein mallorkinischer Esel bepackt, ächzte sie die Treppe hinunter und trat auf die Straße, auf der vor dem Haus ihr Kleinwagen, vollgetankt und waschanlagengepflegt, auf sie wartete.

Nachdem sie ihr Gepäck verstaut und hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte, seufzte Astrid auf. Noch einmal aussteigen. Den Reklamewisch konnte sie nicht an der Windschutzscheibe hängen lassen.

Bei näherem Betrachten stellte sie fest, dass es sich um keine Werbung für eine Diskothek handelte. Jemand hatte auf die Rückseite eines Parkscheins eine Telefonnummer gekritzelt. Darüber standen die mageren Worte: "Tut mir leid! M. Bäcker, Krumme Straße 6."

Astrid runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Von Jochen stammte der Zettel jedenfalls nicht. Er war auch nicht der Typ, der sich für irgendetwas entschuldigte. Jochen hatte immer Recht.

Ihr Blick glitt etwas tiefer und blieb am linken Kotflügel hängen.

O nein! Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Die Beule ließe sich ja noch verschmerzen, aber mit dem zertrümmerten Scheinwerfer kam sie niemals über die Grenze.

In Astrids Augen stiegen Tränen der Wut und Enttäuschung. Am Gardasee wartete ein zauberhaftes Ferienhaus, und sie stand hier und war sich im Klaren, dass am Sonnabendnachmittag keine Werkstatt diese Reparatur mehr ausführen würde.

Während sie den Zettel zerknüllte, dachte sie an die Schadensregulierung. Mit einem 'Tut mir leid' war der Fall nicht erledigt.

Sie stürmte in die Wohnung zurück. Mona wusch sich im Bad die Haare und sang dazu.

Astrid war nicht zum Singen zumute. Sie wählte die angegebene Telefonnummer und wurde durch den beharrlichen Rufton nur noch zorniger.

"Niemand zu Hause!", zischte sie. "Typisch!" Sie knallte den Hörer auf die Gabel.

"Um Himmels willen, Astrid!" Mona betrat mit feuchten Haaren unter einem roten Frottierturban das Zimmer. "Was ist denn passiert? Du siehst schrecklich aus."

"Dann solltest du erst mal mein Auto sehen", gab Astrid giftig zurück, obwohl die Freundin nun wirklich keine Schuld traf. Atemlos berichtete sie von der Katastrophe, die sie günstigenfalls zwei Urlaubstage kostete.

"Hast du die Adresse von dem Schuft?", wollte Mona wissen. Dass M. Bäcker nur ein Mann sein konnte, stand für beide Frauen fest.

Astrid nickte schwach. Dann machte sie sich auch schon auf den Weg. Na, der konnte was erleben!

Auf ihr Läuten öffnete niemand, eine Tatsache, die nicht geeignet war, ihre Stimmung zu verbessern. Als endlich ein blonder Mann, dem die Erholung ins braungebrannte Gesicht geschrieben stand, die Treppe heraufeilte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, fuhr Astrid die Krallen aus und gab ihrer Stimme einen Klang, der selbst hartgesottenen Sündern das Fürchten beibringen musste.

"Sind Sie M Punkt Bäcker?"

Der athletische Bursche musterte sie ungeniert und keineswegs zerknirscht. In seinen türkisfarbenen Augen blitzte es flüchtig auf.

"M steht für Michael", verriet er. "Und Sie sind vermutlich die Besitzerin des weißen Straßenflohs."

"Der Floh ist zu groß, um ihn zu übersehen", fand Astrid.

"Ich weiß. Es tut mir ja auch leid."

"Das ist mir bereits bekannt, Herr Bäcker", sagte Astrid schneidend. "Sorgen Sie lieber dafür, dass der Wagen noch heute repariert wird! Ich will zum Gardasee."

"Heute noch? Unmöglich! Die Werkstätten haben schon ..."

"Hören Sie", unterbrach Astrid ihn, "erzählen Sie mir nicht lauter Dinge, die ich schon weiß! Mich interessiert nur mein Urlaub, und den haben Sie gründlich verdorben."

Der Mann holte tief Luft und schlug vor, das nicht ausgerechnet im Treppenhaus zu besprechen. Zögernd folgte sie ihm in die Wohnung, blieb aber im Gang stehen.

