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Heißes Blei für kaltes Gold

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Heißes Blei für kaltes Gold

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Heißes Blei für kaltes Gold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Edward Martin, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Acht lange Jahre saß Jim Marlowe unschuldig im Gefängnis. Nach der Haft heftet er sich an die Spur seines ehemaligen Freundes Sonora-Rick, um mit ihm eine acht Jahre alte Rechnung zu begleichen. Doch Sally Tilburn und ihre Männer lassen das nicht zu. Denn Rick hat Sally eine Gatling verkauft, ein mehrläufiges Schnellfeuergewehr von gigantischer Feuerkraft. Mit dieser Waffe möchte Sally ihren Vater und seine Crew aus den Fängen des Bandoleros Calaveras befreien. Der möchte sich Tilburns Gold unter den Nagel reißen. Darauf abgesehen hat es allerdings auch der Bandit Webster, mit dem Marlowe ein Jahr im Knast verbracht hat. Widerwillig lässt sich Marlowe als Scout anheuern, damit er Rick im Auge behalten kann. Ein mörderischer Kampf entbrennt unter den Parteien; jeder spielt sein eigenes Spiel und ist bereit, seine Konkurrenten zu töten. Und wer die Gatling besitzt, hat die besseren Argumente …

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

Der Sturm packte Jim Marlowe hundert Yards vor der verlassenen Ranch. Plötzlich war er in eine brodelnde Staubwolke gehüllt.

Der Wallach stolperte und knickte vorne ein. Jim sprang ab, zerrte des Pferd hoch und band sich das Halstuch vor Nase und Mund.

Ein ohrenbetäubendes Brausen umgab ihn. Dunkelheit herrschte. Die Sicht reichte nur wenige Yards. Losgerissene Sträucher wirbelten vorbei.

Jim brauchte für die kurze Strecke fast eine halbe Stunde. Bei jedem Schritt musste er sich einstemmen. Tonnen von Sand schienen aus der Schwärze auf ihn niederzustürzen.

Erschöpft erreichte der große, breitschultrige Mann den Schutz einer Bretterwand. Blech klapperte. Dann hörte Jim ein dumpfes Krachen wie von einem Axthieb.

Ein Schuss.

Es war nicht feststellbar, von wo das Geräusch kam. Unwillkürlich senkte Jim die Rechte auf den Colt. Das Holster war am Oberschenkel festgebunden.

Jim lauschte. Nur das Brüllen des Sandsturms füllte seine Ohren. Da schlang er die Zügel um einen Pfosten und tastete sich an der Wand entlang. Sie gehörte einem leerstehenden Schuppen. Jim öffnete das Tor. In der Finsternis vor ihm blitzte es. Er spürte einen leichten Schlag am linken Oberarm, warf sich zur Seite und zog den 44er. Der Sturm schmetterte das Tor zu.

Blut sickerte an Jims Arm herab. Doch es war nur ein Kratzer. Im Schuppen war es stockfinster und unmöglich, sich an einem Geräusch zu orientieren. Jim drückte sich an die Wand. Er hatte keine Ahnung, in was er da hineingezogen war.

Der Sturm tobte. Mehrere Feuerstöße fauchten plötzlich aus verschiedenen Richtungen, aber keine Kugel schlug in Jims Nähe ein.

Er schob sich weiter, stieß gegen ein am Boden liegendes Bündel und duckte sich.

Das Bündel war ein Mann. Jims tastende Hand fand den Patronengurt, das leere Holster, das blutige Einschussloch und berührte die wächserne Kälte des Gesichts. Er legte die Fingerspitzen auf die Halsschlagader. Kein Puls.

Als er sich aufrichten wollte, spürte er eine Bewegung und schnellte herum.

Die Drehung rettete ihm das Leben. Ein wuchtiger Anprall warf ihn auf den Rücken. Neben ihm fuhr ein Messer in den Lehmboden.

Jims Hieb mit dem Coltlauf traf den Angreifer an der Schulter. Aber das Gewicht des Mannes drückte ihn nieder. Jim umklammerte die Messerhand.

Keuchend wälzten sie sich am Boden. Die Linke des Gegners hinderte Jim an

einem neuerlichen Hieb mit dem Colt. Der beschwerliche Ritt hatte Jim Marlowe ausgelaugt. Seine Kräfte ließen nach. Verzweifelt bäumte er sich auf.

Der Messerstecher verkrampfte sich plötzlich. Ein Zittern durchlief den Körper, dann erschlaffte er.

Jim kroch unter ihm hervor, stemmte sich auf die Knie und suchte das Messer. Es war dem Mann in die Brust gedrungen. Jim wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Er hätte gern ein Streichholz angezündet. Da stieß er gegen die von einem Pfosten baumelnden Ketten.

Noch in das Klirren krachte der Schuss.

Jim schleuderte sich nach rechts, feuerte aber nicht. Er bezweifelte, dass die Kugel ihm galt – eher dem Hombre, der nun mit dem eigenen Messer in der Brust am Boden lag.

Geduckt richtete Jim sich auf. Ungeduldig rüttelte der Sturm an den Bretterwänden. Der Dachstuhl knarrte. Jim hätte es nicht gewundert, wenn das Gebäude plötzlich zusammengestürzt wäre.

„He, Mister!“, begann Jim.

Der Revolver blitzte zwei-, dreimal. Nach jedem Schuss wechselte der Unsichtbare die Stellung. Er bewegte sich dabei nach rechts. Jim schätzte die Position ab, von wo der vierte Mündungsblitz kommen würde. Er lief darauf zu, wartete jedoch vergeblich auf den Knall. Sand rieselte durch die Ritzen im Dach.

Jim unterdrückte den Hustenreiz. Vergeblich versuchte er in der Finsternis eine Bewegung zu erkennen. Dann hörte er ein Klappern, gefolgt von einem halblauten Aufschrei.

Es konnte eine Falle sein, doch Jim stürmte vorwärts, sah einen Schatten und warf sich auf ihn.

Der Gegner schrie. Jim riss ihn zu Boden, entwand ihm den Revolver und packte ihn an der Kehle.

„Keine Bewegung …“

Die Gestalt unter ihm keuchte, kratzte, biss.

Siedendheiß durchfuhr es Jim: Das war ein Mädchen.

 

*

 

Das dritte Schwefelholz entzündete den Docht der Petroleumlampe.

Jim hängte sie an einen rostigen Haken. Die Flamme hinter dem rußigen Zylinder blakte. Schatten tanzten auf den unter immer neuen Sturmstößen ächzenden Schuppenwänden.

Das Girl kauerte am Boden, den Blick halb ängstlich, halb Misstrauisch auf Jim gerichtet. Zweiundzwanzig, schätzte Jim ihr Alter. Sie war nicht eigentlich hübsch, aber ihr von zerzausten blonden Strähnen umstandenes Gesicht besaß einen eigentümlichen Reiz. Eine Mischung aus Temperament und Entschlossenheit spiegelten sich darin. Der Mund war sinnlich. Die hellgrauen Augen blickten kühl.

