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REDLIGHT STREET #56: Sie suchte das aufregende Leben

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie suchte das aufregende Leben

Copyright

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Sie suchte das aufregende Leben

REDLIGHT STREET #56

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Elvira ist siebzehn und findet das Kleinstadtleben spießig. Heimlich verlässt sie ihr Elternhaus und trampt nach Hamburg in der Hoffnung, dort mehr Spaß zu haben. Kurz nach ihrer Ankunft gerät sie ins Dirnenviertel und in ihrer Naivität begreift sie nicht, warum ihr Albert einen Job in seiner Kneipe anbietet. Viel zu spät erkennt sie, dass er ein brutaler Zuhälter ist und sie nur gefügig machen will, um sie auf den Strich zu schicken. Als Elvira von ihm schwanger wird, setzt sie ihn unter Druck, sie zu heiraten nun nimmt das Unheil seinen Lauf …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Elvira Schlieven war siebzehn Jahre alt, als sie von zu Hause wegging. Sie hatte das Leben in einem gutbürgerlichen Haushalt einfach satt. Elvira nannte so etwas »spießig«. Und sie war doch nur einmal jung und schön und lustig. Sie wollte die Welt und das Leben kennenlernen. Es machte ihr nichts aus, dass sie ihre Banklehre unterbrach. Über Nacht verschwand sie aus dem Leben ihrer Familie.

Der Vater war Richter in einer Kleinstadt. Es gab ein ungeheures Aufsehen. Zuerst versuchte man, es zu vertuschen; suchte bei den Freundinnen und Verwandten nach Elvira. Aber sie tauchte nicht auf. Sie hatte auch keinen Brief hinterlassen, sodass man gewusst hätte, wohin sie gegangen war. Elvira hatte auch keinen Freund gehabt, das wussten die Eltern ganz genau. Mit dem wenigen Geld, das sie sich vom Taschengeld abgespart haben musste, war sie auf und davon.

Tagelang weinte die Mutter. Elvira war ja ihre einzige Tochter, und sie kannte das Leben zur Genüge. Vor allem hatte sie Elvira bewahren wollen, aber vielleicht war das gerade falsch gewesen. Junge Menschen lassen sich einfach nicht bevormunden.

Was keiner wissen konnte, war, dass Elvira nach Hamburg gegangen war, per Anhalter. Und man konnte wirklich von Glück sprechen, dass das bezaubernde Mädchen nicht schon im Auto belästigt worden war. Ein älterer Mann hatte sie mitgenommen. Er erfuhr bald ihre ganze, kleine Lebensgeschichte. Und da er selbst eine Tochter zu Hause hatte, versuchte er ihr klarzumachen, dass es besser sei, wieder zurückzukehren.

»Nein«, sagte sie, »Ich will nicht mehr zurück! Daheim verstehen sie mich einfach nicht.«

»Hast du es denn mit ihnen versucht?«

»Das brauche ich gar nicht«, meinte sie schnippisch. »Ich weiß das auch so. Wenn ich nicht alles tue, was Mutti befiehlt, dann sind beide sauer. Ich hasse das Leben in dieser Kleinstadt.«

»So! Und was hast du jetzt vor?«

»Ich will nach Hamburg. Sie fahren doch nach Hamburg?«

»Ja«, knurrte er.

Sie sah ihn groß an. »Sie sagen das so böse! Tut es Ihnen vielleicht leid, dass Sie mich mitgenommen haben?«

Der Mann starrte auf die nasskalte Straße. »Gar nichts hätte ich tun sollen«, fluchte er. »Du bist kindisch und dumm, jawohl! Und das schreib dir mal hinter dein hübsches rosa Öhrchen: Du wirst bald nach Mama und Papa flennen, o ja! Und ob sie dich dann noch haben wollen, das ist dann eine ganz andere Frage.«

»Nein, das werde ich nie!«, antwortete sie hitzig. »Nie!«

»Ich bin froh, dass du nicht meine Tochter bist.«

Dieser Satz kränkte sie doch ein wenig, und sie dachte: Er hat ja überhaupt keine Ahnung. Wie oft habe ich Bekannte sagen hören: Wir beneiden Sie, Frau Schlieven, um ihre hübsche Tochter. Ja, das hatte sie oft genug gehört. Und jetzt sagte dieser dumme Mensch, er wäre froh, sie nicht zur Tochter zu haben.

Eine Weile saß sie stumm in ihrer Ecke und wollte ihn damit strafen, dass sie nicht mehr sprach. Aber der Mann bemerkte es nicht einmal. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war froh, bald zu Hause zu sein. Der Regen gab ihm den Rest. Quietschend zogen die Scheibenwischer ihre Bahn über die Scheibe. Das Fahren wurde noch anstrengender.

»Sind wir bald in Hamburg?«, unterbrach sie das Schweigen.

»Ja, bald. Sei ohne Sorge, du wirst noch alles sehen.«

Elvira war wirklich müde und außerdem wütend auf den Mann. Aber sie war froh gewesen, dass sie zu so später Stunde noch mitgenommen worden war. Ausgerechnet heute musste es regnen. Hätte der Regen nicht bis morgen warten können?

Weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken. Denn jetzt tauchten die Millionen Lichter von Hamburg auf. Der ganze Himmel über der Stadt war hell erleuchtet. Ein herrlicher Anblick! Das war doch wirklich etwas anderes als die kleine, triste Stadt, aus der sie kam.

An der Helgoländer Allee endete die Fahrt mit dem Laster.

»Du musst hier aussteigen. Ich muss runter zum Hafen und entladen. Die sollen nicht merken, dass ich jemanden mitgenommen habe. Das sehen sie nicht gern.«

Elvira nahm ihren Rucksack und wollte aussteigen.

»Danke«, quetschte sie noch zwischen den Zähnen hervor. Schließlich entstammte sie einem guten Elternhaus.

Er hielt sie zurück.

