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Pulverrauch über Colt City

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Pulverrauch über Colt City

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Pulverrauch über Colt City

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Edward Martin, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Schon der Spitznamen der Stadt in New Mexico lässt Schlimmes ahnen: Colt City. Und tatsächlich wird der kleine, schäbige Flecken beherrscht vom schlimmsten Gesindel, das man sich vorstellen kann, unter Führung von Rancher Flint und seinem gewalttätigen Sohn. Alles soll sich ändern, als Richter McCarson, zusammen mit Marshal Karrigan und seinen Deputies, für Recht und Ordnung sorgen soll. Doch die Flints sind nicht bereit, für all die Morde und sonstigen Verbrechen zu bezahlen, die sie und ihre Schießer begangen haben. Keine Intrige und kein Trick sind ihnen zu schmutzig, um McCarson und Karrigan daran zu hindern, die Stadt zu säubern. Wenn sich der Pulverrauch über Colt City verzogen hat, sind die Vertreter des Rechts tot. Das jedenfalls ist der Plan der Flints …

 

 

Roman:

Kugellöcher zierten das verwitterte Ortsschild. Jemand hatte in knalligem Rot Colt City daraufgepinselt.

Der Blick des hageren Reiters schweifte über die Ansammlung von Bretterbuden, Lehmziegelhütten, Zelten und Korrals, die von weitem wie vergessenes Gerümpel in der flimmernden Ebene wirkten. Das Land ringsum war verkarstet. Nur in der Ferne säumte ein matter Grünstreifen das glitzernde Band des Indian Creek. Dahinter glühten die Ausläufer des berüchtigten Llano Estacado, die sich bis Fort Summer hinauf erstreckten.

Auf der zerknitterten Armeekarte in der Satteltasche des Reiters war das Gebiet um Colt City mit einem roten Kreis gekennzeichnet. Outlaw Range, Gebiet der Gesetzlosen, stand darauf. Die Town selbst galt als Sammelpunkt aller schießwütigen Burschen, denen anders wo der Boden unter den Stiefeln zu heiß geworden war.

Der Hagere berührte leicht die Flanken seines Wallachs. „Dann wollen wir mal.“

Die Hufe schaufelten den heißen Sand der Main Street. Drei stoppelbärtige Männer lösten sich aus dem Schatten. Das einzig Gepflegte an ihnen waren die tiefgeschnallten Colts.

„Heh, Mister!“

Der Reiter hielt. Er trug ein dunkelblaues Hemd, eine lehmfarbene Bandana und dornenzerkratzte Chaps über der Levishose. Seinem breitkrempigen Stetson war anzusehen, dass er nicht nur als Sonnenschutz, sondern auch als Pferdetränke und Topflappen diente. Die Sporen an den hochhackigen Texasboots waren stumpf. Der langläufige 45er hing schräg über der linken Hüfte. Der Kolben ragte über die Gürtelschnalle.

Nur wenige berufsmäßige Schießer trugen die Waffe so. Meist taten das Leute, die den Sechsschüsser beim Rindertreiben oder zum Nägelklopfen und Zerkleinern von Kaffeebohnen benutzten.

Die drei Galgenvögel grinsten. Der Anführer besaß eine Geiernase und stechende Augen.

„Woher, Mister?“

Der Ankömmling wies mit dem Daumen über die Schulter. Das Grinsen des Empfangskomitees erstarrte.

„Wohin?“, schnappte Geiernase.

Der Hagere wies auf einen der Saloons, die die sandige Fahrbahn säumten.

Dusty Horse stand über dem Eingang. Schräg gegenüber lag der Tumbleweed Saloon, ein paar Häuser weiter der Longrider Palace.

„Hast du auch ’nen Namen, Mister?“

„Cole Larrigan.“

„He, der kann sogar sprechen. Was sagt ihr dazu, Amigos? Hm, ich kannte mal ’nen Larrigan, den sie in Kansas wegen Pferdediebstahls hängten. Häufiger Name. Könntest dich genauso Jones oder Smith nennen. Weißt du, Mister, wir in Colt City sind ein lustiger Verein. Nicht jeder passt zu uns. Solltest schon so was wie ’nen Ausweis oder ’ne Empfehlung mitbringen. Bei Rutledge zum Beispiel war’s der Steckbrief. Und Osborne kam mit ’ner Remuda geklauter Pferde an. Was kannst du vorweisen, Larrigan?“

„Das.“

Wie hingezaubert lag der schwere 45er in der Rechten des Hageren. Die Mündung bedrohte Geiernase samt Kumpane wie ein schwarzes Todesauge. Sie brachten nicht mal mehr die Hände an die Waffen. Kein Muskel bewegte sich in Larrigans Gesicht. Sein Alter war unbestimmbar. Er konnte fünfunddreißig aber auch zehn Jahre älter sein. „Noch was?“

„Schätze, das genügt. Was meint ihr, Amigos?“ Ihr Grinsen war nur mehr ein missglücktes Zähnefletschen. Sie zogen sich vorsichtig zurück.

Larrigans Colt verschwand im Holster. Da blieb er auch, als im Dusty Horse ein Schuss dröhnte.

Die brusthohen Türflügel schwangen auf. Ein Mann taumelte rückwärts heraus, eine Hand an den Leib gepresst. Die andere umklammerte den nach unten deutenden Revolver. Vergeblich mühte er sich, die Waffe zu heben. Ein raues Lachen schallte aus dem Saloon. Dann krachte es wieder. Sekundenlang erhellte ein Mündungsblitz die Dämmerung hinter der Schwingtür.

Der Mann davor stürzte wie von einem Keulenhieb getroffen in den Straßenstaub, rollte zwischen die Hufe der Pferde am Zügelholm und rührte sich nicht mehr. Die Tiere wieherten und stampften.

„Eine Runde für alle, Jim!“, grölte die raue Stimme.

Die Straße blieb leer. Niemand in der Stadt kümmerte sich um den Vorfall. Nur der bucklige, alte Totengräber tauchte mit seinem Karren aus einer verwinkelten Seitengasse auf, als hätte er gewusst, dass es wieder Arbeit gab.

Larrigan setzte den Braunen in Bewegung.

„An deiner Stelle würde ich das Dusty Horse meiden“, rief Geiernase ihm nach. „Bill Rutledge hat heut’ seinen schießwütigen Tag.“

 

*

 

Rutledges Steckbrief klebte am mittleren Stützpfeiler im Saloon. Er zeigte ein bärtiges, von Gewalttätigkeit geprägtes Gesicht. Fünfhundert Dollar Belohnung – tot oder lebendig stand darüber. Ein Scherzbold, vielleicht Rutledge selbst, hatte zwei Nullen angehängt. Bill Rutledge wurde in mehreren Staaten gesucht. Mord, Totschlag, Bankraub, Postkutschenüberfall – es gab kaum ein Verbrechen, das er nicht schon verübt hatte. Vor drei Monaten hatte ihn der Richter von Santa Fe zum Tode verurteilt. Rutledge war bereits auf dem Weg zum Galgen, als ihm die Flucht gelang.

Larrigan betrachtete einige Sekunden das Konterfei, ehe er zur Theke schleuderte. Die Gespräche, das Gläserklirren und Kartenklatschen waren verstummt. Lauernde Blicke folgten ihm. Obwohl es früher Nachmittag war, befanden sich ein Dutzend Gäste in dem nach Fusel, Schweiß, Leder und Zigarettenrauch stinkenden Raum. Abschätzend kniff der bullige Keeper die Augen zusammen.

„Whisky?“

„Klar, Jim. Marshal Larrigan trinkt nur echten Kentucky Bourbon.“ Der Sprecher stand am Ende der aus Kistenbrettern gezimmerten Theke, eine Vogelscheuche in einem abgetragenen Prinz-Albert-Rock. Ein speckig glänzender Zylinder thronte auf dem hageren Schädel. In dem gelblichen, zerknitterten Gesicht funkelten verschlagene Augen. Kichernd hob der Mann das Glas. „Stimmt’s, Marshal?“

Kein Gesetzeshüter hatte jemals Colt City betreten. Die Worte kamen einem Todesurteil gleich. Im Dusty Horse war es totenstill.