Jim entging nicht, dass das Mädchen auf den am Boden liegenden Revolver spähte. Er hob die Waffe auf und gab sie ihr. Sein eigener Sechsschüsser steckte im Holster.

„Mein Name ist Jim Marlowe. Sie haben nichts von mir zu befürchten.“

„Rafferty war schon tot, als ich kam.“ Sie stand auf und wies auf die schlaffe Gestalt an der Schuppenwand. Der Mann mit dem zerknitterten Cordanzug und dem weißen Hemd mit der Kragenschleife sah wie ein Berufsspieler aus.

Der andere, der Jim mit dem Messer angegriffen hatte, war ein grobschlächtiger, bärtiger Bursche in derber Reitertracht.

„Seine Mörder warteten auf mich.“ Die Stimme des Mädchens schwankte. „Es waren zwei.“

„Dann hat einer sich aus dem Staub gemacht. Übrigens ein ziemlich einsamer Ort für ein Stelldichein, nicht wahr?“

„Sam Webster sollte nicht erfahren, dass ich Rafferty einen Job als Scout anbot. Ich weiß nicht, wie er’s trotzdem rausbekam. Seine Killer belauern uns, weil wir Flagstaff verließen.“

„Am besten fangen Sie von vorn an, Miss.“ Jim ging zum Tor und verriegelte es. Als er sich umwandte, deutete wie zufällig der Revolver auf ihn. Jim setzte sich auf eine Kiste und drehte sich eine Zigarette. „Sie können es auch lassen, wenn Sie glauben, dass Ihre Schwierigkeiten mich nichts angehen.“

Sie trug Rock, Bluse und Wildlederstiefel. Ein patronengespickter Revolvergurt umgab die Hüften. Zögernd holsterte sie die Waffe.

„Ich bin Sally Tilburn. Meine Männer lagern in der Nähe von Dryhill, acht Meilen westlich von hier. Wir sind mit einem Planwagen zum Canyon del Sol in den Hualapai Mountains unterwegs.“

„Ein gefährlicher Trail, noch dazu, wenn Webster und seine Banditen es auf Sie abgesehen haben. Die meisten Wasserstellen zwischen Dryhill und den Hualapais sind um diese Jahreszeit trocken.“

„Sie kennen demnach das Gebiet.“

„Ein bisschen.“ Jim brannte die Zigarette an. Erinnerungen wurden in ihm wach. Doch sein sonnengebräuntes Gesicht verriet nichts davon.

Sally musterte ihn. Sie spürte, dass er älter aussah als er tatsächlich war. Seine Reiterkluft war abgetragen. Er konnte ein Smallrancher, Cowboy oder Mustangfänger sein. Nur der tiefgeholsterte 44er mit dem abgewetzten Hickoryknauf passte nicht dazu.

„Sie haben mir das Leben gerettet.“

Jim hob die Schultern. „Ich wehrte mich meiner Haut.“

Sally zögerte, dann erklärte sie: „Wir brauchen einen Scout, der die Wasserstellen abseits der üblichen Route zum Canyon del Sol kennt und der vor Websters Banditen nicht davonläuft – einen Kämpfer. Sie sind einer, Marlowe.“

„Ich suche keinen Job.“

„Ich biete Ihnen fünfhundert Dollar.“

Jim pfiff durch die Zähne. „Mehr Geld als ein gewöhnlicher Weidereiter in einem Jahr verdient.“

„Es wird kein Spazierritt.“

„Das ist anzunehmen, nachdem Sam Webster es auf Sie und Ihre Fracht abgesehen hat. Seit ’nem halben Jahr klebt Websters Steckbrief an fast jedem Telegrafenmast in Arizona. Doch kein Sternträger oder Kopfgeldjäger ist auch nur auf Schussweite an ihn rangekommen. Ihre Ladung muss ziemlich wertvoll sein.“

Sally zögerte abermals.

„Es handelt sich um eine Gatling-Schnellfeuerkanone mit fünfzehnhundert Schuss Munition.“

„Ich dachte, Sie hätten Gold gefunden.“

Sally kniff die Augen zusammen. „Wie kommen Sie darauf?“

„Also doch.“

„Wir haben kein Gold auf dem Wagen, nur die Gatling, einige Munitionskisten, Proviant und Pferdefutter. Sie haben aber trotzdem recht, Marlowe. Es geht um Gold. Mein Vater und ein paar Helfer bewachen es im Canyon del Sol. Sie haben eine Mine ausgebeutet, weit weg von allen Siedlungen. Gold im Wert von mehr als hunderttausend Dollar. Nicht nur Webster ist darauf scharf. Juan Calaveras und seine Bandoleros belagern die Mine seit drei Wochen. An den Abtransport des Goldes ist so nicht zu denken. Ed McLane, dem Partner meines Vaters, und mir gelang es, aus dem Canyon zu entkommen. Wir schlugen uns nach Flagstaff durch. Aber die Mine in den Hualapai Mountains liegt außerhalb der Zuständigkeit des Sternträgers. Und die Army hat mit den aufständischen Apachen im Süden zu tun.“

„Also entschlossen Sie sich zur Selbsthilfe und verschafften sich – wahrscheinlich mit Gold aus dem Canyon – die Gatling Gun.“

„So ist es. Außerdem warben Ed und ich einige Männer an. Wir werden wie ein Ungewitter über Calaveras und seine Bande kommen, vorausgesetzt, dass sie die Mine nicht vorher erobern.“

„Und Webster Ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht. Wie kommt er ins Spiel?“

„Er entdeckte die Ader, als er sich im Canyon del Sol vor einer Meute Kopfgeldjäger verbarg. Das ist Jahre her. Webster wurde verhaftet und ins Jail gesteckt. Nach seinem Ausbruch fand er Pa und McLane bei der Ausbeute der Mine. Bis er seine alte Bande beisammen hatte, erschien Calaveras. Jetzt will Webster die Gatling. Denn wer sie besitzt, dem wird das Gold gehören.“

„Sie haben sich viel vorgenommen, Miss Sally.“

„Für mich geht’s nicht nur um das Gold. Der Einsatz ist das Leben meines Vaters und der Männer, die in der Mine eingeschlossen sind. Die fünfhundert Dollar, die ich Ihnen biete, sind alles, was ich noch besitze. Allerdings könnte ich Ihnen einen Anteil an dem Gold zusichern, falls Sie …“

„Tut mir leid. Ich würde auch für die zehnfache Summe nicht mitkommen. Sobald der Sturm aufhört, reite ich weiter.“

„Wohin?“

„Ich bin seit Monaten hinter einem Mann her. Scheint so, als würde ich ihn nun bald erwischen – und zwar in Dryhill.“

 

*

 

Die Town bestand aus einem Dutzend verwitterter Bretter und Lehmziegelgebäude mit den dazugehörigen Schuppen, Ställen und Korrals. Kein Baum spendete Schatten. Die staubige, von Radfurchen zernarbte Main Street lag in flimmerndem Sonnenglast. Klaviergeklimper und Lachen schallten aus dem einzigen Saloon.

