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Die Welt der 1000 Reiche #2: Das Namenlose Land

2020 76 Seiten

Zusammenfassung


Eine Gruppe von Kriegern fällt in das weit im Norden gelegene „Namenlose Land“ ein, um es zu erobern. Als sie mitbekommen, dass mit diesem Land und den dort lebenden Menschen etwas nicht stimmt, denn es trägt nicht umsonst diesen Namen, ist es für sie bereits zu spät und sie haben die vollen Konsequenzen zu tragen.
Der Roboter Henry hat zu Königin Dalinda als Herrin gewechselt. Er hofft dadurch, seinem Ziel weit im Norden einen Schritt näher gekommen zu sein. Und zusammen mit ihr macht er sich daran, das nördliche Nachbarreich Norwor zu erobern. Doch ein weiterer Eroberer, Gurd Vutske, ist ihnen zuvorgekommen …
Sharon Belinda, die auf der Suche nach ihrem Roboter Henry ist, landet auf der Welt der 1000 Reiche und macht dort erschreckende wie auch überraschende Bekanntschaften …

Leseprobe

Table of Contents

Band 2: Das Namenlose Land

Klappentext:

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2

3

4

5

Folgende Geschichten aus der Welt der 1000 Reiche sind bereits erschienen:

Die Welt der 1000 Reiche

Band 2: Das Namenlose Land

 

 

Ein Science Fantasy Roman

von

Roland Heller

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Seve Meyer, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Eine Gruppe von Kriegern fällt in das weit im Norden gelegene „Namenlose Land“ ein, um es zu erobern. Als sie mitbekommen, dass mit diesem Land und den dort lebenden Menschen etwas nicht stimmt, denn es trägt nicht umsonst diesen Namen, ist es für sie bereits zu spät und sie haben die vollen Konsequenzen zu tragen.

Der Roboter Henry hat zu Königin Dalinda als Herrin gewechselt. Er hofft dadurch, seinem Ziel weit im Norden einen Schritt näher gekommen zu sein. Und zusammen mit ihr macht er sich daran, das nördliche Nachbarreich Norwor zu erobern. Doch ein weiterer Eroberer, Gurd Vutske, ist ihnen zuvorgekommen …

Sharon Belinda, die auf der Suche nach ihrem Roboter Henry ist, landet auf der Welt der 1000 Reiche und macht dort erschreckende wie auch überraschende Bekanntschaften …

 

 

***

 

 

1

 

„Du kannst es versuchen, aber es wird dir nicht gelingen. Wir lassen uns nicht erobern!“

Diese an und für sich banalen Worte bekam Gurd Vutske als Antwort zu hören, als er mit drohend erhobenem Schwert vor dem Bauer Hamsa Kostial stand.

Gurd Vutske war äußerlich eine imposante Gestalt. Er maß weit über zwei Meter in der Höhe und eigentlich nicht viel weniger in der Breite. Ein bisschen weniger natürlich, ja, aber sein Bauchumfang überschritt die eineinhalb Meter, auch wenn man sich die dicke Kleidung dazu wegrechnen musste. Zwei Schafhäute, die über- und ineinander geschlungen waren, lagen locker um seinen Oberkörper und nahmen den Schweißgeruch auf, den sie in einer penetranten Intensität wiedergaben. Sein Körperumfang brachte es mit sich, dass jede überflüssige Bewegung seine Schweißdrüsen animierte, möglichst viel Flüssigkeit aus seinem Körper zu pumpen.

Sein Kopf glich dem runden Vollmond, nur dass er nicht bleich aussah, sondern in einem kräftigen Rot strahlte. Ein struppiger Bart umgab die untere Hälfte des Gesichtes und sorgte zusätzlich dafür, dass man sein Gesicht nicht augenblicklich mit dem Mond assoziierte.

Nach dieser Antwort blieb der Mund von Gurd Vutske eine Zeit lang offen und ließ die Zähne blicken, denen es an der notwendigen Pflege an allen Ecken und Enden fehlte. Seine Zähne zeigten sich nämlichen nicht in einer einheitlichen Farbe, sondern variierten von einem hellen Gelb über verschiedene Brauntöne bis zu einem tiefen Schwarz. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass Gurd des Öfteren heftiges Zahnweh plagte, aber da er in seiner ungestümen Art bereits zwei Zahnärzte fast zu Tode geprügelt hatte, näherte sich ihm freiwillig kein Mensch dieser Zunft, was heißt hier, näherte sich, sie nahmen regelrecht Reißaus, wenn sie vernahmen, Gurd Vutske näherte sich.

