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Glanzlos ist der Ruhm - Ein Katharina Ledermacher Krimi

©2020 82 Seiten

Zusammenfassung


Filmproduzent Eckard Joswig wird erpresst. Die Täter drohen, das Negativ seines neuen Films zu vernichten, wenn er sich weigert, das geforderte Lösegeld zu bezahlen. Privatdetektivin Katharina Ledermacher wird von der Versicherung als Vermittlerin hinzugezogen. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass die Geldübergabe in einer Katastrophe endet.

Leseprobe

Table of Contents

Glanzlos ist der Ruhm

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Glanzlos ist der Ruhm

Ein Katharina Ledermacher Krimi

von Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

 

Filmproduzent Eckard Joswig wird erpresst. Die Täter drohen, das Negativ seines neuen Films zu vernichten, wenn er sich weigert, das geforderte Lösegeld zu bezahlen. Privatdetektivin Katharina Ledermacher wird von der Versicherung als Vermittlerin hinzugezogen. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass die Geldübergabe in einer Katastrophe endet.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Fahrer des blauen Toyota stoppte seinen Wagen kurz nach Mitternacht vor dem hohen Gebäude, dessen Eingang schwach beleuchtet war. Wachsam blickte er in den Eingangsbereich. Dann nickte er den beiden anderen Männern hinter sich zu. Einer schnappte sich eine Ledertasche, der andere lockerte den Sitz seiner Pistole in dem Schulterhalfter. Während der Fahrer im Wagen blieb, stiegen sie aus. Die Tür war verschlossen, bildete für die Männer jedoch kein Hindernis. Sie besaßen einen Schlüssel.

Blitzschnell verschwanden sie im Inneren des Gebäudes. Die Tür ließen sie angelehnt. Der Nachtwächter, ein grauhaariger, alter Mann, blickte erstaunt hinter seiner Zeitung auf, als er die beiden Fremden vor seiner gläsernen Loge auftauchen sah. Automatisch bewegte er seine Hand zum Telefon. Sie blieb jedoch in der Luft hängen, als er in die Mündung einer Waffe blickte.

„Flossen hoch und ‘rauskommen!“, befahl der Mann mit der Pistole. Er war Ende dreißig, hochgewachsen, hatte blaue Augen und blonde Haare. Den Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt. Der Nachtwächter zögerte einen Moment, doch dann sah er ein, dass Widerstand sinnlos war. Mit erhobenen Händen kam er aus seiner Loge.

„Ich verstehe nicht“, sagte er krächzend. „Was soll das?“

Er bekam keine Antwort. Stattdessen schlug ihn der Mann mit der Tasche nieder. Ohne sich weiter um den Bewusstlosen zu kümmern, stürmten die beiden Männer einen Gang entlang, liefen die Treppe zum ersten Stock empor und machten vor einer massiven Stahltür halt.

RAUCHEN UND OFFENES FEUER STRENGSTENS VERBOTEN, stand dort in großen roten Buchstaben.

Die beiden Männer betraten den Raum. Der größere betätigte den Lichtschalter neben der Tür. Neonröhren flammten auf und warfen ihr grelles Licht auf lange Reihen von deckenhohen Regalen, die mit zahllosen runden Aluminiumdosen angefüllt waren. Jede trug eine kleine Aufschrift, die auf ihren Inhalt hinwies. Suchend gingen die Männer an den Regalen entlang, bis der Blonde plötzlich stehenblieb und auf einen Stapel flacher Behälter zeigte. Sein Begleiter nickte. Er nahm drei Filmdosen und stopfte sie in seine Tasche.

Dann machte sie sich auf den Rückweg. Sie schalteten das Licht aus und zogen die Tür hinter sich zu. Der Nachtwächter rührte sich nicht, als sie an ihm vorbei ins Freie und auf den Wagen zuliefen. Mit quietschenden Reifen schoss der Toyota Sekunden später davon und verschwand Richtung Innenstadt.

 

 

2

Eine Viertelstunde später kam der Nachtwächter wieder zu sich. Verwirrt öffnete er die Augen und starrte an die Decke. Er brauchte eine Weile, bis er sich die Ereignisse ins Gedächtnis zurückgerufen hatte. Mühsam kam er auf die Füße, suchte an der Wand nach einem Halt und schleppte sich keuchend in die Loge. Sein Kopf schmerzte. Er setzte sich auf den Stuhl. Seine zitternde Hand griff zum Telefon. Er nahm den Hörer ab und wählte die Nummer der Polizei.

