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Ein Jack Braden Thriller #17: Jack Braden - Leiche frei Haus

2020 128 Seiten

Leseprobe

Jack Braden - Leiche frei Haus

Ein Jack Braden Thriller #17

von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.


Der Graphiker Jerim Sooter wird von einer Bande erpresst. Doch er weigert sich, das zu tun, was man von ihm verlangt und bittet Jack Braden, den Detektiv, um Hilfe, denn er glaubt, dass man ihn ermorden will. Sooter übergibt Braden einen Brief, in dem alles Notwendige steht, um die Mitglieder der Bande hinter Gitter zu bringen. Sooter besteht darauf, dass der Brief erst geöffnet werden darf, wenn der Detektiv die Bande ausfindig gemacht hat. Noch ahnen beide nicht, dass sie belauscht werden und die Bande somit auch von dem Brief weiß ...



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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jerim Sooter - Graphiker, wurde erpresst. Aber was steckte dahinter?

Dave Mackinson - Wettschwindler.

Lucky Torpe - Wettschwindler mit Menjou-Bart.

Luciano Ruccini - betreibt eine „Agentur“ besonderer Art.

Huck und Sam - sind „Mitarbeiter“ des Unternehmens.

Juwelier Hampton - badet lieber freiwillig,

Buster Taylor - vom FBI, badet im Dienst,

Captain Woop - hat was gegen Privatdetektive,

Jack Braden und sein Team – versuchen den Fall zu lösen.


1

Zum vierten Male innerhalb von acht Tagen war Jack Braden von New York aus hinüber nach Trenton gefahren und hatte dort den Graphiker Jerim Sooter in dessen kleinem Bungalow aufgesucht. Jerim Sooters heutiger Anruf war gegen zwanzig Uhr erfolgt. In Sooters Stimme hatten Todesangst und äußerste Verzweiflung mitgeklungen, als er den Detektiv anflehte, unbedingt noch am gleichen Abend zu ihm zu kommen.

Vor zwei Wochen hatte Jack Braden nach anfänglichem Zögern den von Gestalt kleinen Graphiker als Klienten angenommen und ihm Hilfe und Beistand in einer Angelegenheit zugesichert, über deren ursächlichen Gründe Jerim Sooter sich nach wie vor hartnäckig ausschwieg. Es handle sich um eine gesetzwidrige Sache, in die er, so lautete Sooters Erklärung, vor zwei Jahren hinein geschlittert sei und deren Gehalt er vorderhand nicht preisgeben könne. Die an dieser Sache Beteiligten würden ihn nun seit einiger Zeit unter Druck setzen und versuchen, ihn zu einer weiteren, gleichen gesetzwidrigen Handlung zu zwingen, zu einer Handlung, die Sooter nie im Leben wieder auszuführen gedenke.

Heute, am späten Abend nun, erfuhr Jack Braden von dem kleinen Graphiker, dass die beiden Gespräche, die Braden und Sooter über die bewusste Angelegenheit in Sooters Bungalow geführt hatten, jenen Komplizen aus vergangenen Jahren bekannt geworden waren. Jerim Sooter vermutete, dass man Jack Braden bei seinem ersten Besuch als den bekannten New Yorker Privatdetektiv erkannt habe und möglicherweise die weiteren Gespräche über ein in das Arbeitszimmer des Graphikers eingeschmuggeltes Tonaufnahmegerät oder über ein heimlich angebrachtes Mikrofon mit abgehört haben könne.

Jerim Sooter, ein Mann von etwa 60 Jahren, hohlwangig und von fahler Gesichtsfarbe, trippelte nervös in seinem Arbeitszimmer auf und ab und rief dabei verzweifelt aus: „Diese verfluchten Burschen wissen alles, was in letzter Zeit zwischen Ihnen und mir besprochen wurde. Sie wissen, dass ich eventuell als Kronzeuge gegen sie auftreten würde, sofern sie ihre erpresserischen Versuche, mich zu weiteren gesetzwidrigen Handlungen zu bringen, nicht endlich aufgeben. Heute rief der Mann an, den ich nur unter dem Namen Robby kenne. Er sagte mir in verdammt drohendem Ton, dass ich sofort jede Beziehung zu Ihnen, Mr. Braden, abzubrechen hätte. Unverzüglich sollte ich das beginnen, was ich Ihnen, Mr. Braden, gegenüber als ,gewisse gesetzwidrige Handlung‘ be zeichnete. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hätte ich mich zu entscheiden. Bei einer negativen Entscheidung wüsste ich wohl, was mich dann erwarte. Nun, Mr. Braden, das wird Mord sein.“

Jack Braden fuhr sich langsam mit der Hand über das Haar. Ruhig sagte er: „In Gangsterkreisen werden Abtrünnige oft mit Mord bedroht. Aber diese Mordandrohungen sind meistens nur Mittel zum Zweck, um zu erreichen, was man unbedingt erreichen möchte. Wenn alle diese Mordandrohungen, die in der Unterwelt bei gewissen Anlässen gang und gäbe sind, ausgeführt worden wären, hätte sich die Verbrecherwelt im Laufe der Jahre schon selber ausgerottet. Hören Sie, Sooter, seien Sie doch endlich offen zu mir! Verraten Sie mir klipp und klar, was Ihre, ich muss sie wohl so nennen, Komplizen aus früherer Zeit von Ihnen so dringend fordern. Was sollen Sie tun, Sooter?“

Der kleine Graphiker ließ sich in einen Sessel sinken.