Starlight Palace prahlte das Schild über dem Eingang. Der sonst schmucklose Bau hatte jedoch von außen mehr Ähnlichkeit mit einem Pferdestall.

Jim brachte den Wallach in den Schatten. Der Schecke, der bereits an der Tränke stand, beäugte ihn misstrauisch. Er gehörte dem Mann, auf dessen Fährte Jim seit genau dreieinhalb Monaten ritt.

Jim lockerte den Colt im Holster, ehe er die schulterhohen Flügeltüren aufstieß und den Saloon betrat. Seine Sporen klirrten.

Buffalo Range hämmerte eben der Mann am Klavier. Lachend drehte sich ein aufgeputztes Flittergirl zur Musik. Ein großer, schwarzhaariger Mann klatschte den Takt. Seine Zähne blitzten im gebräunten Gesicht. Er saß an einem Tisch, auf dem mehrere Flaschen und Gläser standen. Zwei Girls leisteten ihm Gesellschaft. Sie trugen einen Kopfschmuck aus Papageienfedern. Ansonsten befanden sich nur ein halbes Dutzend Gäste im Saloon.

Der Rock der Tänzerin bauschte sich. Die bestrumpften Beine waren zu sehen. Doch Jims Blick brannte sich an dem Schwarzhaarigen fest. Seine Rechte streifte den Coltgriff.

„Hallo, Rick!“

Das Klatschen setzte aus. Eine Eisschicht schien Sonora-Rick Gesicht zu überziehen. Die Köpfe der Girls ruckten herum, die Musik verstummte.

„Spiel weiter, Ben!“, rief die Tänzerin übermütig, dann bemerkte auch sie den Ankömmling.

„Haut ab!“, zischte der Schwarzhaarige. Die Mädchen sprangen auf und flüchteten zur Theke.

Jim wartete. Stille umfing ihn. Dann löste sich die Starre auf Sonora-Ricks Miene. Er lachte.

„Mann, Jim, ich dachte im ersten Moment, dein Geist spaziert rein. Komm her, setz dich! Du siehst durstig aus. Ich lad dich ein!“

Jim rührte sich nicht. „Du weißt, weshalb ich hier bin, Rick. Mach keine Zicken und komm mit!“

„Mir gefällt’s hier.“ Rick grinste. Ein Lauern trat in seine dunklen Augen. „Außerdem hab ich Freunde hier.“

„Zum Beispiel den Burschen auf der Treppe, wie?“ Jim sah den Mann aus den Augenwinkeln, ein Schatten am Rand seines Blickfeldes. Er blieb auf den Schwarzhaarigen konzentriert. „Wenn er seine Kanone anfasst, schieße ich.“

Jede Bewegung erstarb. Der Klavierspieler schwitzte. Die Hände des bulligen Keepers verschwanden unter der Theke, wo die in den meisten Saloons übliche Schrotflinte mit den abgesägten Läufen lag. Sonora-Ricks Grinsen glich einem Zähnefletschen.

„Jim, ich kenn’ dich lange genug. Du wirst mich nicht einfach über den Haufen schießen. Es würde nichts an dem ändern, was geschah.“

„Steh auf!“

„Wenn ich das tue, Jim, ist dein Leben keinen rostigen Hufnagel wert. Es ist acht Jahre her, dass wir uns zuletzt begegneten. Ich hab seitdem nichts verlernt. Im Gegenteil: Ich bin noch ’ne Idee schneller mit dem Colt. Du dagegen hast, wie ich vermute, wenig Gelegenheit zum Üben gehabt.“

Jims Magen verkrampfte sich. Der lange unterdrückte Hass loderte wie eine Flamme in ihm hoch. Sein Gesicht blieb wie aus Stein gemeißelt. Die Stimme klirrte.

„Du kannst es rausfinden.“

„Sicher, Jim. Aber nicht du, sondern ich werde Ort und Zeitpunkt dafür bestimmen. Du hättest mich nicht suchen sollen. Ich weiß, dass du mich lebend brauchst.“

„Kommt drauf an.“ Jim ging entschlossen auf den Schwarzhaarigen zu. Das Pochen seiner

Stiefelabsätze und das leise Klirren der Sporen waren das einzige Geräusch. Sonora-Ricks nervige Hände lagen auf dem Tisch. Hände, die schnell wie eine zustoßende Klapperschlange sein konnten. Aber Rick versuchte es mit einem Trick.

„Nicht schießen, Greg!“, schrie er dem Mann auf der Treppe zu.

Jim durchschaute den Bluff.

Der Angriff kam aus der entgegengesetzten Richtung. Ein gedrungener, muskelbepackter Mann sauste wie eine Kanonenkugel auf Jim zu. Der schaffte eine halbe Drehung. Die Schulter des Angreifers rammte ihn, so dass er gegen einen Tisch prallte.

Der Muskelmann fuhr herum. Seine Faust zielte auf Jims Gesicht.

Jim duckte sich. Er hatte nicht vor, sich in eine Schlägerei verwickeln zu lassen. Die Faust streifte seine Schulter. Gleichzeitig platzierte Jim dem Gegner die geballte Linke über der Gürtelschnalle. Im nächsten Augenblick erwischte er mit der Rechten das Kinn des Mannes. Hinter beiden Schlägen steckte seine ganze Kraft.

Der Muskelprotz setzte sich auf den Boden. Sein Blick war glasig.

Da hielt Jim schon den Colt. Sein Schuss fiel mit dem Krachen des Revolvers bei der Treppe zusammen. Ein Schrei antwortete. Die Waffe des Schützen fiel über das Geländer. Ächzend sank der Mann auf die Stufen.

Sonora-Rick sprang auf. Sein Sechsschüsser steckte noch halb im Leder, als Jim sich umdrehte. Die qualmende Mündung deutete auf Ricks Brust. „Ein Bursche wie du sollte sich nie auf seine Freunde verlassen. Gehen wir.“

„Du kommst nicht lebend aus der Stadt.“

„Ich bezweifle, dass noch jemand seine Haut für dich riskiert.“

 

*

 

Das Lagerfeuer brannte in einer von Sträuchern und Felsen umschlossenen Senke. Rick aß und trank mit gutem Appetit. Die Riemen an seinen Handgelenken schienen ihn nicht zu stören.

