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Die Papago-Lady

2020 109 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Papago-Lady

Copyright

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Die Papago-Lady

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Kein guter Tag für Sanchez. Der Sternträger hat ihn erwischt. Zwar ist er auf mexikanischer Seite und Kennon hat eigentlich keine Befugnis, aber das scheint den Mann nicht zu stören. Da taucht Jessie auf. Sie ist eine Kopfgeldjägerin und wird, außer von Kennon, nur La Loba genannt. Sanchez sind für sie 500 Dollar und so verhilft sie ihm erst zur Flucht um ihn dann selbst zu stellen. Doch diesmal will sie kein Kopfgeld...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Johlend galoppierten die Banditen hinter dem Ranchwagen her. Die hellgekleidete Wagenlenkerin verschwamm in den Staubschwaden. Ihre Peitsche knallte. Kakteen und Ocotillo Sträucher huschten vorbei. Die Sonne brannte auf das öde Grenzland zwischen Arizona und Mexiko.

»Die Puppe hat sich verirrt«, rief Jim Braddock seinen beiden Kumpanen zu. »Wir haben die verdammte Pflicht, uns um sie zu kümmern. He, Schätzchen, so warte doch!«

Er stand in den Steigbügeln und jagte einen Schuss in die Luft. Seine Begleiter lachten. Gehetzt blickte die Frau zurück. Sie trug ein einfaches, hochgeschlossenes Kleid. Nun rumpelte das Gefährt durch ein ausgetrocknetes Flussbett.

Brutal spornten die Verfolger die Pferde hinterher. Plötzlich krachte und splitterte es. Ein Schrei gellte. Braddock nahm die Zügel kurz.

»Schätze, Amigos, wir haben sie.«

In der Biegung hielten sie. Ein Grinsen flackerte auf den unrasierten Gesichtern. Das einzig Gepflegte an ihnen waren die tiefgeschnallten Colts.

Das rechte hintere Wagenrad war an einem Steinblock zerschellt. Die Achse steckte im Sand. Das Pferd ließ erschöpft den Kopf hängen. Die Fahrerbank war leer.

Grinsend ritten die drei wieder an. Braddock hielt den Sechsschüsser.

»Wo steckst du, Honey?«

»Hier.« Die Frau tauchte hinter dem Quader auf. Eine Flut rabenschwarzes Haar umgab das bronzefarbene Gesicht. Der Mund war voll und sinnlich. Die leicht hervorstehenden Wangenknochen betonten die indianische Abstammung. Grüne Augen musterten die Reiter.

Es waren die furchtlosesten Augen, die Jim Braddock und seine Spießgesellen je bei einer Frau bemerkt hatten. Sie war jung, schlank und mittelgroß.

Das Kattunkleid war an mehreren Stellen zerrissen. Die runden, festen Brüste hoben sich deutlich ab.

Der Revolver in der Hand der Schwarzhaarigen beeindruckte die Banditen im Moment allerdings mehr. Es war ein kurzläufiger 38er Remington.

»La Loba!«, stieß der Reiter rechts von Braddock heiser hervor.

Ein kaltes Lächeln spannte die Mundwinkel der Frau.

»Die Mexikaner und Apachen nennen mich so: die >Wölfin<. Mein wirklicher Name ist Jessica Long.«

Die Reiter verharrten reglos. Schweiß perlte auf den stoppelbärtigen Gesichtern. Seit Jahren war La Loba als Kopfgeldjägerin im ehemaligen spanischen Südwesten bekannt. Eine Frau, die besser reiten, schießen und Spuren lesen konnte als die meisten Männer. Sie hatte über ein Dutzend berüchtigter Outlaws zur Strecke gebracht. Gerüchte wollten wissen, dass sie die Tochter eines Weißen und einer Indianerin war.

Der Anführer des Trios hüstelte.

»Wir dachten, Sie bräuchten Hilfe, Ma’am als das Pferd durchging ...«

»Gib dir keine Mühe, Braddock. Ich kenn eure Gesichter von den Steckbriefen in Tucson und Nogales. Auf jeden von euch sind zweihundert Dollar ausgesetzt, tot oder lebendig. Doch ihr wart zu viert als ihr vor zwei Tagen Agua Prieta verlassen habt. Wo steckt Pablo Sanchez?«

»Frag ihn selbst«, zischte Braddock. Dabei ließ er sich vom Pferd fallen und schoss. Gleichzeitig rissen seine Kumpane die Colts heraus.

Doch La Loba stand nicht mehr da, wo sie eben noch gewesen war. Braddocks Kugel traf nur den Steinblock. Ehe der Mann den Boden berührte, zerschlug La Lobas Blei ihm die Stirn.

Zwei weitere Schüsse fegten die Gefährten aus den Sätteln. Die Pferde stiegen. Als Staub und Pulverrauch endlich verwehten, beugte sich die Schwarzhaarige über einen der Männer, der noch schwach atmete. Er lag auf dem Rücken, eine Hand in die blutbesudelte Brust gekrallt. Der Tod zeichnete sein Gesicht. La Lobas Miene blieb unbewegt.

»Wo ist Sanchez?«

»Wasser«, stöhnte der Schwerverletzte.

»Antworte zuerst.«

Der Mann röchelte.

»Kennon, der Sternträger, hat ihn am Devil’s Rock geschnappt.«

 

 

2

Der Fünfzack an Dave Kennons Hemd war so staubbedeckt wie alles übrige an dem großen, breitschultrigen Reiter. Ein dunkelblonder Bart umrahmte das wettergegerbte Gesicht. Der Schatten der Hutkrempe verdeckte wachsame graue Augen.

Kennon lenkte das Pferd erst zum Tümpel, als er sicher war, dass er und sein Gefangener sich allein in der von Felshängen umschlossenen Senke befanden.

Sanchez lag bereits auf dem Bauch und schlürfte gierig. Lederriemen umspannten die Handgelenke des knapp mittelgroßen, bulligen Mexikaners.

Der US Marshal zog die Winchester aus dem Scabbard, ehe er absaß. Sein Schatten fiel auf den Outlaw.