»Hör zu, Kleine! Hier in der Nähe befindet sich eine Jugendherberge. Dort kannst du billig übernachten. Jeder kann dir von hier aus den Weg zeigen. Wenn du klug bist, gehst du dort hin. Dort bist du sicher.«

Sie sah ihn mit ihren großen, ausdrucksvollen Augen an.

»Danke«, sagte sie noch einmal. »Ich werde es mir merken, ich bedanke mich.«

»Keine Ursache«, brummte der Mann.

Dann wurde die Tür zugeschlagen und der große Laster schaukelte langsam um die Ecke und war gleich darauf verschwunden. In diesem Augenblick fühlte sich das Mädchen so richtig allein. Sein Herz schlug bis zum Hals. Es hatte einfach Angst!

Da stand Elvira nun auf der Straße; und der Regen drang bald in die Kleidung. Das wurde allmählich sehr unangenehm. Und dann wusste sie auch noch nicht, wo sie diese Nacht verbringen sollte. Zur Jugendherberge würde sie auf alle Fälle nicht gehen, dort gingen nur Kinder hin. Sie war schließlich schon siebzehn Jahre alt.

Mit den Freundinnen hatte sie so oft über Hamburg gesprochen. Hier war alles möglich. Hier sollte man auch sofort Arbeit und ein Zimmer finden. Wenn man fleißig war, dann konnte man sehr schnell aufsteigen, zumindest viel höher als bei einer so langweiligen Arbeit wie auf der Bank.

Aber all ihre Überlegungen brachten sie in diesem Augenblick nicht sehr viel weiter. Sie musste jetzt endlich etwas unternehmen. Mit den hundert Mark in der Tasche würde sie nicht weit kommen.

Vorsichtig ging sie auf der regennassen Straße weiter. An jeder Ecke gähnte ihr eine dunkle Gasse entgegen, und sofort liefen ihr kalte Schauer über den Rücken. Natürlich hatte sie auch schon gehört, dass es hier ein schlechtes Viertel gab. Davon sprach man eben nicht, flüsterte höchstens darüber, wenn sich keine Jugendlichen in der Nähe befanden.

 

 

2

Elvira hatte überhaupt keine Ahnung von Hamburg, und so bemerkte sie auch nicht, dass sie genau diesem Viertel zustrebte. Sie wunderte sich darüber, dass sich plötzlich so viele Leute auf der Straße befanden. Dass dies in der Hauptsache junge Mädchen waren, bemerkte sie nicht einmal.

Aber die Dirnen bemerkten sie sofort und musterten sie mit schrägen Augen. An der Kleidung und dem Rucksack erkannten sie sofort, dass sie von auswärts kam. Das Hascherl hatte sich wohl verlaufen, war also keine Konkurrenz.

Tapfer ging Elvira weiter, immer den Rucksack an sich gepresst. Der Regen ließ ihre Haare strähnig herunterhängen, und betrübt dachte sie: Ich sehe bestimmt fürchterlich aus. So bekomme ich nirgends Arbeit.

Elvira befand sich am Hafenstrich, und das war so das Gemeinste und Gewöhnlichste in Hamburg.

Und dann wurde sie angesprochen.

»He, Vogelscheuche, wo willst du denn hin?«

Erschrocken blieb sie stehen und wandte langsam den Kopf zur Seite. Ein junges Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, kam mit wiegenden Hüften näher. Wie konnte Elvira auch wissen, dass dieses Mädchen vor gar nicht langer Zeit selbst aus dem Hinterland gekommen war, sich aber jetzt hier ganz heimisch fühlte. Sie gab sich sogar recht wichtig und baute sich vor Elvira auf.

»Ja, dich hab ich gemeint. Was willst du hier? Hau ab, das ist hier keine Gegend für Babys. Geh zu Mama zurück und lass dir die Nuckelflasche wiedergeben. Du flennst ja schon, weil du dich verlaufen hast!«

So eine Rede hatte das junge Mädchen noch nie gehört. Und weil im Augenblick nicht viel los war, kamen die anderen kleinen Dirnen näher, stellten sich um sie herum und grinsten sie an. Das war mal eine kleine Abwechslung bei diesem Hundewetter.

Entgeistert starrte Elvira in jedes der verlebten Gesichter, dazu presste sie ihre Habseligkeiten noch mehr an sich.

»Die glaubt, wir klauen ihr die Sachen«, grölte eine große Dirne los.

Alle lachten und schlugen sich auf Schenkel.

»Nein«, stotterte Elvira hastig. »N…n…nein, das ist es doch nicht.«

»Wo willst du denn hin, Kleine? Wir sind ja nicht so. Hast dich also verlaufen und jetzt weißte nicht mehr, wo der Bus steht, was?«

»Bus?«, echote sie verwundert. »Welcher Bus?«

»Du meine Güte!«, schrie eine Nutte sie an. »Sag mal, hast du vielleicht ein paar Schrauben locker?«

»Vielleicht ist sie mit der Bahn gekommen«, lachten die anderen auf.

Langsam verstand Elvira.

»Nein«, sagte sie und lächelte zaghaft. »Ich bin mit einem Lastauto gekommen.«

»Wie, die ganze Schulklasse?«

»Wie bitte?«

Plötzlich schrie die erste Nutte: »Wir sind auf dem falschen Dampfer. Die ist gar nicht mit ihrer Schulklasse hier. Wette, dass sie von zu Hause fortgelaufen ist?«

»Ach nee, das wird ja immer schöner.«

»Ja«, sagte Elvira hastig. »Ich bin fortgelaufen. Ich suche hier in Hamburg Arbeit. Ich will nicht mehr zurück. Es war fürchterlich.«

»Wie? Hat dich dein Alter so geschlagen?«, fragte eine Dirne. Und eine andere: »Hat er was von dir gewollt? Hat dich die Stiefmutter misshandelt? Los, quatsch doch endlich! Was ist denn losgewesen.«

 

 

3

Sie alle, die Elvira umstanden, kamen aus dem tiefsten Milieu. Und oft waren es Grausamkeiten der Eltern, die sie auf diesen Hafenstrich getrieben hatten. Darum empfanden sie im Augenblick so etwas wie Mitleid.

»Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus«, stotterte sie. »Aber ich bin nicht geschlagen worden, nein, das nicht.«

»Aber die müssen doch irgendetwas getan haben, verdammt noch mal.«

»Immer haben sie mich bevormundet«, sagte sie kleinlaut und hastig. »Und dann musste ich jeden Tag zur Bank. Das war einfach grässlich.«

»Zur Bank?«, riefen die Mädchen. »Soll das vielleicht heißen, die Alten haben dich angelernt, bei der Bank zu klauen? Mann, den Trick musst du uns verraten! Die passen doch auf wie Schießhunde. An deren Geld kommt man doch nur ran, wenn man nachts einsteigt. Ich glaube, Kleene, du willst uns verulken, wie? Los, jetzt, red mal endlich.«

»Nein!«, rief Elvira. »Doch nicht klauen! Um Gottes willen, das doch nicht! Wo mein Vater doch Richter ist!«

Sofort gingen die Dirnen einen Schritt zurück. »Verflixt, was ist dein Alter?«

»Richter«, stammelte Elvira, die schon ganz durcheinander war. Sie verstand nur noch die Hälfte von dem, was die Mädchen sagten.

Hui, mit einem Richter war nicht gut Kirschen essen, und sie war die Tochter!

»Hör mal, und was war jetzt mit der Bank?«

»Ich war dort angestellt. Aber es hat mir nicht gefallen, ehrlich nicht. Deshalb bin ich fortgelaufen. Ich will jetzt hier in Hamburg eine neue Stelle suchen.«

»Als Bankangestellte?«

»Nein!«, schrie sie ihnen fast ins Gesicht.

Für Minuten war es ganz still geworden. Die Dirnen sahen sich erstaunt an. Das ging einfach über ihre Hutschnur. Sie hatten von zu Hause fortgehen müssen  entweder, weil man sie unmenschlich geprügelt hatte, der Alte sich an ihnen vergriffen hatte, oder weil es mit dem Essen eben knapp war. Man musste selbst sehen, wie man zurechtkam, und so ging man denn auf den Hafenstrich. Anderswo durften sie ja nicht stehen.

Doch während sie hier standen und dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen, sehnten sich die Mädchen nach einem gutbürgerlichen Leben, mit allem Drum und Dran. Aber sie wussten auch, dass derjenige nie aufsteigen konnte, der einmal in der Gosse war.

Und jetzt kam dieses Mädchen, hatte all das, wonach sie sich sehnten, und warf das einfach über Bord  weil es das Leben zu spießig fand, weil es etwas erleben wollte, sich nicht mehr den Eltern fügen wollte.

Noch immer starrten sie Elvira entgeistert an.

»Du bist verrückt«, keuchte eine. »Du weißt ja nicht, was du sagst. Wenn du nur ein paar Tage hier bist, dann heulste nach Mama und Papa, aber dann wollen deine Alten dich nicht mehr haben. Mensch, verdufte, bevor es zu spät ist.«

»Ich gehe nie mehr zurück« sagte sie trotzig. »Ich bin groß genug, um für mich selbst zu sorgen.«

»So, das kannst du also«, meinten sie zynisch. »Dann haste wohl vorher die Bank ausgeraubt, wie? Dann ist das natürlich etwas anderes, wenn du nicht mehr zurückwillst.«

»Ich habe hundert Mark in der Tasche. Und vorhin habe ich schon mal gesagt, dass ich arbeiten will!«, rief sie hitzig. »Ich habe euch nicht um euren Rat gebeten.«

»Das ist wirklich ein starkes Stück! Mann, wir sollten sie an ihren Hammelbeinen nehmen und in die Elbe werfen«, fluchten sie. »Vielleicht wird sie dann ein wenig kleiner.«

»Bringen wir sie doch zu Albert«, sagte eines der Dirnchen. »Der wird schon wissen, wie man am besten mit ihr verfährt. Ihr habt ja gehört, sie will unbedingt arbeiten. Albert hat gestern noch gesagt, er brauche jemanden.«

»Na klar, hab ich auch gehört! Wenn wir dem einen Gefallen tun, dann haben wir bei ihm wieder einen Stein im Brett. Dann kann er uns nicht einfach rausschmeißen.«

»Los, gehen wir, bevor sie sich’s noch anders überlegt.«

Elvira wurde am Arm gefasst und mitgeschleppt.

»He, was habt ihr vor? Wohin bringt ihr mich?«, protestierte sie laut.

»Wir beschaffen dir Arbeit. Danach schreist du doch die ganze Zeit.«

»Ehrlich?«, rief sie hocherfreut. »Ihr seid wirklich nett.«

Das hatte schon lange keiner mehr zu ihnen gesagt. Die Dirnen fühlten sich ganz hoch oben.

 

 

4

Als sie die Tür der Kneipe aufrissen, konnte Elvira im ersten Augenblick nichts sehen. Tabakqualm, so dick wie Nebel, schlug ihr entgegen. Aber an dem Lärm hörte sie, dass sich eine Menge Leute in dem Raum befinden musste: grölende Männerstimmen, kreischende Frauen.

Die Hand vorgestreckt, tastete sie sich hinter den Dirnen her. Als sie endlich das Ende des Raumes erreicht hatten, rief eine harte Stimme auf: »Verdammt, hab ich euch nicht gestern in die Gosse geschmissen? Wenn ihr nicht auf der Stelle kehrtmacht, fliegt ihr wieder! Aber diesmal ist es so, dass ihr euch ein paar Rippen brecht.«

»Mach halblang, Albert«, sagte die Anführerin. »Wir bringen dir etwas. Du solltest uns wirklich dankbar sein.«

»Was ihr mir anschleppt, darauf kann ich wirklich verzichten«, sagte er wütend. »Los, verduftet! Ihr stinkt mir.«

Hastig wurde Elvira nach vorn geschoben.

