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SALTILLO #25: Der Schlächter von Sonora

2020 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Schlächter von Sonora

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Schlächter von Sonora

SALTILLO Band 25

Roman von Franc Helgath

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Zu gerne möchte Saltillo den von Lopez di Arragon angebotenen Tolteken-Schatz erwerben, um ihn vor der Vernichtung zu bewahren. Dazu muss er sich jedoch mit dem »Gouverneur« gut stellen, was angesichts der von ihm verübten Grausamkeiten schwer fällt. In Verkleidung versuchen Saltillo und Buck Mercer gegen den Sadisten vorzugehen, doch allzu bald kommt er ihnen auf die Schliche.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Werner Oeckl

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Saltillo (30) – heißt eigentlich Sam O'Hara. Ihm gehört die Hazienda del Saltillo. Der Besitz ist das Erbe seines Vaters, des Alamo-Kämpfers Jim O'Hara. Saltillo ist ein halber Comanche. Er versteht mit Bullpeitsche und Paterson-Colt gleichermaßen virtuos umzugehen – was seine Gegner immer wieder schmerzhaft zu spüren bekommen.

Layla Sheen (28) – hat eine bewegte Vergangenheit im Rotlichtbezirk von New Orleans hinter sich. Die aparte, etwas zur Fülle neigende Kreolin betreibt die Cantina von Nuevo Saltillo, weil sie unabhängig bleiben will. Als gebranntes Kind scheut sie das Feuer, auch wenn Saltillo die Flamme der Leidenschaft in ihr immer wieder neu entfacht.

Tortilla-Buck Mercer – weiß selbst nicht genau, ob er Anfang Vierzig ist. Doch das ficht den schlitzohrigen, mit allen Wassern gewaschenen Haudegen nicht an. Auf den Vormann und seine »Betsy«, die Rifle, kann Saltillo sich auch in brenzligen Situationen blind verlassen. Denn auf der Hazienda glaubt Buck nach einem langen, rauchigen Trail jenen Platz gefunden zu haben, den es zu verteidigen lohnt.

 

 

1

»Still!«, raunte Saltillo und legte dem neben ihm reitenden Buck Mercer die Hand auf die Schulter. »Ich höre was!«

»Die Läuse husten?«, fragte der Freund respektlos, doch dann spürte er das Würgen in der Kehle, noch ehe er ebenfalls die Geräusche vernahm. Deutlich näherte sich Hufschlag.

»Verdammt!«, zischte der Mann mit dem blonden Zottelhaar. »So bald haben die uns schon?«

Zu beiden Seiten des Weges stiegen steile Geröllhalden an.

Saltillo und Buck überlegten nicht lange. Sie sprangen aus den Sätteln, packten die Pferde an den Leinen und zogen sie den ständig nachrutschenden Abhang hinauf.

Sie erreichten gerade die Hügelkuppe, als Saltillo der Geruch von aufgewirbeltem Staub in die Nase stieg. Wenig später sahen sie die Fahne bleich im Mondlicht schimmern.

Mehr als zehn uniformierte Reiter sprengten um die Biegung des Arroyos. Sie trugen die Tschakos von Lopez di Arragons Leibwache.

Tortilla-Buck kümmerte sich um die Pferde. Er legte ihnen seine Pranken über die Nüstern, damit die Tiere sie nicht verrieten. Dann zerrte er sie auf die andere Seite der Kuppe.

Saltillo warf sich flach auf den Boden.

Er trug keinen Hut. Er konnte es wagen, den Kopf aus der Deckung zu strecken. Die Rechte fuhr unwillkürlich zum Colt hinunter, tastete sich dann zurück und krallte sich um einen Stein. Die Waffe wurde jetzt nicht gebraucht.

Er zählte nun zehn Verfolger. Den Reiter an der Spitze der Kavalkade erkannte er.

Teniente Stefano Brambilla, der erbarmungslose Erfüllungsgehilfe eines noch erbarmungsloseren Despoten, der Sonora wie ein Feudalfürst verwaltete und dabei über Leichen ging.

Manche seiner Untergebenen nannten Lopez di Arragon hinter vorgehaltener Hand den »Schlächter von Sonora«. Teniente Stefano Brambilla war ihm ein willfähriges Werkzeug.

Als einziger unter den Reitern trug er einen rot gefärbten Strohsombrero, der im Takt des Galopps wippte. Er saß angespannt im Vaquero-Sattel.