„Mr. Braden“, stöhnte er, „ich kann es Ihnen nicht sagen! Vorhin übergab ich Ihnen diesen versiegelten Briefumschlag, den Sie sich verpflichtet haben, nur dann zu öffnen, falls mir etwas zustoßen sollte. Ich sagte Ihnen, dass der Umschlag ein Schreiben enthält, in dem ich darlege, durch welche Umstände ich vor zwei Jahren vorübergehend Mitglied jener Bande wurde. Sie wissen, Mr. Braden, dass ich die sechs Mitglieder der Gang nur bei den Vornamen kenne. Ich habe Sie gebeten, die Burschen ausfindig zu machen. Ich kann mich nur vor ihnen retten, wenn sie vor Gericht kommen, abgeurteilt werden und für Jahre hinter Gitter wandern. Ich selber, der ich die Anklage ins Rollen bringen würde, dürfte mit dem Status eines Kronzeugen wahrscheinlich straffrei ausgehen.“

Jack Braden rieb sich das Kinn. Stirnrunzelnd meinte er: „Du meine Güte, Sooter! Wie und wo soll ich so schnell sechs Gangster aufspüren, von denen mir nur die Vornamen Bill, Dave, Robby, Lucky, Huck und Sam bekannt sind? Gangster mit den genannten Vornamen gibt es in den Staaten wie Sand am Meer. Ihr Hinweis, dass zum Beispiel dieser Lucky ungefähr von meiner Länge ist und ein Menjoubärtchen trägt, hilft mir genauso wenig wie Ihre Angabe, dass jener Sam etwa Ihre Körpergröße aufweist. Ihre Aussage, wonach die Burschen einmal untereinander abgesprochen hätten, sich in der Alhambra-Bar zu treffen, ist das einzige Körnchen von Spur, mit dem sich eventuell etwas anfangen lässt. Ein Beauftragter von mir treibt sich nun schon seit einigen Nächten in der Alhambra herum, ohne jedoch bis jetzt mit positiven Ergebnissen aufwarten zu können.“

„Ich habe so schreckliche Angst“, jammerte Jerim Sooter. „Diese verfluchten Ganoven sind eiskalte Naturen. Sie scheuen vor einem Mord nicht zurück.“

„Sie dürfen aber keine Angst haben, verdammt noch mal! Wie Sie hörten, habe ich mit der Station der Straßenpolizei gesprochen. Jeder Patrolman wird auf seiner Runde Ihren Bungalow im Auge behalten. Dort auf dem Schreibtisch liegt Ihre Pistole. Die zur Absicherung von Einbrüchen am Haus angebrachte Alarmsirene können Sie vom Bett aus betätigen, sofern Sie sich in Gefahr fühlen. Ich meine, mit all dem sind Sie vor Überraschungen genügend geschützt.“

„Ja, ja, das schon“, wimmerte der kleine Graphiker. „Aber die Angst, diese schreckliche Angst, die mich dauernd umkrallt!“

„Reißen Sie sich zusammen, zum Teufel! Glauben Sie mir doch nun endlich, dass ich alles daran setzen werde, diese sechs Gangster, vor denen Sie zittern, ausfindig zu machen. Dann kann Anklage erhoben werden. Sie werden als Kronzeuge auspacken und dem Gericht Aufschluss geben über das Delikt, das Sie mir so beharrlich verschweigen, und am Ende werden Sie wieder Ruhe finden.“ Jack Braden erhob sich. „Es ist spät geworden, Sooter. Ich muss gehen. Wir bleiben also in Verbindung.“

„Wenn ich nur erst diese Nacht wieder hinter mir hätte!“ Er schüttelte sich. Dann brachte er seinen Besucher zur Tür, drehte das Außenlicht an und trat mit Braden zusammen hinaus auf die Vortreppe.

„Nanu“, sagte er, indem er auf den viertürigen, großen Lincoln wies, der vorm Haus stand, „haben Sie Ihren Porsche-Wagen nicht mehr?“

„Doch“, antwortete Braden mit einem kleinen Lächeln. „Aber der Porsche ist zur Überholung in der Werkstatt, und ich muss mich vorderhand mit diesem Lincoln-Dampfer behelfen, den ich mir von der Garage auslieh. Also gute Nacht, Sooter, Kopf hoch und weg mit der Angst! Wir werden die Geschichte schon klarbekommen.“

„Hoffentlich“, antwortete der kleine Graphiker trübe. Er wartete noch, bis der Privatdetektiv den Lincoln bestiegen hatte und davonfuhr. Aufseufzend ging er ins Haus zurück und verschloss die Tür.



2

In mäßigem Tempo fuhr Jack Braden durch Trenton. Nach zehn Minuten bog er auf die Highway ein und rollte New York entgegen. In seinen Gedanken beschäftigte er sich mit der Person des kleinen Graphikers Jerim Sooter. Dank besonderer Nachforschungen wusste er, dass Sooter kein unbeschriebenes Blatt mehr war. Vor fünf Jahren waren Sooter und drei Helfershelfer wegen Wettbetruges zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Diese vierköpfige Vereinigung hatte in zwei Gruppen gearbeitet. Die eine befand sich mit getarntem Funkgerät auf dem jeweiligen Rennplatz, die andere mit dem Empfangsgerät in unmittelbarer Nähe einer Buchmacherfirma. Sekunden nach Ablauf jedes Rennen gab die eine Gruppe blitzschnell den Namen des gewinnenden Pferdes durch, der zweite Mann der zweiten Gruppe stürzte darauf in die Buchmacherfirma, gab dort seinen Wettschein ab, und wenn eine Viertelstunde später der Buchmacher die offiziellen Rennergebnisse erhielt, war das Schwindlerquartett um einige tausend Dollar reicher.