»Na, ist das etwa nichts?«

Elvira sah jetzt einen Mann vor sich, wie sie noch keinen in ihrer Kleinstadt gesehen hatte. Zuerst einmal sah er wie ein Filmschauspieler aus. Er hatte ein raffiniertes Gesicht mit einem Schnauzbart, dazu trug er ein knallrotes Hemd und schwarze Samthosen. Er war umwerfend, und sie himmelte ihn gleich an.

Albert, der Kneipenbesitzer, sah zornig aus. Als er jetzt aber Elvira gewahrte, meinte er: »Wo habt ihr die denn aufgegabelt?«

»Am Pinnasberg. Dort streunte sie im Regen herum und suchte Arbeit. Sie ist von zu Hause ausgerissen, musst du wissen. Hast du gestern nicht gesagt, dass du eine Hilfe in der Küche brauchtest, Albert?«

»Ja, das habe ich gesagt.«

Er taxierte sie wie ein Pferd. Und erkannte sofort, dass sie aus gutem Hause war, also kein Flittchen. Mit denen zusammenarbeiten zu müssen, war schlimm. Die stahlen, wo sie nur konnten, und waren faul. Außerdem wuschen sie sich nur, wenn sie Geburtstag hatten.

Elviras Herz klopfte bis zum Hals. Sie wagte nicht etwas zu sagen. Alles war so unwirklich. Ihr war, als hätte eine Fee sie hierhin gezaubert. Alles war so aufregend und neu.

»Du gefällst mir«, sagte er und kniff ihr in die Backe.

Sie riss ihre Augen weit auf und errötete sofort. Aber das konnte man wegen des schummrigen Lichtes Gott sei Dank nicht sehen.

»Willst sie also haben?«

»Verstehst du was von der Küche?«

»Ein wenig«, lispelte sie.

»Ich hab einen Koch, dem musst du zur Hand gehen. Ich will es mit dir versuchen.«

Die Dirnen waren furchtbar stolz.

»So sind wir«, sagten sie anzüglich.

»Einen Dreck seid ihr!«, fluchte er, aber dann lenkte er ein und sagte: »Jonny soll euch ein Bier geben. Aber danach verschwindet ihr von der Bildfläche.«

Sie gingen zur Theke.

»Komm mit«, sagte Albert und nahm Elvira mit in die Küche. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass es sich um einen chinesischen Koch handelte.

»Lie-San frisst dich nicht auf«, sagte Albert.

Elvira schluckte. Sie hatte sich eigentlich das Leben in Hamburg ein wenig anders vorgestellt. Und wenn sie ehrlich sein wollte, so hatte es ihr nie Spaß gemacht, der Mutter im Haushalt zu helfen. Aber der bloße Gedanke, dass sie Albert jetzt immerzu sehen würde, machte sie willig.

»Leg deinen Rucksack dort ab, und dann hilf ihm. Später sehen wir weiter.« In dieser Nacht arbeitete Elvira, wie sie es noch nie getan hatte. Gegen Morgen, als der Betrieb endlich nachließ, hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr abfallen.

Lie-San lächelte nur und meinte lispelnd: »Wird schon werden.«

Sie lächelte zurück, ließ sich auf einen Stuhl fallen und war gleich darauf eingeschlafen. Irgendjemand rüttelte sie wach.

»Komm mit, ich zeig dir deine Kammer!«

Blinzelnd öffnete sie die Augen und sah Albert vor sich. Sie nahm ihren Rucksack und stolperte hinter ihm her. Oben unterm Dach wies er ihr eine kleine Mansarde zu.

»Der Koch ist mit dir zufrieden«, sagte Albert.

Elvira sah nur das Bett, ließ sich darauf nieder und fiel gleich in tiefen Schlaf.

 

 

5

Als sie erwachte, war es schon heller Tag. Sie sah aus dem Fensterchen. Vor ihr lag die Nordelbe. Schiffe tuckerten vorüber. Möwen kreischten und flogen hinterher, in der Hoffnung etwas Essbares zu erwischen.

Elvira sagte sich: »Ich bin jetzt in Hamburg.« Und ein tiefes Glückgefühl durchpulste sie.

Sie fühlte sich hungrig, aber zuerst wusch sie sich gründlich, zog ein frisches Kleid an und ging dann nach unten. Lie-San gab ihr etwas zu essen.

»Arbeit fängt erst um fünf Uhr an«, sagte er und nickte freundlich. »Ich kann dich gebrauchen, du bist schlau.«

Albert kam durch die Pendeltür und blieb erstaunt stehen. Nun erst, bei Tageslicht, sah er, wie hübsch und grazil sie war. Seine Augen blitzten unwillkürlich auf.

»Ich habe dich für eine Küchenschabe gehalten, aber jetzt sehe ich, dass du ein Goldkäferchen bist.«

Elvira lächelte ihn strahlend an.

 

 

6

Albert Lanner stammte aus dem tiefsten Milieu. Schon als Junge hatte er oft mit der Polizei zu tun gehabt: Erziehungsanstalt und so weiter. Doch als er volljährig geworden war, sagte er sich: Für so kleine Delikte sitzen zu müssen, das ist wirklich dumm. Albert war kalt und berechnend; und mit zwanzig hatte er sich geschworen, einmal im Geld zu schwimmen. Dann würden sich alle vor ihm verbeugen. Das konnte er aber nicht werden, wenn er fleißig arbeitete, sondern nur, wenn er andere für sich arbeiten ließ. Er wollte sich hier ein Imperium aufbauen wie es kein zweites gab. Später würde er dann auf andere Städte übergreifen und auch dort alles an sich reißen. Aber zuerst musste er sich hier Wurzeln holen, sozusagen fest verankern.