Dann war der Spuk vorbei. Wie die Wilde Jagd hetzten die Reiter einem Dorf entgegen, wo Saltillo und Buck erst vor einer halben Stunde aufgebrochen waren.

Neben dem Haziendero aus Texas tauchte Tortilla-Buck aus der Dunkelheit. Jetzt durften die Pferde wieder schnauben. Sie konnten nicht mehr gestört werden.

»Oh, Mann«, keuchte der Kentuckyer. »Das war Teniente Brambilla, nicht wahr?«

Saltillo stand auf und klopfte sich den Schmutz von den Hosen.

»Leider. Und sie reiten genau auf die Herberge zu.«

»Verfluchter Büffelmist! Wie haben sie das nur spitzbekommen?«

»Frag mich was leichteres, Amigo. Ich weiß auch nicht. Vielleicht hat Brambilla einen Fährtenleser dabei. Oder er ist einfach nur clever. Wir erwarteten, dass er uns im Osten Chihuahuas am allerwenigsten sucht. Da haben wir wohl daneben getippt. Brambilla ist ein schlaues Aas.«

»Büffelmist«, wiederholte Tortilla Buck inbrünstig. »Alonsos Herberge ist das einzige Anwesen am Wagenweg nach Osten.«

Saltillo strich über die blauschwarzen Haare, die ihm widerspenstig in die Stirn hingen. Mehr denn je glich er einem Comanchen. Seine Wangenknochen traten hervor, als er mit den Zähnen mahlte. Maskenhafte Starre legte sich wie ein Schleier über sein Gesicht.

Was war zu tun?

Er war schließlich nach Chihuahua gekommen, um mit Gouverneur Lopez di Arragon ein Geschäft abzuwickeln. Es ging dabei um einen Schatz der Tolteken, den der Despot auf vermutlich

widerrechtliche Weise an sich gebracht hatte.

Bevor das wertvolle Erbe einer vergangenen Kultur zerstört wurde, hatte Saltillo es erwerben wollen. Da kam die üble Geschichte mit Esteban Moreno und Sandra Cerales dazwischen.

Saltillo war den beiden beigestanden.

Doch nun hielt sich das Paar genau in jener Herberge auf, die das Ziel von Lopez di Arragons Schergen war.

»Wir werden den Burschen die Suppe versalzen.«

Saltillo sprang nach Indianerart in den Sattel seines Pferdes. Sporen benutzte er nicht; sie waren ihm zuwider. Und er hatte auch keine nötig.

Am Fuß des Hangs verhielten die beiden Männer die Tiere noch einmal.

»Brauchen wir dein Kostüm noch?«, wollte Tortilla-Buck wissen.

»Ja. Halt es bereit!«, antwortete Saltillo entschlossen. »Lopez di Arragon kennt mich nur als Geschäftsfreund und nicht als den Reiter mit der roten Kapuze.«

In dieser Maskerade hatte Saltillo Sandra Cerales aus den Fängen des Diktators befreit, und Lopez di Arragon wusste nach wie vor nicht, wer sein Gegenspieler war.

Saltillo wollte diesen Zustand solange wie möglich aufrecht erhalten. Denn solange der Despot einem Phantom nachjagte, waren er und Tortilla-Buck relativ sicher.

 

 

2

Esteban Moreno streichelte der Frau im Bett zärtlich über die nackten, samtig weichen Schultern, flüsterte ihr Liebesworte ins Ohr.

An diesem Abend hatte er sich mit Sandra Cerales verlobt. Ein Liebespaar waren sie schon lange vorher gewesen.

Jetzt drängte sie sich zum zweiten Mal in dieser Nacht gegen ihn, und Esteban Moreno gab willig nach.

Eine halbe Stunde später sanken sie auf das zerwühlte Lager zurück. Der Rurales-Offizier zupfte einen Zigarillo aus der Packung, die auf dem Nachttisch lag.

»Wir verdanken unser Glück allein Saltillo und Tortilla-Buck«, sagte er nach einem tiefen Lungenzug. Blauer Rauch kräuselte sich im trüben Schein des Talglichts zur niedrigen Decke. »Ohne die Hilfe der beiden wären wir jetzt nicht hier.«

Sandra kuschelte sich gegen die Brust des Verlobten, denn die Nächte waren kalt in der Sierra, und die Laken dünn.

