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Der Baron #5: Tot bist du bares Gold

2020 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #5: Tot bist du bares Gold

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #5: Tot bist du bares Gold

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich ist es ein zufälliges Zusammentreffen in Veracruz zwischen Baron Strehlitz und dem Secret-Service-Agenten Eric Thorpsen. Der Agent hat offenbar überstürzt geheiratet. Doch nur einen Tag später ist Thorpsen tot, und seine frisch angetraute Gattin scheint etwas damit zu tun zu haben. Der Baron forscht nach und kommt einer ganzen Bande von Verbrechern auf die Spur.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 3 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

 

1

Der Baron schnippte den Zigarrenstummel zielsicher in die Schlitze eines Gullys und ließ kein Auge von der Erscheinung, die sich da vor ihm auftat.

Sie kamen als Paar aus dem Standesamt. Und obgleich sie von hinreißender Schönheit war, blond, schlank, kurvenreich in diesem eng anliegenden Taftkleid, der Baron sah ihn zuerst. Weil er dieses Gesicht und diese Figur unter Tausenden herausgefunden hätte. Diesen Bär von Mann, weißblond, scharf geschnittenes Gesicht, der Champion von Londons Wasserskiläufern, ein Ass beim Secret Service. Aber hier war nicht London, nicht Old Merry England. Das hier war Vera Cruz in Mexiko!

Was tut Eric Thorpsen in Vera Cruz? Dazu mit dieser Fee am Arm? Drei Milliarden Menschen gab es fast auf dieser Erde, und selbst mit einem Jet-Liner brauchte man Monate, um überall in jeder Stadt einmal gewesen zu sein, die wenigstens einen Flughafen hatte. Aber er traf Thorpsen hier in Vera Cruz vor einem Standesamt, und das alles absolut zufällig.

Es waren nur zwei Menschen da, die Thorpsen und seine Braut begleiteten.

Ein geschniegelter Mann mit stattlichem Pomadeaufwand und eine nicht mehr taufrische, bereits sichtlich in die Breite wachsende Brünette mit kitschig auffälligen Ohrringen, mit denen sie aussah wie eine Zigeunerin vom Flohmarkt.

Der Baron wollte sich schon im Gedränge der Menschen verkrümeln, die auf dem Fußweg auf der anderen Seite der Auffahrt vorüberhasteten, schließlich war es gerade Hauptgeschäftszeit, da hatte ihn Thorpsen entdeckt und blökte über das Taxi hinweg, das gerade vorfuhr: „Hallo, Baron! Träume ich, oder sind Sie’s wirklich?“

Mein Gott, dachte der Baron, was du da sagst, habe ich ja auch gerade überlegt.

„Hallo, Mr. Thorpsen!“, rief der Baron zurück, musste nun die Auffahrt vor dem Standesamt überqueren und ging auf das Paar zu. Thorpsen strahlte ihn an wie eine Zahnpasta-Reklame. Er war ein sogenannter gutaussehender Mann. Dazu hatte er als fanatischer Junggeselle gegolten; ihn einzufangen musste ein Kraftakt gewesen sein.

Thorpsen machte bekannt. Das blonde Glück, dem es gelungen war, einen Mann wie Thorpsen an die Leine zu legen, hieß Annabella. Sie sprach mit starkem mexikanisch-spanischem Akzent, aber sie hatte leuchtend blaue Augen und echte blonde Haare. Thorpsen erwähnte, während er bekannt machte, dass sie ein „Kind des schönen Mexiko“ sei.

Die beiden anderen, die dralle Ohrringtante und der geölte Altherren-Papagallo wurden als Julie Macintosh und Romero Zarek vorgestellt. Zarek war nicht Mexikaner, wie der Baron vermutet hatte, sondern Rumäne, und Mrs. Macintosh war nicht etwa eine Bordellbesitzerin aus Vera Cruz, sondern stammte angeblich aus Richmond/Virginia.

Annabella hatte eine dunkle, verführerische Stimme und einen Händedruck, der genug Impulse ausströmte, um einen senilen, impotenten Urgroßvater zum Sexprotz werden zu lassen. Auf ohnehin recht lebhaft veranlagte Menschen winkte das ausgesprochen aufreizend genug, die weitere Unterhaltung in einem Bett zu vollziehen.

Immerhin, gute Erziehung und Selbstkontrolle zwangen zur Beherrschung. Annabella hingegen machte den Eindruck einer mannstollen Nymphomanin, denn während Thorpsen angesichts des nervös auf der Lippe kauenden Zarek und des stoisch wartenden Taxifahrers umständlich erläuterte, wieso er hier ausgerechnet in Vera Cruz sei und noch ausgerechneter hier heiratete, verzehrte Annabella den Baron mit Blicken, gegen die ein glühender Lavastrom reinstes Eis sein musste. In ihrem Blick war auch so etwas Röntgenhaftes, und gleichzeitig glich sie so, wie sie war, einem Kelch voll süßer Sünde, aus dem einen kräftigen Schluck zu tun es jeden normal gearteten Manne gelüsten musste.

Kurzum, sie war einen Fußmarsch durch die Gila-Wüste wert, daran biss die Maus keinen Faden ab. Vielleicht hatte sie das Hirn einer Grasmücke und redete pausenlos Blödsinn wie viele dieser traumhaft schönen Sexautomaten. Aber im Bett war sie bestimmt Spitze.

Verblüffend nur, sagte sich der Baron, dass Thorpsen sie deshalb gleich heiratete und damit die Kuh gekauft hatte, nur um einen Liter Milch zu trinken.

Der geölte Zarek erinnerte mit einem Blick auf seine gewaltige Armbanduhr, dass es höchste Zeit sei, das Essen, im „El Ambassador“ wartete bereits. Die Frau, die aussah wie eine Puffmutter, klimperte mit einer Unzahl gewichtiger Messingreifen an ihrem rechten Arm, ließ die Affenschaukeln von Ohrringen tanzen, und klappte die Jalousie ihrer angeklebten Wimpern gen Himmel, hauchte mit Gießkannenorgan etwas von charmanter Begegnung, und Annabella blitzte ein letztes Mal signalisierend mit den Augen den Baron an, dann huschte sie ins Taxi. Dass ihr knapp bemessener Rock dabei auch noch den Rest dessen entblößte, was er eigentlich verhüllen sollte, konnte Zufall sein.

