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SALTILLO #22: Der Rebellen-General

2020 99 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Rebellen-General

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Rebellen-General

SALTILLO Band 22

Roman von Franc Helgath

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Noch immer ist Saltillo auf der Flucht, weil seine Unschuld nicht in einem Gerichtsverfahren bestätigt wurde. Layla und einige Vaqueros befinden sich bei ihm. Diese Gelegenheit nutzt sein Widersacher Gomez, um sich in den Besitz der Hazienda zu bringen. Saltillo braucht Hilfe, doch zunächst bleibt ihm und seinen Leuten nichts anderes übrig, als sich einer versprengten Rebellen-Gruppe in Mexico anzuschließen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Saltillo (30) – heißt eigentlich Sam O'Hara. Ihm gehört die Hazienda del Saltillo. Der Besitz ist das Erbe seines Vaters, des Alamo-Kämpfers Jim O'Hara. Saltillo ist ein halber Comanche. Er versteht mit Bullpeitsche und Paterson-Colt gleichermaßen virtuos umzugehen – was seine Gegner immer wieder schmerzhaft zu spüren bekommen.

Layla Sheen (28) – hat eine bewegte Vergangenheit im Rotlichtbezirk von New Orleans hinter sich. Die aparte, etwas zur Fülle neigende Kreolin betreibt die Cantina von Nuevo Saltillo, weil sie unabhängig bleiben will. Als gebranntes Kind scheut sie das Feuer, auch wenn Saltillo die Flamme der Leidenschaft in ihr immer wieder neu entfacht.

Tortilla-Buck Mercer – weiß selbst nicht genau, ob er Anfang Vierzig ist. Doch das ficht den schlitzohrigen, mit allen Wassern gewaschenen Haudegen nicht an. Auf den Vormann und seine »Betsy«, die Rifle, kann Saltillo sich auch in brenzligen Situationen blind verlassen. Denn auf der Hazienda glaubt Buck nach einem langen, rauchigen Trail jenen Platz gefunden zu haben, den es zu verteidigen lohnt.

 

 

1

Tintig schwarz und schwül brütete die Nacht über Ciudad Juarez, der mexikanischen Schwesterstadt von El Paso. Seit zwei Tagen gab es keine Brücke mehr über den Rio Bravo. Buck Mercer hatte sie versehentlich in die Luft gejagt. Seit zwei Tagen war die Grenze geschlossen. Boote texanischer und mexikanischer Behörden kreuzten auf dem Fluss.

Vincente Reno kauerte an der Wand einer halbverfallenen Hütte. Brackiges Wasser dümpelte gegen ein leckgeschlagenes Boot, von dem nur die Ränder aus den trüben Fluten lugten. Der etwa vierzigjährige Mexikaner mit dem Sichelbart hatte den breitkrempigen Strohsombrero abgelegt. Jetzt kratzte er sich nervös am kantigen Kinn. Die Warterei zerrte mehr an seinen Nerven, als er sich eingestand.

Völlig hatten die Behörden die Grenze eben doch nicht sperren können. Einige der Männer auf den Booten waren bestechlich, und so hatte Vincente Reno die Nachricht erhalten, dass er in dieser Nacht aufpassen sollte. Er würde den eigentlichen Auftrag über Lichtzeichen erhalten.

In der Hütte zechten Sancho Perez, Juan Laffas und Cereno Salis. Speckige Karten wurden mehr oder weniger heftig auf den wackeligen Tisch geworfen. Sancho gewann und zeigte seine kariösen schwarzen Stummelzähne. Die Partner zogen säuerliche Mienen. Dabei spielten die Männer nicht hoch. Sie schlugen nur die Zeit tot, während ihr Boss draußen auf die Lichtzeichen wartete. Ein leerer Tequila-Krug polterte zu Boden. Keiner der Spieler schenkte dem Geräusch Beachtung.

Nur Vincente Reno zuckte draußen zusammen.

Am texanischen Ufer blakte eine Fackel, verlöschte und leuchtete wieder auf. So ging es in einem bestimmten Rhythmus weiter.

Vincente Renos Mund formte die einzelnen Buchstaben, die herübergemorst wurden, reihte sie zu Silben und Wörtern zusammen. Nach fünf Minuten stand er auf. Die Fackel drüben erlosch endgültig.

Der Mexikaner nickte zufrieden. Ein grimmiges Lächeln umspielte seine Lippen. Es war immer lukrativ, mit Miguel Gomez Geschäfte zu machen. Der Anwalt aus El Paso zahlte blendend.

Für den Leichnam Saltillos wollte er fünftausend Bucks ausspucken. Eine stolze Summe, auch wenn Vincente sie durch vier teilen musste.

Die anderen Banditen hoben ihre Blicke, als Reno schleppend eintrat. Das Spiel interessierte sie nicht mehr. Fragend zog Sancho Perez die Brauen hoch.

»Die Nachricht?«

»Ja.«

»Was bringt der Job?«

»Fünftausend.«

Sancho Perez stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

»Das lässt sich hören. Und wo finden wir diesen Comanchen?«

Vincente Reno zuckte mit den Schultern und setzte seinen Sombrero auf, den er bisher in der Hand gehalten hatte.