Jim begnügte sich mit einer Scheibe Maisbrot, einem Schluck aus der Canteen-Flasche und einer Zigarette. Die Pferde waren bei den Kreosot-Büschen angepflockt. Ab und zu tauchte der Mond zwischen den Wolken auf. Vereinzelte Sterne funkelten. In der Ferne heulten Kojoten. Sonora-Rick stellte den Kaffeebecher ab.

„Wohin bringst du mich?“

„Flagstaff.“

„Du erwartest doch nicht, dass ich dich reinwasche, indem ich freiwillig den Kopf in die Schlinge stecke?“

„Nicht freiwillig.“

Rick lachte. Da kam Hufschlag aus den Hügeln, hinter denen die Stadt lag. Sofort war Jim auf den Füßen. Die Dunkelheit verschluckte ihn.

„Versuch nicht zu fliehen!“, warnte er Rick, der ruhig sitzen blieb. „Meine Kugel ist schneller!“

Die Reiter näherten sich rasch. Hufe stampften, Zweige knackten. Dann brach sich der Feuerschein am Metall von Waffen und Sattelbeschlägen.

Jim verließ die Deckung, als er Sally Tilburn erkannte. Drei Männer begleiteten sie, jeder mit einem Karabiner quer über dem Sattel. Sie blieben wachsam, obwohl Jim den Colt ins Holster schob.

„Ich rechnete nicht damit, Sie wiederzusehen, Miss Sally.“

„Ich schon.“ Sally blieb im Sattel. Sie wirkte nervös, vor allem als Sonora-Rick ihr mit dem Kaffeebecher zuprostete. „Das ist Ed McLane, Pas Partner. Und das sind Doyle Pratt und Jerry Baker, die ich in Flagstaff anwarb.“

McLane war verhältnismäßig jung, knapp dreißig, ein bulliger Mann mit eckigem Gesicht und Bürstenhaar. Sein Stetson hing auf dem Rücken. Pratt und Baker waren noch jünger, drahtige, verwegene Abenteurer, bereit für einen Anteil an Tilburns Gold dem Teufel die Hörner abzuschießen.

„Wo ist der Wagen?“, erkundigte sich Jim.

„Paco Sanchez bewacht ihn.“

„Wenn Sie glauben, dass ich’s mir anders überlegt habe, muss ich Sie enttäuschen.“

„Wir sind wegen Rick hier“, antwortete Sally Tilburn, und im selben Moment hoben McLane, Pratt und Baker die Gewehre. „Er gehört zur Crew und soll die Gatling bedienen, wenn wir Calaveras’ Bande angreifen.“

Jim hatte das Gefühl, plötzlich am Rand eines Abgrunds zu stehen. Sonora-Ricks Lachen kam wie von weit her.

„Ich hab erwartet, dass ihr mich raushaut, Amigos. Besten Dank.“

Er stand geschmeidig auf. Zur Wildlederhose trug er ein schwarzes Hemd. Auch der flachkronige Hut war schwarz. Die drei Gewehre bannten Jim. Er blickte Sally an.

„Sie helfen einem Mann, der gefährlicher und verschlagener als Sam Webster ist.“

„Ich weiß nicht, was Sie mit Rick abzumachen haben, Marlowe. Aber es ist mir bekannt, dass er in einigen Städten den Stern trug zuletzt in Flagstaff.“

„Es gibt viele berufsmäßige Revolverschwinger, die mitunter für das Gesetz arbeiten gegen Bezahlung.“

„Besser als Postkutschen auszurauben.“ Rick grinste. Sein scharfgeschnittenes, vom Feuer beleuchtetes Gesicht wirkte sympathisch. „Gib dir keine Mühe, Jim. Miss Sally, McLane und ich haben ’nen Vertrag. Ich hab ihnen die Gatling verschafft.“

„Trauen Sie ihm trotzdem nicht, Miss Sally!“

„Jetzt reicht’s!“, fuhr McLane dazwischen. „Sally hat zwar berichtet, dass Sie ihr das Leben retteten, aber das gibt Ihnen kein Recht, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen.“

„Meine Rechnung mit Rick ist älter.“

„So alt, dass du sie am besten vergisst.“ Der Schwarzhaarige zwinkerte spöttisch. „Miss Sally und McLane brauchen mich. Ich bekomme dafür ein Viertel von dem Gold. Weshalb sollte ich ihnen in den Rücken fallen?“

„Vielleicht, weil du alles willst.“

„Dass du ein Spaßvogel bist, Jim, ist mir neu“, lachte Sonora-Rick. „Doyle, bring sein Pferd. Pass auf, dass du Ed und Jerry nicht ins Schussfeld kommst. Mister Marlowe will sich verabschieden.“

Pratt band Jims Braunen los und führte ihn zum Feuer.

„Ich bin dagegen, ihn verschwinden zu lassen“, murrte McLane. „Er wird uns Schwierigkeiten bereiten.“

„Ganz bestimmt.“ Jim starrte ihm in die Augen, dann schwang er sich aufs Pferd. McLane fluchte.

Jim brachte noch die Hand an den Sechsschüsser, als der Bullige auf ihn zuritt. Da traf ihn McLanes Kolbenschlag.

 

*

 

Jim kam neben einem großen, mit verdorrten Kakteenstrünken geschürten Feuer zu sich. Die Wagenplane schimmerte rot. Ein dicker Mexikaner mit einem martialischen pechschwarzen Schnurrbart versorgte die Pferde. Zwei Patronengurte kreuzten sich über seinem Oberkörper. Rechts und links hing ein schwerkalibriger Colt. Außerdem ragte ein Messergriff aus dem rechten Stiefelschaft. Doch ein Blick in das runde, gutmütige Gesicht ließ Jim zweifeln, dass der Mann jemals die Waffen benutzt hatte.

Jims Kopf schmerzte. Er war nicht gefesselt. Doyle Pratt kauerte sich neben ihm und hielt ihm eine Flasche an die trockenen Lippen. Es war hochprozentiger Whisky, der wie Feuer durch Jims Kehle floss und die Benommenheit schlagartig verschwinden ließ.

„Ich bin dagegen“, hörte er Sonora-Rick, und dann McLanes mürrischen Bass: „Ich auch.“

Sie standen am Heck des Studebaker-Schoners. Rick rauchte ein Zigarillo. Der Colt steckte wieder im Holster. Sie war wie jene von Jim am rechten Oberschenkel befestigt. Der Kolben von Jims Waffe ragte aus McLanes Hosenbund. Baker half dem Mexikaner. Sally wandte Jim und Pratt den Rücken zu. Ihre Haltung wirkte entschlossen. Der Tonfall passte dazu.

„Es ist meine Entscheidung. Ich bin der Boss.“

McLanes Miene verdüsterte sich noch mehr.