"Kommen Sie doch bitte weiter", forderte Michael Bäcker sie auf. Seine Stimme schien keinen Widerspruch zuzulassen, was Astrid zusätzlich reizte. Sie rührte sich nicht von der Stelle.

"Meinetwegen. Dann serviere ich den Versöhnungstrunk eben hier."

"Ich will mich nicht versöhnen", erinnerte Astrid. "Ich will in Urlaub fahren. Und zwar noch heute."

Wieder musterte er sie prüfend. Das Türkis seiner beunruhigenden Augen wurde eine Spur dunkler.

"Warum fahren Sie nicht einfach mit mir?", lud er sie ein. "Die schnelle Reparatur müssen Sie sich aus dem Kopf schlagen, und in meinem Wagen ist gerade ein Platz frei geworden. Die Fahrt geht nach Südfrankreich. Den Gardasee können Sie sich nächstes Jahr anschauen."

"Typisch Mann!", zürnte Astrid. "Sie verstehen es blendend, vom wahren Problem abzulenken. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Ihre Frau über diesen Vorschlag begeistert wäre."

"Deswegen brauchen Sie sich keine Gewissensbisse zu machen", meinte Michael Bäcker mit lammfrommer Unschuldsmiene. "Verheiratet bin ich nicht, und Silvia ist schließlich an allem schuld. Auch an der Beule Ihres Fahrzeugs."

Astrid knirschte mit den Zähnen. Das wurde ja immer schöner. Dieser Bursche brachte es womöglich noch fertig, Schuldgefühle in ihr zu wecken. Bevor sie einen bissigen Kommentar abgeben konnte, setzte er bereits zu einer Erklärung an.

"Ich hatte Silvia schon seit einiger Zeit im Verdacht, mich zu betrügen. Heute sah ich sie nun in den Wagen eines Kerls im Maßanzug steigen. So mit Küsschen und allem Drum und Dran. Natürlich wollte ich hinterher. Dummerweise hatte mich der Vordermann in der Parklücke eingeklemmt, und beim Zurückstoßen hat es dann eben gekracht. Ich wollte keine Fahrerflucht begehen, konnte aber andererseits doch auch Silvia nicht mit dem Schönling wegfahren lassen. Das sehen Sie hoffentlich ein."

"Und jetzt?", erkundigte sich Astrid, die merkwürdige Parallelen zu ihrer eigenen Erfahrung mit Jochen entdeckte.

Michael Bäcker schnitt eine Grimasse, die kein bisschen bekümmert aussah.

"Jetzt ist sie doch weg. Der andere ist ein Bankierssohn. Den Urlaub in Saint Raphael habe ich längst gebucht. Für zwei Personen. Bitte, machen Sie mir die Freude, Frau ..."

Er hob die Stimme und wartete, dass Astrid ihren Namen nannte, doch sie dachte gar nicht daran. Für die Rolle eines Lückenbüßers war sie sich zu schade. Und überhaupt!"

"Vergessen Sie's!", meinte sie schnippisch. "Sie finden bestimmt einen anderen Ersatz."

"Fragt sich nur, ob ich das will", gab er zu bedenken. Sein Blick ruhte beharrlich auf Astrid, die eine seltsame Hitze in sich aufsteigen spürte.

Kein Wunder! Das machte der Ärger! Erst der demolierte Scheinwerfer und nun auch noch dieses dreiste Angebot. Heute war nicht ihr Tag.

"Sie sehen also keine Möglichkeit, mein Auto heute noch instandsetzen zu lassen?", forschte sie betrübt.

Michael Bäcker verneinte bedauernd.

"Ich komme selbstverständlich für sämtliche Kosten auf", versicherte er. "Nehmen Sie als Anzahlung einen Scheck? Den Rest begleiche ich, wenn wir beide aus dem Urlaub zurück sind."

Astrid blieb nichts anderes übrig, als sich einverstanden zu erklären. Mit Starrsinn erreichte sie gar nichts, und wenigstens erwies sich der Scheck als großzügig bemessen.

Nachdem sie zum zweiten Mal die Einladung nach Südfrankreich energisch abgelehnt hatte, verabschiedete sie sich mit der Empfehlung, seinen Ärger künftig nicht an fremdem Blech auszulassen.