»Genug. Setz dich da drüben an den Felsen und rühre dich nicht, bis ich die Pferde versorgt und die Flaschen gefüllt habe.« Er stieß Sanchez mit dem Fuß an. »Wird’s bald!«

Der Mexikaner warf sich herum. Seine gefesselten Hände zuckten hoch.

Kennon hatte damit gerechnet. Er duckte sich. Der faustgroße Stein verfehlte ihn.

Mit einem Wutschrei sprang Sanchez auf und stürzte sich auf den Marshal.

Trotz seiner Größe und des Gewichtes bewegte Kennon sich mit der Geschmeidigkeit eines Pumas. Er ließ Sanchez ins Leere laufen. Als der Mexikaner herumfuhr und erneut auf ihn losging, schlug er mit dem Gewehr zu. Er traf ihn zwischen Hals und Schulter. Ächzend sank der Bullige auf die Knie.

»Ich kann dich am Lasso nach Tucson schleppen ...«

Ein metallisches Schnappen kam vom Senkenrand. Kennons Gewehr deutete auf den steinigen Boden. Die Pferde prusteten. Sanchez hob den Kopf.

»Leg ihn um, Muchacha!«

Hitzegesättigtes Schweigen füllte die Senke. Vorsichtig drehte Kennon den Kopf. Die tiefstehende Sonne blendete ihn.

Die schlanke Reitergestalt zwischen den Felsen schien in rote Lohe gehüllt. Trotzdem erkannte Dave Kennon die Frau. Sein bärtiges Gesicht blieb angespannt.

»Wünsch dir das lieber nicht, Sanchez. Auf deinem Steckbrief steht tot oder lebendig. Es heißt, dass La Loba noch keinen Mörder lebend abgeliefert hat. Stimmt’s, Jessie?«

»Genau«, kam die knappe Antwort.

Sanchez fluchte. In die Reiterin kam Bewegung. Die Frau schob das auf Kennon gerichtete Gewehr ins Sattelfutteral und wollte den Hang herabreiten. Da drehte Kennon sich um und hob die Waffe. Der Repetierbügel knackte.

»Komm nicht näher, Jessie!«

La Loba lachte. Sie war nicht mehr wie eine Siedlerfrau gekleidet, sondern trug ein fransenverziertes Kleid aus weichgegerbtem Antilopenleder und kniehohe Apachenmokassins. Ein Stirnband hielt das schwarze Haar.

»Ich jage Banditen, keine Sternträger, Marshal.«

»Ich hab nicht vergessen, wie du mir bei Flagstaff Schwarzbart Joe vor der Nase weggeschnappt hast. Buche die fünfhundert Bucks für Sanchez als Verlust ab und verschwinde.«

»Ich hasse Befehle, Marshal: Außerdem vergisst du, dass wir hier fünf oder sechs Meilen südlich der Grenze sind. Du hast in Mexiko keine Befugnisse.«

»Was du nicht sagst.« Kennon grinste.

»Ich denke, die Grenze verläuft am Devil’s Rock, wo ich Sanchez erwischte. Aber ich lass mich in Tucson gern über den möglichen Irrtum aufklären, sobald ich Sanchez im Jail abgeliefert habe. Well, Jessie, das war’s dann. Adios!«

Die Reiterin schüttelte lächelnd den Kopf.

»So leicht wirst du mich nicht los, Marshal. Du kannst mir nicht verbieten, in deiner Nähe zu lagern.«

 

 

3

Kennon beobachtete eine Sternschnuppe, die lautlos auf den Senkenrand zuzustürzen schien. Kojotengeheul wehte durch die Nacht. Die Pferde am Tümpel dösten.

Sanchez lag auf der Decke, den umgedrehten Sattel im Nacken, schlief aber nicht. Er war an Händen und Füßen gefesselt. Sein Blick suchte immer wieder die von einem Feuer angestrahlten Felsblöcke über der Senke. Aber außer einem gelegentlichen Stampfen drang kein Geräusch herab.

Kennon löschte die Zigarettenkippe und spähte ebenfalls zu den Felsen hinauf.

»Ich wette, sie lässt nichts unversucht, das Kopfgeld zu kassieren. Immerhin sind fünfhundert Bucks mehr als ein Cowboy im Jahr verdient. Ich trau ihr zu, dass sie mir irgendwo auf dem Weg nach Tucson den Gaul unterm Hintern wegschießt, um an dich ranzukommen.«

»Lass mich frei! Ich häng dir sonst in Tucson ’ne Anzeige an, weil du mich über die Grenze verschleppt hast!«

»Nichts zu machen, Sanchez. Der Mann, den du bei dem Banküberfall in Beson erschossen hast, war ein alter Kumpel von mir. Ich bin’s ihm schuldig, dass ich dich vor den Richter bringe.«

»Wenn dieses verdammte Teufelsweib mich tötet, bist du deinen Job los, Kennon.«

»Mach dir nur nicht in die Hosen, Sanchez. Jessie knallt keinen Wehrlosen ab. Andererseits hat es noch keiner geschafft, ihr mit dem Revolver zuvorzukommen. Was wir brauchen, sind einige Stunden Vorsprung.«

»Wir kommen hier nicht weg, ohne dass sie’s merkt«, keuchte der Mexikaner. Kennon packte die neben ihm liegende Winchester.

»Du bist ein Denkgenie, Hombre. Well, ich werde Jessie besuchen, bevor wir uns auf die Socken machen. Zuvor kriegst du aber ’nen Knebel.«

»Die Pest an deinen Hals, Sternträger! Wenn du ...« Der Marshal stieß Sanchez einen Stofffetzen zwischen die Zähne und band ein Tuch darüber.

Geduckt schlich er um den Tümpel. Es war Neumond. Das bleiche Licht der Sterne drang nicht in die Senke. Die Dunkelheit umgab Kennon wie ein schwarzer Mantel. Er trug Stiefel mit flachen Absätzen, keine Sporen. Wenn es sein musste, nahm der Marshal es im Anschleichen mit jedem Apachenkrieger auf.

Der rötliche Feuerschein auf den Quadern über der Senke wies ihm das Ziel. Kennon schlug einen Bogen, denn er rechnete damit, dass La Loba ihn erwartete. Seit er sie vor einem Jahr auf der Jagd nach Schwarzbart Joe kennengelernt hatte, wusste er, dass die meisten Banditen, die La Loba zur Strecke brachte, den gleichen tödlichen Fehler begingen: Sie unterschätzten sie, weil sie eine Frau war.