»Schätze, ein bisschen was müssen wir auch noch selbst tun. Er wird nach Süden geritten sein. Das tun sie alle, wenn sie Dreck am Stecken haben. Saltillo wird gesucht. Es wird sogar ein Steckbrief vorbereitet. In Texas kann er sich jedenfalls zur Zeit nicht sehen lassen.«

»Ausgerechnet dieser Musterknabe?«

»Auch Musterknaben können mal Pech haben. Was kümmert es uns? Macht euch fertig. Wir reiten in einer Stunde.«

 

 

2

Von einem flammenden Strahlenkranz umgeben schob sich die Sonne über den Horizont. Sie färbte den Himmel mit einer verschwenderischen Farbenpracht und verlieh den wenigen Wolken glitzernde Ränder. Über der Mesa einen Tagesritt südlich von Ciudad Juarez erwachte ein neuer Tag.

Das verwitterte Gebäude stand auf einem sanften Hügel. Dahinter erhob sich die blaue Silhouette der Sierra de las Tunas. Trotz der frühen Morgenstunde begann die Luft bereits zu flirren.

Aus dem blechernen Schornstein stieg weißer Rauch senkrecht in das windstille Azur, kräuselte sich erst nach einigen Yards und löste sich auf. Es roch nach Speck und gebackenen Eiern.

Das Klappern von Geschirr drang aus der Hütte. An der Wetterseite war sie aus Bruchsteinen errichtet. Die anderen Wände bestanden aus roh vernagelten Brettern, deren Ritzen mit Lehm verschmiert waren.

Auf einer Hanghöhe befand sich eine improvisierte Koppel. Brüchige Stricke zwischen angefaulten Pfosten ersetzten die üblichen Holzlatten. Vier Pferde zupften einige harte, blaugrüne Gräser. Die Sättel lagen auf der staubigen Erde.

Ein dunkelhaariger, etwa dreißigjähriger Mann mit nacktem Oberkörper trat ins Freie. Auf Brustkorb und Armen spielten die Muskeln, als er sich der Sonne entgegen reckte und herzhaft gähnte.

Saltillo ging hinüber zu der ummauerten Zisterne, zog einen Eimer Wasser herauf, steckte den Kopf hinein und schüttelte sich prustend. Mit einem Seifenstück rieb er sich ab und fuhr dann mit den Fingern durch das störrische blauschwarze Haar. An seinem Hals gleißte ein Amulett mit Türkisen. Das Wasser an seinem athletischen Körper ließ er von der Luft trocknen. Trotz der frühen Stunde begann sich Backofenhitze breit zu machen.

Das Farbenspiel am östlichen Horizont verblasste, als der Sonnenball höher kletterte. Und in Saltillo erwachten wieder die Sorgen, die ihn zur Zeit bedrückten.

Der Sohn eines irischen Alamo-Kämpfers und einer Penateka-Häuptlingstocher befand sich auf der Flucht. Er galt als Geächteter, seit er in El Paso mit knapper Not der Lynchjustiz entkommen war. Das Gesetz auf dem Papier kümmerte sich nicht darum, dass er unschuldig war. Natürlich hatte er nie mit Mädchen gehandelt oder eine Frau tot gepeitscht. Doch die Anklage blieb bestehen. Es war zu keiner Verhandlung mehr gekommen.

Sein muskulöser Körper straffte sich wie eine Bogensehne, und Saltillo atmete tief durch. Langsam fühlte er sich besser. Er war ein Kämpfer.

Die vage Idee eines Plans hatte er schon entwickelt. Er würde sie noch mit seinen Partnern durchsprechen müssen.

Buck Mercer hielt sich noch in der Hütte auf, dazu die Vaqueros Joaquin und Modesto. Nicht zu vergessen, Layla Sheen, Saltillos Gefährtin. Sie war ebenso anziehend wie zuverlässig.

Saltillo ging auf die Hütte zu, aus der es bereits verlockend duftete.

Manuel Parion war der Mann, dem das einsame Haus gehörte, und der ihnen vorübergehend Unterschlupf gewährt hatte. Er lebte davon, die wenigen Fremden zu verköstigen, die von Juarez hinunter nach Chihuahua wollten. Es gab nur eine Handvoll Gehöfte auf dieser Strecke, dazu noch ein paar Ansiedlungen nomadisierender Avados, den Ureinwohnern dieser Region.

Buck Mercer kam dem Haziendero entgegen. In seinen Augenwinkeln nistete noch der Schlaf. Tortilla-Buck war ein Bulle, kernig bis in die letzte Faser; hundert Kilo geballte Energie. Für Saltillo hätte er sogar die Sonne vom Himmel geholt. Solche Freundschaften waren selten geworden.

»Na, Jefe?«, spöttelte der wuchtige Mann jetzt, in dessen verfilztes Blondhaar sich bereits die ersten Silberfäden spannen. »Ausreichend an der Matratze gehorcht? Du siehst niedergeschlagen aus.«

Buck bleckte sein Pferdegebiss und glaubte, er würde freundlich grinsen. In Wirklichkeit konnte er Furcht einflößen, wenn er so dastand, die mächtigen Arme gegen die schmalen Hüften gestemmt.

Saltillo winkte ab.

