Lade Inhalt...

Treck zum Fort der letzten Hoffnung

2020 134 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Treck zum Fort der letzten Hoffnung

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Treck zum Fort der letzten Hoffnung

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

 

Amy Conroe ist mit einem Treck auf dem Weg zu ihrem Vater, zum Fort der letzten Hoffnung. Ihr Verlobter Rock Lawell begleitet sie. Doch es gibt jemand, der verhindern will, dass sie dort jemals ankommen. Und dieser Jemand befindet sich mitten unter ihnen.

Als sie hinter dem großen Wagenzug zurückbleiben, tauchen zudem plötzlich Kiowas auf und Rock begeht einen verhängnisvollen Fehler ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Sie waren hinter dem großen Wagenzug zurückgeblieben - einsam mitten in der endlosen Prärie. Und als die skalphungrigen Kiowas ihren Umzingelungsring immer enger zogen, schien es kein Entrinnen mehr zu geben. Doch am schlimmsten war, dass der Mann, der ihnen den Untergang geschworen hatte, sich mitten in ihren eigenen Reihen befand.

Eine schattenhafte Bewegung zeichnete sich flüchtig vor dem roten Schein der Lagerfeuer ab, die drüben bei den Planwagen brannten. Der bärtige Mann blieb ruckartig stehen und hielt den Atem an. Seine schwielige Rechte senkte sich langsam zur Hüfte nieder, wo der Kolben des alten Patterson Colts aus dem rindsledernen Halfter ragte. Aber die Nachtschwärze hatte die dunkle Gestalt längst verschluckt. Alles war wie vorher: das verschwommene Stimmengewirr in der Wagenburg vor ihm, hinter ihm das Stampfen und Schnauben der Pferde im weit gespannten Seilcorral und drüben hinter den Palisaden von Fort Larned die dumpfen Tritte der Wachtposten auf den hölzernen Wehrgängen.

Der Bärtige atmete tief aus. In dem Augenblick, als er sich wieder in Bewegung setzen wollte, traf ihn von der Seite ein heiseres Flüstern: „Einen Moment, Kelland!“

Sam Kelland fuhr halb herum und wollte den Patterson herausreißen. Doch da hörte er ein metallenes Knacken und begriff, dass der andere nur noch den Finger zu krümmen brauchte. Er ließ die Arme herabfallen, seine Fäuste verkrampften sich. Ein tintenschwarzes Schemen löste sich aus der Finsternis. Für eine Sekunde war das matte Schimmern eines Revolverlaufes zu erkennen.

„Was wollen Sie?“, stieß Kelland heiser hervor.

„Nur nicht so laut!“, raunte der andere gepresst. „Wir haben doch schon neulich miteinander gesprochen. Well, Kelland, haben Sie sich die Sache überlegt?“

„Zum Geier! Da gibt es nichts zu überlegen!“, knurrte Sam Kelland trotzig. „Ich denke nicht daran, mich von Ihnen einschüchtern zu lassen. Ich werde morgen früh mit Amy Conroe und Rock Lawell weiterziehen.“

„Sie wissen aber genau, wieviel mir daran liegt, dass Sie das nicht tun.“

„Ich verstehe das nicht! Warum wollen Sie ...“

„Ich bin nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten“, unterbrach ihn der Mann im Dunkeln. „Hören Sie, Kelland, Sie sollten Ihre Meinung ändern und hier im Fort zurückbleiben. Das ist ein verdammt guter Rat!“

„Den hätten Sie sich sparen können!“

„Ist das Ihr letztes Wort?“

Die Frage kam leise und gefährlich. Plötzlich begriff Sam Kelland voll und ganz, wie schwerwiegend seine folgende Entscheidung sein würde. Er zögerte. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er warf einen schnellen Blick zu den Frachtwagen hinüber. Die Planendächer leuchteten rot im Feuerschein. Niemand dort drüben konnte ahnen, was sich hier beim Seilcorral abspielte.

„Nun?“, fragte der Mann mit dem Revolver drängend.

Kelland schluckte. Dann stieß er wild hervor: „Mein letztes Wort!“

Gleichzeitig schraubten sich seine Finger blitzschnell um den Kolben des Patterson Colts. Er warf sich zur Seite, und noch während dieser Bewegung durchzuckte ihn die Überraschung, dass sich der Mann vor ihm nicht rührte. Er hatte die Waffe bereits halb aus der Halfter, da hörte er hinter sich das leise scharrende Geräusch. Das Begreifen, dass der andere nicht allein war, durchfuhr ihn mit eisigem Erschrecken. Es war zu spät zum Ausweichen. Ein rasender Schmerz bohrte sich zwischen seine Schulterblätter. Sam Kellands Lippen öffneten sich zu einem letzten, verzweifelten Schrei.

Der gellende Schrei übertönte alle Geräusche innerhalb der Wagenburg.

Mit einem Satz war Rock Lawell auf den Füßen. Er starrte Amy Conroe und Jack Dolan, die auf der anderen Seite des Lagerfeuers saßen, wild an.

„Das war bei den Pferden!“, keuchte er. „Sam! Wollte er nicht nach den Tieren sehen?“

„Mein Gott!“ Amy Conroe erbleichte jäh. Heiße Furcht flammte in ihren klaren großen Augen auf.

Neben ihr schnellte der hünenhafte Dolan in die Höhe. Sein breitflächiges Gesicht war plötzlich verzerrt.

„Ja, Rock! Ja, du hast recht! Wir müssen sofort los!“ Er langte nach dem Gewehr, das hinter ihm am Vorderrad des mit Planen überdachten Conestoga-Wagens lehnte, und setzte sich sofort in Bewegung. Er war schneller, als man es seiner massigen Gestalt zugetraut hätte. Über die Schulter zurück rief er dem jungen Lawell zu: „Die Laterne, Rock! Nimm die Laterne mit!“ Dann setzte er mit einem federnden Sprung über die Wagendeichsel und tauchte in der Dunkelheit außerhalb des Fahrzeugkreises unter.

Amy Conroe hatte sich ebenfalls aufgerichtet. Während Rock Lawell mit zusammengepressten Lippen seinen Revolvergurt umschnallte, hakte sie mit zitternden Fingern die Sturmlaterne von der Bordwand des Wagens los, holte einen brennenden Zweig aus dem Feuer und zündete die Kerze hinter dem dicken Glas der Laterne an. Wortlos reichte sie Lawell die Laterne.

Von einem der benachbarten Feuer kam ein hagerer Mann mit langen Schritten heran. Der Schatten seines breitkrempigen Hutes fiel halb über sein kantiges Gesicht. Er hatte seine weit geschnittene dunkle Jacke zurückgeschlagen und die rechte Hand an die Colthalfter gelegt.

„Was war das eben?“, fragte er rau.

Hinter ihm drängten die anderen Fuhrleute näher. Der rote Feuerschein geisterte unruhig über die bärtigen Gesichter.

Rock Lawell machte eine fahrige Handbewegung.

„Der Schrei!“, stieß er hervor. „Ich glaube, das war Sam - Sam Kelland!“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sprang er über die Deichsel, über die vorher Jack Dolan verschwunden war. Der Hagere biss sich auf die Unterlippe. Hinter ihm setzte das bestürzte Gemurmel der Frachtwagenfahrer ein.

Vor ihm, auf der anderen Seite des herabbrennenden Feuers, lehnte Amy Conroe an der Bordwand des Wagens. Ihre schmalen Schultern waren hochgezogen, als friere sie.

„Mr. Rodmain!“, flüsterte sie erstickt. „Rock und Jack sind allein. Sie dürfen sie nicht im Stich lassen!“

Jube Rodmain nickte hastig.

„Natürlich, Madam, natürlich!“ Er ruckte herum, seine hagere Gestalt straffte sich.