„Wir sind Partner, Sally. Rick, Doyle, Jerry und Sanchez werden zu gleichen Anteilen von mir bezahlt.“

„Aber nicht die Gatling mit der dazugehörigen Munition! Es war Pas Gold und seine Idee!“

Jim setzte sich, die Beule über dem rechten Ohr betastend, auf. „Worüber streitet ihr? Ob ihr mich hängen oder erschießen wollt?“

Das Mädchen drehte sich um. Rick und McLane legten instinktiv die Hände an die Waffen. Pratt verkorkte die Flasche und wich hastig zur Seite. Die Flammen verstärkten das Funkeln in Sallys Augen.

„Reden Sie. keinen Unsinn, Marlowe! Ich hab Ed und Rick eben erklärt, dass ich mein Angebot aufrecht erhalte.“

„Welches Angebot?“

„Fünfhundert Dollar, wenn Sie uns als Scout zum Canyon del Sol führen, und zwar auf dem kürzesten Weg.“

McLane spuckte aus.

Jims erste Reaktion war ein hartes Auflachen. „Ich müsste närrisch sein nach allem, was geschah …“ Er brach ab. Seine Augen hefteten sich auf Sonora-Rick, der ihn mit verkniffener Miene belauerte.

„Na?“ Der schwarzhaarige Revolvermann nahm das Zigarillo aus dem Mund. „Jetzt fängst du zu rechnen an, Jim, was? Ich kenne ihn, Miss Sally. Wir sind schließlich zusammen aufgewachsen. Ich werd’ Ihnen sagen, was er denkt. Er wird zustimmen und auf die erste Gelegenheit warten, mir ’ne Bleibohne zu verpassen und dann abzuhauen. Hab ich recht, Jim?“

„Wenn ich zustimme, dann nur, um zu verhindern, dass du wieder ’ne Teufelei ausheckst.“

„Zur Hölle mit dem Kerl!“, schimpfte McLane. „Sally, ich begreife nicht …“

„Er kennt die Wildnis und die Wasserstellen westlich von Dryhill. Die Route, die wir auf dem Ritt nach Flagstaff benutzten, taugt für den Wagen nicht. Wenn Marlowe Rick töten wollte, hatte er bereits die Möglichkeit dazu.“

„Da konnte er noch hoffen, mich mitzuschleppen …“

Sallys Geste ließ ihn verstummen.

„Marlowe bekommt seinen Colt und sein Pferd erst, wenn er verspricht, dass er uns zum Canyon del Sol führt.“

Jim zwang sich zu einem Lächeln. „Das ist Erpressung.“

„Ich betrachte es als Geschäft.“

„Wenn er zustimmt, welche Garantie hast du, dass er die Abmachung auch wirklich einhält?“ gab McLane zu bedenken.

Sallys Blick ruhte auf Jim. „Du vergisst, dass Marlowe mir das Leben rettete, Ed.“

 

*

 

Der Wagen rollte nach Westen. Die ferne Silhouette der Hualapai Mountains stand wie ein zartes Wolkengebilde über dem Horizont.

Die Luft über den mit dürren Grasbüscheln und Felsbrocken bedeckten Bodenwellen flimmerte. Kein Späher, kein Verfolger zeigte sich. Die Wildnis schien ausgestorben. Nur ein Bussard zog lautlos Kreise über dem schwerfälligen Fahrzeug.

Sanchez kutschierte. Sally saß neben ihm. Ihr Pferd war am Wagen angeleint. Die Konturen der auf ein eisernes Dreibein montierten Schnellfeuerkanone zeichneten sich unter der verwaschenen Plane ab.

Rick, McLane, Pratt und Baker flankierten den Studebaker-Schoner. Jim ritt fünfzig Yard voraus. Nur das Malmen der Hufe und das Knarren des Sattelleders begleiteten ihn. Ein mehrere Meilen entferntes Felsmassiv wies ihm die Richtung. Es sah wie die Ruine einer vor langer Zeit verlassenen Festung aus.

Fettholzstauden streiften Jims Steigbügel. Eidechsen huschten zwischen ihnen davon. Jede Meile war mit Erinnerungen befrachtet. Am Fuß eines Hügels wartete Jim auf den Planwagen.

„Was gibt’s?“, rief Sally.

„Ich reite zur Wasserstelle am Dead Man’s Rock voraus. Wenn sie ausgetrocknet ist, müssen wir nach Süden, zur Tinaja del Zopilote. Lasst euch inzwischen nicht von Websters Bande überraschen. Haltet Abstand zu dem Kakteenfeld weiter vorn.“

McLane gab ihm einen misstrauischen Blick. Ricks Zähne blitzten. Aber das Grinsen versickerte unterhalb der lauernden dunklen Augen.

„Pass nur gut auf deinen Skalp auf.“

„Worauf du dich verlassen kannst.“

Jim wendete. Gleich darauf war von ihm nur mehr eine Staubfahne in einer Geländekerbe zu sehen. Nach einer. Meile bog Jim nach Norden. Zehn Minuten später stieß er parallel zur Route auf die Spur eines einzelnen Reiters.

Die Hufabdrücke waren frisch.

Jim hielt an. Stille umgab ihn. Die Sonne schien noch heftiger zu brennen. Jim löste die Sattelflasche, trank und versorgte auch den Wallach. Dann folgte er der Fährte.

Sie führte ihn in ein Gewirr gestrüppbewachsener Hügel. In einer staubigen, heißen Senke brachte Jim erneut sein Pferd zum Stehen. Die Fährte führte zu einem mit Felstrümmern bedeckten Hang. Jim legte die Hände aufs Sattelhorn.

„Ich weiß, dass du da bist, Sam. Du hast mich jetzt weit genug vom Wagen weggelockt.“

Eine Weile blieb alles still. Jim rührte sich nicht. Eine falsche Bewegung konnte den Tod bedeuten. Dann ertönte ein glucksendes Lachen. Steine rollten am Hang. Gleich darauf trat ein stämmiger Mann mit angeschlagener Winchester aus dem Schatten. Ein staubverkrusteter Vollbart umrahmte das derbe Gesicht. Helle Augen funkelten unter der Hutkrempe.

„Lange her, dass wir uns begegnet sind, Jim.“

„Nicht lange genug, dass ich deine Tricks vergessen hätte, Sam.“

Webster trug ein kariertes Hemd, Cordhose und hochschäftige Stiefel. Messer und Revolver hingen am Gurt. Etwas Unberechenbares und Gewalttätiges haftete ihm an, auch wenn er – wie jetzt – polternd lachte.

„Du bist einfach zu misstrauisch, Amigo!“

Er schulterte das Gewehr, ergriff die Zügel des hinter ihm auftauchenden Falben und stapfte grinsend durch den Staub. Jim stieg ab, machte aber keine Anstalten, ihm entgegenzugehen.