Jack Braden begann das zu tun, was er immer tat, wenn er nachts allein im Auto fuhr. Er begann vor sich hinzupfeifen, Und wie fast immer war es auch heute die Melodie des River Kwai Marsches. Doch Jack kam diesmal nicht über die Anfangstakte hinaus. Eine kalte Männerstimme hinter ihm im Fond des Wagens sagte: „Behalten Sie die Augen auf der Strecke! Die Pistole in meiner Hand zielt genau auf Ihren Hinterkopf. Versuchen Sie keine Mätzchen zu machen! Die nächste Ausfahrt kommt nach etwa fünf Meilen. Sie werden Sie benutzen und dann nach meinen Anweisungen weiterfahren. Haben Sie verstanden? Lassen Sie die Hände am Lenkrad!“

Das unvermittelte Auftauchen eines blinden Passagiers an Bord seines Wagens hatte Jack Braden nur für den Bruchteil von Sekunden irritiert. Kaltblütig antwortete er: „Verstanden habe ich schon. Würden Sie mir nun freundlicherweise erklären, aus welchem Grunde Sie sich im Fond meines Wagens versteckten und mich jetzt mit der Pistole in der Hand zwingen, meine Fahrtroute zu ändern?“

„Das werden Sie noch zeitig genug erfahren. Sie haben jetzt lediglich meinen Befehlen zu gehorchen und zu schweigen. Bei irgendwelchen Tricks sind Sie in Sekundenschnelle ein toter Mann.“

Jack Braden spürte eine Pistolenmündung in seinem Rücken. Er wusste jetzt, dass der Unbekannte in gebückter Haltung hinter ihm stand, um gegebenenfalls das Lenkrad zu ergreifen.

Entgegenkommende Fahrzeuge erhellten mit dem Licht ihrer Scheinwerfer für Sekunden das Innere des Lincolnwagens. Jack Braden riskierte einen blitzschnellen Blick in den über seinem Kopf angebrachten Rückspiegel. Der Bursche, der in gebückter Haltung hinter ihm stand, trug eine Strumpfmaske über dem Gesicht. Jack biss sich auf die Unterlippe. Dann sagte er: „Was zum Teufel wollen Sie von mir?“

„Halten Sie den Mund!“, antwortete die kalte Stimme. „Sparen Sie sich Ihre Fragen für später auf, Jack Braden. Ich gehe jetzt auf nichts ein.“

„Na schön, ich kann auch warten“, versetzte Jack. „Hoffentlich aber sind Sie sich klar darüber, dass das, was Sie hier veranstalten, zwei hübsche runde Straftaten sind, die Mordandrohung und Freiheitsberaubung heißen.“

„Verdammt, wollen Sie nun endlich schweigen? Oder möchten Sie, dass ich Ihnen Ihr verfluchtes Maul stopfe? Das kann ich auch. Ein Schlag mit dem Schrotkornschlauch über die Rübe, und Sie sind für die nächste Stunde stumm. Sie sind gewarnt. Ich will jetzt nichts mehr hören. Konzentrieren Sie sich auf die Strecke!“

Jack zuckte die Achseln und grübelte weiter. Der Kerl hatte ihn mit Jack Braden angeredet. Die Aktion, die er gegen ihn plante, war also gezielt. Sie war nicht bloß der Fischzug eines Banditen, der nächtliche Autofahrer auszuplündern pflegt, nachdem er sich in deren unbewacht parkende Wagen eingeschmuggelt hat.

Noch weiter hinter Bradens Wagen streckten jetzt Scheinwerfer ihre grellen Arme nach vorn. Mehr und mehr rückten die Strahlenbündel heran und verdickten sich im Näherkommen.

Plötzlich begann der Fahrer des folgenden Autos lebhaft hintereinander von vollem Licht auf Abblendlicht zu schalten.

„Da blinkt einer hinter uns“, sagte Jack. „Er will uns überholen. Soll ich verlangsamen?“

„Nein, behalten Sie das jetzige Tempo bei!“

Der Fahrer des folgenden Wagens blinkte unaufhörlich weiter. Plötzlich stutzte Jack. Himmel, das waren ja Morsezeichen! Jack nahm auf:

Kurzlang

Kurzlangkurzkurz

Kurzlangkurzkurz

Kurzkurz

Langlangkurz

Kurzkurzkurz

Lang.


Blitzschnell stellte Jack die Zeichen zusammen. Der Begriff Allright - in Ordnung entstand. Also war der zurückliegende Wagen in Verbindung mit dem Kerl zu bringen, der ihm den Pistolenlauf in den Rücken drückte und die Fahrtroute diktierte. Wieder begannen die Scheinwerfer jenes Fahrzeuges zu blinken, und wieder waren es Morsezeichen. Diesmal war es ein Satz. Er lautete: Setze mich jetzt vor euch!

Jack Bradens Bedränger bellte kurz: „Verlangsamen Sie! Lassen Sie den hinter uns fahrenden Wagen vorbei! Sobald er vor uns liegt, heften Sie sich an seine Schlusslichter. Sie werden denselben Weg nehmen wie dieser Wagen.“

Das folgende Auto brauste heran, überholte Jacks Wagen und glitt dann wieder in die Spur. Es war ein Jaguar, wie Jack beim Überholmanöver rasch festgestellt hatte. Jack starrte auf das Nummernschild des jetzt vor ihm fahrenden Wagens. Es war, zweifellos mit Absicht, dick mit Schlammspritzern bedeckt. Die Nummer ließ sich nicht entziffern.

Jäh fiel Jack ein, dass auf der Herfahrt dauernd ein Jaguar hinter ihm gehangen hatte. Ob das derselbe Jaguar gewesen war, der jetzt vor ihm lag?

