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Redlight Street #126: Evelyn - Winkmädchen unterm Kreuz des Südens

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Evelyn - Winkmädchen unterm Kreuz des Südens

Copyright

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Evelyn - Winkmädchen unterm Kreuz des Südens

Redlight Street #126

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Das kleine Kerlchen namens Dagobert Brunolf Ägidius Schaetzle, das nach dem Willen der Mutter ein Mädchen hätte werden sollen, sollte ihrer Meinung nach später einmal Pfarrer werden. Wie konnte sie auch ahnen, dass ihr Junge eine ganz andere Richtung einschlagen wird. Denn - weil Brunolf mit dem Schuhgeschäft seines Vaters nicht reich werden kann, baut er das ganze Haus um – und macht einen Sex-Laden daraus. Doch damit nicht genug, auch ein Mädchen muss für die liebeshungrigen Männer der Umgebung her ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eigentlich sollte es ja ein Mädchen werden. Wenn Genoveva Schaezle mal etwas beschloss, dann musste es auch so kommen. Und sie hatte zu ihrem Mann Agamar gesagt: »Also wenn wir schon mit dem Kindersegen anfangen, dann will ich zuerst ein Mädchen haben, kapiert!«

Agamar hatte in seiner jungen Ehe sehr schnell gelernt, wer die Hosen anhatte. Er hatte auch gelernt, dass es besser war, wenn man Genoveva nicht widersprach. So sah man ihn häufig in dem kleinen Städtchen herumlaufen, verblüfft den Kopf schütteln, und wenn man ihn ansprach, machte er ein ratloses Gesicht. Nur Eingeweihte wussten, was in seinem Innern vorging. Da lernte man ein sehr nettes, fleißiges und liebenswürdiges Mädchen kennen. Zwar ist man ein wenig erschrocken, als man erfährt, dass es Genoveva heißt, worauf die Maid aber sehr stolz ist. Er, der Mann, hat schon eine schwere Bürde zu tragen, denn seine Eltern hatten sich nicht gescheut, ihn Agamar zu taufen. Bis jetzt hatte er noch keinen zweiten dieses Namens finden können. Genoveva hatte ihn vielleicht des Namens wegen genommen. Gut möglich war es schon, denn sie war immer für das Vornehme, wie sie sagte. Außerdem konnte sie den Mann wie Wachs in ihren Händen kneten.

Aus dem sanften, liebenswürdigen Ding war dann sozusagen über Nacht eine herrschsüchtige Person geworden.

Jetzt hatte sie also beschlossen, zuerst ein Mädchen zu bekommen. Da ihr Ehegatte an der Sache mit beteiligt war, so glaubte er doch tatsächlich, auch ein Wörtlein mitreden zu können.

»Weißt du«, begann er vorsichtig, »es wäre doch gar nicht so dumm, wenn wir einen Buben hätten, dann hätte ich für später einen Lehrbuben, auf den man sich verlassen könnte. Und dann brauchen wir ja auch einen Nachfolger für das Geschäft.«

Im ersten Augenblick hatte Genoveva dies auch eingesehen, aber dann hatte sie den Kopf geschüttelt und gesagt: »Der kommt später, mein Mann. Zuerst brauch ich ein Mädchen, für den Haushalt.«

Mit der Hausarbeit hatte Genoveva nämlich nicht viel im Sinn. Darum hoffte sie inständig, das Mädchen möge ziemlich schnell wachsen und dann alles tun, was die Mutter sagte. Sie machte sich also unverdrossen an die Arbeit, strickte, nähte und häkelte alles in Rosa und kaufte rot-weiß-karierte Bettbezüge und was man für ein kleines Mädchen nicht alles benötigte.

Also sah sie mit viel Gelassenheit der Geburt entgegen, da sie alle Vorbereitungen getroffen hatte.

Wie gesagt, hatte Agamar nicht mehr zu widersprechen gewagt und war in seine Werkstatt geschlichen. Das großartige Geschäft, wovon man pausenlos sprach, war nur ein kleiner Schusterladen, wie es ihn einst im Krieg noch gab. Denn Krieg hatte man ja noch. Aber in diesem kleinen verschlafenen Dörfchen merkte man nicht viel davon. Man hatte einen eigenen großen Garten, Obst und Gemüse waren genug vorhanden. Man hatte auch Hühner und Kaninchen und ein Schwein. Agamar braucht nicht an die Front, weil er nicht so gut sah. Die Leute im Ort wunderten sich überhaupt, wie er seine Arbeit als Schuster schaffte. Aber sie waren zufrieden mit ihm.

Man versprach der Genoveva, wie es nun mal so üblich ist, wenn ihre Zeit herannahe, dann würde man kommen und ihr helfen. Damals wurden die Kinder noch zu Hause geboren. Man holte nur einen Arzt herbei, wenn die Hebamme nicht mehr weiterwusste.

Oben im Dach wurde die kleine Kammer rosa angestrichen, und dann gab es für Genoveva nur noch eins, abzuwarten. Für gewöhnlich werden ja die Kinder in einer stürmischen Nacht geboren, bei scheußlichem Wetter, wenn man nicht einmal einen Hund vor die Tür jagen mag. Aber dieses Kind hatte so seine Besonderheiten. Es begann sich bemerkbar zu machen, als Genoveva in der Kirche saß.

Sie wurde grünlich im Gesicht, stöhnte verhalten, hielt sich den Bauch. Als sie sich schließlich vor Schmerzen krümmte, da merkte auch Agamar, dass mit seiner Frau wohl etwas nicht so ganz stimmte. Aber da versuchte sie sich auch schon mit letzter Kraft aus der Kirche zu schleppen. Hier wollte sie das Kind auf keinen Fall bekommen, denn die Bänke waren doch zu hart. Ein paar Frauen sahen es, gingen ihr sofort nach. Die Hebamme saß sowieso auf der letzten Bank und schnarchte, denn sie war ein wenig schwerhörig und verstand nie, was der Pfarrer predigte.

Zu Fuß hätte Genoveva den Weg nicht mehr geschafft. Vor der Kirche stand ein Handkarren. Man entlieh sich diesen, ohne erst lange den Besitzer zu fragen. Wie gesagt, man schaffte es noch gerade und brachte sie auch noch ins Bett, schob den aufgeregten Mann hinaus, und dann ging es auch gleich los.

Agamar bekam es mit der Angst zu tun, als er Genoveva stöhnen und schreien hörte. Doch die Geburt verlief ganz normal.

