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REDLIGHT STREET #41: Vom Gewissen geplagt

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Vom Gewissen geplagt

Copyright

Die Hauptpersonen:

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Vom Gewissen geplagt

REDLIGHT STREET #41

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Daniela fühlt sich schuldig am Tod ihrer Mutter, denn sie hatte ihr vorgeworfen, sie nicht zu lieben. Um sich abzulenken, zieht sie nachts los und betrinkt sich. Mit Luc Richter verbringt sie eine wundervolle Nacht, doch er verlässt sie am nächsten Morgen aufgebracht, als sie ihn nach den Sinn des Lebens fragt. So zieht sie wieder nachts los, so dass ein Stricher auf sie aufmerksam wird und dem Zuhälter Zoltan von ihr erzählt. Der plant, Daniela zu seiner neuen Dirne zu machen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Daniela Losser - verliert einen lieben Menschen und gerät aus der Bahn.

Amella Hartmann - , ihre Freundin, versucht, ihr Halt zu geben.

Zoltan - , Zuhälter, fällt mit der neuen Dirne herein.

Luc Richter – weiß, dass er unheilbar krank ist, und findet Trost.

 

 

1

Daniela Losser hatte nicht gewusst, dass man so entsetzlich traurig sein konnte. Das junge Mädchen glaubte, auf der Stelle zu zerbrechen. Ich bin doch gar nicht wirklich vorhanden, dachte es verzweifelt. Ich bin schon lange tot. Nur merken die anderen Menschen es vielleicht gar nicht! Alles ist so sinnlos geworden!

Sie hörte Worte, verstand sie jedoch nicht. Sie hallten von den Wänden wider. Plötzlich war eine seltsame Stille um sie. Daniela spürte den Schmerz fast körperlich und krümmte sich ein wenig zusammen.

»Du musst dich erheben«, hörte sie eine leise Stimme an ihrer Seite.

Es war eine unendliche Qual, den Kopf zur Seite zu wenden. Daniela schaffte es und war sogar ein wenig stolz auf diese Leistung. Grenzenlos staunend war ihr Blick, als sie die Freundin an ihrer Seite erkannte. Die dunklen nussbraunen Augen blickten sie voll Mitleid an.

»Soll ich dir helfen?«, fragte Amella Hartmann.

Daniela Losser kam langsam in die Wirklichkeit zurück. Behutsam wurde sie am Arm ergriffen und hochgezogen. Jetzt stand sie auf ihren Füßen und sah auch wieder den Sarg vor sich. Sie nickte schwach. Es waren nur wenige Menschen, die etwas später mit ihr über den Friedhof gingen. Das Wetter war trüb und regnerisch. Dann standen sie am Grab und sahen, wie der Sarg hinuntergelassen wurde. Amella hielt den Arm ihrer Freundin. Daniela konnte nicht mehr weinen. Sie fühlte sich wie ausgenommen und stand wie eine Puppe am Grab. Es lief alles an ihr vorbei. Sie hatte den Eindruck, einen Film zu sehen.

Daniela hörte den Pfarrer reden und verstand nicht, was er sagte. Dann hörte sie die Erde auf den Sarg poltern, und der Pfarrer drückte ihr die kleine Schaufel in die Hand. Mechanisch drückte sie damit in den Erdhügel und ließ die braunen Krumen in die Grube fallen. Sie trat zur Seite, um den Trauergästen Gelegenheit zum Abschied zu geben.

Daniela spürte, wie man ihr die Hand reichte, irgendetwas murmelte und heimlich aufatmend den bedrückenden Ort verließ.

Dann war auch das vorbei. Daniela warf noch einen scheuen Blick in das Grab und wandte sich ab. Amella war noch an ihrer Seite, als sie den breiten Kiesweg zum Ausgang ging. Es gab keinen Leichenschmaus, das konnte sie einfach nicht ausstehen. Jetzt aber schleppte Amella sie in eine kleine Kneipe.

»Komm, trink das! Das wird dir guttun«, meinte sie und schob der Freundin das Cognacglas zu.

Der Schnaps brannte in ihrer Kehle.

»Danke«, würgte Daniela nach einer Weile des Schweigens hervor. »Du bist wirklich lieb. Du kannst mich jetzt ruhig allein lassen, Amella. Du musst doch auch an die Arbeit zurück.«

»Nein, ich bleibe bei dir. Man hat es mir erlaubt.«

Daniela konnte sich nicht erinnern, je in dieser Kneipe gewesen zu sein. Dabei war die Stadt nicht allzu groß. Mit zittrigen Händen suchte sie nach ihren Zigaretten. Fand sie natürlich nicht. Amella reichte ihr eine und zündete sie auch an. Der Rauch füllte ihre Lungen. Merkwürdig, sie hatte das Gefühl, jetzt nicht mehr zu fallen. So ein winziges Ding war doch tatsächlich in der Lage, sie festzuhalten. Sie klammerte sich an eine Zigarette! Verrückt, aber es stimmte!

Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

»Weißt du eigentlich, dass Zigaretten Haltestangen sind?«

»Ja, ich weiß.«

»Verrückt, ehrlich, verdammt verrückt! Dann klammerte man sich wohl nur aus Angst an diese verrückten Dinger, was?«

»So ist es.«

Sie blickte die Freundin an.