Der Rest des Wochenendes brachte Sehnsucht nach südlicher Sonne und einen Anruf Jochens. Er wollte sich wieder versöhnen.

"Wenn wir uns beide ein wenig anpassen ..."

Astrid knallte den Hörer auf die Gabel. Sie wusste, was er darunter verstand. Jochen erwartete Anpassung ausschließlich von ihr, denn er besaß ja keine Fehler.

Als sie am Montag in der Werkstatt erfuhr, dass die Reparatur wegen eines fehlenden Ersatzteiles mindestens bis zum Abend dauern würde, widmete sie Michael Bäcker ein paar unfreundliche Gedanken. Wieder ein Tag verloren.

"Du könntest ja schon längst am Strand von Saint Raphael liegen", erinnerte Mona mit schwärmerischem Augenaufschlag. "Aber wenn du so bockig bist, kann man dir nicht helfen."

Bockig? Wie kam sie dazu, diesem Amokfahrer bei der Überwindung seines schlechten Gewissens Hilfestellung zu leisten und ihm während der langen Autofahrt auch noch als Muntermacher zu dienen?

Am Dienstag trat sie endlich ihre Reise an und war entschlossen, Michael Bäcker die verlorene halbe Woche in Rechnung zu stellen.

In der Nähe von Innsbruck dachte sie zum ersten Mal daran, dass es eigentlich ganz nett gewesen wäre, sich unterwegs ein wenig unterhalten zu können. Der Stau am Brenner in glühender Hitze nervte sie. Zwischen Brixen und Bozen wurde sie um ein Haar in einen Auffahrunfall verwickelt, und am Abend war sie heilfroh, endlich den Motor abstellen und von ihrem Ferienhäuschen Besitz ergreifen zu können. Sie hatte die Erholung noch wesentlich nötiger als am Vortag.

Im Handumdrehen war das Gepäck ausgeladen. Den Haustürschlüssel hatte sie sich unten im Ort aushändigen lassen. Nachdem sie sich unter die Dusche gestellt und alles fortgespült hatte, was sie an Autobahn, Büro und Jochen erinnern konnte, trat Astrid auf die durch ein schmiedeeisernes Geländer gesicherte Terrasse und genoss den abendlichen Blick auf Riva und den See.

Der Duft von Zypressen wehte herüber. Direkt unterhalb der Terrasse wuchsen leuchtende Zitronen.

Astrid reckte sich und schloss zufrieden die Augen. Hier oben war es genauso, wie sie es erhofft hatte. Sie würde die Tage genießen. Kein Ärger, kein Stress und vor allem kein Mann.

Als sie die Augen wieder öffnete, zuckte sie zusammen. Aber nein, da hatte ihr die Einbildung einen Streich gespielt. Sie konnte unmöglich Michael Bäcker jenseits der niedrigen Steinmauer gesehen haben. Bis Südfrankreich reichte die Aussicht nicht.

Sie wandte sich ab und schüttelte unwillig den Kopf. Wieso musste sie ausgerechnet an diesen Mann denken, der ihr so übel mitgespielt hatte? Bereute sie es etwa, nicht mit ihm gefahren zu sein?

Unsinn! Er war bestimmt der Letzte, nach dem sie Sehnsucht empfand.

Sie kehrte ins Haus zurück, wählte ein duftiges Kleid und weiße Sandaletten, schlang ein hauchdünnes Tuch in ihr brünettes Haar und machte sich auf den Weg hinunter in den Ort.

Über zahllose Stufen gelangte sie an das Ufer des Sees. Hier entschied sie sich für eines der Restaurants und studierte die Speisekarte. Während des Wartens auf das Essen musste sie sich zwingen, nicht ungeduldig zu werden. Du hast Urlaub, sagte sie sich. Du versäumst doch nichts. Genieße lieber den Blick über den See!

Woran erinnerte sie nur das türkisfarbene Wasser, auf dem die Segelboote wie ermattete Möwen lagen?

Es wurde bereits dunkel, als sie sich ihres Versprechens erinnerte, Mona nach ihrer Ankunft anzurufen.

"Wieso rufst du jetzt erst an?", beklagte sich die Freundin. "Hattest du eine Panne?"

Astrid beruhigte sie. "Ich bin heil angekommen, und es ist herrlich hier."