„Los, Männer! Nehmt eure Schießeisen und kommt mit!“

Er zog den Colt und verließ eilig die Wagenburg. Die übrigen Männer folgten. Stiefelgetrappel und das Keuchen der hastenden Männer lagen in der Luft. Im Seilcorral wieherten die Pferde. Drüben im Fort schallte der aufgeregte Ruf eines Wachtpostens.

„Hierher, Leute! Hierher! Beeilt euch!“

Das war Jack Dolans Stimme, angespannt und heiser vor mühsam unterdrückter Erregung.

Der gelbflackernde Schein seiner Sturmlaterne wies den Frachtfahrern den Weg. Als Erster langte Rock Lawell bei ihm an, dann tauchte Jube Rodmain hinter ihm auf, und schließlich kamen auch die anderen näher. Jeder einen schussbereiten Revolver oder ein Gewehr in den Fäusten.

Dolan stand breitbeinig da. In der Linken die blakende Laterne, in der Rechten seinen Colt. Der Lauf war auf die beiden Gestalten gerichtet, die reglos und stumm nur drei Schritte vor ihm verharrten.

„Da sind sie!“, schnaufte Dolan wild, ohne den Blick von den beiden Fremden zu wenden. „Ich hab’ sie eben noch erwischt!“

Lawell schob sich neben ihn.

„Wo ist Sam?“

Jack Dolans breites Gesicht wirkte wie aus grauem Stein gemeißelt. Er murmelte brüchig: „Sam? Er liegt direkt vor dir, Rock!“

Lawell zuckte zusammen. Sein Blick senkte sich - und traf auf die dunkle Gestalt, die verkrümmt, mit dem Gesicht nach unten, im zertretenen Gras lag. Der Stoff von Kellands ärmelloser Weste war auf dem Rücken von Blut getränkt. Die erstarrten Fäuste hatten sich ins Gras gekrallt.

Eine Weile herrschte Totenstille. Die Schar der Fuhrleute hatte sich auseinandergezogen und bildete einen Halbkreis um den Ermordeten und die beiden Fremden, die Jack Dolan mit seinem Colt in Schach hielt. Lawell schüttelte benommen den Kopf.

„Nein!“, flüsterte er tonlos. „Nein, das kann doch nicht wahr sein!“ Sein Gesicht war kreidebleich. Er kniete nieder und drehte Kelland auf den Rücken. Als er das wächserne Gesicht vor sich hatte, schloss er sekundenlang die Augen. Noch immer fiel ringsum kein Wort. Dann schnellte Rock Lawell wild empor. Sein Blick richtete sich brennend auf die beiden Fremden. Er ballte die Fäuste und keuchte: „Worauf wartest du noch, Jack? Schieß, Mann! Schieß sie nieder!“

Der Größere der beiden Fremden hob schnell eine Hand.

„Bevor Sie eine Voreiligkeit begehen, die nicht mehr gutzumachen ist, hören Sie mich an!“

Er war groß, sehnig und besaß kräftige Schultern. Seine Kleidung war aus Hirschleder angefertigt, die Nähte mit Fransen verziert. Unter der Krempe seines alten Stetsons lugte brandrotes Haar hervor. Tiefer Ernst beschattete sein festgefügtes, sonnengebräuntes Gesicht.

„Was gibt es da noch zu reden?“, knurrte einer der Frachtfahrer. „Die Situation kann nicht deutlicher sein!“

Die Blicke aus den grauen Augen des Ledergekleideten tasteten den Halbkreis der finsteren, entschlossenen Gesichter ab. Er nickte langsam.

„Ich kann Sie verstehen, Gents - aber Sie irren sich.“

„Das wagen Sie uns zu sagen?“, schrie Lawell wild. Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf das schwere Jagdmesser, dass der Fremde in der Hand hielt.

„Obwohl Sie noch die Mordwaffe in der Hand halten? Es ist Kellands Blut, das an der Klinge klebt!“

„Das stimmt!“, sagte der andere ruhig. „Aber dieses Messer gehört mir nicht.“

„Dann eben Ihrem Freund!“

Die Blicke der Männer richteten sich auf den zweiten Fremden. Dolan hob die Laterne höher. Und erst jetzt, als der gelbe Schein den Begleiter des Rothaarigen voll umfing, sahen sie alle, dass er ein Indianer war - ein stämmiger, untersetzter Mann, ebenfalls ganz in Leder gekleidet. Er trug eine alte langläufige Volcanic Rifle auf dem Rücken. In seinem breiten Ledergürtel steckte ein Tomahawk. Das lange, strähnige, pechschwarze Haar fiel in zwei Zöpfen geflochten über seine Schultern herab. Das breite bronzefarbene Gesicht mit den hohen Wangenknochen war völlig unbewegt.

„Es ist auch nicht das Messer meines Freundes“, erwiderte der Weiße auf Lawells Bemerkung. „Wir haben beide nichts mit diesem Mord zu tun. Wir hörten den Schrei - und unser ganzes Pech ist, dass wir früher zur Stelle waren als ihr. Die wirklichen Mörder waren bereits verschwunden.“

Dolan räusperte sich. Sein Colt war weiterhin auf die beiden Fremden gerichtet.

„Diese Erklärung ist ein bisschen zu einfach. Wie kommt es denn, dass ihr euch so nahe befunden habt? Seit wir vor dem Fort unser Lager aufgeschlagen haben, war von euch nichts zu sehen. Und dann wird ein Mann ermordet - und schon seid ihr zur Stelle! Zufall, was?“

Einen Moment zögerte der Ledergekleidete. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Kein Zufall! Mein Name ist Kirby Morgan, und das ist mein Freund Red Smoke vom Stamm der Pawnee Indianer. Wir wollten in eure Wagenburg ...“

„Zu uns?“ Der hagere Jube Rodmain trat einen Schritt vorwärts. „Ich bin der Boss dieses Frachtwagentrecks. Ich sehe keinen Grund für euren - angeblich geplanten Besuch.“

„Wir suchen ein Mädchen, das auf dem Weg zum Fort der letzten Hoffnung in New Mexico ist. Nach unseren Informationen hat sie sich diesem Wagenzug angeschlossen.“

„Was reden Sie?“ Lawell beugte sich angespannt vor.

„Meinen Sie Amy Conroe?“

„Das ist der Name!“, bestätigte Kirby Morgan knapp.

„Sie ist meine Verlobte!“, stieß Lawell hervor. „Ich bin Rock Lawell, und das ist Jack Dolan, ein alter Freund von Amys Familie. Und der Mann, dem Sie Ihr Messer in den Rücken gejagt haben, war unser Wagenfahrer Sam Kelland.“

„Das ist ...“

Lawell ließ Morgan nicht zu Wort kommen.

„Ich denke, das wussten Sie und Ihr rothäutiger Freund ganz genau. Amy, Jack und ich wissen, dass Sam bereits vor unserer Ankunft hier in Fort Larned aufgefordert wurde, sich von uns zu trennen. Irgendjemand will verhindern, dass wir unseren Trail nach Westen fortsetzen. Und ich bin überzeugt, dass wir jetzt endlich zwei der Burschen, die für unseren Gegner arbeiten, erwischt haben: Sie und den Indianer!“

„Hören Sie, Lawell, Ihr Verdacht ist falsch! Wir ...“

„Dann sollten Sie Amy gar nicht erwähnt haben“, sagte der junge, dunkelhaarige Mann scharf. „Das war Ihr Fehler, Morgan! Warum sollten Sie denn Amy suchen, he? Ich wette, Amy hat euch noch nie im Leben gesehen. Sie ist im Osten aufgewachsen

„Warum noch lange Erklärungen?“, knurrte Jube Rodmain grimmig. „Da liegt Sam Kelland tot im Gras - und da stehen seine Mörder. Auf der anderen Seite der Wagenburg wachsen ein paar alte Hickory-Bäume. Schafft sie da hinüber und holt ein paar Stücke! In einer halben Stunde wird dann dieses Thema für uns erledigt sein.“

Zustimmendes Gemurmel kam aus den Reihen der Fuhrleute.