»Ich hab zu reden mit dir, Buck.«

»Aber doch hoffentlich erst nach dem Frühstück? Ich hab Appetit wie zehn Bären. Dieser Hundesohn von einem Wirt wollte mir nur fünf Eier in die Pfanne schlagen. Ich hab ihm eben klargemacht, dass ein Mann mit weniger als fünfzehn nicht auskommt.«

»Du bist ein Fresssack, Buck. Irgendwann wirst du platzen wie eine reife Kastanie.«

»Ein erstrebenswertes Ende.«

Tortilla-Buck grinste entwaffnend und bekam plötzlich etwas Jungenhaftes. Männer wie er wurden niemals wirklich alt. Ihr Herz blieb jung. »Reden willst du also mit mir?«

»Hmm, am besten, wo die anderen nichts mitbekommen.«

»Verstehe schon. Du kriegst langsam kalte Füße«, sagte Tortilla-Buck wenig respektvoll. Es gab nicht viele Leute, die Saltillo gegenüber diesen Ton anschlagen durften. »Es geht um die Hazienda?«

»Du hast‘s wieder mal erfasst, Hombre. Ich hab ein miserables Gefühl bei der ganzen Sache. Seit ich dahintergekommen bin, dass wir die ganze Misere Miguel Gomez verdanken, hatte ich keine ruhige Minute mehr.«

Buck grunzte, räusperte sich und spuckte hingebungsvoll in den roten Staub, betrachtete das kleine Wölkchen, das dabei aufstieg. Er ließ sich Zeit mit einer Antwort.

»Gomez ist ein Schwein«, meinte er schließlich überzeugt. »Ich sag‘s ja nicht gern: Aber dieses Riesenbaby wäre besser nie geboren worden.«

Saltillo sah ihn nachdenklich an.

»Ich brauch jemand, der auf der Hazienda nach dem Rechten sieht. Gegen dich liegt schließlich nichts vor.«

»Nur Gefangenenbefreiung«, brummte Tortilla-Buck missmutig. »Aber natürlich reite ich los, großer Meister. Und wenn ich dafür dieses verdammte Frühstück stehenlassen muss.«

Jetzt grinste Saltillo.

»Brich dir nichts ab, Amigo. Verlange ich, dass du unterwegs Magenkrämpfe kriegst? Verputz deine fünfzehn Eier und den Speck. Aber dann schwing dich in den Sattel und schau dich um.«

»Wir treffen uns hier?«

»No. Ich hab am Abend noch mit Parion gesprochen. Die Vorräte gehen ihm aus. Du hast in seiner Speisekammer Kahlschlag betrieben.«

»Immer ich«, meinte Tortilla-Buck eingeschnappt und zog unwillkürlich den Bauch ein, obwohl er das nicht nötig gehabt hätte. »Na schön, ich werde spätestens in eineinhalb Tagen auf der Hazienda sein. Und wenn ich den Klepper tragen muss«, fügte er hinzu. »Wenn wir uns schon nicht hier treffen – wo dann?«

»Du kennst die Gegend ja. Ich dachte an den Salztümpel nordwestlich von Carrizal. Layla, die Vaqueros und ich werden dort zu finden sein.

»Bestens, in spätestens vier Tagen siehst du mich wieder. – O Hölle, das Frühstück riecht wirklich verdammt gut. Du erlaubst, dass ich mich zurückziehe?«

»Lass wenigstens den Teller übrig«, rief Saltillo ihm nach. Ein Ratschlag, der nicht völlig unbegründet war.

 

 

3

Vincente Reno stützte die Arme träge auf den Sattelknauf, beugte sich leicht vornüber und spähte in die Weite der Mesa. Sein Rücken war fast angespannter als seine Augen, die jeden Quadratzentimeter einzeln unter die Lupe zu nehmen schienen.

Es hatte sich nichts verheimlichen lassen. Die Desperados waren den Flüchtigen auf die Spur gekommen, denn selbst in diesem an schönen Frauen nicht gerade armen Land bildete Layla Sheen immer noch eine Ausnahme.

Vincente Reno war auf keine sonderlichen Schwierigkeiten gestoßen. Layla hieß die Fährte, die er nur zu verfolgen brauchte, und die ihn unweigerlich auch zu Saltillo führen würde – und zu seinem Fangschuss, auf den es einzig und allein ankam.

Gomez‘ lichtgemorste Nachricht war gerade in diesem Punkt unmissverständlich gewesen. Der Advokat aus El Paso schien einen ziemlichen Hass gegen den Haziendero zu hegen.

Die Gründe dafür interessierten Vincente Reno nicht. Ihm war nur die Prämie wichtig.

Fünftausend Golddollar für Saltillos Leiche.

Dafür hätte Reno noch ganz andere Strapazen in Kauf genommen.

Der sichelbärtige Desperado kannte die Station Manuel Parions von früher. Er hatte schon dort übernachtet, als er selbst auf der Flucht gewesen war – vor dem General Franco, der das Land noch weiter im Süden kontrollierte und terrorisierte mit dem Anspruch, sich zum Herrscher über Mexiko aufzuschwingen.

Doch Franco Santamara y Rivaldeto bezahlte seine Söldner einfach zu schlecht und unregelmäßig. Reno und seine Kumpane waren nichts anderes als Renegaten einer bunt zusammengewürfelten Rebellenarmee, und der Sichelbärtige war vor allem ein Realist, der Geld sehen wollte.

Die Hütte lag in der Mittagsglut. Die Hitze machte sogar das Atmen schwer.

Vincente Reno veränderte seine Stellung, löste seine Hände vom Sattelhorn, und ein Anflug von Triumph geriet in seine grauen Augen.

»Hier müssen sie untergekrochen sein«, mutmaßte er. »Woanders konnten sie nicht hin. In einer halben Stunde sind wir klüger.«

Er drückte dem braunen Cayusen die Tellersporen in die Weichen. Das struppige Pferd reagierte mit einem gewaltigen Satz nach vorne.