Vor gut einem halben Jahr hatte er diese Kneipe für wenig Geld erstanden. Noch drei, vier Monate, und sie gehörte ihm ganz. Es war ein stinkendes Loch, und er musste mit dem Abschaum der Menschheit vorliebnehmen. Aber er legte jeden Pfennig zur Seite. Wenn er genügend hatte, wollte er diese Bude renovieren. Nur noch die ganz großen Fische sollten dann bei ihm verkehren. Ein Netz würde er über diese Stadt legen, und überall würde er Lokale nach seinem Geschmack eröffnen.

Gestern Nacht hatte er mit Anke und Lola ein langes Gespräch gehabt. Sie standen bei ihm hoch in der Kreide, konnten ohne Alkohol nicht mehr auskommen. Er würde nie das Geld von ihnen bekommen. Aber Albert ließ sich so etwas nicht bieten. Er hatte sie vor die Wahl gestellt:

»Entweder ihr bezahlt heute alles, oder ihr geht für mich auf den Strich. Eure Einnahmen krieg ich ungeteilt, fünfhundert pro Nase und Nacht. Dafür bekommt ihr Essen und Trinken so viel ihr wollt. Und auch ein Zimmer zum Pennen.«

Sie hatten sich erst furchtbar aufgeregt. Die kleinen »Strichmiezen« wollten keinen Zuhälter haben. Albert beschwatzte sie, dass er ja gar keiner sei, er dächte nur an ihr Wohl. Die anderen würden sie doch nur ausnehmen.

Das stimmte, denn sobald sie ein wenig Geld in der Tasche hatten, waren sie spendabel. Alles trank mit, aber wenn sie dann blank waren, warf man sie hinaus.

Anke und Lola waren die ersten Mädchen, die für ihn standen. Das waren also pro Nacht tausend Mark. Essen und Trinken für die beiden fiel so nebenbei ab. Und das Zimmer oben unter dem Dach stand ohnehin leer. Heute Morgen hatte er zwei Feldbetten, einen Schrank und zwei Stühle hinaufgeschafft. Dabei hatte er festgestellt, dass noch Platz für zwei Betten vorhanden war. Er würde also neben der Kneipe ein sehr lukratives Geschäft aufziehen. Sein Traum waren Bars mit viel Plüsch, und darin durften nur die Stardirnen arbeiten. Natürlich mussten sie für ihn anschaffen. Oder zumindest behielt er einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen einfach ein.

Der Krieg war schon lange vergessen. An allen Ecken und Enden wurde wieder aufgebaut, und bald würde der Augenblick kommen, wo die Männer wieder so viel verdienten, dass sie sich ihre Späßchen leisten konnten. Und dann musste er, Albert, da sein. Er würde diese Marktlücke schließen und dabei steinreich werden.

 

 

7

An all das musste er jetzt denken, während er Elvira betrachtete. Sollte er sie vielleicht aus der Küche nach oben in Feldbett Nummer drei verlegen? Aber im gleichen Augenblick erkannte er, dass das ein Fehler wäre, Elvira war eben etwas Besseres. Aber wenn er sie auf den gemeinen Strich schickte, würde es nicht sehr lange dauern, bis sie genauso verkommen war wie ihre Mitschwestern. Außerdem war sie von zu Hause ausgerückt, und bestimmt wurde schon nach ihr gesucht. Die Polizei machte ständig in dieser Gegend Streifen, besonders nachts. Hier in der Küche hatte sie nichts zu suchen.

Angelernt war sie auch nicht. Sie würde sich also übers Ohr hauen lassen. Und wer weiß, dachte er bei sich, wenn sie draußen herumtippelt, haut sie mir vielleicht ab. Und dann krieg ich wieder Ärger mit den Bullen. Den kann ich im Augenblick wirklich nicht vertragen. Nein, ich muss warten, bis ich mich verändert habe. Wenn ich erst einmal meine erste Bar besitze  und das wird bestimmt schon in einem halben Jahr der Fall sein  dann muss sie dort auf Männerfang gehen.

Lie-San, der Koch, durchschaute seine Gedanken. Er sagte nur: »Ich brauche diese Hilfe. Sonst ich nicht mehr so gut arbeiten wie früher.«

»Habe ich denn etwas gesagt?«, entgegnete Albert wütend.

»Schon gut, wollte nur noch mal erinnern«, sagte der Chinese.

Elvira verstand nichts mehr.

Albert wandte sich an das Mädchen. »Vorläufig gehst du nicht raus. Ist das klar?«

»Aber warum denn nicht«, stotterte sie verlegen.

»Weil dich die Bullen bestimmt suchen werden.«

Sie biss sich auf die Lippen. Inzwischen mussten die Eltern schon ihren Brief gefunden haben. Und wie sie ihren Vater kannte, würde er wirklich sofort zur Polizei gehen. Elvira wusste auch: Wenn man sie fand und zurückbrachte  denn sie war ja noch nicht mündig  dann würde sie bis zu ihrer Volljährigkeit nicht mehr allein ausgehen dürfen. Man würde sie wie ein Hündchen an die Kette legen, mit anderen Worten, man wollte sie vor Unheil bewahren und schützen. Die Welt war ja so grausam für kleine Mädchen. Wie oft hatte sie diesen Satz schon zu hören bekommen.

»Und wie lange muss ich mich versteckt halten?«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte Albert und erhob sich.

Elvira und der Koch blieben allein zurück. Und jetzt fing auch Lie-San noch an.

»Nicht gut gewesen, dass du fortlaufen, wirklich nicht.«

»Aber ich arbeite doch für Sie. Sie sind doch mit mir zufrieden«, sagte Elvira.

»Ja, ja, aber dieses sein ein verrufenes Haus. Nicht gut für anständiges Mädchen. Wird noch unglücklich werden. Sehr unklug, wenn fortlaufen. Mädchen gehören zu Hause, zu Vater und Mutter.«

Elvira wurde zornig.

»In China mag das der Fall sein, hier aber nicht«, sagte sie hochmütig.