Langsam wandte Cole Larrigan den Kopf um. Seine Stimme war ruhig. „Stimmt, Coyote-Sam.“

Im Gesicht des Dürren zuckte es. Hastig trank er. Larrigan legte eine Münze auf die Theke.

„Du hast’s gehört, Keeper. Gieß mir ’nen Kentucky Bourbon ein.“

Der Mann hinter der Theke bewegte sich nicht. In der Ecke scharrte ein Stuhl. Ein leeres Glas rollte über den Boden. Dann füllte Rutledge’ rauer Bass den Raum.

„Gib ihm den Drink, Jim.“

Der große, breitschultrige Bandit trat zur Theke. Der Sechsschüsser an seiner rechten Seite schaukelte. Sein Auftreten war das eines Mannes, der daran glaubt, dass kein Gegner ihm gewachsen ist. Draußen lud der Totengräber den Erschossenen eben auf seinen Karren. Der Mann hatte am Pokertisch Streit mit Rutledge bekommen und ihn einen Stümper genannt. Ein Anlass für Rutledge, wieder mal seine mörderische Schießfertigkeit zu beweisen.

„Mir auch einen, Jim.“ Er stellte sich neben den Marshal. „Hab’ von dir gehört, Larrigan. Du reitest für Richter McCarson, den sie Richter Dynamit nennen. Der Bursche hat Jube Henderson, einen Freund von mir, unter den Galgen geschickt und die Haftbefehle für die Redwell-Brothers ausgestellt.“

„Ich hab den letzten Redwell vor ’nem halben Jahr am Rio Puerco erwischt. Der Richter hatte keine Arbeit mehr mit der Sippe.“

„Ich weiß. Ein Bursche wie du ist ein wahres Übel für Leute wie uns. Aber nicht mehr lange.“ Ein hämisches Grinsen dehnte Rutledges Wulstlippen. „Wir wissen nämlich, dass deine Deputies und Richter McCarson auf dem Weg hierher sind.“

„Kann mir denken von wem, nachdem Coyote-Sam sich offenbar entschloss, in Colt City ’ne Anwaltskanzlei zu eröffnen.“

„Der Name ist Sam Youngfield, Marshal“, keifte der Zylinder-Mann. „Ich muss mir Ihre Beleidigungen nicht gefallen lassen.“

„Sony, Youngfield. Das muss tatsächlich jeden ehrlichen Präriewolf kränken.“

„Zum Teufel mit Ihnen, Marshal!“

„Nur Geduld, Sam.“ Bill Rutledge lachte polternd. „Larrigan ist einer von denen, die noch den Yankee Doodle pfeifen, bevor sie in die Grube fallen. Lass ihm den Spaß. Inzwischen hat er sicher kapiert, dass er hier auf verlorenem Posten steht und für seinen Boss, Richter Dynamit, nichts mehr tun kann.“

Larrigan trank. „Und jetzt ein kühles Bier“, bestellte er, ehe er sich wieder an Rutledge wandte. „Ich glaub nicht, dass der Richter meine Hilfe braucht.“

„Hast auch genug eigene Probleme am, Hals, aus diesem Bau wieder lebend rauszukommen. Bin gespannt, wie du das anfangen willst.“ Grinsend lehnte der Bandit sich an die Theke. Seine Rechte ruhte auf dem abgewetzten Coltgriff. Die Männer an den Tischen grinsten ebenfalls.

„Eins nach dem andern.“ Ruhig befestigte Larrigan sein Abzeichen am staubbedeckten Hemd. „Beginnen wir erst mal mit deiner Verhaftung, Rutledge.“

„Übernimmst du dich auch nicht, Larrigan?“

„Aber nein.“

Rutledge erwartete, dass der Marshal zog. Statt dessen schüttete Larrigan ihm das frischgezapfte Bier ins Gesicht. Schaum verklebte Rutledges Augen. Er brachte noch den Sechsschüsser aus dem Holster, da traf ihn Larrigans Coltlauf. Ächzend sank er auf die Knie. Larrigans Fußtritt beförderte die Waffe unter einen Tisch.

„All right, Rutledge, du weißt ja Bescheid: Im Namen des Gesetzes, und so weiter …“

Die 45erMündung berührte die Schläfe des Banditen, wählend Larrigan Stahlfesseln aus der Hosentasche zog und sie um Rutledges Handgelenke zuschnappen ließ.

Die übrigen Gäste saßen noch wie versteinert an den Tischen. Youngfield, Winkeladvokat und Banditenspitzel, hielt sich erschrocken an der Theke fest. Bevor Rutledge wieder einen klaren Kopf bekam, zerrte Larrigan ihn hoch und stieß ihn auf einen Stuhl. Die Kette der Handschellen klirrten.

Rutledges Kumpane fuhren fluchend hoch. Vier Mann versperrten die Tür, die anderen verteilten sich an den Wänden. Youngfield suchte Schutz hinter der Theke. „Ich hoffe, Männer, ihr gebt Rutledge die Chance ’ner fairen Gerichtsverhandlung.“

Larrigans Colt war nur eine Handbreit vom Kopf des Gefangenen entfernt. Niemand rührte sich.

Rutledge keuchte: „Du kommst nicht lebend aus der Town!“

„Ich hab nicht die Absicht, Colt City so schnell wieder zu verlassen. Keeper, noch ein Bier. Wir warten auf McCarson.“

„Das wird ein verdammt langes Warten, Sternträger.“ Rutledge grinste hasserfüllt. „Ich wette hundert Bucks gegen ein Paar durchgelatschte Stiefel, dass der Richter Colt City nicht erreicht.“

„Da kennst du McCarson aber schlecht.“

 

*

 

Der Wagen rumpelte durch das ausgetrocknete Flussbett am Rand der Catclaw Hills. Sechs kräftige Braune zogen das bemerkenswerte Gefährt. Es war ein Kasten aus schenkeldicken Bohlen, am Heck mit einer eisenbeschlagenen Tür. An den Seiten war je ein schmales, vergittertes Fenster eingelassen. Das Ganze sah wie ein auf wuchtigen Rädern rollendes Blockhaus aus. Zeltplanen und Stangen, Kisten und Koffer waren auf dem Dach verstaut. District Prison of Colt City – Gefängnis des Colt-City-Distrikts – stand in frischer weißer Farbe über dem Kopf des Fahrers.

Der gedrungene Mann mit dem buschigen Schnurrbart überließ den Pferden die Gangart. Er selbst schien zu dösen. Nur manchmal drehte er den Kopf und spuckte einen Strahl Tabaksaft über die Seitenlehne. Er trug ein kariertes Baumwollhemd, Farmerhosen und derbe Stiefel. Eine Bussardfeder steckte am Hut. Er war unbewaffnet. Das Gespann blieb von selbst stehen, als die Reiter über der Böschung auftauchten.

Es waren vier, jeder mit einem Revolver am Gürtel und einem Gewehr über dem Sattel. Drohend hoben sie sich vor dem wolkenlosen Firmament ab. Die Waffen und Zaumzeugbeschläge funkelten.

„Wenn du fliehst, Hombre, pumpen wir dich voll Blei!“

Der Fahrer des Gefängniswagens spuckte wieder Tabaksaft in den Sand des Arroyos. Die Hufe stampften den mit Mesquitesträuchern bewachsenen Hang herab. Leder knarrte, Metall klirrte. Staub umwogte das klobige Gefährt. Die Gesichter unter den breitrandigen Stetsons waren verkniffen.

„Bei mir gibt’s nichts zu holen, Leute – es sei denn, die dreiundzwanzig Bucks in meiner Tasche genügen euch.“

„Halt die Klappe, du Komiker. Wir sind genau richtig.“ Der grobschlächtige Anführer lenkte sein Pferd an die Rückseite des Wagens und schlug mit dem Gewehrkolben gegen die Tür. „Endstation, Richter. Komm raus!“

Die anderen hielten die Karabiner schussbereit. Der unbewaffnete Driver interessierte sie nicht mehr. Im Wagen blieb es still.