Die anderen Desperados folgten ihm. Sie verließen sich nahezu blind auf den grausamen Reno und lebten besser als bei General Franco.

Wind kam auf.

Roter Staub wirbelte um die Hütte von Manuel Parion.

Der einzige Baum in dieser Gegend – er wuchs neben der Zisterne – verlor einige Blätter.

Vincente Reno lockerte den Walker-Colt im Halfter und lüpfte zur Probe die Rifle aus dem Gewehrschuh. Notfalls konnte er schneller schießen, als andere Männer dachten.

Sand hüllte ihn und die Kumpane ein, drang in jede Pore und verkrustete die Bärte. Rot überpudert und sich gegen den Wind stemmend rückten sie an. Die Augen hatten sie zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen.

Die Tür knarrte in verrosteten Angeln, als die Männer aus den Sätteln glitten. Ihre Ankunft schien noch nicht bemerkt. Um so böser würde das Erwachen für den Mexikaner in dieser abgelegenen Station werden.

Irgendwo schrie ein Esel. Die Desperados verteilten sich wie auf ein geheimes Kommando. Sie verstanden sich auch ohne Worte.

Der krummbeinige Juan Laffas richtete den Lauf seines Revolvers auf das einzige Fenster, während Sancho Perez und Cereno Salis die Hütte umrundeten, um den zweiten Ausgang im Auge zu behalten. Damit war die Falle zugeschnappt.

Vincente Reno machte sich nicht die Mühe, den Türknauf zu drehen. Nach einem derben Tritt krachte das Schloss aus der Halterung, und die Tür sprang weit nach innen, wo sie gegen die Wand schlug und aus einer der Angeln brach.

Wie ein Rachegott trat der Bandit ein, den Revolver in der einen, das Gewehr in der anderen Faust. Seine Kiefer mahlten grimmig, um die hoch angesetzten Wangenknochen spannte sich die wettergegerbte Haut. Seine grauen Augen schossen drohende Blicke in das Zwielicht.

Manuel Parion fuhr von seinem Strohsack hoch, auf dem er sich in einer Ecke zusammengerollt hatte. Neben ihm lagen noch die Packen mit Proviant, die er an diesem Vormittag zurückgebracht hatte. Einige Konserven rollten in der plötzlichen Zugluft davon. Eine Windbö umheulte den Mann unter dem niedrigen Türbalken. Abgestorbene trockene Gräser wirbelten um die staubbedeckten Stiefel mit den riesigen Sporen an den Absätzen.

»Hoch mit dir, Fettsack!«, fauchte Vincente Reno. Die Bö hatte ihm den Sombrero in den Nacken gerissen.

Parion stützte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sein Doppelkinn wackelte, als er den Mund zu einem kleinen erstaunten »Oh« formte, ohne dabei einen Ton hervorzubringen. Sein Mittelscheitel war durcheinander geraten. Wirr hingen die Strähnen ins runde, verblüffte Gesicht, das den Ausdruck ängstlicher Überraschung trug. Der schmale, sauber ausrasierte Oberlippenbart zitterte.

Plötzlich stand Schweiß auf der Stirn Manuel Parions. Er hatte den Mann am Eingang erkannt.

»Vincente Reno …«

Nun bebten auch die Lippen. Er sagte diesen Namen in einem Tonfall, als wolle er sich gleich anschließend bekreuzigen.

Der Desperado griente, doch seine Augen lächelten nicht mit. Sie blieben starr und ausdruckslos wie die eines Reptils. Es war mehr ein wölfisches Zähnefletschen.

»Dein Gedächtnis ist also noch in Ordnung, Compadre«, ließ der Bandit sich vernehmen. »Wie gut für dich. Du wirst es bald brauchen. Sie waren hier?«

Vincente Reno hielt sich nie bei der Vorrede auf.

Der Wirt der abgelegenen Station hatte sich noch immer nicht gefasst, doch unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand an die Kehle. Er schluckte schwer an dem Kloß, der ihm seit ein paar Sekunden im Hals saß.

»Wer soll hier gewesen sein?«, krächzte er heiser. »Es kommen viele Leute …«

Weiter kam Manuel Parion nicht.

Mit zwei langen Schritten war der hagere Bandit bei ihm, bückte sich leicht und zog dem Wirt den scharfkantigen Coltlauf quer über die Wange. Aus den Striemen im rosigen Fleisch sickerten sofort ein paar Bluttropfen. Parion verwischte sie mit dem Handrücken, als er wie ein in die Enge getriebenes Tier zu Vincente Reno aufsah.

»Du meinst Saltillo und seine Leute?«

Das Grinsen des Banditen wurde noch eine Spur gehässiger.

»Na also«, meinte er hämisch. »Warum denn nicht gleich? Ich stell die Fragen, und du antwortest. So einfach ist das.«

Parion nickte so heftig, als wollte er sich mit dem Kinn das Brustbein brechen.

»Si, si, Señor!«, stieß er hervor. »Ich sage alles, was ich weiß.«

»Muy bien. Du kannst dich dabei sogar nützlich machen. Wir wollen essen, aber ein wenig pronto, wenn ich bitten darf.«

Manuel Parion schluckte abermals.

»Sie sind nicht allein, Señor?«

»No. Zu viert sind wir. Und jetzt auf die Beine. Scher dich an den Herd und streng dich an, Hombre. Unsere Gaumen sind neuerdings verwöhnt. Wir reiten nicht mehr für den General.«

Der dickliche Wirt wagte keine Antwort. Er drückte sich an Vincente Reno vorbei und blies in die Glut, die noch im einfachen Ofen schwelte.

