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Die große, fremde Stadt macht mir Angst - Dr. Staffner packt aus

2020 91 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die große, fremde Stadt macht mir Angst

Copyright

Wenn ich stehle, geschieht dies unter einem Zwang

Bei mir dreht sich alles nur um das Eine

Meine Mutter zerstört mit ihrer Putzwut auch noch meine Ehe

Ich kann an keinem Sonderangebot vorbeigehen

Ein schlimmer Verdacht brachte mich fast um meinen guten Ruf

Wie kann ich meinem Kind nur helfen?

Ich wurde von meinem Traummann schwer enttäuscht

In Wahrheit hat er mich immer verachtet

Jahrelang führte ich ein Doppelleben

Ich wurde gezwungen, mit einer Toten zu konkurrieren

Ein folgenschwerer Flirt endete in Trauer und Tod

Die große, fremde Stadt machte mir Angst

Mein Verzicht auf Rache brachte mir das Glück

Meine beste Freundin tat mir etwas Schreckliches an

Ich glaubte, meinem Sohn die Wahrheit über seinen Vater verschweigen zu müssen

Die große, fremde Stadt macht mir Angst

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 15 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

 

- Als Schülerin beeindruckte Ingeborg ihre Freundinnen mit Ladendiebstählen, bei denen sie nicht erwischt wurde. Doch schon bald entwickelt sich diese verhängnisvolle Fertigkeit zu einer regelrechten Sucht, die nicht ohne Folgen bleibt …

- In seiner Jugend tobt sich Carl sexuell aus. Doch sein Verlangen wird immer mächtiger und bringt ihn manchmal in Schwierigkeiten. Als er sogar vor kriminellen Praktiken nicht zurückschreckt, wird ihm bewusst, dass er Hilfe braucht …

- Nach einer Vergewaltigung in jungen Jahren fühlt Rebecca sich und ihre Umgebung ständig schmutzig. Sie kämpft durch übertriebenes Putzen dagegen an, doch es wird immer schlimmer, und ihre Familie muss darunter leiden …

Und 12 weitere Schicksalsgeschichten ... Dr. Staffner packt aus!

 

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover by Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Wenn ich stehle, geschieht dies unter einem Zwang

Ingeborg sitzt dem Warenhausdetektiv gegenüber. Seine Fragen, die sie längst auswendig kennt, beantwortet sie mechanisch. Ihr Blick wirkt matt. Sie weiß, dass sie wieder einmal den Kampf gegen ihre Sucht verloren hat.

Diesmal wurde ihr ein T-Shirt zum Verhängnis. Auf dem Wühltisch wurde es für acht Euro angeboten. Mit mehr als hundert Euro in der Geldtasche hätte Ingeborg es kaufen können. Doch sie schob es blitzschnell unter ihren Mantel und versuchte, den Ausgang zu erreichen. Es ging schief.

"Aus Not habe ich noch nie gestohlen", gibt sie zu. "Schon als Kind bekam ich viel mehr Taschengeld als meine Freundinnen. Ich hätte ihnen den einen oder anderen Euro schenken können."

Doch das tat sie nicht. Sie beeindruckte die Gleichaltrigen weitaus stärker, wenn es ihr gelang, im Supermarkt eine Handvoll Kaugummis zu 'organisieren', ohne dabei erwischt zu werden.

"Diese Selbstbedienungsläden stellten eine riesige Verlockung für mich dar", erinnert sich Ingeborg. Man brauchte doch nur in einem unbeobachteten Moment zuzugreifen und ein harmloses Gesicht zu zeigen. Das machte richtig Spaß."

Es blieb nicht bei den Kaugummis. Schon bald war Ingeborg in der Schule ein streng gehüteter Geheimtipp. Wenn jemand in der Pause Appetit auf eine Brezel verspürte, sich sehnlichst ein paar Rollschuhe wünschte oder unbedingt die neueste Single von den Beatles brauchte, Ingeborg beschaffte alles und sonnte sich in ihrem Ruhm. Sogar von den Jungen wurde sie respektiert.

Ein einziges Mal während ihrer ganzen Schulzeit wurde sie beim Stibitzen erwischt. Sie beteuerte hoch und heilig, so etwas noch nie gemacht zu haben und es selbstverständlich auch nie wieder zu tun. In Wahrheit schämte sie sich hauptsächlich vor ihren Kameradinnen, weil sie so ungeschickt gewesen war. Längst hatte sie nämlich Nachahmer gefunden, aber keiner brachte es auf ihre Fingerfertigkeit. In diesem Sport war sie einfach die Beste.

Es war tatsächlich so, dass Ingeborg ihre Diebstähle von der sportlichen Seite betrachtete. Sie wollte sich ja nicht bereichern. Das hatte sie gar nicht nötig. Sie reizte das Prickeln, wenn sie sich bewusst der Gefahr des Entdecktwerdens aussetzte.