Websters Schwerfälligkeit war Maske. Jim wusste, wie flink der Bandenboss mit Messer, Colt und Fäusten war. Breitbeinig blieb Webster vor ihm stehen.

„Mann, dieses Wiedersehen müssen wir begießen. Ich hab ’ne volle Buddel in der Satteltasche.“

„Lass sie drin.“

„He, du hast wohl heute ’nen schlechten Tag, Amigo?“

„Sam, wir waren zwar ein Jahr zusammen in derselben Zelle, aber befreundet waren wir nie. Nenn mich also nicht Amigo. Ich bin dir nur gefolgt, um dir zu sagen, dass du die Finger von Sally Tilburn und der Gatling-Gun lassen sollst.“

„Woher wusstest du, dass es meine Fährte ist? Na schön, Amigo.“ Webster blinzelte. „Ich werde Bob Tilburns Tochter kein Haar krümmen, wenn du mir die Gatling verschaffst.“

„Du weißt, dass ich das nicht kann.“

„Hör zu, Jim, das Gold im Canyon del Sol gehört mir. Ich hab die Ader entdeckt, bevor Tilburn und sein Partner überhaupt wussten, dass es den Canyon gibt. Nur waren leider wieder mal alle möglichen Leute hinter mir her. Well, ich denk nicht daran, auf mein Gold zu verzichten. Ich brauch’ die Gatling aus dem selben Grund wie das Tilburn-Girl: Sie ist der Trumpf, der den Besitz des Goldes garantiert. Und ich hoffe nicht, Amigo, dass du zu den Dummköpfen gehörst, die sich zwischen mich und das Gold stellen.“

„Das Gold interessiert mich nicht. Aber ich hab Sally versprochen …“

„Moment! Wie viele Jahre hast du eigentlich unschuldig hinter Gittern verbracht? Fünf oder sechs?“

Jim ballte die Fäuste. Dunkle Linien kerbten sich um seine Mundwinkel. „Es waren acht.“

„Mann! Und ich dachte schon, verrückt zu werden, als ich das eine Jahr in derselben Zelle mit dir hockte. Dabei wusste ich wenigstens, weshalb mich die Kerle eingebuchtet hatten. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass du für jene vergeudeten Jahre zumindest ’ne bessere Zukunft verdienst?“

„Nicht durch Verrat, Raub und Mord.“

„Amigo, du quasselst noch den gleichen Blödsinn wie damals, als wir gemeinsam Fluchtpläne schmiedeten.“ Webster lachte. „Sieh mich an! Zwei Wochen nachdem sie mich in ’ne andere Zelle verlegten, rückte ich den Hundesöhnen aus. Es scherte mich kein bisschen, dass dabei einer von den verdammten Schindern draufging. Aber ich kann dich beruhigen. Wenn du uns hilfst, braucht kein Blut zu fließen. Das ist doch ein Argument, wie? Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dich das Gold kalt lässt. Es geht um mehr als hunderttausend Dollar. Für ein Zehntel davon hast du für den Rest deines Lebens ausgesorgt. Eine Ranch, irgendwo in einem grünen, fruchtbaren Tal … war das nicht immer dein Traum, Amigo?“

„Das ist lange her.“

„Na schön, aber du erwartest hoffentlich nicht, dass ich deinetwegen den Plan aufgebe?“

„Nicht meinetwegen, Sam, sondern damit du selbst den Skalp behältst. Überleg’s dir.“

Webster pfiff durch die Finger. Sofort tauchten auf den Höhen ringsum mehrere Reiter auf, staubbedeckt, aber mit blitzblanken Waffen.

Ihre Gewehre bedrohten Jim.

 

*

 

Der bärtige Bandenboss wartete vergeblich auf ein Anzeichen des Erschreckens. Statt dessen hielt Jim plötzlich den Sechsschüsser. Die Mündung befand sich nur eine halbe Armlänge vor Websters Bauch.

„Wenn deine Männer abdrücken, Sam, nehme ich dich mit auf den letzten Trail.“

Websters Grinsen erlosch. Seine Fäuste pressten sich um das Gewehr. „Sei nicht verrückt, Jim! Gib auf, dann behalten wir dich als Gefangenen. Wenn wir die Gatling erst haben, kannst du abhauen.“

„Ich glaub dir kein Wort, Sam. Leg das Gewehr weg, schnall den Revolver ab und sag den Burschen da oben,sie sollen keinen Blödsinn anstellen, sonst brauchen sie ’nen neuen Boss.“

„Sie werden ohne meinen Befehl nicht schießen.“ Zögernd legte Webster die Waffen ab. Jims Colt bewegte sich mit. Als Webster sich aufrichtete, sah Jim blanke Wut in seinen Augen. Aber der Bandenführer lachte. „Hätte nicht gedacht, dass du nach acht Jahren Jail so verteufelt gut mit der Kanone bist. Wann wurdest du entlassen?“

„Vor dreieinhalb Monaten.“

„Dann hast du jeden Tag mindestens zwei Stunden geübt.“

„Vier“, entgegnete Jim mit steinerner Miene.

Webster hob grinsend die Schultern. „All right, Amigo, ich hab dich unterschätzt. Wir verschwinden.“

„Deine Leute werden verschwinden, Sam – du nicht.“

„Zum Teufel, was …“

„Du begleitest mich zur Wasserstelle am Dead Man’s Rock. Sally, McLane und die anderen sollten bereits dort sein.“

Ein Zucken jagte über Websters Gesicht. „Ich denk nicht dran!“

„Du sollst nicht denken, sondern tun, was ich sage. Steig auf! Sag deinen Amigos, sie sollen sich in Dryhill ein kühles Bier kaufen. Wenn du zu fliehen versuchst, schieße ich.“

Jetzt war es Webster, der die Fäuste ballte. Eine Ader pochte an seiner Schläfe. „Du bluffst bloß Jim. Du wirst, es nicht drauf ankommen lassen …“

„Was würdest du an meiner Stelle tun?“

„Ich gebe dir mein Wort, dass du freien Abzug bekommst.“

„Sam, wir wissen beide, was wir voneinander zu halten haben. Steig endlich auf.“

Zähneknirschend schwang der Bandenboss sich in den Sattel. Verunsichert ließen die Reiter auf den Hügelkuppen die Karabiner sinken.

Als Jim ebenfalls aufsaß, riss einer die Waffe hoch und schoss. Es knallte wie ein Peitschenschlag, Sand spritzte zwischen den Hufen. Die Pferde scheuten.

Webster wollte fliehen, doch Jims Hieb mit dem Coltlauf schmetterte ihn aus dem Sattel. Die Gewehrschützen befanden sich jedoch außer Jims Schussweite. Eine Kugel pfiff an ihm vorbei. Jims Waffe deutete auf den am Boden Liegenden. Webster erkannte die Todesdrohung in den Augen des einstigen Zellengenossen.