Wieder erklang die kalte Stimme hinter Jack. Der Maskierte sagte: „Hören Sie, Braden, eine weitere kleine Warnung für Sie. Ihr Dampfer ist jetzt eingekeilt. Hinter uns fährt ein weiterer Wagen, der ebenfalls mit Freunden von mir besetzt ist. Jeder Ausbruchsversuch Ihrerseits wäre also von vornherein zum Scheitern verurteilt.“

„Nun“, meinte Jack Braden gelassen, der die Scheinwerfer des nun hinter seinem Lincoln fahrenden Wagens bereits wahrgenommen hatte, „ich habe gar nicht die Absicht, auszubrechen. Allmählich nämlich bin ich verdammt neugierig geworden, was nun weiter gespielt werden soll.“

„Quasseln Sie nicht! Der Wagen vorn geht jetzt in die Ausfahrt. Folgen Sie ihm!“

Der Jaguar glitt in die serpentinenförmige Ausfahrtsschleife. Jack folgte mit dem Lincoln, und das hinter dem Lincoln liegende Fahrzeug nahm den gleichen Weg. Am Ende der Ausfahrt, die in eine Landstraße mündete, wandte sich der Jaguar nach rechts und jagte die in höhere Lagen führende Straße empor. Zehn Minuten später hielt er auf einer Art Plateau an.

„Stopp!“, befahl Jacks Bedränger, als der Lincoln ebenfalls das Plateau erreicht hatte. „Heben Sie jetzt die Hände über Ihren Kopf! Sie bleiben so sitzen, bis ich Ihnen die Tür öffne. Keine Mätzchen, Braden. Ich bin nämlich ziemlich schnell mit der Kanone.“

„Eine sehr schätzenswerte Fähigkeit in Ihrem Beruf“, meinte Jack Braden bissig, während er die Arme nach oben streckte.

Der Maskierte stieg aus dem Fond, öffnete dann die Vordertür des Lincolns und ließ Jack aussteigen. Jack stellte fest, dass der Kerl von kleiner Statur war.

„Drehen Sie sich um!“, kommandierte der Kleine. „Gesicht zum Wagen!“

Jack musste ein Abklopfen seines ganzen Körpers über sich ergehen lassen. Schließlich sagte er grimmig: „Sie suchen vergeblich! Ich bin unbewaffnet. Meine 7.65 FN schleppe ich nur selten mit mir herum. Heute allerdings hätte ich sie ganz gut brauchen können.“

„Nehmen Sie die Hände herunter, und drehen Sie sich um!“

Jack tat es. Im fahlen Licht eines von ziehenden Wolken umschwebten Halbmondes sah Jack jetzt fünf weitere Männer, die alle ebenfalls Strumpfmasken trugen. Der zuletzt angekommene Wagen war ein viertüriger Studebaker. Auch sein Nummernschild war mit dicken Schlammspritzern verschmiert und unleserlich.

Einer der Maskierten, ein großer, breitschultriger Mensch, der etwa die gleiche Figur wie Jack hatte, befahl halblaut: „Bill und Huck bleiben bei den Fahrzeugen und tun, wie ich gesagt habe.“

„Okay, Boss“, erwiderte einer aus der Versammlung.

„Die anderen gehen mit mir. Kommen Sie, Braden, wir haben mit Ihnen zu reden!“

„Und ich“, erwiderte Jack scharf, „habe das brennende Verlangen, dasselbe mit Ihnen zu tun.“

„Vorwärts!“ Vier Maskierte, von denen zwei Pistolen in den Händen hielten, nahmen den Privatdetektiv in ihre Mitte und führten ihn von der Straße weg in einen Waldweg hinein. Etwa zwanzig Meter weiter tauchte im matten Mondlicht eine aus rohbehauenen Baumstämmen gefertigte Hütte auf, wie sie Wild- und Waldhüter sowie Wanderer bei überraschend einsetzenden Unwettern als Schutz und Unterschlupf benutzen.

„Bitte sehr, Mr. Braden!“, sagte der große breitschultrige Maskierte mit übertriebener Höflichkeit. „Wenn Sie jetzt die Güte haben wollten, hier einzutreten?“ Einladend öffnete er die aus dünnen Birkenstämmen gezimmerte Tür zur Schutzhütte.

„Okay!“, versetzte Jack Braden und schritt kaltblütig in die Hütte hinein.



3

Dawn Barris, die hübsche Sekretärin des bekannten New Yorker Privatdetektivs Jack Braden, von ihren Freunden zärtlich Sunny genannt, fuhr jäh aus dem Schlaf auf und blinzelte verständnislos in die Dunkelheit des Zimmers hinein.

Was war denn eben gewesen? Ah so, das Telefon! Wieder läutete es. Sunny knipste die Nachttischlampe an und griff zum Hörer des Apparats, der neben der Lampe stand.

„Dawn Barris“, meldete sie sich mit reichlich verschlafen klingender Stimme.

Der Anrufer war George Patterson, ehemaliger Sergeant der Stadtpolizei und jetziger Inhaber eines Waffengeschäftes. Dann und wann war George Patterson, ein 1,70 großer und bullig wirkender Fünfziger, für Jack Braden tätig. So auch in den letzten Tagen.