"Nach der Schulzeit trat mein Talent ein wenig in den Hintergrund", erzählt Ingeborg. "Andere Interessen wurden wichtiger. Sie hießen Heinz, Dieter oder Rolf. Doch immer, wenn ich unglücklich verliebt war oder eine Verbindung in die Brüche gegangen war, zog es mich mit unwiderstehlichem Zwang in Kaufhäuser und Geschäfte. Ich verließ sie dann nie, ohne irgendetwas mitgehen zu lassen. Meistens handelte es sich um etwas völlig Sinnloses, als wollte ich gegen meinen Herzensjammer protestieren."

So stahl sie Hutnadeln, Blumenzwiebeln oder auch eine Taucherbrille. Manches davon warf sie in die nächste Mülltonne, anderes behielt sie als Trophäe.

Mit dem regelmäßig wiederkehrenden Liebeskummer plagte sie sich bis zu ihrem 26. Lebensjahr. Dann lernte sie Horst kennen und wurde seine Frau.

Horst verdiente als Unternehmensberater gutes Geld. Er besaß einen Bungalow am Stadtrand und eine Ferienwohnung auf Sylt. Mit ihm hatte Ingeborg keine schlechte Wahl getroffen. Sie schien auch ihr Laster überwunden zu haben. Doch dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem sie – im sechsten Monat schwanger ihr Baby verlor.

Der Aufenthalt im Krankenhaus reichte nicht aus, um diesen Schock zu überwinden. Wie sehr hatte sie sich dieses Kind gewünscht! Kaum war sie entlassen, als sie auch schon in einem Tabakwarenladen eine teure Pfeife stahl. Danach fühlte sie sich bedeutend wohler. Die Pfeife wurde in einen See geworfen, und schon nach einigen Tagen spürte Ingeborg wieder jene seltsame Leere in sich, die immer dann auftrat, bevor sie es tat es tun musste.

"Begreiflicherweise entwickelte ich eine Vorliebe für Babywäsche", sagt Ingeborg bedrückt. "Einiges davon hob ich auf. Horst dachte sich nichts dabei, wenn er ein Strampelhöschen fand. Er kam nicht auf die Idee, ich könnte es nicht ordnungsgemäß bezahlt haben. Schließlich verfügte ich über mehr Wirtschaftsgeld, als ich benötigte."

Längst war die Zeit vorbei, in der sie mit ihren flinken Fingern nur bei ihren Freundinnen Eindruck schinden wollte. Inzwischen benutzte sie ihre heimliche Leidenschaft unbewusst immer dann als Ventil, wenn irgendetwas nicht so lief, wie sie sich das vorstellte.

Hatte sie sich auf einen gemeinsamen Abend mit Horst gefreut, und er kam nicht nach Hause, ging sie auf Tour. Passten ihr die entzückenden Schuhe aus der Auslage nicht, ließ sie wenigstens einen davon in ihrer Tasche verschwinden.

Ganz schlimm aber wurde es, als alle Bemühungen, doch noch ein Baby zu bekommen, scheiterten. Nach einer weiteren Fehlgeburt riet ihr Arzt aus gesundheitlichen Erwägungen von einer neuerlichen Schwangerschaft ab. Mit dieser Enttäuschung wurde Ingeborg leichter fertig, wenn sie an Ständern mit Strumpfhosen oder Bücherstapeln vorbeischlenderte und blitzschnell ihre Hand vorzucken ließ.

"Ganz klar, dass ich nicht immer voll konzentriert war, wenn ich Kummer hatte", sagt Ingeborg, als müsste sie sich für ihre Ungeschicklichkeit entschuldigen. "So kam es vor, dass sich eine Hand auf meinen Arm legte, bevor ich ein Geschäft verlassen konnte."

Anfangs gelang es ihr, Zerstreutheit vorzutäuschen. Doch als sich die Vorfälle wiederholten, blieb ihr die erste Anzeige nicht erspart. Dadurch erfuhr auch ihr Mann von ihrer unseligen Manie.

"Horst fiel aus allen Wolken. Er war sicher, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln könne, und beschwor mich, mich doch um Himmels willen zu rechtfertigen. Ich schüttelte nur den Kopf und raubte ihm seine Illusionen."

Er liebte Ingeborg nach wie vor und wollte ihr helfen, erkannte er doch, dass sie selbst unter ihrem Tun litt, es aber nicht schaffte, sich davon zu befreien. Er beriet sich mit erfahrenen Psychologen, die einmütig auf eine Therapie drängten, der sich Ingeborg auch unterzog.

Die Wirkung hielt ein halbes Jahr an, bevor sie die nächste Anzeige erhielt.

Längst wusste die ganze Verwandtschaft über sie Bescheid. Einer nach dem anderen zog sich von den Güligs zurück. Ihr Freundeskreis wurde immer kleiner. Ingeborg konnte kaum noch auf die Straße gehen, ohne dass hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Aber selbst nach peinlichsten Blamagen, wenn sie auf frischer Tat ertappt wurde, wurde sie schon bald wieder rückfällig.

