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Redlight Street #123: Puppe Renate und ihr warmes Nestchen

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Puppe Renate und ihr warmes Nestchen

Copyright

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Puppe Renate und ihr warmes Nestchen

Redlight Street #123

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Renate ist resolut, liebenswert und zielorientiert. Schon als Kind war es für sie klar, einmal Nutte zu werden, doch sie hatte ganz genaue Vorstellungen davon. Also beginnt sie als Stripteasetänzerin und arbeitet sich nach oben, bis sie feststellt, dass das Leben nicht nur aus dem Geldverdienen auf dem Strich besteht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Renatchens Laufbahn begann als Stripmieze und endete dann als rollende Knuspermaus, wie sie von Carl-Willi genannt wurde. Sie hatte also schon einige Stationen hinter sich gebracht und war damit langsam ins Alter gekommen, in dem man sich Gedanken machen musste, wie es denn nun weitergehen sollte. Schließlich und endlich bezogen Dirnen in der Regel keine staatliche Rente und auch keine Pension. Außerdem hielten die wenigsten es bis zum fünfundsechzigsten Lebensjahr durch, um dann anschließend gleich in ein öffentliches Altersheim zu kommen.

Andere machten sich mit Ende zwanzig schon Gedanken über die Zukunft, aber Renatchen war zweiunddreißig und dachte jedenfalls im Augenblick noch nicht daran. »Das hat noch so viel Zeit«, meinte sie träge und gähnte. Renatchen konnte auf der Stelle einschlafen, egal wo. Vielleicht hatte sie deswegen noch so eine zarte rosa Haut. Jedenfalls waren die anderen Dirnen richtig neidisch darauf. Nicht mal Pickel hatte sie. Außerdem zierte noch ein Prachtbusen die schlanke Gestalt.

Aber erzählen wir doch zuerst einmal, wie alles angefangen hat, um zum Schluss Renatchen richtig zu verstehen.

Sie wurde nicht, wie so viele Dirnen, zum Gewerbe gezwungen, nein, das konnte Renate nicht von sich behaupten. Überhaupt, sie war ein grundgütiges und gutmütiges Geschöpf. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen, gar nichts.

Geboren war sie in der Nähe vom Fischhafen in Hamburg, und damit hatte sie schon, bevor sie ihre braunen Augen zum ersten Mal geöffnet hatte, eine Art Stempel aufgedrückt bekommen. Dafür hatte sie nichts getan.

Sie war das vierte Kind von Emma und Kuno.

Ihre Eltern wohnten in einem schäbigen Mietshaus, wo die Armut aus den Schlüssellöchern schaute, und die Fürsorgerin ein und aus ging. In diesem Block wimmelte es nur so von Kindern. Sterben oder überleben hieß die Devise, danach richteten sich schon die Kleinsten.

Meistens waren die Väter arbeitslos, tranken in der Regel, und die Frauen waren Schlampen, die man nicht mal mit der Kneifzange anfassen konnte. Wenn sie in die Klinik zur Entbindung kamen, rümpften die Schwestern die Nase. Wenn noch Zeit genug vorhanden war, wurden sie zuerst einmal in die Wanne gesteckt und abgeschrubbt. Die Frauen machten keinen Hehl daraus, dass dies dann so etwas wie ein Freudentag für sie war. Ja, bei manchen Frauen hatten die Schwestern wirklich den Verdacht, dass sie nur so viele Kinder bekamen, weil sie dann einmal im Jahr für acht Tage in die Klinik durften, verwöhnt wurden und baden konnten.

Daheim besaß man ja nur eine schäbige Küche, dort spielte sich das ganze Leben ab. Von einem Bad träumten sie noch nicht mal, das stand für sie in den Sternen. Wenn es hochkam, hatten sie noch zwei Stuben dazu. Wenn die Kinder zu schnell heranwuchsen, war das auch wirklich nötig. Oft aber waren die Größeren schon abgewandert, ins Erziehungsheim wohlverstanden, und machten so den Nachkommen der Alten Platz. Ja, so kam es schon mal vor, dass die Eltern bald selbst nicht mehr genau wussten, wie viele Kinder sie denn nun wirklich besaßen.

Hätte es damals schon so viel Kindergeld gegeben, dann wären sie reich daran geworden. Aber als Renatchen geboren wurde, war der Krieg gerade zu Ende, und man klopfte Steine zurecht, um neue Häuser zu bauen. Damals hatte man noch großartig versprochen, die ganze Straße würde abgerissen, aber es sollte nur beim Versprechen bleiben. Halb Hamburg war zerstört worden. Aber auf diese schäbigen Straßenzüge, die damals schon keinen vertrauenerweckenden Eindruck machten, war nicht eine Bombe gefallen.

Damit hätte man nämlich das Laster empfindlich getroffen, aber vielleicht wollte man das eben nicht, dachte schon an die zukünftige Eroberung Deutschlands. Dann brauchten ja auch die Soldaten eine kleine Freude.

Wie gesagt, schon damals war es nicht fein in dieser Gegend. Und in den langen Jahren hatte sich der Dreck klaftertief eingegraben. Zum Teil waren die Gardinen so schmutzig, dass man sie getrost hinstellen konnte, sie kippten nicht um. Auch die Eckkneipen waren in einem Zustand, dass es, wenn man sie unbedingt aufsuchen wollte, ratsam war, nur Cola in Flaschen zu bestellen, denn dann konnte man noch damit rechnen, einigermaßen gesund herauszukommen.

Renatchen hatte es sehr eilig gehabt, auf die Welt zu kommen, sie wurde zu Hause geboren.

Emma war ziemlich erschrocken und wütend zugleich. Denn wenn das Wurm da war, konnte man schwerlich in die Klinik gehen und sich pflegen lassen. Höchstens den Doktor noch holen, damit er nachsah, ob auch alles richtig war.

Mit Emma und Kuno war das nämlich so: Renate war ihr viertes Kind, doch die anderen drei Kinder waren alle kurz nach der Geburt gestorben. Vielleicht hatten sie schon geahnt, was auf sie zukam. Jedenfalls waren Emma und Kuno noch kinderlos, als sich Renatchen meldete. Emma war baff, denn die Jüngste war sie auch nicht mehr. Sie war schon an die vierzig, und nun sollte sie auf einmal noch ein Kind haben!

Die Nachbarn lachten weidlich, und auch Kuno musste sich allerhand gefallen lassen. Er grinste nur und ging leise, wie es seine Art war, davon.