»Ach, ja, du rauchst ja nicht mehr. Ich habe es doch total vergessen! Prost!«

Daniela schluckte den Schnaps wie Wasser und lächelte den Wirt zaghaft an. Dieser schien richtig erleichtert zu sein, dass sie nicht mehr sauertöpfisch in der Ecke saß.

Hat wohl Angst, dass ich Stunk mache, dachte sie und spürte dann plötzlich wieder den dicken Kloß in ihrer Kehle. Der Schmerz brannte wie Feuer in ihrer Seele.

»Geht es jetzt wieder?«, fragte Amella und bestellte zwei Kännchen Kaffee.

»Mir ist es noch nie so gut gegangen wie jetzt«, fauchte sie die Freundin an.

Amella war ihr nicht böse. Aber dann sagte sie doch ein wenig verwundert: »Ich wusste gar nicht, dass du so sehr an deiner Mutter gehangen hast. Ich habe immer das Gegenteil angenommen. Ihr wart euch doch nicht so grün. Stimmt es nicht?«

Daniela sah die Freundin an und schluckte.

»Du glaubst also, ich habe Theater gemacht?«

»Nein. Wozu solltest du denn auch? Da waren nur die Nachbarn und die Kolleginnen von dir und dann der Pfarrer. Warum solltest du Theater spielen?«

Daniela spürte den Kloß in der Kehle. Sie musste ihn hinunterspülen, sonst würde sie noch daran ersticken. Der Kaffee tat ihr gut.

»Nein, ich habe mich nicht gut mit ihr verstanden. Ich habe begriffen, wie dumm und sinnlos man leben kann, wenn man nichts begreift. Verstehst du mich?«

Amella hatte Mühe sie zu verstehen.

»Das Leben«, sagte Daniela kurz auflachend. »Verdammtes Leben! Da krebsen wir dahin und raffen und glauben, alles zu packen, und dann schwupp, ist es vorbei. Einfach vorbei! Da kommt doch dieser verfluchte Knochenmann und macht mit der großen Schere schnipp und der Lebensfaden ist durch. Aus! Vorbei! Weg! Einfach alles vergessen, tot und leer!«

»Du hast also Angst vor dem Sterben?«

»Angst?« Daniela horchte in sich hinein. »Verdammt und zugenäht, Amella, kannst du mir mal sagen, warum wir auf dieser buckligen Welt sind?«

»Um was zu lernen«, gab diese ruhig zurück.

Die Freundin starrte sie an.

»Zu lernen? Und was hat meine Mutter gelernt? Sie war ...« Daniela konnte nicht weiterreden.

Amella legte den Arm um die Schultern der Freundin.

»Du bist jetzt verletzt, verzweifelt, und du hast auch Angst. Die Nähe des Todes erschreckt. Jetzt ist alles vorbei. Du wirst es wieder vergessen.«

»Vergessen?« Jetzt flossen endlich die Tränen. »Vergessen? Amella, ich will nicht vergessen. Versteh’ das doch! Man kann nichts mehr gutmachen. Man kann nicht mehr reden. Man kann gar nichts mehr! Sie ist einfach weg. Amella, ich bin so unglücklich.«

»Ja, ja, ich weiß wie du fühlst. Du wirst dich schon wieder fangen.«

Auch sie versteht mich nicht, dachte das Mädchen verzweifelt. Ich will mehr wissen. Dieses Unbekannte flößt mir Angst ein. Ich muss einfach herausfinden, wozu das Leben da ist.

Sie sah auf ihre Uhr.

»Ich geh heim. Danke für deine Worte und deine Zuwendung. Du bist wirklich eine liebe Freundin.«

»Danke. Kann ich dich jetzt wirklich allein lassen? Soll ich nicht mitkommen?«

»Nein, nein, lass mich nur! Du kannst mich vor dem Haus absetzen, und dann gehe ich allein.«

Amella zahlte die Rechnung, brachte die Freundin heim und fragte noch einmal, ob sie nicht mitkommen solle. Doch Daniela war schon ausgestiegen. Amella blickte ihr nach. Sie war schon ein komisches Geschöpf. Alle Mädchen im Büro verstanden sie so schwer. Sie war immer schon ein seltsames Mädchen gewesen. Amella biss sich auf die Lippen.

»Jetzt denke ich auch schon wie die anderen. Dabei braucht sie Hilfe. Ich spüre es doch. Da gibt es etwas in ihrem Leben, das ihr Angst einflößt, schreckliche Angst. Wenn ich ihr doch nur helfen könnte. Warum öffnet sie sich mir nicht?«

Dann war die Freundin im Haus verschwunden.

Amella fuhr davon.

 

 

2

Daniela hatte zuerst furchtbare Angst gehabt, die Wohnung zu betreten. Würde nicht alles sie an die tote Mutter erinnern? Dann war es doch leichter, als sie gedacht hatte. Der Duft ihres Parfüms war noch sehr stark vorhanden. Daniela dachte an Bücher, die sie mal gelesen hatte. Vielleicht war die Mutter noch immer zugegen?

Daniela betrank sich und schlief dann tief und fest ein. Als sie endlich zu sich kam, hatte sie eine Nacht und einen Tag verschlafen. Der Schmerz brannte noch immer in ihrer Brust. Sie blickte in den Spiegel und fühlte sich nicht mehr in der Lage, allein zu sein. Sie brauchte Menschen um sich. Sie wollte einfach nicht mehr denken.