„Bist du taub, McCarson?“

Ein Feuerstrahl peitschte aus dem Gewehr des Grobschlächtigen. Die Kugel blieb in der Bohlentür stecken. Die Pferde tänzelten und schnaubten.

„He, Komiker, mach die verdammte Tür auf!“

Der Fahrer wickelte erst die Zügel um die Seitenlehne. Schwerfällig kletterte er vom Bock.

„Schlaf nicht ein, verdammt noch mal!“ Einer der Reiter versetzte ihm einen Stoß mit dem Gewehr.

„Was wollt ihr von Richter McCarson?“ Die blauen Augen in dem runden, schnurrbärtigen Gesicht blickten furchtlos. Aber die Kerle hielten den Driver in ihrer Überlegenheit eher für beschränkt. Der Anführer lachte.

„Dreimal darfst du raten, Freundchen – aber öffne erst! Nach allem, was ich über den Kerl da drinnen gehört hab, hoffe ich, dass er vor Schreck nicht gestorben ist.“

„Bestimmt nicht.“ Der Schnurrbärtige zog die nach außen schwingende Bohlentür auf. Die vier Halunken brauchten ein paar Sekunden, bis sie den Anblick verdauten.

An der Decke des Kastenwagens schaukelte eine Petroleumlampe. Ihr Licht fiel auf einen papierbeladenen Schreibtisch, hinter dem ein kleiner, schmächtiger Mann saß und eifrig schrieb. Mit dem schwarzen Anzug und der langen Nase glich er einer körnerpickenden Krähe. Die Reiter, deren Gewehre in den Wagen zielten, schienen nicht für ihn zu existieren.

„Das soll Richter Dynamit sein?“ Einer der Banditen brach in schallendes Gelächter aus. „Hoffentlich verrät er uns, wie er zu dem Namen kam, bevor wir ihn ins Jenseits schicken. He, McCarson, komm in die Sonne!“

Die Feder auf dem Papier kratzte. Der Schmächtige blinzelte über den Rand der verrutschten Brille.

„Du kannst auch in deiner Höhle sterben, McCarson“, drohte der Anführer. Der Repetierbügel seiner Winchester schnappte.

„Irrtum, Leute“, brummte der Fahrer. „Das ist Gerichtsschreiber Bradley. Der Richter bin ich.“

Den Überraschten blieb nicht einmal mehr Zeit, ihre Waffen auf ihn anzulegen. Mit einem Satz war er zwischen ihnen, entriss einem das Gewehr und schmetterte den Grobschlächtigen damit aus dem Sattel. Wenn die Banditen schossen, gefährdeten sie sich gegenseitig. Schon sauste der nächste kopfüber in den Sand.

Einer der beiden übrigen ließ den Karabiner fallen und zog den Colt. Sein Kumpan holte mit dem Kolben aus. Aber der Wagenlenker bewegte sich wie ein Schatten in den von den Hufen aufgewirbelten Staub. Wieder ein Kolbenhieb, dann ein Hebelgriff und ein wuchtiger Faustschlag. Der Kampf dauerte eine halbe Minute. Dann sah es aus, als hätte ein Wirbelsturm die vier Banditen aus den Sätteln gefegt. Die Pferde stoben davon.

William B. McCarson steckte einen frischen Priem in den Mund. „Dummköpfe! Well, nun wissen sie wenigstens, weshalb man mich Richter Dynamit nennt.“

Die Vogelnase des Gerichtsschreibers tauchte in der Wagentür auf.

„Sperren wir sie ein, Euer Ehren?“

„Sind es Steckbriefgesichter, Bradley?“

„Nein, Euer Ehren.“

„Dann genügt der Denkzettel. Wenn sie mir allerdings wieder in die Quere kommen, gibt’s ’ne salzige Rechnung für sie. Wie weit sind Sie mit den Akten, Bradley?“

„Schätze, dass ich bis Colt City fertig damit werde, Sir.“

 

*

 

Ein Spalier von Gaffern säumte die Fahrbahn, als der Gefängniswagen in Colt City einrollte. Die Hälfte davon waren Gesetzlose: Pferdediebe, Falschspieler, Postkutschenräuber, Totschläger und Killer. Die andere Hälfte bestand aus Satteltramps, Flittergirls, Saloonbediensteten und jenen Handwerkern und Geschäftsleuten, die die Town, als sie noch Mesquite Flat hieß, gegründet hatten. Auch ein paar Siedler und Smallrancher aus der Umgebung waren darunter. Kein Ruf erklang. Ein Betrunkener, der dem Wagenfahrer zuprostete, wurde von harten Fäusten in die Menge zurückgezogen. Eine nervige Hand verschloss einem kichernden Saloongirl den Mund.

Das Fahrzeug rumpelte bis zu dem unbebauten Grundstück gegenüber Blake’s Generalstore. Rutledge hockte dort, an einen Pfahl gekettet, im Gras.

Auch Larrigans Pferd war an diesen Pfahl gebunden. Ein Wassereimer stand daneben. Der Marshal erhob sich von einer leeren Kiste, die ihm als Sitzgelegenheit gedient hatte.

„Hallo, Euer Ehren.“

„Hallo, Marshal.“ Sie begrüßten sich mit Händedruck.

Der Richter spuckte einen Strahl Tabaksaft ins Gras. „Hübscher Platz. Irgendwelche Schwierigkeiten?“

„Das Übliche.“

„Der Marshal scherzt“, höhnte der Gefangene. „Wenn Sie mich fragen, Richter: Sie befinden sich hier auf ’nem Pulverfass, das jeden Augenblick in die Luft fliegen kann.“

„Dann fliegen Sie garantiert mit, Rutledge.“ McCarson grinste wie ein Nussknacker. Er nickte Larrigan zu. „Guter Fang, Marshal. Eine Menge Leute werden aufatmen, wenn Bill Rutledge kein Schießeisen mehr schwingt. Sind Ihre Deputies noch nicht da?“

Larrigan verneinte.

„Vielleicht haben sie es sich anders überlegt und sind umgekehrt“, hoffte Rutledge ironisch.

McCarson schlenderte zu ihm. „Könnte auch sein, dass man versucht, sie aufzuhalten – wie mich.“

„Möglich.“ Der Gefangene grinste niederträchtig.

McCarson drehte sich dem Gerichtsschreiber zu.

„Nehmen Sie zu Protokoll, Bradley, dass es im Gouverneursbüro ’ne undichte Stelle gibt.“

„Sam Youngfield kennt sie.“ Der Marshal blickte an McCarson vorbei. „Stimmt’s, Mister Youngfield?“

Neben und hinter dem Advokaten entstand freier Platz, so dass Youngfield nicht mehr in der Menge untertauchen konnte. Der Richter schob die Daumen hinter die Hosenträger. Er stand da wie ein Farmer vor der gefüllten Scheune.

„Schau an, Coyote-Sam in Colt City. Hätt’ ich mir denken können.“

„Euer Ehren, der Gentleman legt Wert darauf, mit Mister angesprochen zu werden“, erklärte Larrigan.

Der Richter grinste. „Tatsächlich, Sam? Na denn, Mister Youngfield: Wer hat Ihnen gesteckt, dass der Gouverneur mich beauftragte, im Colt-City-Distrikt dem Gesetz Geltung zu verschaffen?“

„Ich protestiere gegen diesen Verdacht.“ Youngfield knetete wütend die Zylinderhutkrempe. „Ich kam hierher, weil ich Colt City für ’ne aufblühende Stadt halte, in der ein Lawyer ein halbwegs anständiges Auskommen findet …“

„Schon gut, Sam.“

Zorn funkelte in Youngfields dunklen Knopfaugen. Aber die dünnen Lippen verzogen sich zu seinem Grinsen. „Ich bin wie Sie ein Mann des Gesetzes, Richter, auch wenn Sie keine gute Meinung von mir haben. Wir sollten dennoch versuchen, miteinander auszukommen.“

„Ich bin gerührt, Sam.“

„Noch was, Euer Ehren: Ich werde jeden Mann verteidigen, der vor Ihrem Richtertisch steht – wenn’s sein muss kostenlos.“

„Sie sind ein wahrer Menschenfreund, Sam. Ich nehme an …“

Larrigans Colt flog hoch. Gleichzeitig versetzte er dem Richter einen Stoß. Zwei Schüsse krachten. Der Reiter, der an der Ecke von Blakes Generalstore mit einem Gewehr auf McCarson zielte, stieß einen Schrei aus, ließ die Waffe fallen und stürzte, beide Hände vor die Brust gepresst, seitlich aus dem Sattel.