„Hilfe – Überfall!“, stammelte er, als sich am anderen Ende jemand meldete. Stockend gab er die Adresse durch. Als Nächstes informierte er seinen Chef

Die Polizei kam zehn Minuten später mit der üblichen Begleitmusik. Zuerst traf ein Streifenwagen ein. Kurz darauf erschienen zwei Männer des Einbruchdezernats. Sie sahen nicht aus wie Kriminalbeamte. Sie trugen keine Trenchcoats oder Hüte mit tief in die Stirn gezogenen Krempen. Sie stellten sich selbst vor. Kriminaloberkommissar Ludwig Trepte hatte dunkles, schon etwas gelichtetes Haar und ein freundliches, rundes Gesicht. Sein Anzug war durchschnittliche Kaufhausqualität.

Der zweite Beamte war jünger, höchstens Ende zwanzig. Kriminalhauptmeister Werner Meiost, ein smarter Typ, blond, schlank, in eleganten Jeans, weißem Hemd und einer hellbraunen Lederjacke. Sie hörten sich die Geschichte des Nachtwächters an. Die Beschreibung, die er von den beiden Einbrechern geben konnte, war sehr vage.

Eine halbe Stunde später tauchte auch der Chef des Kopierwerkes auf. Kurt Brankov, ein Mann von knapp vierzig Jahren, hatte sich in aller Hast angekleidet. Der Saum eines blauen Pyjamas schaute unter den Hosenbeinen hervor. Anstelle einer Krawatte hatte er sich einen schwarzen Schal um den Hals gewickelt.

„Hat man den Safe geknackt?“, war seine erste Frage.

„Das sollten Sie selbst feststellen“, meinte Kommissar Meiost. „Bringen Sie uns in Ihr Büro.“

Brankov nickte und ging mit schnellen Schritten den Gang entlang. Vor einer Tür blieb er stehen und wollte die Klinke herunterdrücken.

„Stopp!“, sagte Meiost. Er winkte einen seiner Leute von der Spurensicherung heran, der die Klinke nach Fingerabdrücken untersuchte und sie mit einer Plastikfolie sicherte. Dann gab er den Weg frei. Brankov öffnete die Tür, schaltete das Licht an und sah sich in seinem Büro um. Als er keine Veränderung feststellen konnte, atmete er erleichtert auf. Der Geldschrank stand unversehrt in seiner Ecke.

„Scheint alles in Ordnung zu sein“, meinte er.

Meiost zuckte mit den Schultern. „Man kann einen Safe auch ohne Schweißbrenner öffnen“, sagte er.

„Wie meinen Sie das?“

„Wenn die Einbrecher die Zahlenkombination kannten, brauchten sie keine Gewalt anzuwenden.“

„Ausgeschlossen!“, rief Brankov. „Für den Geldschrank gibt es nur einen einzigen Schlüssel, und den habe ich bei mir.“

„Machen Sie den Safe auf, und schauen Sie nach“, schlug Meiost vor.

Brankov sah den Kommissar unschlüssig an, dann ging er zu dem Safe hinüber. Meiost stand da, wippte auf den Absätzen hin und her und betrachtete das Büro. Seit einigen Monaten, seit man die Jonca-Bande gefasst und hinter Gitter gebracht hatte, war Berlin von aufgebrochenen Safes bemerkenswert verschont geblieben. Ein Einbruch wie der vorliegende bedeutete einen gewissen Schock.

Er war viel zu fachmännisch ausgeführt worden, um das Werk von Amateuren zu sein. Und das bedeutete, dass eine neue Bande bei der Arbeit war, eine, die über alle notwendigen Erfahrungen und Kenntnisse verfügte. In Gedanken ging er die Liste der polizeibekannten Einbrecher durch und schüttelte dann bedauernd den Kopf. Entweder saßen sie alle fest oder wurden gründlich überwacht. Brankov öffnete die schwere Tür und blickte in das Innere des Geldschranks.

„Alles in Ordnung“, sagte er. „Fehlt kein Pfennig.“

„Gratuliere“, erwiderte Meiost. „Aber irgendetwas müssen die Einbrecher doch gesucht haben.“

„Ich wüsste nicht, was. Die Filme, die wir in unseren Räumen lagern, kann jeder im Kino ansehen. Hier liegen keine Wertsachen herum.“

„Vielleicht wurden die Einbrecher durch ein Geräusch aufgeschreckt und sind vorzeitig getürmt.“

Meiost und Trepte verließen das Büro. Brankov folgten ihnen.