Das Datum war der 2. Februar 1943, ein milder Wintertag, die Sonne schien, und es war wunderschön draußen. Man konnte schon ein wenig an den Frühling denken, so wärmte die Sonne die wartenden Leute.

Die Leute in der Pfarrgasse wetteten nun um einen Kohlkopf, ob jetzt das Weib oder der Mann recht bekommen würde. Denn von dem Streit hatte man auch erfahren. In so einer kleinen Gemeinde blieb halt nichts verborgen.

Nach genau einer Stunde war das Kind da!

Ein Junge!

Agamar Schaezle konnte sich nicht verkneifen, es mit strahlenden Augen zu verkünden. Natürlich lachten die Nachbarn schallend. Denn es war ja alles in Rosa vorhanden! Und in der schlechten Zeit konnte man froh sein, wenn man überhaupt etwas für das Kind bekam.

»Nun, sie wird es halt einfärben müssen«, sagte die eine Nachbarin.

»Das kommt davon, wenn Sie so ein Querkopf ist«, lachte die andere. »Ich mach ja immer alles erst einmal in Weiß, und dann kann man es noch immer behäkeln, je nachdem, was zur Debatte steht.«

Genoveva hatte eben wie immer alles besser wissen wollen. Aber diesmal hatte sie nicht recht behalten. Nun bekam sie den Spott der anderen zu spüren.

Das kleine Kerlchen, das eigentlich ein Mädchen hätte werden sollen, wenn es nach dem Willen seiner Mutter gegangen wäre, schlummerte friedlich in seinen Windeln. An diesem Tag ahnte noch niemand, dass man es mit einem zukünftigen Luden zu tun hatte, zumal man nicht mal wusste, was dieses Wort bedeutete. Auch Zuhälter, das Wort kannte man einfach nicht in dieser Gemeinde. Doch wenn man zurückgekehrt, dann kommt es einem vor, als sei das alles so bestimmt gewesen. Sein Interesse für Mädchen, das rührten wohl daher, dass er nicht nur selbst eines hatte werden sollen, sondern auch daher, dass er in rosa Wäsche schlief und ausgefahren wurde.

Denn als es soweit war, fand man nämlich nirgendwo ein bisschen blaues Färbemittel.

Zuerst war Genoveva ziemlich wütend darüber, sprach drei Tage kein Wort, wurde erst wieder lebendig, als es darum ging, dem Kind einen Namen zu geben.

Agamar wollte ihn schlicht und ergreifend Paul nennen, das klang hübsch und normal, oder Dietmar, der Name stand sehr lange zur Debatte, er war auch nicht übel, fand Agamar. Aber er hatte nicht mit Genoveva gerechnet. Sie musste sich mit dem schweren Schicksalsschlag abfinden, und als sie dieses erst einmal getan hatte, wurden auch wieder ihre Lebensgeister wach. Gut, es war ein Junge, vielleicht war das Bestimmung.

»Aus dem wird noch mal was Großes«, sagte sie mit glänzenden Augen, »da bin ich ganz sicher. Also werde ich doch nicht so blöde sein und seine Zukunft verbauen, indem ich ihm so einen simplen Namen wie Paul oder Dietmar gebe. Nein, Mann, wie kann man nur so geschmacklos sein.«

»Und wie soll er deiner Meinung nach nun getauft werden?«

»Warte, ich muss erst einmal im Stammbuch nachsehen, so einfach ist das nicht.«

Er fühlte schon etwas Ungeheuerliches auf sich zukommen. Aber wie schrecklich die Ungeheuerlichkeit sein würde, das ahnte er in diesem Augenblick noch nicht. Vier Stunden brauchte Genoveva, dann hatte sie den Namen für das arme Wurm.

Dagobert Brunolf Ägidius Schaetzle!

Agamar traf fast der Schlag!

Er musste sich erst mal mit einem kleinen Schnaps wieder lebendig machen. Dann stürzte er in die Stube und sah im Stammbuch nach, ob es diese Namen überhaupt gab. Tatsächlich! Daraufhin brauchte er noch einen Schnaps. Er verfluchte die Obrigkeit, dass sie so etwas gelten ließ.

Genoveva hatte einen Entschluss gefasst, und wenn sie etwas bestimmte, dann wurde es auch getan.

Schweren Herzens fügte Agamar sich, da ihm keine andere Wahl blieb, und ging mit dem Zettel in der Hand zum Rathaus. Der Standesbeamte, ein alter Freund von Agamar, starrte erst den Zettel an und dann den Freund.

»Bist du besoffen?«

»Nein!«

»Das kann ich nicht aufschreiben! Das ist ja Gotteslästerung!«

»Schau im Büchle nach, dann wirst du sehen, dass es geht!«

Der Standesbeamte wurde weiß. In diesem Dorf hießen die Jungen Anton, Werner, Emil, Paul, Kuno, aber doch nicht Dagobert Brunolf Ägidius!

»Wie soll er denn gerufen werden?«

Das hatte Genoveva ganz vergessen zu bestimmen.

Die beiden Männer starrten lange auf die drei Namen und sagten sich dann, dass Brunolf nicht so scheußlich war. Über Agamars Gesicht ging ein heller Schimmer.

»Bestimmt kürzt man ihn auf Bruno ab?«

»Klar!«

Die Flasche Schnaps wurde aus dem Schreibtisch geholt. So ein glücklicher Einfall musst doch begossen werden.

Also hatte der Bub einen einigermaßen vernünftigen Namen. Im Stammbuch war nicht verzeichnet, dass Genoveva sechs Wochen lang nicht mit ihrem Ehemann sprach, denn sie hatte den Jungen natürlich Ägidius rufen wollen. Stur blieb sie dabei, aber mit der Zeit war es doch zu anstrengend, alle Leute zu berichtigen.

Natürlich versöhnte sich das Ehepaar später wieder miteinander, denn sonst hätte Genoveva ja nicht wieder schwanger werden können. Das wurde sie noch ein paarmal, aber Brunolf sollte ihr einziges Kind bleiben. Genoveva hatte mehrere Fehlgeburten. Ihr Wunsch nach einem Mädchen erfüllte sich nicht.

 

 

2

Dagobert Brunolf Ägidius wuchs zu einem strammen Kerlchen heran. Es war auch gut so, dass er keine Geschwister bekam, denn sie hätten sich eines Tages seiner schämen müssen. Einen Zuhälter als Bruder, das hat man doch nicht so gerne!