Der Koch sah sie nur mitleidig an, dann sagte er: »Ich muss jetzt einkaufen gehen.«

 

 

8

Dann war sie ganz allein in der großen Küche. Sie dachte an Albert. Er gefiel ihr immer mehr. Und sie fühlte, wie ihr Herz raste. Sie war noch nie verliebt gewesen. Vielleicht würde Albert sie auch lieben und heiraten; und dann konnte sie ihre Eltern besuchen und ihnen stolz ihren Mann vorführen.

Alle Freundinnen würden sie beneiden um einen so wundervollen Mann, zudem war er kein grüner Junge mehr. Pah, dachte sie, Mama mit ihren Reden! Die weiß ja gar nichts, aber bestimmen, das wollen sie, als wenn wir aus Holz wären und nicht aus Fleisch und Blut.

Um siebzehn Uhr begannen die ersten Vorbereitungen. Am Morgen hatten die Putzfrauen das Lokal gesäubert. Angeekelt schaute Albert auf den Haufen Scherben am Boden. Seine Gäste stapften wie eine Herde Rinder durch die Gegend und wenn es ihnen passte, schlugen sie alles kurz und klein.

Bald würde er dies alles hinter sich lassen. Das war so gewiss wie das Amen in der Kirche. Kaum hatte er das gedacht, da kamen schon die Brüder und Schwestern von der Heilsarmee und postierten sich vor seiner Kneipe auf. Und er durfte sie nicht mal vertreiben.

In der Küche arbeiteten Lie-San und Elvira. Immer wieder tauchte Albert auf. Aber bald merkte das Mädchen, dass dieses Arbeiten schrecklich anstrengend war. Wie gern wäre sie jetzt in ihr Zimmer gegangen und hätte sich ausgeruht. Und dabei war noch nicht einmal Mitternacht vorüber. Der ganze Budenzauber zog sich bis drei, vier Uhr hin.

Der Koch munterte sie immer wieder auf.

»Alles Gewöhnung, bald nix mehr merken.«

»Dann bin ich schon gestorben«, stöhnte sie.

»So schnell nicht«, lachte er sie an. »Ich mache das schon viel Jahre und auch noch nicht tot.«

Elvira dachte: Ich will nicht den Rest meines Lebens in dieser Küche verbringen. Wenn ich doch vorn bedienen dürfte, das wäre wenigstens lustig. Sie lachen dort drin so viel, und alle haben ihren Spaß. Warum lässt mich Albert das nicht tun? Wenn die Polizei kommt, dann kann ich mich ja schnell verstecken. Morgen werde ich mit ihm darüber reden, ganz bestimmt.

 

 

9

Dann war der Augenblick gekommen, wo sie Schluss machen durfte. Mit letzter Kraft zog sie sich am Geländer treppauf. Mehr tot als lebendig warf sie sich auf das Bett. Vielleicht hatte sie ein paar Minuten so apathisch gelegen, vielleicht auch länger; sie konnte es nicht mehr sagen. Und überhaupt spielte das gar keine Rolle. Plötzlich wurde ihre Tür aufgestoßen, und Albert stand im Morgenmantel neben ihrem Bett.

Verblüfft sah sie ihn an.

»Los, mach Platz!«

»Wie?«

»Du sollst zur Seite rücken!«

»Aber warum denn?«, stotterte sie.

»Weil ich mit dir schlafen will, darum.«

Ihre Kehle war im ersten Augenblick wie zugeschnürt. Sie konnte ihn nur anstarren.

»Albert«, flüsterte sie dann erschrocken, »Ich ...«

Er hatte schon den Bademantel ausgezogen, und jetzt sah sie, dass er vollkommen nackt war. Sie hatte in ihrem Leben noch nie einen nackten Mann gesehen, und daher erschrak sie ziemlich heftig. Aber er kümmerte sich nicht darum, riss ihr die Bettdecke weg  und bevor sie überhaupt an Abwehr denken konnte, hatte er ihr auch schon das Nachthemd abgestreift.

Befriedigt sah er sie an.

»Das hab ich mir gedacht«, murmelte er. »Du bist wirklich ein Goldkäfer. Und ganz freiwillig zu mir ins Haus geflogen! Jetzt werden wir ein sehr hübsches Stündchen miteinander verbringen, Kleine. Ich bin ein toller Liebhaber, musst du wissen.«

»Nein«, gurgelte sie und wich bis zur Wand zurück. Zugleich versuchte sie, mit den Händen ihre Blöße zu bedecken.

»Was denn?« Er runzelte die Stirn.

»Bin ich dir vielleicht widerlich?« Er knurrte wie ein böser, gereizter Bernhardiner.

»Nein, nein«, stammelte sie.

»Was ist es denn? Los, sag’s schon.«

»Ich habe das noch nie getan.«

Jetzt war das Starren auf seiner Seite. Albert wollte seinen Ohren nicht trauen.

»Du bist verrückt!«, sagte er lachend. »Auf die Masche fall ich nun wirklich nicht rein. Du bist ein lecker Püppchen und bevor dich die anderen vernaschen, will ich mein Vergnügen mit dir haben.«

Ehe Elvira sich’s versah, hatte er sie schon gefasst und warf sie aufs Bett. In den Liebesbeziehungen war Albert ziemlich rasch. Hauptsache, ihm machte es Spaß, ob die Frauen Spaß hatten, kümmerte ihn überhaupt nicht. Außerdem hatte er bis jetzt ausschließlich mit Dirnen verkehrt, und die kannten es nicht anders und muckten auch nicht auf.

Gegen seine Bärenkräfte kam Elvira nicht an. Und als er sie nahm, tat es so schrecklich weh, dass sie laut aufschrie und fast ohnmächtig wurde. Abrupt hörte Albert auf und schaute sie sprachlos an. Dann murmelte er verwirrt:

»Es stimmt ja tatsächlich. Du bist ja wirklich noch eine Jungfrau!«

Elvira hatte das Gesicht ins Kissen gedrückt und wimmerte leise vor sich hin.