Kuno hatte sogar eine richtige Arbeit im Hafen, und das schon seit vielen Jahren. Er verdiente zwar nicht viel, aber sie hatten ihr Auskommen. Kuno trank auch nicht, denn er hatte ein Magengeschwür, dafür tat es Emma, wenn Kuno nicht daheim war. Eine kleine Freude brauchte man ja im Leben, sagte sie immer zur Nachbarin.

Kuno war klein, schmal und mickrig, seine Emma dagegen groß und kräftig. Man wunderte sich, wie die beiden zusammengefunden hatten. Aber der Krieg hatte schon viele Merkwürdigkeiten hervorgebracht.

Kuno schlug schon aus diesem Grund seine Frau nicht; also eigentlich eine ganz normale Familie. Dahinein wurde Renate geboren. Die Mutter nahm es nicht so genau mit der Sauberkeit. Die Fürsorgerin war entsetzt und begriff einfach nicht, wie das Kind in diesem Schmutz gedeihen konnte.

Damals schon musste Renate eine zähe Natur gehabt haben. Renate verstand sich durchzusetzen, und ihre Stimme war auch nicht zu verachten.

Mit zwei Jahren sauste sie auf der Straße herum, lernte sehr schnell das Milieu kennen und war mit vier abgebrüht und gerissen. Wenn Fischmarkt war, klaute sie wie sonst keine und erlangte so den Respekt der Größeren. Sie war gutmütig und teilte alles redlich.

So war sie bald eine Respektsperson geworden. Renate war außerdem auch ein helles Geschöpf. Was man ihr einmal sagte, das vergaß sie nie. Außerdem war sie nicht nachtragend, gutmütig wie ein Pferd, nur treten durfte man sie nicht. Das haben ja auch Pferde nicht gern.

Mit sechs kam sie in die Schule. Sie war jetzt schon ziemlich kräftig und gut gebaut und behauptete sich auf dem Schulhof. Die anderen Kinder wagten erst gar nicht, sich mit Renate anzulegen. Wenn sie nur regelmäßig gelernt hätte, wäre bestimmt noch etwas aus ihr geworden. Aber davon hielt sie eben nicht viel, Schularbeiten waren in ihren Augen überflüssig. Dass sie trotzdem nie sitzenblieb, verdankte sie ihrem scharfen Verstand.

Die Lehrerin meinte es gut mit ihr und fragte sie einmal freundlich: »Renate, wenn du nur mehr lernen würdest, dann würdest du später mal einen guten Beruf bekommen. Ich würde dir sogar dabei helfen.« Wusste sie doch, wie schwer es Kinder aus diesem Milieu hatten, festen Fuß zu fassen. Aber für dieses Kind lohnte es sich wirklich.

Renate war damals zehn und hatte schon feste Vorstellungen vom Leben.

»Ich weiß schon, was ich werd, da brauchen Sie mir nicht zu helfen«, sagte sie selbstsicher.

»Ja, was willst du denn werden, Renate?«

»Ich werd ein Winkgirl«, sagte sie mit entwaffnendem Lächeln.

Die Lehrerin verstand nur Bahnhof.

»Wie bitte?«, fragte sie verdutzt.

»Ecken-Nymphe, Vielzweckdame.« Ihre Stimme klang richtig feierlich, sie war stolz auf sich, dass sie die Ausdrücke so gut behalten hatte.

Selbst bei der Lehrerin war jetzt endlich der Groschen gefallen.

»Renate«, hauchte sie, »aber … ist das wirklich dein Ziel?«

»Klar«, sagte sie strahlend, »die Lilian, die hat mir schon alles erklärt. Damit kann man viel Geld machen, ehrlich, und Lehrzeit und so was Blödes, das braucht man dazu gar nicht. Sie sehen selbst, wozu soll ich da viel lernen, die wollen bestimmt nicht wissen, wie die Hauptstadt von Schweden heißt und all so‘n Kram. Hauptsache ist, sagt Lilian, ich kann lesen, schreiben und vor allen Dingen rechnen. Also rechnen, das muss man schon können, sonst wird man bloß ein Drei-Minuten-Girl, oder eine Dockschwalbe, und die verdienen ja längst nicht so viel. Ich will eine Profi-Puppe werden, verstehen Sie? Ganz war Großes.«

Die Lehrerin konnte nur noch das Fenster aufreißen und nach Luft schnappen. Sie war ja schon viel gewöhnt, aber das aus dem Mund einer Zehnjährigen, also das war wirklich ein starkes Stück.

»Wer ist denn um Himmels willen diese Lilian?«

»Das ist eine Straßenratte, sagt Lolle, aber der ist ja bloß neidisch, weil sie ihn nicht liebt.«

Behutsam tastete die Lehrerin sich jetzt vor. So erfuhr sie von Renate, dass Lilian erst sechzehn war, einen todschicken Pelzmantel hatte, Imitation natürlich, drei Perücken und die schönsten Stiefel, dazu ein paar Röcke, die sich auch sehen lassen konnten. Außerdem hatte sie immer so viel Geld bei sich, dass sie nicht hungern musste.

In den Augen des Kindes war Lilian anscheinend ein hinreißendes Geschöpf, dem es unbedingt nacheifern wollte. Lolle war Kleinstzuhälter, ziemlich pickelig und oft sehr wütend. Er wollte natürlich Lilian für sich beanspruchen, aber sie lachte ihn nur aus und drohte ihm, wenn er sie nicht in Ruhe ließe, mit dem großen Bruder. Da sie davon eine ganze Menge besaß, fehlte ihm der Mut, sich mit ihr anzulegen, und er nannte sie aus Bosheit deswegen Straßenratte, für eine Dirne war das ein Schimpfwort.

Die Lehrerin entließ das Kind. Aber damit war es nicht abgetan. Sie mochte Renate wirklich gern, und es brannte ihr auf der Seele, dass dieses Kind solche Wünsche hegte. Deshalb nahm sie sich vor, die Eltern des Kindes zu besuchen. Die Mutter musste zumindest ein Machtwort sprechen, sonst würde das Kind tatsächlich noch in die Gosse abrutschen. Sie wusste doch aus Erfahrung, dass die Zuhälter auf der Lauer lagen und solche jungen Dinger in die Mangel nahmen. Außerdem war zur damaligen Zeit der Mädchenhandel noch sehr stark. Jetzt wird zwar behauptet, es gäbe ihn nicht mehr, aber das stimmt auch nicht.