Eine Frau schrie. Larrigan glitt zur Seite. Der Colt in seiner ausgestreckten Faust wies auf die knochige Gestalt, die sich auf dem Dach gegenüber dem Store erhob und mit dem Gewehr winkte.

„Alles in Ordnung, Marshal. Ich pass schon auf, dass es nicht noch einer versucht.“

Die Menge zerstreute sich. Nur Youngfield verharrte. Sein Adamsapfel ruckte. McCarson blickte zum Dach empor.

„Wer hätte gedacht, dass wir hier auch Freunde haben“, brummte er. „Kommen Sie, Sam.“ Er ging über die Straße zu dem Getroffenen.

Der Mann war tot. Ein Halstuch verdeckte die untere Gesichtshälfte. Zwei Kugeln hatten ihn getroffen, eine aus dem Colt des Marshals, die andere hatte der Gewehrschütze vom Dach abgefeuert.

McCarson zog ihm die Bandana vom Gesicht. „Sehen Sie ihn sich an, Sam. Wer ist

der Bursche?“

Youngfield zögerte. „Raus mit der Sprache, Sam. Sie kennen ihn!“

„Einer von Flints Cowboys.“

„Wer ist Flint?“

„Der Boss im Distrikt. Rutledge arbeitet für ihn. Sie werden ihn bald kennenlernen.“

 

*

 

Das Echo der Schüsse verhallte. Nur mehr ein gelegentliches metallisches Blinken hinter den Felsblöcken verriet, wo die Heckenschützen sich verbargen. Die Sonne glühte.

Fliegen krabbelten auf dem blutbesudelten Fell des erschossenen Pferdes. Der Mann hinter dem Kadaver wagte keine Bewegung. Seine Rechte presste sich um den Revolverkolben. Der Stetson lag einige Schritte entfernt. Mehrere Kugeln hatten ihn durchlöchert.

Blonde Strähnen umstanden das schweiß- und staubverkrustete junge Gesicht. Blut tröpfelte aus dem Riss an der rechten Wange. Die Winchester war unter dem Pferd eingeklemmt. Der Blonde kam nicht an sie heran.

Fliegen ließen sich auf seinem Gesicht nieder. Als er sie mit einer Handbewegung verscheuchte, blitzte ein Sonnenstrahl auf dem Abzeichen an seinem Hemd.

Deputy Marshal of New Mexico stand darauf. Schüsse krachten. An drei, vier verschiedenen Stellen quollen weiße Rauchwölkchen empor. Der Kadaver zuckte unter den Einschlägen. Eine Kugel jaulte als Querschläger an dem jungen Mann vorbei.

Ein Wiehern drang aus dem Schatten der Klippen seitlich von ihm. Ein zweites erschossenes Pferd lag davor. Der Blonde schätzte die Entfernung.

„Fünfzehn Yard …“ Er drehte den Kopf, zog ein Bein näher an den Körper und spannte sich.

„Gebt mir Feuerschutz, Amigos!“

„Nein, Dave, bleib, wo du bist!“

Da schnellte der Blonde schon hoch. Geduckt rannte er auf die Klippen zu. Seine Füße wirbelten. Ein ohrenbetäubendes Krachen durchtoste die Senke. Mündungsfeuer blitzten aus der Nische, in der die Gefährten des jungen Marshals Deckung gefunden hatten. Der Senkenrand gegenüber war in Qualm gehüllt.

Nach sechs Schritten zuckte der Blonde zusammen, stolperte, fing sich aber und hetzte weiter. Die Gewehre und Colts dröhnten.

Der Deputy sprang über das zweite tote Pferd, sein linkes Bein gab nach, er fiel. Keuchend, von Kugeln umschwirrt, kroch er die letzten Yards. Sein Revolver lag im Staub. Schmerz und Anstrengung verzerrten das Gesicht.

Eine Hand streckte sich ihm entgegen und zog ihn in den Schatten. Da traf es ihn nochmals.

„Dave!“ Ein gleichfalls junges, staub- und schweißbedecktes Gesicht neigte sich über ihn. Seine Lippen zuckten. Blut floss aus den Mundwinkeln.

„Sagt … dem Richter …“ Daves Kopf fiel zur Seite. Der andere junge Deputy hielt ihn fest. „Dave, Amigo …“

Seine beiden Begleiter ließen die Gewehre sinken. Die Gesichter der Männer wirkten hart. Keiner von ihnen war über dreißig. Aber in ihren Augen spiegelten sich die Erfahrungen eines an Gefahren und Entbehrungen reichen Lebens.

„Frank, was meinst du, wie viele das sind?“

Der Mann mit der Narbe am Kinn hob die Schultern. „Sechs oder sieben. Wenn’s mehr wären, hätten wir es nicht hierher geschafft.“

„Das verdanken wir Dave. Er hat sie im letzten Moment entdeckt. Der Junge hatte Luchsaugen.“

Sie schluckten. Ihre Blicke wichen einander aus.

„Verdammte Mörder!“ Der jüngste Mann des Trios packte die am Felsen lehnende Winchester, sprang auf und jagte einen Schuss zum Senkenrand.

„Die Hölle soll euch fressen, ihr Bastarde!“

Er schoss nochmals. Da drückte der Narbige die Waffe nach unten.

„Du vergeudest nur Munition, Clint.“

„Tut mir leid, Frank, aber …“

„Schon gut. Dave war unser aller Freund. Wir sind es ihm schuldig, dass wir die Hundesöhne zur Rechenschaft ziehen. Das können wir aber nur, wenn wir am Leben bleiben. Weiß der Teufel, wie die Kerle erfuhren, dass wir nach Colt City reiten!“

„He, ihr da unten! Habt ihr die Schnauze endlich voll?“, erkundigte sich eine hämische Stimme vom Senkenrand.

Clint machte eine heftige Bewegung, ließ aber das Gewehr sinken, als der Ältere ihn mahnend ansah. Frank hebelte eine Patrone in den Winchesterlauf.

„Passt auf, vielleicht will der Bursche uns nur ablenken. Da oben bei den Sträuchern hat sich was bewegt. Clint, kümmere dich um die Pferde. Ohne die sind wir aufgeschmissen.“

„Glaubst du, dass wir noch ’ne Chance haben, Frank?“

„Larrigan würde sagen: Zähl deine Patronen, dann weißt du’s. Schätze, wir haben genug. Außerdem wären Larrigan und McCarson schlimm dran, wenn wir uns von diesen Hundesöhnen in die Pfanne hauen ließen.“

Frank hob blitzschnell die Winchester, doch ein Wirbel von Steinsplittern zwang ihn in Deckung.

Wieder dröhnten Schüsse durch die Senke. Die beiden Pferde warfen stampfend die Köpfe hin und her. Clint hatte Mühe, sie zu halten.

Dann meldete sich abermals die Stimme von zuvor. „Bleibt von Colt City weg, dann lassen wir euch laufen.“

„Das kannst du deiner Grandma weismachen, Bandit!“

Die Gewehre krachten. Querschläger klatschten über die Köpfe der Gesetzesreiter.

„Sie verteilen sich“, rief der dritte Deputy. „Einer von ihnen hockt auf dem Hang über uns! Wenn sie die Pferde treffen, kommen wir nicht mehr weg.“

„Wir brechen durch“, entschied Frank. Seine Gefährten starrten ihn an.