Wenig später verließ sie die kleine Wohnung. Oben läutete das Telefon. Sie hörte es im Treppenhaus und dachte: Ist mir egal! Ich brauche jetzt irgendetwas, um mich zu betäuben. So zog sie los. Es war wirklich nicht ihre Art, aber jetzt war alles anders in ihrem Herzen. Sie war auch nicht mehr schüchtern oder gehemmt. Was sie vor einer Woche nicht geschafft hatte, das packte sie jetzt spielend. Sie betrat einfach eine Kneipe. Allein in eine fremde Kneipe gehen - vor ein paar Tagen hätte sie es nicht über sich gebracht. Jetzt ging sie ganz lässig und cool hinein und setzte sich in eine Ecke. Es war eine billige Kneipe. Männer in Arbeitskleidung hockten um die Theke und würfelten. Sie wunderten sich ein wenig über die fremde Frau. Ihre blonden Haare hingen ihr wirr um den Kopf. Sie hatte sich nicht viel Mühe gemacht, ihr Aussehen zu verändern.

Als der Wirt kam, dachte Daniela, sie scheinen sich überall zu gleichen. Sie haben alle einen verschlagenen Ausdruck und sind mürrisch.

»Du machst doch keinen Stunk?«

»Bringen Sie mir einen Schnaps!«

Er blickte sie kurz an und sah, dass sie keine Trinkerin war.

»Na schön!«

Daniela fühlte sich noch mutiger, als sie ein wenig betäubt war. Sie zahlte und zog dann weiter. Sie kannte diese Art von Kneipen gar nicht. Sie merkte auch nicht, dass sie langsam in eine Gegend abdriftete, wo man als Frau eigentlich nichts zu suchen hatte. Sie merkte auch nicht, dass man langsam auf sie aufmerksam wurde. Dann landete sie in einer sehr netten kleinen Bar. Es war schon gegen Morgen. Sie wollte nicht heim und blieb an dem kleinen Tisch sitzen. Ein Mann kam zu ihr - sah sie kurz an.

»Darf man Platz nehmen?«

»Warum nicht?«

Er bestellte ihr einen Drink, und sie kamen ins Gespräch. Es war belangloses Zeug, was sie redeten. Aber sie begriffen sehr sehr schnell, dass sie beide einsam waren. Als dann der Barkeeper sagte: »Wir müssen jetzt schließen«, erhoben sie sich und blickten sich kurz an.

»Wollen Sie mitkommen?«, fragte Daniela.

Der Mann öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, doch dann zögerte er und nickte. Gleichgültig ging sie an seiner Seite weiter. Sie schämte sich auch nicht, dass ihre kleine Wohnung nicht aufgeräumt war.

»Dort ist das Schlafzimmer!«

Sie ging ins Bad. Sie musste sich übergeben, weil sie zu viel getrunken hatte. Der Rausch machte sie gleichgültig. Sie musste nicht mehr denken.

Der Mann lag in ihrem Bett, als sie ins Schlafzimmer kam. Lässig ließ sie die Kleidung fallen und stand wenig später nackt im Zimmer. Er ließ sie nicht aus den Augen. Dann streckte er die Arme nach ihr aus. Der Mann schluchzte fast, als sie sich zu ihm legte.

»Ja, ja, ist schon gut«, sagte sie mütterlich und strich ihm über die Haare. »Nicht traurig sein. Ich bin ja bei dir. Komm schon! Sei jetzt fröhlich!«

Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an Daniela. Sie war schon vieles gewöhnt. Hatte schon eine Menge Freunde gehabt. Doch was sie jetzt erlebte, war so total anders, dass sie fast nüchtern wurde. Staunend dachte sie nur, so etwas gibt es auch? Solche Männer existieren tatsächlich? So zärtlich, so liebevoll, so verstehend! Er gibt mir Liebe, wie ich sie noch nie erlebt habe. Sie ist wie eine Wolke. Ich spüre mich. Ich bin endlich Frau, ich bin endlich ein Wesen aus Fleisch und Blut.

Er sorgte dafür, dass sie nicht schwanger wurde. Ein Mann hat dafür Sorge zu tragen, dachte sie noch und lächelte. Sie zog ihn in ihre Arme, spürte seinen zitternden Körper. Wie sehr verlangte er nach ihr. Wie sehr liebte er sie. Wie spürte sie seine Zärtlichkeit!

Dann schliefen sie beide ein.

Daniela lächelte im Traum. So sehr hatte sie dieses gemeinsame Leben genossen.

Der Mann erwachte vor ihr. Er stützte sich auf seinen rechten Arm und betrachtete sehr lange das Gesicht der Frau an seiner Seite. Er wagte sich nicht zu rühren, um diesen Zauber des Augenblicks nicht zu zerstören. Er spürte etwas in seinem Herzen aufgehen. Es war so schön, so wundervoll!

Daniela erwachte und sah ihn an. Sie brauchte ein paar Minuten, um sich wieder zu erinnern. Dann lachte sie leise auf und schmiegte sich an ihn.