Als er noch im Krabbelalter war, fiel nicht viel an dem Burschen auf, nur dass er ziemlich flinke Augen hatte, jedem weiblichen Wesen schon damals in die Wade kniff und ihren Rock lupfen wollte, worüber man sich ausschütten wollte vor Lachen. Man ließ ihn gewähren, fand ihn putzig, den kleinen lieben Buben, und strich ihm über die dunklen Locken.

Er konnte herrliche Grimassen schneiden, und der Vater hatte das Gefühl, als würde der Bub viel mehr verstehen, als man vermutete. Schon damals dachte sich Agamar sein Teil.

Längst hatte er die rosa Wäsche zerschlissen. Als er denn laufen konnte, hatten die Hühner nichts mehr zu lachen. Er war flink und rege und hatte nur Unsinn im Kopf. Das hinderte Genoveva aber nicht daran, allen Leuten im Ort zu erzählen, dass ihr Bub einmal Pfarrer werden würde.

»Das ist doch Bestimmung, das müsst ihr doch einsehen, deswegen hat er doch ein Bub werden müssen. Und dann wohnen wir auch noch in der Pfarrgasse. Also wirklich, er wird ein Studierter, ein Pfarrer! Eines Tages werdet ihr noch viel von ihm hören.«

Das sollten sie in der Tat! Aber nur etwas anderes! Wenn Genoveva geahnt hätte, was einmal aus ihrem Sohn werden würde, hätte sie wohl auf der Stelle der Schlag getroffen. Doch vorläufig schmiedete sie noch die kühnsten Zukunftspläne für ihn.

Wie gesagt, die Mutter wünschte sich einen geistlichen, einen studierten Herrn. Um das aber zu werden, musste man erst einmal fleißig die Schule besuchen, und das auch noch ziemlich lange. Dann musste man studieren, und Geld brauchte man dazu auch. Aber das war schon vorhanden. Aus der kleinen Schusterei war nämlich jetzt ein kleines Schuhgeschäft geworden, und jetzt konnte man auch Taschen dort kaufen und andere Lederwaren.

Die Mutter hatte einen zähen Willen, und sie brachte den armen Mann dazu, Geld zu scheffeln. Aber mit dem Buben, da hatte es so seine Bewandtnis.

Die ersten Jahre, nun ja, da konnte man noch nicht viel sagen, er steckte voller Streiche und plagte den Lehrer sehr. Er war ein sehr gewitztes Kerlchen und stiftete die Buben immer zu neuen Streichen an. Was der sich nicht alles ausdachte, das hier aufzuschreiben würde schon einen dicken Wälzer ausmachen. Aber wir wollen ja wissen, wie so ein Lude heranwächst.

Als es dann Zeit war, den Buben auf die höhere Schule zu schicken - man hatte eigens neue Hosen dazu erstanden und ein weißes Hemd - stellte sich heraus, dass er die Aufnahmeprüfung nicht bestand.

Genoveva war einfach sprachlos, der alte Lehrer übrigens auch. Denn schlau war der Bursche, daran war nicht zu rütteln. Der war nicht nur schlau, der war außerdem mit allen Wassern gewaschen. Ganz andere Tröpfe schafften die Aufnahme in die höhere Schule.

Der alte Pfarrer traf den Nagel auf den Kopf, als er der enttäuschten Genoveva sagte: »Ich glaube, der ist so schlau, der hat sich nur dumm gestellt, weil er nämlich weiß, wenn er sich schlau stellt, dass es ihm dann an den Kragen geht, dass dann die goldene Freiheit dahin ist.«

»Aber Herr Pfarrer«, schluchzte Genoveva. »Mein Bub, der ist klug, und jetzt soll er wirklich kein Studierter werden? Kann man denn da nichts mehr machen?«

»Seien Sie froh, dass Sie es jetzt merken, gute Frau, denn Sie hätten nur Ärger mit ihm gehabt und obendrein auch noch viel Geld verloren.«

Das machte sie für einen kurzen Augenblick wieder nüchtern. Aber wenn sie daran dachte, dass der dicke Emil vom Schlachter die höhere Schule besuchen würde, und ihr lieber Bub nicht! Nein, es war einfach schrecklich.

Auch daheim war sie noch trostbedürftig. Agamar blieb es überlassen, seine Frau wieder aufzurichten.

»Wir haben das Geschäft, wir können ja vergrößern, ich mein, wenn der Bub mal soweit ist, und dann wird er ein vernünftiges Handwerk erlernen. Schuster, das hat einen goldenen Boden. Schuhe braucht man immer, hörst du!«

»Ja, aber ich hab ihn in meinen Träumen als großen Mann gesehen ...«

»Vielleicht wird er Bürgermeister?«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Meinst, das kann er werden, ohne dass er studiert hat?«

»Freilich, der wird doch gewählt!«

Irgendwie tröstete sie das ein wenig, und sie konnte sich wieder um ihre Kochtöpfe kümmern.

So also drückte sich Brunolf um die höhere Schule und um die Kanzel. Er lachte sich halb krank und lag mit seinem besten Freund, Rolf Schärtlein, im Busch und sann auf neue Streiche.

Schon lange hatten die beiden Buben beschlossen, sobald sie alt genug waren, um einen Baum zu fällen, wollten sie auswandern nach Kanada oder nach Grönland, Eisbären schießen. Auf alle Fälle wollten sie sehr reich werden und nicht viel arbeiten. Also gingen sie zusammen weiter auf die Dorfschule, machten nur die nötigsten Arbeiten, und das auch nur, wenn die Eltern ihnen fast die Ohren vom Kopf rissen. So lernten sie, was man zum Leben brauchte, und dass man ohne Ohren eigentlich viel besser auskam, aber abschneiden konnte man sie sich wohl schwerlich.

Als sie vierzehn waren, verließen sie die Schule. Rolf sollte Maurer werden wie der Vater und wurde in die Lehre gesteckt. Brunolf, wie gesagt, sollte auch in die Fußstapfen des Vaters treten, wozu er überhaupt keine Lust hatte. Aber er war noch zu schmächtig und hatte noch keine Muskeln, also musste man sich wohl fügen.