„Sie sind also der Ansicht, das nichts verschwunden ist?“, fragte Trepte.

Brankov nickte. „Ja, es lohnt nicht, sich die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen.“

„Na gut. Ich lasse den Nachtwächter ins Krankenhaus bringen und einen meiner Männer als Posten hier.“

„Einverstanden.“

Sie gingen den Gang entlang und erreichten die Loge, wo sich zwei Sanitäter um den verletzten Mann kümmerten. Er winkte Meiost heran.

„Der Eingang war versperrt“, sagte er mit leiser Stimme. „Ich habe die Tür selbst abgeschlossen.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Meiost.

„Ja, natürlich. Deshalb war ich ja auch so erschrocken, als die beiden plötzlich vor mir standen.“

Meiost wandte sich an den Mann von der Spurensicherung. „Haben Sie das Schloss untersucht?“

„Ja. Es weist keinerlei Beschädigungen auf. Offenbar hatten die Männer einen Schlüssel.“

„So?“ Meiost blickte Brankov durchdringend an. „Und wie viele Personen besitzen einen Schlüssel für diese Tür?“

„Mindestens ein Dutzend. Alle leitenden Mitarbeiter haben einen.“

„In Ordnung“, sagte Meiost gähnend. „Das wär‘s dann für den Augenblick. Falls Sie doch noch etwas vermissen sollten, rufen Sie uns an.“ Er gab dem Mann seine Visitenkarte und verabschiedete sich.

 

 

3

Am nächsten Tag betrat Mario Bredereck, der Cheflaborant des Kopierwerks, den Raum im ersten Stock, ging an den Regalreihen entlang und blieb plötzlich wie versteinert stehen. Statt der acht Filmdosen, die er vor zwei Tagen selbst hierher gebracht hatte, lagen dort nur noch fünf. Seine Lippen bewegten sich kaum, als er die Aufschrift vor sich hinmurmelte. „Blutige Meute, Produktion der Joswig-Filmkunst, Rollen vier bis acht.“

Und wo sind die anderen drei Dosen?, fragte er sich. Vielleicht hatte sie jemand verlegt. Er suchte das gesamte Regal ab, doch die Dosen waren unauffindbar. Bredereck hatte zwar von dem nächtlichen Zwischenfall gehört, aber er brachte das Verschwinden der Filmdosen nicht damit in Verbindung.

Noch nicht.

Mit raschen Schritten ging er zu dem Telefon, das an der Wand hing, und wählte die Nummer des Labors.

„Sagt mal, habt ihr schon einen Teil der Blutigen Meute in Arbeit?“

Die Antwort, die er bekam, fiel so aus, dass er sich genötigt sah, sofort in Kurt Brankovs Büro zu stürmen.

„Verschwunden?“ Er runzelte die Stirn. „Wie soll ich das verstehen? Bei uns kommt doch nichts weg. Sind die Filme nicht drüben in der Entwicklung?“

„Nein“, antwortete Bredereck. „Die Entwicklung war erst für heute Nachmittag vorgesehen. Drei Filmdosen sind nicht auffindbar. Ich habe alles abgesucht.“

Ein Verdacht, den er noch nicht auszusprechen wagte, stieg in Brankov empor. Er richtete sich auf und ging um den Schreibtisch herum. „Suchen wir noch einmal gründlich alles ab. Und wenn wir das ganze Haus auf den Kopf stellen müssen.“

Obwohl sich die gesamte Belegschaft an der Suche beteiligte, blieb sie ergebnislos. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend kehrte Brankov in sein Büro zurück und ließ sich in den schweren Ledersessel sinken. Wie bringe ich das dem Produzenten bei?, fragte er sich immer wieder. Falls die Rollen nicht wieder auftauchten, war Eckard Joswig gezwungen, die erste Filmhälfte neu drehen zu lassen. Brankov wusste, dass die Werbung für den Film bereits auf Hochtouren lief. Seit Wochen flimmerten die Trailer über sämtliche Kinoleinwände in ganz Deutschland. Joswig konnte sich keine Verzögerung leisten. Die Verluste würden in die Millionen gehen.

Doch dann kam Brankov die rettende Idee. Wozu war er schließlich versichert? Hastig suchte er die Nummer heraus und wählte. Dann erzählte er dem Mann von der Casibus-Versicherung seine Geschichte.