»Ich kenne noch nicht mal deinen Namen«, sagte sie lachend. »Du musst mich wirklich für verrückt halten, nicht wahr? Oder noch schlimmer. Für käuflich?! Ist es nicht so?«

»Nein, das bist du ganz und gar nicht. Dafür habe ich einen Blick.«

»Ach, dann kennst du dich mit solchen Mädchen aus?«

Daniela fühlte plötzlich Eifersucht in sich aufglimmen. Verdammt, dachte sie ärgerlich. Da verbringt man mal eine hübsche Nacht und schon will man wieder so etwas wie besitzen. Und wenn man etwas besitzt, wird es einem eines Tages wieder genommen. Nein, ich will nie mehr wirklich besitzen wollen. Dann muss ich auch nicht mehr so leiden.

»Nenn mich einfach Luc«, sagte der Mann an ihrer Seite.

»Bist du Franzose?«

»Nein, meine Mutter wollte immer nach Frankreich ziehen. Aber dann hat sie nur ihre Ferien dort verbracht und mir einen französischen Namen gegeben. So zerrinnen Träume in Wirklichkeiten«, meinte er ein wenig sarkastisch.

»Ja, so ist es manchmal«, bestätigte Daniela und erhob sich. Sie hatte plötzlich das Gefühl, sich vor dem Fremden schämen zu müssen. Sie wickelte sich in ihren Morgenmantel und blickte auf den Kalender. Es war Sonntag. Sie hatte viel Zeit und wollte ihn nicht so schnell fortlassen.

»Was ist, du bist plötzlich so komisch.«

»Ach nichts! Ich gehe jetzt ins Bad, und dann will ich mal sehen, ob ich uns ein Frühstück zaubern kann.«

»Wir können auch essen gehen.«

»Um diese Zeit? Du bist verrückt!«

»Komm nur mit!«

Wenig später saßen sie in einem Frühstückscafé. Daniela war erstaunt. Seit gestern lernte sie ihre Stadt von einer ganz anderen Seite kennen.

Luc freute sich und spendierte das Frühstück. Sie blickte ihn an und meinte nach einer Weile: »Kannst du mir eigentlich sagen, was der Sinn des Lebens ist?«

Luc hätte sich fast an dem Kaffee verschluckt. Hastig stellte er die Tasse nieder.

»Wie bitte?«

Sie spürte wieder den alten Schmerz in sich hochkommen und hatte deswegen die Frage gestellt.

»Das Leben! Ich möchte wissen, wozu wir hier sind. Verstehst du mich?«

Er reagierte sehr eigenartig und meinte brüsk: »Ich weiß nicht, was du damit andeuten willst. Aber verdammt, lass mich damit in Ruhe!«

Das Mädchen erschrak.

»Ich wollte dich nicht verletzen. Was ist denn? Wir verstehen uns doch recht gut. Komm schon, für mich ist das sehr wichtig. Man lebt und lebt und denkt gar nicht darüber nach. Bis es eines Tages zu spät ist. Zum Glück wissen wir ja alle nicht, wann es soweit sein wird. Ich muss es wissen. Für mich bedeutet es sehr viel.«

Luc war aufgesprungen. Er warf einen Geldschein auf den Tisch. Sein Gesicht wirkte sehr hart, fast zynisch.

»Tut mir leid, ich gehe!«

Daniela sah ihn fassungslos an. Ehe sie aber noch darauf reagieren konnte, war er aus dem Lokal gestürmt. Verletzt und wütend verließ auch sie das Café. Was hatte sie nur getan? Wieso hatte sie ihn so wütend machen können? Daniela bekam es nicht mehr auf die Reihe, weshalb er plötzlich so seltsam reagierte. Sie biss sich auf die Lippen, um nicht wieder in Tränen ausbrechen zu müssen und ging weiter. Heimgehen wollte sie noch nicht. Dort würde die Einsamkeit sie wieder überfallen. Dann dachte sie an die Freundinnen. Aber diese würden sich schön bedanken, wenn sie ihnen schon wieder zur Last fiel.

Ziellos ging sie durch die Straßen und merkte nicht, wohin sie lief. Das Wetter war auch nicht besonders. Aber es war ihr total gleichgültig.

 

 

3

»Hör mal, hier kannst du aber nicht bleiben!«

Daniela hatte Mühe, den Sprecher anzublicken. Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht und raffte sich auf. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie auf einer Parkbank saß. Sie musste wohl eingeschlafen sein. Es war bereits empfindlich kalt und dunkel geworden.

»Tut mir leid«, sagte sie und stand auf. Sie wäre umgefallen, wenn der Mann sie nicht gehalten hätte.

Was Daniela nicht wissen konnte, war, dass man sie schon die ganze Zeit beobachtete. Einsame Mädchen blieben nie allein. Man zog immer engere Kreise, bis man merkte, dass sie einsam und verlassen waren und sich wirklich kein Schwein um sie kümmerte. Dann kam man aus den Verstecken hervor.

»Komm, ich spendier dir einen Drink! Den kannst du jetzt gebrauchen, der wird dir guttun.«

Ihr Magen meldete sich. In der Bar sah der Mann, dass sie ein hübsches Mädchen war. An ihrer Kleidung konnte er auch erkennen, dass sie keine Dirne war. Er war viel auf Reisen und suchte sich immer nur Abenteuer, die etwas versprachen. Für wirkliche käufliche Mädchen hatte er nichts übrig. Die Kleine hier schien gerade das richtige Profil zu haben.