Thorpsen, ganz im Bann dieses Anblicks, schluckte und gab dumpfe Laute von sich wie ein brünstiger Bulle. Dann nickte er hastig dem Baron zu und krabbelte mit einer Vehemenz ins Taxi, dass der Baron keinerlei Psychologie bemühen musste, um sich vorstellen zu können, welcher Art die Gedanken waren,

Dann schnurrten sie davon, und der Baron bemerkte noch, wie sich die blonde Sexbombe umsah und strahlend durchs Rückfenster blickte. Dann waren Auto und Hochzeitspaar um die nächste Ecke verschwunden.

Die Begegnung hätte damit vielleicht endgültig der Vergangenheit angehört. Der Baron dachte auch schon nicht mehr daran, als er eine halbe Stunde später mit einem Kameramann des mexikanischen Fernsehens sprach und mit ihm wegen eines Auftrags verhandelte.

Doch er sollte Thorpsen ebenso wiedersehen wie diese appetitliche Nymphomanin. Und wie er sie wiedersehen sollte, sogar schon bald.

 

 

2

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, saß im „Estrella“ bei Rotwein, Frommage bleu, Weißbrot und Oliven. Als der Baron an seinen Tisch trat, schob Le Beau die nach Jasmin duftende kesse Juanita – oder wie sonst sie heißen mochte – vom Schoss und sagte väterlich: „Wir sehen uns in einer halben Stunde an der Bar, Kleines. Bis dann!“ Sie machte ein Schmollmündchen und ging trippelnd von dannen. Le Beau, noch von einer Auseinandersetzung gezeichnet, grinste mit schiefem Belmondo-Lächeln der Baron an. „Na, Häuptling?“

„Du siehst aus, als hättest du ein Nashorn gestoppt.“

„Hatte Ähnlichkeit damit. Ein Idiot, der behauptet hat, ich spielte falsch. Jetzt hat er Bettruhe bekommen. – Du machst ein ernstes Gesicht, Alexander. Was liegt an?“

„Hat sich Robert gemeldet?“

„Ja, vor einer Stunde. Das Geld liegt in Paris bereit. Robert meint, der Vorschuss reicht für die Dreharbeiten. O.R. T. F. steigt voll ein.“

„Was ist mit James?“

„Robert sagte, dass sie ihm die Mandeln herausnehmen müssen. James, dieses Riesenbaby, gebärdet sich einmalig. Er will nicht. Hat Angst.“

„Ja, das gibt es. Ein Kerl wie ein Baum, der keine Miene verzieht, wenn ihm ein Finger abgequetscht wird, wie damals auf der Fahrt mit der Schaluppe – und beim Zahnziehen oder Mandel rausnehmen hat er Angst. – Sonst noch etwas?“

„Nein. – Ich glaube, ich muss mich um die Kleine kümmern.“

Der Baron lächelte. „Da fällt mir was ein. Erinnerst du dich an Thorpsen?“

„Der Knilch vom Secret Service?“

„Stimmt. Den habe ich getroffen. Vorm Standesamt mit einem Superzahn. Hat geheiratet, hier in Vera Cruz.“

„Hier in … Braucht der einen Medizinmann?“, fragte Le Beau. Seine etwas angeschwollene, leicht bläuliche rechte Wange spannte sich wie ein Ballon, als er das Gesicht verzog.

„Na ja, lass ihn mal.“

„Ist der Zahn wenigstens was wert?“

„Sieht gut aus. Eigentlich ein Typ mit Telefonnummer. Warum er sie gleich geheiratet hat?“

„Vielleicht will er sie für sich allein haben oder bei ihr abkassieren. Edelstrich?“

„Ich weiß nicht so recht. Sieht eher wie ein Lockvogel aus. Aber er hat sie geheiratet. Na ja, vergessen wir’s. Jeder, was ihm schmeckt.“

„Du wirst wählerisch, Alterchen!“

„Sag nicht Alterchen zu mir!“, knurrte der Baron.

„Du bist über vierzig! Vorsicht vor Leuten über vierzig!“, hetzte Le Beau.

„Und du bist nicht mal dreißig. Vorsicht vor grünen Bengels wie dir!“ meinte der Baron spöttisch.

„Hör auf! – He, Bedienung! Zwei Magenbitter! Ja, Magenbitter! Doppelte! – Ich glaube, Alexander, die brauchen wir. Ich muss dann an die Bar.“

„Morgen früh Punkt sechs zum Flughafen.“

„Warum sagst du früh? Sag doch einfach, heute Nacht Punkt sechs, oder glaubst du, ich liefe um sechs zu nachtschlafender Zeit freiwillig in der Weltgeschichte herum? Sieh dir diese Kleine dort an, wie sie an der Bar sitzt. Die ist mir gut für ein paar schöne Stunden, Häuptling. Und du willst mich nicht einmal schlafen lassen. Muss das sein?“

„Ja, es muss. Wir müssen zur Hauptstadt, und übermorgen geht es nach Europa. Bis die Filmerei anfängt, haben wir gut drei Monate Zeit. – Viel Spaß mit dem Käfer!“

„Und du?“

„Ich hatte Pablo Satanter versprochen, seine neue Maschine zu fliegen. Er platzt vor Stolz. Mit dieser Twin macht das auch Spaß “

„Na, dann. Vergnüg‘ dich mal mit einem Flugzeug. Mir ist im Moment die Kleine dort lieber.“

Sie trennten sich, und der Baron ahnte nicht, dass sein Plan, mit Satanters neuem Flugzeug zu fliegen, nie in Erfüllung gehen würde, nicht in den nächsten Monaten, erst recht nicht an diesem Tage.

Draußen hatte der Verkehr etwas nachgelassen. Es war Mittagszeit. Wer nicht auf die glühend heiße Straße musste, blieb im Schatten. Der Baron schnippte sich einen dunklen Fussel vom weißen Anzug und sah sich nach einem Taxi um. Es kam keines. So ging er ein Stück übers Trottoir, blieb an der Ecke der General-Lopez-Avenida stehen, um abermals nach einem Taxi zu spähen, das vielleicht vorbeikäme.