 

 

2

Am nächsten Tag sagte die Lehrerin zu Renate: »Ich gehe heute deine Mutter besuchen. Würdest du ihr das bitte mitteilen, dass sie auch daheim ist, wenn ich komme?«

Renate legte den Kopf schief.

»Also heute, da würd‘ ich nicht kommen, Fräulein, das lohnt sich nicht.«

»Ist deine Mutter nicht da?«

»Doch, aber Kuno hat Tagschicht, und das nutzt Emma immer aus und säuft. Wenn ich nach Hause komme, wird sie betrunken sein, da können Sie nicht mit ihr reden.«

Du meine Güte, dachte die Lehrerin bestürzt. Das gibt es doch nicht. Sie war noch neu in diesem Viertel und wusste nicht, wie die Schüler und Schülerinnen wirklich lebten.

»Wann soll ich denn kommen?«

»Übermorgen, dann hat Kuno Nachtschicht und ist am Tag daheim, da säuft sie nicht.«

»Renate, das heißt nicht saufen. Ein Tier säuft, ein Mensch, der trinkt nur.«

Sie grinste. »Unser Nachbar hat aber gesagt: Die Emma, die säuft sich noch zu Tode.«

Die Lehrerin gab es auf.

Zwei Tage später stieg sie die vier Treppen zur Wohnung von Renates Elfern hinauf. Oben auf dem Absatz stand Renate und führte sie in die Wohnung. Das Kind hatte zuvor versucht, ein wenig Ordnung zu machen. Aber viel hatte es nicht genützt. Renate hatte der Mutter geduldig erklärt, sie solle bloß nicht in Gegenwart der Lehrerin fluchen, diese würde dann immer verlegen. Sie sei ganz in Ordnung und glaube, sie müsse sich halt um sie kümmern.

So stand Emma am Schrank, war ziemlich nervös und zupfte dauernd an ihrer Schürze herum. Sie wusste auch nicht, ob sie dem Fräulein etwas anbieten durfte.

Die Lehrerin erklärte nun der verdutzten Emma, dass ihr Kind recht gut lerne und sie doch mehr auf sie aufpassen müsse, dann würde sie die Schule mal mit einem guten Zeugnis verlassen und bestimmt eine gute Stellung erhalten. Renate müsse davon abgehalten werden, auf die Straße zu gehen. Dort habe sie ganz bestimmt keinen guten Kontakt.

Emma blickte das Fräulein an. Durfte sie jetzt wohl sagen, dass Renate eigentlich immer unten auf der Straße war? Nur zum Schlafen heimkam? Ja, nicht mal immer zum Essen. Sie trieb ja immer irgend etwas auf.

»Ach, wissen Sie, Fräuleinchen, das hört sich so einfach an, aber was meine Renate ist, die lässt sich doch nix sagen, und dann, wo soll sie denn hin, um frische Luft zu schnappen? So junge Dinger kann man doch nicht immer hier einsperren, nee, nee, das geht doch wirklich nicht. Die wird mir ja dann ganz rammdösig, wirklich.«

Die Lehrerin konnte auch nicht sagen, wo Renate sonst hingehen konnte, weit und breit war ja nur die Stadt und gar nicht weit sogar die Reeperbahn und die berühmte Herbertstraße.

»Wissen Sie auch, was sich Ihre Tochter vorgenommen hat, was sie mal werden möchte?«

»Wirklich? Das weiß sie jetzt schon?«, war die neugierige Antwort.

»Sie möchte, ich mag es kaum aussprechen, aber sie möchte Dirne werden. Das geht doch nicht! Also wirklich, das ist untragbar, deswegen müssen Sie schon auf Ihre Renate mehr aufpassen.«

Emma, die Mutter, war kein bisschen erschrocken. Sie legte den Kopf schief, blickte das Kind von der Seite an und meinte: »Ach nee, wirklich? Also, ich hab ja nie Chancen gehabt, war nicht hübsch genug, sie haben nur immer Trampel zu mir gesagt. Also die Renate, tja, wenn ich sie mir so anseh‘, niedlich sieht sie ja aus, nicht?«

Die Lehrerin war so entsetzt, dass es ihr für einige Augenblicke die Sprache verschlug. Selbst die eigene Mutter war mit Renates Vorstellungen einverstanden.

»Wissen Sie eigentlich, was Sie da sagen?«

»Junges Frauchen«, sagte Emma würdevoll, »Sie verstehen das Leben nicht richtig. Wenn unsere Renate auch kluge Gedanken im Koppe hat und ein feines Zeugnis bekommt, ja, glauben Sie denn wirklich, sie wird irgendwo angenommen? Wer hier geboren ist und lebt, der kann froh sein, wenn er ein gutes Nüttchen wird, jawohl. Wenn sie nämlich dazu nicht fein genug oder zu dämlich ist, dann muss sie als Klofrau und Ata-Girl ihr Leben fristen. Und das sag ich Ihnen, als Scheuerfrau, da hat man es nicht einfach im Leben. Immer, tagein, tagaus, den Dreck anderer Leute wegmachen, wissen Sie eigentlich, was das bedeutet? Sehen Sie mich an, ich hab das lange tun müssen, jawohl, bis ich meinen Kuno kennengelernt hab. Gott sei Dank hat er Arbeit, sonst müsste ich wie die andern Frauen hier im Block auch noch losziehen. Ne, wenn sie es schafft, dann ist sie aus dem Schneider raus, dann verdient sie feines Geld und hat ein ruhiges Leben. Sie strengt sich nicht groß an, und die Fluppen rollen nur so heran, das ist ein feines Leben, Fräuleinchen.«

Die Lehrerin hatte endlich begriffen. Diese Menschen waren wohl aus einem anderen Holz geschnitzt, sie hatten eine ganz andere Moralvorstellung. Von Kindesbeinen an sahen sie darin ein Wunschziel. Wo andere entsetzt sich abwandten, da griffen sie gierig hin.

Ihre Bemühungen waren zwecklos.

Sie wandte sich noch einmal an das Kind.