»Hör endlich auf! Das legt sich bald«, sagte er barsch. Aber irgendwie tat ihm die Kleine dann doch leid. »Morgen kaufe ich dir ein neues Kleid, ehrlich.«

So freigiebig war er noch nie zu einem Mädchen gewesen. Aber schließlich war sie auch keine Dirne. Und plötzlich war er mächtig stolz darauf, dass er auch mal der Erste gewesen war.

Er gab ihr einen gutmütigen Klatsch auf ihr rundes, nacktes Hinterteil.

»So, jetzt schlaf mal. Das nächste Mal, das verspreche ich dir, da wird es nicht mehr weh tun. Bald wirst du jauchzen vor Spaß. Ich bin nämlich ein toller Liebhaber, musst du wissen.«

Bevor das Mädchen überhaupt etwas darauf antworten konnte, ging die Tür hinter ihm zu. Verwirrt und geschockt lag sie da und wusste nicht, was sie denken sollte. Aber dann überfiel sie die Müdigkeit und sie schlief apathisch ein.

 

 

10

Es war wieder später Mittag, als sie endlich in die Küche kam. Ihre Gefühle waren seltsam. Stumm hockte sie am Tisch und dachte nach. Liebte Albert sie nun wirklich oder nicht?

Kaum hatte der Koch ihr das Essen vorgesetzt, da erschien der Wirt. Er trug ein längliches Paket unter dem Arm, sah Elvira kurz an und sagte: »Hier ist das versprochene Kleid.«

Atemlos sah sie zu, wie er es auspackte. So etwas Duftiges und Gewagtes hatte sie im Leben noch nicht getragen.

»O Albert!«, rief sie und flog ihm um den Hals. »Ich liebe dich ja so sehr!«

»He, nicht so stürmisch«, brummte er.

»Du liebst mich doch auch, nicht wahr?«

Er machte ein erstauntes Gesicht. Liebe, das Wort kannte er nun wirklich nicht. Die Kleine hatte ihm nur irgendwie leidgetan.

»Ich tu ja alles, was du willst«, hauchte sie hingegeben. So schnell hatte Elvira nicht damit gerechnet, dass Albert sie lieben würde.

»Na, das ist ja prächtig«, sagte er rasch. »Dann arbeite du man schön weiter.«

»Waaas?«, rief sie enttäuscht. »Hier in der Küche willst du mich lassen? Aber, Albert, ich möchte in deiner Nähe bleiben, immer. Kannst du das nicht begreifen?«

Albert war dreißig Jahre alt und kannte das Leben nur von der hässlichen Seite. Die Anbetung des Mädchens kam ein wenig überraschend. Oberhaupt, was hatte er sich da nur eingebrockt? Aber dann sagte sein Instinkt: Es ist ein hübscher Käfer und der wird umsonst für mich schuften. Musst nur ein wenig nett zu ihm sein. Und wenn du seiner überdrüssig bist, dann lässt du ihn als Biene laufen. Auf alle Fälle hast du sie dann angelernt  und sie wird kuschen.

So war er jetzt mit seinen Antworten etwas vorsichtig und sagte nur: »Die Bullen sind im Augenblick sehr scharf. Ich kann das nicht riskieren. Später.«

Elvira machte einen Schmollmund. Als Einzelkind hatte sie bisher auf diese Art immer ihren Willen durchsetzen können, das heißt, wenn der Wunsch nicht zu unsinnig war.

»Was heißt später?«, fragte sie gedehnt.

»Ich bleibe nicht immer in dieser mistigen Bude hängen«, sagte er. »Bald werde ich die beste Bar haben, und man wird sich um einen Platz reißen. Du wirst schon sehen. Alles wird schick sein, mit Plüsch und Polster, Kristalllüstern und feinem Geschirr. An nichts wird es fehlen, und dann kannst du an der Bar bedienen, Elvira. Du wirst schon sehen, das ist der richtige Platz für dich. Ich werde dir tolle Abendkleider kaufen, und die Männer werden in Scharen kommen, nur um dich zu sehen.«

Sie sah ihn mit ihren großen Kulleraugen an.

»Aber Albert, ich liebe dich  ich will keine anderen Männer.«

»Närrchen!«, sagte er verächtlich. »Natürlich sollst du nicht mit ihnen schlafen, sie nur anlocken. Es sei denn, sie bieten einen hohen Preis.«

Elvira verstand nur, dass ihr Albert ganz hoch hinauswollte. Und bestimmt würde er sich dann auch einen todschicken Wagen zulegen. Mit dem würden sie dann nach Hause fahren. Instinktiv sehnte sie sich, genau wie es damals ihre Mutter getan hatte, nach einer guten Existenz und nach Geborgenheit.

»Dann sind wir also jetzt so gut wie verlobt?«, jubelte sie.

»Nenn es, wie du willst«, sagte er lachend und verließ die Küche.

Die ganze Zeit hatte Lie-San im Hintergrund gearbeitet. Er hatte alles mitbekommen. Jetzt kam er näher, sein Gesicht war wie immer ausdruckslos.

»Geh zurück nach Hause«, sagte er jetzt. »Du rennst in dein Unglück.«

Lachend um wirbelte Elvira ihn. »Jetzt soll ich zurückgehen? Bist du verrückt! Wo ich jetzt mit Albert verlobt bin?«

 

 

11

Sie hätte noch vieles zu diesem Thema gesagt, wenn in diesem Augenblick nicht die Pendeltür aufgestoßen worden wäre und zwei Mädchen die Küche betreten hätten.

Elvira hörte mit dem Tanzen auf und starrte die beiden an. Sie sahen alt und verlebt aus.

»Was wollt ihr denn?«, fragte sie hochmütig, denn jetzt hatte sie ein Recht, so zu reden. Sie war ja Alberts Verlobte!