Stattdessen kam jemand anderer. Es war die Dame im Puffmutter-Look, diese gewisse Mrs. Julie Macintosh, die Trauzeugin gespielt hatte. Sie kam in einem offenen Zweisitzer, einem dieser kleinen Japaner; der Wagen war giftgrün, machte Lärm wie ein Moped und bog bei Rot um die Kreuzung.

Der Baron blickte noch verblüfft auf die aufgedonnerte Verkehrskatastrophe, als es schon passierte. Ein schwerfälliges Lastendreirad, wie es sie in Mexiko ebenso häufig gibt wie in Italien, konnte dem Zweisitzer, der ja bei Rot um die Ecke schoss, nicht mehr ausweichen. Es gab einen harten Schlag, und der Zweisitzer steckte plötzlich mit der gesamten Motorhaube unter der Pritsche des Dreirades, das er trotz der schweren Schrottladung von der Fahrbahn geliftet hatte.

Die Fahrerin des Zweisitzers war mit dem Kopf gegen die Scheibe geknallt und hing schlaff über dem Lenkrad. Den Dreiradfahrer, einen Mestizen, hatte es aus dem offenen Fahrerhaus katapultiert. Er saß, die Augen weit aufgerissen, aber unversehrt, auf den Pflastersteinen.

War es eben noch so halbwegs ruhig an dieser Kreuzung gewesen, jetzt strömten die Menschen im Nu von allen Seiten herbei: Ein Polizist tauchte auf, dann noch einer.

Der Baron war sofort nach dem Unfall zum Zweisitzer gelaufen, um Erste Hilfe an der Frau zu leisten. Sie hatte eine Platzwunde an der Stirn und befand sich infolge einer offenbaren Gehirnerschütterung in tiefer Bewusstlosigkeit.

Ohne das beabsichtigt zu haben, stieß der Baron die Tasche der Frau vom Nebensitz, auf den die Tasche vermutlich von einem Gepäcknetz im Fond gefallen war. Dabei fiel der gesamte Inhalt heraus.

Ohne sich zunächst darum zu kümmern, hatte der Baron aus den wie Schnee verstreuten Glasscherben eine winzige Bordapotheke herausgefischt und ihr einen Notverband entnommen, den er gerade der Frau anlegte, als der eine Polizist ihn ansprach und fragte: „Sind Sie Arzt? “

„Nein, aber ich leiste die Erste Hilfe.“

„Sind da Personalpapiere drunter?“, fragte der Polizist und deutete auf den Inhalt der Handtasche, der am Boden auf den Glasscherben lag.

Der Baron hob etwas auf, das wie eine amerikanische Fahrlizenz aussah. Da stand als Name aber nicht Julie Macintosh, sondern Mary Hiller. Denselben Namen fand er auf dem US-Pass, den er dem Polizisten reichte. Der schlug auf und las halblaut denselben Namen. Mary Hiller und nicht etwa Julie Macintosh.

„Ist sie noch bewusstlos?“, fragte der Polizist.

„Ja, aber sie wird gleich aufwachen. Sie regt sich schon.“

Der zweite Polizist hatte die Leute zurückgedrängt und rief seinem Kollegen zu: „Explosionsgefahr ist nicht, was?“

Da fand der Baron, unbemerkt von den Polizisten, einen Brief zwischen den Scherben, der wohl ebenfalls in der Handtasche gesteckt hatte. Einer Eingebung folgend steckte der Baron die Seite ein und stand dann auf. „Rufen Sie einen Arzt und den Krankenwagen!“, sagte er zum Polizisten.

Der nickte. „Ist schon geschehen. – Kommt der Ambulanzwagen, Ricardo?“

Der andere Polizist, der ein Sprechfunkgerät auf der Brust hängen hatte, nickte nur.

„Sind Sie Zeuge gewesen?“, wollte der erste Polizist wissen.

Der Baron nannte ihm seinen Namen und das Hotel, in dem er wohnte.

„Ein Kollege wird Sie aufsuchen, Señor“, sagte der Polizist. „Dank für Ihre Hilfe!“ Er deutete auf Mrs. Macintosh alias Hiller, die gerade zu sich fand.

Der Baron überlegte noch, ob er nicht ein paar Minuten länger bleiben sollte, entschied sich aber intuitiv dagegen. Er zwängte sich durch die Menge und war aus dem Sichtfeld der Frau, als diese aufwachte.

Er wollte noch aus der Entfernung zusehen, aber da gewahrte er ein Taxi und beschloss, die Chance zu nutzen und winkte es heran.

 

 

2

Sie befanden sich schon fast am Flughafen, als der Baron dem Taxifahrer zurief: „Halten Sie einen Augenblick!“

Während das Auto stoppte, las der Baron noch einmal die letzten Zeilen dieser Seite aus der Handtasche, die er für einen Brief gehalten hatte. Aber es waren Notizen in englischer Sprache, merkwürdige Notizen allerdings. Und sie waren es, die den Baron veranlassten, sofort und jetzt umzukehren und diese Mrs. Hiller aufzusuchen, die ihm als Mrs. Julie Macintosh von Thorpsen vorgestellt worden war.

„Fahren Sie zum Unfallkrankenhaus an der Viala Carranza!“

Der Fahrer, ein Mulatte, nickte und wendete den Wagen, was hier auf dieser stark befahrenen Chaussee zum Flughafen seine eigenen Probleme hatte. Der Verkehr stadteinwärts war eine einzige Schleicherei, und Baron Strehlitz trommelte nervös mit den Fingern auf den Knien, als sie immer wieder anhalten mussten und bestenfalls nur im Schritttempo fahren konnten.

Endlich aber waren sie am Ziel. Der Baron entlohnte den Fahrer und ging zur Portiersloge, um sich nach der sicherlich eben erst eingelieferten Mrs. Hiller zu erkundigen.

Zehn Minuten später stand der Baron vor einem Bett, in das man Mrs. Hiller gelegt hatte. Ihr linker Arm mit den riesigen Armreifen hing unter der Decke hervor. Der Kopfverband war indessen erneuert worden und erinnerte an die Kopfbänder japanischer Samurai.