„Ich schicke Ihnen jemanden, der sich mit der Angelegenheit befasst“, erklärte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Unternehmen Sie vorläufig nichts.“

„Und die Polizei?“, fragte Brankov. „Soll ich nicht …“

„Warten Sie noch damit. Wo sind Sie heute Abend gegen zweiundzwanzig Uhr zu erreichen?“

„In meiner Wohnung.“

„Gut. Erwarten Sie die beiden dort. Sie haben sämtliche Vollmachten.“

„Auch zur Regulierung des Schadens?“, wollte Brankov wissen.

„Was dachten Sie?“, kam es zurück. „Aber überzeugen Sie sich in der Zwischenzeit noch einmal davon, dass Sie sich nicht getäuscht haben. Auf Wiederhören.“

Kurt Brankov sah endlich einen winzigen Silberstreifen am Horizont, als er den Hörer auf den Apparat legte. Jetzt musste er nur noch Eckard Joswig über den Diebstahl informieren. Gerade als er die Nummer wählen wollte, öffnete sich die Tür, und der Filmproduzent kam ohne anzuklopfen hereingestürmt.

Joswig war Mitte fünfzig, braungebrannt und 1,80 Meter groß. Breitbeinig baute er sich vor Brankovs Schreibtisch auf. Seine Lippen zitterten, als er seine erste Frage formulierte.

„Ist es wahr?“

Brankov nickte. „Woher wissen Sie es?“

Joswig ließ sich in den breiten Besuchersessel fallen. „Jemand rief mich vor einer halben Stunde an. Er behauptete, er besäße die Hälfte der Blutigen Meute. Für eine Million D-Mark könnte ich die unentwickelten Filmrollen zurückbekommen. Was sagen Sie zu dieser Unverschämtheit?“

Brankov sank in seinem Sessel zusammen. „Verdammt!“, stieß er hervor. „Was haben Sie ihm gesagt?“

„Ich habe ihn einen Lügner genannt.“

„Der Anrufer hat die Wahrheit gesagt.“ Brankov erzählte seinem Besucher, was geschehen war. „Aber Sie können vollkommen beruhigt sein. Die Versicherung schickt mir zwei Leute. Der Schaden wird …“

„Schaden!“, entgegnete Joswig. „Mit Geld ist mir nicht gedient. Ich brauche die Filmrollen. Wenn ich die nicht zurückbekomme, kann ich einpacken. Der Streifen wurde in Italien gedreht. Die Darsteller haben inzwischen andere Verpflichtungen und …“

„Aber Moment mal“, unterbrach ihn Brankov. „Hat der Anrufer nicht gesagt, dass er sich noch einmal melden würde?“

„Natürlich hat er das. Vorher sollte ich mich aber erst einmal über den Verlust informieren, sagte er.“

„Na, sehen Sie. Dann ist ja alles in Ordnung. Wir werden die Rollen einfach zurückkaufen.“

 

 

4

Nachdem Arno Drews, der Chefmanager der Casibus-Versicherungsgesellschaft, über Telefon erfahren hatte, dass einige rätselhafte Umstände bei dem Diebstahl der Filmdosen im Spiel gewesen waren, regte sich in ihm das angeborene Misstrauen seines Berufsstandes. Nachdenklich ging er die Liste der Fachleute durch, die für solche Fälle infrage kamen. Keiner der versicherungseigenen Detektive schien ihm geeignet, der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin konnte dieser Diebstahl, falls es einer war, seine Gesellschaft einige Millionen D-Mark kosten.

Er brauchte jemanden, der sich in Berlin auskannte und außerdem die nötige Erfahrung mitbrachte, um festzustellen, ob es sich wirklich um einen Schadensfall handelte, oder um einen geschickt eingefädelten Betrug. Entschlossen nahm er den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer.

 

 

5

Privatdetektivin Katharina Ledermacher schwitzte. Jede einzelne Pore öffnete sich. Sie hatte das Gefühl, als würde alle Flüssigkeit, die sich in ihrem Körper befand, auslaufen. Sie genoss es. Schließlich hatte sie dafür bezahlt. Katharina hockte in der Sauna. Neben ihr saß ein Mann, der mit einem Nassrasierer in seinem Gesicht herumfummelte. Es hatte den Anschein, als wolle er sich nicht nur die Bartstoppeln restlos abschaben, sondern auch die obersten Hautschichten.