Greg befeuchtete mit der Zungenspitze die rissigen Lippen. „Sie werden uns abknallen wie Hasen.“

„Sie werden es versuchen. Aber wir haben die Überraschung auf unserer Seite. Ich nehm’ Clint zu mir aufs Pferd. Du reitest voraus, Greg zu den beiden roten Felsen da drüben.“

 

*

 

Zwei Stunden nach Ankunft des Richters schloss sich die Tür des Gefängniswagens hinter Rutledge. Bradley bezog Quartier in dem daneben aufgestellten Zelt. Das zweite gleichgroße Zelt gehörte dem Richter.

Die Pferde ruhten in einem aus Pflöcken und Lassos errichteten Korral. Für Larrigan und seine Deputies war der Rest des Grundstücks mit dem freien Himmel als Dach reserviert.

US Criminal District Court of Colt City verkündete das frischbemalte Holzschild am Straßenrand. Während der ganzen Zeit, die das Aufstellen der Zelte erforderte, blieb der Knochige mit dem Gewehr auf dem benachbarten Saloondach.

„Ben Campbell“, stellte er sich dem Richter vor, nachdem Larrigan ihn auf seinem luftigen Beobachtungsposten ablöste. „Ich besitze einige Acres Weideland in den Catclaw Hills. Wurde höchste Zeit, dass das Gesetz sich in diesem verdammten Land blicken lässt. Ich schrieb dem Gouverneur mehrmals, endlich was gegen diese Zustände zu unternehmen.“

„Hab davon gehört.“ McCarson gab dem etwa fünfzigjährigen Rinderzüchter die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Campbell. Besten Dank für Ihr Eingreifen.“

„Ich hatte eigentlich mit ’ner Abteilung Kavallerie gerechnet.“

„Solange sich die Blauröcke mit den aufständischen Mescaleros herumschlagen, hätte es wenig Sinn, das Kriegsrecht über Colt City zu verhängen.“

„Elmo Flint und seine Anhänger sind gefährlicher als irgendwelche Rothäute. Seit Flint hier regiert, gibt’s in der Gegend fast nur noch Gesetzlose.“

„Es gibt Sie, Campbell, und das ist auch schon was. Erzählen Sie mir mehr von sich und Flint.“

„Der alte Bastard hat meinen einzigen Sohn auf dem Gewissen. Es fing damit an, dass Flint …“

„Moment, Campbell. Ich bin Richter, und wenn Sie einen Mann des Mordes oder der Anstiftung zum Mord bezichtigen, verlange ich Beweise.“

„Wenn’s welche gäbe, hätte ich Flint längst aus seiner Schießerbande herausgeholt und am Lasso nach Santa Fe geschleift. Es waren Maskierte, die meine Ranch niederbrannten, Rinder stahlen und Nat wie ’nen tollwütigen Hund zusammenschossen. Ich kam um Minuten zu spät. Als ich die Kerle verfolgte, pumpten sie meinen Gaul voll Blei. Trotzdem blieb ich auf ihrer Spur – bis in die Nähe von Flints Ranch.“

„Flint ist also auch Rancher.“

„Er tut so“, erwiderte Campbell verächtlich. „Es stehen zeitweise auch viele Rinder auf seinem Land. Rinder, die in Texas gestohlen und durch den Llano nach New Mexico getrieben wurden. Flint lässt sie umbränden und Fleisch ansetzen, dann verkauft er sie ins Minengebiet um Silver City. Sie werden sagen, Richter, das ist auch nur wieder ein Verdacht. Aber Ihre Sternträger brauchen sich nur auf Flints Weide umzusehen, dann werden sie entsprechende Beweise finden – vorausgesetzt, dass Flints Schießer sie über die Grenze seines Landes lassen. Es sind die übelsten Halunken, die sich je nach Colt City verirrten.“

„Schätze, ich hab schon ein paar von ihnen kennengelernt.“

„Außerdem wird gemunkelt, dass Flints Sohn Kinsley Waffen für die aufständischen Rothäute schmuggelt. Einige ungeklärte Überfälle auf Armeetransporte sollen auf sein Konto gehen. Fest steht, dass Kinsley Flint in die Fußstapfen des Alten tritt und mit den Outlaws von Colt City eng befreundet ist.“

„Wir werden uns darum kümmern.“

„Das hoffe ich Sir. Ich bin bereit, mich als Deputy vereidigen zu lassen.“

McCarson sah ihn prüfend an. „Das würde bedeuten, dass Sie auf jede Vergeltung verzichten und sich dem Gesetz unterordnen, Campbell – bedingungslos.“

Im knochigen Gesicht des Smallranchers arbeitete es.

„Überlegen Sie es sich, Campbell.“ McCarson wandte sich ab.

„Warten Sie, Richter!“, rief der Rindermann. „Ich bin einverstanden.“

„Fein, dann …“

„Besuch“, meldete Larrigan vom Dach des Longrider Palace.

Ein Reitertrupp tauchte am Ortseingang auf. Staub stieg unter den dumpf pochenden Hufen empor. Campbell packte das Gewehr fester.

„Die Flints und ihre Revolverreiter.“

 

*

 

Sie kamen von Westen, wo weit draußen auf der Ebene der Indian Creek floss. Sie trugen Cowboykluft, aber Richter McCarson entging nicht, dass ihre Colts tiefer hingen, als es sonst bei Weidereitern üblich war. Sie hatten den Kastenwagen, die Zelte und die Männer davor erspäht, auch den Mann auf dem Dach.

Flint bedeutete seinen Begleitern, zurückzubleiben. Der Pulk hielt vor dem Dusty Horse.

Nur Flint und sein Sohn ritten weiter.

Elmo Flint glich eher einem gealterten Satteltramp als dem Mann, der in Colt City und Umgebung das Sagen hatte. Er war ein hagerer, gebeugt auf dem Pferd hockender Oldtimer. Schulterlange graue Strähnen hingen unter seinem verbeulten Stetson hervor. Durchdringende helle Augen und ein schmaler Mund beherrschten das verwitterte Gesicht. Flints Kleidung war abgetragen. Ein nach vorn gedrehter Coltkolben lugte unter der schäbigen Jacke hervor. Im Scabbard steckte ein Gewehr.

Kinsley Flint war ein sehniger, wildäugiger Bursche Ende Zwanzig. Sein Haar war pechschwarz. Die bronzegetönte Haut ließ vermuten, dass eine Portion Indianerblut in seinen Adern floss. Zu Jeans, Baumwollhemd und Cowboystiefel trug er eine lederne Fransenjacke. Das Hutband war aus der Haut einer Klapperschlange geschnitten. Beide Reiter zügelten die Pferde vor McCarson und Campbell.

„Na, Ben, hast du uns richtig angeschwärzt?“ Der Oldtimer kicherte. Augenzwinkernd wandte er sich an McCarson. „Ben ist mächtig sauer auf uns, seit wir ihm Konkurrenz machen, Euer Ehren. Die anderen Drei-Kühe-Züchter in den Catclaw Hills zählen nicht in dem Geschäft. Meine Leute und ich haben mit dem Überfall auf Bens Ranch und dem Tod seines Jungen nichts zu tun.“

„Sind Sie hergekommen, mir das zu sagen?“

„Ich wollte Sie kennenlernen, Euer Ehren. Hab viel von Ihnen gehört.“ Flints Grinsen stand im Gegensatz zu seinem eiskalten Blick. Es war der Blick eines Mannes, der einen Todfeind taxiert. „Außerdem heißt es, Sie haben Bill Rutledge verhaften lassen.“

„Stimmt.“

Flints Blick schnellte zum Gefängniswagen. Die Haltung seines Sohnes versteifte sich.