»Ja«, stimmte sie nachdenklich zu, »beide sind prächtige Burschen. Aber bei aller Dankbarkeit den beiden gegenüber – müssen wir in dieser Stunde ausgerechnet an sie denken?«

Esteban Moreno nahm den Arm von Sandras schmalen Hüften und starrte gedankenschwer ins Leere.

»Sie haben gesagt, dass wir hier auf Dauer nicht sicher sind«, meinte er nach einer Weile, und der Zug aus seinem Zigarillo schmeckte auf einmal bitter am Gaumen. »Saltillo warnt nicht umsonst. Er hat eine Art sechsten Sinn für die Gefahr. Ich fühle mich nicht mehr sicher in dieser Herberge.«

»Alonso ist doch in Ordnung.«

»Bestimmt, aber er ist leider nicht kugelfest. Außerdem hat er am Abend zu viel getrunken, obwohl er doch aufpassen wollte.«

»Was ist nur mit dir los, Esteban?«

»Ich weiß nicht«, antwortete der Colonel wortkarg. »Ich habe ein ungutes Gefühl.«

»So plötzlich?«

»Ja. Tut mir leid, Liebes.« Esteban Moreno schwang die Beine über die Bettkante und griff nach seinen Hosen. »Die Pferde sind ausgeruht«, meinte er. »Wir können weiter.«

»Aber doch nicht mitten in der Nacht!« entrüstete sich die junge Frau.

»Warum nicht? Lopez di Arragons Schergen werden keine Pause einlegen. Wie ich den Gouverneur kenne, hat er sie mit dem Auftrag losgeschickt, nicht eher nach Chihuahua zurückzukehren, bis sie uns haben. Außerdem dürfte ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt sein.«

Sandra Cerales seufzte.

»In diesen Dingen kennst du dich besser aus«, meinte sie ergeben. »Wenn du glaubst, wir müssen weiter, füge ich mich natürlich.«

Esteban Moreno war mit dem Anziehen fertig. Er vergaß auch nicht, sich einen Colt umzuschnallen, den Saltillo ihm nach der Flucht überlassen hatte. Schließlich schlüpfte er in die Stiefel, während Sandra noch mit ihrer Toilette beschäftigt war.

»Beeil dich, bitte«, drängte er.

»Übertreibst du jetzt nicht ein wenig, Liebster?«

Esteban Moreno zog eine Grimasse. Dann verharrte er jäh und lauschte ins Halbdunkel des Raums hinein. Der Zigarillo in seinem Mundwinkel war erloschen. Er nahm ihn heraus und zertrat ihn auf dem Lehmboden.

»Por dios«, schimpfte er. »Täusch ich mich, oder ist das wirklich Hufschlag?«

Die junge Frau erbleichte. Sie krampfte die Hände vor den kleinen Brüsten zusammen. Die Augen standen weit offen. Sie hatte lange auf dem kleinen Rancho gelebt, und so war sie sehr wohl imstande, sich nähernden Hufschlag von den übrigen Geräuschen der Nacht zu unterscheiden.

»Eine Menge Reiter«, flüsterte sie atemlos.

Esteban Moreno keuchte einen Fluch und holte den Revolver aus der Halfter. Er hätte den Sold von zwei Monaten für eine Ersatztrommel hingegeben. So aber hatte er nur fünf Schuss in den Kammern, und es sah nicht danach aus, als ob er dazu kommen würde, sie nachzuladen.

Blieb noch Alonso, der krummbeinige Herbergsvater, der das kleine Anwesen allein bewirtschaftete und jetzt vermutlich betrunken war. Doch er war auch nüchtern nicht gerade ein Kämpfer.

»Du bleibst im Zimmer«, entschied Esteban Moreno.

»Ich kann mit einem Gewehr umgehen«, wehrte sich Sandra.

»Dazu müssten wir erst mal eins haben, Liebes«, erwiderte der Rurales-Offizier zerknirscht. »Sei tapfer jetzt, Muchacha.«

»Es müssen ja nicht unbedingt di Arragons Leute sein, die herangaloppiert kommen.«

»Du glaubst an Wunder?« Esteban Moreno lächelte dünn und schmerzlich. Er küsste Sandra hart auf die zitternden Lippen. Dann löschte er das Talglicht und glitt in die undurchdringliche Dunkelheit des Flurs hinaus. Die Reiter konnten keine zweihundert Yard entfernt sein und behielten ihr Tempo unvermindert bei.