Reno rief indessen die anderen drei Desperados herein. Sie meldeten übereinstimmend, dass sich draußen weit und breit nichts rege, abgesehen vom Sturm, der noch an Heftigkeit zunahm.

Danach hockten sie sich um den einzigen Tisch.

Der krummbeinige Juan Laffas bediente sich aus dem Proviantpacken und förderte mit stumpfem Grinsen eine Flasche zutage, deren Etikett wohl seinen Erwartungen entsprach. Es war guter Pulque aus Oajcaca, keines dieser gefährlichen selbstgemachten Gebräue. Mit den Zähnen entkorkte er die Flasche und spuckte den Verschluss zielsicher Manuel Parion in den Rücken, der unter der plötzlichen Berührung wie unter einem Peitschenhieb zusammenzuckte.

»Keine Sorge«, meinte Vincente Reno, und seine Leute wieherten vor Vergnügen. »Eine Kugel zwischen den Schulterblättern fühlt sich anders an. Und jetzt sollten wir endlich zur Sache kommen. Wie lange war Saltillo da? Wie viele Männer hat er bei sich? Wann ist er aufgebrochen, und wohin?«

Der Wirt stand gerade über dem Dreibein an der Feuerstelle. Im aufgehängten Topf begann es zu brodeln und zu dampfen.

»Das sind vier Fragen auf einmal, Señor.«

»Soweit kann ich auch zählen, Trottel.«

Der Colt in Renos Faust verschwand wie weggezaubert in der Halfter, und einen Sekundenbruchteil später packte dieselbe Hand den feisten Hals Manuel Parions, drückte ihn nieder, den steigenden Dampfschwaden entgegen.

»Reden sollst du, Bastardo. Willst du jetzt antworten oder lieber deinen dummen Schädel verbrüht haben?«

»Antworten, Señor«, ächzte der Mann.

Vincente Reno verringerte den Druck seiner stahlharten Finger.

»Dann tu‘s doch.«

Der Wirt kam wieder hoch, und jetzt redete er wie ein Buch. Auf die Stunde genau teilte er Saltillos Ankunft mit, erzählte von den beiden Vaqueros, die er bei sich hatte, und von Layla Sheen, bei deren Namensnennung ein begehrliches Glitzern in Vincente Renos Augen trat. Angeblich war die Geliebte Saltillos die schönste Frau zwischen dem Pecos River und dem Rio Conchos. Der Wirt erzählte unaufgefordert noch dazu, was er an Gesprächsfetzen aufgeschnappt hatte.

So erfuhr Vincente Reno, dass Buck Mercer die Gruppe verlassen hatte, um auf der Hazienda des Halbbluts nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich plauderte der eingeschüchterte Wirt auch den Treffpunkt beim Salztümpel hinter Carrizal aus.

»Und dieser Buck Mercer wird die selbe Strecke zurückreiten, die er gekommen ist?«, erkundigte Reno sich tückisch.

»Si, si. Sie haben nichts Gegenteiliges erwähnt.«

»Mit anderen Worten: Er wird wieder hier vorbeikommen.«

Auf einmal wurde Manuel Parion schreckensbleich. Der Kochlöffel fiel ihm in den Topf.

»Ich werde ihm nichts sagen!«, kreischte er dann plötzlich los. »Bei der Heiligen Mutter von Chihuahua – kein Wort wird er von mir erfahren!«

Vincente Reno grinste böse.

»Deine Verschwiegenheit in Ehren, Compadre«, meinte er. »Eben hast du uns eine überzeugende Kostprobe davon gegeben. Schade drum, dass wir nun das Essen selbst fertigmachen müssen. Wahrscheinlich kochst du nicht mehr so gut, jetzt. – Sancho, erledigst du das?«

Sancho Perez stand auf. Er zog ein unterarmlanges Messer aus einer Scheide am Gürtel.

»Bin wohl wieder mal an der Reihe, was?«

»Hm. Wirf ihn in den Brunnen, wenn du mit dem Tranchieren fertig bist. Zuerst füllst du aber noch unsere Wasserflaschen, eh?«

 

 

4

Zwei Tage wartete Saltillo nun schon auf die Rückkehr von Tortilla-Buck. Doch er würde sich noch mindestens zwei bis zweieinhalb weitere gedulden müssen, denn der Freund hatte eine ansehnliche Strecke zurückzulegen.

Der Haziendero, die beiden Vaqueros Modesto und Joaquin, sowie Layla Sheen lagerten unter freiem Himmel. Gegen die sengende Sonne hatten sie Satteldecken ausgespannt, gegen die Nachtkühle schützte ein wärmendes Feuer. Es wuchs genügend Dorngestrüpp zwischen ausgedörrten Kreosotbüschen am Rand des Salztümpels.

Rotalgen hatten die Oberfläche überzogen. Darunter zischte und brodelte es, als befände sich hier einer der Eingänge zur Hölle.

Der feine Salzstaub, den der Wind ihnen zutrug, ließ ihre Augen tränen. Es war ein unwirtlicher Ort, eingebettet zwischen zwei langgestreckten, zerklüfteten Felswulsten mit scharfen Graten. Dahinter erhob sich dann die um sehr viel näher gerückte Bergkette der Sierra de las Tunas.