„Ich möchte nicht dich erobern, Bauer, sondern dieses Land. Und dazu benötige ich jemanden, der dem König dieses Landes meine Aufforderung zum Kampf überbringt!“

„Das ist mir schon klar“, sagte Bauer Kostial ganz ruhig. Er schien entweder nichts Böses zu fürchten, oder er war tatsächlich so abgebrüht, dass ihn nichts aus der Ruhe bringen konnte. „Aber ich bin der falsche Mann dazu. Ich verlasse meinen Hof nicht. Außerdem weiß ich ja nicht einmal, ob wir überhaupt noch einen König haben – die Nachrichten fließen spärlich in diesem Land –, geschweige denn, wie ich zu ihm kommen kann. Nein, mein Herr, es ist wohl das Beste, wenn Sie sich jemand anderen suchen, der vielleicht klüger ist als ich.“

„Verkaufe mich nicht für dumm, Bauer! Du reitest die nächste Straße entlang und kündigst mich beim König an.“

„Wir haben hier keine Straßen“, antwortete Bauer Kostial. „Ich benötige keine Straße. Wozu auch? Alles, was wir zum Überleben brauchen, stellen wir hier auf dem Hof selbst her. Manchmal kommen Reiter wie ihr über die Felder. Die können wir natürlich versorgen, aber mehr ist bei uns nicht zu holen. Es ist also vollkommen sinnlos, uns erobern zu wollen.“

Die langsame und ruhige Sprechweise des Bauern ließ den Aggressionspegel von Gurd Vutske langsam in ungeahnte Höhen steigen. Er verlor die Geduld mit dem Bauern.

Mit einem Satz sprang er von seinem Tier.

Er winkte einem seiner Männer, die hinter ihm auf ihren schweren Rossen saßen. Einer von ihnen stieg von seinem Ross und trat neben Gurd.

Für einen Augenblick legte sich nun Stille über die Szene.

Auf der einen Seite standen Gurd und sein Gefolgsmann vor weiteren sieben Männern, die auf ihren Pferden saßen. Sie alle sahen ebenso abenteuerlich und verwegen aus wie die beiden stehenden Männer.

Auf der anderen Seite standen hinter Kostial seine Frau und etwa zehn weitere erwachsene Personen sowie mehrere Kinder. Zu wem die Kinder gehörten, interessierte Gurd nicht, er glaubte aber nicht, dass sie Kinder des Bauern waren, denn sowohl der Bauer wie auch seine Frau machten einen sehr jungen Eindruck.

„Schnapp dir die Frau!“, befahl Gurd. „Wir wollen doch sehen, ob wir nicht eine verständliche Antwort bekommen können. Wenn notwendig, köpfe sie.“

Als Antwort bekam Gurd von seinem Kumpan nur ein Grinsen und ein zustimmendes Nicken.

Der Mann tat einen Schritt auf die Frau zu. Gurd hielt ihn nochmals zurück.

Aber er beobachtete Bauer Kostial und dessen Frau sehr genau. Irgendwie irritierte es ihn ein wenig, dass er beiden keine Regung ansehen konnte. Hatten sie sich so sehr in der Gewalt?

Oder bedeutete ihnen ihr Leben so wenig?

Gurd gab dem Mann wieder freie Hand.

Der griff nach dem Arm der Frau und zog sie zu sich. Sie ließ es, ohne einen Laut von sich zu geben, geschehen. Nur ihre Augen blickten trotzig.

„Ich fordere dich ein letztes Mal auf, Bauer. Reite zum König …“

„Nein!“ Diesmal kam die Stimme des Bauern laut und sie klang bestimmt. „Du kannst uns nicht erobern. Ich habe es dir bereits einmal gesagt. Also ist es auch sinnlos, wenn du den König zum Kampf aufforderst. Er wird nicht gegen dich kämpfen, denn auch er wird sich nicht erobern lassen wollen.“

„Bring sie um!“, schrie Gurd unbeherrscht und blickte seinen Mann an.

Der kam dem Befehl augenblicklich nach. Er zückte sein langes Messer, dann fuhr die Klinge in den Hals der jungen Frau.

„Es bringt dir nichts“, sagte Bauer Kostial ungerührt. „Das Sterben schmerzt, aber niemand in diesem Reich wird dir in irgendeiner Weise gehorchen.“

Der Begleiter Gurds ließ die Frau los. Für einen Augenblick stand sie noch aufrecht, aber Sekunden später sackte sie zusammen und lag dann verkrümmt auf dem Boden.