Das war nämlich Brunolfs größter Kummer. Eigentlich hatte er ein Zweimeterungetüm werden wollen, mit Muskeln, bei deren Anblick die Frauen reihenweise in Ohnmacht fielen. Aber leider war er nur 1.65 geworden, und er konnte noch so viel üben. Mit den Muskeln, da war es noch nicht weit her. Selbst die Mutter war stärker. Und sie hatte so einen Griff an den Ohren, die konnte einen glatt bis an die Decke ziehen. Deswegen musste man sich hin und wieder scheinheilig fügen. Aber eines war unser Brunolf in hohem Maße! Eitel, vom Scheitel bis zu den Schuhspitzen! Er sah immer wie aus dem Ei gepellt aus. Er konnte noch so raufen, aber sauber war er auch dann noch. Das sollte später sozusagen sein Markenzeichen werden.

Der schöne Lude!

Brunolf wäre viel lieber mit seinem Busenfreund auf die Baustellen gegangen. Das fand er viel lustiger und amüsanter als die Arbeit beim Vater in der kleinen Werkstatt. Die Mutter war für den Verkauf zuständig. Mit den Jahren war aus dem Dorf ein kleines Städtchen geworden, und wie es aussah, würde es noch mehr wachsen. So hatte man im Geschäft eine Menge zu tun.

Genoveva war entsetzt, als sie den Wunsch ihres Sprösslings vernahm. Zum hundertsten Male sagte sie ihm: »Es ist ein Kreuz, wirklich. Schon bei deiner Geburt hast du mich schändlich betrogen, und jetzt auch noch dies. Das kommt überhaupt nicht in Frage, hast du mich verstanden!«

Brunolf hatte einen Dickschädel. Er sah so sanft aus, aber er hatte es faustdick hinter den Ohren. Die Eltern bestanden darauf, er wollte aber kein simpler Schuster werden. Also bewarb er sich in aller Heimlichkeit auf dem Bau. Dort lachte man ihn weidlich aus und kränkte ihn zutiefst, indem man ihn lachend fragte, ob er noch die Milchflasche bekäme.

»Jüngelchen, wenn du ein wenig gewachsen und noch stärker geworden bist, kannst du dich noch einmal bei uns bewerben, klar?«

Rolf hatte Mitleid mit dem Freund. Er war stark und groß, aber nicht gerade mit Geistesgaben gesegnet. Dafür war es Brunolf. Bis jetzt hatten sie immer ein gutes Gespann abgegeben. Wenn es auf Stärke ankam, trat Rolf in Aktion, etwa wenn es darum ging, die Dorfjugend zu verprügeln. Fürs Ausdenken von Streichen war dagegen Brunolf zuständig.

Also sollte er doch Schuster werden?

Jetzt tat es ihm schon ein wenig leid, dass er nicht zur höheren Schule gegangen war. Die früheren Schulkameraden, die das Gymnasium besuchten, brauchten jetzt noch nicht zu arbeiten, die konnte weiterhin ein hübsches Schülerleben führen. Tja, die Erkenntnis kam halt ziemlich spät.

So saß er eines Tages in der Werkstatt, blickte düster auf die kleine Pfarrgasse und dachte: Also im Laden stehen, nun ja, das war noch etwas. Da könnte man mit den Kunden plaudern, das macht noch Spass.

Brunolf war kein Kind von Traurigkeit, außerdem behagte ihm die Arbeitsschürze aus Leder nicht. Ein weißes Hemd durfte er in der Werkstatt auch nicht tragen. Also musste er sich etwas einfallen lassen, um diesem Schicksalsschlag zu entrinnen. Er musste sich dumm stellen, dem Vater begreiflich machen, dass er für diese Arbeit nicht taugte.

So begann er sehr schwungvoll und mit viel Überzeugung, sich auf dem Daumen zu schlagen. Es tat scheußlich weh, so weh, dass ihm die Tränen in die Augen schossen, aber er machte tapfer weiter.

Anfangs tröstete die Mutter ihn, gab ihm Salbe und sagte: »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.« Sie machte jedoch ein bedenkliches Gesicht, als der Daumen nach ein paar Tagen immer mehr an Umfang zunahm.

»Kannst du denn nicht aufpassen?«

»Ich tu ja alles, was ich kann, aber ich treff die kleinen Holznägel nicht. Meine Hände fangen dann so zu zittern an. Wirklich, Mama, ich versuch ja mein Möglichstes.«

»Armer Bub.«

Nach vierzehn Tagen war der Daumen grün und blau und so stark angeschwollen, dass Brunolf pausieren musste. Der Vater nörgelte und meinte; so einen blöden Lehrling habe er sein Lebtag noch nicht gehabt.

Brunolf war ein guter Sohn, und so bot er nun der Mutter an: »Solange ich nicht in der Werkstatt arbeiten kann, da kann ich dir ja im Laden helfen.«

Sie war wirklich gerührt.

So kam Brunolf in den Laden. Und jetzt legte er erst einmal los. In einer Woche hatte er mehr Schuhe und Taschen verkauft, als die Mutter im ganzen Monat. Dabei wollten viele Kunden nur die reparierten Schuhe wieder abholen. Aber er machte das so geschickt, dass sie nicht begriffen, wie dieser Bursche sie überfahren hatte. Und das mit dem unschuldigsten Gesicht der ganzen Welt.

Das hatte unser Brunolf nämlich sehr schnell begriffen, er wirkte auf Frauen. Nicht auf die Mutter, nein, die war nur völlig verblüfft und geriet ins Nachdenken, und das sollte bei Genoveva viel heißen.

Brunolf hatte braune Rehaugen und einen seelenvollen Blick, dazu gebogene Wimpern, wie bei einem Mädchen. Das Haar hatte er immer gut frisiert, und auch an sich war er ja hübsch anzusehen. Und sein liebevoller Blick, dieser Unschuldsblick, war unwiderstehlich. Später sollten ihm noch sehr viele Frauen erliegen. Er war kess, flink und sprach pausenlos, und was er sagte, das hatte Hand und Fuß. Man musste unwillkürlich über ihn lachen, auch wenn man wütend auf ihn war.

Er wirkte wie die Unschuld vom Lande, diesen Eindruck sollte er beibehalten, ja, er pflegte ihn geradezu. So streute er all seinen Gegnern Sand in die Augen. Wenn diese dachten: Ach, mit dem werden wir doch schnell fertig, der kann doch keine Pfütze in Unruhe bringen, dann sollten sie sich noch sehr wundern. Und zäh war der Kerl auch noch!