„Bill arbeitet für mich.“

„Als was?“

Die beiden ungleichen Gegner starrten sich an. Die Falten in Flints Ledergesicht zuckten. Dann kicherte er wieder. „Als Wolfsjäger und Grenzreiter. Sie wissen ja sicher, Euer Ehren, dass sich viel Gesindel in der Gegend rumtreibt. Bill ist ein wichtiger Mann auf meiner Ranch. Wie hoch ist die Kaution?“

„Es gibt keine. Rutledge bleibt, wo er ist.“

„Schade, wo ich doch hauptsächlich wegen Bill gekommen bin. Ich zahle fünfhundert Bucks für seine Freilassung.“

„Wollen Sie prüfen, ob ich bestechlich bin? Geben Sie sich keine Mühe, Flint. Rutledge wurde in Santa Fe zum Tode verurteilt. Auf der Flucht erschoss er einen Mann. Die Verhandlung darüber findet morgen statt, auch wenn sie im Grunde überflüssig ist.“

„Ich glaub nicht, dass Sie’s schaffen, Bill zu hängen“, stieß Kinsley Flint hervor.

McCarson lächelte. „Soll das ’ne Drohung sein?“

„Keineswegs“, erwiderte Flint hastig, ehe sein Sohn antworten konnte. „Doch vielleicht interessiert es Sie, dass wir auf dem Ritt in die Stadt Schüsse in den Ausläufern der Catclaw Hills hörten. Falls Bills Freunde Ihre Deputies dort draußen in der Zange haben, könnte es nützlich sein, ihn auf freien Fuß zu setzen.“

Der Grauhaarige grinste scheinheilig. In Kinsleys Augen brannte wilder Triumph. Campbell murmelte eine Verwünschung. Doch die Stimme des Richters klang so ruhig wie zuvor.

„Noch nützlicher ist es womöglich, sie beide ebenfalls hinter Schloss und Riegel zu bringen.“

Kinsleys Rechte umschloss den Revolvergriff.

McCarson sah an ihm vorbei. Ein Aufleuchten war in seinen Augen. „Ah, da kommen sie ja.“

Flints Kopf ruckte herum. Seine Mundwinkel verkniffen sich, als er die drei Männer sah, die vor der tiefstehenden Sonne in die Stadt ritten. Zwei saßen auf einem Pferd. Einer trug einen Verband am linken Arm. Ihre Abzeichen blinkten.

Kinsley war drauf und dran, zu ziehen. Das warnende Zischen des Vaters hielt ihn davon ab.

 

*

 

Hammerschläge weckten den bulligen Besitzer des Dusty Horse. Er zog sich an und schlurfte zur Treppe, die Lider noch schwer von der halbdurchwachten Nacht. Zuerst traute er seinen Augen nicht, dann wurde er putzmunter.

McCarsons Marshals nagelten das Sternenbanner an die fensterlose Seitenwand des Saloons. Der Richter thronte hinter dem Tisch. Gesetzbuch, Colt und eine aufgeschlagene Gerichtsakte lagen vor ihm.

Der Colt gehörte Deputy Frank Corbett. McCarson besaß keine eigene Waffe.

Er trug einen schwarzen Anzug und eine gleichfarbige Kragenschleife zum weißen Hemd. Neben seinem Sessel, der aus dem Wohnraum des Salooners stammte, stand ein Spucknapf.

Die Tische und Stühle waren aus der Saloonmitte entfernt. Auf einer Bank vor der Theke saßen mehrere verdattert dreinschauende Stadtbewohner. Der Deputy mit dem Armverband stand wie ein Denkmal seitlich von ihnen. Er hielt eine Winchester. Gegenüber saß Bradley, der Gerichtsschreiber, Papier, Feder und Tintenfass vor sich. Zuschauer drängten sich an den Wänden. Die Morgensonne schien herein. Wütend beugte der Salooner sich über die Galerie.

„Was, zum Teufel …“

„Lassen Sie den Teufel aus dem Spiel, Freund.“ McCarsons sonore Stimme füllte den Raum. „Nach dem Gesetz bin ich ermächtigt, Ihren Saloon vorübergehend als Gerichtssaal zu benutzen. Kommen Sie! Geben Sie meinem Schreiber Ihre Personalien an und setzen Sie sich zu den übrigen Geschworenen. Sie sind der einzige, der noch fehlt. Die Verhandlung beginnt gleich.“

Ein Strahl Tabaksaft klatschte in das Tongefäß. Das Gesicht des Salooners lief dunkelrot an. Es dauerte einige Sekunden, bis er ein Wort herausbrachte. „Ich bin doch nicht so närrisch und mach bei diesem Zirkus mit.“

McCarson grinste. „So ähnlich haben sich Ihre Freunde auch geäußert. Da sich keiner freiwillig für die Jury meldete, musste ich meine Marshals von Haus zu Haus schicken. Ich besitze entsprechende Vollmachten vom Gouverneur.“

„Na los, kommen Sie, Mister!“ Der Deputy mit dem Armverband hob das Gewehr. Während der Salooner Bradley seinen Namen, Geburtsdatum und Beruf nannte, brachten Larrigan und Campbell den Gefangenen. Ein von einem Kreis umschlossener Fünfzack glänzte auch an Campbells Weste.

Die Kette zwischen Rutledges Handgelenk klirrte. Sein bärtiges Gesicht strahlte.

„Hallo, Freunde. Ihr seid ja verdammt früh aufgestanden, um mir die Ehre zu erweisen.“

„He, Bill, wie wär’s mit ’nem Drink? Ich lade dich ein.“

Gelächter brandete auf, Stiefel trampelten. McCarson ergriff den vor ihm liegenden Colt und jagte einen Schuss in die Saloondecke.

„Ruhe! Den nächsten Zwischenruf ahnde ich mit einer Ordnungsstrafe. Wenn das nichts nützt, lass ich den Saal räumen. Deputy Haskell, bringen Sie einen Stuhl für den Angeklagten. Sobald Mister Sam Youngfield die Verteidigung übernimmt …“

„Ich brauch’ keinen Verteidiger.“

„Wie Sie wollen, Rutledge.“ McCarson klopfte mit dem Colt auf den Tisch. „Die Sitzung ist eröffnet.“

„Danach gibt’s Freibier. Bill zahlt!“, rief ein stämmiger Kerl mit einer schmutzigen Lederklappe über dem rechten Auge. Die Zuhörer johlten.

„Zehn Dollar für die Zuwiderhandlung einer richterlichen Anordnung“, verkündete McCarson. „Larrigan, kassieren Sie!“

Die meisten Zuschauer grinsten. Breitbeinig stellte sich der Einäugige in Positur.

Larrigan ging ruhig auf ihn zu. „Du hast es gehört, Hombre. Mit zehn Bucks bist du dabei.“

„Übernimm dich nicht, Sternträger.“ Der Mann spuckte Larrigan auf den rechten Stiefel. Larrigan bewegte sich nicht. „Zwanzig Dollar wegen Beleidigung eines Beamten und Missachtung des Gerichts!“, dröhnte McCarsons Bass.

„Dreißig!“, höhnte der Einäugige. Seine geballte Rechte schnellte hoch. Geistesgegenwärtig bog Larrigan den Kopf zur Seite, rammte dem Mann die linke Faust über die Gürtelschnalle und setzte ihm die rechte Handkante an den Halswinkel.

Röchelnd sank der Randalierer zu Boden. Larrigan zog ihm den Colt aus dem Holster, entlud die Waffe und brachte dann mehrere Geldscheine aus der Jackentasche des Liegenden. Fragend blickte er zu McCarson.

„Dreißig“, bestätigte der.

Larrigan zählte die Summe ab, schob den Rest in Einauges Jacke und kehrte zum Richtertisch zurück. Im Saloon war es mucksmäuschenstill. McCarson verlas das in Santa Fe verhängte Urteil, dann das Protokoll der Zeugenaussagen, die Rutledges Flucht betrafen. Rutledge hatte dabei einen Mietstallbesitzer ermordet, um ein Pferd zu bekommen. Von Larrigan und Campbell flankiert, lümmelte er sich auf dem Stuhl.

Der Richter schob die Papiere zur Seite. „Stehen Sie auf, Angeklagter!“

Rutledge gehorchte. „Die Jungs hier waren lange nicht im Theater. Sie sollten öfter mal ’ne Vorstellung geben, Richter.“

Jemand kicherte. McCarson verzog nicht die Miene.