Sie war bei Bewusstsein. Aus großen dunklen Augen blickte sie der Baron an, der von einer Schwester ins Zimmer begleitet worden war, nun einen Schritt näher trat, während die Schwester das Zimmer wieder verließ,

„Die Welt ist winzig klein, nicht wahr?“, sagte der Baron und lächelte. Die Frau starrte ihn an, kein Lächeln, kein freudiges Erkennen, nur Angst. Sie schwieg.

„Ich habe einen Zettel gefunden, als ich Sie verbunden habe. Ja, das bin ich gewesen. Eigentlich hatte ich mich stillschweigend davonstehlen wollen. Aber da war eben dieser Zettel …“

Er sah, wie ihre Angst wuchs. Die Augen wurden größer, sie zog die Hände bis unters Kinn, als müsste sie sich vor Schlägen schützen.

„Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Mrs. Hiller oder Macintosh. Vielleicht nennen Sie sich noch anders. Jedenfalls ist mir das schon aufgefallen, dann noch der Zettel. Zufällig kenne ich Mr. Thorpsen, wie Sie wissen. Sie haben auf diesem Zettel alles aufgeschrieben, was irgendwie mit Thorpsen zusammenhängt. Er ist Secret-Service-Agent, wie Sie sehr richtig vermerkt haben. Ist es das, was Sie an ihm interessiert? Soll er an die Leine gelegt werden?“

Er sah sie scharf und zwingend an, aber sie schwieg. Die Angst in ihrem Gesicht stand wie eingemeißelt. Plötzlich drehte sie den Kopf zur Seite und starrte auf die Zimmerwand.

„Wenn Sie nicht Macintosh heißen, dann heißt Thorpsens Frau vielleicht auch nicht Annabella?“

„Lassen Sie Annabella aus dem Spiel!“, sagte sie mit rauer, spröder Stimme. Sie blickte ihn wieder an. Ein ruiniertes Gesicht. Schwer zu sagen, wie alt es sein mochte. Bestimmt jünger, als es aussah. Wieder Angst in diesen Augen.

Wer ist diese Frau wirklich? Was hat sie mit Thorpsen? Warum kümmere ich mich um diese Dinge? Es bringt nichts, es hilft mir nicht weiter, es stiehlt mir nur die Zeit. Pablo wird wild werden, weil ich nicht gekommen bin, sein neues Spielzeug auszuprobieren. Was, zum Teufel, schere ich mich um diese Frau hier?

„Wer … wer sind Sie?“, fragte sie heiser.

Er musste lächeln. „Nehmen wir an, Thorpsen wäre nicht nur ein Bekannter.“

„Sie sind ein Agent?“, fragte sie furchtsam.

„Und wenn es so wäre?“

„Die beiden wollten einen Trauzeugen. Ich … ich habe mich für ihn interessiert. Für Eric Thorpsen, meine ich.“ Es kam glatt über ihre Lippen. Er hatte das Gefühl, ihr war etwas wieder eingefallen, was längst einstudiert wurde.

„Hmm, wo ist denn Thorpsen jetzt?“

„Wo soll er sein? In seinem Hotel vielleicht. Oder auf der Yacht, die beide gemietet haben, um den Honigmond zu verbringen.“

„Welche Yacht?“

„Keine Ahnung. Es war nur davon die Rede.“

„Dieser Zarek, wo finde ich den?“

Die Angst wich. Ihre Augen blickten munterer, zuversichtlicher. Er spürte, dass er den Druck mit dieser Frage von ihr genommen hatte. Fast lässig erwiderte sie: „Romero ist vor einer halben Stunde nach Mexiko-Stadt geflogen.“

Der Baron entsann sich, dass tatsächlich um diese Zeit eine Maschine nach dort abflog.

Trotzdem, sie lügt, oder sie sagt nur Teile der Wahrheit, dachte er. Was steckt dahinter? Ich müsste mit Thorpsen reden. Etwas stimmt hier nicht. Ja, sie muss mir sagen, wo Thorpsen steckt. Sie weiß es.

„Sie haben keine Ahnung, wo Thorpsen ist?“

„Nicht die Geringste“, behauptete sie und zeigte ihre ganze Abneigung gegen ihn im Blick. Nein, Angst hatte sie jetzt nicht mehr.

„Wirklich keine Ahnung? Mein Gott, gehen Sie großzügig mit Ihrer Gesundheit um!“

Jetzt kann die Angst wieder. Die Augen wurden größer, ebenso die Pupillen. Ja, das war unter die Haut gegangen. Der Baron lächelte.

„Wenn man aussieht wie Sie, Verehrteste, muss man entweder sehr klug sein oder viele gute Freunde haben. Ich bezweifle, dass Sie das eine oder das andere vorweisen können. Denn die Tage Ihrer äußeren Reize sind Teil der älteren Geschichte, meine Liebe. Damit ist also kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Da hat es Annabella besser, nicht wahr? Jung, hübsch, reizend … Also machen Sie jetzt keine Zicken. Wo steckt Thorpsen?“

„Auf der Yacht, vermute ich.“

„In Ordnung. Wie heißt das schöne Gefährt?“

„Red River. Ein Amerikaner vermietet sie.“

„Gut, sonst noch etwas? Wer ist außer Thorpsen auf dem Schiff?“

„Nur er und Annabella.“ Sie sah ihn verängstigt an. „Tun Sie ihr nichts!“

„Warum sollte ich?“

„Gehen Sie. Ich bin müde!“, sagte sie.

Baron Strehlitz lächelte kühl. „Ja, denken strengt an. Ich komme wieder, meine Beste! Ich komme wieder, wenn Sie gelogen haben. Und dann beginnt der große Ärger. Haben Sie noch etwas auf Ihrem großen Mutterherzen?“

„Nein. Scheren Sie sich zum Teufel!“

„Wir werden sehen, ob es der Teufel ist …“

 

 

3

Ihre Haut schimmerte wie olivfarbener Samt. Das Weiß ihrer perlengleichen Zähne leuchtete in der Dämmerung des Zimmers, und ihr schwarzes Haar lag aufgelöst in langen Wellen über dem Kopfkissen.