Wie gesagt, nach diesem großartigen Verkaufserfolg sagte Genoveva zu ihrem Mann: »Ich glaube, der Bub ist fehl am Platz, wenn er weiter in der Werkstatt bleibt. Der muss in den Laden. Außerdem brauche ich jemand, der die Ware ins Haus bringt, denn jetzt kommen sie immer mehr darauf, nicht mehr die Sachen selbst zu tragen.«

Natürlich protestierte der Vater sehr energisch. Aber wenn sich Genoveva mal was in den Kopf gesetzt hatte, dann wurde es auch durchgeführt.

Brunolf war also Lehrling im Laden, und im Augenblick war das alles, was er wollte.

 

 

3

Seine neue Beschäftigung gefiel ihm. Jetzt durfte er auch wieder weiße Hemden tragen, bekam einen hübschen Anzug und war selig.

Aber da war noch eine Sache, die ihm viel Kopfzerbrechen bereitete. Nicht nur ihm, sondern auch seinem Busenfreund Rolf.

Und das waren die Mädchen!

Ach, es juckte ihn in den Fingern, wenn er sie nur ansah. Und wenn sie dann noch kess in den Laden kamen, sich auf den Stuhl setzten und er sich noch vor ihnen hinknien musste, um ihnen die Schuhe anzupassen, dann bekam er oft rote Ohren. Er war wütend darüber, aber abstellen könnt er es auch nicht. Es prickelte und krabbelte und summte in seinem Kopf herum.

Ein paar lockere Vögelchen gab es schon.

Natürlich hatte man ihn in der Schule aufgeklärt. Damals, da sprach man zu Hause nicht über solche Sachen, und so freie Filme und dergleichen gab es auch noch nicht. Man musste sich also alle Informationen mühsam zusammensuchen.

Da lagen die beiden Freunde nun am Sonntag auf der Wiese, starrten in den blauen Himmel und zergrübelten sich den Kopf, wie das wohl war - mit einem Mädchen. Angst hatten sie beide, denn sie wussten ja nicht, ob sie versagten. Außerdem, in so einem kleinen Dorf! Da blieb ja nichts verborgen, und man wusste auch nicht, welches Mädchen man anpeilen sollte. Zuerst warfen sie einem aufreizende Blicke zu, aber wenn man dann mutig hinging, um sie nur anzufassen, liefen sie kreischend davon. Darin waren sich beide aber einig:

»Es muss bald etwas geschehen!«

Und das mit fünfzehn!

Brunolf und Rolf waren halt frühreif, wie man das damals nannte.

»Aber wie?«, brummte Brunolf. »Ich will keinen Ärger, verstehst du?«

»Klar, ich auch nicht. Wenn meine alten Herrschaften was erfahren, du liebe Güte!«

»Diese Kichergänse! Ich könnte wetten, dass sie es auch gerne wissen möchten, aber sich nicht trauen.«

»Außerdem können sie nicht den Mund halten. Ich bin sicher, dass sie alles verklatschen.«

Sie fuhren in die Nachbarstadt, aber da war das Problem genauso schwierig. Dann aber lernten sie eines Tages Meta kennen. Sie war Sommerfrischlerin.

Damals fuhr man noch nicht so regelmäßig in die Ferien. Sie kam aus Hamburg, aus einer großen Stadt, war sechzehn, tat sehr überlegen und sah hochmütig auf die Landjugend herab. Aber Brunolf fand Gnade vor ihren Augen. Und sie zwinkerte ihn an, sagte ihm, man könne sich doch mal abends treffen, wenn keiner von der blöden Bande dabei sei.

»Warum?«

»Nur so! Um sich zu unterhalten«, sagte sie mit glitzernden Augen.

Brunolf blickte sie verdutzt an. Jetzt, wo er so nah am Ziel war, ergriff ihn doch die Angst.

»Aber meinen Freund kann ich doch mitbringen?«

»Bist du ein Säugling, dass du noch immer ein Kindermädchen brauchst?«, sagte das Mädchen spöttisch.

Er wurde rot und ärgerte sich maßlos. Sie kam aus der Großstadt und musste ihn wirklich für einen Trottel halten. Aber die Angst, mit ihr ganz allein zu sein, war noch größer. In diesem Augenblick legte er sozusagen den Grundstein für die spätere Kariere.

Fast brüsk meinte er: »Dann lass es doch bleiben, dann versaure hier doch! Ich bin nicht dein Lückenbüßer. Wegen dir lass ich doch meinen Freund nicht sausen.«

Damit hatte Meta natürlich nicht gerechnet. Sie war ärgerlich, andererseits wollte sie den Jungen. Er gefiel ihr, und sie war wirklich ein lockeres Früchtchen.

Brunolf war im Begriff fortzugehen, denn er glaubte nicht mehr daran, dass sie jetzt noch ein Wort mit ihm spräche. Aber ein kleines Wunder geschah. Sie lief ihm nach.

»Mensch, so warte doch! Man kann sich doch wohl noch über alles unterhalten. Also gut, wenn du unbedingt deinen Freund dabeihaben willst, von mir aus.«

Brunolf war sprachlos. Dann lächelte er ganz leicht, und seine Brust wurde weit. Sieh mal an, dachte er tief beglückt. Man muss den Weibern bloß hart kommen, dann werden sie weich, dann tun sie alles, was man will.

»Gut, dann bin ich bereit«, sagte er gnädig. Dann stolzierte er davon.

Ein wenig später hatte er einen Strauß mit Rolf auszufechten. Er, der immer eine so große Klasse hatte, er wollte jetzt kneifen. Aber da kam er bei Brunolf gerade an den Richtigen. Der zog nun alle seine Register, und die Hölle und was nicht noch alles wurde Rolf versprochen, wenn er jetzt kneifen würde. Und auch jetzt spürte Brunolf, welche Macht er über bestimmte Menschen hatte. Rolf, der doch wirklich stark war und Brunolf mit einem Griff in die Gosse befördern konnte - Rolf nickte ergeben, denn ein klein wenig Angst hatte er vor Brunolf.

So kamen sie also zu ihrem ersten Liebeserlebnis. Sie trafen sich hinter einer Scheune. Brunolf hatte feuchte Hände und wusste gar nicht, wie er beginnen sollte. Aber Rolf war ja auch da, und vor ihm musste er den Mann von Welt spielen. Außerdem sollte Meta nicht merken, dass er so etwas noch nie getan hatte. Und so packte er sie kurzentschlossen, warf sie ins Heu und machte sich an ihr zu schaffen. Natürlich ging es das erste Mal nicht so einfach, und außerdem war er viel zu aufgeregt, als er das Mädchen nackt sah. Brunolf wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er hatte das Gefühl zu platzen, dann wieder, als würde er schweben, und mit einem Ruck war alles vorbei. Röchelnd lag er im Heu und kämpfte mit sich.