Kirby Morgan warf seinem indianischen Begleiter einen kurzen Blick zu. Red Smokes dünne Lippen wirkten wie ein scharfer Strich in dem starren dunklen Gesicht. Seine Rechte tastete langsam nach dem Tomahawk. Kirby sagte schnell etwas in der Pawnee-Sprache, und die Hand des Indianers fiel schlaff herab.

„Wartet noch!“, wandte sich Rock Lawell hastig an die anderen Männer. Er trat ganz dicht an Kirby heran. „Es gibt vielleicht etwas, was Ihnen das Leben retten kann. Sagen Sie uns, wer hinter dieser ganzen Sache steckt! Nennen Sie uns Ihren Auftraggeber!“

„Ich wollte, ich könnte Sie überzeugen, wie falsch Sie denken“, murmelte Kirby Morgan gepresst.

„Sie wollen also nicht reden? Dann werden Sie hängen, Mann! In diesem Land gibt es noch kein Gesetz. Und mit Burschen eurer Sorte ist Nachsicht nicht angebracht. Also?“

„Red Smoke und ich sind Präriejäger - keine Banditen! Und für die Suche nach Amy Conroe haben wir eine einfache Erklärung: Ihr Vater hat uns geschickt!“

„Was fällt Ihnen noch alles ein!“, knurrte Lawell zornig. „Warum sollte Steve Conroe das getan haben?“

„Um dafür zu sorgen, dass seine Tochter den langen Trail nach Santa Fe mit heiler Haut übersteht.“

„Dann hätte er davon etwas in dem Brief geschrieben, mit dem er Amy und mich zum Kommen aufforderte. Nein, nein, Morgan, geben Sie sich keine Mühe mehr! Es gibt zu viele Lücken in Ihren Erklärungen. Ich komme zum letzten Mal auf mein Angebot zurück. Nennen Sie mir den Namen des Mannes, der Sie zu diesem Verbrechen angestiftet hat. Und sagen Sie mir den Grund dafür! Dann entkommen Sie vielleicht dem Strick!“

„Ich wollte, ich könnte Ihre Fragen beantworten, Lawell. Dann wäre es auch für mich leichter ...“

„Sie wollen Ihre Rolle also bis zum Schluss spielen? Well, damit kommen Sie nicht durch, Morgan. Los, Leute, nehmt die beiden Kerle fest!“

Rock Lawell wollte zurückweichen, um den anderen nicht im Weg zu sein. Doch Kirby Morgan machte einen blitzschnellen, gleitenden Schritt nach vorn, so dass sich Lawell zwischen ihm und Dolans schussbereitem Colt befand. Lawell erkannte die Gefahr und wollte sich fallen lassen. Da hatte Kirby seinen Revolver herausgerissen, drückte die Mündung in Rock Lawells Seite und rief scharf: „Bleibt, wo ihr seid, sonst ziehe ich den Stecher durch!“

Die Frachtfahrer erstarrten mitten in ihrer Bewegung. Jack Dolan schnaufte heiser: „Jetzt zeigen Sie Ihr wahres Gesicht, Morgan, was?“

„Sollen mein Freund und ich hängen für etwas, was wir nicht getan haben?“, sagte Kirby mit beißender Bitterkeit. „Es tut mir leid - ihr habt mir keine andere Wahl gelassen!“

„Geschwätz! Nichts als leeres Geschwätz!“, knirschte Rodmain. „Morgan, glauben Sie nur nicht, Sie kommen hier mit heiler Haut davon!“

„Ich denke“, sagte Kirby gepresst, „ihr setzt das Leben dieses jungen Mannes nicht leichtfertig aufs Spiel!“

Es war ein Bluff! Niemals würde er eine Kugel auf Rock Lawell abfeuern. Aber das wusste nur er. Verzweifelt hoffte er, dass er Erfolg haben würde.

Neben ihm hatte Red Smoke die Volcanic Rifle vom Rücken gerissen und in Anschlag gebracht. Seine schwarzen Augen glühten wild. Geduckt stand er neben dem weißen Jäger. Schatten und Licht vermischten sich auf seinem bronzenen Gesicht.

Rock Lawell rief heftig: „Nehmt auf mich keine Rücksicht, Leute! Denkt daran, dass sie Sam Kelland ermordet haben! Sam, der ein guter und tapferer Mann war! lasst sie nicht entkommen, das ist alles, was ich will!“

„Der Preis dafür ist Ihr Leben, Lawell!“, sagte Kirby hart.

Er musste seinen Bluff weiterführen, obwohl das den Hass und den falschen Verdacht der Treckleute nur weiter anschürte. Er hatte keine andere Wahl!

„Zur Hölle mit Ihnen!“, fauchte Lawell.

„Ich weiß genau, was geschieht, wenn Sie und diese verwünschte Rothaut entwischen. Dann warten Sie nur auf eine günstige Gelegenheit, um den nächsten von uns aus dem Hinterhalt zu erledigen. Decken Sie Ihre Karten doch endlich auf, Sie verdammter Mörder!“

Zorn stieg in Kirby Morgan auf. Er dachte an den harten Ritt, der hinter ihm und Red Smoke lag, diesen Ritt, der sie quer durch das Indianerland bis hierher nach Fort Larned geführt hatte. Sie waren gekommen, um ihre Hilfe anzubieten. Und nun stießen sie auf eine unüberwindliche Mauer aus Hass und Feindschaft. Er sagte scharf: „Lawell, halten Sie jetzt endlich den Mund! Los, kommen Sie mit uns! Und ihr anderen rührt euch nicht von der Stelle! Zwingt mich nur nicht, auf diesen Mann zu schießen, habt ihr verstanden?“

Die Frachtfahrer tauschten finstere Blicke. Keiner sprach ein Wort. Ihre Fäuste krampften sich noch fester um die Kolben ihrer Waffen.

„Los, Lawell!“, befahl Kirby hart. „Kommen Sie!“

Er nickte dem Indianer rasch zu, und Red Smoke begann sich rückwärts zu bewegen.

Da setzte Rock Lawell alles auf eine Karte, schnellte auf den Absätzen herum und warf sich gegen Kirby Morgan.

„Drauf auf sie!“, brüllte er heiser.

Kirby taumelte unter dem heftigen Anprall zwei Schritte zurück. Lawell wollte ihm den Colt aus der Faust schlagen, da hatte sich der Präriejäger schon gefangen. Mit einer schnellen halben Drehung ließ er Lawells Hieb ins Leere gehen. Er hätte jetzt feuern können, tat es aber nicht. Lawell stieß eine Verwünschung aus und griff nach seinem eigenen Revolver. Kirby hieb ihm den linken Handrücken ins Gesicht. Lawells Kopf ruckte zurück. Und dann war Kirby schon wieder dicht vor ihm, drückte ihm die Coltmündung in den Leib und knurrte: „Seien Sie vernünftig, Lawell! Geben Sie auf!“

Aber Hass und Wut hatten Lawells Besonnenheit weggespült. Er wollte blindlings die Fäuste Kirby ins Gesicht schmettern. Der Präriejäger war schneller! Sein Coltlauf zuckte in die Höhe und traf Lawell an der Schläfe. Die schlanke Gestalt des jungen Mannes erschlaffte jäh. Kirby fing ihn geistesgegenwärtig auf.

„Zurück!“, schrie er die näherdrängenden Fuhrleute an. „Sofort zurück, sonst ist es um Lawell geschehen!“

Die Bewegung der Schar geriet ins Stocken.