"Du hörst dich so merkwürdig an", fand Mona. "Stimmt etwas nicht?"

"Doch, doch, alles ist bestens."

"Na, hoffentlich! Ich wünsche dir also viel Spaß, und vergiss nicht: Nicht alle Männer sind so egoistisch wie Jochen."

Die gute Mona. Sie dachte schon wieder an die feurigen Italiener und konnte sich nicht vorstellen, dass sich Astrid nicht für sie interessierte.

Nach dem Telefonat klomm Astrid die von Agaven gesäumten Stufen hinauf. Sie fühlte sich erschöpft. Die Anstrengungen der langen Fahrt machten sich bemerkbar. An der Tür hing ein Strauß langstieliger Anemonen in sämtlichen Farben des Regenbogens. Astrid stutzte. Das war aber eine nette Aufmerksamkeit des Vermieters.

Beim Näherkommen entdeckte sie den Zettel, der an den Blumen befestigt war.

"Es tut mir noch immer leid", las sie, und ihre Wangen wetteiferten mit den rötesten Anemonen.

Sie hatte sich also doch nicht geirrt. Er war hier. Aber was tat Michael Bäcker in Riva?

Nachdenklich löste sie den Strauß vom Türgriff und atmete den Duft ein. Sie wartete darauf, angesprochen zu werden. Doch alles blieb still, wenn man von der Musik absah, die verträumt vom See herauf klang.

Was war mit ihr los? Fühlte sie etwa Enttäuschung? Die Erklärung lag doch auf der Hand. Er hatte die Route über Riva gewählt, wofür er seine Gründe gehabt haben mochte. Inzwischen war er längst weitergefahren.

Seufzend betrat Astrid das Haus. Das fing ja gut an. Sie hatte sich doch fest vorgenommen, auf Michael Bäcker sauer zu sein. Und nun?

Sie schalt sich eine Närrin. Wie kam sie nur auf diese Idee? Michael Bäcker wusste doch nur, dass sie zum Gardasee gefahren war. Er kannte weder ihren Urlaubsort noch gar das gemietete Haus, das abseits vom allgemeinen Touristentrubel lag.

Aber die Blumen, für die sie eine passende Vase suchte und mit Wasser füllte, blieben eine Tatsache. Ob die Schrift auf dem Zettel die gleiche wie die auf dem Parkschein an der Windschutzscheibe ihres Wagens war, bezweifelte sie dagegen.

Floh hatte er ihr Auto genannt. Ganz schön überheblich. Aber netter klang es allemal als Konservendose, wie Jochen das Fahrzeug zu bezeichnen pflegte. Floh hörte sich beinahe zärtlich an.

"Astrid, du bist verrückt", schalt sie sich halblaut. "Er hat dein halbes Auto demoliert. Nennst du das zärtlich?"

Sie entfernte mit gemischten Gefühlen und spitzen Fingern zwei schlafende Eidechsen aus der Nähe ihres Bettes. Da hörte sie schleichende Schritte auf dem Kies.

O Gott! Hatte sie die Tür verschlossen? Wenn sie hier oben um Hilfe rief, hörte sie unten im Ort kein Mensch. Das nächste Haus befand sich fast hundert Meter entfernt.

Es klopfte deutlich vernehmbar an eine der Fensterscheiben. Astrid nahm allen Mut zusammen. Sie durfte keine Angst zeigen.

"Herr Bäcker!", staunte sie. Er war es tatsächlich. Nun gab es keinen Zweifel mehr.

Er schwenkte eine Chiantiflasche, während er fröhlich rief: "Wir hatten noch keine Gelegenheit zu unserem Versöhnungstrunk. Bringen Sie die Gläser? Hier draußen ist es romantischer."

Minuten später saßen sie sich an einem wackligen Gartentisch gegenüber. Michael Bäcker tat, als wäre seine Anwesenheit die selbstverständlichste Sache von der Welt.

"Auf unseren Urlaub!", wählte er als Toast.

"Wieso sind Sie nicht in Saint Raphael?", wollte Astrid beklommen wissen. Hoffentlich gab es dafür keine prosaische Erklärung wie eine Panne oder eine geschäftliche Verpflichtung.