„Aufhören!“, brüllte er. „Wollt ihr mich umbringen, ihr verdammten Narren?“

 

*

 

Der Planwagen stand am Rand des Tümpels am Dead Man’s Rock. Der Bussard war noch immer da, ein schwarzer Punkt, der geduldig am Himmel kreiste, als wüsste er genau, dass es bald Beute gab.

Das Hufgetrappel trieb die Wartenden hoch. Sally ließ zuerst die Waffe sinken. Der Mexikaner wollte sich aufatmend bekreuzigen, aber mitten in der Bewegung erkannte er Jims Begleiter. Seine zitternde Hand blieb in der Luft hängen. Die Hufe polterten am Fahrzeug vorbei. Mechanisch drehten Sally, Sonora-Rick, McLane, Pratt und Baker sich mit. Webster lachte.

„Hallo! Marlowe war so freundlich, mich zum Abendessen einzuladen. Hoffentlich gibt’s keine Bohnen mit Speck. Die kann ich nämlich schon nicht mehr riechen.“

„Halt die Klappe.“

Jim stieg ab und zerrte den Gefesselten aus dem Sattel. Sein Blick fiel auf McLanes schweißbedecktes, am Wagen festgebundenes Pferd. Die Nüstern waren schaumverklebt. Es sah aus, als wäre McLane eben von einem harten Ritt zurückgekommen. Die Gäule soffen gierig.

„Marlowe, wie hast du das geschafft?“, schnappte Jerry Baker.

„Glückssache.“

„Yiippieh!“ Baker warf den Stetson in die Luft. „Nun kann nichts mehr schiefgehen! Websters Sattelwölfe werden sich hüten, uns anzugreifen, solange wir den Boss als Geisel haben.“

„Alles nur ein fauler Trick.“ McLane zog die Winchester aus dem Sattelfutteral. Der Repetierbügel schnappte.

Jim drehte sich vorsichtig. McLanes verbissener Gesichtsausdruck warnte ihn. Der Mann wartete darauf, dass er zum Colt griff.

Die hoffnungsvolle Erwartung auf Sallys Gesicht schwand. Baker, Pratt und Sanchez schienen ratlos. Unbeteiligt brannte Rick sich ein Zigarillo an.

„Vielleicht wirst du ein bisschen deutlicher, McLane“, schlug Jim ruhig vor.

„Ich bin dir nachgeritten, weil ich dir von Anfang an nicht traute, Marlowe. Ich hab beobachtet, wie du mit Webster gesprochen hast, musste mich aber verdrücken, als seine Leute kamen.“

„Verdammt!“, krächzte Baker.

Webster blickte lauernd in die Runde, dann knurrte er: „Hab dir gleich gesagt, Amigo, dass es nicht klappt. Immerhin hat dich dieser schwarzhaarige Revolverbastard damals ins Jail verfrachtet. Ist nicht schwer, da ’ne Verbindung zwischen uns herzustellen.“

Erschrocken hob Sally eine Hand an die Kehle. Jims Fäuste kribbelten, aber Webster grinste nur niederträchtig, als er ihn ansah.

„Ich könnte dich töten, um zu beweisen, dass ich nicht mit dir unter ’ner Decke stecke“, sagte Jim gepresst.

Rick nahm das Zigarillo aus dem Mund. „Du bluffst.“

„Ein Zuchthäusler!“, knirschte McLane. „Großartig. Fast hab ich mir so was gedacht. Zum Teufel, weshalb hast du es uns verschwiegen, Sonora-Rick?“

Der Revolvermann lächelte. „Das ging nur Jim und mich was an. Schließlich sind wir miteinander aufgewachsen. Es gab ’ne Zeit, da hätte jeder bedenkenlos für den anderen die Haut riskiert.“

„Davon ist nichts mehr zu merken.“

„Kein Wunder, nachdem ich Jim zu acht Jahren Ferien auf Staatskosten verhalf. Nun wisst ihr auch, weshalb er hinter mir her ist.“

„Warum sagst du ihnen nicht die ganze Wahrheit?“

Rick lachte spöttisch. „Ach ja, er behauptet, ich hätte ihm jenen Postkutschenüberfall, bei dem ein Mann erschossen wurde, nur angehängt, weil er mir im Wege war. Dabei sprachen alle Indizien gegen ihn. Der Richter hätte ihn sonst nicht verurteilt. Ich denke, er hat Webster im Zuchthaus kennengelernt.“

„Stimmt. Aber Webster lügt. Er wollte …“

„Gib dir keine Mühe, Jim“, unterbrach ihn der bärtige Bandit. „Ich bin nicht bereit, die Suppe, die du uns da eingebrockt hast, allein auszulöffeln.“

„Doyle, nimm ihm die Waffe weg“, ordnete McLane an.

Da peitschte ein Schuss von der Bodenwelle jenseits des Tümpels. Die Kugel durchbohrte eine Handbreit neben McLanes Kopf die Wagenplane. Fluchend wollte der bullige Mann auf Jim schießen. Doch Sally umklammerte das Gewehr.

„Nein, Ed!“

Ricks Colt flog hoch. Sanchez sprang mit einem Angstschrei hinter den Studebaker-Schoner. Auf der Bodenwelle blitzte es wieder.

„Hau ab, Sam!“, schrie eine heisere Stimme.

Rick feuerte, aber die Entfernung war für den Sechsschüsser zu groß.

Mit einem Satz war Webster bei seinem Falben. Gleichzeitig bewegte sich Jim. Der Bandenboss machte abermals Bekanntschaft mit Jims Coltlauf. Ächzend fiel er auf die Knie. Ricks Colt krachte.

„Deckung!“, schrie er Sally und ihren Männern zu.

Währenddessen zerrte Jim Websters Gewehr aus dem Scabbard. Als es auf der Bodenwelle wieder flammte, zielte er und schoss.

Ein Mann richtete sich zwischen den Felsbrocken auf, drehte sich und rollte, den Karabiner in den verkrampften Fäusten, den sandigen Hang herab.

Jim repetierte, aber kein weiterer Schuss folgte. Stille breitete sich aus. Der Bussard schrie.

Rick lief zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und jagte um den Tümpel herum zur Bodenwelle. Sanchez lugte ängstlich hinter dem Wagen hervor. Die Spitzen seines Schnurrbarts zitterten.

„Sind sie fort?“

„Es war nur einer.“ Jim drehte sich. Die Winchester zeigte wie zufällig auf McLane. „Glaubst du immer noch, dass ich mit Websters Bande zusammenarbeite?“

McLane zögerte. In seinem breitflächigen Gesicht arbeitete es. Er ließ zwar das Gewehr sinken, aber das Misstrauen in seinen Augen blieb.