Sie trug ein glitzerndes Armband am linken Arm, sonst nichts. Ihre dunklen Mandelaugen sahen erwartungsvoll auf Le Beau, der sich über sie beugte und ihr zärtlich über die Schläfen strich, seine gefühlvollen Fingerspitzen den Hals hinuntergleiten ließ, tiefer zu den Schultern, dann hinab zu dem straffen Brüsten der jungen Mexikanerin.

Sie stöhnte leise voller Lust, als diese Berührung intensiver wurde.

„Chica“, flüsterte Le Beau leidenschaftlich, „Chiquita, ich liebe dich!“ Und er ließ seine Hände über ihren Leib gleiten, tiefer, was ihr ein noch inbrünstigeres Stöhnen entrang.

„Michel, komm, Querido! Komm!“

Er wiederholte alles, wiederholte es mit einer solchen Langsamkeit, dass sie fast irre wurde in ihrer Leidenschaft und Gier.

Er ließ sich die Zeit, die sich ein Kenner lässt, und dann kam er. Er spürte, wie sehr sie ihn erwartete, wie sie sich ihm öffnete und ihn mit einer Welle mitreißender Glut empfing.

In diesem Augenblick rasselte das Telefon auf dem Nachttisch.

Le Beau ignorierte es, und das Mädchen war viel zu vertieft, viel zu hingerissen, um etwas von dem wahrzunehmen, was rundherum geschah.

Das Telefon war penetrant und klingelte weiter. Le Beau schubste es mit der Linken vom Nachttisch herunter, dass es auf den Boden fiel. Der Hörer sprang dabei von der Gabel. Das Klingeln hörte auf.

Le Beau, schon ein wenig abgelenkt, fluchte leise und konzentrierte sich wieder auf das Mädchen, auf ihre Hingabe, ihren Körper, der keine Wünsche offen ließ.

Dann, als sie sich nach Minuten heißester Leidenschaft trennten, als der Rausch etwas abklang, da hörte Le Beau die Stimme. Sie schien aus dem unteren Zimmer zu kommen. Aber als er genauer hinhörte, begriff er, dass es unter dem Bett sein musste.

Ihm fiel das Telefon ein. Er beugte sich zur Seite, während das Mädchen noch hingerissen vom Liebesakt apathisch in den Kissen lag, Arme und Beine von sich gestreckt.

Le Beau hob den Hörer auf, und jetzt verstand er, was diese Stimme sagte, die aus dem Hörer tönte: „Le Beau, hier ist Robert! Hörst du mich denn nicht? Es ist so wichtig. Le Beau, so antworte doch! Ich höre doch, dass du im Zimmer bist! Wach endlich auf!“

„Verdammt! Ich penne nicht. Was ist denn?“, knurrte Le Beau.

„Michel, weißt du, was du sofort tun musst?“

„Keine blasse Ahnung. Mensch, du störst, verdammt!“ Le Beau knallte den Hörer auf die Gabel und stellte den Apparat wieder auf den Nachttisch.

„Mit wem sprichst du, mein Liebling?“, flötete das Mädchen.

„Ein Freund, der einem leid tun kann, weil er nicht weiß, wie schön du bist, Carmencita!“

„Bin ich schön?“, lächelte sie ihn an, das Telefon klingelte wieder. „Merde!“ Le Beau nahm den Hörer ab. „Michel …“

„Verdammt, ich habe dir gesagt …“

„Es geht um Leben und Tod, Michel! Ich nehme an, du liegst mit einer Frau im Bett. Vergiss sie sofort, wenn dir der Chef etwas bedeutet!“

„Leben und Tod? Verdammt, hat James seine Scheißangst wegen der Mandeln …“

„Der Chef hat angerufen! Jetzt eben.“

„Von wo, zum Teufel, sprichst du?“

„Er hat mich angerufen … Ich bin in Montezuma. Er ist hinter einem Kerl her, Thorpsen heißt er …“

„Weiß ich doch. Das ist dieser Heini vom Secret Service. Was, zum Teufel, ist an dem gefährlich?“

„Thorpsen ist auf einer Yacht. Mit einem Mädchen. Aber der Chef wird verfolgt. Zwei Killer sind ihm auf den Socken. Le Beau, deshalb hat er nicht angerufen. Er hat einen erkannt. Und er sagte, die beiden wollen Thorpsen killen.“

„Wo finde ich den Chef?“

„Ihn sollst du nicht treffen. Du sollst sofort zum Fährplatz der Hafenfähren für die Tanker kommen. Die Yacht, um die es geht, heißt Red River.“

„Ich mache, was ich kann. Aber erst muss ich mich anziehen.“

Er legte auf und sah das Mädchen an. Schulterzuckend meinte er: „Tut mir leid, wirklich, aber ich muss weg.“

„Verdammter Freund!“, fauchte sie enttäuscht.

„Der verdammte Freund, Chica, hat mir schon mindestens zehnmal das Leben gerettet, wenn das reicht. Ich muss ihm helfen. Kommst du mit?“

„Mitkommen?“ Sie sah ihn überrascht an. „Ist das gefährlich?“

„Du hast etwas davon mitgehört, nicht wahr?“

„Alles.“

„Ja, es könnte gefährlich sein, Cherie. Also, kommst du mit?“

„Gern.“ Sie stand auf und begann sich anzukleiden.

„Siehst du, ich wusste doch, dass du mehr kannst, als schön zu sein. Außerdem, mein kleiner Kampfgenosse, haben wir noch eine Nacht vor uns, ich denke, die werden wir wieder hier traulich vereint verleben. – Aber etwas schneller musst du dich schon anziehen, wenn wir vor Weihnachten im Hafen sein wollen.“

 

 

3

Sie waren zwei, und im Grunde wirkten sie so harmlos oder so unpersönlich wie zwei Buchhalter in einem Zehntausend-Mann-Betrieb. Beide waren Mexikaner, beide trugen dunkle Anzüge, wie das trotz der Hitze viele Mexikaner tun, und beide hatten Dutzendgesichter, dunkles, volles Haar, schlanke, mittelgroße Figuren. Nur eine Kleinigkeit war anders, bei dem einen nur, aber das eben hatte sie für den, der sie kannte, ausgewiesen. Der eine hatte ein zerfetztes, halbes Ohr. Sein linkes Ohr, zudem gab es eine zwar gut verheilte, aber doch bei näherem Hinsehen deutliche Narbe vom Ohr bis zum Hals. Im Schatten der Hutkrempe mochte man die Narbe leicht übersehen. Doch einer hatte sie sehr gut erkannt. Und genau der Mann, dem diese Narbe aufgefallen war, bestieg im Moment ein schnittiges Motorboot, das der Verleiher gerade vom Poller losmachte.