Er schaute sie über den Rand des Glases hinweg an und flüsterte nur ein Wort: "Deinetwegen."

"Das müssen Sie mir schon genauer erklären. Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen meine Adresse gegeben zu haben."

"Deine Freundin war so liebenswürdig." Michael Bäcker grinste übermütig. "Nettes Mädchen. Vielleicht ein bisschen mager. Ich erkundigte mich einfach dort, wo ich deinen Straßenfloh eingebeult hatte, nach dir. Man verwies mich an deine Freundin, die ich von der Notwendigkeit überzeugen konnte."

"Von welcher Notwendigkeit?"

"Unseren Urlaub gemeinsam zu verleben. Hast du auf der langen Fahrt hierher kein einziges Mal ebenfalls diesen Wunsch verspürt, Astrid?"

Astrid schwieg. Was sollte sie sagen? Sie konnte doch nicht zugeben, sich schon insgeheim geohrfeigt zu haben, weil sie sein Angebot, mit ihm nach Südfrankreich zu fahren, abgelehnt hatte.

Seine Hand kroch über den Tisch, bis sich ihre Fingerspitzen berührten.

"Hübsch hast du es hier", fand er. "Der richtige Platz zum Träumen. Ich bin durch und durch Romantiker, musst du wissen."

"Romantiker mit Knalleffekt", spöttelte Astrid. Verdammt! Warum blieb sie nur so kratzbürstig? Sie sehnte sich doch danach, dass er sie endlich in die Arme nahm und küsste. Jetzt wusste sie auch Monas scheinheilige Frage am Telefon zu deuten.

"Du spielst auf die kleine Beule an? Warum bist du so nachtragend?" Er führte ihre Hand an seine Lippen. "Gehen wir ein Stück?"

Sie war einverstanden, denn sie hoffte, auf diese Weise ihrer Verwirrung leichter Herr zu werden.

Wie selbstverständlich fasste Michael Bäcker sie bei der Hand und führte sie den Fahrweg weiter hinauf. Unter einer Zeder legte er seinen Arm um sie und küsste sie behutsam.

"Immer noch böse?", fragte er anschließend.

Astrid lächelte glücklich.

"Böse? Das war ich wohl nie. Ich wollte nur kein Notnagel sein."

Michael seufzte. "Erspare mir den Vergleich mit Silvia. Du bist ganz anders. Das habe ich sofort gespürt. Deshalb dachte ich auch gar nicht daran, deinen Wagen zu reparieren."

"Du? Verstehst du denn etwas davon?"

"Als Kfz-Meister will ich das hoffen."

"O du Halunke! Du hattest von Anfang an die Absicht, mir hinterherzufahren."

"Stimmt! Ich wollte unbedingt mit dir zusammen sein. Ich hoffte auf Saint Raphael, aber Riva ist mir auch recht." Er strahlte die Frau in seinem Arm an. Jetzt wusste Astrid, woran sie das Türkis des Gardasees erinnert hatte.

"Wo hast du dich denn eingemietet?", wollte sie wissen. "Der ganze Ort ist doch überfüllt."

Michael winkte lässig ab.

"Im Haus Nr. 17 wird schon noch ein Plätzchen für mich frei sein."

"Aber das habe ja ich gemietet."

"Eben. Glaubst du wirklich, ich möchte an einem anderen Ort dieser Erde sein?"

Astrid betrachtete ihn mit lausbübischem Augenzwinkern.

"Mir wäre das egal", meinte sie keck und fügte zärtlich hinzu: "Hauptsache, du bist dabei."

 

 

 

Wie ein Spatz in der Hand

Geschafft!

Jubelnd warf Anita ihre Handtasche hoch und tanzte durchs Zimmer. Sie fasste ihre Mutter um die Taille und wirbelte sie herum.

"Hör auf!", schnaufte die füllige Frau und rang nach Atem. "Du bringst mich ja um. Was, um alles in der Welt, ist denn passiert?"

Anita ließ sich in den Sessel fallen und strahlte.

"Das fragst du auch noch, Mams? Ich habe den Job bei Armin bekommen. Es hat tatsächlich geklappt. Ich kann es immer noch nicht fassen."

Details

Seiten
70
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937183
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520190
Schlagworte
fahrerflucht liebe

Autor

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Titel: Fahrerflucht vor der Liebe