Das Gesicht war schon dunkelrot, aber er hörte nicht auf. Katharina erhob sich, nahm ihr Handtuch, duschte kurz und sprang dann in das Becken mit dem eiskalten Wasser. Nachdem sie mehrmals untergetaucht war, rubbelte sie sich trocken und ging in den Ruheraum. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen lagen auf den Betten. Einige schliefen, andere dösten vor sich hin. Ein Schild wies die Gäste darauf hin, dass im Ruheraum nicht gesprochen werden durfte. Katharina fand es angenehm, dass sich die Leute daran hielten.

Sie legte sich auf eines der Betten, deckte sich mit dem Laken zu, schob die Hände unter den Kopf und blickte zur Decke. Sie genoss die Ruhe. Ein wenig Entspannung tat ihr ganz gut. Ihre Arbeit als Privatdetektivin ließ ihr sonst kaum Zeit, sich einmal ausgiebig zu erholen. Hier konnte sie entspannen und neue Kräfte sammeln. Abschalten, nicht an den Job denken – das brauchte sie. Schade, dass ihr Lebensgefährte Robert Tillmann nicht mitkommen konnte. Er lag zurzeit im Krankenhaus.

Ohne es zu merken, schlief sie ein. Irgendwann weckte sie ein Geräusch. Jemand verließ den Ruheraum. Katharina blickte auf die elektrische Wanduhr und stellte fest, dass sie fast eine halbe Stunde geschlafen hatte. Als sie aufstand, fühlte sie sich federleicht und um zehn Jahre jünger. Sie ging zur Umkleidekabine und zog sich an, nahm ihre Brieftasche, griff noch einmal nach der Ablage und wollte die Armbanduhr hervorholen, aber sie war nicht da. Katharina nahm an, dass sie die Uhr mit einer unachtsamen Bewegung von der Ablage gestoßen hatte, ging in die Hocke und suchte den gefliesten Boden ab. Sogar auf den Bauch legte sie sich, um unter den Trennwänden hindurch in die Nachbarkabinen sehen zu können.

Keine Armbanduhr.

„Scheiße!“, entfuhr es ihr. „Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“

Sie griff in ihre Brieftasche und warf einen Blick hinein. Die Fünfzig D-Mark, die sie bei sich gehabt hatte, waren auch weg. In diesem Moment wusste sie, dass man sie bestohlen hatte.

„Die Finger sollen dem Dreckskerl abfaulen!“, machte sie ihrem Ärger Luft und verließ die Umkleidekabine.

Die Armbanduhr war ein Geschenk ihres Lebensgefährten. So ein Verlust schmerzte natürlich. Und sie hatte nicht die Absicht, diesen Vorfall mit einem gleichgültigen Schulterzucken abzutun, sondern ging auf direkten Weg zum Geschäftsführer. Ein dürrer Mann mit tiefliegenden Augen, der aussah, als hätte er eine Gelbsucht hinter sich, blickte sie fragend an.

„Man hat mich bestohlen“, sagte sie ungehalten und erzählte ihm, was ihr abhanden gekommen war.

Der Mann rieb sich die Hände, als würde er sich ohne Wasser die Hände waschen. „Das tut mir wirklich sehr leid, aber an der Kasse hängt ein Schild, das ausdrücklich darauf hinweist, dass man Wertgegenstände abgeben soll, weil wir keine Haftung übernehmen. Ich bin natürlich gerne bereit, Ihre Diebstahlsmeldung zur Kenntnis zu nehmen, aber sehr viel Hoffnung kann ich Ihnen nicht machen, dass Sie Ihr Eigentum wiederbekommen. Diese verdammten Langfinger. Wir können sie einfach nicht fassen.“

Der Dürre notierte sich ihre Personalien, ließ sie die Meldung unterschreiben und gab ihr einen Durchschlag.

„Eigentlich nett von ihm, dass er mir wenigstens meine Brieftasche gelassen hat“, sagte Katharina sarkastisch.

„Sie sind eine Plage, diese Langfinger, das können Sie mir glauben. Wir tun unser Möglichstes, aber es reicht nicht.“

„Dann kann ich nur hoffen, dass Sie diesmal Glück haben und den Kerl erwischen“, erwiderte sie.

„Wenn das geschieht, rufe ich Sie umgehend an“, versicherte ihr der Dürre.