Der Marshal ließ sich Zeit. Kein Stein löste sich unter den Sohlen, kein Sand knirschte. Eine kühle Luftströmung trug ihm den Geruch von La Lobas Pferd zu. Wenn er die Richtung beibehielt, würde das Tier ihn nicht wittern.

In der Senke rührte sich nichts. Die Umrisse der beiden Tiere verschmolzen mit der Nacht.

Am Senkenrand kauerte der Marshal sich hinter einen Felsblock. Er würde mit der Winchester zuschlagen, wenn Jessie ihm keine Wahl ließ. Danach wollte er sie gefesselt zurücklassen, so dass sie sich erst nach einer Weile selbst befreien, aber ihn und seinen Gefangenen nicht mehr einholen konnte.

Kennon grinste schmal. La Loba war die letzte, die von einem Mann Rücksichtnahme erwartete. Er würde sich danach richten.

Die Felsen standen dicht. Trotzdem kroch Kennon auf dem Bauch weiter. Alle paar Yard lauschte er. Nur die Flammen knisterten, und das Pferd stampfte wieder. Das ferne Kojotengeheul war verstummt. Eine Fledermaus huschte vorbei.

Dann trennte nur mehr ein tonnenschwerer Felsklotz den Marshal von Jessies Camp. Vorsichtig richtete er sich auf und schob sich um ihn herum. Seine Muskeln spannten sich. Er musste Jessie überwältigen, bevor sie ihren Revolver in die Hand bekam.

Das Pferd war an einen Ocotillo Busch gebunden. Das Feuer flackerte nur mehr fußhoch. Eine zusammengesunkene, in eine Decke gewickelte Gestalt lehnte an dem Felsen, neben dem Kennon stand.

Kennon war zu erfahren, dass er darauf hereinfiel. Es war ein mit Steinen und dürren Zweigen ausgestopftes Bündel.

La Loba war fort. Vielleicht stand sie mit der Remington hinter ihm.

Geduckt fuhr Kennon herum. Da schallte ein Wiehern aus der Senke. Hufe schlugen. Eine heisere Stimme schrie etwas, Sanchez.

Fluchend stürmte Kennon an den Felsen vorbei. La Loba hatte ihn hereingelegt!

Zwei Reiter, Schemen in der fahlen Dunkelheit, bogen um den Tümpel.

Kennons Gewehr flog hoch. Ein Feuerstrahl fuhr aus dem Lauf. Das Pferd des zweiten Flüchtenden stieß ein durchdringendes Wiehern aus und stürzte. Der Reiter blieb mit einem Fuß im Steigbügel hängen.

Kennon zielte und schoss erneut. Da hatte die Nacht bereits den anderen Schatten verschluckt. Die Hufe arbeiteten sich den gegenüberliegenden Hang hinauf. Dann verlor sich das Pochen in der Kakteenwildnis.

Kennon hastete den Hang hinab. Seine Schritte stockten als er La Loba erkannte, die mit dem Gesicht nach unten reglos neben dem erschossenen Braunen lag. Der Steigbügel hatte sich um ihren linken Knöchel gewickelt. Kennon hatte das eigene Pferd getroffen. Seine Kehle wurde trocken.

»Jessie!«

»Hallo, Marshal.« Sie setzte sich auf. Der 38er Remington wies auf Kennons Magen. Die Augen funkelten wie Pumalichter. »Ich hätt’ mir das Genick brechen können.«

Kennon schluckte, dann grinste er verkniffen.

»Beim nächsten Mal klappt’s vielleicht. Steck die Kanone weg, wenn du nicht willst, dass Sanchez uns durch die Lappen geht.«

»Sanchez gehört mir.« Die Kopfgeldjägerin befreite ihren Fuß und richtete sich unverletzt auf.

»Ich brauch ihn, damit er mich zum Desperado Canyon führt.«

Kennon hielt unwillkürlich den Atem an. Der Desperado Canyon war der Schlupfwinkel von Dutzenden Gesetzesbrechern, die beiderseits der Grenze ihr Unwesen trieben, er lag in den Ausläufern der Sierra Madre. Wo genau, das wussten nur die Banditen.

»Scheint, Jessie, du wirst lebensmüde.«

»Kannst ja nachkommen, Marshal, allerdings zu Fuß.«

 

 

4

Die Sonne loderte am wolkenlosen Sonora Himmel. Geduldig folgte La Loba Sanchez’ Spur.

Die Hitze schien ihr nichts anzuhaben. Das Land südlich der Grenze war eine Wildnis aus Sand, Felsen, verdorrten Sträuchern, Kakteen und Dorngestrüpp.

Jessie Long, die »Wölfin«, kannte sich hier aus. Schon mehrmals war sie ihren Opfern in dieses Gebiet gefolgt, um später in Tucson oder Hermosillo die Kopfprämie zu kassieren.

Am Fuß einer zerklüfteten Felswand hielt Jessie, schob ein Zigarillo zwischen die schimmernden Zähne und brannte es an.

»Ich weiß, dass du da bist, Sanchez«, sagte sie in die bleierne Stille. »Es wäre verdammt voreilig, wenn du abdrückst.«

Steine klirrten. Die gedrungene, staubbedeckte Gestalt des Mexikaners tauchte hinter der Reiterin auf. Gemächlich drehte La Loba das Pferd. Der Remington steckte in dem auf dem rechten Oberschenkel ruhenden Holster. Die Hände umschlossen das Sattelhorn.

Sanchez hielt den Colt, den er in der Ledertasche am Sattel seines Pferdes gefunden hatte. Jessie hatte die Waffe offenbar übersehen als sie sich vor der Flucht an seinem und Kennons Gepäck zu schaffen machte.

Die drohende Mündung beeindruckte sie nicht. Sie rauchte ruhig. Dabei musterte sie Sanchez nachdenklich. Sein gedunsenes, unrasiertes Gesicht war verkniffen.