"Dabei war Horst rührend um mich besorgt. Er schränkte sogar seine Arbeitszeit etwas ein, um mich nicht so häufig allein lassen zu müssen."

Es nützte alles nichts. Ingeborg vermochte nicht, sich gegen ihren Trieb zu wehren. Schließlich musste sie eine zweiwöchige Haftstrafe verbüßen.

"Als ich entlassen wurde, befand sich Horst gerade auf einer Dienstreise. Ich wollte ihn mit einem wunderbaren Abendessen überraschen und ging in ein Delikatessengeschäft. Den Lachs bezahlte ich nicht, doch die Ladeninhaberin hatte es gemerkt."

Ingeborg konnte die Frau überreden, von einer Anzeige abzusehen. Als Horst abends von dem Vorfall erfuhr, wollte er sich unbedingt für die Großzügigkeit bedanken. Er suchte die Frau auf und zeigte sich von ihr stark beeindruckt. Nach Ingeborg war sie die Erste, bei der er sich an ihre Augenfarbe erinnerte. Das alarmierte Ingeborg.

"Endlich begriff ich, dass ich dabei war, meine Ehe aufs Spiel zu setzen. Konnte Horst mich denn noch lieben? Musste er nicht von der Anderen fasziniert sein, die nicht nur attraktiv war, sondern vor allem ehrlich. Und vielleicht auch sehr zärtlich."

Sie leistet einen heiligen Schwur, nie wieder die Hand nach fremdem Eigentum auszustrecken. Fünf Minuten vor zwölf reißt sie sich zusammen und will ihrem Mann beweisen, dass sie seiner Liebe wert ist.

Horst beteuerte hinterher, dass er Frau Keilberg ganz zufällig getroffen und ihr bei dem scheußlichen Wetter selbstverständlich angeboten habe, sie im Wagen nach Hause zu bringen. Das Unglück wollte es jedoch, dass Ingeborg die beiden beobachtete und falsche Schlüsse zog. Sie wusste sich in ihrem Kummer nicht anders zu helfen, als im Kaufhaus ein T-Shirt zu stehlen.

Dabei wurde sie erwischt ...

 

 

 

Bei mir dreht sich alles nur um das Eine

"Als ich knapp sechzehn war, lernte ich eine verheiratete Frau kennen, die mich in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweihte. Das machte mir Spaß, zumal sie mir erstaunliches Talent bescheinigte. Mir gefiel diese Frau, denn sie kannte nicht die geringsten Hemmungen. Sie besaß nur einen Nachteil. Sie wollte mich ganz für sich allein." Damit erklärte sich Carl nur während der ersten Wochen einverstanden. Dann wuchs sein Appetit. Er war neugierig, ob es mit anderen Frauen genauso toll war. Vor allem mit Frauen seines Alters.

Anfangs schätzte er sie falsch ein. Er glaubte, alle müssten so wild auf seinen Körper sein wie seine Lehrmeisterin. Deshalb musste er manche Abfuhr einstecken. Doch schon bald lernte er zu unterscheiden und suchte sich solche Partnerinnen, die ihre Zeit nicht mit 'romantischem Quatsch' vergeudeten, sondern lieber gleich wie er zur Sache gingen.

Seine erste Geliebte raste vor Eifersucht, war dann aber froh, dass ihr potenzstarker Liebhaber sie nicht völlig fallenließ.

"Ja, meine Potenz wurde schnell bei interessierten Frauen bekannt", weiß Carl zu berichten. "Ich prahlte meinen Freunden gegenüber auch genug damit und war jederzeit bereit, den Beweis anzutreten. Diese lahmen Burschen steckte ich doch allesamt in die Tasche."

Er tobte sich tüchtig aus, ließ sich keinen Rock entgehen, der ein Abenteuer versprach, und fand am Sex immer größeren Spaß.

Seine Freunde heirateten. Carl lachte sie aus. Er wollte das Leben genießen, und darunter verstand er nur das Eine. Jeden Tag, bei jeder Gelegenheit, mit jeder Frau, die er herumkriegen konnte.

Aber eines Tages erwischte es auch ihn. Er lernte Helma kennen, die zwei Vorzüge besaß: Sie war nicht schlecht im Bett, und ihrem Vater gehörte eine Schnellimbisskette, die enormen Gewinn abwarf. Eine bessere Einheirat konnte er sich kaum wünschen.

"Während der ersten Monate funktionierte alles tadellos", erinnert sich Carl. "Wir verlebten atemberaubende Flitterwochen, und auch danach zeigte ich Helma, dass sie einen richtigen Mann erwischt hatte. Von mir konnte sie eine Menge lernen."

Zu seiner Überraschung fand seine Frau aber nicht lange an den wilden Sexspielen Gefallen. Sie wünschte sich ein Kind, wovon Carl aber nichts wissen wollte. Es hätte ihn in seiner Freiheit zu sehr eingeengt. Er sah doch bei seinen kinderwagenschiebenden Freunden, wohin so ein Fratz führte. In dieser Rolle ließ sich nur noch schwer ein netter Käfer aufreißen.