Katharina verließ das Gebäude, stieg in ihren VW-Golf, der auf dem Parkplatz stand, und fuhr nach Hause. Fünfzehn Minuten später betrat sie ihre Wohnung in der Krummen Straße. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog sie den Mantel aus, hängte ihn an den Garderobenhaken und blickte auf die Anzeige des Anrufbeantworters. Dort leuchtete eine rote Drei. Die ersten beiden stammten von Firmen, die ihr ein Zeitschriftenabonnement andrehen wollten. Der Dritte stammte von ihrem Steuerberater mit der Bitte um Rückruf. Ein neuer Auftrag war vorläufig nicht in Sicht.

Dabei hätte sie im Augenblick etwas Ablenkung gebrauchen können. Ihr Lebensgefährte Robert Tillmann war vorgestern während des Unterrichts zusammengebrochen und sofort in die Charité gebracht worden. Die Ärzte hatten alle möglichen Untersuchungen durchgeführt, doch ein Ergebnis stand noch aus.

Katharina ging in die Küche. Ihr Blick fiel auf den Kalender, der an der Wand hing. Heute war der Achtzehnte. Die Miete wurde fällig. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um an Geld zu kommen. Aber das war gar nicht so einfach. Sie konnte schließlich keinen Auftrag herbeizaubern. Vielleicht würde Robert ihr das notwendige Geld vorstrecken.

Katharina füllte Wasser in die Kaffeemaschine auf dem Küchentisch und maß sorgfältig die notwendige Menge gemahlenen Kaffees ab, bevor sie ihn in den Filter gab. Dann setzte sie den Plastikdeckel auf und schaltete das Gerät ein. In Gedanken versunken stand sie da und blickte abermals auf den Kalender. Weshalb mussten die Tage und Wochen immer so schnell vergehen? In solchen Momenten sehnte sie sich nach den alten Zeiten bei der Polizei zurück. Der Job war zwar anstrengend und Überstunden an der Tagesordnung, aber das Gehalt kam immer pünktlich aufs Konto.

Gerade als der Kaffee fertig war, klingelte das Telefon. Sie schaltete die Maschine aus, ging in den Flur und hob den Hörer ab.

„Ledermacher“, meldete sie sich.

„Arno Drews von der Casibus-Versicherung. Es geht um einen Auftrag.“

„Was kann ich für Sie tun?“

In wenigen Worten erzählte ihr der Anrufer, worum es ging.

„Wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?“, erkundigte sich Katharina. „Sie haben in Ihrer Firma doch bestimmt geeignete Leute.“

„Zugegeben, Rudolf Thielke kennt sich gut in Berlin aus, aber er ist ein Schreibtischmensch. Ich brauche außerdem jemanden, der sich um die anderen Aspekte kümmert. Verstehen Sie, was ich meine? Für unsere Gesellschaft steht eine Riesensumme auf dem Spiel. Außerdem haben Sie schon einmal für uns erfolgreich einen Fall bearbeitet. Die Sache Kempter. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern?“

„Der Geschäftsmann, der seinen Laden abgefackelt hatte.“

„Ja, genau. Sie konnten damals beweisen, dass er der Täter war. Und deshalb glaube ich, dass Sie die Richtige für den Job sind.“

„Ich verstehe“, entgegnete Katharina. „Aber weshalb schalten Sie nicht die Polizei ein?“

„Anordnung von den Erpressern.“

„Ja schon, aber das sagen die doch immer. Ist sozusagen ein Standardspruch.“

„Wenn wir die Polizei einschalten, wird die Presse über kurz oder lang davon Wind bekommen. Und das möchte ich unter allen Umständen vermeiden. Eine negative Berichterstattung ist das Letzte, was unsere Gesellschaft im Augenblick gebrauchen kann. Außerdem dauert es dann vermutlich nicht lange, bis wir es mit Trittbrettfahrern zu tun bekommen.“

„Das sehe ich ein.“

„Kurz nach zweiundzwanzig Uhr wird unser Mitarbeiter Sie abholen und zu Kurt Brankov bringen. Sonst noch Fragen?“

„Vorläufig nicht.“

„Gut, dann ist ja alles in Ordnung. Auf Wiederhören, Frau Ledermacher.“

 

 

Details

Seiten
82
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937176
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
glanzlos ruhm katharina ledermacher krimi

Autor

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Titel: Glanzlos ist der Ruhm - Ein Katharina Ledermacher Krimi