»Renate, du kannst dich immer auf mich verlassen. Wenn du mal jemanden brauchst, dann kannst du zu mir kommen, hörst du?«

»Klar«, sagte sie freundlich, »klar, das weiß ich doch.«

Als die Lehrerin gegangen war, sagte Emma: »Hast du kapiert, was die nun wirklich wollte?«

»Klar«, sagte Renate, »aber jetzt reden wir nicht mehr darüber.«

»Bist du wirklich so helle in der Schule?«

»Ja, kann schon sein.«

»Also«, sagte Emma, »dann haste das von mir. Mein Vater, der hatte auch einen klugen Kopf, jawohl. Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass er eine eigene Werkstatt besaß? Und eine richtige schöne Wohnung?«

Sie hatte es schon zehntausend Mal gesagt, und Renate wusste auch, dass der Großvater Schuster gewesen und im Krieg gefallen war. Das Haus war zerbombt worden, und dann war auch bald die Großmutter gestorben, und Emma hatte sich mit Ach und Krach durchs Leben geschlagen, bis sie ihren Kuno kennenlernte.

»Dann will ich jetzt mal die Kartoffeln aufsetzen. In ‘ner Viertelstunde steht Kuno auf, und du weißt ja, er meckert immer, wenn er nicht gleich was zu beißen hat.«

Damit war das Gespräch beendet.

 

 

3

Renate ging auch weiterhin zur Schule, das hieß, wenn sie etwas anderes vorhatte, dann schwänzte sie einfach den Unterricht. Sie blieb trotzdem eine gute Schülerin, war freundlich zur Lehrerin, aber ansonsten hatte sie so ihre eigenen Gedanken. Ja, sie stand mit beiden Beinen mitten im Leben, und sie war eine gute Beobachterin. Das blieb ja auch nicht aus. Und hier in diesem Viertel konnte sie auch wirklich gute Studien machen.

Nicht weit entfernt floss die Elbe vorbei, schmutzig und grau wälzte sie sich durch das Häusermeer. Einen richtigen Wald hatte Renate bis jetzt noch nicht zu Gesicht bekommen. Sie kannte auch nicht das Gefühl, über eine Wiese zu laufen.

Aber sie wusste, wenn man eine Dockschwalbe war, dann war man eine ganz miese Nutte. Oft genug hatte sie schon gesehen, wie die Matrosen sich lustig mit diesen Mädchen abgaben, und wenn die dann ihr redlich verdientes Geld verlangten, wurden sie gründlich verprügelt. Das gab dann ein Gekreische und Gejaule, und sie traten und kratzten und fluchten nicht schlecht. Renate wusste längst, wer unten am Dock stand, der war entweder ausgeflippt, hatte nicht alle Schrauben fest angezogen, oder musste zur Strafe dort anschaffen. Denn die Zuhälter, die kannte sie natürlich auch schon. Und sie wusste, dass die Mädchen nur derentwegen so wild auf das Geld waren. Denn wenn sie ihr Soll nicht erfüllt hatten, bekamen sie noch einmal Prügel. Nein, die waren wirklich nicht zu beneiden. Aber oft kam es auch vor, dass das Schiff mit den Matrosen, die sich vorm Zahlen gedrückt hatten, noch eine weitere Nacht am Kai lag. Dann legten sich die Zuhälter auf die Lauer. Mit ihren Miezen, wohlverstanden. Verstecke gab es in der Dunkelheit ja genug. Und kamen sie dann vom Schiff gesprungen, diese bösen Buben, dann waren sie bald in eine schöne Keilerei verwickelt. Natürlich hatten sich die Luden Verstärkung geholt. Dass die Polizei nach einer Weile ebenfalls mitmischte, das gehörte einfach dazu.

Nein, eine Hafendirne würde sie nie werden. Dazu stank es ihr da unten schon viel zu sehr. Außerdem trieben diese Dirnen sich auch noch auf dem Fischmarkt herum. Nein, Renate hatte feste Vorstellungen von ihrem künftigen Leben.

Lilian, wenn sie mal gerade frei und nichts anderes zu tun hatte, konnte noch recht kindlich sein mit ihren sechzehn Jahren. So kam es schon mal vor, dass sie mit den Kindern aus den umliegenden Blocks irgendwo auf einer ausgetretenen Treppenstufe hockte und ihre Weisheit säckeweise unter das junge Volk schüttelte.

Sie wurde von all den jungen Dingern angebetet, bloß weil sie mal wieder ein neues Kleid besaß. Aber wie ihr Leben wirklich war, wie gemein und widerlich ihr derzeitiger fester Freund war, wie hart es war, wenn man eine Bordsteinschwalbe war, das sagte sie natürlich nicht. Sie erzählte von dem großen Leben hinter der Mauer in der Herbertstraße, und sie tat so, als mische sie kräftig mit.

»Das sag ich euch«, nuschelte sie, »also da ist doch tatsächlich mal so ein Knilch zu mir gekommen, und der hat doch wirklich gedacht, ich sei eine Peitschenkatze. Mensch, dem hab ich aber Beine gemacht. Nein, so was auch nur zu denken, am liebsten hätte ich dem die Augen ausgekratzt.«

Das Wort war neu, das hatten sie noch nicht gehört. Nicht mal Renate, und das sollte doch wirklich was heißen.

»Peitschenkatze, wieso?«

»Mensch«, sagte Lilian herablassend und pustete sich das gefärbte Haar aus den Augen. »Hast du eine Ahnung. Mit diesen Knilchen darf man sich nicht einlassen, da kannste bald dein Testament machen. Da ist es zappenduster, verstehste.«

»Du hast noch immer nicht gesagt, was das ist.«

Lilian tat sehr wichtig und hochmütig. Sie sah in die Runde und meinte dann von oben herab: »Sagt jetzt bloß, ihr wisst das nicht?«

»Würden wir sonst fragen?«, sagte die zickige Lisbeth.

Lilian kicherte.

»Na ja, ihr seid ja noch junges Gemüse, kennt die große Welt noch nicht. Aber ich, ich spazier‘ ein und aus dort drüben, jawohl. Ihr dürft ja noch nicht rein.« Lilian verschwieg wohlweislich, dass sie ständig auf der Flucht vor der Polizei war. Denn die Herbertstraße durften nur Jugendliche ab achtzehn betreten, und Frauen auch nicht, nur wenn sie Dirnen waren. Lilian war eine Dirne, aber noch keine achtzehn, und die Polizisten aus dieser Gegend, die kannten ihre Pappenheimer.

»Also das ist eine Nutte, die sich auf perverse Kunden spezialisiert hat. Die haben so ihre Sonderwünsche, wollen geschlagen werden und so. Das kann natürlich auch für die Nutte gefährlich werden.«

Renate liefen kalte Schauer über den Rücken.