Die netten Käfer hatten es ihm nach wie vor angetan. Je mehr sich Helma ihm im Bett versagte und immer deutlicheren Widerwillen gegen seine Unersättlichkeit zeigte, umso häufiger suchte er sich die Erfüllung seiner Wünsche in fremden Betten. Möglichkeiten boten sich reichlich, immerhin war er der Juniorchef zahlreicher Schnellrestaurants. Da zierten sich viele Frauen nicht lange.

Als Helma bereits nach einem halben Jahr die Scheidung von ihm verlangte, war dies für ihn ein ziemlicher Schock. Er konnte ihre Gründe gar nicht begreifen. Sie war doch selbst schuld, dass sie sich ihm verweigerte. Das Gesetz war auf seiner Seite, war er überzeugt.

Die Ehe wurde geschieden. Carl kehrte wieder in seinen erlernten Beruf als Werkzeugmacher zurück und merkte erst jetzt richtig, dass er für die Sexdiät einer eintönigen Ehe nicht geschaffen war. Endlich war er wieder frei. Er hatte eine Menge nachzuholen und brauchte keinem dafür Rechenschaft abzulegen.

"Ich fühlte mich wie ein Vogel, der aus einem goldenen Käfig entwichen war, in den man ihn zusammen mit einem einzigen Weibchen gesperrt hatte. Mein Verlangen nach Abwechslung war unbeschreiblich groß."

Das hielt er für durchaus normal. Er vertrat die Ansicht, dass ein gesunder Mann seinen Geschlechtstrieb ausleben müsse.

Aber Carl war nicht gesund. Seine Gier nach erotischen Erlebnissen wuchs. Bald konnte er sich mit keiner Frau mehr unbefangen unterhalten. Seine Gedanken kreisten um die Frage, wie sie wohl im Bett war.

Meistens ruhte er nicht eher, bis er es herausgefunden hatte. Kaum eine Verkäuferin war vor seinen Nachstellungen sicher. Im Betrieb, in dem er arbeitete, machte er sich an Sekretärinnen und technische Zeichnerinnen heran. Und selbst in seinem Bekanntenkreis scheute er nicht davor zurück, seine Finger nach verbotenen Früchten auszustrecken.

Er hatte längst nicht immer Erfolg, doch jede Abfuhr reizte ihn nur noch mehr. Es konnte durchaus passieren, dass er dann aus Wut damit drohte, peinliche Enthüllungen über sein Opfer zu verbreiten, falls es sich weiter zickig anstellte.

Das wirkte oft, und er gelangte ans ersehnte Ziel. Einige Frauen ließen sich allerdings nicht ins Bockshorn jagen und teilten sich einer Vertrauensperson mit. Dann gab es für Carl Ärger. Auf diese Weise verlor er nicht nur viele Freunde, sondern auch seinen Arbeitsplatz, was ihn aber nicht sonderlich aufregte, denn er kannte genügend Frauen, die bereit waren, für ein aufregendes Abenteuer zu zahlen. Damit konnte er sich über Wasser halten.

"Die Sache hatte einen Haken", gesteht Carl. "Diese Frauen befanden sich meistens nicht mehr in der Blüte ihrer Jahre. Ich jedoch war scharf auf immer jüngere, knackigere Kost. Manchmal träumte ich nächtelang von unschuldigen Mädchen, die ich der Reihe nach in die Kunst der Liebe einweihen wollte."

An Minderjährige wagte er sich zum Glück nicht heran. Aber er lauerte immer häufiger des Nachts vor Discotheken, wusste er doch, dass so manches Mädchen froh war, in einem schicken Wagen nach Hause gebracht zu werden.

Unterwegs versuchte er regelmäßig, intim zu werden. "Wenn so ein junges Ding neben mir saß, wenn ich die prallen Schenkel sah und ahnen konnte, wie fest noch ihre Brüste waren, gab es für mich kein Halten mehr. Ich musste sie haben."

Wenn es mit der zärtlichen Tour nicht klappte, scheute er sich nicht, auch einmal Gewalt anzuwenden. „Ich muss unheimlich gut gewesen sein", sagt er prahlerisch, "denn erst die vierte Vergewaltigung führte zu einer Anzeige. Dabei war ich mir sicher, dass es dem kleinen Luder auch Spaß machte."

Es gelang Carl, das Gericht davon zu überzeugen, von seinem Opfer halb verführt worden zu sein. Seine Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Zum ersten Mal machte er sich über seine Veranlagung Gedanken. Er war doch normal? Was konnte er denn dafür, dass er mehr Sex brauchte als andere Männer seines Alters?

Immerhin sah er ein, dass er die Schwelle zur Kriminalität bereits überschritten hatte. So durfte es nicht weitergehen, sollte es nicht ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.