Doch soweit wollte Saltillo gar nicht vordringen, denn er wusste um die Gefährlichkeit dieses Gebietes, in das sich immer wieder gegen die mexikanische Zentralregierung rebellierende Banden flüchteten, die sich hochtrabend »Freiheitskämpfer« nannten. Doch dieser Anspruch war zumeist Tünche. Es waren häufig Banditen, denen man besser nicht über den Weg lief.

Seit geraumer Zeit machte ein gewisser Franco Santamara y Rivaldeto von sich reden, und ihm oder seinen Gefolgsleuten wollte Saltillo am allerwenigsten begegnen. Er hatte auch ohne einen verrückt spielenden Wohltäter »von eigenen Gnaden« schon Sorgen genug am Hals.

Entsprechend gedrückt war die Stimmung im kleinen Camp, das noch von einigen Krüppeleichen umstanden war. Modesto hatte eine Schlange erlegt und schälte sie gerade triumphierend aus der Haut. Sie durften nicht wählerisch sein, nachdem sie sich ohne größere Vorräte in diese Gegend gewagt hatten. Außerdem wusste Saltillo noch aus seiner Zeit bei den Penatekas, dass Schlangenfleisch so übel gar nicht schmeckte. Es war sehr nährstoffreich und zweifellos entschieden schmackhafter als geröstete rote Ameisen oder das Fleisch von Eidechsen, die ebenfalls die Umgebung des Salztümpels bevölkerten.

Ab und an schwebten Geier über ihnen; auf der Suche nach Aas. Aber bisher hatten sie immer wieder abgedreht und waren davongesegelt, majestätisch in all ihrer Hässlichkeit.

Modesto zerstückelte die Schlange geschickt mit dem Messer und gab die Fleischscheiben in eine gusseiserne Pfanne.

Layla würzte sie, fügte Öl aus einer Flasche hinzu und zog die Nase dabei kraus. Schließlich stammte sie aus der Gegend von New Orleans, und dort wurde anders gekocht als in der Wüste. Sie spürte ihren Appetit schwinden.

»Wo treibt sich Joaquin herum?«, fragte Saltillo und trat schnuppernd näher.

»Immer noch auf Posten«, antwortete Modesto, der Mann mit den tödlichen Messern. Die grifflosen Stahlklingen schossen wie Blitze aus den Ärmeln seiner weiten Jacke und verfehlten das Ziel so gut wie nie. »Nach dem Essen löse ich ihn ab. In Ordnung, Jefe?«

»Ja, aber nimm einen Schießprügel mit. Verlass dich nicht allein auf deine Dolche. Sie mögen ja manchmal ganz nützlich sein, aber sie machen zu wenig Krach.«

»Wer sollte uns hier schon aufstöbern? Joaquin hat unsere Fährte sorgfältig verwischt.«

Saltillo antwortete nicht. Schon seit einiger Zeit hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Das stammte gewiss nicht vom Schlangenfilet, das inzwischen in der Pfanne brutzelte. Er hätte dieses Gefühl auch kaum zu beschreiben vermocht. Das Drücken im Sonnengeflecht stellte sich bei ihm immer dann ein, wenn Gefahr im Verzug war.

Doch Saltillo sagte nichts davon. Er hätte seinen Verdacht mit nichts begründen können. Nur Buck Mercer wusste vom Treffpunkt, außer den Anwesenden natürlich.

Wo kam dann nur diese verdammte Unruhe her, die ihn jäh erfasste und ihn unsicher werden ließ, ob auch wirklich alles so ablaufen würde, wie er sich das vorgestellt hatte?

Er lauschte in das ständige Säuseln des Windes, doch auch der brachte ihm keine Antwort.

»Ich werde mich selbst um Joaquin kümmern«, meinte er plötzlich. »Ich hab noch keinen Hunger. Wann sind unsere Mexiko-Steaks fertig?«

»In fünf Minuten«, grinste Modesto. »Du weißt, wo er sich ‘rumtreibt, Jefe?«

Saltillo nickte.

»Irgendwo da droben zwischen den Felsen.«

Mit seinem Schuhwerk, er trug nur lederne Mokassins, musste er auf den Untergrund mit den messerscharf geschliffenen Geröllstücken aufpassen, wenn er sich nicht die Fußsohlen bis hinauf zu den Knöcheln zerschneiden wollte.

Einmal schaute er zurück. Modesto teilte eben die Portionen auf. Layla lehnte ab. Sie begnügte sich mit etwas Dörrfleisch, das noch von Parions Proviant übriggeblieben war.

Saltillo hatte sich den Überblick bewahrt. Seine innere Uhr ging immer richtig, doch seit ein paar Minuten schien sie ihm etwas aus dem Takt geraten.

Er musste sich vergewissern, Joaquin war zwar ein Muster an Zuverlässigkeit, aber er war auch nur ein Mensch. Und der Ritt durch die weglose Wüste war auch für ihn sehr anstrengend gewesen und die Ruhepausen selten, denn Saltillo hatte darauf bestanden, dass Posten aufgestellt wurden und die erschöpfte Layla bislang von dieser Pflicht ausgeklammert.

Er näherte sich dem höchsten Punkt, der Felszunge. Hier irgendwo hatte sich Joaquin verkrochen.

Saltillo rief nach ihm.

»Hey, Mittagszeit, auf zu den Fleischtöpfen. Ich übernehme jetzt.«

Aus dem Schlagschatten einer emporragenden Felsnase löste sich eine Gestalt.