»Sie haut ihre Kunden?«, lispelte sie.

»Klar und je doller, um so glücklicher sind ja die Knilche.«

»Aber sind die denn nicht furchtbar wütend?«

»Nee, die wollen das doch, klar, sonst können sie doch nicht mehr lieben. Deswegen kommen sie doch extra. Anders läuft bei ihnen überhaupt nichts mehr. Die Meta, die macht das in Nummer acht.«

Lisbeth legte den Kopf schief.

»Hör mal, das bringt doch sicher auch ganz schön was ein. Warum willst du das denn dann nicht tun?«

Lilian machte ein hochmütiges Gesicht. »Mein derzeitiger Freund verbietet mir das. Weißte, die haben nämlich nicht mehr alle Tassen im Schrank, diese Freier. Das kommt schon auch mal vor, dass sie den Spieß umdrehen, und dann kloppen sie ihrerseits auf der Nutte herum, dass die nur so kreischt. Aber das ist noch nichts, nee, wenn sie im Rausch sind, dann können sie die Nutte sogar abmurksen. Das geht nämlich ganz fix, und du hast dann keine Chance, ehrlich nicht.«

Wieder liefen den Mädchen kalte Schauer den Rücken herunter.

»Aber die Meta lebt ja noch immer«, sagte Renate.

»Ja«, sagte Lilian gedehnt, »erstens ist das ja auch ein kräftiges kapitales Weib, und zweitens führt die eine Kundenkartei, kapiert? Das wissen die Freier. Der Puffwirt, der weiß also immer Bescheid, wer grad oben bei Meta ist. Und wenn ihr mal wirklich was passieren sollte, dann wissen die Bullen also sofort, wer es gewesen ist. Das schreckt die Kunden natürlich davon ab, sie umzubringen. Und sie nimmt auch nur Stammfreier, die wiederum dürfen mal Freunde mitbringen, aber von denen lässt sie sich Personalausweis und so was vorlegen, anders macht sie das nicht.«

»Mensch, und das machen die wirklich? Ich denke, die Freier die haben immer Angst, erpresst zu werden.«

»Natürlich, aber bei Meta ist das nicht drin, und der Freund, der den neuen Kunden einführt, der ist ja Garantie genug. Und dann, denen bleibt doch nix anderes übrig, die müssen ja gehen, kapiert?«

»Nee!«

»Also die können doch nicht die Straße rauf und runter latschen und sich eine andere suchen, wie das sonst so üblich ist. Da gibt es fast keine Konkurrenz für die Meta, das wissen die Kunden. Darum sind sie doch auf Meta angewiesen, und sie kann es sich also leisten, linke Kunden wegzuschicken.«

Renate hatte einen ganz trockenen Mund. Noch konnte sie sich das alles gar nicht wirklich vorstellen. Noch hatte sie mit keinem Jungen geschlafen. Einige hatten sich schon für sie interessiert, aber Renate hatte sich auf nichts eingelassen.

»Tja«, sagte sie nachdenklich.

»Also, seht euch vor«, sagte Lilian. »Ja, ja, so ist das Leben, aber nun muss ich weiter. Ich muss noch einkaufen, und dann fängt mein Job auch wieder an.«

Kaum war sie verschwunden, tauchte auch schon wieder Lolle auf. Wieso er diesen Namen trug, wusste keiner mehr so recht zu sagen. Man erhielt einen Spitznamen, und der verfolgte einen, solange man in diesem Viertel hier lebte.

»War Lilian nicht eben hier?«

»Klar doch.«

Lolle befand sich gerade in seinem Pickelstadium, und ein paar nannten ihn schon deswegen Streuselkuchen, aber das nur, wenn er es nicht hörte, denn er konnte recht gemein werden.

»Verflixt, ich wollte sie was fragen.«

Renate erhob sich. »Ich muss jetzt gehen.«

Lolle sah das lang aufgeschossene Mädchen nachdenklich an. Sie war jetzt schon dreizehn und hatte einen hübschen Busen. Alles, was man jetzt so sehen konnte, ließ erwarten, dass sie mal ein ganz passables Mädchen wurde. Nur hatte sie im Augenblick noch zu lange Arme und Beine.

»He, Renate, warte mal.«

Sie blieb stehen und drehte sich um.

Lolle kam näher, grinste sie an und meinte: »Haste schon einen Freund?«

Renate pustete die Backen auf.

»Nee«, sagte sie ruhig, »aber dampfe ab, ich lass mich nicht mit so kleinen Jungen ein, verstehste, und Zuhälter und so, nee, da wirste mich nicht kriegen.«

Lolle wollte wütend werden, aber dann sah er die ganze Blase um sich herum aufgebaut, und er wusste, keiner war für ihn. Also trollte er sich wieder.

Lisbeth grinste: »Haste bemerkt, der hatte die Hosen voll.«

Paula meinte: »Mensch, hätte ich auch, mit Renate kann man sich doch nicht einlassen.«

Diese lächelte freundlich: »Aber der weiß es doch noch gar nicht.«

Die anderen kicherten. »Also ist er so losgezockelt. Hahaha, das ist ja köstlich.«

Die Sache war nämlich so: Renates Turnlehrer hatte seinen Schülern vor einiger Zeit erzählt, er sei im Judoclub, und wer Lust hätte, der könne mitmachen. Es sei ein hübscher Spaß.

Renate war aus lauter Langeweile hingegangen, und dann hatte sie gemerkt, was man damit alles anfangen konnte, und so hatte sie denn richtig verbissen angefangen zu lernen. Und wenn sich Renatchen mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es für sie kein Halten. Bald war sie die Lieblingsschülerin des Lehrers, und er lobte sie über die Maßen. Renate wollte nun ihre neuen Künste erproben und versuchte es also auf der Straße. Natürlich suchte sie sich dafür die größten und kräftigsten Jungen aus, mit den schwächeren gab sie sich gar nicht erst ab. Als die hörten, Renate wolle mit ihnen raufen, lehnten sie erst einmal ab. Aber sie ließ nicht locker, und als alles nichts half, reizte sie die Buben so gründlich, dass sie rot sahen und sich in ihrem Zorn auf sie stürzten. Aber ehe sie sich versahen, lagen sie auf der Straße, zur Gaudi aller Mädchen im Viertel. Natürlich sprangen sie sofort wieder auf, glaubten, sie seien ausgerutscht, und versuchten noch einmal ihr Glück. Aber wieder landeten sie bäuchlings in der Gosse.