Benommen rappelte er sich auf und stürzte zu seinem Freund.

»Nun bist du dran!«

»Aber ich will eigentlich gar nicht«, stotterte Rolf.

»Los, nimm das Weib, sie wartet. Die ist Klasse, ehrlich, die kriegen wir doch umsonst. Also sei endlich mal ein Mann, verstanden!«

Mit zitternden Knien schlich sich Rolf zu Meta. Er war viel netter und ergebener zu ihr. Aber kurioserweise mochte Meta den Brunolf viel lieber, obwohl er nichts mit ihr im Sinn hatte. Rolf schien sich richtig in sie verliebt zu haben, und immer wenn man sich traf, brachte man ihr etwas mit. Sie nahm es und ging dann zu Brunolf und himmelte ihn an. Wenn dieser mal nicht zum Treff kam, war sie mürrisch und wütend. Rolf verstand die Welt nicht mehr.

»Aber er hat mir selbst gesagt, er mag dich nicht mehr, Meta, ehrlich. Du sollst ihm nicht nachlaufen, das hat er mir gesagt, und ich soll es dir weitersagen.«

Meta sah ihn nur hochmütig an, ließ ihn stehen und lief in die kleine Pfarrgasse.

Brunolf war natürlich wütend darüber, denn die Mutter durfte doch nichts davon wissen. Und das hatte er sehr schnell im Gefühl, wenn man erst mal alles bekommen hatte, was man wollte, dann war die Sache nicht mehr interessant, dann war man froh, wenn man von dem Mädchen nicht mehr belästigt wurde.

Nach zehn Tagen fuhr Meta mit ihren Eltern wieder ab. Er sah sie nie mehr wieder.

Doch als sie fort war, ärgerte er sich. Denn jetzt war er auf den Geschmack gekommen und wollte nicht mehr auf ein Mädchen verzichten. Aber wo sollte er ein solches Mädchen finden, das sich mit ihm einließ. Dieses Problem beschäftigte ihn immer öfter. Doch inzwischen hatte er ja schon eine ganze Menge gelernt. Jetzt ließ er sich von den kichernden Mädchen nicht mehr so schnell ins Bockshorn jagen. Jetzt wusste er ganz genau, dass sie nur so taten und sich in Wirklichkeit nicht trauten.

Bald fand er in Lene ein williges Geschöpf, und bei ihr sammelte er nun Erfahrungen. Rolf war immer mit von der Partie, nicht, weil Brunolf Mitleid mit dem Freund hatte, weil dieser von allein kein Mädchen ansprechen wollte, nein, irgendwie fühlte er sich dann stark. Außerdem musste Rolf ja immer Schmiere stehen, wenn er mit dem Mädchen im Wald verschwand.

Das ging auch so eine ganze Weile gut, niemand merkte etwas, und die beiden Jungen wurden reifer, pfiffiger und liebten sich so durch das Dorf. Aber immer so geschickt, dass kein Mädchen sich wie eine Klette an ihre Rockschöße hängen konnte. Denn das hatten sich die beiden geschworen: Heiraten, nein, das wollte man nicht so schnell. Sie sahen es doch immerzu im Dorf, wenn so ein junges Paar sich zusammentat, dann hatte der Mann nichts mehr zu lachen. Dann konnte er nicht mehr so lustig herumziehen, und Geld hatte er auch nicht mehr viel, weil ja bald die Kinder eintrafen.

Im Augenblick war Brunolf mit seinem Schicksal recht zufrieden. Seitdem er nämlich im Laden war, verdienten die Eltern nicht schlecht, und er bekam einen guten Lohn. Das hatte er gleich verlangt, sonst hätte er sich anderswo eine Stellung als Verkäufer gesucht. Die Mutter wurde älter, hatte keine Macht mehr über den Sohn, als dieser zwanzig war. Er tat, was ihm gefiel, und führte ein ziemlich flottes Leben. Als er auch noch davon sprach, dass er sich bald ein Auto kaufen wollte, da fiel sie bald in Ohnmacht. 1963 war das noch keine Selbstverständlichkeit. Der Aufschwung nach dem Krieg kam ja erst langsam ins Rollen. Aber Brunolf war der Zeit immer ein kleines Stückchen voraus.

»Bub, du solltest lieber ans Heiraten denken, dann kommt eine Frau ins Haus, die mir helfen kann. Und einen Nachfolger brauchst du doch auch.«

»Pah«, sagte er, »so leicht lass ich mich nicht binden. Außerdem hab ich noch keine gefunden, die ich mag.«

»Aber alle im Dorf laufen dir doch nach«, sagte die Mutter ein wenig stolz.

»Aber ich mag sie nicht, und wenn ich schon eine heirate, dann muss sie auch reich sein.«

»Bub, Bub, du versündigst dich noch.«

Er kaute auf beiden Backen und sah die Mutter ein wenig mitleidig an.

»Ich will dir mal was sagen, die Zeiten sind jetzt anders, hörst du! Man denkt nicht mehr so wie früher. Ich will etwas vom Leben haben. Du, und dann will ich auch noch die Welt kennenlernen. Ich will nicht wie Vater versauern. Mit dem Heiraten, das hat noch Zeit.«

Nein, Genoveva verstand ihren Buben ganz und gar nicht mehr. Ein halbes Jahr später war sie dann tot. Herzinfarkt. Diese Krankheit wurde allmählich immer häufiger - Brunolf war doch ein wenig betroffen, denn wer sollte jetzt den Haushalt versorgen? Fast hätte er jetzt doch geheiratet, bloß um immer frische weiße Hemden vorrätig zu haben. Aber dann meldete sich die alte Tante Rosa. Sie war fast taub, aber arbeiten konnte sie noch. So holte man sie ins Haus.

Agamar, der doch eigentlich sein ganzes Leben unter der herrischen Frau gelitten hatte, hätte sich doch jetzt eigentlich freuen können, wieder frei zu sein. Aber es war merkwürdig, er vermisste sie überall. Er wurde recht wunderlich, und es dauerte nicht mehr lange, und er musste in ein Altersheim gebracht werden, denn Brunolf konnte ihn nicht mehr beaufsichtigen. Er lief ständig von daheim fort, und Nachbarn oder Freunde brachten den verstörten Mann wieder zurück.