Mit den besten Vorsätzen ausgestattet, suchte er Ablenkung in einer neuen Tätigkeit. Bezeichnenderweise entschied er sich ausgerechnet für den Beruf eines Handelsreisenden. Hierbei lernte er viele Frauen kennen und begehren.

Eines Tages öffnete ihm ein 14-jähriges Mädchen. Es war allein daheim und seiner Redegewandtheit nicht gewachsen. Kaum befand er sich in der Wohnung, als er die Kleine einschüchterte und im nächsten Moment auch schon seine Hand unter ihrem Rock verschwinden ließ.

"Zwei fassungslose Augen starrten mich an. Sie begann zu weinen. Da wurde mir bewusst, dass ich unweigerlich ins Gefängnis wanderte, falls sie nicht den Mund hielt. Mir wurde richtig übel. Ich ekelte mich vor mir selbst."

Er drückte ihr einen Hunderter in die Hand und beschwor sie, über den Vorfall zu schweigen. Dann verließ er Hals über Kopf die Wohnung und die Stadt.

Carl gab diesen Job auf und betrank sich eine Woche lang. Wieder nüchtern, fasste er den Entschluss, sich kastrieren zu lassen. Sein Sexhunger brachte ihn sonst in Teufels Küche.

Auf dem Weg zu einem Arzt, von dem er sich beraten lassen wollte, begegnete ihm eine junge Frau mit zwei schweren Koffern. Sie nahm seine Hilfe erfreut an und zeigte sich anschließend, wenn auch nach anfänglichem Sträuben, auf erregende Weise erkenntlich.

Momentan ist für Carl ein chirurgischer Eingriff kein Thema mehr. Soll er auf das einzige Vergnügen verzichten, das ihm wirklich etwas bedeutet? Er muss sich eben besser unter Kontrolle bekommen. Ob er es schafft?

 

 

 

Meine Mutter zerstört mit ihrer Putzwut auch noch meine Ehe

"Es war eine helle Mondnacht. Die paar Minuten vom Jugendzentrum bis nach Hause lief ich zu Fuß. Um den um diese Zeit unheimlichen Stadtpark machte ich aber vorsichtshalber einen Bogen. Dort trieb sich allerlei Gesindel herum.

Wenige hundert Meter vor unserem Haus wurde ich plötzlich aus dem Dunkel einer Toreinfahrt heraus zur Seite gerissen. Ich roch säuerlichen Schnaps und spürte widerliche Lippen auf meinem Hals. Eine Hand presste sich auf meinen Mund, eine zweite zerriss meinen Slip. Dann geschah es.

Ich werde diese schrecklichen Minuten nie vergessen. Der Kerl war brutal, und hinterher blutete ich stark. Ich taumelte nach Hause. Meine Eltern waren im Theater. Als sie eine Stunde später heimkamen, kauerte ich noch immer unter der Dusche und versuchte, mich von dem entsetzlichen Schmutz reinzuwaschen."

Rebecca, damals gerade vierzehn, wurde das Gefühl der Unsauberkeit nicht mehr los. Als sie merkte, dass sie schwanger war, kam ein Abbruch für sie nicht in Betracht. Er hätte nach ihrem Gefühl neue Beschmutzung bedeutet. Also brachte sie Michaela zur Welt, die an allem keine Schuld trug.

Dass ihre früher eher nachlässige Tochter plötzlich zur gewissenhaften Ordnung neigte, sah ihre Mutter als einen Reifeprozess an. Rebecca trug jetzt Verantwortung für ihr Baby. Da legte sie eben einstige Schwächen ab.

"Nein, dass ich mehrmals am Tag badete und mir selbst nach jedem Naseputzen die Hände wusch, hatte bei mir nichts mit dem Erwachsenwerden zu tun. Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und spürte den widerlichen Geruch des Betrunkenen. Dann trieb es mich aus dem Bett unter die Dusche. Ich schrubbte meinen Körper mit einer harten Bürste und hatte hinterher doch nicht das Gefühl, endlich sauber zu sein."

Auch ihr Zimmer, in dem es vor der Vergewaltigung meistens wie nach einer Schlacht ausgesehen hatte, brachte Rebecca nun täglich auf Hochglanz. Sobald das Baby versorgt war, begann sie, den Fußboden zu wischen, die Fenster zu putzen oder die Vorhänge zu wechseln, die erst eine Woche hingen.

In der Nachbarschaft wusste man über ihr Schicksal Bescheid. Der Täter, ein beschäftigungsloser Tagedieb ohne festen Wohnsitz, hatte noch in derselben Nacht mit seiner 'Eroberung' geprahlt, bevor man ihn festnahm. Man brachte ihr Mitleid entgegen.

Doch bei Alfred Schäfer war es mehr. Er hatte auf Rebecca schon längst ein Auge geworfen. Nach Beendigung seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bat er sie, ihn zu heiraten. Er wollte der kleinen Michaela ein guter Vater sein.