Nun versuchten es die anderen Jungen, und zu dritt stürmte man auf Renate ein. Da sie ja nur immer ein paar schnelle Griffe anzuwenden brauchte, schaffte sie auch die drei. Da waren sie völlig verblüfft und fragten nun, wieso sie so stark sei. Renate war natürlich richtig stolz und fand, sie habe zum ersten Male in der Schule etwas gelernt, was ihr von Nutzen sein würde.

Den staunenden Buben wurde nun erzählt, dass sie Judokünstlerin sei. Das sollte für die Zukunft wirklich noch ausschlaggebend für sie sein. Denn das war ein Abschreckungsmittel nicht nur für die Kunden, wenn sie rabiat werden wollten, sondern auch die Zuhälter sollten sich deswegen an Renate noch die Zähne ausbeißen.

Lolle also wusste noch gar nicht, dass es nicht gut war, sich mit Renate anzulegen. Er dachte sich einen Plan aus, wie er an sie herankommen könnte. Denn er merkte sehr wohl, dass sie bald flügge werden würde. Dieses Mädchen sollte ihm kein anderer Zuhälter wegschnappen.

 

 

4

Mit vierzehn verließ Renate die Schule, ohne einmal sitzengeblieben zu sein. Das wollte wirklich etwas heißen. Und das Zeugnis war recht ordentlich. Aber damals gab es kaum Lehrstellen, und für Kinder aus dem Dirnenmilieu schon gar nicht. Renate aber wollte arbeiten, sie wollte nicht noch länger Emma und Kuno auf der Tasche liegen. Außerdem sehnte sie sich danach, hübsche Sachen zu tragen, und wenn es irgendwie ging, wollte sie auch eine eigene Wohnung mit Bad. Das war einfach ihr Traum, ihr Tick. Sie sprach immer von einem Bad. Ganz bestimmte Vorstellungen hatte sie in dieser Richtung schon. Man zog sie schon damit auf, doch Renate machte sich nichts daraus.

Mit vierzehn war sie aber noch nicht so hübsch, wie sie sich in ihren Träumen sah. Also konnte sie auch wohl noch nicht als Luxustülle losspazieren, außerdem, sie hatte noch keine Erfahrung.

So klapperte sie die Große Freiheit ab, klopfte an den Hintertüren und fand einen Job in einer Gaststätte, als Tellerwäscherin. Unverdrossen krempelte sie sich die Ärmel auf und spülte die ganze Nacht schmutziges Geschirr. Der Lohn war nicht umwerfend, aber sie hatte eigenes Geld, bekam soviel zu essen, wie sie wollte, und war immer nett und ausgeglichen. Sie wurde sofort anerkannt und hatte keine Schwierigkeiten.

Dann kamen Kontrolleure vom Gesundheitsamt und ließen das Gasthaus schließen, weil hin und wieder ein paar Ratten in der Küche waren. Das verstand Renate überhaupt nicht. Mit diesen Tieren war sie doch buchstäblich groß geworden. Da hätten die Beamten mal erst in die Blocks kommen sollen.

Ihren nächsten Job fand sie in einem Nachtclub, auch in der Küche. Zwischendurch hatte sie manchmal kleine Pausen zum Ausruhen, dann stand sie immer weit im Hintergrund und schaute sich das Programm an. Natürlich hatte der Club Mädchen vorzuzeigen. Aber die derzeitige Stripteasetänzerin war wirklich ein faules Stück und riss niemand vom Hocker. Doch der Chef konnte keine neue auftreiben.

Jede Nacht sah Renate das gleiche Programm. Jetzt war sie nicht mehr Spülmädchen, sondern half dem Koch mit, dabei lernte sie so nebenbei auch kochen. Der Mutter hatte sie ja oft geholfen oder hatte sie vertreten, wenn Emma mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte, um für Kuno zu kochen. Die Grundkenntnisse brachte sie also mit, und der Koch war sehr zufrieden mit ihr.

»Kannst es noch mal zu was bringen, Renate, wenn du so weitermachst. Hast ein kluges Köpfchen.«

»Ich soll Köchin werden?«

»Ja, willst das denn nicht?«

»Nee«, sagte sie nur.

»Was willste dann werden?«

»Zuerst, na, ich will zuerst mal Stripmieze werden. Was die da vorn kann, das kann ich schon lange, außerdem bin ich viel gelenkiger.«

Das war sie vom Judo her. Den Sport betrieb sie noch immer mit eiserner Energie. Der Lehrer wollte sie mit zu Sportveranstaltungen nehmen, schließlich war sie seine beste Schülerin, aber davon wollte sie nichts hören.

Der Koch aber hatte keine Ahnung und lachte sie gutmütig aus.

»Kannst ja mal üben.«

»Mach ich auch«, sagte sie freundlich.

Wenige Tage später waren sie ziemlich früh daran, die Bar war noch nicht geöffnet, die Musiker waren aber zur Stelle. Der Koch wollte sich mit dem jungen Mädchen nur einen Spaß machen, ihr außerdem zeigen, wie unmöglich es ist, wenn man nach Trauben greift, die viel zu hoch hängen.

»Wie ist es denn?«, fragte er lachend. »Leg doch mal was aufs Parkett. Die Musiker machen bestimmt mit.«

»Ich soll wirklich?«

»Klar, musst aber die Schürze abnehmen, sonst stolperst du noch darüber.«

»Mach ich«, sagte Renate. Daheim hatte sie oft genug geübt, was die Mieze da jeden Abend vortrug. Sie konnte es allmählich auswendig, fand es schon richtig blöde.

Der Koch sprach mit den Musikern, die feixten nicht schlecht. Üben mussten sie ja, also würde man nebenbei noch seinen Spaß daran haben. Renate kletterte also auf die kleine Bühne, sah sehr ernsthaft die Musiker an und wartete auf ihren Einsatz. Sie spielten auf.

Renate begann, aber es dauerte nicht lange, da brachte sie eine regelrechte Parodie auf die Werner‘sche, die derzeitige Striptänzerin. Sie lachten und lachten. Was Renate zeigte, das war urkomisch, und zugleich bot sie es so hervorragend dar wie ein Künstler, der vorgibt, schlecht Geige zu spielen, aber ein hervorragender Virtuose ist.