»Das war deine letzte Kopfgeldjagd, La Loba!«

»Wenn ich auf die fünfhundert Bucks für deinen Skalp scharf wäre, wärst du nicht mehr am Leben.«

»Was willst du dann?«

Jessie Long hob die Schultern.

»Hab meinen Job an den Nagel gehängt. Sternträger sind neuerdings hinter mir her.«

»He!«, schnappte Sanchez überrascht.

Jessie lächelte säuerlich.

»War sozusagen ’ne Art Betriebsunfall. Ich erschoss vor ein paar Wochen den Town Marshal von Hackettville. Seitdem kann ich mich in Arizona nicht mehr blicken lassen. Nur gut, dass Kennon noch nichts davon weiß.«

»Was, zum Teufel, hab ich damit zu tun?«

»Ich such ’nen Platz, wo ich mich für einige Monate ausruhen kann, ohne dass ein Sternträger auftaucht. Hab viel vom Desperado Canyon gehört. Ich möchte, dass du mich zu deinen Bekannten bringst, die dort leben.«

Pablo Sanchez dachte nicht daran, die Waffe sinken zu lassen. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen.

»Wie willst du sicher sein, dass ich die Bewohner des Desperado Canyons kenne?«

La Loba nahm das Zigarillo aus dem Mund und blies einen Rauchring in die flimmernde Luft.

»Hombre, es gehörte bis vor drei Wochen zu meinem Job, dass ich über Burschen wie dich möglichst genau Bescheid weiß.«

»Ich trau dir nicht, La Loba. Meinen Amigos im Desperado Canyon wird’s genauso gehen. Du hast zu viele von uns zur Strecke gebracht.«

»Keinen Mann aus dem Desperado Canyon. Außerdem werden meine Verbindungen euch nutzen. Ich kenn da etliche Möglichkeiten, fette Beute zu machen, vorausgesetzt...«

»Gib dir keine Mühe, Muchacha!«, zischte der Bandit. »Tot bist du mir lieber!«

Der Metallhahn knackte unter seinem schmutzigen Daumen. La Loba lächelte kalt.

»Du bist ein Dummkopf, Sanchez, sonst würdest du nicht leichtfertig mit deinem Leben spielen. Zumindest hättest du dich überzeugen sollen, ob die Kanone geladen ist.«

Ein Zucken lief über das Gesicht des Mexikaners. Er krümmte den Zeigefinger. Feuer und Rauch fuhren aus dem Stahllauf. Es krachte. Reglos saß die Frau auf dem Pferd.

»Platzpatronen, Sanchez! Was glaubst du, hab ich so lange bei den Pferden rumgefummelt?«

Sanchez fluchte, zog nochmals durch, mit demselben Ergebnis. Ohne Eile hob La Loba den Revolver. Erschrocken ließ der Bandit den Sechsschüsser fallen.

»Tu’s nicht!«

»Dann bring mich zu deinen Amigos.«

Sanchez schwitzte.

»Tilburn wird mich töten, wenn ich dich zum Desperado Canyon führe!«

La Loba spürte einen Stich, aber mit keiner Regung verriet sie, dass sie den Namen kannte.

»Wer ist Tilburn?«

»Der Boss. Er regiert den Desperado Canyon mit eiserner Faust. Meuterer, Verräter, Spitzel haben dort keine Chance. Ich selbst hab erlebt...«

Sanchez verstummte als die Frau an ihm vorbeiritt.

Gleich darauf tauchte sie mit Sanchez’ Braunem wieder zwischen den Felsen auf. Sanchez’ Wasserflasche hing an ihrem Sattel. Sie warf dem Mexikaner die Zügel zu.

»Steig auf! Du hast keine Wahl, wenn du nicht verdursten willst. Wasser gibt’s im Umkreis von vierzig Meilen nur im Desperado Canyon.«

 

 

5

Die Berge traten auseinander. Eine flimmernde von den Gipfeln der Sierra Madre umrahmte Hochebene erstreckte sich vor La Loba und dem Mexikaner. Kakteen und Fettholzstauden sprenkelten sie. Vereinzelte Felsgruppen ragten auf.

Sanchez warf der Halbindianerin einen hasserfüllten Blick zu als sie die Canteen Flasche vom Sattel löste und trank. Der Colt steckte in seinem Holster, aber die Kammern waren leer, nachdem er die restlichen Platzpatronen entfernt hatte.

Die Sonne stach wie mit Feuerpfeilen. Sanchez knickte beim Weiterreiten heimlich einen Zweig. Die Spitze wies nach Süden, in die Richtung, in die La Loba das Pferd trieb.

»Überleg’s dir«, hatte sie ihn achselzuckend ermahnt. »Es könnte ja sein, dass wir uns immer weiter vom Desperado Canyon und damit von der nächsten Wasserstelle entfernen. Ich hab zwei Sattelflaschen. Aber was hast du?«

Wütend starrte Sanchez auf ihren schmalen Rücken. Manchmal war er versucht, seinen Braunen neben sie zu lenken und ihr den Remington zu entreißen. Aber immer dann, als spürte sie, was hinter seiner Stirn vorging, drehte sie den Kopf und blickte ihn aus kalten, grünen Augen ausdruckslos an. Dann fielen dem Outlaw prompt all die Geschichten ein, die über sie erzählt wurden, und er begnügte sich mit einem Zähneknirschen.

Kurz nach Mittag entdeckten sie die Rauchzeichen. An zwei verschiedenen Stellen weit voraus stiegen sie in unregelmäßigen Abständen in die von keinem Windhauch bewegte Luft.

La Loba hob eine Hand über die Augen. Das stundenlange monotone Stampfen der Hufe setzte aus. Sanchez’ Augen glitzerten. Er duckte sich als La Loba ihn unvermittelt ansah.

»Apachen, vielleicht auch Yaquis«, erklärte er rasch. Die Frau schwieg. Sanchez spürte ihren Blick wie ein Messer. Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»Also gut, bevor die verdammten Rothäute Jagd auf uns machen, bring ich dich zu meinen Amigos. Gib mir die Wasserflasche!«

»Im Canyon.«

Sanchez fluchte, spähte nochmals zu den fernen Rauchsignalen und drehte den Braunen nach Osten. La Loba folgte. Als sie zehn Minuten später wieder nach Süden blickte, waren die Rauchsäulen verschwunden.