In dem Heim starb er dann ein Jahr später. Brunolf hatte den stillen Vater immer lieber gemocht als die Mutter. Das musste man ihm lassen, er hatte sich um ihn gekümmert, hatte ihn jeden Sonntag besucht und ihm eine Schachtel Pralinen mitgebracht, worüber sich der Alte jedes Mal sehr freute.

Doch so leicht war das Leben nun nicht mehr. Große Veränderungen waren mit dem Dorf vorgegangen. Rolf hatte als Maurer viel zu tun. Ganze Wohnblocks wurden aus der Erde gestampft, und eines Tages, man sollte es wirklich nicht für möglich halten, entstand am Marktplatz ein zweiter Schuhladen. Brunolf wusste sehr genau, zwei Geschäfte hielten sich nicht. Er würde nicht mehr viel zu beißen haben. Es war ein modisches Schuhgeschäft, und die Lage war so günstig, dass jeder dort vorbeiging. Brunolfs Laden in der Pfarrgasse musste man extra aufsuchen.

Aber es spielte sich noch etwas anderes ab.

 

 

4

Noch immer waren die beiden jungen Männer Freunde. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Im Dorf wunderte man sich darüber, weil sie doch so verschieden waren. Der hübsche Brunolf hatte gute Manieren, dagegen war der Rolf ein Grobian. Aber sie verstanden sich prächtig. Und noch so manches Mädchen hatten sie sich geteilt. Diese Strategie behielten sie auch noch lange bei, denn sie sagten sich: Dann kann die Holde nie einen festnageln. Und zwei Ehemänner durfte man sich in Deutschland noch nicht zulegen.

Eines Tages kam Rolf in den Laden. Er machte ein geheimnisvolles Gesicht. Er war in Hamburg gewesen und hatte dort die Erbtante zu Grabe tragen helfen. Viel hatte er nicht bekommen, aber der Mensch freut sich nun mal. Jetzt hielt er ein Paket unter dem Arm. Er wartete so lange, bis kein Kunde mehr im Laden war.

»Haste mir ein Geschenk mitgebracht?«, wollte Brunolf wissen.

»Was Besseres, du wirst Augen machen.« Und er wickelte aus.

Brunolf machte wirklich Augen, denn so etwas hatte er noch nicht gesehen. Rolf hatte Pornohefte mitgebracht und was man auf der Reeperbahn nicht alles kaufen konnte. Die beiden jungen Männer vergaßen Ort und Zeit. Sie vertieften sich in die Hefte und Bücher und hatten bald ganz rote Ohren. Sie bemerkten auch nicht mal, wie das Ladenglöckchen bimmelte und ein Kunde hereinkam. Erst als dieser zu sprechen anfing, wurden sie aufmerksam. Und zwar sagte er sehr hastig und aufgeregt: »Sag mal, Brunolf, kann man das bei dir auch kaufen?«

Bestürzt starrte er den Kunden an und bekam für einen Augenblick den Mund nicht mehr zu.

»Hä?«

Gierig griff der Kunde nach dem Heft.

»Wo haste das her? Du, ich zahl jeden Preis!«

In Brunolf erwachte sofort wieder der Geschäftsmann. Er blickte seinen Freund an. Dieser machte ein ganz entsetztes Gesicht. Brunolf sah den Preis aufgedruckt, aber das störte ihn kein bisschen. Er nannte den doppelten Betrag, eigentlich, um Fred abzuschrecken und ihn loszuwerden. Dieser vergaß ganz, weswegen er den Laden betreten hatte, zahlte, nahm das Heft und stopfte es sich unter das Hemd. An der Tür sagte er: »Du, kriegt man das jetzt regelmäßig bei dir? Ich wüsste eine Menge Leute, die sich dafür interessieren würden.«

»Wirklich?«, meinte Brunolf gedehnt.

»Wenn ich das doch sage!«

Fred war verschwunden.

Rolf fuhr seinen Freund an: »Bist du verrückt, das schöne Heft zu verkaufen!«

»Mensch, halt doch die Klappe, hast doch noch ein Geschäft gemacht.«

»Trotzdem«, sagte er ärgerlich, »und wie komm ich jetzt an was Neues?«

»Lass mich mal überlegen, quatsch nicht immer dazwischen! Ja, ich glaub, das ist es, das könnte gehen!« Brunolf drehte sich um und hatte ganz glitzernde Augen. »Du, ich tu es wirklich.«

»Was?«

»Diese Sachen verkaufen, unterm Ladentisch selbstverständlich.«

Rolf riss ängstlich seine Hefte und Bücher an sich und sagte: »Nee, die behalte ich, hörst du!«

»Mensch, ich meine doch nicht deine Hefte, Rolf, sondern alles, was kommt, regelmäßig, verstehst du?«

Rolf begriff nicht so schnell und schaute ihn verdutzt an.

Brunolf musste es ihm erklären: »Hör mal zu, ich schreib mir von deinen Heften und Büchern die Verlagsnamen ab, dann schreib ich hin, und die sollen mir was schicken, verstanden? Und du und ich, wir werden dann Reklame machen unter den Kumpels, ihnen hinter vorgehaltener Hand erzählen, dass man bei mir so was kaufen kann. Du, die sind doch alle scharf auf solche Sachen.«

»Ehrlich?«

»Bist du es etwa nicht?«

Rolf nickte.

»Haste denn nicht gehört, was der Fred eben gesagt hat?«

»Klar!«

Dann ging ein Leuchten über das Gesicht des Freundes.

»Endlich hast du das begriffen.«

Rolf sagte: »Mensch, das ist ja dufte, dann krieg ich ja auch immer neue Hefte, brauch nicht bis nach Hamburg zu fahren, Brunolf.«

»Eben, wir müssen mit der Zeit gehen, verstehst du!«

So kam es also, dass Brunolf neben seinen Schuhen und Taschen noch andere Produkte verkaufte, und diese zu ziemlich saftigen Preisen. Rolf und Fred machten viel Reklame, und nach zwei Monaten hatte Brunolf schon einen festen Kundenkreis und konnte noch mehr Bestellungen aufgeben. Nun bekam er die Hefte auch zum Händlerpreis und verdiente noch mehr damit.