„Hört nicht auf ihn!“, schnaufte Rodmain wild. „Er wird es nicht tun! Er blufft nur! Er weiß, dass er verloren ist! Los, Männer, vorwärts! Wir werden ...“

Seine Worte gingen im Dröhnen von Red Smokes Volcanic Rifle unter. Im ersten Moment glaubte Kirby erschrocken, der Pawnee habe auf Rodmain gezielt. Dann sah er die Erdklumpen vor Rodmains Stiefelspitzen zwischen den Grashalmen hochwirbeln und war erleichtert darüber. Er warf dem Indianer einen anerkennenden Blick zu, dann rief er: „Das war nur ein Warnschuss. Rodmain, die nächste Kugel meines Freundes wird Sie mitten in den Kopf treffen. Richten Sie sich danach!“

Jube Rodmains Gesicht hatte sich fahl gefärbt. Er schnappte hörbar nach Luft. Seine hageren Schultern bebten vor mühsam unterdrückter Wut.

„Zu den Pferden, Smoke!“, raunte Kirby dem Indianer zu.

Red Smoke nickte wortlos. Er hatte die dünnen Lippen wie ein Wolf zurückgezogen, und sein kräftiges Gebiss schimmerte im Licht der Laterne, die Jack Dolan noch immer in der linken Faust hielt. Es sah aus, als zeige er ein wildes, raubtierhaftes Grinsen.

Nebeneinander bewegten sie sich rückwärts auf den Rand des Lichtkreises zu. Kirby hielt die erschlaffte Gestalt Rock Lawells wie ein Schutzschild vor sich. Lawells Stiefelabsätze zogen dunkle Furchen durch das zertretene Gras.

Am Rand des gelben Laternenscheins blieb Kirby zögernd stehen. Red Smoke warf ihm einen schrägen, fragenden Blick zu, aber Kirby bemerkte es nicht. In seinem scharfgeschnittenen Gesicht arbeitete es. Er schaute die Reihe der finster blickenden Fuhrleute nachdenklich an und überlegte, ob er nicht nochmals versuchen sollte, ihnen die Wahrheit klarzulegen. Aber der Haß auf ihren Mienen war zu deutlich! Einer von ihnen lag heimtückisch ermordet im Gras, und in ihren Gehirnen herrschte nur ein Gedanke vor: Rache! Es würde unmöglich sein, sie zur Vernunft zu bringen, und sekundenlang beschlich Kirby Morgan ein Gefühl hoffnungsloser Bitterkeit.

Neben ihm grunzte der stämmige Indianer einige Worte in der gutturalen Pawnee-Sprache. Kirby atmete tief ein. Er nickte schwer.

„Du hast recht, Smoke! Verschwinden wir!“

Er ließ den Bewusstlosen plötzlich los und schnellte rückwärts in die Finsternis hinein. Neben ihm verschwand Red Smoke mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus dem Lichtbereich der Sturmlaterne. Der vielstimmige wütende Aufschrei der Frachtwagenfahrer klang wie aus einer Kehle. Revolver und Gewehr wurden hochgerissen. Rodmain brüllte: „Ihnen nach! Lasst sie nicht entkommen!“

Kirby wirbelte herum, schob den Colt in die Halfter und begann zu laufen. Ein Schatten wuchs neben ihm empor. Er drehte den Kopf.

„Smoke, es ist besser ...“

Der Schatten prallte gegen ihn. Ein Augenpaar funkelte wild in der Dunkelheit. Und Kirby Morgan erkannte, dass er nicht seinen Pawnee-Freund vor sich hatte. Er riss geistesgegenwärtig den Kopf zur Seite, und so traf der Hieb mit dem Revolverlauf nur seine linke Schulter. Er wurde zur Seite geschleudert. Und da war plötzlich ein zweiter Mann, der ihm die Arme auf den Rücken riss und gellend schrie: „Rodmain, beeilt euch! Wir haben einen von den Burschen. Schnell, kommt!“

Kirby wollte sich aus dem harten Griff befreien. Aber der Schlag auf die linke Schulter schien seine Muskeln uni Sehnen gelähmt zu haben. Seine Arme waren wie abgestorben. Er keuchte verzweifelt und wollte sich herumwerfen. Aber da war der andere Mann vor ihm und schlug ihm die Faust brutal ans Kinn. Kirbys Kopf flog nach hinten. Ein Blutrinnsal sickerte aus seiner Nase. Wie aus weiter Ferne hörte er Jube Rodmain triumphierend schreien: „Das sind Presho und Hammet! Sie waren im Fort und haben den Halunken den Rückzug abgeschnitten. Beeilt euch, Männer!“

Das Hasten der Stiefeltritte kam näher. Der Laternenschein geisterte schwankend über die freie Grasfläche zwischen der Wagenburg und den Palisaden von Fort Larned. Und im Flackern des Lichts sah Kirby die nervige Faust erneut auf sich zukommen. Er war nicht mehr schnell genug, den Kopf zur Seite zu reißen. Der Hieb erwischte ihn mit voller Wucht, und plötzlich war keine Kraft mehr in seinen Beinen. Er knickte auf die Knie. Die Fäuste ließen ihn los. Irgendwo aus der Dunkelheit kam Red Smokes kehlige Stimme. Kirby verstand die Worte nicht mehr, erkannte aber die besorgte Anspannung im Tonfall. Mit letzter Kraft legte er die Hände trichterförmig vor den Mund und rief mit kratzender Stimme: „Flieh, Smoke! Lass dich nicht erwischen! Für mich ist es sowieso ...“

Er hörte einen Fluch, dann traf ein schmerzhafter Schlag sein Genick. Er kippte nach vorn, spürte noch, wie sein Gesicht das taufeuchte Gras berührte, dann löste sich alles in undurchdringliche Schwärze auf.

Ein Streifen grauer Helligkeit über dem östlichen Horizont kündete das Nahen des Tages an. Die laue Nachtluft war einer merklichen Kühle gewichen. Obwohl Amy Conroe einen breiten Schal um die Schultern geschlungen hatte, fröstelte sie. Aus tränenfeuchten Augen blickte sie auf den dunklen Erdhügel, der sich vor den Palisaden des Forts erhob - diesen Hügel, unter dem Sam Kelland seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Ein schlichtes Holzkreuz war die einzige Zierde. Eines Tages würde der Sturm dieses Kreuz knicken, und der Hügel würde eingesunken sein. Dann würde niemand mehr daran denken, dass hier ein guter Mann gestorben war - einer der vielen, deren Gräber den langen Trail nach Westen säumten.

Rock Lawell legte sacht seinen Arm um die Schultern des Mädchens.

„Komm, Amy! Es wird Zeit, dass wir gehen.“

Sie schreckte zusammenzuckend aus ihrer trüben Versunkenheit. Wortlos nickte sie. Ihr schmales hübsches Gesicht war ein bleicher Fleck im Grau der Dämmerung. Sie zog den Schal enger und drückte sich an den jungen Mann. In dieser Stunde war sie froh, dass sie nicht allein war. Die langen Meilen nach dem fernen Santa Fe schreckten sie plötzlich.

Als sie sich den Planwagen näherten, stellten sie fest, dass die Fuhrleute bereits beim Aufbrechen waren. Maulesel wurden angeschirrt, Pferde gesattelt. Peitschengeknall und Hufegestampfe vermischten sich. Raue Stimmen schimpften, Stiefel pochten und Wagenräder knarrten.

Ein Reiter lenkte sein Pferd auf sie zu. Als er näher kam, erkannten sie Jube Rodmains kantiges Gesicht unter der schattigen, breiten Hutkrempe. Er zügelte das Pferd vor ihnen und stützte die Hände auf das Sattelhorn.

„Ich komme nicht gern darauf zu sprechen“, begann er zögernd. „Aber mit Sam Kellands Tod hat sich eine beträchtliche Änderung für euch ergeben, nicht wahr? Er war euer Fahrer. Was werdet ihr ohne ihn tun?“

„Sie meinen“, fragte Lawell rau, „wir kommen ohne Sam nicht weiter?“

Rodmain räusperte sich. Schulterzuckend meinte er: „So ähnlich, ja!“ Er breitete die Hände aus. „Ihr seid zum ersten Mal auf dem Trail, oder? Ihr wisst gar nicht, wie wichtig es ist, dass man gut mit einem Gespann umgehen kann. Haben Sie Erfahrung damit, Lawell?“

Rock Lawells Miene verfinsterte sich.