Sanchez sah sich nicht nach seiner Begleiterin um. Seine Haltung wirkte verkrampft.

La Loba prägte sich den im Hitzeglast verschwimmenden Bergrücken ein, auf den der Outlaw zuhielt. Die Busch und Kakteengruppen rückten dichter zusammen. Wildspuren verliefen dazwischen.

Die Sonne glühte nur mehr wenige Handbreit über den Bergen im Westen, als Sanchez in einer von Fettholz und Kreosotsträuchern umschlossenen Mulde hielt. Eine Quelle plätscherte zwischen schartigen Felstrümmern. Die Pferde schnaubten durstig.

Grinsend wandte Sanchez sich zu Jessie um.

»Kein Wasser in vierzig Meilen Umkreis, außer im Desperado Canyon, eh?«

»Ich hatte gehofft, dass du die Quelle nicht kennst.«

. Sanchez’ Grinsen verflog.

»Heißt das, du wusstest, dass es hier Wasser gibt?«

»Aber ja.« La Loba lächelte. Sie richtete den 38er auf Sanchez. »Genau wie ich weiß, dass es keine Apachen und Yaquisignale waren. Wenn deine Amigos ’ne Dummheit versuchen, bist du dran.«

»Caramba!« Sanchez ballte die Fäuste. Zwischen den Sträuchern raschelte es. Vier Mexikaner, jeder mit einem Gewehr in den Fäusten, tauchten auf. Ihre Gesichter waren unter den wagenradgroßen Sombreros nur undeutlich zu erkennen. Staub bedeckte die zerschlissene Kleidung. An den Stiefeln glänzten Chihuahua-Sporen.

»He, Pablo, hast du dein Liebchen mitgebracht?«

»Red keinen Stuss, Miguel! Das ist La Loba!«

»Darum hast du Pech gehabt,’ Amigo.« Grinsend, die Gewehre im Hüftanschlag, kamen die Kerle den Hang herab. Sie bewegten sich wie Raubkatzen. Die Sporen klirrten. Der Anführer war ein sehniger, sichelbärtiger Mann.

»Du verstehst hoffentlich, Pablo, dass wir in diesem Fall keine Rücksicht auf dich nehmen können. Tilburn würde uns die Haut abziehen, wenn wir sie laufen ließen.«

»Caramba!«, wiederholte Sanchez ächzend. Da halfterte La Loba den Revolver.

»Bringt mich zu Tilburn!«

Die Bandoleros standen mit schussbereiten Gewehren um sie herum. Der Sichelbärtige zeigte die Zähne.

»Willst du uns veralbern, he?«

Hastig schwang Sanchez sich vom Pferd.

»Sie behauptet, dass sie in Arizona ’nen Sternträger umgelegt hat. Angeblich will sie für einige Monate im Desperado Canyon untertauchen. Natürlich lügt sie.«

Der Sichelbärtige schüttelte den Kopf.

»Irrtum. Ich hab neulich in Nogales erfahren, dass La Loba dem Town Marshal von Hackettville zu ’ner Höllenfahrt verhalf. Das ist jetzt drei Wochen her.«

Sanchez’ Kinnlade klappte herab.

»Na also.« Die Kopfgeldjägerin glitt ebenfalls aus dem Sattel. Sofort drückte der Sichelbärtige ihr das Gewehr gegen die Rippen.

»Nimm ihr die Kanone ab, Pablo!«

Die anderen rührten sich nicht. Einer hielt La Lobas Pferd. Sanchez kassierte auch La Lobas Gewehr. Die junge, schwarzhaarige Frau brannte sich ein Zigarillo an. Sanchez achtete darauf, dass er ihr nicht zu nahe kam.

»Ich würde dieser Hexe auch nicht trauen, wenn sie ein Dutzend Sternträger ins Jenseits befördert hätte.«

»Tilburn wird entscheiden, was mit ihr geschieht. Wir lagern hier. Morgen Mittag sind wir im Canyon.«

Der Anführer ließ das Gewehr sinken und pfiff schrill. Im Gebüsch über der Mulde knackte es. Ein pockennarbiger Mexikaner brachte die Pferde.

Auf einem Tier saß ein gefesselter junger Mann. Er war blond und blauäugig. Sein Stadtanzug war zerknittert, ein Ärmel abgerissen. Kampfspuren zeichneten sein Gesicht. Doch er wirkte nicht so, als hätte er sich mit seinem Los abgefunden.

Sanchez blinzelte überrascht.

»Wen habt ihr denn da?«

»Fünfzigtausend Bucks auf zwei Beinen. Er heißt Cliff Lansfield. Wir haben ihn auf der Straße nach Nogales aufgelesen.«

»Der Sohn von Ben Lansfield, dem Bahnbau-Boss?«

La Lobas Katzenaugen funkelten. Doch als der Sichelbärtige sie überrascht anstarrte, war ihr Bronzegesicht wieder ausdruckslos.

»Kennst du Lansfield?«

»Ich hab gehört, dass es ’nen Narren gibt, der eine Bahnlinie von Nogales nach Guaymas bauen will. Quer durch die Wildnis von Sonora, dazu aus eigener Tasche. Der heißt so.«

»Pa ist nicht verrückt«, stieß der Gefangene hervor. »Wenn’s einer schafft, dann er.«

»Rege dich ab, Kleiner.« Der Sichelbärtige grinste. »Uns interessiert nur das Lösegeld. Tilburn wird zufrieden sein.«

La Loba setzte sich auf einen Stein neben der Quelle. Sie bewegte sich wie unter guten Bekannten.

»Fünfzigtausend sind kein Pappenstiel. Was glaubst du, Muchacho, wie lange es dauert, bis die Rurales euren Schlupfwinkel ausräuchern, wenn Lansfield seinen Sohn erst freigekauft hat?«

Der Anführer grinste.

»Wer sagt den, dass der Blondschopf den Desperado Canyon lebend verlässt?«

 

 

6

Der Pockennarbige hatte die Mitternachtswache. Er lehnte, das Gewehr über den Knien, an einem Felsblock über der Mulde. Eine Eule schrie.