Esteban Moreno landete im Aufenthaltsraum der kleinen Herberge. Er diente zugleich als Küche und Schlafstelle für Reisende, die sich mit einem Strohlager auf dem Boden begnügten. Auf einer Bank in der Ecke schnarchte Alonso.

Esteban Moreno und Sandra Cerales waren für diese Nacht die einzigen Gäste.

Der Rurales-Offizier schob sich an eines der beiden winzigen, schießschartenähnlichen Fenster heran.

Draußen wirbelte unübersehbar eine Staubwolke durch die Nacht. Vierzig trommelnde Hufe ließen die Erde beben.

Einzelheiten waren nicht auszumachen, und trotzdem erkannte Esteban Moreno den roten Sombrero Stefano Brambillas, der im Mondlicht schwarz aus dem feinen Staub leuchtete.

Morenos Kinn wurde noch kantiger als sonst. Eines wusste er mit Sicherheit – lebend würde er nicht in die Hände Lopez di Arragons fallen. Und Sandra auch nicht. Ihr letzter Blick hatte ihm das gesagt. Sie bewahrte ein Messer unter dem wenigen Gepäck auf.

Jetzt waren die Reiter heran. Sie vertrauten auf ihre Übermacht und verhielten sich entsprechend. Lederzeug knarrte, Gebissketten schlugen aneinander, Sporen klirrten. Die Pferde schnaubten erschöpft. Sie waren hart geritten worden. Ihre Flanken glänzten vom Schweiß.

Bald würden Brambillas Männer die Pferde entdecken, die in dem Stall neben dem Haus untergestellt waren. Dann konnten sie sich an den fünf Fingern abzählen, dass Reisende hier übernachteten. Und die würden sie sehen wollen.

Allmählich legte sich der Staub.

Esteban Moreno konnte den Anführer der Reiter trotzdem nicht mehr entdecken.

Stefano Brambilla stand zwischen Pferdeleibern eingekeilt. Nur die Spitze seines Sombreros lugte darüber hinaus – kein Ziel für einen platzierten Schuss.

»Alonso!«, rief der Teniente. »Wo bleibst du, du versoffenes Stück Aas! Muss ich dir erst Beine machen?«

Brambilla schoss in die Luft. Eine Feuerlanze stach gegen den nachtklaren Himmel.

Das Brüllen der Detonation ließ den Herbergswirt in seiner Ecke aus dem Schlaf hochschrecken.

»He? Was?«

Der junge Colonel sah Alonso nur als Schemen. Die letzte Glut im Herd verbreitete einen rötlichen Schimmer, wenn die Augen sich erst einmal daran gewöhnt hatten.

»Du sollst rauskommen, du krummbeiniges Scheusal!«, forderte Stefano Brambilla draußen.

»Si, si, Señor. Ich …«

Alonso kroch von seiner Bank, tappte unsicher zur Tür, der ein massiver Riegel vorgelegt war. Moreno konnte den Alkoholatem des Alten riechen, als er dicht neben ihm stand.

»Kein Wort von meiner Verlobten und mir!«, zischte Moreno dicht neben dem Ohr Alonsos. Der Alte zuckte zusammen, als wäre ihm eine Kugel zwischen die Schulterblätter gefahren. Offensichtlich fand er erst jetzt in die Wirklichkeit zurück. Schließlich hatte er mitbekommen, wen er beherbergte, und er war von diesem Halbcomanchen nicht schlecht dafür bezahlt worden.

»Madre mia«, stöhnte der Alte verhalten. »An euch hab ich gar nicht mehr gedacht. Oh, ich …«

»Hey, wo bleibst du, Alter? Müssen wir dir erst die Bude über dem Kopf anzünden, damit du kapierst, dass wir mit dir reden wollen?«

»Mach auf!«, flüsterte Esteban Moreno. »Sie wollen nur nach uns fragen. Du bist nicht in Gefahr.«

Esteban Moreno log sich selbst in die Tasche, und das wusste er auch. Trotzdem klammerte er sich an die Hoffnung, dass die Pferde im Stall unentdeckt blieben und die Reiter Lopez di Arragons sich mit einer Auskunft begnügten.