„Ich weiß nicht, aber irgendwo habe ich ihn schon einmal gesehen“, sagte der mit der Narbe und blickte aufmerksam von der Straße hinab auf die etwa hundert Meter entfernte Anlegestelle mit der Bootsvermietung.

„Romero hat gesagt“, erwiderte der andere, „dass er bei der Gringa im Hospital gewesen ist. Also muss er sie irgendwie kennen. Ein Gringo also.“

„Nein, ich weiß jetzt, woher ich ihn kenne. Er ist kein Gringo. Sieh ihn dir genau an. Ja, er hat eine ziemlich kräftige Figur. Sieht auch gut aus. Auf den fliegen die Weiber. Graue Schläfen, das macht es noch besser. Aber das Gesicht, dieses Gesicht kenne ich. Da gibt es immer wieder Bilder. Er heißt Strehlitz. Ja, ich habe viel von ihm gelesen.“

„Strehlitz? Nie gehört.“

„Unter dem Namen sicher kaum. Baron Strehlitz. Oder besser, der Baron …“

„Santa virgen! Der Baron?“

„Genau. Er ist der Baron. Und Romero weiß das, muss es wissen. Dieser Engländer hat ihn doch angesprochen, sagt Romero. Vor der Kirche. Romero sagt, wir sollten den Kerl wegschaffen, weil er ihm ein unliebsamer Zeuge ist. Und Romero gibt dafür fünfzig Dollar aus. Dabei verschweigt er, dass dieser Baron hier in Mexiko viele Freunde hat. Und er sagt uns nicht, dass es der Baron ist. Weißt du, warum er es nicht sagt, Benito?“

„O ja, er sagt es nicht, weil wir dann fünfhundert verlangen würden.“

„Fünfhundert? Ich hätte fünftausend haben wollen, Benito.“

Benito kratzte sich am Hinterkopf und blickte nachdenklich auf das Motorboot, das jetzt gemächlich aus dem Halbrund des Liegeplatzes herausfuhr.

„Vielleicht ist er das gar nicht, José. Vielleicht ist das irgendein anderer. Du glaubst doch nicht, dass Romero uns einfach hereinlegen will. Das wagt er nicht.“

José, der Mann mit dem Blumenkohlohr, machte schmale Augen. „Ich putze ihn jedenfalls nicht für fünfzig Dollar weg. Nicht diesen Mann.“

„Es wäre nicht schwer, José“, meinte Benito. „Er hat keine Ahnung, dass wir ihm auf der Spur sind.“

„Ich weiß nicht, ob er keine Ahnung hat. Wenn es der Baron ist, hat er eine Ahnung, und wenn er eine Ahnung hat, war er vorhin nicht pinkeln, wie du gesagt hast, sondern hat telefoniert. Und wenn er telefoniert hat, dann …“

In diesem Augenblick tauchte drüben die Yacht auf. Es war ein großes, schnittiges Boot, das sich wie ein riesiger weißer Schwan an den grauen und rostigen Leichtern vorbeischob, die hier wie Pakete aneinandergekoppelt ihrer Verschrottung entgegen dösten, leise schaukelnd im öligen, brackigen Hafengewässer.

„Da ist die Red River!“, sagte Benito heftig.

„Ja, da ist sie, und dieser Schnüffler ist schon auf dem Wege zu ihr. Siehst du, jetzt dreht er auf.“

Das kleine Motorboot heulte plötzlich auf, schäumendes Quirlwasser quoll am Heck auf, eine Bugwelle entstand, und das eben noch glatt dahinziehende Boot hatte den Bug jäh erhoben und raste wie ein davonstürmender Bronco genau auf die Yacht zu.

„Merde!“, schimpfte Benito. „Und jetzt haben wir noch nicht einmal die fünfzig Gringodollar!“

„Hol den Geigenkasten aus dem Auto! Oder besser, komm mit dem Wagen hierher. Ich erledige ihn vom Wagen aus! Voran!“

Benito rannte los.

Die Stelle, wo sie eben noch gestanden hatten, war die Zufahrt für Fahrzeuge zum Anlegesteg. Weiter oben verlief eine Straße, wo sie den Wagen abgestellt hatten. Das war von hier gut und gerne zweihundert Meter entfernt. Benito spurtete trotz der glühenden Hitze, dazu mit Schlips und Kragen, wie ein Olympionike. Als er mit dem Oldsmobile anrollte, war das Motorboot drüben keine zwanzig Meter von der viel größeren Yacht entfernt.

José sprang in den Wagen, sah sich noch einmal um, aber außer dem Verleiher und seinen beiden Jungs, die auf den Stegen dösten, war niemand in der Nähe. Und oben auf der Straße brummte und rollte der Verkehr mit Getöse.

Hastig griff José nach einem Geigenkasten, riss ihn auf. „Du verdammter Hühnerdieb hättest ihn längst aufmachen können!“, schalt er wütend.

Er holte das Schnellfeuergewehr aus dem Geigenkasten heraus, schnippte die Kappen von den Enden des Zielfernrohrs, dann riss er die Waffe an die Schulter, legte vorn an der Unterkante des Fensters auf und zielte.

„Mach schon, er ist schon längsseits gegangen!“, keuchte Benito aufgeregt.

„Leck mich am Arsch, und halt die Schnauze!“, fuhr ihn José an. Dann drückte er ab. Aber genau in diesem Augenblick schaukelte der Wagen heftig, und José sah deutlich,wie das Wasser im Hafenbecken gut und gerne zehn Meter rechts von dem kleinen Boot aufspritzte.