Sie war tot.

„Ich kann alle anderen auch töten“, sagte Gurd drohend und blickte Kostial lauernd an.

„Es wird dir niemand folgen. Akzeptiere es einfach. Dieses Land kann niemand erobern.“

„Aber ich kann meinen Willen durchsetzen!“, schrie Gurd und schwang sein Schwert. Mit einem kräftigen Hieb trennte er den Kopf des Bauern von seinem Körper.

Der Körper des Bauern kam halb über der Leiche seiner Gattin zum Liegen. Der Kopf kam zuerst zwei Schritte entfernt zum Liegen, dann rollte er wie von Geisterhand die kurze Strecke und kam direkt am Hals von Bauer Kostial zum Stillstand.

Gurd betrachtete das Geschehen zwar, aber obwohl es ihm seltsam vorkam, dachte er sich nichts dabei. Die beiden waren tot. Das zählte für ihn.

Mit dem blutigen Schwert in der Hand näherte er sich den anderen und baute sich knapp vor ihnen zu seiner vollen Größe auf.

„Wer reitet zum König?“, fragte er.

„Der Bauer hat es dir bereits gesagt“, antwortete einer aus der Schar. „Von uns wird keiner zum König reiten und dein sinnloses Begehren weitertragen!“

Gurd schrie wütend auf, dann sauste sein Schwert wieder nieder. „Muss ich euch tatsächlich erst alle umbringen, bis ihr kapiert, dass ich es ernst meine?“

Wie ein Wahnsinniger drang er dann gegen die Umstehenden vor.

Sein Schwert hielt reiche Ernte. Aber nicht nur seines, denn als wäre es ein Vergnügen, beteiligten sich auch andere aus seiner Schar an dem Töten.

Von den Bauersleuten wehrte sie niemand. Wie Vieh ließen sie sich abschlachten. Selbst die Kinder verschonten Gurd und seine Männer nicht.

Minuten später war alles vorbei.

Gurd und seine Männer waren nun die einzigen menschlichen Lebewesen, die noch auf dem Hof lebten.

„Diese verdammten, sturen Bauern!“, schimpfte Gurd.

„Königin Dalinda hat dich vorgewarnt“, sagte Rolf, sein erster Begleiter und gleichzeitig seine rechte Hand. „Du wirst hier keinen Erfolg haben. Ich habe ihre Worte noch genau im Ohr.“

„Es muss aber einen Weg geben, dieses Land zu erobern.“

„Offensichtlich sterben sie lieber, als ihre Freiheit aufzugeben.“

„Zumindest können wir uns über ihre Vorräte hermachen!“, sagte Gurd.

Er blickte zu dem Haus hinüber, in das bereits zwei seiner Männer eingedrungen waren.

„Ewald und Rochlin“, sagte Gurd abschätzig. „Das hätte ich mir denken können. Die sind hinter den Alkoholvorräten her.“

„Lass sie suchen“, meinte Rolf. „Wo sie fündig werden, werden wir auch den Rest finden.“

Gurd nickte zuerst zustimmend, ehe er auf die Leichen deutete.

„Bringt sie aus meinen Augen!“, bestimmte er. „Werft sie hinter das Haus. Die Aasfresser sollen auch auf ihre Kosten kommen.“

Plötzlich tönte aus dem Gebäude lautes Schreien.

Gurd und Rolf blickten sich vielsagend an.

„Das klingt nicht so, als wären sie fündig geworden.“

„Verdammt!“, sagte Gurd. „Was haben die beiden bloß aufgestöbert?“

Dann überlegte er auf einmal nüchtern, was sich hier in den letzten Minuten abgespielt hatte. Das Irreale der Situation wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst.

„Irgendetwas stimmt hier nicht!“, erkannte er mit plötzlicher Klarheit.

Fast gleichzeitig liefen Gurd und Rolf los, direkt auf das Haus zu. Bevor sie den Eingang noch erreichten, torkelte ihnen Rochlin entgegen. In seiner linken Hand hielt er eine Flasche.

Kaum hatte er den Eingang durchschritten, als er die Flasche weit von sich schleuderte. Die Flüssigkeit spritzte heraus. Dort, wo sie auf den Boden traf, zischte es vernehmlich und dunkelgrauer Rauch stieg in die Höhe.