„Bitte, was sagten Sie, George?“, rief Sunny, indem sie mühsam ihre Schläfrigkeit zu überwinden versuchte. „Sie dürfen nicht so schreien, denn das hallt dermaßen im Hörer, dass die Membrane zittert und ich die Worte nicht verstehe.“

„Ich schreie ja gar nicht!“, schrie George Patterson am anderen Ende der Leitung. „Ich spreche ganz ruhig und gesittet. Was ich eben sagte, Miss Barris? Nun, ich sagte, dass ich überall versucht habe, Mr. Braden telefonisch zu erreichen. Aber er ist weder in der Wohnung noch im Büro. Auch Mr. Gilford, bei dem ich anrief, konnte mir mit keiner Auskunft dienen. Ist Jack vielleicht bei Ihnen, Miss Barris?“

„Also nun hören Sie mal!“, sagte Sunny entrüstet. „Glauben Sie etwa, dass ich um diese späte Stunde noch Herrenbesuch habe? So eine beleidigende Frage! Sie werden nie und nimmer ein Gentleman werden, George.“

„Das Gleiche sagt auch meine Alte immer“, meinte Patterson. „Nun, bei Ihnen - entschuldigen Sie die Frage nur - ist Mr. Braden also auch nicht? Verflucht und zuge... Verzeihung, ich meinte, na so was! Wo mag Mr. Braden bloß stecken?“

„Du meine Güte, was ist denn so wichtig, dass Sie ihn derart dringend sprechen müssen? Ich weiß nur, dass Mr. Braden heute Abend nach Trenton gefahren ist, um dort den Graphiker Jerim Sooter zu besuchen.“

„Es handelt sich bei mir auch um die Sooter-Sache, Miss Barris! Ich habe bei Sooter ebenfalls angerufen, aber dort meldete sich kein Aas ... ich meinte, meldete sich kein Mensch. Die Sache ist nämlich die, Miss Barris, dass ich in der Alhambra-Bar, wo ich weisungsgemäß für Mr. Braden herumschnüffle, auf zwei Gents gestoßen bin, von denen der eine Lucky und der andere Dave mit Vornamen heißt. Der mit dem Namen Lucky trägt ein Menjoubärtchen. Ich kam mit den beiden Burschen ins Gespräch und drehte das Gequassel so, dass wir mit einem Male bei Pferdewetten waren. In diesem Zusammenhang erwähnte ich Jerim Sooter, der damals wegen Wettschwindels für zwei Jahre in den Knast wanderte. Die beiden Kerle ließen durchblicken, dass sie Jerim Sooter kennen. Sie meinten allerdings, dieses Kennen rühre nur von der Gerichtsverhandlung her, der sie seinerzeit als Zuschauer beiwohnten. Nun, wie dem auch sei, Miss Barris! Mr. Braden hatte mich beauftragt, unter anderen Vögeln mit gewissen Vornamen auch die mit den Namen Dave und Lucky aufzustöbern. Lucky, das ist der mit dem Menjou...“

„Du guter Gott, das sagten Sie doch schon! Aber weshalb sind Sie nun so wild darauf, mit Mr. Braden zu sprechen? Das können Sie wohl auch noch morgen tun.“

„Himmel, Arm und... ich meinte, zum Kuckuck, ich will Mr. Braden die Kerle in Person vorführen, gewissermaßen in Freiheit dressiert, verstehen Sie? Ich wollte, dass er in die Alhambra kommt und die beiden Vögel einmal ins Auge fasst, um sie noch ein bisschen auszuquetschen. Sie wissen doch, Miss Barris, dass Jack eine Gang sucht, die diesem Dingskirchen, diesem Graphiker Jerim Sooter Daumenschrauben anlegt, um ihn zu zwingen, gewisse Dinge zu tun, die das Gesetz nicht will. Und ich vermute, dass die beiden Vögel zu dieser Gang gehören.“

„Ja, George, da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Mister Braden zur Zeit steckt. Haben Sie denn die Familiennamen und die Adressen der beiden Kerle?“

„Ja, die habe ich. Ich habe das Ding verflucht schlau eingefädelt. Ich sagte den Burschen, dass ich zwei preiswerte Kanonen ... zwei preiswerte Pistolen, wollt’ ich sagen, so unter der Hand zu verscheuern hätte, und ob sie Interesse dafür hätten. Ich nannte einen ganz billigen Preis, und die beiden Vögel pickten zu. Sie bestellten mich für morgen Vormittag zu sich. Sie wohnen gemeinsam in ’ner Pension in East End, Centerstraße, dicht beim Polizeihauptquartier. Lucky, der mit dem Menjou, heißt Torpe, und Dave, der aussieht wie ’ne verhungerte Ente, Mackinson. Ob es ihre richtigen Namen sind, weiß ich natürlich nicht. Immerhin sind sie unter den genannten Namen in der Pension bekannt. Ich machte nämlich dort ’ne Stichprobe per Telefonanruf.“

„Na also, damit ist ja alles in Ordnung, George! Mr. Braden wird sich Ihre beiden, wie Sie sagen, Vögel morgen in der Pension ansehen, und das Weitere dürfte sich finden.“

„Gut, dann werde ich morgen beizeiten im Büro aufkreuzen, Miss Barris. Für heute habe ich nämlich die Nase voll. Ich selber habe in der Alhambra rund fünfzehn Glas Bier geschluckt, und für die beiden Vögel habe ich auch einiges ausgegeben. Es wird ’ne verdammt hohe Spesenrechnung. Jack dürfte mich dafür in die Hölle wünschen.“

„Aber George, solch unfromme Wünsche wird Jack wohl kaum aussprechen.“ Sunny lachte leise. „Und nun gute Nacht, George. Ich bin schrecklich müde und möchte weiterschlafen.“

„Auch ich bin müde wie’n Hund“, verriet Mr. Patterson, und er schickte ein deutlich vernehmbares Gähnen durch die Leitung. „Ich mach’ Feierabend und hau’ mich in die Falle. Bis morgen früh, Miss Barris!“

„Bis morgen früh, George!“ Sunny legte auf. Dann dehnte sie sich wohlig schläfrig, verlöschte die Nachttischlampe und war bald wieder eingeschlummert.



4

Nachdem die vier Maskierten ihn in die Schutzhütte geführt hatten, wo man beim Scheine von Taschenlampen ein regelrechtes Verhör mit ihm anstellte, wusste Jack Braden, wen er in den Strumpfmasken zu sehen hatte. Das sechsköpfige Team war dieselbe Gang, die den kleinen Graphiker Jerim Sooter unter Druck gesetzt hatte. Unter Druck deshalb, damit Sooter etwas für sie tue, das beim Namen zu nennen Sooter hartnäckig abgelehnt hatte.