Der Alkohol hatte seine Wirkung getan, und Daniela lebte sichtlich wieder auf. Sie blickte ihn freundlich an.

»Ich werde jetzt wohl gehen müssen. Morgen muss ich ausgeschlafen sein. Die Arbeit ruft.«

»Sie wollen doch einen so schönen Abend nicht so plötzlich abbrechen, meine Liebe? Geben Sie es doch zu, dass Sie einsam sind!«

Ihre Lippen zitterten.

»Woher wissen Sie das?«

»Du liebe Güte, das ist nun wirklich nicht schwer herauszufinden. Ich bin auch einsam. Also, unterhalten wir uns?«

»Ich bin müde!«, sagte Daniela ausweichend.

»Nun, wir müssen nicht in dieser Bar bleiben. Wir können auch woanders hingehen, wo wir ungestört reden können. Kommen Sie mit!«

Warum konnte sie nicht eigene Gedanken zu Ende denken? Warum ließ sie andere über sich bestimmen? Sie sagte auch dann nichts, als sie merkte, dass man ein Hotel betrat. Es war ein sehr gutes Hotel. Sie staunte auch nicht, als man mit dem Lift nach oben fuhr und wenig später in einem Zimmer verschwand. Sie staunte darüber, wie hübsch ein Hotelzimmer sein konnte. Fast so etwas wie Wohnkultur traf man hier an. Sie setzte sich auf die Couch und sah, wie er aus der Minibar Gläser und Sekt holte. Leise Musik machte alles noch weicher.

Nur nicht allein sein, dachte sie. Das ertrage ich einfach nicht. Sie trank schnell. Daniela war auch noch ansprechbar, als der Mann sie küsste. Es machte ihr auch nichts aus, als er ihr die Bluse aufknöpfte und mit ihren Brüsten zu spielen begann. Im Gegenteil, sie fühlte ein sehr wohliges Gefühl in sich aufsteigen. Es war süß, begehrt zu werden. Vage kam ihr Luc in den Sinn. Doch sie verscheuchte diesen Gedanken sofort wieder. Was hatte sie mit ihm zu tun? Sie kannte ihn ja kaum.

»Du bist eine schöne Frau«, sagte der Fremde und zog ihr die Bluse aus. Sie spürte seine verlangenden Hände auf ihrer Haut und bog den Kopf nach hinten. Er sollte nur nicht aufhören, sie zu streicheln. Sie brauchte seine Zärtlichkeit. Sie stöhnte leise auf. Seine Lippen liebkosten ihren Körper. Es war alles so natürlich und normal. Sie empfand nur Lust dabei. Sie spürte ein wohliges zärtliches Gefühl in ihren Lenden. Half ihm dabei, sich ganz auszuziehen.

Auch der Mann war jetzt vollkommen nackt. Der Alkohol machte sie leicht, und so tauchte sie in einen Rausch und glaubte, dort sei das wirkliche Leben.

Ich habe es endlich gefunden, dachte sie noch. Das ist also das Leben! Sex, Liebe, Gefühle! Ja jetzt spüre ich es ganz deutlich. Das ist wirkliches Leben. Ich habe es gefunden. Begehrt zu werden, zu wissen, wie ich auf einen Mann wirke. Warum habe ich das nicht schon früher erkannt?

Dann hob der Mann sie hoch und trug sie zum Bett. Sie verfiel fast in eine Art Raserei. Sie wusste nicht, was sie tat. Er nahm sie, und sie spürte jetzt die Gewalt, die in ihm steckte. Sie glaubte mittendurch gerissen zu werden. Er war zu stark und schwer. Sie wollte ihn von sich stoßen, schaffte es aber nicht. Er gab sich voll seiner Befriedigung hin und dachte nicht an die Frau. Sie war zu schmal für ihn. Sie spürte ihren Körper verbrennen in einer lichterlohen Flamme des Schmerzes. Tränen schossen ihr in die Augen. Es tat so schrecklich weh! Das Vorspiel war wie ein Rausch gewesen. Als sie glaubte, den Höhepunkt zu erreichen, überflutete sie wieder eine Welle des Schmerzes. Sie hätte schreien können. Er war nicht bewusst roh und gemein. Nein, er vergaß sich einfach. Sie drehte den Kopf zur Seite. Verzweifelt dachte sie nur, lieber Gott, lass es bald vorbei sein. Er trägt keine Schuld. Ich will ihm nicht böse sein. Er kann es doch nicht wissen. Tränen perlten auf das Kissen.

Irgendwann war alles vorbei!

Sie war nicht mitten durchgerissen. Sie war noch ganz. Sie spürte nur die Wunden in sich. Mechanisch erhob sie sich und ging ins Bad. Daniela sah ihr zerwühltes Gesicht in dem kostbaren Spiegel und schluchzte leise auf. Dann ging sie unter die Dusche. Der Mann lag noch immer im Bett und rauchte. Er war jetzt vollkommen abgekühlt und nüchtern.

»War nett mit dir, ehrlich. Aber jetzt musst du gehen!«

Es war wie ein Peitschenschlag. Noch eben hatte er leidenschaftliche Worte geflüstert, sie an sich gedrückt und sie seine ganz große Geliebte genannt. Und jetzt sollte sie einfach verschwinden.