»Die wollen nur ihr Essen«, sagte Lie-San ruhig. Damit schob er ihnen einen randvoll gefüllten Teller zu. Schweigend saßen sie an der Ecke des großen Tisches und schaufelten das Essen in sich hinein. Ihre zotteligen Haare hingen ihnen ins Gesicht, aber sie schienen sich nicht darum zu kümmern. Elvira hätte sich am liebsten die Nase zugehalten. Sie begriff Lie-San nicht, der doch sonst so für Sauberkeit war. Wahrscheinlich hatte er mit den Bettlerinnen Mitleid, etwas anderes konnten die beiden unmöglich sein.

Anke sah Elvira kurz an, dann wandte sie den Kopf und rief nach dem Koch. »Albert hat uns auch Schnaps versprochen! Ich seh ihn nicht!«

»Nur, wenn ihr alles aufgegessen habt«, sagte er streng.

Sie schimpften. Aber Lie-San wusste ganz genau, echte Säuferinnen wollten nur was zu trinken haben, nichts zu essen. Und so würde es nicht lange dauern, bis sie endgültig am Boden zerstört waren. Solange sie in seiner Küche zu essen bekamen, würde er dafür sorgen, dass sie eine anständige Unterlage hatten. Obwohl Albert ihm gesagt hatte, den beiden genügten auch Abfälle. Die wären wie Tiere und würden alles essen.

Sie knurrten und nuschelten ein wenig herum, aßen aber dann alles auf und bekamen dann jede ihre Flasche. Sofort erhoben sie sich und gingen.

»Wer waren die beiden?«, fragte Elvira.

»Das waren zwei Dirnen.«

»Waaas? So alt, und dann wollen die Männer sie noch?«

»Für wie alt hältst du sie denn?«

»Die sind bestimmt schon vierzig, wenn nicht noch mehr«, sagte sie.

»Die sind beide noch keine zwanzig Jahre alt«, entgegnete Lie-San.

»Du lügst!«

Lie-San sah sie ernst an. »Wenn du nicht bald fortgehst, dann wirst du auch so aussehen.«

»Niemals!«

»Die Dirnen arbeiten für Albert, Elvira. Und es wird nicht lange dauern, dann wird er dich auch auf den Strich schicken, wie diese Mädchen. Dann musst du jede Nacht dein Soll erfüllen. Tust du es nicht, dann kannst du was erleben.«

»Du bist verrückt!«, schrie sie ihm ins Gesicht. »Hast du vergessen, was Albert soeben zu mir gesagt hat?«

Lie-San wusste ganz genau, dass Albert ihr nichts gesagt hatte. Er war gerissen. Aber Elvira würde ihm nichts, aber auch gar nichts glauben; deshalb ließ er es.

Elvira ging nervös auf und ab. »Du gönnst mir mein Glück nicht, das ist es. Du bist wütend, dass du nicht mehr allein hier regieren kannst.«

Der Chinese schaute sie nur ausdrucklos an, und von Stund an ließ er dieses Thema fallen.

Albert tat fast gar nichts. Er besuchte sie nur jede Nacht, und als sie sich erst einmal daran gewöhnt hatte, machte es ihm und ihr großen Spaß. Aber ansonsten verhielt er sich wie immer. Doch das hielt Elvira nicht davon ab, im siebten Himmel zu schweben. Nur tat es ihr leid, dass sie sich noch immer verborgen halten musste. Einmal hatte sie eine kleine Andeutung darüber gemacht, dass Albert mit ihr zu den Eltern fahren sollte, aber da hatte er sie nur angebrummt und gemeint: »Das ist deine Sache. Die geht mich nichts an.«

Da hatte sie wieder einen Schmollmund gezogen und gemeint: »Aber es dauert ja noch bald vier Jahre, bis ich volljährig bin.«

»Und?«, hatte er geantwortet. »Je jünger du bist, umso besser fürs Geschäft. Diesen naiven Blick musst du behalten, darauf fallen sie alle herein. Wirst schon sehen.«

 

 

12

Elvira arbeitete weiter in der Küche. Und bald waren nicht nur zwei Nutten zu füttern, sondern vier. Das regte sie dann doch ziemlich auf, und sie fragte ihn. Albert verstand zwar nicht, was sie das anging, aber er musste sich das Mädchen warmhalten, und so sagte er nur: »Sie bringen mir das Geld für die Nachtbar. Der Schuppen hier allein wirft es nicht ab. Und wenn ich noch mehr kriegen kann, nehme ich noch mehr. Dann bau ich noch ein Stück an. Damit kann man wirklich sein ganz großes Geld machen.«

»Aber du hast doch nichts mit ihnen?«, fragte sie angstvoll. Er tätschelte ihr die Wange und meinte: »Mit diesen verlausten Weibern? Nee, ich hab ja dich.«

Da glühten ihre Backen auf, und sie war wieder selig. So verging die Zeit, und nun war sie schon zwei Monate in Hamburg und hatte von der Stadt noch nicht viel gesehen. Wenn sie etwas brauchte dann besorgte Albert das.

Aber seit ein paar Tagen waren ihre Wangen nicht mehr so rosig und das Arbeiten fiel ihr furchtbar schwer. Es kam jetzt immer häufiger vor, dass sie wenn sie die Speisen zubereiten musste, fluchtartig die Küche verließ und sich erbrach. Natürlich bemerkte Lie-San das, sagte aber zunächst nichts. Doch sie sah immer elender aus und mochte auch nichts mehr zu sich nehmen. Alles, was mit Essen zusammenhing, war ihr ein Gräuel geworden.

»Du musst zum Arzt, du bist schwanger. Ich kenne das!«

Elvira starrte ihn entgeistert an.

»Nein!«

»Doch, er wird es dir auch sagen.«

»Du glaubst, ich bekomme ein Kind?«, lispelte sie.

»Ja!«

Sie saß da und blickte auf den Hinterhof. Ein Kind! Jetzt musste Albert sie sofort heiraten. In der Kleinstadt war das auch schon vorgekommen. Dann heiratete man eben sehr schnell, und später hatte man dann angeblich eine Frühgeburt.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937084
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520092
Schlagworte
redlight street leben

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #56: Sie suchte das aufregende Leben