„Nein!“

„Und wie steht es mit Jack Dolan?“

„Jack hat früher in einem Saloon gearbeitet“, antwortete Amy an Lawells Stelle.

„Schlimm!“, murmelte Rodmain bekümmert. „Es tut mir leid, dass ich von meinen Leuten niemand entbehren kann. Ich hätte euch gern einen tüchtigen Fahrer gestellt, aber so ...“ Er zuckte wieder die Schultern.

„Irgendwie schaffen wir es schon“, erklärte Lawell gepresst.

Rodmain zog die Augenbrauen hoch.

„Sie wollen also trotz allem mitkommen?“

Lawell warf dem Mädchen einen Blick zu. Amy schaute dem Treck-Boss fest ins Gesicht.

„Ja, Mr. Rodmain! Nun erst recht!“

„Hm! Die Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen. Aber ohne einen geübten Fahrer auf den Santa Fe-Trail gehen - das ist eine ziemlich gewagte Sache. Bis zum Fort der letzten Hoffnung sind es fast tausend Meilen.“

„Wir müssen das Risiko auf uns nehmen.“

„Müssen, Miss Conroe?“, dehnte Jube Rodmain stirnrunzelnd.

„Ja! Ich finde keine Ruhe mehr. Wir müssen so rasch wie möglich nach Santa Fe. Ich will wissen, was mit meinem Vater los ist. Ich werde den Gedanken nicht los, dass er sich in tödlicher Gefahr befindet.“

„Ich verstehe das alles nicht.“ Rodmain schüttelte den Kopf. Sein Blick wanderte zwischen Amy und Lawell hin und her.

Rock Lawell nahm seinen Arm von der Schulter des Mädchens.

„Wir wissen selber wenig genug. Im vorigen Winter erhielt Amy einen Brief von ihrem Vater. Steve Conroe ist im Begriff, drüben in Santa Fe ein großes Frachtunternehmen aufzubauen. Er forderte Amy auf, mit mir nach New Mexico zu trailen und ihm dabei zu helfen. Amy und ich standen kurz vor der Heirat. Jetzt werden wir warten, bis wir bei Amys Vater sind. Well, zusammen mit Jack Dolan, einem alten Freund von Amys Vater, brachen wir auf. In Kansas City schlossen wir uns Ihrem Wagenzug an, Rodmain. Bis vor einigen Tagen ging alles gut. Dann wurde Sam Kelland, unser Fahrer, heimlich von Unbekannten aufgefordert, uns im Stich zu lassen. Sam lehnte ab. Man drohte ihm, aber er blieb fest. Dann passierte das heute ...“

„Yeah!“, knurrte Rodmain düster. „Wir hätten diesen verdammten Morgan doch aufknüpfen sollen. Leider kamen die Soldaten aus dem Fort dazwischen. Ich hoffe nur, sie holen das schleunigst nach.“ Er wandte sich an Amy Conroe. „Tut mir leid, Madam, wenn Sie so raue Worte hören müssen - aber in einem Land, in dem der weiße Mann noch kaum Fuß gefasst hat, gibt es nur eine Möglichkeit, sich seiner Haut zu wehren - das Gesetz der Prärie: Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

„Es geht nicht nur um Morgan und den Pawnee“, meinte Lawell gepresst. „Es geht vor allem darum, dass irgendwer verhindern will, dass wir nach New Mexico kommen, verstehen Sie? Und deshalb nimmt Amy an, dass ihrem Vater Gefahr droht. Einen anderen Grund, uns aufzuhalten, kann es nicht geben.“ Rodmain nickte langsam.

„Eine heikle und ziemlich undurchsichtige Geschichte, das gebe ich zu.“ Seine Stimme wurde eindringlicher. „Aber ich weiß nicht, ob das Risiko trotzdem gerechtfertigt ist. Von Kansas City bis zum Fort der letzten Hoffnung bei Santa Fe, sind es nahezu achtzehnhundert Meilen, und wir haben nicht einmal ein Drittel des Weges zurückgelegt. Ich sage Ihnen, Lawell, es ist sogar für einen erfahrenen Frachtfahrer nicht einfach, sein Fahrzeug heil über diesen Trail durch die Hölle zu bringen.“

„Wenn wir aufgeben“, mischte sich Amy ein, „dann tun wir gerade das, was die Banditen von uns erwarten. Nein, Mr. Rodmain! Wenn das Risiko noch so groß ist - es gibt keine Umkehr für uns.“

Jube Rodmain starrte auf die zottige Mähne seines knochigen Braunen.

„Sie sind ein sehr tapferes Mädchen.“

„Tapfer?“ Amy Conroe schüttelte den Kopf. Ihre roten Lippen zuckten leicht. Ihre Stimme sank zu einem tonlosen Flüstern herab.

„Ich bin nicht tapfer, Mr. Rodmain! Ich habe nur Angst ... Angst um Dad, das ist alles!“

Eine Weile war es still. Rodmains Pferd tänzelte unruhig. Der Ring der Wagenburg löste sich im Morgengrauen. Unter Peitschengeknall, heiseren Rufen und Räderknarren formierten sich die Fahrzeuge zu einer langen Linie.

Schließlich hob der Wagenzug-Boss etwas unbehaglich die hageren Schultern.

„Ich kann Sie verstehen, Madam. Aber - ich halte es trotzdem nicht für richtig.“

„Sie haben uns gewarnt“, murmelte Rock Lawell rau. „Die Verantwortung für alles Übrige liegt bei uns, nicht wahr?“

„Gewiss!“ Einen Moment wirkte es, als wollte Rodmain noch einen Einwand vorbringen. Dann sagte er aber lediglich: „Ich hoffe nur, Sie werden Ihre Entscheidung nicht eines Tages bereuen.“

Er zog seinen Braunen herum und ritt zu den Planwagen zurück.

 

 

2

Als Amy Conroe und Rock Lawell bei ihrem Conestoga-Wagen anlangten, war die übrige Karawane zum Losfahren bereit. Die sechs Gespannpferde waren angeschirrt. Rock half dem Mädchen auf den Bock. Dann schaute er sich suchend nach Dolan um.

„Jack“, rief er. „Hallo, Jack, wo steckst du?“

Es kam keine Antwort. Da war nur das Schnauben der Zugtiere und das dumpfe Stimmengewirr der Fuhrleute. Rodmains Ruf schallte von der Spitze des Trecks: „Auf, Männer! Es geht los! Westwärts, Freunde! Auf zum Fort der letzten Hoffnung, hooh! Westwärts!“

Das Knallen der Peitschen drang wie Revolverschüsse durch die kühle Dämmerung. Ächzend setzte sich der vorderste Wagen in Bewegung.

„Jack!“, wiederholte Lawell seinen Ruf lauter. „Menschenskind, Jack, antworte endlich!“

„Was ist los, Lawell?“, rief der Fahrer des nächsten Wagens herüber.

Lawell zuckte nervös die Achseln.

„Dolan ist verschwunden! Hast du ihn gesehen, Will?“

„Jack Dolan? Keine Ahnung!“

„Westwärts, hooh!“, drang wieder Rodmains Stimme von vorn.

Ein Wagen hinter dem anderen rollte in das Grau des erwachenden Tages hinein. Hufe stampften, und die Räder mahlten knirschend im Sand zwischen den dichten Grasbüscheln. Der Geruch von Staub hing in der Luft. Die Fahrt nach Westen ging weiter über den berühmt gewordenen Santa Fe-Trail, auf dem Jahr um Jahr die Wagenzüge ins ferne New Mexico rollten.

Rock Lawell schaute achselzuckend zu Amy hoch.