»Hör zu, mach jetzt keine Zicken, ja? Das kann ich mir nicht leisten. Wir hatten Spaß miteinander, und dein Schaden ist es auch nicht gewesen.«

»Nicht mein Schaden?« Sie wollte ihm ins Gesicht schreien: Ich habe gelitten. Ich spüre jetzt noch die Schmerzen. Weißt du eigentlich, was ich für dich getan habe?

Aber sie sagte es ihm nicht. Schamröte stieg ihr ins Gesicht.

»Ich mache keine Zicken«, sagte sie ruhig und suchte ihre Schuhe unter dem Bett.

»Geh fort und vergiss alles! Ich brauche dich jetzt nicht mehr.« Er brachte sie bis zum Lift. Ein kurzer Blick und dann zog er die Tür zu.

Daniela war in ihrem ganzen Leben noch nie so schüchtern gewesen wie in dieser Stunde. Wie sie dann nach Hause gekommen war, konnte sie später nicht mehr sagen. Irgendwann war sie daheim und fiel dann bitterlich weinend auf ihr Bett.

 

 

4

»Mein Gott, du siehst ja wirklich krank aus«, sagte Amella Hartmann am nächsten Morgen im Büro zu Daniela. »Geht es dir nicht gut? Daniela, warum bist du gestern nicht zu mir gekommen?«

Daniela glaubte, aus einer ganz anderen Welt zu kommen. Sie hatte Mühe, der Freundin zuzuhören. Das Büro, die Arbeit, alles war so unwirklich. Sie hatte wieder den Eindruck, neben sich zu stehen und alles um sie herum wie in einem Film ablaufen zu sehen. Offensichtlich hatte sie auch schon gearbeitet, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte. Abwesend starrte sie vor sich hin.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Amella eindringlich.

Daniela sah die Freundin an.

»Ich bin nicht krank, ich fühle mich nur ein wenig geschlaucht. Ich habe wohl zu viel Alkohol getrunken.«

Amella blickte sie fürsorglich an. »Wir alle machen uns Sorgen um dich.«

»Ach ja?« Daniela war verblüfft über diese Tatsache. »Warum denn?«

»Du bist doch wirklich ganz in Ordnung?«, fragte Amella.

»Ja, sicher, ehrlich. Ich habe es doch eben gesagt.«

»Du bist so anders geworden«, meinte die Freundin. »Wir verstehen das einfach nicht. Du hattest doch gar kein so gutes Verhältnis zu deiner Mutter. Wieso berührt dich ihr Tod nur so schrecklich? Stimmt etwas nicht? Wieso bist du so anders seit der Beerdigung?«

Daniela stellte sich die Frage ständig selbst. War es vielleicht deshalb, weil sie sich mal wieder gestritten hatten? War sie so bestürzt darüber, dass sie nichts mehr zurücknehmen konnte? Die bösen Worte, die sie verletzen sollten? War es das?

»Ach, Amella, ich bin verzweifelt. Ich bin so verzweifelt, weil ich aus der Bahn geworfen wurde. Ich finde mich nicht mehr, ich bin verlassen.«

»Hast du Angst vor dem Tod bekommen? Bist du in Panik geraten?«

Daniela horchte in sich.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie, »ich habe nur das blöde Gefühl, mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern und es bleibt nichts übrig. Gar nichts! Amella, ich will was behalten. Verstehst du? Ich will was behalten. Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Amella war bestürzt.

»Daniela, ich glaube, du solltest im Augenblick nicht allein bleiben. Du bist geschockt, das ist alles.«

»Meine Mutter, wo ist sie jetzt? War das alles, Amella, war das wirklich alles? Mich zu gebären, zu arbeiten und Sorgen haben und dann einfach aus, vorbei?« Sie stöhnte schmerzlich auf.

Amella fühlte sich überfordert. Darüber hatte sie selbst noch nicht nachgedacht.

»Vielleicht solltest du dich mal mit einem Pfarrer unterhalten. Vielleicht kann der dir mehr darüber erzählen.«

Daniela fuhr sie wütend an.

»Du hast gar nichts verstanden. Du bist ja auch so hohl und leer, Amella. Du hast dir auch keine Gedanken über das Warum gemacht.«

Die Freundin war geschockt.

»Hör mal, du bist wirklich seelisch angeknackst. Also, das muss ich mir wirklich nicht bieten lassen. Ich weiß sehr wohl, was Leben und Tod bedeuten.«

»So? Dann sage mir doch, warum wir uns hier abkeuchen! Dann sage es doch!«

Amella konnte es nicht sagen. Schweigend machten die Mädchen ihre Arbeit. Amella war verletzt, und Daniela war einfach müde und sonst gar nichts. Sie hatte im Übrigen den Streit später schon wieder vergessen. Sie war aber so in sich eingesponnen, dass sie kein gutes Wort sagte, weil sie Amella gar nicht wirklich mehr bemerkte. Als Feierabend war, ging sie, ohne sich umzusehen.

Amella war tief verletzt und sprach mit anderen über Daniela. Sie erklärten, dass dies wohl auf den Schock über den Tod der Mutter zurückzuführen sei. Man müsse halt Geduld haben.