Der Bandit lauschte, bis feststand, dass es kein Signal war. Die Entfernung zum Desperado Canyon betrug nur zehn Meilen. So nahe beim Schlupfwinkel der Gesetzlosen ließ sich kein Apache und Yaqui mehr blicken, seit bei einem Zusammenstoß mit den Indianern Tom Tilburn und seine Männer wie die Berserker gewütet hatten.

Die Quelle plätscherte. Das Wasser versickerte in einer Felsspalte.

Nun zählte der Wächter die in Decken gehüllten Schläfer. Einer fehlte: La Loba, die sich ein paar Schritte abseits der Männer niedergelegt hatte.

Der Mexikaner wollte aufspringen, da sah er den Schatten, der sich lautlos auf ihn zubewegte.

»Schieß nicht, Amigo!«, flüsterte die Kopfgeldjägerin als er sofort das Gewehr hob.

Der Repetierbügel schnappte. Trotzdem kroch sie näher auf Händen und Knien, geschmeidig wie eine Katze. Das Gewehr berührte sie fast. Matter Sternenglanz fiel auf das aparte Gesicht.

»Was, zum Teufel, willst du?«

Jessica Long lächelte, als der Pockennarbige unwillkürlich die Stimme dämpfte, um die anderen nicht zu wecken. Sie kannte ihre Wirkung auf Männer. Viele vergaßen nur zu schnell, wie gefährlich sie war.

»Kann nicht schlafen, Amigo. Hast du ’ne Zigarette?«

Der Wächter starrte sie misstrauisch an, dann blickte er rasch in die Mulde. Alles blieb still und friedlich. Die Eule schrie wieder. Ein Kojote heulte. Nichts rührte sich sonst. Ein Grinsen dehnte die Mundwinkel des Mexikaners.

»Was krieg ich dafür, Muchacha?«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass du mich für ’ne Zigarette kaufen kannst?«, zischte La Loba. »Ich such mir die Männer, mit denen ich schlafe, selber aus!«

Ihre Miene veränderte sich jäh. Ihr Lächeln war wieder weich und lockend. »Aber du gefällst mir, Amigo. Du bist groß und stark.«

Der Pockennarbige legte das Gewehr ab und wollte sie an sich ziehen. La Loba entwand sich ihm.

»Nicht hier, Dummkopf. Deine Companeros könnten aufwachen.« Sie erhob sich lautlos. Zwischen den Sträuchern wandte sie sich um.

»Angst?«, fragte sie spöttisch als der Mexikaner zögerte.

»Ich hab Wache. Wenn Miguel dahinterkommt ...«

»Vielleicht bist du doch nicht der richtige Mann.« Die Frau tauchte in die Schwärze ein.

»Warte!«, flüsterte der Posten, sprang auf und folgte ihr. Er sah nur mehr einen Schatten. Blätter raschelten, der Pockennarbige blieb stehen.

»Caramba, wo steckst du?«

»Hier, Amigo.« La Loba war dicht hinter ihm. Nun zog sie ihm den Colt aus dem Holster. Der Outlaw schaffte noch eine halbe Drehung. Der Stahllauf traf ihn seitlich am Kopf. Das Gewehr entfiel ihm, seine Beine gaben nach.

Die Frau fing den Zusammensackenden auf und legte ihn neben einen Kreosotbusch. Dann lauschte sie, aber kein Laut drang aus der Mulde.

Trotzdem schlug La Loba einen Bogen als sie zurückkehrte. Sie nahm Gewehr und Messer des Bewusstlosen mit. Die Pferde drehten die Köpfe, blieben aber still. Das Plätschern der Quelle war das einzige Geräusch.

Die Kopfgeldjägerin duckte sich neben einem Felsblock. Die Schläfer atmeten gleichmäßig, bis auf einen: Cliff Lansfield. Er war wach.

Das nächste, was La Loba auffiel, war, dass Sanchez fehlte. Nur sein Sombrero lag noch auf dem als Kopfkissen benutzten Sattel.

Ein Alarmsignal schrillte hinter La Lobas Stirn. Sanchez hatte Verdacht geschöpft. Vielleicht lauerte er in der Dunkelheit.

Wenn sie versuchte, Lansfield zu befreien, würde er sie töten. Sie wartete. Ein undeutliches Geräusch kam von dort, wo sie den Wachtposten überrumpelt hatte. Zweige schwankten.

Da sprang La Loba auf, lief zu dem Gefangenen und zerschnitt die Fesseln. Der Mexikaner neben Cliff wachte auf.

Die Kopfgeldjägerin hieb ihm das Gewehr gegen die Schläfe. Mit aufgerissenen Augen starrte Cliff sie an.

»Zu den Pferden!«, drängte La Loba als auch die anderen Männer sich bewegten.

Die Tiere stampften und prusteten. La Loba stieß mit dem Fuß das Gewehr unter einer tastenden braunen Hand weg. Der Kolben der eigenen Waffe sauste auf einen zottelhaarigen Kopf.

Der junge Lansfield kam taumelnd hoch.

»Beweg dich!« La Loba zerrte ihn mit.

»Verdammte Hexe!«, schallte Sanchez’ Fluch vom Muldenrand. Ein Revolver krachte.

La Loba feuerte zurück. In fliegender Eile band Cliff seinen Falben und La Lobas Braunen los. Wieder peitschte das Gewehr der Schwarzhaarigen. Ein Mexikaner stieß einen Schrei aus. Fluchend warfen die anderen sich in Deckung.

»Knallt sie ab!«, tobte Sanchez.

La Lobas Schüsse trieben die Banditen in Deckung. Cliff saß bereits im Sattel. Mit einem federnden Satz, ohne die Steigbügel zu benutzen, landete auch La Loba auf dem Pferderücken.

 

 

7

Am Nachmittag des nächsten Tages begann Cliff Lansfields Pferd zu lahmen. Sie hatten den Rand der Hochebene erreicht. Eine zerklüftete Bergkette erhob sich vor ihnen. Jenseits davon erstreckte sich die Halbwüste, durch die von Norden die ersten sechzig Meilen der Nogales-Guaymas-Bahn verliefen. Die Sonne tauchte die Wildnis in wabernde Glut.

Der Falbe wieherte kläglich. Da stieg Cliff ab.