Rochlin blickte entsetzt zu Gurd. Panik stand in seinem Gesicht geschrieben. Sein Mund stand weit offen. Es sah so aus, als wollte er laut seinen Schmerz herausschreien, aber kein Laut drang aus seiner Kehle. Das Schreien hätte ihm vielleicht Erleichterung gebracht, aber so musste er mit seinem Wissen allein bleiben, obwohl man ihm deutlich ansah, dass er etwas sagen wollte.

Jetzt erschien Ewald in der Tür. Auch er hielt eine Flasche in der Hand. Aber diese war noch verschlossen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er zu Rochlin, der jetzt zuckend auf dem Boden lag. Zuerst bewegte er sich wild, dann wurden seine Bewegungen immer ruhiger und seltener. Schließlich lag er ruhig da. Ewald blickte auf die Stelle, an welcher der Rest der Flüssigkeit auf das Erdreich getroffen war. Immer noch kräuselte Rauch von diesem Flecken Erdreich empor, und der Grund sah tiefschwarz verkohlt aus, obwohl kaum ein Feuer zu bemerken gewesen war.

„Rührt nichts an!“, schrie Ewald. „Das Haus ist verhext!“

Er holte mit seiner Hand weit aus und schleuderte die ungeöffnete Flasche weit von sich fort. Er und auch die anderen Männer verfolgten den Flug der Flasche, die mit einem lauten Klatschen am Stamm eines jungen Baumes zerbarst. Im nächsten Augenblick stand der Stamm in lichten Flammen. Nur der Stamm, nicht jedoch die weit ausragenden Äste, denen die Flammen anscheinend nichts anhaben konnten. Selbst in der Entfernung von mehreren Metern spürten die Männer die unheimliche Hitze, die von den Flammen ausging. Diese standen nur wenige Sekunden, dann erloschen sie so schnell wie sie aufgelodert waren. Zurück blieb der verkohlte Stamm. Der Baum bot ein seltsames Bild, denn die abstehenden Äste sahen aus wie immer, selbst die Blätter strahlten in einem satten Grün. Es sah fast so aus, als wollten sie den Fehler des Stammes kompensieren.

Ewald schüttelte unwillig den Kopf, dann wandte er seinen Blick zu Rochlin.

„Ist er tot?“, fragte Ewald?

„Sieh selbst nach“, bestimmte Gurd. „Wie sieht es in dem Haus aus?“

„Alles verdorben. Verdammt, da ist nichts Brauchbares mehr in der Küche!“

„Den Schnaps habt ihr aber probieren müssen!“, schalt Gurd.

Ewald deutete auf Rochlin.

„Er hat ihn gefunden, bevor wir die Lebensmittel …“

„Sieh nach ihm!“, befahl Gurd und wandte sich ab. Es interessierte ihn nicht mehr, ob Ewald sich um seinen Saufkumpan kümmerte. Zusammen mit Rolf eilte er in das Haus. Der Eingang führte direkt in die Küche. Auf den ersten Blick fiel nichts Verdächtiges auf. Auf mehreren Regalen lagerten in unterschiedlich großen Gefäßen verschiedenste Lebensmittel in Gläsern, die zwar trüb wirkten, aber den Blick auf die darin befindlichen Waren durchaus zuließen. Erst wenn man genauer hinsah, bemerkte man, dass sie durchwegs verdorben waren.

Rolf war es, dem eine weitere Einzelheit auffiel. er musste sogar zweimal hinblicken, bis er sicher war, dass er sich nicht täuschte. Dann fluchte er laut.

„Verdammt, sie zerfallen zusehends. Man kann ihnen beim Zerfall zusehen!“, schrie er und wollte sich auf seinem Absatz umdrehen, um das Haus so schnell wie möglich zu verlassen, aber Gurd hielt ihn noch rechtzeitig fest.

„Du bleibst hier!“, sagte er streng, ehe er etwas beruhigter hinzufügte. „Jetzt erklärst du mir erst einmal, was dich so aufgeregt hat.“

„Die Lebensmittel“, stammelte Rolf. „Schau genau hin. Mit jeder Sekunde sehen sie unansehnlicher aus. Ich wette, solange der Bauer noch lebte, waren sie noch frisch und genießbar. Doch wie sehen sie jetzt aus?“

„Die leben ja nicht!“, hielt Gurd seinem Stellvertreter entgegen.

„Welchen Sinn sollte es haben, verdorbene Lebensmittel aufzubewahren? Da besteht irgendein Zusammenhang.“

Auch Gurd sah sich jetzt die Gläser mit ihrem zwischenzeitlichen unappetitlichen Inhalt genauer an.