Wütend fuhr er hoch und schnauzte Benito an: „Idiot, sitzt du auf Hummeln?“ In diesem Moment sah er das lächelnde Gesicht. Ein Männergesicht, die Nase leicht breitgeklopft von mannigfaltigen Faustduellen, die Augenbrauen buschig, ein paar Schwellungen zeugten vorn jüngeren Auseinandersetzungen, und ansonsten sah der Typ aus wie einer, der keinerlei Streit aus dem Wege geht …

Und von dieser Sekunde an war sich José klar, dass er sich nicht geirrt hatte, wenn er vorhin in dem Mann drüben der Baron erkannt zu haben glaubte. Denn dieser Mann hier, der so lässig an der Motorhaube lehnte, durch die Windschutzscheibe ins Innere blickte und dabei breit grinste, das war Le Beau, wie Michel Dupont genannt wunde. Von diesem Manne hatte José fast so viele Fotos gesehen wie von dem Baron. Und er wusste, dass dieser Barsche dort der Freund und die rechte Hand von dem Baron war.

Aber da war noch jemand. Eine Frau. Ein rassiges Bienchen. José rollte mit den Augen, als er dieses Schätzchen sah, wie sie ihre schlanken Finger um den Griff eines martialisch großen Brownings klammerte. Aber das Gesicht der Kleinen wirkte so entschlossen, dass José nicht sicher war, sie könnte vergessen abzudrücken.

„Steigt aus, Freunde! Die Show ist zu Ende!“, sagte Le Beau.

José hörte das heftige Atmen von Benito. Dann sagte der Partner: „Verdammt, nun schieß doch diesen Hurensohn endlich von seinen schiefen Absätzen!“

José lebte noch, weil er Erfahrung hatte und auch so viel Intelligenz, dass er wusste, wann seine Partie gespielt war und wann nicht. Diesmal sollte das nicht anders sein.

„Rindvieh!“, knurrte er Benito an. „Die Kleine drückt ab, und dieser Bastard hat auch einen Ballermann in der Hand, siehst du das nicht?“

Jetzt hatte auch Benito kapiert. Sie stiegen aus. José rechnete sich dabei eine Chance aus. Er wollte zwar das Gewehr im Wagen lassen, gleichzeitig aber einen kurzläufigen Smith & Wesson Revolver aus dem Schulterholster ziehen.

Er brachte nicht einmal die Finger um den Kolben, da sprang dieser Le Beau auf einmal völlig unvermittelt auf die Wagentür zu, und schon zuckte etwas vom Himmel hoch auf José herab, das mit der Wucht eines Schwertes in Josés Genick schlug. José fühlte sich unter die Guillotine geraten und versank in einen tiefen Schlaf. Benito wollte ihn noch auffangen, aber weil er dabei auch mehr an seinen Revolver dachte als daran, dass der Partner nicht aufs Pflaster schlagen sollte, machte er einen Fehler. Er griff nämlich mit der Rechten unter die Jacke und mit der Linken nach José. Das rächte sich. Er hatte keine Hand frei, keine, um Le Beau abzuwehren, der mit einem Satz vorschnellte, über José hinweg, zwei gespreizte Finger nach vorn, die wie eine Forke in Benitos Magengrube fuhren.

Ihm war nach diesem jähen Schmerz plötzlich übel, und bevor er irgendwie reagieren konnte, bekam er einen Faustschlag mitten auf die Nase, der an einen Hufschlag erinnerte. Ein nächster Schlag, mit ebensolcher Vehemenz, zerplatzte auf dem Kinn von Benito, und das war das Ende der Vorstellung.

Le Beau wischte sich seine aufgeplatzten Knöchel ab, sah zu seinem Mädchen zurück, lächelte und sagte anerkennend: „Klasse, Schätzchen, wie du die Pistole gehalten hast.“

Ihr Blick verriet heftiges Schwärmen. „Fahren wir jetzt wieder ins Hotel, Querido mio?“, fragte sie sehnsüchtig.

„Gleich, Schatz, gleich.“

Sie war schon bei ihm, versenkte den Browning in seiner Seitentasche und schmiegte sich erwartungsvoll an ihn. Die beiden niedergeschlagenen Killer interessierten sie überhaupt nicht mehr.

„Moment, Kleines, nur einen Moment. Pack mal mit an! Wir müssen die Sportsfreunde verladen!“

Sie schoben die beiden reglosen Gestalten in den Wagen zurück, schlossen die Türen, Le Beau hatte noch zwei Kabel abgerissen, um den Wagen zunächst unbrauchbar zu machen.

„So, und unser gemeinsamer Freund dort drüben ist indessen auf der Yacht, ohne etwas bemerkt zu haben. Später durften wir nicht kommen. – Gehen wir!“

Er klemmte den Geigenkasten mit dem schallgedämpften Schnellfeuergewehr unter den einen Arm, schlang den anderen um das Mädchen, und so verließen sie den Kampfplatz, als wäre nichts geschehen. Und das Schätzchen flötete voller Verlangen: „Mein Geliebter, ich brenne vor Sehnsucht nach dir!“

Le Beau warf einen Blick über die Schulter. Dann sah er das Mädchen an, ihre großen Mandelaugen, die sich hastig hebenden Brüste unter dem enganliegenden, hauchdünnen Kleid.

Das Leben, dachte er, ist herrlich. Man muss nur hineinlangen. Mit beiden Händen! Und nicht nur das!

 

 

4

Der Baron hatte vom Motorboot aus gesehen, was sich drüben am Ufer oberhalb des Anlegeplatzes abgespielt hatte. So glatt alles gegangen war, beruhigt war er deshalb nicht. Doch indessen war er mit dem gemieteten Boot längsseits der Yacht, die aus der Nähe weit betagter wirkte als vom Ufer aus. Farbe machte viel, aber bei Licht besehen, blieben eben doch merkliche Alterserscheinungen.