Sie alle bemerkten gar nicht, dass der Boss der Bar inzwischen eingetroffen war. Zuerst wollte er mit einem Donnerwetter dazwischenfahren, aber dann ließ er die Renate erst einmal zu Ende tanzen. Seine Augen zogen sich zusammen. Er hatte sie so noch gar nicht betrachtet. Sie täuschte nur den Strip vor, aber es war einfach umwerfend. Und auch er musste bald herzlich lachen.

Er suchte schon lange eine neue Nummer, und plötzlich hatte er eine Idee.

Renate sackte atemlos in sich zusammen. Sofort kam der Boss des Hauses näher. Die Musiker waren ein wenig ängstlich. »Wir haben uns nur einen Spaß gemacht«, meinte sie entschuldigend.

Auch der Koch sagte hastig: »Komm, Renate, jetzt müssen wir uns wieder an die Arbeit machen.«

»Halt«, sagte Bollmann. »Bleib mal stehen, Kleine.« Er umrundete sie und sagte dabei: »Bist du schon mal irgendwo aufgetreten?«

»Nee!«

»Woher kannste das denn?«

»Och, ich hab bloß öfter zugeschaut, nur so.«

»Du bist direkt ein Naturtalent, und das hab ich noch nicht mal bemerkt. Hör mal, willste das heute Nacht mal genauso machen? Kriegst ein paar Klamotten dafür, dann musste aber auch einen halben Strip hinlegen. Aber genauso, wie du das eben gemacht hast, erst so ein bisschen bollerisch. Ja, das wird die Masche sein. Zuerst kommt die Werner‘sche, und dann parodierst du sie auf deine Art und Weise. Wollen doch mal sehen, was das Publikum dazu sagt.«

»Und wer schält mir die Kartoffeln?«, maulte der Koch.

»Ach, dafür kriegen wir schon jemanden. Ruf die Besenhexe an, die ist doch schon mal eingesprungen.«

»Was krieg ich denn dafür?«, wollte Renate wissen.

Bollmann war schon am Ausgang und wollte seinen Ohren nicht trauen. Diese kleine Schlange!

»Ich geb‘ dir eine Gelegenheit, Kleine, weiter nichts. Es kann ja auch ein Reinfall sein.«

Renate hopste von der Bühne, strich sich das Kleidchen glatt und sagte dann ruhig: »Dann bleib ich in der Küche. Ausbeuten lasse ich mich nämlich nicht.«

Mensch, dachten die Musiker, die redet richtig mit dem Alten. Die hat Schneid, das kleine Luder.

Bollmann lief rot an, aber in den Augen der Kleinen bemerkte er auch die eiserne Energie. Sie würde es nicht tun, das fühlte er.

»Hör zu, wenn die Leute klatschen, kriegste Fünfzig bar auf die Hand. Ist das ein Angebot?«

»Für den Augenblick, ja.«

Seelenruhig wanderte sie jetzt in die Kabine und suchte sich die richtigen Sachen heraus. Die Kleider für die Animierdamen gehörten nämlich der Bar.

Die Werner‘sche bekam beinahe einen Tobsuchtsanfall, als sie hörte, sie sollte mit dem Küchenmädchen den Abend bestreiten. Ihr Geschrei durchdrang sämtliche Räume. Bollmann lehnte an der Tür, schnippelte an seinen Fingernägeln herum und ließ sie eine Weile toben. Aber als sie gar nicht aufhören wollte, sagte er träge: »Ich will dir mal was sagen, ich geb‘ der Kleinen eine Chance. Du ziehst ja nicht mehr besonders, bist schon mächtig faul geworden. Also, es liegt an dir, ob sie morgen auch noch auftritt. Wenn du jetzt besser wirst, dann pfeifen sie die Kleine aus, und die Sache ist ausgestanden.«

Ihr Mund klappte zu. »Ist das wahr?«

»Ehrenwort, ich will mich ja nicht blamieren.«

Sie grinste überlegen. »Also so ist das. Nun ja, hättest mir‘s ja gleich sagen können. Kannst die Kleine schicken, ich geb‘ ihr dann noch ein paar Tipps, damit sie nicht gar so blöde da herumtrampelt.«

Bollmann dachte: Ein Glück, dass sie Renate nicht gesehen hat, sonst würde sie mir jetzt die Augen auskratzen.

Renate hörte sich alles ruhig an. Sie nickte dankbar und verzog sich dann. Die Werner‘sche blickte ihr nach. Schon die Kleidung, die sie sich ausgesucht hatte, war einfach unmöglich. Zu dem schwarzen Haar ein lila Blüschen, dann der unmöglich geblümte Rock und die dunklen Schuhe. Alles wurde schon lange nicht mehr getragen und war aus der Mode. Sie sah wirklich wie eine Vogelscheuche aus. Selbst Bollmann bekam einen roten Kopf.

»So willst du doch wohl nicht auftreten? Wirf bloß die Klamotten weg.«

»Nee«, sagte Renate und schaltete auf stur. »Das ist mein Bier. Ich hab mir was aus gedacht, also lass mich.«

Jetzt ärgerte er sich schon, dass er ihr dieses Angebot gemacht hatte. Aber lange konnte er sich nicht mit ihr streiten, denn die Bar war schon geöffnet. Und sie war ausgerechnet heute gut besucht. Die Animiermädchen hatten schon mit ihrer Tätigkeit begonnen. So gegen zehn lief immer die erste Stripnummer. Auf der Großen Freiheit gab es viele Lokale dieser Art. Zwar noch nicht so viele wie heute, aber für damalige Verhältnisse, gleich nach dem Krieg, doch schon eine ganze Menge.

Die Werner‘sche stand schon hinter dem Vorhang und wartete auf ihren Einsatz. Sie hatte für die kleine unscheinbare Maus nur noch einen verächtlichen Blick. Jetzt wollte sie mal dem Bollmann zeigen, was noch alles in ihr steckte. Dazu hatte sie vorher schnell ein paar Pillen genommen, denn ohne Aufputschmittel schaffte sie es schon lange nicht mehr. Sie hatte sich zu sehr verausgabt.

Gleich darauf kam ihr Einsatz, und sie schwebte nach draußen. Man sah sich die Nummer an, klatschte müde, mehr aus Gewohnheit als vor Begeisterung. Außerdem, so toll war ihre verlebte Figur auch nicht mehr.