»Ich komme, Señor«, ächzte Alonso und schob den Riegel zurück. »Was wollt ihr von mir mitten in der Nacht? Ist das eine Art, Leute aus dem Schlaf zu reißen? Wer hat hier geschossen?«

Alonsos Stimme schwankte. Seine Angst war förmlich zu riechen. Lange würde er Stefano Brambilla und seine Männer nicht hinhalten können.

Und da war es auch schon geschehen!

»Hey, Teniente!«, rief einer der Reiter von der anderen Seite des Hauses. »Hier sind zwei Pferde abgestellt.«

Mit zwei, drei Schritten war Stefano Brambilla beim Haus und damit aus dem Schusswinkel Esteban Morenos, der immer noch neben dem Fenster stand, um nicht entdeckt zu werden.

Der Teniente packte den alten Mann am dürren Hals und schüttelte den mageren Körper.

»Na, Freundchen? Wie verträgt sich das? Du hast Gäste in deiner Hütte? Nur zwei? Wo sind die anderen Pferde? Und jetzt rede um dein Leben, Hombre.«

Stefano Brambilla bohrte dem Alten den Coltlauf gegen die Rippen.

Alonso japste nach Luft.

»Weiter geritten«, brach es aus ihm heraus. »Zwei Mann sind weiter geritten. Eine Frau und ein Mann sind noch hier.«

»Darüber unterhalten wir uns später.« Stefano Brambilla schlug ohne Vorwarnung zu. Alonso stolperte, von einem brutalen Faustschlag getrieben, rücklings in die Herberge.

Stefano Brambilla folgte ihm nicht, wie Esteban Moreno gehofft hatte. Er hätte den Teniente der Leibgarde Lopez di Arragons wie einen räudigen Kojoten niedergeknallt. Dieser Mann verdiente es nicht besser.

Doch Brambilla wich zur anderen Seite aus und brüllte ein paar Befehle.

»Ausschwärmen, Männer. Lasst sie nicht entkommen. Und vergesst nicht: Der Patron will sie lebend – vor allem die Frau.«

Esteban Moreno trat der Schweiß auf die Stirn. Er hätte jetzt einfach schießen können. Ein paar Gegner konnte er ausschalten. Drei oder vier bestimmt, die sich jetzt geduckt dem Eingang näherten.

Doch damit war ihm nicht gedient. Diese Männer waren austauschbar. Stefano Brambilla nicht. Er war der Boss der Leibgarde.

Der Rurales-Offizier wich zurück in den dunklen Flur, der zum einzigen brauchbaren Zimmer dieser Herberge führte. Mit Sicherheit kannte Brambilla sich hier aus. Er würde wissen, wo er nach dem Pärchen zu suchen hatte.

Das Zimmer lag an der Rückseite des Hauses. Das einzige Fenster führte zum Hühnerhof und hatte einen Laden.

Er war zugeklappt.

Hier würden es diese uniformierten Banditen zuerst versuchen.

»Ich bin‘s«, flüsterte Moreno, als er mit den Schultern die Tür aufstieß. Er wollte nicht Sandras Messer in die Kehle bekommen. »Du hast alles mitgekriegt?«

»Ja, Esteban, es steht nicht gut für uns.«

»So kann man‘s natürlich auch nennen«, antwortete der Rurales-Offizier in einem Anflug von Sarkasmus. »Wir stecken bis über beide Ohren im Schlamassel, Liebste. Tut mir leid, dass es mit uns beiden nicht länger gedauert hat.«

»Es war nicht deine Schuld, Esteban.«

Länger konnten sie sich nicht unterhalten. Ein verzweifelt kurzer Abschied nach einer sehr knappen Verlobungszeit. Kaum zwei Stunden hatte sie gedauert.

Stefano Brambillas Befehle waren verhallt.

Im Dunklen schob Moreno einen Stuhl unter den Knauf, damit die Tür sich von außen nicht einfach aufdrücken ließ. Zu leicht wollte er es diesen Banditen nicht machen.

Dann erschallte eine befehlsgewohnte Stimme von draußen. Es war wieder die des Teniente.