"Alfred war für mich das genaue Gegenteil von diesem Schuft. Er übte einen sauberen Beruf aus, kleidete sich gepflegt und besaß ausgezeichnete Manieren. An seiner Seite würde ich die Vergangenheit bewältigen."

Sie war entschlossen, ihrem Mann eine perfekte Ehefrau zu sein. Er sollte seinen Entschluss nicht bereuen. Vor allem wollte sie ihm ein gemütliches Heim schaffen, auf das er sich nach der Arbeit freute.

Sie zogen in eine hübsche Neubauwohnung, in der es noch nach Farbe und frischem Holz roch. Rebecca konnte diesen Geruch nicht ertragen. Von früh bis spät putzte sie, bis alles nach Salmiak duftete.

"Das gefiel Alfred nicht. Deshalb informierte ich mich über die neuesten wohlriechenden Scheuermittel. Schon bald konnte ich ihn mit Tannenduft oder dem Geruch von Frühlingsblumen erfreuen."

Alfred zeigte sich keineswegs erfreut. Ihm ging es gegen den Strich, dass er schon auf der Treppe seine Schuhe ausziehen musste und Rebecca selbst dann noch hinter ihm her wischte, wenn er Pantoffeln trug. Ihr zu Liebe verzichtete er auf die gelegentliche Zigarette, denn Tabakrauch bereitete ihr körperliches Unbehagen. Vor allem aber wischte sie ständig angeblich herumfliegende Asche fort.

Größten Wert legte sie auf die Auswahl ihrer Seifen und Shampoos. Ihr Badezimmerschrank glich einer Drogerie, und wenn Alfred nicht nach der Arbeit sofort duschte, bevor er die kleine Michaela begrüßte, zog sie unwillig ihre Augenbrauen zusammen.

"Ich dachte daran, wie viele Bazillen er von der Straße hereinbrachte. So etwas ist doch für ein kleines Kind gefährlich."

Ihre Tochter wurde zwar von den üblichen Kinderkrankheiten nicht verschont, ernstliche Leiden blieben ihr aber erspart. Rebecca schrieb dies ihrer gewissenhaften Reinlichkeit zu und konnte gar nicht begreifen, dass Alfred immer griesgrämiger dreinschaute, wenn er über Putzkübel stolperte oder auf frisch gewachsten Fußböden ausglitt. Er sollte doch froh ein, dass sie für Gemütlichkeit sorgte.

Unter Gemütlichkeit verstand Alfred etwas anderes. Er fühlte sich in seiner Wohnung, in der bereits die Zeitung vom Vortag Anstoß erregte, nicht wohl. Immer häufiger zog es ihn in eine Kneipe, in der nicht ständig der Boden seines Bierglases mit einem Tuch trockenpoliert wurde.

"Eines Abends kam er überhaupt nicht nach Hause. Am Morgen stank er nach einem ordinären Parfüm. Ich ruhte nicht eher, als bis ich wusste, bei wem er die Nacht verbrachte. Es handelte sich um die Wirtin einer Stammkneipe. Ich möchte wissen, was er an der fand. Wenn ich nur an ihre fleckige Schürze denke, wird mir schlecht."

Damit Alfred bewusst wurde, mit welcher Schlampe er sich einließ, putzte Rebecca nur noch verbissener und freute sich, wenn die Nachbarn ihre blitzenden Fenster lobten.

Verständlicherweise konnte sich Rebecca für den Geschlechtsverkehr nicht sonderlich begeistern. So war es kein Wunder, dass ihre Ehe bald nur noch auf dem Papier bestand.

Michaela wuchs heran. Von Anfang an zur bedingungslosen Reinlichkeit erzogen, wagte sie lange nicht, ihren Eltern ihren Freund vorzustellen, der auf dem Bau als Maurer arbeitete.

"Ich gebe zu, dass ihre Wahl für mich ein Schock war. Hätte sie sich nicht einen Ingenieur oder Lehrer suchen können? Maurer sind doch ständig schmutzig."

Michaela wollte keinen Akademiker, sondern ihren Tobias. Kaum war sie volljährig, heiratete sie ihn. Ihre Mutter konnte sie nicht überzeugen, dass sie für eine Ehe noch viel zu jung sei. Sie war froh, dem klinisch reinen Elternhaus entronnen zu sein, in dem man schon beim Niesen ein schlechtes Gewissen bekam.

Rebecca sah eine Katastrophe voraus. Ihre Michaela war doch noch keinem eigenen Haushalt mit all seinen Pflichten gewachsen. Dort würde es bald drüber und runter zugehen, wenn sie ihrer Tochter nicht ein wenig half.

"Für mich war es selbstverständlich, dass ich zweimal in der Woche ihre Wohnung auf Vordermann brachte. Ich hatte es geahnt. Vom Fußboden konnte man bei Michaela wirklich nicht essen."