Die rechte Vorderfessel war geschwollen. Das Pferd wagte nicht den Huf aufzusetzen. Seine schweißbedeckten Flanken zitterten. Schaum verklebte die Nüstern. Cliff tätschelte ihm den Hals. Dann spähte er aus schmalen Augen nach Süden. Die Verfolger waren dunkle Punkte im golden schimmernden Staub, den ihre Gäule aufwirbelten. Es sah aus als würden sie sich nicht vom Fleck bewegen. Doch Cliff wusste, dass der Eindruck täuschte.

La Loba ritt zu ihm.

»Steig hinter mir auf.«

Cliff befreite den Falben erst von Sattel und Zaumzeug. Als er wieder auf die Hochebene blickte, waren aus den Punkten daumengroße Reitergestalten geworden. La Lobas Augen funkelten.

»Wenn du jetzt auch noch eine Abschiedsrede hältst, verschwind ich ohne dich.«

Cliff schwang sich hinter ihr aufs Pferd.

»Welche Chance haben wir zusammen auf nur einem Pferd?«

La Loba drehte sich halb.

»Du verstehst wohl nicht allzu viel von Pferden?«

»Ich bin im Osten aufgewachsen.«

»Ja dann.« La Loba ritt an. »Halt dich fest!«, rief sie als Cliff schwankte. »Nicht so zaghaft, Junge! Himmel, hast du noch nie eine Frau umarmt?« Sie lachte. Die schwarzen Haare flatterten.

Der Braune war kräftig und zäh, aber die Hitze und die Meilen, die bereits hinter ihm lagen, setzten ihm zu. Als der Schatten der Berge auf sie fiel, ließ La Loba ihn im Schritt gehen. Cliff spürte ihren biegsamen Körper unter dem dünnen Lederkleid.

»Ich werde nie vergessen, was du für mich getan hast. Mein Vater wird dich reich belohnen.«

»Mein Skalp ist mir derzeit wichtiger!«

»Entschuldige. Ich dachte ...«

Jessie lachte als er nicht weitersprach.

»Du dachtest, eine Frau, die für Geld Banditen jagt, rührt ohne entsprechende Bezahlung keinen Finger, einem Entführten aus der Patsche zu helfen. So unrecht hast du gar nicht. Du vergisst dabei nur, dass ich deinetwegen all meine Pläne über den Haufen werfen musste. Wahrscheinlich bin ich zu weich für den Job.«

»Ich werde sowieso nie begreifen, wie eine so hübsche Frau davon lebt, dass sie ...« Cliff wurde rot als La Loba ihn anfunkelte. »Kid, du bist ja ein richtiger Schwerenöter! Pass bloß auf, dass ich nicht Feuer fange!«

»Sag’ nicht dauernd Kid zu mir. Ich bin nicht jünger als du.«

»Hm. Und mit wie viel Frauen hast du schon geschlafen?«

»Das geht dich, verdammt noch mal, nichts an!«

Jessie lachte. Es klang ausgelassen und mädchenhaft.

Eine halbe Stunde später war sie wieder La Loba, kaltäugig, mit einem harten Zug um den kirschroten Mund. Sie hielt die Zügel kurz. Der Braune stand im Schatten einer überhängenden Felswand. Knapp eine halbe Meile hinter ihnen ritten die Verfolger über den Höhenkamm.

La Loba murmelte: »In spätestens einer Stunde erwischen sie uns, vorausgesetzt, wir kommen ihnen nicht zuvor.«

»Was hast du vor?«

La Loba schaute sich prüfend um.

»Wir brauchen ihre Pferde. Außerdem hab ich’s satt, vor diesen Strolchen davonzulaufen. Wir warten auf sie. Die Felskuppe dort ist der richtige Platz.«

Sie lenkte das Pferd zum Fuß der Anhöhe, saß ab und zog das Gewehr aus dem Scabbard.

Sie spähte zum Bergrücken. Nur mehr eine Staubfahne war von den Verfolgern zu sehen.

»Ich hoffe, du kannst mit der Knarre umgehen.«

Sie gab ihm das Gewehr. Cliff schluckte und schwang sich ebenfalls vom Pferd. Die Frau wickelte die Zügel ums Sattelhorn und versetzte dem Braunen einen leichten Klaps auf die Hinterhand.

 

 

8

Dumpfer Hufschlag näherte sich. La Loba legte mehrere Patronen auf den flachen Stein neben sich. Sie wirkte völlig ruhig.

»Lass sie rankommen, Kid«, raunte sie Lansfield zu, der drei Schritte neben ihr kauerte. Schweißrinnsale glitzerten auf seinem schmalen Gesicht. Seine Hände pressten sich um das Gewehr. »Schieß erst, wenn ich anfange!«

Cliff hätte gern einen Schluck getrunken. Doch die Canteenflasche hing am Sattel von La Lobas Braunem, der sich irgendwo im Schatten der weiter entfernten Klippen befand.

Das Hufgetrappel wurde lauter. Dann kamen die Verfolger hintereinander aus dem Felseinschnitt, voran der Sichelbärtige. Der Mann mit den Pockennarben ritt hinter ihm. Einer der Verfolger hatte einen blutdurchtränkten Tuchfetzen um den rechten Arm geschlungen. Wahrscheinlich war es nur ein Streifschuss. Jedenfalls hielt er den Karabiner genauso schussbereit wie die Kumpane.

Sanchez war nicht dabei. La Loba vermutete, dass er in den Desperado Canyon geritten war, um Tilburn, den Boss, zu verständigen.

Die fünf Mexikaner ritten auf die Felswand zu, an der Jessie und Cliff vorhin gehalten hatten. Die Hufabdrücke des Braunen waren für die scharfäugigen Burschen so deutlich als wäre die Spur mit Farbtupfern markiert.

La Loba wartete geduldig. Erst wenn die Verfolger vor der Felswand waren, wollte sie das Feuer eröffnen. Da bewegte sich Cliff. Die Sonne blitzte auf dem über die Deckung ragenden Gewehr. Ruckartig zügelte der Anführer das Pferd. Cliff sprang auf.

»Ergebt euch!«

Fluchend hoben die Banditen ihre Waffen.