„In Anbetracht der Umstände verzichte ich darauf, Sie zur Kasse zu bitten, Angeklagter. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht schuldig?“

Grinsend schaute Rutledge nach allen Seiten. „Schuldig.“

„Der Spruch der Geschworenen erübrigt sich hiermit“, stellte McCarson fest. Bradleys Feder kratzte. Er schrieb jedes Wort mit. „Haben Sie noch etwas zur Erklärung zu sagen, Angeklagter?

„Weshalb sollte ich? In spätestens vierundzwanzig Stunden bin ich ohnedies ein freier Mann.“

„Das könnte sich als Irrtum erweisen.“ Der Richter stand auf. Feierlicher Ernst lag auf seinem schnurrbärtigen Gesicht. „Bill Rutledge, als bevollmächtigter Richter des Distrikts Colt City, ehemals Mesquite Flat, verhänge ich wegen heimtückischen Mordes und Flucht vor dem Gesetz die Todesstrafe über Sie.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Mann!“

„Nachdem das Hauptverfahren gegen Sie bereits vor drei Monaten abgeschlossen wurde und das damalige Urteil nach wie vor rechtskräftig ist, ordne ich die Vollstreckung desselben für morgen früh bei Sonnenaufgang an. Die Sitzung ist damit geschlossen.“

 

*

 

Larrigan und die Deputies hielten abwechselnd Wache, einer auf dem Dach des Longrider Palace, der andere patrouillierte um die von Richter Dynamit beschlagnahmte Baulücke.

Die Nacht war bewölkt. Vereinzelte Sterne blinkten über den Blechschornsteinen von Colt City.

Als Larrigan mit dem jungen Clint Haskell die Wache nach Mitternacht übernahm, war Ruhe in die hektisch brodelnde Town eingekehrt.In der Ferne heulten Kojoten. Im Zelt des Richters brannte noch Licht. Geigenmusik drang heraus.

Larrigan schickte den Deputy aufs Saloondach. Im Schatten des Gefängniswagens brannte er sich eine Zigarette an. Rutledge verhielt sich still. Entweder schlief er – oder das Geigenspiel faszinierte ihn.

Larrigan vernahm es nicht zum ersten Mal. Manche Leute nannten es eine Marotte des Richters. Larrigan ahnte, dass damit etwas vom wahren Wesen seines Vorgesetzten zum Ausdruck kam. Etwas, das McCarson sonst mit einem rauen, manchmal schlitzohrigen Benehmen verbarg. In keiner Nacht vor einer Hinrichtung schlief McCarson. Wenn die Geige verstummte, würde er bis Tagesanbruch über der Bibel sitzen.

Larrigan sah McCarsons Schatten an der Zeltwand, ein deutliches Ziel für jeden im Hinterhalt lauernden Gewehrschützen. Die Geige sang, säuselte, schluchzte. Larrigan gab sich einen Ruck.

„Entschuldigen Sie, Euer Ehren, es ist besser, Sie löschen die Lampe“, rief er vor dem Zelteingang.

Das Lied der Geige endete mit einem sanften Klang. Die Plane wurde zur Seite geschlagen. Der Richter sah in dem dunkelroten Schlafmantel und den weichen Filzpantoffeln wie irgendein Ladenbesitzer aus. „Kommen Sie rein, Marshal. Für eine Tasse dürfte der Kaffee noch reichen.“

„Ich hab Wache, Sir.“

„Ach ja! Wenn ich Sie nicht hätte, Larrigan, müsste ich Tag und Nacht mit umgeschnalltem Revolver rumlaufen.“ McCarson grinste. „Glaub' nicht, dass wir heute Nacht noch Ärger kriegen. Alle verlassen sich drauf, dass Flint was unternimmt. Der wiederum erwartet, dass Freunde von Rutledge hier in Colt City durchdrehen. Für die Kerle ist es wahrscheinlich unvorstellbar, dass wir das Urteil tatsächlich vollstrecken.“

Larrigans Miene verdüsterte sich.

„Wir wollten es auslosen. Campbell meldete sich freiwillig.“

„Cole, ich möchte nicht, dass Campbell das macht.“ So lange sie sich auch schon kannten, es war das erste Mal, dass der Richter Larrigan mit dem Vornamen ansprach. Der Marshal nickte. „Ich werde mit den Jungs reden, Sir.“

„Ich würde viel dafür geben, wenn das Gesetz mir ’ne andere Möglichkeit ließe, als einen Mörder unter den Galgen zu schicken. Eine Hinrichtung ändert nichts an einem begangenen Verbrechen. Die Erfahrung beweist, dass der Strick keinen Täter schreckt. Ein Kerl wie Rutledge zum Beispiel lässt sich lieber ’ne Hanfkrawatte verpassen, als dass er sein restliches Leben hinter Zuchthausmauern verbringt. Ich hoffe, dass irgendwann die Zeit kommt, da kein Richter mehr den Tod mit dem Tod vergelten muss. Das ändert natürlich nichts an unserem Auftrag. Und noch was, Marshal: Sobald die Hinrichtung vorbei ist, dürfen wir unsere Gegner nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.“

 

*

 

Bei Sonnenaufgang führten Larrigan und Campbell den Delinquenten zum Galgen. Es war kühl. In der kristallklaren Luft wirkten die Catclaw Hills viel näher als sonst. Der Himmel strahlte wieder in wolkenlosem Blau.

Deputy Clint Haskell stand mit durchgeladenem Gewehr auf dem Dach des Longrider Palace. Frank Corbett und Greg Blaine bewachten den Flachwagen an der Giebelseite des nahen Mietstalls. Das Pferd davor war an einen Pfosten gebunden. Über der Ladefläche baumelte die Henkerschlinge. Das Seil war am vorspringenden Firstbalken befestigt. Mehrere Kisten dienten als Treppe zur provisorischen Plattform.

Ein heruntergekommener, trunksüchtiger Prärieprediger, den es irgendwann nach Colt City verschlagen hatte, bot Rutledge letzten Beistand an. Der lachte ihn aus.

„Sie werden’s nicht wagen“, prophezeite er verächtlich.

Nun stieg er mit verbissener Miene die Galgentreppe hinauf. Neugierige umstanden den Platz. Derbe Fäuste umklammerten Revolverkolben. Aber keiner wollte derjenige sein, auf den McCarsons Sternträger zuerst die schussfertigen Gewehre richteten. Ein Murren durchlief die Menge, als der Richter kam, schwarzgekleidet, mit steinernem Gesicht. Da und dort erklang eine Verwünschung. Die meisten Mienen widerspiegelten die Erwartung, dass die Urteilsvollstreckung in letzter Minute verhindert wurde. Es galt als unmöglich, dass mitten in Colt City ein Outlaw gehängt wurde.

Der Richter öffnete den Sprungdeckel seiner Taschenuhr. „Noch ein letztes Wort, Rutledge?“

„Du bist wahnsinnig, McCarson, wenn du’s wirklich tust. Du kannst nicht …“

Der Richter nickte Larrigan zu.

Rutledge verstummte, als er die Schlinge am Hals spürte. Ein Flackern trat in seine Augen. Schweiß bedeckte seine Stirn. Er zerrte an den Riemen, mit denen seine Hände auf den Rücken gefesselt waren. Larrigan und Campbell stiegen vom Wagen. Corbett band die Zügel los und kletterte auf den Bock. Das Murren und Tuscheln wich atemloser Stille.

Sonnenstrahlen trafen den Balken, an dem das Seil hing. Prärielerchen trillerten.

Rutledges Blick versuchte die Gesichter ringsum zu erfassen.

„Worauf wartet ihr? Steht nicht einfach bloß rum, verdammt noch mal! Diese Narren …“

Ein Grollen kam vom Stadtrand. Reiter wirbelten Staub auf. Waffenstahl glänzte.

„Amigos!“, brüllte Rutledge.

Der Richter schloss den Uhrdeckel. „Im Namen des Gesetzes: Fahren Sie an, Deputy!“

Corbett schwang die Peitsche, der Braune zog an. Rutledge stürzte von der Wagenkante. Das Seil spannte sich. Rutledge strampelte hilflos mit den Beinen. Nach ein paar Sekunden bewegte er sich nicht mehr. Das Seil hatte ihm das Genick gebrochen und die Luftröhre zerquetscht. Rutledge war tot.