„Ich versteh’ das nicht!“, murmelte er besorgt. „Jack hat doch noch die Gäule angeschirrt. Er kann doch nicht weit gekommen sein.“

Nun knallten auch auf den Wagenböcken neben ihnen die Peitschen. Mit heiseren Rufen trieben die Fahrer die Maulesel an. Fahrzeug um Fahrzeug rumpelte an Lawell und dem Mädchen vorbei. Niemand kümmerte sich um sie. Alle waren mit ihren eigenen Gespannen beschäftigt.

Amy Conroe hatte ihre Finger um das Sitzbrett gekrampft.

„Rock! Sie werden ihn doch nicht etwa ...“ Sie brach plötzlich ab, ihre Haltung spannte sich.

„Amy, was ist?“

Ihre geweiteten Augen waren starr auf ihn gerichtet.

„Rock! Da hinten im Wagen ... Da ist etwas, Rock!“

Er war mit einem Sprung auf dem Trittbrett. Amy rückte hastig zur Seite. Lawell legte die Hand auf den Revolverkolben und schlug die Leinwandklappe zurück.

Aus dem dunklen Innern des Planwagens kam ein dumpfes Stöhnen. Lawell warf dem Mädchen einen schnellen Blick zu. Dann holte er hastig seine Streichhölzer hervor.

„Jack!“, raunte er heiser.

Vorn scharrten die Gäule unruhig mit den Hufen. Die Wagendeichsel knarrte leise. Die übrigen Fahrzeuge hatten den großen freien Platz vor dem Fort bereits verlassen. Die Spitze des Trecks war in der Dämmerung eingetaucht, die letzten Frachtwagen verschwammen zu großen grauen Schatten.

Lawell riss ein Streichholz an. Der Schein des gelben Flämmchens sprang in das Wageninnere, geisterte verzerrt über die Planwände, die Kisten, Fässer und Ballen, dann traf er auf die massige Männergestalt, die auf den Planken lag und mühsam versuchte, sich zu bewegen.

„Um Himmels willen, Jack!“, rief Lawell.

Die Streichholzflamme verlöschte zwischen seinen Fingerspitzen. Er wurde sich des Schmerzes nicht bewusst, kletterte hastig über die Rückenlehne des Sitzbrettes und zündete ein neues Hölzchen an. Hinter ihm kam Amy Conroe schnell atmend in das Wageninnere. Sie knieten neben Jack Dolan nieder. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen und starrten sie drängend an. Seine Wangenmuskeln zuckten vor Anstrengung, aber er brachte kein Wort hervor. Ein schmutziges Tuch war straff vor seinen Mund gebunden. Fesseln schnürten Arme und Beine zusammen, und quer über seine Stirn lief ein breiter blutiger Riss. Trotz der Morgenkühle glänzte sein Gesicht vor Schweiß.

„Was ist mit ihm?“, flüsterte Amy erstickt. „Ist er schwer verletzt?“

Lawells Schultern waren verkrampft. Ohne den Blick von Dolan zu wenden, murmelte er heiser: „Die Laterne, Amy! Gib mir die Laterne!“

Sie gehorchte hastig, und er zündete den Docht an. Der gelbe Schein unter dem Planendach wurde nun sanft und gleichmäßig. Draußen wurde der Lärm der Frachtwagenkarawane leiser und leiser. Mit ungeduldigen Fingern löste Rock Lawell das Tuch vor Dolans Mund. Der Gefesselte schnappte gierig nach Luft. Er setzte zum Sprechen an, brachte aber nur ein undeutliches raues Krächzen hervor.

„Nur ruhig, Jack!“, murmelte Lawell gepresst. „Ganz ruhig, mein Freund! Gleich bist du frei.“

Er tastete nach seinem Messer unter der Jacke, und gleich darauf durchtrennte die scharfe Klinge die straffen Lederriemen.

Amy hatte die Hände ineinander gekrampft. Auf ihren blassen Wangen hoben sich zwei grellrote Flecken ab. Sie erhob sich nervös.

„Jack, ich hole sofort Verbandszeug. Ich werde ...“

Der hünenhafte Mann setzte sich ächzend auf und winkte ab.

„Nicht nötig, Amy! Es ist nur ein Kratzer!“ Er schnaufte heftig, und in seinen Augen erschien jäh ein zorniges Sprühen. Mit der geballten Rechten hieb er auf die Wagenplanken.

„Diese verfluchten Burschen! Es ging so schnell, dass ich keine Zeit zur Gegenwehr hatte. Ich glaube, es war ein Revolverlauf, der mich da an der Stirn erwischt hat.“

„Wie konnte das passieren, Jack?“

Lawell furchte die Brauen. Dolan betastete mit grimmiger Miene den Riss auf seiner Stirn.

„Ich spannte die Pferde an“, brummte er. „Anschließend kletterte ich in den Wagen, um zu überprüfen, ob die Ladung richtig verstaut sei. Ich merkte noch eine Bewegung vor mir im Dunkel, dann erwischte es mich bereits. Als ich zu mir kam, war ich gefesselt und geknebelt.“

„War es ein Mann oder waren es mehrere?“

„Tut mir leid, Rock - wie gesagt, es ging alles viel zu schnell!“

Lawell biss sich auf die Unterlippe.

„Ich glaube nicht daran, dass Morgans Indianerfreund es wagte, so rasch zurückzukommen.“

Dolan stemmte seine schweren Fäuste auf eine Kiste und richtete sich mit einem heiseren Knurrlaut gebückt in die Höhe. Über die Schulter brummte er: „Wer sagt, dass Kirby Morgan und die Rothaut die einzigen Männer sind, die uns unser unbekannter Gegner auf den Hals hetzt?“

Sie schauten einander schweigend an, und die Bedeutung von Dolans Worten drang tief in ihr Bewusstsein. Schließlich senkte Lawell den Blick und sagte leise: „Wisst ihr, was das heißt? Unsere Feinde befinden sich unter den Männern des Wagenzuges. Nur einer von ihnen konnte es schaffen, unbemerkt in unseren Wagen zu steigen und dann anschließend unauffällig unterzutauchen. Ein Fremder - und wäre er noch so gerissen - hätte diese Chance nie besessen.“ Er drehte sich langsam dem Mädchen zu. „Amy, willst du wirklich noch immer den Trail nach Westen fortsetzen?“

Sie zögerte. Ehe sie antworten konnte, stieß Dolan erregt hervor: „Donnerwetter! Seht euch mal das an!“

Ihre Augen folgten seiner Blickrichtung. Er deutete auf einen weißen Papierbogen, der mit einem Holzstück an der Bordwand des Wagens festgeklemmt war. Lawell riss das Papier los. Mit finsterem Gesicht betrachtete er die großen, ungelenken Buchstaben, die hastig auf den Zettel geschmiert waren.

„Lies es laut, Rock!“, sagte Amy leise. Ihre und Jack Dolans Augen waren angespannt auf Lawell gerichtet. Der junge Mann strich sich fahrig eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn.

„Also gut!“ Er räusperte sich. Seine Stimme war heiser.

„Dies ist die letzte Warnung! Wenn Ihr mit dem Leben davonkommen wollt, dann kehrt um! Ihr habt hoffentlich begriffen, wie ernst wir es meinen. Nutzt eure letzte Chance!“ Rock Lawell ließ den Zettel sinken. „Das ist alles!“ murmelte er.

Dolan atmete schwer. Seine großen Hände öffneten und schlossen sich.

„Diese Schufte!“, flüsterte er wild. „Diese erbärmlichen Halunken!“

Lawell knüllte das Papier zusammen und warf es mit einer heftigen Bewegung zwischen die Kisten und Fässer. Sein Blick richtete sich wieder in das bleiche Gesicht des Mädchens.

„Nun, Amy? Du hast mir meine Frage von vorhin noch nicht beantwortet.“ Das Flackern verschwand aus ihren Augen. Eine merkwürdige Gefasstheit breitete sich über ihr Gesicht.