Was das Aussehen betraf, musste er Rolf recht geben. die weiterführenden Schlussfolgerungen teilte er jedoch nicht.

„Vielleicht liebten sie ihr Essen so“, sagte er, aber es klang nicht überzeugt.

In der Zwischenzeit sah Rolf zu, wie sich der Inhalt eines Glases zersetzte. Er deutete nur auf das Glas und drehte Gurd so, dass er es direkt sehen musste. „Hier hast du den Beweis. Behalte ein Glas einmal nur für eine Minute im Blick, dann kannst du persönlich die Veränderung feststellen.“

Gurd schüttelte Rolfs Hand ab und verließ die Küche.

Gleich darauf stand er neben Ewald, der sich um Rochlin kümmerte.

Er lebte noch, machte aber alles in allem einen erbärmlichen Eindruck.

„Seine Mundhöhle ist total zerfetzt!“, berichtete Ewald.

„Wird er überleben?“

Ewald nickte nur.

Gurd wandte sich ab und setzte sich etwas abseits auf einen abgestorbenen Baumstamm, den der Bauer entweder vergessen hatte und oder mit dem er etwas Besonderes vorhatte, was Gurd nicht erkennen konnte.

Da saß er gut eine Stunde und dachte nach.

Zu welchem Ergebnis ihn sein Nachdenken führte, teilte er niemandem mit. Fakt war aber zumindest, dass er nach dieser Zeit nachdenklicher als zuvor aufstand und barsch befahl, eines der Schweine zu schlachten und es über dem Feuer zu grillen.

Eines der Schweine musste sein Leben lassen.

Merkwürdigerweise stimmten die restlichen Schweine augenblicklich ein Protestgeschrei an. Eigentlich hatte man ja vermuten können, dass sie die Gefahr für sich als abgewendet betrachteten, wenn ein Opfer gefunden worden war, doch diese Gruppe reagierte anders. Wenn es nicht zu abwegig gewesen wäre, dachte Gurd, konnte man fast auf den Gedanken kommen, dass sie dem Schwein für sein Opfer einen Abschiedsgruß mitgeben wollten.

Ich werde schon langsam selbst verrückt, dachte er und sah seelenruhig zu, wie sie einen Spieß durch den Körper des Schweins trieben. Andere waren damit beschäftigt, ein Feuer in Gang zu bringen und eine Vorrichtung zu erstellen, auf der man das Schwein nicht nur grillen, sondern auch regelmäßig drehen konnte, damit es von allen Seiten regelmäßig durchgegart wurde.

Zwei Stunden später fanden sich die Männer zum Mahl ein.

Dunkelheit hatte sich zwischenzeitlich über die Szene gelegt. Außerhalb des Feuerscheins erstarb jegliches Leben. Stille breitete sich aus.

„Ich schlafe draußen!“, raunte einer der Männer. „In dem Haus ist es richtig unheimlich!“

Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm. Gurd wollte anfänglich diesem auch ihm gekommenen Impuls ebenso nachgeben und sein Lager vor dem Haus aufschlagen, doch wollte er seinen Männern einen selbstsicheren Anführer vorspielen. Also ging er in das Haus. Der erste Raum war die Küche. Weiter brauchte er nicht in das Haus einzudringen. Die Küche bot genügend Platz für ihn. Hier konnte er sein Lager errichten.

Es dauerte lange, bis er einschlief. Und ein ruhiger, Schlaf wurde es außerdem nicht.

 

 

2

 

An einem anderen Ort, etwa während der frühen Nachmittagsstunden desselben Tages, erging sich Königin Dalinda mit ihrem neuen Paladin Henry in strategischen Träumereien.

„Wenn es dich in den Norden treibt, sollten wir am besten Norwor ins Auge fassen.“

Dalinda zeigte auf die Karte, die sie vor sich auf dem riesigen Tisch ausgebreitet hatte, an dem üblicherweise ihre Festgäste während eines Banketts saßen. Die Karte zeigte im Mittelpunkt ihr Königreich Romien, umgeben von sieben in verschiedenen Farben dargestellten Reichen. Direkt im Norden lag das Namenlose Reich, links daneben schloss sich Norwor an, das sich etwa bis zur Hälfte entlang des Namenlosen Reiches bis hoch in den Norden erstreckte, ehe es an das Reich Schwanenstadt stieß, das die Karte nur mehr zu einem kleinen Teil zeigte.