Ein Dutzend Münder öffnete sich, aber kein Laut kam über die Lippen. Hufe trommelten. Die Mauer der Zuschauer klaffte auf.

„Bill!“, schrie der indianerhafte Reiter. Wildheit glühte auf seinem Gesicht.

„Zurück, Flint!“, drohte Larrigan.

Kinsley Flint riss den Karabiner aus dem Scabbard und spornte seinen Falben auf McCarson zu. Sein Stetson hing auf dem Rücken. Das schwarze Haar flatterte. „Du Dreckskerl, das bezahlst du!“, schrie er.

Ein Lasso holte ihn ein. Der Ruck des sich jäh straffenden Seils riss ihn in den Staub. Das Gewehr rutschte weg. Wiehernd stürmte das Pferd am Mietstall vorbei.

McCarson rührte sich nicht. Schon waren weitere Reiter da, die absprangen und sich auf den tobenden Sohn des Ranchers warfen. Der junge Flint schlug wild um sich.

„Seid ihr verrückt geworden? Lasst mich los! Ich bring den Bastard um!“

„Schafft ihn zur Ranch“, befahl Elmo Flint. Er lenkte sein Pferd zu McCarson. Die Gewehre der Sternträger blieben angeschlagen, aber Flint beachtete sie nicht. Er hatte auch für den am Strick baumelnden Rutledge nur einen flüchtigen Blick. Sein Gewehr steckte im Sattelfutteral. Die abgewetzte Jacke verdeckte den nach vorn gedrehten Revolvergriff. Flints Hände ruhten auf dem Sattelknauf.

„Kinsley war mit Rutledge befreundet. Ich bring ihn schon zur Vernunft.“

Flints Cowboys schleiften den noch immer tobenden und wüste Drohungen ausstoßenden Ranchersohn zu seinem Pferd. Die Menge zerstreute sich. Larrigan stellte fest, dass Rutledge tot war, und Bradley protokollierte den Zeitpunkt. McCarson steckte ein Stück Kautabak in den Mund und schob die Daumen hinter die Jackenaufschläge.

„Es war klug, dass Sie nicht früher kamen, Flint.“

„Ich wollte kein Blutbad – nicht wegen Rutledge.“ Flints Faltengesicht verzog sich zu einem Grinsen. „Außerdem haben Sie nun bewiesen, dass der Gouverneur den richtigen Mann nach Colt City geschickt hat, und das wiederum heißt: Nun können wir beide zum Geschäft kommen.“

„Welches Geschäft?“

„Vernunft gegen Vernunft.“ Der Oldtimer kicherte. „Wir sollten damit beginnen, dass wir klären, wie weit die Machtbefugnisse jedes von uns reichen.“

„Meine reichen bis zur Distriktsgrenze. Das sind noch etliche Meilen über die Grenzen Ihrer Ranch hinaus.“ Ein Strahl Tabaksaft spritzte vor die Hufe von Flints Pferd. „Einen schönen Morgen noch, Flint. Ich hab zu tun.“

 

*

 

Flints Ranch war ein langgestreckter, mit Erdschollen bedeckter Lehmziegelbau. Ein Vordach aus Kistenbrettern hielt zusätzlich die sengenden Sonnenstrahlen ab.

Trotz der ringsum verstreuten Schuppen, Ställe und Korrals erweckte das Ganze eher einen provisorischen Eindruck. Gerümpel lag überall herum. Das Wrack eines Planwagens ragte wie ein halbversunkenes Schiff aus dem Gras. Einen Steinwurf entfernt schimmerte der Indian Creek zwischen den Stämmen knorriger Hickory- und Walnussbäume.

Im Ranchhaus war es angenehm kühl. Trotzdem perlte Schweiß auf Kinsleys scharflinigem Gesicht. Zum fünften oder sechsten Mal füllte er sein Glas.

Da stellte sein Vater die Flasche weg. „Hör auf zu saufen! Damit änderst du auch nichts mehr.“

Kinsley funkelte ihn aufsässig an. „Hättest du mir freie Hand gelassen, wäre alles entschieden.“

„Klar. Dann wären wir jetzt dabei, dein Grab zuzuschaufeln.“

„Dein Vater hat recht, Kinsley“, räusperte sich Youngfield. „Wenn es einen Mann gibt, gegen den nicht mal du ’ne Chance besitzt, ist das Cole Larrigan. Ich habe gesehen wie er …“

„Halt die Klappe!“, fauchte der junge Flint. „Kein Kerl, auch dieser Höllenhund von Marshal nicht, ist gegen ’ne Kugel aus dem Hinterhalt gefeit. Nachdem diese Bastarde Bill aufknüpften, ist mir jedes Mittel recht. Außerdem war’s dein Job, Bill ’nen Aufschub zu verschaffen.“

„Was hätte ich tun sollen? Bill hat sich schuldig bekannt …“

Kinsleys heftige Handbewegung wischte jeden Einwand weg. Sein wütender Blick streifte die am Tisch lungernden Männer, Schießer mit verkniffenen Gesichtern. „Ich könnte euch die Hälse umdrehen, weil ihr auf mich, statt auf McCarson losgegangen seid.“

„Befehl von deinem Vater.“

Kinsley trank das Glas in einem Zug aus und warf es an die Wand.

„Gib mir zehn Mann, Pa, und ich verspreche dir, dass es morgen früh keinen Richter und keinen Sternträger mehr im Colt City District gibt.“

„Sie hätten die Stadt nicht erreichen dürfen. Wir haben nicht nur Freunde dort. McCarson und seine Männer müssen verschwinden, ohne dass wir hinterher die Army am Hals haben.“

„Zum Teufel mit den Blauröcken! Lass sie ruhig kommen. Wir erledigen auch sie.“

„Du bist betrunken!“, wies der Rancher den Sohn scharf zurecht.

Ein Reiter preschte durch den Creek, jagte an den Korrals vorbei und sprang vor dem Ranchhaus ab. Sporenklirrend stürzte er herein.

„Larrigan kommt!“

Sie starrten den Boten an, als sei er übergeschnappt. Keuchend ließ der Melder sich auf einen Stuhl fallen.

„Unmöglich!“, stieß Kinsley hervor. „Du musst dich täuschen, Ron. Wilburn und seine Jungs würden ihn keine zwei Meilen auf unser Gebiet Vordringen lassen.“

„Er hat’s trotzdem geschafft.“

Flint spähte aus dem Fenster. Die Männer am Tisch fuhren hoch, auch der Melder. Nur Youngfield blieb sitzen, ganz vorn auf der Stuhlkante. Nervös drehte er mit beiden Händen den Zylinder.

Der Marshal durchfurtete gerade den Creek. Seine hagere Gestalt bot ein deutliches Ziel. Mit einem Satz war Kinsley beim Gewehrständer. Er packte eine Winchester.

„Lass den Quatsch!“, schimpfte Flint. „Er ist nicht allein.“

Zwei Reiter hoben sich auf einem sonnenverbrannten Hügel jenseits des Creeks ab. Es waren die Deputies Blaine und Haskell.

„Wo steht die letzte Herde, die ihr aus Texas rübergebracht habt?“, schnappte Flint. Kinsley lud die Winchester durch. „Am Wasserloch bei den Yellow Rocks.“

„All right, dann wollen wir mal warten, was er will.“

Hufschlag pochte über den Ranchhof. Gleich darauf verdunkelte Larrigans Gestalt die offene Tür.

„Hallo!“

Die Männer im Haus schwiegen. Kinsley atmete gepresst. Die Haut spannte sich weiß über den Knöcheln seiner Fäuste, die das Gewehr umkrampften.

„Verdammt heiß heute! Meine Kehle ist trocken wie der Llano.“

Flint wies auf die Flasche. „Bedienen Sie sich.“

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937121
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520144
Schlagworte
pulverrauch colt city

Autor

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Titel: Pulverrauch über Colt City