„Ich muss immerzu an Dad denken“, erklärte sie leise. „Ich lasse mich nicht aufhalten.“

„Aber wir dürfen diese Drohung nicht achtlos abtun, Amy! Diese Schurken werden alles tun, um ...“

„Du meinst, wir sollen aufgeben, Rock?“, fragte Amy schnell.

Er wich ihrem festen und forschenden Blick aus. Zögernd sagte er: „Ich habe keine Angst, denk nur das nicht! Aber ... ich muss an dich denken, Amy. Ich will nicht, dass dir irgendetwas zustößt.“

„Mach dir darüber keine Gedanken!“ Sie versuchte ein Lächeln, doch es gelang ihr nicht recht.

„Jack, wie steht es mit dir? Wenn du in Fort Larned bleiben willst, hält dich niemand auf. Und niemand wird dir daraus einen Vorwurf machen.“

„Ich denke nicht daran!“, knurrte Dolan kopfschüttelnd. Er massierte seine von den Fesseln wundgescheuerten Handgelenke. „Ich komme mit, Amy - und ich hoffe nur, dass ich diese Lumpen bald zwischen die Finger bekomme, wer sie auch sein mögen.“

„Ich weiß nicht“, meinte Lawell unbehaglich. „Wir sollten keine vorschnellen Entscheidungen treffen.“

In Amy Conroes klaren hellgrauen Augen tauchte ein Schimmer von Erstaunen auf.

„Wenn wir den Anschluss an den Treck nicht verpassen wollen, dürfen wir keine Zeit verlieren, Rock.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie leise hinzu: „Überdies gilt für dich dasselbe wie für Jack. Niemand zwingt dich dazu, den Trail fortzusetzen. Es ist mein Vater, um den es geht!“

Lawells Schläfen färbten sich dunkelrot.

„Amy! Wie kannst du so etwas sagen?! Du hast mich falsch verstanden. Ich will nicht ...“

„Dann ist es gut, Rock! Komm, wir müssen aufbrechen! Die anderen sind schon fort.“

Einen Moment haftete Lawells Blick besorgt an dem zusammengeknüllten Papier zwischen den Kisten, dann folgte er achselzuckend Amy und Dolan, die bereits nach vorn kletterten.

 

 

3

Kirby Morgan hatte seine Fäuste um die dicken Gitterstäbe des Zellenfensters gekrampft und starrte auf den uniformierten Wachtposten, der draußen an der Balkenwand des Gefängnisses lehnte. Noch hüllte trübes Dämmerlicht das Fort ein. Von jenseits der hohen Palisaden kamen die verschwommenen Geräusche des aufbrechenden Wagenzuges. Die Anspannung straffte Kirbys Miene. Seine graugrünen Augen funkelten. Er presste sein Gesicht dicht an die Eisenstäbe und sagte drängend: „Corporal, Sie müssen mich endlich zum Kommandanten bringen, hören Sie doch!“

Der Soldat schüttelte ärgerlich den Kopf.

„Der Colonel wird sich früh genug mit Ihnen befassen - und es wird nicht angenehm für Sie werden, glauben Sie mir! Halten Sie also den Mund und gedulden Sie sich!“ Er gähnte schläfrig. Die Stunden der Nachtwache vor dem kleinen Arrest-Blockhaus hatten ihn müde und mürrisch gemacht.

Peitschengeknall und raue Rufe trieben aus der Dämmerung heran. Kirby stellte sich vor, wie sich die Wagen jetzt formierten, wie die Männer auf die Böcke stiegen und die Zügel in die schwieligen Fäuste nahmen. Und Amy Conroes Conestoga würde eines der Fahrzeuge sein.

Die Unruhe in ihm wuchs. Er wusste um die Gefahr, die dem Mädchen und ihren Begleitern drohte, und er dachte an das Versprechen, das er drüben in New Mexico einem alten grauhaarigen Mann gegeben hatte - das Versprechen, seine Tochter sicher über den langen Trail zu führen. Er presste die Lippen zusammen.

Gestern war ein Mann ermordet worden, und man hielt ihn und Red Smoke für die Täter. Gerade die Menschen, denen er helfen wollte, hatten ihn in diese Klemme gebracht. Er fragte sich, ob es überhaupt möglich war, vor der Jury, die der Fortkommandant mit seinen Offizieren bilden würde, seine Unschuld zu beweisen. Und würde es ihm, wenn er das wirklich schaffte, gelingen, den Treck rechtzeitig einzuholen, ehe Amys und Lawells Gegner zu einem neuen vernichtenden Schlag ausholten? Er glaubte nicht daran.

In die Geräusche außerhalb des Forts mischte sich plötzlich der hohle Ruf einer Eule. Kirby Morgans Haltung versteifte sich jäh. Seine Augen wurden eng und wachsam. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Und da war wieder der seltsam langgezogene klagende Ruf - nach einem kurzen Abstand ein drittes Mal.

Kirby merkte, wie sein Herz plötzlich schneller zu pochen begann. Es gab keinen Zweifel mehr! Da war Red Smoke, der Pawnee, dicht vor den Palisaden von Fort Larned.

Er zwang sich dazu, seine Erregung zurückzudämmen. Er musste jetzt ganz ruhig bleiben und sachlich überlegen. Langsam löste er die Fäuste von den Gitterstäben. Die Zelle war von undurchdringlicher Finsternis gefüllt. Draußen hellte sich das Grau des erwachenden Tages immer mehr auf. Wie lange dauerte es noch, bis die Trompete die Soldaten zum Appell rief? Wenn es Smoke bis dahin nicht geschafft hatte.

Dieses heiße Etwas strömte wieder in Kirbys Kehle. Er sagte sich, dass es besser war, sich keine Illusionen zu machen. Er kannte zwar die Fertigkeiten des Indianers - aber überall auf den Wehrgängen entlang der Palisaden patrouillierten die Posten.

Kirby wartete darauf, dass sich der Eulenschrei wiederholen würde. Aber es blieb still. Draußen musste sich der Frachtwagenzug bereits in Bewegung gesetzt haben, denn die Geräusche wurden zusehends leiser.

Der Posten vor dem Gefängnisblockhaus schulterte seinen Karabiner. Das Metall des Gewehrlaufs klirrte leise gegen die Messingknöpfe der Uniform.

„Corporal“, sagte Kirby heiser aus dem Zellenfenster, „es steht für mich eine Menge auf dem Spiel, dass ich meine Unschuld so rasch wie möglich beweisen kann. Bringen Sie mich zu Ihrem Vorgesetzten!“

Er wusste, dass der Soldat nicht darauf eingehen würde - er hatte es vorher unmissverständlich ausgedrückt. Aber jetzt kam es Kirby auf etwas anderes an: Er wollte den Posten ablenken. Wenn der Pawnee wirklich ins Fort kam - heimlich über die Palisaden dann musste er ihm jede nur erdenkliche Unterstützung geben.

Der Soldat wandte unwillig den Kopf. Kirby sah in ein knochiges Gesicht mit einem buschigen Schnurrbart über strichdünnen Lippen.

„Unschuld?“, murrte der Mann. „Haben Sie Unschuld gesagt?“

„Genau! Wenn ich nicht ...“

„Zum Teufel! Geben Sie sich keine Mühe! Ich kenne die Geschichte, die sich gestern draußen bei der Wagenburg abspielte. Man hat die Mordwaffe in Ihrer Hand gesehen, nicht wahr? Und da reden Sie von Unschuld! Mann, halten Sie mich nur nicht für einen Dummkopf!“

„Ich verlange nicht, dass Sie mir glauben, sondern dass Sie mich endlich vor den Kommandanten bringen!“

„Die Antwort darauf habe ich Ihnen schon vorhin gegeben.“

„Damit gebe ich mich nicht zufrieden. Es ist mein Recht …!“

Der Soldat stieß sich wütend von der Balkenwand ab.