Henry fiel dieser Umstand natürlich sofort auf.

„Wieso greifen wir nicht das Namenlose Reich an? Es liegt erstens genau in der Richtung, in die ich sowieso vorstoßen wollte, und führt zweitens viel weiter nach Norden, wäre also ideal für mich.“

Dalinda lachte hell auf und strich ihre roten Locken in einer fließenden Bewegung mit beiden Händen hinter ihre Ohren, sodass ihr hübsches Gesicht strahlend zur Geltung kam.

„Dieses Land heißt nicht umsonst Namenloses Land. Man kann es nämlich nicht erobern.“

„Das ist absolut unlogisch“, erwiderte Henry.

„Viele haben es bereits versucht, aber bislang ist es noch keinem geglückt. Wenn du dich in die Reihe der erfolglosen Eroberer einordnen willst, dann nur zu, aber nicht auf meine Kosten.

Als mein Paladin lässt du das Namenlose Land ungeschoren.“

„Wenn ich dort scheitere, nur einmal als Denkspiel angenommen, würdest du vermutlich dein Land ebenfalls verlieren?“

„Nicht unbedingt. Das Namenlose Land nimmt hier eine Sonderstellung ein. Kein Eroberer – oder, besser gesagt, keiner, der es versucht hat –, kann mit dem gleichen Ergebnis rechnen wie derjenige, der es unmittelbar vor ihm versucht hat. Manchmal dehnt das Namenlose Land seine Herrschaft aus – ganz kurios, niemand weiß eigentlich, wie das vor sich geht, und erst recht kann niemand es erklären, doch in den meisten Fällen kümmert sich niemand von der Bevölkerung des Namenlosen Landes um die Eroberer. Die kehren nämlich meist Wochen später zurück und haben dann ihren Verstand verloren. Es ist aus ihnen nicht herauszubringen, was wirklich geschehen ist. Einzig gesichert ist, dass die Einwohner sich nicht um die Eroberer kümmern. Die Eindringlinge können befehlen, sie können Gewalt anwenden, die Bewohner des Namenlosen Landes scheren sich nicht um sie.“

„Dieses Land interessiert mich!“, sagte Henry.

„Aber nicht, solange du in meinen Diensten kämpfst!“, wiederholte Dalinda ihr Ansinnen. „Begleite mich zum Essen, dann können wir in Ruhe über unsere Pläne sprechen.“

„Nein, Königin. Ich habe dir bereits mehrmals gesagt, dass mir nichts daran liegt, am Tisch mit anderen zu sitzen und Nahrung zu mir zu nehmen.“

„Gesagt hast du es, aber eine zufriedenstellende Erklärung hast du mir noch nicht geliefert.“

„Es tut mir leid, aber es ist noch zu früh. Hab noch etwas Geduld!“

„Wie lange denn?“

„Bis ich auch dir bewiesen habe, dass du auf mich nicht verzichten kannst.“

„Nimmst du dir nicht etwas zu viel heraus? Niemand ist unersetzlich.“

„Ich bin keine Niemand“, sagte Henry selbstbewusst und wandte sich ab, kehrte der Königin seinen Rücken zum Zeichen zu, dass er über dieses Thema nicht weiterhin sprechen wollte.

Es war noch zu früh, ihr zu erklären, dass er kein Mensch war, sondern ein Roboter. Damit musste er so lange warten, bis sie tatsächlich auch in seiner Schuld stand. In der Welt der 1000 Reiche gab es nämlich das Gesetzt, dass ein Kämpfer um die Krone ein Bewohner dieser Welt sein musste. Faktisch lebte Henry zwar auf dieser Welt, rechtlich gesehen konnte er als Roboter aber kein Bürger sein. Wenn man diesen Gedanken weiter ausführte, kam man unweigerlich zu dem Schluss, dass Henry in seiner Rolle als Kämpfer für die Königin so gegen jede der ohnehin wenigen Regeln des Zweikampfes verstieß. Dieser Regelverstoß fiel schlussendlich auch auf die Königin zurück, die ihn in ihre Dienste genommen hatte. Wenn man auf Henrys wahre Identität stieß, wurden sämtliche seiner bislang durchgeführten Kämpfe für ungültig erklärt. Und damit verlor auch die Königin ihr Land.

Details

Seiten
76
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936940
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
welt reiche namenlose land

Autor

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Titel: Die Welt der 1000 Reiche #2: Das Namenlose Land