»Hör mal, Moreno! Wir wissen, dass du da drinnen bist. Vielleicht hast du sogar meine kleine Unterhaltung mit Alonso gehört. Dann brauch ich dir nicht lange zu erklären, worum es geht. Die Señora soll am Leben bleiben. Lopez di Arragon will das so.«

Esteban Moreno war sich zu schade für eine Antwort, und auch Sandra sagte nichts. Sie drückte dem Verlobten nur stumm die Hand. In der anderen hielt sie das Messer, jederzeit bereit, sich damit selbst die Kehle durchzuschneiden. Das schien ihr immer noch besser, als im Harem des Gouverneurs zu landen und später womöglich an ein billiges Bordell abgegeben zu werden, wenn der »Schlächter von Sonora« ihrer überdrüssig war.

Dafür umkrampfte der Rurales-Offizier seinen Revolver noch fester und sicherte nach zwei Seiten. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Teniente und seine Leute angriffen. Geduld zählte nicht zu den Stärken Stefano Brambillas.

»Holla, Moreno. Das war meine letzte Warnung. Wir stürmen jetzt. In ein paar Minuten wirst du erleben, wie‘s ist, wenn einem die Eingeweide aus dem Körper geschnitten werden.«

Der junge Offizier fröstelte plötzlich. Der Boss der Leibgarde stieß niemals leere Drohungen aus. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, würde er sein Wort halten.

»Sei jetzt stark, Muchacha«, flüsterte Esteban Moreno.

»Ich bin es, Esteban«, gab sie ebenso leise zurück. Trauer schwang in ihrer melodiösen Altstimme. Sie hatten sich die Zukunft anders vorgestellt.

In diesem Augenblick bellte der erste Schuss. Es war das helle Blaffen aus einem mittelkalibrigen Colt, und von da an brach die Hölle los.

Feuerzungen leckten durch die enge Kammer. Querschläger jaulten und schlugen in den trockenen Lehm der gekalkten Wände. Verputz rieselte herab.

Esteban Moreno und Sandra Cerales warfen sich instinktiv zu Boden. Doch der Offizier bemerkte bald, dass die Kugeln absichtlich hoch gehalten waren. Die ganze Schießerei sollte mehr der Einschüchterung dienen, denn es wäre ein Leichtes gewesen, die gesamte Kammer durch den dünnen Fensterladen mit Geschossen zu bestreichen.

Dachte Stefano Brambilla, der Rurales-Offizier würde sein Heil in der Flucht suchen und blind in den Flur hinausstolpern, von wo aus er sowohl den Aufenthaltsraum der Herberge als auch den Hinterausgang erreichen konnte?

Doch Esteban Moreno harrte aus. Er nahm sich vor, bis zum letzten Blutstropfen zu bleiben und so viele Gegner wie möglich mit auf die lange Reise zu nehmen.

Am liebsten Stefano Brambilla.

Doch der gewitzte Teniente würde ihm den Gefallen kaum tun.

Vermutlich hatte er sich schon mit den ersten Schüssen ins sichere zweite Glied zurückgezogen.

 

 

3

Saltillo und Tortilla-Buck lagen flach auf den Rücken ihrer Pferde. Der Reitwind zauste ihr Haar, die Mähnen klatschten ihnen wie nasse Banner ins Gesicht.

Sie hatten die Schüsse gehört, und sie sahen auch die Lichtblitze vor ihnen im mondüberglänzten Zwielicht des leicht abfallenden Hanggeländes. Ein paar halb vertrocknete Büsche markierten den Lauf des Rio Concho, der hier noch ein Rinnsal war.

Zu verständigen brauchten sich der Haziendero und der Kentuckyer nicht. Auch ohne Worte war zwischen ihnen klar, wie sie vorgehen würden.

Getrennt natürlich.

Die Pferde drifteten auf Schenkeldrucke hin auseinander. Der Abstand zwischen ihnen wurde rasch größer.

Tortilla-Buck nützte die Deckung eines halbhohen Steinwalls, um der Herberge möglichst ungesehen so nah wie möglich zu kommen, während Saltillo über offenes Gelände preschen musste.

Inzwischen hing der Texaner seitlich am Pferd, den linken Unterschenkel in den Steigbügel geschoben, das andere Bein über den Sattel gelegt und die Hände um den dampfenden Hals des Pferds geklammert.

Er legte ein höllisches Tempo vor. Unter den Vorderhufen zersplitternde Steine trafen seine Seite und den Rücken wie Hagelkörner.