Joaquin, mit dem goldenen Ring im Ohr und der schlaksigen Figur, war nicht zu verwechseln. Mit seiner Rifle in der Faust winkte er herüber.

»Alles klar, Jefe. Keine besonderen Vorkommnisse.«

»Dann ist ja alles in Ordnung«, rief Saltillo zurück und wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte. Das Magendrücken blieb.

Joaquin machte sich schon an den Abstieg. Mit seinen derben Stiefeln kletterte er wie eine Gämse. Ganz im Gegensatz zu Saltillo, der sich eher wie ein lahmendes Maultier vorkam, das die Pflichtaltersgrenze erreicht hatte.

Vorsichtig balancierte er hinüber zu dem Platz, den der Vaquero eben verlassen hatte. Er schaute ihm noch nach, als er ein scharrendes Geräusch in seinem Rücken vernahm.

Nur seinen Reflexen hatte es der Haziendero zu verdanken, dass die Kugel haarscharf an seiner Schläfe vorbei pfiff, noch ehe er den donnernden Knall des Schusses vernahm. Er lag bereits langgestreckt auf dem Boden, als er die Pulverwolke weiter unten am Hang wahrnahm.

Doch er sah kein Ziel, das er hätte anvisieren können. Seine Gedanken überschlugen sich.

Der heimtückische Schütze musste noch im Schutz der nächtlichen, mondlosen Dunkelheit ihr Camp beschlichen haben. Bestimmt lag er schon einige Zeit auf der Lauer. Damit stand für Saltillo fest, dass er es ausschließlich auf ihn abgesehen hatte. Der Schütze hatte sich darauf verlassen, dass Joaquin irgendwann abgelöst würde.

Als der Haziendero zu diesem Schluss gekommen war, brach auf halber Höhe unter ihm ein beispielloses Bleigewitter los.

Saltillo brachte seinen Kopf nicht mehr aus der Deckung. Querschläger umsummten ihn wie Hornissen.

Irgend etwas schlug gegen seine Schläfe, und das Bewusstsein drohte ihm zu schwinden. Es kostete seine ganze Willenskraft, die staubverkrusteten Augen offenzuhalten.

Noch konnte er die Zahl seiner Gegner nicht schätzen, aber es waren auf jeden Fall mehrere. Ein Mann allein konnte diesen Feuerzauber nicht inszenieren.

Etwas Warmes und Klebriges tropfte von Saltillos Ohr. Abgesplitterte Gesteinsbrocken jaulten mit heißem Blei um die Wette. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er mehr abbekam als eine blutende Beule am Kopf.

Da stellten die Banditen das Schießen plötzlich ein.

Die Stille wirkte noch bedrohlicher.

Hinter ihm erklang ein angsterfüllter Schrei: »Sam!«

Layla hatte ihn ausgestoßen.

»Bleibt unten und geht in Deckung!«, schrie Saltillo zurück, eng an den harten Boden gepresst.

Die Antwort war ein lästerlicher Fluch auf der anderen Seite des zernarbten Felsrückens.

»Die Hölle wird dich schon noch schlucken, Comanchen-Bastard.«

Saltillo kannte die Stimme nicht. Sie war hart und rau, und sie klang so, als sei der Mann in der Lage, in die Tat umzusetzen, was er versprach.

Doch darauf wollte Saltillo nicht warten.

Er schnellte in die Höhe.

Als die Schüsse wieder krachten, war er bereits um die Felsnase verschwunden.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, stürmte er den Hang hinab.

Schon nach wenigen Yards ging das weiche Leder der Mokassins in Fetzen. Die kantigen Steine schnitten wie Sicheln in die Hornhaut seiner Sohlen.

Brennender Schmerz zuckte ihm bis unter die Gehirnrinde, aber er rannte weiter, sprang in gewaltigen Sätzen den Hügel hinab, wo Joaquin, Modesto und Layla bereits in Deckung lagen.

Saltillo warf sich zu ihnen in die Felskuhle, die von oben nicht einsehbar war und von drei Seiten von einer natürlichen Steinbarriere wie eine Brustwehr umgeben war. Zu viert hatten sie kaum nebeneinander Platz.

Und nun zeigten die Angreifer, wie ernst sie es meinten.

Gnadenlos schossen sie zuerst die Tiere nieder. Ein Entrinnen gab es nicht mehr.

Die Trinkwasserflaschen lagen unten beim Lagerfeuer – nah und doch unerreichbar fern.

Die Hitze wurde unerträglich. Der Wind reichte nicht in die Kuhle, und schon nach ein paar Minuten brannte ihre Haut wie Feuer.

Sehen ließen sich die Banditen nicht mehr.

Sie hatten jetzt die Zeit zum Partner. Und sie war ein tödlicher Verbündeter der Pistoleros.

 

 

5

Tortilla-Buck schonte sein Pferd nicht.

Fast ohne Pause war er durchgeritten und hatte an Saltillos Weidegrenze den Fluss überquert. Träge lag das Weichbild der ausgedehnten Hazienda mit ihren vielen Nebengebäuden in der Mittagsglast.

In Buck Mercers Bauch gurgelte und knurrte es.

»Du wirst ‘ne Menge Arbeit bekommen, Paco«, brummte er in seinen blonden Stoppelbart.

Paco war der quirlige Koch der Hazienda, der Buck Mercer seiner immensen Verfressenheit wegen zu seinem »Kriegsnamen« verholfen hatte – Tortilla-Buck.