Im Übrigen hatte Sooter mit seiner Vermutung nur zu recht gehabt. Der Bande war es tatsächlich gelungen, ein raffiniert verstecktes Mikrophon in Sooters Arbeitszimmer anzubringen. Im Verlauf des Verhörs nämlich, bei dem Jack zunächst irreführende Antworten gegeben hatte, war unvermittelt ein Transistorgerät in Gang gesetzt und ein Tonband abgespielt worden. Das Band gab die letzten zwei und das heutige Gespräch zwischen Braden und Sooter wider. Die Gang war demnach über alles informiert, was Braden und Sooter gegen sie ins Rollen zu bringen gedachten.

Der große, breitschultrige Mann, der zweifellos der Boss der Bande war, sagte hinter seiner Strumpfmaske zynisch: „Nun, Braden, Sie als Detektiv müssen jetzt wohl zugeben, dass wir ganze Arbeit geleistet haben. Sie wissen nun, dass wir ganz genau über die Dinge orientiert sind, die Sie im Aufträge von Sooter zum Klappen bringen möchten. Sooter als Kronzeuge gegen mich und meine Firma? Der konnte sich doch an seinen fünf Fingern abzählen, dass er nie zu einer Kronzeugenschaft gelangen würde. Hat sich was mit Kronzeuge! Aus der Traum!“ Er wandte sich an den kleinen Kerl, der sich in Jacks Lincoln eingeschmuggelt gehabt hatte. „He, Sam, unser großer Sherlock Holmes hat den versiegelten Umschlag Sooters bei sich. Der Umschlag dürfte Aufzeichnungen einiger gegen uns gerichteter Unfreundlichkeiten enthalten sowie gewisse Aufschlüsse über die Branche unserer Firma. Fische mal den versiegelten Umschlag aus den Tiefen seiner Taschen.“

„Ist nicht nötig“, warf Jack Braden kühl und gelassen ein. „Das Spiel steht eins zu null für Sie. Hier ist der Umschlag.“ Er holte den Umschlag, der das Anklagedokument enthielt, aus der Tasche und warf ihn auf den roh gezimmerten Tisch der Hütte.

„Sehr vernünftig“, lobte der Wortführer der Bande. Er betrachtete prüfend den Umschlag, kratzte am Siegel und steckte den Umschlag schließlich ein. Dann fuhr er ganz obenhin, aber mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme fort: „Soweit für heute, Braden. Sie haben die Chance, eine hübsche Zeitlang noch auf diesem schönen Erdenrund sich des Lebens zu erfreuen, bevor Sie am Ende in die Grube fahren. Aber lassen Sie sich ja nicht einfallen, dem von Jerim Sooter erhaltenen Auftrag weiter nachzugehen. Annullieren Sie ihn, und vergessen sie schnellstens alle Einzelheiten.“

„Hören Sie, Mister“, sagte Jack ironisch „Ihre Aufforderung zur Pflichtverletzung ist höchst unmoralisch. Übersehen Sie bitte nicht, dass Sooter mir bereits tausend Dollar Honorarvorschuss zahlte.“

„Seien Sie Philanthrop“, schlug der Breitschultrige vor, wobei er ein leises Kichern hören ließ, „und überweisen Sie jene tausend Dollar dem Heim für gefallene Mädchen.“

„Das ist sehr leichtfertig gesprochen, Mister.“ Jack Braden grinste. „Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich Ihrem liebenswürdigen Rat folgen werde.“

Wieder wurde Jack Braden von den vier Strumpfmaskenmännern in die Mitte genommen. Man erreichte den Standort der Fahrzeuge, und hier flüsterte der Breitschultrige mit den beiden, die als Wache zurückgeblieben waren. Nach einer kleinen Weile nickte er zufrieden und wandte sich an Jack Braden.

„Hören Sie, mein Teurer“, sagte er spöttisch zu ihm, „ich muss Ihnen leider die Eröffnung machen, dass Sie nicht ein Tröpfchen Benzin mehr im Tank haben. Meine Freunde hier haben weisungsgemäß den Tank Ihres Lincoln leergezapft und auch den Reservekanister aus dem Kofferraum genommen. Aber weinen Sie nicht, zwei Meilen zurück von der Ausfahrt finden Sie an der Highway eine Tankstelle. Dort werden Sie bestimmt einen Kanister mit zwei bis drei Gallonen Saft erhalten. Also ein kleiner Spaziergang gewissermaßen. Wir hätten es nämlich ungern gesehen, wenn Sie sich gleich nach unserer Abfahrt an unsere Schlusslichter gehängt hätten. So long, Braden, und denken Sie immer an das, was ich Ihnen sagte!“

Die Bande bestieg ihre beiden Fahrzeuge. Der Jaguar jagte als Erster vom Plateau talwärts. Dann folgte der Studebaker. Zurück in der Nacht blieben ein Lincolnwagen und ein grimmig auf den Plateauboden spukender Privatdetektiv.

„Verdammt noch mal!“, sagte Jack Braden erbittert. Er setzte sich vor den Volant des Lincoln und trat den Anlasser. Der Motor sprang an, machte einige Takte und starb kläglich jäh wieder ab. Fluchend kletterte Jack aus dem Wagen. Er sah nach der Uhr. Mitternacht. Und erneut fluchend machte sich Jack Braden zu Fuß auf den Weg zur nächsten Highway-Tankstelle.



5

Auf einem Parkplatz der 74. Straße, genau gegenüber einem achtgeschossigen Appartmenthaus, saßen in ihrem Dienstwagen Detektiv Leutnant Temper und Detektiv Sergeant Creel.