»Verdammter Narr!«, fauchte La Loba. Sie schoss auf den Sichelbärtigen. Auch Cliff feuerte. Sein Blei streifte ein Pferd. Die Banditen warfen sich aus den Sätteln. Staub hüllte sie ein. Die Waffen krachten.

»Deckung!«, befahl La Loba wütend als Cliff im Stehen weiterschoss. Ihr Sechsschüsser schmetterte. Doch in Staub und Pulverqualm waren die Gegner nur huschende Phantome, die im nächsten Moment hinter Felsbrocken und Bodenerhebungen verschwanden.

Eine Kugel zupfte Cliff am Ärmel. Er kauerte sich hinter den Sandsteinklotz. Querschläger jaulten. Die Banditenpferde stoben davon. Der Sichelbärtige lag mit ausgebreiteten Armen im Sand. La Loba ließ den Colt sinken.

»Bleivergeudung«, erklärte sie achselzuckend.

Cliff wirkte zerknirscht. »Tut mir leid.«

»Mir auch.«

Einige Schüsse flackerten noch, dann trat Stille ein. Die Banditen luden die Gewehre.

»Gib auf, La Loba! Ohne Pferde kommt ihr nicht lebend vom Hügel!«

»He, du schuldest mir noch ’ne Zigarette, Amigo«, spottete La Loba, nachdem sie die Stimme des Pockennarbigen erkannte. Die Antwort war ein wütender Schuss.

Cliff feuerte zurück, traf aber nur den Stein, hinter dem der Mexikaner lauerte.

»Du solltest mal anfangen, die Munition zu zählen, Kid«, riet La Loba.

Lansfield sah sie erst wütend, dann betroffen an.

»Außerdem haben wir kein Wasser«, fügte die Kopfgeldjägerin hinzu. »Die Burschen brauchen uns hier nur festzunageln. Die Sonne nimmt ihnen die restliche Arbeit ab.«

Sie drehte das aparte Gesicht dem lodernden Gestirn zu, das, obwohl es bereits tief im Westen stand, die Berge mit grellem Feuer übergoss. Binnen Stunden sog es alle Feuchtigkeit aus Mensch und Tier. Wasser war in dieser Gegend kostbarer als Gold.

»Sobald es dunkel ist, bekommen wir vielleicht eine Chance«, hoffte Cliff.

La Loba schüttelte den Kopf.

»Das wissen Sanchez’ Amigos auch und werden sich darauf einstellen.«

Sie schätzte nochmals den Strahlenwinkel der Sonne, die den felsigen Hang unter ihnen mit einem wirren Schattenmuster sprenkelte. Die Deckung der Banditen wurde wie von einem riesigen Scheinwerfer angestrahlt. Kein Schuss krachte. Cliff fielen fast die Augen aus dem Kopf als La Loba ihr fransenverziertes Wildlederkleid auszog. Sie hatte nur mehr einen winzigen Lendenschurz und die Mokassins an.

»He!«, krächzte Cliff.

»Keine Angst, Kid, ich will nichts von dir, sondern von den Kerlen da unten. Ich schleiche hinab, solange es noch hell ist und die Sonne sie blendet.«

»Aber...« La Lobas rotbrauner, durchtrainierter Körper faszinierte Cliff. Die Brüste waren nicht besonders groß, aber fest und wohlgeformt, die Hüften rund, die Schenkel kräftig, die Beine schlank. Sie kniete nun.

»Komm her, Kid!«

»Aber...«, begann er nochmals. La Lobas Augen, funkelten. »Du sollst mir helfen, mich mit Sand einzureiben.« Da kroch er zu ihr, während sie schon anfing, sich mit dem feinkörnigen Sand zu pudern, der in den Felsspalten und zwischen den Steinen lag. Der dünne Schweißfilm auf ihrer Bronzehaut klebte ihn fest.

Cliff half ihr. Seine Hände zitterten. Er hatte noch keine Frau getroffen, für die Nacktheit so selbstverständlich war. »Den Rücken noch.« Sie sah an sich hinab. »So müsste es gehen.«

Auch Gesicht und Haare hatte sie mit Sand bestreut, so dass sie von Kopf bis Fuß der Farbe ihrer Umgebung glich.

»Ich komme mit!«, stieß Cliff hervor als sie den Colt ergriff.

»Ich kann nicht auch noch auf dich aufpassen! Gib mir Feuerschutz, wenn’s sein muss! Ansonsten rühr dich nicht!«

Sie berührte flüchtig seine Schulter, dann wand sie sich wie eine Schlange um den Felsen.

Cliff hielt, auf das Krachen von Schüssen gefasst, den Atem an. Aber nichts geschah.

 

 

9

La Loba nutzte jede noch so geringe Deckung aus. Ihr geschmeidiger Körper verschmolz mit den Felsbrocken und Stauden am Hang. Kein Sonnenstrahl traf einen weiß glänzenden Hautstreifen. Das einzig verräterische war der Colt. Doch auch ihn hatte sie bestäubt, dabei darauf geachtet, dass kein Sandkörnchen in die Kammern und den Trommelmechanismus geriet.

Lautlos erreichte La Loba eine sandgefüllte Rinne und glitt in ihr zum Fuß der Anhöhe. Dann kamen fünf Yard ohne Deckung, Sand, aus dem nur ein paar verdorrte Grasbüschel ragten. Die Sonne sank ein Stück tiefer. Die Intensität des blendenden Lichtes nahm noch zu.

La Loba bewegte sich zollweise. Kein Geräusch verriet sie.

Nach einer Weile lag sie, nur ein Dutzend Yard von der Deckung des nächsten Gegners entfernt, hinter einem Felsblock. Gleichmäßige Atemzüge hoben und senkten ihre Brüste. Der Schweiß wusch Rinnen in die Sandschicht auf ihrem Körper, aber das spielte nun keine Rolle mehr.

»He, Miguel, in einer Stunde ist es dunkel, dann schnappen wir sie!«, verstand sie.

»Bleibt, wo ihr seid! Sie werden herabkommen! Sperrt die Augen auf, sobald es dunkelt!«

Details

Seiten
109
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936971
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519986
Schlagworte
papago-lady

Autor

Zurück

Titel: Die Papago-Lady