Er konnte schlecht sehen, denn über den Kopf hatte er längst die rote Kapuze gestülpt, die schon so wertvolle Dienste geleistet hatte. Er wollte sich den Vorteil nicht verscherzen, den ihm die Maskerade bot, konnte er sich doch später ungehindert im Palast Lopez di Arragons bewegen und dessen Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, bis das Geschäft über die Bühne gegangen war, von dem der Haziendero immer noch nicht lassen wollte.

Dennoch – er unterschätzte die Schergen Lopez di Arragons nicht. Der Despot nahm nicht nur Dummköpfe in seine Dienste.

Dass hier kein reiterloses Pferd herangeprescht kam und die Leibgardisten mit den Tschakos sich nicht so leicht bluffen ließen, bekam Saltillo ein paar Sekunden später zu spüren.

Heißes Blei flog ihm um die Ohren, zupfte am braungebrannten Grasboden zwischen den dahinfliegenden Hufen, jagte über den leeren Sattel hinweg. Ein klirrendes Geräusch wie von brechendem Glas erfolgte immer dann, wenn ein Geschoss auf einen Stein traf.

Saltillo wagte einen Blick unter dem Pferdehals hindurch.

Noch knappe hundert Yard bis zur Herberge. Zu weit für einen Revolverschuss.

Doch die Punkte wurden größer, länglich und waren voneinander zu unterscheiden.

Da geschah es.

Saltillos Pferd wieherte schrill auf. Das getroffene Tier riss den rassigen Kopf weit in den Nacken. Mit dem letzten Wiehern schoss ein dicker Blutstrahl aus Maul und Nüstern.

Das Tier kippte zur Seite, drohte Saltillo unter sich zu begraben. Erst in allerletzter Sekunde konnte der Texaner den Unterschenkel aus dem Steigbügel befreien. Er ließ sich einfach fallen, während das todwunde Tier noch ein paar Schritte weiterstolperte, ehe es endgültig zusammenbrach.

Dreißig Yards vor der Herberge.

Saltillo drehte sich wie ein Kreisel über den Boden. Seine linke Schulter war geprellt. Er konnte den linken Arm kaum bewegen.

Endlich rollte er aus, fühlte sich geschunden und zerschlagen und aktivierte dennoch den Rest an Energie, den dieser Wahnsinnssturz in ihm übriggelassen hatte.

Er lag auf dem Bauch. Sein Schädel dröhnte wie das Innere einer eben angeschlagenen Pauke.

Doch den Colt hielt er in der Hand. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass er die Waffe zog; eine reine Instinkthandlung, die ihm jetzt das Leben rettete.

Keine zehn Schritte von ihm entfernt legte einer der Leibgardisten mit dem Revolver auf ihn an. Er zielte sorgfältig über beide ausgestreckte Arme.

Saltillo zielte nicht. Er schoss zuerst.

Die dunkle Silhouette stöhnte auf, ließ das Schießeisen fallen und sank auf die Knie. Es dauerte lange, bis der Mann vornüber kippte.

Auf der Rückseite des Hauses erklang das furchteinflößende Krachen einer Harpers-Ferry-Rifle.

Tortilla-Bucks »Betsy«!

Nach dem Aufbrüllen der Waffe blieb es erst einmal still. Der Kentuckyer leistete sich keine Fehlschüsse. Außerdem war er ungeheuer flink im Nachladen dieser Rifle. Nur fünf Sekunden später kam das zweite Donnern und sagte Saltillo, dass von den ursprünglich zehn Gegnern nur mehr sieben unverletzt waren.

Der Haziendero sprang auf und wunderte sich nur darüber, dass er sich nichts gebrochen hatte. Der Colt lag in seiner Faust wie angewachsen.

Blitzschnell sog er das Bild auf, das sich ihm bot.

Zwei Uniformierte lagen seitlich vor ihm beim Wassertrog. Jetzt zuckten ihre Coltläufe herum.

Saltillo ließ sie nicht zum Schuss kommen. Zwei kurze Detonationen, und die beiden Männer schrien auf, ließen die Waffen fallen.

Den einen riss es aus der Deckung, als hätte eine unsichtbare Faust ihn gepackt. Er stolperte ein paar Schritte zurück und schlug schließlich der Länge nach hin. Der andere hielt sich die blutende Schulter und starrte den maskierten Texaner an wie ein Gespenst.