„Ich fürchte“, sagte Leutnant Temper unlustig, „dass der anonyme Anruf, den das Morddezernat in Empfang nahm, sich als ein übler Scherz entpuppen wird. Ist ja Humbug, so was! Die beiden leitenden Offiziere der Polizeistation Trenton hatten sich ja nach unserem Telefonat Eingang in das Haus verschafft. Alles war dort in bester Ordnung. Nirgendwo eine Leiche. Der Hausbesitzer war abwesend. Nachbarn sagten aus, dass er öfters nach New York fahre und dort übernachte. Verstehe Captain Woop nicht. Wozu eigentlich schickt er uns ’raus? Damit wir uns hier postieren, um Braden gleich unmittelbar nach seinem Wiederauftauchen zu befragen? Das hätte doch verdammt Zeit bis morgen gehabt. Quatsch, alles das. Kleine Schikane vom Captain. Oder glauben Sie etwa, Creel, dass Braden sich jemals an Wettschwindeleien beteiligt hat?“

„Niemals, Sir!“, antwortete Sergeant Creel bestimmt. „Jack Braden ist ein durch und durch korrekter Mann.“

„Na also! Dieser Meinung bin ich nämlich auch. Ah, da kommt Bruns zurück!“

Gemächlichen Schrittes kam der lang aufgeschossene, magere Detektiv Sergeant über den erleuchteten Parkplatz. Am Dienstwagen angelangt, meldete er dem Leutnant durch das heruntergelassene Türfenster: „In der Garage sagen sie, dass der Lincoln, mit dem Braden heute wegfuhr, noch immer nicht zurück sei.“

Leutnant Temper warf einen Blick auf die Uhr.

„Eins vorbei. Ich glaube, das Beste ist, wir rücken ein. Blödsinnige Warterei, bei der am Ende sowieso nichts herausspringen wird. Na ja, zehn Minuten noch. Dann aber ist endgültig Feierabend.“

Die Gegend blieb zeitweise menschenleer. Nur hin und wieder tauchten ein oder mehrere Passanten auf und verschwanden dann in dem oberen oder unteren Teil der Straße. Vereinzelt huschten Autos vorbei.

„Ich glaube“, sagte Sergeant Bruns, der vor dem Dienstwagen stand, „ich höre einen Lincoln kommen. Das Motorgeräusch von diesem Dampfer kenne ich ganz genau.“ Er lauschte angestrengt. „Ja, das ist bestimmt ein Lincoln.“

„Hoffentlich sitzt Braden drin“, meinte Leutnant Temper grillig und stieg aus. Sergeant Creel folgte ihm, und die drei Detektive starrten jetzt die Straße hinauf, wo die Scheinwerfer eines näherkommenden Wagens leuchteten. Sekunden später war das Auto heran und hielt vor dem Appartmenthaus, das dem Parkplatz gegenüber stand.

Temper sagte aufatmend: „Na endlich! Es ist Braden. Kommen Sie!“

Die Detektive gingen über die Straße und stießen auf der anderen Seite auf Jack Braden, der gerade die Tür zu den Vordersitzen des Lincoln ins Schloss warf, sich dann umdrehte und den Leutnant und die beiden Sergeanten augenblicklich erkannte.

„Nanu“, sagte er etwas verblüfft, „das hohe Morddezernat mitten in der Nacht vor meinem Haus? Hallo, Leutnant! Hallo, Creel und Bruns! Was ist? Auf nächtlicher Pirsch?“

„Halb und halb“, antwortete Leutnant Temper. „Und Sie, Mr. Braden? Kleinen Ausflug gemacht, von dem Sie jetzt zurückkommen?“

„Ich war in Trenton, Leutnant, bei einem gewissen Jerim Sooter, seines Zeichens Graphiker. Sooter hat Angst vor irgendwelchen Leuten, deshalb bat er mich zu sich. Habe ’ne tolle Geschichte erlebt, die sich um jenen Sooter dreht.“ Jack erzählte in kurzen Zügen.

„Donnerwetter!“, rief Temper, als Jack geendet hatte. „Gewissermaßen ’ne ganze Gang, die Sie da auf dem Halse hatten?“

„Genau! An sich ’ne FBI-Sache!“ Braden grinste. „Bandenwesen gehört in deren Ressort. Nun ja, mal sehen, wie der Hase weiter läuft.“

„Hören Sie, Mr. Braden“, begann der Leutnant etwas unbehaglich gestimmt, „wir wussten, dass Sie in Trenton einen gewissen Jerim Sooter besuchten.“

„Ach nee?“ Jack lachte. „Die Polizei sieht und hört mit. Von wem hatten Sie die erstaunliche Kunde? Von meiner Sekretärin?“

„Nein! Wir erhielten im Dezernat einen anonymen Anruf. Aufgrund dieses Anrufes wussten wir von Ihrer Trentonfahrt. Eine ganz mysteriöse Geschichte, Mr. Braden. Halten Sie sich fest! Der anonyme Anrufer behauptete nämlich, dass Sie sich vor Jahren an einem groß angelegten Wettschwindel beteiligt hätten.“

„Du meine Güte!“, rief Jack Braden amüsiert aus. „Hoffentlich nahmen die im Dezernat diesen Kohl nicht für bare Münze. Der Anrufer war bestimmt einer jener Ganoven, die mir liebend gerne etwas am Zeuge flicken möchten. Wettschwindel? Wirklich habe ich vor Jahren einmal Überraschungstreffer mit drei Außenseitern gemacht, die ’ne Menge Geld in meine Kasse brachten. Die Zeitungen schrieben damals darüber und brachten Fotos von mir, die mich als Glückspilz zeigten. Aber das alles hat doch nichts mit Wettschwindel zu tun.“