Daniela spürte erst auf dem Heimweg, dass sie sich in einer Sackgasse befand. Jetzt war alles wieder da. Die leeren Räume, die unsichtbare Mutter. Sie hielt es in der Wohnung nicht aus. Also ging sie wieder ziellos durch die Gegend und wollte einfach unter Menschen sein.

Sie kam in das Viertel, wo man für gewöhnlich käufliche Liebe bekommen konnte. Um diese Zeit standen dort aber noch keine Mädchen. Daniela betrat eine Kneipe. Man blickte sie groß an. Sie bestellte sich etwas zu essen. Der Wirt ging nach hinten und gab mürrisch die Bestellung auf.

Daniela öffnete ihre Tasche und wollte einen Kamm herausholen. Dabei geriet ihr ein Geldschein zwischen die Finger. Ein blauer Schein! Voller Verblüffung sah sie den Hunderter an und verstand die Welt nicht mehr. War sie schon so fahrig, dass sie das Geld nicht mehr in die Geldbörse steckte? Wieso lag der Schein daneben? Und wieso hatte sie auf einmal einen Hunderter? Sie konnte sich genau daran erinnern, dass sie nur Fünfziger hatte. Hastig öffnete sie die Geldbörse. Dort waren sie alle wohl verwahrt. Wieso hatte sie einen blauen Schein in der Tasche?

»Werde ich schon verrückt?«, murmelte sie geschockt. »Aber das gibt es doch nicht. Ich kann doch noch klar denken. Beklaut hat man mich auch nicht, denn dann hätte ich jetzt kein Geld mehr. Im Gegenteil, ich habe jetzt noch mehr Geld, als ich annahm.« Sie überlegte krampfhaft, wer ihr Geld gegeben haben könnte. Luc hatte sie im Zorn verlassen. Dann fiel ihr dieser Mann im Hotel ein. Ja, die Tasche. Er hatte ihr Geld gegeben. Dann fielen ihr auch wieder seine Worte ein: »Dein Schaden ist es auch nicht gewesen.«

Er hatte sie bezahlt! Für Liebe hatte dieser Mann hundert Mark bezahlt!

Im ersten Augenblick hatte sie das wilde Bedürfnis, den Geldschein zu zerreißen. Sie hatte sich für Liebe bezahlen lassen. Wie eine Hure! Aber dann fiel ihr wieder ein, wie sehr sie gelitten hatte. Vielleicht hatte er es doch gespürt und sich so entschuldigen wollen?!

»Ich muss ihn fragen«, murmelte sie vor sich hin. »Ich muss es wissen. Wenn nicht, dann gebe ich ihm das Geld wieder. Er ist gemein, wenn er auch nur eine Minute daran gedacht hat, ich wäre so eine.«

Sie schlang das Essen hinunter und ließ sich dann einen Schnaps geben. Die letzten Tage waren nicht ganz ohne Schnaps abgegangen. Noch spielte ihr Magen mit.

Der Wirt starrte sie an.

»Bringen Sie mir noch einen Schnaps!«

»Nein. Ich will keinen Ärger«, sagte er wütend. Oft kamen Frauen zu ihm und ließen sich volllaufen. Er hatte die Nase gestrichen voll von diesen Weibern. Besonders, wenn sie gut gekleidet waren. Irgendwann rächte sich das, wenn er nur ans Verdienen dachte.

»Es ist genug. Außerdem möchte ich jetzt schließen.«

Daniela Losser blickte sich um. Sie war wirklich die Letzte im Lokal.

»Tut mir leid. Das wollte ich nicht«, sagte sie und ging fort. Sie ließ ein Trinkgeld zurück. Der Wirt dachte trotzdem, wenn die nur nicht wiederkommt. Die sieht mir ganz danach aus, dass sie Freunde hat, die es nicht gerne sehen, dass sie so abrutscht.

 

 

5

Daniela stand in der vornehmen Hotelhalle. Sie runzelte die Stirn. Ja, jetzt fiel ihr die Zimmernummer wieder ein. Die junge Frau hatte sich das alles so einfach vorgestellt. Doch jetzt fühlte sie Widerstand.

»Sie kennen den Herrn nicht?«

»Ich muss ihn sprechen«, bedrängte sie den Mann an der Rezeption. »Es ist sehr wichtig für mich. Verstehen Sie das nicht?«

Er roch die Alkoholfahne und zog sich ein wenig zurück.

»Ich sage Ihnen nochmals, es tut mir leid, ich kann Sie nicht unangemeldet hinaufgehen lassen. Und der Herr wünscht keinen Besuch.«

»Ich war bei ihm oben! Begreifen Sie das denn nicht?«

»Oh, doch«, meinte er sarkastisch.

»Und ich betone es nochmals, solche Frauen wie Sie haben in unserem Hotel nichts zu suchen. Bitte verlassen Sie das Hotel.«

Daniela war nicht betrunken, und so wurde sie wütend.

»Was bilden Sie sich eigentlich ein?«, erregte sie sich, und das war jetzt auch der Grund, warum plötzlich diskret zwei Männer in Erscheinung traten und sie unverzüglich nach draußen baten.

Sie schimpfte noch eine ganze Weile. Tränen der Wut stiegen ihr in die Augen. Daniela bemerkte gar nicht, wie sie sich immer mehr verstrickte.

Wohin sollte sie gehen? Die Erinnerung überfiel sie wieder. Sie hielt es nicht mehr aus. Sie musste vergessen, sonst würde sie noch verrückt werden.