Ihr Schwiegersohn sah nicht lange zu, wie sie das Zepter in seinem Haushalt übernahm. Er erklärte ihr, dass er an Michaela nichts auszusetzen habe. Sie möge doch ihren Reinlichkeitsfimmel gefälligst auf ihre eigene Wohnung beschränken.

Rebecca dachte gar nicht daran. Was verstand denn ein Mann von diesen Dingen, dazu noch einer, der den ganzen Tag im Dreck herumstieg? Michaela, die schwanger war, brauchte jetzt ihre Hilfe. Sollte das Baby etwa gleich an einer Hausstauballergie erkranken? Also putzte sie heimlich, wenn Michaela zur Schwangerschaftsgymnastik ging.

Als sie eines Tages bei ihren Aufräumarbeiten ein paar muffig riechende Papiere in die Mülltonne stopfte, platzte Tobias endgültig der Kragen. Diese alten Dokumente hatte er beim Ausbaggern eines Kellers entdeckt. Jetzt waren sie vernichtet. Er verbot seiner Schwiegermutter das Haus.

"Ich hatte ihn also von Anfang an richtig eingeschätzt. Musste meine Tochter ausgerechnet an einen Menschen geraten, der sich nur im Schmutz wohlfühlt?"

Wohl oder übel musste sie sich nun mit guten Ratschlägen für Michaela begnügen. Am härtesten aber traf es sie, dass Tobias auch nach der Geburt seines Sohnes das Hausverbot aufrecht erhielt.

"Männer können so stur ein. Sie machen alles kaputt. Zum Glück bringt Michaela den kleinen Peter manchmal zu mir. Er ist ja so goldig. Hoffentlich bleibt er gesund! An mir soll es nicht liegen. Wenn ich ihn bei mir habe, kommt er erst einmal in die Wanne. Kinder kann man gar nicht früh genug an Sauberkeit gewöhnen."

Rebecca merkt nicht, dass sie selbst krank ist. Ohne das Staubtuch in der Hand kann sie nicht mehr leben. Es ist zur Sucht geworden, unter der sie und ihre Mitmenschen leiden müssen.

 

 

 

Ich kann an keinem Sonderangebot vorbeigehen

"Donnerstag ist für mich der wichtigste Tag in der Woche. Da inserieren die Supermärkte ihre Sonderangebote in der Zeitung. Wenn man diese konsequent nutzt, kann man eine Menge Wirtschaftsgeld sparen und sich dafür ein paar hübsche andere Dinge leisten."

Aus diesen Worten spricht nicht etwa eine erfahrene Hausfrau, die mit dem Cent zu rechnen versteht. Im Gegenteil. Liane wirft Monat für Monat ihr Geld mit vollen Händen hinaus, denn das Kaufen ist ihre große Leidenschaft.

Sie kann sich nicht genau erinnern, wann es begann. „Wahrscheinlich schon in meiner Kindheit. Damals ging es bei uns daheim finanziell knapp her. Während andere Kinder neue Sachen bekamen, musste ich in der Regel die alten Kleider meiner älteren Schwester auftragen. Manchmal sogar die Pullover meines Bruders. Ich weiß noch, wie sehr ich mich schämte."

Damals wurde in ihr die Zwangsvorstellung geboren, sich das eine oder andere nicht leisten zu können. Das aber wollte sie auf keinen Fall zugeben. Nicht vor anderen Leuten, schon gar nicht vor den Verkäuferinnen.

Deshalb machte sie es sich mit zunehmendem Alter zur Gewohnheit, kein Geschäft zu verlassen, ohne wenigstens eine Kleinigkeit gekauft zu haben.

Ihre finanzielle Situation besserte sich, als sie heiratete, wenn sie auch nicht gerade in einen Goldtopf fiel. Aber immerhin verdiente ihr Berthold als Werkmeister ordentlich.

In kurzen Abständen vervollständigten zwei Kinder ihre Familie. Liane schwor sich, dass es den beiden einmal besser gehen sollte als ihr in ihrer Jugend, wusste sie doch nur zu gut, wie sehr sich ein Kind über kleine Mitbringsel freut.

Es mussten ja keine teuren Geschenke sein. Mal ein kleines Plüschtier oder ein neues Kleid für die Anziehpuppe. Sie hatte ein paar Läden ausfindig gemacht, in denen alles billiger war als in dem großen Kaufhaus. Es lohnte sich, dort zu kaufen. Bald gab es bei den Schindels massenhaft Plüschtiere.

Aus ihrer Kleidung wuchsen Silvia und Monika schnell heraus. Für ihre Mutter war dies ein willkommener Anlass, für Nachschub zu sorgen. Schnell stapelten sich die Blusen und Strumpfhosen im Schrank. Manches kaufte sie viel zu klein. Da es aber hübsch war, konnte sie einfach nicht widerstehen.

Zweimal im Jahr wurde in der Stadt ein Flohmarkt veranstaltet. Dann lief Liane zur Höchstform auf. Himmel, konnte man dort günstig einkaufen! Fast neue Bücher, kaum gespielte Schallplatten, und einmal erbeutete sie sogar einen Zimmerspringbrunnen für nur 20 Euro.