Nur die Herren der Schöpfung, und davon auch nur auserwählte aus dem Dorf, wussten, was in Brunolfs Laden vor sich ging. Die Konkurrenz wunderte sich, dass Brunolf noch immer nicht den Laden schloss. Man wunderte sich noch mehr, denn der Zulauf war eigentlich enorm. Jetzt wollten auch viele Männer ihre Schuhe selbst zur Reparatur bringen und abholen. Man ging also sehr häufig in den kleinen Schuhladen in der Pfarrgasse. Nur, man kam mit anderen Dingen wieder heraus. Nicht mal die Ehefrauen wussten davon. Denn das war den Männern völlig klar, die würden bestimmt nicht so erfreut darüber sein. Sie versteckten also die Hefte oder lasen sie gierig und vernichteten sie dann heimlich.

Brunolfs Bankkonto schwoll tüchtig an, und jetzt dachte er allen Ernstes daran, sich einen Wagen zuzulegen. Er war dann unabhängiger, konnte doch auch selbst mal nach Hamburg fahren und sich das sündige Leben dort ansehen. Denn das zog ihn noch immer mit aller Macht an. Nicht erst seit er die Sachen unter dem Ladentisch verkaufte. Er selbst hatte die Hefte nur in den ersten beiden Wochen gelesen, dann hingen sie ihm zum Hals heraus. Er war in gewisser Weise schon richtig abgebrüht.

Er meldete sich zur Fahrschule an. Die Nachbarn staunten. Aber Brunolf lächelte nett und treuherzig und stöhnte über die vielen Steuern und dass man wohl bald den Laden aufgeben müsse, denn die Konkurrenz sei halt zu groß. Man hatte sogar Mitleid mit ihm, lud ihn zum Mittagessen ein. Die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass er etwas Vernünftiges zu Essen bekam, denn inzwischen war auch die Tante Rosa gestorben.

Er nahm sich jetzt eine Putzfrau, die zweimal in der Woche kam, verpflegte sich selbst und fand, das ging auch ganz prachtvoll. Aber der Absatz an Schuhen ging wirklich zurück. Er wusste, daran war nur die Lage des Geschäfts schuld. Hin und wieder hatte er daran gedacht, mitten im Dorf ein Haus zu mieten und dort seinen Laden aufzumachen. Aber irgendwie scheute er davor zurück. Er war kein schlechter Geschäftsmann, doch er spürte ganz deutlich, zwischen Schuhen und Taschen wollte er nicht alt werden.

Gewiss, er genoss großes Ansehen in der kleinen Stadt, doch seine Umgebung behagte ihm schon lang nicht mehr, und er wollte heraus aus dieser Enge. Der Kindertraum war noch immer wach, aber arbeiten, nein, das wollte er auch nicht so gerne. Ihm schwebte vor, dass andere für ihn arbeiteten und er nur das Geld auszugeben brauchte. Doch er wusste noch nicht, wie er das bewerkstelligen sollte. Also verkaufte er erst mal weiter die Hefte, bezahlte damit die Fahrstunden und legte auch schon einen Teil des Geldes für ein Auto zurück. Natürlich würde er zum Anfang nur einen gebrauchten Wagen kaufen können. Aber schon wenn er ein eigenes Gefährt besaß, würde sein Ansehen weiter steigen und die Mädchen im Ort würden ihn noch mehr anhimmeln. Brunolf sah sehr gut aus, und so manche hätte ihn gern zum Traualtar geschleppt. Ja, sie träumten nur noch von ihm und erlaubten ihm jede kleine Frechheit, nur in der Hoffnung, dann zum Ziel zu gelangen. Aber genau das Gegenteil traf dann ein, und sie weinten sich die Augen aus.

Rolf, der das natürlich alles mitbekam, hatte schreckliches Mitleid mit den Mädchen. Und wenn Brunolf nicht gewesen wäre, der auf ihn aufpasste, so wäre er bestimmt schon längst nicht mehr ledig gewesen. Brunolf hatte aber jetzt langsam begriffen, dass er Rolf gut ausnutzen konnte. Da war so mancher Weg zu gehen, den er nun Rolf auftrug. Dafür erhielt der dann die Hefte, die er haben wollte, gratis. Es waren sowieso Werbeexemplare. Brunolf begann ganz langsam, aber sicher, ein echter cleverer Geschäftsmann zu werden.

Als er dann auch noch mit fünfundzwanzig seinen Führerschein bekam, wenig später auch ein Auto, kannte die Anbetung Rolfs keine Grenzen. Dem jungen Mann schwoll der Kamm, und er fühlte sich schon langsam als König. Denn seine Kundschaft - die gewisse selbstverständlich - war jetzt auf ihn angewiesen, und manchmal war er auch ein wenig boshaft und schickte den einen oder anderen Kunden wieder fort, nachdem er ihm scheinheilig gesagt hatte: »Die Lieferung ist noch nicht eingetroffen. Wenn sie kommt, soll ich dir die Sachen dann von Rolf bringen lassen?«

»Um Gottes willen, bist du wahnsinnig! Wenn meine Alte das erfährt, ich glaub, die bringt mich mit dem Küchenmesser um die Ecke.«

Für einen Augenblick dachte der junge Mann kaltherzig: Da schau mal her, von dieser Seite habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet. Eigentlich könnte ich mir auch Schweigegeld zahlen lassen. Damit ich nichts ausplaudere.

Aber er kannte seine Kunden, die hatten wirklich nicht viel Taschengeld. Sie waren gar nicht dazu in der Lage, viel zu zahlen. Und wenn ihnen das Wasser bis zum Hals stand, würden die Ehehälften es bestimmt merken und würden so lange keine Ruhe geben, bis sie gestanden. Ja, und die wütenden Frauen würden dann nicht so sanft mit ihm umgehen. Also war da, im Augenblick wohlverstanden, nichts zu machen. Brunolf war jetzt schon so skrupellos geworden, dass er sich keine Gedanken darüber machte, dass das nicht die richtige Einstellung gegenüber seiner Kundschaft war, ja dass er sich sogar strafbar gemacht hätte. Er hatte sich vorgenommen, reich zu werden, mit allen Mitteln. Jetzt war er schon fünfundzwanzig, hockte noch immer in diesem kleinen Nest und hatte nur ein paar Mark auf der Kante liegen.

 

 

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936988
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519987
Schlagworte
redlight street evelyn winkmädchen kreuz südens

Autor

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Titel: Redlight Street #126: Evelyn - Winkmädchen unterm Kreuz des Südens