Vor der Herberge gab es keine Gegner mehr. Die Seiten waren vermutlich nicht bewacht, weil es dort keine Fenster gab. Nur an der Rückfront wurde noch geschossen.

Und jetzt auch im Innern des niedrigen Gebäudes.

Saltillo sprang auf. Er konnte auch den linken Arm wieder gebrauchen. Außer ein paar Schrammen hatte der Sturz keine Verletzungen hinterlassen.

Mit einigen Sätzen war er beim dunklen Eingang, der als schwarzes Rechteck aus dem Nachtgrau der Adobe-Wand gähnte.

Ein Hindernis lag über seinem Weg. Es bewegte sich.

Alonso erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit.

Saltillo hatte jetzt nicht die Zeit, sich um den Alten zu kümmern, der offensichtlich bisher unverletzt geblieben war. Mündungsblitze wiesen ihm den Weg. Beißender Pulverdampf quoll ihm entgegen. Im Luftzug der offenen Tür flackerte die Glut im Herd zu einem Feuerauge auf.

Ein Leibgardist kam ihm entgegen getorkelt. Er hatte einen Schuss an der Hüfte bekommen. Also wehrte sich Esteban Moreno noch.

Stefano Brambillas Streitmacht war zusammengeschrumpft. Dazu schlug die Harpers-Rifle noch mal mit Donnergrollen zu.

»Moreno?«, rief Saltillo. »Sandra?«

Zum Glück waren die beiden geistesgegenwärtig genug, keinen Namen zu nennen. Vielleicht waren sie aber auch zu überrascht.

»Hier sind wir!«, jubelte es zweistimmig zurück, und Saltillo trat durch die von Kugeln zerfetzte Tür.

Sandra Cerales und auch den Offizier erkannte er nur schemenhaft, aber beide standen sie noch aufrecht. Vom Pulverdampf geschwängert war die Luft zum Schneiden dick.

Saltillo hielt sich nicht lange auf. Er schob sich an Moreno vorbei zum Fenster. Es hing nur noch in einer Angel. Mit dem Coltlauf stieß er den Rest nach außen. Ohne zu zielen, leerte er die inzwischen nachgeladene Trommel in die Dunkelheit des Hofs.

Dann zog er den Kopf schnell wieder zurück.

Doch draußen wurde nicht mehr geschossen. Ein Mann mit rotem Sombrero flüchtete schreiend zu den Pferden. Ein paar Gestalten schlossen sich ihm humpelnd an.

Saltillo hinderte die verwundeten Leibgardisten nicht am Abzug. Er war kein Killer. Und seine Mission war fürs Erste erfüllt.

 

 

4

Es hatte vier Tote gegeben; Teniente Stefano Brambilla würde so bald wie möglich mit Verstärkung wiederkommen. Der Jefe der Leibgardisten vertrug keine Niederlagen.

Deshalb drängte Saltillo zur Eile, obwohl es noch nicht Mitternacht war.

Eine Petroleumlampe brannte auf dem großen Tisch im Aufenthaltsraum. Alonso faltete seine Schlafdecke zusammen.

Sandra Cerales brühte Kaffee auf.

Saltillo hatte jedes Wort des Dankes abgelehnt. Esteban Moreno hätte dasselbe für Buck und Saltillo zu leisten versucht.

Alonso war schlagartig nüchtern geworden. In seinen wieselflinken Augen nistete Angst. Und die Scham darüber, dass er Freunde verraten hatte, doch das erwähnte niemand. Der Alte konnte nicht aus seiner Haut, und das wurde auch nicht von ihm verlangt. Immerhin hatte er die entscheidenden Minuten für die nahenden Helfer gewonnen.

Der krummbeinige Herbergsvater schielte nach einer Schnapsflasche, die auf dem Regal stand.

Zusammenfassung


Zu gerne möchte Saltillo den von Lopez di Arragon angebotenen Tolteken-Schatz erwerben, um ihn vor der Vernichtung zu bewahren. Dazu muss er sich jedoch mit dem »Gouverneur« gut stellen, was angesichts der von ihm verübten Grausamkeiten schwer fällt. In Verkleidung versuchen Saltillo und Buck Mercer gegen den Sadisten vorzugehen, doch allzu bald kommt er ihnen auf die Schliche.

Details

Seiten
107
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936902
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
saltillo schlächter sonora

Autor

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Titel: SALTILLO #25: Der Schlächter von Sonora