Der knochige Hengst trottete müde zur Hazienda.

Ein von Platanen und Schirmakazien beschatteter Innenhof empfing Buck Mercer mit seiner wohltuenden Kühle.

Der verwegene Freund Saltillos setzte sich im Sattel auf und schrie: »Paco! Wo steckst du? Hast du nicht gesehen, dass ich angekommen bin? Du hast schleunigst ein paar Wölfe zu füttern, Freund. Und wenn du nicht innerhalb von zwei Sekunden auftauchst, werden die Ratten dich und deine ganze Sippschaft fressen, wenn du je eine zustande bringst, du mausgesichtiger Schakal von einem nichtswürdigen Koch.«

Buck Mercer hätte genauso gut gegen eine steil aufragende Felswand brüllen können. Doch hier kam nicht einmal ein Echo zurück.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie still es auf der ansonsten so belebten Hazienda war.

Kälte kroch durch sein Rückenmark. Die Nackenhaare stellten sich auf, und Buck Mercer fragte sich zum ersten Mal an diesem Tag, ob es angesichts aller Umstände wirklich richtig gewesen war, so überhastet zur Hazienda zu reiten.

Unruhig blinzelnd sah er sich um. Er bewegte kaum den Kopf dabei. Dennoch nahm der bullige Mann jede der vertrauten Einzelheiten in sich auf. Saltillos Hazienda war dem vormals Ruhelosen längst zur neuen Heimat geworden.

Er sah die Stallungen, die Hütten der Peons und ihrer Familien, das Bunkhouse der Vaqueros. Saltillo betrieb nicht nur Rinderzucht, auch ausgedehnte Plantagen gehörten dazu.

Buck Mercers Hände ruckten fahrig zu seinem Gewehr, und er wusste doch, dass ihm die Waffe jetzt nichts nützen würde. Auf der Hazienda war eine Veränderung vorgegangen, und er spürte, dass die Kälte in seinem Innern nicht nur vom Schatten der Bäume kam.

Ihm entgingen auch die Gewehrläufe nicht, die sich über das Dach des Haupthauses schoben, aus den Fenstern der Unterkunft der Vaqueros, und aus den Stallungen sowie aus den kleinen, aber sauberen Hütten der Landarbeiter.

Buck Mercer wurde einer Entscheidung, was er jetzt tun sollte, enthoben, denn keines der Gewehre belferte los. Dafür wurden die Männer am Drücker sichtbar, schoben sich vorsichtig aus ihren Deckungen. Sie hatten ausnahmslos nackte Oberkörper.

Da wurden Bucks Ahnungen zur Gewissheit. Es war schon immer eine Marotte von Dr. Miguel Gomez gewesen, seine Schergen so herumlaufen zu lassen.

Und dann zeigte sich der Advokat selbst.

Er trat in einem lang wallenden weißen Gewand unter dem Arkadengang des Erdgeschosses hervor. Ein fetter Molch mit spiegelnder Glatze und einem Hängebauch, der ihm fast bis zu den Knien reichte, er war dafür verantwortlich, dass Saltillo nun um die Hazienda bangen musste.

Buck Mercer kannte den Anwalt aus El Paso bisher nicht persönlich. Doch dass dieser feiste Bursche mit den blitzenden Ringen an den Wurstfingern Saltillos Todfeind war, ließ sich nach den bisherigen Ereignissen am Daumen einer Hand abzählen.

Nur diesem Mann hatte es Saltillo zu verdanken, dass er wegen Mädchenhandels vor die Schranken eines Gerichts gestellt werden sollte, was Gomez zunächst erfolgreich verhinderte, weil er den Mob in El Paso auf ihn hetzte, was zur Saltillos Flucht geführt hatte.

Gomez war trotzdem keine Spur verlegen.

»Mister Mercer, wenn ich nicht irre.«

Er trat ins Sonnenlicht, um sich gleich darauf wieder ins Halbdunkel des Arkadenganges zurückzuziehen. »Ich bin nicht nachtragend. Sie können ebenso unbehelligt abziehen wie alle anderen. Ich habe die Stammmannschaft der Hazienda entlassen. Alles gehört jetzt mir.«

Tortilla-Buck glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.

»Ich will Sie nicht länger aufhalten, Señor«, fuhr Gomez schleimig fort. »Nur einige Tatsachen möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben, falls Sie Ihrem Herrn und Meister jemals wieder begegnen sollten: Señor O'Hara ist geflohen, ohne rechtmäßig verurteilt oder von den schweren Vorwürfen, die gegen ihn erhoben wurden, freigesprochen worden zu sein. Damit ist er vor dem Gesetz schuldig. Und es besagt nun einmal, dass der Besitz von Rechtsbrechern konfisziert und später versteigert wird. Ich war so frei, die Hazienda zu erwerben. Es war nicht allzu teuer, denn ich war der einzige Bieter. Sie sehen, wie sehr ich rohe Gewalt verabscheue, Señor Mercer …«

Tortilla-Buck lag vieles auf der Zunge, aber er brachte keinen Ton heraus. Er fühlte sich von diesen überraschenden Neuigkeiten wie erschlagen, und mit Sachargumenten kam er gegen diesen machtgierigen Winkeladvokaten ohnehin nicht an.

Details

Seiten
99
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936926
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519916
Schlagworte
saltillo rebellen-general

Autor

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Titel: SALTILLO #22: Der Rebellen-General