„Es geht noch weiter, Mr. Braden! Der Anrufer ließ uns wissen, dass jener Jerim Sooter, der ja wegen Wettschwindels vorbestraft ist, Sie zu erpressen versucht hat. Der unbekannte Anrufer erklärte, er sei unbeobachtet Augenzeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Ihnen und diesem Jerim Sooter gewesen. Sooter hätte von Ihnen zehntausend Dollar Schweigegeld gefordert. Im Nichtzahlungsfalle, so hätte Sooter geschrien, würde er pfeifen und Sie wegen der damaligen aktiven Teilnahme an einer Serie von Wettbetrügereien vor Gericht bringen.“

„Du meine Güte! Himmel, was für Hirngespinste! Sooter ist lediglich ein Klient von mir. Natürlich weiß ich, dass er wegen Wettbetrugs vorbestraft ist. Aber niemals hatte ich etwas mit seinen damaligen dunklen Transaktionen zu tun. Das ist eine verdammt schlecht erfundene Story. Der anonyme Anrufer hätte sich was Besseres einfallen lassen sollen. Mit solchen albernen Märchen lockt er doch keinen Hund hinter dem Ofen hervor.“

„Es kommt aber noch besser, Mr. Braden!“, sagte Leutnant Temper düster. „Der Kerl am Telefon hat nämlich behauptet, ungesehen Zeuge gewesen zu sein, wie Sie jenen Jerim Sooter nach dessen Erpressungsversuch kurzerhand niederschossen. Sie hätten ihn ermordet!“

„Großartig!“ Jack Braden war über diese Eröffnung nicht ein bisschen erschrocken. Er lachte sogar. „Und nachdem ich Sooter umgelegt hatte, sprengte ich die Freiheitsstatue in die Luft, zündete das Capitol an und floh anschließend auf einem Damenfahrrad nach Europa.“

Leutnant Temper und seine beiden Sergeanten grinsten. Dann wurde Temper wieder ernst und fuhr fort: „Der Anrufer behauptete ferner, dass Sie dem von Ihnen erschossenen Sooter die Brieftasche, die Sie belastendes Material enthalten habe, aus dem Rock gezogen hätten. Nach Verlassen des Mordhauses hätten Sie diese Brieftasche in das Handschuhfach im Armaturenbrett Ihres Wagens gelegt und seien schließlich davongefahren.“

„Du grundgütiger Gott, was für eine irrsinnige Faselei!“, rief Jack Braden kopfschüttelnd aus. „Hören Sie, Leutnant, vielleicht erzählen Sie mir auch noch, dass man sogar die von meinen Kugeln durchsiebte Leiche Sooters in seinem Haus gefunden habe.“

„Nein, mit ’ner Leiche kann nicht gedient werden, Mr. Braden. Dem Anruf wurde nachgegangen. Man verschaffte sich Eingang in Sooters Bungalow. Alles war in Ordnung. Sooter allerdings befand sich nicht im Haus.“

„So, er war nicht im Haus? Nun ja, der alte Knabe war dermaßen in Angst und Schrecken vor jener Gang, so dass er es wohl vorgezogen hat, sich abzusetzen und irgendwohin zu fahren, wo er sich sicherer fühlt. Okay. Immerhin, was Sooters angeblich von mir geraubte Brieftasche anbelangt ... Bitte, hier steht mein Wagen. Sehen Sie also im Handschuhfach nach, ob das Ding drinnen liegt!“

„Natürlich glaube ich nicht daran.“ Temper grinste wieder. „Aber Sie wissen, was die Routine von uns auch bei den unwahrscheinlichsten Verdächtigungen verlangt. Creel, werfen Sie einen Blick in das Handschuhfach!“

„Yeah, Sir!“ Der Sergeant öffnete die vordere Wagentür, dann die Klappe des Handschuhfaches und griff in die Öffnung. Als er seine Hand wieder zurückzog, sah der verblüffte Jack, dass Creel zwischen Zeigefinger und Daumen eine Brieftasche hielt.

„Was heißt das denn?“ Jack Braden war ein wenig fassungslos geworden. „Wie zum Teufel kommt denn diese verdammte Brieftasche in das Handschuhfach des Lincoln? Das ist ja mehr als merkwürdig!“

„Ganz richtig, mehr als merkwürdig ist das!“ Leutnant Temper runzelte die Stirn. „Creel“, befahl er „schlagen Sie die Tasche zunächst in ein Tuch ein, wegen der Prints.“

„Yeah, Sir!“ Der Sergeant brachte ein weißes Taschentuch aus dem Inneren seines Trenchcoats und wickelte die Brieftasche vorsichtig darin ein.

Kopfschüttelnd trat Leutnant Temper jetzt dicht an den Lincoln heran. Er öffnete die Tür des Wagens, ließ seine Taschenlampe aufblitzen und leuchtete in den Fond hinein. Er zuckte zusammen, verlöschte die Taschenlampe und schloss die Tür wieder.

„Bruns!“, rief er.

„Sir?“, fragte Sergeant Bruns.

„Laufen Sie rasch zum Dienstwagen hinüber! Rufen Sie sofort das Morddezernat an! Sagen Sie, dass Dr. Turner, der Fotograf und Sergeant Hopkins sich bereithalten sollen! Und melden Sie Captain Woop, dass wir in weniger als einer Viertelstunde im Hauptquartier sind und eine Leiche mitbringen!“

„Yeah, Sir!“ Sergeant Bruns rannte über die Straße hinüber zum Parkplatz, wo der Dienstwagen mit dem Funktelefon stand.

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936933
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
jack braden thriller leiche haus

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #17: Jack Braden - Leiche frei Haus