Sollte sie Amella besuchen? Um diese Zeit war das nicht gut möglich.

Sie heulte leise vor sich hin. Da hockte sie nun wie ein Häuflein Elend auf der Bank und bejammerte sich selbst. Wenig später erschien ein Mann und setzte sich an ihre Seite.

»So allein?«

In normalen Zeiten hätte sie ihn gleich angeschnauzt und wäre sofort aufgestanden und fortgegangen. Aber sie hatte Alkohol im Blut und bejammerte sich seit Tagen selbst. Sie suchte Trost und Liebe in einem und verstand nicht, dass sie weiterhin unglücklich war.

Männer hatten ein Auge für Frauen, die verzweifelt waren und sich wegwerfen wollten. Auch dieser Mann suchte ein Abenteuer. Nicht bei einer gewöhnlichen Nutte. Bei denen musste man ja vorsichtig sein in der heutigen Zeit. Diese hier sah nicht nach Nutte aus.

»Kommen Sie!«

Daniela wollte nicht allein bleiben. Sie erzählte ihm, wie man sie in dem Hotel behandelt hatte. »Dabei wollte ich ihm doch nur erklären, dass ich nicht so eine bin. Verstehen Sie?«

»Das kann ich sehr gut verstehen«, sagte er und zog sie enger an sich. »Die Menschen denken immer so gemein.«

»Nicht wahr, Sie denken nicht so von mir?«

»Aber wie kommen Sie denn darauf? Nein, natürlich nicht. Woher denn?«

»Sie sind lieb!«

Er nahm sie mit zum Wagen. Sie fuhren ein wenig außerhalb der Stadt in ein nahes Waldstück. Dort machte er dann mit ihr Liebe. Daniela ließ es geschehen. Sie wollte nicht fortgestoßen werden. Sie brauchte Liebe. Liebe und Trost wollte sie haben.

»Du bist wirklich gut gewesen«, sagte er anerkennend und tätschelte ihr das Knie. »Wirklich, du bist ganz große Klasse, Mädchen.«

»Wirklich?« Sie freute sich über sein Lob. So tief war sie schon gesunken.

Er brachte sie in die Stadt zurück und ließ sie aussteigen.

»Können wir denn nicht noch eine Kleinigkeit zusammen trinken?«

Er hatte es jetzt auf einmal sehr eilig. »Morgen, Kleines. Ich sehe dich doch wieder?«

Verloren stand sie auf dem Bürgersteig. Sie war wieder so grenzenlos allein.

 

 

6

Paddy stand vor seinem Boss.

»Chef, ich glaube, ich habe da eine im Visier.«

Zoltan, der Ungar, säuberte seine Fingernägel und sah den Strichjungen gleichgültig an.

»Was hast du im Visier? Ich brauche keine Stricher mehr. Die Stadt ist rammelvoll davon. Wir kriegen nur Ärger. Wir müssen auf der Hut sein in der heutigen Zeit. Ich will mein Geschäft nicht vermiesen.«

Paddy ließ sich nicht einschüchtern.

»Doch keinen Burschen, so blöde bin ich doch auch nicht!«

»Also kein Spieljunge für dich?«

Er schüttelte wild den Kopf.

»Boss, so etwas mach ich doch nicht. Nee, eine fremde Katze scheint hier herumzustreichen.«

Zoltan blickte ihn kühl an.

»Wie?«

»Seit Tagen fällt sie mir schon auf. Ist nicht schlecht, ehrlich nicht. Ich glaube, die ist durch Zufall hier gelandet. Sie säuft und schleppt Kunden einfach so ab. Ich habe sie genau beobachtet. Ich glaube, die Tülle ist so selten blöde, dass sie noch nicht mal Geld dafür nimmt. So etwas verdirbt die Preise. Das können wir nicht zulassen. Und außerdem, bevor die anderen Luden darauf aufmerksam werden, könnten wir die Kleine schon eingesackt haben.«

»Du meinst, sie ist echtes Freiwild?«

»Todsicher! Die ist ausgerutscht, so dämlich, wie die sich benimmt. Wenn wir jetzt nicht zulangen, gerät sie noch unter das Fußvolk, und dann macht man sie zur Schnecke. Du kennst doch die Weiber. Die rasen dann gleich los und machen Hackfleisch aus der Kleinen. Dann dauert es Wochen, bis sie wieder anständig aussieht.«

»Eine neue Tülle belebt das Geschäft. Inge, das faule Stück, muss sowieso ihre Laterne aufgeben.«

»Na, dann haben wir ja sogleich Ersatz!«

Zoltan erhob sich.

»Ich will sie mir ansehen. Kostet ja nichts! Wenn sie wirklich eine Supermaus ist, dann werde ich sie mir unter den Nagel reißen. Wehe, es ist ein faules Ei, dann kannst du was erleben!«

Paddy machte ein langes Gesicht.

»Chef, so genau kenn ich die Kleine doch auch wieder nicht. Mensch, was soll ich denn noch alles tun? Ich latsche mir die Hacken krumm für dich. Ehrlich! Ich hätte ja auch schweigen können, nicht?«

»Nun, du lebst doch nicht schlecht, oder?«

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937015
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519991
Schlagworte
redlight street gewissen

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #41: Vom Gewissen geplagt