Thorpsen hatte die Yacht gestoppt und blickte überrascht auf den Baron. „Galten die Schüsse mir?“

„Es war nur ein Schuss, und er galt mir und nicht Ihnen, Mr. Thorpsen. – Kann ich an Bord kommen?“

Das blonde Glück war auch da. Aber jetzt wirkte ihr Zahnpasta-Lächeln gequält, sehr aufgesetzt. Trotzdem war diese Frau die reinste Versuchung. Der Baron sah sie an, als er an Bord ging, während Thorpsen die Leine des kleinen Bootes festmachte und damit das Boot in Schlepp nahm.

„Hallo!“, kam es wie ein Glockenschlag.

Mein Gott, dachte der Baron, dieses Mädchen schafft mich.

Sie trug einen Bikini. Er war eine Farce, so gut wie nichts, eigentlich noch weniger als nichts. Das bisschen, was er verhüllte, fiel nur noch mehr auf, ihre vollen straffen Brüste, deren Spitzen fast den Stoff des BH sprengten; die schlanke Taille, um die sich eine dünne Goldkette rankte, die locker genug war, um noch gute zwei bis drei Kilo hereinzulassen. Und dann die Hüften, weit, rund, genau das, was zynische Gynäkologen ein gebärfreudiges Becken nannten. Lange Beine darunter, endlos lange und herrlich geformte Beine mit zartem blondem Flaum, bei dessen Anblick es jeden Mann in der Hand jucken musste, darüber zu streichen – und dann noch diese Rundungen, die dieses Mikrohöschen mehr unterstrich als verdeckte.

Der gesamte Anblick, den diese Blondine bot, war schon eine Herausforderung. Angezogen kann mehr sein als nackt. Annabella wusste das offenbar sehr genau. Sie wusste auch, wie sie sich in Pose setzen musste. Auch jetzt, wo sie absolut nicht fröhlichster Stimmung war.

Und daran, dass sie ihre Angst, ihre Besorgnis kaum überspielen konnte, weil dazu ihre schauspielerischen Fähigkeiten weit überfordert waren, erkannte der Baron, dass da etwas im Busch war. Das konnte nicht nur die Folge des weit vorbeigezielten Gewehrschusses sein.

„Hallo!“, sagte auch er, gab ihr die Hand, obgleich er sich das hätte schenken können. Doch er wollte noch einmal diese Hand fühlen. Davon versprach er sich eine Menge.

Der Händedruck hatte dieselbe Wirkung wie das Zusammenstecken zweier Hochspannungskabel. Doch diesmal war es der Baron, der den Strom verschickte.

Er war kein Anfänger. Und sie spürte das sofort, wenn sie das nicht schon so gemerkt haben sollte. Ihre plötzliche Furcht, in seinen Bannkreis zu geraten, ließ sie die Hand hastig zurückziehen. Aber er hielt ihre Finger fest und sagte mit einem tiefen Blick in ihre Augen: „So schnell sieht man sich wieder. Ich soll Sie von Mary grüßen, Annabella! Von Mary Hiller … ach so, das vergaß ich fast: Ihnen ist sie als Mrs. Macintosh bekannt, Annabella.“

Ihr heftiges Erschrecken war nicht zu übertünchen. Sie versuchte das mit krampfhaftem Lächeln, aber diesmal wäre sogar ein Kind hinter die wahren Gedanken gekommen.

Thorpsen erlöste Annabella von ihrer Pein, indem er neben sie trat, Baron Strehlitz ansah, der nun die Hand der Frau losließ und sagte: „Baron Strehlitz, galt dieser Schuss wirklich Ihnen?“

„Ja, man wollte verhindern, dass ich an Bord komme. Sehen Sie drüben den Wagen?“

„Ja, das Auto auf der Rampe?“

„Richtig. Wir sollten weiterfahren. Wenn wir aus diesem Becken heraus sind, legen wir an, und Sie verlassen das Schiff. Ich weiß nicht, was anliegt, und ich habe auch keine direkte Ahnung, doch etwas braut sich über Ihrem Kopf zusammen. Aufmerksam wurde ich durch einen Zufall. Ein Unfall in der Stadt, bei dem die Frau verunglückt ist, die Ihre Trauzeugin war.“

„Nein!“, rief Annabella entsetzt und presste die Hände zusammen, als wolle sie beten.

„Sie wurde nur leicht verletzt“, beruhigte der Baron. „Ich habe Erste Hilfe geleistet. Sie hat außer der Platzwunde an der Stirn eine Gehirnerschütterung davongetragen. Aber im Hospital konnte ich mich mit ihr gut unterhalten. – Fahren Sie jetzt los, Mr. Thorpsen, das wäre sicherlich besser. Zuviel Vorsprung haben wir nun auch wieder nicht. Sehen Sie, jetzt sind schon Leute drüben neben diesem Auto aufgetaucht. Ja, und da kommt ein Polizeiwagen – es wird Zeit für uns!“

Thorpsen war schließlich beim Secret Service nicht mit dem Aufstapeln von Akten beschäftigt, sondern hatte einige Erfahrung. Er kapierte und startete die Yacht.

„In welcher Beziehung stehen Sie zu Mrs. Hiller?“, fragte der Baron das Mädchen, das ja eigentlich kein Mädchen mehr war, sondern eine junge Frau. Aber irgendwie konnte sich der Baron mit diesem Gedanken überhaupt nicht anfreunden, zumal sie sich gar nicht wie jemand gebärdete, der nur einen einzigen Menschen im Kopf hat. Im Gegenteil. Annabella wirkte wie eine Frau, die noch nach dem richtigen Manne sucht. Und wie sie suchte. Allerdings war sie im Moment nicht auf der Suche, sondern schien sich mit dem zu beschäftigen, was sie da eben erfahren hatte.

„Mrs. Hiller?“ Sie zögerte, als wollte sie sagen, dass sie nie im Leben von einer Mrs. Hiller gehört hätte. Doch dann erwiderte sie kleinlaut: „Es ist eine Verwandte von mir. Macintosh ist ihr Mädchenname.“

„Im Pass stand davon nichts.“

„Doch.“

„Eine Tante von Ihnen?“

Sie zögerte abermals, doch dann nickte sie.

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937138
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520145
Schlagworte
baron gold

Autor

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Titel: Der Baron #5: Tot bist du bares Gold