„Jetzt langt es! Sie gehen mir ziemlich auf die Nerven, verstehen Sie? Sie werden jetzt endlich den Mund halten, oder ...“

Kirby blickte dem Corporal eiskalt ins Gesicht.

„Oder?“, dehnte er herausfordernd.

Der Schnurrbart des Soldaten zuckte. Er nahm das Gewehr von der Schulter und kam noch näher an das Fenster heran.

„Oder ich werde Sie für die nächste Stunde auf die raue Art zum Schweigen bringen! Wir sind hier nicht im Osten, und mit Halunken von Ihrer Sorte springen wir nicht gerade sanft um, das werden Sie schon herausfinden!“

Kirby wartete verzweifelt auf ein Anzeichen von Red Smokes Näherkommen. Aber alles blieb still. Zwischen den Mannschaftsbaracken, den Lagergebäuden und den Ställen lagerten noch immer dichte Schatten. Nur auf dem großen Exerzierplatz, wo der Fahnenmast wie eine riesige schwarze Nadel zum Himmel emporstieß, hellte sich das Grau bereits merklich auf. Von den hölzernen Wehrgängen tönten die dumpfen, monotonen Tritte der Posten.

Kirbys Zellenfenster zeigte nach Osten. An dem Gefängniswächter vorbei sah er den Streifen Helligkeit über den Palisadenspitzen immer breiter werden. Jede Minute war jetzt von Bedeutung. Wenn erst einmal das Wecksignal erschallt war, gab es keine Hoffnung mehr auf Befreiung.

„Ich hoffe“, knurrte draußen vor dem Fenster der Corporal, „das bringt Sie endlich zur Vernunft, was?“

Kirby zwang sich zu einem verächtlichen Lächeln. Ein greller Gedanke war ihm durch den Kopf geschossen. Wenn es ihm gelang, diesen Soldaten zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten, wenn er es irgendwie schaffte, an den Karabiner des Mannes heranzukommen ... Er überlegte nicht weiter und erwiderte beißend: „Im Gegenteil! Ich habe mich noch nie durch leere Drohungen einschüchtern lassen!“

„Leere Drohungen? Dir werde ich es schon zeigen, Mister!“ Der Oberkörper des Soldaten war vorgebeugt. Er hielt den Karabiner mit beiden Fäusten gepackt und hielt den matt schimmernden Lauf drohend vor die Gitterstäbe. „Wenn ich dir erst einmal mit diesem Ding eines über den Schädel ziehe, dann ...“

Der Gewehrlauf war so nahe, dass Kirby nur die Fäuste durch die Gitterstäbe stoßen und zupacken brauchte. Er spannte alle Muskeln, und die Erregung des Augenblicks schnürte ihm die Kehle zusammen. Da knirschten Schritte im Sand.

Der schnurrbärtige Corporal brach mitten im Satz ab und drehte sich um. Der Schatten eines Mannes tauchte am Rande von Kirby Morgans Blickfeld auf. Kirby merkte, wie sich die Haltung des Wachtpostens entspannte. Der Lauf des Karabiners verschwand aus seinem Griffbereich, und eine Welle herber Enttäuschung durchflutete den Gefangenen.

Noch immer war von Red Smoke weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hatte es der Pawnee nicht einmal geschafft, über die Palisaden zu kommen. Kirby war nahe daran, alle Hoffnung aufzugeben!

Der Näherkommende schob sich um die Ecke des Gefängnisblockhauses. Er hielt ein Gewehr quer vor sich. Seine Uniformmütze war tief in die Stirn gezogen. Der blaue Kavallerierock spannte sich eng um muskulöse Schultern.

„Hey!“, sagte der Corporal überrascht. „Ist das schon die Ablösung? Du bist reichlich früh dran, Kamerad. Well, mir kann es nur recht sein.“ Er schwang den Karabiner über den Rücken und wandte sich zum Gehen. Dann fiel ihm noch etwas ein.

„Übrigens, es ist besser, wenn du auf den Kerl da drinnen nicht hörst! Dieser Bursche ...“

Plötzlich stutzte er. Seine Augen wurden weit, als er entdeckte, dass sein Gegenüber keine Soldatenstiefel, sondern Mokassins an den Füßen trug. Verstört flog sein Blick hoch - und da war der andere bereits bei ihm.

Kirby Morgans Augen konnten kaum der zuckenden Bewegung des Gewehrkolbens folgen. Ohne einen Laut über die Lippen zu bringen, sackte der Soldat zu Boden. Der Mann mit den Mokassins bückte sich und schleifte ihn tiefer in den Schatten. Er verschwand aus Kirbys Blickfeld.

Schlüsselgerassel war kurz zu hören, dann ein leises Scharren auf der Blockhausschwelle. Kirby wandte sich vom Fenster ab. Er wurde sich bewusst, dass Schweiß auf seiner Stirn stand. Ein Schlüssel knirschte im Schloss. Kirby glitt durch die Dunkelheit zum Eingang. Die Tür schwang einen Spalt auf, und dann hatte er ein breitflächiges, dunkles Gesicht dicht vor sich. Schwarze Augen glühten ihn an.

„Komm, Rothaar!“, raunte eine gutturale Stimme.

„Smoke!“, stieß Kirby heiser hervor und krampfte seine Rechte um die Schulter des Indianers. „Das werde ich dir nie vergessen!“

Der Schimmer eines Lächelns huschte über Red Smokes Gesicht.

„Wenig Zeit, Rothaar! Hier Waffen von weißer Soldat.“ Er drückte dem Präriejäger einen Karabiner und einen Revolver in die Fäuste. Dann riss er sich die Uniformmütze vom Kopf, zog hastig den blauen Kavallerierock aus, nickte Kirby aufmunternd zu und glitt geduckt und völlig geräuschlos an der Balkenwand entlang. Kirby blieb ihm dicht auf den Fersen.

Unvermittelt durchbrach der helle schmetternde Ton einer Trompete die bleierne Stille. Kirby und der Pawnee tauschten einen bedeutsamen Blick. Sie wussten, dass das Wecksignal die Fortbesatzung innerhalb weniger Minuten auf die Beine bringen würde. Wenn sie es dann noch nicht geschafft hatten, über die Palisaden zu entkommen, gab es keine Rettung mehr für sie.

 

 

4

Wagen um Wagen kroch mühsam den mit vergilbtem Büffelgras bewachsenen Steilhang hinauf. Die Wagenlenker und Beifahrer waren abgesessen, um den Fahrzeugen jedes überflüssige Gewicht zu nehmen. Unablässig schnalzten die Peitschenschnüre dicht über den Rücken der Maulesel, die sich hart ins Geschirr stemmten, um die schweren Murphy Wagen die Steigung hinaufzubringen.

Flüche schallten. Das Fell der Tiere war dunkel vor Schweiß, die Gesichter der Männer glänzten vor Nässe. Die glühende Sonnenscheibe stand hoch droben am tiefblauen, wolkenlosen Himmel und schleuderte sengende Hitze auf das einsame Präriesand herab. Einige Meilen entfernt schimmerte das breite Band des Arkansas Rivers durch eine Hügellücke. Weit und breit war weder Baum noch Strauch zu sehen. Nur Gras - hohes wogendes Gras, das sich bis zum Horizont dehnte, der dunstig in der Ferne verschwamm.

Amy Conroes Conestoga-Wagen befand sich am Schluss der Karawane. Das Mädchen saß neben Lawell auf dem Bock und betrachtete besorgt die Fahrzeuge, die vor ihnen den steilen Hang hinaufrumpelten. Grell leuchteten die weißen Planendächer in der Sonne. Staub und Schweißgeruch überdeckten den Duft des verdorrten Grases und der trockenen Erde.

„Werden wir es schaffen, Rock?“

Details

Seiten
134
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937152
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520187
Schlagworte
treck fort hoffnung

Autor

Zurück

Titel: Treck zum Fort der letzten Hoffnung