Für den Brunnen fand sich in der Wohnung zwar kein Platz, aber Liane freute sich, weil sie ihn einer anderen Interessentin vor der Nase weggeschnappt hatte.

Ihr Mann lächelte anfangs über ihre Marotte. Als eines Tages eine komplette Stereoanlage geliefert wurde, lächelte er nicht mehr. Er wollte die Annahme verweigern, doch seine Frau hatte den Kaufvertrag unterschrieben und auch bereits eine Anzahlung geleistet.

"Es ist ein super günstiges Auslaufmodell", verteidigte sie sich.

"Aber wir brauchen es nicht", wurde Berthold heftig. "Unser Radio ist noch kein Jahr alt."

Liane erinnerte an die vielen CDs, die sie in letzter Zeit gekauft hatte und die sie sich mangels eines CD-Players noch gar nicht hatte anhören können.

Berthold bat sie, in Zukunft derartige Anschaffungen vorher mit ihm abzusprechen. Ein größerer Kühlschrank wäre im Augenblick doch wirklich wichtiger gewesen.

Dankbar nahm Liane dieses Stichwort auf. Eine Woche später kaufte sie eine riesige Kühl-Gefrier-Kombination und hatte nun die Möglichkeit, auch Lebensmittel in größeren Mengen zu beschaffen.

"Berthold wollte einfach nicht einsehen, dass es sich lohnt, 10 Kilo Schweinelende im Angebot zu kaufen. Wozu hatten wir denn den teuren Gefrierschrank? Die Grubers nebenan besaßen einen viel kleineren."

Durch diese Bemerkung wird Lianes Bedürfnis deutlich, nicht vorhandenen Wohlstand zu demonstrieren. Dies tat sie bei jeder Gelegenheit. Wenn sie mit Einkaufstüten bepackt ein Geschäft verließ, fühlte sie sich stolz und glücklich, selbst wenn sich in den Tüten nur das komplette Zeitschriftenangebot der laufenden Woche befand.

Zum Lesen kam sie kaum. Sie stapelte die Zeitschriften in jeder verfügbaren Ecke, die nicht bereits durch spottbillige Suppenteller oder einen Posten feinster Zigarren belegt war.

"Bei uns raucht niemand", ärgerte sich ihr Mann. "Der Kram nimmt nur Platz weg und kostet eine Menge Geld."

Für ihn war Lianes Leidenschaft völlig unbegreiflich. Wenn sie ihn mit der Anschaffung eines neuen Schlafzimmers überraschte, zweifelte er an ihrem Verstand. Längst reichte das Geld, das er verdiente, für ihre Einkäufe nicht mehr aus. Sie machte Schulden, die aber schließlich auch getilgt werden mussten.

"Nun ja", gibt Liane zu, „das Schlafzimmer wäre wirklich nicht nötig gewesen. Es wurde ja auch wieder abgeholt, weil wir mit den Raten in Rückstand gerieten."

Das war ihr furchtbar peinlich. Um keinen falschen Eindruck über ihre finanziellen Möglichkeiten entstehen zu lassen, kaufte sie schon am nächsten Tag ihren Kindern zwei Fahrräder, obwohl die alten erst vom Vorjahr stammten.

Häufig hing der Haussegen bei den Schindels schief. Berthold war gezwungen, immer mehr Überstunden zu machen, um das nötige Geld heranzuschaffen. Da dies aber nicht reichte, nahm auch Liane einen Halbtagsjob an. Mit eigenem Geld war sie ein ganz anderer Mensch. Sie brauchte keinem Rechenschaft abzulegen, wenn sie einen Vorrat an Schokolade anlegte. Es wurde doch gemunkelt, dass die Kakaoernte in Südamerika miserabel ausgefallen war.

Vorwände für ihre meist sinnlosen Hamstereinkäufe fand Liane immer. Als sie jedoch für ihre zu erwartenden Enkel ein Lager an Babywäsche anlegte, obwohl Silvia und Monika erst die halbe Schulzeit hinter sich hatten, schlug Berthold mit der Faust auf den Tisch.

"Er ließ doch tatsächlich eine Anzeige in die Zeitung setzen, in der er mitteilte, dass er ab sofort für meine Schulden nicht mehr aufkäme."

Liane war schwer gekränkt. Wie konnte er sie derart bloßstellen. Zum Glück verfügte sie ja über ein eigenes Einkommen. Die preisgünstigen Angebote im Ausverkauf ließ sie sich jedenfalls nicht entgehen.

Als Berthold einsah, dass Lianes Kaufsucht eher schlimmer wurde, griff er zum äußersten Mittel und drohte mit der Scheidung.

Details

Seiten
91
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937145
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520146
Schlagworte
stadt angst staffner

Autor

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Titel: Die große, fremde Stadt macht mir Angst - Dr. Staffner packt aus