Sie strengte sich wirklich an. Renate stand hinter dem Vorhang und betrachtete sich alles ganz genau. Als die Nummer zu Ende war, ging die Werner‘sche erschöpft von der Bühne. Die Musiker machten eine leichte Einlage, dann spielten sie die gleiche Musik für den Strip noch einmal. Renate ging auf die Bühne. Der Vorhang hob sich. Die Männer blickten das Mädchen verblüfft an.

Sofort erschollen Buhrufe und Pfiffe. »Hau ab, geh ins Kornfeld«, schrien ein paar aus dem Hintergrund. Die anderen lachten dazu.

»Sind wir hier im Altersheim, oder was ist los?«

Eine andere wäre vielleicht vor Scham fortgelaufen, aber wie gesagt, Renate konnte unglaublich stur sein. Die Musiker zögerten. Sie blickte den Dirigenten an. Er nickte kurz, und dann begann man mit dem Stück noch einmal.

Renate begann die Werner‘sche nachzuahmen. Die Pfiffe hörten zumindest auf. Langsam begann man sich wirklich für das Mädchen da oben zu interessieren. Zuerst mit einem Auge, aber dann mit wachsender Spannung und Begeisterung. Erstes Gelächter war zu hören.

Renate war noch kurioser als vorhin. Jetzt trug sie ja die richtige Kleidung, und sie legte den Strip so an, als würde der Reißverschluss klemmen, die Knöpfe sich verheddern und als versuchte sie eben verzweifelt, das zu überspielen. Die Werner‘sche im Hintergrund wollte sich vor lauter Überlegenheit totlachen. Sie hatte es ja gewusst, der Bollmann hatte sich bis auf die Knochen blamiert.

Die Männer lachten schallend und fingen an zu klatschen. Es war auch wirklich so urkomisch, das junge Ding da oben auf der Bühne, und dann die Grimassen dazu, als würde sie um Hilfe bitten. Ein Gast sprang tatsächlich auf die Bühne und machte sich am Reißverschluss zu schaffen, der natürlich sofort funktionierte. Sie bedankte sich mit einem artigen Knicks. Jetzt raste die Bar, und man klatschte schon im Takt, denn man merkte, das war nur eine Schau, aber eine grandiose, perfekte, völlig andere Schau. Und dann die Parodie auf die Vorgängerin. Sie lachten, bis ihnen die Tränen kamen.

Renate war in ihrem Element. Jetzt kam ihr auch zugute, dass ihr Körper durchtrainiert war. Sie verrenkte sich urkomisch auf der Bühne, schnellte aber immer wieder hoch, wenn man annehmen musste, sie würde mit einem lauten Krach auf den Brettern landen.

Die Werner‘sche war schon längst grün und blau vor Wut. Renate strampelte weiter und tanzte dabei so gut, dass man sie auch darin bewundern konnte. Dazu lachte sie unbefangen, warf Kusshändchen in die Menge. Nur den Slip, den ließ sie an.

Die Männer grölten.

»Ausziehen, ausziehen!«

Sie blieb mitten auf der Bühne stehen. Die Musik setzte für einen Augenblick aus.

Da krähte sie in den Saal: »Das darf ich nicht, das hat mir meine Mutti verboten, ja«, raffte die Sachen auf und tänzelte von der Bühne.

In der Bar war der Teufel los. Die Besucher rasten und klatschten wie wild und schrien immer wieder nach der Kleinen. Sie waren einfach aus dem Häuschen.

Bollmann kam heraus und bedankte sich, versprach, dass sie in einer Stunde wiederkäme. Schließlich müsse sie sich jetzt ein wenig ausruhen.

Die Männer riefen: »Dann soll sie in die Bar kommen. Sie soll kommen.«

Renate stand hinter der Bühne und atmete keuchend. Das war wirklich Schwerarbeit gewesen.

Bollmann kam angeflitzt.

»Los, du musst jetzt in den Saal. Die sind verrückt nach dir, Mädchen. Reize sie, dass sie viel trinken, kriegst auch Prozente mit ab.«

»Ich muss mich erst umziehen«, sagte sie.

»Geh doch so.«

»Nee, das eben nicht, jetzt bin ich privat.«

Wenig später kam sie in die Bar, ziemlich züchtig gekleidet, und lächelte süß. In der Garderobe musste man die Striptänzerin derweil mit Wasser und Alkohol ins Leben zurückrufen. Sie war nämlich vor Wut ohnmächtig geworden.

Während Renate also auch jetzt noch lernte, wie man mit Männern umging, sie zum Trinken animierte, wollte die Werner‘sche die Bühne nicht mehr betreten.

Renate solle verschwinden, oder sie würde abhauen, drohte sie.

Bollmann sagte: »Also ich will dir mal was erzählen. Entweder du bist klug, spielst die Naive und sagst allen, ihr seid ein Team, oder aber du verduftest auf der Stelle, verstanden? So was Mittelmäßiges wie dich krieg ich jederzeit, aber was die Renate ist, das ist ein Genie. Sie wird jetzt die Hauptnummer des Abends, verstanden? «

Sie kratzte ihren Rest Stolz zusammen und verschwand für immer, die Werner‘sche.

Darum musste Renate in dieser ersten Nacht das Programm ganz allein gestalten. Sie schaffte es auch spielend. Aber gegen Morgen hatte sie das Gefühl, als wären ihr die Beine abgefallen. Sie wankte nach Hause.

Der Mutter legte sie zwei Hundertmarkscheine auf den Tisch.

 

 

5

Emma rüttelte Renate wach, nachdem sie aufgestanden war und das Geld auf dem Küchentisch gefunden hatte.

»Sag bloß, du gehst jetzt schon auf den Strich?«

Renate riss ihre verklebten Augen auf.

»Mensch, kannste mich denn nicht noch pennen lassen? Ich bin geschafft.«

»Ich will wissen, ob du schon auf Anschaffe gehst, Mäuseken, also, gib Mama schön eine Antwort.«

»Warum? Sei froh, dass ich dir das Geld bringe. Und jetzt lass mich wieder pennen.«

»Hör zu, ich muss das doch wissen. Wenn die von der Fürsorge kommen und vom Jugendamt und so, da muss ich doch Bescheid wissen und dir einen Wink geben, verstanden?«

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937114
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520142
Schlagworte
redlight street puppe renate nestchen

Autor

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Titel: Redlight Street #123: Puppe Renate und ihr warmes Nestchen