„Vielleicht wolltest du nur wieder mal deine Haut retten, Marlowe. Ich werd’s rausfinden.“

„Unsinn, Ed!“

Noch bleich von dem Schreck stampfte Sally mit dem Fuß. Rick kam von der Bodenwelle zurück. Das Zigarillo steckte zwischen seinen Zähnen. Er blickte Jim durchdringend an.

„Ich hätte dem Burschen gern ein paar Fragen gestellt. Aber da war nichts mehr zu machen. Der Kerl hat ein Loch mitten in der Brust. Ganze Arbeit, Jim.“

 

*

 

Der Mond tauchte die Zinnen des Dead Man’s Rock in silbernes Licht. Das Camp lag im Schatten. Nur ein paar Sterne spiegelten sich auf der Oberfläche des Tümpels. Kojoten heulten. Jim spannte sich, als er das Rascheln hörte. Eine dunkle Gestalt tauchte zwischen den Sträuchern am Fuß des Felsmassivs auf.

„Nicht schießen, Marlowe!“

Es war Sally. Jim, der mit dem Rücken an einem Felsblock lehnte, ließ die Winchester sinken.

„Reichlich spät. Wollen Sie kontrollieren, ob ich auf dem Posten bin?“

Das Mädchen blickte auf die Schläfer, die als dunkle Bündel beim Wagen lagen, ehe es näherkam und sich neben ihn kauerte. Die Nacht war kühl. Sally hatte eine Decke umgehängt. Jim sah ihr Gesicht nur als hellen Fleck. Er spürte ihre Wärme.

„Ich will die Wahrheit wissen, Marlowe.“

„Das klingt, als hätte McLane Sie geschickt.“

„Ich meine nicht Eds Verdacht. Was steht zwischen Ihnen und Rick?“

„Acht Jahre Zuchthaus.“

„Das ist nicht alles.“

Jim presste die Lippen zusammen. Sally wartete. Er hörte ihren Atem. Plötzlich überkam ihn der Wunsch, sie an sich zu ziehen und zu küssen, aber er rührte sich nicht.

„Halten Sie mich für einen Postkutschenräuber und Mörder?“

„Nein.“ Die Antwort kam ohne Zögern.

Jims Herz schlug schneller. Er blickte auf die mondbeschienenen Hügel. Die Erinnerung an unzählige durchwachte Nächte hinter den Mauern des State Prison fraß in ihm.

„Mein Fehler war, dass ich den Kerl, der die Kutsche ausraubte, auf eigene Faust zur Strecke brachte. Der Wells-Fargo-Agent in Flagstaff hatte mich als Begleitreiter für den Geldtransport angeheuert. Ich kam bei dem Überfall mit ’nem Streifschuss davon. Der Halunke hielt mich offenbar für tot. Ich erwischte ihn droben am Arroyo Blanco, ungefähr zehn Meilen nördlich von hier. Seit damals kenn’ ich die Gegend. Er hatte die Beute bei sich und wehrte sich. Ich war schneller und zielte besser. Am nächsten Tag traf ich Rick. Er fand das Geld bei mir, zwanzigtausend Dollar, verhaftete mich und schleppte mich vor den Richter.“

„Sie konnten Ihre Unschuld doch beweisen.“

„Das dachte ich auch. Aber ein Sandsturm verwischte alle Spuren des Kampfes. Niemand fand die Überreste des Toten.“

„Rick trug den Stern. Er erfüllte nur seine Pflicht.“

„Ich wurde auf seine Aussage hin verurteilt. Dabei verschwieg er, dass er auf der Spur von zwei Männern in das Wüstengebiet westlich von Flagstaff ritt. Inzwischen bin ich überzeugt, dass nicht die Geier und Kojoten, sondern er den Toten verschwinden ließ.“

„Aus welchem Grund?“, fragte Sally heftig. „Er brachte doch das Geld zurück, oder?“

„Er wollte mich ausschalten – wegen einer Frau. Der Kutschenüberfall kam wie bestellt. Er konnte nicht ahnen, dass jene Frau, um die wir beide warben, sich später für einen anderen entschied.“

„Das sind alles nur Vermutungen.“ Sallys Augen funkelten. „Sie hassen Rick. Deshalb trauen Sie ihm alles Schlimme zu. Ich hab ihn anders kennengelernt.“

„Ich weiß, wie Rick auf Frauen wirkt.“

„Das hat damit nichts zu tun.“

Jim beugte sich vor. Sein Gesicht war nur wenige Zoll von Sally entfernt. „Sie vertrauen einem Wolf.“

„Genug!“ Sally erhob sich.

Gleichzeitig stand auch Jim auf. „Macht Rick Ihnen den Hof? “

„Das geht Sie nichts an.“ Sally wollte zum Lager zurück, aber Jim hielt sie fest.

„Vielleicht doch.“

Sie starrten sich an. Da raschelte es wieder.

„Lass sie los, du Dreckskerl!“, befahl McLane.

Sally stieß einen leisen Schrei aus. Jim wirbelte herum. Er sah noch einen verwischten Schatten, der auf ihn zustürzte. Dann traf ihn McLanes Faust. „Zuchthäusler!“

Jim fiel auf die Knie. „Noch ein Verehrer.“ Knieweich richtete er sich auf.

McLane hob die Fäuste. „Ich hab Bob Tilburn versprochen, auf sie aufzupassen.“

Jim grinste rissig. „Wahrscheinlich, weil du die Lady insgeheim für dich beanspruchst.“

Fluchend griff McLane ihn abermals an. Jim, der eben noch aussah, als könnte ein Windstoß ihn umpusten, drehte sich geschmeidig, stellte dem bulligen Minenteilhaber ein Bein und hieb ihm die Faust ins Genick. McLane vollführte eine Bauchlandung. Er kam so rasch wieder hoch, als wäre er in einen Ameisenhaufen gefallen.

„Na warte, Marlowe!“

„Aber ja.“ Jims Fäuste hingen locker herab. Er ließ McLane dicht herankommen, duckte sich, als der Mann einen Schwinger abfeuerte, und stieß ihm die geballte Linke über die Gürtelschnalle. Dann explodierte Jims Rechte seitlich an McLanes Kinn. Ächzend setzte McLane sich auf den Hosenboden.

Die Dunkelheit verwischte alle Konturen. Reglos verharrte Sally zwischen den Kreosots.

„Ich warte, McLane“, sagte Jim. Sein Gegner schüttelte sich, sprang auf und hielt plötzlich ein Messer. Jims Rechte fuhr zum Holster. Sie war leer. Er hatte die Waffe beim Sturz verloren.

„Ich mach dich fertig, Marlowe!“

„Das würde ich nicht versuchen.“ Ein spöttischer Unterton schwang in Sonora-Ricks Stimme. Ein Colthahn knackte. McLane duckte sich. „Halt dich da raus!“

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937008
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519989
Schlagworte
heißes blei gold

Autor

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Titel: Heißes Blei für kaltes Gold